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Hamburger Morgenpost Ausgabe vom 22.08.2014 (Vorschau)

HAMBURG 6 Freitag, 22.

HAMBURG 6 Freitag, 22. August 2014 Foto:hfr Gisela und Horst Weinberg lieben an ihrer Wohnung vor allem die Aussicht: „Von hier aus können wir das schöne Dom-Feuerwerk sehen.“ ZAHL DES TAGES 145 Busse haben auf dem neuen Busbetriebshof in Billbrook Platz. 19 Millionen Euroinvestierte dieHochbahn in den Standort,andem auch Reparaturen und Reinigung durchgeführtwerden. Der alte,kleinereStandort am Mühlendamm wurde aufgegeben. MOIN MOIN SORRY FÜR DEN SCHRECK, MIKE! Letztens gehe ich an der Alster spazieren. Ichschaue so übers Wasser und freue mich: „Wie schön Hamburgdoch ist!“ Die Begegnung mit einem alten Bekannten beendet meine Schwärmerei –zumindest bin ich überzeugt, dassesein alter Bekannter ist. Das Gesicht ist mir totalvertraut. Woher kenne ich den bloß? Ichgehe also auf ihn zu und will ihm die Hand schütteln. Als er mich verwirrt anstarrt, wirdmir plötzlich mein Irrtum bewusst. Ichlache lautauf –über mich selbst. Unsere „Freundschaft“ ist nämlich sehr einseitig. Er hat mich nie gesehen, ich ihn tausendmal. Sorry für den Schreck, MikeKrüger! OLAF WUNDER MOPO-BAROMETER Können Sie sich vorstellen, Ihr gesamtes Leben im selben Stadtteil zu leben? Ja Nein 71 % 29 % Stimmen Sieauch auf www.mopo.de ab. E-Mail: hamburg@mopo.de Tel: (040) 80 90 57-342, ab 19 Uhr:(040) 80 90 57-262 Lesertelefon, täglich (außer Sa.) 10 -16Uhr:(040) 80 90 57-342 Fotos: dpa,Quandt (5) „Da hatte ich noch volle Haare“, schmunzelt Horst Weinberg. Ein Foto der Eheleute, das im Tanzlokal „Allotria“ in den 60er Jahren entstand.

Freitag, 22. August 2014 HAMBURG 7 Gisela (78) und Horst Weinberg(79) wohnen seit 50 Jahren in der Kleinen Freiheit Nr.1 Unserhalbes Kiez-Jahrhundert St.Pauli Rotlicht,Hafen-Flair und nette Leute: Das Paar über dieHass-Liebe zu ihrem Stadtteil VonANASTASIA IKSANOV Die meisten Rentner mögen es ruhig und beschaulich. Gisela (78) und Horst Weinberg (79) leben stattdessen lieber auf dem Kiez –und das schon seit 50 Jahren! Der MOPOerzählen sie, was sie in diesem halben Jahrhundert erlebt haben –und warum sie von dort heute nicht mehr weg wollen. „Auf den Kiez zieh’ich nicht!“, protestierte Gisela Weinberg, als das Wohnungsamt 1964 ihr und ihrem Mann Horst eine Wohnung in einem achtstöckigen Neubau in der Kleinen Freiheit 1 anbot. Das Paar wohnte damals mit der dreijährigen Tochter übergangsweise in einer Wohnung in Bramfeld. „Wir mussten dort ausziehen und waren auf der Suche“, erzählt die Frau. Doch so nah an die Reeperbahn, die sündigeMeile –das war für das junge Paar befremdlich. „Wir sind DDR- Flüchtlinge, stammen aus der Kleinstadt Stendal. Dort war alles prüde“, sagt Gisela Weinberg. „Der Kiez warNeuland. Ichwusstenicht, dassesleichte Mädchen gibt, die hinter Schaufenstern sitzen.“ Schließlich entschieden sie sich doch für die 2,5-Zimmer- Wohnung mit Balkon (59,9 Quadratmeter). „Das Haus war komfortabel, mit Fernwärme und Fahrstuhl“, sagt die Rentnerin. „Wir dachten: Aber in ein paar Jahren ziehen wir hier wieder weg.“ Horst Weinberg bekam einen Job ineiner Blechverpackungsfabrik. Gisela Weinbergbegann eine Ausbildung als Rechtsanwaltsgehilfin in einer Kanzlei in Altona. „Es war eine aufregende Zeit“, sagt die Seniorin. „Wir hatten viele Mandanten, die vom Kiez stammten. Ich habe immer dagesessen und gelauscht.“ Ein Fall ist ihr besondersin Erinnerung geblieben. Als ein Mann mit einer Pistole in die Kanzlei marschierte und sie auf den Tisch legte. „Seine Frau wolltesich scheiden lassen. Sie war unsere Mandantin“, erzählt die Rentnerin. „Er kam unter dem Vorwand eines Versöhnungsgesprächs. Meine Chefin sagte im Vorfeld: ,Ruf die Polizei, wenn es lauter wird.‘ Es wurde lauter, viel lauter. „Aber zum Glück kam die Chefin und beruhigte mich, sie würde das in den Griff kriegen“, sagt Gisela Weinberg. Undsogingen die Jahredahin in der Kleinen Freiheit 1. Das Paar bekam ein zweites Kind, Marcus Weinberg – heute Bundestagsabgeordneterund Hamburgs Landesvorsitzender der CDU. Die Reeperbahn veränderte sich.„AlsjungerMannwarich oft mit Freunden auf dem Kiez. Viele Seeleute bevölkerten die Meile“, sagt der Rentner und lacht: „Das nutzten wir aus. Wirsetzten uns dazu, „Ich wusste nicht, dass esleichte Mädchen gibt, die hinter Schaufenstern sitzen.“ Sohn Marcus Weinberg (47) machte Karriere bei der CDU. bestellten ein Bier –und tranken dann den ganzen Abend mit ihnen mit.“ Schöner sei der Kiez früher allemal gewesen. Gisela Weinberg erinnert sich an ihre Besuche beim Friseur, wo sich die Huren ihre Haare edel hochtoupieren ließen. Ihrem Mann sind die altengroßen Tanzlokale in Erinnerung geblieben –wie das „Allotria“, das „Café Keese“ oder das „Bayrisch Zell“, in dem auf jedem Tisch ein Telefon stand und die Gästeuntereinander telefonieren konnten. „Heute gibt es nur irgendwelche Diskotheken“, bemerkt er. VonZuhälter-Kriegen und Gewalt bekam das Paar nie viel mit. „Freiwillig gehen wir nicht auf die Reeperbahn. Nur wenn Besuch kommt“, sagt HorstWeinberg. „100 Mal“, sagt der 79-Jährige, wollten sie schon wegzie- Das Paar in seinem gemütlichen Wohnzimmer hen. Doch irgendwashält das Paar bis heute hier,inder Kleinen Freiheit 1. „Die Nähe zum Hafen, die Aussicht aufsDom- Feuerwerk, die Leute,die Umgebung“, sagensie. ZumEntspannen haben die beiden einen Schrebergarten in Bad Segeberg. „Wenn wir vondort zurückkommen, sag’ ich immer: ,Scheiß Ecke hier!‘“, sagt Gisela Weinberg. „Am nächsten Tag will ich dann doch nie wieder weg.“ Die Aussicht vom Balkon der Familie Weinberg inden 60er Jahren. Auf der freien Fläche steht heute die Endo-Klinik.