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Matrix3000 History: Die verschollene Goldstadt (Sonderheft) (Vorschau)

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MATRIX<br />

M<br />

ATRIX3000<br />

3000<br />

<strong>History</strong><br />

Chanel No 5<br />

Agentin für Deutschland<br />

SPEZIAL<br />

Nr.18 / 6,50 EUR<br />

Österreich 7,20 EUR<br />

Schweiz 12,80 SFR<br />

Luxemburg 7,60 EUR<br />

Italien 8,50 EUR<br />

<strong>Die</strong> Hexen<br />

von Salem<br />

Katharer -<br />

Mythos und<br />

Wirklichkeit<br />

Laser-Archäologie entdeckt:<br />

<strong>Die</strong><br />

<strong>verschollene</strong><br />

<strong>Goldstadt</strong><br />

Kein "Good Bye"<br />

für Lenin<br />

Glastonbury<br />

und der<br />

heilige Gral<br />

Vom Grammophon zum iPod


Marina Hirt<br />

Wenn Leben den Tod umarmt<br />

ISBN 978-3-89539-899-5<br />

€ 18,80 (D) € 19,30 (A)<br />

In diesem Buch finden Sie eindrucksvolle Begebenheiten aus der<br />

Welt eines Menschen-Hunde-Rudels. Dabei wird auf humorvolle<br />

Weise aufgezeigt, dass Menschen von Tieren lernen können.<br />

Das Buch handelt aber auch vom Sterben und stellt Alternativwege<br />

vor, wie wir würdevoll damit umgehen können, wenn die<br />

Lebenszeit unserer Tiere zu Ende geht.<br />

<strong>Die</strong> Autorin begleitete ihren sibirischen Husky auf dem Weg in<br />

den Tod ohne Todesspritze und erlebte, dass sich im Sterben die<br />

Unterschiede zwischen Mensch und Tier auflösen. Sie beschreibt<br />

einfühlsam, was geschehen kann, wenn Leben den Tod umarmt.<br />

Ihr Fazit: Tiere sind mehr als unsere Begleiter.<br />

B A C K L I S T<br />

9 783895 398995 ><br />

9 783895 394904 > 9 783895 394980 ><br />

Hartwig Hausdorf<br />

Animal PSI<br />

<strong>Die</strong> geheimnisvollen Fähigkeiten unserer Mitgeschöpfe<br />

ISBN 978-3-89539-490-4, € 19,80 (D) € 20,40 (A)<br />

Tiere besitzen sowohl Bewusstsein als auch eine Seele. Hartwig Hausdorf<br />

präsentiert hier eine geheimnisvolle Welt der Tiere und Pflanzen,<br />

die viele kaum für möglich gehalten haben. Er räumt auf mit dem<br />

überkommenen Klischee des Menschen als alleiniger „Krone der Schöpfung“<br />

und zeigt auf, dass es ein Überleben aller Wesen auf diesem Planeten<br />

nur geben kann, wenn wir unseren Mitgeschöpfen mit Achtung<br />

und Respekt auf gleicher Höhe begegnen.<br />

54<br />

Grazyna Fosar, Neale Donald Walsch, Olaf Jacobsen, Rüdiger Dahlke,<br />

Franz Bludorf, Rupert Sheldrake, Uri Geller, Wulfing von Rohr,<br />

Penny McLean, Jo Conrad<br />

Impulse: Für ein erfülltes Leben<br />

ISBN 978-3-89539-498-0<br />

€ 9,90 (D) € 10,20 (A)<br />

<strong>Die</strong> bekannten Autoren führen mit uns einen persönlichen Dialog über<br />

Impulse, die für ein erfülltes Leben wichtig sind. Mit jedem Schlag<br />

unseres Herzens senden und empfangen wir unterschiedliche Impulse.<br />

Sie bilden ein subtiles, feinstoffliches Netz, das uns alle miteinander<br />

verbindet.<br />

Alle Bücher auch<br />

online erhältlich!<br />

Unter www.michaelsverlag.de<br />

Bestelltelefon: 08861 - 5 90 18, E-mail: Info@michaelsverlag.de<br />

MICHAELS VERLAG & VERTRIEB GMBH, Ammergauer Strasse 80, D-86971 Peiting, Fax: 08861 - 6 70 91


Editorial<br />

Franz Bludorf, Chefredakteur<br />

„Im Mittelalter wurden die Könige durch freie Erektion gewählt“.<br />

Manchmal kann man sich ein schallendes Gelächter<br />

kaum verkneifen, wenn man liest, was Schüler so in ihren<br />

Aufsatz- und Geschichtsheften verzapfen. Bei der Vorbereitung<br />

des neuen <strong>History</strong>-Spezial sind mir noch weitere<br />

Stilblüten begegnet. „Jeanne d’Arc war die einzige Jungfrau<br />

in Frankreich, und dafür musste sie bestraft werden.“ Und<br />

ein anderer Schüler merkte zum selben Thema an: „Jeanne<br />

d’Arc verlor ihre Unschuld auf dem Scheiterhaufen, zusammen<br />

mit anderen Körperteilen.“ Auch die alten Ägypter<br />

bekommen ihr Fett weg: „Eine Mumie ist die Ehefrau eines<br />

Pharaos.“ Und über unseren westlichen Nachbarn wusste<br />

ein Schüler zu berichten: „Frankreich besetzte Korsika, um<br />

sicherzustellen, dass Napoleon als Franzose geboren würde.“<br />

Fazit: <strong>History</strong> ist voller Überraschungen. Man erfährt Spannendes<br />

und Interessantes über die Menschen in früheren<br />

Zeiten. Und zwar nicht nur über ihre Körperteile, sondern<br />

auch über Zusammenhänge, die man nie vermutet hätte.<br />

Oder hätten Sie gewusst, dass die französische Modeikone<br />

Coco Chanel das nach ihr benannte berühmte Parfum „Nr.<br />

5“ gar nicht erfunden hat? Dass angeblich Winston Churchill<br />

persönlich sie davor bewahrt haben soll, als Nazikollaborateurin<br />

angeklagt zu werden? Hätten Sie gewusst, dass noch<br />

in der Zeit des zweiten Weltkrieges radioaktive Strahlung<br />

als verjüngend und gesundheitsfördernd galt und dass sich<br />

damals sogar eine ganze Werbeindustrie für die „strahlende<br />

Zukunft“ stark machte? Hätten Sie geahnt, dass der Bau<br />

des Lenin-Mausoleums in Moskau auf uraltes Geheimwissen<br />

aus Babylon zurückgeht, worüber sich Josef Stalin sogar<br />

persönlich auf einer Orientreise informierte?<br />

Geschichte ist nichts Totes, Verstaubtes, sondern sie entscheidet<br />

mit darüber, wie wir heute leben. Und sie wird oft<br />

mehr vom Alltag der Menschen bestimmt als von den Großereignissen,<br />

die in unseren Geschichtsbüchern stehen. So hatte<br />

es zum Beispiel einen erheblichen Einfluss auf unsere Kultur,<br />

welche Geräte wir zum Musikhören benutzten. Was hat<br />

das für Konsequenzen für unsere heutige Zeit, in der Musik<br />

nur noch ein immaterieller „Download“ aus Bits und Bytes<br />

ist? Was früher noch ein abendfüllender Kunstgenuss war,<br />

mutierte zu einer ebenso sofortigen wie flüchtigen Instant-<br />

Befriedigung immer enger umschriebener Bedürfnisse. Sozusagen<br />

zum Nescafé der Kunst.<br />

Wir freuen uns, wieder einmal mit Ihnen auf Entdeckungsreise<br />

kreuz und quer durch unsere Geschichte gehen zu<br />

können. Und zwar durch lebendige Geschichte – keine<br />

verstaubten Zahlen und Daten von Kriegen und Friedensschlüssen,<br />

sondern Geschichten über Ereignisse und<br />

Menschen. Und sollten Sie eines Tages einmal wieder das<br />

„kleine Schwarze“ überstreifen, dann denken Sie daran –<br />

selbst die Schöpferin dieses Modestils hat Weltgeschichte<br />

geschrieben, und das gerade, weil sie alles andere als die<br />

einzige Jungfrau Frankreichs war!<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 3


Inhalt<br />

52<br />

<strong>Die</strong> Katharer<br />

zwischen Mythos und Wirklichkeit<br />

Vom 12. bis 14. Jahrhundert waren die Katharer – vor allem<br />

im damaligen Okzitanien und heutigen Languedoc in Südfrankreich<br />

- eine einflussreiche religiöse Bewegung. Immerhin<br />

bekannten sich rund die Hälfte der Landbevölkerung und<br />

ein Zehntel der Städter zu ihrer spirituellen Kultur. Ihr innerer<br />

Kern bestand in einer Mysterienschule, die die Geisttaufe<br />

und den Einweihungsweg anbot. <strong>Die</strong> einfachen Gläubigen<br />

konnten an regelmäßigen Gottesdiensten teilnehmen, die oft<br />

in der freien Natur abgehalten wurden. <strong>Die</strong> zahlreichen Burgen<br />

im Languedoc erinnern noch heute an die einstige spirituelle<br />

Kultur der Katharer. Sie erbauten sie, um ihr Leben<br />

und ihre Lehre zu schützen vor Kreuzrittern und Inquisitoren.<br />

Dennoch wurden die Katharer im Auftrag der späteren katholischen<br />

Kirche vollends ausgerottet – und das, obwohl die<br />

Katharer sich als Christen begriffen.<br />

150 Jahre SPD<br />

46<br />

Keine Partei ist älter als die SPD. Keine ist so eng mit den Höhenflügen und Brüchen deutscher Geschichte<br />

verbunden, keine wurde so geliebt, und keine hat so bitter enttäuscht. Es führte ein weiter<br />

Weg von Ferdinand Lassalle über Willy Brandt bis zu Peer Steinbrück – von den Wurzeln in der Arbeiterbewegung<br />

über den Widerstand im Nationalsozialismus bis zu Kosovo-Krieg und Bankenrettung.<br />

Allerdings täuscht der Eindruck, die Sozialdemokraten seien sich in der Ära Schröder „plötzlich“ selber<br />

untreu geworden. Schon sehr lange agieren sie im Grunde systemstabilisierend. In diesem Jahr<br />

feiert sich die SPD nun kräftig selbst. Doch es bleibt die bange Frage, welche Zukunft eine Partei hat,<br />

die sich dem neoliberalen Geist fast bis zur Unkenntlichkeit angepasst hat und schon vielfach zuvor in<br />

ihrer Geschichte die eigenen Anhänger und Ziele verriet.<br />

Eine kleine Geschichte<br />

der Tonträger<br />

Am Anfang gab es Musik nur von<br />

Hand gemacht und zu seltenen<br />

Gelegenheiten. Heute jonglieren<br />

wir mit Tausenden von Liedern und<br />

Musikstücken, jederzeit und an<br />

jedem Ort verfügbar, finanziell erschwinglich<br />

für fast alle. Es war ein<br />

langer Weg vom ersten Phonographen<br />

des Thomas Alva Edison aus<br />

dem Jahr 1887 bis zum mp3-Player.<br />

Was wir hören und mit welchen<br />

Medien wir es hören, prägt unseren<br />

Alltag mehr als so manches politische<br />

Großereignis. Radio, Tonband,<br />

LP, Kassettenrekorder, CD und<br />

iPod waren nicht nur ein Spiegel ihrer<br />

Entstehungsepoche, sie formten<br />

auch die Menschen, die sich<br />

ihrer bedienten.<br />

12<br />

<strong>History</strong><br />

Spezial<br />

Inhalt<br />

Grazyna Fosar<br />

<strong>Die</strong> <strong>verschollene</strong> Stadt des Goldes<br />

Wurde die legendäre „weiße Stadt“<br />

mit Laser Mapping wiederentdeckt? 6<br />

Roland Rottenfußer<br />

Das Medium ist die Botschaft<br />

Eine kleine Geschichte der Tonträger 12<br />

Grazyna Fosar<br />

Agent Chanel No 5<br />

<strong>Die</strong> ungewöhnliche Lebensgeschichte<br />

einer ungewöhnlichen Frau 18<br />

Franz Bludorf<br />

Radioaktive Faszination<br />

Eine peinliche Geschichte der<br />

„gesunden Radioaktivität“ 24<br />

Grazyna Fosar<br />

Kein „Good Bye“ für Lenin<br />

Das Mausoleum auf dem Roten Platz<br />

wird noch gebraucht 28<br />

Lars A. Fischinger<br />

Das Wunder von Guadalupe,<br />

Mexiko 1531 32<br />

Franz Bludorf<br />

<strong>Die</strong> Hexenprozesse von Salem<br />

Wenn das Gruppenbewusstsein tötet 38<br />

Roland Rottenfußer mit Holdger Platta<br />

150 Jahre SPD<br />

Vom Hoffnungsträger zum kleineren Übel 46<br />

4<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


38<br />

Inhalt<br />

<strong>Die</strong> Hexen von Salem<br />

<strong>Die</strong> Hexenprozesse in der kleinen Stadt Salem in Massachusetts Ende des 17. Jahrhunderts<br />

sind zweifellos ein dunkler Punkt der US-Geschichte, auch wenn die Hexenverfolgungen dort<br />

vollkommen anders abliefen als in Europa. Beklemmend ist vor allem, wie Hexenangst und<br />

Denunziantentum allmählich ganze Bevölkerungsschichten durchdrangen und bis dahin intakte<br />

Gesellschaftsstrukturen zerstörten. Dahinter steht eine Grundmentalität der Amerikaner,<br />

die sich bis in unsere Tage erhalten hat, wie die „Hexenjagd“ auf Kommunisten während<br />

der McCarthy-Ära oder auch die Jahre nach dem 11. September 2001 beweisen.<br />

18<br />

Sie erschuf das „kleine Schwarze“,<br />

entwarf die Kleidung für<br />

Jackie Kennedy, und das berühmteste<br />

Parfum der Welt<br />

trägt bis heute ihren Namen –<br />

Coco Chanel. Doch ihre Liebesaffären<br />

brachten auch politische<br />

Verwicklungen und Verirrungen<br />

in das ungewöhnliche Leben einer<br />

Frau, die nicht nur bei Winston<br />

Churchill und dem Herzog<br />

von Windsor, sondern auch bei<br />

führenden Nazis ein und aus<br />

ging. War sie wirklich eine deutsche<br />

Spionin? Vor einer gerichtlichen<br />

Untersuchung bewahrte<br />

sie ein einflussreicher unsichtbarer<br />

Gönner…<br />

Agent<br />

Chanel No 5<br />

<strong>Die</strong> <strong>verschollene</strong><br />

Stadt des Goldes<br />

Seit der Zeit der spanischen Konquistadoren im 16. Jahrhundert<br />

existiert in Mittel- und Südamerika die Legende<br />

von El Dorado, dem sagenhaften Goldland, in dem unermessliche<br />

Schätze zu finden sein sollen. <strong>Die</strong> Legende<br />

stammt ursprünglich aus Kolumbien, wo 1856 auch ein reicher<br />

indianischer Goldschatz entdeckt wurde, darunter das<br />

„goldene Floß“. Ähnliche „Goldstädte“ wurden aber auch in<br />

anderen Ländern Mittel- und Südamerikas vermutet. Einer<br />

dieser Orte ist die sagenhafte <strong>verschollene</strong> „weiße Stadt<br />

des Goldes“, die die Spanier „Ciudad Blanca“ nannten. <strong>Die</strong>se<br />

Stadt glauben US-Archäologen jetzt auf dem Territorium<br />

des heutigen Honduras wiederentdeckt zu haben.<br />

6<br />

Ralf Lehnert<br />

<strong>Die</strong> Katharer<br />

Zwischen Mythos und Wirklichkeit 52<br />

Olga von Ungern-Sternberg<br />

Geheimnisreiches Glastonbury<br />

Auf den Spuren des Heiligen Grals 56<br />

Rubriken<br />

Editorial 3<br />

Buchempfehlungen 11<br />

Abo 44<br />

<strong>Vorschau</strong> 66<br />

Impressum 66<br />

Alexander Crocoll<br />

Im Zeichen von Kreuz und Rose<br />

Geschichte und Mythos der Rosenkreuzer 62<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 5


<strong>Die</strong> <strong>verschollene</strong><br />

Stadt des<br />

Goldes<br />

Wurde die legendäre „weiße Stadt“ mit Laser Mapping wiederentdeckt?<br />

Grazyna Fosar<br />

6<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


So sieht die untersuchte Region des<br />

honduranischen Dschungels aus,<br />

vom Flugzeug aus betrachtet. Mit<br />

bloßem Auge ist da keine Spur einer<br />

Stadt zu erkennen…<br />

… Um so mehr zeigt das dreidimensionale<br />

Relief, das durch Laser Mapping gewonnen<br />

wurde. Im unteren Bild sind im eingekreisten<br />

Bereich deutlich rechteckige Gebäudestrukturen<br />

zu erkennen (<br />

Bild: Universität Houston / NCALM)<br />

Seit der Zeit der spanischen Konquistadoren<br />

im 16. Jahrhundert existiert<br />

in Mittel- und Südamerika die<br />

Legende von El Dorado, dem sagenhaften<br />

Goldland, in dem unermessliche<br />

Schätze zu finden sein sollen. <strong>Die</strong><br />

Legende stammt ursprünglich aus<br />

Kolumbien, wo 1856 auch ein reicher<br />

indianischer Goldschatz entdeckt<br />

wurde, darunter das „goldene Floß“<br />

(Abb. links). Ähnliche „Goldstädte“<br />

wurden aber auch in anderen Ländern<br />

Mittel- und Südamerikas vermutet.<br />

Einer dieser Orte ist die sagenhafte<br />

<strong>verschollene</strong> „weiße Stadt<br />

des Goldes“, die die Spanier „Ciudad<br />

Blanca“ nannten. <strong>Die</strong>se Stadt glauben<br />

US-Archäologen jetzt auf dem<br />

Territorium des heutigen Honduras<br />

wiederentdeckt zu haben.<br />

Hierzu bedienten sie sich nicht der<br />

klassischen Instrumente der Archäologen,<br />

sondern sie arbeiteten<br />

vom Flugzeug aus mit einem supermodernen<br />

Verfahren, um unbekannte<br />

archäologische Stätten wiederzufinden:<br />

Laser Mapping (siehe<br />

Insert auf S. 10). Auf diese Weise<br />

können sie zwar bis jetzt noch keine<br />

Goldschätze aus Ciudad Blanca vorweisen,<br />

aber sie konnten das Relief<br />

einer <strong>verschollene</strong>n Stadt mitten im<br />

Dschungel Mittelamerikas rekonstruieren,<br />

in der ganz offenbar eine<br />

frühzeitliche Hochkultur gelebt haben<br />

muss.<br />

Mit einem Kleinflugzeug überflog ein<br />

Wissenschaftlerteam des National<br />

Center for Airborne Laser Mapping<br />

(NCALM) die abgelegene Mosquitia-<br />

Region im honduranischen Dschungel,<br />

wobei sie den Erdboden unter<br />

sich mit Milliarden von Laser-Impulsen<br />

bombardierten. Auf diese Weise<br />

entstand eine dreidimensionale digitale<br />

Landkarte der Geländestrukturen<br />

unter der reichen Vegetation des<br />

Dschungels.<br />

Als sie ihre Daten auswerteten, entdeckten<br />

sie einige Erhebungen im<br />

Gelände, die ganz offenbar menschengemacht<br />

waren. Im Zusammenhang<br />

gesehen, zeigen sie einen<br />

großen Platz einer seit langem vergessenen<br />

Stadt, der mit Pyramiden<br />

eingerahmt ist. Alles ist inzwischen<br />

längst vom Urwald überwachsen.<br />

Eine Stadt voller Gold<br />

Der Legende nach ist die „weiße<br />

Stadt“ Ciudad Blanca angefüllt mit<br />

Gold. Sie wurde von Schatzjägern seit<br />

den Zeiten des spanischen Eroberers<br />

Hernando Cortes fieberhaft gesucht.<br />

Cortes selbst hatte sie erstmals in<br />

einem Brief an König Karl V. von Spanien<br />

erwähnt.<br />

Seither spielt Ciudad Blanca eine<br />

zentrale Rolle in der Mythologie Zentralamerikas.<br />

Manche Texte bezeichnen die<br />

Stadt als den Geburtsort des<br />

Aztekengottes Quetzalcoatl.<br />

Berichte vereinzelter Abenteurer erzählten<br />

von goldenen Götterbildern<br />

und sorgfältig bearbeiteten weißen<br />

Steinen, die der Stadt ihren Namen<br />

gaben.<br />

Doch niemals gab es einen konkreten<br />

Bericht, der hätte beweisen können,<br />

dass Ciudad Blanca je existiert<br />

hat.<br />

Auch der amerikanische Filmemacher<br />

Steven Elkins, selbst ein Enthusiast<br />

für solche alten Legenden,<br />

wollte sich nur zu gern auf Schatzsu-<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 7


che machen. Er hörte von den neuen<br />

Möglichkeiten der Archäologie aus<br />

der Luft und war überzeugt: Auf diese<br />

Weise könnte die <strong>verschollene</strong> <strong>Goldstadt</strong><br />

gefunden werden. Leider fehlte<br />

ihm für ein solches Unternehmen das<br />

nötige Kleingeld. So machte sich Elkins<br />

auf die Suche nach potenten privaten<br />

Investoren, um den Einsatz der<br />

Wissenschaftler von NCALM mit ihren<br />

teuren Spezialgeräten zu finanzieren.<br />

Ein höchst ungewöhnliches Projekt<br />

übrigens, denn die Technologie war<br />

eigentlich für vollkommen andere<br />

Zwecke entwickelt worden.<br />

Militärisches Spionagesystem<br />

sucht verschwundene Stadt<br />

<strong>Die</strong> Einsatzgebiete der neuen Laser-<br />

Mapping- und LiDAR-Technologie<br />

lagen nämlich ursprünglich auf dem<br />

militärischen und geheimdienstlichen<br />

Sektor. Wo auch sonst?<br />

Allerdings war das Verfahren auch<br />

für andere Anwendungen bereits<br />

„zweckentfremdet“ worden. So hatte<br />

man es genutzt, um nach Erdbebenkatastrophen<br />

das Terrain zu erkunden<br />

und nach Opfern und Überlebenden<br />

zu suchen.<br />

Auch Geophysiker hatten LiDAR<br />

bereits verwendet, um die Bodenerosion<br />

entlang von Flußläufen<br />

zu erforschen. Aber nach einer<br />

<strong>verschollene</strong>n Stadt im Urwald hatte<br />

damit bis jetzt noch niemand gesucht.<br />

Doch Steven Elkins hatte Erfolg<br />

und fand die nötigen Geldgeber, die<br />

sein Traumprojekt ermöglichten. Auf<br />

diesen verschlungenen Pfaden wurde<br />

ein neuer Forschungszweig aus<br />

der Taufe gehoben, den man auch<br />

als „Laser-Archäologie“ bezeichnen<br />

kann.<br />

Wenig später kreisten die Forscher<br />

vom NCALM in einer zweimotorigen<br />

Cessna über der Urwaldregion, die<br />

Elkins als vielversprechend ansah.<br />

Am Ende jedes Tages wurden die Daten<br />

an Bill Carter, einen Ingenieur von<br />

der Universität Houston, übermittelt,<br />

der seit jeher eng mit den NCALM-<br />

Mitarbeitern zusammenarbeitet.<br />

Bei der Auswertung der Daten erkannte<br />

er erste rechtwinklige Strukturen<br />

im unwegsamen Gelände des<br />

Urwaldes. „Ich bin im Moment der erste<br />

Mensch auf diesem Planeten, der<br />

weiß, dass es dort diese Ruinen gibt.“,<br />

sagte Carter. „Dann kam meine Frau<br />

herein und sah mir über die Schulter.<br />

So war sie der zweite Mensch, der es<br />

wusste.“<br />

Sollte sich der Verdacht bestätigen,<br />

so wäre dies eine Entdeckung,<br />

vergleichbar mit der von Machu Picchu<br />

hoch oben in den Anden Perus.<br />

Auch diese uralte Stadt der Inkas war<br />

lange Zeit verschollen, bis sie 1911<br />

der amerikanische Historiker Hiram<br />

Bingham als erster Mensch aus dem<br />

europäisch-amerikanischen Kulturkreis<br />

wieder zu Gesicht bekam.<br />

Mehr noch: Eine Wiederentdekkung<br />

von Ciudad Blanca, der sagenhaften<br />

„weißen Stadt“, würde auch<br />

allen Hoffnungen und Träumen neue<br />

Nahrung geben, das legendäre El Dorado<br />

wiederzufinden.<br />

Porfirio Lobo, der Präsident von<br />

Honduras, hat die ersten Erfolgsmeldungen<br />

der Laser-Archäologen<br />

ausdrücklich begrüßt und<br />

die Unterstützung seiner Regierung<br />

zugesichert.<br />

Jetzt ist nämlich „Schluss mit gemütlich“.<br />

Mehr als ein dreidimensionales<br />

Relief von der Gegend zu erzeugen,<br />

kann das Laser Mapping nicht<br />

leisten. Um herauszufinden, was dort<br />

wirklich vom Urwald überwuchert<br />

ist, muss eine Expedition ausgerüstet<br />

werden, die auf althergebrachte<br />

Weise den Ort aufsucht und die<br />

möglicherweise vorhandenen Ruinen<br />

ausgräbt. Immerhin weiß man jetzt<br />

schon, wo man suchen muss.<br />

Weitere Entdeckungen<br />

Das Beispiel von Steven Elkins‘ Privatprojekt<br />

zur Wiederentdeckung von<br />

Ciudad Blanca hat übrigens inzwischen<br />

bei Archäologen in aller Welt<br />

Schule gemacht.<br />

Auch anderenorts hat man das<br />

Terrain rund um bekannte oder zu-<br />

8<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Hoffen wir, dass die Forschungsexpedition<br />

zur Entdekkung<br />

von Ciudad Blanca besser<br />

ausgerüstet ist…<br />

Der Dschungel von Honduras<br />

beherbergt eine<br />

reichhaltige Tierwelt,<br />

hier ein farbenprächtiger<br />

Ara.<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000<br />

9


Laser Mapping<br />

Der Hügel von Tara, eine der berühmtesten<br />

Fundstätten Irlands, galt als gut erforscht.<br />

Durch Laser Mapping wurde allerdings etwas<br />

abseits der bekannten Strukturen ein weiterer,<br />

etwas kleinerer Steinkreis entdeckt.<br />

<strong>Die</strong> Einsatzgebiete des Laser<br />

Mapping lagen ursprünglich auf<br />

militärischem Sektor.<br />

Aber nach einer verschwundenen<br />

Stadt hatte damit noch niemand<br />

gesucht.<br />

Laser Mapping (so viel wie<br />

„Laser-Kartographie“) hat<br />

die Untersuchungsmethoden<br />

der modernen Archäologie<br />

revolutioniert. Es dient<br />

dazu, verräterische Strukturen,<br />

unter denen man Überreste<br />

archäologischer Fundstätten<br />

vermutet, genau zu<br />

vermessen und zu charakterisieren.<br />

Man überfliegt dazu die Region,<br />

die man untersuchen<br />

will, mit einem Flugzeug,<br />

Der LiDAR-Sensor<br />

schickt von dort aus Laser-<br />

„Aquarius“<br />

strahlen zum Erdboden und<br />

registriert deren Echos. <strong>Die</strong><br />

sogenannte LiDAR-Technik (Light detection<br />

and ranging) kann dadurch Höhenunterschiede<br />

von wenigen Zentimetern erfassen. Selbst<br />

Bäume und Sträucher werden registriert und<br />

können später vom Computer aus dem entstandenen<br />

Reliefbild der Erdoberfläche wieder<br />

herausgerechnet werden. Das Verfahren kann<br />

feinste Unebenheiten im Terrain sichtbar machen.<br />

Erkennt man zum Beispiel in dem im Computer<br />

entstehenden Geländemodell geometrische<br />

Formen, die so in der Natur nicht vorkommen,<br />

so ist dies ein Hinweis auf unterirdisch verborgene<br />

Bauwerke, Grabstätten etc.<br />

Das National Center for Airborne Laser Mapping<br />

(NCALM), ein von der National Science<br />

Foundation (NSF) der USA gegründetes Forschungszentrum,<br />

hat in Zusammenarbeit mit<br />

der Firma Optech Inc. im Jahre 2011 einen<br />

LiDAR-Sensor der ersten Generation mit Namen<br />

Aquarius entwickelt. Wie der Name schon<br />

vermuten lässt, kann das System sogar Geländestrukturen<br />

unter Wasser untersuchen, und<br />

zwar bis zu 10 Metern Wassertiefe. Es arbeitet<br />

mit einer Scanfrequenz von 0-70 Hz bei einer<br />

Pulsrate von 70 kHz und einer Wellenlänge von<br />

532 nm. Aus einer Flughöhe von 300-500 Metern<br />

kann das System ein Blickfeld bis zu 50<br />

Grad abdecken.<br />

mindest vermutete archäologische<br />

Fundstätten mit Laser Mapping<br />

erkundet - und ist teilweise ebenfalls<br />

bereits fündig geworden.<br />

Ein Beispiel ist der weltberühmte<br />

Hügel von Tara in Irland,<br />

eine der heiligsten Stätten der<br />

keltischen Kultur des ersten<br />

Jahrtausends vor Christus. Eigentlich<br />

hatte man geglaubt, diesen<br />

Ort bereits gut erforscht zu<br />

haben. Das Laser Mapping förderte<br />

jedoch Geländestrukturen<br />

zutage, die auf weitere, bislang<br />

vor unseren Augen verborgene<br />

Steinkreise hindeuten.<br />

Auch in Deutschland sind<br />

High-Tech-Archäologen bereits<br />

aktiv geworden. Sie überflogen<br />

den Glauberg in der hessischen<br />

Wetterau, zwischen Gießen und<br />

Darmstadt gelegen. <strong>Die</strong>ser Hügel<br />

ist ein archäologischer Fundort<br />

par excellence, da die Gegend<br />

schon seit 7000 Jahren von Menschen<br />

besiedelt ist. 1996 fand man<br />

dort die fast vollständig erhaltene<br />

Statue eines keltischen Kriegers.<br />

<strong>Die</strong> Laser-Mapping-Technik förderte<br />

jedoch am Glauberg ganz<br />

neue interessante Funde zutage,<br />

darunter rund ein Dutzend<br />

bislang unentdeckte Grabhügel.<br />

Fünf von ihnen konnten am Boden<br />

bereits erfolgreich gefunden und<br />

untersucht werden.<br />

In einem Wald nahe dem schwäbischen<br />

Göppingen entdeckte<br />

man mit Hilfe der LiDAR-Technik<br />

sogar ein bislang unbekanntes<br />

komplettes Befestigungssystem,<br />

das anschließend für die<br />

Wissenschaftler auch am Boden<br />

gut erkennbar war. <strong>Die</strong> noch immer<br />

vorhandenen Schutzwälle<br />

waren bis zu vier Meter hoch, nur<br />

hatte sie bislang noch niemand im<br />

Zusammenhang sehen können.<br />

In naher Zukunft wird die archäologische<br />

Erkundung mit Laser<br />

Mapping noch billiger werden<br />

und daher noch häufiger zum<br />

Einsatz kommen. Bald wird man<br />

dazu schon keine Flugzeuge mit<br />

Piloten und Besatzung mehr<br />

brauchen. <strong>Die</strong> Geräte werden<br />

dann in unbemannte Drohnen<br />

eingebaut.<br />

Der Einsatz von Drohnen in der<br />

wissenschaftlichen Forschung,<br />

nicht nur in der Archäologie, sondern<br />

auch in der Geophysik, Meteorologie<br />

etc. würde nicht nur<br />

den Forschern neue Dimensionen<br />

eröffnen, sondern der umstrittenen<br />

Drohnen-Technologie auch<br />

endlich einmal einen positiven<br />

Aspekt verleihen. ■<br />

10<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


MATRIX3000<br />

Buchempfehlungen<br />

Grazyna Fosar<br />

Franz Bludorf<br />

Terra Incognita<br />

Argo Verlag 2007<br />

ISBN 978-3-93798-717-0<br />

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Lars A. Fischinger<br />

Verbotene Geschichte<br />

Ansata Verlag 2010<br />

ISBN 978-3-77877-436-6<br />

€ 17,99<br />

Lars A. Fischinger<br />

Das Wunder von Guadalupe<br />

Silberschnur Verlag 2007<br />

ISBN 978-3-89845-174-1<br />

17,90 €<br />

Rudolph Bauer / Holdger Platta (Hrsg.)<br />

Kaltes Land<br />

Gegen die Verrohung der Bundesrepublik<br />

– Für eine humane Demokratie<br />

Laika-Verlag 2012<br />

ISBN 978-3-94228-124-9<br />

€ 22,90<br />

David Hatcher Childress<br />

Technologie der Götter<br />

ISBN: 978-3-89539-234-4<br />

€ 26,90<br />

Walt & Leigh Richmond<br />

Das <strong>verschollene</strong><br />

Jahrtausend<br />

ISBN: 978-3-89539-292-4<br />

€ 17,50<br />

Armin Naudiet<br />

Eiszeit und Sintflut<br />

ISBN: 978-3-89539-624-3<br />

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ISBN 978-3-77877-436-6 Verbotene Geschichte 17,99 €<br />

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ISBN 978-3-94228-124-9 Kaltes Land 22,90 €<br />

ISBN 978-3-89539-234-4 Technologie der Götter 26,90 €<br />

ISBN 978-3-89539-292-4 Das <strong>verschollene</strong> Jahrtausend 17,50 €<br />

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Roland Rottenfußer<br />

Medium<br />

Das<br />

ist die<br />

Botschaft<br />

Eine kleine Geschichte der Tonträger<br />

12<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Am Anfang gab es Musik nur von Hand gemacht und zu seltenen Gelegenheiten. Heute<br />

jonglieren wir mit Tausenden von Liedern und Musikstücken, jederzeit und an jedem<br />

Ort verfügbar, finanziell erschwinglich für fast alle. Es war ein langer Weg vom ersten<br />

Phonographen des Thomas Alva Edison aus dem Jahr 1887 bis zum mp3-Player. Was<br />

wir hören und mit welchen Medien wir es hören, prägt unseren Alltag mehr als so<br />

manches politische Großereignis. Radio, Tonband, LP, Kassettenrekorder, CD und iPod<br />

waren nicht nur ein Spiegel ihrer Entstehungsepoche, sie formten auch die Menschen,<br />

die sich ihrer bedienten.<br />

Jugendliche kaufen keine CDs, sie<br />

loaden down. <strong>Die</strong>se Erfahrung<br />

wird jeder machen, der einmal<br />

versucht, einem jüngeren Menschen<br />

eine CD zu schenken. Betont cool, die<br />

Haut mit Faltencreme geglättet und<br />

stolz über das eigene Einfühlungsvermögen<br />

in die juvenile Psyche, präsentiere<br />

ich da mein hübsch verpacktes<br />

Geschenk: „Linkin’ Park – da stehst<br />

du doch drauf, hab ich mir sagen lassen.“<br />

Mit müdem Gesichtsausdruck,<br />

die Augen genervt verdreht, brummt<br />

der Jugendliche: „Mann, ich hab auf<br />

meinem mp3-Player alles von Linkin’<br />

Park.“ Er zeigt mir sein handygroßes<br />

160 Gigabyte-Gerät. „Da sind die<br />

Musiksammlungen von allen meinen<br />

Freunden draufgeladen: über 10.000<br />

Lieder.“ Ich will noch vorsichtig anfragen,<br />

wann mein junger Freund all diese<br />

Lieder anzuhören gedenkt. Aber er<br />

hat die CD schon auf den Haufen mit<br />

Geschenkpapier geworfen und starrt<br />

auf sein Smartphone, das vibrierend<br />

anzeigt, dass gerade jemand simst.<br />

Ich hätte es wissen müssen. Mich<br />

und einen heute 20-jährigen trennen<br />

Welten. Als 49-jähriger war ich mein<br />

ganzes Leben überwiegend offline und<br />

wusste lange Zeit nicht mal, dass das<br />

ein Versäumnis war. Der Graben ist<br />

noch tiefer als z.B. der zwischen mir<br />

und meinen Eltern. <strong>Die</strong> schauen Fernsehen<br />

und hören CDs wie ich. Ich erinnere<br />

mich aber an noch ältere Menschen,<br />

die sich weigerten, die Technik<br />

eines Kassettenrekorders zu erlernen.<br />

„Des lern i in mei’m Alter nimma. Mir<br />

g’langt mei Radio“. Rückhaltlos lieferten<br />

sich unsere Großväter und -mütter<br />

der Willkür von Programmmachern<br />

aus, die ihrer morbiden Vorliebe für<br />

Volksmusik frönten. Jeder hält eben<br />

genau die technische Ausstattung seiner<br />

Generation für die Normale. <strong>Die</strong><br />

Älteren nerven durch mentale Starre<br />

und die Weigerung, sich Neuem zu öffnen,<br />

die Jüngeren durch übereifrigen<br />

Innovations-Opportunismus.<br />

<strong>Die</strong> Anfänge:<br />

Musik von Hand gemacht<br />

Das Zeitalter der technischen Konservierbarkeit<br />

des Kunstwerks dauert<br />

in der Menschheitsgeschichte nur<br />

einen Wimpernschlag. Man kann sich<br />

heute kaum mehr vorstellen, dass<br />

die Eltern unserer Großeltern Musik<br />

noch ausschließlich live erleben<br />

konnten. Also eher selten. Musik für<br />

den Alltagsgebrauch wurde in dörflichen<br />

Gemeinschaften selbst gemacht:<br />

als Hausmusik oder auf Dorffesten<br />

von Hobby-Musikanten. Daneben<br />

gab es das sonntägliche Kirchenlied,<br />

meist nur spärlich vom Gemeinde-<br />

Organisten begleitet. <strong>Die</strong> so genannte<br />

Hochkultur war lange eine Sache der<br />

höheren Stände. „Klassische Musik“,<br />

wie wir sie heute kennen, entstand<br />

zunächst im Dunstkreis von Adel und<br />

Kirche, war auf „Sponsoring“ angewiesen<br />

und schon stilistisch eine eher<br />

elitäre Angelegenheit. Erst zu Lebzeiten<br />

Beethovens eroberte die Musik<br />

die Konzertsäle und damit auch ein<br />

bürgerliches Publikum. Wollte jemand<br />

Mozart hören, musste er buchstäblich<br />

dorthin reisen, wo sich Mozart gerade<br />

aufhielt.<br />

Edisons erster Phonograph funktionierte<br />

mit Hilfe eines Trichters,<br />

der den Schall über eine<br />

Membran auf eine Nadel übertrug. <strong>Die</strong><br />

ritzte eine Tonspur auf eine Wachsrolle.<br />

Zum Anhören ließ man die Nadel<br />

einfach nochmal über die eingeritzte<br />

Spur laufen. Dazu musste man an einer<br />

Kurbel drehen. Bald darauf gelang<br />

es Emil Berliner, Töne auf einer<br />

flachen Scheibe zu speichern und auf<br />

einem Grammophon abzuspielen. <strong>Die</strong><br />

Aufnahmen hatten einen heute „nostalgisch“<br />

wirkenden, dumpfen, wie aus<br />

der Ferne kommenden Klang, der von<br />

Henry Valentino in seinem Lied „Ich<br />

hab dein Knie gesehen“ herrlich nachgeahmt<br />

wurde. <strong>Die</strong> erste „marktreife“<br />

Schallplatte aus Schellack-Material<br />

kam 1897 heraus, maß 12 Zentimeter<br />

im Durchmesser und lief nur wenige<br />

Minuten lang. Enrico Caruso war bis<br />

in die 20er der erste echte „Megastar“<br />

der neu entstandenen Branche.<br />

Das Radio erobert den Alltag<br />

<strong>Die</strong> erste Rundfunkübertragung erfolgte<br />

durch Reginald Fessenden im<br />

Jahr 1906. Der Erfinder las aus der<br />

Bibel vor und spielte selbst ein Stück<br />

auf der Violine. <strong>Die</strong> Vorgeschichte des<br />

Radios ist lang und wendungsreich.<br />

Sie beruht im Kern auf der Entdeckung<br />

der Elektrizität, des Magnetismus und<br />

der drahtlosen Telegraphie im 19.<br />

Jahrhundert. Schnell breiteten sich<br />

Radioapparate Anfang des 20. Jahrhunderts<br />

auch in den Wohnzimmern<br />

aus und wurden zum Teil des bürgerlichen<br />

Alltags. Sie dienten sowohl der<br />

bequemen Teilhabe an kulturellen<br />

Ereignissen als auch der politischen<br />

Beeinflussung der Bevölkerung. Im<br />

Ergebnis war das Radio ein Schritt<br />

zur Demokratisierung des Zugangs zu<br />

Information und Kultur. Der Einfluss<br />

des Radios auf die öffentliche Meinung<br />

kann kaum überschätzt werden und<br />

nahm die spätere dominante Rolle des<br />

Fernsehens vorweg. 1938 übertrug der<br />

junge Orson Welles das im Reportageton<br />

gehaltene Hörspiel „War of the<br />

Worlds“ über eine außerirdische Invasion.<br />

<strong>Die</strong> Sendung löste an der Ostküste<br />

der USA eine Massenpanik aus.<br />

Seither verschwammen die Grenzen<br />

zwischen Realität, Fiktion und Propaganda<br />

in den Medien mehr als einmal.<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 13


Erst 1928 kam ein vollelektronisches<br />

Grammophon auf den<br />

Markt, das keine Handkurbel<br />

mehr benötigte. 1931, am Vorabend<br />

des Zweiten Weltkriegs, kam die erste<br />

Schallplatte mit 33 1/3 Umdrehungen<br />

pro Minute in Umlauf. Bald darauf<br />

konnte man Musik in Stereotechnik<br />

hören. Bis die alten Schellackplatten<br />

durch das heute noch gebräuchliche<br />

Vinyl ersetzt wurden, musste das<br />

Jahr 1948 ins Land gehen. Das neue,<br />

schwarze Material war vor allem dafür<br />

berühmt, dass es vergleichsweise<br />

wenig Rauschen erzeugte. Für die<br />

Verbreitung der elektronischen Musikwiedergabe<br />

war dies ein großer<br />

Fortschritt, denn erst jetzt eroberten<br />

Schallplatten massiv die Privatwohnungen,<br />

Kneipen und Tanzlokale. Musik<br />

war kein seltenes Event mehr, sie<br />

wurde ein Teil des Alltags. Und, was<br />

wichtig war: Der Schallplattenhörer<br />

konnte im Gegensatz zum Radiohörer<br />

frei bestimmen, was er hören wollte.<br />

Lebendes Fossil: Das Tonband<br />

Parallel zu dieser Entwicklung entstanden<br />

erste Tonbandgeräte. 1935 wurde<br />

das erste Magnetophon „K1“ auf der<br />

Funkausstellung in Berlin vorgestellt.<br />

Das Gerät wog rund einen Zentner.<br />

Tonträger war ein Kunststoffband mit<br />

magnetisierbarer Eisenoxydschicht.<br />

Erst Ende der 50er verbreiteten sich<br />

Tonbandgeräte für den Privatgebrauch.<br />

Ein weiterer Durchbruch war<br />

geschafft: Jeder und jede konnte selbst<br />

Musik und Stimmen aufzeichnen. Als<br />

ich ein Kind war, versuchten meine<br />

Eltern meine brabbelnden ersten<br />

Sprechversuche auf Tonband zu bannen.<br />

Dazu benötigten sie ein Gerät, das<br />

fast die Größe eines heutigen Druckers<br />

hatte. Das braune Tonträgerband wurde<br />

auf zwei kuchentellergroßen Spulen<br />

aufgespannt. (Ich<br />

Frühes Koffergrammophon,<br />

Anfang 20. Jh.<br />

muss das so genau schildern, falls<br />

Jugendliche mit Interesse für mittelalterliche<br />

Artefakte unter meinen Lesern<br />

sind.) Entsprechend platzaufwändig<br />

war die Lagerung von Tonbandaufzeichnungen.<br />

Als ich 11 Jahre alt war, bekam<br />

ich von meinen Eltern meinen<br />

ersten Kassettenrekorder geschenkt<br />

– ein Miniatur-Tonbandgerät,<br />

das nach dem gleichen Prinzip<br />

funktionierte. <strong>Die</strong> neue Technik, von<br />

der Firma Philips in den Markt eingeführt,<br />

erblickte im selben Jahr<br />

das Licht wie ich: 1963. Mein Rekorder<br />

enthielt fünf Tasten: Start,<br />

Stop, Rec, Vorspulen, Zurückspulen.<br />

Bis heute ist es mir ein Rätsel,<br />

warum auf modernen Tonträgern<br />

angeblich so viele andere Tasten<br />

notwendig sind. Zusätzlich zu diesem<br />

Schmuckstück bekam ich von<br />

meinen Eltern eine erste Kassette<br />

geschenkt: „20 Superhits“ von<br />

gemischten Interpreten, darunter<br />

Marianne Rosenbergs eindringlich<br />

vorgetragener Titel „Karneval“. Was<br />

ich sehr bald zu schätzen wusste:<br />

Man konnte mit dem Gerät auch Musik<br />

aufnehmen. Leider neigten die<br />

Bänder dazu, sich zu verwursteln<br />

(„Bandsalat“). Der technisch versierte<br />

Hörer steckte dann die Unterseite<br />

eines Bleistifts in eines der<br />

beiden Kassettenlöcher und drehte<br />

das Band damit wieder auf die Spulen,<br />

wie man einen Gartenschlauch<br />

auf eine Trommel aufrollt.<br />

Rauschende Musikfeste auf Vinyl<br />

Das war jene Epoche, in der die freitäglichen<br />

„Schlager der Woche“ zu<br />

den Höhepunkten meines Lebens<br />

gehörten. Da ich weder das Geld<br />

hatte, um mir viele der aktuellen<br />

Platten zu kaufen, noch die Möglichkeit,<br />

mich online über<br />

deren Erscheinungstermin<br />

zu informieren, waren Radiosendungen<br />

die einzige<br />

Chance, an die neuesten<br />

Hits von ABBA, Smokie<br />

und anderen Popheroen<br />

zu gelangen. Man musste<br />

seinen Kassettenrekorder<br />

also rechtzeitig vor der 18<br />

Uhr-Sendung verdrahten,<br />

eine leere Kassette einlegen<br />

und aufpassen, dass<br />

man genau zum richtigen<br />

Zeitpunkt auf „Rec“<br />

drückte. Wenn ein Fan<br />

Musik lernt laufen<br />

Schallplatten wurden im Übrigen auch<br />

wegen ihrer großflächigen Covers ged<br />

i e<br />

neue Single seines Lieblingsstars<br />

zum ersten Mal im Radio hörte, war<br />

dies ein Moment äußerster Euphorie.<br />

Bis ein Song erneut im Radio zu<br />

hören war oder man die dazugehörige<br />

LP erwerben konnte, war oft<br />

eine Zeit schmerzlicher Entbehrung<br />

durchzustehen. Gerade dieser vorübergehende<br />

Mangel verlieh dem<br />

Musikgenuss aber ein einzigartiges<br />

Gewicht.<br />

Hielt man die ersehnte Schallplatte<br />

dann endlich in Händen,<br />

glich das Anhören einem heiligen<br />

Ritual. Man ließ die Scheibe zunächst<br />

im Leerlauf drehen, um Platte<br />

und Nadel mit dazu vorgesehenen Bürsten<br />

und Polstern zu reinigen. Dann<br />

der große Moment: Der Tonarm setzte<br />

auf die Schallplatte auf. Ein Kratzen<br />

und Schaben erklang, das – wie das<br />

Stimmen der Instrumente im Orchester<br />

– mit dem Aroma der Vorfreude<br />

durchdrungen war. Meist hörte man<br />

die LP an einem Stück durch. Einzelne<br />

Lieder mit dem Tonarm zu „treffen“,<br />

war schwierige Präzisionsarbeit. <strong>Die</strong>s<br />

begünstigte „Konzeptalben“ wie die<br />

von Pink Floyd oder Genesis, bei denen<br />

die Liedreihenfolge einer bestimmten<br />

Dramaturgie folgte. Unlängst hörte ich<br />

wieder einmal alte Schallplatten bei<br />

meinen Eltern. Mir kam es vor, als sei<br />

der Sound voller, wärmer und direkter<br />

als auf CD. Aber vielleicht ist diese<br />

Empfindung meinem fortgeschrittenen<br />

Alter geschuldet.<br />

14<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Woodstock Festival, 1969.<br />

Kleines Bild © Derek Redmond and Paul Campbell<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 15


schätzt, auf denen man wahre Kunstwerke<br />

unterbringen konnte. Berühmt<br />

war z.B. die Hülle der Beatles-LP „Sgt.<br />

Pepper’s Lonely Hearts Club Band“,<br />

das Dutzende von Porträts berühmter<br />

Persönlichkeiten von Karl Marx bis<br />

Marlon Brando enthielt. Auf dem CD-<br />

Cover sind diese Köpfe nicht mehr zu<br />

erkennen, die Grafik wäre also in den<br />

90ern so vermutlich nicht veröffentlicht<br />

worden. Texte und Grafik müssen<br />

auf CDs in einem Booklet Platz finden,<br />

dessen Dicke oft das Fassungsvermögen<br />

der dazu bestimmten Plastikhülle<br />

sprengt. Regelmäßig reißt der Hörer<br />

Vorder- oder Rückseite des Booklets<br />

ein, wenn er es an den Plastik-Ausbuchtungen<br />

der Hülle vorbei zu manövrieren<br />

versuchte.<br />

In den fünfziger und sechziger Jahren hörten<br />

Jugendliche ihre Hits auf solchen Kofferplattenspielern<br />

Doch damit sind wir in der Chronologie<br />

vorausgeeilt. Seit 1979<br />

gab es den Walkman, der das<br />

Konsumverhalten vieler Menschen<br />

unwiderruflich veränderte – und zwar<br />

in eine Richtung, die schon auf heutige<br />

mp3-Player vorausweist. Das<br />

Ohr musste sich nicht mehr zu einer<br />

Klangquelle bewegen, die Klangquelle<br />

konnte direkt am Kopf befestigt<br />

werden und mit dem Hörer mitwandern.<br />

Damit endete die Ära des<br />

„stationären“ Musikerlebens. Auch<br />

die soziale Funktion des Musikhörens<br />

wurde weiter zurückgedrängt. Der<br />

Musik-Autist, eingesponnen in seinen<br />

Klangkokon, durch eine Käseglocke<br />

aus Tönen abgeschirmt von der Außenwelt<br />

– dieses Bild prägt seither<br />

das öffentliche Leben in U-Bahnen und<br />

Fußgängerzonen.<br />

CDs: Revolution mit Licht- und<br />

Schattenseiten<br />

<strong>Die</strong> Einführung der CD ab 1981 gehörte<br />

zweifellos zu den wichtigsten Revolutionen<br />

in der Geschichte der Tonträger.<br />

Der Durchmesser der Compact Disc<br />

(12 cm) soll von Sony in Zusammenarbeit<br />

mit Herbert von Karajan so bestimmt<br />

worden sein, dass man gerade<br />

noch eine vollständige Aufnahme von<br />

Beethovens IX. Symphonie unterbringen<br />

konnte. Der Sound der Compact<br />

Discs war makellos. Der „Tonarm“<br />

war ein Laserstrahl, der die Oberfläche<br />

der CD abtastete. <strong>Die</strong>se Signale<br />

wurden vom Player in hörbare Töne<br />

„umgerechnet“. Selbst romantische<br />

Gefühle, wie sie von einem Liebeslied<br />

oder eine Symphonie wachgerufen<br />

werden, beruhen bei CDs also auf Bits<br />

und Bytes. Ohne Abnutzung des Tonträgers<br />

konnte man einzelne Lieder<br />

anwählen. <strong>Die</strong>s führte beim Hörer zu<br />

einer geschmäcklerischen Rosinenpicker-Mentalität.<br />

Man hörte nur noch<br />

seine Lieblingslieder<br />

an. Eine zweite<br />

Chance für Titel,<br />

die nicht beim ersten<br />

Hören überzeugten,<br />

gab es<br />

kaum noch.<br />

<strong>Die</strong> Umstellung<br />

auf<br />

CDs gehörte<br />

aber auch zu den<br />

genialsten Verkaufs-Coups<br />

der<br />

Geschichte. <strong>Die</strong><br />

Musikindustrie<br />

hatte einen Weg<br />

gefunden, Käufer<br />

buchstäblich<br />

dazu zu zwingen,<br />

alle Musikalben in ihrem Besitz noch<br />

einmal zu kaufen. Ohnehin wich die<br />

Verlockung, mit dem aktuellen Stand<br />

der Technik Schritt zu halten, immer<br />

mehr dem Zwang zum permanenten<br />

Update. In den 80ern wurden LPs nach<br />

und nach aus den Läden genommen.<br />

War ein Plattenspieler kaputt, wurde<br />

für den Hörer eine ganze, vielgeliebte<br />

Sammlung mit einem Schlag unbrauchbar.<br />

Es gab teilweise noch Plattenspieler<br />

im Handel, aber die waren<br />

teuer. Der soziale Konformitätsdruck<br />

tat sein übriges, um zu bewirken, dass<br />

man lieber gleich auf die zukunftsträchtige<br />

Technik umstieg. Auch für<br />

die Musikindustrie offenbarte dieser<br />

Goldregen bald eine gravierende Kehrseite:<br />

Im Zeitalter seiner technischen<br />

Reproduzierbarkeit konnte das Kunstwerk<br />

nun unbegrenzt kopiert werden,<br />

ohne dass die Urheber und Verwerter<br />

davon Wind bekamen. <strong>Die</strong>s galt auch<br />

für die „Geschwister“ der CD, die DVD<br />

und die CD-ROM.<br />

Zunehmende Entmaterialisierung<br />

Seit 2003 ist nun auch der CD-Verkauf<br />

rückläufig, und die Elektronik-Großmärkte<br />

schrumpfen ihre CD-Verkaufsregale<br />

drastisch zusammen. Wenn<br />

man nicht gerade ein fanatischer<br />

Anhänger von Lady Gaga oder Lena<br />

Meyer-Landruth ist, findet man in Multimedia-Märkten<br />

keinesfalls mehr die<br />

Künstler, die man tatsächlich hören<br />

will. Dafür gibt es jetzt amazon – was<br />

zu einer ungesunden, sozial höchst<br />

problematischen Monopolstellung<br />

des US-Verkaufsriesen geführt<br />

hat. Nirgendwo lockt auch ein CD-<br />

Tante-Emma-Laden, mit dessen<br />

Hilfe man der Macht des Konzernriesen<br />

trotzen könnte. Neben der<br />

CD-Bestellung bei amazon gibt es<br />

eigentlich fast nur noch eine Option:<br />

Man kann – ganz jugendlich – Musik<br />

downloaden. 0,99 Euro pro Lied. Bei<br />

vielen neueren CD-Produktionen ist<br />

es auch wirklich ein Segen, nicht das<br />

gesamte Album erdulden zu müssen.<br />

Man kann die CD oder einzelne<br />

Titel vorher schon schnupperhören:<br />

30 Sekunden pro Lied. Oder ein<br />

youtube-Video vermittelt vorab einen<br />

Eindruck von der Qualität der Musik.<br />

Der Zauber, der früher das erste Anhören<br />

einer LP oder CD umwehte, ist<br />

jedoch auf diese Weise dahin.<br />

Wohin loade ich Downzuloadendes<br />

eigentlich down, wenn ich up to<br />

date sein will? Zunächst auf meine<br />

Harddisk und dann – als Endgerät<br />

– auf meinen tragbaren iPod oder<br />

mp3-Player. Ich kann mir so mit<br />

wenigen Mausklicks mehr „Tracks“<br />

beschaffen als ich in 40 Jahren als<br />

Musikliebhaber konsumieren konnte.<br />

Ich habe den Sound immer dicht<br />

am Ohr (bei bestimmter Musik ist<br />

es ja von Vorteil, einen Hörschaden<br />

zu haben und alles nur abgedämpft<br />

16<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Einer der ersten Cassettenrecorder<br />

(1968)<br />

Tonbandgerät<br />

von 1961<br />

wahrzunehmen). Lästige Klang-<br />

Feinheiten, die übermäßige Speicherkapazität<br />

fressen, filtert das Gerät<br />

vorsorglich für mich raus. Welche<br />

Bestandteile eines Musikstücks für<br />

mich entbehrlich sind, entscheidet<br />

die Maschine kurzerhand selbst. Cover<br />

und Booklet fallen flach, Songtexte<br />

werden – Sie ahnen es – online<br />

downgeloadet. Auch entfällt, wie<br />

beim Walkman, die Notwendigkeit,<br />

Musik als Gemeinschaftserlebnis zu<br />

genießen. Eine gewisse Parallele zu<br />

der vom neoliberalen Zeitgeist geförderten<br />

Einzelkämpfermentalität<br />

drängt sich auf. Mit der Quantität der<br />

verfügbaren Musiktitel sank die Qualität<br />

des Sounds und die persönliche<br />

Wertigkeit von Musik überhaupt.<br />

Musik als Gefangene der Technik<br />

Und die Zukunft? Bevor die iPod-<br />

Ära heraufdämmerte, vermutete ich,<br />

unsichtbare Mikrodiscs würden die<br />

in den 90ern kurzfristig modischen<br />

Mini-Discs ablösen. Ich habe mich<br />

getäuscht, denn selbst winzige Discs<br />

wären immer noch materielle Gegenstände.<br />

Und die lösen sich seit<br />

der Jahrtausendwende zunehmend<br />

im Reich des Immateriellen auf. Geisterklänge<br />

aus Bits und Bytes für eine<br />

Menschheit, die zunehmend die Bodenhaftung<br />

verliert. Buchstäblich unser<br />

ganzes Leben läuft über den Com-<br />

puter ab, über codierte und wieder zu<br />

decodierende Information. Vormals<br />

freie Menschen sind existenziell darauf<br />

angewiesen, dass EDV-Experten<br />

für sie Probleme lösen, die ohne EDV-<br />

Experten gar nicht erst entstanden<br />

wären. Auch die Musik begab sich noch<br />

mehr als zuvor in die Babylonische Gefangenschaft<br />

der Technik.<br />

„Das Medium ist die Botschaft“,<br />

behauptete der Medientheoretiker<br />

Marshall McLuhan. <strong>Die</strong> Botschaft der<br />

schönen neuen Klangwelt mit ihren<br />

Playern, Phones, Pods, Sticks und<br />

Apps lautet: Du kannst alles sofort<br />

haben (und nichts ist wirklich wichtig).<br />

Wem das nicht gefällt, der sollte<br />

mal wieder ein Unplugged-Konzert<br />

besuchen, bei dem der Schweiß des<br />

Sängers auf die Köpfe der Fans in der<br />

ersten Reihe tropft. So kann er sich<br />

unseren Vorfahren vor 150 Jahren<br />

wieder ganz nah fühlen. ■<br />

Für das Musikerleben der ganzen<br />

Familie dienten in den fünfziger<br />

und sechziger Jahren Musiktruhen,<br />

bei denen Plattenspieler und<br />

Radio in Möbel integriert wurden.<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000<br />

17


A g e n t<br />

Chanel No 5<br />

<strong>Die</strong> ungewöhnliche Lebensgeschichte einer ungewöhnlichen Frau<br />

Grazyna Fosar<br />

Paris. Rue Cambon 31. Ein Kontrast<br />

zwischen einer grauen<br />

Straße und der Wärme im Innern<br />

eines Hauses. Das Mekka der Mode im<br />

21. Jh. Mademoiselle Chanel hat dieses<br />

Modehaus gegründet und darin eine eigene<br />

Legende und die Geschichte der<br />

Legende erschaffen. Hierher kommen<br />

Menschen aus der ganzen Welt, um<br />

diese Geschichte an einem historischen<br />

Ort direkt zu erleben, in Ton und<br />

Bild, in Begleitung von Luxus und dem<br />

„Duft des Geldes“.<br />

Im Parterre, in der Boutique, eine<br />

Stimmung aus Spiegeln, Vitrinen,<br />

Kosmetik, Kleidung und virtuellen<br />

Bildern. Frauen im Rausch der<br />

Träume, Bewegung - und überall die<br />

berühmten zwei Buchstaben: C C –<br />

das Logo aus den zwei verschränkten<br />

Initialen. Im Laufe der Zeit wurde<br />

dieses Logo zum bekanntesten der<br />

Welt, man sagt, es sei bekannter als<br />

die amerikanische Flagge.<br />

Neben dem Eingang zur Boutique<br />

gibt es noch eine Tür. Und die ist streng<br />

bewacht. Keiner kann hier ohne Erlaubnis<br />

eintreten. Doch für „Eingeweihte“<br />

bedeutet das Betreten dieser<br />

Schwelle einen Eintritt in das Paradies,<br />

in ein Märchenland. Im ersten Stock<br />

wartet ein stiller Salon mit glatten ecrufarbenen<br />

Wänden und vergoldeten<br />

Bügeln. Hier werden privat bestellte<br />

Kreationen privat probiert und privat<br />

prestigemäßig bewundert. <strong>Die</strong> Wendeltreppen<br />

gehen noch weiter nach oben,<br />

wo angeblich ganz am Ende, hoch auf<br />

der fünften Stufe, Coco Chanel immer<br />

saß, um die Modenschau der eigenen<br />

Kollektionen zu beobachten. Versteckt,<br />

unsichtbar, eine Göttin dessen, was<br />

wertvoll und sichtbar ist.<br />

Bleibe hier einen Moment stehen<br />

– Du bist nur ein anonymer Besucher,<br />

doch die zahllosen Spiegel zeigen deinen<br />

Körper aus verschiedenen Winkeln<br />

und geben jeder Silhouette einen<br />

detaillierten, unheimlichen Charakter,<br />

der in einem Karussell deiner Bewegung<br />

für immer und in alle Ewigkeit auf<br />

einer Möbiusschleife gefangen zu sein<br />

scheint.<br />

Wenn mir langweilig ist, fühle ich<br />

mich sehr alt…<br />

Nach diesem Erlebnis kannst Du die<br />

doppelte Tür zu dem privaten Appartement<br />

von Mademoiselle Chanel öffnen<br />

und ihre Welt betreten. Überall kann<br />

man noch die Anwesenheit von Coco<br />

Chanel spüren, ihre Parfums duften<br />

noch immer… es ist, als ob sie im nächstem<br />

Moment hereinkommen könnte.<br />

18<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Coco Chanel<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 19


Zugegeben – die Halle in rotem Lack,<br />

voll mit merkwürdigen Bildern und vergoldetem<br />

Weizen, mit zwei Statuen und<br />

zwei Rentieren, ist ein Kuriosum. Überall<br />

Spiegel und Spiegel ohne Ende. <strong>Die</strong><br />

Perspektiven sind verzerrt, und man<br />

verliert die Orientierung, noch bevor<br />

man im Salon angelangt ist. Verwirrung<br />

der Form, ein Sieg von Stil über Substanz.<br />

Fast überall chinesische Paravents,<br />

die die Türen verdecken. Chanel<br />

hatte Angst vor Türen. Sie sagte, dass<br />

Türen sie an diejenigen erinnern, die sie<br />

schon verlassen haben, und an die, die<br />

noch von ihr weggehen werden. Dahinter<br />

das Esszimmer wie eine romanische<br />

Kathedrale. Überall voll und überall alles<br />

überladen, wie konnte diese Frau<br />

einen so guten und schlichten Modegeschmack<br />

haben? Vielleicht brauchte<br />

sie ja doch irgendwo<br />

einen ruhenden Pol,<br />

und sei es aus purer<br />

Erschöpfung.<br />

Im Chanel-Appartement<br />

gibt<br />

es kein Schlafzimmer.<br />

Sie schlief<br />

in einem Zimmer in<br />

der höchsten Etage<br />

im Ritz, auf der anderen<br />

Seite der Straße.<br />

Dort hatte sie zu<br />

verschiedenen Zeiten<br />

ihres Lebens Appartements,<br />

zuerst<br />

sehr luxuriös, dann<br />

– nach dem zweiten<br />

Weltkrieg – schlicht und bescheiden. Im<br />

Arbeitszimmer befindet sich ihre liebste<br />

Begleitung: die teuersten Ausgaben<br />

von Büchern und Tagebüchern sowie<br />

eine Bibel. Auf ihrem Schreibtisch ecrufarbene<br />

Papeterie und ein Fächer.<br />

Schubladen, die man heute noch öffnen<br />

kann. Zwei sind leider leer. In der Nacht<br />

nach Chanels Tod haben unbekannte<br />

Schatten von hier alles entfernt, auch<br />

die unschätzbaren Perlen und Kleinodien<br />

sowie wichtige Dokumente. Das<br />

Geheimnis dieser Schatten blieb bis<br />

heute ungelöst.<br />

Über dem Schreibtisch ein Gemälde<br />

mit einem Löwen, Chanels Sternzeichen.<br />

Das Datum 19.08.1883. Den<br />

eigenen Geburtstag mochte sie nie.<br />

„Mein Alter ist ganz unterschiedlich,<br />

in Abhängigkeit von den Menschen, die<br />

mich begleiten, und von den Tagen.“, so<br />

eine ihrer sarkastischen Bemerkungen.<br />

Praktische Idee auch für andere, oder?<br />

Coco Chanel und der Herzog<br />

von Westminster<br />

Zu einer Journalistin sagte sie einmal:<br />

„Wenn mir langweilig ist, fühle ich mich<br />

sehr alt. Noch fünf Minuten Ihrer Gesellschaft,<br />

und ich werde tausend Jahre<br />

alt sein…“ Man wird den Eindruck nicht<br />

los, sie könnte diesen Satz heute jeden<br />

Tag wiederholen, wenn sie noch leben<br />

würde… und zu vielen Journalisten…<br />

In der Ecke in einem kleinen Zimmer<br />

ein Buddha mit einer Rose, Tarotkarten,<br />

im Hintergrund Bilder von Drachen,<br />

weiße Kallas. Eine Sonnenbrille<br />

und eine Menge von Fotografien, persönliche<br />

Gegenstände. Alle Erinnerungen<br />

und alle Ängste auf einmal.<br />

Merkwürdige Kronleuchter in der<br />

Wohnung verstecken Chanels Ikonographie:<br />

das G von Gabrielle und das<br />

doppelte CC – von Coco Chanel. Darüber<br />

eine „5“ – die Zahl, die Chanel<br />

Ruhm und Vermögen gebracht hat.<br />

Doch es gab Zeiten, als sie nur ein kleines,<br />

armes Mädchen war.<br />

Unterwegs und ohne Liebe<br />

Gabrielle Chanel wurde am 19.08.1883<br />

geboren. Wie sie selbst sagte – „unterwegs“.<br />

In Wirklichkeit war es ein Armenhaus,<br />

das von den Schwestern von der<br />

Göttlichen Vorsehung geleitet wurde,<br />

in Saumur, einem kleinen Städtchen an<br />

der Loire. Ihre Mutter Eugenie war erst<br />

20 Jahre alt, und ihr Vater Henri-Albert<br />

28. In ihrer Geburtsurkunde steht der<br />

Name Chasnel. <strong>Die</strong> Eltern waren nicht<br />

verheiratet. Sie wanderten von Stadt<br />

zu Stadt, um mit Knöpfen und Hauben<br />

zu handeln. Fast das ganze Leben versuchte<br />

Chanel ihre Herkunft zu korrigieren<br />

und zu verbessern. Sie redete<br />

über ihre Familie sehr selten.<br />

Ab dem sechsten Lebensjahr als<br />

kleine CoCo hat sie die meiste<br />

Zeit auf einem Friedhof verbracht,<br />

wo sie endlich spielen konnte<br />

(„auch träumen und sich vor den anderen<br />

verstecken“, sagte sie oft). Chanel<br />

hatte Angst vor Geistern und vor der<br />

Dunkelheit. Sie hat sich oft vorgestellt,<br />

dass ihr Vater sie sehr liebte. Er war<br />

jedoch fast niemals da, und das kleine<br />

Mädchen wuchs in einer kalten, lieblosen<br />

Welt auf. Nach dem Tod der Mutter<br />

kam sie ins Waisenhaus in einem<br />

Kloster. Später lebte sie bei der Familie<br />

ihres Vaters und ging in Moulins<br />

zur Schule. Hier, wie auch im Kloster,<br />

lernte sie das Nähen. <strong>Die</strong> nächste Etappe<br />

in ihrem Leben war eine Arbeit als<br />

Verkäuferin und als eine Art Sängerin<br />

in einem Vaudeville-Theater.<br />

Der Mythos von Coco Chanel<br />

ist sehr eng mit ihrem<br />

Aufenthalt in Royallieu bei<br />

Compiègne verknüpft, wo sie<br />

zusammen mit dem Industriellensohn<br />

Etienne Balsan<br />

einige fragwürdige Jahre verbrachte.<br />

Sehr viel über diesen<br />

Abschnitt ihres Lebens<br />

weiß man nicht. So landete sie<br />

letztendlich in Paris.<br />

Chanels Abenteuer als<br />

Hutstylistin brachte ihr<br />

einen bekannten Namen,<br />

und später wagte sie es<br />

auch, sich als Modedesignerin<br />

zu beweisen. Zu dieser Zeit<br />

wurde sie von vielen Männern<br />

finanziell unterstützt. Egal wie viele<br />

Männer in Chanels Leben existierten,<br />

sie selbst genoss immer ihre innere<br />

Freiheit. Sie hatte ein angeborenes<br />

Talent und guten Geschmack. Zuerst<br />

waren es nur Hüte und Kleider. Dazu<br />

kamen im Laufe der Zeit noch der Pagenkopf<br />

und… das kleine Schwarze,<br />

Kostüme, Blusen, weiße Seidenaccessoires…<br />

<strong>Die</strong> Königin der Mode war geboren.<br />

Eine Frau, die kein Parfum benutzt,<br />

hat keine Zukunft (Paul Valéry)<br />

Coco Chanel zitierte diesen Satz in einem<br />

ihrer Interviews im Jahre 1965.<br />

<strong>Die</strong> ganze Lebensgeschichte von<br />

Coco Chanel wurde hauptsächlich von<br />

ihr selbst kreiert. Sie erzählte viele<br />

Episoden über sich selbst, und in jeder<br />

Version waren die Fakten etwas<br />

anders. In jedem Interview waren die<br />

Ereignisse attraktiver gemischt und<br />

20<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


<strong>Die</strong> berühmte Spiegeltreppe, auf der Coco<br />

Chanel bei ihren Modenschauen saß.<br />

oft mehr selbstbezogen als in ihrem<br />

wirklichen Leben. Doch damals war<br />

die Welt der Medien noch nicht so blitzschnell,<br />

noch nicht so aggressiv wie<br />

heute, es gab auch noch keine Wikipedia,<br />

und Chanel selbst hatte schon den<br />

Ruf einer Modeikone. So blieben auch<br />

viele Geschichten nur am Rande anderer<br />

Interessenbereiche als „nebenbei<br />

stehende kuriose Anekdoten“, die dennoch<br />

Zeugen der Zeit sind. Das Leben<br />

der Coco Chanel ist eine Gratwanderung<br />

zwischen Wahrheit und Lügen, die<br />

sie meistens selbst erfunden hat.<br />

<strong>Die</strong> Geschichte des berühmten Parfums<br />

Chanel Nr. 5 ist eigentlich bis<br />

heute nicht ganz klar. Coco hat sich hier<br />

mehrmals selbst widersprochen. Wenn<br />

man versucht, alle ausgeschmückten<br />

sensationellen Details zu entfernen, ist<br />

damals Folgendes passiert:<br />

Im Jahre 1920 hatte Coco Chanel Ernest<br />

Beaux kennengelernt. Er hatte<br />

ein eigenes Labor in Südfrankreich.<br />

<strong>Die</strong>se Bekanntschaft verdankte sie einem<br />

ihrer Liebhaber, dem Großfürsten<br />

Dimitri Pawlowitsch Romanow, einem<br />

Cousin ersten Grades von Zar Nikolaus<br />

II. und Mitverschwörer bei der Ermordung<br />

Rasputins. Beaux arbeitete als<br />

Parfümeur für die Zarenfamilie. Er war<br />

schon bekannt, hatte in seinem Beruf<br />

viel Erfolg, und<br />

während der Oktoberrevolution<br />

war er britischer<br />

Geheimdienstoffizier<br />

in der<br />

weißrussischen<br />

Armee, wofür<br />

ihn die Briten mit<br />

einem Military<br />

Cross auszeichneten.<br />

Beaux<br />

hatte bei seiner<br />

Arbeit viel experimentiert,<br />

und<br />

er selbst berichtete<br />

über die<br />

Entstehung von<br />

Chanel Nr. 5: „Ich<br />

habe das Parfum im Jahre 1920 kreiert.<br />

Gerade war ich aus dem ersten<br />

Weltkrieg gekommen. Ich war im<br />

Einsatz oberhalb des Polarkreises.<br />

Während der Weißen Nächte kam<br />

von den Flüssen und Seen ein Duft<br />

ungewöhnlicher Frische. Ich habe<br />

diesen Duft in Erinnerung behalten<br />

und ihn wiedergegeben. Es war<br />

kompliziert, weil viele Aldehyde, die<br />

ich herstellte, flüchtig waren und<br />

sich schnell aufgelöst haben. Mademoiselle<br />

Chanel hat mich um ein<br />

Parfum gebeten. Ich kam zu ihr, um<br />

Coco Chanels Suite<br />

im Hotel Ritz<br />

"Mademoiselle Chanel<br />

bat mich um ein Parfum.<br />

Ich präsentierte ihr<br />

einige Entwürfe,<br />

und sie wählte Nr. 5"<br />

Ernest Beaux, Ex-Parfümeur des russischen Zaren,<br />

über die Geburtsstunde von "Chanel No 5".<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 21


Schicksalhafte Begegnungen – Coco<br />

Chanel mit Großfürst Dmitri Romanow...<br />

...und mit Großbritanniens<br />

Premier Winston Churchill.<br />

Coco Chanels Boutique in<br />

der Rue Cambon in Paris.<br />

ein paar Entwürfe zu präsentieren. Es<br />

waren zwei Serien: von 1 bis 5 und von<br />

20 bis 24. Mademoiselle Chanel hat ein<br />

paar ausgewählt, auch Nr. 5. „Wie werden<br />

wir es nennen?“, fragte ich. Sie<br />

sagte: „Ich präsentiere meine neue<br />

Kleiderkollektion am 5. Mai, der der<br />

fünfte Monat des Jahres ist. So soll<br />

auch das Parfum Nr. 5 heißen“. Für<br />

diese Fakten gibt es keine Beweise,<br />

aber tatsächlich brachte Nr. 5 Chanel<br />

Ruhm und Geld, viel Geld. In gewisser<br />

Weise war Nr. 5 damals ein Novum.<br />

Wir haben es hier mit einer Kombination<br />

zu tun, die für die damaligen<br />

Möglichkeiten ungewöhnlich war.<br />

Beaux hat natürliche und synthetische<br />

Komponenten verbunden, um<br />

die Wirkung zu verstärken und zu stabilisieren.<br />

Es ging ihm vor allem um<br />

Jasmin, Ylang-Ylang, Neroli, Mairose,<br />

Sandelholz und Bourbon-Vetiver.<br />

<strong>Die</strong> ersten Proben des Duftes Nr.<br />

5 hat Chanel persönlich in Boutiquen<br />

und Restaurants, bei Essen in Cannes,<br />

Deauville, Biarritz und Paris<br />

versprüht. Später übernahm Pierre<br />

Wertheimer eine wichtige Rolle beim<br />

Verkauf. Er hat Chanel von Anfang an<br />

bei Produktion und Verkauf unterstützt,<br />

und diese Verbindung existiert<br />

bis heute. <strong>Die</strong> Familie Wertheimer<br />

ist diskret, erlaubte Chanel immer<br />

ihr Privateigentum zu bewahren und<br />

handelt bis heute in der Tradition des<br />

Namens Chanel.<br />

In der Fabrik in Pantin befindet<br />

sich eine Art Sanktuarium – das<br />

Zimmer, wo in einer Schublade ein<br />

Originalflakon des ersten Parfums<br />

Chanel Nr. 5 liegt. Sein Korken aus<br />

Glas duftet bis heute. Was nicht alle<br />

wissen – dieser Duft ist ganz anders<br />

als das, was wir alle heute als Chanel<br />

Nr. 5 kennen. <strong>Die</strong> kürzeste Beschreibung<br />

seiner Macht hat Chanel selbst<br />

definiert: Der Duft des Verlangens,<br />

der Begierde! Der aktuelle Kreateur<br />

des Parfums Chanel, Jacques Polge,<br />

beschreibt die Wirkung des Zaubers<br />

dieses Duftes mit den Worten von<br />

Marcel Proust: „Parfums sind die<br />

letzte und die beste Reserve der Vergangenheit,<br />

die uns wieder zum Weinen<br />

bringen kann, wenn alle unsere<br />

Tränen abtrocknen“.<br />

Agent Chanel Nr. 5<br />

Chanel erreichte mit dem Parfum<br />

einen Grad der Berühmtheit, der<br />

nur selten in der Geschichte einem<br />

Menschen möglich ist. Nicht nur der<br />

Adel, auch Financiers, Schauspieler<br />

und Sportler vergötterten sie. Auch<br />

Hollywood klopfte an ihre Tür. Sie<br />

entwarf Projekte für die Kostüme der<br />

besten Filmstars. Zugegeben – sie<br />

hat mehr als sehr gut damit verdient<br />

– doch in Amerika ist sie nicht geblieben.<br />

Hollywood war nicht so sehr<br />

von Chanel begeistert. <strong>Die</strong> Produzenten<br />

begründeten das auf ihre lässige<br />

amerikanische Art: „Wir haben Miss<br />

Chanel engagiert, und sie machte aus<br />

einer Frau eine Dame, wir aber brauchen,<br />

dass sie aus einer Frau zwei<br />

Damen machen würde.“ Chic oder?<br />

22<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Über die Arbeit Coco Chanels<br />

als deutsche Agentin<br />

im zweiten Weltkrieg wurde<br />

schon viel geschrieben, und<br />

ständig tauchen neue Vermutungen<br />

auf. <strong>Die</strong>se Zeit ihres Lebens<br />

ist nicht so klar, wie es sich<br />

mancher Biograph wünschen<br />

würde. <strong>Die</strong>s folgt als Konsequenz<br />

sowohl aus ihren eigenen Äußerungen<br />

als auch von nicht genügend<br />

genauen Untersuchungen<br />

deutscher und französischer Dokumente.<br />

Als die Deutschen Paris<br />

besetzt hatten, schloss Mademoisielle<br />

ihr Modehaus. „<strong>Die</strong>s ist<br />

keine Zeit für Mode.“, sagte sie.<br />

Coco hatte eine interessante<br />

Romanze mit Günther von<br />

Dincklage, der dreizehn Jahre<br />

jünger war als sie. „Spatz“, wie<br />

ihn alle nannten, war Attaché der<br />

Deutschen Botschaft in Paris. Laut<br />

Dokumenten der Biographin Edmonde<br />

Charles-Roux „handelte von Dincklage<br />

auf Befehl des Reichspropagandaministeriums<br />

und benutzte dabei seine<br />

Stelle in der Pariser Botschaft“ (warum<br />

sind in solchen Fällen fast immer die<br />

Attachés die Aktiven? )<br />

<strong>Die</strong> Dokumente über Coco Chanel,<br />

die ziemlich unpräzise und leicht unprofessionell<br />

wirken, zeigen deutlich,<br />

dass sie schon in den zwanziger Jahren<br />

unter Beobachtung stand. Besonders<br />

ihre Kontakte mit Vera Lombardi und<br />

ihrem Mann Albert, die beide unter<br />

dem Verdacht der Spionage standen,<br />

wurden dokumentiert. <strong>Die</strong> Lombardis<br />

hatten gute Kontakte zum englischen<br />

Adel, zu vielen Botschaften, und Vera<br />

besaß einen amerikanischen Diplomatenpass<br />

(sie nannte in einem Brief<br />

an Churchill Mussolini einen „großen<br />

Mann“). Coco Chanel war befreundet<br />

mit dem Herzog von Windsor, mit Pamela<br />

Menzies (der Ehefrau von Generalmajor<br />

Sir Steward Menzies, dem damaligen<br />

Chef des MI6) und bekannt mit<br />

Winston Churchill, der noch im Jahre<br />

1939 oft zusammen mit ihr im Hotel<br />

Ritz zu Abend aß. Einige Monate später<br />

hatte das Ritz übrigens anderen „prominenten<br />

Besuch“, an den man sich bis<br />

heute erinnert – Hermann Göring, wie<br />

er an der Rezeption stand und mit einem<br />

diamantenbesetzten Schlagstock<br />

von Cartier herumfuchtelte.<br />

Chanel traf sich mit dem „Spatz“<br />

nicht im Ritz. Sie sprachen immer nur<br />

Englisch und benahmen sich so, als ob<br />

die Deutschen nicht existieren würden,<br />

Coco Chanel in höherem Alter.<br />

so Aussagen von Zeitzeugen. Allerdings<br />

arbeitete ein Freund von „Spatz“, Kapitän<br />

Theodor Momm, an einem merkwürdigen<br />

Plan. Er hatte die Vision eines<br />

Separatfriedens zwischen Deutschland<br />

und den westlichen Alliierten, bei dem<br />

Winston Churchill und Coco Chanel<br />

eine tragende Rolle spielen sollten. Sie<br />

sollten sich in Madrid treffen.<br />

<strong>Die</strong>ser etwas naive Plan fand<br />

sogar Unterstützung in Berlin,<br />

in Person von Walter Schellenberg,<br />

dem Chef der Abwehr im<br />

Reichssicherheitshauptamt. <strong>Die</strong> ganze<br />

Operation bekam das Kryptonym<br />

„Modellhut“. Das Treffen mit Churchill<br />

in Madrid hat natürlich nie stattgefunden,<br />

und weder er noch Chanel äußerten<br />

sich in ihren Briefen zu diesem<br />

Thema. <strong>Die</strong> deutschen Sicherheitsdienste<br />

gaben Chanel das Pseudonym<br />

„Westminster“ Agent F-7124. Nach<br />

dem zweiten Weltkrieg gab SS-Brigadeführer<br />

Walter Schellenberg in einer<br />

Untersuchung in England offiziell zu<br />

Protokoll, dass er sich mit Coco Chanel<br />

in Berlin getroffen hat. Dem Plan<br />

nach sollte Vera Lombardi einen Brief<br />

von Chanel an Churchill nach Madrid<br />

bringen, der dort der britischen Botschaft<br />

übergeben werden sollte. <strong>Die</strong><br />

ganze Geschichte ist ziemlich kompliziert<br />

und verwickelt. <strong>Die</strong> Friedensmission<br />

ist in keinem anderen historischen<br />

Dokument schriftlich erwähnt.<br />

Im August 1944, nach der Befreiung<br />

von Paris, wurde Coco Chanel von den<br />

Forces Françaises de I‘ Interieur (FFI)<br />

verhaftet und vernommen. Sie wurde<br />

überraschend schnell – nach ein paar<br />

Stunden – wieder freigelassen. Bis<br />

heute vermutet man, dass Churchill<br />

persönlich in dieser Angelegenheit<br />

interveniert hatte. <strong>Die</strong> Wahrheit<br />

über diese Episode aus dem Leben<br />

Coco Chanels wird vermutlich immer<br />

unklar und vernebelt bleiben.<br />

Der Abschied<br />

Coco Chanel starb in Paris am 10.<br />

Januar 1971. Sie war allein wie in<br />

ihrer Kindheit. Nach dem zweiten<br />

Weltkrieg hatte sie es nicht unbedingt<br />

einfach gehabt, in die große<br />

Welt der Mode zurückzukehren.<br />

Neue Modezentren entstanden,<br />

neue Sterne am Modehimmel gingen<br />

auf, und Coco Chanel musste<br />

erneut um ihre Position kämpfen.<br />

Natürlich nicht bei Null anfangen<br />

wie damals. <strong>Die</strong>smal half ihr hauptsächlich<br />

ihr berühmtes Parfüm Chanel<br />

Nr. 5. Nach dem Krieg machte der<br />

kleine Flakon in den USA Furore, und<br />

das brachte ihr schließlich auch Aufträge<br />

für Kleidungsstücke. Manchmal<br />

sogar für die Gattin des Präsidenten.<br />

<strong>Die</strong> Überlebenden von gestern,<br />

heute und morgen….<br />

Am 22. November 1963 begleitete Jackie<br />

Kennedy ihren Mann, Präsident<br />

John F. Kennedy, nach Dallas. Sie trug<br />

ein rosa Kostüm von Chanel. Am Flughafen<br />

bekam sie einen als unpassend<br />

für die First Lady geltenden Strauß<br />

roter Rosen. Nach den Schüssen von<br />

Dallas war das Kostüm voller Blut des<br />

Präsidenten. Es wurde dem Staatlichen<br />

Archiv übergeben und befindet sich<br />

dort bis heute. Ungereinigt. Unabhängig<br />

davon, was im Moment des Kennedy-Attentats<br />

noch alles gestorben<br />

ist – das Chanel-Kostüm hat überlebt.<br />

Genauso wie das kleine Schwarze, die<br />

Parfums und der diskrete Charme aus<br />

den Jahren der Eleganz und des guten<br />

Stils. ■<br />

Grazyna Fosar ist Astrophysikerin und Erfolgsautorin<br />

von bislang 20<br />

Büchern (Co-Autor Franz<br />

Bludorf). Sie beschäftigt sich<br />

hauptsächlich mit der Post-<br />

Quantenphysik des Bewußtseins.<br />

Darüber hinaus ist sie<br />

Peer Reviewer beim International<br />

Journal of Physical<br />

Sciences. Bei der <strong>Matrix3000</strong><br />

ist Grazyna Fosar Redakteurin für die Rubriken<br />

Wissenschaft, Grenzwissenschaft und Wurzeln.<br />

Ihr Lieblings molekül ist Adrenalin.<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 23


1<br />

Nomen est omen<br />

Er hieß genau wie die weltberühmten Entdecker<br />

des Radiums – Dr. Alfred Curie –,<br />

obwohl er nicht mit Marie und Pierre Curie<br />

verwandt war. Doch er verstand es, seinen<br />

klangvollen Namen gewinnbringend zu vermarkten.<br />

Unter dem Handelsnamen Tho-<br />

Radia brachte der findige Doktor einen kosmetischen<br />

Puder auf den Markt, der – wie<br />

der Name bereits verspricht – so „gesundheitsfördernde“<br />

Zusätze wie Thorium und<br />

Radium enthielt.<br />

Radioaktive<br />

Faszination<br />

Eine peinliche Geschichte der „gesunden Radioaktivität“<br />

Es gab Zeiten, da wusste man noch nicht, dass Radioaktivität gefährlich ist.<br />

Man wusste nur eins – sie war relativ neu entdeckt worden. Das bedeutete,<br />

Radioaktivität war modern. Und da man schon immer alles, was neu und modern<br />

war, als „fortschrittllich“ betrachtete, ging die Konsumgüterindustrie<br />

in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts daran, radioaktive Produkte an den<br />

Mann zu bringen. <strong>Die</strong> phantastischsten Wunderwirkungen wurden radioaktiver<br />

Strahlung zugeschrieben – alles natürlich wissenschaftlich unbewiesen,<br />

aber werbewirksam. Verjüngend, stärkend, verschönernd, zumindest aber<br />

wärmend sollte sie sein, die Radioaktivität. Hier eine kleine Hitliste der skurrilsten<br />

radioaktiven Produkte aus jener Zeit. Heute befinden sie sich dort, wo<br />

sie hingehören – in unserer Geschichte.<br />

Franz Bludorf<br />

2<br />

Für strahlende Schönheit<br />

<strong>Die</strong> Schönheit der Frauen seiner Zeit<br />

lag Dr. Curie so sehr am Herzen, dass<br />

er in seiner Tho-Radia-Serie auch<br />

noch einen radioaktiven Lippenstift<br />

für die modebewußte Damenwelt fabrizierte.<br />

Einziger Lichtblick – das<br />

obskure Produkt durfte nur in Apotheken<br />

verkauft werden.<br />

24<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Für die Kleinen nur das Beste<br />

Wer würde das nicht wollen? „Gesunde und<br />

angenehme Wärme“ versprach der Hersteller<br />

Laine Médicale (Medizinische Wolle) für<br />

Babykleidung, die aus seiner radioaktiven<br />

Wolle gestrickt wurde. Na, und hat das Kind<br />

auf dem Bild etwa keinen „strahlenden“ Gesichtsausdruck?<br />

3<br />

Wenn Mann nicht kann…<br />

dann wusste ein gewisser William J. Bailey Rat<br />

und Hilfe. Er empfahl den Herren der Schöpfung,<br />

den von ihm erfundenen „Radi-Endocrinator“ bei<br />

Nacht in der Nähe des Schritts zu positionieren. Das<br />

Wundergerät bestand aus einem goldgeprägten<br />

Kunststoff-Etui, in dem sich einige radiumgetränkte<br />

Papierblätter befanden. Das Gerät sollte, so das<br />

Versprechen des Erfinders, die Manneskraft stärken.<br />

William Bailey scheint von seiner Entdeckung<br />

so begeistert gewesen zu sein, dass er sie offenbar<br />

selbst benutzte. Er starb 1949 an Blasenkrebs…<br />

4<br />

5<br />

Garantiert sichere<br />

Verhütung<br />

Damit der derart gestärkte Mann<br />

dann nicht etwa ungewollte Babies in<br />

die Welt setzte, benutzte er natürlich<br />

radioaktive Präservative der Marke<br />

Radium-Nutex, die Packung zu drei<br />

Stück für nur 1,50 Dollar. Was sollte<br />

da noch schief gehen?<br />

6<br />

<strong>Die</strong> Zigarette „danach“…<br />

war wohl der sicherste Weg, den Konsumenten<br />

schnell ins Jenseits zu befördern,<br />

zumindest wenn er Radium-Zigaretten der<br />

Firma Batschari aus Baden-Baden rauchte.<br />

Ob die Metallschachtel wohl aus Blei war?<br />

Sonst wären die Passivraucher wohl auch<br />

noch zu Passivstrahlern geworden!<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 25


7<br />

Als es noch keine<br />

Computer-Ballerspiele gab…<br />

konnten sich technikbegeisterte Kinder<br />

und Jugendliche mit dem eigenen Atom-<br />

Laboratorium vergnügen. „Lustig – einfach<br />

– aufregend“ bewarb der Hersteller dieses<br />

Produkt, das 1951 auf den Markt kam und<br />

echtes radioaktives Material enthielt. Kaum<br />

zu glauben: <strong>Die</strong>ses „lustige Spielzeug“ wurde<br />

noch bis in die siebziger Jahre verkauft!<br />

Im <strong>Die</strong>nste der Gesundheit<br />

Wenn ein Bäcker seine Backwaren heute<br />

mit radiumverseuchtem Wasser herstellen<br />

würde, wäre das ein mittlerer Lebensmittelskandal.<br />

Anfang des 20. Jahrhunderts<br />

wurde Walter Schöffels „Radium-Zwieback“<br />

aus Reichenberg (heute Liberec/Tschechien)<br />

sogar als besonders gesundheitsfördernd<br />

im Reformhaus verkauft!<br />

8<br />

9<br />

Salbe für den Röntgenblick?<br />

Probleme mit dem Sehen? <strong>Die</strong> radioaktive<br />

Augensalbe „Radio-Bleu“<br />

verschafft dem Benutzer vermutlich<br />

den Durchblick einer Röntgenkamera.<br />

Oder haben wir da etwas mißverstanden?<br />

26<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong><br />

10<br />

„Belebend und verjüngend“<br />

"Das ganze Jahr im Radiumbade, durch<br />

Burkbraun-Radium-Schokolade". Mit<br />

diesem bizarren Slogan warb in den<br />

dreißiger Jahren ein Süßwarenfabrikant<br />

aus Cottbus für sein Produkt, das<br />

man sich sogar als „Deutsches Reichs-<br />

Patent“ patentieren ließ. Man behauptete<br />

ernsthaft, das Radium wirke – wissenschaftlich<br />

nachweisbar - belebend<br />

und verjüngend.


„Entfernt alles außer der Haut“<br />

<strong>Die</strong>se gründliche Wirkung versprach der<br />

Hersteller dieser Radium-Handwaschpaste.<br />

Nach allem, was man heute über Radioaktivität<br />

weiß, sollte man allerdings lieber nicht<br />

dafür garantieren, dass das Produkt nicht<br />

doch auch die Haut gleich mit entfernt…<br />

11<br />

12<br />

Tausendfach von Ärzten verordnet…<br />

und empfohlen wurde sie angeblich, die radioaktive<br />

Zahnpasta Doramad, die noch während<br />

des zweiten Weltkrieges in Deutschland verkauft<br />

wurde. Nach Angaben des Herstellers hatte sie<br />

„besondere biologische Beiwirkungen durch<br />

Radium-Strahlen“. Wer wünscht sich schließlich<br />

nicht strahlend weiße Zähne?<br />

13<br />

Für alle, die leider keine<br />

radioaktive Quelle zur Hand haben…<br />

wurde dieses praktische Gerät erfunden. Der keramische<br />

Behälter konnte mit gewöhnlichem Leitungswasser<br />

befüllt werden, in das radioaktives<br />

Material eingebracht wurde. Über den kleinen Zapfhahn<br />

konnte sich dann jeder sein eigenes „Radium-<br />

Wasser“ zapfen. Na dann Prost!<br />

14<br />

Das Kernkraftwerk zum Anziehen<br />

Hält warm selbst bei größter Kälte. Mit diesem<br />

Versprechen bewarb ein gewisser Dr.<br />

Bauray seine radioaktive Skiunterwäsche.<br />

Wozu da noch Kernkraftwerke bauen?<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 27


Im Lenin-Mausoleum ist der<br />

einbalsamierte Leichnam des<br />

Gründers der Sowjetunion<br />

aufgebahrt.<br />

Kein<br />

„Good Bye“<br />

für Lenin<br />

Das Mausoleum auf dem Roten Platz<br />

wird noch gebraucht<br />

Grazyna Fosar<br />

Das Lenin-Mausoleum mit<br />

den energetisch wichtigen<br />

Punkten.<br />

28<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Der Rote Platz mit dem<br />

Kreml, sowohl politisches als<br />

auch energetisches Zentrum<br />

der russischen Hauptstadt<br />

Das Filmfestival Berlinale ist immer<br />

eine gute Gelegenheit, alte und neue<br />

Bekannte oder Freunde zu treffen.<br />

Sie kommen aus unterschiedlichen<br />

Ländern in die Hauptstadt, und am<br />

Rande der Veranstaltungen trifft<br />

man sich, um über Interessantes zu<br />

reden. Meistens bis in die tiefe Nacht.<br />

Oleg war schon immer ein Geomantiefan,<br />

und zusätzlich interessiert er<br />

sich für die Geschichte Moskaus, so<br />

kamen wir diesmal zum Thema „der<br />

Rote Pharao – Lenin“, der bekanntermaßen<br />

bis heute in einer Pyramide<br />

„wohnt“.<br />

Eine Art Nostalgie für die kommunistischen<br />

Zeiten ist heutzutage in<br />

Moskau und vielen russischen Städten<br />

deutlich sichtbar. Und auf dem<br />

Roten Platz steht ein merkwürdiges<br />

Gebäude mit einer einbalsamierten<br />

Leiche, das die Funktion eines nationalen<br />

Tempels hat. Lenins Mausoleum.<br />

Eine Zikkurat auf dem Roten Platz<br />

Nicht nur viele nationale Feierlichkeiten<br />

und militärische Paraden sorgen<br />

für Mengen von Menschen, die sich<br />

hier versammeln. Auch an normalen<br />

Tagen kommen viele Menschen<br />

hierher, um Wladimir Iljitsch Lenin,<br />

dem Gründer der Sowjetunion, ihren<br />

Respekt zu erweisen. <strong>Die</strong> bedeutendsten<br />

und berühmtesten Gäste aus der<br />

ganzen Welt lassen sich gerade hier<br />

fotografieren – vor dem Lenin-Mausoleum.<br />

Warum verliert dieser Bau im<br />

Laufe der Zeit nicht seine Bedeutung?<br />

Nun – sagt Oleg – das Mausoleum<br />

ist nicht irgendein Gebäude. <strong>Die</strong> Biographen<br />

von Lenin berichten darüber,<br />

dass er während seines Aufenthalts in<br />

Deutschland nicht nur die Werke von<br />

Engels und Marx studiert hat, aber<br />

auch besonderes Interesse für okkultistisches<br />

Wissen entwickelte. Er<br />

studierte alte Sprachen und versuchte,<br />

manche magische Rituale zu erlernen.<br />

Was davon in seiner Ideologie<br />

eine moderne, rituelle Rolle gespielt<br />

hat, wurde später von Stalin noch erweitert.<br />

Stalin hat in seiner Jugendzeit<br />

in der Gesellschaft von Georgij Gurdjieff,<br />

einem der größten Okkultisten<br />

des 20. Jh., eine Reise in den Nahen<br />

Osten gemacht und dort, im heutigen<br />

Irak, die Geheimnisse dortiger Architektur<br />

und Rituale kennengelernt.<br />

Zikkurat<br />

Als Zikkurat bezeichnet man die gestuften<br />

pyramidenähnlichen Tempeltürme des<br />

antiken Mesopotamien. Nach heutiger Ansicht<br />

soll sich auch der berühmte „Turmbau<br />

zu Babel“ des Alten Testaments auf einen<br />

derartigen Bau beziehen. Zikkurat wurden<br />

im Zweistromland bereits seit dem 5. Jahrtausend<br />

vor Christus errichtet, später auch<br />

im südlichen Iran. Heute sind insgesamt 25<br />

solche Bauwerke allein auf dem Gebiet des<br />

antiken Babylonien bekannt. <strong>Die</strong> Stufenpyramiden<br />

besaßen zwischen zwei und sieben<br />

Stufen.<br />

Das Bauwerk im Zentrum von<br />

Moskau wurde in der alten Tradition<br />

Babylons gebaut. Es ist<br />

ähnlich zu einer Stufenpyramide, die<br />

zu sakralen Zwecken benutzt wurde<br />

und unter dem Namen Zikkurat bekannt<br />

ist.<br />

- Kannst du es etwas genauer beschreiben<br />

für die, die noch nicht in<br />

Moskau waren?<br />

Natürlich. Das Mausoleum ist eine<br />

ziemlich genaue Kopie der Pyramiden<br />

in Mesopotamien. Es erinnert stark an<br />

die Zikkurat von Etemenanki, die für<br />

den Gott Marduk errichtet wurde. Das<br />

Mausoleum hat bestimmte Proportionen<br />

und Farben, und als eine Form<br />

verbirgt es in sich uraltes Wissen, das<br />

hier zu bestimmten Zielen benutzt<br />

wird. Das Gebäude ist mit rotem und<br />

schwarzem Granit und Labradorstein<br />

verkleidet, und das waren gerade die<br />

heiligen Farben in der Gegend zwischen<br />

Tigris und Euphrat. Der Marmor<br />

kam übrigens nicht aus der Sowjetunion.<br />

Obwohl der Irak seine Baumaterialen<br />

nicht unbedingt in alle Welt exportiert,<br />

liegt er doch in der Zone des<br />

alten Babylon, und gerade von dort<br />

stammt der Stein. Architekt des Mausoleums<br />

war Alexej Schtschussew,<br />

der in seinem Bauplan das dezimale<br />

System benutzt hat. Auf dem Gipfel<br />

ganz oben steht eine Art von „Altar“,<br />

wo in den Zikkuraten früher die Priesterinnen<br />

sakralen Sex praktiziert<br />

hatten.<br />

- Oleg, was für eine Bedeutung hat<br />

das alles für uns heute und für das moderne<br />

Russland?, fragte ich skeptisch.<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 29


Energieflüsse im Kreml<br />

Beherrschend für das Stadtbild der modernen<br />

12-Millionen-Metropole Moskau ist nach<br />

wie vor der Kreml (vermutlich nicht mehr lange<br />

– selbst er bekommt jetzt Konkurrenz!)<br />

<strong>Die</strong> Anlage liegt 40 Meter höher als die<br />

übrige Stadt und ist rundherum von einer bis<br />

zu 19 Meter hohen Mauer umgeben, die teilweise<br />

6,5 Meter dick ist. <strong>Die</strong> Kremlmauer ist<br />

insgesamt 2235 m lang. Das gesamte Areal<br />

unter dem Kreml, also der unterirdische Teil,<br />

ist von einem Netzwerk von Tunneln durchzogen.<br />

Zum Teil ist der Kreml natürlich durch ein<br />

Tunnelsystem mit der Stadt verbunden, aber<br />

auch zwischen einzelnen Gebäuden innerhalb<br />

des Kreml gibt es unterirdische Verbindungen,<br />

die unterschiedliche Funktionen haben.<br />

Angeblich sind die kostbarsten und reichsten<br />

Schätze der Zarenfamilie unterirdisch gelagert<br />

und der Öffentlichkeit nicht zugänglich.<br />

Energetisch betrachtet, bildet die Kremlmauer<br />

um den Kreml kein einheitliches System.<br />

Neben vier neutralen Plätzen bildet der<br />

nördliche Teil der Mauer eine negative Zone,<br />

ebenso der südliche. Dagegen sind die westlichen<br />

und östlichen unteren Bereiche positiv.<br />

Im südlichen Teil der Anlage und in der<br />

Mitte finden wir hauptsächlich Kathedralen,<br />

den Patriarchenpalast und den Großen Kreml-<br />

Palast, die alle energetisch positiv sind. In der<br />

nördlichen, negativ ummauerten Zone dagegen<br />

haben einzelne Gebäude wie das Arsenal<br />

und das ehemalige Präsidiumsgebäude des<br />

Obersten Sowjets eine sehr stark negative<br />

Ausstrahlung. Was aber absolut überraschend<br />

ist – die dazwischen gelegene Residenz des<br />

Präsidenten der Russischen Föderation ist ein<br />

markant positiver Kraftort. Seine Ausstrahlung<br />

wird noch zusätzlich von der positiven<br />

Kraft des Obelisken für die Kremlkommandanten<br />

verstärkt. Direkt vor dem Fenster des<br />

Herrn Putin, auf der anderen Seite der Kremlmauer,<br />

finden wir allerdings das Lenin-Mausoleum,<br />

das man energetisch nur als schwarzes<br />

Loch bezeichnen kann. Wir wissen nicht,<br />

ob sich Präsident Putin mit Orten der Kraft<br />

auskennt. Auf jeden Fall kam er eines Tages<br />

im Winter auf eine absolut geniale Idee. Er ließ<br />

auf dem Roten Platz, direkt vor dem Lenin-<br />

Mausoleum, eine riesige Eisbahn anlegen, mit<br />

Lasershow, Musik, Tanz und allen Schikanen<br />

der modernen Unterhaltungselektronik. Aus<br />

der ganzen Welt kamen Menschen, um dort<br />

Schlittschuh zu laufen. Der Eintritt – 12-15<br />

Dollar pro Nase – brachte der Staatskasse viel<br />

Geld, und alle genossen die exotische Matrix<br />

des Ortes. Wer kann schon von sich behaupten,<br />

seine Pirouetten direkt vor der Nase des<br />

einbalsamierten Lenin gedreht zu haben. Das<br />

hatten nicht einmal Irina Rodnina und Alexander<br />

Saizew geschafft.<br />

Auf jeden Fall konnte sich der große Genosse<br />

Lenin nun von den Energien der Touristen<br />

ernähren, anstatt den Herrn Präsidenten anzuzapfen.<br />

Allerdings war das auf Dauer keine<br />

Lösung – im nächsten Frühjahr schmolz das<br />

Eis, und der Zauber war dahin.<br />

<strong>Die</strong> Kremlmauer bildet energetisch<br />

kein einheitliches<br />

System.<br />

Eine größere, als Du denkst…<br />

vielleicht. Man vermutet heute,<br />

dass die Zikkurate in Mesopotamien<br />

noch eine andere Funktion<br />

hatten. Sie waren eine Art Maschinen<br />

zur Leitung von Energien. Meist wurden<br />

sie an Orten der Kraft erbaut. Auf<br />

der niedrigsten Stufe befand sich das<br />

sogenannte Terafim eines mumifizierten<br />

Körpers. <strong>Die</strong>se Funktion hat<br />

vermutlich auch die Mumie von Lenin!<br />

Eine so gebaute Zikkurat saugte (und<br />

saugt bis heute) Energie aus der Umgebung<br />

und von der Erde. Auch von<br />

den Menschen in der Nähe und von<br />

allen Touristen.<br />

In Babylon transformierte man<br />

diese Energie und leitete sie „in die<br />

Welt der Götter“. Heute könnte man<br />

sagen, dass dies überhaupt keine alte<br />

religiöse Magie ist,<br />

In dieser Ecke des Mausoleums<br />

hielt sich Stalin<br />

stets auf, wenn er Paraden<br />

abnahm.<br />

sondern eine Technologie, die die psychische<br />

und physische Kraft der Menschen<br />

benutzt.<br />

Willst Du etwas mehr darüber<br />

wissen? Gehe auf die Seite ari.ru.<br />

Hier sind Journalisten der Meinung,<br />

dass Lenins Pyramide ein Mechanismus<br />

ist, der auf die Energiefelder der<br />

Menschen wirkt und die menschliche<br />

Intelligenz absenkt, das logische Denken<br />

schwächt, Kritiklosigkeit verursacht.<br />

Im kommunistischen Russland<br />

brauchte man das für die Wirkung der<br />

Propaganda, und heute braucht man<br />

es aus denselben Gründen auch noch.<br />

Was wusste Stalin?<br />

Relativ viel. Er konnte den Mechanismus<br />

benutzen. <strong>Die</strong> Pyramide hat eine<br />

Besonder-<br />

30<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Spiel des Verborgenen<br />

Ein „Spiel des Verborgenen“ hat Moskau eigentlich öfter in<br />

seiner Geschichte gespielt, so z. B. mit St. Petersburg.<br />

Neueste Forschungen datieren die Gründung der Stadt am<br />

Ufer der Moskwa auf die zweite Hälfte des 10. Jahrhunderts. <strong>Die</strong><br />

erste urkundliche Erwähnung Moskaus stammt aus dem Jahre<br />

1147. Ungefähr zu dieser Zeit entstand auch der Kreml. Von<br />

Anfang an wurde die Stadt radial rund um den Kreml angelegt.<br />

In unmittelbarer Nähe des Kreml beginnt der sogenannte<br />

Kitaj-Gorod, der älteste Teil der Innenstadt, der hauptsächlich<br />

von Händlern bewohnt war. Noch heute bildet dieses Areal<br />

das eigentliche Zentrum. Hier sind die wichtigsten Regierungsgebäude,<br />

Banken und großen Kaufhäuser angesiedelt.<br />

Im 14. und 15. Jahrhundert war Russland von der „Goldenen<br />

Horde“ der Mongolen besetzt. In dieser unruhigen Zeit<br />

wurde Moskau mehrfach niedergebrannt und neu aufgebaut.<br />

Erst um 1480 wurde Moskau wieder Hauptstadt eines unabhängigen<br />

Russland, übte diese Funktion aber für nur etwa 200<br />

Jahre aus.<br />

Moskau bekam nämlich Konkurrenz aus den eigenen<br />

Reihen. Anfang des 18. Jahrhunderts gründete Zar Peter<br />

der Große an der Mündung der Newa in die Ostsee die neue<br />

Hauptstadt St. Petersburg, wo von da an die Zaren bis zur<br />

Oktoberrevolution residierten. Moskau verlor dadurch seine<br />

Bedeutung, die es erst 1918 unter dem kommunistischen System<br />

zurückerhielt. Moskau war niemals nur Stadt der Macht,<br />

sondern auch spirituelles Zentrum als „drittes Rom“ und<br />

Hauptsitz der orthodoxen Kirche. Außerdem hatte die Stadt<br />

trotz ihrer leidvollen Geschichte die Fähigkeit, immer wieder<br />

aus ihren Trümmern neu zu erstehen. Niemand war in der<br />

Lage, Moskau auf Dauer zu besetzen, wobei manchmal auch<br />

das Muster der „verborgenen Stadt“ wieder zur Anwendung<br />

kam. Als Napoleon seine Armeen auf Moskau marschieren<br />

ließ, befahl General Kutusow den Bürgern der Stadt, ihre<br />

Häuser niederzubrennen und die Stadt zu verlassen. Napoleon<br />

fand bei seinem Einmarsch eine leere Stadt vor, es gab<br />

dort keine Abgesandten von Adel und Regierung mehr, um<br />

ihm die Schlüssel zu übergeben. Schlimmer noch – es gab<br />

auch kaum wetterfeste Unterkünfte und keine Lebensmittel.<br />

Bevor der russische Winter anbrach, mussten die Franzosen<br />

die Geisterstadt wieder verlassen und wurden auf ihrem<br />

Rückzug von der russischen Armee vernichtend geschlagen.<br />

Im zweiten Weltkrieg scheiterte der Versuch der deutschen<br />

Wehrmacht, Moskau einzunehmen, genau so katastrophal.<br />

Lediglich einer vereinten Armee von Polen und Litauern war<br />

es Anfang des 17. Jahrhunderts gelungen, die Stadt eine Zeitlang<br />

besetzt zu halten. <strong>Die</strong>se Zeit der „Smuta“ steckt bis heute<br />

wie ein Stachel im Nationalbewusstsein der Russen, und so<br />

ist seit 1990 auch nicht mehr der Tag des Sieges über Nazideutschland<br />

(9. Mai), sondern der 12. Juni, der Jahrestag der<br />

Befreiung Moskaus von der Polenherrschaft, russischer Nationalfeiertag.<br />

heit: die rechte Ecke (wenn wir von der<br />

Seite des Eingangs schauen). Hier befindet<br />

sich eine Nische. Solche Stellen<br />

absorbieren – geomantisch gesehen –<br />

die Energie. Hier stand Stalin immer,<br />

wenn er eine militärische Parade oder<br />

Demonstration abgenommen hat. Er<br />

wusste die energetischen Eigenschaften<br />

der Pyramide zu benutzen. Man<br />

sagt, dass Stalin über die negative<br />

Wirkung der Pyramide wusste. Deshalb<br />

hat er immer probiert, so viel Zeit<br />

außerhalb von Moskau zu verbringen,<br />

wie ihm nur möglich war. Er saß dann<br />

auf seiner Datscha oder auf der Krim.<br />

Boris Jelzin machte die Zikkurat<br />

krank, auch Michail Gorbatschow<br />

wurde im Kreml<br />

krank. Wladimir Putin arbeitet dort<br />

demonstrativ nur. Er wohnt nicht in<br />

der Hauptstadt.<br />

Was bestimmt interessant ist –<br />

das ganze Mausoleum erfüllt seine<br />

Funktion schlecht. Viele Jahre glaubte<br />

man, Lenins Leichnam sei perfekt<br />

einbalsamiert, doch im Innern der<br />

Zikkurat herrschen Bedingungen,<br />

die verursachen, dass alles schneller<br />

verwest, verfault. Auch die ganze<br />

Steinkonstruktion bröckelte in den<br />

70er Jahren des 20. Jh. und wurde<br />

erneuert.<br />

Russische Journalisten sind der<br />

Meinung, dass die Pyramide eine Art<br />

Störfunktion hat. Wenn man davon<br />

ausgeht, dass unser Universum ein<br />

energetisches Informationsfeld ist,<br />

stört die Pyramide auf dem Roten<br />

Platz dieses Feld.<br />

Das Schicksal der Mumie<br />

Es gibt Projekte, die besagen, dass<br />

Lenins Leichnam aus der Pyramide<br />

entfernt werden sollte. Das ganze<br />

Gebäude sollte abgerissen und die<br />

sterblichen Überreste Lenins beigesetzt<br />

werden. Doch vor kurzem hat<br />

das Büro von Premierminister Medwedew<br />

offiziell erklärt, dass „die<br />

Beisetzung von Lenin keine<br />

Aufgabe für die heutige Generation<br />

ist.“<br />

<strong>Die</strong> Stellung der<br />

Hände von Lenins<br />

Mumie (mehr darüber<br />

auf der Seite<br />

ari.ru) macht<br />

deutlich, dass wir<br />

mit seiner „Anwesenheit“<br />

in<br />

Moskau<br />

noch<br />

lange<br />

rechnen<br />

müssen.<br />

Das Gespräch mit Oleg machte<br />

mich nachdenklich. Tatsächlich hat<br />

die Mumie von Lenin viele Stürme<br />

der Geschichte überstanden. Zufälle?<br />

Magie? Magie macht die kleinsten<br />

Zufälle möglich… Wie oft hat sie eine<br />

unsichtbare Rolle in der Geschichte<br />

gespielt? Eines ist sicher: Jeder Russe<br />

ist „zur Magie verurteilt“. ■<br />

Rekonstruktion der Zikkurat<br />

von Etemenanki, Babylon<br />

(Pergamon-Museum, Berlin).<br />

War sie das Vorbild für das<br />

Lenin-Mausoleum?<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 31


Juan <strong>Die</strong>go hörte einen<br />

"himmlischen Gesang",<br />

dann sah er sich einer<br />

wunderbaren Gestalt<br />

gegenüber.<br />

32<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


diese himmlische Musik, und er hörte,<br />

wie jemand seinen Namen rief. Auf<br />

dem Gipfel angekommen, sah er sich<br />

nun einer wunderbaren Gestalt, einem<br />

„Edelfräulein“, gegenüber:<br />

<strong>Die</strong>go erfuhr, daß sie die heilige<br />

Jungfrau Maria sei und einen<br />

Auftrag für ihn habe. Er sei<br />

dazu auserwählt, an diesem Ort auf<br />

dem Tepeya für die Mutter Gottes ein<br />

Heiligtum zu errichten. Dazu soll er<br />

nach Mexiko-City gehen, um diesen<br />

heiligen Auftrag dem dortigen Bischof<br />

Das Wunder von<br />

Guadalupe,<br />

Mexiko 1531<br />

Lars A. Fischinger<br />

Damals wie heute ist es Brauch, verschiedene<br />

Gegenstände an der Tilma<br />

zu reiben (hier reibt eine Gläubige eine<br />

Kerze an einer Tilma-Kopie). Dennoch<br />

wurde das Gewebe der Tilma in all<br />

den Jahrhunderten dadurch nicht<br />

beschädigt.<br />

Wunder gibt es immer wieder.<br />

So sagt es der Volksmund.<br />

Aber „Wunder“ sind auch<br />

fester Bestandteil aller Religionen<br />

der Welt. Vor allem auch im Christentum<br />

werden Wunder gerne als<br />

Zeichen Gottes oder des Himmels<br />

angenommen. Und die so genannten<br />

Marienerscheinungen sind dabei in der<br />

gesamten christlichen Welt ein fundamentaler<br />

Bestandteil der Glaubenswelt.<br />

Doch auch wenn die wenigsten<br />

Erscheinungen von den entsprechenden<br />

vatikanischen Untersuchungsbehörden<br />

anerkannt werden, so ist<br />

eine aber für die Kirche unumstritten:<br />

Guadalupe in Mexiko-Stadt.<br />

Der erste Papst, der das Wunder<br />

von 1531 offiziell anerkannte, war<br />

1754 Benedikt XIV. Auch andere Päpste<br />

nach ihm betonten die Echtheit<br />

der Erscheinung, und im Jahre 1976<br />

wurde aufgrund des großen Zustroms<br />

von gläubigen Pilgern sogar eine neue<br />

Basilika mit Platz für ca. 10.000 Menschen<br />

gebaut.<br />

Doch was war damals geschehen?<br />

Am 9. Dezember 1531 machte sich<br />

der aztekisch-stämmige Christ Juan<br />

<strong>Die</strong>go aus Tolpetlac auf den Weg zur<br />

heiligen Messe. Auf dem Wege dorthin<br />

passierte er den Hügel Tepeyac<br />

und hatte dort seine erste Begegnung<br />

mit der rätselhaften Erscheinung. Von<br />

der Spitze des Hügels herab konnte<br />

<strong>Die</strong>go eine für ihn übernatürlich erscheinende<br />

Musik und einen „wunderbaren<br />

himmlischen Gesang“ vernehmen.<br />

Plötzlich aber verstummte<br />

Modell des Stadtkerns von Tenochtitlan<br />

im Zeitalter des aztekischen<br />

Großreiches. Anthropologisches<br />

Museum von Mexico City.<br />

P. Juan de Zumárraga zu unterbreiten.<br />

Natürlich machte sich <strong>Die</strong>go auf<br />

den Weg zum Bischof. Doch Bischof<br />

Zumárraga war verständlicherweise<br />

mißtrauisch gegenüber der Bitte des<br />

Azteken <strong>Die</strong>go. Und so entließ er <strong>Die</strong>go<br />

mit dem Hinweis, bei Zeiten über<br />

das Gehörte nochmals nachzudenken.<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 33


Juan <strong>Die</strong>go verließ Mexiko-City und begab sich zurück<br />

zum Hügel der Erscheinung, wo es erneut zu einer<br />

Begegnung mit der heiligen Mutter Gottes kam. <strong>Die</strong>go<br />

berichtete, daß er mit Sicherheit der falsche Mann für diese<br />

Aufgabe sei und sie doch bitte einen anderen in ihrem<br />

Namen zum Bischof schicken solle. Doch <strong>Die</strong>go sei der<br />

Vermittler ihrer Bitte und solle am folgenden Tag gleich<br />

wieder zum Bischof gehen, um seiner Forderung Nachdruck<br />

zu verleihen.<br />

So sprach <strong>Die</strong>go am kommenden Tag erneut bei Bischof<br />

Zumárraga vor. Doch dieser war weiterhin nicht überzeugt,<br />

daß der Azteke die Wahrheit sprach. Auf das Wort<br />

eines einzelnen Mannes könne er nicht eine Kirche bauen,<br />

so der Bischof. <strong>Die</strong>go solle einen Beweis bringen, daß er<br />

tatsächlich „von der Königin des Himmels persönlich gesandt“<br />

wurde.<br />

Auf dem Weg zurück traf <strong>Die</strong>go ein drittes Mal auf die<br />

„Königin des Himmels“ und schilderte ihr erneut seinen<br />

Mißerfolg. Doch <strong>Die</strong>go erfuhr, daß er am kommenden Tag<br />

erneut hierher kommen soll und dann den geforderten Beweis<br />

erhalten werde. Nun wurde es sehr interessant, denn<br />

<strong>Die</strong>go kam natürlich wieder zum verabredeten Treffpunkt,<br />

und die heilige Dame trug <strong>Die</strong>go auf, er soll zum Gipfel<br />

steigen und dort die Blumen pflücken, die er dort vorfinden<br />

wird. Schon das verwunderte <strong>Die</strong>go, denn es war mitten im<br />

Winter! Im Dezember ist es auch in Mexiko kalt, und von<br />

einer Blumenpracht kann keine Rede sein.<br />

Was hier vor über 450 Jahren geschehen ist, gilt bis<br />

heute als Wunder. <strong>Die</strong> Zeugen, die 1531 bei der<br />

Manifestation des Bildes der „lieben Frau“ zugegen<br />

waren, sahen die plötzliche Erscheinung des Bildes<br />

mit eigenen Augen. Aber das Originalbild dieses Wunders<br />

liegt bis heute vor! Es existiert noch immer – und es ist<br />

ohne Zweifel eine der erstaunlichsten Reliquien der Chri-<br />

Das Wunder von Guadalupe<br />

Doch an diesem Tage wuchsen dort die herrlichsten Blumen,<br />

und <strong>Die</strong>go sammelte sie begeistert auf und legte sie<br />

in seinen Umhang, die so genannte Tilma. <strong>Die</strong> Madonna<br />

trug ihm deutlich auf, daß diese Blumen der Beweis sind,<br />

den der Bischof verlangt habe. Ein drittes Mal machte sich<br />

<strong>Die</strong>go nun auf den Weg zum Bischof, und dieser war diesmal<br />

nicht allein in seinem Raum. Als ihn der Bischof fragte,<br />

ob er nun den Beweis habe – geschah das Wunder von<br />

Guadalupe:<br />

„Und dann breitete er seine weiße Tilma aus, in die hinein<br />

sie die Blumen gelegt hatte. Und sobald die verschiedenen<br />

kostbaren Blumen zu Boden fielen, da verwandelte<br />

die Tilma sich dort in ein Zeichen, es erschien plötzlich<br />

das geliebte Bild der Vollkommenen, der heiligen Jungfrau<br />

Maria. (...) Und als der regierende Bischof es sah, und<br />

alle die dort waren, knieten sie nieder, bewunderten sie es<br />

sehr.“<br />

<strong>Die</strong> Blumen lösten sich bei der Berührung des Bodens<br />

in Luft auf, aber von Erstaunen ergriffen blickten die Anwesenden<br />

auf ein Bild der Jungfrau Maria, das auf der 55<br />

Zentimeter breiten und 1,43 Meter langen Tilma erschien.<br />

Sofort erklärte sich der Bischof bereit, die Kirche am Ort<br />

der Erscheinung zu errichten, und am 26. Dezember 1531<br />

wurde das Bildnis der Madonna feierlich in die neue Kapelle<br />

getragen.<br />

Der Bischof forderte von<br />

<strong>Die</strong>go einen Beweis. Von<br />

der Madonna erfuhr er, er<br />

solle am kommenden Tag<br />

erneut kommen und würde<br />

dann den Beweis erhalten.<br />

<strong>Die</strong> Kapelle auf dem Gipfel<br />

des Tepeyac. Hier begegnete<br />

dem inzwischen<br />

heiliggesprochenen Juan<br />

<strong>Die</strong>go 1531 mehrfach die<br />

Mutter Gottes.<br />

34<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


<strong>Die</strong> Original-Tilma von<br />

Guadalupe in ihrem<br />

prachtvollen Rahmen,<br />

die seit 450 Jahren der<br />

Öffentlichkeit in einer<br />

„Dauerausstellung“<br />

gezeigt wird.<br />

<strong>Die</strong> Blumen lösten sich in<br />

Luft auf, und die Anwesenden<br />

blickten auf ein Bild<br />

der Jungfrau Maria, das<br />

auf <strong>Die</strong>gos Tilma erschien.<br />

stenheit. Als Wunder muß man eigentlich schon allein den<br />

Fakt bezeichnen, daß wir das Bildnis seit 1531 noch immer<br />

vorliegen haben. Der Stoff, aus dem die Tilma hergestellt<br />

wurde, hält normalerweise nicht länger als 20-25 Jahre.<br />

Doch bis heute ist an dem Gewebe keinerlei Spur einer<br />

Abnutzung zu sehen. Jahrhundertelang haben es fromme<br />

Menschen geküßt und gestreichelt, Weihrauch geopfert,<br />

unzählige Kerzen vor dem Bildnis angezündet und es zum<br />

Teil sogar kranken Menschen übergelegt. Dabei war das<br />

Bild über lange Zeiten hinweg offen in der Kapelle ausgestellt.<br />

Keine Glasscheibe schützte das heilige Relikt vor<br />

den Einwirkungen der Zeit. <strong>Die</strong> „Farben“ sind bis heute<br />

kräftig und frisch. Schon im Jahre 1979 stellte Professor<br />

Philip Callaham, Biophysiker an der Universität Florida,<br />

fest, daß die andauernde Bestrahlung des Bildes mit ultraviolettem<br />

Licht der Kerzen die Farben schon unlängst<br />

zerstört hätte.<br />

Doch Jahrzehnte zuvor, im Jahre 1936, kam es bereits<br />

zu einer anderen, seltsamen Entdeckung. Professor<br />

Richard Kuhn, Nobelpreisträger für Chemie von der<br />

Universität Heidelberg, bekam eine gelbe und eine rote<br />

Faser des Stoffes zu genauen Analysen. Professor Kuhn<br />

kam nach eingehenden Untersuchungen der Proben zu einem<br />

seltsamen Ergebnis, denn er konnte weder tierische,<br />

mineralische noch pflanzliche Farbstoffe in den Proben<br />

nachweisen.<br />

<strong>Die</strong> Ergebnisse von Professor Kuhns Forschungen<br />

wurden zehn Jahre später bestätigt. 1946 untersuchte<br />

man das gesamte Tuch mit einem Mikroskop.<br />

Dabei stellte sich heraus, daß es sich bei dem Abbild<br />

auf keinen Fall um ein Gemälde handeln kann – jegliche<br />

Spuren einer Pinselführung fehlten vollkommen. Auch der<br />

Physiker Professor Franciso Camps Rivera untersuchte<br />

das Material 1954 und 1966 auf Hinweise, daß hier ein Gemälde<br />

und somit eine Fälschung vorliegt. Doch auch seine<br />

Analysen kamen zu identischen Ergebnissen.<br />

Den endgültigen Nachweis, der die These einer geschickt<br />

angefertigten Fälschung widerlegte, erbrachten<br />

1979 der schon erwähnte Professor Philip Callaham und<br />

Professor Jody Smith. Durch ihre Infrarotuntersuchungen<br />

wiesen sie nach, daß das Bild keine Untermalung oder<br />

Grundierung besitzt. Auch wird das Motiv auf dem Tuch von<br />

keiner Glasur oder ähnlichem vor der Witterung geschützt,<br />

was aufgrund des sehr guten Erhaltungszustandes sicher<br />

mehr als erstaunt. Auch eine Leimung schließen die beiden<br />

Forscher aus und bezeichneten das Phänomen des<br />

Tuches als „phantastisch“. Sogar die Zwischenräume der<br />

einzelnen Fasern waren leer; es fanden sich keine Farben<br />

oder andere Materialien dazwischen. Ein Team von KO-<br />

DAK gab im Jahre 1963 sogar bekannt, daß das Abbild der<br />

Madonna „den Charakter einer Fotografie“ habe. Erklären<br />

konnten sie es nicht. [Nach heutigen Erkenntnissen würde<br />

man es als holographische Abbildung bezeichnen. d. Red.]<br />

Bilder in den Augen?<br />

Doch die Tatsache, daß das dennoch umstrittene Abbild<br />

der Maria auf dem Mantel mit Sicherheit kein Gemälde<br />

ist, ist nur eine Besonderheit. Eine andere Eigenart und<br />

sicher auch bedeutendere Feststellung sind die seltsamen<br />

Details des Bildes an sich. Im Jahr 1929 machte der<br />

mexikanische Fotograf Alfonso Gonzales als erster die<br />

Entdeckung, daß das Abbild der Jungfrau angeblich versteckte<br />

Szenen enthält. Er wies die kirchlichen Behören<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 35


Der heilige Juan <strong>Die</strong>go.<br />

Gemälde von Miguel Cabrera<br />

(18. Jh.)<br />

darauf hin, daß er in den Augen<br />

der Mutter Maria das Gesicht<br />

eines Menschen fand. Doch mit<br />

seiner Entdeckung konnte man<br />

lange nichts anfangen, und so<br />

dauerte es noch bis zum Jahre<br />

1951.<br />

Am 29. Mai griff der Grafiker<br />

Carlos Salinas diese Entdeckung<br />

wieder auf und stellte<br />

eigene Untersuchungen an.<br />

Salinas fand tatsächlich in der<br />

Pupille des rechten Auges das<br />

Abbild eines Mannes mit Bart.<br />

Sogleich unterrichtete er Luis<br />

Maria Martinez, Erzbischof<br />

von Mexiko-City. Salinas hatte<br />

mehr Glück als Gonzales 1929,<br />

denn der Erzbischof rief eine<br />

Sonderkommission ein, die das<br />

Abbild genauer untersuchen<br />

sollte. <strong>Die</strong> Untersucher bestätigten<br />

am 11. Dezember 1955<br />

nicht nur das Vorhandensein eines menschlichen Gesichtes<br />

im Auge der Abbildung, sondern sprachen dies sogar<br />

Juan <strong>Die</strong>go zu.<br />

<strong>Die</strong> Entdeckungen gingen noch weiter. Schon im Juli<br />

1956 konnten die Augenärzte Dr. Javier Torroelle Bueno<br />

und Rafael Torifa Lavoignet die Ergebnisse nicht nur bestätigen,<br />

sondern noch erweitern. Lavoignet wies darauf<br />

hin, daß die Abbildungen in den Augen der heiligen Madonna<br />

exakt einer Spiegelung entsprechen, wie sie in einem<br />

echten menschlichen<br />

Auge entstehen kann. „<strong>Die</strong><br />

Verzerrung und die Stelle<br />

des optischen Bildes stimmen<br />

mit dem überein, was<br />

in einem normalen Auge<br />

produziert wird“, schrieb<br />

Lavoignet.<br />

Doch die Untersuchungen<br />

des Augenarztes<br />

Dr. C. Wahlig und<br />

seines Teams aus Optikern<br />

und Ärzten übertrafen alle<br />

bisherigen. Ihnen gelang es<br />

nicht nur, weitere „Personen“<br />

in den Augen des Bildes<br />

nachzuweisen, sondern<br />

sie konnten sogar rekonstruieren,<br />

in welcher Anordnung<br />

sich diese befanden.<br />

Dr. Wahlig vermutet,<br />

daß die Szene in den Augen<br />

der Jungfrau Maria exakt jener Szene entspricht, wie sie<br />

sich im Dezember 1531 in den Räumen des Bischofs von<br />

Mexiko-City zugetragen hat, als Juan <strong>Die</strong>go die Blumen vor<br />

den Geistlichen auf den Boden warf. <strong>Die</strong> letzte derartige<br />

Untersuchung der Augen des Madonna-Bildnisses wurde<br />

1986 von dem Augenarzt Dr. Jorge Padilla durchgeführt.<br />

Mittels Computeranalysen und Aufnahmen durch ein Elektronenmikroskop<br />

bestätigte Dr. Padilla die Existenz der<br />

Personen im vollen Umfang.<br />

Blick vom Hügel Tepeyac.<br />

Im Vordergrund die alte<br />

Basilika und dahinter die<br />

große neue Basilika, in der<br />

die Tilma ausgestellt ist.<br />

Wissenschaftler bestätigen:<br />

In den Augen der Jungfrau<br />

Maria spiegeln sich die<br />

Bilder Juan <strong>Die</strong>gos und<br />

weiterer Personen.<br />

36<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Ein „Wink des Himmels“<br />

Was mag hier vor Jahrhunderten<br />

geschehen<br />

sein? <strong>Die</strong> Ereignisse von<br />

Guadalupe liegen lange<br />

zurück, sind aber vom Vatikan<br />

als eine Art „Wink<br />

aus dem Himmel“ anerkannt.<br />

Und wir haben bei<br />

der Erscheinung der Mutter<br />

Gottes ein Zeichen bis<br />

heute vorliegen. Bei allen<br />

Untersuchungen des Bildes<br />

verstärkten sich die<br />

Hinweise, daß wir hier tatsächlich<br />

eine unerklärliche Situation vor uns haben. <strong>Die</strong><br />

Abbildung ist kein Gemälde, es ist seit über 475 Jahren in<br />

einem bemerkenswert guten Erhaltungszustand, in den<br />

Augen wurden mutmaßlich die Abbildungen von Menschen<br />

nachgewiesen, die angeblich sogar jene Personen sind, die<br />

im Dezember 1531 beim Wunder anwesend waren. Und<br />

vom Bildnis sollen „Wunder“ ausgehen.<br />

Wie vom heiligen Wallfahrtsort Fatimá und anderen<br />

wird auch von dem Bildnis in Guadalupe berichtet,<br />

es habe Menschen geheilt usw. Auch einer<br />

Wasserquelle, die am Ort der Erscheinungen entspringt,<br />

werden heilende Wirkungen nachgesagt. Doch das größte<br />

Wunder ist wohl die Tatsache, daß das Bild der heiligen<br />

Jungfrau zu einer Zeit erschien, als das große Volk der<br />

Azteken seine schlimmsten Jahre durchlebte. <strong>Die</strong> spanischen<br />

Eroberer schafften es in rund 40 Jahren, nicht nur<br />

ein riesiges Reich zu<br />

zerschlagen, sondern<br />

fast das gesamte<br />

Volk der Azteken<br />

auszulöschen.<br />

In diesen Tagen des<br />

Untergangs erschien<br />

das Bild. Und im<br />

Zuge dieses Wunders<br />

ließen sich über neun<br />

Millionen Azteken<br />

taufen und vermischten<br />

sich mit den Spaniern<br />

. . . ■<br />

Lars A. Fischinger ist einer der bekanntesten<br />

Journalisten und Autoren zu Themen wie Prä-<br />

Astronautik, Grenzwissenschaft, Geheimnisse<br />

der Archäologie und Mysterien der Geschichte.<br />

Er befasst sich seit über 20 Jahren mit den<br />

großen und kleinen Rätseln der Menschheit und<br />

ist Autor zahlreicher erfolgreicher Sachbücher<br />

und Artikel. Darunter befinden sich auch<br />

zahlreiche kritische Veröffentlichungen. Zuletzt erschienen von<br />

Fischinger die Titel "Verbotene Geschichte" und "Historia Mystica".<br />

Web: www.Fischinger-online.net.<br />

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RASCH BREITETE SICH<br />

DIE Hysterie IM GANZEN<br />

ORT AUS.<br />

<strong>Die</strong><br />

Hexenprozesse<br />

von Salem<br />

W<br />

Wenn das Gruppenbewusstsein tötet<br />

Franz Bludorf<br />

38<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


<strong>Die</strong> Mädchen von Salem bezichtigen<br />

andere Mitbürger von Salem der Hexerei,<br />

um sich selbst vor dem Galgen zu<br />

retten. Szene aus dem Film „Hexenjagd“<br />

(Originaltitel: The Crucible, USA 1996).<br />

Quelle: Twentieth Century Fox,<br />

enn man heute nach<br />

Salem im US-Bundesstaat<br />

Massachusetts fährt, etwa<br />

26 Kilometer nördlich von Boston,<br />

so kommt man in eine typische,<br />

etwas verschlafene Kleinstadt, wie<br />

man sie in den Neuengland-Staaten<br />

der US-Ostküste überall findet. Doch<br />

wenn man den Ort genauer in Augenschein<br />

nimmt, scheint überall unter<br />

der dünnen Decke kleinbürgerlicher<br />

Zivilisation das Grauen zu lauern.<br />

So sollten ängstliche Naturen es<br />

tunlichst vermeiden, im Hawthorne-<br />

Hotel abzusteigen, und wenn doch,<br />

dann zumindest nicht Zimmer 325<br />

oder 612 zu bewohnen. In Zimmer<br />

325 sollen sich mitten in der Nacht<br />

Wasserhähne von selbst öffnen, und<br />

zuweilen hört man<br />

das Weinen eines<br />

- nicht vorhandenen<br />

- Babys. Der<br />

sechste Stock hingegen<br />

ist für seine<br />

„Cold Spots“ berüchtigt,<br />

geheimnisvolle<br />

Stellen, an<br />

denen empfindsame<br />

Menschen von<br />

einer unheimlichen<br />

Grabeskälte beschlichen<br />

werden.<br />

Kronleuchter sol-<br />

begin-<br />

R<br />

len von selbst zu<br />

schwingen<br />

nen, und in Zimmer<br />

612 spürt man die<br />

Anwesenheit einer<br />

unsichtbaren Person.<br />

Nur fünf Minuten<br />

zu Fuß vom<br />

Hotel kommt man<br />

zu einem Laden<br />

mit dem mysteriösen<br />

Namen „The<br />

White Pentacle“<br />

(„Das weiße Pentagramm“),<br />

in dem<br />

„exzellente“ Hilfsmittel<br />

zur Ausübung<br />

der Hexenkunst<br />

und Magie<br />

angeboten werden.<br />

Im historischen<br />

John Ward House<br />

dagegen soll des<br />

Nachts der Geist<br />

von Giles Cory umgehen,<br />

der Ende<br />

des 17. Jahrhunderts<br />

auf Anordnung<br />

des Bezirkssheriffs George<br />

Corwin zu Tode gefoltert<br />

wurde.<br />

Rätselhafte Vorfälle<br />

im Pfarrhaus<br />

Und damit hat sich<br />

bereits das Tor zur<br />

Vergangenheit geöffnet.<br />

Einmal nur<br />

ist es Salem gelungen,<br />

den Weg in die<br />

Geschichtsbücher<br />

zu finden, als es<br />

nämlich zur ersten<br />

und einzigen größeren<br />

Hexenverfolgung<br />

in Nordamerika<br />

gekommen war. Begonnen hatte<br />

alles im Frühjahr des Jahres 1692, als<br />

sich Elizabeth Parris, die Tochter des<br />

örtlichen Pfarrers, und ihre Cousine<br />

Abigail Williams seltsam zu benehmen<br />

begannen. <strong>Die</strong> beiden Mädchen<br />

erlitten plötzliche Krampfanfälle,<br />

schrien und krümmten sich am Boden.<br />

Sie warfen die Bibel durch den<br />

Raum und behaupteten, in Tiere verwandelt<br />

worden zu sein. Beim Kirchgang<br />

störten sie den Gottesdienst, indem<br />

sie z. B. während des Gebets laut<br />

zu lachen begannen. Weder der Pfarrer<br />

noch der hinzugezogene Arzt wussten<br />

sich auf die seltsamen Symptome<br />

einen Reim zu machen, und so kamen<br />

die Leute von Salem schließlich überein,<br />

dass die Mädchen offensichtlich<br />

verhext worden waren.<br />

asch breitete sich<br />

die Hysterie im ganzen<br />

Ort aus. Sieben weitere<br />

Mädchen entwickelten die<br />

gleichen Symptome,<br />

darunter<br />

auch M a r y<br />

Warren, die a l s<br />

D i e n s t m ä d -<br />

c h e n<br />

im Haushalt des Bauern John Proctor<br />

und seiner Ehefrau Elizabeth arbeitete.<br />

Man befragte die Mädchen, ob sie<br />

irgendjemanden benennen könnten,<br />

der sie verhext hätte, und da sie<br />

fürchten mussten, selbst wegen ihres<br />

„gottlosen“ Benehmens bestraft<br />

zu werden, nannten die Jugendlichen<br />

relativ wahllos einige ortsansässige<br />

Personen, die in nicht allzu hohem<br />

Ansehen standen und daher gefahrlos<br />

beschuldigt werden konnten. Als<br />

erstes bezichtigten sie Tituba, die<br />

dunkelhäutige Sklavin von Elizabeth<br />

Das alte Pfarrhaus von Salem,<br />

wo alles begann.<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 39


Protokoll der gerichtlichen Vernehmung<br />

von Abigail Williams. (Ausriss)<br />

Parris‘ Vater, der<br />

Hexerei, ferner<br />

die trunksüchtige<br />

Bettlerin Sarah<br />

Good, die verkrüppelte<br />

Sarah Osborne,<br />

die drei Mal<br />

verheiratet gewesen<br />

war, sowie die<br />

Bäuerin Martha<br />

Cory, die ebenfalls<br />

nicht in der ehrbaren<br />

Gesellschaft<br />

Salems verkehren<br />

durfte.<br />

Bis heute gibt<br />

es Gerüchte, Tituba,<br />

die aus der<br />

Karibik stammte, hätte Abigail und<br />

Elizabeth während der langen (und<br />

langweiligen) Winternächte mit Voodoo-Vorführungen<br />

unterhalten, doch<br />

es gibt dafür keinerlei historische Beweise.<br />

Alle vier beschuldigten Frauen<br />

wiesen die Anklage der Hexerei entschieden<br />

von sich.<br />

Ein Ausbruch von Hysterie<br />

Doch die Mädchen waren zu überzeugend,<br />

als dass man die Glaubwürdigkeit<br />

ihrer Aussagen in Zweifel ziehen<br />

mochte. Es reichte nur die Anwesenheit<br />

oder eine kurze Berührung einer<br />

der Angeklagten, und eine oder mehrere<br />

von ihnen erlitten neue Anfälle.<br />

So kamen der Pastor und die anderen<br />

Honoratioren des Dorfes zu der Überzeugung,<br />

dass tatsächlich nur Hexerei<br />

im Spiel sein konnte.<br />

Es ist auch aus heutiger Sicht noch<br />

immer rätselhaft, was die hysterischen<br />

Symptome bei den Mädchen<br />

eigentlich ausgelöst haben mochte.<br />

Manche Historiker vermuten, die<br />

Mädchen hätten unter dem Einfluss<br />

von Drogen gestanden - möglicherweise<br />

unfreiwillig, weil sie mit Mutterkorn<br />

verunreinigtes Getreide gegessen<br />

hätten. <strong>Die</strong>ser Pilz, der häufig<br />

Getreidepflanzen als Parasit befällt,<br />

enthält halluzinogene Alkaloide, die<br />

dem LSD verwandt sind. Nur - warum<br />

waren dann die Eltern der Mädchen<br />

nicht auch betroffen, die doch vermutlich<br />

das Gleiche gegessen hatten?<br />

E<br />

i n e<br />

a n d e r e<br />

Theorie besagt,<br />

die Mädchen hätten<br />

die Anfälle absichtlich vorgetäuscht.<br />

D i e<br />

d u r c h -<br />

triebenste von<br />

ihnen war ohne<br />

Frage Abigail<br />

Williams, die in<br />

ihrem jungen Leben<br />

schon einiges<br />

mitgemacht hatte<br />

und daher nicht<br />

nur ziemlich hart<br />

im Nehmen war.<br />

Ihr war auch eine<br />

absichtliche Vortäuschung<br />

von<br />

H o r r o r s z e n e n<br />

zuzutrauen. Sie<br />

war Vollwaise<br />

und hatte mit ansehen<br />

müssen,<br />

wie bei einem der<br />

zahlreichen Indianerüberfälle, wie<br />

sie damals in Massachusetts noch<br />

an der Tagesordnung waren, ihre<br />

Eltern grausam ermordet worden<br />

waren. Seither lebte sie bei ihrem<br />

Onkel im Pfarrhaus. Abigail Williams<br />

gilt bis heute bei den Kritikern der<br />

Hexenverfolgung als Rädelsführerin<br />

einer Art Verschwörung der jungen<br />

Mädchen gegen die Bewohner des<br />

Ortes. Allerdings ist kein vernünftiger<br />

Grund bekannt, weshalb sie dies<br />

hätten tun sollen. Es ist auch nicht<br />

sehr wahrscheinlich, dass eine große<br />

Anzahl relativ ungebildeter Bauerntöchter<br />

so überzeugend hätte<br />

Theater spielen können, dass sie die<br />

gebildeten Leute der damaligen Zeit<br />

- Geistliche, Ärzte und Juristen - allesamt<br />

täuschen konnten.<br />

Es sieht eher danach aus, als ob<br />

höchstens eine von ihnen - mögli-<br />

Unten: Giles Corey unter der Folter<br />

(zeitgenössische Darstellung)<br />

Zeitgenössische Darstellung<br />

der Salemer<br />

Hexenprozesse.<br />

40 MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Das Hawthorne-Hotel in Salem, bis<br />

heute ein bekanntes Spukhaus.<br />

cherweise Abigail Williams - betrügerische<br />

Ziele verfolgte, die anderen<br />

hingegen eher in Form eines Gruppenbewusstseinsprozesses<br />

von der<br />

allgemeinen Hysterie angesteckt<br />

wurden. Sie glaubten womöglich<br />

am Ende selbst an das, was sie dem<br />

Gericht schilderten.<br />

Hexenverfolgung nach<br />

amerikanischer Art<br />

Für diese Deutung spricht, dass die<br />

Hysterie nicht bei den Mädchen Halt<br />

machte. Als der Fall bis nach Boston<br />

bekannt wurde, ordnete der von der<br />

britischen Krone eingesetzte Gouverneur<br />

von Massachusetts, Sir William<br />

Phips, eine gerichtliche Untersuchung<br />

an, mit deren<br />

Durchführung mehrere<br />

anerkannte Juristen<br />

beauftragt wurden,<br />

darunter der Bezirkssheriff<br />

George Corwin.<br />

Corwin logierte während<br />

seines Aufenthalts<br />

in Salem im Ward<br />

House, in dem, wie<br />

gesagt, eines seiner<br />

unschuldigen Opfer<br />

bis heute spuken soll.<br />

Durch die Einsetzung<br />

des Gerichts hoffte die<br />

britische Krone, Ruhe<br />

und Ordnung in Salem<br />

wieder herstellen zu<br />

können. Leider war<br />

das Gegenteil der Fall.<br />

B<br />

ald zeigte es<br />

sich, dass man<br />

in Salem mit<br />

dem ganzen Hexenwahn<br />

auf<br />

sehr „amerikanische“<br />

Weise<br />

umging (obwohl Massachusetts<br />

damals noch britische<br />

Kolonie war. <strong>Die</strong> USA wurden<br />

erst rund 80 Jahre später gegründet).<br />

<strong>Die</strong> Hexenprozesse von Salem ähnelten<br />

in nichts der Vorgehensweise der<br />

katholischen Inquisition in Europa<br />

oder der damals ebenso umtriebigen<br />

Hexenverfolgung durch die protestantischen<br />

Kirchen. Während hier in<br />

Europa der Hexerei bezichtigte Per-<br />

Das Ward House in Salem. Hier logierte<br />

der Bezirkssheriff George Corwin, und<br />

hier soll bis heute der Geist des zu Tode<br />

gefolterten Giles Corey umgehen.<br />

sonen in der Regel unter der Folter<br />

zu Geständnissen gepresst wurden<br />

und dann den Gang zum Scheiterhaufen<br />

anzutreten hatten, verfolgte man<br />

die Angelegenheit in Salem etwas<br />

zivilisierter - allerdings nur auf den<br />

ersten Blick. Noch heute geschehen<br />

Menschenrechtsverletzungen in den<br />

USA meist unter dem Deckmantel von<br />

Rechtsstaatlichkeit und Demokratie.<br />

Wer immer in Salem der Hexerei<br />

angeklagt wurde, hatte kein Todesurteil<br />

zu befürchten, sofern er ein<br />

Geständnis ablegte, sondern wurde<br />

nur milde bestraft. Nur wer standhaft<br />

leugnete, wurde als besonders verstockter<br />

Sünder gehängt. Geständige<br />

„Hexen“ hingegen wurden aufgefordert,<br />

die Person zu nennen,<br />

die sie „zusammen<br />

mit dem Teufel gesehen<br />

hatten“. Anders<br />

ausgedrückt - man<br />

befragte sie, wer sie<br />

zum Pakt mit dem Satan<br />

aufgefordert hätte.<br />

Ohne diese Aussagen<br />

wurde das Geständnis<br />

nicht akzeptiert.<br />

<strong>Die</strong>s führte dazu,<br />

dass immer weitere<br />

Bevölkerungskreise in<br />

den Hexereiverdacht<br />

kamen, da jeder Geständige<br />

mindestens<br />

einen weiteren „Schuldigen“<br />

benennen musste,<br />

um dem Galgen zu ent-<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 41


gehen. Auch das Gericht selbst und<br />

die meisten anderen Bewohner des<br />

Dorfes gerieten zunehmend unter<br />

den Einfluss des außer Kontrolle geratenen<br />

Gruppenbewusstseinsprozesses<br />

und ließen sich von der Hysterie<br />

anstecken. Manch einer hoffte<br />

auch, durch eine Anzeige gegen einen<br />

Nachbarn ungeklärte Ackergrenzstreitigkeiten<br />

zu seinen Gunsten „regeln“<br />

zu können.<br />

Wer besonnen blieb, wurde gehängt<br />

Wer immer in dieser gefährlich aufgeheizten<br />

Atmosphäre einen klaren Kopf<br />

zu behalten versuchte und die anderen<br />

zu besonnener Vorgehensweise aufforderte,<br />

geriet bald selbst unter Hexereiverdacht.<br />

So wurden schon bald<br />

auch John und Elizabeth Proctor sowie<br />

Martha Corys Ehemann Giles verhaftet.<br />

Giles Cory war bereits über 80<br />

Jahre alt und hatte mit seinem Leben<br />

abgeschlossen. Er lehnte es ab, zur<br />

Rettung seines Lebens ein falsches<br />

Geständnis abzulegen oder<br />

gar durch Falschaussage<br />

einen anderen Mitbürger<br />

zu beschuldigen. Da er die<br />

Aussage vor Gericht komplett<br />

verweigerte, konnte<br />

man nicht gegen ihn prozessieren<br />

und wandte daher<br />

die Folter an. Zwei Tage<br />

lang musste Giles Cory<br />

nackt im Freien auf dem<br />

Boden liegen, mit schweren<br />

Steinen auf der Brust. Das<br />

Gewicht der Steine wurde<br />

regelmäßig erhöht, um<br />

ihn doch noch zur Aussage<br />

zu zwingen, wodurch er<br />

schließlich qualvoll zu Tode<br />

gequetscht wurde.<br />

Auch das Ehepaar Proctor<br />

lehnte es ab, seine Ehre<br />

durch ein falsches Geständnis<br />

zu beschmutzen. John<br />

Proctor wurde gehängt.<br />

Seine Frau Elizabeth erhielt<br />

ein Jahr Strafaufschub, da<br />

sie zur Zeit des Prozesses<br />

schwanger war und das<br />

Gericht nicht auch das ungeborene<br />

Kind töten wollte.<br />

Überraschende Wendung<br />

Das war Elizabeths Glück.<br />

Im Laufe dieses Jahres<br />

bekamen mehr und mehr<br />

Menschen Zweifel an der<br />

Rechtmäßigkeit der hysterischen Hexenjagd,<br />

zumal erkennbar wurde, dass<br />

das ganze Dorf Salem aufgrund der<br />

Vorkommnisse in seiner Existenz bedroht<br />

war. <strong>Die</strong> Ernte fiel in diesem Jahr<br />

fast vollständig aus, da die Bauern ihre<br />

Felder vernachlässigten. Entweder<br />

weil sie verhaftet worden waren, oder<br />

weil sie aus Angst vor Verhaftung geflohen<br />

waren. Mehr als 150 Bewohner<br />

von Salem und Umgebung waren<br />

bereits eingekerkert und angeklagt<br />

worden - ein angesichts der geringen<br />

Größe des Dorfes erheblicher Bevölkerungsanteil.<br />

Interessanterweise<br />

regte<br />

sich der Widerstand gegen die<br />

Salemer Hexenprozesse<br />

vor allem in Kirchenkreisen.<br />

Einflussreiche Geistliche<br />

in Boston unter der Führung von<br />

Reverend Mather erwirkten, dass in<br />

Boston gegen die noch nicht exekutierten<br />

Angeklagten Revisionsprozesse<br />

eingeleitet werden sollten. Auf diese<br />

Weise verließ der Fall die Salemer Provinz<br />

und kam in die Hauptstadt Boston,<br />

wodurch auch die Massenhysterie abebbte.<br />

Obwohl die Revisionsverfahren<br />

teilweise von den gleichen Richtern<br />

verhandelt wurden, die schon mit den<br />

Prozessen in Salem betraut waren,<br />

wurde nun ein Angeklagter nach dem<br />

anderen freigesprochen. Im Januar<br />

1693 wurde der letzte Beschuldigte<br />

freigelassen. Auch Elizabeth Proctor<br />

entging auf diese Weise dem Galgen.<br />

Grausame Bilanz der Salemer<br />

Hexenverfolgungen: 20 unschuldige<br />

Menschen waren hingerichtet worden.<br />

Über das weitere Schicksal von<br />

Abigail Williams, die den ganzen Fall<br />

ins Rollen gebracht hatte, gibt es übrigens<br />

keine gesicherten historischen<br />

Belege und nur wenige vage Vermutungen.<br />

Gesichert ist nur, dass sie<br />

nach dem Ende der Hexenprozesse<br />

Salem verließ. Es gibt Hinweise, wonach<br />

sie sich in einer Stadt an der Ostküste<br />

niedergelassen und als Prostituierte<br />

durchs Leben geschlagen<br />

hat. Einer Quelle zufolge ist sie<br />

wohl nicht älter als 17 Jahre geworden.<br />

Salem heute<br />

Zweifellos sind die Salemer Hexenprozesse<br />

ein dunkler Punkt<br />

der US-Geschichte. Auch wenn<br />

die Ereignisse noch zur britischen<br />

Kolonialzeit stattfanden,<br />

zeigten sie wie gesagt bereits<br />

damals „stark amerikanische<br />

Züge“. Ausufernde Hexenjagden,<br />

eine vergiftete Atmosphäre,<br />

in der jeder jeden denunziert<br />

- all das ist auch in den USA des<br />

20. und 21. Jahrhunderts leider<br />

nicht ganz unbekannt, wenn<br />

auch heute vielleicht nicht mehr<br />

jeder sofort am Galgen endet.<br />

Insofern haben die USA aus ihrer<br />

Geschichte nicht allzu viel<br />

gelernt.<br />

Nicht nur George W. Bushs<br />

simple Schwarz-Weiß-Politik<br />

(„Wer nicht für mich ist, ist mein<br />

Feind“) erinnerte in mancher<br />

Hinsicht an Salem. Ein besonders<br />

tragisches Beispiel für<br />

eine moderne Hexenjagd war<br />

die Arbeit des „Komitees für<br />

unamerikanische Umtriebe“<br />

in den fünfziger Jahren des 20.<br />

Jahrhunderts, als jeder missliebige<br />

Mitbürger als „Kommu-<br />

42<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong><br />

Szenen aus dem Film „Hexenjagd“.<br />

In der Rolle der Abigail Williams ist Hollywood-Star<br />

Winona Ryder zu sehen.


Ein moderner Hexenjäger:<br />

Der US-Senator Joseph McCarthy<br />

Der US-Dramatiker Arthur Miller schrieb<br />

ein Bühnenstück über die Hexenverfolgung<br />

von Salem, meinte aber in Wirklichkeit<br />

McCarthys Kommunistenjagd.<br />

nist“ bezichtigt, verhaftet, aus dem Job<br />

entlassen oder des Landes verwiesen<br />

werden konnte. <strong>Die</strong>se Zeit eines fast<br />

hysterischen Misstrauens und der gegenseitigen<br />

Bespitzelung ist untrennbar<br />

verbunden mit dem Namen des<br />

fanatisch antikommunistischen Senators<br />

Joseph McCarthy, der den Vorsitz<br />

in besagtem Komitee führte.<br />

Unter den Opfern von McCarthys<br />

Hexenjagd waren auch zahlreiche<br />

Prominente, darunter Robert Oppenheimer,<br />

der Vater der amerikanischen<br />

Atombombe, der Schauspieler Charlie<br />

Chaplin sowie der vor den Nazis nach<br />

Amerika emigrierte Thomas Mann,<br />

den man nun als Stalin-Sympathisanten<br />

verunglimpfte, worauf er 1952 frustriert<br />

nach Europa zurückkehrte und<br />

Dsich in der Schweiz niederließ.<br />

ie bedrückende<br />

Atmosphäre<br />

in den USA<br />

während der<br />

McCarthy-Ära<br />

veranlassten<br />

den bedeutenden<br />

amerikanischen Dramatiker<br />

Arthur Miller, als Allegorie<br />

auf die damalige Zeit ein Theaterstück<br />

über die Salemer Hexenverfolgungen<br />

zu verfassen. Es kam 1953 zur Uraufführung.<br />

Direkt ein Drama über Mc-<br />

Carthys Komitee zu verfassen, wäre<br />

für Miller wohl seinerzeit zu gefährlich<br />

gewesen. Auch wenn nicht alle Handlungsstränge<br />

des Stückes die historischen<br />

Ereignisse hundertprozentig<br />

korrekt wiedergeben, ist Millers Drama<br />

nach wie vor ein nicht nur literarisch<br />

bedeutsames Werk, sondern ein<br />

Teil amerikanischer Vergangenheitsbewältigung.<br />

Es wurde auch mehrfach<br />

verfilmt. <strong>Die</strong> beste Version stammt<br />

von 1996, als Miller noch selbst das<br />

Drehbuch schrieb. Sein Schwiegersohn<br />

Daniel Day-Lewis übernahm eine<br />

der Hauptrollen und verkörperte den<br />

Farmer John Proctor. Hollywood-Star<br />

Winona Ryder spielte die Abigail Williams.<br />

Auch eine andere skandalöse Tatsache<br />

sollte nicht vergessen werden:<br />

Während die meisten Angeklagten von<br />

Salem bereits 1693 freigesprochen<br />

bzw. spätestens 1711 Nutznießer einer<br />

Generalamnestie wurden, blieben die<br />

vollstreckten Todesurteile gegen die<br />

20 Unschuldigen um John Proctor und<br />

Giles Cory bis in unsere Tage rechtskräftig.<br />

Erst 1957 wurde mit der als<br />

Hexe gehängten Ann Pudeator erstmals<br />

ein Salem-Opfer für unschuldig<br />

erklärt. Interessante Synchronizität,<br />

dass dies exakt damals, im Todesjahr<br />

Joseph McCarthys, geschah, also unmittelbar<br />

nach dem Ende der modernen<br />

Hexenjagd. <strong>Die</strong> letzten fünf Hingerichteten<br />

von Salem wurden erst am 5.<br />

November 2001 durch die Gouverneurin<br />

von Massachusetts rehabilitiert... ■<br />

Franz Bludorf ist Mathematiker, Physiker,<br />

Bestsellerautor und<br />

Chefredakteur der <strong>Matrix3000</strong>.<br />

Gemeinsam mit<br />

Grazyna Fosar verfaßte<br />

er bislang insgesamt<br />

20 Bücher zu grenzwissenschaftlichen<br />

und<br />

spirituellen Themen. Er<br />

ist Peer Reviewer beim<br />

International Journal of<br />

Physical Sciences. Seine Lieblingsgleichung<br />

ist die Wheeler-DeWitt-Gleichung.<br />

Hexenverfolgung<br />

IM 20. JAHRHUNDERT<br />

Wer glaubt, Hexenverfolgungen und Hexenprozesse<br />

habe es nur im „finsteren Mittelalter“<br />

oder zumindest in früheren Jahrhunderten gegeben,<br />

der irrt. Der letzte bekannte Fall eines<br />

Hexenprozesses, und zwar nicht irgendwo in<br />

einem exotischen Land, sondern hier bei uns in<br />

Europa, stammt aus dem Jahre 1944.<br />

Damals war allen Ernstes ein in Großbritannien<br />

seinerzeit noch gültiges Gesetz von 1735<br />

zur Anwendung gekommen. Helen Duncan<br />

aus dem Arbeitervorort Craigmillar der schottischen<br />

Hauptstadt Edinburgh wurde wegen<br />

„Hexerei“ zu neun Monaten Gefängnis verurteilt.<br />

<strong>Die</strong> Frau war seinerzeit eine in ganz Großbritannien<br />

bekannte Hellseherin, die zuweilen<br />

auch spiritistische Scéancen abhielt. Selbst<br />

Premierminister Winston Churchill und König<br />

Georg VI., der Vater der heutigen Queen Elizabeth<br />

II., hatten bereits ihren Rat gesucht.<br />

Wodurch hatte sich die Hellseherin also<br />

derart unbeliebt gemacht, dass man ihr den<br />

Prozess machte? Es war die Zeit kurz vor dem<br />

D-Day, der alliierten Invasion in der Normandie.<br />

Helen Duncan hatte eine spiritistische<br />

Scéance abgehalten, bei der sich ein verstorbenes<br />

Besatzungsmitglied des Kriegsschiffs<br />

HMS Barham gemeldet hatte. Der britische<br />

Militärgeheimdienst MI5 hatte aber noch gar<br />

nicht offiziell bekanntgegeben, dass das Schiff<br />

versenkt worden war, und wollte diese Tatsache<br />

auch noch geheim halten. Woher also wusste<br />

Helen Duncan davon? War sie eine Spionin?<br />

Zumindest galt sie plötzlich als Gefahr für die<br />

nationale Sicherheit, und als einfachste Möglichkeit,<br />

sie mundtot zu machen, bediente man<br />

sich des alten Gesetzes gegen Hexerei.<br />

Als die Frau verhaftet wurde, war auch ihre<br />

Familie gebrandmarkt. Plötzlich begann man<br />

in der Nachbarschaft über den „bösen Blick“<br />

zu spekulieren und jede Erkrankung eines Anwohners<br />

argwöhnisch zu hinterfragen. Helen<br />

Duncan musste ihre Haftstrafe voll absitzen.<br />

Sie starb verbittert im Jahre 1956. Obwohl<br />

Churchill das Anti-Hexen-Gesetz 1951 abschaffte,<br />

blieb das Urteil gegen Helen Duncan<br />

rechtskräftig.<br />

Noch ihre Enkeltochter Mary Martin hatte<br />

unter der Verurteilung ihrer Großmutter zu<br />

leiden. In der Schule hatten Mitschülerinnen<br />

sie fortwährend als „Teufelsbrut“ gehänselt<br />

und ihr hinterhergerufen, dass ihre Oma eine<br />

„Hexe“ war. 2007 wandte sich Mary Martin an<br />

den damaligen Premierminister Tony Blair mit<br />

der Bitte, das Urteil gegen ihre Großmutter<br />

endlich aufzuheben. <strong>Die</strong> Wiederbelebung des<br />

Heidentums und alle Arten spiritueller Praktiken<br />

sind schließlich seit der Esoterik-Welle<br />

auch in England längst alltäglich geworden.<br />

Doch wie sich herausstellte, konnte auch der<br />

Premier gegen das letzte Hexenurteil Europas<br />

nicht viel ausrichten. Da das Urteil seinerzeit<br />

vom Obersten Strafgericht in London gefällt<br />

worden war, kann die Ehrenrettung Helen Duncans<br />

nur auf persönliche Empfehlung der Königin<br />

erfolgen. Und die hat bislang zu dem Fall<br />

geschwiegen.<br />

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Franz Bludorf<br />

Laura O'Flanagan<br />

Grazyna Fosar<br />

Ralf Lehnert<br />

Jacek Matlak<br />

Leigh Richmond<br />

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Roland Rottenfußer mit Holdger Platta<br />

46<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Keine Partei ist älter als die SPD. Keine<br />

ist so eng mit den Höhenflügen und<br />

Brüchen deutscher Geschichte verbunden,<br />

keine wurde so geliebt, und<br />

keine hat so bitter<br />

enttäuscht. Es<br />

führte ein weiter<br />

Weg von Ferdinand<br />

Lassalle über Willy<br />

Brandt bis zu Peer<br />

Steinbrück – von<br />

den Wurzeln in der<br />

Arbeiterbewegung<br />

über den Widerstand<br />

im Nationalsozialismus<br />

bis zu<br />

Kosovo-Krieg und<br />

B a n k e n r e t t u n g .<br />

Allerdings täuscht<br />

der Eindruck, die<br />

Sozialdemokraten<br />

seien sich in<br />

der Ära Schröder<br />

„plötzlich“ selber<br />

untreu geworden.<br />

Schon sehr lange<br />

agieren sie im<br />

Grunde systemstabilisierend.<br />

In<br />

diesem Jahr feiert<br />

sich die SPD nun<br />

kräftig selbst. Doch<br />

es bleibt die bange<br />

Frage, welche Zukunft<br />

eine Partei<br />

hat, die sich dem<br />

neoliberalen Geist<br />

fast bis zur Unkenntlichkeit<br />

angepasst<br />

hat und schon<br />

vielfach zuvor in ihrer<br />

Geschichte die<br />

eigenen Anhänger<br />

und Ziele verriet.<br />

„Brecht die Not der Sklaverei!“ 1863 gründete Ferdinand Lassalle den<br />

„Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“, aus dem später die SPD entstand.<br />

1912 wird die SPD erstmals stärkste Fraktion im Reichstag, doch sie arrangiert<br />

sich mit dem damaligen System. Unter der Führung von Fraktionschef<br />

Friedrich Ebert (1. Reihe, 6. v. r.), dem späteren ersten Reichspräsidenten der<br />

Weimarer Republik, unterstützt die SPD die Kriegspolitik von Kaiser Wilhelm II.<br />

Irgendwann in<br />

der Zukunft: <strong>Die</strong><br />

Gesellschaft ist<br />

drastisch in arm und<br />

reich gespalten. <strong>Die</strong><br />

Arbeiter leben „in der Tiefe“, in unterirdischen<br />

Städten, um sich bis zur<br />

Erschöpfung in einer inhumanen Maschinenwelt<br />

abzurackern. <strong>Die</strong> reiche<br />

Oberkaste, Nutznießerin des Fleißes<br />

von unzähligen Arbeitssklaven, sonnt<br />

sich derweil, der gesellschaftlichen Zusammenhänge<br />

unbewusst, in Lustgärten<br />

und auf Fitness-Parcours. Nur eine<br />

Hoffnung scheint es für die Versklavten<br />

zu geben: Arbeiterführerin Maria entzündet<br />

die Herzen derer in der Tiefe<br />

durch aufrührerische Reden. Dem<br />

kann Konzernchef Fredersen nicht tatenlos<br />

zusehen. Kurzerhand ersetzt<br />

er Maria durch eine synthetische Roboter-Doppelgängerin.<br />

„Ich will, dass<br />

du zu denen in der Tiefe gehst, um das<br />

Werk deines Vorbilds zu vernichten.“<br />

Eine beklemmende Vision aus Fritz<br />

Langs berühmtem Film „Metropolis“<br />

von 1927 – und eine brillante Spiegelung<br />

der Sozialdemokratie.<br />

Ähnlich<br />

der SPD von heute<br />

wird in „Metropolis“<br />

eine Idealistin<br />

durch eine Idealisten-Darstellerin<br />

ersetzt, die in<br />

Wahrheit die Interessen<br />

des Kapitals<br />

vertritt.<br />

In kaum einem<br />

Sozialdemokraten<br />

vereinten sich<br />

diese Darsteller-<br />

Qualitäten deutlicher<br />

als in Gerhard<br />

Schröder. Kaum an<br />

der Macht, sorgte<br />

der dritte Bundeskanzler<br />

der SPD<br />

für eine massive<br />

Einkommensumverteilung<br />

von unten<br />

nach oben. Der<br />

Wirtschaftswissenschaftler<br />

Conrad<br />

Schuhler benannte<br />

diese Tendenz (die<br />

ja global zu beobachten<br />

ist) als<br />

ursächlich für die<br />

Finanzkrise. „Je höher<br />

die Einkommen,<br />

desto höher die<br />

Massenkaufkraft.<br />

Je höher der Anteil<br />

der Unternehmer<br />

und Großverdiener,<br />

desto mächtiger<br />

die Finanzströme,<br />

die sich aus dem<br />

Realsektor in die<br />

Finanzwirtschaft<br />

ergießen und dort<br />

Fantasieprofite erzielen sollen, die<br />

nicht durch die realwirtschaftliche Entwicklung<br />

gedeckt sind.“ Und Schuhler<br />

an späterer Stelle: „Gleichzeitig mit<br />

dem Senken der Masseneinkommen<br />

hat man eine Steuerreform zugunsten<br />

der Konzerne und der Reichen durch-<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 47


Rechtsgerichtete Umsturzversuche waren in der Weimarer Republik an<br />

der Tagesordnung. Das Bild zeigt Angehörige eines Freikorps am Potsdamer<br />

Platz in Berlin während des Kapp-Putschs (1920).<br />

Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg wenden sich<br />

von der nach rechts gerückten SPD ab, treten dem<br />

Spartakusbund bei und gründen die Kommunistische<br />

Partei Deutschlands (KPD). 1919 werden sie<br />

von rechtsgerichteten Freikorps ermordet.<br />

geführt. Jährlich 30 Milliarden mehr<br />

für die hohen Einkommen und Vermögensbezieher.“<br />

„New SPD“ auf Reformkurs<br />

Schröders „New SPD“ (wie wir sie in<br />

Anlehnung an Blairs New Labor nennen<br />

wollen) brach das Nachkriegstabu,<br />

nie wieder Krieg auf fremdem Boden zu<br />

führen, deregulierte die Finanzströme,<br />

schuf mit der Agenda 2010 eine Drohkulisse,<br />

mit deren Hilfe Arbeitnehmer<br />

folgsamer wurden und Arbeitsuchende<br />

zu Billigarbeitskräften – und ein<br />

Gesetzeswerk, das zig Millionen Menschen<br />

in tiefstes Elend herunterreglementierte.<br />

Von Anfang an mit im Boot:<br />

Peer Steinbrück. <strong>Die</strong> Hoffnung vieler<br />

Deutscher auf einen politischen Wechsel<br />

konzentriert sich derzeit auf einen<br />

Mann mit sehr eigentümlichen Vorstellungen<br />

von sozialer Gerechtigkeit.<br />

18.000 Euro pro Monat, so Steinbrück,<br />

seien unterbezahlt für den Posten, den<br />

er für sich selber anstrebt: den des<br />

Kanzlers. Uns würden auf Anhieb unzählige<br />

Berufe einfallen, die wirklich<br />

unterbezahlt sind – zu schweigen von<br />

den sklavenähnlichen Verhältnissen,<br />

für die ebendieser Steinbrück aufgrund<br />

seiner Beteiligung an der Agenda 2010<br />

mitverantwortlich ist. Ein Pinot Grigio-<br />

Sozialist wie Steinbrück redet entweder<br />

ehrlich oder sozial – nie beides.<br />

Wir müssen uns der bitteren Wahrheit<br />

stellen: Von der „New SPD“ kann nicht<br />

mehr verlangt werden, tatsächlich einen<br />

Sozialdemokraten zum Kanzler zu<br />

nominieren.<br />

Eine dynamische Enkelriege um<br />

Lafontaine, Engholm und Scharping<br />

– das schien in den späten<br />

80ern noch eine ernstzunehmende<br />

politische Hoffnung zu sein – zumal<br />

in Kombination mit einer noch weniger<br />

glatt geschliffenen grünen Partei.<br />

Eine solche Jungpolitiker-Riege ist<br />

heute nicht annähernd in Sicht. Nachdem<br />

Müntefering, Platzeck und Beck<br />

als Vorsitzende verschlissen waren,<br />

schien Gabriel der einzige zu sein, der<br />

für den Posten übrig blieb. Doch auch<br />

die Gabriel-Mission war nichts anderes<br />

als der Versuch, die SPD wieder<br />

zur Regierungspartei zu machen, ohne<br />

im Geringsten vom neoliberalen Kurs<br />

abzuweichen. Das Schlimme an der<br />

„modernen“ SPD ist nicht, dass sie<br />

sich schwer gegen eine übermächtige<br />

CDU durchsetzen kann – dies könnte<br />

noch den Charakter einer ehrenvollen<br />

Niederlage haben – das Schlimme ist,<br />

dass man auf ihren Sieg nicht mehr zu<br />

hoffen vermag.<br />

„Brecht die Not der Sklaverei!“<br />

Vor 150 Jahren war das noch anders.<br />

<strong>Die</strong> soziale Frage hatte in der zweiten<br />

Hälfte des 19. Jahrhunderts Formen<br />

angenommen, die nach einer organisierten<br />

Antwort geradezu schrien.<br />

Durch die Industrialisierung und die<br />

Vertreibung der armen Landbevölkerung<br />

in die Städte waren Zustände<br />

heraufbeschworen worden, die man<br />

48<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


nur als Hölle für Arbeitnehmer bezeichnen<br />

kann – und als Paradies für<br />

gewissenlose Unternehmer. Sinkende<br />

Löhne, Verelendung, Arbeitstage von<br />

12 Stunden oder mehr, Nacht- und<br />

Sonntagsarbeit, hygienische und geistige<br />

Verwahrlosung, Rechtlosigkeit<br />

und fehlender Kündigungsschutz prägten<br />

das Leben der Arbeitenden. Als<br />

Startschuss der sozialdemokratischen<br />

Bewegung benennt die SPD meist den<br />

23. Mai 1863 (Gründung des Allgemeinen<br />

Deutschen Arbeitervereins durch<br />

Ferdinand Lassalle). <strong>Die</strong> Stimmung<br />

des jungen Vereins war noch (klassen-)<br />

kämpferisch, wie das damals entstandene<br />

„Bundeslied“ zeigt: „Brecht das<br />

Doppeljoch entzwei! Brecht die Not<br />

der Sklaverei! Brecht die Sklaverei der<br />

Not! Brot ist Freiheit, Freiheit Brot!“<br />

1869 entstand daraus die Sozialdemokratische<br />

Arbeiterpartei<br />

(SDAP) unter August Bebel. 1875<br />

kam es zum Zusammenschluss beider<br />

Gruppierungen zur Sozialistischen<br />

Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD).<br />

Bismarck verfolgte die Bewegung damals<br />

mit seinem „Sozialistengesetz“.<br />

Den Namen „SPD“ trägt die Partei seit<br />

1890. Es gab sie also: die aufrichtigen<br />

Wurzeln der SPD in der Arbeiterbewegung,<br />

die „echte“ Sozialdemokratie. Ihr<br />

„Erfurter Programm“ von 1891 zeigte:<br />

Das war eine Partei des freiheitlich<br />

gesonnenen Antikapitalismus, des<br />

konsequenten Internationalismus, des<br />

engagierten Antimilitarismus. Doch<br />

spätestens seit August 1914 bestimmte<br />

der Verrat an diesen eigenen Zielen<br />

das Bild. Manches davon erzeugt bei<br />

heutigen Lesern ein Déjà-vu-Erlebnis<br />

und erinnert an die Gruppe neoliberaler<br />

Umstürzler unter Schröder seit den<br />

neunziger Jahren.<br />

„Burgfriedenpolitik“ und ein „Bluthund“<br />

1912 war die SPD mit 34,8 Prozent<br />

Stimmen zur stärksten Fraktion im<br />

Reichstag geworden. 1913<br />

wurde nach dem Tod August<br />

Bebels ein neuer Vorsitzender<br />

gewählt: Friedrich Ebert - ein<br />

Vertreter des „Realo-Flügels“,<br />

wie man heute sagen würde.<br />

Nach dem 1. August 1914 organisierte<br />

die SPD zunächst noch<br />

Großdemonstrationen gegen<br />

das beginnende Weltkriegsgemetzel.<br />

Doch unter dem<br />

Druck des hurra-patriotischen<br />

und militaristischen Zeitgeists<br />

stimmte die Fraktion schließlich<br />

bis 1918 neunmal der Gewährung<br />

von Kriegsanleihen zu. „Burgfriedenpolitik“<br />

hieß diese Pro-Krieg-Haltung,<br />

die verdächtig an moderne SPD-Positionen<br />

erinnert. Von Internationalismus,<br />

Antimilitarismus und Antikapitalismus<br />

war keine Rede mehr bei<br />

der Mehrheitssozialdemokratie. Karl<br />

Liebknecht, 1914 SPD-Abgeordneter,<br />

stimmte als einziger gegen die Kredite.<br />

1916 wurde er nach einer Friedensdemonstration<br />

verhaftet und blieb bis<br />

Kriegsende im Gefängnis. Es kam zu<br />

einer Spaltung der Partei. Abweichler<br />

gründeten die USPD und den Spartakusbund,<br />

dem auch Liebknecht und<br />

Rosa Luxemburg angehörten.<br />

1969 wird Willy Brandt zum ersten sozialdemokratischen<br />

Bundeskanzler vereidigt.<br />

Letztes mutiges Aufbegehren. Im Reichstag stimmt SPD-Fraktionschef<br />

Otto Wels 1933 im Namen seiner Fraktion gegen das Ermächtigungsgesetz<br />

der Nazis. Viele Sozialdemokraten werden später in<br />

Konzentrationslagern ermordet. Otto Wels selbst geht ins Exil.<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 49


<strong>Die</strong> SPD-Kanzler Willy Brandt und Helmut Schmidt stehen zwar für eine neue Versöhnungspolitik mit<br />

Polen und Russland, aber auch für Radikalenerlass, restriktive Asylpolitik und NATO-Nachrüstung.<br />

<strong>Die</strong> Mehrheits-SPD gab sich indes<br />

staatstragend. 1918 stellte sie<br />

sich mit dem „Ebert-Groener-<br />

Pakt“ eindeutig gegen „linksradikale“<br />

Gruppierungen. Sie paktierte mit den<br />

antidemokratischen, feudalistischen<br />

und reaktionären Gegnern von einst:<br />

mit der alten Bürokratie und Richterschaft,<br />

mit Militärs, Großagrariern<br />

und Wirtschaftsführern. Der bekannte<br />

Spruch „Wer hat uns verraten – Sozialdemokraten“<br />

stammt nicht etwa<br />

aus den späten 90er Jahren, sondern<br />

aus der Phase der Novemberrevolution<br />

nach dem 1. Weltkrieg. Nach<br />

dem Spartakusaufstand im Januar<br />

1919 wurden Liebknecht und Luxemburg<br />

von Offizieren eines „Freikorps“<br />

unter Hauptmann Waldemar Pabst<br />

ermordet, der mit Billigung des SPD-<br />

Ministers Gustav Noske handelte –<br />

und vermutlich auch unter Mitwisserschaft<br />

Eberts. Pabst trug erst 1969 in<br />

einem Privatbrief zur Aufklärung der<br />

damaligen Vorfälle bei: „Dass ich die<br />

Aktion ohne Noskes Zustimmung gar<br />

nicht durchführen konnte (mit Ebert<br />

im Hintergrund) und auch meine Offiziere<br />

schützen musste, ist klar.“<br />

Noske äußerte zur blutigen Niederschlagung<br />

des Spartakusaufstands:<br />

„Einer muss den Bluthund machen!<br />

Ich scheue die Verantwortung nicht!“<br />

Friedrich Ebert wird von der SPD noch<br />

heute in Ehren gehalten („Friedrich<br />

Ebert Stiftung“).<br />

<strong>Die</strong> SPD im Dritten Reich<br />

Im Februar 1920 verabschiedete die<br />

SPD ein „Betriebsrätegesetz“, das<br />

für Betriebe ab 20 Beschäftigten die<br />

Verpflichtung einführte, Betriebsräte<br />

zuzulassen. Aus Arbeitnehmersicht<br />

war das Gesetz jedoch zwiespältig. Es<br />

reduzierte die Mitbestimmungsrechte<br />

der Arbeitnehmer auf „Soziales“,<br />

während die ökonomischen Entscheidungen<br />

weiterhin den Unternehmern<br />

vorbehalten blieben. Eine von USPD<br />

und KPD organisierte Demonstration<br />

gegen das Gesetz wurde von preußischen<br />

Sicherheitskräften im Januar<br />

blutig niedergeschlagen (42 Tote, 105<br />

Verletzte). Reichspräsident Friedrich<br />

Ebert verhängte den Ausnahmezustand<br />

und ein Versammlungsverbot.<br />

Im März 1920 scheiterte der reaktionäre<br />

Kapp-Putsch unter anderem am<br />

hartnäckigen Widerstand der Arbeiter,<br />

die in Generalstreik traten. Viele<br />

von ihnen wollten danach die unterbrochene<br />

Revolution von 1919 vollenden.<br />

Soldaten marschierten jedoch<br />

im Ruhrgebiet ein und schossen etwa<br />

1000 Aufständische nieder – auch dies<br />

mit Billigung der SPD.<br />

Als Ruhmesblatt der SPD-Geschichte<br />

gelten allgemein die Ereignisse<br />

im Zusammenhang mit Hitlers<br />

Ermächtigungsgesetz. Als einzige<br />

Partei stimmte die SPD am 23. März<br />

1933 gegen das Gesetz. Berühmt<br />

ist mit Recht bis heute die Rede des<br />

tapferen Sozialdemokraten Otto Wels<br />

(eines im übrigen konservativen SPD-<br />

Mitglieds, das unter anderem für die<br />

Erschießung zahlreicher Spartakisten<br />

im Dezember 1918 verantwortlich<br />

war). In der Folge wurden viele Parteimitglieder<br />

in Konzentrationslagern<br />

inhaftiert oder mussten emigrieren.<br />

Andererseits weigerten sich die stets<br />

„gemäßigten“ Genossen, der Aufforderung<br />

der KPD zu folgen, in Generalstreik<br />

zu treten. Sie wollten den Nazis<br />

keinen Vorwand für weitere Gewalttaten<br />

liefern, hieß es. Damit verpasste<br />

die SPD aber vielleicht eine Chance,<br />

schlimmere, millionenfache Gewalt<br />

zu verhindern.<br />

„Volkspartei“ oder<br />

„Genossen der Bosse“?<br />

Nach dem Krieg orientierte sich die<br />

SPD unter Kurt Schumacher durchaus<br />

noch an sozialistischen Grundforderungen<br />

(Verstaatlichung von Schlüsselindustrien)<br />

und stimmte unter<br />

anderem 1952 gegen die Wiederbewaffnung<br />

Westdeutschlands. Mit solch<br />

„fundamentalistischen“ Positionen<br />

war seit dem Godesberger Programm<br />

1959 allerdings Schluss. <strong>Die</strong> einstige<br />

Arbeiterpartei mutierte endgültig zur<br />

„Volkspartei“ und kehrte ihren marxistischen<br />

Ursprüngen den Rücken. Zu<br />

den gängigen Klischees gehört, dass<br />

Willy Brandt ein guter Mann, ein „echter“<br />

Sozialdemokrat gewesen sei. Erst<br />

Helmut Schmidt habe die reine Lehre<br />

mehr und mehr verwässert. Nun, das<br />

ist bestenfalls die halbe Wahrheit. So<br />

groß die Verdienste Willy Brandt um die<br />

neue Ostpolitik auch waren, Fakt ist<br />

auch: zwischen 1966 und 1969 begab<br />

sich die SPD unter seiner Führung in<br />

eine große Koalition mit der CDU unter<br />

dem Ex-NSDAP-Mitglied Kurt Georg<br />

Kiesinger.<br />

Gegenüber der aufkeimenden<br />

Achtundsechziger-Revolte verhielten<br />

sich die Genossen stets<br />

unsolidarisch und „staatstragend“:<br />

unkritisch u.a. gegenüber den Völkermordaktionen<br />

der USA in Vietnam und<br />

dem blutigen Schah-Regime im Iran.<br />

Schon seit 1961 durften Mitglieder des<br />

SDS, des vormaligen Studentenverbandes<br />

der SPD, nicht mehr gleichzeitig<br />

SPD-Mitglieder sein: zu marxistisch,<br />

zu kritisch, zu links. Am 30. Mai 1968<br />

verabschiedete die Bundesregierung<br />

dann gemeinsam mit Brandts SPD die<br />

Notstandsgesetze. Sie führten Einschränkungen<br />

bei Brief- und Telefongeheimnis<br />

und der Unverletzlichkeit<br />

der Wohnung sowie das ausdrückliche<br />

Verbot politischer Streiks in unser<br />

Grundgesetz ein. Für den Zeitraum<br />

1972 bis 1976 verabschiedete die SPD/<br />

FDP-Regierung unter der Kanzlerschaft<br />

Willy Brandts dann auch noch<br />

den sogenannte „Radikalenerlass“,<br />

verhängte also Gesinnungsprüfung<br />

und Berufsverbot im Öffentlichen<br />

<strong>Die</strong>nst für Zigtausende von zumeist<br />

jungen Menschen mit angeblich „verfassungsfeindlicher“<br />

Weltanschauung.<br />

Ein weiteres Mal wurden MitbürgerInnen<br />

links von der SPD Opfer angeblich<br />

„sozialdemokratischer“ Politik. Auch<br />

dies steht in einer fatalen Tradition,<br />

50<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


die spätestens mit dem Rauswurf Karl<br />

Liebknechts aus der Partei 1916 eingeleitet<br />

worden war.<br />

Trojanisches Pferd<br />

des Kapitalismus<br />

1982, unter der Kanzlerschaft Helmut<br />

Schmidts, entstand das so genannte<br />

Asylverfahrensgesetz, mit dem die<br />

Rechte von Asylbewerbern beschnitten<br />

wurden. Unter anderem verordnete<br />

es die Einweisung der Hilfesuchenden<br />

in Sammellager, Beschränkung<br />

der Mobilität, Arbeitsverbot und Sachleistungen<br />

statt Geld. Dahinter steckte<br />

- wie später bei Hartz IV – klar eine<br />

Abschreckungsstrategie: Eher quälte<br />

und schikanierte man die wirklich Bedürftigen,<br />

bevor man einen einzigen<br />

Wirtschaftsflüchtling „zu Unrecht“<br />

aufnahm. <strong>Die</strong>se für Sozialdemokraten<br />

beschämende Entwicklungslinie mündete<br />

dann 1992 im „Asylkompromiss“.<br />

<strong>Die</strong> Gesetzesreform beschränkte das<br />

Asylrecht faktisch auf Personen, die<br />

nach Deutschland gelangt waren, ohne<br />

zuvor einen anderen demokratischen<br />

Staat zu durchqueren. Ein Blick auf<br />

die Karte zeigt, dass dies im Kern auf<br />

die Abschaffung der Asylmöglichkeit<br />

in der Bundesrepublik zielte. Während<br />

der NS-Diktatur waren politisch oder<br />

rassistisch diffamierte BürgerInnen,<br />

darunter zahlreiche SozialdemokratInnen,<br />

noch selbst auf Asyl in anderen<br />

Ländern angewiesen. Nun machte das<br />

sozialdemokratisch regierte Deutschland<br />

seine Grenzen gegenüber den<br />

Flüchtlingen der Gegenwart dicht. Ein<br />

weiteres Mal verriet die SPD ihre ursprünglichen<br />

Ziele: die Maxime der internationalen<br />

Solidarität mit den Verfolgten<br />

und Bedrängten dieser Erde.<br />

In vielerlei Hinsicht ist sich die Partei<br />

damit seit 100 Jahren treu geblieben.<br />

Sie stabilisiert das System,<br />

indem sie die Fratze des Kapitalismus<br />

hinter der Johannes-Rau-Maske eines<br />

gutmütigen Onkels versteckt.<br />

Natürlich muss man vorsichtig damit<br />

sein, die Alternative – also den<br />

möglichen „Sieg“ der Kräfte links von<br />

der SPD – zu idealisieren. Was eine<br />

gelungene „proletarische Revolution“<br />

in Deutschland zwischen 1918<br />

und 1920 bedeutet hätte, ist schwer<br />

einzuschätzen. Der Leninismus in<br />

Russland brach sich schon sehr früh<br />

mit massiven Menschenrechtsverletzungen<br />

Bahn. Wir können aber<br />

davon ausgehen, dass eine Linksdiktatur<br />

nicht im Sinne Liebknechts und<br />

Luxemburgs gewesen wäre. Gerade<br />

die Ermordung der besten Köpfe mit<br />

Hilfe der SPD leistete damit der Entwicklung<br />

einer KPD Vorschub, die<br />

sich später mit dem Stalinismus solidarisierte.<br />

<strong>Die</strong> Selbstaufspaltung der<br />

Sozialdemokratie nahm damals ihren<br />

Anfang und wiederholt sich heute mit<br />

der Spaltung in eine gemäßigt kapitalistische<br />

SPD und Lafontaines Linke.<br />

Hilfreich ist das ausschließlich für den<br />

politischen Gegner.<br />

<strong>Die</strong> SPD als „Hoffnung“<br />

bedeutet Verzweiflung<br />

Und die Zukunft? Nach den Erfahrungen<br />

mit Schröder stellte eine mögliche<br />

neue SPD-Kanzlerschaft unter Steinbrück<br />

eher eine Drohung dar. Weitere<br />

neoliberale Angriffe auf Lebenssicherheit<br />

und Wohlfahrt der Menschen<br />

nach dem Vorbild der „Agenda 2010“<br />

wären möglich, zumal von der Union<br />

hiergegen keine „Opposition“ zu erwarten<br />

wäre. Neoliberale Seelen im<br />

Körper einer früheren Arbeiterpartei<br />

sind ein geradezu genialer Schachzug<br />

der neofeudalistischen Kräfte. Da ist es<br />

ein schwacher Trost, dass die blasse<br />

Truppe um den ungelenken Steinbrück<br />

den Eindruck macht, als strebe sie die<br />

Regierungsmehrheit gar nicht mehr<br />

ernstlich an. Hat die SPD also aufgegeben?<br />

Jedenfalls hat sie sich selbst<br />

aufgegeben, und das schon seit langer<br />

Zeit. Ein Grund zur Freude ist das nicht.<br />

Und ein Grund, 150 Jahre SPD zu feiern,<br />

schon gar nicht.<br />

Maria, die echte Arbeiterführerin<br />

in „Metropolis“, vermag am Ende von<br />

Fritz Langs Film die Menschenmenge<br />

von der Maschinen-Maria abzubringen<br />

und die Dinge zum Guten zu wenden.<br />

Bei der SPD allerdings ist eine echte<br />

Maria nicht in Sicht. Wäre sie das,<br />

würde sie, wenn nicht kaltgemacht wie<br />

Rosa Luxemburg, so doch mit Sicherheit<br />

kaltgestellt. Oder spricht heute<br />

noch einer von Andrea Ypsilanti? ■<br />

Roland Rottenfußer ist nach<br />

dem Studium der Germanistik<br />

als Lektor, Autor und Redakteur<br />

für verschiedene Buch- und<br />

Zeitschriftenverlage tätig.<br />

Ehemaliger Redakteur beim Magazin<br />

„connection“. Derzeit Redakteur<br />

für die Rubriken Gesundheit und<br />

Kultur bei der Matrix 3000.<br />

Holdger Platta ist als Autor<br />

und Wissenschaftsjournalist<br />

tätig. Er studierte Germanistik,<br />

Geschichte, Pädagogik und<br />

Politologie und war viele Jahre<br />

Mitglied der SPD.<br />

Wie schon einmal nach dem ersten Weltkrieg, kommt es auch unter der Kanzlerschaft<br />

Gehard Schröders zu einer Spaltung der SPD. Aus Protest gegen die Agenda-<br />

2010-Politik Schröders verlässt Oskar Lafontaine die Partei und gehört später<br />

zu den Mitbegründern der neuen Partei <strong>Die</strong> Linke, die sich in der Tradition Karl<br />

Liebknechts und Rosa Luxemburgs begreift.<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 51


<strong>Die</strong><br />

Katharer<br />

zwischen Mythos und Wirklichkeit<br />

Ralf Lehnert<br />

<strong>Die</strong> Katharerfestung<br />

Payrepertuse<br />

52<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Vom 12 bis 14. Jahrhundert waren<br />

die Katharer – vor allem im damaligen<br />

Okzitanien und heutigen<br />

Languedoc in Südfrankreich - eine<br />

einflussreiche religiöse Bewegung.<br />

Immerhin bekannten sich rund die<br />

Hälfte der Landbevölkerung und ein<br />

Zehntel der Städter zu ihrer spirituellen<br />

Kultur. Ihr innerer Kern bestand in<br />

einer Mysterienschule, die die Geisttaufe<br />

und den Einweihungsweg anbot.<br />

<strong>Die</strong> einfachen Gläubigen konnten an<br />

regelmäßigen Gottesdiensten teilnehmen,<br />

die oft in der freien Natur<br />

abgehalten wurden. <strong>Die</strong> zahlreichen<br />

Burgen im Languedoc erinnern noch<br />

heute an die einstige spirituelle Kultur<br />

der Katharer. Sie erbauten sie, um<br />

ihr Leben und ihre Lehre zu schützen<br />

vor Kreuzrittern und Inquisitoren.<br />

Dennoch wurden die Katharer im Auftrag<br />

der späteren katholischen Kirche<br />

vollends ausgerottet – und das, obwohl<br />

die Katharer sich als Christen<br />

begriffen.<br />

Christen gegen Christen<br />

Worin lagen die zum Teil gravierenden<br />

Unterschiede zwischen beiden<br />

Lagern?<br />

• <strong>Die</strong> Katharer bezeichneten den<br />

Papst als Antichristen und missbilligten<br />

ihn als Vermittler zwischen<br />

Gott und Mensch. In der Tradition der<br />

Mysterienschulen lehrten sie, dass in<br />

jedem Menschen ein kleiner göttlicher<br />

Restfunken vorhanden sei, den<br />

es durch Rituale, die Geisttaufe und<br />

einen Einweihungsweg zu entfachen<br />

und zu nähren gilt.<br />

• Sie lehnten die zentrale Lehre der<br />

offiziellen Kirche ab, dass Christus<br />

am Kreuz litt und dadurch die Sünden<br />

der an ihn glaubenden Menschen<br />

auf sich nahm. Sie verstanden das<br />

Neue Testament, insbesondere das<br />

Johannes-Evangelium, vielmehr als<br />

eine Darstellung des Einweihungsweges<br />

und gingen davon aus, dass ein<br />

hoher Eingeweihter wie Jesus Christus<br />

durch Aufnahme von göttlichen<br />

Äthern sich einen seelischen Auferstehungsleib<br />

erbaut hatte, der ihn vor<br />

Tod und Leiden abhält.<br />

• <strong>Die</strong> Katharer erkannten das Gesetz<br />

der Reinkarnation an. Ihm unterlagen<br />

allerdings nur diejenigen Seelen,<br />

die die Geburt in den<br />

Geist noch nicht<br />

vollzogen und den<br />

neuen seelischen<br />

Leib noch nicht<br />

gewoben hatten.<br />

• Als wichtigstes<br />

Gebet erachteten<br />

die Katharer<br />

das „Vaterunser“.<br />

Sie wiesen ihre<br />

Schüler jedoch<br />

an, hinsichtlich<br />

des „Vaters“ an<br />

den geistigen Ursprung<br />

zu denken<br />

und nicht an<br />

den Demiurgen,<br />

den<br />

Weltenschöpfer.<br />

Gleichermaßen<br />

sollten sie das „tägliche<br />

Brot“ mit dem himmlischen Brot des<br />

Lebens, dem Manna, assoziieren, das<br />

den inneren göttlichen Menschen aufbaut.<br />

• <strong>Die</strong> Katharer hielten sich an das im<br />

neuen Testament unter Römer 14,21<br />

veröffentlichte Gebot: „Es ist besser,<br />

du issest kein Fleisch“ und ernährten<br />

sich vegetarisch. Auf das fünfte Gebot<br />

Mose („Du sollst nicht töten“) stützten<br />

sie sich indes nicht, da sie, von Psalmen<br />

abgesehen, das Alte Testament<br />

als Werk des Weltenschöpfers ablehnten.<br />

<strong>Die</strong> Position der Frauen<br />

• Während die Amtskirche Frauen<br />

abwertete, waren sie bei den Katharern<br />

weitgehend gleichberechtigt. Sie<br />

konnten predigen, bestimmte Ämter<br />

übernehmen sowie die Geisttaufe<br />

vermitteln. Für die Ausführung dieser<br />

Aufgaben erachteten die Katharer die<br />

Verbindung zum Geistigen für wichtiger<br />

als das Geschlecht. Darüberhinaus<br />

gingen sie davon aus, dass sich<br />

eine Seele ohnehin nacheinander<br />

in beiden Geschlechtern inkarniert.<br />

Nicht zuletzt verehrten die aus Okzitanien<br />

stammenden Troubadoure,<br />

die sich zum Teil ebenfalls zur katharischen<br />

Religion bekannten, in ihren<br />

Lieder und Gedichten die Frau in<br />

ihrer idealiserten Form als Ausdruck<br />

und Gefäß des Göttlichen und sangen<br />

von der „hohen Liebe“. Auch sagt man<br />

den Katharern nach, dass sie sich<br />

<strong>Die</strong> Katharerburg<br />

Quéribus<br />

neben dem Johannes-Evangelium<br />

an den Lehren und dem apokryphen<br />

Evangelium der Maria Magdalena orientierten.<br />

Gnostische Ausrichtung<br />

Es klang an einigen Stellen bereits<br />

durch: <strong>Die</strong> Weltanschauung der Katharer<br />

ist gnostisch geprägt. Auch<br />

darin unterscheiden sie sich von der<br />

Amtskirche. <strong>Die</strong>se Weltanschauung<br />

ist nicht immer beliebt, wird aber oft<br />

auch nicht hinreichend verstanden.<br />

Sie wird in vielen Nachschlagewerken<br />

als der Glaube an die Dualität<br />

von Licht und Finsternis, Geist und<br />

Materie erklärt. Der zentrale Aspekt<br />

in dieser Lehre besteht in einem oder<br />

sogar in einem zweifachen Fall von<br />

geistigen Hierarchien in tiefere Dimensionen.<br />

Analog zum Narziss-Mythos,<br />

so die gnostische Philosophie,<br />

verliebten sich die mit der Betreuung<br />

und Rückführung von gefallenen Seelen<br />

beauftragten Wesenheiten in ihre<br />

Schöpfung, koppelten sich daher von<br />

ihrem ursprünglichen Auftrag ab und<br />

entwickelten die Absicht, ein „alternatives“<br />

Reich instand zu halten und<br />

zu fördern. <strong>Die</strong>se Theorie impliziert,<br />

dass das Äußere und die Welt nicht<br />

mehr notwendig ihren geistigen Ursprung<br />

reflektieren, sondern sich von<br />

ihm losgesagt und verselbständigt<br />

haben. Der Mysterienweg sieht seine<br />

Aufgabe darin, eine Bresche zu schlagen<br />

zur geistigen Heimat, um das geistige<br />

Prinzip im Menschen wieder zu<br />

erwecken und zu nähren, bis dieses<br />

<strong>Die</strong> Katharer verstanden das Neue<br />

Testament als Einweihungsweg.<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 53


Aufgang in der Katharerburg<br />

Quéribus<br />

wieder die Führung auch in<br />

der Welt, im Außen und im<br />

Körper übernehmen kann.<br />

<strong>Die</strong> mystische Verwandlung<br />

<strong>Die</strong> Annahme, dass die Katharer<br />

die äußere Welt per<br />

se ablehnten, gipfelt in der<br />

immer wieder zu hörenden<br />

Vermutung, sie hätten Selbstmord<br />

praktiziert. Wäre dem<br />

so gewesen, so hätten sie ihren<br />

mordenden Verfolgern in<br />

die Hände gespielt und ihnen<br />

ihre Arbeit, die diese zur Ver-<br />

gebung ihrer Sünden durch-<br />

führten, abgenommen.<br />

<strong>Die</strong>ses Missverständnis dürfte<br />

aus einer nach außen verlagerten<br />

Interpretation innerer<br />

Prozesse resultieren, die sich auf dem<br />

Einweihungsweg abspielen. Nachdem<br />

Gott im Menschen bis auf einen kleinen<br />

Rest gestorben ist, muss bei der<br />

Rückkehr umgekehrt der Mensch in<br />

Gott sterben. Das ist ein mystischer<br />

sich innerhalb des Bewusstseins vollziehender<br />

Vorgang. „Wer nicht stirbt,<br />

eh' er stirbt, der verdirbt wenn er<br />

stirbt.“ So drückt der Lyriker und Arzt<br />

Angelus Silesius den mystischen Tod<br />

zu Gunsten des großen Selbst, des<br />

„wahren Königs“ aus. Gerade diese<br />

initiatorischen Verwandlungen und<br />

Einweihungen können nur innerhalb<br />

des physischen Lebens vollzogen werden,<br />

nur hier sind die höchsten Entwicklungssprünge<br />

möglich. Gemäß<br />

Antoine Gadal führten die Katharer<br />

ihre Einweihungen – abgeschieden<br />

von der Welt - in dunklen und eigens<br />

dafür hergerichteten Höhlen durch.<br />

<strong>Die</strong>se Umstände unterstreichen symbolisch<br />

den Tod des alten Menschen<br />

und das Hineingeborenwerden in eine<br />

neue Bewusstseinsdimension, die<br />

der Myste hernach für sich assimilieren<br />

muss. Überliefert wird allerdings<br />

auch, dass die Katharer furchtlos in<br />

die Scheiterhaufen sprangen, zu denen<br />

sie die Kreuzritter und Inquisitoren<br />

führten, sich bewusst in Schluchten<br />

stürzten, kurz bevor die Verfolger<br />

ihrer habhaft werden konnten, sowie<br />

sich in der Form eines Pentagramms<br />

oder Kreises in Räume legten und<br />

sich dem Hungertod anheim gaben,<br />

nachdem ihre Feinde sie eingemauert<br />

hatten.<br />

Maria Magdalena als Erbin des<br />

spirituellen Christentums?<br />

Kommen wir nun zu den eher spekulativen<br />

und teils phantastisch anmutenden<br />

Thesen über die Katharer. <strong>Die</strong><br />

Behauptung, dass die Katharer das<br />

ursprüngliche Christentum lebten und<br />

sich auf die Lehren der Maria Magdalena<br />

stützten, hat womöglich einen<br />

tieferen Hintergrund:<br />

Gemäß einer Überlieferung aus<br />

Südfrankreich soll Maria Magdalena,<br />

zusammen mit anderen Personen<br />

wie etwa Josef von Arimathäa, mit<br />

einem Boot aus Israel geflüchtet und<br />

in Saintes-Maries-de-la-Mer in der<br />

Camargue von Bord gegangen sein.<br />

Mit dabei soll sogar ein Kind der Maria<br />

Magdalena gewesen sein – selbst dessen<br />

mutgemaßter Name, Sarah, wird<br />

in Legenden genannt. Möglicherweise<br />

fuhr die Mannschaft oder ein Teil davon<br />

später weiter nach England und<br />

verankerte die Lehre auch in Glastonbury.<br />

Tatsächlich ist in Südfrankreich<br />

das „Image“ der Maria Magdalena<br />

keineswegs so negativ wie bei uns. Im<br />

Gegenteil: Diverse Kirchen und Gebäude<br />

sind ihr geweiht.<br />

Zwei Verse des 1945 in Nag<br />

Hammadi am Nil gefundenen Philippus-Evangeliums<br />

bekräftigen die immer<br />

wieder geäußerte Vermutung,<br />

dass Maria Magdalena und Jesus eine<br />

Paarbeziehung hatten:<br />

• „Drei (Frauen) hatten ständig Umgang<br />

mit dem Herrn: seine Mutter Maria,<br />

‹seine› Schwester und Magdalena,<br />

die ‚seine Gefährtin‘ genannt wurde.“<br />

Nag-Hammadi-Codex II,3 Vers 32.<br />

• „<strong>Die</strong> Gefährtin [des Erlösers] ist<br />

Maria Magdalena. Der [Erlöser<br />

liebte] sie mehr als [alle] Jünger<br />

und er küsste sie [oft] auf<br />

ihren [Mund].“ Nag-Hammadi-<br />

Codex II,3 Vers 55.<br />

Auch das apokryphe Evangelium<br />

der Pistis Sophia, ein Werk,<br />

das Valentinus zugeschrieben<br />

wird, zeigt die tragende Rolle<br />

von Maria Magdalena. Auf sie<br />

entfallen mit Abstand die meisten<br />

an Jesus gestellten Fragen<br />

sowie Auslegungen. <strong>Die</strong>s fällt<br />

in einer ansonsten männlich<br />

dominierten Gesellschaft besonders<br />

auf. Nicht zuletzt zeigte sich<br />

Jesus nach seiner Transfiguration<br />

als erstes Maria Magdalena.<br />

Der heilige Gral<br />

<strong>Die</strong> Idee, dass durch ein gemeinsames<br />

Kind zwischen Jesus und Maria<br />

Magdalena seine Blutlinie fortgesetzt<br />

wurde, verwebt sich mit der Legende<br />

um den Heiligen Gral, als deren<br />

(zeitweilige) Hüter die Katharer<br />

häufig genannt werden. Allerdings<br />

gibt es keine Übereinkunft, was denn<br />

der Heilige Gral eigentlich und genau<br />

ist.<br />

Häufig betrachtet man den Gral<br />

als einen Kelch, womöglich<br />

mit dem Blut Christi. Manchmal<br />

wird darunter auch ein (himmlischer)<br />

Stein verstanden. Möglicherweise<br />

handelt es sich beim Gral aber<br />

auch um einen geistigen Schlüssel,<br />

ein geheimes Wissen oder eine befreiende<br />

Kraft. Zumindest übt dieses<br />

geheimnisvolle Etwas eine ungeahnte<br />

Faszination aus; es dürfte sich<br />

also um ein sehr wirksames archetypisches<br />

Symbol handeln.<br />

Was bestärkt den Verdacht, die<br />

Katharer hätten den Gral gehütet?<br />

Manche meinen, die Gralsburg<br />

Montsalvat aus Wolfram von<br />

Eschenbachs Epos „Parzival“ sei<br />

identisch mit der Katharerhauptburg<br />

Monségur. Auch das weitverzweigte<br />

Tunnelsystem innerhalb von Okzitaniens<br />

Bergen, die zahlreichen Grotten,<br />

Hohlräume sowie schmalen und<br />

niedrigen Gänge, in denen man nur<br />

kriechend vorwärts kommt, heizen<br />

die Phantasie an und locken viele<br />

Schatzsucher in die Gegend um die<br />

Pyrenäen.<br />

54<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Durch die Inquisitionsakten belegt<br />

ist ferner, dass in einer<br />

Märznacht des Jahres 1244,<br />

unmittelbar vor der endgültigen Erstürmung<br />

der Festung Montségur,<br />

sich vier Katharer über einem Abgrund<br />

abseilten und mit einer großen<br />

Holzkiste flüchteten. Was war den<br />

Katharern so wichtig, dass sie es im<br />

letzten Moment und unter großen Gefahren<br />

in Sicherheit brachten? War<br />

es ein Schatz, Schriften, Dokumente,<br />

Geheimnise oder der Gral? Einige<br />

stellen sogar die Vermutung auf, dass<br />

die Flüchtenden kleine Kinder herausgeschmuggelt<br />

haben könnten, um<br />

die mögliche Blutlinie Jesu zu retten.<br />

Der reiche Pfarrer<br />

Manche Forscher bringen diese Vorgänge<br />

und Spekulationen in Verbindung<br />

zu einem Ereignis Ende des 19.<br />

Jahrhunderts. Der Dorfpfarrer Bérenger<br />

Saunière von Rennes-le-Chateau<br />

(früher Rhedae), einer sehr kleinen<br />

Gemeinde, die nur 6 km vom Montségur<br />

entfernt liegt, wurde unerwartet<br />

sehr wohlhabend, so dass er seine<br />

Kirche aufwändig und in einem teilweise<br />

merkwürdigen Stil restaurieren<br />

und obendrein eine luxuriöse Villa mit<br />

Orangerie und Ziergärten erbauen<br />

konnte. <strong>Die</strong> Quelle seines Reichtums<br />

behielt er für sich und überschrieb<br />

seinen Besitz seiner Haushälterin.<br />

Durch Spenden allein, worauf nüchterne<br />

Forscher verweisen, lässt sich<br />

Saunières plötzlicher Reichtum nur<br />

schwer erklären. Doch auch die Frage,<br />

was beispielsweise das Adelshaus<br />

Chambord, das der Familie der<br />

Habsburger entstammte, überhaupt<br />

bewog, Sauniere 3000 Francs in Gold<br />

zukommen zu lassen, was in der damaligen<br />

Zeit ein stattliches Vermögen<br />

war, bleibt im Dunkeln. Möglicherweise<br />

erhofften sich die Spender einen<br />

Fund, der es ermöglichte, Herrschaftsverhältnisse<br />

neu zu definieren.<br />

<strong>Die</strong> Skepsis der Wissenschaft<br />

Es gibt noch einen zusätzlichen Hinweis,<br />

der einen Zusammenhang zwischen<br />

Katharern und dem Gral nahe<br />

legt. Ihre Zeitgenossen nannten sie<br />

nämlich auch „Patarener“ oder „Pateriner“.<br />

<strong>Die</strong>se Bezeichnung könnte<br />

abgeleitet sein von dem lateinischen<br />

Wort „patera“ , das diverse Sprachen<br />

einschließlich der deutschen auch als<br />

Fremdbegriff übernommen haben.<br />

Und „Patera“ bedeutet Schale, Gefäß,<br />

Pokal und Kelch.<br />

<strong>Die</strong> heutige Geschichtswissenschaft<br />

sieht zwischen den Gralsepen,<br />

etwa des Wolfram von Eschenbach,<br />

sowie den Katharern keine Verbindung.<br />

Sie kann jedoch nicht einmal<br />

Belege dafür finden oder akzeptieren,<br />

dass die Katharer überhaupt Hüter<br />

des Grals waren. Allerdings hatten<br />

die Katharer ihre Lehre weitgehend<br />

mündlich überliefert, und dasjenige<br />

Schrifttum, das vorhanden war, landete<br />

großenteils zusammen mit den<br />

Katharern im Feuer. <strong>Die</strong> Verfolgung<br />

einer eventuellen relevanten Blutlinie<br />

über mehrere Jahrhunderte ist<br />

hinsichtlich dieses frühen Zeitraums<br />

und ohne entsprechende Dokumente<br />

nicht möglich. Auch die Erhaltung und<br />

Überlieferung einer besonderen spirituellen<br />

Lehre über mehrere Jahrhunderte<br />

hinweg hält die Wissenschaft<br />

für zweifelhaft.<br />

Der innere Zusammenhang<br />

Möglicherweise aber spüren manche<br />

Autoren intuitiv<br />

einen Zusamm<br />

e n h a n g<br />

zwischen der urchristlichen Lehre<br />

der Maria Magdalena, dem Heiligen<br />

Gral und den Katharern, einen Zusammenhang,<br />

der auch ein innerer<br />

sein kann. Geistforscher verweisen<br />

nämlich darauf, dass geistige Impulse<br />

in unterschiedlichen Gegenden synchrone<br />

Wirkungen erzielen können,<br />

und so blühten in Deutschland, England<br />

und Frankreich die mittelalterlichen<br />

Gralslegenden und -erzählungen<br />

gerade in jenem Zeit-Raum auf,<br />

als auch die Katharer ihre spirituelle<br />

Kultur lebten und verbreiteten. Auch<br />

die Blutlinie und Nachfolge Christi<br />

macht, geistig interpretiert, fast noch<br />

mehr Sinn.<br />

Überliefert ist: Als die Inquisitoren<br />

1321 in Villerouge-Termenès<br />

den letzten Katharer, Guillaume Bélibaste,<br />

der auch zum inneren Kreis<br />

gehörte, zur Hinrichtung führten,<br />

rief dieser aus: „Nach siebenhundert<br />

Jahren wird der Lorbeer wieder ergrünen.“<br />

In der Mythologie gilt dieser<br />

immergrüne Baum als heilig und als<br />

Zeichen von Sieg und Weisheit. ■<br />

Ralf Lehnert, Autor und Dipl.-<br />

Soziologe, beschäftigt sich seit fast<br />

30 Jahren theoretisch und praktisch<br />

mit Esoterik (Ost wie West) und hat<br />

auf diesem Weg zahlreiche kleine<br />

und große Glaubensgemeinschaften,<br />

Organisationen und spirituelle<br />

Gruppen von „Innen“ kennengelernt.<br />

<strong>Die</strong> Essenz seiner Erfahrungen verarbeitete er in<br />

mehreren Büchern. Bei der <strong>Matrix3000</strong> ist Ralf Lehnert<br />

Redakteur für Spiritualität.<br />

Katharerschloss in<br />

Ariège<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000<br />

55


Olga von Ungern-Sternberg<br />

Geheimnisreiches<br />

Glastonbury<br />

Auf den Spuren des Heiligen Grals<br />

56<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong><br />

<strong>Die</strong> Ruinen der Abtei<br />

von Glastonbury


Gerhard von dem Borne erzählt in seinem Buch Der<br />

Gral in Europa die Geschichte von der Abendmahlschale,<br />

die Joseph von Arimathia von Pilatus nach<br />

dem Tode des Jesus von Nazareth geschenkt bekommen<br />

habe. <strong>Die</strong> Juden hatten Joseph von Arimathia eingesperrt.<br />

Plötzlich kam ein Blitzstrahl und öffnete den Turm; so<br />

wurde er befreit. Während seiner Gefangenschaft wurde<br />

er von dieser Schale ernährt. Auch ist ihm die geistige<br />

Strahlung des Christus erschienen und war Nahrung. Er<br />

hat in diesem Turm gelebt, ohne dass es ihm schlecht gegangen<br />

ist.<br />

<strong>Die</strong> Legende hat verschiedene Formen im Laufe der<br />

Jahrhunderte angenommen, aber immer haben die Kräfte<br />

aus der Schale Leben gespendet.<br />

Joseph von Arimathia hat nach seiner Befreiung eine<br />

Gemeinschaft gebildet und ist über Frankreich nach England<br />

gezogen.<br />

In Glastonbury soll diese Schale vergraben worden sein.<br />

England war Joseph bekannt, denn er soll in Palästina<br />

als Handelsminister gewirkt und den Zinnhandel<br />

mit England geleitet haben; er kannte das Land<br />

daher nicht nur, er wusste auch um die Bedeutung<br />

verschiedener Orte der Insel. Der Ort<br />

Glastonbury wird heute noch von denen, die<br />

etwas von den Geheimnissen der Vergangenheit<br />

wissen, als identisch mit der heiligen<br />

Insel Avalon bezeichnet. Es gab da eine<br />

auf das Keltentum zurückgehende Priesterschaft,<br />

die über große Macht verfügte.<br />

Avalon wird als Insel betrachtet,<br />

die aus atlantischer Zeit<br />

übriggeblieben war, wo<br />

die Götter lebten, wo<br />

es Musik und Dichtung<br />

gab. Vielleicht<br />

ist es der gleiche Ort,<br />

den die Griechen Hyperboräa<br />

nannten,<br />

woher der Gott Apoll<br />

jedes Jahr auf dem<br />

Schwan nach Griechenland<br />

zurückgekommen<br />

ist, wo er<br />

sich sozusagen seine<br />

geistige Ernährung<br />

immer wieder holte,<br />

um dann in Griechenland<br />

seine Aufgaben<br />

zu erfüllen.<br />

Glastonbury ist eine Kleinstadt in Somerset<br />

in England. <strong>Die</strong> Kleinstadt im<br />

Distrikt Mendip hat rund 8.800 Einwohner.<br />

Sie ist vor allem aufgrund der<br />

Ruinen der Glastonbury Abbey und der<br />

Mythen und Legenden um den nahegelegenen<br />

Hügel Glastonbury Tor bekannt,<br />

derentwegen Glastonbury den<br />

Anspruch erhebt, das sagenhafte Avalon<br />

zu sein. Bedeutend ist auch die eisenzeitliche<br />

Pfahlbausiedlung, die von<br />

Bulleid und Gray ausgegraben wurde.<br />

(Quelle: Wikipedia)<br />

Es ist wunderbar zu erleben, wie die Einwohner dieses<br />

Gebietes Somerset in England in einer Art aufsteigenden<br />

mythologischen Bewusstseins leben. Es<br />

wird dort aus der Vorstellung gelebt, dass Kräfte am Werk<br />

sind, die eine Ausstrahlung bilden, durch welche die Menschen<br />

in eine wunderbare Stimmung versetzt werden. Es<br />

befindet sich dort ein Hügel in sieben terrassenartig ansteigenden<br />

Stufen, ein uralter Hügel, mit Gras bewachsen.<br />

Oben auf der Spitze steht ein Turm, „the Tor“. Der Hügel<br />

ist pyramidenartig aufgebaut, und sein Alter wird auf 5000<br />

– 6000 Jahre geschätzt.<br />

Von diesem Berg aus wird das ganze Land als in 12<br />

Tierkreiszeichen eingeteilt betrachtet. Es wird<br />

hier erlebt, dass der Zodiak gestaltend in<br />

den Erdenprozess hineingewirkt hat.<br />

Das Zentrum von Glastonbury ist<br />

eine Quelle, der Chalice Well; sein<br />

Wasser soll angeblich heilend<br />

wirken; jedenfalls ist es<br />

sehr eisenhaltig. Ein<br />

„Glastonbury wird als<br />

identisch mit der heiligen<br />

Insel Avalon bezeichnet.<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 57


ständiges Fließen, eine ständige Erneuerungskraft stellt<br />

sich lebensvoll dar. Das Fassen dieser Quelle geht zurück<br />

auf die Zeit des Königs Artus. Um diese Quelle herum ist ein<br />

wundervoller Garten angelegt worden durch Sir Wellesley<br />

Tudor Pole, einen hohen Offizier der britischen Armee, der<br />

dieses Gelände vor der Industrialisierung schützen wollte.<br />

Er hat in einem seiner Bücher, The Silent Road, tiefe Einsichten<br />

über die geistigen Geheimnisse der europäischen<br />

esoterischen Tradition dargelegt. <strong>Die</strong>ser Garten ist für Besucher<br />

geöffnet. Es ist eine wunderbare Stille darin. Ein<br />

jeder kann dort von der Quelle trinken und meditieren. Ein<br />

vergleichbarer Ort ist auf Erden schwer zu finden.<br />

<strong>Die</strong>ses Gebiet in Südengland war der Überlieferung<br />

zufolge der<br />

Hauptsitz des<br />

Königs Artus gewesen.<br />

<strong>Die</strong> Artus-Ritter<br />

lebten ja schon ganz in<br />

christlichen Vorstellungen;<br />

und dennoch<br />

verfügten sie über<br />

Kräfte und Fähigkeiten,<br />

welche aus keltischer<br />

Zeit stammten.<br />

<strong>Die</strong>se aber wurden<br />

verbunden mit etwas<br />

ganz Neuem: der erwachenden<br />

Ich-Kraft.<br />

<strong>Die</strong> Menschen lebten<br />

nun nicht mehr in der<br />

Hingabe, sondern in<br />

einer Art Verpflichtung.<br />

Jeder ist als Einzelner<br />

diese Verpflichtung<br />

eingegangen; er<br />

trat in den Kreis, der<br />

bis in unsere Tage als<br />

die Tafelrunde des<br />

Königs Artus bekannt<br />

ist. Der geistige Impulsator<br />

zu diesem<br />

Geschehen war der<br />

berühmte Zauberer<br />

Merlin, der das Erdenhafte<br />

und das Geistige<br />

in seiner Seele trug,<br />

denn es heißt, dass er<br />

das Kind eines Teufels<br />

und einer Jungfrau<br />

war. Merlin vertrat die<br />

große Spannung zwischen<br />

einerseits der<br />

Erdenhaftigkeit mit<br />

ihrer Beziehung zu<br />

den Elementarwesen<br />

der Natur und andererseits<br />

den geistigen<br />

Aufgaben, die zu lösen<br />

die Ritter berufen<br />

waren Er machte den<br />

Rittern ihre Aufgaben<br />

bewusst: Dass sie da waren, um der Welt neue Tugenden<br />

zu schenken, die Frauen zu verehren und zu schützen, den<br />

Schwachen zur Gerechtigkeit zu verhelfen und Unrecht zu<br />

verhüten. Alles, was an körperlicher Tüchtigkeit, Schulung<br />

oder Kampffreudigkeit entwickelt wurde, diente nur dem<br />

Gedanken, mit diesen Fähigkeiten auch etwas zu verwirklichen<br />

in der Welt und nicht nur den eigenen Zielen nachzustreben.<br />

In die Artus-Runde kommt ein erregendes Element,<br />

als ein unbekannter Ritter in das Zelt gebracht wird.<br />

Mit diesem Ritter beginnt das mystische Geheimnis, denn<br />

er lässt mit seinen Abschiedsworten, mit denen er den<br />

Begleiter entlässt, seinen Großvater grüßen mit den Worten:<br />

„Grüße mir den Fischerkönig!“. So kommt sofort die<br />

Gralsbeziehung zum Ausdruck. Denn dieser kranke König<br />

Pelles, der Fischerkönig,<br />

ist der Hüter des Grals.<br />

Der unbekannte Ritter<br />

ist Sir Galahad. Er setzt<br />

sich in der Tafelrunde<br />

ganz selbstverständlich<br />

auf den Sessel, der bisher<br />

als gefährlich galt. Der<br />

Sage nach öffnete sich<br />

immer der Boden, wenn<br />

sich einer darauf setzte,<br />

aber an diesem Tage<br />

stand der Name Sir Galahad<br />

in Gold auf der Rückenlehne.<br />

<strong>Die</strong> Namen der<br />

einzelnen Ritter waren<br />

auf den Rückenlehnen<br />

ihrer Sessel eingeprägt;<br />

nur der eine war bisher<br />

ohne Namen geblieben.<br />

Artusrunde mit Gral<br />

in Glastonbury<br />

„Als Sir Galahad erschien,<br />

schwebte plötzlich die<br />

Gralsschale durch das Zelt.<br />

Sir Galahad ist der<br />

Sohn des Lancelot<br />

vom See und<br />

der Elaine, der Tochter<br />

des Pelles. Sie starb bei<br />

der Geburt, und er wurde<br />

unbekannt in einem<br />

Kloster erzogen. Es wird<br />

berichtet, dass Sir Lancelot<br />

plötzlich von der<br />

Tafelrunde in eben dieses<br />

Kloster gerufen wurde,<br />

ohne noch zu wissen, was<br />

ihm bevorstand. <strong>Die</strong> Oberin<br />

brachte einen jungen<br />

Mann, Sir Galahad, und<br />

bat Sir Lancelot, er möge<br />

ihn zum Ritter schlagen.<br />

Es wird geschildert, wie<br />

sie sich anschauen. Sie<br />

erkannten einander als<br />

Vater und Sohn. Sir Lancelot<br />

seinerseits sagte<br />

nun zur Oberin: „Bitte<br />

lassen Sie ihn eine Nacht<br />

am Altar wachen, dann<br />

will ich ihn zum Ritter<br />

58<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


<strong>Die</strong> Gralsburg<br />

Es gibt keinen Hinweis, dass die Gralsburg eine bestimmte Festung<br />

bezeichnet. <strong>Die</strong> Legenden berichten, dass sie versteckt<br />

nahe einem Fluss oder See liege. Nach der Verwüstung des<br />

Landes kann sie nur von einem Menschen reinen Herzens gesehen<br />

werden. Das Innere der Burg ist in einigen späten Versionen<br />

reich mit Juwelen und Edelsteinen geschmückt.<br />

Nach der Gralsburg wurde immer wieder gesucht. Vorwiegend<br />

werden Kirchen, Türme, Burgen und Festungsruinen in<br />

England und Wales mit der Gralsburg in Verbindung gebracht,<br />

aber auch an Orte in den spanischen und französischen Pyrenäen<br />

knüpfen sich Gralssagen. <strong>Die</strong> spätere (vor allem englische)<br />

Verschmelzung von Artus- und Gralssage führte dazu,<br />

dass der Gral auch an Orten gesucht wird, zu denen Artus eine<br />

besondere Beziehung gehabt haben soll (z. B. Glastonbury).<br />

(Quelle: Wikipedia)<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 59


Chalice Well – der Kelchbrunnen<br />

<strong>Die</strong> Umgebung von Glastonbury im Südwesten Englands, wo<br />

in der Abtei noch heute zur Weihnachtszeit ein wundersamer<br />

Dornenstrauch blühen soll und wo angeblich 1190 die sterblichen<br />

Überreste von Artus und Guinevere entdeckt wurden. An<br />

der Stelle der im selben Ort befindlichen St. Mary's Chapel soll<br />

Joseph von Arimathia die erste Kirche Europas erbaut haben.<br />

Am Fuß des Glastonbury Tor befindet sich der Chalice Well<br />

(Kelchbrunnen). Dass der Brunnen seit Menschengedenken<br />

nie versiegt ist, soll damit zusammenhängen, dass einst der<br />

Heilige Gral in ihm versteckt wurde.<br />

(Quelle: Wikipedia)<br />

schlagen.“ Mit Sir Galahad begann nun eine neue Generation<br />

in der Artus-Runde.<br />

An diesem Abend, als alle in der Artusrunde versammelt<br />

waren und Sir Galahad erschien, schwebte<br />

plötzlich die Gralsschale durch das Zelt; sie schwebte<br />

langsam über die Ritter hinweg, und ein jeder fand daraufhin<br />

dasjenige Mahl auf seinem Teller, das er sich in seinem<br />

Leben am meisten gewünscht hatte. Es erschien also eine<br />

spendende Kraft, die als reine Lichtpotenz erlebt wurde und<br />

dennoch Reales schuf. Es war sozusagen eine Abkürzung<br />

des Weges, den die Natur viel langsamer geht, vom Geist<br />

in den Stoff hinein, eine Essenz eigentlich, ein Extrakt der<br />

Schöpferkräfte aus dieser Lichtschale.<br />

Plötzlich waren die Teilnehmenden an diesem Gralsgeschehen<br />

alle in tiefes Schweigen gehüllt. Doch sofort nach<br />

dem Mahle entstand der Entschluss in einem Jeden: Sie<br />

wollen zur „Queste de Graal“, sie wollen den Gral suchen<br />

gehen. Denn der über der Runde schwebende Gral war verschwunden.<br />

Artus war sehr traurig, dass alle Ritter, die er<br />

versammelt hatte, weggehen wollten, um von nun an dieser<br />

Gestalt, die sie gesehen hatten, nachzujagen.<br />

Aber nur drei Ritter haben wirklich Erfolg: Sir Galahad,<br />

Sir Bource und Perceval.<br />

Sie müssen den Gral nach „Hause“ bringen. Man weiß<br />

eigentlich nicht wohin; es erscheint ein Schiff mit samtenen<br />

Segeln. Das Schiff stößt so schnell vom Ufer ab, dass die<br />

drei Ritter gerade selber herauf springen können. Es gelingt<br />

ihnen nicht einmal, ihre Pferde aufs Schiff zu ziehen. Sie<br />

fahren tagelang, wochenlang. Auf dem Schiff ist ein silberner<br />

Tisch, und auf diesem steht, zugedeckt in einer Schale,<br />

das Gralsgeheimnis. Es bleibt Geheimnis vor den Schiffsleuten,<br />

wer die Gralsschale dorthin gestellt hat.<br />

Sie leben über einen Monat aus der Strahlung und segeln<br />

übers Meer. Sie kommen zu einer Stadt, die Sarras heißt,<br />

eine Märchenstadt, die sehr steil aufsteigt. Sie tragen mit<br />

Mühe den silbernen Tisch die Treppen empor. Sie können<br />

schon gar nicht mehr den Tisch tragen, als sie einen Bettler<br />

mit Krücken auf den Stufen sitzen sehen. Sie sagen ihm,<br />

er solle aufstehen und helfen. Zwanzig Jahre, sagt dieser,<br />

säße er hier und könne sich nicht bewegen „Doch“, sagt Sir<br />

Galahad, „du kannst dich bewegen und gehst mit uns.“ Er<br />

steht zum Staunen aller auf und trägt den Rittern den Tisch,<br />

der plötzlich ganz leicht geworden, ist in die Kathedrale. Als<br />

sie dort ankommen, feiern sie eine Art Messe. Darauf werden<br />

sie vom König des Landes verhaftet, denn er hält sie für<br />

Schwindler. Für ein Jahr werden sie ins Gefängnis gesperrt.<br />

Dort aber werden sie von der Strahlung des Grals ernährt.<br />

Nach einem Jahr liegt der König im Sterben und erkennt,<br />

60<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


dass er den drei Rittern Unrecht getan hat. So lässt er sie<br />

kommen und sich ihre Geschichte erzählen. Er bittet sie um<br />

Verzeihung und stirbt.<br />

...<br />

Nun wollen die<br />

Einwohner Sir<br />

Galahad zum König<br />

wählen Er aber will<br />

absolut keine Königswürde<br />

annehmen. Sie<br />

aber bestehen darauf;<br />

und wenn es nur für einen<br />

Tag wäre - Er solle<br />

König sein. So kommt<br />

es zur Krönung. Am<br />

nächsten Tag gehen sie<br />

wieder in die Kathedrale.<br />

Dort ist ein Priester,<br />

den niemand gekannt,<br />

niemand je gesehen hat.<br />

Das Gralsgefäß wird nun<br />

Sir Galahad gereicht. Er<br />

allein darf hineinschauen,<br />

die beiden anderen<br />

sehen es nur von außen. Sir Galahad ist daraufhin vollkommen<br />

erfüllt von einer geistigen, jenseitigen Wirklichkeit Es<br />

heißt, wer in die Geheimnisse des Grals geschaut hat, der<br />

kann nicht mehr leben. Vollkommen verklärt verabschiedet<br />

er sich von seinen Freunden und bittet sie, dem Vater mitzuteilen,<br />

dass sein Herzenswunsch jetzt erfüllt sei. Daraufhin<br />

stirbt er. Im Augenblick, da sie noch in der Kirche standen,<br />

war plötzlich der Raum von einer nie gehörten Musik erfüllt;<br />

geistige Wesen schwebten in der Kirche, eine Hand<br />

Sir Galahad, Sir Bource<br />

und Perceval. Aquarell<br />

des englischen<br />

Künstlers Dante Gabriel<br />

Rossetti<br />

kam und nahm den Gral hinweg von der Erde. <strong>Die</strong> beiden<br />

anderen sind verlassen. Perceval, dessen Name dann 400<br />

Jahre später bei Wolfram von Eschenbach wieder auftaucht,<br />

der immer Sir Galahad<br />

gefolgt ist, ihn<br />

in seiner Jugendzeit<br />

immer gesucht hat,<br />

der selber noch jung<br />

ist, er bleibt zurück.<br />

Er weiß, dass auch er<br />

sterben wird, weil er<br />

Sir Galahad innerlich<br />

vollkommen verbunden<br />

ist. So lebt er ein<br />

Jahr und drei Tage<br />

und stirbt. Sir Bource<br />

fährt allein zurück<br />

zu König Artus und<br />

berichtet dies alles.<br />

<strong>Die</strong>ser lässt einen<br />

Schreiber holen, der<br />

es aufschreibt.<br />

Im Jahre 450 n. Chr.<br />

stirbt König Artus. ■<br />

Baronin Olga von Ungern Sternberg<br />

Entstammte einem Geschlecht das sich bis zu<br />

Wolfram von Eschenbach zurückführen läßt.<br />

In ihrem Familienwappen trug sie die Lilie das<br />

Symbol des Heiligen Grals. Sie starb 2 Tage vor<br />

ihrem 102 Geburtstag.<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 61


„Seit Jahrhunderten durchzieht der<br />

mystische Weg im Zeichen des<br />

Rosenkreuzes die Geschichte...<br />

Der kabbalistische<br />

Lebensbaum<br />

Historisch taucht der Begriff<br />

Rosenkreuzer Anfang des 17.<br />

Jahrhunderts auf, in einer<br />

Schrift, der sog. Fama Fraternitatis,<br />

mit der erstmals eine breite Öffentlichkeit<br />

von den Rosenkreuzern erfahren<br />

hat. <strong>Die</strong>se Schrift wurde jedoch<br />

viel zu wörtlich genommen, denn in<br />

der Fama Fraternitatis ist eine allegorische<br />

Darstellung des traditionellen<br />

Einweihungsweges der Rosenkreuzer<br />

verborgen. So stehen die Buchstaben<br />

C.R. nicht für eine vermeintlich<br />

historische Gestalt als angeblichen<br />

Gründer des Ordens. <strong>Die</strong> Buchstaben<br />

C.R. waren bereits im alten Ägypten in<br />

Gebrauch und sind bis heute Symbol<br />

für die Veredelung des Geistes. <strong>Die</strong>s<br />

zeigt, dass es neben der offiziellen<br />

Religion auch bei uns im Westen eine<br />

überlieferte spirituelle Tradition gibt.<br />

Doch erst mit dem Erscheinen der<br />

historischen Rosenkreuzer-Manifeste<br />

lässt sich die wechselvolle äußere<br />

Geschichte des Ordens verfolgen, der<br />

sich auf Grund mangelnder Geistesfreiheit<br />

unter verschiedensten Namen<br />

verbarg.<br />

Datierbare Funde und Quellen<br />

historischer Forschung sagen naturgemäß<br />

nur etwas über das Alter<br />

eines solchen Fundes aus, nichts<br />

aber über die Entstehung oder das<br />

Alter der Gedanken. AMORC spricht<br />

daher von einer Überlieferung, wohl<br />

wissend, dass eine lückenlose historische<br />

Dokumentation für immer ein<br />

Wunschtraum bleiben wird. Dabei<br />

gilt es, nicht zu vergessen, dass die<br />

Geschichte lediglich das unverzichtbare<br />

Gewand, das Gefäß der darin<br />

enthaltenen Botschaft ist und immer<br />

dann, wenn sich Geschichte und Legende<br />

zu vermischen beginnen, ist<br />

das Gewand durchlässig geworden<br />

und erlaubt tiefere Einsicht in bislang<br />

unsichtbare Wirklichkeiten und<br />

Zusammenhänge. So verweist jede<br />

Mythologie auf das Höhere und Unaussprechliche.<br />

AMORC<br />

AMORC als Der Alte und Mystische<br />

Orden vom Rosenkreuz gilt als authentische<br />

Nachfolgeorganisation<br />

der historischen Rosenkreuzer und<br />

ist bestrebt, dem suchenden Menschen<br />

zu helfen seine wahre Natur zu<br />

erkennen, um so die Meisterschaft<br />

über sein Leben zu erlangen. Primäres<br />

Ziel ist dem Menschen zu helfen<br />

sich glücklicher zu fühlen, denn andernfalls<br />

wäre die Bewahrung und<br />

Weitergabe der mystischen Überlieferung<br />

Selbstzweck und AMORC als<br />

Organisation sinnlos. Seit Jahrhunderten<br />

durchzieht der mystische Weg<br />

im Zeichen des Rosenkreuzes die<br />

Geschichte und zeigt dem Menschen<br />

62<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Im Zeichen von<br />

Kreuz & Rose<br />

Geschichte und Mythos der Rosenkreuzer<br />

Alexander Crocoll<br />

Möglichkeiten auf, die Geheimnisse<br />

der Schöpfung und seines inneren<br />

Wesens zu entdecken.<br />

<strong>Die</strong> Ursprünge der Tradition<br />

<strong>Die</strong> Überlieferung sieht die Ursprünge<br />

der Rosenkreuzer in den Mysterienschulen<br />

im antiken Ägypten, die zur<br />

Zeit Echnatons geöffnet wurden, damit<br />

außer den höheren Priestern und<br />

Mitgliedern der Familie des Pharaos<br />

auch andere gebildete Menschen, Philosophen,<br />

Wissenschaftler und Künstler<br />

die Lehren von Gott, der Natur und<br />

dem Menschen erfahren konnten. <strong>Die</strong>se<br />

reisten aus allen Teilen der damals<br />

bekannten Welt nach Ägypten, um sich<br />

dort über viele Jahre unterweisen zu<br />

lassen. Nach ihrer Rückkehr begannen<br />

sie in ihren Heimatländern aufrichtige<br />

Menschen in Ihrem Bestreben nach Höherentwicklung<br />

zu fördern. So mündete<br />

die Entwicklung des Ordens über viele<br />

Schulen in die sich entfaltende abendländische<br />

Kultur. Es heißt, dass das<br />

alte und unveränderliche Wissen von<br />

Weisen am Hof Karl des Großen im 8./9.<br />

Jahrhundert für die Entwicklung der<br />

abendländischen Kultur eingebracht<br />

wurde. Viele große Geister der Vergangenheit<br />

gehörten dieser Fraternität an,<br />

deren Lehre diesen Persönlichkeiten<br />

als Quelle für ihre eigene Entwicklung<br />

diente und die im Geist der Rosenkreuzer<br />

die Geschichte prägten. Nicht zu<br />

vergessen die unzähligen unbekannten<br />

Strebenden, die durch das Portal dieser<br />

Weisheitsschule geschritten sind,<br />

den Weg des Rosenkreuzes bereicherten<br />

und damit schließlich sich selbst in<br />

ihrer Entwicklung. Allen lag der große<br />

Drang zugrunde, ihren Beitrag an der<br />

Veredelung des menschlichen Geistes<br />

zu leisten, damit das Göttliche in der<br />

Schöpfung und im Menschen für alle<br />

Zeiten erfahrbar wird.<br />

<strong>Die</strong> Quelle der Überlieferung<br />

Aus einer ursprünglichen Quelle<br />

haben sich unterschiedliche Traditionen<br />

ausgebildet, die in die<br />

Entstehung der verschiedenen<br />

Religionen einmünden, und bereits<br />

in Ägypten wurde der Grundstein<br />

für den späteren Monotheismus<br />

der drei abrahamitischen<br />

Religionen gelegt. AMORC unterscheidet<br />

zwischen einer horizontalen<br />

Überlieferung, d.h. Wissensvermittlung,<br />

und einer vertikalen<br />

Überlieferung, durch persönliche<br />

Offenbarung der kosmischen<br />

Ordnung. Das Erlernen der sogenannten<br />

mystischen Sprache ermöglicht<br />

die persönliche Erfahrung,<br />

den Zugang zum Inneren<br />

Selbst. Auf diese Weise ergänzen<br />

sich die horizontale und vertikale<br />

Überlieferung und führen direkt<br />

zur Quelle.<br />

<strong>History</strong> MATRIX 3000 63


Im Zeichen von Kreuz und Rose<br />

Bei den Rosenkreuzern denkt man<br />

unmittelbar an die Begriffe Kreuz und<br />

Rose. Das Kreuz ist ein uraltes Symbol,<br />

das auch zeitlich weit über das Christentum<br />

hinausgeht und das Zusammenwirken<br />

der materiellen und der<br />

geistigen Ebene symbolisiert. Wenn<br />

dieses Zusammenwirken in harmonischer<br />

Weise geschieht, entsteht eine<br />

dritte Kraft, in der die Seelenpersönlichkeit<br />

des Menschen zum Ausdruck<br />

kommt. Für diese erwachende Seelenpersönlichkeit<br />

als das Höchste und<br />

Edelste im Menschen steht die aufgehende<br />

Rosenknospe im Schnittpunkt<br />

des Kreuzes. <strong>Die</strong> grundlegende Symbolik<br />

ist zwar Jahrtausende alt, doch<br />

geht diese in Form des Rosenkreuzes<br />

auf die Mystiker der Renaissance zurück.<br />

In jener Zeit fand ein großer Wertewandel<br />

statt, ähnlich wie man auch<br />

die heutige Zeit als einen Aufbruch in<br />

eine neue Zeit verstehen und begreifen<br />

kann.<br />

Zeit der Entscheidung<br />

Sobald der Mensch zu verspüren beginnt,<br />

dass ihm das übliche Dahinvegetieren<br />

in der profanen Welt nicht<br />

mehr ausreicht, erwacht eine Sehnsucht<br />

in ihm, und er beginnt sich auf<br />

ein neues Leben vorzubereiten. So<br />

wird ein Same gelegt, der zu gegebener<br />

Zeit aufgehen wird und das Leben<br />

zu einer neuen Blüte bringt. Doch gilt<br />

es Position zu beziehen, sich zu entscheiden<br />

und nach dem Höheren auszurichten.<br />

Lässt der Mensch sich dabei<br />

von seinem Inneren Selbst leiten, so<br />

kann er sicher sein, den richtigen Weg<br />

zu finden. Doch gilt es unterscheiden<br />

zu lernen zwischen dem starken Drängen<br />

des äußeren Ego und der sachten<br />

Stimme aus dem Inneren, der Stimme<br />

der Intuition. Eine Fülle von Ahnungen<br />

wird aufsteigen und helfen, die richtigen<br />

Weichen für die Zukunft zu stellen.<br />

<strong>Die</strong> Antwort der Rosenkreuzer auf<br />

die Frage nach dem Sinn des<br />

Lebens führt zum „Erkenne dich<br />

selbst!“; denn der Mensch trägt alles<br />

in sich, was er benötigt, um sich selbst<br />

zu erkennen. <strong>Die</strong>sen spirituellen Weg,<br />

der den Menschen zu seiner Suche anregt,<br />

das Höhere Selbst zu erfahren,<br />

bewahrt AMORC und gibt ihn an alle<br />

aufrecht suchenden Menschen weiter.<br />

So steht der Orden in der Tradition der<br />

ursprünglichsten spirituellen Überlieferungen<br />

der Menschheit. <strong>Die</strong> über<br />

Jahrhunderte überlieferten Lehren<br />

der Rosenkreuzer sind ein besonders<br />

wirksamer Führer für die spirituelle<br />

Suche, denn die Lehren sind vollständig<br />

und enthalten alle notwendigen<br />

Elemente für die innere Entwicklung.<br />

<strong>Die</strong> persönliche Erfahrung des Göttlichen<br />

spielt in den Rosenkreuzerlehren<br />

eine zentrale Rolle, denn nach<br />

ihrer Auffassung ist es die Sehnsucht<br />

nach dem Göttlichen im Menschen, die<br />

ihn auf seiner Entwicklung vorantreibt.<br />

<strong>Die</strong> praktische Anwendung und Umsetzung<br />

der Lehren der Rosenkreuzer<br />

im Alltag führen zu eigenen, persönlichen<br />

Erfahrungen und zu einer harmonischen<br />

Entfaltung der Persönlichkeit.<br />

So kommt der Studierende nicht umhin,<br />

eine Verbesserung in seinem Leben<br />

festzustellen und sich glücklicher<br />

zu fühlen.<br />

<strong>Die</strong> Veredelung des Geistes<br />

<strong>Die</strong>se Weisheitslehren sind nicht vom<br />

Himmel gefallen. <strong>Die</strong> alten Eingeweihten,<br />

die großen Avatare der Menschheit<br />

standen alle voll im Wissen ihrer Zeit,<br />

hatten aber zugleich Kontakt zur geistigen<br />

Welt. Aus derartigen Kontakten<br />

zur geistigen Welt entspringen auch<br />

die Religionen, die allerdings stets von<br />

Menschen interpretiert wurden und<br />

entsprechende kulturelle Prägungen<br />

erfahren haben. Dem modernen Men-<br />

schen derartige Erfahrungen zu ermöglichen<br />

und ihn an seinem kosmi-<br />

schen Erbe teilhaben zu lassen, dafür<br />

steht AMORC als die heutige Organisation,<br />

die das Erbe der historischen<br />

Rosenkreuzer bewahrt und stets bemüht<br />

ist, diese zeitlose Weisheit in die<br />

Sprache des modernen Menschen zu<br />

übersetzen. Ziel ist es letztendlich, die<br />

Menschheit und die gesamte Schöpfung<br />

als Einheit zu erfahren und die<br />

universale Bruderschaft der Menschheit<br />

zu leben. Schließlich kommt dem<br />

Menschen im Kosmos eine besondere<br />

Aufgabe und Stellung zu und es wird<br />

Zeit, dass die Menschheit ihrer schen Verantwortung gerecht wird. ■<br />

Dr. Alexander Crocoll<br />

publizierte in seiner<br />

wissenschaftlichen<br />

Tätigkeit Arbeiten zur<br />

Genetik molekularer<br />

Embryologie. Er<br />

beschäftigt sich seit<br />

frühester Jugend mit<br />

spirituellen Fragen, ist seit drei Jahrzehnten<br />

AMORC-Mitglied und arbeitet heute als<br />

Sekretär in der deutschen kosmi-<br />

AMORC-Zentrale.<br />

Symbolische Darstellung<br />

der vier Elemente<br />

64 MATRIX 3000 <strong>History</strong>


„... und zeigt dem Menschen<br />

Möglichkeiten auf, die Geheimnisse<br />

der Schöpfung und seines<br />

inneren Wesens zu entdecken.<br />

Sir Francis Bacon<br />

Frieden<br />

Von innen nach außen<br />

„Nichts kann dir Frieden bringen außer du selbst!“<br />

Ralph Waldo Emerson<br />

Kein Frieden ohne Seelenfrieden. Weltweit hunderte bewaffnete<br />

Konflikte mit alljährlich zehntausenden Toten. Eine Spirale der<br />

Gewalt, die nur durch eine neue Einstellung der Menschen zu<br />

uralter Weisheit unterbrochen werden kann: Ein friedliches Inneres<br />

erzeugt äußeren Frieden. Und wie soll das möglich sein?<br />

AMORC – <strong>Die</strong> Rosenkreuzer geben Antworten.<br />

Zeitlose Weisheit in einer modernen Welt.<br />

Sie wollen mehr über<br />

AMORC wissen?<br />

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Informationsbroschüre an:<br />

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<strong>Vorschau</strong><br />

<strong>Vorschau</strong><br />

<strong>Vorschau</strong> auf <strong>Matrix3000</strong> Band 77, erscheint am 29. 8. 2013<br />

Higgs-Bosonen im Gehirn<br />

Hinter den Kulissen von CERN … und hinter den Kulissen der<br />

Kulissen. Haben CERN-Wissenschaftler eine dramatische Warnung<br />

vor den Higgs-Bosonen geschickt verpackt?<br />

Neu – Kontrovers – Unbedingt lesen!<br />

MATRIX<br />

NEUES DENKEN<br />

3000<br />

Impressum<br />

<strong>Matrix3000</strong> erscheint zweimonatlich.<br />

ISSN 1 439-4154<br />

ISBN (<strong>History</strong> Spezial 2013 ) : 978-3-89539-892-6<br />

Verlag<br />

MATRIX3000 Verlag GmbH<br />

Ammergauer Straße 80<br />

D-86971 Peiting<br />

Telefon: 0 88 61/59 0 18, Telefax: 0 88 61/67 0 91<br />

info@matrix3000.de, www.matrix3000.de<br />

Redaktion MATRIX3000<br />

Grazyna Fosar<br />

Franz Bludorf<br />

Redaktion und Verlag <strong>Matrix3000</strong><br />

Ammergauer Str. 80<br />

86971 Peiting<br />

Telefon: 0171-3675406<br />

grazyna.fosar@matrix3000.de,<br />

franz.bludorf@matrix3000.de<br />

Redaktionsschluß für die nächste Ausgabe,<br />

<strong>Matrix3000</strong> Band 77: 16. 7. 2013<br />

Schädlinge giftfrei bekämpfen<br />

Holzwürmer, die eigentlich keine „Würmer“, sondern die Larven<br />

des Nagekäfers sind, können erhebliche Schäden anrichten, an<br />

der Bausubstanz von Häusern sowie an z. T. unersetzbaren Antiquitäten.<br />

<strong>Die</strong> herkömmlichen Bekämpfungsmethoden durch<br />

chemische Gifte oder durch Begasung betroffener Gegenstände<br />

sind jedoch auch für Mensch und Umwelt eine Gefahr. Jetzt<br />

gibt es eine neue, umweltfreundliche Methode, um die lästigen<br />

Plagegeister loszuwerden: durch Schlafentzug, auch wenn das<br />

wie ein Witz klingen sollte. Für Menschen vollkommen harmlose<br />

Frequenzen stören den Aktivitäts-Ruhe-Rhythmus der Insekten<br />

und können sie dauerhaft vertreiben.<br />

Der neue Dan Brown - verteufelt kompliziert<br />

Noch scheint unklar, ob „Das verlorene Symbol“, Dan Browns<br />

letzter Roman, je mit Tom Hanks in die Kinos kommt, da legt<br />

der Literatur-Megastar nach. „Inferno“ nimmt sich - nach<br />

Leonardo Da Vinci - eines weiteren Giganten der italienischen<br />

Kulturgeschichte an. Dante Alighieri hatte mit „<strong>Die</strong> Göttliche<br />

Komödie“ einen kühnen Reiseführer durchs Jenseits verfasst.<br />

Gemeint war jedoch immer das <strong>Die</strong>sseits seiner sozialen Realität.<br />

Was hat das Versepos aus dem 14. Jh. mit unserer Zeit zu<br />

tun? Was haben Dante und Brown über das virulente Problem<br />

der Überbevölkerung zu sagen? Und ist „Inferno“ - wie seine<br />

literarische Quelle - ein Stück Weltliteratur geworden?<br />

Außerdem in der nächsten <strong>Matrix3000</strong>...<br />

Seltsamer Fund in Rumänien<br />

Aus Rumänien werden z. T. sensationelle Funde gemeldet.<br />

Nicht nur, dass steinerne Artefakte mit eindeutigen<br />

Bearbeitungsspuren in geologischen Schichten aus dem<br />

Zeitalter der Dinosaurier entdeckt wurden. Es soll in einer<br />

Stadt sogar ein komplettes Tunnelsystem geben, das auf<br />

eine Millionen Jahre alte Zivilisation hindeuten soll. Eine<br />

genauere Erforschung der angeblichen Funde erweist sich<br />

allerdings als hindernisreich.<br />

Symbole – Hüter der Weisheit<br />

Das spirituelle Symbol hat eine ähnliche Funktion wie Yoga<br />

oder Religion. Es verbindet oder überbrückt zwei oder mehrere<br />

Ebenen miteinander. Es speichert in verschlüsselter<br />

Form Informationen und Weisheit und dient als Eintrittscode<br />

für höhere Bereiche sowie die Seelenwelt. Viele Symbole<br />

wirken auf den Verstand nichtssagend, missverständlich,<br />

geheimnisvoll oder gar dunkel. Das liegt daran, dass sie einer<br />

vormentalen Struktur entstammen und direkt auf die<br />

Seele einwirken – zum Positiven wie auch Negativen.<br />

Chefredaktion<br />

Franz Bludorf<br />

Redaktion<br />

Franz Bludorf, Grazyna Fosar, Ulrich Heerd, Ralf Lehnert,<br />

Lisa Rampertshammer, Elke Röder, Roland Rottenfußer<br />

Beiträge von<br />

Franz Bludorf, Alexander Crocoll, Lars A. Fischinger,<br />

Grazyna Fosar, Ralf Lehnert, Holdger Platta, Roland<br />

Rottenfußer, Olga von Ungern-Sternberg<br />

Artdirection & Design<br />

Mirjam Schuster<br />

mia@thesigner.com<br />

Bilder: Angaben beim Bild oder Archiv<br />

Druck<br />

Mayr Miesbach GmbH<br />

Vertrieb<br />

MZV Moderner Zeitschriften Vertrieb GmbH & Co. KG<br />

Ohmstraße 1, 85716 Unterschleißheim<br />

Tel.: 089/ 31906-296, Fax.: 089/ 31906-166<br />

www.mzv.de<br />

Bezugspreise<br />

Abo-Jahresbeitrag (6 Hefte + 3 <strong>Sonderheft</strong>e), inkl. Versand:<br />

49,– EUR (ins Ausland 62,40 EUR).<br />

Abo-Bestellung mit Abo-Bestellschein.<br />

Einzelheft: Deutschland 6,50 EUR,<br />

Österreich 7,40 EUR, Schweiz 12,80 SFR,<br />

Italien 8,50 EUR, Luxemburg 7,70 EUR<br />

Für gewerbliche Inserenten<br />

Michaels Verlag und Vertrieb GmbH<br />

Ammergauer Straße 80<br />

D-86971 Peiting<br />

Telefon: 0 88 61/59 0 18, Telefax: 0 88 61/67 0 91<br />

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Ammergauer Straße 80<br />

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Mit Namen gezeichnete Beiträge werden von den Autoren<br />

selbst verantwortet und stellen die Meinung des jeweiligen<br />

Autors dar. Sie spiegeln daher nicht unbedingt die<br />

Auffassungen der Redaktion wider. <strong>Die</strong> Bearbeitung und<br />

Kürzung von Beiträgen behält sich die Redaktion vor. Alle<br />

Inhalte entsprechen dem besten Wissen der Redaktion<br />

nach gründlicher Prüfung, trotzdem kann keine Gewähr<br />

übernommen werden.<br />

<strong>Die</strong> Redaktion freut sich über zugesandte Textvorlagen,<br />

für unverlangt eingereichte Beiträge kann der Verlag<br />

allerdings keine Haftung übernehmen.<br />

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Verantwortung. Nachdruck und Kopie, auch in<br />

Auszügen, nur nach Abstimmung mit dem Verlag.<br />

66<br />

MATRIX 3000 <strong>History</strong>


Grazyna Fosar / Franz Bludorf<br />

Zeitfalle<br />

ISBN 978-3-89539-386-0<br />

€ 24,80 (D) € 25,50 (A)<br />

Wir alle stecken in einer Zeitfalle:<br />

Als Individuen über unsere<br />

DNA, als Menschheit über den<br />

Code der Menschheitsgeschichte.<br />

<strong>Die</strong> Ereignisse von Fatima programmierten<br />

die Weltgeschichte<br />

des 20. und 21. Jahrhunderts.<br />

Eine Schlüsselrolle spielt<br />

der Papst. Wissenschaftler entdecken<br />

die fraktale Struktur der<br />

Zeit, Zeitschleifen, fraktale Uhren,<br />

Zeit und Bewusstsein.<br />

9 783895 393860 > 9 783895 394911 ><br />

Ernst Meckelburg<br />

Zeitexperimente<br />

ISBN 978-3895394911<br />

€ 21,80 (D) € 22,50 (A)<br />

<strong>Die</strong> Zeitforschung und das Wissen<br />

um die Manipulation von Zeit<br />

zur strategischen Nutzung von<br />

Zeitanomalien sowie zur Kontrolle<br />

zeitlicher Abläufe zwecks<br />

Verhinderung unerwünschter Ereignisse<br />

gewinnen, von der Öffentlichkeit<br />

völlig unbeachtet,<br />

in jüngster Zeit immer mehr an<br />

Bedeutung. Was viele Menschen<br />

immer noch als Science-Fiction<br />

ansehen, wird von renommierten<br />

Zeitforschern im Rahmen topseriöser<br />

Projekte mit Hochdruck<br />

vorangetrieben.<br />

David Hatcher Childress<br />

Zeitreisenhandbuch<br />

ISBN 978-3-89539-233-7<br />

€ 24,90 (D) € 25,60 (A)<br />

P. B. Nichols / P. Moon<br />

Das Montauk Projekt<br />

ISBN 978-3-89539-269-6<br />

€ 16,00 (D) € 16,50 (A)<br />

9 783895 392337 ><br />

In der Tradition des Antigravitations-<br />

und des Freie-Energie-<br />

Handbuches führt uns der Wissenschaftsautor<br />

Childress in<br />

die sonderbare Welt des Zeitreisens<br />

und der Teleportationsexperimente.<br />

In diesem Buch wird<br />

nicht nur von den Zeitexperimenten<br />

berichtet, sondern auch<br />

von den Wilson-Brüder von EMI<br />

und deren Verbindungen zum<br />

Philadelphia-Experiment der<br />

amerikanischen Marine.<br />

9 783895 392696 ><br />

<strong>Die</strong> Wahrheit über das Phänomen<br />

Zeit! Das Montauk Projekt deckt<br />

das am strengsten geheim gehaltene<br />

Forschungsprojekt der Geschichte<br />

auf. Es begann während<br />

des II. WKs, als man Versuche<br />

durchführte, das Kriegsschiff<br />

USS Eldridge für feindliches Radar<br />

unsichtbar zu machen. Das<br />

Projekt wurde unterbrochen,<br />

nachdem es am 12. August 1943<br />

zu einer kompletten Teleportation<br />

des Schiffes und seiner Besatzung<br />

gekommen war.<br />

Bob Frissell<br />

Zurück in unsere Zukunft<br />

ISBN 978-3-89539-260-3<br />

€ 16,00 (D) € 16,50 (A)<br />

David Hatcher Childress<br />

Technologie der Götter<br />

ISBN 978-3-89539-234-4<br />

€ 26,90 (D) € 27,70 (A)<br />

9 783895 392603 ><br />

Sind wir wirklich Teil eines einzigartigen<br />

kosmischen Experiments?<br />

Neigt sich unsere Zeit<br />

auf dem Planeten Erde - in der<br />

dritten Dimension - wirklich dem<br />

Ende zu? Und hat wirklich jeder<br />

einzelne Mensch die Möglichkeit,<br />

anhand der hier vermittelten<br />

Techniken den sagenumwobenen<br />

„Aufstieg“ in die höheren<br />

Dimensionen zu schaffen?<br />

Bob Frissell gibt Denkanstöße<br />

und liefert handfeste Beweise.<br />

9 783895 392344 ><br />

Der Autor führt uns in die erstaunliche<br />

Welt der antiken<br />

Technologie, er untersucht die<br />

gewaltigen Bauten aus riesigen<br />

Steinblöcken und viele erstaunliche<br />

Fundstücke aus aller Welt,<br />

von Kristalllinsen sog. „Ewigen<br />

Feuern“ und elektrischer Beleuchtung.<br />

<strong>Die</strong>ses Buch liefert<br />

eindeutige Beweise, dass auch<br />

schon längst untergegangene Zivilisationen<br />

eine fortschrittliche<br />

Technologie besessen haben,<br />

welche der heutigen teilweise sogar<br />

weit überlegen war.<br />

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59


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