Diagnostische Kriterien als Vorschlag

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Diagnostische Kriterien als Vorschlag

Workshop: Internetsucht – zwischen enter und escape St. Pölten, 15.3.2013 Dr. Hubert Poppe Facharzt für Psychiatrie und Neurologie Wien – Baden www.psychiatrie.co.at hubert.poppe@a1.net


Multifaktorielle Genese der Abhängigkeit Person Selbstwert, Dysfunktion des Belohnungssystems, Problemlösungsfähigkeiten, etc. Droge/Verhalten Verfügbarkeit, Wirksamkeit, gesellschaftliche Akzeptanz, etc. Umwelt Ansehen, Peer Group, Familie, Schule/Beruf, etc.


Prävalenzzahlen / Hochrechnungen - Ö / D Internetsuchtstudie Wiener Jugendliche (~14Jahre) / Batthyany (2009) Internetprävalenz Jugendliche (12-24 Jahre) Meixner/Jerusalem 2005-2008 10,00% 9,60% 3,00% 2,50% 2,00% 1,40% 2,60% 8,00% 6,00% 4,00% 2,00% 2,70% 1,50% 1,00% 0,50% 0,00% Betroffen Gefährdet 0,00% Abhängigkeit Missbrauch


Prävalenzzahlen Computerspielabhängigkeit unter 15 Jährige (Rehbein et al., 2009) 5,00% 4,50% 4,00% 3,50% 3,00% 2,50% Abhängig Gefährdet 2,00% 1,50% 1,00% 0,50% 0,00% Männliche Jugendliche Weibliche Jugendliche Insgesamt


Reale Lebenswelten Virtuelle Lebenswelten (=Lebenswelterweiterung) PC-Gebrauch Spannung, Unterhaltung, Abschalten, Kommunikation, Information … PC als Lebensinhalt (pathologische Nutzung) Funktionalisierung / Inadäquate Nutzung (Toleranzentwicklung Fokussierung, etc.) Adäquate Nutzung des Mediums PC als Lebenswelterweiterung Aufrechterhaltung bestehender Lebensbereiche und Verhaltensmuster Verhaltensänderung - Rückzug aus anderen Lebensbereichen Reale Lebenswelt auf die virtuelle ausgerichtet Virtuelle Lebenswelt in die reale eingebettet


Diagnostische Kriterien als Vorschlag (Zimmerl): • Fokussierung • Kontrollverlust • Entzugssymptome • Negative Konsequenzen • Unfähigkeit zur Verhaltensänderung 21.03.2013


Diagnostische Kriterien 1. Fokussierung • Brennpunkt (Fokus) des Denkens/Handelns richtet sich auf das Onlinesein • Offline kommt es zur gedanklichen Beschäftigung über das Onlinesein (z.B. was werde ich beim nächsten Einstieg machen; Versäumnisängste, etc.) ‣ Einengung des Verhaltensraumes / Internet erlangt oberste Priorität 21.03.2013


Diagnostische Kriterien 2. Kontrollverlust • Onlinezeiten können nicht mehr kontrolliert werden (aus einer vorgenommenen Stunde werden z.B. drei Stunden) • Oft Toleranzsteigerung: Onlinezeiten werden quantitativ gesteigert um denselben Effekt zu erreichen 21.03.2013


Diagnostische Kriterien 3. Entzugssymptome • Bei unfreiwilligen Offlinezeiten kommt es zu psychovegetativen Entzugssymptomen: Reizbarkeit, Affektlabilität, Unruhe, Unkonzentriertheit etc. 21.03.2013


Diagnostische Kriterien 4. Negative Konsequenzen • Psychosoziale Folgeschäden: Vernachlässigung der face to face Sozialkontakte (Selbstisolierung), Probleme bei Ausbildung / Arbeitsplatz (Abbruch), mögliche Verschlechterung psychischer Grunderkrankungen etc. • Physische Folgeschäden: Mangelernährung, Vernachlässigung des Schlafbedürfnisses etc. 21.03.2013


Diagnostische Kriterien 5. Unfähigkeit zur Verhaltensänderung • Trotz negativer Konsequenzen – Unfähigkeit zur eigenständigen Verhaltensänderung • Suchttypische Abwehrmechanismen: Bagatellisierung, Rechtfertigung, Verleugnung des eigenen Verhaltens (vor anderen und sich selbst) 21.03.2013


Diagnostische Kriterien als Vorschlag (Zimmerl): Diese 5 Kriterien finden sich (in unterschiedlicher Ausprägung) bei allen Internetsüchtigen


Diagnosekriterien als Vorschlag Fachverband Medienabhängigkeit •Zeit und Ausschlusskriterien müssen erfüllt sein (A und C) •Mind. 4 der 7 primären Abhängigkeitskriterien müssen erfüllt sein (B1) •Mind. 1 der 3 sekundären Abhängigkeitskriterien müssen erfüllt sein (B2)


Systemtheorie Zirkulare Kausalitäten weil Exzessiver PC-Gebrauch Sozialer Konflikt weil Das Problem mit dem System.


Wer ist gefährdet? • Personen mit unsicherer und/oder gehemmter und/oder unreifer Persönlichkeitsstruktur • selbstverliebte Individuen mit sadistischen Impulsen


Motivation • Realitätsflucht und Realitätsverdrängung • Dysfunktionale Stressregulation • Experimentieren mit der eigenen Identität • Befriedigung des Spieltriebs und Kommunikations- /Gemeinschaftsbedürfnisses


Gefährdungsbereiche • Kommunikationsplattformen / Sozialisationsplattformen (Foren, Chats, social networks etc.) • Partner-/Erotikplattformen (Singlebörsen, Pornovideoseiten, Erotikchats, etc.) • Glücksspielplattformen (Online Wett-, Pokeranbieter uvm.) • Onlinespiele (z.B. MMORPGs)


Komorbidität


Internetsucht – Lebenssituation


Therapie • Die Therapie orientiert sich am Einzelfall und wird individuell adaptiert angeboten. Mithilfe von Sozialtherapie, Psychotherapie sowie Selbsthilfearbeit geht es darum die Ressourcen der PatientInnen zu stärken. Daraus ergibt sich ein breites Feld an unterschiedlichen Therapieangeboten.


Therapie • Ziele: – Möglichkeit eines offenen Austausches – Aufklärung über Funktionalität des Internetgebrauchs und Mechanismen der Internetsucht – Erarbeitung / Wiedererlangung von Problemlösefertigkeiten – Wiedererlangung sozialer Kompetenzen – Stärkung des bestehenden sozialen Netzwerkes und nach Möglichkeit Erweiterung dieses – Alternative Freizeitgestaltungsmöglichkeiten Autonomes und freudvolles Leben


Therapie • Erstgespräch: – Information / Beratung / Aufklärung – Abklärung der IST-Situation • Screening- und Anamneseverfahren • Berücksichtigung der gesamten Lebenssituation • Komorbiditäten!? – Planung weiterer Schritte: ambulante oder stationäre Therapie


Therapie • Ambulantes Angebot – Einzelfalltherapie (z.B. Onlinetagebücher, etc.) – Beratung (z.B. Aufklärung über Krankheitsbild, etc.) – Psychosoziale Betreuung (z.B. Wohnsituation bearbeiten, etc.) – Erarbeitung alternativer Handlungsstrategien (z.B. alternative Freizeitaktivitäten, etc.) – PC-freier Tag – Onlinetagebuch


Therapie • Stationäres Angebot – Geschützter Rahmen – Einzeltherapie – Gruppentherapie – Beratung – Psychosoziale Betreuung – Möglichkeit des Kennenlernens alternativer Freizeitangebote – Lernzentrum – Tagesstruktur (ohne Computer) – Steigerung der Sozialkontakte


Therapie • Angehörigenarbeit – Aufklärung – Information – Psychosoziale Beratung – Unterstützung/Entlastung


Therapie • Angehörigenarbeit – Aufklärung – Information – Psychosoziale Beratung – Unterstützung/Entlastung


Fallgegenüberstellungen Fall B (1986): • Lebt alleine, Mutter und Vater verstorben, Kontakt zu Onkel und Tante aufrecht • Vorwiegend soziale Onlinekontakte • Arbeitslos, Waisenpensionsbezieher • Unsicher, introvertiert, depressiv, psychiatrische Zusatzdiagnose • Unsportlich, übergewichtig • Onlinerollenspiele (WoW, EQ2), Offline(rollen)spiele • Keine alternative (Freizeit)Gestaltungs-möglichkeiten Fall C (1968): • Verheiratet, eine Tochter, ausgeprägtes familiäres Umfeld • Gut ausgebautes soziales Netz • Fast durchgehend berufstätig • Offen, selbstsicher, keine psychiatrische Zusatzdiagnose • Groß, schlank, sportlich • Verschiedene Genres, zuletzt v.a. Solitär, Browsergames • Alternative Freizeitgestaltungsmöglichkeiten gegeben (z.B. Gartenarbeit)


Unüberlegte Interventionen rächen sich oft ! Wizard of id by B Parker & J.HART


Internetlinks • www.psychiatrie.co.at • www.bupp.at • www.clashofrealities.de/ • http://www.clickundcheck.at/ • www.fv-medienabhaengigkeit.de • http://gin.uibk.ac.at/thema/internetsucht/internetsucht.html • www.internetsucht.de • www.klicksafe.de • www.mpfs.de/index.php?id=11 • www.mpfs.de/index.php?id=10 • www.onlinesucht.at • www.onlinesucht.de • www.rollenspielsucht.de


Literatur • Batthyany, D. / Benker, F. / Wölfling, K. / Müller, K. (2009): Forschungsprojekt zum Computerspielverhalten bei Jugendlichen. Springer Wien New-York. Wien-Mainz • Caillois, R. (1958/1961): Man, play, and games. The Free Press, Glencoe, New York. • Csikszentmihalyi, M. (1995): Flow. Das Geheimnis des Glücks. 4. Auflage. Stuttgart • Dilling, H. / Mombour, W. / Schmidt, M. H. (1991): Internationale Klassifikation psychischer Störungen: ICD-10, Kapitel V (F), klinisch-diagnostische Leitlinien, Weltgesundheitsorganisation. Bern • GfK Austria (2009): Österreich: Social Networks 2009: Fast 70% der österreichischen Internetnutzer nutzen zumindest ein Social Network, in: http://www.gfk.at/public_relations/pressreleases/articles/004917/index.de.html, am 03.02.2010 • Grüsser, S. / Thalemann, R. (2006): Computerspielsüchtig? Rat und Hilfe, Bern • Hoeft, F. et. al. (2008): Gender differences in the mesocorticolimbic system during computer game-play. In: Journal of Psychiatric Research (2008) • Huizinga, J. (2006): Homo Ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel. 20. Auflage. Reinbek bei Hamburg


Literatur • Integral (2009): Austrian Internet Monitor (AIM). Kommunikation und IT in Österreich. 3. Quartal 2009 • IPOS (Hrsg.) (2008): MMORPGs 360˚. Virtuelle Welten & moderne Mediennutzung wissenschaftlich betrachtet. Neckenmarkt • JIM (2009): Jugend, Information, (Multi-)Media. Basisstudie zum Medienumgang 12 – 19 jähriger in Deutschland. Stuttgart. Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest • Lober, A. (2007): Virtuelle Welten werden real. Second Life, World of Warcraft & Co: Faszination, Gefahren, Business, Hannover • McGonigal, Jane (2012): Besser als die Wirklichkeit; Heyne Verlag • Meixner, S. / Jerusalem, M. (2009): Schülerbefragung zur exzessiven Internetnutzung. Humboldt Universität Berlin • Rehbein, F. / Kleimann, M. / Mößle T. (2009): Computerspielabhängigkeit im Kindesund Jugendalter. Empirische Befunde zu Ursachen, Diagnostik und Komorbiditäten unter besonderer Berücksichtigung spielimmanenter Abhängigkeitsmerkmale. Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen, Hannover • Saß, H. / Wittchen, H.-U. / Zaudig, M. / Houben, I. (2003): Diagnostisches und Statistisches Manual Psychischer Störungen – Textrevision – DSM-IV-TR. Göttingen • Schmidt, J.-H. / Paus-Hasebrink, I. / Hasebrink, U. (2009): Heranwachsen mit dem Social Web. Zur Rolle von Web 2.0 –Angeboten im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen, Hamburg/Salzburg Suchtforschung, Jg. 21, Nr. 4/1998


Literatur • Schmitt, L. (2006): Machinima. Medium und Technologie.Diplomnebenthema, International School of Design, Köln • Spitzer, M. (2006): Vorsicht Bildschirm! Elektronische Medien, Gehirnentwicklung, Gesundheit und Gesellschaft. 3. Auflage, Stuttgart • Te Wildt, B.T. (2009): Internetabhängigkeit – Symptomatik, Diagnostik und Therapie. In: Batthyány, D. / Pritz, A. (2009): Rausch ohne Drogen. Substanzungebundene Süchte, Wien • Whang / Lee / Chang (2003), in: Schorr, A. (Hrsg.) (2009): Jugendmedienforschung. Forschungsprogramme, Synopse, Perspektiven. Verlag für Sozialwissenschaften. Wiesbaden • Williams, D., T. Kennedy & R. Moore (2010, in press): Behind the Avatar: The Patterns, Practices and Functions of Role Playing in MMOs. Games & Culture. • Wölfling, K. / Müller, K. W. (2008): Phänomenologie, Forschung und erste therapeutische Implikationen zum Störungsbild Computerspielsucht. In: Psychotherapeutenjournal Ausgabe 02/2008 • Wölfling, K. / Müller, K. W. (2009): Computerspielsucht. In: Batthyány, D. / Pritz, A. (2009): Rausch ohne Drogen. Substanzungebundene Süchte, Wien • Zimmerl, Hans (1998): „Internetsucht“. Eine Studie. In: Wiener Zeitschrift für Suchtforschung


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