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Kidslife Bookazine "Schule" – Die Schule der Zukunft Welche Schule ist die Richtige für mein Kind? (Vorschau)

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KidsLife<br />

D A S B O O K A Z I N E Z U M T H E M A<br />

<strong>Schule</strong><br />

4,90 EURO<br />

Lernen<br />

ohne Stress <strong>–</strong><br />

was alternative<br />

<strong>Schule</strong>n an<strong>der</strong>s<br />

machen.<br />

<strong>Welche</strong> <strong>Schule</strong><br />

<strong>ist</strong> <strong>die</strong> <strong>Richtige</strong><br />

<strong>für</strong> <strong>mein</strong> <strong>Kind</strong>?<br />

VON REFORMSCHULEN ÜBER<br />

PRIVATSCHULEN BIS HIN ZUR NEUEN<br />

GANZTAGSSCHULE FÜR ALLE KINDER<br />

WAS VERSCHIEDENE SCHULMODELLE<br />

FÜR UNSERE KINDER LEISTEN.


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Kreativ-Heft<br />

<strong>für</strong> Kin<strong>der</strong> und Eltern<br />

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Wie erfolgreiches Lernen gelingt<br />

Der bekannte Erziehungsexperte Detlef Träbert<br />

liefert viele praktische Vorschläge <strong>für</strong> eine<br />

optimale För<strong>der</strong>ung des <strong>Kind</strong>es in Familie und<br />

<strong>Schule</strong>. Anschaulich erklärt er, wie Dialog und<br />

emotionale Nähe, Vertrauen und ein klares Auftreten<br />

<strong>der</strong> Erwachsenen <strong>–</strong> Eltern und Lehrer <strong>–</strong> sich positiv<br />

auf Le<strong>ist</strong>ung und Verhalten in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> auswirken.<br />

237 Seiten | broschiert | a 14,95 D<br />

ISBN 978-3-407-85945-7 | Auch als<br />

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Editorial<br />

Andreas Schmid<br />

HERAUSGEBER KIDSLIFE<br />

W<br />

elche <strong>Schule</strong> wünsche ich mir <strong>für</strong> <strong>mein</strong> <strong>Kind</strong>? <strong>Die</strong>se Frage stellen wir<br />

Eltern alle früher o<strong>der</strong> später <strong>–</strong> mit einem Blick auf das, was verschiedene<br />

<strong>Schule</strong>n in unserer Umgebung le<strong>ist</strong>en und was wir uns von ihnen erhoffen.<br />

Das schlechte Abschneiden deutscher <strong>Schule</strong>n im internationalen Vergleich<br />

hat <strong>die</strong> Notwendigkeit umfassen<strong>der</strong> Reformen gezeigt und tatsächlich sind in den vergangenen<br />

Jahren bereits viele Än<strong>der</strong>ungen auf den Weg gebracht worden. Aber, was wird<br />

<strong>die</strong> <strong>Zukunft</strong> bringen <strong>–</strong> und was <strong>ist</strong> wirklich sinnvoll, um unsere Kin<strong>der</strong> auf das Leben von<br />

Morgen vorzubereiten?<br />

Wir machen Sie vertraut mit unterschiedlichen pädagogischen Modellen und <strong>der</strong>en<br />

Umsetzung in deutschen <strong>Schule</strong>n. Wir alle leben in Zeiten schneller und umfassen<strong>der</strong><br />

Verän<strong>der</strong>ungen. In allen Lebensbereichen müssen wir uns von Vertrautem trennen, Neues<br />

lernen, uns an verän<strong>der</strong>te Lebensbedingungen anpassen. <strong>Die</strong> Geschwindigkeit, mit <strong>der</strong><br />

sich Gesellschaften weltweit verän<strong>der</strong>n, hat in den letzten Jahrhun<strong>der</strong>ten ständig zugenommen.<br />

Es gibt keinen Grund zu <strong>der</strong> Annahme, dass sich das in naher <strong>Zukunft</strong> än<strong>der</strong>n<br />

wird. Unsere Kin<strong>der</strong> wachsen mit <strong>die</strong>sen Anfor<strong>der</strong>ungen auf und ihr Leben wird davon<br />

geprägt sein. Das betrifft nicht nur den Umgang mit neuen Me<strong>die</strong>n und neuer Technik,<br />

son<strong>der</strong>n auch <strong>die</strong> Art, wie wir lernen, wie wir uns organisieren, wie wir arbeiten, wie wir<br />

zusammen leben.<br />

Nachhaltigkeit, Inklusion und Individualisierung z. B., sind Merkmale, <strong>die</strong> <strong>die</strong><br />

<strong>Schule</strong>n <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> von den <strong>Schule</strong>n <strong>der</strong> Vergangenheit unterscheiden. Zwar gibt<br />

es bei uns in Deutschland noch ein fö<strong>der</strong>ales Schulsystem mit gesetzlichen Vorgaben. Innerhalb<br />

<strong>die</strong>ses Rahmens aber gibt es eine Vielzahl von <strong>Schule</strong>n mit den unterschiedlichsten<br />

pädagogischen Ansätzen, in vielen verschiedenen Regionen mit teilweise sehr<br />

ver schie denen Lebensvoraussetzungen. Jede <strong>die</strong>ser <strong>Schule</strong>n wird sich auf einem an<strong>der</strong>en<br />

Weg in <strong>die</strong> <strong>Zukunft</strong> machen. Jede <strong>Schule</strong> wird eigen sein. Deshalb werden <strong>die</strong> <strong>Schule</strong>n <strong>der</strong><br />

<strong>Zukunft</strong> ge<strong>mein</strong>same Grundzüge verwirklichen, aber vielleicht nicht mehr so stark einer<br />

behördlich vorgegebenen Gestaltungsrichtlinie entsprechen.<br />

„<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>“ <strong>ist</strong> und bleibt ein spannendes Thema. Wenn das eigene<br />

<strong>Kind</strong> in <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> geht, durchlebt man <strong>die</strong> eigene Schulzeit gewissermaßen noch einmal<br />

<strong>–</strong> aus einer an<strong>der</strong>en Perspektive. Warum nicht versuchen, das Beste daraus machen?<br />

Wenn Ihnen unser <strong>Bookazine</strong> dabei behilflich <strong>ist</strong>, herauszufinden, was <strong>die</strong> beste <strong>Schule</strong><br />

<strong>für</strong> Ihr <strong>Kind</strong> sein könnte, o<strong>der</strong> Sie sogar Anregungen finden, wie Sie <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> Ihres<br />

<strong>Kind</strong>es mitgestalten können, haben wir erreicht, was wir wollten. Wenn Sie als Pädagoge<br />

eine Anregung <strong>für</strong> Ihre Arbeit finden, freuen wir uns mit Ihnen. Auf jeden Fall wünschen<br />

wir viel Spaß bei einem Rundgang durch <strong>die</strong> heute schon vielfältige deutsche Schullandschaft!<br />

www.kidsLife-magazin.de<br />

3


Aus dem Inhalt:<br />

MIT TRADITION, ABER NICHT VON GESTERN<br />

DEMOKRATISCHES LERNEN<br />

Ein Blick über den Zaun Richtung Norden<br />

zeigt: <strong>Die</strong> Schweden können mehr als Möbel.<br />

Auch in Sachen <strong>Schule</strong> haben sie <strong>die</strong> Nase vorn,<br />

wie das Beispiel <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> „Futurum“ bewe<strong>ist</strong>.<br />

Jenaplan klingt irgendwie trocken und ein bisschen<br />

nach DDR-Vergangenheit. Doch Jenaplan<br />

<strong>Schule</strong>n sind erstaunlich mo<strong>der</strong>n aufgestellt,<br />

Große lernen von Kleinen <strong>–</strong> und umgekehrt.<br />

Projekte statt Frontalunterricht. <strong>Schule</strong> als Lebens-<br />

und Erfahrungsraum.<br />

S.22<br />

S.14<br />

<strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>:<br />

Erprobte Beispiele<br />

und visionäre Modelle<br />

S.38<br />

LERNEN IM RHYTHMUS<br />

Waldorf-<strong>Schule</strong>n sind <strong>die</strong> vielleicht<br />

bekannteste Alternative<br />

zur Staatsschule <strong>–</strong> und Kreativität<br />

und „Nachhaltigkeit“ sind<br />

hier Programm. Aber bereiten<br />

sie <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> auch auf <strong>die</strong> Welt<br />

von morgen vor?<br />

4 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


Lernen und Spielen gehören<br />

in einer gesunden <strong>Kind</strong>heit<br />

untrennbar zusammen. <strong>Die</strong><br />

Welt erfahren, sich erproben<br />

und jeden Tag neue Dinge<br />

lernen: <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong>n von Morgen<br />

för<strong>der</strong>n <strong>die</strong> Neugier und<br />

den natürlichen Forschungsdrang<br />

<strong>der</strong> Kin<strong>der</strong> <strong>–</strong> jede auf<br />

ihre eigene Art und Weise.<br />

Foto: Pixabay<br />

A N Z E I G E<br />

Benny Blu<br />

macht fit <strong>für</strong> <strong>die</strong> <strong>Schule</strong><br />

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5


S.30<br />

HILF MIR, ES SELBST ZU TUN<br />

Selbstbestimmtes, individuelles Lernen und freie Entfaltung<br />

<strong>der</strong> kindlichen Persönlichkeit waren das<br />

Credo von Maria Montessori. Ihr pädagogischer Ansatz<br />

<strong>ist</strong> auch heute noch aktuell, wie eine Montessori-<br />

Einrichtung mit Kita, <strong>Schule</strong> und Internat in Bayern<br />

zeigt.<br />

LERNEN OHNE ZWANG<br />

Lernen Kin<strong>der</strong>, wenn sie nicht müssen? Wenn man sie<br />

tun lässt, was sie wollen? Antiautoritäre Erziehung <strong>ist</strong><br />

eigentlich „out“, aber freie <strong>Schule</strong>n wie das legendäre<br />

„Summerhill“ entwickeln sich weiter und för<strong>der</strong>n das<br />

Potenzial in den Kin<strong>der</strong>n auf erstaunliche Weise zu<br />

Tage.<br />

S.46<br />

EXKLUSIVER = BESSER?<br />

Privatschulen gelten als elitär und werden nicht<br />

selten von gut ver<strong>die</strong>nenden Eltern dazu benutzt,<br />

sich schwer erziehbare Sprößlinge vom Hals zu<br />

schaffen. Doch kleine Klassen, individuelle För<strong>der</strong>ung<br />

und rhythmisierte Tagesabläufe tun fast allen<br />

Kin<strong>der</strong>n gut. Wir stellen einige Beispiele vor, wie<br />

z.B. das Internat Schloss Hohenwehrda.<br />

S.54<br />

6<br />

KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


Auch <strong>die</strong> ganz normalen Staatsschulen beschreiten vielerorts neue Wege. Mehr darüber ab S. 62.<br />

Foto: Pixabay<br />

A N Z E I G E<br />

www.kidsLife-magazin.de<br />

7


Foto: Pixabay<br />

8 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


Inhalt<br />

S. 3 Editorial<br />

S. 10 Lernen <strong>für</strong> <strong>die</strong> Welt von Morgen:<br />

Inklusion, Nachhaltigkeit, Individualisierung<br />

S. 12 <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong><br />

Was Kin<strong>der</strong> sich wünschen<br />

S. 14 Demokratisches Lernen<br />

<strong>Die</strong> Futurum-<strong>Schule</strong> in Schweden<br />

S. 22 Modell mit Tradition<br />

<strong>Die</strong> Jenaplan-<strong>Schule</strong><br />

S. 30 Hilf mir, es selbst zu tun<br />

<strong>Die</strong> Montessori-<strong>Schule</strong><br />

S. 39 Lernen im Rhythmus<br />

<strong>Die</strong> Waldorf-<strong>Schule</strong><br />

S. 46 <strong>Schule</strong> ohne Zwang<br />

<strong>Die</strong> Freie <strong>Schule</strong><br />

S. 54 Bessere Bildung, bessere Erziehung?<br />

Privatschulen<br />

S. 62 <strong>Die</strong> neue Ganztagsschule<br />

Neue Wege <strong>der</strong> Nachmittagsbetreuung<br />

www.kidsLife-magazin.de<br />

9


Lernen<br />

<strong>für</strong> <strong>die</strong> Welt<br />

von Morgen<br />

T E X T : A N D R E A S S C H M I D<br />

Nachhaltigkeit, Inklusion und Individualisierung sind Merkmale, <strong>die</strong> <strong>die</strong> <strong>Schule</strong>n <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong><br />

von den <strong>Schule</strong>n <strong>der</strong> Vergangenheit unterscheiden. Zwar gibt es bei uns in Deutschland noch<br />

ein fö<strong>der</strong>ales Schulsystem mit gesetzlichen Vorgaben. Innerhalb <strong>die</strong>ses Rahmens aber gibt es<br />

eine Vielzahl von <strong>Schule</strong>n mit den unterschiedlichsten pädagogischen Ansätzen, in verschiedenen<br />

Regionen mit teilweise sehr verschiedenen Lebensvoraussetzungen.<br />

Jede <strong>die</strong>ser <strong>Schule</strong>n wird sich auf einem an<strong>der</strong>en Weg in <strong>Zukunft</strong> machen. Deshalb werden <strong>die</strong><br />

<strong>Schule</strong>n <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> ge<strong>mein</strong>same Grundzüge verwirklichen, aber vielleicht nicht mehr so<br />

stark behördlich vorgegebenen Gestaltungsrichtlinien entsprechen.<br />

Foto: Pixabay<br />

10 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


INKLUSION<br />

Inklusion geht weit über Integration hinaus. Das Ziel <strong>der</strong> Integration<br />

<strong>ist</strong> <strong>die</strong> Anpassung des zu Integrierenden, <strong>der</strong> Lohn <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Aufnahme<br />

in bestehende Strukturen. Inklusion aber will <strong>die</strong> Strukturen<br />

öffnen, das Neue in seiner An<strong>der</strong>sartigkeit belassen, es aufnehmen<br />

und davon profitieren. Deshalb <strong>ist</strong> Inklusion zukunftsfähig,<br />

weil sie sich Verän<strong>der</strong>ungen nicht entgegenstellt, son<strong>der</strong>n zunutze<br />

macht. Einige Eltern be<strong>für</strong>chten, dass ihr <strong>Kind</strong> in einer Inklusionsklasse<br />

nicht hinreichend geför<strong>der</strong>t würde, weil sich das allge<strong>mein</strong>e<br />

Lerntempo verlangsame und <strong>die</strong> Aufmerksamkeit auf <strong>die</strong> zu<br />

inklu<strong>die</strong>renden Kin<strong>der</strong> verlagere. <strong>Die</strong>sen Eltern sei gesagt, dass ihr<br />

<strong>Kind</strong> von den verän<strong>der</strong>ten Lehrmethoden und <strong>der</strong> Individualisierung<br />

des Unterrichts unter Inklusionsbedingungen erheblich profitieren<br />

kann. <strong>Die</strong> Mo<strong>der</strong>nisierung <strong>der</strong> Unterrichtsformen wird durch<br />

das Inklusionsvorhaben vorangetrieben werden, <strong>die</strong> <strong>Schule</strong>n werden<br />

personell und technisch besser ausgestattet sein.<br />

INDIVIDUALISIERUNG<br />

<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> <strong>ist</strong> eine individuelle Einrichtung. Der Schüler<br />

<strong>ist</strong> kein Jahrgangsteilnehmer und <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> kein Schultyp. <strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong><br />

sind einzigartige Menschen, <strong>die</strong> in einzigartigen <strong>Schule</strong>n lernen.<br />

Jedes <strong>Kind</strong> bringt ganz individuelle Veranlagungen mit. Unterstützen<br />

wir ihr einzigartiges Lernverhalten mit einzigartigen Methoden, werden<br />

sie einzigartige Fähigkeiten entwickeln, <strong>die</strong> sie zu einem einzigartigen<br />

Leben unter uns heute noch nicht bekannten Bedingungen<br />

befähigen.<br />

Eltern verlangen oft <strong>die</strong> Prüfung ihrer Kin<strong>der</strong> nach allge<strong>mein</strong>en Le<strong>ist</strong>ungskriterien<br />

und erhoffen sich davon eine Einschätzung <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>schancen.<br />

Obwohl <strong>die</strong> Benotung und Prüfung in den me<strong>ist</strong>en<br />

<strong>Schule</strong>n noch gang und gäbe sind, sind <strong>die</strong>se Methoden nicht zukunftsweisend,<br />

weil sie allge<strong>mein</strong>e Kriterien an Individuen ansetzen.<br />

Es gibt keinen nachweisbaren stat<strong>ist</strong>ischen Zusammenhang zwischen<br />

Schulzensuren und <strong>der</strong> Qualität des späteren Lebens <strong>der</strong> Schüler. Aber<br />

es gibt tausende Berichte über durch Le<strong>ist</strong>ungsdruck, Gruppenzwang<br />

und Fehleinschätzungen verdunkelte Schulzeiten und in <strong>der</strong> Folge<br />

auch sicherlich verpasste Entwicklungschancen.<br />

NACHHALTIGKEIT<br />

Nachhaltigkeit in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> kann nur heißen, dass <strong>der</strong> Schüler das<br />

Erlernte im Gedächtnis behält und nutzbringend im späteren Leben<br />

anwendet. <strong>Die</strong>ses Resultat <strong>ist</strong> bei einem alterssortierten Frontalunterricht<br />

mit Akzent auf willkürliche Wissensvermittlung ein eher seltener<br />

Zufall. Nachhaltiges Lernen <strong>ist</strong> nur mit starkem Eigeninteresse,<br />

Freude am Gegenstand und Neugier auf das Resultat vorstellbar.<br />

Damit verbietet sich ein Lehren mit dem Ziel <strong>der</strong> Umsetzung allge<strong>mein</strong>er<br />

Bildungsstandards als nicht nachhaltig und damit nicht zukunftsfähig.<br />

Nachhaltigkeit wird auch vermittelt durch <strong>die</strong><br />

Beschaffenheit <strong>der</strong> Räumlichkeiten und Materialien, in und mit denen<br />

wir unsere Kin<strong>der</strong> unterrichten. Abgesehen von <strong>der</strong> Entwicklungsför<strong>der</strong>ung,<br />

<strong>die</strong> von differenzierten, wertigen Sinneseindrücken bewirkt<br />

wird, werden Denkweise und generelle Lebenshaltung durch das Erleben<br />

nachhaltig konzipierter Umgebung geprägt. Wenn Eltern be<strong>für</strong>chten,<br />

von ihren Kin<strong>der</strong>n mit unorthodoxen Ideen und For<strong>der</strong>ungen<br />

konfrontiert zu werden, sollten sie sich zum einen bereit zeigen, sich<br />

auf Neues einzulassen und zum an<strong>der</strong>en verstehen, dass nachhaltige<br />

Lebensweise kein Mindesteinkommen voraussetzt. Mal ganz davon<br />

abgesehen, dass Nachhaltigkeit als Lebensprinzip „alternativlos“ <strong>ist</strong>.<br />

Foto: Pixabay<br />

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11


Foto: Pixabay<br />

<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> ...<br />

... wie Kin<strong>der</strong> sie sich wünschen.<br />

Wie sieht eine <strong>Schule</strong> nach den Vorstellungen<br />

<strong>der</strong> Schüler heutzutage aus? Was wäre an<strong>der</strong>s,<br />

wenn sie bestimmen dürften? Kin<strong>der</strong>buchautorin<br />

Antje Szillat hatte sich bereits im Jahr 2009<br />

<strong>für</strong> das KidsLife-Magazin auf den Weg gemacht<br />

und in vielen Städen in Deutschland Kin<strong>der</strong><br />

und Jugendliche an ihren <strong>Schule</strong>n besucht. Sie<br />

sprach und diskutierte mit Schülern in Köln,<br />

Dortmund, Düsseldorf, Hannover, Hamburg,<br />

Wolfsburg, München, Saarbrücken, Kiel und<br />

Frankfurt am Main <strong>–</strong> um von ihnen zu erfahren:<br />

Wie stellt ihr euch <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong><br />

vor?<br />

Obwohl Antje Szillat ganz unterschiedliche<br />

Klassenstufen besuchte und <strong>die</strong> informelle Befragung<br />

quer durch alle Schulmodelle erfolgte<br />

waren <strong>die</strong> Ergebnisse nicht so unterschiedlich,<br />

wie man hatte <strong>mein</strong>en können. Von Grunschulen<br />

über Haupt-, Real- und Gesamtschulen bis<br />

zu den Gymnasien wünschten sich Schüler<br />

durchweg freundlichere Räume, einen Lehrer-<br />

TÜV, mehr Unterricht in Sport und kreativen<br />

Fächern, Bewegung im Unterricht und ein Training<br />

des Sozialverhaltens , da Mobbing und Gewalt<br />

das Klima an zahlreichen <strong>Schule</strong>n belastet.<br />

Auch mehr Freiarbeit und individuellere Lernmethoden<br />

standen auf <strong>der</strong> Wunschl<strong>ist</strong>e <strong>der</strong><br />

Schüler weit oben.<br />

All <strong>die</strong>se Wünsche klingen nicht utopisch und<br />

erscheinen, mit gutem Willen und etwas Geduld,<br />

durchaus umsetzbar, selbst an den ganz<br />

normalen Staatsschulen. Inzwischen sorgen<br />

neue Gegebenheiten wie <strong>der</strong> Aufbau eines<br />

neuen „inklusiven“ Schulsystems in Deutschland<br />

und <strong>die</strong> Einführung von Ganztagsschulen<br />

da<strong>für</strong>, dass <strong>Schule</strong>n sich än<strong>der</strong>n und nach neuen<br />

Wegen und Methoden <strong>der</strong> Unterrichtsgestaltung<br />

und des sozialen Miteinan<strong>der</strong>s suchen.<br />

Bis alle erfor<strong>der</strong>lichen Än<strong>der</strong>ungen erfolgreich<br />

umgesetzt werden können, werden sicher noch<br />

einige Jahre ins Land gehen, doch, <strong>die</strong> ersten<br />

Schritte auf dem Weg zur „<strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>“<br />

<strong>für</strong> alle Kin<strong>der</strong> sind bereits getan!<br />

12 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


WAS SCHÜLER AN IHREN SCHULEN ÄNDERN MÖCHTEN<br />

Ergebnisse einer Befragung an <strong>Schule</strong>n in ganz Deutschland<br />

<strong>Die</strong> Schüler <strong>der</strong> neunten Klasse einer Hauptschule<br />

in Dortmund wünschten sich:<br />

Computer im Unterricht!<br />

Keine Ganztagsschulen!<br />

Bewegter Unterricht!<br />

Lehrer-Tüv!<br />

Kreativere Fächer und mehr Sportunterricht!<br />

Jüngere Lehrer!<br />

Sozialarbeiter an den <strong>Schule</strong>n!<br />

Freiwählbare Fremdsprachen (außer Englisch)!<br />

Viel mehr Methodentraining!<br />

Kleine Lerngruppen, den Le<strong>ist</strong>ungen angepasst!<br />

Keine Gewalt mehr an <strong>Schule</strong>n <strong>–</strong><br />

viel mehr Anti-Gewalt-Programme<br />

Kooperationen mit Sportvereinen!<br />

An einem Gymnasium in Hannover stellten<br />

sich Schüler <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> so vor:<br />

Kleinere Klassen!<br />

Individueller Unterricht!<br />

Viel mehr bilingualer Unterricht!<br />

Spanisch als zweite Fremdsprache!<br />

Klassenlehrer-Teams (aus beiden Geschlechtern)<br />

Sozialarbeiter an den <strong>Schule</strong>n!<br />

Lernen dem eigenem Lernsystem entsprechend!<br />

Neue Lernmethoden!<br />

Regelmäßige Lehrerbewertung!<br />

Freiwählbare Nebenfächer!<br />

Sitzenbleiben abschaffen!<br />

Freie Hausarbeit, nach einem Punktesystem!<br />

Besser ausgebildete Lehrkräfte!<br />

Kreative Fächer sollten größere Rolle spielen!<br />

Deutlich mehr Sportunterricht!<br />

Freundlichere Klassenräume!<br />

Saubere Toiletten, (Beispiele und Anregung<br />

gab es dazu dutzendweise)<br />

In Düsseldorf sehnten <strong>die</strong> Schüler einer<br />

vierten Grundschulklasse sich nach einer<br />

<strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>, <strong>die</strong> folgende Punkte<br />

beinhaltet:<br />

Mehr Sportunterricht!<br />

Schönere <strong>Schule</strong> <strong>–</strong> kindgerechter!<br />

Kuschelecken im Klassenzimmer, <strong>für</strong> Auszeit!<br />

Computerunterricht!<br />

Saubere Toiletten!<br />

Mehr männliche Lehrer!<br />

Ideenwerkstatt!<br />

Mitspracherecht <strong>der</strong> Schüler!<br />

Besseres AG-Angebot!<br />

Mehr Streitschlichter!<br />

Methodentraining!<br />

Im Unterricht bewegen dürfen!<br />

Unterricht unter freiem Himmel!<br />

Weniger Hausaufgaben,<br />

mehr Hausaufgabenbetreuung<br />

<strong>Die</strong> dritte Klasse einer Grundschule in Köln<br />

fand, <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> sollte so sein:<br />

Sechs Jahre Grundschule!<br />

Viel mehr Sportunterricht!<br />

Unterricht in <strong>der</strong> freien Natur!<br />

Englisch von Klasse 1 an!<br />

Lernen in Bewegung!<br />

Trinken im Unterricht erlaubt!<br />

Mehr männliche Lehrkräfte!<br />

Mehr Zeit und Raum <strong>für</strong> kreative Fächer!<br />

Mehr Musikunterricht!<br />

Freundliche Klassenräume!<br />

Nette Lehrer!<br />

In München, an einer Realschule wünschten<br />

sich Schüler <strong>der</strong> siebten Klasse:<br />

Flexibleren Unterricht!<br />

Lehrer-Tüv!<br />

Mitspracherecht!<br />

Freundlichere Klassenräume!<br />

Unterricht mit den neuen Me<strong>die</strong>n!<br />

Mehr Sport!<br />

Anti-Mobbing-Programme!<br />

Weniger Gewalt!<br />

Strengere Lehrer!!!<br />

Mitschüler, <strong>die</strong> sich benehmen können!!!<br />

Bewegter Unterricht!<br />

Individuelle Lernmethoden!<br />

Kleinere Klassen!<br />

Besser ausgestattete <strong>Schule</strong>n!<br />

Mo<strong>der</strong>ner Unterricht!<br />

Freizeiträume!<br />

Kleine Räume <strong>für</strong> Gruppenarbeit!<br />

Ausweichmöglichkeiten!<br />

In Hamburg sagten <strong>die</strong> Schüler <strong>der</strong><br />

achten Klasse einer Hauptschule:<br />

Lehrer-Tüv!<br />

Lernen mit den neuen Me<strong>die</strong>n!<br />

Keine Gewalt an den <strong>Schule</strong>n!<br />

Mehr Vertrauenslehrer, denen man dann auch<br />

wirklich vertrauen kann!<br />

An<strong>der</strong>e Form von Klassenarbeiten!<br />

Individuellerer Lernstoff!<br />

Freies Lernen!<br />

Mehr Vorbereitung auf das Berufsleben!<br />

Schönere (neuere) Schulgebäude!<br />

Wohlfühlräume!<br />

Mehr Methodentraining!<br />

Mehr Achtung vor Hauptschülern,<br />

durch verbesserte Hauptschulen!<br />

Mehr engagierte Lehrer!<br />

Auszeit nehmen können, wenn nichts mehr geht!<br />

In Wolfsburg haben wir an einer Gesamtschule<br />

bei einer sechsten Klasse nachgefragt:<br />

Mo<strong>der</strong>nes Schulgebäude!<br />

Lehrer-Tüv!<br />

Klassenlehrer-Team!<br />

Freies Lernen!<br />

Rückzugsmöglichkeiten!<br />

Nicht so streng strukturierte Klassenräume!<br />

Individuellere Stundenpläne!<br />

Mehr Freiarbeit!<br />

Mehr Praktiken!<br />

Mehr Sportunterricht!<br />

Mehr kreativere Fächer!<br />

Kleinere Klassen!<br />

Freundliche Lehrer!<br />

In Saarbrücken an einen Gymnasium<br />

sah es so aus:<br />

Lehrer-Tüv<br />

Mehr Unterricht mit den neuen Me<strong>die</strong>n!<br />

Flexibler Stundenplan!<br />

Freundlichere Klassenzimmer!<br />

Mehr Freiarbeit!<br />

Mitbestimmungsrecht <strong>der</strong> Schüler!<br />

Sitzenbleiben abschaffen!<br />

Kleine Klassen!<br />

Verbessertes Verhältnis zu Lehrern!<br />

Mehr Methodentraining!<br />

Individuelles Lernen!<br />

Bewegtes Lernen!<br />

Viel mehr Sport und auch kreative Fächer!<br />

In Kiel und Frankfurt fragten wir jeweils <strong>die</strong><br />

achte Klasse einer Realschule:<br />

Sitzenbleiben abschaffen!<br />

Strenge Lehrpläne abschaffen!<br />

Lehrer-Tüv!<br />

Weniger Gewalt<strong>–</strong> mehr Training des<br />

Sozialverhaltens!<br />

Freier Unterricht!<br />

Mehr Sport!<br />

Freie Nebenfächerwahl!<br />

Unterricht und Aufklärung zu den neuen Me<strong>die</strong>n!<br />

Besser ausgebildete Lehrer!<br />

Gemütliche Klassenzimmer und Freizeiträume!<br />

Freundlicheres Schulgebäude!<br />

Mehr Sozialarbeiter und Vertrauenslehrer!<br />

Mehr Zeit <strong>für</strong> kreative Fächer!<br />

Lernen auch zu aktuellen Themen!<br />

Flexiblerer Lehrplan!<br />

An<strong>der</strong>e Form <strong>für</strong> Klassenarbeiten!<br />

Bilingualen Unterricht!<br />

Bewegung im Unterricht!<br />

Ruhigere Klassen!<br />

Mehr Rücksichtsnahme und Zusammenhalt!<br />

Individuelleres Lernen!<br />

www.kidsLife-magazin.de<br />

13


DEMOKRATISCHES LERNEN<br />

14 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


D i e S c h u l e d e r Z u k u n f t<br />

Demokratisches Lernen<br />

und Blicke über den Zaun<br />

T E X T : R O S E M A R I E L Ö S E R F O T O S : H A N S A H L E N I U S , F U T U R U M<br />

Frontalunterricht, starre Notensysteme und frühe Selektion;<br />

dass unser Schulsystem viele Kin<strong>der</strong> statt zum Lernerfolg in<br />

<strong>die</strong> Sackgasse führ t, wissen wir spätestens seit PISA.<br />

Doch welche Alternativen haben wir?<br />

Wie soll <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> Zukunf t aussehen? Was hat sich bewähr<br />

t und was muss an<strong>der</strong>s werden? KidsLife stellt visionäre<br />

Modelle und erprobte Beispiele vor.<br />

www.kidsLife-magazin.de<br />

15


DEMOKRATISCHES LERNEN<br />

A<br />

ls <strong>mein</strong>e Freun din Dorette<br />

und ich endlich unser Abi tur<br />

in <strong>der</strong> Ta sche hatten, fühl ten<br />

wir uns befreit.. Klassen arbeiten,<br />

Hausaufgaben, Zeugnisse<br />

und vor allem <strong>die</strong> Lehrer, <strong>die</strong><br />

uns 13 Jahre lang das Leben<br />

schwer gemacht hatten, lagen endlich hinter<br />

uns. Dach ten wir. Doch im letzten Sommer<br />

wurde Dorettes Ältester eingeschult und das<br />

Thema <strong>Schule</strong> steht wie<strong>der</strong> auf dem Plan. Natürlich<br />

soll es dem Jungen besser gehen als uns:<br />

Mit Freude lernen statt unter Zwang, Anregungen<br />

zum Selbermachen statt ö<strong>der</strong> Paukerei, soziales<br />

Lernen und lebendige Projekte statt<br />

Frontal unterricht. Doch welche <strong>Schule</strong> wünschen<br />

wir uns <strong>für</strong> unsere Kin<strong>der</strong>? Wie könnte<br />

<strong>die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> aussehen?<br />

Lernen gehört zu den elementaren Bedürfnissen<br />

eines jeden Menschen. Mit dem ersten<br />

Atemzug beginnen wir mit Interesse und Freude<br />

<strong>die</strong> Welt zu entdecken, eignen uns voller Energie<br />

Fertigkeiten und Kenntnisse an. Wir experimentieren,<br />

staunen und fragen den Erwachsenen<br />

Löcher in den Bauch. <strong>Die</strong>se lustvolle<br />

Lernerfahrung, <strong>die</strong>se Entdecker freude sollte <strong>die</strong><br />

<strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> bewahren und för<strong>der</strong>n.<br />

Doch wie muss <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> aussehen, <strong>die</strong> <strong>die</strong><br />

Lust am Lernen bewahrt und <strong>die</strong> kleinen Forscher<br />

und Forscherinnen weiterhin beflügelt?<br />

Wie muss sie organisiert sein, damit sie junge<br />

Menschen in ihrer Vielfalt begreift und för<strong>der</strong>t?<br />

Kann es überhaupt eine <strong>Schule</strong> geben, <strong>die</strong> so<br />

hohe Ansprüche erfüllen kann? Und wie kann<br />

sie dem rasanten Wissens zuwachs begegnen?<br />

Schließlich muss ein Abiturient heute davon<br />

ausgehen, dass <strong>die</strong> Hälfte aller Wissensinhalte,<br />

<strong>die</strong> er in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> gelernt hat, nach spätestens<br />

20 Jahren veraltet sind. Und <strong>die</strong> Alterung des<br />

Wissens schreitet rapide voran. In einigen Bereichen<br />

<strong>–</strong> etwa <strong>der</strong> EDV <strong>–</strong> beträgt <strong>die</strong> „Halbwertszeit<br />

des Wissens“ schon heute gerade<br />

einmal drei Jahre.<br />

<strong>Die</strong> vier tragenden Säulen <strong>für</strong><br />

<strong>die</strong> <strong>Schule</strong> des 21. Jahrhun<strong>der</strong>ts<br />

laut Unesco<br />

Learn to know: Zu lernen, wie man lernt, effektiv<br />

zu lernen und auf ein lebenslanges Lernen vorbe reitet<br />

zu sein.<br />

Learn to do: Zu lernen, wie man handlungsfähig<br />

wird - beruflich, öffentlich und privat.<br />

Learn to be: Zu lernen, wer man <strong>ist</strong> und eine<br />

sozialfähige Ich-Identität zu entwickeln.<br />

Learn to live together: Zu lernen, in einer demokratischen<br />

und vielfältigen Gesellschaft zu leben,<br />

und mit an<strong>der</strong>en ge<strong>mein</strong>sam handeln zu können.<br />

NEUE SCHULEN FÜR NEUE ZEITEN<br />

<strong>Die</strong> Globalisierung, <strong>die</strong> Fülle an Informationen,<br />

<strong>die</strong> durch <strong>die</strong> Entwicklung neuer Technologien<br />

verfügbar sind, stellen neue Anfor<strong>der</strong>ungen an<br />

das individuelle Lernen <strong>–</strong> und das gesamte Bildungswesen.<br />

<strong>Die</strong> industrielle Gesellschaft wandelt<br />

sich zur Wissensgesellschaft. <strong>Die</strong>s verlangt<br />

von den Kin<strong>der</strong>n an<strong>der</strong>e Fähigkeiten als bisher,<br />

denn Bildung spielt in <strong>der</strong> Wissensgesellschaft<br />

eine Schlüsselrolle: Sie hilft bei <strong>der</strong> persönlichen<br />

Orien tierung, sie ermöglicht es, an <strong>der</strong> Gestaltung<br />

des öffentlichen Lebens mitzuwirken und<br />

erleichtert den Zugang zum Arbeitsmarkt. Lebenslanges<br />

Lernen lautet <strong>die</strong> Devise <strong>für</strong> <strong>die</strong> Zu-<br />

16 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


kunft. Indi vi du elle Lernstrate gien, <strong>die</strong> es Kin<strong>der</strong>n<br />

ermöglichen, sich in kurzer Zeit selbständig<br />

Wissen anzueignen, müssen ver mittelt<br />

werden. Und ganz wichtig: Schüler müssen lernen,<br />

Wichtiges von Un wichtigem zu unterscheiden,<br />

sonst gehen sie in <strong>der</strong> Infor mationsflut<br />

unter. Aneignungs metho den sind damit<br />

ebenso wichtig, wie das Lernen selbst.<br />

Eine zukunftsfähige <strong>Schule</strong> erfor<strong>der</strong>t daher sowohl<br />

eine strukturelle Reform als auch ein pädagogisches<br />

Umdenken. Blickt man über den<br />

nationalen Tellerrand hinaus, zeigt sich, dass in<br />

zahlreichen an<strong>der</strong>en Län<strong>der</strong>n das Bildungswesen<br />

in den letzten Jahrzehnten bedeutend mutiger<br />

und nachhaltiger umgestaltet wurde als in<br />

<strong>der</strong> Bundesrepublik. „In <strong>der</strong> europäischen Schulpolitik<br />

gibt es einschlägige Trends, <strong>die</strong> Deutschland<br />

verpasst hat“, sagte Bildungs for scher Dr.<br />

Hans Döbert bereits 2003 in einem WDR-Interview.<br />

„Finnland, England, Frank reich, <strong>die</strong><br />

Nie<strong>der</strong>lande und an<strong>der</strong>e haben in den 1980er-<br />

1990er Jahren ihr Schulwesen stark verän<strong>der</strong>t.“<br />

Zu den wichtigsten Reformen gehört <strong>die</strong> Rücknahme<br />

des Frontalunterrichts zu gunsten von<br />

Unterrichts formen, <strong>die</strong> <strong>die</strong> individuellen Fähigkeiten<br />

<strong>der</strong> Schü ler stärker berücksichtigen. Auch<br />

<strong>die</strong> Fokussierung auf <strong>die</strong> frühkindliche Bildung<br />

und <strong>die</strong> Übertragung von mehr Verant wortung<br />

und Ge staltungsfreiheit von den Behör den an<br />

<strong>die</strong> <strong>Schule</strong>n sind wichtige Punkte.<br />

Schlechte Chancen<br />

<strong>für</strong> <strong>die</strong> Nachkommen von Eltern, <strong>die</strong> aus dem Ausland nach Deutsch land kommen<br />

und <strong>für</strong> <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> unterer Ein kommens schichten. Dass das hiesige Schulund<br />

Bildungs system eklatante Defizite aufwe<strong>ist</strong>, <strong>ist</strong> nicht erst seit dem Pisa-Debakel<br />

offenkundig, aber seitdem stärker in <strong>die</strong> öffent liche Wahr nehmung gerückt.<br />

Nicht nur unbefriedigende Lern effekte wurden den <strong>Schule</strong>n laut Stu<strong>die</strong> im<br />

Land <strong>der</strong> Dichter und Denker bescheinigt, son<strong>der</strong>n auch eine beson<strong>der</strong>s starke<br />

Kopplung von Bildungserwerb an <strong>die</strong> soziale und ethnische Herkunft.<br />

LERNEN IST NICHT GLEICH<br />

UNTERRICHTET WERDEN<br />

Marianne Gronemeyer, emeritierte Professorin<br />

<strong>der</strong> Erziehungswissenschaften, war selbst acht<br />

Jahre lang als Lehrerin tätig. Sie <strong>ist</strong> eine <strong>der</strong> profiliertesten<br />

Kritikerinnen des herkömmlichen<br />

deutschen Schul modells. „Lernen und unterrichtet<br />

werden sind zwei ganz verschiedene<br />

Dinge“, erklärt <strong>die</strong> Pädagogin, „denn wer kann<br />

schon unter Zwang und Konkurrenzdruck<br />

wirklich Kenntnisse erwerben“. Für sie <strong>ist</strong> <strong>die</strong><br />

Bewertung von Menschen auf einer Zahlenskala<br />

zwischen eins und sechs ein elementares<br />

Hemmnis <strong>für</strong> eine zukunftsfähige <strong>Schule</strong>. „Tausende<br />

von Talenten und Fähigkeiten fallen<br />

durch <strong>die</strong> Standardisierung von Bildung einfach<br />

unter den Tisch.“<br />

Auch <strong>die</strong> Schüler selbst wünschen sich Re formen.<br />

K.R.Ä.T.Z.Ä. (Kin<strong>der</strong>RÄchTsZÄnker),<br />

eine engagierte Gruppe von etwa 20 jungen<br />

Leuten in Berlin, setzt sich <strong>für</strong> <strong>die</strong> Gleichberechtigung<br />

zwischen Kin<strong>der</strong>n und Erwachsenen<br />

ein. Natürlich haben sie sich in <strong>die</strong>sem Zusammenhang<br />

auch ausführlich mit dem Thema<br />

<strong>Schule</strong> beschäftigt. Ex-Schüler und Gruppenmitglied<br />

Stefan (20), bezieht eine klare Position:<br />

„<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong>n, <strong>die</strong> sich am besten mit unseren<br />

Vorstellungen decken, sind sogenannte „Demokratische<br />

<strong>Schule</strong>n“. An solchen <strong>Schule</strong>n<br />

können <strong>die</strong> Schüler komplett entscheiden, was,<br />

wann und wie sie lernen. Es gibt keine Alterstrennung<br />

und Bewertung. An manchen von<br />

ihnen gibt es Unterricht sogar nur nach ausdrücklicher<br />

Nachfrage <strong>der</strong> Schüler („Sudbury-<br />

Modell“). Schüler und Lehrer treffen Entscheidungen,<br />

<strong>die</strong> <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> betreffen, gleichberechtigt.<br />

Das mehrgliedrige Schulsystem sieht <strong>der</strong><br />

ehemalige Schüler äußerst kritisch: „Innerhalb<br />

einer <strong>Schule</strong>, in <strong>der</strong> alle selbst entscheiden können,<br />

was sie lernen, <strong>ist</strong> es nicht notwendig, zusätzlich<br />

<strong>die</strong> Schüler zu separieren.”<br />

Etwa 100 demokratische <strong>Schule</strong>n gibt es weltweit,<br />

<strong>die</strong> me<strong>ist</strong>en davon in den USA, in Israel<br />

und in den Nie<strong>der</strong>landen. Charakter<strong>ist</strong>isch <strong>für</strong><br />

ihre Lernkultur <strong>ist</strong> Selbstbestimmung, Selbstorganisation<br />

und Eigen verantwortung. An <strong>die</strong>sen<br />

<strong>Schule</strong>n gibt es keine Lehrpläne und keine Zensuren;<br />

Prüfungen sind freiwillig. Schüler und<br />

Lehrer haben gleiche Rechte und organisieren<br />

ge<strong>mein</strong>sam ihre <strong>Schule</strong>. <strong>Die</strong> Absolventen <strong>der</strong><br />

demokratischen <strong>Schule</strong>n sind nicht weniger er-<br />

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17


DEMOKRATISCHES LERNEN<br />

<strong>Die</strong> Delphi-Stu<strong>die</strong><br />

Bereits 1997 wurde vom damaligen Bundes min<strong>ist</strong>erium <strong>für</strong> Bildung, Forschung, Wissen<br />

schaft und Technologie eine Stu<strong>die</strong> mit dem Titel „Potenziale und Dimensionen<br />

<strong>der</strong> Wissens gesellschaft <strong>–</strong> Auswirkungen auf Bildungsprozesse und Bildungsstrukturen“<br />

in Auftrag gegeben. Verschiedene Personen aus unterschiedlichen Bildungseinrichtungen<br />

wurden befragt, um Ideen und Vor schläge zur Gestaltung eines zukunftsfähigen<br />

Bildungssystems zusammenzutragen. Bei <strong>der</strong> Auswertung <strong>der</strong> schriftlichen<br />

Befragung von 457 Experten kr<strong>ist</strong>allisierten sich übereinstimmend folgende<br />

Thesen heraus:<br />

<strong>Die</strong> Fähigkeit zur selbständigen Aneignung von Wissen bekommt<br />

primäre Bedeutung.<br />

<strong>Die</strong> Fähigkeit, Probleme zu lösen, <strong>ist</strong> wichtiger als Fachwissen.<br />

Eigenverantwortung des Einzelnen gewinnt im Bildungssystem an<br />

Bedeutung.<br />

Durch <strong>die</strong> mediale Vernetzung <strong>ist</strong> Lernen an vielen Orten möglich.<br />

folgreich als an<strong>der</strong>e, da sie schon frühzeitig lernen,<br />

Entscheidungen <strong>für</strong> das eigene Leben zu<br />

treffen. Zudem verfügen sie über ausgeprägtere<br />

soziale Fähigkeiten. K.R.Ä.T.Z.Ä besuchte 2004<br />

<strong>die</strong> „Democratic School of Ha<strong>der</strong>a“ in Israel.<br />

Sie <strong>ist</strong> mit 370 Schülern <strong>die</strong> zweitgrößte demokratische<br />

<strong>Schule</strong> <strong>der</strong> Welt. Obwohl sich einige<br />

sehr engagierte Initiativen schon seit längerem<br />

<strong>für</strong> <strong>die</strong> Einrich tung demokratischer <strong>Schule</strong>n in<br />

<strong>der</strong> Bundes republik einsetzen, scheiterten <strong>die</strong>se<br />

Versuche bisher an den zuständigen Behörden<br />

<strong>der</strong> einzelnen Bundeslän<strong>der</strong>.<br />

„BLICK ÜBER DEN ZAUN“ <strong>–</strong> VISIONÄRER<br />

SCHULVERBUND UND NETZWERK<br />

Auch immer mehr Schulleiter und Lehrer sind<br />

um eine positive Vision von <strong>Schule</strong> bemüht: Im<br />

Schulverbund und Netzwerk „Blick über den<br />

Zaun“ haben sich bundesweit 54 sehr unterschiedliche<br />

<strong>Schule</strong>n in staatlicher wie in freier<br />

Träger schaft zusammengeschlossen. Geför<strong>der</strong>t<br />

durch <strong>die</strong> Robert-Bosch-Stiftung, fand im November<br />

2006 in <strong>der</strong> Evangelischen Akademie<br />

Hofgeismar eine Fachtagung von „Blick über<br />

den Zaun“ statt. Über 100 <strong>Schule</strong>iterInnen und<br />

LehrerInnen aus den 54 Mitgliedsschulen verabschiedeten<br />

einstimmig <strong>die</strong> „Erklärung von<br />

Hofgeismar“ unter dem Titel „<strong>Schule</strong> <strong>ist</strong> unsere<br />

Sache <strong>–</strong> ein Appell an <strong>die</strong> Öffentlichkeit“.<br />

EIN MANIFEST FÜR EINE LEBENSWERTE<br />

SCHULE<br />

„Blick über den Zaun“ for<strong>der</strong>t unter an<strong>der</strong>em:<br />

<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> soll einladend und freundlich sein.<br />

Pädagogen, Schüler, Eltern, Kommunen und<br />

außerschulische Institutionen sollen zusammenarbeiten,<br />

damit Kin<strong>der</strong> und Jugendliche sich in<br />

<strong>der</strong> <strong>Schule</strong> den ganzen Tag über wohl fühlen<br />

können. Vollwertige Verpflegung, ein Gesundheits-<br />

und Beratungs<strong>die</strong>nst, ein flexibler Tagesrhythmus,<br />

gute Ausstattung <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> mit<br />

vielfachen Lern gele genheiten, genügend Platz<br />

zum Lernen, Spielen und Bewegen sollen<br />

selbstverständlich sein.<br />

Kein <strong>Kind</strong> soll beschämt werden. Niemand soll<br />

sich als Versager fühlen. Darum soll das Sitzenbleiben<br />

abgeschafft werden. Der Unterricht soll<br />

darauf ausgerichtet sein, <strong>der</strong> Individualität <strong>der</strong><br />

Kin<strong>der</strong> gerecht zu werden. <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> soll<br />

daher neue Formen <strong>der</strong> Le<strong>ist</strong>ungsbegleitung<br />

und -bewertung entwickeln, zum Beispiel verpflichtende<br />

Beratungsgespräche und Lernvereinbarungen.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> soll selbstständig und eigenverantwortlich<br />

arbeiten können. Starre Jahrgangsklassen<br />

sollen durch flexible Lernformen und<br />

Lerngruppen ersetzt werden. Zwölf- und Vierzehnjährige<br />

können zusammen Englisch lernen<br />

o<strong>der</strong> im Labor experimentieren. <strong>Die</strong> Unterteilung<br />

in Haupt- und Nebenfächer soll abgeschafft<br />

werden: Theater, Handwerk, Musik o<strong>der</strong><br />

Religion soll gleichwertig mit Englisch o<strong>der</strong> Mathematik<br />

behandelt werden.<br />

Aus eigener Kraft können <strong>die</strong> me<strong>ist</strong>en <strong>Schule</strong>n<br />

solch tiefgreifende Än<strong>der</strong>ungen nicht durchsetzen.<br />

„Blick über den Zaun“ appelliert daher an<br />

Men schen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft,<br />

Ad min<strong>ist</strong>ration, den Me<strong>die</strong>n und an <strong>die</strong> gesamte<br />

Öf fent lichkeit, ihre Vision tatkräftig zu unterstützen:<br />

„Im Interesse unserer Kin<strong>der</strong> und Jugendlichen<br />

müssen wir zu einem tragfähigen<br />

Konsens kommen, <strong>der</strong> <strong>der</strong> Entwicklung unserer<br />

<strong>Schule</strong>n <strong>die</strong> Richtung we<strong>ist</strong> und <strong>der</strong> von dem<br />

Bewusstsein getragen <strong>ist</strong>: <strong>Schule</strong> <strong>ist</strong> unsere<br />

Sache.“<br />

18 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


Zu spät kommen <strong>ist</strong> kein Problem<br />

<strong>für</strong> Futurum-Schüler: sie dürfen entscheiden, wann sie ihren Schultag beginnen und wann sie ihn beenden. Für <strong>die</strong> älteren Kin<strong>der</strong> beginnt und endet<br />

<strong>der</strong> Tag mit einer flexibel gestaltbaren Arbeits einheit. So <strong>ist</strong> es möglich, dass <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> wählen können, ob sie lieber früher kommen o<strong>der</strong> später<br />

nach Hause gehen möchten. Für jüngere Kin<strong>der</strong> gibt es vor und nach <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> <strong>die</strong> Möglichkeit, einen integrierten Hort zu besuchen.<br />

FUTURUM <strong>–</strong> EIN MODELL FÜR DIE<br />

SCHULE DER ZUKUNFT<br />

Hartmut von Hentig, Professor <strong>der</strong> Pädagogik<br />

und Reformpädagoge, hatte <strong>die</strong> Möglichkeit<br />

seine Visi on von <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> umzusetzen.<br />

Seine Ideen findet er in <strong>der</strong> Laborschule<br />

Bielefeld verwirklicht, einer <strong>der</strong> fortschrittlichsten<br />

Bildungs einrichtungen Deutschlands.<br />

<strong>Die</strong> Labor schule Bielefeld <strong>ist</strong> Mitglied im<br />

Verbund <strong>der</strong> UNESCO- Projektschulen sowie<br />

im Schulverbund „Blick über den Zaun“. Hartmut<br />

von Hentig for<strong>der</strong>t: „<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> soll keine<br />

Belehrungsanstalt sein, son<strong>der</strong>n eine Art Lernwerkstatt,<br />

<strong>die</strong> Kin<strong>der</strong>n und Jugend lichen den<br />

nötigen Raum <strong>für</strong> Selbst erkundungen gibt. Ist<br />

<strong>die</strong> <strong>Schule</strong> ein Lebensraum, muss sich <strong>der</strong> ganze<br />

Mensch in ihr entfalten können.“ Ein Modellprojekt<br />

in Sachen <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>, in dem<br />

<strong>die</strong>se For<strong>der</strong>ungen konsequent erfüllt werden<br />

und dass seit Jahren gut funktioniert, gibt es in<br />

Schweden: „Futurum“ heißt <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> in <strong>der</strong><br />

Kleinstadt Bålsta, 40 Kilometer westlich von<br />

Stockholm, in <strong>der</strong> eine Vision Realität wurde.<br />

Sie <strong>ist</strong> nicht nur zum Vorbild innerhalb von<br />

Schweden geworden, son<strong>der</strong>n stößt auch international<br />

auf großes Interesse. In den letzten<br />

fünf Jahren wurde <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> von 6500 Gästen<br />

aus 20 Län<strong>der</strong>n besucht. Mit ihrer innovativen<br />

Pädagogik setzt <strong>die</strong> Futurum-<strong>Schule</strong> Maßstäbe<br />

<strong>für</strong> <strong>die</strong> europäische <strong>Schule</strong>ntwicklung und ganz<br />

speziell <strong>für</strong> den Ausbau <strong>der</strong> Ganztags schulen in<br />

Deutschland.<br />

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19


DEMOKRATISCHES LERNEN<br />

Lichtdurchflutete Räume ...<br />

schöne Farben und Mate ri a lien <strong>–</strong> <strong>die</strong> Optik <strong>der</strong> Räumlichkeiten <strong>ist</strong> mehr als eine Nebensache. Da Wohl befinden das Lernen positiv beeinflusst, <strong>ist</strong> schon<br />

<strong>die</strong> Architektur in „Futurum“ Programm. <strong>Die</strong> farbenfrohe Gestaltung vermittelt den Kin<strong>der</strong>n ein positives Lebensgefühl und Vitalität.<br />

„<strong>Die</strong> Futurum-<strong>Schule</strong> steht <strong>für</strong> eine neue Organisation,<br />

eine verbesserte Pädagogik, eine verän<strong>der</strong>te<br />

Rolle des Pädagogen und <strong>für</strong> ein gutes<br />

Arbeitsumfeld. Uns beschäftigte: Was müssen<br />

wir <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> lehren? Wie muss <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> und<br />

vor allem <strong>der</strong> Inhalt <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> verän<strong>der</strong>t werden,<br />

damit ein Nutzen aus den ungeheuren<br />

Mögli chkeiten <strong>der</strong> neuen Technik gezogen werden<br />

kann? Wie bringen wir unsere Schüler dazu,<br />

mehr Verant wortung zu übernehmen, <strong>die</strong> richtigen<br />

Fragen zu stellen, im Team, projektorientiert<br />

und themen- übergreifend zu arbeiten.“, so<br />

Hans Ahlenius, Lehrer <strong>für</strong> Mathematik und Naturwissenschaften.<br />

Er hat den pädagogischen<br />

und architektonischen Umbau <strong>der</strong> schwedischen<br />

<strong>Schule</strong> von Anfang an mitgestaltet.<br />

Fachunterricht und Noten wurden in Futurum<br />

abgeschafft und <strong>die</strong> klassische Raum-Zeit-<br />

Struktur des Schulalltags aufgehoben. Im Mittel<br />

punkt des Konzeptes steht <strong>der</strong> einzelne Schüler.<br />

Auch seine individuelle Entwicklung <strong>ist</strong> im<br />

Fokus, denn Lernen wird hier als ein aktiver und<br />

sehr persönlicher Prozess begriffen. Daher erhält<br />

je<strong>der</strong> Schüler einen individuellen Lehrplan,<br />

<strong>der</strong> auf seine Stärken und Schwächen zugeschnitten<br />

<strong>ist</strong>. Woche <strong>für</strong> Woche werden <strong>die</strong><br />

Lerninhalte festgelegt und im persönlichen<br />

Logbuch des Schülers festgehalten. Je<strong>der</strong> entscheidet<br />

dann selbst, wann er welche Aufgaben<br />

erledigt. Am Ende <strong>der</strong> Woche werden <strong>die</strong> Fortschritte<br />

zusammen mit dem Lehrer, <strong>der</strong> ihn als<br />

Tutor betreut, reflektiert. Ge<strong>mein</strong>sam überlegt<br />

man, ob <strong>die</strong> gesteckten Ziele angemessen<br />

waren. So kann <strong>der</strong> Lernstoff an das individuelle<br />

Lerntempo angeglichen werden. „Je<strong>der</strong><br />

Mensch <strong>ist</strong> individuell, also braucht je<strong>der</strong> Schüler<br />

auch individuelle Lehrpläne“, erläutert Ah-<br />

20 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


lenius das pädagogische Konzept. In den Kernfächern<br />

erhalten <strong>die</strong> Schüler und Schülerinnen<br />

in kleinen altershomogenen Gruppen Unterricht.<br />

<strong>Die</strong> flexible persönliche Arbeits ein teilung<br />

sowie <strong>die</strong> altersgemischte Projekt arbeit, stehen<br />

jedoch im Vor<strong>der</strong>grund. Je<strong>der</strong> Schüler bringt<br />

sich mit seinen Fähigkeiten in das Team ein. Ob<br />

das allein in stiller Arbeit geschieht o<strong>der</strong> in <strong>der</strong><br />

Gruppe, bleibt jedem selbst überlassen. <strong>Die</strong>s erlaubt<br />

den Kin<strong>der</strong>n und Jugendlichen auch in ei -<br />

nem gewissen zeitlichen Rahmen <strong>die</strong> freie<br />

Ent scheidung, wann sie ihren Schultag beginnen<br />

und wann sie nach Hause gehen. Ziel <strong>ist</strong> es<br />

zum einen, dass <strong>die</strong> Schüler neben dem Erwerben<br />

von Wissen, ihre sozialen Fähigkeiten in <strong>der</strong><br />

Zu sammenarbeit mit An<strong>der</strong>en üben. <strong>Die</strong> fächerübergreifende<br />

Arbeit an verschiedenen<br />

Themen schwer punk ten schult das vernetzte<br />

Denken und öffnet den ganzheitlichen Blick <strong>für</strong><br />

Zusammen hänge. <strong>Die</strong> Lehrkräfte stehen je<strong>der</strong>zeit<br />

<strong>für</strong> Fragen zur Verfügung. Achtzig Schüler<br />

werden jeweils von fünf bis acht Lehrern betreut.<br />

LERNLANDSCHAFTEN STATT<br />

KLASSENZIMMER<br />

Da das Wohlbefinden das Lernen positiv beeinflusst,<br />

<strong>ist</strong> schon <strong>die</strong> Architektur in Futurum<br />

Programm. <strong>Die</strong> farbenfrohe Ausgestaltung vermittelt<br />

ein positives Lebensgefühl und Vitalität.<br />

<strong>Die</strong> alten Klassenräume sind verschwunden,<br />

multifunktionale Lernlandschaften sind an <strong>der</strong>en<br />

Stelle getreten, lichtdurchflutete Räume,<br />

durch große Glas scheiben voneinan<strong>der</strong> getrennt.<br />

<strong>Die</strong> gesamte <strong>Schule</strong> <strong>ist</strong> in sechs kleinere<br />

Einheiten unterteilt. Jeweils 160 Schüler zwischen<br />

sechs und sechzehn Jahren, in zwei altersgemischten<br />

Gruppen aufgeteilt, sind in<br />

sechs verschiedenfarbigen Pavillons untergebracht.<br />

Jedem Arbeitsteam stehen ein großer<br />

Gruppen raum und mehrere kleine Arbeitsräume<br />

zur Ver fügung. Der Arbeitsplatz <strong>ist</strong> <strong>für</strong><br />

jeden frei wählbar, Computerplätze und Labors<br />

sind ebenso vorhanden, wie gemütliche Leseecken.<br />

Auch <strong>die</strong> Möblierung <strong>ist</strong> variabel nutzbar.<br />

Jedes <strong>Kind</strong> hat einen eigenen Rollcontainer<br />

<strong>für</strong> seine Arbeits materialien. Und je<strong>der</strong> große<br />

<strong>Die</strong> Futurum <strong>Schule</strong> in Schweden von außen gesehen.<br />

Gruppenraum verfügt über eine Bühne, denn<br />

<strong>der</strong> Präsentation <strong>–</strong> egal ob es sich um <strong>die</strong> Arbeitsergebnisse<br />

am Ende je<strong>der</strong> Lerneinheit,<br />

Bühnenstücke o<strong>der</strong> musikalische Darbietungen<br />

handelt <strong>–</strong> wird in Futurum eine große Rolle beigemessen,<br />

denn das för<strong>der</strong>t das Selbst bewusstsein.<br />

Für <strong>die</strong> Entwicklung <strong>der</strong> Persön lichkeit <strong>ist</strong><br />

es wichtig, sich vor einem größeren Publikum<br />

darstellen o<strong>der</strong> artikulieren zu können. „Wir<br />

müssen uns <strong>für</strong> jedes <strong>Kind</strong> so einsetzen, dass es<br />

noch am letzten Schultag <strong>die</strong> Freude des ersten<br />

empfindet“, umreißt Hans Ahlenius <strong>die</strong> grundlegende<br />

Konzeption. Neue Wege werden hier<br />

sehr erfolgreich beschritten, denn immerhin<br />

schneiden <strong>die</strong> Schüler <strong>der</strong> schwedischen Futurum-<strong>Schule</strong><br />

im internationalen Vergleich überdurchschnittlich<br />

gut ab. „Es <strong>ist</strong> wichtig, mit<br />

Visionen zu beginnen. In Deutschland sind oftmals<br />

<strong>die</strong> Strukturen noch zu unflexibel“, erklärt<br />

Hans Ahlenius.


JENAPLAN SCHULEN<br />

22 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


I n d i v i d u e l l e s L e r n e n<br />

Modell mit Tradition<br />

<strong>Die</strong> Jenaplan-<strong>Schule</strong><br />

T E X T : R O S E M A R I E L Ö S E R F O T O S : V O L K M A R O B S T<br />

Große lernen von Kleinen <strong>–</strong> und umgekehrt. Projekte statt Frontalunterricht.<br />

<strong>Schule</strong> als Lebens- und Erfahrungsraum. Alles<br />

neue Ideen? Mitnichten: Bereits in den 20er Jahren des letzten<br />

Jahrhun<strong>der</strong>ts erkannte <strong>der</strong> Reformpädagoge Peter Petersen, wie<br />

wichtig individuelles, selbständiges und soziales Lernen <strong>ist</strong>.<br />

Sein „Jenaplan“ machte <strong>Schule</strong>. Bis heute.<br />

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23


JENAPLAN SCHULEN<br />

I<br />

m Februar 2007 schickten <strong>die</strong> Vereinten<br />

Nationen Vernor Munoz Villalobos,<br />

ihren Son<strong>der</strong>berichterstatter <strong>für</strong><br />

das Recht auf Bildung, auf Deutschlandreise.<br />

Zehn Tage lang besuchte<br />

Villalobos <strong>Schule</strong>n, manchmal angemeldet,<br />

manchmal völlig überraschend. Er beobachtete<br />

den Unterricht, diskutierte mit<br />

Lehrern und Schülern <strong>–</strong> und stellte dem deutschen<br />

Schulsystem am Ende ein schlechtes<br />

Zeugnis aus: Schüler in Deutschland werden<br />

viel zu früh nach Le<strong>ist</strong>ung getrennt. Bildungschancen<br />

hängen in erster Linie von <strong>der</strong> sozialen<br />

Herkunft ab. Und <strong>die</strong> Integration von<br />

Auslän<strong>der</strong>kin<strong>der</strong>n sei mangelhaft, befand <strong>der</strong><br />

Professor aus Costa Rica: „<strong>Die</strong> Selektion im<br />

deutschen Bildungswesen betrifft vor allem <strong>die</strong><br />

unterprivilegierten Schichten, etwa Menschen<br />

mit Migrationshintergrund, Behin<strong>der</strong>te o<strong>der</strong> sozial<br />

Benachteiligte. Zwanzig Prozent <strong>der</strong> Hauptschüler<br />

machen keinen Abschluss. Fast <strong>die</strong><br />

Hälfte <strong>der</strong> Schüler mit Migrationshintergrund<br />

bekommt keine Lehrstelle. Das verschärft <strong>die</strong><br />

Ausgrenzung noch“. Dringend mahnte Villalobos<br />

grundlegende inhaltliche und strukturelle<br />

Verän<strong>der</strong>ungen an, um gleiche und gerechte Bildungsmöglichkeiten<br />

<strong>für</strong> jedes <strong>Kind</strong> sicherzustellen,<br />

unabhänhgig davon, ob seine Eltern nun<br />

Hartz-IV-Empfänger sind, Einwan<strong>der</strong>er o<strong>der</strong><br />

dem Bildungsbürgertum entstammen.<br />

Das in hohem Maße selektive Bildungssystem<br />

muss zu einem System werden, das Individualität<br />

und individuelles Lernen för<strong>der</strong>t. So lautet<br />

eine <strong>der</strong> sieben For<strong>der</strong>ungen des UN-Berichterstatters<br />

<strong>–</strong> und <strong>die</strong>ser Gedanke <strong>ist</strong> keineswegs<br />

neu. Schon lange vor den Diskussionen um <strong>die</strong><br />

deutsche Bildungsmisere, entwickelte <strong>der</strong> Reformpädagoge<br />

Peter Petersen in seinem „Jena-<br />

Plan“ ähnliche Ansätze.<br />

INDIVIDUELLES LERNEN ALS KONZEPT<br />

Peter Petersen, 1923 Ordinarius <strong>für</strong> Erziehungs -<br />

wissenschaft an <strong>der</strong> Universität Jena, vertrat <strong>die</strong><br />

Ansicht, dass Kin<strong>der</strong> einen natürlichen Wissensdrang<br />

besitzen, <strong>der</strong> sich unter den richtigen<br />

Umständen gut entwickelt. Erziehung <strong>ist</strong> <strong>für</strong> ihn<br />

keine reine Wissensvermittlung; erst im Zusammenleben<br />

wird <strong>der</strong> Mensch gebildet. <strong>Die</strong><br />

Kin<strong>der</strong> lernen <strong>für</strong> das Leben, und Gegenstand<br />

des Lernens <strong>ist</strong> das Leben selbst. Als Leiter<br />

einer an <strong>die</strong> Universität angeglie<strong>der</strong>ten Versuchsschule<br />

hatte er <strong>die</strong> Möglichkeit, seine pä d-<br />

agogischen Ideen in <strong>die</strong> Praxis umzusetzen. <strong>Die</strong><br />

Ergebnisse stellte er 1927 beim Kongress des<br />

„Weltverbandes <strong>für</strong> Erneuerung <strong>der</strong> Erziehung“<br />

in Locarno vor. Dort erhielt dann sein<br />

Konzept <strong>die</strong> Bezeichnung „Jena-Plan“.<br />

Und tatsächlich handelte es sich einen Plan, den<br />

Petersen als „Ausgangsform“, als Grundstruktur<br />

verstanden wissen will. <strong>Die</strong> grundsätzliche<br />

Frage des Pädagogen lautete: „Wie soll <strong>die</strong> Erziehungsge<strong>mein</strong>schaft<br />

beschaffen sein, in <strong>der</strong><br />

und durch <strong>die</strong> ein Mensch seine Individualität<br />

zur Persönlichkeit vollenden kann?“. Petersen<br />

wollte eine <strong>Schule</strong> <strong>für</strong> alle Kin<strong>der</strong> schaffen, in<br />

denen <strong>die</strong> gewohnten Strukturen des Schulalltags<br />

aufgebrochen werden. Wie sein Entwurf<br />

umgesetzt wird, und mit welchen Schwer punkten,<br />

bleibt dabei je<strong>der</strong> <strong>Schule</strong> selbst überlassen.<br />

Das macht Petersens Ansatz so zeitlos und<br />

heute sind seine Ideen aktueller denn je.<br />

EINE SCHULE MIT VIELEN GESICHTERN<br />

Mittlerweile gibt es in Deutschland 38 Jenaplan-<br />

<strong>Schule</strong>n. „Und jede davon hat ein an<strong>der</strong>es Gesicht“,<br />

erklärt Britta Müller, Lehrerin und<br />

Mitbegrün<strong>der</strong>in <strong>der</strong> Jena-Planschule in Jena, <strong>die</strong><br />

1991 ihre Arbeit aufnahm. So unterschiedlich<br />

<strong>die</strong> Jenaplan-<strong>Schule</strong>n in den Details sein können,<br />

eines <strong>ist</strong> allen ge<strong>mein</strong>sam: Das starre Korsett<br />

von jahrgangsgebundenen Schulklassen, <strong>die</strong><br />

24 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


Spiele ...<br />

nehmen einen festen Platz in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> ein, denn Lernen soll hier im wahrsten Sinn des Wortes ein „Kin<strong>der</strong>spiel“ sein. In <strong>der</strong> Tat: Gerade beim Spiel<br />

öffnen sich <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong>, sind ganz bei <strong>der</strong> Sache <strong>–</strong> und lernen so ganz nebenbei.<br />

im Dreiviertel stundentakt <strong>die</strong> Fächer wechseln,<br />

wird durchbrochen. In den Jenaplan-<strong>Schule</strong>n arbeitet<br />

je<strong>der</strong> nach einem Wochenplan. Projektorientierte<br />

Phasen, Kursphasen und Ge<strong>mein</strong>schaftsaktivitäten<br />

wechseln. Den Schwerpunkt<br />

des Schulalltags bilden fächerübergreifende<br />

Projekte <strong>–</strong> wie zum Beispiel das „Alte Ägypten“,<br />

„Wetter und Naturerscheinungen im<br />

Herbst“ o<strong>der</strong> „Afrika“, <strong>die</strong> <strong>die</strong> Schüler über<br />

einen längeren Zeitraum bearbeiten. <strong>Die</strong>s ermöglicht<br />

den Kin<strong>der</strong>n, eigenständig zu forschen<br />

und selbst Entdeckungen zu machen. <strong>Die</strong>se<br />

kindgerechte Art, Wissen zu erwerben, führt<br />

dazu, dass effektiver und nachhaltiger gelernt<br />

wird. <strong>Welche</strong> Themen <strong>die</strong> Schüler wählen und<br />

mit welcher Tiefenschärfe sie in <strong>die</strong> Projekte<br />

einsteigen, hängt von ihren individuellen Fähigkeiten<br />

ab. Projektpartner und Teams finden sich<br />

auf freiwilliger Basis zusammen. <strong>Die</strong> Arbeit an<br />

<strong>der</strong> selbstgewählten Aufgabe erfolgt in Stammgruppen,<br />

<strong>die</strong> in <strong>der</strong> Regel drei Jahrgangstufen<br />

umfassen und <strong>die</strong> Bezugsgruppe <strong>für</strong> jedes <strong>Kind</strong><br />

bilden.<br />

GEGENSEITIGE HILFE IST PROGRAMM<br />

An<strong>der</strong>s als in herkömmlichen <strong>Schule</strong>n, in denen<br />

<strong>die</strong> Klassen nach Alter aufgeteilt sind, nutzen<br />

<strong>die</strong> „Jenaplaner“ Alters- und Erfahrungsunterschiede<br />

ganz bewusst <strong>für</strong> das ge<strong>mein</strong>same Ler-<br />

www.kidsLife-magazin.de<br />

25


JENAPLAN SCHULEN<br />

Reden und Zuhören ...<br />

Bei den regelmäßigen Gesprächen im Kreis üben <strong>die</strong> Schüler nicht nur <strong>die</strong> freie Rede in <strong>der</strong> Gruppe, son<strong>der</strong>n lernen auch zuzuhören.<br />

nen. Dass ältere Schüler jüngeren helfen, gehört<br />

zum pädagogischen Grundgerüst. Da in jedem<br />

Jahr Jüngere zur Stammgruppe stoßen und Ältere<br />

sie verlassen, <strong>ist</strong> je<strong>der</strong> mit <strong>der</strong> Situation vertraut,<br />

in <strong>der</strong> jüngeren, mittleren und älteren<br />

Gruppe zu sein. <strong>Die</strong>ser ständige Austausch verhin<strong>der</strong>t,<br />

dass sich hierarchische Strukturen herausbilden.<br />

Jede Stammgruppe wird von einem<br />

Lehrer begleitet, <strong>der</strong> den Schülern unterstützend<br />

zur Seite steht, auf ihre Fragen eingeht<br />

und auch mal eingreift, um Lernprozesse, <strong>die</strong><br />

stagnieren wie<strong>der</strong> anzustoßen. Da er seine Zöglinge<br />

drei Jahre lang betreut, <strong>ist</strong> er mit ihren<br />

Stärken und Schwächen bestens vertraut und<br />

weiß, wie differenziert sie ein Thema bearbeiten<br />

können und wo noch Hilfe stellungen benötigt<br />

werden. Am Ende eines Projekts muss<br />

je<strong>der</strong> Schüler seine Ergebnisse in <strong>der</strong> Stammgruppe<br />

präsentieren. Dabei sollen <strong>die</strong> Ergebnisse<br />

so verknüpft werden, dass ein gesamtes<br />

Ganzes entsteht. Wie <strong>die</strong> Präsentation aussehen<br />

soll, entscheiden <strong>die</strong> Schüler: Sie können einen<br />

Vortrag über ihre Ergebnisse halten, szenische<br />

Darstellungen entwickeln o<strong>der</strong> Modelle o<strong>der</strong><br />

Plakate gestalten. “Das entscheiden <strong>die</strong> Schüler<br />

selbst“, erläutert Britta Müller. Frank Köditz,<br />

<strong>der</strong> an <strong>der</strong> Jenaplan-<strong>Schule</strong> in Jena hospitierte,<br />

beschreibt seine Erfahrungen: „Natürlich gibt<br />

es hier eine spürbare Bandbreite an sprachlichen<br />

Fähigkeiten. Aber eines treffe ich nicht an:<br />

26 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


<strong>Die</strong> Angst vor dem Ergründen und vor dem<br />

mündlichen Darstellen von eigenem Wissen.“<br />

Nach <strong>der</strong> Präsentation schätzen sich <strong>die</strong> Schüler<br />

zunächst selbst ein, danach geben <strong>die</strong> an<strong>der</strong>en<br />

Schüler <strong>der</strong> Stammgruppe ihre Kommentare<br />

ab. Erst dann kommt <strong>der</strong> Lehrer zu Wort.<br />

„Kin<strong>der</strong> sind sehr kritisch, aber sie erkennen<br />

selbst kleine Fortschritte und wissen nützliche<br />

Hinweise zu geben <strong>–</strong> häufig können sie das besser<br />

als <strong>die</strong> Lehrer“, betont Britta Müller. So för<strong>der</strong>t<br />

<strong>der</strong> Jenaplan-Ansatz nicht nur <strong>die</strong><br />

Kreativität, wenn es darum geht, Lösungswege<br />

zu finden und auszuarbeiten, son<strong>der</strong>n auch <strong>die</strong><br />

Team- und Kritikfähigkeit.<br />

Bild: illmann Petersen<br />

DAS INDIVIDUELLE TEMPO ENTSCHEIDET<br />

Im Kursunterricht, <strong>der</strong> sich um den projektorientierten<br />

Kernunterricht anordnet, wird <strong>die</strong><br />

Stammgruppe aufgelöst. In <strong>die</strong>sen Unterrichtseinheiten<br />

trainieren <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> Arbeitstechniken<br />

und erlernen Basiswissen wie Schreiben<br />

und Rechnen. Damit keiner zu kurz kommt,<br />

werden <strong>die</strong> Schüler je nach individuellem Potenzial<br />

und Lerntempo in sogenannte Niveaugruppen<br />

eingeteilt. Sitzenbleiben wird damit<br />

ebenso überflüssig wie eine äußere Differenzierung,<br />

wie sie unser dreigeteiltes Schulsystem<br />

vorsieht. „Zunächst standen wir gerade <strong>der</strong> Altersmischung<br />

sehr skeptisch gegenüber, doch<br />

mittlerweile haben wir gerade <strong>die</strong>sen Aspekt<br />

von Petersens Entwurf sehr schätzen gelernt“,<br />

erklärt <strong>die</strong> Pädagogin Britta Müller. In <strong>der</strong> Jenaer<br />

<strong>Schule</strong> bekommen <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> bis zum siebenten<br />

Schuljahr keine Noten und Zeugnisse.<br />

„Noten kategorisieren <strong>die</strong> Schüler nur. Nützliche<br />

Hinweise, was sie besser machen könnten,<br />

bekommen sie dadurch nicht“, erläutert <strong>die</strong><br />

Pädagogin. Schließlich sind <strong>die</strong> Le<strong>ist</strong>ungen Ausdruck<br />

<strong>der</strong> individuellen Persönlichkeit und je<strong>der</strong><br />

Mensch <strong>ist</strong> einzigartig und unvergleichbar. Statt<br />

<strong>der</strong> Zeugnisse bekommen <strong>die</strong> Schüler zwei mal<br />

jährlich Lernentwicklungsberichte, <strong>die</strong> sich in<br />

Form eines Briefes an den jeweiligen Schüler<br />

richten. In <strong>die</strong>sen Schreiben werden <strong>die</strong> individuellen<br />

Fortschritte formuliert. Dabei sind<br />

neben dem Le<strong>ist</strong>ungsstand auch <strong>die</strong> sozialen<br />

Kompetenzen wichtige Beurteilungskriterien.<br />

<strong>Die</strong>se Ein schätzung <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Grundlage <strong>für</strong> ein<br />

Peter Petersen<br />

Pädagoge und Persönlichkeit<br />

Peter Petersen, geb. 1884 in Großenwiehe, Kreis Flensburg, arbeitete von 1923 bis<br />

zu seinem Tod am 21. März 1952 als ordentlicher Professor <strong>für</strong> Erziehungswissenschaft<br />

an <strong>der</strong> Universität Jena. Als langjähriger Leiter <strong>der</strong> Universitätsschule entwickelte<br />

er dort ein Schulmodell mit altersgemischten Gruppen, das nun zum<br />

klassischen Bestand internationaler Reformpädagogik zählt <strong>–</strong> „Jenaplan“. Seine kindlichen<br />

Erfahrungen auf dem elterlichen Hof und <strong>die</strong> Erfahrung starken Zusammenhalts<br />

im Dorf legen dabei erste Keime seiner späteren Pädagogik, in <strong>der</strong>en Mittelpunkt <strong>die</strong><br />

Ge<strong>mein</strong>schaft steht. Petersen gelang es, Reformbestrebungen von großen Reformpädagogen<br />

seiner Zeit zu einem schlüssigen Schulkonzept zusammenzufassen. Während<br />

mit Beginn des Nationalsozialismus mehrere Jenaplanschulen mit<br />

sozialdemokratisch orientierter Lehrerschaft sofort verboten wurden, durfte <strong>die</strong> Jenaer<br />

Universitätsschule weitermachen. Da Petersen jedoch nicht <strong>der</strong> NSDAP angehörte,<br />

war er einer <strong>der</strong> wenigen Professoren <strong>der</strong> Jenaer Universität, <strong>die</strong> nach dem<br />

Ende des Nationalsozialismus nicht entlassen wurden. <strong>Die</strong> neu gegründete Sozialpädagogische<br />

Fakultät nahm bereits 1945 unter seiner kommissarischen Leitung ihre<br />

Arbeit auf. Drei Jahre später wurde Petersen nach wachsendem Druck <strong>der</strong> SED als<br />

Dekan abgesetzt und erhielt Prüfungsverbot. <strong>Die</strong> SED schloß gegen den Willen <strong>der</strong><br />

Elternschaft 1950 <strong>die</strong> Universitätsschule als „ein reaktionäres, politisch sehr gefährliches<br />

Überbleibsel aus <strong>der</strong> Weimarer Republik“. Zeitlebens stand Petersen im<br />

Kreuzfeuer <strong>der</strong> Kritik; <strong>die</strong> Idee des Jenaplans fand nur wenig Verbreitung. <strong>Die</strong>s hat<br />

sich nach 1950 entscheidend verän<strong>der</strong>t. Bis heute mehren sich <strong>die</strong> <strong>Schule</strong>n, <strong>die</strong> nach<br />

dem Jenaplan unterrichten.<br />

Weitere Informationen: www.jenaplan.de<br />

www.kidsLife-magazin.de<br />

27


JENAPLAN SCHULEN<br />

Feiern<br />

gehört einfach dazu in <strong>der</strong> Jenaplan-<strong>Schule</strong>: Abschlussfeiern werden in <strong>der</strong> Stammgruppe geplant, vorbereitet und ausgeführt. Sie sind wichtig <strong>für</strong><br />

das Ge<strong>mein</strong>schaftsgefüge <strong>der</strong> Gruppe. Hier werden ganz beson<strong>der</strong>s gelungene Präsentationen gezeigt o<strong>der</strong> kleine Theaterstücke aufgeführt.<br />

halbstündiges Gespräch mit dem Schüler und<br />

dessen Eltern. Ab dem siebenten Jahr gibt es an<br />

<strong>der</strong> Jenaer <strong>Schule</strong> Lernent wick lungsberichte<br />

und Noten; in <strong>der</strong> Oberstufe schreiben <strong>die</strong><br />

Schüler dann auch wie in an<strong>der</strong>en <strong>Schule</strong>n<br />

Klausuren und erhalten Zensuren. Da Jenaplan-<br />

<strong>Schule</strong>n den Anspruch haben, <strong>die</strong> jungen Menschen<br />

in ihrer gesamten Persönlichkeit<br />

wahrzunehmen, hat <strong>der</strong> Kontakt zum Elternhaus<br />

einen hohen Stellenwert. <strong>Die</strong> Beteiligung<br />

<strong>der</strong> Eltern am Schulleben wird als integraler Bestandteil<br />

des pädagogischen Konzepts gewünscht<br />

und geför<strong>der</strong>t. Für Susanne Rauprich,<br />

Mutter zweier Kin<strong>der</strong>, <strong>die</strong> <strong>die</strong> Peter-Petersen-<br />

<strong>Schule</strong> „Am Rosenmaar“ in Köln besuchen, <strong>ist</strong><br />

<strong>der</strong> gute Kontakt zwischen Eltern und Lehrern<br />

außerordentlich wichtig. „<strong>Die</strong> Mitarbeit und<br />

Hilfe <strong>der</strong> Eltern wird von Seiten <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> ausdrücklich<br />

gesucht.“ Nicht nur wichtige Entscheidungen<br />

werden ge<strong>mein</strong>sam getroffen,<br />

son<strong>der</strong>n „Eltern werden auch als Experten an<br />

<strong>der</strong> <strong>Schule</strong> willkommen geheißen“. „<strong>Die</strong> Lehrer<br />

beziehen gerne <strong>die</strong> speziellen Fähigkeiten<br />

<strong>der</strong> Eltern in den Unterricht ein, was auf guten<br />

Wi<strong>der</strong>hall bei den Eltern stößt“, beschreibt sie<br />

ihre Erfahrungen.<br />

LERNEN IST SPIELEN IST FEIERN<br />

Das Lernen und <strong>die</strong> Arbeit an Projekten <strong>ist</strong><br />

wichtig, aber nur einer <strong>der</strong> vier Grundpfeiler,<br />

<strong>die</strong> den Alltag an einer Jenaplan-<strong>Schule</strong> ausma-<br />

28 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


„Kin<strong>der</strong> sind sehr kritisch, aber sie erkennen selbst<br />

kleine Fortschritte und wissen nützliche Hinweise zu<br />

geben <strong>–</strong> häufig können sie das besser als <strong>die</strong> Lehrer.“<br />

chen. Daneben spielen auch Ge spräche, Spiele<br />

und Feiern eine wichtige Rolle, denn zwischen<br />

Lernen und Freizeit wird kein Unterschied gemacht.<br />

<strong>Die</strong> Gespräche finden regelmäßig im<br />

Kreis statt, so dass niemand dominiert. <strong>Die</strong><br />

Schüler üben dabei nicht nur <strong>die</strong> freie Rede in<br />

<strong>der</strong> Gruppe, son<strong>der</strong>n lernen auch zuzuhören.<br />

In den Gesprächkreisen werden Erlebnisse,<br />

aber auch Ängste und Probleme zur Sprache<br />

gebracht und ethische Fragen diskutiert. Spiele<br />

nehmen ebenfalls einen festen Platz in <strong>der</strong><br />

<strong>Schule</strong> ein, denn Lernen soll hier im wahrsten<br />

Sinn des Wortes ein „Kin<strong>der</strong>spiel“ sein. In <strong>der</strong><br />

Tat: gerade beim Spiel öffnen sich <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong>,<br />

sind ganz bei <strong>der</strong> Sache <strong>–</strong> und lernen so ganz<br />

nebenbei. Wer sie beim selbstvergessenen Spiel<br />

beobachtet, kann sich <strong>die</strong>ser Theorie nicht verschließen.<br />

Und keine Jenaplan-<strong>Schule</strong> ohne Feiern:<br />

Abschlussfeiern werden in <strong>der</strong> Stammgruppe<br />

geplant, vorbereitet und ausgeführt. Sie<br />

sind wichtig <strong>für</strong> das Ge<strong>mein</strong>schaftsgefüge <strong>der</strong><br />

Gruppe. Hier werden noch einmal ganz beson<strong>der</strong>s<br />

gelungene Präsentationen gezeigt o<strong>der</strong><br />

kleine Theaterstücke aufgeführt. <strong>Die</strong> Möglichkeiten<br />

sind vielfältig und <strong>der</strong> Kreativität keine<br />

Grenzen gesetzt. In <strong>die</strong> Vorbereitung größerer<br />

Feiern werden auch <strong>die</strong> Eltern eingebunden.<br />

DEMOKRATIE ALS LEBENSFORM<br />

Ein wichtiges Grundprinzip, das Jenaplan-<strong>Schule</strong>n<br />

von herkömmlichen Bildungsanstalten unterscheidet,<br />

<strong>ist</strong> ihr demokratisches Gefüge.<br />

„Das demokratische Gefüge“, heißt es in <strong>der</strong><br />

Selbstdarstellung <strong>der</strong> Jenaer <strong>Schule</strong>, „wirkt dem<br />

Entstehen von Hierarchien entgegen. Demokratie<br />

<strong>ist</strong> nicht nur eine Staatsform, sie <strong>ist</strong> auch<br />

eine Lebensform“. Jüngere lernen von Älteren<br />

und umgekehrt. Beurtei lungs berichte und Gespräche<br />

statt Zeugnisse. Selbstorganisiertes Lernen<br />

und Präsentation des Wissens in <strong>der</strong><br />

Gruppe. Das erinnert an Abläufe im Arbeitsleben.<br />

Und tatsächlich bereiten Jenaplan-<strong>Schule</strong>n<br />

ihre Zöglinge besser auf <strong>die</strong> Arbeitswelt vor als<br />

<strong>der</strong> Frontalunterricht und <strong>die</strong> Wissensvermittlung<br />

des Standard-Bildungssystems. <strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong><br />

und Jugendlichen erlernen Kompetenzen, <strong>die</strong><br />

es ihnen ermöglichen, sich in <strong>der</strong> immer komplexer<br />

werdenden Wissensgesellschaft zurechtzufinden.<br />

In punkto Team- und<br />

Kon flikt fähig keit <strong>–</strong> unverzichtbare soft skills im<br />

Arbeitsleben <strong>–</strong> haben sie ebenso <strong>die</strong> Nase vorn<br />

wie beim kreativen Lösen komplexer Aufgabenstellungen.<br />

Das demokratische Bewusstsein,<br />

das in <strong>die</strong>ser Schulform sehr stark geför<strong>der</strong>t<br />

wird, befähigt sie am gesellschaftlichen Leben<br />

teilzunehmen und es aktiv mitzugestalten.


MONTESSORI SCHULEN<br />

30 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


S e l b s t ä n d i g h a n d e l n<br />

Hilf mir, es selbst zu tun:<br />

<strong>Die</strong> Montessori-<strong>Schule</strong><br />

T E X T : R O S E M A R I E L Ö S E R · F O T O S : P E T R A Z E N G E R - J O C H I M & E LT E R N U N D M I TA R B E I T E R V O M E R D K I N D E R - P R O J E K T<br />

Vor fast hun<strong>der</strong> t Jahren formulier te <strong>die</strong> italienische Ärztin<br />

Maria Montessori ihr pädagogisches Credo „Hilf mir, es<br />

selbst zu tun“ <strong>–</strong> ein Plädoyer für selbstbestimmtes, individuelles<br />

Lernen und freie Entfaltung <strong>der</strong> kindlichen Persönlichkeit.<br />

Ein pädagogischer Ansatz, <strong>der</strong> heute ganz neue<br />

Aktualität besitzt. KidsLife hat sich eine Montessori-Einrichtung<br />

mit Kita, <strong>Schule</strong> und Internat in Bayern angesehen.<br />

www.kidsLife-magazin.de<br />

31


MONTESSORI SCHULEN<br />

Farbenfroh<br />

In <strong>der</strong> Montessori-<strong>Schule</strong> Erdkin<strong>der</strong>-Projekt e.V. im bayrischen Lohkirchen unterstützen liebevolle und farbenfrohe Raumgestaltung, <strong>die</strong> beson<strong>der</strong>en<br />

Materialien und ein natürliches Umfeld selbständiges Lernen und altersgemäße Ent wicklung.<br />

H<br />

aben Sie jemals Ihren Kin<strong>der</strong>n<br />

auch nur einen Tag <strong>die</strong> Chance gegeben,<br />

zu tun, was sie möchten,<br />

ohne sich einzumischen? Versuchen<br />

Sie es und Sie werden erstaunt<br />

sein. <strong>Die</strong> größte Hilfe, <strong>die</strong><br />

Sie Ihren Kin<strong>der</strong>n geben können, <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Freiheit,<br />

ihre Arbeit in ihrer eigenen Weise anzupacken,<br />

denn in <strong>die</strong>ser Materie kennt sich Ihr<br />

<strong>Kind</strong> besser aus als Sie. <strong>Die</strong>se Aussage basiert<br />

auf <strong>der</strong> Grundidee von Maria Montessoris Pädagogik:<br />

„Hilf mir, es selbst zu tun.“ <strong>Die</strong> freie<br />

Entwicklung <strong>der</strong> menschlichen Persönlichkeit<br />

steht im Mittelpunkt von Montessoris pädagogischer<br />

Lehre. Erziehung und Unterricht, das<br />

bedeutet in erster Linie, <strong>die</strong> natürliche Freude<br />

des <strong>Kind</strong>es am Lernen zu för<strong>der</strong>n, <strong>die</strong> <strong>für</strong> Montessori<br />

einen Kernbestandteil kindlichen Lebens<br />

darstellt. Jedes <strong>Kind</strong> kann und möchte aus eigener<br />

Kraft seine Persönlichkeit und seinen<br />

Ge<strong>ist</strong> entfalten und sich zu einem unabhängigen,<br />

freien und selbständigen Menschen entwickeln.<br />

Aus <strong>die</strong>sem Grund machte <strong>die</strong> italienische<br />

Ärztin und Päda gogin <strong>die</strong> kindlichen Bedürfnisse<br />

konsequent zur Basis ihres Unterrichts<br />

kon zepts. Nach <strong>der</strong> Montessori-Lehre<br />

durchläuft jedes <strong>Kind</strong> im Laufe seiner Ent wicklung<br />

sogenannte sensible Phasen, in denen es<br />

32 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


<strong>für</strong> bestimmte Lerninhalte beson<strong>der</strong>s offen <strong>ist</strong>.<br />

Montessori bezeichnete <strong>die</strong>ses Phäno men als<br />

„Normalisation“, mo<strong>der</strong>ne Päda gogen sprechen<br />

heute von „sich öffnenden Fenstern“.<br />

Während <strong>die</strong>ser Phasen <strong>ist</strong> es <strong>für</strong> <strong>die</strong> Schüler im<br />

wahrsten Sinne des Wortes ein Kin<strong>der</strong>spiel, sich<br />

bestimmte Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen.<br />

Daher bestimmt in Montessori-<strong>Schule</strong>n<br />

<strong>der</strong> Entwicklungsstand jeden <strong>Kind</strong>es seinen individuellen<br />

Lehr plan. Aufgabe <strong>der</strong> Lehrer <strong>ist</strong> es,<br />

dem <strong>Kind</strong> eine <strong>für</strong> seinen individuellen Entwicklungsstand<br />

optimale Lernumgebung zu bieten<br />

und seine individuelle Wissbegierde zu<br />

för<strong>der</strong>n.<br />

In <strong>der</strong> Montessori-<strong>Schule</strong> Erdkin<strong>der</strong>-Projekt<br />

e.V. im bayrischen Lohkirchen unterstützen liebevolle<br />

und farbenfrohe Raumgestaltung, <strong>die</strong><br />

beson<strong>der</strong>en Materialien und ein natürliches<br />

Umfeld selbständiges Lernen und altersgemäße<br />

Ent wicklung. <strong>Die</strong> Montessori-Lehrer beobachten<br />

<strong>die</strong> Kin <strong>der</strong> genau und orientieren sich an<br />

ihren Bedürfnissen und an ihrem Kenntnisstand.<br />

Im Gegensatz zum klassischen lehrerzentrierten<br />

Frontalunterricht stellt <strong>die</strong>ses Kon zept<br />

den Schüler in den Vor<strong>der</strong>grund. Gearbeitet<br />

wird in altersgemischten Gruppen, in denen<br />

immer drei Jahrgänge zusammengefasst sind.<br />

„Dabei übernehmen Ältere häufig eine größere<br />

Verantwortung. Sie blühen regelrecht auf, wenn<br />

sie helfen können, wenn sie das Gefühl haben<br />

gebraucht zu werden“, so Andrea Schauseil,<br />

Lehrerin an <strong>der</strong> Montessori-<strong>Schule</strong> Erdkin<strong>der</strong>-<br />

Projekt e.V. Da immer wie<strong>der</strong> jüngere Schüler<br />

nachkommen und Ältere <strong>die</strong> Gruppe verlassen,<br />

neh men <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> stets neue Rollen ein. Sie<br />

lernen, sich besser in an<strong>der</strong>e hineinzuversetzen<br />

und ihre eigenen Grenzen besser zu erkennen.<br />

Der Zugang zum kindlichen<br />

Denken erfolgt nicht auf einer<br />

abstrakten Ebene, son<strong>der</strong>n am<br />

besten über <strong>die</strong> Sinne. Greifen<br />

und Begreifen bilden eine<br />

Einheit im Lernprozess.<br />

SINNLICHES LERNMITTEL<br />

ZUM BEGREIFEN<br />

Jedes <strong>Kind</strong> hat einen natürlichen Drang, alles<br />

zu berühren, zu riechen und zu schmecken. Aus<br />

<strong>die</strong>ser Beobachtung leitete Maria Montessori <strong>die</strong><br />

Erkenntnis ab, dass <strong>der</strong> Zugang zum kindlichen<br />

Denken nicht auf einer abstrakten Ebene, son<strong>der</strong>n<br />

am besten über <strong>die</strong> Sinne erfolgt. Greifen<br />

und Be-greifen bilden eine Einheit im Lernprozess.<br />

Folglich spielt <strong>die</strong> Auswahl <strong>der</strong> Lernmaterialien<br />

eine wichtige Rolle. <strong>Die</strong> Montessori-Pädagogin<br />

verdeutlicht <strong>die</strong>s am Bei spiel<br />

des Dezimalsystems: „Hält ein <strong>Kind</strong> ein einziges<br />

kleines Holzklötzchen, kaum fingernagelgroß,<br />

in <strong>der</strong> Hand nimmt es <strong>die</strong> Zahl Eins wahr.<br />

Zehn <strong>die</strong>ser Holzkästchen bilden eine Strecke,<br />

Hun<strong>der</strong>t eine Fläche und Tausend <strong>die</strong>ser Klötzchen<br />

lassen einen Raum entstehen. Der Raum,<br />

den eine Million <strong>die</strong>ser Holzteilchen bilden, <strong>ist</strong><br />

so groß, dass ein <strong>Kind</strong> darin sitzen kann.“ Solche<br />

Arbeitsmaterialien gibt es <strong>für</strong> alle Altersstufen.<br />

Im Fach Mathe matik zeigen sie, wie man<br />

mit Brüchen rechnet, Gleichungen löst o<strong>der</strong><br />

Wurzeln zieht. Buchstaben aus Sandpapier,<br />

<strong>der</strong>en Konturen mit den Fingern nachgefühlt<br />

werden können, helfen das Schreiben zu erlernen.<br />

„<strong>Die</strong> Materialien werden ständig weiterentwickelt,<br />

so dass immer mehr und immer<br />

größere Bereiche abgedeckt werden“, erläutert<br />

Schauseil. <strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong> mögen <strong>die</strong>ses „Sinnen -<br />

material“, denn es sieht nicht nur schön aus, es<br />

fühlt sich auch interessant an. Und sie schulen<br />

damit ihre Sinne <strong>–</strong> Begreifen im wahrsten Sinne<br />

des Wortes. Das, womit viele Menschen Probleme<br />

haben: Fühlen und abstraktes Den ken in<br />

Einklang zu bringen erlernen Montessori-Schüler<br />

ganz spielerisch.<br />

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33


MONTESSORI SCHULEN<br />

Kin<strong>der</strong>garten, <strong>Schule</strong>, Internat: alle Altersstufen sind willkommen im „Erdkin<strong>der</strong> Projekt”<br />

Alle Materialien sind <strong>für</strong> jeden Schüler zugänglich<br />

in Regalen verstaut und zwar immer an<br />

einem festen Platz, so dass sie je<strong>der</strong>zeit problemlos<br />

zu finden sind. „<strong>Die</strong>se äußere Ordnung<br />

<strong>ist</strong> <strong>die</strong> Voraussetzung <strong>für</strong> <strong>die</strong> Entwicklung einer<br />

inneren Ordnung bei den Kin<strong>der</strong>n und Jugendlichen“,<br />

erklärt Andrea Schauseil. Alles <strong>ist</strong> nur<br />

einmal vorhanden, so dass Absprachen getroffen<br />

werden müssen, wer welches Material benutzen<br />

kann. Auf <strong>die</strong>se Weise werden <strong>die</strong><br />

Kin<strong>der</strong> in Rücksichtnahme und sozialem Verhalten<br />

geschult.<br />

DIE FREIARBEIT <strong>–</strong> KERNSTÜCK DES<br />

UNTERRICHTS<br />

Das Herzstück des Unterrichts an Montessori-<br />

<strong>Schule</strong>n <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Freiarbeit. Je<strong>der</strong> Schüler legt<br />

selbständig fest, wie er <strong>die</strong>se beson<strong>der</strong>e Zeit<br />

nutzen möchte. Und er kann auch frei darüber<br />

entscheiden, wo er arbeiten möchte, und ob das<br />

allein, mit einem Partner o<strong>der</strong> in einer Gruppe<br />

geschieht. Auch <strong>die</strong> Themen sollen <strong>die</strong> Schüler<br />

nach Möglichkeit frei wählen. Zu Beginn <strong>der</strong><br />

Freiarbeitsphase sprechen sie mit den Pädagogen<br />

ab, <strong>für</strong> welchen Arbeitschwerpunkt sie sich<br />

entscheiden und mit welcher Tiefenschärfe <strong>die</strong>ser<br />

bearbeitet werden soll. „Manche Kin<strong>der</strong><br />

haben keine Probleme damit zu wählen, an<strong>der</strong>e<br />

dagegen tun sich damit recht schwer“, erzählt<br />

Andrea Schauseil. „Da müssen wir Lehrer gelegentlich<br />

Hilfestellungen geben, nach dem<br />

Motto‚ so viel Führung wie nötig und so viel<br />

Freiraum wie möglich“. <strong>Die</strong>se freie Entscheidung<br />

zum Lernen soll zu einer Dis ziplin und<br />

Le<strong>ist</strong>ungsbereitschaft führen, <strong>die</strong> nicht durch<br />

Autoritäten aufgedrückt wird, son<strong>der</strong>n von<br />

innen kommt. Sie <strong>ist</strong> <strong>die</strong> notwendige Voraussetzung<br />

<strong>für</strong> <strong>die</strong> „Polarisation <strong>der</strong> Aufmerksamkeit“,<br />

das konzentrierte Arbeiten in einem<br />

selbstbestimmten zeitlichen Rahmen. „Das Gefühl,<br />

selbst etwas geschafft zu haben, setzt eine<br />

unglaubliche Persönlichkeits ent wick lung in<br />

Gang“, beschreibt Andrea Schauseil <strong>die</strong> positiven<br />

Impulse <strong>für</strong> <strong>die</strong> individuelle Entwicklung.<br />

Aber selbst, wenn <strong>der</strong> Erfolg einmal ausbleibt,<br />

<strong>ist</strong> das kein Dilemma. „Dann müssen wir <strong>der</strong><br />

Frage nachgehen, warum es nicht geklappt hat“,<br />

erläutert Montessori-Lehrerin Schauseil. „Entscheidend<br />

<strong>ist</strong>, dass <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> selbst über <strong>die</strong><br />

Ursachen nachdenken. Denn so erwerben sie<br />

Basis kom petenzen wie Selbständigkeit und Eigenverant<br />

wort lichkeit. Dabei wird von den<br />

Schülern eini ges verlangt: <strong>Die</strong> freie Wahl eines<br />

Arbeits schwer punktes und <strong>die</strong> Zeitplanung sind<br />

immense Heraus for<strong>der</strong>ungen. Das können Erwachsene<br />

kaum le<strong>ist</strong>en.“<br />

34 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


Gemütlicher Klassenraum mit viel Platz zum Lernen und Spielen <strong>–</strong> <strong>die</strong> „Erdkin<strong>der</strong>“ sollen sich wohlfühlen in ihrer <strong>Schule</strong>.<br />

Zum freien Lernen gehört auch, dass Belohnungen<br />

und Strafen außen vor bleiben, das<br />

heißt, es gibt keine Benotung wie an Regelschulen.<br />

Stattdessen wird <strong>für</strong> jeden Schüler aufgrund<br />

kontinuierlicher Beobachtungen ein<br />

Entwick lungs- beziehungsweise Le<strong>ist</strong>ungsprofil<br />

erstellt. Lehrkräfte, Eltern und eventuell auch<br />

an<strong>der</strong>e Fachkräfte beraten ge <strong>mein</strong>sam mit dem<br />

Schüler den aktuellen Stand seiner Kenntnisse<br />

und Fähigkeiten sowie <strong>die</strong> nächsten Lern schrit -<br />

te. Lediglich <strong>die</strong> Schüler <strong>der</strong> Abschlussklassen<br />

werden mit den Bewertungsmaßstäben <strong>der</strong><br />

staat lichen Prüfungen bekannt gemacht.<br />

DIE SCHULE DES LEBENS<br />

Während <strong>der</strong> Pubertät sollen <strong>die</strong> Jugendlichen<br />

auch mit den praktischen Seiten des Lebens vertraut<br />

gemacht werden. <strong>Die</strong> besten Voraus setzun<br />

gen da<strong>für</strong> schienen Maria Montessori an<br />

einem Ort in einer ländlichen Region gegeben,<br />

denn Lernen, das in praktische Bezüge eingebettet<br />

<strong>ist</strong>, wirkt beson<strong>der</strong>s nachhaltig. Ökologie,<br />

Ökonomie und soziales Handeln sind ihrer Ansicht<br />

nach hier unmittelbar erfahrbar. So gehören<br />

auch zur Erdkin<strong>der</strong> Projekt-<strong>Schule</strong> je eine<br />

Holz-, Metall- und Keramikwerkstatt. <strong>Die</strong><br />

Werkstätten werden durchweg von Fachleuten<br />

und nicht von Lehrern betreut. „Wir müssen<br />

Grundsätze <strong>der</strong><br />

Montessori-Pädagogik<br />

<strong>Die</strong> Montessori-Pädagogik <strong>ist</strong> in erster Linie eine Bildungsmethodik und -philosophie,<br />

<strong>die</strong> sich unmittelbar am <strong>Kind</strong>, seinen Bedürfnissen, Talenten und Begabungen<br />

orientiert. Ausgehend von <strong>der</strong> Auffassung, dass Kin<strong>der</strong> grundsätzlich gerne lernen und<br />

<strong>die</strong>s am besten in ihrem eigenen Tempo und ihrer eigenen Art und Weise tun, setzen<br />

Montessori-Pädagogen in hohem Maße auf selbständiges Lernen.<br />

Belohnung und Kritik werden überwiegend abgelehnt. Anstatt mit geschlossenen<br />

Methoden <strong>–</strong> wie etwa Frontalunterricht <strong>–</strong> arbeiten Montessori-Pädagogen mit offenen,<br />

experimentellen Methoden, konkret heißt das: <strong>Die</strong> Lehrer beobachten <strong>die</strong> Schüler,<br />

um herauszufinden, welche didaktischen Techniken den Lernprozess am besten<br />

unterstützen.<br />

Dabei gelten folgende Grundsätze<br />

Das <strong>Kind</strong> wird in seiner Persönlichkeit als vollwertiger Mensch<br />

gesehen und respektiert.<br />

Das <strong>Kind</strong> erhält Hilfe bei <strong>der</strong> Entwicklung seines freien Willens,<br />

indem man ihm Raum <strong>für</strong> freie Entscheidungen einräumt und ihm hilft,<br />

selbständig zu denken und zu handeln.<br />

Dem <strong>Kind</strong> wird <strong>die</strong> Gelegenheit gegeben, dem angeborenen<br />

Lernbedürfnis zu folgen, denn Kin<strong>der</strong> wollen zu einer ganz<br />

bestimmten Zeit etwas ganz Bestimmtes lernen.<br />

Dem <strong>Kind</strong> wird geholfen, Schwierigkeiten zu überwinden, statt ihnen<br />

aus dem Weg zu gehen.<br />

Aufgabe <strong>der</strong> Pädagogen <strong>ist</strong> es, dem <strong>Kind</strong> optimale Bedigungen <strong>für</strong> ein<br />

individuelles, selbständiges Lernen zu ermöglichen.<br />

www.kidsLife-magazin.de<br />

35


MONTESSORI SCHULEN<br />

Arbeitsfeld Tierhaltung<br />

Eine Schülerin des Erdkin<strong>der</strong>-Projekts beim Füttern <strong>der</strong> Kücken. Auch Tier- und Artenschutz gehört hier zum Programm.<br />

<strong>die</strong> Jugendlichen entschulen <strong>–</strong> das <strong>ist</strong> heute<br />

wichtiger denn je“, erklärt Andrea Schauseil.<br />

„Denn zu einer guten Vorbereitung auf das<br />

Leben benötigen <strong>die</strong> jungen Leute noch etwas,<br />

das in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> normalerweise nicht gelehrt<br />

wird, nämlich das Entfalten einer Lebensperspektive.<br />

Eigene Pläne entwickeln und sie auch<br />

umsetzen zu können, <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Basis <strong>für</strong> ein selbstbestimmtes<br />

Leben.“<br />

SCHLÜSSELKOMPETENZEN ERWERBEN<br />

Wichtigstes Ziel <strong>der</strong> Montessori-Pädagogik <strong>ist</strong><br />

<strong>der</strong> Erwerb von Schlüsselkompetenzen wie Planen,<br />

Kommunizieren und Kooperieren <strong>–</strong><br />

selbstverständlich in Verbindung mit einer<br />

guten Allge<strong>mein</strong>bildung. In einer immer komplexer<br />

werdenden Wissensgesellschaft, in <strong>der</strong><br />

je<strong>der</strong> in <strong>der</strong> Lage sein muss, seine Kenntnisse<br />

oft und selbständig zu aktualisieren, sind <strong>die</strong>se<br />

Fähigkeiten wichtiger denn je. Aber auch soziale<br />

Fähigkeiten, wie Hilfs bereitschaft und Verantwortungs<br />

bewusstsein gegenüber Mensch und<br />

Natur stehen hier auf dem „Lehrplan“, im Erdkin<strong>der</strong>-Projekt<br />

z. B. im Arbeitsfeld Tierhaltung.<br />

Dort lernen <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong>, sich um Bruteier <strong>der</strong><br />

gefährdeten Geflügelrasse „Vorwerk“ zu kümmern<br />

und neue Küken auszubrüten <strong>–</strong> ein wichtiger<br />

Beitrag zum Artenschutz.<br />

36 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


MONTESSORI-EINRICHTUNGEN<br />

IN DEUTSCHLAND<br />

Montessori-<strong>Schule</strong>n und -Kin<strong>der</strong>gärten gibt es<br />

in Deutschland seit 1923. Während <strong>der</strong> NS-<br />

Diktatur wurden Montessori-Einrichtungen<br />

verboten. Heute arbeiten mehr als 1.000 Einrichtungen<br />

nach den Prinzipien <strong>der</strong> Montessori-<br />

Pädagogik, darunter 600 Kin<strong>der</strong>tagesstätten.<br />

Bei <strong>Schule</strong>n in freier Trägerschaft setzte in den<br />

letzten 20 Jahren ein regelrechter Boom ein. So<br />

waren beispielsweise in dem 1985 gegründeten<br />

Montessori-Landesverband Bayern zunächst<br />

fünf Montessori-Schulträger organisiert, heute<br />

sind es bereits 70. Von den Montessori-<strong>Schule</strong>n<br />

sind etwa 60 Prozent in freier Trägerschaft, das<br />

heißt <strong>die</strong> Eltern müssen <strong>für</strong> den Schulbesuch<br />

ihrer Sprösslinge einen monatlichen Beitrag entrichten.<br />

Das Schulgeld im Erdkin<strong>der</strong>-Projekt in<br />

Lohkirchen beträgt pro Schüler in <strong>der</strong> Unterstufe<br />

146 Euro und in <strong>der</strong> Mittel- und Oberstufe<br />

166 Euro pro Monat. Geschw<strong>ist</strong>er erhalten<br />

eine Ermäßigung. Darüber hinaus werden<br />

dreimal im Jahr 80 Euro Materialgeld und 65<br />

Euro <strong>für</strong> Projekte erhoben.<br />

<strong>Die</strong> me<strong>ist</strong>en Montessori-<strong>Schule</strong>n sind Grundund<br />

Haupt schulen. Sie orientieren sich an staatlichen<br />

Lehr plänen und stehen allen Kin<strong>der</strong>n<br />

offen. Montessori-Schüler, <strong>die</strong> an ein „normales<br />

Gymnasium“ wechseln möchten, müssen in <strong>der</strong><br />

Regel eine Aufnahmeprüfung absolvieren.<br />

Auch <strong>der</strong> Abschied von <strong>der</strong> Schulzeit wird in<br />

<strong>der</strong> <strong>Schule</strong> bei Mühldorf in Oberbayern auf<br />

ganz beson<strong>der</strong>e Weise begangen. Eingebunden<br />

in einen rituellen Rahmen, gehen <strong>die</strong> jugendlichen<br />

Abschluss schüler, je<strong>der</strong> <strong>für</strong> sich, alleine <strong>für</strong><br />

einen Tag und eine Nacht, fastend in <strong>die</strong> Natur,<br />

um <strong>die</strong>sen Lebensabschnitt zu beenden. 2003<br />

wurde <strong>die</strong>ses Ritual mit <strong>der</strong> Kamera begleitet<br />

und so entstand <strong>der</strong> erste Dokumentarfilm zu<br />

<strong>die</strong>sem Thema in <strong>der</strong> BRD. >><br />

<strong>Die</strong> DVD „Walk away“ kann bestellt werden bei:<br />

www.erdkin<strong>der</strong>.de/projekte.html<br />

Maria Montessori<br />

Pädagogin und Persönlichkeit<br />

Wohl kaum ein pädagogisches Konzept <strong>ist</strong> so eng an eine einzelne Person gebunden<br />

wie <strong>die</strong> Montessori-Pädagogik. Ihre Begrün<strong>der</strong>in, Maria Montessori (31. August 1870<br />

- 6. Mai 1952), schloss im Alter von 26 Jahren als erste Frau Italiens das Studium<br />

<strong>der</strong> Medizin ab. Auf Kin<strong>der</strong>heilkunde spezialisiert, arbeitete sie als Ass<strong>ist</strong>enzärztin in<br />

<strong>der</strong> Kin<strong>der</strong>psychiatrie <strong>der</strong> römischen Universitätsklinik mit „schwachsinnigen“ Kin<strong>der</strong>n.<br />

Binnen kurzer Zeit erkannte sie, dass hier offenbar weniger ein psychiatrisches,<br />

son<strong>der</strong>n vielmehr ein pädagogisches Problem vorlag, da <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> keinerlei För<strong>der</strong>ung<br />

erfahren hatten. Um ihre ge<strong>ist</strong>ige und körperliche Entwicklung zu stimulieren,<br />

gestaltete Montessori spezielle Arbeitsmaterialien, das „Sinnesmaterial“. 1907 eröffnete<br />

Maria Montessori <strong>die</strong> ‚Casa dei Bambini', eine Tages stätte <strong>für</strong> Kin<strong>der</strong> aus dem<br />

römischen Armenviertel San Lorenzo. Hier verwirklichte <strong>die</strong> italienische Pädagogin<br />

erstmals ihre Vorstellungen von Erziehung und Bildung und entwickelte ihre Ideen<br />

und Methoden weiter. Ein Schlüsselerlebnis war <strong>für</strong> sie richtungsweisend: Sie beobachtete<br />

ein <strong>Kind</strong>, das sich völlig selbstvergessen und konzentriert einer Aufgabe widmete<br />

und sich durch nichts ablenken ließ. <strong>Die</strong>se völlig ungeteilte Aufmerksamkeit<br />

faszinierte sie so sehr, dass sie <strong>die</strong> experimentelle Erforschung <strong>die</strong>ses Phänomens zu<br />

einem Schwerpunkt ihrer weiteren Forschung machte.<br />

Weitere Informationen über Theorie & Praxis <strong>der</strong> Montessori-Pädagogik:<br />

www.montessori-deutschland.de<br />

www.montessori-vereinigung.de, www.montessori-lexikon.de<br />

www.kidsLife-magazin.de<br />

37


WALDORF-SCHULEN<br />

38 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


L e r n e n i m R h y t h m u s<br />

Lernen im Rhythmus:<br />

<strong>Die</strong> Waldorf-<strong>Schule</strong><br />

T E X T : R O S E M A R I E L Ö S E R F O T O S : V O L K M A R O B S T<br />

Auf <strong>der</strong> Suche nach Leitbil<strong>der</strong>n <strong>für</strong> <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> von morgen<br />

geraten <strong>die</strong> pädagogischen Reformbewegungen des frühen<br />

20. Jahrhun<strong>der</strong>ts vermehrt ins Blickfeld. Eines <strong>der</strong> bis heute<br />

wichtigsten und wirkungsreichsten, gleichwohl nicht unumstrittenen<br />

Konzepte <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Waldorf-Pädagogik.<br />

„Kuschelschule“ o<strong>der</strong> ein Unter richt, <strong>der</strong> sich an <strong>der</strong> Entwicklung<br />

<strong>der</strong> Kin<strong>der</strong> orientiert und sie aufs Leben vorbereitet?<br />

Wie arbeiten Waldorf-<strong>Schule</strong>n wirklich?<br />

www.kidsLife-magazin.de<br />

39


WALDORF-SCHULEN<br />

„Aus <strong>der</strong> Art, wie ein <strong>Kind</strong> spielt, kann man erahnen,<br />

wie es seine Lebensaufgabe ergreifen wird.“<br />

Rudolf Steiner<br />

R<br />

espekt, Liebe, Lernen <strong>für</strong>s<br />

Leben <strong>–</strong> das sind <strong>die</strong> wichtigsten<br />

Grundsätze <strong>der</strong> Waldorf-<br />

Pädagogik. O<strong>der</strong>, um mit<br />

Ihrem Begrün<strong>der</strong> Rudolf Steiner<br />

zu sprechen: „Das <strong>Kind</strong> in<br />

Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen und in<br />

Freiheit entlassen.“ <strong>Die</strong>se For<strong>der</strong>ung hat nichts<br />

an Aktualität eingebüßt: „Je<strong>der</strong> Mensch hat Befähigungen,<br />

<strong>die</strong> es zu entdecken gilt. Und je<strong>der</strong><br />

soll <strong>die</strong> Möglichkeit haben, seine Stärken zu erkennen<br />

und zu entfalten <strong>–</strong> deshalb <strong>ist</strong> das Angebot<br />

an Waldorf -<strong>Schule</strong>n breit gefächert“,<br />

erzählt Andrea Moore, eine <strong>der</strong> Begrün<strong>der</strong>innen<br />

<strong>der</strong> Waldorfschule Saar-Huns rück im Saarland.<br />

LERNEN IN GEBORGENER UMGEBUNG<br />

<strong>Die</strong> anthroposophischen Lehren, das betont<br />

auch Rudolf Steiner, sollen nicht Gegenstand<br />

des Unterrichts in Waldorfschulen sein, wohl<br />

aber bilden sie <strong>die</strong> Grundlage <strong>für</strong> das didaktische<br />

Konzept. Für <strong>die</strong> Waldorf-Pädagogik sind<br />

vor allem <strong>die</strong> Auffassung von <strong>der</strong> Dreiglie<strong>der</strong>ung<br />

des Menschen in Ge<strong>ist</strong>, Seele und Leib<br />

und <strong>die</strong> Einteilung <strong>der</strong> „Seelenfähigkeit“ in<br />

Den ken, Fühlen und Wollen von Be deutung.<br />

Sie münden in <strong>die</strong> waldorf-typische gleichberechtigte<br />

För<strong>der</strong>ung kognitiver, künstlerischer<br />

und handwerklich-praktischer Fähigkeiten.<br />

Nicht ein fester Lehrplan be stimmt, was, wann<br />

und wie unterrichtet wird, son<strong>der</strong>n <strong>der</strong> Entwicklungsstand<br />

<strong>der</strong> Schüler. „Es soll nicht versucht<br />

werden, <strong>die</strong> jungen Menschen in<br />

Schubladen zu stecken, es <strong>ist</strong> unser Anspruch<br />

jeden Einzelnen ganz individuell zu behandeln.<br />

Was braucht ein <strong>Kind</strong>, damit es sich gut entfalten<br />

kann? Das <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Frage, <strong>die</strong> unserer pädagogischen<br />

Arbeit zugrunde liegt, und nicht:<br />

Wie hat ein <strong>Kind</strong> zu funktionieren?“, erläutert<br />

Andrea Moore.<br />

Ge<strong>ist</strong>, Seele und Körper fügen sich nach Steiner<br />

im ersten „Lebensjahrsiebt“ zusammen. In <strong>die</strong>ser<br />

Zeit sollten Kin<strong>der</strong> in einer Atmosphäre <strong>der</strong><br />

Geborgenheit aufwachsen, umgeben von einfachen,<br />

natürlichen Dingen und geschützt vor<br />

Reizüberflutung. Im zweiten „Lebensjahrsiebt“,<br />

von 8 bis 14 Jahren, braucht das <strong>Kind</strong> eine Autorität,<br />

<strong>die</strong> es befähigt, Lebensrhythmen und<br />

Gewohnheiten zu entwickeln. Des halb werden<br />

Waldorfschüler <strong>die</strong> ersten acht Jahre vom gleichen<br />

Lehrer unterrichtet. Der Lehrer lernt <strong>die</strong><br />

ihm anvertrauten Schüler daher sehr gut kennen<br />

und kann auf individuelle Stärken und<br />

Schwächen eingehen. Da je<strong>der</strong> Pädagoge zahlreiche<br />

Fächer unterrichten muss, befinden sich<br />

<strong>die</strong> Leh renden selbst ebenfalls in einem permanenten<br />

Lernprozess. Das hat den Vorteil, dass<br />

nicht sie von den Schülern als abgehobene Spezial<strong>ist</strong>en<br />

wahrgenommen werden. Im Gegen teil:<br />

sie müssen vieles ge<strong>mein</strong>sam mit ihren Schülern<br />

erarbeiten. Allerdings <strong>ist</strong> <strong>der</strong> Unterricht so auch<br />

stark durch <strong>die</strong> Persönlichkeit des Lehrers geprägt.<br />

Ein Waldorflehrer begleitet seine Klasse während<br />

<strong>der</strong> Unter- und Mittelstufe jeden Morgen<br />

durch den Haupt unterricht, <strong>der</strong> <strong>die</strong> ersten beiden<br />

Stunden eines Schul vormittags in Form<br />

von sogenanntem „Epochen unterricht“ einnimmt.<br />

In <strong>die</strong>sem befassen sich <strong>die</strong> Schüler<br />

mehrere Wochen lang mit einem Themen komplex.<br />

So beschäftigen sie sich zum Beispiel im<br />

Epochen unterricht Geschichte mit <strong>der</strong> französischen<br />

Revolution, <strong>die</strong> in <strong>die</strong>sem Zeitabschnitt<br />

aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird:<br />

Es werden Texte gelesen, Quellen interpretiert<br />

und vielleicht auch ein Rollenspiel dazu ausgearbeitet.<br />

<strong>Die</strong>ser Epoche folgt dann vieleicht <strong>die</strong><br />

Mathematik-Epoche, in <strong>der</strong> z. B. Quadra tische<br />

Gleichungen und Funktionen Gegen stand des<br />

Hauptunterrichts sind.<br />

40 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


Nicht von gestern ...<br />

Waldorf-Schüler lernen an<strong>der</strong>s, aber von gestern sind sie nicht: Schüler einer Chemieklasse <strong>der</strong> Waldorfschule Saar-Hunsrück<br />

Durch <strong>die</strong> ganzheitliche Beschäftigung mit dem<br />

Thema soll das Erlernte vom Kurzzeit- ins<br />

Lang zeit gedächtnis absinken und damit ein<br />

Leben lang abrufbar sein. In den unteren Jahrgängen<br />

geht es zunächst weniger um <strong>die</strong> Vermittlung<br />

wissenschaftlich abgesicherten Fachwissens,<br />

son<strong>der</strong>n um praktische Erkenntnisse.<br />

<strong>Die</strong> Vermittlung von Wissen <strong>ist</strong> so angelegt,<br />

dass <strong>die</strong> Schüler zwischen <strong>der</strong> sie umgebenden<br />

Welt und dem was sie erlernen eine lebendige<br />

Beziehung herstellen können. So verlassen <strong>die</strong><br />

Kin<strong>der</strong> beispielsweise im Herbst <strong>die</strong> <strong>Schule</strong>, um<br />

Kastanien zu sammeln. Sie können im Mathematikunterricht<br />

verwendet werden, um Additions-<br />

und Subtraktionsaufgaben zu lösen, aber<br />

auch im Naturkundeunterricht, um ihre Kenntnisse<br />

in <strong>der</strong> Botanik zu erweitern. „O<strong>der</strong> sie lernen<br />

Buchstaben mit allen Sinnen kennen,<br />

indem zuerst eine Geschichte dazu erzählt und<br />

dann ein Bild dazu gemalt wird. <strong>Die</strong> Buchstaben<br />

werden geknetet, auf dem Boden gelaufen<br />

o<strong>der</strong> in den Sand gemalt. Im Unterricht steht<br />

immer <strong>der</strong> Mensch in seiner Gesamtheit im<br />

Vor<strong>der</strong>grund“, erläutert Moore.<br />

Im Interesse eines solch „bildhaften Unterrichts“<br />

sind in Waldorfschulen Lehrbücher zumindest<br />

in den ersten Jahren nicht vorgesehen.<br />

<strong>Die</strong> Schüler sollen sich vielmehr ihre ei gene<br />

Vorstellung von den Dingen machen <strong>–</strong> so soll<br />

<strong>der</strong> Lernstoff tiefer ins Bewusstsein dringen.<br />

Aus <strong>die</strong>sem Grund <strong>ist</strong> es in einigen <strong>Schule</strong>n unerwünscht,<br />

dass Schüler zu Hause fernsehen<br />

o<strong>der</strong> Computer benutzen. Der Unterrichts stoff<br />

wird durch Erzählungen des Lehrers vermittelt.<br />

<strong>Die</strong> Schüler legen ihre Schulbücher selbst aus<br />

Mit schriften, Tafelbil<strong>der</strong>n, Naturmaterialen<br />

o<strong>der</strong> eigenen Zeich nungen an. „<strong>Die</strong> Arbeit mit<br />

Büchern legt uns zu sehr fest. Der Lehrer soll<br />

entscheiden, auf welchem Stand <strong>die</strong> Klasse <strong>ist</strong><br />

und was sie aktuell braucht. So kann er ein individuelles<br />

Konzept entwickeln, das ganz auf<br />

<strong>die</strong> jeweilige Gruppe bzw. auch auf den einzelnen<br />

Schüler zugeschnitten <strong>ist</strong>. Für den fremdsprachlichen<br />

Unterricht haben wir aber auf<br />

Wunsch <strong>der</strong> Eltern Schulbücher angeschafft,<br />

damit sie <strong>die</strong> Möglichkeit haben mit ihren Kin<strong>der</strong>n<br />

den Stoff immer wie<strong>der</strong> aufzufrischen“,<br />

so Andrea Moore.<br />

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41


WALDORF-SCHULEN<br />

Lernen mit allen Sinnen ...<br />

Vielschichtiges Lernen mit allen Sinnen nicht gegen, son<strong>der</strong>n mit <strong>der</strong> Natur, <strong>ist</strong> das Credo <strong>der</strong> Waldorfschule Saar-Hunsrück.<br />

<strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong> suchen im Freien nach Material, das im Unterricht verwendet werden kann und helfen dabei, sich um <strong>die</strong> Bienenstöcke zu kümmern.<br />

SCHULALLTAG IM WALDORF-RHYTHMUS<br />

Der Tages-, Wochen und Jahresablauf unterliegt<br />

in allen Waldorfschulen einer rhythmischen<br />

Glie<strong>der</strong>ung und Ritu alisierung. „<strong>Die</strong> Rhythmisierung<br />

des schulischen Alltags <strong>ist</strong> uns sehr<br />

wichtig, denn <strong>die</strong> Rituale vermitteln den Kin<strong>der</strong>n<br />

Sicherheit und Geborgenheit“, betont Andrea<br />

Moore. Je <strong>der</strong> Schüler wird am Morgen,<br />

wenn er zur <strong>Schule</strong> kommt mit Handschlag begrüßt<br />

und dann noch einmal vom Klassen lehrer<br />

willkommen geheißen. Am Anfang steht <strong>der</strong><br />

zwe<strong>ist</strong>ündige „Epochenunterricht“, <strong>der</strong> in drei<br />

Phasen geglie<strong>der</strong>t <strong>ist</strong>: Er beginnt mit einem<br />

rhythmischen Teil. Das kann bei den Jüngeren,<br />

Tanzen, Klatschen o<strong>der</strong> Reimen sein, während<br />

ältere Schüler beispielsweise etwas rezitieren.<br />

Dann folgt <strong>der</strong> kognitive Teil und dann wie<strong>der</strong>um<br />

ein Abschnitt, in dem <strong>der</strong> Lehrer seinen<br />

Schülern ein Märchen, o<strong>der</strong> eine Geschichte erzählt.<br />

Bewegung, An spannung und Entspannung<br />

im täglichen Rhyt hmus.<br />

Der anschließende Fachunterricht wird während<br />

<strong>der</strong> gesamten Schulzeit an von einzelnen<br />

Fachlehrern übernommen. Da zu gehört <strong>der</strong><br />

künstlerisch-handwerkliche Bereich, Fremd -<br />

sprachen, <strong>die</strong> schon vom ersten Schuljahr an gelehrt<br />

werden. Projekte, regelmäßige Theater aufführungen,<br />

Konzerte und Schulfeste sind ebenfalls<br />

Ele mente, <strong>die</strong> den Schulalltag rhythmisieren.<br />

Auch <strong>der</strong> jährliche Wechsel <strong>der</strong> Klassenzimmer,<br />

<strong>der</strong>en Raumfarbe sich im Spektrum<br />

eines Regen bogens vom Rot <strong>der</strong> ersten Klasse<br />

bis zum Violett in <strong>der</strong> 12. Klasse verän<strong>der</strong>t, gehört<br />

dazu.<br />

In <strong>der</strong> Oberstufe (9. bis 12. Klasse) übernehmen<br />

Fach lehrer auch den Hauptunterricht. In<br />

<strong>die</strong>ser Phase wird <strong>der</strong> Unterrichtsstoff nicht<br />

mehr ganzheitlich-sinnlich, son<strong>der</strong>n vermehrt<br />

begrifflich-abstrakt erarbeitet. Eingebettet in<br />

den Schulunterricht sind eine Vielzahl von Berufs<br />

praktika, <strong>für</strong> <strong>die</strong> während <strong>der</strong> Oberstufe insgesamt<br />

30 Wochen vorgesehen sind. Dazu<br />

gehören ein Land wirtschaftspraktikum, ein Sozialpraktikum<br />

und ein Feld vermessungspraktikum.<br />

„Während <strong>die</strong>ses Praktikums fahren<br />

mehrere Schüler zusammen in ein Landschul-<br />

42 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


heim, wo sie sich <strong>der</strong> Ver messung eines bestimmten<br />

Gelände ab schnitts widmen. Gerade<br />

während <strong>die</strong>ses Praktikums <strong>ist</strong> es wichtig, ganz<br />

exakt und ge<strong>mein</strong>sam zu arbeiten, damit das<br />

Projekt gelingen kann. Soziale Interaktion, Verlässlichkeit<br />

und Team work stehen hier im Vor<strong>der</strong>grund.<br />

„Nur wenn je<strong>der</strong> seinen Teil <strong>der</strong><br />

Aufgabe ganz genau und zuverlässig bearbeitet,<br />

entsteht zum Schluss ein geschlossenes und<br />

schlüssiges Ganzes“, erklärt Andrea Moore.<br />

Anne-Claire Jakobi, <strong>der</strong>en Söhne Marc und Michael<br />

<strong>die</strong> Waldorf-<strong>Schule</strong> in Nohfelden-Walhausen<br />

besuchen, be trachtet <strong>die</strong> vielen<br />

praktischen Fächer und Berufs praktika als einen<br />

Pluspunkt <strong>der</strong> Waldorf-<strong>Schule</strong>: „<strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong> lernen<br />

von Anfang an viele praktische Dinge, <strong>die</strong><br />

ihnen im späteren Leben nützlich sind. Sie<br />

bauen, kochen, stricken, bilden ihre Kreativität<br />

aus und lernen das Arbeitsleben kennen. Das<br />

Wichtigste <strong>für</strong> mich <strong>ist</strong> aber, dass ihnen <strong>die</strong> Zeit<br />

gegeben wird, <strong>die</strong> sie brauchen, um ihre Fähigkeiten<br />

individuell zu entwickeln.“<br />

LERNEN OHNE LEISTUNGSDRUCK<br />

Zensuren gibt es in <strong>der</strong> Waldorfschule nicht,<br />

Durchfallen <strong>ist</strong> nicht vorgesehen. Statt Zeugnissen<br />

gibt es ausführliche Beurteilungen, in<br />

denen <strong>der</strong> Le<strong>ist</strong>ungsstand und <strong>die</strong> Entwicklung<br />

des Schülers beschrieben werden. So werden<br />

auch Fortschritte und Le<strong>ist</strong>ungen gewürdigt, <strong>die</strong><br />

durch Schulnoten gar nicht zum Ausdruck gebracht<br />

werden. Auf Wunsch von Eltern o<strong>der</strong><br />

Schülern erteilen manche <strong>Schule</strong>n in <strong>der</strong> 9. o<strong>der</strong><br />

10. Klasse zusätzlich auch ein Zeugnis mit<br />

Noten. Auch wenn <strong>die</strong> Le<strong>ist</strong>ungen eines Schülers<br />

stark nachlassen, bleibt er von <strong>der</strong> ersten bis<br />

zur zwölften Klasse in seiner festen Klassenge<strong>mein</strong>schaft.<br />

Denn in Waldorf-<strong>Schule</strong> hat soziales<br />

Miteinan<strong>der</strong> Vorrang vor Le<strong>ist</strong>ung. Dem<br />

18-jährigen Marc gefällt das beson<strong>der</strong>s gut. Er<br />

kam vor einem Jahr als Quereinsteiger in <strong>die</strong><br />

saarländische Waldorf-<strong>Schule</strong>. „Lehrer und<br />

Schüler haben mich total freundlich aufgenommen<br />

und schon nach zwei Wochen fühlte ich<br />

mich so gut integriert, als sei ich schon seit Jahren<br />

hier. Das <strong>ist</strong> <strong>die</strong> beste <strong>Schule</strong> auf <strong>der</strong> ich bisher<br />

war“, resümiert er.<br />

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43


WALDORF-SCHULEN<br />

Bühnenreif ...<br />

Jugendliche <strong>der</strong> Waldorfschule Saar-Hunsrück vor einem selbstgestalteten Bühnenbild bei<br />

den Proben zum Zwölftklassspiel<br />

Was kostet <strong>die</strong><br />

Waldorf-<strong>Schule</strong>?<br />

Da <strong>die</strong> Zuschüsse, <strong>die</strong> Privatschulen gewährt werden,<br />

wesentlich geringer sind als <strong>die</strong> Zuwendungen, <strong>die</strong> Regelschulen<br />

erhalten, müssen <strong>die</strong> Eltern <strong>für</strong> <strong>die</strong> Schulausbildung<br />

ihrer Sprösslinge an einer Waldorfschule<br />

einen finanziellen Beitrag le<strong>ist</strong>en. Nach dem <strong>die</strong> Eltern in<br />

Gesprächen <strong>die</strong> Bedürfnisse <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> kennengelernt<br />

haben, legen sie ihre Beiträge selbst so fest, dass <strong>die</strong>se<br />

einerseits den Notwendigkeiten des Schulbetriebs und<br />

an<strong>der</strong>erseits ihren eigenen finanziellen Möglichkeiten<br />

entsprechen. So haben <strong>die</strong> Eltern <strong>der</strong> Freien Waldorfschule<br />

Saar-Hunsrück ge<strong>mein</strong>sam beschlossen einen Familienbeitrag<br />

von 180 Euro festzulegen.<br />

Informative Seite mit vielen Infos:<br />

www.waldorfschule.de<br />

JEDE WALDORFSCHULE IST ANDERS<br />

Bei allen Ge<strong>mein</strong>samkeiten <strong>–</strong> <strong>die</strong> Waldorfschule<br />

gibt es nicht. Jede <strong>Schule</strong> <strong>ist</strong> eine autonome Organisation,<br />

<strong>die</strong> ihr eigenes pädagogisches Konzept<br />

erarbeitet und eigene Schwer punkte setzt.<br />

So <strong>ist</strong> <strong>der</strong> Waldorfschule Saar-Hunsrück ein eigener<br />

Schulbauernhof angeglie<strong>der</strong>t, auf dem<br />

<strong>die</strong> Schüler lernen, Tiere artgerecht zu pflegen<br />

und zu versorgen. „Jeden Morgen verlassen<br />

zwei Schüler <strong>der</strong> Unter- o<strong>der</strong> Mittelstufe ihre<br />

Klasse, um auf dem Bauernhof einige kleinere<br />

Aufgaben zu erledigen: sie sammeln im Hühnerstall<br />

<strong>die</strong> Eier ein, helfen beim Füttern <strong>der</strong><br />

Tiere und beim Schleu<strong>der</strong>n des Honigs aus den<br />

Bienenstöcken. <strong>Die</strong>s <strong>ist</strong> nicht nur gut <strong>für</strong> <strong>die</strong><br />

emotionale Entwicklung, es entsteht auch eine<br />

enge Beziehung zur Natur und ein praktisches<br />

Interesse an Fragen <strong>der</strong> Ökologie“, erklärt Andrea<br />

Moore. Natürlich stammen auch <strong>die</strong> Zutaten<br />

<strong>für</strong> <strong>die</strong> Speisen in <strong>der</strong> Schulkantine aus<br />

biologischem Anbau.<br />

SCHULABSCHLUSS IN SOZIALKOMPETENZ<br />

<strong>Die</strong> Schulzeit an Waldorfschulen beträgt zwölf<br />

Jahre <strong>–</strong> unabhängig vom individuell angestrebten<br />

staatlichen Schul ab schluss. Am Ende steht<br />

zunächst <strong>der</strong> Waldorf -Schul abschluss, <strong>der</strong> in<br />

den me<strong>ist</strong>en Bundeslän<strong>der</strong>n nicht als gleichwertig<br />

mit einem staatlichen Schulabschluss<br />

anerkannt wird. Der Wal dorfschulabschluss<br />

sieht keine Ab schluss prüfung vor. Er umfasst<br />

neben den schulischen Le<strong>ist</strong>ungen in <strong>der</strong> Oberstufe<br />

<strong>die</strong> verschiedenen Praktika, eine Jahresarbeit<br />

mit einem theoretischen und einem<br />

praktischen Teil und <strong>die</strong> Teilnahme an einem<br />

Theaterprojekt <strong>der</strong> ganzen Klasse, dem<br />

„Zwölft klasspiel“. Beim Verlassen <strong>der</strong> <strong>Schule</strong><br />

soll <strong>der</strong> junge Mensch vor allem Sozialkompetenzen<br />

wie Team fähigkeit, Selbständig keit,<br />

Kreativität und Lernkompetenz erworben<br />

haben.<br />

Das Waldorfabschlusszeugnis dokumentiert<br />

<strong>die</strong>se ebenso ausführlich wie <strong>die</strong> erbrachten<br />

praktischen Le<strong>ist</strong>ungen. Für Jugendliche, <strong>die</strong> <strong>die</strong><br />

<strong>Schule</strong> mit dem Abitur verlassen wollen, bieten<br />

Waldorfschulen ein 13. Schuljahr an, in dem <strong>die</strong><br />

Schüler auf <strong>die</strong> staatliche Abiturprüfung o<strong>der</strong><br />

den Fach hoch schul abschluss vorbereitet werden.<br />

Bei <strong>der</strong> Wahl des Themas <strong>der</strong> Jahresarbeit<br />

in <strong>der</strong> Oberstufe sind <strong>der</strong> Kreativität keine<br />

Grenzen gesetzt:. Marc wird in seiner Jahresarbeit<br />

verschiedene Formen <strong>der</strong> Dichtkunst untersuchen<br />

und auch selbst Gedichte schreiben.<br />

Milena verfasste <strong>die</strong> Biografie eines namhaften<br />

Fotografen, Jonas formte eine Plastik aus Holz<br />

und Mona drehte einen Film „Smile for a<br />

while“, in dem sie Men schen mit ausgefallen<br />

44 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


Hobbies porträtierte.<br />

In Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Nie<strong>der</strong>sachsen<br />

und Nordrhein-Westfalen wird das<br />

staatliche Zentralabitur geschrieben. Im Gegensatz<br />

zu staatlichen <strong>Schule</strong>n fließen <strong>die</strong> Ergebnisse<br />

<strong>der</strong> Waldorf-Oberstufe nicht in <strong>die</strong><br />

Abschluss note ein, relevant <strong>ist</strong> lediglich das Prüfungs<br />

ergebnis. In den an<strong>der</strong>en Bundeslän<strong>der</strong>n<br />

wird das Abitur vor einer staatlichen Prüfungskommission<br />

abgelegt. Allein Hessen bildet eine<br />

Ausnahme, es erkennt <strong>die</strong> Klassen 11 bis 13 als<br />

gymnasiale Oberstufe an. Für <strong>die</strong> Anerkennung<br />

<strong>der</strong> an<strong>der</strong>en Schulab schlüsse gelten von Bundesland<br />

zu Bundes land unterschiedliche Bestimmungen.<br />

So gibt es z. B. an den Waldorf-<br />

<strong>Schule</strong>n des Saarlandes und des Landes Rheinland-Pfalz<br />

den Hauptschul abschluss nach <strong>der</strong><br />

10. Klasse und den Realschulabschluss nach <strong>der</strong><br />

12. Klasse. Trotz <strong>die</strong>ser un terschiedlichen Regelungen<br />

er freuen sich Waldorf -Schu len einer<br />

großen Be liebt heit: Weltweit gibt es mehr als<br />

950 <strong>Schule</strong>n; über 200 davon allein in Deutschland.<br />

Im Jahr 2005 erhielten in Deutschland 45% <strong>der</strong> etwa 5.000<br />

Waldorfschulabgänger das Abitur, 8% <strong>die</strong> Fach hoch schulreife,<br />

35% den Realschul- und 7% den Hauptschul abschluss.<br />

Quelle: Arbeitsbereich Bildungsökonomie <strong>der</strong> Freien Hochschule<br />

<strong>für</strong> anthroposophische Pädagogik Mannheim: Schulabgänger<br />

nach Abschlussarten in Deutschland 2005.


FREIE SCHULEN<br />

46 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


L e r n e n , w i e e s E u c h g e f ä l l t<br />

<strong>Schule</strong> ohne Zwang<br />

<strong>Die</strong> Freie <strong>Schule</strong><br />

T E X T : A L I C E S E L I N G E R F O T O S : E L I S A B E T H N O V Y I F R E I E S C H U L E F R A N K F U R T I S U M M E R H I L L<br />

Kin<strong>der</strong> wollen lernen. Sie sind von Natur aus neugierig und<br />

wissensdurstig. Deshalb brauchen sie auch keine Noten<br />

und keinen Lernzwang, son<strong>der</strong>n Freiheit und vielfältige<br />

Anregungen. Das <strong>ist</strong> <strong>der</strong> Grundgedanke <strong>der</strong> Freien <strong>Schule</strong>n.<br />

Freiwilliger Unterricht und <strong>Schule</strong> ohne Zeugnisse <strong>–</strong> kann<br />

das in <strong>der</strong> Praxis funktionieren? Was lernt man, wenn man<br />

nichts lernen muss?<br />

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47


FREIE SCHULEN<br />

D<br />

ie Freien <strong>Schule</strong>n sind ein radikaler<br />

Gegen entwurf zum herkömmlichen<br />

Schulmodell: Hier<br />

pauken <strong>die</strong> Schüler nicht Wissen,<br />

dass ihnen von Erwachsenen<br />

vorgegeben wird, son<strong>der</strong>n<br />

gehen ihren eigenen Interessen<br />

nach. Starre Lehrpläne, feste Pausenzeiten,<br />

stundenlanges Stillsitzen, Benotungen und<br />

Zeugnisse engen Kin<strong>der</strong> ein, setzen sie unter<br />

Druck und nehmen ihnen im schlimmsten Fall<br />

lebenslang <strong>die</strong> Lust am Lernen und damit auch<br />

<strong>die</strong> Neugier auf <strong>die</strong> Welt. In den Freien <strong>Schule</strong>n<br />

pauken <strong>die</strong> Schüler nicht Wissen, dass ihnen<br />

von Erwachsenen vorgegeben wird, son<strong>der</strong>n<br />

dürfen ihren eigenen Interessen, Antrieben und<br />

Fragen nachgehen. Emotionale, soziale und kognitive<br />

Erfahrungen sind dabei gleichwertig. Ob<br />

ein <strong>Kind</strong> sägt, liest, rechnet o<strong>der</strong> malt, ob es sich<br />

um Jüngere kümmert o<strong>der</strong> sich verkleidet, bei<br />

allen Aktivitäten lernt es.<br />

DIE KINDER ENTSCHEIDEN, WAS SIE<br />

LERNEN<br />

Jedem <strong>Kind</strong> wird seine individuelle Entwicklung,<br />

sein eigenes Tempo zugestanden. Lernen,<br />

was man möchte <strong>–</strong> das Konzept <strong>der</strong> Freien<br />

<strong>Schule</strong>n klingt nach einem Para<strong>die</strong>s <strong>für</strong> Faulpelze,<br />

doch das <strong>ist</strong> es nicht. Im Gegenteil: Der<br />

Umgang mit <strong>der</strong> Frei heit will gelernt sein. Eigenständiges<br />

selbstbestimmtes Lernen setzt<br />

voraus, dass ein <strong>Kind</strong> motiviert <strong>ist</strong> und seine Bedürfnisse,<br />

Interessen und Fähigkeiten kennt.<br />

Der „Lernerfolg” in <strong>der</strong> freien <strong>Schule</strong> hängt also<br />

in weit höherem Maße als in <strong>der</strong> Regelschule<br />

davon ab, wie aktiv <strong>die</strong> Schüler sind und was sie<br />

an Fähigkeiten und Interessen mitbringen.<br />

<strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong> entscheiden selbst, was sie wann<br />

machen wollen. In <strong>der</strong> Praxis sieht das so aus,<br />

dass sie mit den Lehrern Lern verabredungen<br />

treffen. <strong>Die</strong> Lehrer bieten ihre Kompetenz, ihr<br />

Wissen an, zwingen es aber nicht auf. Für <strong>die</strong><br />

Lehrer bedeutet das, nicht ihre eigenen Vorstellungen<br />

davon, was Kin<strong>der</strong> tun o<strong>der</strong> lernen sollen,<br />

umzusetzen, son<strong>der</strong>n sich täglich auf <strong>der</strong>en<br />

Bedürfnisse und Interessen einzustellen. An<br />

einer Freien <strong>Schule</strong> zu unterrichten erfor<strong>der</strong>t<br />

Flexibilität, Einfühlungs ver mögen, Kreativität<br />

und Konzentration. <strong>Die</strong> Lehrer geben ihren<br />

Schülern nichts vor, stehen aber unterstützend<br />

und beratend zur Seite, gehen auf jede individuelle<br />

Frage und Situation ein.<br />

DAS BEISPIEL SUMMERHILL<br />

An<strong>der</strong>s als Waldorf- o<strong>der</strong> Montessori-<strong>Schule</strong>n<br />

verstehen sich <strong>die</strong> Freien <strong>Schule</strong>n nicht als alternatives<br />

pädagogisches Modell. Im Gegenteil:<br />

Sie lehnen jede Form von Pädagogik ab, <strong>die</strong> behauptet,<br />

zu wissen, was wann gut <strong>für</strong> Kin<strong>der</strong> sei.<br />

Kin<strong>der</strong> sollen nicht funktionalisiert werden,<br />

we<strong>der</strong> von den staatlichen Schu len noch von alternativen<br />

pädagogischen Dogmen. Dahinter<br />

steht <strong>der</strong> Grundgedanke, dass Kin<strong>der</strong> keine<br />

formbare Masse sind, son<strong>der</strong>n eigenständige,<br />

den Erwachsenen gleichwertige Per sön lichkeiten.<br />

Vorbild <strong>der</strong> Freien <strong>Schule</strong>n <strong>ist</strong> das legendäre<br />

eng lische Internat Summerhill, das 1921<br />

von dem nicht min<strong>der</strong> legendären Reformpädagogen<br />

Alexan<strong>der</strong> S. Neill gegründet wurde.<br />

Heute wird das Internat von rund 80 Schülern<br />

von fünf bis siebzehn Jahren besucht. Viele von<br />

ihnen kommen aus Deutsch land und Japan. <strong>Die</strong><br />

Schulgebühren liegen zwischen zehn- und<br />

zwanzigtausend Euro. Leiterin <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> <strong>ist</strong><br />

Neills Tochter Zoë Neill Redhead.<br />

Summerhill baut auf drei Grundprinzipien auf:<br />

„Self-government” (Schülerselbst regierung) bedeutet,<br />

dass eine Schulge <strong>mein</strong> de aus Kin<strong>der</strong>n<br />

und Lehrkräften alle Fragen des Schul alltags regelt.<br />

<strong>Die</strong> Stimmen <strong>der</strong> Kin<strong>der</strong> zählen dabei genauso<br />

viel wie <strong>die</strong> <strong>der</strong> Erwachsenen. Auch <strong>die</strong><br />

beiden an<strong>der</strong>en Hauptmerk male bestimmen bis<br />

heute den Charakter aller Freier <strong>Schule</strong>n: freiwilliger<br />

Unterrichtsbesuch nach Absprache und<br />

Werk stätten <strong>für</strong> <strong>die</strong> Schüler, in denen sie ihre<br />

motorischen, handwerklichen und kreativen Fä-<br />

48 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


Summerhill<br />

<strong>ist</strong> eine demokratische <strong>Schule</strong> in Le<strong>ist</strong>on (Suffolk, England) und gilt als eine <strong>der</strong> ältesten demokratischen <strong>Schule</strong>n <strong>der</strong> Welt. Sie <strong>ist</strong> auch das Vorbild <strong>der</strong><br />

Freien <strong>Schule</strong>n. A. S. Neill gründete sie 1921 zu einer Zeit, als Reformpädagogik populär war. Derzeit wachsen rund 90 Kin<strong>der</strong> und Jugendliche verschiedener<br />

Nationen im Alter von 5 bis 17 Jahren in dem Internat auf. Nach dem Tod des Grün<strong>der</strong>s im Jahre 1973 übernahm seine Frau Ena und ab 1985 ihre<br />

Tochter Zoë Neill Readhead <strong>die</strong> Schulleitung.<br />

Foto: summer-<br />

higkeiten entwickeln können. In Summerhill<br />

wird den Kin<strong>der</strong>n viel Freiheit gegeben, doch<br />

gibt es verbindliche Regeln, <strong>die</strong> von <strong>der</strong> Schulge<strong>mein</strong>de<br />

<strong>–</strong> in <strong>der</strong> <strong>die</strong> Schüler <strong>die</strong> Mehrheit<br />

haben <strong>–</strong> aufgestellt werden. Neill hielt nicht viel<br />

von den deutschen 68ern, er verwendete nie<br />

den Begriff antiautoritäre Erziehung, son<strong>der</strong>n<br />

bezeichnete seine Praxis als „selbstregulative<br />

Erziehung”. In Summerhill werden häufig ungewöhnliche<br />

Wege beschritten, wenn ein Schüler<br />

den Ablauf ernsthaft stört. Statt ihn zu<br />

bestrafen, wird <strong>für</strong> ihn ein „Tag <strong>der</strong> Aufmerksamkeit”<br />

ausgerufen. An <strong>die</strong>sem Tag kümmern<br />

sich alle ganz beson<strong>der</strong>s um <strong>die</strong>sen Schüler.<br />

Einem Jungen, <strong>der</strong> Fahrrä<strong>der</strong> unrechtmäßig benutzte,<br />

schenkte <strong>die</strong> Ge<strong>mein</strong>schaft ein Fahrrad.<br />

For<strong>der</strong>un gen nach hartem Durchgreifen gibt es<br />

<strong>Die</strong> 3 Hauptmerkmale von Summerhill<br />

„Self-government“, von Kamp als (Schüler-)Selbstregierung übersetzt<br />

Es gibt eine „Schulge<strong>mein</strong>de“, in <strong>der</strong> <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> und Lehrkräfte<br />

wichtige Fragen des Schulalltags gleichberechtigt regeln<br />

Der Unterrichtsbesuch <strong>ist</strong> freiwillig<br />

Es stehen Werkstätten <strong>für</strong> <strong>die</strong> Schüler zur Verfügung<br />

A. S. Neills Ideen zu <strong>Schule</strong> und Erziehung waren von seinem Vorbild Homer<br />

Lane geprägt. Den Kin<strong>der</strong>n wurde viel Freiheit gegeben, sie waren jedoch nicht<br />

frei von Regeln. Es galt das Prinzip „freie Erziehung“ und nicht „frei von Erziehung“,<br />

wie es in den 1960er Jahren während <strong>der</strong> Studentenbewegung in<br />

Deutschland falsch interpretiert wurde. Populär damals war <strong>der</strong> Begriff „antiautoritäre<br />

Erziehung“, den A.S. Neill selbst nie verwendete. Neill bezeichnete seine<br />

Praxis als „selbstregulative Erziehung“. <strong>Die</strong>se sollte es den Kin<strong>der</strong>n ermöglichen,<br />

ihr eigenes Leben zu leben, nicht eines, das ihnen von Autoritäten wie Eltern<br />

o<strong>der</strong> Erziehern suggeriert o<strong>der</strong> vorgeschrieben wird.<br />

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49


FREIE SCHULEN<br />

Schüler<br />

in Summerhill bei einer Abstimmung. Summerhill baut auf drei Prinzipien auf. „Self-government” (Schülerselbst regierung) bedeutet, dass eine<br />

Schulge <strong>mein</strong> de aus Kin<strong>der</strong>n und Lehrkräften alle Fragen des Schul alltags regelt. <strong>Die</strong> Stimmen <strong>der</strong> Kin<strong>der</strong> zählen dabei genauso viel wie <strong>die</strong> <strong>der</strong><br />

Erwachsenen.<br />

nicht. Dennoch kommt es auch in Summerhill<br />

vor, dass Kin<strong>der</strong> bzw. <strong>die</strong> Eltern vor <strong>die</strong> Entscheidung<br />

gestellt werden, sich <strong>der</strong> Ge<strong>mein</strong>schaft<br />

anzuschließen o<strong>der</strong> sie zu verlassen.<br />

FREIE SCHULEN IN DEUTSCHLAND<br />

In Deutschland ex<strong>ist</strong>ieren bereits seit den 70er-<br />

Jahren Freie <strong>Schule</strong>n. 60 von ihnen haben sich<br />

im Bundesverband <strong>der</strong> Freien Alternativschulen<br />

(BFAS) organisiert. In <strong>der</strong> Regel entstanden<br />

<strong>die</strong> <strong>Schule</strong>n aus Elterninitiativen <strong>–</strong> so auch das<br />

Projekt „Neue <strong>Schule</strong> Hamburg”, das unter an<strong>der</strong>em<br />

von <strong>der</strong> Sängerin Nena mitinitiiert<br />

wurde. <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> startete mit finanziellen Problemen,<br />

erhielt aber eine behördliche Genehmigung.<br />

We gen <strong>der</strong> schwierigen Vergleichbarkeit<br />

<strong>der</strong> Le<strong>ist</strong>ungen von öffent lichen und Freien<br />

<strong>Schule</strong>n <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Genehmigung durch <strong>die</strong> Schulbehörden<br />

immer wie<strong>der</strong> konfliktträchtig. Allerdings<br />

wurde bislang kein Antrag auf Genehmigung<br />

abgelehnt.<br />

<strong>Die</strong> „Freie <strong>Schule</strong> Frankfurt” (FSF), bereits<br />

1974 gegründet, umfasst Kin<strong>der</strong>tagesstätte,<br />

Grundschule und För<strong>der</strong>stufe, nach <strong>der</strong> sechsten<br />

Klasse müssen <strong>die</strong> Schüler auf Regelschulen<br />

wechseln. Etwa 50 Kin<strong>der</strong> zwischen drei<br />

und dreizehn Jahren lernen in einem großen<br />

Haus mit Hof im Frankfurter Stadtteil Sachsen -<br />

hausen. Eine Holzwerkstatt, Musikinstrumente,<br />

ein großer Kunstbereich, ein Schulgarten im<br />

Taunus, eine Theater bühne, eine Kletterwand<br />

und ein kleiner Abenteuer spielplatz gehören zur<br />

50 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


Ausstattung. <strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong> kommen morgens ab<br />

neun Uhr, frühstücken und besprechen mit den<br />

Lehrern, was sie machen möchten. Sie ordnen<br />

sich je nach Alter und Ent wicklung <strong>der</strong> jüngeren,<br />

mittleren o<strong>der</strong> älteren Gruppe zu und entscheiden<br />

frei, womit sie ihren Tag verbringen.<br />

Um halb zehn <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Frühstückszeit vorbei, um<br />

zwölf Uhr gibt es Mittagessen und um sechzehn<br />

Uhr einen Kakao zum Abschluss des<br />

Tages. Im SchülerInnenrat können alle Angelegenheiten<br />

ohne <strong>die</strong> Anwesenheit von Erwachsenen<br />

besprochen werden.<br />

<strong>Die</strong> „Freie <strong>Schule</strong> Frankfurt” (FSF), bereits 1974 gegründet, umfasst<br />

Kin<strong>der</strong>tagesstätte, Grundschule und För<strong>der</strong>stufe, nach <strong>der</strong> sechsten<br />

Klasse müssen <strong>die</strong> Schüler auf Regelschulen wechseln.<br />

Kommentare von Eltern im Internet zeigen,<br />

dass sich viele nicht zuletzt aufgrund eigener<br />

negativer Erfahrungen <strong>für</strong> <strong>die</strong> Freie <strong>Schule</strong> entscheiden.<br />

Und dass sie sich mit Ängsten auseinan<strong>der</strong>setzen<br />

müssen: <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Entscheidung <strong>für</strong><br />

<strong>die</strong> Freie <strong>Schule</strong> richtig? Wird das <strong>Kind</strong> später<br />

auf einer weiterführenden <strong>Schule</strong> zurecht kommen?<br />

Eigenständiges, selbst be stimmtes Lernen<br />

setzt voraus, dass ein <strong>Kind</strong> seine eigenen Bedürfnisse,<br />

Interessen und Fähigkeiten kennt.<br />

Der Umgang mit Freiheit <strong>–</strong> in einer weitgehend<br />

unfreien Gesellschaft <strong>–</strong> <strong>ist</strong> we<strong>der</strong> <strong>für</strong> Kin<strong>der</strong><br />

noch <strong>für</strong> Erwachsene selbstverständlich, und<br />

unter Umständen muss er zunächst erlernt und<br />

geübt werden.<br />

ERFOLGREICHER ÜBERGANG<br />

Kaum Probleme scheint den Schülern <strong>der</strong><br />

Freien <strong>Schule</strong>n <strong>der</strong> Übergang auf staatliche zu<br />

bereiten. Auch im späteren Leben sind sie auffallend<br />

erfolgreich und me<strong>ist</strong> zufrieden mit ihrer<br />

beruflichen Tätigkeit. Empirische Stu<strong>die</strong>n über<br />

den Erfolg von Schülern freier <strong>Schule</strong>n gibt es<br />

bislang kaum. Doch <strong>die</strong> Sudbury Valley School<br />

<strong>–</strong> eine US-amerikanische Privatschule, <strong>die</strong> ebenfalls<br />

dem Summerhill-Prinzip folgt und mittlerweile<br />

einige Ableger in Europa hat <strong>–</strong> hat zwei<br />

Stu<strong>die</strong>n über ihre Absolventen in den letzten<br />

fast vierzig Jahren veröffentlicht. Danach besuchten<br />

etwa 80 Prozent <strong>der</strong> ehemaligen Schüler<br />

eine Universität o<strong>der</strong> ein College. 90 Prozent<br />

wurden am College ihrer Wahl aufgenommen.<br />

<strong>Die</strong> Mehrheit <strong>der</strong> Sudbury-Valley-Absolventen<br />

arbeitet in ihrem Wunschberuf. Etwa <strong>die</strong> Hälfte<br />

<strong>der</strong> Absolventen war zeitweilig unternehmerisch<br />

selbständig. Aber <strong>die</strong> Schülerschaft <strong>der</strong><br />

Freien <strong>Schule</strong>n <strong>ist</strong> kein Spiegelbild des gesellschaftlichen<br />

Durchschnitts. Eltern, <strong>die</strong> sich <strong>für</strong><br />

eine Freie <strong>Schule</strong> entscheiden, sind engagiert<br />

und kritisch. Kin<strong>der</strong> mit Migrationshintergrund<br />

sind auf den deutschen Freien <strong>Schule</strong>n noch <strong>die</strong><br />

Ausnahme.<br />

LERNEN FÜRS LEBEN<br />

Daniel, 15, verbrachte neun Jahre auf <strong>der</strong><br />

Freien <strong>Schule</strong> Frankfurt. Nach <strong>der</strong> sechsten<br />

Klasse wechselte er auf eine Gesamtschule,<br />

dort besucht er den gymnasialen Zweig. Seine<br />

Noten sind gut. Er berichtet bege<strong>ist</strong>ert von seinen<br />

Jahren auf <strong>der</strong> Freien <strong>Schule</strong>. Er redet leb-<br />

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51


FREIE SCHULEN<br />

Sommerfest<br />

in <strong>der</strong> Freien <strong>Schule</strong> Frankfurt. Eine Stu<strong>die</strong> <strong>der</strong> Sudbury Valley School legt nahe: Schüler <strong>der</strong> Freien <strong>Schule</strong>n sind erfolgreich im späteren Leben.<br />

haft, wirkt aufgeweckt und selbstbewusst. In<br />

<strong>der</strong> Regelschule <strong>ist</strong> er Klassensprecher. Sein<br />

Freund, <strong>der</strong> mit ihm von <strong>der</strong> Freien <strong>Schule</strong> kam,<br />

<strong>ist</strong> Schul sprecher. Daniel erzählt von <strong>der</strong> Holzund<br />

<strong>der</strong> Metall werk statt, er reparierte Fahrrä<strong>der</strong><br />

in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong>, baute Kett-Cars und Seifenk<strong>ist</strong>en.<br />

Er kann löten und kennt sich mit Elektronik <strong>ist</strong>.<br />

Jedes Jahr an Weihnachten wurde ein Theaterstück<br />

aufgeführt, Kostüme und Bühnenbild<br />

wurden von den Schülern gebastelt. <strong>Die</strong> praxisnahen,<br />

handwerklichen Tätigkeiten sind ein<br />

wichtiger Punkt <strong>für</strong> Daniel. Wenn Lesen o<strong>der</strong><br />

Rechnen <strong>für</strong> <strong>die</strong> Umsetzung einer Aufgabe<br />

nötig war, ergab sich das Lernen fast nebenbei.<br />

Eine Gruppe von Schülern entschloss sich, ein<br />

Boot zu bauen <strong>–</strong> und stellte fest, dass da<strong>für</strong> viele<br />

Rechen kennt nisse nötig sind.<br />

Daniels älterer Bru<strong>der</strong>, <strong>der</strong> gerade Abitur<br />

macht, war ebenfalls auf <strong>der</strong> Freien <strong>Schule</strong>. Mit<br />

zehn Jahren konnte er noch nicht lesen. Für<br />

seine Eltern und Großeltern war das schwer<br />

auszuhalten. Doch irgendwann lernte er es, und<br />

auch er hatte keine Schwierigkeiten beim Übergang<br />

auf eine Regelschule. In ihrem letzten<br />

Schuljahr auf <strong>der</strong> FSF, als Daniel und seine<br />

Freunde 12 o<strong>der</strong> 13 Jahre alt waren, erstellten<br />

sie sich, in Absprache mit den Lehrern, einen<br />

Stundenplan. Mit <strong>die</strong>ser Struktur bereiteten sie<br />

sich selbst auf <strong>die</strong> Regelschule vor. Daniel<br />

<strong>mein</strong>t, dass sei eine gute Idee gewesen. Am me<strong>ist</strong>en<br />

gestört habe ihn dann auf <strong>der</strong> Regelschule<br />

<strong>der</strong> 45-Minuten-Takt. Er war es gewohnt, sich<br />

einer Aufgabe so lange zu widmen, wie er Lust<br />

hatte o<strong>der</strong> es ihm nötig erschien.<br />

ENGAGIERTE ELTERN UND LEHRER<br />

Von den Eltern wird überdurchschnittliches<br />

Engagement verlangt, sie müssen sich einbringen:<br />

an <strong>der</strong> Frankfurter <strong>Schule</strong> sind <strong>die</strong> Donnerstagabende<br />

verbindliche Termine. Daniels<br />

52 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


„Das <strong>Kind</strong> wird nicht<br />

erst zum Menschen,<br />

es <strong>ist</strong> schon einer.“<br />

Janus Korczak<br />

Eltern mussten wöchentliche Diskussionen aushalten,<br />

<strong>die</strong> manch mal bis ein Uhr Nachts gingen.<br />

Aus <strong>die</strong>ser Erfahrung heraus wurden<br />

schließlich Arbeitsgruppen gebildet, so dass<br />

nicht mehr alles im Plenum besprochen wird.<br />

<strong>Die</strong> AG Schulhaus <strong>ist</strong> <strong>für</strong> Renovierungen zuständig.<br />

Früher putzten <strong>die</strong> Eltern sogar selbst.<br />

Zu Daniels Zeit war man auch bemüht, jedes<br />

Jahr ein bis zwei Kin<strong>der</strong> aufzunehmen, <strong>die</strong> körperliche<br />

Handicaps o<strong>der</strong> leichte Verhaltensauffälligkeiten<br />

hatten. Auch solche Kin<strong>der</strong> blühten<br />

in dem Umfeld auf.<br />

Als ich Daniel zuhöre, wie er mit leuchtenden<br />

Augen und eloquent von seiner Schulzeit berichtet,<br />

von <strong>der</strong> engen Freund schaft zu den<br />

Lehrern, <strong>die</strong> ihn viele Jahre hindurch begleiteten,<br />

von <strong>der</strong> selbstgebauten Kletterwand, dem<br />

Fotolabor, den jährlichen Schulfahrten, von<br />

einem Schachbrett mit Figuren, dass zehn Schüler<br />

ge<strong>mein</strong>sam schreinerten, packt mich <strong>der</strong><br />

Neid. Dass <strong>Schule</strong> nachhaltig bege<strong>ist</strong>ern und<br />

Lust auf <strong>die</strong> Welt machen kann, <strong>ist</strong> eine Erfahrung,<br />

<strong>die</strong> ich und <strong>die</strong> me<strong>ist</strong>en <strong>mein</strong>er Freunde<br />

nie gemacht haben. <strong>Die</strong> weiterführenden Frankfurter<br />

<strong>Schule</strong>n nehmen <strong>die</strong> Schüler von <strong>der</strong><br />

freien <strong>Schule</strong> gerne: sie verfügen über eine hohe<br />

soziale Kompetenz, haben gelernt, zu lernen,<br />

und sind in <strong>der</strong> Regel überdurchschnittlich in<br />

ihren schulischen Le<strong>ist</strong>ungen. Je<strong>der</strong> Jahrgang,<br />

<strong>der</strong> <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> verlassen muss, entwickelt ein<br />

Abgängerprojekt. Daniel baute mit Freunden<br />

aus Schrott einen Roboter. Auch Mosaike <strong>für</strong>s<br />

Treppenhaus entstanden so, lebensgroße Figuren<br />

aus Ton kacheln, Skulpturen. Jedes <strong>Kind</strong><br />

hinterlässt eine Spur. Und <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> hinterlässt<br />

tiefe Spuren in den Kin<strong>der</strong>n.


PRIVATSCHULEN<br />

Foto: Digitalstock<br />

54 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


I n d i v i d u e l l e F ö r d e r u n g<br />

Bessere Bildung,<br />

bessere Erziehung?<br />

Privatschulen<br />

T E X T : H E I K E B Y N F O T O S :<br />

P H O R M S , S C H L O S S H O H E N W E R D A<br />

Acht Jahre nachdem <strong>die</strong> erste PISA-Stu<strong>die</strong> dem deutschen<br />

Bildungssystem ein schlechtes Zeugnis ausgestellt hat, wächst<br />

das Interesse an Privatschulen. Bieten <strong>die</strong>se Institute tatsächlich<br />

ein besseres Lernklima und ein höheres Le<strong>ist</strong>ungsniveau als<br />

öffentliche <strong>Schule</strong>n? Und wer kann sich das überhaupt le<strong>ist</strong>en?<br />

KidsLife hat nachgefragt und stellt unterschiedliche Privat-<br />

Schulkonzepte vor.<br />

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55


PRIVATSCHULEN<br />

Ge<strong>mein</strong>sam leben und lernen<br />

Mehr als nur Klassenkameraden: <strong>Die</strong> Schüler im Internat Schloss Hohenwehrda, einem Ende des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts vom Reformpädagogen Her mann Lietz gegründeten<br />

Lan<strong>der</strong>ziehungsheim, verbringen auch in <strong>der</strong> Freizeit viele Stunden zusammen.<br />

Z<br />

unehmende Gewaltbereitschaft an<br />

den <strong>Schule</strong>n, überfrachtete Lehrpläne,<br />

überfor<strong>der</strong>te Lehrer und marode<br />

Schulgebäude <strong>–</strong> mit je<strong>der</strong><br />

neuen Schlagzeile schwindet das<br />

Ver trauen in das staatliche Bildungssystem.<br />

Immer mehr Eltern suchen nach<br />

Alter nativen, <strong>die</strong> ihren Kin<strong>der</strong>n eine bessere Bildung<br />

<strong>–</strong> und damit bessere Berufschancen <strong>–</strong> ermöglichen.<br />

Wer es sich le<strong>ist</strong>en kann, schickt den<br />

Nachwuchs auf eine Privat schule. In Deutschland<br />

besuchen mittlerweile 650.000 Schüler private<br />

Bildungseinrichtungen. Obwohl es auch<br />

hervorragende kostenlose staatliche <strong>Schule</strong>n<br />

gibt, sind Eltern zunehmend bereit, <strong>für</strong> <strong>die</strong> Bildung<br />

ihrer Kin<strong>der</strong> zu zahlen <strong>–</strong> im Schnitt 150<br />

Euro pro Monat und <strong>Kind</strong>. <strong>Die</strong> Spanne reicht<br />

von wenigen Euro <strong>für</strong> konfessionelle <strong>Schule</strong>n,<br />

etwa 140 Euro monatlich <strong>für</strong> den Besuch einer<br />

Waldorfschule bis hin zu 30.000 Euro jährlich<br />

<strong>für</strong> Elite-Bildungsburgen wie das Internat<br />

Schloss Salem. Eine Privatschule muss nicht<br />

zwingend eine exklusive Veranstaltung <strong>für</strong> reiche<br />

Familien sein: Viele Institute bieten Stipen<strong>die</strong>n<br />

an, Geschw<strong>ist</strong>erermäßigungen o<strong>der</strong> staffeln<br />

das Schulgeld nach dem Einkommen <strong>der</strong> Eltern.<br />

56 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


Es gibt nur eine Sache auf <strong>der</strong> Welt, <strong>die</strong> teurer<br />

<strong>ist</strong> als Bildung: keine Bildung!<br />

John F. Kennedy<br />

GUTE AUSBILDUNG<br />

STATT LUXUS-URLAUB<br />

Der Bielefel<strong>der</strong> Bildungssoziologe Klaus Hurrelmann<br />

beobachtet seit Jahren ein „ständig ansteigendes<br />

Bildungs be wuss t sein <strong>der</strong> Eltern“. Sie<br />

setzten alle Hebel in Bewegung, um dem <strong>Kind</strong><br />

eine optimale Ausbildung zu bieten. <strong>Die</strong> Eltern<br />

trauten dem staatlichen System nicht mehr zu,<br />

dass es <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> auf <strong>die</strong> Herausfor<strong>der</strong>ungen<br />

einer globalisierten Welt vorbereitet. Das wissen<br />

viele Privatschulen und haben Fremdsprachen<br />

zu ihrer Domäne gemacht. So baut <strong>die</strong><br />

Bildungsunternehmen Phorms Management<br />

AG deutschlandweit Privatschulen auf, in denen<br />

<strong>der</strong> Unterricht auf Deutsch und Englisch stattfindet.<br />

<strong>Die</strong> erste Grundschule startete Phorms<br />

im Sommer 2006 in Berlin Mitte. Im letzten<br />

Jahr ging dort das Gymnasium an den Start.<br />

Ebenfalls 2007 eröffneten <strong>die</strong> Phorms-Grün<strong>der</strong><br />

Grund schulen in München, Frankfurt und<br />

Köln. In den Phorms-<strong>Schule</strong>n steht <strong>die</strong> individuelle<br />

För<strong>der</strong>ung aller Schüler im Mittel punkt,<br />

egal, ob <strong>der</strong> Schüler hochbegabt <strong>ist</strong> o<strong>der</strong> Schwächen<br />

hat. <strong>Die</strong> Klassenstärke liegt nicht über 20<br />

Kin<strong>der</strong>, in je<strong>der</strong> Klasse ass<strong>ist</strong>iert dazu ein Erzieher.<br />

<strong>Die</strong> Phorms-Philosophie richtet sich nach den<br />

Bedürfnissen <strong>der</strong> Schüler: klare zuverlässige<br />

Strukturen, definierte Meilen steine und ein solides<br />

Lernfundament einerseits <strong>–</strong> mo <strong>der</strong> ne<br />

Lernmethoden, basierend auf Motivation und<br />

Spaß an<strong>der</strong>erseits. Ziel <strong>ist</strong> es, erstklassige Bildung<br />

auf Grundlage <strong>der</strong> besten traditionellen<br />

und mo<strong>der</strong>nen Unterrichtsmethoden anzubieten<br />

und dabei neue Lösungen zu entwickeln.<br />

<strong>Die</strong> Elternbeiträge sind einkommensabhängig<br />

und liegen bundesweit zwischen 200 und 880<br />

Euro monatlich. Das Unter nehmer-Ehepaar<br />

Rieke und Lars Kostka hat seinen Sohn Leon<br />

in <strong>der</strong> Berliner Phorms-Grundschule angemeldet.<br />

„Staatliche <strong>Schule</strong>n gehen nicht auf den<br />

einzelnen Schüler ein“, sagt Rieke und setzt da<br />

auf Phorms. Auch Leons Schwester Linda soll<br />

später auf <strong>die</strong> Privatschule. <strong>Die</strong> Kostkas verzichten<br />

da<strong>für</strong> auf teure Urlaube, den Zweitwagen<br />

und exklusive Hobbies. „Es <strong>ist</strong> uns<br />

wichtiger, in <strong>die</strong> Ausbildung <strong>der</strong> Kin<strong>der</strong> zu investieren“,<br />

sagt Vater Lars.<br />

DEUTSCHE SCHULSTATISTIK SPRICHT<br />

FÜR PRIVATSCHULEN<br />

Sind Privatschulen wirklich besser? Für Helmut<br />

Klein, Schul forscher am Institut <strong>der</strong> deutschen<br />

Wirtschaft in Köln, <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Antwort klar: „Würden<br />

sie schlechtere Arbeit als staatliche <strong>Schule</strong>n<br />

le<strong>ist</strong>en, würden <strong>die</strong> Privaten von ihren Kunden<br />

abgestraft.“ Tatsächlich schneiden im Pisa-Vergleich<br />

<strong>die</strong> Län<strong>der</strong> mit hohem Privatschulanteil<br />

besser ab. Auch <strong>die</strong> deutsche Schul stat<strong>ist</strong>ik<br />

spricht <strong>für</strong> <strong>die</strong> Privaten. Sie haben es auch leichter:<br />

Ihre Schüler stammen häufig aus bildungsnahen<br />

Haushalten. Zudem können <strong>die</strong> freien<br />

<strong>Schule</strong>n ihre Lehrer auswählen, den Unterricht<br />

individueller gestalten und pädagogische Innova<br />

tionen ausprobieren. Weil <strong>der</strong> Staat ihnen nur<br />

80 bis 85 Prozent <strong>der</strong> Kosten erstattet <strong>–</strong> sofern<br />

sie staatlich anerkannte Ersatzschulen sind <strong>–</strong><br />

müssen <strong>die</strong> freien Träger Schulgel<strong>der</strong> erheben.<br />

<strong>Die</strong> Ersatzschulen bieten Bildungsgänge und<br />

Ab schlüsse, <strong>die</strong> mit denen staatlicher <strong>Schule</strong>n<br />

vergleichbar sind. Sind sie „staatlich anerkannt“,<br />

dürfen sie Prüfungen abnehmen. An den „genehmigten“<br />

Ersatzschulen erfolgen <strong>die</strong> Prü fungen<br />

extern. Ergänzungsschulen ermöglichen<br />

Abschlüsse, <strong>die</strong> an staatlichen <strong>Schule</strong>n nicht ex<strong>ist</strong>ieren.<br />

30 Prozent des Schulgeldes <strong>für</strong> eine Er-<br />

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57


PRIVATSCHULEN<br />

In kleineren Gruppen, wie hier in einer Phorms-<strong>Schule</strong>, lernt es sich leichter.<br />

satz- o<strong>der</strong> Ergänzungsschule sind als Son<strong>der</strong>ausgaben<br />

von <strong>der</strong> Steuer absetzbar. Wichtig:<br />

Nur Aufwendungen, <strong>die</strong> direkt auf den Unterricht<br />

entfallen, lassen sich von <strong>der</strong> Steuer absetzen.<br />

Kosten <strong>für</strong> Internats unter bringung nur<br />

dann, wenn sie wegen Krankheit o<strong>der</strong> Behin <strong>der</strong>ung<br />

erfor<strong>der</strong>lich <strong>ist</strong>.<br />

WELTBÜRGER MIT EXZELLENTER<br />

BILDUNG<br />

Manchen <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Sache mit dem Schulgeld auch<br />

ganz recht. Doch nur wenige reden so offen<br />

darüber wie <strong>die</strong> Diplom-Phy sikerin Hildegard<br />

Zan<strong>der</strong>. Ihre Tochter Charlotte besucht seit<br />

letztem Jahr <strong>die</strong> Internationale Friedensschule<br />

in Köln-Wid<strong>der</strong>s dorf (IFK) <strong>–</strong> <strong>für</strong> 1.000 Euro<br />

Schulgeld pro Monat. Zan<strong>der</strong> <strong>ist</strong> froh, dass es<br />

„an <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> eine Vorauswahl von Kin<strong>der</strong>n<br />

gibt, <strong>der</strong>en Eltern ein gewisses Niveau mitbringen“.<br />

<strong>Die</strong> Internationale Friedensschule Köln<br />

„will Weltbürger mit exzellenter Bildung, internationalen<br />

Kompetenzen und nationalen, kulturellen<br />

sowie religiösen Wurzeln hervorbringen,<br />

<strong>die</strong> selbstbewusst und bescheiden, engagiert<br />

und solidarisch, lokalpatriotisch und weltoffen<br />

<strong>die</strong> <strong>Zukunft</strong> gestalten“ <strong>–</strong> so <strong>die</strong> Gründungsidee.<br />

Deutsch und Englisch gelten als<br />

Mindest standard an <strong>der</strong> IFK. Wer möchte, kann<br />

aber auch Unterricht auf Spanisch haben. „Für<br />

Lehrer <strong>ist</strong> hier ein optimales Arbeitsfeld“, sagt<br />

Sabine Woggon-Schulz, <strong>die</strong> Rektorin. <strong>Die</strong> 38-<br />

Jährige und ihre Kollegen sind in Pionierstimmung.<br />

<strong>Die</strong> Internationale Friedensschule wird<br />

als erste Privatschule in Köln und als Modellversuch<br />

des Bauinvestors Norbert Amand eine<br />

Kin<strong>der</strong>tagesstätte, Grundschule, weiterführende<br />

<strong>Schule</strong> und Oberstufe beherbergen. Morgens<br />

machen <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> Tai-Chi-Übungen, um<br />

sich zu sammeln. Es gibt Musik unterricht, Projektwochen<br />

und eine individuelle Betreuung.<br />

Das fast 30-köpfige Kollegium <strong>der</strong> IFK rekrutiert<br />

sich aus erstklassigen in- und ausländischen<br />

Lehrern. Bislang werden <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> noch in<br />

58 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


Individuell und freundlich: Unterricht in einer Phorms-<strong>Schule</strong><br />

Baucontainern unterrichtet. Das Schulgebäude<br />

wird Mitte des Jahres fertig sein.<br />

EMOTIONALES LERNEN STATT WISSENS-<br />

VERMITTLUNG<br />

<strong>Die</strong> Abkehr von traditionellen Unterrichtsreformen,<br />

emotionales wie soziales Lernen <strong>–</strong> das<br />

gibt es auch an<strong>der</strong>swo. Zum Beispiel an Montessori-<strong>Schule</strong>n,<br />

an denen <strong>die</strong> Lehrer das <strong>Kind</strong><br />

in seiner Persönlichkeitsentwicklung för<strong>der</strong>n<br />

wollen und deshalb auf mehr als auf Wissensvermittlung<br />

setzen. „Hilf mir, es selbst zu tun“,<br />

war das Motto von Maria Montessori, und es<br />

gilt auch heute noch <strong>für</strong> ihre Pädagogik. Derzeit<br />

praktizieren mehr als 400 <strong>Schule</strong>n in<br />

Deutschland das Prinzip des selbstbestimmten<br />

Tuns. <strong>Die</strong> Montessori-Mittelschule in Chemnitz<br />

<strong>ist</strong> eine von ihnen. Hier beginnt je<strong>der</strong> Tag mit<br />

Freiarbeit, dem Herzstück <strong>der</strong> Montessori-Pädagogik.<br />

<strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong> bestimmen dann selbst, was<br />

sie lernen wollen <strong>–</strong> Deutsch, Englisch o<strong>der</strong><br />

Rechnen. <strong>Die</strong> Arbeit mit den vielfältigen, teils<br />

von Montessori entwickelten Materialien, ermöglicht<br />

Kin<strong>der</strong>n Lernerlebnisse, <strong>die</strong> auf Erfahrung,<br />

Anschauung und aktivem Handeln<br />

gründen. Lehrerin Ingrid Heyer beobachtet und<br />

hilft nur, wenn sie gefragt wird. „Wir erziehen<br />

zur Eigenständigkeit“, erklärt sie. „Was spielerisch<br />

aussieht, bedeutet <strong>für</strong> <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> Arbeit,<br />

Ordnung und Selbstdisziplin.“ Montessori-<br />

<strong>Schule</strong>n arbeiten mit alters- und le<strong>ist</strong>ungsgemischten<br />

Klassen bis zur Oberstufe. Statt<br />

Noten gibt es bis zur achten Klasse detaillierte<br />

Lernentwicklungs berichte <strong>–</strong> Projekt- und Gruppenarbeit<br />

zählen zu den Stan dards. Wer sein<br />

<strong>Kind</strong> in eine Montessori-<strong>Schule</strong> schickt, muss<br />

sich aber auch selbst einbringen <strong>–</strong> mit regelmäßigem<br />

unbezahltem Arbeits einsatz.<br />

DANK STIPENDIUM AUFS INTERNAT<br />

Jahrelang galten Internate als letzter Ausweg <strong>für</strong><br />

Eltern von lernschwachen und aufmüpfigen<br />

www.kidsLife-magazin.de<br />

59


PRIVATSCHULEN<br />

Fast wie Hogwarts ...<br />

Märchenhaft, fast wie in „Harry Potter“ <strong>–</strong> <strong>der</strong> Turm im Internat Schloss Hohenwehrda.<br />

„Wir dürfen uns nicht mit Zeugnissen<br />

und Zensuren aufhalten,<br />

son<strong>der</strong>n müssen ganz individuell<br />

auf <strong>die</strong> Talente <strong>der</strong> Jugendlichen<br />

eingehen.“<br />

Michael Oto<br />

„rich kids“. Doch das Image <strong>der</strong> knapp 300 Internate<br />

o<strong>der</strong> Lan<strong>der</strong>ziehungsheime (LEH) in<br />

Deutschland scheint sich zu wandeln. In Zeiten<br />

deutscher Bildungsmisere rücken <strong>die</strong> „Lernstätten<br />

mit Vollpension“ wie<strong>der</strong> mehr ins Blickfeld.<br />

Lan<strong>der</strong>ziehungsheime zum Beispiel verstehen<br />

sich als „Wohnschulen“ auf dem Land. An<strong>der</strong>e<br />

spezialisieren sich auf Hochbegabte o<strong>der</strong><br />

Schüler mit musischen o<strong>der</strong> sportlichen Begabungen.<br />

Wie<strong>der</strong>um an<strong>der</strong>e wenden sich an Zielgruppen<br />

wie Schüler mit Lese-Rechtschreib-<br />

Schwäche o<strong>der</strong> hyperaktive Kin<strong>der</strong>. Internate<br />

betonen gern, <strong>für</strong> alle Kin<strong>der</strong> offen zu sein.<br />

Doch ein Internatsplatz kostet oft zwischen<br />

1.200 und 2.000 Euro im Monat, an manchen<br />

Stand orten deutlich mehr. An konfessionellen<br />

Internaten bezahlen Eltern dagegen „nur“ 400<br />

bis 1.200 Euro im Monat. Für Eltern guter<br />

Schüler gibt es noch einen an<strong>der</strong>en Weg: Etliche<br />

Internate schreiben Stipen<strong>die</strong>n aus, <strong>die</strong> oft<br />

durch wohlhabende Familien und Spenden finanziert<br />

werden. In einigen Fällen, wie bei lernschwachen<br />

Kin<strong>der</strong>n o<strong>der</strong> bestimmten Erkrankungen,<br />

übernehmen auch Jugend- o<strong>der</strong> Sozialämter<br />

<strong>die</strong> Inter nats kosten. <strong>Welche</strong>s Internat<br />

das <strong>Richtige</strong> <strong>ist</strong>, hängt von den Bedürfnissen <strong>der</strong><br />

Eltern und Kin<strong>der</strong> ab. Eltern sollten aber ein<br />

bis zwei Häuser selbst besichtigen und an<strong>der</strong>e<br />

Eltern und Schüler <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> befragen. Bei <strong>der</strong><br />

Wahl des Internatsplatzes müssen <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong><br />

unbedingt einbezogen werden. Sie sollten gerne<br />

und freiwillig auf ein Internat gehen.<br />

ENDLICH WIEDER SPASS AM LERNEN<br />

Dennoch fällt es schwer, sich vorzustellen, dass<br />

heutzutage ein Jugendlicher mit Bege<strong>ist</strong>erung<br />

aufs Internat gehen will. Beim 15-jährigen Tom<br />

Wissmann <strong>ist</strong> das aber so. Als er vor zwei Jahren<br />

im Internat Schloss Hohenwehrda aufgenommen<br />

wurde, einem Ende des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts<br />

vom Reformpäda gogen Her mann<br />

Lietz gegründeten Lan<strong>der</strong>ziehungsheim, war er<br />

60 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


in je<strong>der</strong> Hinsicht am Boden zerstört. „Er leidet<br />

an einem sehr stark ausgeprägten Aufmerksamkeitsdefizit<br />

und einer Hyper aktivitätsstörung,<br />

so dass er in <strong>der</strong> Regelschule nicht mehr<br />

klar kam“, erzählt seine Mutter Chr<strong>ist</strong>ina. Ge<strong>mein</strong>sam<br />

mit einem Jugend psychiater hatten<br />

Tom und seine Eltern nach Lösungs wegen gesucht<br />

<strong>–</strong> und Schloss Hohenwehrda gefunden.<br />

Weil seine Aufnahme medizinisch begründet <strong>ist</strong>,<br />

übernimmt das Jugendamt <strong>die</strong> Unterbringungskosten<br />

von über 2.000 Euro monatlich. „Für<br />

uns war es am Anfang sehr schwer, Tom loszulassen“,<br />

sagt Chr<strong>ist</strong>ina Wissmann. Doch <strong>die</strong><br />

Entscheidung hat ihr Familienleben gerettet.<br />

„Wir haben nur noch über Toms Probleme geredet“,<br />

so Wissmann.<br />

An den drei Lietzschen <strong>Schule</strong>n in <strong>der</strong> Rhön<br />

und im Thüringer Wald <strong>–</strong> Schloss Hohenwehrda,<br />

Schloss Bieberstein und dem Rittergut<br />

Haubinda <strong>–</strong> sollen <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> und Jugend lichen<br />

vor allem eines erwerben: Lebenskompetenz<br />

und Mut durch eine Bildung und Erziehung, <strong>die</strong><br />

auf <strong>die</strong> ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung<br />

abzielt. Praktisches Arbeiten wird groß geschrieben.<br />

<strong>Die</strong> tägliche Lernzeit beaufsichtigen<br />

Päda gogen; <strong>für</strong> Kin<strong>der</strong> mit einer Lese-, Recheno<strong>der</strong><br />

Rechtschreib schwäche o<strong>der</strong> bei Konzentrationsschwierigkeiten<br />

stehen Lern therapeuten<br />

und Mitarbeiter des schulpädagogischen Zentrums<br />

helfend zur Seite. Nach dem Unterricht<br />

gibt es zahlreiche Sport- und Freizeitangebote<br />

von Fußball bis Golf <strong>für</strong> alle Schüler, <strong>die</strong> in kleinen<br />

„Schüler-Familien“ ge<strong>mein</strong>sam mit einem<br />

Lehrer leben. „Tom <strong>ist</strong> richtig aufgeblüht. Er<br />

hat sogar wie<strong>der</strong> Spaß am Lernen“, freut sich<br />

seine Mutter.


KOMMUNALISTISCHES PRINZIP<br />

<strong>Schule</strong> im Aufbruch:<br />

Neue Wege <strong>der</strong><br />

Nachmittagsbetreuung<br />

T E X T : M A R T I N A V O I G T- S C H M I D<br />

Der Aufbau eines Ganztagsangebots bundesweit bedeutet eine<br />

große Herausfor<strong>der</strong>ung <strong>für</strong> viele <strong>Schule</strong>n, denn finanzielle, personelle<br />

und räumliche Ressourcen entsprechen vielerorts nicht dem angestrebten<br />

Konzept. Hier sind gute Ideen gefragt <strong>–</strong> und Kooperationen<br />

mit außerschulischen Partnern. Wir stellen ein gelungenes Beispiel<br />

aus dem Landkreis Mainz-Bingen in Rheinland-Pfalz vor.<br />

B<br />

eim Thema „<strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>“<br />

bickt man, auf <strong>der</strong> Suche nach alternativen<br />

und ganzheitlicheren<br />

Wegen <strong>der</strong> Unterrichtsgestaltung,<br />

hierzulande automatisch auf <strong>die</strong><br />

Reformschullandschaft. Jedoch<br />

sind <strong>die</strong> me<strong>ist</strong>en von <strong>die</strong>sen Vorzeigeschulen<br />

Privatschulen und nicht jedes <strong>Kind</strong> hat <strong>die</strong><br />

Möglichkeit, eine Privatschule zu besuchen. <strong>Die</strong><br />

allerme<strong>ist</strong>en Kin<strong>der</strong> gehen immer noch in ganz<br />

normale Regelschulen <strong>–</strong> und wenn man sich<br />

umschaut, stellt man fest: auch dort <strong>ist</strong> einiges<br />

im Aufbruch begriffen und wenig bleibt, wie es<br />

mal war. Neue Gegebenheiten stellen <strong>Schule</strong>n<br />

vor neue Herausfor<strong>der</strong>ungen. Das neue Schulkonzept,<br />

verlangt <strong>die</strong> Schaffung neuer Oberschulen<br />

, <strong>die</strong> Haupt- und Realschulen vereinen.<br />

O<strong>der</strong> den Aufbau eines „inklusiven“ Schulsystems,<br />

welches das ge<strong>mein</strong>same Lernen von<br />

Schülerinnen und Schülern mit und ohne Behin<strong>der</strong>ungen<br />

zum Regelfall macht. O<strong>der</strong> aber<br />

<strong>die</strong> Einführung von bundesweit mehr und mehr<br />

Ganztagsschulen (Laut Bertelsmann Stiftung <strong>ist</strong><br />

im Schuljahr 2010/11 erstmals jede zweite<br />

<strong>Schule</strong> eine Ganztagsschule). Das alles bedeutet<br />

viel frischen Wind, <strong>der</strong> vorerst in <strong>die</strong> alten Segel<br />

bläst und manches „Schul-Schiff“ samt Mannschaft<br />

zum Ächzen und Knarren bringt. Clevere<br />

Reformen sind gefragt, können jedoch<br />

nicht von heute auf morgen umgesetzt werden.<br />

<strong>Die</strong> leicht behäbige deutsche Flotte hat sich beherzt<br />

in Bewegung gesetzt, doch bisher gleicht<br />

<strong>der</strong> Ausbau <strong>der</strong> Ganztagsschulen <strong>–</strong> laut Einschätzung<br />

des Deutschen Jugendinstituts <strong>–</strong><br />

einer „Reise in <strong>die</strong> <strong>Zukunft</strong> ohne klares Ziel“.<br />

Momentan ex<strong>ist</strong>ieren in Deutschland ganz unterschiedliche<br />

Organisationsformen und Typen<br />

von Ganztagsschulen: offene, gebundene, teil-<br />

62 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>


Fotos: Pixabay<br />

Spiel, Sport, Experimente und Kreatives: Nachmittagsbetreuung in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> kann Vieles le<strong>ist</strong>en!<br />

www.kidsLife-magazin.de<br />

63


KOMMUNALISTISCHES PRINZIP<br />

Foto: Pixabay<br />

Zu den realisierten Projekten des Bündnisses „<strong>Die</strong>nHeim <strong>für</strong> Familien“ gehört u. a. <strong>der</strong> Spielkreis „Sternschnuppe“, <strong>für</strong> <strong>die</strong> kleinsten Kin<strong>der</strong> in <strong>Die</strong>nheim.<br />

gebundene, rhythmisierte o<strong>der</strong> in Kooperation<br />

mit freien Trägern betriebene. <strong>Die</strong> erste Evaluationsstu<strong>die</strong><br />

aus 2009/2010 zu den Ganztagsschulen<br />

(StEG) hat gezeigt, dass sich<br />

positive Wirkungen <strong>der</strong> Ganztagsangebote bei<br />

Schülern nur dann zeigen, wenn <strong>die</strong> Qualität <strong>der</strong><br />

Angebote hoch <strong>ist</strong> und <strong>die</strong> Teilnahme daran regelmäßig<br />

erfolgt. Das <strong>ist</strong> <strong>für</strong> <strong>die</strong> <strong>Schule</strong>n mitunter<br />

schwierig zu realisieren, beson<strong>der</strong>s, wenn <strong>die</strong><br />

Mittel knapp sind.<br />

Laut Onlinebefragung von 1.300 <strong>Schule</strong>n im<br />

Rahmen <strong>der</strong> 2012 gestarteten zweiten Laufzeit<br />

<strong>der</strong> StEG-Stu<strong>die</strong> geben zwischen 30 und 45<br />

Prozent <strong>der</strong> Schulleitungen an, dass <strong>die</strong> finanziellen,<br />

personellen und räumlichen Ressourcen<br />

dem angestrebten Konzept ihrer Ganztagsschule<br />

nicht entsprechen. Beson<strong>der</strong>s im ländlichen<br />

Raum kämpfen <strong>Schule</strong>n mit erheblichen<br />

Problemen bei <strong>der</strong> Gewinnung von Personal<br />

und geeigneten Kooperationspartnern <strong>für</strong><br />

eine gelungene Gestaltung des Ganztagsangebots.<br />

Gleichwohl arbeitet <strong>der</strong> überwiegende Teil<br />

von ihnen bereits mit außerschulischen Kooperationspartnern<br />

zusammen.<br />

Hier sind gute Ideen gefragt <strong>–</strong> und manchmal<br />

werden sogar Wege gefunden, aus <strong>der</strong> Not eine<br />

Tugend zu machen, wie z.B. <strong>die</strong> erfolgreiche<br />

Zusammenarbeit einiger <strong>Schule</strong>n im Landkreis<br />

Mainz-Bingen in Rheinland-Pfalz, mit dem seit<br />

Jahren sozial und integrativ engagierten Turnverein<br />

TV08 aus <strong>der</strong> Ge<strong>mein</strong>de <strong>Die</strong>nheim zeigt.<br />

Bereits im Jahr 2006 haben sich in <strong>Die</strong>nheim einige<br />

Vereine, <strong>Schule</strong>n sowie ehrenamtliche Helferinnen<br />

und Helfer zu einem „Lokalen<br />

Bündnis <strong>für</strong> Familie“ zusammengefunden:<br />

„<strong>Die</strong>n-Heim <strong>für</strong> Familien“. Sie schlossen sich<br />

am 26. Februar 2007 <strong>der</strong> Bundesinitiative an.<br />

Treibende Kraft dabei <strong>ist</strong> <strong>der</strong> TV 08 <strong>Die</strong>nheim<br />

e. V., <strong>der</strong> bereits mehrfach <strong>für</strong> sein soziales Engagement<br />

und seine Modellprojekte <strong>–</strong> beispielsweise<br />

mit <strong>der</strong> Fritz-Wildung-Plakette des<br />

Deutschen Sportbundes <strong>–</strong> ausgezeichnet wurde.<br />

64 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Bookazine</strong> <strong>Schule</strong>


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Impressum KidsLife <strong>Bookazine</strong>: <strong>Schule</strong><br />

Alle Rechte vorbehalten. Sämtliche Beiträge, Fotos und<br />

Illustrationen sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck<br />

nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags. Copyright<br />

<strong>für</strong> Inhalt und Gestal tung <strong>–</strong> falls nicht ausdrücklich an<strong>der</strong>s<br />

vermerkt <strong>–</strong> by <strong>Kidslife</strong> Me<strong>die</strong>nverlag GmbH & Co. KG.<br />

Alle Angaben nach bestem Wissen aber ohne Gewähr. Verantwortlich<br />

<strong>für</strong> den redaktionellen Inhalt: Andreas Schmid,<br />

Martina Voigt-Schmid.<br />

Für unverlangt eingesandtes Text- und Bild material wird<br />

keine Haftung übernommen. Bei allen von KidsLife veranstalteten<br />

Wettbe werben und Gewinnspielen <strong>ist</strong> <strong>der</strong><br />

Rechtsweg grundsätzlich ausgeschlossen. Teilnahme ohne<br />

Gewähr.<br />

<strong>Die</strong> Teilnahme an allen Gewinnspielen <strong>ist</strong> nicht nur per E-<br />

Mail, son<strong>der</strong>n auch per Post möglich. Hier das Kennwort<br />

und den Absen<strong>der</strong> nicht vergesssen und Briefe o<strong>der</strong> Postkarten<br />

an <strong>die</strong> KidsLife-Redaktion adressieren, Adresse<br />

siehe unten.<br />

Verlag<br />

KidsLife-Redaktion:<br />

Redaktionsleitung:<br />

Layout & Grafik:<br />

Texte und Beiträge<br />

in <strong>die</strong>ser Ausgabe:<br />

Bildredaktion:<br />

Anzeigenleitung:<br />

KidsLife Me<strong>die</strong>nverlag GmbH & Co. KG<br />

Krämerstraße 30<br />

55276 Oppenheim<br />

info@kidslife<strong>–</strong>magazin.de<br />

Martina Voigt-Schmid, Andreas Schmid<br />

Martina Voigt-Schmid<br />

Heike Byn, Rosemarie Löser, Andreas<br />

Schmid, Alice Selinger, Martina Voigt-<br />

Schmid, Antje Szillat<br />

Martina Voigt-Schmid<br />

Andreas Schmid<br />

Tel. 06133 - 926252 o<strong>der</strong> 933880<br />

E-Mail: as@kidslife-magazin.de<br />

DIE SEITE FÜR<br />

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Foto: Pixabay<br />

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65


Eine vielseitige Nachmittagsbetreuung in<br />

<strong>der</strong> <strong>Schule</strong> ermöglicht es, neue Dinge auszuprobieren<br />

und <strong>die</strong> eigenen Talenete zu<br />

entdecken.<br />

Foto: Pixabay<br />

„Kin<strong>der</strong> müssen<br />

bege<strong>ist</strong>ert werden.“<br />

Hartmut Bräumer<br />

Zu den realisierten Projekten des Bündnisses<br />

gehören u. a. <strong>die</strong> integrative Kin<strong>der</strong>krippe sowie<br />

<strong>der</strong> Spielkreis „Sternschnuppe“, <strong>für</strong> <strong>die</strong> kleinsten<br />

Kin<strong>der</strong> in <strong>Die</strong>nheim, eine inklusive Sommerferiensportschule<br />

an jedem Ferien- und Brückentag<br />

des Jahres, ein offener Schüler- und ein Jugendtreff<br />

und ein Mehrgenerationenhaus als<br />

Begegnungs- und Erlebniszentrum mit Angeboten<br />

<strong>für</strong> alle Generationen. Hartmut Bräumer,<br />

Koordinator des Lokalen Bündnisses <strong>für</strong> Familie<br />

“<strong>Die</strong>n-Heim <strong>für</strong> Familien”, wurde 2009 im<br />

Schloss Bellevue in Berlin von Bundespräsident<br />

Horst Köhler mit dem Ver<strong>die</strong>nstorden <strong>der</strong> Bundesrepublik<br />

Deutschland <strong>–</strong> dem Bundesver<strong>die</strong>nstkreuz<br />

<strong>–</strong> ausgezeichnet.“<br />

Dabei hat das, was so gut klingt und heute so<br />

erfolgreich funktioniert, eigentlich als Problem<br />

begonnen. <strong>Die</strong> Einführung <strong>der</strong> Ganztagsschule<br />

bedeutete, unbeabsichtigt, <strong>die</strong> Schaffung einer<br />

Konkurrenzsituation, <strong>die</strong> den lokalen Sportvereinen<br />

an <strong>die</strong> Substanz ging. Durch das Ganztagsangebot<br />

<strong>der</strong> <strong>Schule</strong>n hatten viele Kin<strong>der</strong><br />

keine Zeit mehr <strong>für</strong> das Training im Verein und<br />

<strong>die</strong> Eltern meldeten Ihre Kin<strong>der</strong> ab. Das bedeutete<br />

einen erheblichen Schwund an Mitglie<strong>der</strong>n<br />

und auch an Beiträgen.<br />

<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong>n an<strong>der</strong>erseits, erhalten zwar einen<br />

bestimmten Betrag pro Schüler <strong>für</strong> <strong>die</strong> Betreuung<br />

am Nachmittag, können aber aus arbeitsrechtlichen<br />

Gründen nur fünf Wochenstunden<br />

<strong>für</strong> Mitarbeiter bezahlen <strong>–</strong> wodurch es schwer<br />

wird, qualifizierte Leute zu gewinnen.<br />

Hier gelang es Hartmut Bräumer eine Lösung<br />

zu finden, <strong>die</strong> <strong>für</strong> beide Partner eine Gewinn-<br />

Situation darstellte: <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong>n schließen einen<br />

Vertrag mit dem Verein, <strong>der</strong> <strong>die</strong> Mitarbeiter und<br />

ihre Angebote und Arbeitszeiten koordiniert.<br />

Dadurch agiert <strong>der</strong> Verein als ge<strong>mein</strong>nütziger<br />

Träger und kann seine Leute flexibel einsetzen,<br />

auch <strong>für</strong> mehr als fünf Wochenstunden.<br />

Das Nachmittagsangebot in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> bietet<br />

neue Chancen <strong>–</strong> nicht nur <strong>für</strong> <strong>die</strong> bisherigen<br />

Trainer im Verein, son<strong>der</strong>n auch <strong>für</strong> arbeitslose<br />

o<strong>der</strong> geringfügig beschäftigte Sozialarbeiter,<br />

Lehrer, Sportler, Sportwissenschaftler, Künstler,<br />

Fachkräfte, o<strong>der</strong> Ruheständler. <strong>Die</strong>se haben<br />

<strong>die</strong> Möglichkeit, sich wie<strong>der</strong> ein geregeltes Einkommen<br />

aufzubauen, o<strong>der</strong> aber einfach ihre<br />

Kentnisse weiterzugeben, mit jungen Leuten<br />

zusammen zu sein und etwas dazu zu ver<strong>die</strong>nen.<br />

„Mensch geht vor Qualifikation“ <strong>ist</strong> Hartut<br />

Bräumers Motto bei <strong>der</strong> Auswahl <strong>der</strong><br />

Mitarbeiter. „Kin<strong>der</strong> müssen bege<strong>ist</strong>ert werden“<br />

findet er, und lässt alle, <strong>die</strong> als Angebotsleiter,<br />

<strong>die</strong> mitmachen möchten, zunächst eine Probestunde<br />

abhalten.<br />

<strong>Die</strong> Le<strong>ist</strong>ungen des Vereins sind umfassend.<br />

Ge<strong>mein</strong>sam mit den <strong>Schule</strong>n werden Freizeitprogramme<br />

erstellt, Vertrauensleute des Vereins<br />

beraten <strong>die</strong> Eltern, ein Koordinator des Vereins<br />

stimmt mit <strong>der</strong> Schulleitung den aktuellen Bedarf<br />

ab. Auch beson<strong>der</strong>e Angebote, beson<strong>der</strong>e<br />

Anlässe, beson<strong>der</strong>e Kin<strong>der</strong>, werden berücksichtigt,<br />

denn <strong>der</strong> TV <strong>Die</strong>nheim setzt sich insbeson<strong>der</strong>e<br />

<strong>für</strong> <strong>die</strong> Inklusion von beeinträch-<br />

66 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Bookazine</strong> <strong>Schule</strong>


tigten Kin<strong>der</strong>n ein. Da <strong>die</strong>se im geregelten Unterricht<br />

noch oft als Fremndkörper wahrgenommen<br />

werden, helfen Vereinsmitarbeiter<br />

sogar hier, um den Lehrern <strong>die</strong> Arbeit zu erleichtern.<br />

So viel professionelles Engagement findet in<br />

<strong>der</strong> Verbandsge<strong>mein</strong>de großen Zuspruch. Derzeit<br />

verfügt <strong>der</strong> TV <strong>Die</strong>nheim über 70 Beschäftigte<br />

und kooperiert mit elf Schulpartnern <strong>der</strong><br />

Verbandsge<strong>mein</strong>de Nierstein-Oppenheim. Fast<br />

400 Stunden pro Woche werden hier an Betreuungsarbeit<br />

gele<strong>ist</strong>et. Das klingt nach viel Arbeit<br />

<strong>–</strong> und auch nach Stress? Hartmut Bräumer<br />

lässt sich nicht aus <strong>der</strong> Ruhe bringen. „Das<br />

komplexe Angebot von heute <strong>ist</strong> ja ganz langsam<br />

gewachsen, deshalb gibt es auch kein<br />

Chaos“, so <strong>der</strong> Initiator des innovativen Konzepts.<br />

Damit alles reibungslos funktioniert, hat<br />

er sogar da<strong>für</strong> gesorgt, dass ein Bündnisbus unterwegs<br />

<strong>ist</strong>, <strong>der</strong> <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> und Jugendlichen in<br />

<strong>der</strong> Nachmittagsbetreuung zu den verschiedenen<br />

Freizeitaktivitäten <strong>der</strong> Vereine fährt, von<br />

dort wie<strong>der</strong> abholt und zur <strong>Schule</strong> bringt. <strong>Die</strong><br />

Benzinkosten werden über <strong>die</strong> Beiträge zu den<br />

Freizeitaktivitäten einkalkuliert. Das Bündnis<br />

hat einen Leasingvertrag mit einer Firma abgeschlossen,<br />

<strong>die</strong> den Bus stellt. Da<strong>für</strong> entstehen<br />

dem Bündnis keine Kosten. <strong>Die</strong> Firma lässt sich<br />

den Bus über <strong>die</strong> Werbeflächen an den Außenseiten<br />

des Fahrzeugs finanzieren. Gewerbetreibende<br />

aus <strong>der</strong> Verbandsge<strong>mein</strong>de haben <strong>die</strong><br />

Werbeflächen gemietet. „<strong>Die</strong> Vermarktung hat<br />

nur funktioniert, weil <strong>die</strong> Arbeit des Lokalen<br />

Bündnisses bereits bekannt und sehr geschätzt<br />

war“, sagt Hartmut Bräumer.<br />

Weitere Informationen erteilt Herr Hartmut Bräumer unter<br />

Tel. 06133/42 20 o<strong>der</strong> unter braeumerhartmut@msn.com<br />

A N Z E I G E<br />

Zeit in <strong>der</strong> Natur <strong>ist</strong> Entwicklungszeit<br />

Natur <strong>ist</strong> dort, wo Kin<strong>der</strong> Freiheit erleben, Wi<strong>der</strong>stände<br />

überwinden, einan<strong>der</strong> auf Augenhöhe begegnen und<br />

dabei zu sich selbst finden. Aber <strong>ist</strong> Natur nur das<br />

»große Draußen«: Wiesen, Wäl<strong>der</strong> und Parks, Spielstraßen<br />

und Hinterhöfe? O<strong>der</strong> lässt sie sich auch drinnen finden<br />

<strong>–</strong> zum Beispiel in <strong>der</strong> großen weiten Welt hinter den Bildschirmen?<br />

Anschaulich und eindrucksvoll entwickeln <strong>die</strong><br />

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