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KidsLife<br />
D A S B O O K A Z I N E Z U M T H E M A<br />
<strong>Schule</strong><br />
4,90 EURO<br />
Lernen<br />
ohne Stress <strong>–</strong><br />
was alternative<br />
<strong>Schule</strong>n an<strong>der</strong>s<br />
machen.<br />
<strong>Welche</strong> <strong>Schule</strong><br />
<strong>ist</strong> <strong>die</strong> <strong>Richtige</strong><br />
<strong>für</strong> <strong>mein</strong> <strong>Kind</strong>?<br />
VON REFORMSCHULEN ÜBER<br />
PRIVATSCHULEN BIS HIN ZUR NEUEN<br />
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WAS VERSCHIEDENE SCHULMODELLE<br />
FÜR UNSERE KINDER LEISTEN.
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Wie erfolgreiches Lernen gelingt<br />
Der bekannte Erziehungsexperte Detlef Träbert<br />
liefert viele praktische Vorschläge <strong>für</strong> eine<br />
optimale För<strong>der</strong>ung des <strong>Kind</strong>es in Familie und<br />
<strong>Schule</strong>. Anschaulich erklärt er, wie Dialog und<br />
emotionale Nähe, Vertrauen und ein klares Auftreten<br />
<strong>der</strong> Erwachsenen <strong>–</strong> Eltern und Lehrer <strong>–</strong> sich positiv<br />
auf Le<strong>ist</strong>ung und Verhalten in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> auswirken.<br />
237 Seiten | broschiert | a 14,95 D<br />
ISBN 978-3-407-85945-7 | Auch als<br />
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Editorial<br />
Andreas Schmid<br />
HERAUSGEBER KIDSLIFE<br />
W<br />
elche <strong>Schule</strong> wünsche ich mir <strong>für</strong> <strong>mein</strong> <strong>Kind</strong>? <strong>Die</strong>se Frage stellen wir<br />
Eltern alle früher o<strong>der</strong> später <strong>–</strong> mit einem Blick auf das, was verschiedene<br />
<strong>Schule</strong>n in unserer Umgebung le<strong>ist</strong>en und was wir uns von ihnen erhoffen.<br />
Das schlechte Abschneiden deutscher <strong>Schule</strong>n im internationalen Vergleich<br />
hat <strong>die</strong> Notwendigkeit umfassen<strong>der</strong> Reformen gezeigt und tatsächlich sind in den vergangenen<br />
Jahren bereits viele Än<strong>der</strong>ungen auf den Weg gebracht worden. Aber, was wird<br />
<strong>die</strong> <strong>Zukunft</strong> bringen <strong>–</strong> und was <strong>ist</strong> wirklich sinnvoll, um unsere Kin<strong>der</strong> auf das Leben von<br />
Morgen vorzubereiten?<br />
Wir machen Sie vertraut mit unterschiedlichen pädagogischen Modellen und <strong>der</strong>en<br />
Umsetzung in deutschen <strong>Schule</strong>n. Wir alle leben in Zeiten schneller und umfassen<strong>der</strong><br />
Verän<strong>der</strong>ungen. In allen Lebensbereichen müssen wir uns von Vertrautem trennen, Neues<br />
lernen, uns an verän<strong>der</strong>te Lebensbedingungen anpassen. <strong>Die</strong> Geschwindigkeit, mit <strong>der</strong><br />
sich Gesellschaften weltweit verän<strong>der</strong>n, hat in den letzten Jahrhun<strong>der</strong>ten ständig zugenommen.<br />
Es gibt keinen Grund zu <strong>der</strong> Annahme, dass sich das in naher <strong>Zukunft</strong> än<strong>der</strong>n<br />
wird. Unsere Kin<strong>der</strong> wachsen mit <strong>die</strong>sen Anfor<strong>der</strong>ungen auf und ihr Leben wird davon<br />
geprägt sein. Das betrifft nicht nur den Umgang mit neuen Me<strong>die</strong>n und neuer Technik,<br />
son<strong>der</strong>n auch <strong>die</strong> Art, wie wir lernen, wie wir uns organisieren, wie wir arbeiten, wie wir<br />
zusammen leben.<br />
Nachhaltigkeit, Inklusion und Individualisierung z. B., sind Merkmale, <strong>die</strong> <strong>die</strong><br />
<strong>Schule</strong>n <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> von den <strong>Schule</strong>n <strong>der</strong> Vergangenheit unterscheiden. Zwar gibt<br />
es bei uns in Deutschland noch ein fö<strong>der</strong>ales Schulsystem mit gesetzlichen Vorgaben. Innerhalb<br />
<strong>die</strong>ses Rahmens aber gibt es eine Vielzahl von <strong>Schule</strong>n mit den unterschiedlichsten<br />
pädagogischen Ansätzen, in vielen verschiedenen Regionen mit teilweise sehr<br />
ver schie denen Lebensvoraussetzungen. Jede <strong>die</strong>ser <strong>Schule</strong>n wird sich auf einem an<strong>der</strong>en<br />
Weg in <strong>die</strong> <strong>Zukunft</strong> machen. Jede <strong>Schule</strong> wird eigen sein. Deshalb werden <strong>die</strong> <strong>Schule</strong>n <strong>der</strong><br />
<strong>Zukunft</strong> ge<strong>mein</strong>same Grundzüge verwirklichen, aber vielleicht nicht mehr so stark einer<br />
behördlich vorgegebenen Gestaltungsrichtlinie entsprechen.<br />
„<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>“ <strong>ist</strong> und bleibt ein spannendes Thema. Wenn das eigene<br />
<strong>Kind</strong> in <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> geht, durchlebt man <strong>die</strong> eigene Schulzeit gewissermaßen noch einmal<br />
<strong>–</strong> aus einer an<strong>der</strong>en Perspektive. Warum nicht versuchen, das Beste daraus machen?<br />
Wenn Ihnen unser <strong>Bookazine</strong> dabei behilflich <strong>ist</strong>, herauszufinden, was <strong>die</strong> beste <strong>Schule</strong><br />
<strong>für</strong> Ihr <strong>Kind</strong> sein könnte, o<strong>der</strong> Sie sogar Anregungen finden, wie Sie <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> Ihres<br />
<strong>Kind</strong>es mitgestalten können, haben wir erreicht, was wir wollten. Wenn Sie als Pädagoge<br />
eine Anregung <strong>für</strong> Ihre Arbeit finden, freuen wir uns mit Ihnen. Auf jeden Fall wünschen<br />
wir viel Spaß bei einem Rundgang durch <strong>die</strong> heute schon vielfältige deutsche Schullandschaft!<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
3
Aus dem Inhalt:<br />
MIT TRADITION, ABER NICHT VON GESTERN<br />
DEMOKRATISCHES LERNEN<br />
Ein Blick über den Zaun Richtung Norden<br />
zeigt: <strong>Die</strong> Schweden können mehr als Möbel.<br />
Auch in Sachen <strong>Schule</strong> haben sie <strong>die</strong> Nase vorn,<br />
wie das Beispiel <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> „Futurum“ bewe<strong>ist</strong>.<br />
Jenaplan klingt irgendwie trocken und ein bisschen<br />
nach DDR-Vergangenheit. Doch Jenaplan<br />
<strong>Schule</strong>n sind erstaunlich mo<strong>der</strong>n aufgestellt,<br />
Große lernen von Kleinen <strong>–</strong> und umgekehrt.<br />
Projekte statt Frontalunterricht. <strong>Schule</strong> als Lebens-<br />
und Erfahrungsraum.<br />
S.22<br />
S.14<br />
<strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>:<br />
Erprobte Beispiele<br />
und visionäre Modelle<br />
S.38<br />
LERNEN IM RHYTHMUS<br />
Waldorf-<strong>Schule</strong>n sind <strong>die</strong> vielleicht<br />
bekannteste Alternative<br />
zur Staatsschule <strong>–</strong> und Kreativität<br />
und „Nachhaltigkeit“ sind<br />
hier Programm. Aber bereiten<br />
sie <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> auch auf <strong>die</strong> Welt<br />
von morgen vor?<br />
4 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
Lernen und Spielen gehören<br />
in einer gesunden <strong>Kind</strong>heit<br />
untrennbar zusammen. <strong>Die</strong><br />
Welt erfahren, sich erproben<br />
und jeden Tag neue Dinge<br />
lernen: <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong>n von Morgen<br />
för<strong>der</strong>n <strong>die</strong> Neugier und<br />
den natürlichen Forschungsdrang<br />
<strong>der</strong> Kin<strong>der</strong> <strong>–</strong> jede auf<br />
ihre eigene Art und Weise.<br />
Foto: Pixabay<br />
A N Z E I G E<br />
Benny Blu<br />
macht fit <strong>für</strong> <strong>die</strong> <strong>Schule</strong><br />
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5
S.30<br />
HILF MIR, ES SELBST ZU TUN<br />
Selbstbestimmtes, individuelles Lernen und freie Entfaltung<br />
<strong>der</strong> kindlichen Persönlichkeit waren das<br />
Credo von Maria Montessori. Ihr pädagogischer Ansatz<br />
<strong>ist</strong> auch heute noch aktuell, wie eine Montessori-<br />
Einrichtung mit Kita, <strong>Schule</strong> und Internat in Bayern<br />
zeigt.<br />
LERNEN OHNE ZWANG<br />
Lernen Kin<strong>der</strong>, wenn sie nicht müssen? Wenn man sie<br />
tun lässt, was sie wollen? Antiautoritäre Erziehung <strong>ist</strong><br />
eigentlich „out“, aber freie <strong>Schule</strong>n wie das legendäre<br />
„Summerhill“ entwickeln sich weiter und för<strong>der</strong>n das<br />
Potenzial in den Kin<strong>der</strong>n auf erstaunliche Weise zu<br />
Tage.<br />
S.46<br />
EXKLUSIVER = BESSER?<br />
Privatschulen gelten als elitär und werden nicht<br />
selten von gut ver<strong>die</strong>nenden Eltern dazu benutzt,<br />
sich schwer erziehbare Sprößlinge vom Hals zu<br />
schaffen. Doch kleine Klassen, individuelle För<strong>der</strong>ung<br />
und rhythmisierte Tagesabläufe tun fast allen<br />
Kin<strong>der</strong>n gut. Wir stellen einige Beispiele vor, wie<br />
z.B. das Internat Schloss Hohenwehrda.<br />
S.54<br />
6<br />
KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
Auch <strong>die</strong> ganz normalen Staatsschulen beschreiten vielerorts neue Wege. Mehr darüber ab S. 62.<br />
Foto: Pixabay<br />
A N Z E I G E<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
7
Foto: Pixabay<br />
8 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
Inhalt<br />
S. 3 Editorial<br />
S. 10 Lernen <strong>für</strong> <strong>die</strong> Welt von Morgen:<br />
Inklusion, Nachhaltigkeit, Individualisierung<br />
S. 12 <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong><br />
Was Kin<strong>der</strong> sich wünschen<br />
S. 14 Demokratisches Lernen<br />
<strong>Die</strong> Futurum-<strong>Schule</strong> in Schweden<br />
S. 22 Modell mit Tradition<br />
<strong>Die</strong> Jenaplan-<strong>Schule</strong><br />
S. 30 Hilf mir, es selbst zu tun<br />
<strong>Die</strong> Montessori-<strong>Schule</strong><br />
S. 39 Lernen im Rhythmus<br />
<strong>Die</strong> Waldorf-<strong>Schule</strong><br />
S. 46 <strong>Schule</strong> ohne Zwang<br />
<strong>Die</strong> Freie <strong>Schule</strong><br />
S. 54 Bessere Bildung, bessere Erziehung?<br />
Privatschulen<br />
S. 62 <strong>Die</strong> neue Ganztagsschule<br />
Neue Wege <strong>der</strong> Nachmittagsbetreuung<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
9
Lernen<br />
<strong>für</strong> <strong>die</strong> Welt<br />
von Morgen<br />
T E X T : A N D R E A S S C H M I D<br />
Nachhaltigkeit, Inklusion und Individualisierung sind Merkmale, <strong>die</strong> <strong>die</strong> <strong>Schule</strong>n <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong><br />
von den <strong>Schule</strong>n <strong>der</strong> Vergangenheit unterscheiden. Zwar gibt es bei uns in Deutschland noch<br />
ein fö<strong>der</strong>ales Schulsystem mit gesetzlichen Vorgaben. Innerhalb <strong>die</strong>ses Rahmens aber gibt es<br />
eine Vielzahl von <strong>Schule</strong>n mit den unterschiedlichsten pädagogischen Ansätzen, in verschiedenen<br />
Regionen mit teilweise sehr verschiedenen Lebensvoraussetzungen.<br />
Jede <strong>die</strong>ser <strong>Schule</strong>n wird sich auf einem an<strong>der</strong>en Weg in <strong>Zukunft</strong> machen. Deshalb werden <strong>die</strong><br />
<strong>Schule</strong>n <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> ge<strong>mein</strong>same Grundzüge verwirklichen, aber vielleicht nicht mehr so<br />
stark behördlich vorgegebenen Gestaltungsrichtlinien entsprechen.<br />
Foto: Pixabay<br />
10 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
INKLUSION<br />
Inklusion geht weit über Integration hinaus. Das Ziel <strong>der</strong> Integration<br />
<strong>ist</strong> <strong>die</strong> Anpassung des zu Integrierenden, <strong>der</strong> Lohn <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Aufnahme<br />
in bestehende Strukturen. Inklusion aber will <strong>die</strong> Strukturen<br />
öffnen, das Neue in seiner An<strong>der</strong>sartigkeit belassen, es aufnehmen<br />
und davon profitieren. Deshalb <strong>ist</strong> Inklusion zukunftsfähig,<br />
weil sie sich Verän<strong>der</strong>ungen nicht entgegenstellt, son<strong>der</strong>n zunutze<br />
macht. Einige Eltern be<strong>für</strong>chten, dass ihr <strong>Kind</strong> in einer Inklusionsklasse<br />
nicht hinreichend geför<strong>der</strong>t würde, weil sich das allge<strong>mein</strong>e<br />
Lerntempo verlangsame und <strong>die</strong> Aufmerksamkeit auf <strong>die</strong> zu<br />
inklu<strong>die</strong>renden Kin<strong>der</strong> verlagere. <strong>Die</strong>sen Eltern sei gesagt, dass ihr<br />
<strong>Kind</strong> von den verän<strong>der</strong>ten Lehrmethoden und <strong>der</strong> Individualisierung<br />
des Unterrichts unter Inklusionsbedingungen erheblich profitieren<br />
kann. <strong>Die</strong> Mo<strong>der</strong>nisierung <strong>der</strong> Unterrichtsformen wird durch<br />
das Inklusionsvorhaben vorangetrieben werden, <strong>die</strong> <strong>Schule</strong>n werden<br />
personell und technisch besser ausgestattet sein.<br />
INDIVIDUALISIERUNG<br />
<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> <strong>ist</strong> eine individuelle Einrichtung. Der Schüler<br />
<strong>ist</strong> kein Jahrgangsteilnehmer und <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> kein Schultyp. <strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong><br />
sind einzigartige Menschen, <strong>die</strong> in einzigartigen <strong>Schule</strong>n lernen.<br />
Jedes <strong>Kind</strong> bringt ganz individuelle Veranlagungen mit. Unterstützen<br />
wir ihr einzigartiges Lernverhalten mit einzigartigen Methoden, werden<br />
sie einzigartige Fähigkeiten entwickeln, <strong>die</strong> sie zu einem einzigartigen<br />
Leben unter uns heute noch nicht bekannten Bedingungen<br />
befähigen.<br />
Eltern verlangen oft <strong>die</strong> Prüfung ihrer Kin<strong>der</strong> nach allge<strong>mein</strong>en Le<strong>ist</strong>ungskriterien<br />
und erhoffen sich davon eine Einschätzung <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>schancen.<br />
Obwohl <strong>die</strong> Benotung und Prüfung in den me<strong>ist</strong>en<br />
<strong>Schule</strong>n noch gang und gäbe sind, sind <strong>die</strong>se Methoden nicht zukunftsweisend,<br />
weil sie allge<strong>mein</strong>e Kriterien an Individuen ansetzen.<br />
Es gibt keinen nachweisbaren stat<strong>ist</strong>ischen Zusammenhang zwischen<br />
Schulzensuren und <strong>der</strong> Qualität des späteren Lebens <strong>der</strong> Schüler. Aber<br />
es gibt tausende Berichte über durch Le<strong>ist</strong>ungsdruck, Gruppenzwang<br />
und Fehleinschätzungen verdunkelte Schulzeiten und in <strong>der</strong> Folge<br />
auch sicherlich verpasste Entwicklungschancen.<br />
NACHHALTIGKEIT<br />
Nachhaltigkeit in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> kann nur heißen, dass <strong>der</strong> Schüler das<br />
Erlernte im Gedächtnis behält und nutzbringend im späteren Leben<br />
anwendet. <strong>Die</strong>ses Resultat <strong>ist</strong> bei einem alterssortierten Frontalunterricht<br />
mit Akzent auf willkürliche Wissensvermittlung ein eher seltener<br />
Zufall. Nachhaltiges Lernen <strong>ist</strong> nur mit starkem Eigeninteresse,<br />
Freude am Gegenstand und Neugier auf das Resultat vorstellbar.<br />
Damit verbietet sich ein Lehren mit dem Ziel <strong>der</strong> Umsetzung allge<strong>mein</strong>er<br />
Bildungsstandards als nicht nachhaltig und damit nicht zukunftsfähig.<br />
Nachhaltigkeit wird auch vermittelt durch <strong>die</strong><br />
Beschaffenheit <strong>der</strong> Räumlichkeiten und Materialien, in und mit denen<br />
wir unsere Kin<strong>der</strong> unterrichten. Abgesehen von <strong>der</strong> Entwicklungsför<strong>der</strong>ung,<br />
<strong>die</strong> von differenzierten, wertigen Sinneseindrücken bewirkt<br />
wird, werden Denkweise und generelle Lebenshaltung durch das Erleben<br />
nachhaltig konzipierter Umgebung geprägt. Wenn Eltern be<strong>für</strong>chten,<br />
von ihren Kin<strong>der</strong>n mit unorthodoxen Ideen und For<strong>der</strong>ungen<br />
konfrontiert zu werden, sollten sie sich zum einen bereit zeigen, sich<br />
auf Neues einzulassen und zum an<strong>der</strong>en verstehen, dass nachhaltige<br />
Lebensweise kein Mindesteinkommen voraussetzt. Mal ganz davon<br />
abgesehen, dass Nachhaltigkeit als Lebensprinzip „alternativlos“ <strong>ist</strong>.<br />
Foto: Pixabay<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
11
Foto: Pixabay<br />
<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> ...<br />
... wie Kin<strong>der</strong> sie sich wünschen.<br />
Wie sieht eine <strong>Schule</strong> nach den Vorstellungen<br />
<strong>der</strong> Schüler heutzutage aus? Was wäre an<strong>der</strong>s,<br />
wenn sie bestimmen dürften? Kin<strong>der</strong>buchautorin<br />
Antje Szillat hatte sich bereits im Jahr 2009<br />
<strong>für</strong> das KidsLife-Magazin auf den Weg gemacht<br />
und in vielen Städen in Deutschland Kin<strong>der</strong><br />
und Jugendliche an ihren <strong>Schule</strong>n besucht. Sie<br />
sprach und diskutierte mit Schülern in Köln,<br />
Dortmund, Düsseldorf, Hannover, Hamburg,<br />
Wolfsburg, München, Saarbrücken, Kiel und<br />
Frankfurt am Main <strong>–</strong> um von ihnen zu erfahren:<br />
Wie stellt ihr euch <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong><br />
vor?<br />
Obwohl Antje Szillat ganz unterschiedliche<br />
Klassenstufen besuchte und <strong>die</strong> informelle Befragung<br />
quer durch alle Schulmodelle erfolgte<br />
waren <strong>die</strong> Ergebnisse nicht so unterschiedlich,<br />
wie man hatte <strong>mein</strong>en können. Von Grunschulen<br />
über Haupt-, Real- und Gesamtschulen bis<br />
zu den Gymnasien wünschten sich Schüler<br />
durchweg freundlichere Räume, einen Lehrer-<br />
TÜV, mehr Unterricht in Sport und kreativen<br />
Fächern, Bewegung im Unterricht und ein Training<br />
des Sozialverhaltens , da Mobbing und Gewalt<br />
das Klima an zahlreichen <strong>Schule</strong>n belastet.<br />
Auch mehr Freiarbeit und individuellere Lernmethoden<br />
standen auf <strong>der</strong> Wunschl<strong>ist</strong>e <strong>der</strong><br />
Schüler weit oben.<br />
All <strong>die</strong>se Wünsche klingen nicht utopisch und<br />
erscheinen, mit gutem Willen und etwas Geduld,<br />
durchaus umsetzbar, selbst an den ganz<br />
normalen Staatsschulen. Inzwischen sorgen<br />
neue Gegebenheiten wie <strong>der</strong> Aufbau eines<br />
neuen „inklusiven“ Schulsystems in Deutschland<br />
und <strong>die</strong> Einführung von Ganztagsschulen<br />
da<strong>für</strong>, dass <strong>Schule</strong>n sich än<strong>der</strong>n und nach neuen<br />
Wegen und Methoden <strong>der</strong> Unterrichtsgestaltung<br />
und des sozialen Miteinan<strong>der</strong>s suchen.<br />
Bis alle erfor<strong>der</strong>lichen Än<strong>der</strong>ungen erfolgreich<br />
umgesetzt werden können, werden sicher noch<br />
einige Jahre ins Land gehen, doch, <strong>die</strong> ersten<br />
Schritte auf dem Weg zur „<strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>“<br />
<strong>für</strong> alle Kin<strong>der</strong> sind bereits getan!<br />
12 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
WAS SCHÜLER AN IHREN SCHULEN ÄNDERN MÖCHTEN<br />
Ergebnisse einer Befragung an <strong>Schule</strong>n in ganz Deutschland<br />
<strong>Die</strong> Schüler <strong>der</strong> neunten Klasse einer Hauptschule<br />
in Dortmund wünschten sich:<br />
Computer im Unterricht!<br />
Keine Ganztagsschulen!<br />
Bewegter Unterricht!<br />
Lehrer-Tüv!<br />
Kreativere Fächer und mehr Sportunterricht!<br />
Jüngere Lehrer!<br />
Sozialarbeiter an den <strong>Schule</strong>n!<br />
Freiwählbare Fremdsprachen (außer Englisch)!<br />
Viel mehr Methodentraining!<br />
Kleine Lerngruppen, den Le<strong>ist</strong>ungen angepasst!<br />
Keine Gewalt mehr an <strong>Schule</strong>n <strong>–</strong><br />
viel mehr Anti-Gewalt-Programme<br />
Kooperationen mit Sportvereinen!<br />
An einem Gymnasium in Hannover stellten<br />
sich Schüler <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> so vor:<br />
Kleinere Klassen!<br />
Individueller Unterricht!<br />
Viel mehr bilingualer Unterricht!<br />
Spanisch als zweite Fremdsprache!<br />
Klassenlehrer-Teams (aus beiden Geschlechtern)<br />
Sozialarbeiter an den <strong>Schule</strong>n!<br />
Lernen dem eigenem Lernsystem entsprechend!<br />
Neue Lernmethoden!<br />
Regelmäßige Lehrerbewertung!<br />
Freiwählbare Nebenfächer!<br />
Sitzenbleiben abschaffen!<br />
Freie Hausarbeit, nach einem Punktesystem!<br />
Besser ausgebildete Lehrkräfte!<br />
Kreative Fächer sollten größere Rolle spielen!<br />
Deutlich mehr Sportunterricht!<br />
Freundlichere Klassenräume!<br />
Saubere Toiletten, (Beispiele und Anregung<br />
gab es dazu dutzendweise)<br />
In Düsseldorf sehnten <strong>die</strong> Schüler einer<br />
vierten Grundschulklasse sich nach einer<br />
<strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>, <strong>die</strong> folgende Punkte<br />
beinhaltet:<br />
Mehr Sportunterricht!<br />
Schönere <strong>Schule</strong> <strong>–</strong> kindgerechter!<br />
Kuschelecken im Klassenzimmer, <strong>für</strong> Auszeit!<br />
Computerunterricht!<br />
Saubere Toiletten!<br />
Mehr männliche Lehrer!<br />
Ideenwerkstatt!<br />
Mitspracherecht <strong>der</strong> Schüler!<br />
Besseres AG-Angebot!<br />
Mehr Streitschlichter!<br />
Methodentraining!<br />
Im Unterricht bewegen dürfen!<br />
Unterricht unter freiem Himmel!<br />
Weniger Hausaufgaben,<br />
mehr Hausaufgabenbetreuung<br />
<strong>Die</strong> dritte Klasse einer Grundschule in Köln<br />
fand, <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> sollte so sein:<br />
Sechs Jahre Grundschule!<br />
Viel mehr Sportunterricht!<br />
Unterricht in <strong>der</strong> freien Natur!<br />
Englisch von Klasse 1 an!<br />
Lernen in Bewegung!<br />
Trinken im Unterricht erlaubt!<br />
Mehr männliche Lehrkräfte!<br />
Mehr Zeit und Raum <strong>für</strong> kreative Fächer!<br />
Mehr Musikunterricht!<br />
Freundliche Klassenräume!<br />
Nette Lehrer!<br />
In München, an einer Realschule wünschten<br />
sich Schüler <strong>der</strong> siebten Klasse:<br />
Flexibleren Unterricht!<br />
Lehrer-Tüv!<br />
Mitspracherecht!<br />
Freundlichere Klassenräume!<br />
Unterricht mit den neuen Me<strong>die</strong>n!<br />
Mehr Sport!<br />
Anti-Mobbing-Programme!<br />
Weniger Gewalt!<br />
Strengere Lehrer!!!<br />
Mitschüler, <strong>die</strong> sich benehmen können!!!<br />
Bewegter Unterricht!<br />
Individuelle Lernmethoden!<br />
Kleinere Klassen!<br />
Besser ausgestattete <strong>Schule</strong>n!<br />
Mo<strong>der</strong>ner Unterricht!<br />
Freizeiträume!<br />
Kleine Räume <strong>für</strong> Gruppenarbeit!<br />
Ausweichmöglichkeiten!<br />
In Hamburg sagten <strong>die</strong> Schüler <strong>der</strong><br />
achten Klasse einer Hauptschule:<br />
Lehrer-Tüv!<br />
Lernen mit den neuen Me<strong>die</strong>n!<br />
Keine Gewalt an den <strong>Schule</strong>n!<br />
Mehr Vertrauenslehrer, denen man dann auch<br />
wirklich vertrauen kann!<br />
An<strong>der</strong>e Form von Klassenarbeiten!<br />
Individuellerer Lernstoff!<br />
Freies Lernen!<br />
Mehr Vorbereitung auf das Berufsleben!<br />
Schönere (neuere) Schulgebäude!<br />
Wohlfühlräume!<br />
Mehr Methodentraining!<br />
Mehr Achtung vor Hauptschülern,<br />
durch verbesserte Hauptschulen!<br />
Mehr engagierte Lehrer!<br />
Auszeit nehmen können, wenn nichts mehr geht!<br />
In Wolfsburg haben wir an einer Gesamtschule<br />
bei einer sechsten Klasse nachgefragt:<br />
Mo<strong>der</strong>nes Schulgebäude!<br />
Lehrer-Tüv!<br />
Klassenlehrer-Team!<br />
Freies Lernen!<br />
Rückzugsmöglichkeiten!<br />
Nicht so streng strukturierte Klassenräume!<br />
Individuellere Stundenpläne!<br />
Mehr Freiarbeit!<br />
Mehr Praktiken!<br />
Mehr Sportunterricht!<br />
Mehr kreativere Fächer!<br />
Kleinere Klassen!<br />
Freundliche Lehrer!<br />
In Saarbrücken an einen Gymnasium<br />
sah es so aus:<br />
Lehrer-Tüv<br />
Mehr Unterricht mit den neuen Me<strong>die</strong>n!<br />
Flexibler Stundenplan!<br />
Freundlichere Klassenzimmer!<br />
Mehr Freiarbeit!<br />
Mitbestimmungsrecht <strong>der</strong> Schüler!<br />
Sitzenbleiben abschaffen!<br />
Kleine Klassen!<br />
Verbessertes Verhältnis zu Lehrern!<br />
Mehr Methodentraining!<br />
Individuelles Lernen!<br />
Bewegtes Lernen!<br />
Viel mehr Sport und auch kreative Fächer!<br />
In Kiel und Frankfurt fragten wir jeweils <strong>die</strong><br />
achte Klasse einer Realschule:<br />
Sitzenbleiben abschaffen!<br />
Strenge Lehrpläne abschaffen!<br />
Lehrer-Tüv!<br />
Weniger Gewalt<strong>–</strong> mehr Training des<br />
Sozialverhaltens!<br />
Freier Unterricht!<br />
Mehr Sport!<br />
Freie Nebenfächerwahl!<br />
Unterricht und Aufklärung zu den neuen Me<strong>die</strong>n!<br />
Besser ausgebildete Lehrer!<br />
Gemütliche Klassenzimmer und Freizeiträume!<br />
Freundlicheres Schulgebäude!<br />
Mehr Sozialarbeiter und Vertrauenslehrer!<br />
Mehr Zeit <strong>für</strong> kreative Fächer!<br />
Lernen auch zu aktuellen Themen!<br />
Flexiblerer Lehrplan!<br />
An<strong>der</strong>e Form <strong>für</strong> Klassenarbeiten!<br />
Bilingualen Unterricht!<br />
Bewegung im Unterricht!<br />
Ruhigere Klassen!<br />
Mehr Rücksichtsnahme und Zusammenhalt!<br />
Individuelleres Lernen!<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
13
DEMOKRATISCHES LERNEN<br />
14 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
D i e S c h u l e d e r Z u k u n f t<br />
Demokratisches Lernen<br />
und Blicke über den Zaun<br />
T E X T : R O S E M A R I E L Ö S E R F O T O S : H A N S A H L E N I U S , F U T U R U M<br />
Frontalunterricht, starre Notensysteme und frühe Selektion;<br />
dass unser Schulsystem viele Kin<strong>der</strong> statt zum Lernerfolg in<br />
<strong>die</strong> Sackgasse führ t, wissen wir spätestens seit PISA.<br />
Doch welche Alternativen haben wir?<br />
Wie soll <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> Zukunf t aussehen? Was hat sich bewähr<br />
t und was muss an<strong>der</strong>s werden? KidsLife stellt visionäre<br />
Modelle und erprobte Beispiele vor.<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
15
DEMOKRATISCHES LERNEN<br />
A<br />
ls <strong>mein</strong>e Freun din Dorette<br />
und ich endlich unser Abi tur<br />
in <strong>der</strong> Ta sche hatten, fühl ten<br />
wir uns befreit.. Klassen arbeiten,<br />
Hausaufgaben, Zeugnisse<br />
und vor allem <strong>die</strong> Lehrer, <strong>die</strong><br />
uns 13 Jahre lang das Leben<br />
schwer gemacht hatten, lagen endlich hinter<br />
uns. Dach ten wir. Doch im letzten Sommer<br />
wurde Dorettes Ältester eingeschult und das<br />
Thema <strong>Schule</strong> steht wie<strong>der</strong> auf dem Plan. Natürlich<br />
soll es dem Jungen besser gehen als uns:<br />
Mit Freude lernen statt unter Zwang, Anregungen<br />
zum Selbermachen statt ö<strong>der</strong> Paukerei, soziales<br />
Lernen und lebendige Projekte statt<br />
Frontal unterricht. Doch welche <strong>Schule</strong> wünschen<br />
wir uns <strong>für</strong> unsere Kin<strong>der</strong>? Wie könnte<br />
<strong>die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> aussehen?<br />
Lernen gehört zu den elementaren Bedürfnissen<br />
eines jeden Menschen. Mit dem ersten<br />
Atemzug beginnen wir mit Interesse und Freude<br />
<strong>die</strong> Welt zu entdecken, eignen uns voller Energie<br />
Fertigkeiten und Kenntnisse an. Wir experimentieren,<br />
staunen und fragen den Erwachsenen<br />
Löcher in den Bauch. <strong>Die</strong>se lustvolle<br />
Lernerfahrung, <strong>die</strong>se Entdecker freude sollte <strong>die</strong><br />
<strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> bewahren und för<strong>der</strong>n.<br />
Doch wie muss <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> aussehen, <strong>die</strong> <strong>die</strong><br />
Lust am Lernen bewahrt und <strong>die</strong> kleinen Forscher<br />
und Forscherinnen weiterhin beflügelt?<br />
Wie muss sie organisiert sein, damit sie junge<br />
Menschen in ihrer Vielfalt begreift und för<strong>der</strong>t?<br />
Kann es überhaupt eine <strong>Schule</strong> geben, <strong>die</strong> so<br />
hohe Ansprüche erfüllen kann? Und wie kann<br />
sie dem rasanten Wissens zuwachs begegnen?<br />
Schließlich muss ein Abiturient heute davon<br />
ausgehen, dass <strong>die</strong> Hälfte aller Wissensinhalte,<br />
<strong>die</strong> er in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> gelernt hat, nach spätestens<br />
20 Jahren veraltet sind. Und <strong>die</strong> Alterung des<br />
Wissens schreitet rapide voran. In einigen Bereichen<br />
<strong>–</strong> etwa <strong>der</strong> EDV <strong>–</strong> beträgt <strong>die</strong> „Halbwertszeit<br />
des Wissens“ schon heute gerade<br />
einmal drei Jahre.<br />
<strong>Die</strong> vier tragenden Säulen <strong>für</strong><br />
<strong>die</strong> <strong>Schule</strong> des 21. Jahrhun<strong>der</strong>ts<br />
laut Unesco<br />
Learn to know: Zu lernen, wie man lernt, effektiv<br />
zu lernen und auf ein lebenslanges Lernen vorbe reitet<br />
zu sein.<br />
Learn to do: Zu lernen, wie man handlungsfähig<br />
wird - beruflich, öffentlich und privat.<br />
Learn to be: Zu lernen, wer man <strong>ist</strong> und eine<br />
sozialfähige Ich-Identität zu entwickeln.<br />
Learn to live together: Zu lernen, in einer demokratischen<br />
und vielfältigen Gesellschaft zu leben,<br />
und mit an<strong>der</strong>en ge<strong>mein</strong>sam handeln zu können.<br />
NEUE SCHULEN FÜR NEUE ZEITEN<br />
<strong>Die</strong> Globalisierung, <strong>die</strong> Fülle an Informationen,<br />
<strong>die</strong> durch <strong>die</strong> Entwicklung neuer Technologien<br />
verfügbar sind, stellen neue Anfor<strong>der</strong>ungen an<br />
das individuelle Lernen <strong>–</strong> und das gesamte Bildungswesen.<br />
<strong>Die</strong> industrielle Gesellschaft wandelt<br />
sich zur Wissensgesellschaft. <strong>Die</strong>s verlangt<br />
von den Kin<strong>der</strong>n an<strong>der</strong>e Fähigkeiten als bisher,<br />
denn Bildung spielt in <strong>der</strong> Wissensgesellschaft<br />
eine Schlüsselrolle: Sie hilft bei <strong>der</strong> persönlichen<br />
Orien tierung, sie ermöglicht es, an <strong>der</strong> Gestaltung<br />
des öffentlichen Lebens mitzuwirken und<br />
erleichtert den Zugang zum Arbeitsmarkt. Lebenslanges<br />
Lernen lautet <strong>die</strong> Devise <strong>für</strong> <strong>die</strong> Zu-<br />
16 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
kunft. Indi vi du elle Lernstrate gien, <strong>die</strong> es Kin<strong>der</strong>n<br />
ermöglichen, sich in kurzer Zeit selbständig<br />
Wissen anzueignen, müssen ver mittelt<br />
werden. Und ganz wichtig: Schüler müssen lernen,<br />
Wichtiges von Un wichtigem zu unterscheiden,<br />
sonst gehen sie in <strong>der</strong> Infor mationsflut<br />
unter. Aneignungs metho den sind damit<br />
ebenso wichtig, wie das Lernen selbst.<br />
Eine zukunftsfähige <strong>Schule</strong> erfor<strong>der</strong>t daher sowohl<br />
eine strukturelle Reform als auch ein pädagogisches<br />
Umdenken. Blickt man über den<br />
nationalen Tellerrand hinaus, zeigt sich, dass in<br />
zahlreichen an<strong>der</strong>en Län<strong>der</strong>n das Bildungswesen<br />
in den letzten Jahrzehnten bedeutend mutiger<br />
und nachhaltiger umgestaltet wurde als in<br />
<strong>der</strong> Bundesrepublik. „In <strong>der</strong> europäischen Schulpolitik<br />
gibt es einschlägige Trends, <strong>die</strong> Deutschland<br />
verpasst hat“, sagte Bildungs for scher Dr.<br />
Hans Döbert bereits 2003 in einem WDR-Interview.<br />
„Finnland, England, Frank reich, <strong>die</strong><br />
Nie<strong>der</strong>lande und an<strong>der</strong>e haben in den 1980er-<br />
1990er Jahren ihr Schulwesen stark verän<strong>der</strong>t.“<br />
Zu den wichtigsten Reformen gehört <strong>die</strong> Rücknahme<br />
des Frontalunterrichts zu gunsten von<br />
Unterrichts formen, <strong>die</strong> <strong>die</strong> individuellen Fähigkeiten<br />
<strong>der</strong> Schü ler stärker berücksichtigen. Auch<br />
<strong>die</strong> Fokussierung auf <strong>die</strong> frühkindliche Bildung<br />
und <strong>die</strong> Übertragung von mehr Verant wortung<br />
und Ge staltungsfreiheit von den Behör den an<br />
<strong>die</strong> <strong>Schule</strong>n sind wichtige Punkte.<br />
Schlechte Chancen<br />
<strong>für</strong> <strong>die</strong> Nachkommen von Eltern, <strong>die</strong> aus dem Ausland nach Deutsch land kommen<br />
und <strong>für</strong> <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> unterer Ein kommens schichten. Dass das hiesige Schulund<br />
Bildungs system eklatante Defizite aufwe<strong>ist</strong>, <strong>ist</strong> nicht erst seit dem Pisa-Debakel<br />
offenkundig, aber seitdem stärker in <strong>die</strong> öffent liche Wahr nehmung gerückt.<br />
Nicht nur unbefriedigende Lern effekte wurden den <strong>Schule</strong>n laut Stu<strong>die</strong> im<br />
Land <strong>der</strong> Dichter und Denker bescheinigt, son<strong>der</strong>n auch eine beson<strong>der</strong>s starke<br />
Kopplung von Bildungserwerb an <strong>die</strong> soziale und ethnische Herkunft.<br />
LERNEN IST NICHT GLEICH<br />
UNTERRICHTET WERDEN<br />
Marianne Gronemeyer, emeritierte Professorin<br />
<strong>der</strong> Erziehungswissenschaften, war selbst acht<br />
Jahre lang als Lehrerin tätig. Sie <strong>ist</strong> eine <strong>der</strong> profiliertesten<br />
Kritikerinnen des herkömmlichen<br />
deutschen Schul modells. „Lernen und unterrichtet<br />
werden sind zwei ganz verschiedene<br />
Dinge“, erklärt <strong>die</strong> Pädagogin, „denn wer kann<br />
schon unter Zwang und Konkurrenzdruck<br />
wirklich Kenntnisse erwerben“. Für sie <strong>ist</strong> <strong>die</strong><br />
Bewertung von Menschen auf einer Zahlenskala<br />
zwischen eins und sechs ein elementares<br />
Hemmnis <strong>für</strong> eine zukunftsfähige <strong>Schule</strong>. „Tausende<br />
von Talenten und Fähigkeiten fallen<br />
durch <strong>die</strong> Standardisierung von Bildung einfach<br />
unter den Tisch.“<br />
Auch <strong>die</strong> Schüler selbst wünschen sich Re formen.<br />
K.R.Ä.T.Z.Ä. (Kin<strong>der</strong>RÄchTsZÄnker),<br />
eine engagierte Gruppe von etwa 20 jungen<br />
Leuten in Berlin, setzt sich <strong>für</strong> <strong>die</strong> Gleichberechtigung<br />
zwischen Kin<strong>der</strong>n und Erwachsenen<br />
ein. Natürlich haben sie sich in <strong>die</strong>sem Zusammenhang<br />
auch ausführlich mit dem Thema<br />
<strong>Schule</strong> beschäftigt. Ex-Schüler und Gruppenmitglied<br />
Stefan (20), bezieht eine klare Position:<br />
„<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong>n, <strong>die</strong> sich am besten mit unseren<br />
Vorstellungen decken, sind sogenannte „Demokratische<br />
<strong>Schule</strong>n“. An solchen <strong>Schule</strong>n<br />
können <strong>die</strong> Schüler komplett entscheiden, was,<br />
wann und wie sie lernen. Es gibt keine Alterstrennung<br />
und Bewertung. An manchen von<br />
ihnen gibt es Unterricht sogar nur nach ausdrücklicher<br />
Nachfrage <strong>der</strong> Schüler („Sudbury-<br />
Modell“). Schüler und Lehrer treffen Entscheidungen,<br />
<strong>die</strong> <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> betreffen, gleichberechtigt.<br />
Das mehrgliedrige Schulsystem sieht <strong>der</strong><br />
ehemalige Schüler äußerst kritisch: „Innerhalb<br />
einer <strong>Schule</strong>, in <strong>der</strong> alle selbst entscheiden können,<br />
was sie lernen, <strong>ist</strong> es nicht notwendig, zusätzlich<br />
<strong>die</strong> Schüler zu separieren.”<br />
Etwa 100 demokratische <strong>Schule</strong>n gibt es weltweit,<br />
<strong>die</strong> me<strong>ist</strong>en davon in den USA, in Israel<br />
und in den Nie<strong>der</strong>landen. Charakter<strong>ist</strong>isch <strong>für</strong><br />
ihre Lernkultur <strong>ist</strong> Selbstbestimmung, Selbstorganisation<br />
und Eigen verantwortung. An <strong>die</strong>sen<br />
<strong>Schule</strong>n gibt es keine Lehrpläne und keine Zensuren;<br />
Prüfungen sind freiwillig. Schüler und<br />
Lehrer haben gleiche Rechte und organisieren<br />
ge<strong>mein</strong>sam ihre <strong>Schule</strong>. <strong>Die</strong> Absolventen <strong>der</strong><br />
demokratischen <strong>Schule</strong>n sind nicht weniger er-<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
17
DEMOKRATISCHES LERNEN<br />
<strong>Die</strong> Delphi-Stu<strong>die</strong><br />
Bereits 1997 wurde vom damaligen Bundes min<strong>ist</strong>erium <strong>für</strong> Bildung, Forschung, Wissen<br />
schaft und Technologie eine Stu<strong>die</strong> mit dem Titel „Potenziale und Dimensionen<br />
<strong>der</strong> Wissens gesellschaft <strong>–</strong> Auswirkungen auf Bildungsprozesse und Bildungsstrukturen“<br />
in Auftrag gegeben. Verschiedene Personen aus unterschiedlichen Bildungseinrichtungen<br />
wurden befragt, um Ideen und Vor schläge zur Gestaltung eines zukunftsfähigen<br />
Bildungssystems zusammenzutragen. Bei <strong>der</strong> Auswertung <strong>der</strong> schriftlichen<br />
Befragung von 457 Experten kr<strong>ist</strong>allisierten sich übereinstimmend folgende<br />
Thesen heraus:<br />
<strong>Die</strong> Fähigkeit zur selbständigen Aneignung von Wissen bekommt<br />
primäre Bedeutung.<br />
<strong>Die</strong> Fähigkeit, Probleme zu lösen, <strong>ist</strong> wichtiger als Fachwissen.<br />
Eigenverantwortung des Einzelnen gewinnt im Bildungssystem an<br />
Bedeutung.<br />
Durch <strong>die</strong> mediale Vernetzung <strong>ist</strong> Lernen an vielen Orten möglich.<br />
folgreich als an<strong>der</strong>e, da sie schon frühzeitig lernen,<br />
Entscheidungen <strong>für</strong> das eigene Leben zu<br />
treffen. Zudem verfügen sie über ausgeprägtere<br />
soziale Fähigkeiten. K.R.Ä.T.Z.Ä besuchte 2004<br />
<strong>die</strong> „Democratic School of Ha<strong>der</strong>a“ in Israel.<br />
Sie <strong>ist</strong> mit 370 Schülern <strong>die</strong> zweitgrößte demokratische<br />
<strong>Schule</strong> <strong>der</strong> Welt. Obwohl sich einige<br />
sehr engagierte Initiativen schon seit längerem<br />
<strong>für</strong> <strong>die</strong> Einrich tung demokratischer <strong>Schule</strong>n in<br />
<strong>der</strong> Bundes republik einsetzen, scheiterten <strong>die</strong>se<br />
Versuche bisher an den zuständigen Behörden<br />
<strong>der</strong> einzelnen Bundeslän<strong>der</strong>.<br />
„BLICK ÜBER DEN ZAUN“ <strong>–</strong> VISIONÄRER<br />
SCHULVERBUND UND NETZWERK<br />
Auch immer mehr Schulleiter und Lehrer sind<br />
um eine positive Vision von <strong>Schule</strong> bemüht: Im<br />
Schulverbund und Netzwerk „Blick über den<br />
Zaun“ haben sich bundesweit 54 sehr unterschiedliche<br />
<strong>Schule</strong>n in staatlicher wie in freier<br />
Träger schaft zusammengeschlossen. Geför<strong>der</strong>t<br />
durch <strong>die</strong> Robert-Bosch-Stiftung, fand im November<br />
2006 in <strong>der</strong> Evangelischen Akademie<br />
Hofgeismar eine Fachtagung von „Blick über<br />
den Zaun“ statt. Über 100 <strong>Schule</strong>iterInnen und<br />
LehrerInnen aus den 54 Mitgliedsschulen verabschiedeten<br />
einstimmig <strong>die</strong> „Erklärung von<br />
Hofgeismar“ unter dem Titel „<strong>Schule</strong> <strong>ist</strong> unsere<br />
Sache <strong>–</strong> ein Appell an <strong>die</strong> Öffentlichkeit“.<br />
EIN MANIFEST FÜR EINE LEBENSWERTE<br />
SCHULE<br />
„Blick über den Zaun“ for<strong>der</strong>t unter an<strong>der</strong>em:<br />
<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> soll einladend und freundlich sein.<br />
Pädagogen, Schüler, Eltern, Kommunen und<br />
außerschulische Institutionen sollen zusammenarbeiten,<br />
damit Kin<strong>der</strong> und Jugendliche sich in<br />
<strong>der</strong> <strong>Schule</strong> den ganzen Tag über wohl fühlen<br />
können. Vollwertige Verpflegung, ein Gesundheits-<br />
und Beratungs<strong>die</strong>nst, ein flexibler Tagesrhythmus,<br />
gute Ausstattung <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> mit<br />
vielfachen Lern gele genheiten, genügend Platz<br />
zum Lernen, Spielen und Bewegen sollen<br />
selbstverständlich sein.<br />
Kein <strong>Kind</strong> soll beschämt werden. Niemand soll<br />
sich als Versager fühlen. Darum soll das Sitzenbleiben<br />
abgeschafft werden. Der Unterricht soll<br />
darauf ausgerichtet sein, <strong>der</strong> Individualität <strong>der</strong><br />
Kin<strong>der</strong> gerecht zu werden. <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> soll<br />
daher neue Formen <strong>der</strong> Le<strong>ist</strong>ungsbegleitung<br />
und -bewertung entwickeln, zum Beispiel verpflichtende<br />
Beratungsgespräche und Lernvereinbarungen.<br />
<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> soll selbstständig und eigenverantwortlich<br />
arbeiten können. Starre Jahrgangsklassen<br />
sollen durch flexible Lernformen und<br />
Lerngruppen ersetzt werden. Zwölf- und Vierzehnjährige<br />
können zusammen Englisch lernen<br />
o<strong>der</strong> im Labor experimentieren. <strong>Die</strong> Unterteilung<br />
in Haupt- und Nebenfächer soll abgeschafft<br />
werden: Theater, Handwerk, Musik o<strong>der</strong><br />
Religion soll gleichwertig mit Englisch o<strong>der</strong> Mathematik<br />
behandelt werden.<br />
Aus eigener Kraft können <strong>die</strong> me<strong>ist</strong>en <strong>Schule</strong>n<br />
solch tiefgreifende Än<strong>der</strong>ungen nicht durchsetzen.<br />
„Blick über den Zaun“ appelliert daher an<br />
Men schen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft,<br />
Ad min<strong>ist</strong>ration, den Me<strong>die</strong>n und an <strong>die</strong> gesamte<br />
Öf fent lichkeit, ihre Vision tatkräftig zu unterstützen:<br />
„Im Interesse unserer Kin<strong>der</strong> und Jugendlichen<br />
müssen wir zu einem tragfähigen<br />
Konsens kommen, <strong>der</strong> <strong>der</strong> Entwicklung unserer<br />
<strong>Schule</strong>n <strong>die</strong> Richtung we<strong>ist</strong> und <strong>der</strong> von dem<br />
Bewusstsein getragen <strong>ist</strong>: <strong>Schule</strong> <strong>ist</strong> unsere<br />
Sache.“<br />
18 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
Zu spät kommen <strong>ist</strong> kein Problem<br />
<strong>für</strong> Futurum-Schüler: sie dürfen entscheiden, wann sie ihren Schultag beginnen und wann sie ihn beenden. Für <strong>die</strong> älteren Kin<strong>der</strong> beginnt und endet<br />
<strong>der</strong> Tag mit einer flexibel gestaltbaren Arbeits einheit. So <strong>ist</strong> es möglich, dass <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> wählen können, ob sie lieber früher kommen o<strong>der</strong> später<br />
nach Hause gehen möchten. Für jüngere Kin<strong>der</strong> gibt es vor und nach <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> <strong>die</strong> Möglichkeit, einen integrierten Hort zu besuchen.<br />
FUTURUM <strong>–</strong> EIN MODELL FÜR DIE<br />
SCHULE DER ZUKUNFT<br />
Hartmut von Hentig, Professor <strong>der</strong> Pädagogik<br />
und Reformpädagoge, hatte <strong>die</strong> Möglichkeit<br />
seine Visi on von <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong> umzusetzen.<br />
Seine Ideen findet er in <strong>der</strong> Laborschule<br />
Bielefeld verwirklicht, einer <strong>der</strong> fortschrittlichsten<br />
Bildungs einrichtungen Deutschlands.<br />
<strong>Die</strong> Labor schule Bielefeld <strong>ist</strong> Mitglied im<br />
Verbund <strong>der</strong> UNESCO- Projektschulen sowie<br />
im Schulverbund „Blick über den Zaun“. Hartmut<br />
von Hentig for<strong>der</strong>t: „<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> soll keine<br />
Belehrungsanstalt sein, son<strong>der</strong>n eine Art Lernwerkstatt,<br />
<strong>die</strong> Kin<strong>der</strong>n und Jugend lichen den<br />
nötigen Raum <strong>für</strong> Selbst erkundungen gibt. Ist<br />
<strong>die</strong> <strong>Schule</strong> ein Lebensraum, muss sich <strong>der</strong> ganze<br />
Mensch in ihr entfalten können.“ Ein Modellprojekt<br />
in Sachen <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>, in dem<br />
<strong>die</strong>se For<strong>der</strong>ungen konsequent erfüllt werden<br />
und dass seit Jahren gut funktioniert, gibt es in<br />
Schweden: „Futurum“ heißt <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> in <strong>der</strong><br />
Kleinstadt Bålsta, 40 Kilometer westlich von<br />
Stockholm, in <strong>der</strong> eine Vision Realität wurde.<br />
Sie <strong>ist</strong> nicht nur zum Vorbild innerhalb von<br />
Schweden geworden, son<strong>der</strong>n stößt auch international<br />
auf großes Interesse. In den letzten<br />
fünf Jahren wurde <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> von 6500 Gästen<br />
aus 20 Län<strong>der</strong>n besucht. Mit ihrer innovativen<br />
Pädagogik setzt <strong>die</strong> Futurum-<strong>Schule</strong> Maßstäbe<br />
<strong>für</strong> <strong>die</strong> europäische <strong>Schule</strong>ntwicklung und ganz<br />
speziell <strong>für</strong> den Ausbau <strong>der</strong> Ganztags schulen in<br />
Deutschland.<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
19
DEMOKRATISCHES LERNEN<br />
Lichtdurchflutete Räume ...<br />
schöne Farben und Mate ri a lien <strong>–</strong> <strong>die</strong> Optik <strong>der</strong> Räumlichkeiten <strong>ist</strong> mehr als eine Nebensache. Da Wohl befinden das Lernen positiv beeinflusst, <strong>ist</strong> schon<br />
<strong>die</strong> Architektur in „Futurum“ Programm. <strong>Die</strong> farbenfrohe Gestaltung vermittelt den Kin<strong>der</strong>n ein positives Lebensgefühl und Vitalität.<br />
„<strong>Die</strong> Futurum-<strong>Schule</strong> steht <strong>für</strong> eine neue Organisation,<br />
eine verbesserte Pädagogik, eine verän<strong>der</strong>te<br />
Rolle des Pädagogen und <strong>für</strong> ein gutes<br />
Arbeitsumfeld. Uns beschäftigte: Was müssen<br />
wir <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> lehren? Wie muss <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> und<br />
vor allem <strong>der</strong> Inhalt <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> verän<strong>der</strong>t werden,<br />
damit ein Nutzen aus den ungeheuren<br />
Mögli chkeiten <strong>der</strong> neuen Technik gezogen werden<br />
kann? Wie bringen wir unsere Schüler dazu,<br />
mehr Verant wortung zu übernehmen, <strong>die</strong> richtigen<br />
Fragen zu stellen, im Team, projektorientiert<br />
und themen- übergreifend zu arbeiten.“, so<br />
Hans Ahlenius, Lehrer <strong>für</strong> Mathematik und Naturwissenschaften.<br />
Er hat den pädagogischen<br />
und architektonischen Umbau <strong>der</strong> schwedischen<br />
<strong>Schule</strong> von Anfang an mitgestaltet.<br />
Fachunterricht und Noten wurden in Futurum<br />
abgeschafft und <strong>die</strong> klassische Raum-Zeit-<br />
Struktur des Schulalltags aufgehoben. Im Mittel<br />
punkt des Konzeptes steht <strong>der</strong> einzelne Schüler.<br />
Auch seine individuelle Entwicklung <strong>ist</strong> im<br />
Fokus, denn Lernen wird hier als ein aktiver und<br />
sehr persönlicher Prozess begriffen. Daher erhält<br />
je<strong>der</strong> Schüler einen individuellen Lehrplan,<br />
<strong>der</strong> auf seine Stärken und Schwächen zugeschnitten<br />
<strong>ist</strong>. Woche <strong>für</strong> Woche werden <strong>die</strong><br />
Lerninhalte festgelegt und im persönlichen<br />
Logbuch des Schülers festgehalten. Je<strong>der</strong> entscheidet<br />
dann selbst, wann er welche Aufgaben<br />
erledigt. Am Ende <strong>der</strong> Woche werden <strong>die</strong> Fortschritte<br />
zusammen mit dem Lehrer, <strong>der</strong> ihn als<br />
Tutor betreut, reflektiert. Ge<strong>mein</strong>sam überlegt<br />
man, ob <strong>die</strong> gesteckten Ziele angemessen<br />
waren. So kann <strong>der</strong> Lernstoff an das individuelle<br />
Lerntempo angeglichen werden. „Je<strong>der</strong><br />
Mensch <strong>ist</strong> individuell, also braucht je<strong>der</strong> Schüler<br />
auch individuelle Lehrpläne“, erläutert Ah-<br />
20 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
lenius das pädagogische Konzept. In den Kernfächern<br />
erhalten <strong>die</strong> Schüler und Schülerinnen<br />
in kleinen altershomogenen Gruppen Unterricht.<br />
<strong>Die</strong> flexible persönliche Arbeits ein teilung<br />
sowie <strong>die</strong> altersgemischte Projekt arbeit, stehen<br />
jedoch im Vor<strong>der</strong>grund. Je<strong>der</strong> Schüler bringt<br />
sich mit seinen Fähigkeiten in das Team ein. Ob<br />
das allein in stiller Arbeit geschieht o<strong>der</strong> in <strong>der</strong><br />
Gruppe, bleibt jedem selbst überlassen. <strong>Die</strong>s erlaubt<br />
den Kin<strong>der</strong>n und Jugendlichen auch in ei -<br />
nem gewissen zeitlichen Rahmen <strong>die</strong> freie<br />
Ent scheidung, wann sie ihren Schultag beginnen<br />
und wann sie nach Hause gehen. Ziel <strong>ist</strong> es<br />
zum einen, dass <strong>die</strong> Schüler neben dem Erwerben<br />
von Wissen, ihre sozialen Fähigkeiten in <strong>der</strong><br />
Zu sammenarbeit mit An<strong>der</strong>en üben. <strong>Die</strong> fächerübergreifende<br />
Arbeit an verschiedenen<br />
Themen schwer punk ten schult das vernetzte<br />
Denken und öffnet den ganzheitlichen Blick <strong>für</strong><br />
Zusammen hänge. <strong>Die</strong> Lehrkräfte stehen je<strong>der</strong>zeit<br />
<strong>für</strong> Fragen zur Verfügung. Achtzig Schüler<br />
werden jeweils von fünf bis acht Lehrern betreut.<br />
LERNLANDSCHAFTEN STATT<br />
KLASSENZIMMER<br />
Da das Wohlbefinden das Lernen positiv beeinflusst,<br />
<strong>ist</strong> schon <strong>die</strong> Architektur in Futurum<br />
Programm. <strong>Die</strong> farbenfrohe Ausgestaltung vermittelt<br />
ein positives Lebensgefühl und Vitalität.<br />
<strong>Die</strong> alten Klassenräume sind verschwunden,<br />
multifunktionale Lernlandschaften sind an <strong>der</strong>en<br />
Stelle getreten, lichtdurchflutete Räume,<br />
durch große Glas scheiben voneinan<strong>der</strong> getrennt.<br />
<strong>Die</strong> gesamte <strong>Schule</strong> <strong>ist</strong> in sechs kleinere<br />
Einheiten unterteilt. Jeweils 160 Schüler zwischen<br />
sechs und sechzehn Jahren, in zwei altersgemischten<br />
Gruppen aufgeteilt, sind in<br />
sechs verschiedenfarbigen Pavillons untergebracht.<br />
Jedem Arbeitsteam stehen ein großer<br />
Gruppen raum und mehrere kleine Arbeitsräume<br />
zur Ver fügung. Der Arbeitsplatz <strong>ist</strong> <strong>für</strong><br />
jeden frei wählbar, Computerplätze und Labors<br />
sind ebenso vorhanden, wie gemütliche Leseecken.<br />
Auch <strong>die</strong> Möblierung <strong>ist</strong> variabel nutzbar.<br />
Jedes <strong>Kind</strong> hat einen eigenen Rollcontainer<br />
<strong>für</strong> seine Arbeits materialien. Und je<strong>der</strong> große<br />
<strong>Die</strong> Futurum <strong>Schule</strong> in Schweden von außen gesehen.<br />
Gruppenraum verfügt über eine Bühne, denn<br />
<strong>der</strong> Präsentation <strong>–</strong> egal ob es sich um <strong>die</strong> Arbeitsergebnisse<br />
am Ende je<strong>der</strong> Lerneinheit,<br />
Bühnenstücke o<strong>der</strong> musikalische Darbietungen<br />
handelt <strong>–</strong> wird in Futurum eine große Rolle beigemessen,<br />
denn das för<strong>der</strong>t das Selbst bewusstsein.<br />
Für <strong>die</strong> Entwicklung <strong>der</strong> Persön lichkeit <strong>ist</strong><br />
es wichtig, sich vor einem größeren Publikum<br />
darstellen o<strong>der</strong> artikulieren zu können. „Wir<br />
müssen uns <strong>für</strong> jedes <strong>Kind</strong> so einsetzen, dass es<br />
noch am letzten Schultag <strong>die</strong> Freude des ersten<br />
empfindet“, umreißt Hans Ahlenius <strong>die</strong> grundlegende<br />
Konzeption. Neue Wege werden hier<br />
sehr erfolgreich beschritten, denn immerhin<br />
schneiden <strong>die</strong> Schüler <strong>der</strong> schwedischen Futurum-<strong>Schule</strong><br />
im internationalen Vergleich überdurchschnittlich<br />
gut ab. „Es <strong>ist</strong> wichtig, mit<br />
Visionen zu beginnen. In Deutschland sind oftmals<br />
<strong>die</strong> Strukturen noch zu unflexibel“, erklärt<br />
Hans Ahlenius.
JENAPLAN SCHULEN<br />
22 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
I n d i v i d u e l l e s L e r n e n<br />
Modell mit Tradition<br />
<strong>Die</strong> Jenaplan-<strong>Schule</strong><br />
T E X T : R O S E M A R I E L Ö S E R F O T O S : V O L K M A R O B S T<br />
Große lernen von Kleinen <strong>–</strong> und umgekehrt. Projekte statt Frontalunterricht.<br />
<strong>Schule</strong> als Lebens- und Erfahrungsraum. Alles<br />
neue Ideen? Mitnichten: Bereits in den 20er Jahren des letzten<br />
Jahrhun<strong>der</strong>ts erkannte <strong>der</strong> Reformpädagoge Peter Petersen, wie<br />
wichtig individuelles, selbständiges und soziales Lernen <strong>ist</strong>.<br />
Sein „Jenaplan“ machte <strong>Schule</strong>. Bis heute.<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
23
JENAPLAN SCHULEN<br />
I<br />
m Februar 2007 schickten <strong>die</strong> Vereinten<br />
Nationen Vernor Munoz Villalobos,<br />
ihren Son<strong>der</strong>berichterstatter <strong>für</strong><br />
das Recht auf Bildung, auf Deutschlandreise.<br />
Zehn Tage lang besuchte<br />
Villalobos <strong>Schule</strong>n, manchmal angemeldet,<br />
manchmal völlig überraschend. Er beobachtete<br />
den Unterricht, diskutierte mit<br />
Lehrern und Schülern <strong>–</strong> und stellte dem deutschen<br />
Schulsystem am Ende ein schlechtes<br />
Zeugnis aus: Schüler in Deutschland werden<br />
viel zu früh nach Le<strong>ist</strong>ung getrennt. Bildungschancen<br />
hängen in erster Linie von <strong>der</strong> sozialen<br />
Herkunft ab. Und <strong>die</strong> Integration von<br />
Auslän<strong>der</strong>kin<strong>der</strong>n sei mangelhaft, befand <strong>der</strong><br />
Professor aus Costa Rica: „<strong>Die</strong> Selektion im<br />
deutschen Bildungswesen betrifft vor allem <strong>die</strong><br />
unterprivilegierten Schichten, etwa Menschen<br />
mit Migrationshintergrund, Behin<strong>der</strong>te o<strong>der</strong> sozial<br />
Benachteiligte. Zwanzig Prozent <strong>der</strong> Hauptschüler<br />
machen keinen Abschluss. Fast <strong>die</strong><br />
Hälfte <strong>der</strong> Schüler mit Migrationshintergrund<br />
bekommt keine Lehrstelle. Das verschärft <strong>die</strong><br />
Ausgrenzung noch“. Dringend mahnte Villalobos<br />
grundlegende inhaltliche und strukturelle<br />
Verän<strong>der</strong>ungen an, um gleiche und gerechte Bildungsmöglichkeiten<br />
<strong>für</strong> jedes <strong>Kind</strong> sicherzustellen,<br />
unabhänhgig davon, ob seine Eltern nun<br />
Hartz-IV-Empfänger sind, Einwan<strong>der</strong>er o<strong>der</strong><br />
dem Bildungsbürgertum entstammen.<br />
Das in hohem Maße selektive Bildungssystem<br />
muss zu einem System werden, das Individualität<br />
und individuelles Lernen för<strong>der</strong>t. So lautet<br />
eine <strong>der</strong> sieben For<strong>der</strong>ungen des UN-Berichterstatters<br />
<strong>–</strong> und <strong>die</strong>ser Gedanke <strong>ist</strong> keineswegs<br />
neu. Schon lange vor den Diskussionen um <strong>die</strong><br />
deutsche Bildungsmisere, entwickelte <strong>der</strong> Reformpädagoge<br />
Peter Petersen in seinem „Jena-<br />
Plan“ ähnliche Ansätze.<br />
INDIVIDUELLES LERNEN ALS KONZEPT<br />
Peter Petersen, 1923 Ordinarius <strong>für</strong> Erziehungs -<br />
wissenschaft an <strong>der</strong> Universität Jena, vertrat <strong>die</strong><br />
Ansicht, dass Kin<strong>der</strong> einen natürlichen Wissensdrang<br />
besitzen, <strong>der</strong> sich unter den richtigen<br />
Umständen gut entwickelt. Erziehung <strong>ist</strong> <strong>für</strong> ihn<br />
keine reine Wissensvermittlung; erst im Zusammenleben<br />
wird <strong>der</strong> Mensch gebildet. <strong>Die</strong><br />
Kin<strong>der</strong> lernen <strong>für</strong> das Leben, und Gegenstand<br />
des Lernens <strong>ist</strong> das Leben selbst. Als Leiter<br />
einer an <strong>die</strong> Universität angeglie<strong>der</strong>ten Versuchsschule<br />
hatte er <strong>die</strong> Möglichkeit, seine pä d-<br />
agogischen Ideen in <strong>die</strong> Praxis umzusetzen. <strong>Die</strong><br />
Ergebnisse stellte er 1927 beim Kongress des<br />
„Weltverbandes <strong>für</strong> Erneuerung <strong>der</strong> Erziehung“<br />
in Locarno vor. Dort erhielt dann sein<br />
Konzept <strong>die</strong> Bezeichnung „Jena-Plan“.<br />
Und tatsächlich handelte es sich einen Plan, den<br />
Petersen als „Ausgangsform“, als Grundstruktur<br />
verstanden wissen will. <strong>Die</strong> grundsätzliche<br />
Frage des Pädagogen lautete: „Wie soll <strong>die</strong> Erziehungsge<strong>mein</strong>schaft<br />
beschaffen sein, in <strong>der</strong><br />
und durch <strong>die</strong> ein Mensch seine Individualität<br />
zur Persönlichkeit vollenden kann?“. Petersen<br />
wollte eine <strong>Schule</strong> <strong>für</strong> alle Kin<strong>der</strong> schaffen, in<br />
denen <strong>die</strong> gewohnten Strukturen des Schulalltags<br />
aufgebrochen werden. Wie sein Entwurf<br />
umgesetzt wird, und mit welchen Schwer punkten,<br />
bleibt dabei je<strong>der</strong> <strong>Schule</strong> selbst überlassen.<br />
Das macht Petersens Ansatz so zeitlos und<br />
heute sind seine Ideen aktueller denn je.<br />
EINE SCHULE MIT VIELEN GESICHTERN<br />
Mittlerweile gibt es in Deutschland 38 Jenaplan-<br />
<strong>Schule</strong>n. „Und jede davon hat ein an<strong>der</strong>es Gesicht“,<br />
erklärt Britta Müller, Lehrerin und<br />
Mitbegrün<strong>der</strong>in <strong>der</strong> Jena-Planschule in Jena, <strong>die</strong><br />
1991 ihre Arbeit aufnahm. So unterschiedlich<br />
<strong>die</strong> Jenaplan-<strong>Schule</strong>n in den Details sein können,<br />
eines <strong>ist</strong> allen ge<strong>mein</strong>sam: Das starre Korsett<br />
von jahrgangsgebundenen Schulklassen, <strong>die</strong><br />
24 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
Spiele ...<br />
nehmen einen festen Platz in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> ein, denn Lernen soll hier im wahrsten Sinn des Wortes ein „Kin<strong>der</strong>spiel“ sein. In <strong>der</strong> Tat: Gerade beim Spiel<br />
öffnen sich <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong>, sind ganz bei <strong>der</strong> Sache <strong>–</strong> und lernen so ganz nebenbei.<br />
im Dreiviertel stundentakt <strong>die</strong> Fächer wechseln,<br />
wird durchbrochen. In den Jenaplan-<strong>Schule</strong>n arbeitet<br />
je<strong>der</strong> nach einem Wochenplan. Projektorientierte<br />
Phasen, Kursphasen und Ge<strong>mein</strong>schaftsaktivitäten<br />
wechseln. Den Schwerpunkt<br />
des Schulalltags bilden fächerübergreifende<br />
Projekte <strong>–</strong> wie zum Beispiel das „Alte Ägypten“,<br />
„Wetter und Naturerscheinungen im<br />
Herbst“ o<strong>der</strong> „Afrika“, <strong>die</strong> <strong>die</strong> Schüler über<br />
einen längeren Zeitraum bearbeiten. <strong>Die</strong>s ermöglicht<br />
den Kin<strong>der</strong>n, eigenständig zu forschen<br />
und selbst Entdeckungen zu machen. <strong>Die</strong>se<br />
kindgerechte Art, Wissen zu erwerben, führt<br />
dazu, dass effektiver und nachhaltiger gelernt<br />
wird. <strong>Welche</strong> Themen <strong>die</strong> Schüler wählen und<br />
mit welcher Tiefenschärfe sie in <strong>die</strong> Projekte<br />
einsteigen, hängt von ihren individuellen Fähigkeiten<br />
ab. Projektpartner und Teams finden sich<br />
auf freiwilliger Basis zusammen. <strong>Die</strong> Arbeit an<br />
<strong>der</strong> selbstgewählten Aufgabe erfolgt in Stammgruppen,<br />
<strong>die</strong> in <strong>der</strong> Regel drei Jahrgangstufen<br />
umfassen und <strong>die</strong> Bezugsgruppe <strong>für</strong> jedes <strong>Kind</strong><br />
bilden.<br />
GEGENSEITIGE HILFE IST PROGRAMM<br />
An<strong>der</strong>s als in herkömmlichen <strong>Schule</strong>n, in denen<br />
<strong>die</strong> Klassen nach Alter aufgeteilt sind, nutzen<br />
<strong>die</strong> „Jenaplaner“ Alters- und Erfahrungsunterschiede<br />
ganz bewusst <strong>für</strong> das ge<strong>mein</strong>same Ler-<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
25
JENAPLAN SCHULEN<br />
Reden und Zuhören ...<br />
Bei den regelmäßigen Gesprächen im Kreis üben <strong>die</strong> Schüler nicht nur <strong>die</strong> freie Rede in <strong>der</strong> Gruppe, son<strong>der</strong>n lernen auch zuzuhören.<br />
nen. Dass ältere Schüler jüngeren helfen, gehört<br />
zum pädagogischen Grundgerüst. Da in jedem<br />
Jahr Jüngere zur Stammgruppe stoßen und Ältere<br />
sie verlassen, <strong>ist</strong> je<strong>der</strong> mit <strong>der</strong> Situation vertraut,<br />
in <strong>der</strong> jüngeren, mittleren und älteren<br />
Gruppe zu sein. <strong>Die</strong>ser ständige Austausch verhin<strong>der</strong>t,<br />
dass sich hierarchische Strukturen herausbilden.<br />
Jede Stammgruppe wird von einem<br />
Lehrer begleitet, <strong>der</strong> den Schülern unterstützend<br />
zur Seite steht, auf ihre Fragen eingeht<br />
und auch mal eingreift, um Lernprozesse, <strong>die</strong><br />
stagnieren wie<strong>der</strong> anzustoßen. Da er seine Zöglinge<br />
drei Jahre lang betreut, <strong>ist</strong> er mit ihren<br />
Stärken und Schwächen bestens vertraut und<br />
weiß, wie differenziert sie ein Thema bearbeiten<br />
können und wo noch Hilfe stellungen benötigt<br />
werden. Am Ende eines Projekts muss<br />
je<strong>der</strong> Schüler seine Ergebnisse in <strong>der</strong> Stammgruppe<br />
präsentieren. Dabei sollen <strong>die</strong> Ergebnisse<br />
so verknüpft werden, dass ein gesamtes<br />
Ganzes entsteht. Wie <strong>die</strong> Präsentation aussehen<br />
soll, entscheiden <strong>die</strong> Schüler: Sie können einen<br />
Vortrag über ihre Ergebnisse halten, szenische<br />
Darstellungen entwickeln o<strong>der</strong> Modelle o<strong>der</strong><br />
Plakate gestalten. “Das entscheiden <strong>die</strong> Schüler<br />
selbst“, erläutert Britta Müller. Frank Köditz,<br />
<strong>der</strong> an <strong>der</strong> Jenaplan-<strong>Schule</strong> in Jena hospitierte,<br />
beschreibt seine Erfahrungen: „Natürlich gibt<br />
es hier eine spürbare Bandbreite an sprachlichen<br />
Fähigkeiten. Aber eines treffe ich nicht an:<br />
26 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
<strong>Die</strong> Angst vor dem Ergründen und vor dem<br />
mündlichen Darstellen von eigenem Wissen.“<br />
Nach <strong>der</strong> Präsentation schätzen sich <strong>die</strong> Schüler<br />
zunächst selbst ein, danach geben <strong>die</strong> an<strong>der</strong>en<br />
Schüler <strong>der</strong> Stammgruppe ihre Kommentare<br />
ab. Erst dann kommt <strong>der</strong> Lehrer zu Wort.<br />
„Kin<strong>der</strong> sind sehr kritisch, aber sie erkennen<br />
selbst kleine Fortschritte und wissen nützliche<br />
Hinweise zu geben <strong>–</strong> häufig können sie das besser<br />
als <strong>die</strong> Lehrer“, betont Britta Müller. So för<strong>der</strong>t<br />
<strong>der</strong> Jenaplan-Ansatz nicht nur <strong>die</strong><br />
Kreativität, wenn es darum geht, Lösungswege<br />
zu finden und auszuarbeiten, son<strong>der</strong>n auch <strong>die</strong><br />
Team- und Kritikfähigkeit.<br />
Bild: illmann Petersen<br />
DAS INDIVIDUELLE TEMPO ENTSCHEIDET<br />
Im Kursunterricht, <strong>der</strong> sich um den projektorientierten<br />
Kernunterricht anordnet, wird <strong>die</strong><br />
Stammgruppe aufgelöst. In <strong>die</strong>sen Unterrichtseinheiten<br />
trainieren <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> Arbeitstechniken<br />
und erlernen Basiswissen wie Schreiben<br />
und Rechnen. Damit keiner zu kurz kommt,<br />
werden <strong>die</strong> Schüler je nach individuellem Potenzial<br />
und Lerntempo in sogenannte Niveaugruppen<br />
eingeteilt. Sitzenbleiben wird damit<br />
ebenso überflüssig wie eine äußere Differenzierung,<br />
wie sie unser dreigeteiltes Schulsystem<br />
vorsieht. „Zunächst standen wir gerade <strong>der</strong> Altersmischung<br />
sehr skeptisch gegenüber, doch<br />
mittlerweile haben wir gerade <strong>die</strong>sen Aspekt<br />
von Petersens Entwurf sehr schätzen gelernt“,<br />
erklärt <strong>die</strong> Pädagogin Britta Müller. In <strong>der</strong> Jenaer<br />
<strong>Schule</strong> bekommen <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> bis zum siebenten<br />
Schuljahr keine Noten und Zeugnisse.<br />
„Noten kategorisieren <strong>die</strong> Schüler nur. Nützliche<br />
Hinweise, was sie besser machen könnten,<br />
bekommen sie dadurch nicht“, erläutert <strong>die</strong><br />
Pädagogin. Schließlich sind <strong>die</strong> Le<strong>ist</strong>ungen Ausdruck<br />
<strong>der</strong> individuellen Persönlichkeit und je<strong>der</strong><br />
Mensch <strong>ist</strong> einzigartig und unvergleichbar. Statt<br />
<strong>der</strong> Zeugnisse bekommen <strong>die</strong> Schüler zwei mal<br />
jährlich Lernentwicklungsberichte, <strong>die</strong> sich in<br />
Form eines Briefes an den jeweiligen Schüler<br />
richten. In <strong>die</strong>sen Schreiben werden <strong>die</strong> individuellen<br />
Fortschritte formuliert. Dabei sind<br />
neben dem Le<strong>ist</strong>ungsstand auch <strong>die</strong> sozialen<br />
Kompetenzen wichtige Beurteilungskriterien.<br />
<strong>Die</strong>se Ein schätzung <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Grundlage <strong>für</strong> ein<br />
Peter Petersen<br />
Pädagoge und Persönlichkeit<br />
Peter Petersen, geb. 1884 in Großenwiehe, Kreis Flensburg, arbeitete von 1923 bis<br />
zu seinem Tod am 21. März 1952 als ordentlicher Professor <strong>für</strong> Erziehungswissenschaft<br />
an <strong>der</strong> Universität Jena. Als langjähriger Leiter <strong>der</strong> Universitätsschule entwickelte<br />
er dort ein Schulmodell mit altersgemischten Gruppen, das nun zum<br />
klassischen Bestand internationaler Reformpädagogik zählt <strong>–</strong> „Jenaplan“. Seine kindlichen<br />
Erfahrungen auf dem elterlichen Hof und <strong>die</strong> Erfahrung starken Zusammenhalts<br />
im Dorf legen dabei erste Keime seiner späteren Pädagogik, in <strong>der</strong>en Mittelpunkt <strong>die</strong><br />
Ge<strong>mein</strong>schaft steht. Petersen gelang es, Reformbestrebungen von großen Reformpädagogen<br />
seiner Zeit zu einem schlüssigen Schulkonzept zusammenzufassen. Während<br />
mit Beginn des Nationalsozialismus mehrere Jenaplanschulen mit<br />
sozialdemokratisch orientierter Lehrerschaft sofort verboten wurden, durfte <strong>die</strong> Jenaer<br />
Universitätsschule weitermachen. Da Petersen jedoch nicht <strong>der</strong> NSDAP angehörte,<br />
war er einer <strong>der</strong> wenigen Professoren <strong>der</strong> Jenaer Universität, <strong>die</strong> nach dem<br />
Ende des Nationalsozialismus nicht entlassen wurden. <strong>Die</strong> neu gegründete Sozialpädagogische<br />
Fakultät nahm bereits 1945 unter seiner kommissarischen Leitung ihre<br />
Arbeit auf. Drei Jahre später wurde Petersen nach wachsendem Druck <strong>der</strong> SED als<br />
Dekan abgesetzt und erhielt Prüfungsverbot. <strong>Die</strong> SED schloß gegen den Willen <strong>der</strong><br />
Elternschaft 1950 <strong>die</strong> Universitätsschule als „ein reaktionäres, politisch sehr gefährliches<br />
Überbleibsel aus <strong>der</strong> Weimarer Republik“. Zeitlebens stand Petersen im<br />
Kreuzfeuer <strong>der</strong> Kritik; <strong>die</strong> Idee des Jenaplans fand nur wenig Verbreitung. <strong>Die</strong>s hat<br />
sich nach 1950 entscheidend verän<strong>der</strong>t. Bis heute mehren sich <strong>die</strong> <strong>Schule</strong>n, <strong>die</strong> nach<br />
dem Jenaplan unterrichten.<br />
Weitere Informationen: www.jenaplan.de<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
27
JENAPLAN SCHULEN<br />
Feiern<br />
gehört einfach dazu in <strong>der</strong> Jenaplan-<strong>Schule</strong>: Abschlussfeiern werden in <strong>der</strong> Stammgruppe geplant, vorbereitet und ausgeführt. Sie sind wichtig <strong>für</strong><br />
das Ge<strong>mein</strong>schaftsgefüge <strong>der</strong> Gruppe. Hier werden ganz beson<strong>der</strong>s gelungene Präsentationen gezeigt o<strong>der</strong> kleine Theaterstücke aufgeführt.<br />
halbstündiges Gespräch mit dem Schüler und<br />
dessen Eltern. Ab dem siebenten Jahr gibt es an<br />
<strong>der</strong> Jenaer <strong>Schule</strong> Lernent wick lungsberichte<br />
und Noten; in <strong>der</strong> Oberstufe schreiben <strong>die</strong><br />
Schüler dann auch wie in an<strong>der</strong>en <strong>Schule</strong>n<br />
Klausuren und erhalten Zensuren. Da Jenaplan-<br />
<strong>Schule</strong>n den Anspruch haben, <strong>die</strong> jungen Menschen<br />
in ihrer gesamten Persönlichkeit<br />
wahrzunehmen, hat <strong>der</strong> Kontakt zum Elternhaus<br />
einen hohen Stellenwert. <strong>Die</strong> Beteiligung<br />
<strong>der</strong> Eltern am Schulleben wird als integraler Bestandteil<br />
des pädagogischen Konzepts gewünscht<br />
und geför<strong>der</strong>t. Für Susanne Rauprich,<br />
Mutter zweier Kin<strong>der</strong>, <strong>die</strong> <strong>die</strong> Peter-Petersen-<br />
<strong>Schule</strong> „Am Rosenmaar“ in Köln besuchen, <strong>ist</strong><br />
<strong>der</strong> gute Kontakt zwischen Eltern und Lehrern<br />
außerordentlich wichtig. „<strong>Die</strong> Mitarbeit und<br />
Hilfe <strong>der</strong> Eltern wird von Seiten <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> ausdrücklich<br />
gesucht.“ Nicht nur wichtige Entscheidungen<br />
werden ge<strong>mein</strong>sam getroffen,<br />
son<strong>der</strong>n „Eltern werden auch als Experten an<br />
<strong>der</strong> <strong>Schule</strong> willkommen geheißen“. „<strong>Die</strong> Lehrer<br />
beziehen gerne <strong>die</strong> speziellen Fähigkeiten<br />
<strong>der</strong> Eltern in den Unterricht ein, was auf guten<br />
Wi<strong>der</strong>hall bei den Eltern stößt“, beschreibt sie<br />
ihre Erfahrungen.<br />
LERNEN IST SPIELEN IST FEIERN<br />
Das Lernen und <strong>die</strong> Arbeit an Projekten <strong>ist</strong><br />
wichtig, aber nur einer <strong>der</strong> vier Grundpfeiler,<br />
<strong>die</strong> den Alltag an einer Jenaplan-<strong>Schule</strong> ausma-<br />
28 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
„Kin<strong>der</strong> sind sehr kritisch, aber sie erkennen selbst<br />
kleine Fortschritte und wissen nützliche Hinweise zu<br />
geben <strong>–</strong> häufig können sie das besser als <strong>die</strong> Lehrer.“<br />
chen. Daneben spielen auch Ge spräche, Spiele<br />
und Feiern eine wichtige Rolle, denn zwischen<br />
Lernen und Freizeit wird kein Unterschied gemacht.<br />
<strong>Die</strong> Gespräche finden regelmäßig im<br />
Kreis statt, so dass niemand dominiert. <strong>Die</strong><br />
Schüler üben dabei nicht nur <strong>die</strong> freie Rede in<br />
<strong>der</strong> Gruppe, son<strong>der</strong>n lernen auch zuzuhören.<br />
In den Gesprächkreisen werden Erlebnisse,<br />
aber auch Ängste und Probleme zur Sprache<br />
gebracht und ethische Fragen diskutiert. Spiele<br />
nehmen ebenfalls einen festen Platz in <strong>der</strong><br />
<strong>Schule</strong> ein, denn Lernen soll hier im wahrsten<br />
Sinn des Wortes ein „Kin<strong>der</strong>spiel“ sein. In <strong>der</strong><br />
Tat: gerade beim Spiel öffnen sich <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong>,<br />
sind ganz bei <strong>der</strong> Sache <strong>–</strong> und lernen so ganz<br />
nebenbei. Wer sie beim selbstvergessenen Spiel<br />
beobachtet, kann sich <strong>die</strong>ser Theorie nicht verschließen.<br />
Und keine Jenaplan-<strong>Schule</strong> ohne Feiern:<br />
Abschlussfeiern werden in <strong>der</strong> Stammgruppe<br />
geplant, vorbereitet und ausgeführt. Sie<br />
sind wichtig <strong>für</strong> das Ge<strong>mein</strong>schaftsgefüge <strong>der</strong><br />
Gruppe. Hier werden noch einmal ganz beson<strong>der</strong>s<br />
gelungene Präsentationen gezeigt o<strong>der</strong><br />
kleine Theaterstücke aufgeführt. <strong>Die</strong> Möglichkeiten<br />
sind vielfältig und <strong>der</strong> Kreativität keine<br />
Grenzen gesetzt. In <strong>die</strong> Vorbereitung größerer<br />
Feiern werden auch <strong>die</strong> Eltern eingebunden.<br />
DEMOKRATIE ALS LEBENSFORM<br />
Ein wichtiges Grundprinzip, das Jenaplan-<strong>Schule</strong>n<br />
von herkömmlichen Bildungsanstalten unterscheidet,<br />
<strong>ist</strong> ihr demokratisches Gefüge.<br />
„Das demokratische Gefüge“, heißt es in <strong>der</strong><br />
Selbstdarstellung <strong>der</strong> Jenaer <strong>Schule</strong>, „wirkt dem<br />
Entstehen von Hierarchien entgegen. Demokratie<br />
<strong>ist</strong> nicht nur eine Staatsform, sie <strong>ist</strong> auch<br />
eine Lebensform“. Jüngere lernen von Älteren<br />
und umgekehrt. Beurtei lungs berichte und Gespräche<br />
statt Zeugnisse. Selbstorganisiertes Lernen<br />
und Präsentation des Wissens in <strong>der</strong><br />
Gruppe. Das erinnert an Abläufe im Arbeitsleben.<br />
Und tatsächlich bereiten Jenaplan-<strong>Schule</strong>n<br />
ihre Zöglinge besser auf <strong>die</strong> Arbeitswelt vor als<br />
<strong>der</strong> Frontalunterricht und <strong>die</strong> Wissensvermittlung<br />
des Standard-Bildungssystems. <strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong><br />
und Jugendlichen erlernen Kompetenzen, <strong>die</strong><br />
es ihnen ermöglichen, sich in <strong>der</strong> immer komplexer<br />
werdenden Wissensgesellschaft zurechtzufinden.<br />
In punkto Team- und<br />
Kon flikt fähig keit <strong>–</strong> unverzichtbare soft skills im<br />
Arbeitsleben <strong>–</strong> haben sie ebenso <strong>die</strong> Nase vorn<br />
wie beim kreativen Lösen komplexer Aufgabenstellungen.<br />
Das demokratische Bewusstsein,<br />
das in <strong>die</strong>ser Schulform sehr stark geför<strong>der</strong>t<br />
wird, befähigt sie am gesellschaftlichen Leben<br />
teilzunehmen und es aktiv mitzugestalten.
MONTESSORI SCHULEN<br />
30 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
S e l b s t ä n d i g h a n d e l n<br />
Hilf mir, es selbst zu tun:<br />
<strong>Die</strong> Montessori-<strong>Schule</strong><br />
T E X T : R O S E M A R I E L Ö S E R · F O T O S : P E T R A Z E N G E R - J O C H I M & E LT E R N U N D M I TA R B E I T E R V O M E R D K I N D E R - P R O J E K T<br />
Vor fast hun<strong>der</strong> t Jahren formulier te <strong>die</strong> italienische Ärztin<br />
Maria Montessori ihr pädagogisches Credo „Hilf mir, es<br />
selbst zu tun“ <strong>–</strong> ein Plädoyer für selbstbestimmtes, individuelles<br />
Lernen und freie Entfaltung <strong>der</strong> kindlichen Persönlichkeit.<br />
Ein pädagogischer Ansatz, <strong>der</strong> heute ganz neue<br />
Aktualität besitzt. KidsLife hat sich eine Montessori-Einrichtung<br />
mit Kita, <strong>Schule</strong> und Internat in Bayern angesehen.<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
31
MONTESSORI SCHULEN<br />
Farbenfroh<br />
In <strong>der</strong> Montessori-<strong>Schule</strong> Erdkin<strong>der</strong>-Projekt e.V. im bayrischen Lohkirchen unterstützen liebevolle und farbenfrohe Raumgestaltung, <strong>die</strong> beson<strong>der</strong>en<br />
Materialien und ein natürliches Umfeld selbständiges Lernen und altersgemäße Ent wicklung.<br />
H<br />
aben Sie jemals Ihren Kin<strong>der</strong>n<br />
auch nur einen Tag <strong>die</strong> Chance gegeben,<br />
zu tun, was sie möchten,<br />
ohne sich einzumischen? Versuchen<br />
Sie es und Sie werden erstaunt<br />
sein. <strong>Die</strong> größte Hilfe, <strong>die</strong><br />
Sie Ihren Kin<strong>der</strong>n geben können, <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Freiheit,<br />
ihre Arbeit in ihrer eigenen Weise anzupacken,<br />
denn in <strong>die</strong>ser Materie kennt sich Ihr<br />
<strong>Kind</strong> besser aus als Sie. <strong>Die</strong>se Aussage basiert<br />
auf <strong>der</strong> Grundidee von Maria Montessoris Pädagogik:<br />
„Hilf mir, es selbst zu tun.“ <strong>Die</strong> freie<br />
Entwicklung <strong>der</strong> menschlichen Persönlichkeit<br />
steht im Mittelpunkt von Montessoris pädagogischer<br />
Lehre. Erziehung und Unterricht, das<br />
bedeutet in erster Linie, <strong>die</strong> natürliche Freude<br />
des <strong>Kind</strong>es am Lernen zu för<strong>der</strong>n, <strong>die</strong> <strong>für</strong> Montessori<br />
einen Kernbestandteil kindlichen Lebens<br />
darstellt. Jedes <strong>Kind</strong> kann und möchte aus eigener<br />
Kraft seine Persönlichkeit und seinen<br />
Ge<strong>ist</strong> entfalten und sich zu einem unabhängigen,<br />
freien und selbständigen Menschen entwickeln.<br />
Aus <strong>die</strong>sem Grund machte <strong>die</strong> italienische<br />
Ärztin und Päda gogin <strong>die</strong> kindlichen Bedürfnisse<br />
konsequent zur Basis ihres Unterrichts<br />
kon zepts. Nach <strong>der</strong> Montessori-Lehre<br />
durchläuft jedes <strong>Kind</strong> im Laufe seiner Ent wicklung<br />
sogenannte sensible Phasen, in denen es<br />
32 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
<strong>für</strong> bestimmte Lerninhalte beson<strong>der</strong>s offen <strong>ist</strong>.<br />
Montessori bezeichnete <strong>die</strong>ses Phäno men als<br />
„Normalisation“, mo<strong>der</strong>ne Päda gogen sprechen<br />
heute von „sich öffnenden Fenstern“.<br />
Während <strong>die</strong>ser Phasen <strong>ist</strong> es <strong>für</strong> <strong>die</strong> Schüler im<br />
wahrsten Sinne des Wortes ein Kin<strong>der</strong>spiel, sich<br />
bestimmte Kenntnisse und Fertigkeiten anzueignen.<br />
Daher bestimmt in Montessori-<strong>Schule</strong>n<br />
<strong>der</strong> Entwicklungsstand jeden <strong>Kind</strong>es seinen individuellen<br />
Lehr plan. Aufgabe <strong>der</strong> Lehrer <strong>ist</strong> es,<br />
dem <strong>Kind</strong> eine <strong>für</strong> seinen individuellen Entwicklungsstand<br />
optimale Lernumgebung zu bieten<br />
und seine individuelle Wissbegierde zu<br />
för<strong>der</strong>n.<br />
In <strong>der</strong> Montessori-<strong>Schule</strong> Erdkin<strong>der</strong>-Projekt<br />
e.V. im bayrischen Lohkirchen unterstützen liebevolle<br />
und farbenfrohe Raumgestaltung, <strong>die</strong><br />
beson<strong>der</strong>en Materialien und ein natürliches<br />
Umfeld selbständiges Lernen und altersgemäße<br />
Ent wicklung. <strong>Die</strong> Montessori-Lehrer beobachten<br />
<strong>die</strong> Kin <strong>der</strong> genau und orientieren sich an<br />
ihren Bedürfnissen und an ihrem Kenntnisstand.<br />
Im Gegensatz zum klassischen lehrerzentrierten<br />
Frontalunterricht stellt <strong>die</strong>ses Kon zept<br />
den Schüler in den Vor<strong>der</strong>grund. Gearbeitet<br />
wird in altersgemischten Gruppen, in denen<br />
immer drei Jahrgänge zusammengefasst sind.<br />
„Dabei übernehmen Ältere häufig eine größere<br />
Verantwortung. Sie blühen regelrecht auf, wenn<br />
sie helfen können, wenn sie das Gefühl haben<br />
gebraucht zu werden“, so Andrea Schauseil,<br />
Lehrerin an <strong>der</strong> Montessori-<strong>Schule</strong> Erdkin<strong>der</strong>-<br />
Projekt e.V. Da immer wie<strong>der</strong> jüngere Schüler<br />
nachkommen und Ältere <strong>die</strong> Gruppe verlassen,<br />
neh men <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> stets neue Rollen ein. Sie<br />
lernen, sich besser in an<strong>der</strong>e hineinzuversetzen<br />
und ihre eigenen Grenzen besser zu erkennen.<br />
Der Zugang zum kindlichen<br />
Denken erfolgt nicht auf einer<br />
abstrakten Ebene, son<strong>der</strong>n am<br />
besten über <strong>die</strong> Sinne. Greifen<br />
und Begreifen bilden eine<br />
Einheit im Lernprozess.<br />
SINNLICHES LERNMITTEL<br />
ZUM BEGREIFEN<br />
Jedes <strong>Kind</strong> hat einen natürlichen Drang, alles<br />
zu berühren, zu riechen und zu schmecken. Aus<br />
<strong>die</strong>ser Beobachtung leitete Maria Montessori <strong>die</strong><br />
Erkenntnis ab, dass <strong>der</strong> Zugang zum kindlichen<br />
Denken nicht auf einer abstrakten Ebene, son<strong>der</strong>n<br />
am besten über <strong>die</strong> Sinne erfolgt. Greifen<br />
und Be-greifen bilden eine Einheit im Lernprozess.<br />
Folglich spielt <strong>die</strong> Auswahl <strong>der</strong> Lernmaterialien<br />
eine wichtige Rolle. <strong>Die</strong> Montessori-Pädagogin<br />
verdeutlicht <strong>die</strong>s am Bei spiel<br />
des Dezimalsystems: „Hält ein <strong>Kind</strong> ein einziges<br />
kleines Holzklötzchen, kaum fingernagelgroß,<br />
in <strong>der</strong> Hand nimmt es <strong>die</strong> Zahl Eins wahr.<br />
Zehn <strong>die</strong>ser Holzkästchen bilden eine Strecke,<br />
Hun<strong>der</strong>t eine Fläche und Tausend <strong>die</strong>ser Klötzchen<br />
lassen einen Raum entstehen. Der Raum,<br />
den eine Million <strong>die</strong>ser Holzteilchen bilden, <strong>ist</strong><br />
so groß, dass ein <strong>Kind</strong> darin sitzen kann.“ Solche<br />
Arbeitsmaterialien gibt es <strong>für</strong> alle Altersstufen.<br />
Im Fach Mathe matik zeigen sie, wie man<br />
mit Brüchen rechnet, Gleichungen löst o<strong>der</strong><br />
Wurzeln zieht. Buchstaben aus Sandpapier,<br />
<strong>der</strong>en Konturen mit den Fingern nachgefühlt<br />
werden können, helfen das Schreiben zu erlernen.<br />
„<strong>Die</strong> Materialien werden ständig weiterentwickelt,<br />
so dass immer mehr und immer<br />
größere Bereiche abgedeckt werden“, erläutert<br />
Schauseil. <strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong> mögen <strong>die</strong>ses „Sinnen -<br />
material“, denn es sieht nicht nur schön aus, es<br />
fühlt sich auch interessant an. Und sie schulen<br />
damit ihre Sinne <strong>–</strong> Begreifen im wahrsten Sinne<br />
des Wortes. Das, womit viele Menschen Probleme<br />
haben: Fühlen und abstraktes Den ken in<br />
Einklang zu bringen erlernen Montessori-Schüler<br />
ganz spielerisch.<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
33
MONTESSORI SCHULEN<br />
Kin<strong>der</strong>garten, <strong>Schule</strong>, Internat: alle Altersstufen sind willkommen im „Erdkin<strong>der</strong> Projekt”<br />
Alle Materialien sind <strong>für</strong> jeden Schüler zugänglich<br />
in Regalen verstaut und zwar immer an<br />
einem festen Platz, so dass sie je<strong>der</strong>zeit problemlos<br />
zu finden sind. „<strong>Die</strong>se äußere Ordnung<br />
<strong>ist</strong> <strong>die</strong> Voraussetzung <strong>für</strong> <strong>die</strong> Entwicklung einer<br />
inneren Ordnung bei den Kin<strong>der</strong>n und Jugendlichen“,<br />
erklärt Andrea Schauseil. Alles <strong>ist</strong> nur<br />
einmal vorhanden, so dass Absprachen getroffen<br />
werden müssen, wer welches Material benutzen<br />
kann. Auf <strong>die</strong>se Weise werden <strong>die</strong><br />
Kin<strong>der</strong> in Rücksichtnahme und sozialem Verhalten<br />
geschult.<br />
DIE FREIARBEIT <strong>–</strong> KERNSTÜCK DES<br />
UNTERRICHTS<br />
Das Herzstück des Unterrichts an Montessori-<br />
<strong>Schule</strong>n <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Freiarbeit. Je<strong>der</strong> Schüler legt<br />
selbständig fest, wie er <strong>die</strong>se beson<strong>der</strong>e Zeit<br />
nutzen möchte. Und er kann auch frei darüber<br />
entscheiden, wo er arbeiten möchte, und ob das<br />
allein, mit einem Partner o<strong>der</strong> in einer Gruppe<br />
geschieht. Auch <strong>die</strong> Themen sollen <strong>die</strong> Schüler<br />
nach Möglichkeit frei wählen. Zu Beginn <strong>der</strong><br />
Freiarbeitsphase sprechen sie mit den Pädagogen<br />
ab, <strong>für</strong> welchen Arbeitschwerpunkt sie sich<br />
entscheiden und mit welcher Tiefenschärfe <strong>die</strong>ser<br />
bearbeitet werden soll. „Manche Kin<strong>der</strong><br />
haben keine Probleme damit zu wählen, an<strong>der</strong>e<br />
dagegen tun sich damit recht schwer“, erzählt<br />
Andrea Schauseil. „Da müssen wir Lehrer gelegentlich<br />
Hilfestellungen geben, nach dem<br />
Motto‚ so viel Führung wie nötig und so viel<br />
Freiraum wie möglich“. <strong>Die</strong>se freie Entscheidung<br />
zum Lernen soll zu einer Dis ziplin und<br />
Le<strong>ist</strong>ungsbereitschaft führen, <strong>die</strong> nicht durch<br />
Autoritäten aufgedrückt wird, son<strong>der</strong>n von<br />
innen kommt. Sie <strong>ist</strong> <strong>die</strong> notwendige Voraussetzung<br />
<strong>für</strong> <strong>die</strong> „Polarisation <strong>der</strong> Aufmerksamkeit“,<br />
das konzentrierte Arbeiten in einem<br />
selbstbestimmten zeitlichen Rahmen. „Das Gefühl,<br />
selbst etwas geschafft zu haben, setzt eine<br />
unglaubliche Persönlichkeits ent wick lung in<br />
Gang“, beschreibt Andrea Schauseil <strong>die</strong> positiven<br />
Impulse <strong>für</strong> <strong>die</strong> individuelle Entwicklung.<br />
Aber selbst, wenn <strong>der</strong> Erfolg einmal ausbleibt,<br />
<strong>ist</strong> das kein Dilemma. „Dann müssen wir <strong>der</strong><br />
Frage nachgehen, warum es nicht geklappt hat“,<br />
erläutert Montessori-Lehrerin Schauseil. „Entscheidend<br />
<strong>ist</strong>, dass <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> selbst über <strong>die</strong><br />
Ursachen nachdenken. Denn so erwerben sie<br />
Basis kom petenzen wie Selbständigkeit und Eigenverant<br />
wort lichkeit. Dabei wird von den<br />
Schülern eini ges verlangt: <strong>Die</strong> freie Wahl eines<br />
Arbeits schwer punktes und <strong>die</strong> Zeitplanung sind<br />
immense Heraus for<strong>der</strong>ungen. Das können Erwachsene<br />
kaum le<strong>ist</strong>en.“<br />
34 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
Gemütlicher Klassenraum mit viel Platz zum Lernen und Spielen <strong>–</strong> <strong>die</strong> „Erdkin<strong>der</strong>“ sollen sich wohlfühlen in ihrer <strong>Schule</strong>.<br />
Zum freien Lernen gehört auch, dass Belohnungen<br />
und Strafen außen vor bleiben, das<br />
heißt, es gibt keine Benotung wie an Regelschulen.<br />
Stattdessen wird <strong>für</strong> jeden Schüler aufgrund<br />
kontinuierlicher Beobachtungen ein<br />
Entwick lungs- beziehungsweise Le<strong>ist</strong>ungsprofil<br />
erstellt. Lehrkräfte, Eltern und eventuell auch<br />
an<strong>der</strong>e Fachkräfte beraten ge <strong>mein</strong>sam mit dem<br />
Schüler den aktuellen Stand seiner Kenntnisse<br />
und Fähigkeiten sowie <strong>die</strong> nächsten Lern schrit -<br />
te. Lediglich <strong>die</strong> Schüler <strong>der</strong> Abschlussklassen<br />
werden mit den Bewertungsmaßstäben <strong>der</strong><br />
staat lichen Prüfungen bekannt gemacht.<br />
DIE SCHULE DES LEBENS<br />
Während <strong>der</strong> Pubertät sollen <strong>die</strong> Jugendlichen<br />
auch mit den praktischen Seiten des Lebens vertraut<br />
gemacht werden. <strong>Die</strong> besten Voraus setzun<br />
gen da<strong>für</strong> schienen Maria Montessori an<br />
einem Ort in einer ländlichen Region gegeben,<br />
denn Lernen, das in praktische Bezüge eingebettet<br />
<strong>ist</strong>, wirkt beson<strong>der</strong>s nachhaltig. Ökologie,<br />
Ökonomie und soziales Handeln sind ihrer Ansicht<br />
nach hier unmittelbar erfahrbar. So gehören<br />
auch zur Erdkin<strong>der</strong> Projekt-<strong>Schule</strong> je eine<br />
Holz-, Metall- und Keramikwerkstatt. <strong>Die</strong><br />
Werkstätten werden durchweg von Fachleuten<br />
und nicht von Lehrern betreut. „Wir müssen<br />
Grundsätze <strong>der</strong><br />
Montessori-Pädagogik<br />
<strong>Die</strong> Montessori-Pädagogik <strong>ist</strong> in erster Linie eine Bildungsmethodik und -philosophie,<br />
<strong>die</strong> sich unmittelbar am <strong>Kind</strong>, seinen Bedürfnissen, Talenten und Begabungen<br />
orientiert. Ausgehend von <strong>der</strong> Auffassung, dass Kin<strong>der</strong> grundsätzlich gerne lernen und<br />
<strong>die</strong>s am besten in ihrem eigenen Tempo und ihrer eigenen Art und Weise tun, setzen<br />
Montessori-Pädagogen in hohem Maße auf selbständiges Lernen.<br />
Belohnung und Kritik werden überwiegend abgelehnt. Anstatt mit geschlossenen<br />
Methoden <strong>–</strong> wie etwa Frontalunterricht <strong>–</strong> arbeiten Montessori-Pädagogen mit offenen,<br />
experimentellen Methoden, konkret heißt das: <strong>Die</strong> Lehrer beobachten <strong>die</strong> Schüler,<br />
um herauszufinden, welche didaktischen Techniken den Lernprozess am besten<br />
unterstützen.<br />
Dabei gelten folgende Grundsätze<br />
Das <strong>Kind</strong> wird in seiner Persönlichkeit als vollwertiger Mensch<br />
gesehen und respektiert.<br />
Das <strong>Kind</strong> erhält Hilfe bei <strong>der</strong> Entwicklung seines freien Willens,<br />
indem man ihm Raum <strong>für</strong> freie Entscheidungen einräumt und ihm hilft,<br />
selbständig zu denken und zu handeln.<br />
Dem <strong>Kind</strong> wird <strong>die</strong> Gelegenheit gegeben, dem angeborenen<br />
Lernbedürfnis zu folgen, denn Kin<strong>der</strong> wollen zu einer ganz<br />
bestimmten Zeit etwas ganz Bestimmtes lernen.<br />
Dem <strong>Kind</strong> wird geholfen, Schwierigkeiten zu überwinden, statt ihnen<br />
aus dem Weg zu gehen.<br />
Aufgabe <strong>der</strong> Pädagogen <strong>ist</strong> es, dem <strong>Kind</strong> optimale Bedigungen <strong>für</strong> ein<br />
individuelles, selbständiges Lernen zu ermöglichen.<br />
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35
MONTESSORI SCHULEN<br />
Arbeitsfeld Tierhaltung<br />
Eine Schülerin des Erdkin<strong>der</strong>-Projekts beim Füttern <strong>der</strong> Kücken. Auch Tier- und Artenschutz gehört hier zum Programm.<br />
<strong>die</strong> Jugendlichen entschulen <strong>–</strong> das <strong>ist</strong> heute<br />
wichtiger denn je“, erklärt Andrea Schauseil.<br />
„Denn zu einer guten Vorbereitung auf das<br />
Leben benötigen <strong>die</strong> jungen Leute noch etwas,<br />
das in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> normalerweise nicht gelehrt<br />
wird, nämlich das Entfalten einer Lebensperspektive.<br />
Eigene Pläne entwickeln und sie auch<br />
umsetzen zu können, <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Basis <strong>für</strong> ein selbstbestimmtes<br />
Leben.“<br />
SCHLÜSSELKOMPETENZEN ERWERBEN<br />
Wichtigstes Ziel <strong>der</strong> Montessori-Pädagogik <strong>ist</strong><br />
<strong>der</strong> Erwerb von Schlüsselkompetenzen wie Planen,<br />
Kommunizieren und Kooperieren <strong>–</strong><br />
selbstverständlich in Verbindung mit einer<br />
guten Allge<strong>mein</strong>bildung. In einer immer komplexer<br />
werdenden Wissensgesellschaft, in <strong>der</strong><br />
je<strong>der</strong> in <strong>der</strong> Lage sein muss, seine Kenntnisse<br />
oft und selbständig zu aktualisieren, sind <strong>die</strong>se<br />
Fähigkeiten wichtiger denn je. Aber auch soziale<br />
Fähigkeiten, wie Hilfs bereitschaft und Verantwortungs<br />
bewusstsein gegenüber Mensch und<br />
Natur stehen hier auf dem „Lehrplan“, im Erdkin<strong>der</strong>-Projekt<br />
z. B. im Arbeitsfeld Tierhaltung.<br />
Dort lernen <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong>, sich um Bruteier <strong>der</strong><br />
gefährdeten Geflügelrasse „Vorwerk“ zu kümmern<br />
und neue Küken auszubrüten <strong>–</strong> ein wichtiger<br />
Beitrag zum Artenschutz.<br />
36 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
MONTESSORI-EINRICHTUNGEN<br />
IN DEUTSCHLAND<br />
Montessori-<strong>Schule</strong>n und -Kin<strong>der</strong>gärten gibt es<br />
in Deutschland seit 1923. Während <strong>der</strong> NS-<br />
Diktatur wurden Montessori-Einrichtungen<br />
verboten. Heute arbeiten mehr als 1.000 Einrichtungen<br />
nach den Prinzipien <strong>der</strong> Montessori-<br />
Pädagogik, darunter 600 Kin<strong>der</strong>tagesstätten.<br />
Bei <strong>Schule</strong>n in freier Trägerschaft setzte in den<br />
letzten 20 Jahren ein regelrechter Boom ein. So<br />
waren beispielsweise in dem 1985 gegründeten<br />
Montessori-Landesverband Bayern zunächst<br />
fünf Montessori-Schulträger organisiert, heute<br />
sind es bereits 70. Von den Montessori-<strong>Schule</strong>n<br />
sind etwa 60 Prozent in freier Trägerschaft, das<br />
heißt <strong>die</strong> Eltern müssen <strong>für</strong> den Schulbesuch<br />
ihrer Sprösslinge einen monatlichen Beitrag entrichten.<br />
Das Schulgeld im Erdkin<strong>der</strong>-Projekt in<br />
Lohkirchen beträgt pro Schüler in <strong>der</strong> Unterstufe<br />
146 Euro und in <strong>der</strong> Mittel- und Oberstufe<br />
166 Euro pro Monat. Geschw<strong>ist</strong>er erhalten<br />
eine Ermäßigung. Darüber hinaus werden<br />
dreimal im Jahr 80 Euro Materialgeld und 65<br />
Euro <strong>für</strong> Projekte erhoben.<br />
<strong>Die</strong> me<strong>ist</strong>en Montessori-<strong>Schule</strong>n sind Grundund<br />
Haupt schulen. Sie orientieren sich an staatlichen<br />
Lehr plänen und stehen allen Kin<strong>der</strong>n<br />
offen. Montessori-Schüler, <strong>die</strong> an ein „normales<br />
Gymnasium“ wechseln möchten, müssen in <strong>der</strong><br />
Regel eine Aufnahmeprüfung absolvieren.<br />
Auch <strong>der</strong> Abschied von <strong>der</strong> Schulzeit wird in<br />
<strong>der</strong> <strong>Schule</strong> bei Mühldorf in Oberbayern auf<br />
ganz beson<strong>der</strong>e Weise begangen. Eingebunden<br />
in einen rituellen Rahmen, gehen <strong>die</strong> jugendlichen<br />
Abschluss schüler, je<strong>der</strong> <strong>für</strong> sich, alleine <strong>für</strong><br />
einen Tag und eine Nacht, fastend in <strong>die</strong> Natur,<br />
um <strong>die</strong>sen Lebensabschnitt zu beenden. 2003<br />
wurde <strong>die</strong>ses Ritual mit <strong>der</strong> Kamera begleitet<br />
und so entstand <strong>der</strong> erste Dokumentarfilm zu<br />
<strong>die</strong>sem Thema in <strong>der</strong> BRD. >><br />
<strong>Die</strong> DVD „Walk away“ kann bestellt werden bei:<br />
www.erdkin<strong>der</strong>.de/projekte.html<br />
Maria Montessori<br />
Pädagogin und Persönlichkeit<br />
Wohl kaum ein pädagogisches Konzept <strong>ist</strong> so eng an eine einzelne Person gebunden<br />
wie <strong>die</strong> Montessori-Pädagogik. Ihre Begrün<strong>der</strong>in, Maria Montessori (31. August 1870<br />
- 6. Mai 1952), schloss im Alter von 26 Jahren als erste Frau Italiens das Studium<br />
<strong>der</strong> Medizin ab. Auf Kin<strong>der</strong>heilkunde spezialisiert, arbeitete sie als Ass<strong>ist</strong>enzärztin in<br />
<strong>der</strong> Kin<strong>der</strong>psychiatrie <strong>der</strong> römischen Universitätsklinik mit „schwachsinnigen“ Kin<strong>der</strong>n.<br />
Binnen kurzer Zeit erkannte sie, dass hier offenbar weniger ein psychiatrisches,<br />
son<strong>der</strong>n vielmehr ein pädagogisches Problem vorlag, da <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> keinerlei För<strong>der</strong>ung<br />
erfahren hatten. Um ihre ge<strong>ist</strong>ige und körperliche Entwicklung zu stimulieren,<br />
gestaltete Montessori spezielle Arbeitsmaterialien, das „Sinnesmaterial“. 1907 eröffnete<br />
Maria Montessori <strong>die</strong> ‚Casa dei Bambini', eine Tages stätte <strong>für</strong> Kin<strong>der</strong> aus dem<br />
römischen Armenviertel San Lorenzo. Hier verwirklichte <strong>die</strong> italienische Pädagogin<br />
erstmals ihre Vorstellungen von Erziehung und Bildung und entwickelte ihre Ideen<br />
und Methoden weiter. Ein Schlüsselerlebnis war <strong>für</strong> sie richtungsweisend: Sie beobachtete<br />
ein <strong>Kind</strong>, das sich völlig selbstvergessen und konzentriert einer Aufgabe widmete<br />
und sich durch nichts ablenken ließ. <strong>Die</strong>se völlig ungeteilte Aufmerksamkeit<br />
faszinierte sie so sehr, dass sie <strong>die</strong> experimentelle Erforschung <strong>die</strong>ses Phänomens zu<br />
einem Schwerpunkt ihrer weiteren Forschung machte.<br />
Weitere Informationen über Theorie & Praxis <strong>der</strong> Montessori-Pädagogik:<br />
www.montessori-deutschland.de<br />
www.montessori-vereinigung.de, www.montessori-lexikon.de<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
37
WALDORF-SCHULEN<br />
38 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
L e r n e n i m R h y t h m u s<br />
Lernen im Rhythmus:<br />
<strong>Die</strong> Waldorf-<strong>Schule</strong><br />
T E X T : R O S E M A R I E L Ö S E R F O T O S : V O L K M A R O B S T<br />
Auf <strong>der</strong> Suche nach Leitbil<strong>der</strong>n <strong>für</strong> <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> von morgen<br />
geraten <strong>die</strong> pädagogischen Reformbewegungen des frühen<br />
20. Jahrhun<strong>der</strong>ts vermehrt ins Blickfeld. Eines <strong>der</strong> bis heute<br />
wichtigsten und wirkungsreichsten, gleichwohl nicht unumstrittenen<br />
Konzepte <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Waldorf-Pädagogik.<br />
„Kuschelschule“ o<strong>der</strong> ein Unter richt, <strong>der</strong> sich an <strong>der</strong> Entwicklung<br />
<strong>der</strong> Kin<strong>der</strong> orientiert und sie aufs Leben vorbereitet?<br />
Wie arbeiten Waldorf-<strong>Schule</strong>n wirklich?<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
39
WALDORF-SCHULEN<br />
„Aus <strong>der</strong> Art, wie ein <strong>Kind</strong> spielt, kann man erahnen,<br />
wie es seine Lebensaufgabe ergreifen wird.“<br />
Rudolf Steiner<br />
R<br />
espekt, Liebe, Lernen <strong>für</strong>s<br />
Leben <strong>–</strong> das sind <strong>die</strong> wichtigsten<br />
Grundsätze <strong>der</strong> Waldorf-<br />
Pädagogik. O<strong>der</strong>, um mit<br />
Ihrem Begrün<strong>der</strong> Rudolf Steiner<br />
zu sprechen: „Das <strong>Kind</strong> in<br />
Ehrfurcht aufnehmen, in Liebe erziehen und in<br />
Freiheit entlassen.“ <strong>Die</strong>se For<strong>der</strong>ung hat nichts<br />
an Aktualität eingebüßt: „Je<strong>der</strong> Mensch hat Befähigungen,<br />
<strong>die</strong> es zu entdecken gilt. Und je<strong>der</strong><br />
soll <strong>die</strong> Möglichkeit haben, seine Stärken zu erkennen<br />
und zu entfalten <strong>–</strong> deshalb <strong>ist</strong> das Angebot<br />
an Waldorf -<strong>Schule</strong>n breit gefächert“,<br />
erzählt Andrea Moore, eine <strong>der</strong> Begrün<strong>der</strong>innen<br />
<strong>der</strong> Waldorfschule Saar-Huns rück im Saarland.<br />
LERNEN IN GEBORGENER UMGEBUNG<br />
<strong>Die</strong> anthroposophischen Lehren, das betont<br />
auch Rudolf Steiner, sollen nicht Gegenstand<br />
des Unterrichts in Waldorfschulen sein, wohl<br />
aber bilden sie <strong>die</strong> Grundlage <strong>für</strong> das didaktische<br />
Konzept. Für <strong>die</strong> Waldorf-Pädagogik sind<br />
vor allem <strong>die</strong> Auffassung von <strong>der</strong> Dreiglie<strong>der</strong>ung<br />
des Menschen in Ge<strong>ist</strong>, Seele und Leib<br />
und <strong>die</strong> Einteilung <strong>der</strong> „Seelenfähigkeit“ in<br />
Den ken, Fühlen und Wollen von Be deutung.<br />
Sie münden in <strong>die</strong> waldorf-typische gleichberechtigte<br />
För<strong>der</strong>ung kognitiver, künstlerischer<br />
und handwerklich-praktischer Fähigkeiten.<br />
Nicht ein fester Lehrplan be stimmt, was, wann<br />
und wie unterrichtet wird, son<strong>der</strong>n <strong>der</strong> Entwicklungsstand<br />
<strong>der</strong> Schüler. „Es soll nicht versucht<br />
werden, <strong>die</strong> jungen Menschen in<br />
Schubladen zu stecken, es <strong>ist</strong> unser Anspruch<br />
jeden Einzelnen ganz individuell zu behandeln.<br />
Was braucht ein <strong>Kind</strong>, damit es sich gut entfalten<br />
kann? Das <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Frage, <strong>die</strong> unserer pädagogischen<br />
Arbeit zugrunde liegt, und nicht:<br />
Wie hat ein <strong>Kind</strong> zu funktionieren?“, erläutert<br />
Andrea Moore.<br />
Ge<strong>ist</strong>, Seele und Körper fügen sich nach Steiner<br />
im ersten „Lebensjahrsiebt“ zusammen. In <strong>die</strong>ser<br />
Zeit sollten Kin<strong>der</strong> in einer Atmosphäre <strong>der</strong><br />
Geborgenheit aufwachsen, umgeben von einfachen,<br />
natürlichen Dingen und geschützt vor<br />
Reizüberflutung. Im zweiten „Lebensjahrsiebt“,<br />
von 8 bis 14 Jahren, braucht das <strong>Kind</strong> eine Autorität,<br />
<strong>die</strong> es befähigt, Lebensrhythmen und<br />
Gewohnheiten zu entwickeln. Des halb werden<br />
Waldorfschüler <strong>die</strong> ersten acht Jahre vom gleichen<br />
Lehrer unterrichtet. Der Lehrer lernt <strong>die</strong><br />
ihm anvertrauten Schüler daher sehr gut kennen<br />
und kann auf individuelle Stärken und<br />
Schwächen eingehen. Da je<strong>der</strong> Pädagoge zahlreiche<br />
Fächer unterrichten muss, befinden sich<br />
<strong>die</strong> Leh renden selbst ebenfalls in einem permanenten<br />
Lernprozess. Das hat den Vorteil, dass<br />
nicht sie von den Schülern als abgehobene Spezial<strong>ist</strong>en<br />
wahrgenommen werden. Im Gegen teil:<br />
sie müssen vieles ge<strong>mein</strong>sam mit ihren Schülern<br />
erarbeiten. Allerdings <strong>ist</strong> <strong>der</strong> Unterricht so auch<br />
stark durch <strong>die</strong> Persönlichkeit des Lehrers geprägt.<br />
Ein Waldorflehrer begleitet seine Klasse während<br />
<strong>der</strong> Unter- und Mittelstufe jeden Morgen<br />
durch den Haupt unterricht, <strong>der</strong> <strong>die</strong> ersten beiden<br />
Stunden eines Schul vormittags in Form<br />
von sogenanntem „Epochen unterricht“ einnimmt.<br />
In <strong>die</strong>sem befassen sich <strong>die</strong> Schüler<br />
mehrere Wochen lang mit einem Themen komplex.<br />
So beschäftigen sie sich zum Beispiel im<br />
Epochen unterricht Geschichte mit <strong>der</strong> französischen<br />
Revolution, <strong>die</strong> in <strong>die</strong>sem Zeitabschnitt<br />
aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wird:<br />
Es werden Texte gelesen, Quellen interpretiert<br />
und vielleicht auch ein Rollenspiel dazu ausgearbeitet.<br />
<strong>Die</strong>ser Epoche folgt dann vieleicht <strong>die</strong><br />
Mathematik-Epoche, in <strong>der</strong> z. B. Quadra tische<br />
Gleichungen und Funktionen Gegen stand des<br />
Hauptunterrichts sind.<br />
40 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
Nicht von gestern ...<br />
Waldorf-Schüler lernen an<strong>der</strong>s, aber von gestern sind sie nicht: Schüler einer Chemieklasse <strong>der</strong> Waldorfschule Saar-Hunsrück<br />
Durch <strong>die</strong> ganzheitliche Beschäftigung mit dem<br />
Thema soll das Erlernte vom Kurzzeit- ins<br />
Lang zeit gedächtnis absinken und damit ein<br />
Leben lang abrufbar sein. In den unteren Jahrgängen<br />
geht es zunächst weniger um <strong>die</strong> Vermittlung<br />
wissenschaftlich abgesicherten Fachwissens,<br />
son<strong>der</strong>n um praktische Erkenntnisse.<br />
<strong>Die</strong> Vermittlung von Wissen <strong>ist</strong> so angelegt,<br />
dass <strong>die</strong> Schüler zwischen <strong>der</strong> sie umgebenden<br />
Welt und dem was sie erlernen eine lebendige<br />
Beziehung herstellen können. So verlassen <strong>die</strong><br />
Kin<strong>der</strong> beispielsweise im Herbst <strong>die</strong> <strong>Schule</strong>, um<br />
Kastanien zu sammeln. Sie können im Mathematikunterricht<br />
verwendet werden, um Additions-<br />
und Subtraktionsaufgaben zu lösen, aber<br />
auch im Naturkundeunterricht, um ihre Kenntnisse<br />
in <strong>der</strong> Botanik zu erweitern. „O<strong>der</strong> sie lernen<br />
Buchstaben mit allen Sinnen kennen,<br />
indem zuerst eine Geschichte dazu erzählt und<br />
dann ein Bild dazu gemalt wird. <strong>Die</strong> Buchstaben<br />
werden geknetet, auf dem Boden gelaufen<br />
o<strong>der</strong> in den Sand gemalt. Im Unterricht steht<br />
immer <strong>der</strong> Mensch in seiner Gesamtheit im<br />
Vor<strong>der</strong>grund“, erläutert Moore.<br />
Im Interesse eines solch „bildhaften Unterrichts“<br />
sind in Waldorfschulen Lehrbücher zumindest<br />
in den ersten Jahren nicht vorgesehen.<br />
<strong>Die</strong> Schüler sollen sich vielmehr ihre ei gene<br />
Vorstellung von den Dingen machen <strong>–</strong> so soll<br />
<strong>der</strong> Lernstoff tiefer ins Bewusstsein dringen.<br />
Aus <strong>die</strong>sem Grund <strong>ist</strong> es in einigen <strong>Schule</strong>n unerwünscht,<br />
dass Schüler zu Hause fernsehen<br />
o<strong>der</strong> Computer benutzen. Der Unterrichts stoff<br />
wird durch Erzählungen des Lehrers vermittelt.<br />
<strong>Die</strong> Schüler legen ihre Schulbücher selbst aus<br />
Mit schriften, Tafelbil<strong>der</strong>n, Naturmaterialen<br />
o<strong>der</strong> eigenen Zeich nungen an. „<strong>Die</strong> Arbeit mit<br />
Büchern legt uns zu sehr fest. Der Lehrer soll<br />
entscheiden, auf welchem Stand <strong>die</strong> Klasse <strong>ist</strong><br />
und was sie aktuell braucht. So kann er ein individuelles<br />
Konzept entwickeln, das ganz auf<br />
<strong>die</strong> jeweilige Gruppe bzw. auch auf den einzelnen<br />
Schüler zugeschnitten <strong>ist</strong>. Für den fremdsprachlichen<br />
Unterricht haben wir aber auf<br />
Wunsch <strong>der</strong> Eltern Schulbücher angeschafft,<br />
damit sie <strong>die</strong> Möglichkeit haben mit ihren Kin<strong>der</strong>n<br />
den Stoff immer wie<strong>der</strong> aufzufrischen“,<br />
so Andrea Moore.<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
41
WALDORF-SCHULEN<br />
Lernen mit allen Sinnen ...<br />
Vielschichtiges Lernen mit allen Sinnen nicht gegen, son<strong>der</strong>n mit <strong>der</strong> Natur, <strong>ist</strong> das Credo <strong>der</strong> Waldorfschule Saar-Hunsrück.<br />
<strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong> suchen im Freien nach Material, das im Unterricht verwendet werden kann und helfen dabei, sich um <strong>die</strong> Bienenstöcke zu kümmern.<br />
SCHULALLTAG IM WALDORF-RHYTHMUS<br />
Der Tages-, Wochen und Jahresablauf unterliegt<br />
in allen Waldorfschulen einer rhythmischen<br />
Glie<strong>der</strong>ung und Ritu alisierung. „<strong>Die</strong> Rhythmisierung<br />
des schulischen Alltags <strong>ist</strong> uns sehr<br />
wichtig, denn <strong>die</strong> Rituale vermitteln den Kin<strong>der</strong>n<br />
Sicherheit und Geborgenheit“, betont Andrea<br />
Moore. Je <strong>der</strong> Schüler wird am Morgen,<br />
wenn er zur <strong>Schule</strong> kommt mit Handschlag begrüßt<br />
und dann noch einmal vom Klassen lehrer<br />
willkommen geheißen. Am Anfang steht <strong>der</strong><br />
zwe<strong>ist</strong>ündige „Epochenunterricht“, <strong>der</strong> in drei<br />
Phasen geglie<strong>der</strong>t <strong>ist</strong>: Er beginnt mit einem<br />
rhythmischen Teil. Das kann bei den Jüngeren,<br />
Tanzen, Klatschen o<strong>der</strong> Reimen sein, während<br />
ältere Schüler beispielsweise etwas rezitieren.<br />
Dann folgt <strong>der</strong> kognitive Teil und dann wie<strong>der</strong>um<br />
ein Abschnitt, in dem <strong>der</strong> Lehrer seinen<br />
Schülern ein Märchen, o<strong>der</strong> eine Geschichte erzählt.<br />
Bewegung, An spannung und Entspannung<br />
im täglichen Rhyt hmus.<br />
Der anschließende Fachunterricht wird während<br />
<strong>der</strong> gesamten Schulzeit an von einzelnen<br />
Fachlehrern übernommen. Da zu gehört <strong>der</strong><br />
künstlerisch-handwerkliche Bereich, Fremd -<br />
sprachen, <strong>die</strong> schon vom ersten Schuljahr an gelehrt<br />
werden. Projekte, regelmäßige Theater aufführungen,<br />
Konzerte und Schulfeste sind ebenfalls<br />
Ele mente, <strong>die</strong> den Schulalltag rhythmisieren.<br />
Auch <strong>der</strong> jährliche Wechsel <strong>der</strong> Klassenzimmer,<br />
<strong>der</strong>en Raumfarbe sich im Spektrum<br />
eines Regen bogens vom Rot <strong>der</strong> ersten Klasse<br />
bis zum Violett in <strong>der</strong> 12. Klasse verän<strong>der</strong>t, gehört<br />
dazu.<br />
In <strong>der</strong> Oberstufe (9. bis 12. Klasse) übernehmen<br />
Fach lehrer auch den Hauptunterricht. In<br />
<strong>die</strong>ser Phase wird <strong>der</strong> Unterrichtsstoff nicht<br />
mehr ganzheitlich-sinnlich, son<strong>der</strong>n vermehrt<br />
begrifflich-abstrakt erarbeitet. Eingebettet in<br />
den Schulunterricht sind eine Vielzahl von Berufs<br />
praktika, <strong>für</strong> <strong>die</strong> während <strong>der</strong> Oberstufe insgesamt<br />
30 Wochen vorgesehen sind. Dazu<br />
gehören ein Land wirtschaftspraktikum, ein Sozialpraktikum<br />
und ein Feld vermessungspraktikum.<br />
„Während <strong>die</strong>ses Praktikums fahren<br />
mehrere Schüler zusammen in ein Landschul-<br />
42 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
heim, wo sie sich <strong>der</strong> Ver messung eines bestimmten<br />
Gelände ab schnitts widmen. Gerade<br />
während <strong>die</strong>ses Praktikums <strong>ist</strong> es wichtig, ganz<br />
exakt und ge<strong>mein</strong>sam zu arbeiten, damit das<br />
Projekt gelingen kann. Soziale Interaktion, Verlässlichkeit<br />
und Team work stehen hier im Vor<strong>der</strong>grund.<br />
„Nur wenn je<strong>der</strong> seinen Teil <strong>der</strong><br />
Aufgabe ganz genau und zuverlässig bearbeitet,<br />
entsteht zum Schluss ein geschlossenes und<br />
schlüssiges Ganzes“, erklärt Andrea Moore.<br />
Anne-Claire Jakobi, <strong>der</strong>en Söhne Marc und Michael<br />
<strong>die</strong> Waldorf-<strong>Schule</strong> in Nohfelden-Walhausen<br />
besuchen, be trachtet <strong>die</strong> vielen<br />
praktischen Fächer und Berufs praktika als einen<br />
Pluspunkt <strong>der</strong> Waldorf-<strong>Schule</strong>: „<strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong> lernen<br />
von Anfang an viele praktische Dinge, <strong>die</strong><br />
ihnen im späteren Leben nützlich sind. Sie<br />
bauen, kochen, stricken, bilden ihre Kreativität<br />
aus und lernen das Arbeitsleben kennen. Das<br />
Wichtigste <strong>für</strong> mich <strong>ist</strong> aber, dass ihnen <strong>die</strong> Zeit<br />
gegeben wird, <strong>die</strong> sie brauchen, um ihre Fähigkeiten<br />
individuell zu entwickeln.“<br />
LERNEN OHNE LEISTUNGSDRUCK<br />
Zensuren gibt es in <strong>der</strong> Waldorfschule nicht,<br />
Durchfallen <strong>ist</strong> nicht vorgesehen. Statt Zeugnissen<br />
gibt es ausführliche Beurteilungen, in<br />
denen <strong>der</strong> Le<strong>ist</strong>ungsstand und <strong>die</strong> Entwicklung<br />
des Schülers beschrieben werden. So werden<br />
auch Fortschritte und Le<strong>ist</strong>ungen gewürdigt, <strong>die</strong><br />
durch Schulnoten gar nicht zum Ausdruck gebracht<br />
werden. Auf Wunsch von Eltern o<strong>der</strong><br />
Schülern erteilen manche <strong>Schule</strong>n in <strong>der</strong> 9. o<strong>der</strong><br />
10. Klasse zusätzlich auch ein Zeugnis mit<br />
Noten. Auch wenn <strong>die</strong> Le<strong>ist</strong>ungen eines Schülers<br />
stark nachlassen, bleibt er von <strong>der</strong> ersten bis<br />
zur zwölften Klasse in seiner festen Klassenge<strong>mein</strong>schaft.<br />
Denn in Waldorf-<strong>Schule</strong> hat soziales<br />
Miteinan<strong>der</strong> Vorrang vor Le<strong>ist</strong>ung. Dem<br />
18-jährigen Marc gefällt das beson<strong>der</strong>s gut. Er<br />
kam vor einem Jahr als Quereinsteiger in <strong>die</strong><br />
saarländische Waldorf-<strong>Schule</strong>. „Lehrer und<br />
Schüler haben mich total freundlich aufgenommen<br />
und schon nach zwei Wochen fühlte ich<br />
mich so gut integriert, als sei ich schon seit Jahren<br />
hier. Das <strong>ist</strong> <strong>die</strong> beste <strong>Schule</strong> auf <strong>der</strong> ich bisher<br />
war“, resümiert er.<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
43
WALDORF-SCHULEN<br />
Bühnenreif ...<br />
Jugendliche <strong>der</strong> Waldorfschule Saar-Hunsrück vor einem selbstgestalteten Bühnenbild bei<br />
den Proben zum Zwölftklassspiel<br />
Was kostet <strong>die</strong><br />
Waldorf-<strong>Schule</strong>?<br />
Da <strong>die</strong> Zuschüsse, <strong>die</strong> Privatschulen gewährt werden,<br />
wesentlich geringer sind als <strong>die</strong> Zuwendungen, <strong>die</strong> Regelschulen<br />
erhalten, müssen <strong>die</strong> Eltern <strong>für</strong> <strong>die</strong> Schulausbildung<br />
ihrer Sprösslinge an einer Waldorfschule<br />
einen finanziellen Beitrag le<strong>ist</strong>en. Nach dem <strong>die</strong> Eltern in<br />
Gesprächen <strong>die</strong> Bedürfnisse <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> kennengelernt<br />
haben, legen sie ihre Beiträge selbst so fest, dass <strong>die</strong>se<br />
einerseits den Notwendigkeiten des Schulbetriebs und<br />
an<strong>der</strong>erseits ihren eigenen finanziellen Möglichkeiten<br />
entsprechen. So haben <strong>die</strong> Eltern <strong>der</strong> Freien Waldorfschule<br />
Saar-Hunsrück ge<strong>mein</strong>sam beschlossen einen Familienbeitrag<br />
von 180 Euro festzulegen.<br />
Informative Seite mit vielen Infos:<br />
www.waldorfschule.de<br />
JEDE WALDORFSCHULE IST ANDERS<br />
Bei allen Ge<strong>mein</strong>samkeiten <strong>–</strong> <strong>die</strong> Waldorfschule<br />
gibt es nicht. Jede <strong>Schule</strong> <strong>ist</strong> eine autonome Organisation,<br />
<strong>die</strong> ihr eigenes pädagogisches Konzept<br />
erarbeitet und eigene Schwer punkte setzt.<br />
So <strong>ist</strong> <strong>der</strong> Waldorfschule Saar-Hunsrück ein eigener<br />
Schulbauernhof angeglie<strong>der</strong>t, auf dem<br />
<strong>die</strong> Schüler lernen, Tiere artgerecht zu pflegen<br />
und zu versorgen. „Jeden Morgen verlassen<br />
zwei Schüler <strong>der</strong> Unter- o<strong>der</strong> Mittelstufe ihre<br />
Klasse, um auf dem Bauernhof einige kleinere<br />
Aufgaben zu erledigen: sie sammeln im Hühnerstall<br />
<strong>die</strong> Eier ein, helfen beim Füttern <strong>der</strong><br />
Tiere und beim Schleu<strong>der</strong>n des Honigs aus den<br />
Bienenstöcken. <strong>Die</strong>s <strong>ist</strong> nicht nur gut <strong>für</strong> <strong>die</strong><br />
emotionale Entwicklung, es entsteht auch eine<br />
enge Beziehung zur Natur und ein praktisches<br />
Interesse an Fragen <strong>der</strong> Ökologie“, erklärt Andrea<br />
Moore. Natürlich stammen auch <strong>die</strong> Zutaten<br />
<strong>für</strong> <strong>die</strong> Speisen in <strong>der</strong> Schulkantine aus<br />
biologischem Anbau.<br />
SCHULABSCHLUSS IN SOZIALKOMPETENZ<br />
<strong>Die</strong> Schulzeit an Waldorfschulen beträgt zwölf<br />
Jahre <strong>–</strong> unabhängig vom individuell angestrebten<br />
staatlichen Schul ab schluss. Am Ende steht<br />
zunächst <strong>der</strong> Waldorf -Schul abschluss, <strong>der</strong> in<br />
den me<strong>ist</strong>en Bundeslän<strong>der</strong>n nicht als gleichwertig<br />
mit einem staatlichen Schulabschluss<br />
anerkannt wird. Der Wal dorfschulabschluss<br />
sieht keine Ab schluss prüfung vor. Er umfasst<br />
neben den schulischen Le<strong>ist</strong>ungen in <strong>der</strong> Oberstufe<br />
<strong>die</strong> verschiedenen Praktika, eine Jahresarbeit<br />
mit einem theoretischen und einem<br />
praktischen Teil und <strong>die</strong> Teilnahme an einem<br />
Theaterprojekt <strong>der</strong> ganzen Klasse, dem<br />
„Zwölft klasspiel“. Beim Verlassen <strong>der</strong> <strong>Schule</strong><br />
soll <strong>der</strong> junge Mensch vor allem Sozialkompetenzen<br />
wie Team fähigkeit, Selbständig keit,<br />
Kreativität und Lernkompetenz erworben<br />
haben.<br />
Das Waldorfabschlusszeugnis dokumentiert<br />
<strong>die</strong>se ebenso ausführlich wie <strong>die</strong> erbrachten<br />
praktischen Le<strong>ist</strong>ungen. Für Jugendliche, <strong>die</strong> <strong>die</strong><br />
<strong>Schule</strong> mit dem Abitur verlassen wollen, bieten<br />
Waldorfschulen ein 13. Schuljahr an, in dem <strong>die</strong><br />
Schüler auf <strong>die</strong> staatliche Abiturprüfung o<strong>der</strong><br />
den Fach hoch schul abschluss vorbereitet werden.<br />
Bei <strong>der</strong> Wahl des Themas <strong>der</strong> Jahresarbeit<br />
in <strong>der</strong> Oberstufe sind <strong>der</strong> Kreativität keine<br />
Grenzen gesetzt:. Marc wird in seiner Jahresarbeit<br />
verschiedene Formen <strong>der</strong> Dichtkunst untersuchen<br />
und auch selbst Gedichte schreiben.<br />
Milena verfasste <strong>die</strong> Biografie eines namhaften<br />
Fotografen, Jonas formte eine Plastik aus Holz<br />
und Mona drehte einen Film „Smile for a<br />
while“, in dem sie Men schen mit ausgefallen<br />
44 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
Hobbies porträtierte.<br />
In Bayern, Baden-Württemberg, Sachsen, Nie<strong>der</strong>sachsen<br />
und Nordrhein-Westfalen wird das<br />
staatliche Zentralabitur geschrieben. Im Gegensatz<br />
zu staatlichen <strong>Schule</strong>n fließen <strong>die</strong> Ergebnisse<br />
<strong>der</strong> Waldorf-Oberstufe nicht in <strong>die</strong><br />
Abschluss note ein, relevant <strong>ist</strong> lediglich das Prüfungs<br />
ergebnis. In den an<strong>der</strong>en Bundeslän<strong>der</strong>n<br />
wird das Abitur vor einer staatlichen Prüfungskommission<br />
abgelegt. Allein Hessen bildet eine<br />
Ausnahme, es erkennt <strong>die</strong> Klassen 11 bis 13 als<br />
gymnasiale Oberstufe an. Für <strong>die</strong> Anerkennung<br />
<strong>der</strong> an<strong>der</strong>en Schulab schlüsse gelten von Bundesland<br />
zu Bundes land unterschiedliche Bestimmungen.<br />
So gibt es z. B. an den Waldorf-<br />
<strong>Schule</strong>n des Saarlandes und des Landes Rheinland-Pfalz<br />
den Hauptschul abschluss nach <strong>der</strong><br />
10. Klasse und den Realschulabschluss nach <strong>der</strong><br />
12. Klasse. Trotz <strong>die</strong>ser un terschiedlichen Regelungen<br />
er freuen sich Waldorf -Schu len einer<br />
großen Be liebt heit: Weltweit gibt es mehr als<br />
950 <strong>Schule</strong>n; über 200 davon allein in Deutschland.<br />
Im Jahr 2005 erhielten in Deutschland 45% <strong>der</strong> etwa 5.000<br />
Waldorfschulabgänger das Abitur, 8% <strong>die</strong> Fach hoch schulreife,<br />
35% den Realschul- und 7% den Hauptschul abschluss.<br />
Quelle: Arbeitsbereich Bildungsökonomie <strong>der</strong> Freien Hochschule<br />
<strong>für</strong> anthroposophische Pädagogik Mannheim: Schulabgänger<br />
nach Abschlussarten in Deutschland 2005.
FREIE SCHULEN<br />
46 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
L e r n e n , w i e e s E u c h g e f ä l l t<br />
<strong>Schule</strong> ohne Zwang<br />
<strong>Die</strong> Freie <strong>Schule</strong><br />
T E X T : A L I C E S E L I N G E R F O T O S : E L I S A B E T H N O V Y I F R E I E S C H U L E F R A N K F U R T I S U M M E R H I L L<br />
Kin<strong>der</strong> wollen lernen. Sie sind von Natur aus neugierig und<br />
wissensdurstig. Deshalb brauchen sie auch keine Noten<br />
und keinen Lernzwang, son<strong>der</strong>n Freiheit und vielfältige<br />
Anregungen. Das <strong>ist</strong> <strong>der</strong> Grundgedanke <strong>der</strong> Freien <strong>Schule</strong>n.<br />
Freiwilliger Unterricht und <strong>Schule</strong> ohne Zeugnisse <strong>–</strong> kann<br />
das in <strong>der</strong> Praxis funktionieren? Was lernt man, wenn man<br />
nichts lernen muss?<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
47
FREIE SCHULEN<br />
D<br />
ie Freien <strong>Schule</strong>n sind ein radikaler<br />
Gegen entwurf zum herkömmlichen<br />
Schulmodell: Hier<br />
pauken <strong>die</strong> Schüler nicht Wissen,<br />
dass ihnen von Erwachsenen<br />
vorgegeben wird, son<strong>der</strong>n<br />
gehen ihren eigenen Interessen<br />
nach. Starre Lehrpläne, feste Pausenzeiten,<br />
stundenlanges Stillsitzen, Benotungen und<br />
Zeugnisse engen Kin<strong>der</strong> ein, setzen sie unter<br />
Druck und nehmen ihnen im schlimmsten Fall<br />
lebenslang <strong>die</strong> Lust am Lernen und damit auch<br />
<strong>die</strong> Neugier auf <strong>die</strong> Welt. In den Freien <strong>Schule</strong>n<br />
pauken <strong>die</strong> Schüler nicht Wissen, dass ihnen<br />
von Erwachsenen vorgegeben wird, son<strong>der</strong>n<br />
dürfen ihren eigenen Interessen, Antrieben und<br />
Fragen nachgehen. Emotionale, soziale und kognitive<br />
Erfahrungen sind dabei gleichwertig. Ob<br />
ein <strong>Kind</strong> sägt, liest, rechnet o<strong>der</strong> malt, ob es sich<br />
um Jüngere kümmert o<strong>der</strong> sich verkleidet, bei<br />
allen Aktivitäten lernt es.<br />
DIE KINDER ENTSCHEIDEN, WAS SIE<br />
LERNEN<br />
Jedem <strong>Kind</strong> wird seine individuelle Entwicklung,<br />
sein eigenes Tempo zugestanden. Lernen,<br />
was man möchte <strong>–</strong> das Konzept <strong>der</strong> Freien<br />
<strong>Schule</strong>n klingt nach einem Para<strong>die</strong>s <strong>für</strong> Faulpelze,<br />
doch das <strong>ist</strong> es nicht. Im Gegenteil: Der<br />
Umgang mit <strong>der</strong> Frei heit will gelernt sein. Eigenständiges<br />
selbstbestimmtes Lernen setzt<br />
voraus, dass ein <strong>Kind</strong> motiviert <strong>ist</strong> und seine Bedürfnisse,<br />
Interessen und Fähigkeiten kennt.<br />
Der „Lernerfolg” in <strong>der</strong> freien <strong>Schule</strong> hängt also<br />
in weit höherem Maße als in <strong>der</strong> Regelschule<br />
davon ab, wie aktiv <strong>die</strong> Schüler sind und was sie<br />
an Fähigkeiten und Interessen mitbringen.<br />
<strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong> entscheiden selbst, was sie wann<br />
machen wollen. In <strong>der</strong> Praxis sieht das so aus,<br />
dass sie mit den Lehrern Lern verabredungen<br />
treffen. <strong>Die</strong> Lehrer bieten ihre Kompetenz, ihr<br />
Wissen an, zwingen es aber nicht auf. Für <strong>die</strong><br />
Lehrer bedeutet das, nicht ihre eigenen Vorstellungen<br />
davon, was Kin<strong>der</strong> tun o<strong>der</strong> lernen sollen,<br />
umzusetzen, son<strong>der</strong>n sich täglich auf <strong>der</strong>en<br />
Bedürfnisse und Interessen einzustellen. An<br />
einer Freien <strong>Schule</strong> zu unterrichten erfor<strong>der</strong>t<br />
Flexibilität, Einfühlungs ver mögen, Kreativität<br />
und Konzentration. <strong>Die</strong> Lehrer geben ihren<br />
Schülern nichts vor, stehen aber unterstützend<br />
und beratend zur Seite, gehen auf jede individuelle<br />
Frage und Situation ein.<br />
DAS BEISPIEL SUMMERHILL<br />
An<strong>der</strong>s als Waldorf- o<strong>der</strong> Montessori-<strong>Schule</strong>n<br />
verstehen sich <strong>die</strong> Freien <strong>Schule</strong>n nicht als alternatives<br />
pädagogisches Modell. Im Gegenteil:<br />
Sie lehnen jede Form von Pädagogik ab, <strong>die</strong> behauptet,<br />
zu wissen, was wann gut <strong>für</strong> Kin<strong>der</strong> sei.<br />
Kin<strong>der</strong> sollen nicht funktionalisiert werden,<br />
we<strong>der</strong> von den staatlichen Schu len noch von alternativen<br />
pädagogischen Dogmen. Dahinter<br />
steht <strong>der</strong> Grundgedanke, dass Kin<strong>der</strong> keine<br />
formbare Masse sind, son<strong>der</strong>n eigenständige,<br />
den Erwachsenen gleichwertige Per sön lichkeiten.<br />
Vorbild <strong>der</strong> Freien <strong>Schule</strong>n <strong>ist</strong> das legendäre<br />
eng lische Internat Summerhill, das 1921<br />
von dem nicht min<strong>der</strong> legendären Reformpädagogen<br />
Alexan<strong>der</strong> S. Neill gegründet wurde.<br />
Heute wird das Internat von rund 80 Schülern<br />
von fünf bis siebzehn Jahren besucht. Viele von<br />
ihnen kommen aus Deutsch land und Japan. <strong>Die</strong><br />
Schulgebühren liegen zwischen zehn- und<br />
zwanzigtausend Euro. Leiterin <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> <strong>ist</strong><br />
Neills Tochter Zoë Neill Redhead.<br />
Summerhill baut auf drei Grundprinzipien auf:<br />
„Self-government” (Schülerselbst regierung) bedeutet,<br />
dass eine Schulge <strong>mein</strong> de aus Kin<strong>der</strong>n<br />
und Lehrkräften alle Fragen des Schul alltags regelt.<br />
<strong>Die</strong> Stimmen <strong>der</strong> Kin<strong>der</strong> zählen dabei genauso<br />
viel wie <strong>die</strong> <strong>der</strong> Erwachsenen. Auch <strong>die</strong><br />
beiden an<strong>der</strong>en Hauptmerk male bestimmen bis<br />
heute den Charakter aller Freier <strong>Schule</strong>n: freiwilliger<br />
Unterrichtsbesuch nach Absprache und<br />
Werk stätten <strong>für</strong> <strong>die</strong> Schüler, in denen sie ihre<br />
motorischen, handwerklichen und kreativen Fä-<br />
48 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
Summerhill<br />
<strong>ist</strong> eine demokratische <strong>Schule</strong> in Le<strong>ist</strong>on (Suffolk, England) und gilt als eine <strong>der</strong> ältesten demokratischen <strong>Schule</strong>n <strong>der</strong> Welt. Sie <strong>ist</strong> auch das Vorbild <strong>der</strong><br />
Freien <strong>Schule</strong>n. A. S. Neill gründete sie 1921 zu einer Zeit, als Reformpädagogik populär war. Derzeit wachsen rund 90 Kin<strong>der</strong> und Jugendliche verschiedener<br />
Nationen im Alter von 5 bis 17 Jahren in dem Internat auf. Nach dem Tod des Grün<strong>der</strong>s im Jahre 1973 übernahm seine Frau Ena und ab 1985 ihre<br />
Tochter Zoë Neill Readhead <strong>die</strong> Schulleitung.<br />
Foto: summer-<br />
higkeiten entwickeln können. In Summerhill<br />
wird den Kin<strong>der</strong>n viel Freiheit gegeben, doch<br />
gibt es verbindliche Regeln, <strong>die</strong> von <strong>der</strong> Schulge<strong>mein</strong>de<br />
<strong>–</strong> in <strong>der</strong> <strong>die</strong> Schüler <strong>die</strong> Mehrheit<br />
haben <strong>–</strong> aufgestellt werden. Neill hielt nicht viel<br />
von den deutschen 68ern, er verwendete nie<br />
den Begriff antiautoritäre Erziehung, son<strong>der</strong>n<br />
bezeichnete seine Praxis als „selbstregulative<br />
Erziehung”. In Summerhill werden häufig ungewöhnliche<br />
Wege beschritten, wenn ein Schüler<br />
den Ablauf ernsthaft stört. Statt ihn zu<br />
bestrafen, wird <strong>für</strong> ihn ein „Tag <strong>der</strong> Aufmerksamkeit”<br />
ausgerufen. An <strong>die</strong>sem Tag kümmern<br />
sich alle ganz beson<strong>der</strong>s um <strong>die</strong>sen Schüler.<br />
Einem Jungen, <strong>der</strong> Fahrrä<strong>der</strong> unrechtmäßig benutzte,<br />
schenkte <strong>die</strong> Ge<strong>mein</strong>schaft ein Fahrrad.<br />
For<strong>der</strong>un gen nach hartem Durchgreifen gibt es<br />
<strong>Die</strong> 3 Hauptmerkmale von Summerhill<br />
„Self-government“, von Kamp als (Schüler-)Selbstregierung übersetzt<br />
Es gibt eine „Schulge<strong>mein</strong>de“, in <strong>der</strong> <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> und Lehrkräfte<br />
wichtige Fragen des Schulalltags gleichberechtigt regeln<br />
Der Unterrichtsbesuch <strong>ist</strong> freiwillig<br />
Es stehen Werkstätten <strong>für</strong> <strong>die</strong> Schüler zur Verfügung<br />
A. S. Neills Ideen zu <strong>Schule</strong> und Erziehung waren von seinem Vorbild Homer<br />
Lane geprägt. Den Kin<strong>der</strong>n wurde viel Freiheit gegeben, sie waren jedoch nicht<br />
frei von Regeln. Es galt das Prinzip „freie Erziehung“ und nicht „frei von Erziehung“,<br />
wie es in den 1960er Jahren während <strong>der</strong> Studentenbewegung in<br />
Deutschland falsch interpretiert wurde. Populär damals war <strong>der</strong> Begriff „antiautoritäre<br />
Erziehung“, den A.S. Neill selbst nie verwendete. Neill bezeichnete seine<br />
Praxis als „selbstregulative Erziehung“. <strong>Die</strong>se sollte es den Kin<strong>der</strong>n ermöglichen,<br />
ihr eigenes Leben zu leben, nicht eines, das ihnen von Autoritäten wie Eltern<br />
o<strong>der</strong> Erziehern suggeriert o<strong>der</strong> vorgeschrieben wird.<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
49
FREIE SCHULEN<br />
Schüler<br />
in Summerhill bei einer Abstimmung. Summerhill baut auf drei Prinzipien auf. „Self-government” (Schülerselbst regierung) bedeutet, dass eine<br />
Schulge <strong>mein</strong> de aus Kin<strong>der</strong>n und Lehrkräften alle Fragen des Schul alltags regelt. <strong>Die</strong> Stimmen <strong>der</strong> Kin<strong>der</strong> zählen dabei genauso viel wie <strong>die</strong> <strong>der</strong><br />
Erwachsenen.<br />
nicht. Dennoch kommt es auch in Summerhill<br />
vor, dass Kin<strong>der</strong> bzw. <strong>die</strong> Eltern vor <strong>die</strong> Entscheidung<br />
gestellt werden, sich <strong>der</strong> Ge<strong>mein</strong>schaft<br />
anzuschließen o<strong>der</strong> sie zu verlassen.<br />
FREIE SCHULEN IN DEUTSCHLAND<br />
In Deutschland ex<strong>ist</strong>ieren bereits seit den 70er-<br />
Jahren Freie <strong>Schule</strong>n. 60 von ihnen haben sich<br />
im Bundesverband <strong>der</strong> Freien Alternativschulen<br />
(BFAS) organisiert. In <strong>der</strong> Regel entstanden<br />
<strong>die</strong> <strong>Schule</strong>n aus Elterninitiativen <strong>–</strong> so auch das<br />
Projekt „Neue <strong>Schule</strong> Hamburg”, das unter an<strong>der</strong>em<br />
von <strong>der</strong> Sängerin Nena mitinitiiert<br />
wurde. <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> startete mit finanziellen Problemen,<br />
erhielt aber eine behördliche Genehmigung.<br />
We gen <strong>der</strong> schwierigen Vergleichbarkeit<br />
<strong>der</strong> Le<strong>ist</strong>ungen von öffent lichen und Freien<br />
<strong>Schule</strong>n <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Genehmigung durch <strong>die</strong> Schulbehörden<br />
immer wie<strong>der</strong> konfliktträchtig. Allerdings<br />
wurde bislang kein Antrag auf Genehmigung<br />
abgelehnt.<br />
<strong>Die</strong> „Freie <strong>Schule</strong> Frankfurt” (FSF), bereits<br />
1974 gegründet, umfasst Kin<strong>der</strong>tagesstätte,<br />
Grundschule und För<strong>der</strong>stufe, nach <strong>der</strong> sechsten<br />
Klasse müssen <strong>die</strong> Schüler auf Regelschulen<br />
wechseln. Etwa 50 Kin<strong>der</strong> zwischen drei<br />
und dreizehn Jahren lernen in einem großen<br />
Haus mit Hof im Frankfurter Stadtteil Sachsen -<br />
hausen. Eine Holzwerkstatt, Musikinstrumente,<br />
ein großer Kunstbereich, ein Schulgarten im<br />
Taunus, eine Theater bühne, eine Kletterwand<br />
und ein kleiner Abenteuer spielplatz gehören zur<br />
50 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
Ausstattung. <strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong> kommen morgens ab<br />
neun Uhr, frühstücken und besprechen mit den<br />
Lehrern, was sie machen möchten. Sie ordnen<br />
sich je nach Alter und Ent wicklung <strong>der</strong> jüngeren,<br />
mittleren o<strong>der</strong> älteren Gruppe zu und entscheiden<br />
frei, womit sie ihren Tag verbringen.<br />
Um halb zehn <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Frühstückszeit vorbei, um<br />
zwölf Uhr gibt es Mittagessen und um sechzehn<br />
Uhr einen Kakao zum Abschluss des<br />
Tages. Im SchülerInnenrat können alle Angelegenheiten<br />
ohne <strong>die</strong> Anwesenheit von Erwachsenen<br />
besprochen werden.<br />
<strong>Die</strong> „Freie <strong>Schule</strong> Frankfurt” (FSF), bereits 1974 gegründet, umfasst<br />
Kin<strong>der</strong>tagesstätte, Grundschule und För<strong>der</strong>stufe, nach <strong>der</strong> sechsten<br />
Klasse müssen <strong>die</strong> Schüler auf Regelschulen wechseln.<br />
Kommentare von Eltern im Internet zeigen,<br />
dass sich viele nicht zuletzt aufgrund eigener<br />
negativer Erfahrungen <strong>für</strong> <strong>die</strong> Freie <strong>Schule</strong> entscheiden.<br />
Und dass sie sich mit Ängsten auseinan<strong>der</strong>setzen<br />
müssen: <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Entscheidung <strong>für</strong><br />
<strong>die</strong> Freie <strong>Schule</strong> richtig? Wird das <strong>Kind</strong> später<br />
auf einer weiterführenden <strong>Schule</strong> zurecht kommen?<br />
Eigenständiges, selbst be stimmtes Lernen<br />
setzt voraus, dass ein <strong>Kind</strong> seine eigenen Bedürfnisse,<br />
Interessen und Fähigkeiten kennt.<br />
Der Umgang mit Freiheit <strong>–</strong> in einer weitgehend<br />
unfreien Gesellschaft <strong>–</strong> <strong>ist</strong> we<strong>der</strong> <strong>für</strong> Kin<strong>der</strong><br />
noch <strong>für</strong> Erwachsene selbstverständlich, und<br />
unter Umständen muss er zunächst erlernt und<br />
geübt werden.<br />
ERFOLGREICHER ÜBERGANG<br />
Kaum Probleme scheint den Schülern <strong>der</strong><br />
Freien <strong>Schule</strong>n <strong>der</strong> Übergang auf staatliche zu<br />
bereiten. Auch im späteren Leben sind sie auffallend<br />
erfolgreich und me<strong>ist</strong> zufrieden mit ihrer<br />
beruflichen Tätigkeit. Empirische Stu<strong>die</strong>n über<br />
den Erfolg von Schülern freier <strong>Schule</strong>n gibt es<br />
bislang kaum. Doch <strong>die</strong> Sudbury Valley School<br />
<strong>–</strong> eine US-amerikanische Privatschule, <strong>die</strong> ebenfalls<br />
dem Summerhill-Prinzip folgt und mittlerweile<br />
einige Ableger in Europa hat <strong>–</strong> hat zwei<br />
Stu<strong>die</strong>n über ihre Absolventen in den letzten<br />
fast vierzig Jahren veröffentlicht. Danach besuchten<br />
etwa 80 Prozent <strong>der</strong> ehemaligen Schüler<br />
eine Universität o<strong>der</strong> ein College. 90 Prozent<br />
wurden am College ihrer Wahl aufgenommen.<br />
<strong>Die</strong> Mehrheit <strong>der</strong> Sudbury-Valley-Absolventen<br />
arbeitet in ihrem Wunschberuf. Etwa <strong>die</strong> Hälfte<br />
<strong>der</strong> Absolventen war zeitweilig unternehmerisch<br />
selbständig. Aber <strong>die</strong> Schülerschaft <strong>der</strong><br />
Freien <strong>Schule</strong>n <strong>ist</strong> kein Spiegelbild des gesellschaftlichen<br />
Durchschnitts. Eltern, <strong>die</strong> sich <strong>für</strong><br />
eine Freie <strong>Schule</strong> entscheiden, sind engagiert<br />
und kritisch. Kin<strong>der</strong> mit Migrationshintergrund<br />
sind auf den deutschen Freien <strong>Schule</strong>n noch <strong>die</strong><br />
Ausnahme.<br />
LERNEN FÜRS LEBEN<br />
Daniel, 15, verbrachte neun Jahre auf <strong>der</strong><br />
Freien <strong>Schule</strong> Frankfurt. Nach <strong>der</strong> sechsten<br />
Klasse wechselte er auf eine Gesamtschule,<br />
dort besucht er den gymnasialen Zweig. Seine<br />
Noten sind gut. Er berichtet bege<strong>ist</strong>ert von seinen<br />
Jahren auf <strong>der</strong> Freien <strong>Schule</strong>. Er redet leb-<br />
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51
FREIE SCHULEN<br />
Sommerfest<br />
in <strong>der</strong> Freien <strong>Schule</strong> Frankfurt. Eine Stu<strong>die</strong> <strong>der</strong> Sudbury Valley School legt nahe: Schüler <strong>der</strong> Freien <strong>Schule</strong>n sind erfolgreich im späteren Leben.<br />
haft, wirkt aufgeweckt und selbstbewusst. In<br />
<strong>der</strong> Regelschule <strong>ist</strong> er Klassensprecher. Sein<br />
Freund, <strong>der</strong> mit ihm von <strong>der</strong> Freien <strong>Schule</strong> kam,<br />
<strong>ist</strong> Schul sprecher. Daniel erzählt von <strong>der</strong> Holzund<br />
<strong>der</strong> Metall werk statt, er reparierte Fahrrä<strong>der</strong><br />
in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong>, baute Kett-Cars und Seifenk<strong>ist</strong>en.<br />
Er kann löten und kennt sich mit Elektronik <strong>ist</strong>.<br />
Jedes Jahr an Weihnachten wurde ein Theaterstück<br />
aufgeführt, Kostüme und Bühnenbild<br />
wurden von den Schülern gebastelt. <strong>Die</strong> praxisnahen,<br />
handwerklichen Tätigkeiten sind ein<br />
wichtiger Punkt <strong>für</strong> Daniel. Wenn Lesen o<strong>der</strong><br />
Rechnen <strong>für</strong> <strong>die</strong> Umsetzung einer Aufgabe<br />
nötig war, ergab sich das Lernen fast nebenbei.<br />
Eine Gruppe von Schülern entschloss sich, ein<br />
Boot zu bauen <strong>–</strong> und stellte fest, dass da<strong>für</strong> viele<br />
Rechen kennt nisse nötig sind.<br />
Daniels älterer Bru<strong>der</strong>, <strong>der</strong> gerade Abitur<br />
macht, war ebenfalls auf <strong>der</strong> Freien <strong>Schule</strong>. Mit<br />
zehn Jahren konnte er noch nicht lesen. Für<br />
seine Eltern und Großeltern war das schwer<br />
auszuhalten. Doch irgendwann lernte er es, und<br />
auch er hatte keine Schwierigkeiten beim Übergang<br />
auf eine Regelschule. In ihrem letzten<br />
Schuljahr auf <strong>der</strong> FSF, als Daniel und seine<br />
Freunde 12 o<strong>der</strong> 13 Jahre alt waren, erstellten<br />
sie sich, in Absprache mit den Lehrern, einen<br />
Stundenplan. Mit <strong>die</strong>ser Struktur bereiteten sie<br />
sich selbst auf <strong>die</strong> Regelschule vor. Daniel<br />
<strong>mein</strong>t, dass sei eine gute Idee gewesen. Am me<strong>ist</strong>en<br />
gestört habe ihn dann auf <strong>der</strong> Regelschule<br />
<strong>der</strong> 45-Minuten-Takt. Er war es gewohnt, sich<br />
einer Aufgabe so lange zu widmen, wie er Lust<br />
hatte o<strong>der</strong> es ihm nötig erschien.<br />
ENGAGIERTE ELTERN UND LEHRER<br />
Von den Eltern wird überdurchschnittliches<br />
Engagement verlangt, sie müssen sich einbringen:<br />
an <strong>der</strong> Frankfurter <strong>Schule</strong> sind <strong>die</strong> Donnerstagabende<br />
verbindliche Termine. Daniels<br />
52 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
„Das <strong>Kind</strong> wird nicht<br />
erst zum Menschen,<br />
es <strong>ist</strong> schon einer.“<br />
Janus Korczak<br />
Eltern mussten wöchentliche Diskussionen aushalten,<br />
<strong>die</strong> manch mal bis ein Uhr Nachts gingen.<br />
Aus <strong>die</strong>ser Erfahrung heraus wurden<br />
schließlich Arbeitsgruppen gebildet, so dass<br />
nicht mehr alles im Plenum besprochen wird.<br />
<strong>Die</strong> AG Schulhaus <strong>ist</strong> <strong>für</strong> Renovierungen zuständig.<br />
Früher putzten <strong>die</strong> Eltern sogar selbst.<br />
Zu Daniels Zeit war man auch bemüht, jedes<br />
Jahr ein bis zwei Kin<strong>der</strong> aufzunehmen, <strong>die</strong> körperliche<br />
Handicaps o<strong>der</strong> leichte Verhaltensauffälligkeiten<br />
hatten. Auch solche Kin<strong>der</strong> blühten<br />
in dem Umfeld auf.<br />
Als ich Daniel zuhöre, wie er mit leuchtenden<br />
Augen und eloquent von seiner Schulzeit berichtet,<br />
von <strong>der</strong> engen Freund schaft zu den<br />
Lehrern, <strong>die</strong> ihn viele Jahre hindurch begleiteten,<br />
von <strong>der</strong> selbstgebauten Kletterwand, dem<br />
Fotolabor, den jährlichen Schulfahrten, von<br />
einem Schachbrett mit Figuren, dass zehn Schüler<br />
ge<strong>mein</strong>sam schreinerten, packt mich <strong>der</strong><br />
Neid. Dass <strong>Schule</strong> nachhaltig bege<strong>ist</strong>ern und<br />
Lust auf <strong>die</strong> Welt machen kann, <strong>ist</strong> eine Erfahrung,<br />
<strong>die</strong> ich und <strong>die</strong> me<strong>ist</strong>en <strong>mein</strong>er Freunde<br />
nie gemacht haben. <strong>Die</strong> weiterführenden Frankfurter<br />
<strong>Schule</strong>n nehmen <strong>die</strong> Schüler von <strong>der</strong><br />
freien <strong>Schule</strong> gerne: sie verfügen über eine hohe<br />
soziale Kompetenz, haben gelernt, zu lernen,<br />
und sind in <strong>der</strong> Regel überdurchschnittlich in<br />
ihren schulischen Le<strong>ist</strong>ungen. Je<strong>der</strong> Jahrgang,<br />
<strong>der</strong> <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> verlassen muss, entwickelt ein<br />
Abgängerprojekt. Daniel baute mit Freunden<br />
aus Schrott einen Roboter. Auch Mosaike <strong>für</strong>s<br />
Treppenhaus entstanden so, lebensgroße Figuren<br />
aus Ton kacheln, Skulpturen. Jedes <strong>Kind</strong><br />
hinterlässt eine Spur. Und <strong>die</strong> <strong>Schule</strong> hinterlässt<br />
tiefe Spuren in den Kin<strong>der</strong>n.
PRIVATSCHULEN<br />
Foto: Digitalstock<br />
54 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
I n d i v i d u e l l e F ö r d e r u n g<br />
Bessere Bildung,<br />
bessere Erziehung?<br />
Privatschulen<br />
T E X T : H E I K E B Y N F O T O S :<br />
P H O R M S , S C H L O S S H O H E N W E R D A<br />
Acht Jahre nachdem <strong>die</strong> erste PISA-Stu<strong>die</strong> dem deutschen<br />
Bildungssystem ein schlechtes Zeugnis ausgestellt hat, wächst<br />
das Interesse an Privatschulen. Bieten <strong>die</strong>se Institute tatsächlich<br />
ein besseres Lernklima und ein höheres Le<strong>ist</strong>ungsniveau als<br />
öffentliche <strong>Schule</strong>n? Und wer kann sich das überhaupt le<strong>ist</strong>en?<br />
KidsLife hat nachgefragt und stellt unterschiedliche Privat-<br />
Schulkonzepte vor.<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
55
PRIVATSCHULEN<br />
Ge<strong>mein</strong>sam leben und lernen<br />
Mehr als nur Klassenkameraden: <strong>Die</strong> Schüler im Internat Schloss Hohenwehrda, einem Ende des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts vom Reformpädagogen Her mann Lietz gegründeten<br />
Lan<strong>der</strong>ziehungsheim, verbringen auch in <strong>der</strong> Freizeit viele Stunden zusammen.<br />
Z<br />
unehmende Gewaltbereitschaft an<br />
den <strong>Schule</strong>n, überfrachtete Lehrpläne,<br />
überfor<strong>der</strong>te Lehrer und marode<br />
Schulgebäude <strong>–</strong> mit je<strong>der</strong><br />
neuen Schlagzeile schwindet das<br />
Ver trauen in das staatliche Bildungssystem.<br />
Immer mehr Eltern suchen nach<br />
Alter nativen, <strong>die</strong> ihren Kin<strong>der</strong>n eine bessere Bildung<br />
<strong>–</strong> und damit bessere Berufschancen <strong>–</strong> ermöglichen.<br />
Wer es sich le<strong>ist</strong>en kann, schickt den<br />
Nachwuchs auf eine Privat schule. In Deutschland<br />
besuchen mittlerweile 650.000 Schüler private<br />
Bildungseinrichtungen. Obwohl es auch<br />
hervorragende kostenlose staatliche <strong>Schule</strong>n<br />
gibt, sind Eltern zunehmend bereit, <strong>für</strong> <strong>die</strong> Bildung<br />
ihrer Kin<strong>der</strong> zu zahlen <strong>–</strong> im Schnitt 150<br />
Euro pro Monat und <strong>Kind</strong>. <strong>Die</strong> Spanne reicht<br />
von wenigen Euro <strong>für</strong> konfessionelle <strong>Schule</strong>n,<br />
etwa 140 Euro monatlich <strong>für</strong> den Besuch einer<br />
Waldorfschule bis hin zu 30.000 Euro jährlich<br />
<strong>für</strong> Elite-Bildungsburgen wie das Internat<br />
Schloss Salem. Eine Privatschule muss nicht<br />
zwingend eine exklusive Veranstaltung <strong>für</strong> reiche<br />
Familien sein: Viele Institute bieten Stipen<strong>die</strong>n<br />
an, Geschw<strong>ist</strong>erermäßigungen o<strong>der</strong> staffeln<br />
das Schulgeld nach dem Einkommen <strong>der</strong> Eltern.<br />
56 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
Es gibt nur eine Sache auf <strong>der</strong> Welt, <strong>die</strong> teurer<br />
<strong>ist</strong> als Bildung: keine Bildung!<br />
John F. Kennedy<br />
GUTE AUSBILDUNG<br />
STATT LUXUS-URLAUB<br />
Der Bielefel<strong>der</strong> Bildungssoziologe Klaus Hurrelmann<br />
beobachtet seit Jahren ein „ständig ansteigendes<br />
Bildungs be wuss t sein <strong>der</strong> Eltern“. Sie<br />
setzten alle Hebel in Bewegung, um dem <strong>Kind</strong><br />
eine optimale Ausbildung zu bieten. <strong>Die</strong> Eltern<br />
trauten dem staatlichen System nicht mehr zu,<br />
dass es <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> auf <strong>die</strong> Herausfor<strong>der</strong>ungen<br />
einer globalisierten Welt vorbereitet. Das wissen<br />
viele Privatschulen und haben Fremdsprachen<br />
zu ihrer Domäne gemacht. So baut <strong>die</strong><br />
Bildungsunternehmen Phorms Management<br />
AG deutschlandweit Privatschulen auf, in denen<br />
<strong>der</strong> Unterricht auf Deutsch und Englisch stattfindet.<br />
<strong>Die</strong> erste Grundschule startete Phorms<br />
im Sommer 2006 in Berlin Mitte. Im letzten<br />
Jahr ging dort das Gymnasium an den Start.<br />
Ebenfalls 2007 eröffneten <strong>die</strong> Phorms-Grün<strong>der</strong><br />
Grund schulen in München, Frankfurt und<br />
Köln. In den Phorms-<strong>Schule</strong>n steht <strong>die</strong> individuelle<br />
För<strong>der</strong>ung aller Schüler im Mittel punkt,<br />
egal, ob <strong>der</strong> Schüler hochbegabt <strong>ist</strong> o<strong>der</strong> Schwächen<br />
hat. <strong>Die</strong> Klassenstärke liegt nicht über 20<br />
Kin<strong>der</strong>, in je<strong>der</strong> Klasse ass<strong>ist</strong>iert dazu ein Erzieher.<br />
<strong>Die</strong> Phorms-Philosophie richtet sich nach den<br />
Bedürfnissen <strong>der</strong> Schüler: klare zuverlässige<br />
Strukturen, definierte Meilen steine und ein solides<br />
Lernfundament einerseits <strong>–</strong> mo <strong>der</strong> ne<br />
Lernmethoden, basierend auf Motivation und<br />
Spaß an<strong>der</strong>erseits. Ziel <strong>ist</strong> es, erstklassige Bildung<br />
auf Grundlage <strong>der</strong> besten traditionellen<br />
und mo<strong>der</strong>nen Unterrichtsmethoden anzubieten<br />
und dabei neue Lösungen zu entwickeln.<br />
<strong>Die</strong> Elternbeiträge sind einkommensabhängig<br />
und liegen bundesweit zwischen 200 und 880<br />
Euro monatlich. Das Unter nehmer-Ehepaar<br />
Rieke und Lars Kostka hat seinen Sohn Leon<br />
in <strong>der</strong> Berliner Phorms-Grundschule angemeldet.<br />
„Staatliche <strong>Schule</strong>n gehen nicht auf den<br />
einzelnen Schüler ein“, sagt Rieke und setzt da<br />
auf Phorms. Auch Leons Schwester Linda soll<br />
später auf <strong>die</strong> Privatschule. <strong>Die</strong> Kostkas verzichten<br />
da<strong>für</strong> auf teure Urlaube, den Zweitwagen<br />
und exklusive Hobbies. „Es <strong>ist</strong> uns<br />
wichtiger, in <strong>die</strong> Ausbildung <strong>der</strong> Kin<strong>der</strong> zu investieren“,<br />
sagt Vater Lars.<br />
DEUTSCHE SCHULSTATISTIK SPRICHT<br />
FÜR PRIVATSCHULEN<br />
Sind Privatschulen wirklich besser? Für Helmut<br />
Klein, Schul forscher am Institut <strong>der</strong> deutschen<br />
Wirtschaft in Köln, <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Antwort klar: „Würden<br />
sie schlechtere Arbeit als staatliche <strong>Schule</strong>n<br />
le<strong>ist</strong>en, würden <strong>die</strong> Privaten von ihren Kunden<br />
abgestraft.“ Tatsächlich schneiden im Pisa-Vergleich<br />
<strong>die</strong> Län<strong>der</strong> mit hohem Privatschulanteil<br />
besser ab. Auch <strong>die</strong> deutsche Schul stat<strong>ist</strong>ik<br />
spricht <strong>für</strong> <strong>die</strong> Privaten. Sie haben es auch leichter:<br />
Ihre Schüler stammen häufig aus bildungsnahen<br />
Haushalten. Zudem können <strong>die</strong> freien<br />
<strong>Schule</strong>n ihre Lehrer auswählen, den Unterricht<br />
individueller gestalten und pädagogische Innova<br />
tionen ausprobieren. Weil <strong>der</strong> Staat ihnen nur<br />
80 bis 85 Prozent <strong>der</strong> Kosten erstattet <strong>–</strong> sofern<br />
sie staatlich anerkannte Ersatzschulen sind <strong>–</strong><br />
müssen <strong>die</strong> freien Träger Schulgel<strong>der</strong> erheben.<br />
<strong>Die</strong> Ersatzschulen bieten Bildungsgänge und<br />
Ab schlüsse, <strong>die</strong> mit denen staatlicher <strong>Schule</strong>n<br />
vergleichbar sind. Sind sie „staatlich anerkannt“,<br />
dürfen sie Prüfungen abnehmen. An den „genehmigten“<br />
Ersatzschulen erfolgen <strong>die</strong> Prü fungen<br />
extern. Ergänzungsschulen ermöglichen<br />
Abschlüsse, <strong>die</strong> an staatlichen <strong>Schule</strong>n nicht ex<strong>ist</strong>ieren.<br />
30 Prozent des Schulgeldes <strong>für</strong> eine Er-<br />
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57
PRIVATSCHULEN<br />
In kleineren Gruppen, wie hier in einer Phorms-<strong>Schule</strong>, lernt es sich leichter.<br />
satz- o<strong>der</strong> Ergänzungsschule sind als Son<strong>der</strong>ausgaben<br />
von <strong>der</strong> Steuer absetzbar. Wichtig:<br />
Nur Aufwendungen, <strong>die</strong> direkt auf den Unterricht<br />
entfallen, lassen sich von <strong>der</strong> Steuer absetzen.<br />
Kosten <strong>für</strong> Internats unter bringung nur<br />
dann, wenn sie wegen Krankheit o<strong>der</strong> Behin <strong>der</strong>ung<br />
erfor<strong>der</strong>lich <strong>ist</strong>.<br />
WELTBÜRGER MIT EXZELLENTER<br />
BILDUNG<br />
Manchen <strong>ist</strong> <strong>die</strong> Sache mit dem Schulgeld auch<br />
ganz recht. Doch nur wenige reden so offen<br />
darüber wie <strong>die</strong> Diplom-Phy sikerin Hildegard<br />
Zan<strong>der</strong>. Ihre Tochter Charlotte besucht seit<br />
letztem Jahr <strong>die</strong> Internationale Friedensschule<br />
in Köln-Wid<strong>der</strong>s dorf (IFK) <strong>–</strong> <strong>für</strong> 1.000 Euro<br />
Schulgeld pro Monat. Zan<strong>der</strong> <strong>ist</strong> froh, dass es<br />
„an <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> eine Vorauswahl von Kin<strong>der</strong>n<br />
gibt, <strong>der</strong>en Eltern ein gewisses Niveau mitbringen“.<br />
<strong>Die</strong> Internationale Friedensschule Köln<br />
„will Weltbürger mit exzellenter Bildung, internationalen<br />
Kompetenzen und nationalen, kulturellen<br />
sowie religiösen Wurzeln hervorbringen,<br />
<strong>die</strong> selbstbewusst und bescheiden, engagiert<br />
und solidarisch, lokalpatriotisch und weltoffen<br />
<strong>die</strong> <strong>Zukunft</strong> gestalten“ <strong>–</strong> so <strong>die</strong> Gründungsidee.<br />
Deutsch und Englisch gelten als<br />
Mindest standard an <strong>der</strong> IFK. Wer möchte, kann<br />
aber auch Unterricht auf Spanisch haben. „Für<br />
Lehrer <strong>ist</strong> hier ein optimales Arbeitsfeld“, sagt<br />
Sabine Woggon-Schulz, <strong>die</strong> Rektorin. <strong>Die</strong> 38-<br />
Jährige und ihre Kollegen sind in Pionierstimmung.<br />
<strong>Die</strong> Internationale Friedensschule wird<br />
als erste Privatschule in Köln und als Modellversuch<br />
des Bauinvestors Norbert Amand eine<br />
Kin<strong>der</strong>tagesstätte, Grundschule, weiterführende<br />
<strong>Schule</strong> und Oberstufe beherbergen. Morgens<br />
machen <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> Tai-Chi-Übungen, um<br />
sich zu sammeln. Es gibt Musik unterricht, Projektwochen<br />
und eine individuelle Betreuung.<br />
Das fast 30-köpfige Kollegium <strong>der</strong> IFK rekrutiert<br />
sich aus erstklassigen in- und ausländischen<br />
Lehrern. Bislang werden <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> noch in<br />
58 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
Individuell und freundlich: Unterricht in einer Phorms-<strong>Schule</strong><br />
Baucontainern unterrichtet. Das Schulgebäude<br />
wird Mitte des Jahres fertig sein.<br />
EMOTIONALES LERNEN STATT WISSENS-<br />
VERMITTLUNG<br />
<strong>Die</strong> Abkehr von traditionellen Unterrichtsreformen,<br />
emotionales wie soziales Lernen <strong>–</strong> das<br />
gibt es auch an<strong>der</strong>swo. Zum Beispiel an Montessori-<strong>Schule</strong>n,<br />
an denen <strong>die</strong> Lehrer das <strong>Kind</strong><br />
in seiner Persönlichkeitsentwicklung för<strong>der</strong>n<br />
wollen und deshalb auf mehr als auf Wissensvermittlung<br />
setzen. „Hilf mir, es selbst zu tun“,<br />
war das Motto von Maria Montessori, und es<br />
gilt auch heute noch <strong>für</strong> ihre Pädagogik. Derzeit<br />
praktizieren mehr als 400 <strong>Schule</strong>n in<br />
Deutschland das Prinzip des selbstbestimmten<br />
Tuns. <strong>Die</strong> Montessori-Mittelschule in Chemnitz<br />
<strong>ist</strong> eine von ihnen. Hier beginnt je<strong>der</strong> Tag mit<br />
Freiarbeit, dem Herzstück <strong>der</strong> Montessori-Pädagogik.<br />
<strong>Die</strong> Kin<strong>der</strong> bestimmen dann selbst, was<br />
sie lernen wollen <strong>–</strong> Deutsch, Englisch o<strong>der</strong><br />
Rechnen. <strong>Die</strong> Arbeit mit den vielfältigen, teils<br />
von Montessori entwickelten Materialien, ermöglicht<br />
Kin<strong>der</strong>n Lernerlebnisse, <strong>die</strong> auf Erfahrung,<br />
Anschauung und aktivem Handeln<br />
gründen. Lehrerin Ingrid Heyer beobachtet und<br />
hilft nur, wenn sie gefragt wird. „Wir erziehen<br />
zur Eigenständigkeit“, erklärt sie. „Was spielerisch<br />
aussieht, bedeutet <strong>für</strong> <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> Arbeit,<br />
Ordnung und Selbstdisziplin.“ Montessori-<br />
<strong>Schule</strong>n arbeiten mit alters- und le<strong>ist</strong>ungsgemischten<br />
Klassen bis zur Oberstufe. Statt<br />
Noten gibt es bis zur achten Klasse detaillierte<br />
Lernentwicklungs berichte <strong>–</strong> Projekt- und Gruppenarbeit<br />
zählen zu den Stan dards. Wer sein<br />
<strong>Kind</strong> in eine Montessori-<strong>Schule</strong> schickt, muss<br />
sich aber auch selbst einbringen <strong>–</strong> mit regelmäßigem<br />
unbezahltem Arbeits einsatz.<br />
DANK STIPENDIUM AUFS INTERNAT<br />
Jahrelang galten Internate als letzter Ausweg <strong>für</strong><br />
Eltern von lernschwachen und aufmüpfigen<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
59
PRIVATSCHULEN<br />
Fast wie Hogwarts ...<br />
Märchenhaft, fast wie in „Harry Potter“ <strong>–</strong> <strong>der</strong> Turm im Internat Schloss Hohenwehrda.<br />
„Wir dürfen uns nicht mit Zeugnissen<br />
und Zensuren aufhalten,<br />
son<strong>der</strong>n müssen ganz individuell<br />
auf <strong>die</strong> Talente <strong>der</strong> Jugendlichen<br />
eingehen.“<br />
Michael Oto<br />
„rich kids“. Doch das Image <strong>der</strong> knapp 300 Internate<br />
o<strong>der</strong> Lan<strong>der</strong>ziehungsheime (LEH) in<br />
Deutschland scheint sich zu wandeln. In Zeiten<br />
deutscher Bildungsmisere rücken <strong>die</strong> „Lernstätten<br />
mit Vollpension“ wie<strong>der</strong> mehr ins Blickfeld.<br />
Lan<strong>der</strong>ziehungsheime zum Beispiel verstehen<br />
sich als „Wohnschulen“ auf dem Land. An<strong>der</strong>e<br />
spezialisieren sich auf Hochbegabte o<strong>der</strong><br />
Schüler mit musischen o<strong>der</strong> sportlichen Begabungen.<br />
Wie<strong>der</strong>um an<strong>der</strong>e wenden sich an Zielgruppen<br />
wie Schüler mit Lese-Rechtschreib-<br />
Schwäche o<strong>der</strong> hyperaktive Kin<strong>der</strong>. Internate<br />
betonen gern, <strong>für</strong> alle Kin<strong>der</strong> offen zu sein.<br />
Doch ein Internatsplatz kostet oft zwischen<br />
1.200 und 2.000 Euro im Monat, an manchen<br />
Stand orten deutlich mehr. An konfessionellen<br />
Internaten bezahlen Eltern dagegen „nur“ 400<br />
bis 1.200 Euro im Monat. Für Eltern guter<br />
Schüler gibt es noch einen an<strong>der</strong>en Weg: Etliche<br />
Internate schreiben Stipen<strong>die</strong>n aus, <strong>die</strong> oft<br />
durch wohlhabende Familien und Spenden finanziert<br />
werden. In einigen Fällen, wie bei lernschwachen<br />
Kin<strong>der</strong>n o<strong>der</strong> bestimmten Erkrankungen,<br />
übernehmen auch Jugend- o<strong>der</strong> Sozialämter<br />
<strong>die</strong> Inter nats kosten. <strong>Welche</strong>s Internat<br />
das <strong>Richtige</strong> <strong>ist</strong>, hängt von den Bedürfnissen <strong>der</strong><br />
Eltern und Kin<strong>der</strong> ab. Eltern sollten aber ein<br />
bis zwei Häuser selbst besichtigen und an<strong>der</strong>e<br />
Eltern und Schüler <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> befragen. Bei <strong>der</strong><br />
Wahl des Internatsplatzes müssen <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong><br />
unbedingt einbezogen werden. Sie sollten gerne<br />
und freiwillig auf ein Internat gehen.<br />
ENDLICH WIEDER SPASS AM LERNEN<br />
Dennoch fällt es schwer, sich vorzustellen, dass<br />
heutzutage ein Jugendlicher mit Bege<strong>ist</strong>erung<br />
aufs Internat gehen will. Beim 15-jährigen Tom<br />
Wissmann <strong>ist</strong> das aber so. Als er vor zwei Jahren<br />
im Internat Schloss Hohenwehrda aufgenommen<br />
wurde, einem Ende des 19. Jahrhun<strong>der</strong>ts<br />
vom Reformpäda gogen Her mann<br />
Lietz gegründeten Lan<strong>der</strong>ziehungsheim, war er<br />
60 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
in je<strong>der</strong> Hinsicht am Boden zerstört. „Er leidet<br />
an einem sehr stark ausgeprägten Aufmerksamkeitsdefizit<br />
und einer Hyper aktivitätsstörung,<br />
so dass er in <strong>der</strong> Regelschule nicht mehr<br />
klar kam“, erzählt seine Mutter Chr<strong>ist</strong>ina. Ge<strong>mein</strong>sam<br />
mit einem Jugend psychiater hatten<br />
Tom und seine Eltern nach Lösungs wegen gesucht<br />
<strong>–</strong> und Schloss Hohenwehrda gefunden.<br />
Weil seine Aufnahme medizinisch begründet <strong>ist</strong>,<br />
übernimmt das Jugendamt <strong>die</strong> Unterbringungskosten<br />
von über 2.000 Euro monatlich. „Für<br />
uns war es am Anfang sehr schwer, Tom loszulassen“,<br />
sagt Chr<strong>ist</strong>ina Wissmann. Doch <strong>die</strong><br />
Entscheidung hat ihr Familienleben gerettet.<br />
„Wir haben nur noch über Toms Probleme geredet“,<br />
so Wissmann.<br />
An den drei Lietzschen <strong>Schule</strong>n in <strong>der</strong> Rhön<br />
und im Thüringer Wald <strong>–</strong> Schloss Hohenwehrda,<br />
Schloss Bieberstein und dem Rittergut<br />
Haubinda <strong>–</strong> sollen <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> und Jugend lichen<br />
vor allem eines erwerben: Lebenskompetenz<br />
und Mut durch eine Bildung und Erziehung, <strong>die</strong><br />
auf <strong>die</strong> ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung<br />
abzielt. Praktisches Arbeiten wird groß geschrieben.<br />
<strong>Die</strong> tägliche Lernzeit beaufsichtigen<br />
Päda gogen; <strong>für</strong> Kin<strong>der</strong> mit einer Lese-, Recheno<strong>der</strong><br />
Rechtschreib schwäche o<strong>der</strong> bei Konzentrationsschwierigkeiten<br />
stehen Lern therapeuten<br />
und Mitarbeiter des schulpädagogischen Zentrums<br />
helfend zur Seite. Nach dem Unterricht<br />
gibt es zahlreiche Sport- und Freizeitangebote<br />
von Fußball bis Golf <strong>für</strong> alle Schüler, <strong>die</strong> in kleinen<br />
„Schüler-Familien“ ge<strong>mein</strong>sam mit einem<br />
Lehrer leben. „Tom <strong>ist</strong> richtig aufgeblüht. Er<br />
hat sogar wie<strong>der</strong> Spaß am Lernen“, freut sich<br />
seine Mutter.
KOMMUNALISTISCHES PRINZIP<br />
<strong>Schule</strong> im Aufbruch:<br />
Neue Wege <strong>der</strong><br />
Nachmittagsbetreuung<br />
T E X T : M A R T I N A V O I G T- S C H M I D<br />
Der Aufbau eines Ganztagsangebots bundesweit bedeutet eine<br />
große Herausfor<strong>der</strong>ung <strong>für</strong> viele <strong>Schule</strong>n, denn finanzielle, personelle<br />
und räumliche Ressourcen entsprechen vielerorts nicht dem angestrebten<br />
Konzept. Hier sind gute Ideen gefragt <strong>–</strong> und Kooperationen<br />
mit außerschulischen Partnern. Wir stellen ein gelungenes Beispiel<br />
aus dem Landkreis Mainz-Bingen in Rheinland-Pfalz vor.<br />
B<br />
eim Thema „<strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>“<br />
bickt man, auf <strong>der</strong> Suche nach alternativen<br />
und ganzheitlicheren<br />
Wegen <strong>der</strong> Unterrichtsgestaltung,<br />
hierzulande automatisch auf <strong>die</strong><br />
Reformschullandschaft. Jedoch<br />
sind <strong>die</strong> me<strong>ist</strong>en von <strong>die</strong>sen Vorzeigeschulen<br />
Privatschulen und nicht jedes <strong>Kind</strong> hat <strong>die</strong><br />
Möglichkeit, eine Privatschule zu besuchen. <strong>Die</strong><br />
allerme<strong>ist</strong>en Kin<strong>der</strong> gehen immer noch in ganz<br />
normale Regelschulen <strong>–</strong> und wenn man sich<br />
umschaut, stellt man fest: auch dort <strong>ist</strong> einiges<br />
im Aufbruch begriffen und wenig bleibt, wie es<br />
mal war. Neue Gegebenheiten stellen <strong>Schule</strong>n<br />
vor neue Herausfor<strong>der</strong>ungen. Das neue Schulkonzept,<br />
verlangt <strong>die</strong> Schaffung neuer Oberschulen<br />
, <strong>die</strong> Haupt- und Realschulen vereinen.<br />
O<strong>der</strong> den Aufbau eines „inklusiven“ Schulsystems,<br />
welches das ge<strong>mein</strong>same Lernen von<br />
Schülerinnen und Schülern mit und ohne Behin<strong>der</strong>ungen<br />
zum Regelfall macht. O<strong>der</strong> aber<br />
<strong>die</strong> Einführung von bundesweit mehr und mehr<br />
Ganztagsschulen (Laut Bertelsmann Stiftung <strong>ist</strong><br />
im Schuljahr 2010/11 erstmals jede zweite<br />
<strong>Schule</strong> eine Ganztagsschule). Das alles bedeutet<br />
viel frischen Wind, <strong>der</strong> vorerst in <strong>die</strong> alten Segel<br />
bläst und manches „Schul-Schiff“ samt Mannschaft<br />
zum Ächzen und Knarren bringt. Clevere<br />
Reformen sind gefragt, können jedoch<br />
nicht von heute auf morgen umgesetzt werden.<br />
<strong>Die</strong> leicht behäbige deutsche Flotte hat sich beherzt<br />
in Bewegung gesetzt, doch bisher gleicht<br />
<strong>der</strong> Ausbau <strong>der</strong> Ganztagsschulen <strong>–</strong> laut Einschätzung<br />
des Deutschen Jugendinstituts <strong>–</strong><br />
einer „Reise in <strong>die</strong> <strong>Zukunft</strong> ohne klares Ziel“.<br />
Momentan ex<strong>ist</strong>ieren in Deutschland ganz unterschiedliche<br />
Organisationsformen und Typen<br />
von Ganztagsschulen: offene, gebundene, teil-<br />
62 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong> <strong>der</strong> <strong>Zukunft</strong>
Fotos: Pixabay<br />
Spiel, Sport, Experimente und Kreatives: Nachmittagsbetreuung in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> kann Vieles le<strong>ist</strong>en!<br />
www.kidsLife-magazin.de<br />
63
KOMMUNALISTISCHES PRINZIP<br />
Foto: Pixabay<br />
Zu den realisierten Projekten des Bündnisses „<strong>Die</strong>nHeim <strong>für</strong> Familien“ gehört u. a. <strong>der</strong> Spielkreis „Sternschnuppe“, <strong>für</strong> <strong>die</strong> kleinsten Kin<strong>der</strong> in <strong>Die</strong>nheim.<br />
gebundene, rhythmisierte o<strong>der</strong> in Kooperation<br />
mit freien Trägern betriebene. <strong>Die</strong> erste Evaluationsstu<strong>die</strong><br />
aus 2009/2010 zu den Ganztagsschulen<br />
(StEG) hat gezeigt, dass sich<br />
positive Wirkungen <strong>der</strong> Ganztagsangebote bei<br />
Schülern nur dann zeigen, wenn <strong>die</strong> Qualität <strong>der</strong><br />
Angebote hoch <strong>ist</strong> und <strong>die</strong> Teilnahme daran regelmäßig<br />
erfolgt. Das <strong>ist</strong> <strong>für</strong> <strong>die</strong> <strong>Schule</strong>n mitunter<br />
schwierig zu realisieren, beson<strong>der</strong>s, wenn <strong>die</strong><br />
Mittel knapp sind.<br />
Laut Onlinebefragung von 1.300 <strong>Schule</strong>n im<br />
Rahmen <strong>der</strong> 2012 gestarteten zweiten Laufzeit<br />
<strong>der</strong> StEG-Stu<strong>die</strong> geben zwischen 30 und 45<br />
Prozent <strong>der</strong> Schulleitungen an, dass <strong>die</strong> finanziellen,<br />
personellen und räumlichen Ressourcen<br />
dem angestrebten Konzept ihrer Ganztagsschule<br />
nicht entsprechen. Beson<strong>der</strong>s im ländlichen<br />
Raum kämpfen <strong>Schule</strong>n mit erheblichen<br />
Problemen bei <strong>der</strong> Gewinnung von Personal<br />
und geeigneten Kooperationspartnern <strong>für</strong><br />
eine gelungene Gestaltung des Ganztagsangebots.<br />
Gleichwohl arbeitet <strong>der</strong> überwiegende Teil<br />
von ihnen bereits mit außerschulischen Kooperationspartnern<br />
zusammen.<br />
Hier sind gute Ideen gefragt <strong>–</strong> und manchmal<br />
werden sogar Wege gefunden, aus <strong>der</strong> Not eine<br />
Tugend zu machen, wie z.B. <strong>die</strong> erfolgreiche<br />
Zusammenarbeit einiger <strong>Schule</strong>n im Landkreis<br />
Mainz-Bingen in Rheinland-Pfalz, mit dem seit<br />
Jahren sozial und integrativ engagierten Turnverein<br />
TV08 aus <strong>der</strong> Ge<strong>mein</strong>de <strong>Die</strong>nheim zeigt.<br />
Bereits im Jahr 2006 haben sich in <strong>Die</strong>nheim einige<br />
Vereine, <strong>Schule</strong>n sowie ehrenamtliche Helferinnen<br />
und Helfer zu einem „Lokalen<br />
Bündnis <strong>für</strong> Familie“ zusammengefunden:<br />
„<strong>Die</strong>n-Heim <strong>für</strong> Familien“. Sie schlossen sich<br />
am 26. Februar 2007 <strong>der</strong> Bundesinitiative an.<br />
Treibende Kraft dabei <strong>ist</strong> <strong>der</strong> TV 08 <strong>Die</strong>nheim<br />
e. V., <strong>der</strong> bereits mehrfach <strong>für</strong> sein soziales Engagement<br />
und seine Modellprojekte <strong>–</strong> beispielsweise<br />
mit <strong>der</strong> Fritz-Wildung-Plakette des<br />
Deutschen Sportbundes <strong>–</strong> ausgezeichnet wurde.<br />
64 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Bookazine</strong> <strong>Schule</strong>
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Impressum KidsLife <strong>Bookazine</strong>: <strong>Schule</strong><br />
Alle Rechte vorbehalten. Sämtliche Beiträge, Fotos und<br />
Illustrationen sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck<br />
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<strong>für</strong> den redaktionellen Inhalt: Andreas Schmid,<br />
Martina Voigt-Schmid.<br />
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Mail, son<strong>der</strong>n auch per Post möglich. Hier das Kennwort<br />
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Heike Byn, Rosemarie Löser, Andreas<br />
Schmid, Alice Selinger, Martina Voigt-<br />
Schmid, Antje Szillat<br />
Martina Voigt-Schmid<br />
Andreas Schmid<br />
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65
Eine vielseitige Nachmittagsbetreuung in<br />
<strong>der</strong> <strong>Schule</strong> ermöglicht es, neue Dinge auszuprobieren<br />
und <strong>die</strong> eigenen Talenete zu<br />
entdecken.<br />
Foto: Pixabay<br />
„Kin<strong>der</strong> müssen<br />
bege<strong>ist</strong>ert werden.“<br />
Hartmut Bräumer<br />
Zu den realisierten Projekten des Bündnisses<br />
gehören u. a. <strong>die</strong> integrative Kin<strong>der</strong>krippe sowie<br />
<strong>der</strong> Spielkreis „Sternschnuppe“, <strong>für</strong> <strong>die</strong> kleinsten<br />
Kin<strong>der</strong> in <strong>Die</strong>nheim, eine inklusive Sommerferiensportschule<br />
an jedem Ferien- und Brückentag<br />
des Jahres, ein offener Schüler- und ein Jugendtreff<br />
und ein Mehrgenerationenhaus als<br />
Begegnungs- und Erlebniszentrum mit Angeboten<br />
<strong>für</strong> alle Generationen. Hartmut Bräumer,<br />
Koordinator des Lokalen Bündnisses <strong>für</strong> Familie<br />
“<strong>Die</strong>n-Heim <strong>für</strong> Familien”, wurde 2009 im<br />
Schloss Bellevue in Berlin von Bundespräsident<br />
Horst Köhler mit dem Ver<strong>die</strong>nstorden <strong>der</strong> Bundesrepublik<br />
Deutschland <strong>–</strong> dem Bundesver<strong>die</strong>nstkreuz<br />
<strong>–</strong> ausgezeichnet.“<br />
Dabei hat das, was so gut klingt und heute so<br />
erfolgreich funktioniert, eigentlich als Problem<br />
begonnen. <strong>Die</strong> Einführung <strong>der</strong> Ganztagsschule<br />
bedeutete, unbeabsichtigt, <strong>die</strong> Schaffung einer<br />
Konkurrenzsituation, <strong>die</strong> den lokalen Sportvereinen<br />
an <strong>die</strong> Substanz ging. Durch das Ganztagsangebot<br />
<strong>der</strong> <strong>Schule</strong>n hatten viele Kin<strong>der</strong><br />
keine Zeit mehr <strong>für</strong> das Training im Verein und<br />
<strong>die</strong> Eltern meldeten Ihre Kin<strong>der</strong> ab. Das bedeutete<br />
einen erheblichen Schwund an Mitglie<strong>der</strong>n<br />
und auch an Beiträgen.<br />
<strong>Die</strong> <strong>Schule</strong>n an<strong>der</strong>erseits, erhalten zwar einen<br />
bestimmten Betrag pro Schüler <strong>für</strong> <strong>die</strong> Betreuung<br />
am Nachmittag, können aber aus arbeitsrechtlichen<br />
Gründen nur fünf Wochenstunden<br />
<strong>für</strong> Mitarbeiter bezahlen <strong>–</strong> wodurch es schwer<br />
wird, qualifizierte Leute zu gewinnen.<br />
Hier gelang es Hartmut Bräumer eine Lösung<br />
zu finden, <strong>die</strong> <strong>für</strong> beide Partner eine Gewinn-<br />
Situation darstellte: <strong>Die</strong> <strong>Schule</strong>n schließen einen<br />
Vertrag mit dem Verein, <strong>der</strong> <strong>die</strong> Mitarbeiter und<br />
ihre Angebote und Arbeitszeiten koordiniert.<br />
Dadurch agiert <strong>der</strong> Verein als ge<strong>mein</strong>nütziger<br />
Träger und kann seine Leute flexibel einsetzen,<br />
auch <strong>für</strong> mehr als fünf Wochenstunden.<br />
Das Nachmittagsangebot in <strong>der</strong> <strong>Schule</strong> bietet<br />
neue Chancen <strong>–</strong> nicht nur <strong>für</strong> <strong>die</strong> bisherigen<br />
Trainer im Verein, son<strong>der</strong>n auch <strong>für</strong> arbeitslose<br />
o<strong>der</strong> geringfügig beschäftigte Sozialarbeiter,<br />
Lehrer, Sportler, Sportwissenschaftler, Künstler,<br />
Fachkräfte, o<strong>der</strong> Ruheständler. <strong>Die</strong>se haben<br />
<strong>die</strong> Möglichkeit, sich wie<strong>der</strong> ein geregeltes Einkommen<br />
aufzubauen, o<strong>der</strong> aber einfach ihre<br />
Kentnisse weiterzugeben, mit jungen Leuten<br />
zusammen zu sein und etwas dazu zu ver<strong>die</strong>nen.<br />
„Mensch geht vor Qualifikation“ <strong>ist</strong> Hartut<br />
Bräumers Motto bei <strong>der</strong> Auswahl <strong>der</strong><br />
Mitarbeiter. „Kin<strong>der</strong> müssen bege<strong>ist</strong>ert werden“<br />
findet er, und lässt alle, <strong>die</strong> als Angebotsleiter,<br />
<strong>die</strong> mitmachen möchten, zunächst eine Probestunde<br />
abhalten.<br />
<strong>Die</strong> Le<strong>ist</strong>ungen des Vereins sind umfassend.<br />
Ge<strong>mein</strong>sam mit den <strong>Schule</strong>n werden Freizeitprogramme<br />
erstellt, Vertrauensleute des Vereins<br />
beraten <strong>die</strong> Eltern, ein Koordinator des Vereins<br />
stimmt mit <strong>der</strong> Schulleitung den aktuellen Bedarf<br />
ab. Auch beson<strong>der</strong>e Angebote, beson<strong>der</strong>e<br />
Anlässe, beson<strong>der</strong>e Kin<strong>der</strong>, werden berücksichtigt,<br />
denn <strong>der</strong> TV <strong>Die</strong>nheim setzt sich insbeson<strong>der</strong>e<br />
<strong>für</strong> <strong>die</strong> Inklusion von beeinträch-<br />
66 KidsLife <strong>–</strong> <strong>Bookazine</strong> <strong>Schule</strong>
tigten Kin<strong>der</strong>n ein. Da <strong>die</strong>se im geregelten Unterricht<br />
noch oft als Fremndkörper wahrgenommen<br />
werden, helfen Vereinsmitarbeiter<br />
sogar hier, um den Lehrern <strong>die</strong> Arbeit zu erleichtern.<br />
So viel professionelles Engagement findet in<br />
<strong>der</strong> Verbandsge<strong>mein</strong>de großen Zuspruch. Derzeit<br />
verfügt <strong>der</strong> TV <strong>Die</strong>nheim über 70 Beschäftigte<br />
und kooperiert mit elf Schulpartnern <strong>der</strong><br />
Verbandsge<strong>mein</strong>de Nierstein-Oppenheim. Fast<br />
400 Stunden pro Woche werden hier an Betreuungsarbeit<br />
gele<strong>ist</strong>et. Das klingt nach viel Arbeit<br />
<strong>–</strong> und auch nach Stress? Hartmut Bräumer<br />
lässt sich nicht aus <strong>der</strong> Ruhe bringen. „Das<br />
komplexe Angebot von heute <strong>ist</strong> ja ganz langsam<br />
gewachsen, deshalb gibt es auch kein<br />
Chaos“, so <strong>der</strong> Initiator des innovativen Konzepts.<br />
Damit alles reibungslos funktioniert, hat<br />
er sogar da<strong>für</strong> gesorgt, dass ein Bündnisbus unterwegs<br />
<strong>ist</strong>, <strong>der</strong> <strong>die</strong> Kin<strong>der</strong> und Jugendlichen in<br />
<strong>der</strong> Nachmittagsbetreuung zu den verschiedenen<br />
Freizeitaktivitäten <strong>der</strong> Vereine fährt, von<br />
dort wie<strong>der</strong> abholt und zur <strong>Schule</strong> bringt. <strong>Die</strong><br />
Benzinkosten werden über <strong>die</strong> Beiträge zu den<br />
Freizeitaktivitäten einkalkuliert. Das Bündnis<br />
hat einen Leasingvertrag mit einer Firma abgeschlossen,<br />
<strong>die</strong> den Bus stellt. Da<strong>für</strong> entstehen<br />
dem Bündnis keine Kosten. <strong>Die</strong> Firma lässt sich<br />
den Bus über <strong>die</strong> Werbeflächen an den Außenseiten<br />
des Fahrzeugs finanzieren. Gewerbetreibende<br />
aus <strong>der</strong> Verbandsge<strong>mein</strong>de haben <strong>die</strong><br />
Werbeflächen gemietet. „<strong>Die</strong> Vermarktung hat<br />
nur funktioniert, weil <strong>die</strong> Arbeit des Lokalen<br />
Bündnisses bereits bekannt und sehr geschätzt<br />
war“, sagt Hartmut Bräumer.<br />
Weitere Informationen erteilt Herr Hartmut Bräumer unter<br />
Tel. 06133/42 20 o<strong>der</strong> unter braeumerhartmut@msn.com<br />
A N Z E I G E<br />
Zeit in <strong>der</strong> Natur <strong>ist</strong> Entwicklungszeit<br />
Natur <strong>ist</strong> dort, wo Kin<strong>der</strong> Freiheit erleben, Wi<strong>der</strong>stände<br />
überwinden, einan<strong>der</strong> auf Augenhöhe begegnen und<br />
dabei zu sich selbst finden. Aber <strong>ist</strong> Natur nur das<br />
»große Draußen«: Wiesen, Wäl<strong>der</strong> und Parks, Spielstraßen<br />
und Hinterhöfe? O<strong>der</strong> lässt sie sich auch drinnen finden<br />
<strong>–</strong> zum Beispiel in <strong>der</strong> großen weiten Welt hinter den Bildschirmen?<br />
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