D - Ralf Hanselle

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D - Ralf Hanselle

Bilder & Geschichten

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Schwarzer König

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Man Ray gilt als der Erneuerer der Fotografie. Mit seinen Porträts

von Picasso, Dali oder Lee Miller hat er der Avantgarde nicht nur

Gesichter gegeben; mit seinen „Rayographien“ hat er die Fotografie

zum vollwertigen Mitglied in der Familie der Kunst erhoben.

Text: Ralf Hanselle Fotos: Man Ray

Da also war er. 15 rue Delambre. Ein möbliertes

Zimmer hinter Tür 37. Da, wo später auch Ernest

Hemingway und Scott Fitzgerald noch stranden

sollten; Henry Miller und Alfred Perlès: Hotel des

Ecole. Eine Künstlerbehausung nahe den Theatern

an der Rue de la Gaite und dem Palais du Luxembourg.

Da, wo zur gleichen Zeit Tristan Tzara gewohnt

hatte – ein rumänische Dichter, der von sich

selbst behauptet hatte, er könne seine Gedanken

im Mund fabrizieren und seine Gedichte in einer

Tüte: „Schneide Worte aus einer Zeitung heraus,

stecke sie in einen Beutel und schüttle sie.“

Ihn aber hatten sie genug geschüttelt – die verborgene

Ordnung der Worte und Sätze. Vielleicht

wäre er für eine andere Heimat besser geeig-

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2 Photographie 04 | 2013

04 | 2013 Photographie 3


„Ich konnte nicht

zurück. Ich war

dabei, mich selbst

zu finden.“

(Man Ray)

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Fotos von Thomas Herbrich

net gewesen. Eine Heimat, die er hier zu finden

hoffte. Man Ray saß in seinem Zimmer hinter

Tür 37 und hatte das trügerische Gefühl, in eine

bessere Welt katapultiert worden zu sein. Als

hätte sich alles umgekehrt: Von schwarz nach

weiß; von Turm zu König. Er hatte die Rocharde

gespielt. Vor ihm lag der Boulevard du Montparnasse,

hinter ihm Manhattan, New York.

Da also war er. Da, wo Dada war: André Breton

und Paul Éluard; Louis Aragon und Jacques Rigaut.

Es war die Zeit zwischen den großen Kriegen:

Die Zeit, die so viele zwischen Koffern und Kisten

verbrachten, zwischen leichtem Gepäck und

schwerem Herzen. „Ich konnte nicht zurück“, sollte

sich Man Ray Jahre später in seinen Memoiren

erinnern. „Ich war dabei, mich selbst zu finden.“

Hier, im Café de la Rotonde oder in der Passage

de l‘Opéra. Hier, wo das Leben ein Durchgang war

– eine Gasse, ein Passagenwerk. Paris, Sommer

1921: „Begeisterung erfüllte mich bei jeder neuen

Wendung meiner Phantasie, und mein Eigensinn

half mir, neue Vorstöße ins Unbekannte zu planen.“

An New York hatte er sich den Kopf eingerannt.

Er und sein Freund Marcel Duchamp. Energisch

hatten sie gegen die Traditionen gekämpft; hatte

den Stahlbeton zu brechen versucht. Doch in

New York konnte Dada nicht leben – der Prophet

nicht in seinem eigenen Land: „New York ist Dada

und wird keinen Rivalen dulden,“ hatte er später

über die Stadt geschrieben. Als „vulgär“ hatte

man hier seine Kunst verschmäht; als „maschi-

nell“ und „würdelos“. Mit Worte, schnittig wie

Scheren und Klingen. In Paris aber hatte man ihn

schon lange erwartet. Breton, Éluard oder Phillippe

Soupault. Dadaistische Hymnen hatten sie ihm

vorausgeschickt; Kochrezepte für verdrehte Gehirne.

Seine Bilder seien gemacht aus „Basilikum,

Muskat, einer Priese Pfeffer sowie Petersilie in

Gestalt hartgesonnener Zweige.“

Es waren die Bilder eines großen Malers und Fotografen;

eines Bohemiens und Schachliebhabers

– zur Welt gekommen als Emmanuel Radnitzky;

in Frankreich gelandet unter dem Namen Man

Ray. Jetzt war er da. Da, wo er immer hin gewollt

hatte: Von schwarz nach weiß. In ein Hotel an

der Rue Delambre; im Durchgangszimmer des

eigenen Lebens. Er war 31 und irgendwie flüchtig.

In der Hand einen Koffer und im Arm seine Zukunft.

Er hatte einen Entschluss gefasst. In Paris

wollte er das Malen für tot erklären – wenigstens

versuchsweise. Ein Sterben auf Probe: „Ich male

nur noch gelegentlich, um mich gänzlich von der

Nichtigkeit der Malerei zu überzeugen.“ Schon

manches mal hatten ihn solch Wutausbrüche

zu packen versucht. Diesmal aber meinte er es

wohl wirklich ernst. Hatte er nicht schon oft gedacht,

dass die Fotografie den Pinsel überflüssig

gemacht hätte? Wollte er sich nicht immer

schon von der Staffelei befreien? Jetzt könnte

die Zeit gekommen sein. Die, in der er Dada

träumen könnte bis in die letzte Tiefen hinein.

Denn Fotografie war Dadas Traummaschine. Ein

appareil imaginaire. Francis Picabia hatte es vorausgesagt:

„Die Maschine ist wirklich ein Teil

des menschlichen Lebens geworden – vielleicht

sogar seine Seele.“ Eben noch hatte Man Ray das

Gestern verteidigt: Er glaube nicht daran, dass

Fotografie Kunst sein könne,. Jetzt drehte er das

einfach um: von schwarz nach weiß; von Turm

zu König: „Ich glaube nicht, dass Kunst Fotografie

sein kann.“ Wahrheit war schließlich wandelbar.

Nur ein Konstrukt auf den Karrees. Jede Partie ein

Nullsummenspiel; jeder Zug nur ein anderes Muster:

Die Lüge von heute, so sagte er später, das

sei nichts weiter als die Wahrheit von morgen.

Am Anfang war es wohl Notwehr gewesen. Ein

Kampf um das tägliche Überleben. Er brauchte

Geld. Die Cafés, die Miete. der style de vie – auch

Boheme hatte schließlich Kosten und Preise. Früh

wandelte er sein Hotelzimmer in ein Porträtstudio

um – in eine Fangvorrichtung für Lichter und

Schatten. Tagsüber wollte er in ihr die Künstler

der Stadt fotografieren; nachts seine Beute ins

Bad hineinlegen. Er würde die Vorhänge zuziehen

und eine Kerze in eine rote Laterne hinein tun.

Das wäre alles. Mehr würde er zum Fotografieren

nicht brauchen: Eine gebrauchte Kamera, ein

paar Fotoplatten und die großen Gesichter der

Avantgarde – Jean Cocteau und Pablo Picasso; Erik

Satie und James Joyce; die Marquesa Casati und

Kiki vom Montparnasse. Alle, die sich für etwas

Großes hielten, aber auch die Niemande, die noch

was werden wollten. Die Menschen aus der Zwischenzeit

eben – aus dem kleinen Glück vor dem

großen Abgrund. Sie alle, sie würden in sein

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Fotos von Thomas Herbrich

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6 Photographie 04 | 2013

04 | 2013 Photographie 7


„Ich fotografiere

das, was ich nicht

malen will.“

(Man Ray)

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Hotelzimmer kommen: In die 15 rue Delambre.

Das Zimmer hinter Tür 37.

Dort aber sollte sich eines Nachts etwas Sonderbares

ereignen. Ungeplant und mitten vor

ihm auf seinem Tisch. Während Man Ray noch

Aufnahmen eines amerikanischen Mannequins

entwickeln würde, sollte ein unbelichtetes Fotopapier

in den Entwickler hineinfallen. Er würde

es nicht einmal wirklich bemerken; er würde

das Zimmerlicht anknipsen und wie verstört

dastehen. Da, wo plötzlich auch Dada wäre.

Fotografie wie Malerei. Ein Thermometer, ein

Messbecher, ein kleiner Trichter – Dinge, die mit

dem Papier in der Wanne gelegen hätten – sie

hätten Ihre Silhouetten auf dem unbeleckten

Blatt hinterlassen. Ganz spontan und en passant.

„Rayographien“ würde er solche Fotos

ohne Kamera später mal nennen. Eine stille

Welt, geschaffen aus Licht, eine Einsamkeit von

kleinen Objekten. Von Pinseln, Stiften, Kerzen

und Schlüsseln – Dingen, mit denen er fortfahren

würde; die folgenden Tage und die Jahre

darauf. So jedenfalls würde er es Jahre später

in seinen Memoiren berichten. „Ich hielt auf

dem Papier den Schatten meiner Träume fest“,

würde er dann schreiben. Und Marcel Duchamp,

sein Freund und Gefährte, er würde ihm aus

dem fernen New York salutieren. „Ich freue

mich, dass Du es geschafft hast, die Malerei zu

überwinden“, würde er ihm in einem Schreiben

mitteilen. So, als wären die großen Partien für

immer geschlagen.

Noch aber war das die Zukunft. Noch war er ein

Stück weit von ihr entfernt. Er war nur da, wo

er hin gewollt hatte: Paris. Das Rauschen einer

fremden Sprache. Der Klangkörper von Montparnasse.

Vor ihm lag die große Erwartung; im

Rücken der Überseehafen von Le Havre. Eines

Tages würde er der bedeutendste Fotograf der

Avantgarden werden. Vielleicht in nur Wochen;

vielleicht auch in Jahre. Und eines Tages, da würde

sie durch die Tür kommen: La femme – die

Frau, Die, auf die er so lange gewartet hatte. Die

Muse eines halben Jahrhunderts. Blond würde

sie sein und etwas zerbrechlich – fragil, wie ein

griechischer Torso. Ihr Name würde Lee Miller

sein. Und sie würde einfach nur da sein und mit

ihm dort bleiben. Seine Rettung oder sein Untergang.

Seine weiße Dame für den schwarzen

König. Doch auch bis dahin war noch Zeit. Bis

dahin saß er in seinem Hotelzimmer und entwickelte

unvergessliche Fotografien. Porträts von

Max Ernst und Peggy Guggenheim. Einmal sogar

die Totenmaske von Marcel Proust. Er fotografierte

für Vogue oder für Vanity Fair. Manchmal

auch für die Zeitschriften der Surrealisten. Seine

Ästhetik hatte er sich beim Schach abgeschaut.

Sie war streng gerastert und voller Kontraste.

„Schach hilft einem dabei, die Strukturen zu verstehen.

Durch Schach lernt man, eine Ordnung zu

schaffen.“ Immer wieder taucht diese Metapher

auf seinen Fotos auf: Als Motiv oder als Spannungsmittel

– als Gegenlauf von Licht und Schatten.

Auch die bald von ihm genutzte Technik der

Solarisation war genauer betrachtet ein bisschen

wie Schach: ein Farbtransfer; eine Rocharde; ein

schneller Wechsel von schwarz nach weiß.

Da also war er. Da, wo er immer hin gewollt hatte.

Ein Ort, wo niemand bleiben konnte. Im Durchgangszimmer;

im Zwischenreich. Neunzehn Jahr

sollte Man Ray in Paris verbringen. Jahre, die

heute zu den kreativsten und wichtigsten in der

Fotografie überhaupt zählen. In denen aus Fotografie

Kunst; aus Trivialem Erhabenes wurde.

„Ich bin ein Mann mit zwei Leben: Ich kann das

gleiche in der Fotografie, was ich in der Malerei

kann.“ Doch irgendwann war eines der Leben

ganz plötzlich zu Ende. Irgendwann, als Realität

die Phantasie überrannte. Es war der 14. Juni

1940. Auf dem Champs-Élysées marschierten

die Nazis. Wo gestern nur leise Gerüchte waren,

da dröhnte jetzt das Stakkato von Stiefeln. „In

einem solchen Klima zu arbeiten, war für mich

unmöglich.“ Damals entschloss Man Ray sich,

nach Amerika zurückzukehren. Alles zurückzulassen

– ein weiteres Mal. Erst 1951 würde er an

die Seine zurückkommen. Und dann würde er

bleiben. Ohne Passagen und ohne Transit. Einfach

nur da sein. In einem Atelier in der Rue Frou.

In der Welt am Ende des Untergangs. Ein viertel

Jahrhundert würde noch bleiben. Ein letztes Leben;

zum zweiten Mal.

Ausstellung: Eribus etur aut arupta nim faccaborrum,

aut venempo rehenim rehenim rehenim agnatem

fugit et officiis dignam fuga. Ut ea nis a num et audit

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Fotos von Thomas Herbrich

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