Wirtschaftswoche Ausgabe vom 08.09.2014 (Vorschau)

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8.9.2014|Deutschland €5,00

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Der 200-Milliarden-Euro-Bluff

Dax-Konzerne im Stresstest

Alibaba und die Räuber

Chinas Megakonzerne greifen an

iDoc

Apple und Google krempeln

das Geschäft mit unserer

Gesundheit um.

Die Folgen für Patienten,

Ärzte und Versicherer

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | Tschechische Rep. CZK200,- | Ungarn FT 2140,-

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Einblick

Im Gesundheitswesen bahnt sich eine digitale

Revolution an. Deutschland hinkt der Entwicklung

mal wieder hinterher. Von Franz W. Rother

Vom Heilen und Teilen

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Bislang ist es nur ein Spiel. Der

Fitness-Tracker am Handgelenk

misst, wie viele Schritte ich im

Laufe des Tages zurücklege und

wie oft mein Herz dabei schlägt, wann ich

wach bin und wann ich ruhe. Das angeschlossene

Smartphone kann per Barcode-Scanner

errechnen, wie viele Kalorien

die Lebensmittel haben, die ich zu

mir nehme – und wie viele davon im Laufe

des Tages verbrannt werden.

Die Selbstvermessung des Menschen ist

in vollem Gange. Das neue iPhone von

Apple eröffnet mit seiner Healthbook-App

noch einmal andere Möglichkeiten: Das

Programm verknüpft die Informationen

von Schrittzähler, Pulsmesser sowie weiteren

Sensoren mit Ergebnissen von Labortests

und anderen medizinischen Daten zu

einer digitalen Patientenakte, die im

Handy oder in der Cloud eines Dienstleisters

gespeichert wird. Damit könnte, wie

wir in der Titelgeschichte schildern (siehe

Seite 86) eine neue Ära in der Gesundheitsvorsorge

anbrechen. Wohin die Entwicklung

gehen könnte, hat US-Autor Dave Eggers

in seinem Roman „The Circle“

aufgezeigt: Nano-Sensoren, die mit einem

Glas Wasser geschluckt werden, sammeln

im Körper Daten über Cholesterinwerte,

Verdauungseffizienz, die Anzahl der roten

Blutkörperchen und die Konzentration von

Schadstoffen. Ein Computerprogramm –

oder ein Arzt, der auf die Daten zugreift –

analysiert die Werte, errechnet daraus Risiken

für bestimmte Krankheiten und leitet

prophylaktische Maßnahmen ein.

„Um zu heilen, müssen wir wissen. Um

zu wissen, müssen wir teilen“, lautet der

Leitspruch der Ärzte in jenem Thriller, das

den Alltag in einem Circle genannten Internet-Konzern

im Silicon Valley schildert.

Ein Schelm, wer dabei an Apple, Google

und Facebook denkt. Was wie eine Utopie

erscheint, könnte schon bald Realität sein.

In den USA ist Telemedizin bereits Alltag,

wird der Fernzugriff auf die Healthbook-

Daten von Ärzten erprobt. Auch hierzulande

schwärmen Gesundheitspolitiker schon

von der Möglichkeit, mithilfe von „Digital

Health“ und Big-Data-Technologien das

Gesundheitssystem zu reformieren: Die

Kosten könnten deutlich gesenkt und

gleichzeitig könnte die Effektivität ärztlicher

Behandlungen erheblich erhöht werden.

Tatsächlich ist die Vorstellung verlockend,

dass sich unsere Gesundheit künftig

mithilfe von Smartphone und Sensorik

so einfach checken lässt wie die Uhrzeit.

Wegen der fortschreitenden Überalterung

der Gesellschaft und der steigenden Lebenserwartung

der Menschen werden uns

schon bald die Beiträge für die Krankenkasse

um die Ohren fliegen. Aber Gesundheitsdaten

sind nun einmal sensibler als

Fitnessdaten oder die Bilder aus dem Familienleben,

die heute bedenkenlos in der

Cloud im Internet gespeichert werden.

Auch müsste zuerst geklärt werden, wem

die Daten gehören und wie sich ein kommerzieller

Handel damit verhindern lässt.

SCHRECKGESPENST FÜR ÄRZTE

Es ist also noch einiges zu klären, bis der

iDoc massentauglich wird. Vor allem aber

sollte die Transparenz nicht nur für die Patienten,

sondern muss für alle anderen Akteure

im Gesundheitswesen gelten – für

Ärzte und Krankenhäuser ebenso wie für

Versicherer und Pharmakonzerne. Seit

bald fünf Jahren gibt es in Deutschland die

elektronische Gesundheitskarte, auf der

bis heute aber nur Versichertendaten und

Tarifinformationen gespeichert sind.

Leicht könnten hier auch Krankengeschichten

und Befunde, Röntgenbilder

und Informationen über verabreichte Medikamente

abgelegt werden. Doppelbehandlungen

ließen sich so verhindern, Behandlungsfehler

ebenso leicht nachweisen

wie die ausbleibende Wirkung teurer Medikamente.

Doch obwohl Sicherheitsexperten

jeden Aspekt der Karte penibel geprüft

haben, sperren sich viele Ärzte und

Kliniken bis heute mit zum Teil aberwitzigen

Argumenten gegen die Digitalisierung.

Klar: Ihre Arbeit würde transparent. Also

wird unter dem Vorwand des Datenschutzes

gemauert und seit Jahren Front gegen

die Karte gemacht.

Vielleicht ist es wirklich an der Zeit, dass

sich Apple der Thematik annimmt. n

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Wertvolle Abfälle am Cern

8 Deutsche Autobauer: Offensive in Thailand

9 EU: Mehr Industrie in Europa | Fleischbranche:

Doch kein Friede bei Tönnies |

Audi: Luxus-Carsharing geplant

10 Interview: Amazon-Cloud-Deutschland-

Chef Martin Geier über Datenschutz |

Germania: Angriff von der Schweiz aus

12 GFT: Verkauf geprüft | VW: Vorkaufsrecht

beim XL1 | Outdoor: Aufwind für Mammut

14 Chefsessel | Start-up einfachlotto

16 Chefbüro Dieter Kempf, Vorstandsvorsitzender

des IT-Dienstleisters Datev

Politik&Weltwirtschaft

20 Bundeshaushalt Mit welchen Tricks

Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble

seinen Haushalt schönrechnet

25 Brandenburg Wo der Mensch geht, wo die

Dörfer langsam sterben

28 Parteien Warum es die Liberalen in

Deutschland so schwer haben

34 Ukraine In Slowjansk stehen die Menschen

so loyal zu Kiew wie nie

37 Global Briefing | Berlin intern

Der Volkswirt

40 Kommentar | Nachgefragt

41 Konjunktur Deutschland

42 Rohstoffradar

44 Warum eigentlich... denkt die EZB über

neue Wertpapiergeschäfte nach?

45 Denkfabrik Ökonom Jörg Krämer über den

Kurswechsel der EZB bei der Kontrolle von

Vermögenspreisen

Unternehmen&Märkte

48 China Alibabas Börsengang ist der Startschuss

für weitere Firmen aus dem Reich der

Mitte zum Angriff auf Westkonzerne | Der

Aufstieg des PC-Weltmarktführers Lenovo |

Interview: Lenovo-Chef Yang Yuanqing will

auch Erster bei Handys werden

56 SGL Zweifel am Wunderstoff Carbon

58 Fernbusse Deutsche Anbieter lehren jetzt

auch ausländische Bahnen das Fürchten

60 Elektroautos Mit dem Stromer unterwegs

im E-Mobil-Paradies Norwegen

64 Taxis Antworten auf die wichtigsten Fragen

zum Verbot des Fahrdienstes Uber

66 Interview: Arundhati Bhattacharya

Die Chefin der größten indischen Bank

sucht deutsche Mittelständler für ihr Land

68 Drillisch So wurde der Discounter zu

Deutschlands viertem Mobilfunkbetreiber

72 Spezial Mittelstand Was gegen den Fachkräftemangel

in China hilft | Investieren in

Südostasien | Ein deutscher Maschinenbauer

profitiert von Chinas Pharmaboom

84 Serie: Fit For Future (II) Private-Equity-

Häuser helfen Mittelständlern bei Zukäufen

Titel Visite vom iDoc

Tech-Giganten wie Apple und Google

erobern die Medizin. Das traditionelle

Geschäftsmodell der Ärzte, Versicherer

und Pharmahersteller ist in Gefahr –

auch in Deutschland. Seite 86

Glaubt mir

Der Meinungsforscher

Lew Gudkow erklärt,

warum die Russsen

hinter Wladimir Putin

stehen. Seite 124

Angriffslustige Drachen

E-Commerce-Gigant Alibaba ist nicht der einzige chinesische

Konzern, der an die Weltspitze will. Samsung, Amazon und Microsoft,

aber auch deutsche Autobauer müssen sich hüten. Seite 48

TITELILLUSTRATION: DMITRI BROIDO; TITELFOTO: FOTOLIA

4 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 37, 8.9.2014

Technik&Wissen

86 Medizin Apple und Google wollen uns

helfen, gesünder zu leben und Krankheiten

zu besiegen. Stehen wir am Beginn eines

neuen Zeitalters in der Medizin?

97 Valley Talk

Management&Erfolg

98 Digitale Markenführung Wer seine Kunden

für sich einspannt, ist erfolgreich

FOTOS: TRUNK ARCHIVE/PLATON; ILLUSTRATION: STEFFEN MACKERT, OLIVIER BLAISE, PR

Ganz schön viel Luft

In den Bilanzen der 30 Dax-Unternehmen hat sich eine Blase

aufgebaut. Aktionären drohen deshalb massive Gewinneinbrüche

und erhebliche Verluste an Eigenkapital. Seite 104

Dein Konsument und Helfer

Wer bei der digitalen Markenführung erfolgreich sein will, muss die

Kunden für sich nutzen – als Berater, Entwickler oder Botschafter.

Eine exklusive Studie zeigt, welche Konzerne das schaffen. Seite 98

n Zu Besuch bei Milliardären Ein Jahr lang

machte sich der Autor Dennis Gastmann auf die

Suche nach Reichtum. In Marbella und Monaco,

in Cannes und auf Sylt, in London und Katar. Nun

hat er ein Buch über seine Besuche bei Millionären

und Milliardären geschrieben. Ein Interview

mit Gastmann lesen Sie unter wiwo.de/reichtum

Abenteuer Asien

Für deutsche Mittelständler in

China werden Fachkräftemangel

und steigende Kosten zur wachsenden

Belastung. Doch die richtige

Personalpolitik und Töchter in

anderen Ländern Südostasiens

mildern die Folgen. Seite 72

facebook.com/

wirtschaftswoche

twitter.com/

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plus.google.com/

+wirtschaftswoche

Geld&Börse

104 Aktien Der 200-Milliarden-Bluff der Dax-

Unternehmen

116 Steuern und Recht Streaming | Eigentümergemeinschaft

| Auslandsrente

118 Geldwoche Kommentar: Sachwert Aktie |

Trend der Woche: Öl | Dax-Aktien: Beiersdorf

| Hitliste: S&P 500 | Aktien: Jenoptik,

YPF | Anleihe: GlaxoSmithKline | Zertifikate:

Allianz | Investmentfonds: Charlemagne

Magna Mena | Chartsignal: Goldminen |

Relative Stärke: BB Biotech

Perspektiven&Debatte

124 Interview Lew Gudkow Russlands

wichtigster Meinungsforscher erklärt,

warum das Volk hinter Putin steht

126 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 128 Leserforum,

129 Firmenindex | Impressum, 130 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diesmal unter anderem mit

einem Videobericht unseres

internationalen Chefkorrespondenten

Florian

Willershausen aus dem

Kriegsgebiet in der Ostukraine.

wiwo.de/apps

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 5

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Seitenblick

FORSCHUNG

Nah am Urknall

Vor genau 60 Jahren wurde bei Genf eines der

weltweit größten Forschungszentren eröffnet: Cern.

Es soll ergründen, wie die Welt entstand und was sie

zusammenhält. Jetzt rüstet Cern auf.

33Milliarden Euro hat das weltgrößte Forschungszentrum

für Teilchenphysik binnen 60 Jahren

ausgegeben. Seit 1954 versuchen Wissenschaftler aus

85 Nationen bei Cern (Conseil Européen pour la

Recherche Nucléaire) herauszufinden, woraus Materie

besteht. Dazu werden nördlich von Genf Teilchen

nahezu auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und

zur Kollision gebracht. Durch den Aufprall entstehen

neue, noch kleinere Teilchen, aus deren Eigenschaften

und Flugbahnen die Forscher Rückschlüsse über

die Zusammensetzung des Universums ziehen.

100Meter unter der Erde erstreckt sich

auf einer Länge von 27 Kilometern ein ringförmiger

Teilchenbeschleuniger. Hier versuchen mehr als

10 000 Wissenschaftler, das Universum so nachzustellen,

wie es kurz nach dem Urknall war. Jetzt wollen sie

die sogenannte dunkle, die unsichtbare Materie ergründen.

Nur 20 Prozent der Materie, die uns umgibt,

ist sichtbar. Der Rest ist unbekannt. Um ihn zu erforschen,

ist ein noch größerer Beschleuniger geplant.

180Millionen Euro überweist allein die

Bundesregierung jedes Jahr an Cern. 2014 verfügt

Cern über einen Etat von insgesamt 900 Millionen

Euro. Bei den Experimenten entstehen nebenbei Produkte,

die aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken

sind: Das World Wide Web hat seinen Ursprung im

Cern oder die Touchscreen-Technologie. Miniteilchenbeschleuniger

setzen Krankenhäuser heute

im Kampf gegen Tumore ein.

franz hubik | mdw@wiwo.de

FOTO: LAIF/KEYSTONE SCHWEIZ

6 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Teilchendetektor-Fassade

Auf der Fassade des Cern-Zentrums ist der

Teilchendetektor abgebildet. Nur die

Bürofenster der Forscher lassen erkennen,

dass dies nicht die echte Maschine ist

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 7

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Menschen der Wirtschaft

Genehmigung auf

dem Weg Thailands

Staatschef Prayuth

AUTOINDUSTRIE

Lockruf des Panthers

Deutschlands Autobauer planen

von Thailand aus eine Großoffensive

in Südostasien. Dafür stocken sie

die Produktion dort massiv auf.

Im China-Rausch hatten Deutschlands Autobauer

die Region Südostasien mit aufstrebenden Märkten

wie Indonesien, Thailand und Malaysia fast aus

dem Blick verloren. Dabei locken in den Pantherstaaten

Schätzungen zufolge 600 Millionen potenzielle

neue Kunden. Schon 2018 soll der südostasiatische

Länderbund, zu dem auch Vietnam,

Singapur, Kambodscha, Brunei, Laos, Singapur und

die Philippinen gehören, vier bis fünf Millionen

Neuwagen schwer sein. Damit steigt die Region

zum sechstgrößten Automarkt der Welt auf.

Während Japans Hersteller dort schon eigene

Werke betreiben, gehen jetzt endlich auch die deutschen

Autobauer in die Offensive. Am kommenden

Dienstag wollen Thailands Premier und Militärjunta-Chef

Chan-ocha Prayuth sowie die Spitzen der

thailändischen Investitionsbehörde BOI den Bau

einer schon länger geplanten Fabrik des Volkswagen-Konzerns

in Thailand offiziell genehmigen. Es

hätten noch einige Unterlagen aus Wolfsburg gefehlt,

doch die lägen nun vor, und man könne grünes

Licht geben, heißt es beim BOI. Der VW-Konzern

bestätigte, dass er einen Antrag eingereicht

hat, wollte aber keine Details nennen.

Etwa anderthalb Autostunden südlich der thailändischen

Hauptstadt Bangkok will VW nach Informationen

der WirtschaftsWoche spätestens 2019

eine Kleinwagenproduktion starten. Geplant ist die

Fertigung eines Pkws mit Benzinmotor und einem

Hubraum von 1,4 Litern. In den Bau der Fabrik wollen

die Deutschen rund eine Milliarde Euro investieren.

Bei voller Kapazität könnte das Werk 300 000

Autos im Jahr fertigen, auch für den Export in andere

Länder der Region. Der Wagen der Polo-Klasse

soll maximal 4,2 Liter auf 100 Kilometer verbrauchen,

damit kommt er etwa in Thailand in den Genuss

einer staatlichen Förderung für Ökoautos und

ist sechs Jahre steuerbefreit.

Auch andere deutsche Hersteller stocken in Thailand

auf. Daimler will die Fertigungskapazitäten in

Bangkok von gut 5000 auf mehr als 10 000 Fahrzeuge

verdoppeln. 2013 mussten die Stuttgarter mehr

als die Hälfte der rund 10 000 in Thailand verkauften

Autos importieren. In den ersten sechs Monaten

dieses Jahres stieg der Mercedes-Absatz in Thailand

im Vergleich zum Vorjahr um weitere 13

Prozent. Ähnlich sieht es bei BMW aus. Die Münchner

wollen ihr Werk südlich von Bangkok in den

nächsten Monaten erweitern. Statt 8800 können

dort dann 12 500 Autos im Jahr gebaut werden.

BMW fertigt in Thailand, anders als Mercedes, vor

allem für den Export in andere Länder der Region.

Aber auch in Thailand steigen die BMW-Verkäufe.

matthias.kamp@wiwo.de

Auf und davon

Wie viele Fahrzeuge

deutsche Autobauer im

In- und wie viele sie im

Ausland fertigen (in Mio.)

Deutschland

5,44

8,64

2013 2014*

* Prognose; Quelle: VDA

Übrige Welt

5,65

(+4 %)

9,15

(+ 8 %)

FOTO: REUTERS/ATHIT PERAWONGMETHA

8 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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NEUES ZIEL

EU will Industrie stärken

In dieser Woche will der künftige

EU-Kommissionspräsident

Jean-Claude Juncker die Ressort-Verteilung

seines Teams

vorstellen. Inhaltlich hat er sich

schon festgelegt: „Wir müssen

den Anteil der Industrie am

Bruttoinlandsprodukt der EU,

der heute nur knapp 16 Prozent

beträgt, bis 2020 auf 20 Prozent

steigern.“ Der europäische Unternehmensverband

Business

Europe klatscht Beifall, aber

Ökonomen verzweifeln. „Historische

Daten zeigen, dass dieses

Ziel wohl nicht erreicht werden

kann“, sagt Guntram Wolff, Direktor

des Thinktanks Bruegel.

Er weist darauf hin, dass der Anteil

der Industrie an der Wirtschaftsleistung

in den letzten 30

Jahren weltweit gesunken ist.

„Dies ist kein Anlass zur Sorge,

denn das Produktivitätswachstum

war in der Industrie stärker

als in den anderen Sektoren.“

Der sinkende Anteil beweise also

die Stärke des Sektors. Ähnlich

sei es der Landwirtschaft ergangen.

„Und wir haben immer

noch ausreichend zu essen.“

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

FLEISCHINDUSTRIE

Doch kein Friede bei Tönnies

Im Familienstreit um Deutschlands

größten Fleischkonzern

Tönnies deutete sich vor einer

Woche eine Wende an. Mark

Binz, Anwalt von Robert

Tönnies, kündigte an: „Ich

rechne noch in diesem Jahr mit

einer Einigung.“ Postwendet widersprach

Thomas Pfaff, der

Sprecher von Robert Tönnies:

Es habe sich um eine sehr persönliche

und nicht abgestimmte

Aussage gehandelt. Robert

Tönnies hält wie sein Onkel Clemens

Tönnies 50 Prozent am

Konzern, fühlt sich von ihm

aber benachteiligt. Aus dem

Umfeld von Clemens Tönnies

heißt es, er habe ein Einigungsangebot

vorgelegt. Dazu habe

sich die Gegenseite nicht geäußert.

Binz hält dagegen: „Clemens

Tönnies möchte von einer

Gleichberechtigung der beiden

Familienstämme nichts wissen,

die für uns Grundbedingung jeder

weiteren Zusammenarbeit

ist.“ Am 10. November treffen

sich beide Parteien vor Gericht.

mario.brueck@wiwo.de

Aufgeschnappt

Fischlift Treppen sind für Fische

längst kein Hindernis mehr. Im

Gegenteil: Wo Stauwerke den

Wasserspiegel ansteigen lassen,

wurden mitunter eigens Fischtreppen

angelegt, damit die Tiere

auf- oder absteigen können.

Doch Treppensteigen ist mühsam

– auch für Fische. Darum

hat das österreichische Start-up

Hydroconnect einen Fischlift

entwickelt, den es jetzt vermarkten

will. Erfinder Walter Albrecht

sucht zwar noch Investoren, ist

aber zuversichtlich. Denn die EU

hilft ihm. Ihre Wasserrichtlinie

schreibt vor, dass bis zum Jahr

2027 alle Flüsse so gestaltet

sein müssen, dass Fische sie

durchgängig passieren können.

Überschall-U-Boot In knapp

zwei Stunden von Shanghai

nach San Francisco – das chinesische

Harbin Institute of

Technology tüftelt an einem

U-Boot, das auf 5800 km/h

beschleunigt. Ob und wann es

kommt, ist noch unklar.

AUDI

Carsharing

de Luxe

Audi arbeitet an einem neuen

Carsharing-Konzept für Luxusautos.

Über eine Online-Community

können sich drei Nutzer

den Super-Sportwagen Audi R8

ein Jahr lang teilen. In der Coupé-Version

kostet er sonst mindestens

117 000 Euro, als Cabrio

128 000 Euro. Das Konzept könne

auf andere Fahrzeuge des

Luxussegments ausgeweitet

werden, deutete Audi-Chef

Rupert Stadler an: „So generieren

wir komplett neue Zielgruppen

für bestimmte Produktgattungen.“

Das Projekt steckt in der Testphase.

Ein Massengeschäft im

Carsharing wie es Daimler und

BMW betreiben, sehe man

nicht als kompatibel mit Audis

Premiumphilosophie, so Stadler.

Details will der Audi-Chef

Ende des Jahres nennen.

rebecca.eisert@wiwo.de

Ein Sportwagen, drei Nutzer

Audi-Modell R8

Neue Kollegen auf dem Vormarsch

Anzahl der Roboter je 10000 Arbeiter in der Industrie

396

332

273

141

Weltweit:

58

FOTOS: FOTOLIA, PR

Quelle: International Federation of Robotics

Südkorea Japan Deutschland USA China

23

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 9

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Menschen der Wirtschaft

GERMANIA

Tochter für

die Schweiz

Nach Großbritannien will die

deutsche Airline Germania

die Schweiz aufrollen. In Opfikon

im Kanton Zürich hat sie

eine Tochtergesellschaft gegründet:

Germania Flug. Als

Direktor wird der Schweizer

Ex-Air-Berlin-Mann Tobias

Somandin im Gründungspapier

aufgeführt, die Firma

sitzt im Gebäude des Touristikunternehmens

Hotelplan,

einer Tochter der Handelskette

Migros.

Das Domizil ist kein Zufall:

Die Schweizer Germania soll

von der Sommersaison 2015

an für die Kunden von Hotelplan

fliegen. Ein zweites

Flugzeug will Germania auf

Balkan-Routen einsetzen.

„Einmal Ferienflug und einmal

Balkan – auf diesen Mix

wird es hinauslaufen“, bestätigt

Germania-Chef Andreas

Wobig dem Schweizer Wirtschaftsmagazin

„Bilanz“, Partner

der WirtschaftsWoche.

Um als Schweizer Airline

abheben zu können, fehlt Germania

noch das Zertifikat vom

Bundesamt für Zivilluftfahrt

BAZL. „Bis Ende August haben

wir von Germania noch

keine Dokumente erhalten“,

sagt BAZL-Sprecher Urs Holderegger.

Die Prüfung kann

sich hinziehen: „Bei einer bestehenden

und gut dokumentierten

Airline dauert das in

etwa ein halbes Jahr.“

Bilanz | mdw@wiwo.de

Unterschlupf beim Reisekonzern

Germania-Chef Wobig

INTERVIEW Martin Geier

»Viele standen wie der

Ochs vorm Berg«

Der Deutschland-Chef von Amazons Cloud-

Computing-Sparte über neue Rechenzentren,

Datenschutz und Arbeiter, die alles stehen lassen.

Herr Geier, Amazon, der weltweit

größte Anbieter von Cloud

Computing, will in Deutschland

ein eigenes Rechenzentrum

eröffnen. Wann und wo?

Wir hören gewöhnlich auf unsere

Kunden. So haben wir in den

vergangenen zwei Jahren zwei

neue Rechenzentren eröffnet,

eines in Sydney und eines in

China. Und sie können davon

ausgehen, dass wir unseren geografischen

Fußabdruck erweitern

werden. Wir kommunizieren

aus Sicherheitsgründen

nicht, wo es genau steht. Aber

vom Gesetz her müssen manche

Daten in der EU und andere

in Deutschland gespeichert

werden. Und wir bemühen uns,

diese Märkte alle nach und

nach zu bedienen.

Vertrauen deutsche Unternehmen

nach der NSA-Affäre

ihre Daten überhaupt noch

einem amerikanischem Unternehmen

wie Amazon an?

Deutsche Unternehmen sind

traditionell sehr sicherheitsbewusst

– das war auch schon vor

den NSA-Gerüchten so. Natürlich

sind sie jetzt aufmerksamer

denn je. Ich kann aber nicht erkennen,

dass es unserem Geschäft

ernsthaft geschadet hat,

die Nachfrage war nie besser.

Wie schützt Amazon die Daten

europäischer Unternehmen vor

dem Zugriff amerikanischer

Behörden?

Unsere Kunden können sich auf

unserer Infrastruktur selbst

schützen. Sie können gezielt

Rechenzentren in der EU wählen.

Amazon selbst bewegt keine

Daten. Sie haben zudem die

Möglichkeit, Informationen

selbst zu verschlüsseln. Insofern

bleiben sie Herr der Lage.

DER WOLKENSCHIEBER

Geier, 44, leitet seit 18 Monaten

das Deutschland-Geschäft von

Amazon Web Services, der

Cloud-Computing-Tochter von

Amazon. Bevor er zur Cloud-

Tochter des Internet-Händlers

wechselte, arbeitete er für unterschiedliche

IT-Konzerne, darunter

IBM, HP, Silicon Graphics

und zuletzt BMC Software.

Wir haben hierzulande inzwischen

Kunden aller Größen,

Start-ups wie Soundcloud, Mittelständler

wie Kärcher und

Riesen wie SAP.

Wie entwickelt sich der

deutsche Markt für Cloud

Computing?

Inspiriert von Start-ups etwa in

Berlin, ist der deutsche Mittelstand

gerade dabei, seine Kerngeschäfte

unter dem Begriff In-

»Natürlich

sind sie jetzt

aufmerksamer

denn je«

dustrie 4.0 zu innovieren. Vor 18

Monaten war das noch nicht so.

Viele standen wie der Ochs

vorm Berg und fragten sich:

Cloud Computing, was mache

ich damit? Inzwischen haben

sie Cloud-Kompetenz-Center

gebildet. Siemens etwa nutzt

unsere Plattform, um im Gesundheitswesen

patientenbezogene

Simulationen durchzuführen.

Bekannt wurde Amazon

durch den Internet-Handel mit

Büchern. Was trägt der

Handelsbereich zum Cloud

Computing bei?

Wir ziehen viel aus unserer

Händler-DNA. Es gibt kaum IT-

Anbieter, die ihre Preise senken.

Wir haben das, seit wir 2006

gestartet sind, 45 Mal getan.

Für mehr Kunden brauchen

wir mehr Infrastruktur. Mehr

Infrastruktur bedeutet mehr

Skalenvorteile bei Einkauf und

Betrieb. Und Skalenvorteile

machen wiederum niedrigere

Preise möglich, was mehr Kunden

bedeutet. Als wir 2006 gestartet

sind, hat ein Gigabyte

Speicher bei uns 15 US-Cent

gekostet, heute sind es drei

US-Cent.

Was ziehen Sie noch aus dieser

Händler-DNA?

Unsere Mitarbeiter sollen nicht

in eingefahrenen Schemata

denken, sondern sich überlegen,

was wäre, wenn heute Tag

eins wäre. Damit überwinden

wir Betriebsblindheit. Unser

wichtigstes Führungsprinzip

heißt zudem Customer Obsession.

Jeder Mitarbeiter hat das

Recht, alles stehen und liegen

zu lassen, wenn ein Kunden

Hilfe braucht. Ein weiteres Prinzip

ist Sparsamkeit. Wir versuchen,

kein Geld auszugeben,

das dem Kunden nicht dient.

Das führt manchmal bei neuen

Mitarbeitern zu Stirnrunzeln,

weil sie es gewöhnt sind, einen

dicken Dienstwagen zu fahren.

Das gibt es bei Amazon nicht.

Wie fahren Sie?

Ich fahre U-Bahn oder Fahrrad,

manchmal mein Privatauto.

thomas.stoelzel@wiwo.de

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, PR

10 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

IT-DIENSTLEISTER

GFT prüft

Abspaltung

Der Stuttgarter IT-Dienstleister

GFT Technologies prüft einen

Verkauf seines Geschäftsbereichs

emagine, heißt es aus unternehmensnahen

Kreisen. Danach

hat GFT sogar schon eine

auf Transaktionen spezialisierte

Gesellschaft beauftragt, eine

Trennung zu untersuchen.

Schon länger wird spekuliert,

dass sich GFT auf das Kerngeschäft

konzentriert:die Beratung

von Banken in IT-Angelegenheiten.

Denn während das

Beratungsgeschäft eine Umsatzrendite

von 11,2 Prozent

erzielt, kommt emagine mit

der Vermittlung freiberuflicher

IT-Berater nur auf rund ein

Prozent.

GFT-Gründer und Vorstandschef

Ulrich Dietz will sich zu

einem möglichen Verkauf nicht

äußern. „Unsere rund 110 emagine-Mitarbeiter

arbeiten sehr

gut“, sagt er, räumt allerdings

auf Anfrage ein, dass der Bereich

seine wirtschaftlichen

Ziele in nächster Zeit verbessern

müsse.

Ein Verkauf von emagine

könnte die Schulden des Unternehmens

deutlich reduzieren

und den Aktienkurs steigen

lassen.

maximilian nowroth | mdw@wiwo.de

OUTDOOR

Talsohle

verlassen

08.09. Export Das Statistische Bundesamt berichtet am

Montag über die Ausfuhren im Juli. Im Juni hatten

sie gegenüber dem Vorjahr um 1,1 Prozent zugelegt,

gegenüber dem Vormonat um 0,9 Prozent.

09.09. Bundeshaushalt Der Bundestag berät am

Dienstag in erster Lesung über den Haushalt für

das kommende Jahr. 2015 will der Bund keine

neuen Kredite mehr aufnehmen.

Ritter Sport Das Oberlandesgericht München

verhandelt den Streit zwischen dem

Schokoladenhersteller und der Stiftung

Warentest. Sie hatte die Vollnuss-Schokolade

von Ritter Sport mit

„mangelhaft“ bewertet.

10.09. Ryanair Die Lufthansa wirft dem Flughafen Hahn

vor, er verlange von der irischen Billiglinie zu niedrige

Entgelte. Da der Flughafen den Ländern Hessen

und Rheinland-Pfalz gehöre, komme dies einer

Beihilfe für Ryanair gleich. Darüber verhandelt

am Mittwoch das Oberlandesgericht Koblenz.

Kreditkarten Der Europäische Gerichtshof (EuGH)

entscheidet über das Gebührenmodell von Mastercard.

Bei einer Niederlage drohen der Kreditkartenorganisation

Schadensersatzforderungen.

14.09. Landtagswahlen Die Bürger in Thüringen und

Brandenburg wählen am Sonntag einen neuen

Landtag. Im CDU/SPD-regierten Thüringen kommt

die CDU in der jüngsten Umfrage auf 34 Prozent

und die SPD auf 19. Die Linke schafft demnach 26

Prozent, die Grünen 6 und die AfD 5. Die FDP wäre

mit 4 Prozent nicht mehr im Landtag. In Brandenburg,

von SPD und Linke regiert, schneidet die

SPD in Umfragen am besten ab: 34 Prozent. Die

CDU erhält 23, die Linke 22, Grüne und AfD jeweils

6 und die FDP nur 3 Prozent.

Der Schweizer Rolf Schmid

klettert gern auf hohe Berge, er

ist ein Stratege und Planer, der

Schritt für Schritt vorgeht. Jetzt

zahlt sich die Weitsicht des

Chefs des Outdoor-Ausrüsters

Mammut aus: Vor allem dank

der höheren Nachfrage nach

Berg- und Wanderschuhen

wuchs das Schweizer Unternehmen

im ersten Halbjahr um

3,4 Prozent und setzte umgerechnet

86 Millionen Euro um.

Den Grundstein dafür legte

Schmid mit der Übernahme des

Schuhspezialisten Raichle.

Nach Boomjahren herrschte

in den vergangenen beiden Jahren

Ernüchterung in der Branche.

Die Zeichen stehen seitdem

vor allem in Europa auf

Verdrängung. Insbesondere das

US-Unternehmen VF macht

hier Druck:Der Textilkonzern,

zu dem unter anderem die Outdoor-Marke

The North Face

TOP-TERMINE VOM 08.09. BIS 14.08.

gehört, meldete für sein Outdoor-Segment

zuletzt einen

Quartalsumsatz von 1,3 Milliarden

Dollar, ein Plus von 16 Prozent

gegenüber dem Vorjahr.

Auch Adidas’ Outdoor-Sparte

wächst, getrieben durch steigende

Umsätze in China und

Nordamerika. Schöffel legt

ebenfalls zu. Bei der jüngsten

Orderrunde des Handels habe

besonders das Geschäft mit

Outdoor-Artikeln einen Trend

nach oben gezeigt, so die Einkaufsgemeinschaft

Intersport.

peter.steinkirchner@wiwo.de

VOLKSWAGEN XL1

Begehrtes

Exemplar für

Sammler

Der VW XL1 ist kein Auto wie

jedes andere. Der kleine Flügeltürer

kommt zumindest theoretisch

mit einem Liter Diesel 100

Kilometer weit. Der technische

Aufwand dafür ist so groß, dass

Volkswagen den Basispreis auf

111 000 Euro festgesetzt hat. Zugleich

ist die Produktion auf 200

Exemplare begrenzt. Der XL1

wurde darüber zum begehrten

Blackbox an Bord

Volkswagen XL1 fast ausverkauft

Sammlerstück: Inzwischen ist

fast die gesamte Produktion

vergriffen.

Zu den Käufern zählt auch

Wolfgang Grupp. Der 72-jährige

Eigentümer des T-Shirt-Herstellers

Trigema im schwäbischen

Burladingen kaufte sogar zwei

Exemplare: ein weißes für Sohn

Wolfgang, 23, und ein rotes für

Tochter Bonita, 24. Das gelang

ihm, indem er VW-Vertriebsvorstand

Christian Klingler in der

Sache direkt anschrieb.

Wie alle Erwerber musste

sich Grupp verpflichten, die

Autos VW zum Rückkauf anzubieten,

wenn er das Interesse

an dem Modell verlieren sollte.

Der Konzern will auf diese Weise

von den Erfahrungen der

Erstbesitzer profitieren: An

Bord des XL1 ist eine Blackbox,

die wie in der Formel 1 Daten

über das Fahrzeug sammelt

und diese zur Auswertung ins

VW-Werk funkt.

reinhold.boehmer@wiwo.de, franz rother

FOTOS: PR

12 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

VFS

Ludger Wößmann, 41,

und Carl Christian von

Weizsäcker, 76, sind die

diesjährigen Preisträger des

Vereins für Socialpolitik

(VfS), der größten Ökonomenvereinigung

im deutschsprachigen

Raum. Wößmann,

Bildungsökonom

beim Münchner ifo Institut,

erhält den Gossen-Preis, mit

dem der VfS Wirtschaftswissenschaftler

unter 45 Jahren

ehrt, die durch Veröffentlichungen

in internationalen

Fachzeitschriften besonderes

Ansehen erworben haben.

Mit dem Gustav-Stolper-Preis

würdigt die

Ökonomenzunft von Weizsäcker,

emeritierter Volkswirtschaftsprofessor

und bis

2003 Direktor des Energiewirtschaftlichen

Instituts an

der Universität Köln, für seine

Anstöße zu wirtschaftswissenschaftlichen

Debatten.

Der Stolper-Preis ist

nach dem österreichischen

Publizisten Gustav Stolper

benannt, der 1926 in Berlin

die Zeitschrift „Der Deutsche

Volkswirt“ gegründet

hat, aus der die Wirtschafts-

Woche hervorgegangen ist.

MALLORCA

102 Euro

gab jeder deutsche Urlauber auf Mallorca

im Juli täglich aus. Am spendabelsten waren

die Skandinavier und Schweizer mit durchschnittlich

je 140 Euro, gefolgt von den

Spaniern mit 112 und den Briten mit 104

Euro, so eine jetzt veröffentlichte Umfrage

des spanischen Tourismusministeriums.

COMMA SOFT

Jörg Asma, 44, bis zum vergangenen

Jahr Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

KPMG, baut bei dem Bonner IT-

Beratungs- und Softwareunternehmen

Comma Soft einen

neuen Geschäftsbereich für Cybersicherheit

auf. Asma war

schon bei KPMG für die Sparte

Security-Consulting verantwortlich

und gilt als Experte für

sogenannte Resilience-Projekte.

Dabei geht es nicht nur um

die Absicherung der IT-Systeme

von Unternehmen, sondern vor

allem darum, Cyber-Attacken

schnell zu bemerken. „98 Prozent

aller Angriffe werden heute

gar nicht erkannt“, sagt Asma.

RENAULT

Bruno Ancelin, 56, ist an die

Spitze der Produktentwicklung

von Renault katapultiert worden.

Der klein gewachsene wie

selbstbewusste Ingenieur, der

zusammen mit Konzernchef

Carlos Ghosn, 60, in Paris

studiert hat und als Experte für

die Lösung größerer Probleme

gilt, stand bis zur vergangenen

Woche an der Spitze von

Renault Russland. Der überraschende

Wechsel in die Konzernzentrale

ist eine Kettenreaktion,

ausgelöst durch den

Wechsel von Nissan-Chefplaner

Andy Palmer, 51, zu

Aston Martin. Ersetzt wurde

Palmer durch den bisheriger

Produktentwickler Philippe

Klein, 57.

EINFACHLOTTO

Der Klick zum Glück

Eigentlich wollte Mirko Dieseler Lehrer werden, Sport und

Geschichte unterrichten. Vielleicht hätte er die Schüler dann auch

vor Glücksspielen gewarnt. Jetzt verdient er damit sein Geld. Gemeinsam

mit vier ehemaligen Bertelsmann-Managern gründete

er Ende 2011 das Unternehmen EDM Einfach Direkt Media und

entwickelte die Online-Plattform einfachlotto. Seit 3. Juli 2013 ist

sie online. „An dem Tag haben wir die staatliche Genehmigung

erhalten“, sagt Dieseler, der sich in dem Metier auskennt. Nach seinem

Studium hat er für die staatliche Lottogesellschaft Bayerns

gearbeitet und für den Wettanbieter Oddset.

„Der Umsatz ist noch überschaubar“, sagt der 45-Jährige. Zahlen

will er nicht nennen. Aber sein Konzept hat schon weitere Investoren

angezogen, darunter Media Ventures, eine Gesellschaft des

Kölner Plakatwerbers Dirk Ströer. „Auf unserer Seite gibt es keine

Bilder und keine Werbung“, grenzt sich Dieseler von der Konkurrenz

ab. Das Start-up lebt von den 6,5 bis 10 Prozent Provision, die

es pro Tipp bekommt – so viel wie die Lotto-Kioske. 90 000 Kunden

spielen schon mit. Ende September startet er eine Plakataktion,

zudem sponsert er die

Fakten zum Unternehmen

Eigner Dieseler 20 Prozent,

Netzpiloten 12, Media Ventures

37,6, zwölf Privatpersonen gepoolt

15, drei Mitarbeiter 15,4

Investment 1,8 Millionen Euro

Gewinn erstmals im Januar 2016

Fußballclubs Düsseldorf

und Bielefeld. Rund 2,0

bis 2,5 Millionen Euro

gibt er dafür allein in diesem

Jahr aus. Darin inbegriffen

ist auch Lothar

Matthäus – „das Gesicht

von einfachlotto“.

hermann.olbermann@wiwo.de

FOTOS: PR, PICTURE-ALLIANCE/DPA, YVES SUCKSDORFF FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, FOTOLIA

14 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Dieter Kempf

Vorstandsvorsitzender des IT-Dienstleisters Datev

In dem großen Wandschrank

versteckt Dieter Kempf, 61,

„alle möglichen Sachen, auch

einen Satz Golfbälle“, verrät der

Vorstandsvorsitzende von

Datev. Seit Juli 1996 leitet der

Diplom-Kaufmann den Nürnberger

IT-Dienstleister, zu dessen

Klientel vor allem Steuerberater,

Wirtschaftsprüfer und

Rechtsanwälte zählen. 1966

wurde das Unternehmen als

Genossenschaft gegründet,

inzwischen beschäftigt es rund

6700 Mitarbeiter und erwirtschaftete

2013 einen Umsatz

803 Millionen Euro. Zudem ist

Kempf seit 2011 Präsident des

Branchenverbandes Bitkom,

der mehr als 2100 Unternehmen

der Informations- und

Telekommunikationsbranche

vertritt. Ans

Pendeln zwischen

der Berliner Bitkom-

Zentrale und dem

Datev-Sitz in Nürnberg

hat sich der

Manager längst gewöhnt.

Wenn es zu

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

arg kommt, greift er in seinen

„Frustbehälter“; so nennt

Kempf die kleine Dose mit

Gummibärchen, die auf der

schweren Granitplatte seines

Schreibtischs in Nürnberg

steht. Daneben liegen Post,

Akten, Unterschriftenmappe

und Fotos mit seiner Familie

einschließlich der Hündin Susi.

In der Besprechungsecke und

über einem Sideboard

hängen Werke

der Münchner Malerin

Valeska. Und da

ist noch der Kasper,

der Kempf provozierend

die Zunge

herausstreckt. Die

Metallskulptur dient

als Stehpult und entstand in

der Werkstatt der beiden oberfränkischen

Künstler Guido

und Johannes Häfner. Statt mit

Bits und Bytes begann Kempfs

Karriere mit Buletten. Parallel

zu seinem Studium an der

Ludwig-Maximilians-Universit

ät in München arbeitete er bei

McDonald’s und brachte es

dort innerhalb von fünf Jahren

zum Filialleiter. Vor seinem

Wechsel zu Datev 1991 war er

beim Wirtschaftsprüfer Ernst &

Young. In seiner Freizeit spielt

Kempf nicht nur Golf, er fährt

auch Oldtimer und Motorrad.

Einen Helm hat er in seinem

Schrank aber nicht versteckt.

ulrich.groothuis@wiwo.de

FOTO: DIETER MAYR FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

16 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Die rote Null

SCHULDEN | Die Bundesregierung lässt sich für den ersten ausgeglichenen Etat seit

45 Jahren feiern. Ein kritisches Studium des Haushaltsentwurfs aber zeigt: Es ist bloß

ein trickreiches Rechenexempel auf den Schultern zukünftiger Generationen.

Der Finanzminister ist unverkennbar

von sich und seinem

Kurs überzeugt. „Wir werden

erstmals seit Jahrzehnten einen

Haushalt ohne neue

Schulden haben“, verkündet er unter dem

Jubel seiner Fraktion. Begeistert bezieht er

das ganze Land in seine Anerkennung mit

ein: „Warum dieser Kurs? Während er im

vorigen Jahr noch umstritten war, habe ich

den Eindruck, dass er inzwischen allgemeine

Anerkennung gefunden hat.“ Ja, es

ist die historische Verantwortung, die ihn

antreibt: „Wir wollen aus der Schuldenfalle

zuerst und vor allem deswegen heraus,

weil wir künftigen Generationen nicht die

Ausgaben, die wir getätigt haben, als

Schulden hinterlassen können.“

Diese Worte klingen vertaut und aktuell,

doch sie stammen nicht aus dem Sommer

2014, sondern aus dem September 2000

und aus dem Mund von Hans Eichel (SPD).

Drei Jahre später verantwortete er den

Haushalt mit der bis dahin höchsten Defizitquote

der Nachkriegsgeschichte. Geschichte

wiederholt sich nicht, aber Eichels

Schicksal ist Grund genug, nachzuhaken:

Wie viel ist der Ausgleich der Staatsfinanzen

wert, den sein Nachfolger Wolfgang

Schäuble (CDU) am Dienstag präsentiert?

EINMALIGER RÜCKFALL

Seit Eichel sind zwei Regierungswechsel

und eine Finanzkrise vergangen, die

Traumwelt an der Berliner Wilhelmstraße,

wo das Finanzministerium residiert, ist die

gleiche geblieben: Der Minister will in Erinnerung

bleiben als derjenige, der die

Rückkehr zur soliden Haushaltsführung

geschafft hat. Den bis dato letzten ausgeglichenen

Haushalt verantwortete Franz Josef

Strauß (CSU) im Jahr 1969, schon das aber

war ein einmaliger Rückfall in gute Zeiten,

in den Jahren davor war der Haushalt tief

im Minus gewesen. Nachhaltig ausgeglichen

war der Haushalt nur in den Fünfzigerjahren

unter Finanzminister Fritz

Schäffer (ebenfalls CSU).

2015 aber soll genau da anknüpfen. So

nah wie Wolfgang Schäuble ist keiner der

Strauß-Nachfolger mehr dem großen Ziel

gekommen, und mit so viel Hingabe hat

seitdem wohl auch keiner dieses Ziel verfolgt.

Die ersten paar Defizit-Jahrzehnte

waren Schulden schlichtweg en vogue, die

Sanierungsversuche der Neunziger- und

Nullerjahre scheiterten dann jeweils mit

jahrelangem Vorlauf. Für Schäuble hingegen

ist das Ziel nur noch ein gutes Jahr entfernt,

auf dem Papier steht die Null bereits.

„Schäuble hat noch immer trickreich einen

Weg gefunden, zumindest auf dem Papier

seine Ziele durchzusetzen“, sagt Sven-

Christian Kindler, haushaltspolitischer

Sprecher der Grünen im Bundestag.

Doch hält die Null wirklich, was der

„Entwurf eines Gesetzes über die Feststellung

des Bundeshaushaltsplans für das

Haushaltsjahr 2015“ verspricht? Eine Analyse

der 2866 Seiten Haushaltsentwurf

zeigt, dass unter der einen schwarzen Zahl

viele rote verborgen liegen. Wer den

vermeintlichen Wunderhaushalt im Detail

studiert, findet mühsam kaschierte Zusatzausgaben,

teure Lastenverschiebungen in

die Zukunft und Einmaleffekte, die als

Konsolidierung verkauft werden. Von

seinem Sanierungskurs, den Schäuble

noch vor zwei, drei Jahren ernsthaft verfolgte,

ist nichts geblieben außer den ange-

nehmen Begleitumständen. Von der formalen

Zielmarke auf dem langen Weg

der Sanierung der Staatsfinanzen ist die

Ziffer zum Selbstzweck geworden. Eine

Beweisführung in fünf Schritten.

I. Es geht uns geradezu

unverschämt gut

Erwartete Steuereinnahmen des Bundes

für das Jahr 2014

Quelle: BMF

250,3

Mrd. €

2010

268,2

Mrd. €

2014

plus 17,9

Mrd. €

2010, als Schäubles Kurs in Richtung

„schwarze Null“ konkret wurde, ließ er errechnen,

mit welchen Steuermitteln im

Verlauf der Jahre zu rechnen sei. Trotz Euro-Krise

sahen die Perspektiven recht rosig

aus. „Für den mittelfristigen Schätzzeitraum

wird eine Fortsetzung der wirtschaftlichen

Erholung erwartet“, hieß es, bis 2014

würden die Steuereinnahmen auf 250,3

Milliarden Euro steigen. Jetzt ist das Jahr

gekommen, in dem damals die Prognose

endete – und aus der Erholung ist ein

Boom geworden.

Nicht 250 Milliarden sondern 268,2 Milliarden

Euro wird Schäuble 2014 laut

»

FOTO: LAIF/DOMINIK BUTZMANN

20 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Das Ziel vor Augen

Wolfgang Schäuble

peilt 2015 den Haushaltsausgleich

an

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Politik&Weltwirtschaft

DREI, DIE DEN HAUSHALTSAUSGLEICH SCHAFFTEN

Turm gebaut Fritz Schäffer legte Geld für

den Aufbau der Bundeswehr zurück

Reserven geplündert Franz Etzel brauchte

von 1957 bis 1961 die Überschüsse auf

Der letzte Schwarze Franz Josef Strauß

gelang zu Amtsende 1969 die schwarze Null

»

Frühjahrs-Schätzung einnehmen, 18

Milliarden Euro mehr als einst geplant. Im

kommenden Jahr sollen es noch einmal

zehn Milliarden Euro mehr werden. Ganz

zurückhaltend geschätzt, bedeutet das: Finanzminister

Schäuble stehen mindestens

20 Milliarden Euro mehr zur Verfügung, als

er 2010 annahm. Und die Liste der guten

Rahmenbedingungen ist damit längst

nicht zu Ende erzählt.

Vor einigen Wochen hat die Deutsche

Bundesbank die astronomische Summe

von 120 Milliarden Euro errechnet, die der

Bund seit 2007 an Zinsausgaben eingespart

habe. Das ist eine große Zahl, doch diese

kleinere ist aussagekräftiger: Statt 37 Milliarden

Euro (wie 2010) muss der Bund 2014

nur 27 Milliarden Euro für Zinszahlungen

ausgeben, trotz des inzwischen höheren

Schuldenstandes. Das sind weitere zehn

Milliarden Euro, die locker reichen, um ein,

zwei Minister glücklich zu machen.

Doch das neuere deutsche Wirtschaftswunder

macht nicht nur Schulden billig

und Steuerzahler ergiebiger, es brachte

auch Arbeitslose in Arbeit. 2010 gab der

Bund für den Posten Arbeitslosenhilfe 38,3

Milliarden Euro aus. Vergleichswert 2015:

19,2 Milliarden Euro. Da wirken die Zusatzausgaben

wie Peanuts: Um die Kommunen

zu entlasten, hat Berlin Ausgaben für

Unterkunft und Heizung (4,6 Milliarden

Euro) und Grundsicherung im Alter (5,9

Milliarden Euro) übernommen. Selbst

wenn man all das abzieht, bleibt eine effektive

Ersparnis von 8,6 Milliarden Euro.

Schäuble stehen für den Haushaltsausgleich

2015 also rund 40 Milliarden Euro

mehr zur Verfügung, als er 2010, bei Verkündung

des damals ambitionierten Pla-

nes, annehmen konnte. Damals plante er

für 2014 mit 24 Milliarden Euro neuen

Schulden. Auf heutige Bedingungen umgerechnet,

wäre das ein Überschuss, und

zwar von mindestens 15 Milliarden Euro.

Ein entsprechend harsches Urteil fällt der

Freiburger Ökonom Bernd Raffelhüschen

über die Leistung des Finanzministers:

„Die Freude über die schwarze Null ist

ziemlich lächerlich. Schäuble kann froh

sein, dass er gerade Finanzminister ist. Was

hier zusammenkommt, sind nicht viel

mehr als ein paar glückliche Fügungen.“

Wer dem Finanzminister besonders geneigt

ist, kann hier entgegnen, all den netten

Konjunktureffekten stünden wachsende

Ausgabeposten, etwa für Pensionen,

entgegen. Doch diese Kosten waren absehbar

und damit eingeplant. Und dort, wo

böse Überraschungen möglich gewesen

wären, sind sie ausgeblieben. So erhöhte

die Bundesbank – deren Bilanz unter den

Niedrigzinsen leidet – ihren Gewinn 2013

auf 4,6 Milliarden Euro, 2010 waren es nur

2,2 Milliarden. Wo es Sonderlasten gab,

laufen sie pünktlich zum Haushaltsausgleich

aus: Die letzte Zahlung für das

Grundkapital des Euro-Rettungsfonds

ESM von 4,3 Milliarden Euro wird 2014 fällig.

Der Fonds für die Folgen der Flut an Elbe

und Donau wurde komplett im Jahr

2013 verbucht. Sogar einige Altlasten im

Haushalt schrumpfen: Zahlungen im Zusammenhang

mit der deutschen Einheit,

2009: 730 Millionen Euro, 2015: 330 Millionen

Euro. 400 Millionen gespart. Soziale

Leistungen für Folgen von Krieg und politischen

Ereignissen, zum Beispiel Kriegsopferfürsorge,

2010: 2,8 Milliarden, 2015: 2,1

Milliarden. Kling, noch mal 700 Millionen!

Das sind keine großen Beträge. Doch die

alte Finanzministerklage, von Jahr zu Jahr

würden die Altlasten größer, ist nur die halbe

Wahrheit. Nie war es so einfach, mit

dem Geld auszukommen.

2. Die Null 2015 ist mit

höheren Risiken in der

Zukunft erkauft

Investitionen in Europa und Investitionslücke

in Deutschland (in Prozent vom BIP)

50

40

30

20

10

Bruttoanlageinvestitionen

im Euro-Raum*

1999 2003

* ohne Deutschland; Quelle: DIW

Kumulierte Investitionslücke

für Deutschland

Bruttoanlageinvestitionen

in Deutschland

2007 2012

In Berlins westlichstem Stadtteil Spandau

steht eine mächtige Wehranlage, rundum

von einem Seitenarm der Havel umflossen,

in ihrer geometrischen Form von den Ideen

des Festungsbauers Vauban inspiriert. Über

die Mauern ragt nur der kreisrunde Juliusturm,

von der Spitze hat man eine nette

Fernsicht. Einst lagerte hier die Kriegskasse

des deutschen Reichs. Kein besonderes

Bauwerk, doch mit einer besonderen Bedeutung.

Fritz Schäffer, erster Finanzminister

der Bundesrepublik, wirtschaftete in den

Fünfzigerjahren einige Zeit so sparsam,

dass er Geld zurücklegen konnte. Die Kasse

22 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: INTERFOTO/MILLER, BPK/BENNO WUNDSHAMMER, PICTURE-ALLIANCE/DPA

erhielt den Beinamen Juliusturm; Parteifreunde

und Opposition versuchten alles,

um den Turm zu schleifen. Schäffer widersetzte

sich und schuf so den Inbegriff verantwortlichen

Haushaltens: Nachhaltig ist

nicht, was heute gut aussieht, sondern was

für die Probleme der Zukunft vorsorgt.

Die Geschichte ist fast vergessen, auch die

Prinzipien gelten längst nicht mehr. Offensichtliches

Beispiel im Null-Haushalt ist das

Missverhältnis zwischen notwendigen und

tatsächlichen Investitionen. Im vergangenen

Jahr hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung

(DIW) ausgerechnet, was

der Staat in seine Straßen, Brücken und

Schienen investiert – und wie viel es sein

müsste, um den Wert der Infrastruktur zu erhalten.

„Es ist ganz offensichtlich, dass in den

vergangenen Jahren ein massiver Wertverzehr

stattfindet“, fasst DIW-Verkehrsexpertin

Katharina Link zusammen. Mehrere Milliarden

Euro fehlen pro Jahr, allein um den Wertverfall

aufzuhalten. In Zahlen: Während der

Bund in den Neunzigerjahren umgerechnet

jährlich zwischen 11 und 14 Milliarden Euro

für den Erhalt von Straßen und Brücken ausgab,

waren es zuletzt nur 9,6 Milliarden, Steigerungen

nicht vorgesehen. Dabei wächst

der Bedarf. „Die Spannbetonbrücken im

Westen Deutschlands sind innerhalb eines

Jahrzehnts erbaut worden“, mahnt CDU-

Haushälter Norbert Brackmann, „deshalb

müssen sie jetzt alle zur gleichen Zeit repariert

werden.“ Gerade werden auf der A 45

zwischen Siegen und Dortmund die Brücken

geflickt, 31 Bauwerke sind betroffen.

Ein Jahrhundertprojekt? Nur der Auftakt.

Dieses Muster setzt sich fort. So ist es eine

kurze, aber bewährte Tradition, dass die

Bundesanstalt für Arbeit in guten Jahren

Reserven aufbaut, um auf Krisen reagieren

zu können. Als 2008 die Finanzkrise begann,

konnte sie mit ihren angesparten

16,7 Milliarden Euro einiges abfedern, dabei

lag der historische Höchststand der Arbeitslosigkeit

da gerade drei Jahre zurück.

Heute, wo die Arbeitslosenquote nach fünf

Jahren Aufschwung so niedrig ist wie seit

Jahrzehnten nicht, sind die Reserven mit

drei Milliarden Euro ziemlich dünn. Ein

Versäumnis der Bundesregierung. Als die

beschloss, der Agentur die Zuschüsse für

die Arbeitsförderung zu streichen und dafür

auf den Eingliederungsbeitrag zu verzichten,

klang das nach einem Tauschgeschäft.

Von wegen: Zuletzt zahlte die Bundesagentur

3,8 Milliarden Euro Eingliederungsbeitrag,

die Zuschüsse betrugen 7,2

Milliarden Euro. Tatsächlich fehlen der

Bundesagentur 3,4 Milliarden im Jahr.

Wenn alles gut läuft, mag der finanzpolitische

Kurs bis zum nächsten Regierungswechsel

halten – die nächste

Konjunkturkrise überdauert er mit Sicherheit

nicht.

3. Kosten werden

verschoben, Einmaleffekte

genutzt

Gesamtverpflichtungen und jährliche

Ausgaben für öffentlich-private Partnerschaften

(in Milliarden Euro)

Jahresausgaben

2011

Quelle: BMF

Restverpflichtungen

11,6 12,1 12,7

1,65 1,6 1,45 0,99

14,2

2012 2013 2014

Ob in Finanzministerium oder Konzern,

wer seine Bilanz aufhübschen will, der beachte:

Timing ist alles. Daran denkt der

Vorstandschef, wenn er nach Amtsantritt

eine verheerende Bilanz vorlegt – umso

besser sieht die nächste aus. Dieses Timing

bewies auch Wolfgang Schäuble gleich

mehrfach. Als er den Ausgangspunkt für

seinen Sparkurs gleich ins Jahr 2010 mit

besonders hohen Schulden und besonders

guter Perspektive legte. Oder 2013, als ein

Hochwasser an Donau und Elbe Milliardenschäden

hinterließ, legte der Bund einen

Sonderfonds auf und befüllte ihn mit

acht Milliarden Euro. Im Gegenzug verpflichteten

sich die Länder, dem Bund bis

2033 mehr Umsatzsteuern zu überlassen.

202 Millionen Euro fließen seitdem pro

Jahr zusätzlich in die Bundeskasse.

Auch öffentlich-private Partnerschaften

bieten Chancen für solche Spielchen. Dabei

lagert der Staat die Projektfinanzierung

an Private aus, im Gegenzug erhalten sie

langfristig Gebühren. Wie die aber über die

Jahre verteilt werden – eine Frage des Timings.

So zahlte der Bund 2011 gut 1,6 Milliarden

Euro für solche Projekte, weitere

Verpflichtungen über 12,3 Milliarden standen

aus. 2014 zahlt der Bund nur 994 Millionen

Euro – zugleich stehen deutlich höhere

Verpflichtungen über 14,2 Milliarden

aus. Auch wenn es schwierig ist, die Kalkulation

einzelner Projekte zu überprüfen,

warnt Haushaltsexperte Brackmann:

»

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 23

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Politik&Weltwirtschaft

DREI, DIE AM MEISTEN SCHULDEN MACHTEN

Verlierer der Einheit Theo Waigel unterschätzte

die Kosten des Wiederaufbaus

Hart gelandet Hans Eichel trat mit Sparschwein

an und mit Rekorddefizit ab

Teurer Crash Peer Steinbrücks Pläne

durchkreuzte die Finanzkrise

»

„Wir dürfen uns nicht dazu hinreißen

lassen, öffentlich-private Partnerschaften

angesichts knapper Kassen als reines Finanzierungsinstrument

zu missbrauchen.“

Denn all die Spielereien haben einen entscheidenden

Haken: An den tatsächlichen

Kosten ändert sich nichts. Und je intensiver

man Kosten in der Gegenwart vermeidet,

desto heftiger fällt die spätere Korrektur aus.

4. Der Bund zapft

Mittel an, die

den Bürgern zustehen

Verringerung der Zuweisungen des Bundes

an den Gesundheitsfonds

Quelle: BMF

2013

–2,5

Mrd. €

2014 2015

–3,5

Mrd. €

–2,5

Mrd. €

Als Fritz Schäffer 1956 einen Vortrag vor

dem Hamburger Übersee-Club hielt, hofften

die Kaufmänner, dass er seinen Juliusturm

endlich öffnen und die Steuern senken

würde. Der servierte ihnen stattdessen

bis heute lesenswerte Grundsätze über

sein Amtsverständnis. „Der Finanzminister

muss, um das Vertrauen nicht zu verlieren,

in erster Linie wahr sein allen gegenüber.

Und wahr sein und gefällig sein, lässt

sich leider nicht miteinander vereinbaren.“

Ein Jahr später verlor Schäffer sein Amt,

weil er sich weigerte, die Reserven freizugeben.

Der Juliusturm wurde aufgelöst für

das erste große Wahlgeschenk der Nachkriegszeit:

die Anpassung der Rentenentwicklung

an die Löhne, es war der Einstieg

in die große Staatsverschuldung.

Sein Nachfahre Schäuble hat solches

Drängen ebenfalls erlebt, anders als Schäffer

hat er ihm nicht standhalten können

und die Gefälligkeiten verteilt. Hauptsache,

die Null steht – auf dem Papier. Bezahlt

werden muss leider trotzdem.

2012 wird für das folgende Jahr die „einmalige“

Absenkung des Bundeszuschusses

für den Gesundheitsfonds um 2,5 Milliarden

Euro angekündigt, so leiste auch dieser

Bereich seinen „Sanierungsbeitrag“. Doch

mit der Einmaligkeit ist es nicht weit. 2014

werden dem Fonds gleich 3,5 Milliarden Euro

entzogen, 2015 sollen es noch einmal 2,5

Milliarden sein. Dass dies überhaupt möglich

ist, liegt an einem Konstruktionsfehler

des Fonds. Ebenso wie die Rentenversicherung

hält der sich einen Liquiditätspuffer,

der je nach Finanzlage steigt oder sinkt. Mit

einem Unterschied: Bei der Rentenversicherung

ist eine Höchstsumme festgelegt,

wenn die erreicht ist, müssen die Beiträge

gesenkt werden. Beim Gesundheitsfonds

fehlt diese Grenze. So kann sich der Bund

sogar noch rühmen, durch seinen Zuschuss

die Beiträge für die Bürger stabil zu halten,

obwohl er es ist, der Geld einbehält, dass

den Bürgern versprochen war. Auch bei der

Rente ist es trotz des eingebauten Automatismus

nicht besser. Denn die koalitionsvereinbarte

Mütterrente wurde nicht aus Bundesmitteln

bezahlt, sondern den anspruchsberechtigten

Frauen in Form zusätzlicher

Rentenpunkte zugesprochen und

aus der Rücklage finanziert. Dadurch entstehen

zwar keine neuen Kosten, die 2013 in

Aussicht gestellte Beitragsabsenkung von

18,9 auf 18,3 Prozent aber fällt schlicht aus.

Im Ergebnis bedeuten beide Schritte für

Arbeitnehmer das Gleiche: Ihnen steht weniger

Geld zur Verfügung. Der Weg dahin

allerdings unterscheidet sich in dem Maße,

in dem es auch dem Frosch nicht egal ist,

ob sich das Wasser um ihn langsam erhitzt

oder er in kochendes springen soll. Nur

Letzteres nämlich tut weh.

5. Die guten Zeiten

werden einfach

fortgeschrieben

Wirtschaftswachstum in Deutschland

(in Prozent vom BIP)

2,0%

2. Quartal 2014

–0,2%

* laut Haushaltsplan; Quelle: BMF, Destatis

Prognose 2015*

Die außergewöhnlich gute Konjunkturlage

hat Schäubles Mannschaft offensichtlich

dazu verleitet, auch bei ihren Schätzungen

besonders optimistisch zu sein. Das zeigt

sich zum einen bei der Erwartung des Wirt-

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FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

schaftswachstums selbst. 1,8 Prozent erwartet

die Bundesregierung für das laufende

Jahr, 2,0 Prozent für das kommende.

Dass die Wirtschaftsleistung im zweiten

Quartal 2014 sogar gesunken ist und die

Frühindikatoren gerade reihenweise abdrehen,

findet vorerst keine Beachtung.

Dabei ist die Bundesregierung zuletzt regelmäßig

durch übermäßigen Optimismus

aufgefallen. 2012 musste die Regierung

ihre Prognose aus dem Vorjahr (1,8

Prozent) um 1,1 Punkte nach unten korrigieren,

2013 noch mal um 1,2 Punkte. In

den Jahren direkt nach der Finanzkrise unterschätzte

der Bund das Wachstum zunächst,

die folgende Korrektur aber ging

dann offenbar ein Stück zu weit.

Dabei sind Fehler hier besonders fatal,

da sie eine ganze Reihe falscher Prognosen

nach sich ziehen: Entsprechend ihrer

Rechnung, unterstellt die Bundesregierung

bei den Ausgaben für die Arbeitslosigkeit

konstante Werte, die Zinskosten sollen sogar

noch einmal sinken – es wäre das achte

Jahr in Folge. Diese optimistische Grundstimmung

zieht sich weiter durch den

Haushalt. So geht das Finanzministerium

davon aus, dass die Bahn im kommenden

Jahr einen Überschuss von 706 Millionen

Euro erzielt. Zum Vergleich: Im laufenden

Jahr sind es nur 106 Millionen, auch in den

vergangenen Jahren lag der Überschuss

immer unter 300 Millionen. Auch der Energie-

und Klimafonds soll 2015 aus dem

Handel mit Emissionszertifikaten 900 Millionen

Euro Einnahmen generieren. Zum

Vergleich: 2013 sollten sogar zwei Milliarden

Euro zusammenkommen, am Ende

waren es nur 770 Millionen.

Dennoch spricht viel dafür, dass die Null

unter dem Haushalt 2015 am Ende tatsächlich

steht. Zu sehr hat sich Schäuble

auf diese Zahl festgelegt, zu wichtig ist sie

für sein Selbstverständnis und das seiner

gesamten Partei. Als er Anfang Juli erstmals

den Kabinettsentwurf für den Haushalt

2015 präsentierte, wurde er gefragt,

warum ihm diese eine Zahl so wichtig sei.

„Weil es in der Wirtschaft immer auch um

Psychologie geht“, setzte Schäuble an, „ist

die Null nicht nur irgendeine Zahl, sondern

sie hat eine darüber hinausgehende

Bedeutung: Sie schafft Vertrauen.“ Hier

aber irrt der Herr Minister: Vertrauen gewinnt

man nicht mit einer großen, runden

Zahl, sondern dann, wenn all die kleinen

Zahlen sich zu einem runden Ganzen zusammenfügen.

Spätestens Schäubles

Nachfolger wird das bitter bemerken. n

konrad.fischer@wiwo.de, max haerder | Berlin

Wolferwartungsland

BRANDENBURG | Durch kein Bundesland geht so ein tiefer Riss:

Während der Gürtel um Berlin erblüht, kämpfen ganze Regionen

um den Anschluss. Was bedeutet das vor Ort?

Still ruht Templin

Bürgermeister Detlef

Tabbert sucht nach

neuen Bürgern

Inder Not nimmt Detlef Tabbert Granit,

Granitbänder, so viel Präzision muss

sein. In Templin wird gerade eine Straße

grundsaniert, und für den Gehweg hatte

Bürgermeister Tabbert die Auswahl zwischen

einem neuen hübschen Kopfsteinpflaster,

das so gut hierher gepasst hätte –

oder eben diesen großen, grauen Granitplatten.

Nur hatte er das wirklich, eine Wahl?

Tabbert schaltet im Gesicht ein Grinsen

ein und erzählt, dass er jetzt selber gern erzählen

würde, warum er das nur wegen

der vielen jungen Frauen mit ihren hohen

Hacken gemacht habe, aber... Als er entschied,

hatte er in Wahrheit eben doch die

vielen Senioren vor Augen, die mit den flachen

Schuhen und den wackligen Beinen.

„Bei uns“, sagt er, „ist der demografische

Wandel schon da. Wir können uns nicht

erst damit beschäftigen, wenn der Rollator

Pflicht ist.“

»Wir können

nicht warten,

bis der Rollator

Pflicht ist«

Detlef Tabbert, Bürgermeister von Templin

EIN PENSIONSPARADIES

Aus seiner Not spinnt Templins Bürgermeister

nicht nur eine launige Geschichte,

er macht daraus so etwas wie eine Geschäftsidee.

Tabbert hat ein Parteibuch der

Linken, aber er war 20 Jahre lang Unternehmer

mit einer Leasingfirma, die landwirtschaftliches

Gerät vermittelt hat. Das

prägt. Das Konzept für seine Heimatstadt

ist ein Ruhestandsrefugium, ein Pensionsparadies,

überschaubar, aufgeräumt, idyllisch,

mit Krankenhaus, Sole-Therme und

Pflegeheim, Alleinstellungsmerkmal: aufregungsarm

und stolperfrei. Dass die Geburtenrate

auch hier nach unten geht, dass

die Jungen weggehen, wenn die Schule fertig

ist, all das kann Tabbert kaum verhindern.

„Aber der Zuzug der Generation Ü

60, der macht mir Freude.“

»

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 25

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Politik&Weltwirtschaft

»

Wenn das also seine Kunden sind, dann

richtet er sich eben nach ihnen. Viele gebürtige

Templiner sind unter den Rückkehrern,

Menschen, die mit der Rente wieder

zurück zu ihren Wurzeln wollen, aber auch

zahlreiche Berliner, die hier die Gemächlichkeit,

die Natur und die günstigen Mieten

schätzen – und ab und an den Bahn-

Stundentakt zum Abstecher in die große

Hauptstadt.

Eine Strategie für die Ewigkeit, das weiß

Tabbert selbst, ist das nicht, aber immerhin

ist es eine. Die Uckermark im Nordosten

Brandenburgs, in der Templin liegt wie ein

kleines, bescheidenes Schmuckstückchen,

hat schließlich auch mit fast 15 Prozent die

höchste Arbeitslosenrate der Republik,

und die Stadt selbst macht da keine rühmliche

Ausnahme. Die meisten hier sind

langzeitarbeitslos, manche seit wenigen

Jahren, andere haben schon seit der Wende

keinen richtigen Job mehr gehabt. Die

Unterstützung kostet eine Menge Geld, das

für andere Dinge fehlt, und was die Sache

am Schlimmsten macht: Hoffnung auf

Besserung ist kaum in Sicht.

Wie einen Mühlstein schleppt die ganze

Region dieses Problem mit sich herum.

Herausforderungen, so steht es in bemerkenswerter

Offenheit im Leitbild der Stadt,

stellten sich in Templin „noch zwingender,

härter und zugespitzter als anderswo“. Man

kann es nicht klarer formulieren.

SCHRUMPFEN OHNE SCHMERZEN

Man dürfe sich deshalb keinen falschen Illusionen

hingeben, sagt Tabbert. „Wir

müssen gnadenlose preußische Sparsamkeit

an den Tag legen, anders werden wir

nicht über die Runden kommen.“ Gewerbesteuern

fließen eher spärlich, und für die

knapp 16 000 Einwohner erreichen die Gemeinde

auch nur recht überschaubare

Schlüsselzuweisungen. Es gibt immerhin

eine traditionsreiche und zugleich innovative

Holzindustrie, aber die anderen großen

Arbeitgeber sind das Krankenhaus

und ein Pflegeheim. Wachsen, das ahnt

wohl auch der Bürgermeister, wird Templin

nicht mehr. Wenn es gelingt, das

Schrumpfen zu verlangsamen, und das ohne

zu große Schmerzen, dann wäre schon

viel gewonnen.

Umso mehr muss man zeigen, was man

hat, gerade weil es nicht so viel ist. Es gibt

zum Beispiel eine kleine Broschüre über

„Kunst & kreatives Schaffen“ in Templin,

auf die man im Rathaus sehr stolz ist. Rund

40 Maler, Grafiker, Bildhauer und Fotografen

leben hier – „Interesse erwünscht“

Der Funke springt nicht über Unternehmer

Holger Pleske sucht Azubis

»Eine 2 oder 3

im Zeugnis ist

mir bei Azubis

nicht so wichtig«

Holger Pleske, Geschäftsführer MAP

steht gleich auf dem Cover. Auch deshalb

wurde gerade mehr als eine Million Euro in

die Sanierung des Hauses der Jugend und

der Kunst am Altstadtrand gesteckt. Mit der

Universität Potsdam hat sich Tabbert außerdem

ein Schnupperprogramm ausgedacht:

Lehramtsstudenten, die sich für ihr

Schulpraktikum drei Monate in den Brandenburger

Norden trauen, können im

größten Hotel des Ortes umsonst wohnen.

„Zwei Frauen“, freut er sich, „machen jetzt

hier ihr Referendariat.“ Zwei Lichtblicke gegen

den großen dunklen Trend.

Nichts beschreibt die Misere in der Brandenburger

Peripherie so treffend wie ein

einziges Wort, das hier zum stehenden Begriff

geworden ist: Wolferwartungsland.

Wo der Mensch geht, wo die Dörfer langsam

sterben, da übernehmen die Tiere.

So klingt die bittere Wahrheit, allerdings

nur ein gewisser Teil von ihr. Denn neben

der darbenden Provinz gibt es im märkischen

Land auch erblühende Flecken, voller

Aufbruch und Zuversicht. Sie liegen fast

alle wie ein pulsierender Ring um Berlin.

Wer in diesem Speckgürtel Bauland für ein

Häuschen kaufen möchte, muss mittlerweile

96 Euro pro Quadratmeter bezahlen,

2012 waren es noch 79 Euro. Viel weiter

draußen ist der Grund hingegen schon für

36 Euro zu bekommen. Es sind ein paar der

offenkundigen Spuren eines Risses, der

dieses Land prägt.

„Die Wachstumskerne Brandenburgs

verteilen sich um die Hauptstadt herum“,

bilanziert Axel Lindner, Ökonom am Institut

für Wirtschaftsforschung Halle. „Sie haben

sich in den vergangenen Jahren wesentlich

besser entwickelt als das flache

Land.“ Aufstieg und Abstieg vollziehen sich

gleichzeitig. Das Ergebnis: „Die Unterschiede

zwischen den Regionen sind im

Osten massiv, und in Brandenburg sieht

man dies besonders deutlich“, sagt Lindner.

Die Politiker, die für die Landtagswahl

am 14. September um Stimmen werben,

verschleiern diesen Zustand lieber. Auf

den Veranstaltungen des SPD-Ministerpräsidenten

Dietmar Woidke etwa werden

kleine Einspielfilmchen gezeigt, darunter

einer, in dem es heißt: „Wir wollen gut leben,

überall in unserem Land.“ So wenig

Realitätssinn muss an Wählerzumutung

reichen. Im Wahlprogramm der CDU, die

gerne anstelle der Linken wieder mitregieren

würde, steht der Satz: „Wir erwarten

vor allem, dass sich die grundlegenden Lebensbedingungen

in den Regionen fernab

der Hauptstadt nicht verschlechtern.“ Nur

wie das auch in Zukunft ganz konkret ge-

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lingen soll, mit – Tendenz sinkend – 2,5

Millionen Einwohnern auf einer Fläche,

die fast so groß ist wie ganz Belgien, darüber

wird geflissentlich geschwiegen, und

zwar bei allen Parteien.

Es könnten bescheidene, aber tatkräftige

Brandenburger wie Holger Pleske und

seine mehr als 270 Mitarbeiter sein, die einen

gehörigen Anteil dazu beitragen,

wenn dieser Wandel glimpflich ablaufen

soll. Pleske ist Geschäftsführer der MAP

Maschinen- & Apparatebau Produktions

GmbH in Rathenow. Hier, im Havelland

westlich von Berlin, werden einige der

kleineren und größeren Erfolgsgeschichten

geschrieben, die ihren Ausdruck dann

in hübschen Statistiken finden, die man

schon eher in den Reden und Broschüren

der wahlkämpfenden Parteien findet.

Aber Erfolge sind es durchaus: Im vergangenen

Jahr stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtigen

Jobs im Havelland

so stark wie nirgendwo sonst in Brandenburg

– um 4,6 Prozent. Beim Abbau der Arbeitslosigkeit

liegt das Bundesland auch

dank solcher Zahlen im nationalen Vergleich

schon seit Längerem vorne (was

Brandenburg im Bundesländer-Dynamikranking

der WirtschaftsWoche regelmäßig

Spitzenplätze einbrachte – trotz Uckermark).

Bei Holger Pleske lässt sich dieser Aufschwung

an der Pinnwand seines nüchternen

Büros besichtigen. Dort hängt ein ausgerissener

Artikel aus der Lokalzeitung,

mit dem großen Foto eines gewaltigen

Containerschiffes. MAP fertigt unter anderem

Motorengehäuse für Siemens, die in

genau diesen Giganten benötigt werden.

Ein bisschen Rathenow schippert also mit

auf den Routen der Globalisierung zwischen

Rotterdam, Singapur und Hongkong.

Draußen vor den Werkshallen stehen

zwei Flugzeugattrappen mit Flügel

und Turbine aus Stahl, die auf Knopfdruck

in Flammen gesetzt werden können. Flughafen-Feuerwehren

proben an ihnen den

Ernstfall, diese beiden warten auf den

Transport nach Italien.

SCHWERE SUCHE

„Gut schweißen“, sagt Pleske, „können

sehr viele Unternehmen. Auch die mechanische

Bearbeitung großer Bauteile machen

einige. Aber beides zusammen, das

beherrschen dann doch nur wenige.“ 2004

wurde MAP aus der Insolvenzmasse dreier

Vorgängerbetriebe gegründet, 2007

folgte die Übernahme durch eine westdeutsche

Maschinenbaugruppe. Damals

hatte MAP rund 200 Mitarbeiter, mittlerweile

sind rund 70 mehr im Unternehmen,

auch dank Investitionen von rund 15

Millionen Euro. „Heute haben wir alle Bedingungen,

um produktiv arbeiten zu

können“, sagt Pleske. „Die Entwicklung

war hervorragend.“

Neben der Brillenkette Fielmann, die in

Rathenow ein Produktions- und Logistikzentrum

aufgebaut hat, ist MAP einer der

größten Arbeitgeber im 22 000-Einwohner-Städtchen.

20 Azubis bildet die Firma

gerade aus, nicht wenig. Aber die Suche

nach geeigneten Kandidaten fällt immer

schwerer. Zum einen, weil es einfach immer

weniger Bewerber werden, zum anderen

sinkt das Niveau. „Wir müssen über

Ausbildung einen Großteil unseres Bedarfs

an guten Mitarbeitern decken“, sagt

Pleske. „Eine 2 oder 3 im Zeugnis ist mir da

nicht so wichtig, technikverliebt müssen

sie sein.“ Es klingt schon nicht mehr ganz

so optimistisch.

Viele Mitarbeiter kommen morgens auf

dem Fahrrad in den Betrieb, für die Suche

nach Azubis reicht ein solcher Radius

längst nicht mehr aus. Aus mehr als 50 Kilometer

Entfernung kommen mittlerweile

Bewerber. MAP ist offensichtlich attraktiv

genug, aber es ist doch ein Symptom der

Schwäche, dass selbst im boomenden Havelland

schon sehr bald Grenzen erreicht

sein könnten.

LOCKEN UND HOFFEN

Geschäftsführer Pleske merkt das ja, bei

sich ganz persönlich. Er selbst ist in Rathenow

mehr als heimisch, aber wenn er darüber

spricht, wie Kneipennächte wegen

Lärms verhindert werden, dann merkt

man, wie er zweifelt. Weil es an Kinos fehlt

und an Discos. Weil die Bundesgartenschau,

die 2015 in Rathenow stattfinden

wird, die Kids nun wirklich nicht vom Hocker

reist. Ende September wird Pleske alle

Mitarbeiter zum zehnjährigen Firmenjubiläum

auf das Gelände einladen, es soll ein

Familienfest werden, mit Musik und einer

Hüpfburg für die Kinder. Für die etwas Älteren

soll es Entdeckungstouren durch die

Werkshallen geben – neugierig machen, locken.

Vielleicht, hofft er, kann man jemand

begeistern

Pleske hat selbst zwei Kinder. Ein Sohn

von ihm studiert in Dresden. Ob der jemals

dorthin zurückkehren wird, wo er aufgewachsen

ist? „Soll ich ihm raten, hier zu

bleiben?“, fragt der Vater.

Sein Schweigen ist die Antwort. n

max.haerder@wiwo.de | Berlin

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 27

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Politik&Weltwirtschaft

Große Idee, kleines Karo

FDP | Christian Lindner muss seine Partei darauf einschwören, Freiheit konsequent zu denken.

Tut er es nicht: Gute Reise! Sechs Thesen zu Krise und Rettung des Liberalismus in Deutschland.

Essind mal wieder keine guten Wochen für den organisierten

Liberalismus in Deutschland. Die FDP flog in Sachsen aus

dem Parlament. Sie ist an keiner Regierung mehr beteiligt,

nicht im Bundestag vertreten, nicht in den Landtagen von Bayern

und Rheinland-Pfalz, und nach den Landtagswahlen nächste Woche

in Thüringen und Brandenburg werden die Ost-Parlamente

FDP-frei sein. Abgemeldet ist die FDP in den Medien. Kein

Mensch weiß mehr, wie ein Liberaler zu Ukraine und Putin steht,

zu Waffenlieferungen in den Irak, zur EZB-Politik oder zum Mindestlohn.

Oder besser gesagt: Kein Mensch will es mehr wissen.

Wenn aber die FDP tatsächlich am Ende ist, personell ausgehöhlt,

medial verachtet, institutionell marginalisiert und programmatisch

zersplittert – was wird dann aus der schönen Tradition des

Liberalismus? Hat das Ideal der individuellen Freiheit in Deutschland

noch eine Zukunft? Eine Antwort in sechs Thesen:

1. DER LIBERALISMUS STECKT IMMER IN DER KRISE

Stellen wir uns einen Marktplatz vor, auf dem drei Händler – der

Konservative, der Sozialdemokrat und der Liberale – um Aufmerksamkeit

wetteifern. Wir sehen, wie der Konservative mit politischem

Gemüse handelt, der Sozialdemokrat politisches Obst feilbietet

– und wie der Liberale das große Nichts anpreist. Er weist

nur auf die gähnende Leere vor sich hin und ruft: „Euren Hunger

müsst ihr schon selber stillen.“ Kein Wunder also, dass die meisten

Kunden sich vom Liberalismus abwenden. Im Unterschied zu den

beiden anderen traditionellen politischen Stilrichtungen hat er

den Menschen nichts Bejahbares anzubieten. Die Konservativen

schöpfen aus dem reichen Reservoir der (nationalen) Kultur und

Geschichte. Sie bauen auf Bewährtes und hüten die Tradition. Sie

hegen überlieferte Ordnungen und vertrauen auf die zivilisierende

Kraft gewachsener Institutionen. Die Sozialdemokraten wiederum

haben immer die Zukunft, den Fortschritt und das große Ganze im

Blick, die Gesellschaft, den Staat und den Weltfrieden. Sie erheben

Utopia zum Menschheitsziel und dienen sich uns als Navigatoren

auf dem Weg dorthin an, angetrieben von der erneuerbarsten aller

politischer Energien, der „sozialen Gerechtigkeit“. Allein der Liberalismus,

der lässt uns im Stich. Der hält uns hinein in die Welt, wie

sie ist – und gibt uns einen Stups. Der erteilt uns keine Ratschläge

und weist uns keine Richtung, kennt weder Herkunft, Weg noch

Ziel. Der Liberalismus ist eine einzige Zumutung. Er zwingt uns die

Freiheit auf, irgendwas aus ihr zu machen. Als politisches Angebot

– kalt, leer und höchst anspruchsvoll zugleich – steckt er daher immer

in der Krise.

IN DER FDP WEISS NIEMAND EINEN AUSWEG

Der bullige Mann schüttelt ratlos den Kopf. Auch einige Tage

nach dem Ausscheiden aus dem Dresdner Landtag kann

Holger Zastrow das Scheitern nicht verstehen. „Wir haben

gekämpft wie die Löwen, wir haben alles versucht, haben

alle unsere Versprechen gehalten.“ Die Begründungen

sprudeln nur so hervor, warum die Liberalen noch dabei sein

müssten. Eigentlich. „Wir haben den besten Wahlkampf

gemacht, den Respekt haben uns selbst die Gegner gezollt.

Und trotzdem hat es nicht gereicht.“ Pause. „Dieses Ergebnis

ist so ungerecht. Leistung lohnt sich nicht – das gilt

auch hier.“

Ratlosigkeit auch im Thomas-Dehler-Haus, der Berliner

Parteizentrale. Man hat nun alles versucht: sanfte Wahlkämpfe,

damit die FDP wieder „gemocht“ werden sollte, wie

der Ex-Parteichef Philipp Rösler einmal sagte: für Lohnuntergrenzen,

die man Mindestlohn nicht nennen mochte; für

eine nur leicht modifizierte Energiewende; und keine Steuersenkungen.

Man hat klare Kante probiert wie in Sachsen:

gegen Windräder, gegen Ökosubventionen, gegen jeden

Mindestlohn; für Steuerentlastungen trotz Sparpolitik. Das

Ergebnis war stets dasselbe: FDP unterm Strich.

»

Mag schon sein, aber:

Was ist mit der stolzen

Tradition des Liberalismus?

Hat das Ideal der

individuellen Freiheit in

Deutschland noch eine

Zukunft? Und wenn ja:

welche? Bezeichnend,

dass die FDP darauf

nur rückwärtsgewandte

Antworten weiß.

FOTO: BERLINPRESSPHOTO/HENNING SCHACHT

28 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

»

Früher, wenn die Partei dahinsiechte, gab es immer

innerparteiliche und außenstehende Besserwisser, die zumindest

eine Idee hatten, was die Liberalen anders machen

könnten. Heute hat niemand eine Idee. Nur etwas Stolz

ist Zastrow geblieben: „Die CDU hat eine Zweitstimmenkampagne

gemacht, wir nicht. Wir haben nicht um Mitleid

gebettelt.“

2. FREIHEIT IST UNTEILBAR

Von Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman stammt

ein Satz, der den Wirtschaftsliberalismus alter Schule quintessentiell

zusammenfasst: „The business of business is business.“ Der

Unternehmer hat sein Unternehmen zu führen, so Friedman, und

wenn er das erfolgreich tut, dann füllt er damit nicht nur sein

Portemonnaie, sondern auch die Konten seiner Mitarbeiter (Löhne)

und Miteigentümer (durch die Steigerung des Profits). Er füllt

mit seinen Produkten die Regale (zum Wohle der Kunden) – und

erfüllt damit seine gesellschaftliche Aufgabe. Aber stimmt das

überhaupt? Kann man nach der ungeheuren Konzentration von

Macht und Vermögen in der Hand von Privatpersonen, Banken

und (Daten-)Konzernen und nach dem Aufstieg von autoritären

Staatskapitalismen in China oder Russland noch daran glauben,

dass das Geschäft des Geschäfts nichts anderes als das

Geschäft zu sein hat? Offenbar nicht. Aber warum stimmt die

Rede vom demokratischen Wandel nicht mehr, der mit dem

Handel einhergeht?

Nun, eine Antwort wüsste ausgerechnet Friedman. Er hatte 1976

kein Problem, Chiles Militärjunta „technischen wirtschaftlichen

Rat zu geben“ – und damit nicht nur die materielle Not vieler

Chilenen gelindert, sondern auch die Idee der unteilbaren Freiheit

verraten. Seither sind wirtschaftliche und politische Freiheit keine

Zwillinge mehr. Seither neigen Liberale dazu, „der Wirtschaft“

Vorfahrt vor „der Politik“ zu gewähren. Echte Liberale wie Ralf

Dahrendorf oder Karl-Hermann Flach hätten sich für solche

Vereinseitigungen der Freiheitsidee geschämt. Ihr Liberalismus

meinte den „Freiheitsdrang der Menschen“. Und ihr Wirtschaftsliberalismus

meinte leistungsfördernden Wettbewerb innerhalb

eines staatlichen Ordnungsrahmens – und keinen Businessclass-

Liberalismus, der die Marktmacht von globalen Konzernen protegiert,

die liberale Demokratie als Fessel des Marktes schmäht und

sich vor autoritativen Staaten ihrer „wirtschaftlichen Freiheit“

wegen verneigt.

DIE FLÜGEL DER FDP STREBEN AUSEINANDER

Mitglieder der „Libertären Plattform“ in der FDP halten das

Verbot von Flatrate-Sex für einen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht

der Hure und die Möglichkeit des Zigarettenkonsums

in Russlands Gaststätten für einen Ausdruck

von Wladimir Putins Freiheitswillen. Etliche Freidenker haben

die Partei schon wegen des Widerspruchs verlassen,

gleichzeitig Verfechterin der wirtschaftlichen Vernunft und

des Rechtsstaats zu sein – und trotzdem für die Euro-Rettung.

In der „Liberalen Vereinigung“ sammeln sich ehemalige

FDP-Anhänger aller Schattierungen. Die Hamburger Landesvorsitzende

Sylvia Canel, auch sie Gegnerin der Euro-

Rettungspolitik, ist vergangenen Montag aus der FDP ausgetreten,

um mit 35 gleichgesinnten Hanseaten eine neue

Partei zu gründen, eine sozialliberale.

3. FREIHEIT UND SICHERHEIT SIND VEREINBAR

Liberale neigen dazu, den modernen Sozialstaat zu verunglimpfen,

weil sie hinter jedem Zuwachs staatlicher Fürsorge eine Freiheitsberaubung

wittern und hinter jeder sozialpolitischen Maßnahme

eine Gleichmacherei, die die Spannkraft ihrer Nutznießer

lähmt. Denkt man diesen Gedanken zu Ende, wäre der Erfolg der

Bundesrepublik eine einzige Dekadenzgeschichte. Das aber ist,

mit Verlaub, Unsinn. Denn natürlich hat der Zuwachs an sozialer

Sicherheit die Freiheit der Menschen nicht nur gelähmt, sondern

auch gestärkt und Deutschland noch dazu innerlich befriedet.

Vielleicht liegt die Krise des Liberalismus ja exakt darin begründet:

dass uns seine Vertreter seit 150 Jahren in endlosen Reprisen

einen „Mangel an Reife zur Freiheit“ attestieren – und uns dem

immer gleichen Vorwurf aussetzen, wir seien sicherheitsverliebte

Herdentiere, die nur darauf warten, sich von einem fürsorglich-paternalistischen

Staat auf sattgrüne Weiden führen zu lassen.

Tatsache ist, dass die Sache der Freiheit in den westlichen Wohlfahrtsstaaten

weder gewonnen hat noch verloren ist. Allein ihre

Ambivalenz hat stetig zugenommen. Der wissenschaftlich-technische

Fortschritt, die Ausdifferenzierung der Gesellschaft und das

wirtschaftliche Wachstum haben uns einerseits schier unendliche

Spielräume eröffnet: „Nie zuvor hatten so viele Menschen so große

Lebenschancen wie heute“ (Ralf Dahrendorf)– doch nie zuvor waren

wir zugleich von so vielen anonymisierten Prozessen, systemischen

Logiken, unternehmerischen Zwängen und politischen

Alternativlosigkeiten bedrängt. Der klassische Liberalismus hat

»

Konkurrenz I

Die CDU schöpft

aus dem reichen

Reservoir der Kultur

und Geschichte,

baut auf überlieferte

Ordnungen und

hütet die Tradition.

Und Angela Merkel

selbst? Ist vielleicht

nicht konservativ.

Aber sie personifiziert

das Bewährte.

Konkurrenz II

Die Sozialdemokraten

haben die

Zukunft, den Fortschritt

und den

Weltfrieden im

Blick. Und Sigmar

Gabriel? Ist immer

angetrieben von der

erneuerbarsten aller

politischen Energien:

der „sozialen

Gerechtigkeit“.

FOTOS: LAIF/DOMINIK BUTZMANN

30 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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aus dieser Ambivalenz seine Kraft bezogen und die zentralen

Fragen der Neuzeit aufgeworfen: In welchem Verhältnis stehen

Gleichheit und Freiheit zueinander, Sicherheit und Eigenverantwortung,

Individuum und Staat? Damals, im 18. Jahrhundert, war

er ein avantgardistisches Programm, das auf die Begrenzung der

absoluten Königs- und Fürstenmacht abzielte. Heute, nach all den

großen Siegen der Freiheit und all ihren kleinen Niederlagen, weiß

die FDP auf diese Fragen nur steinalte Antworten.

4. EIN NEUER EIGENTUMS- UND FREIHEITSBEGRIFF

Der Eigentumsbegriff der Liberalen basiert auf einer groben Verkürzung.

Er geht bekanntlich auf den englischen Philosophen John

Locke zurück, der vor 300 Jahren sinngemäß meinte, dass ein freier

Mensch alles, was er der Natur durch seiner Hände Arbeit abringt,

auch sein Eigen nennen darf. Was viele Vulgärliberale dabei gerne

vergessen, ist Lockes Nachsatz: solange „ebenso gutes den anderen

gemeinsam verbleibt“. Anders gesagt: Lockes Eigentumsbegriff will

zwar dem Reichtum keine Grenzen setzen, wohl aber der Armut. Er

erzählt – im 17. Jahrhundert – noch nichts von einer lohnabhängigen

Arbeiterklasse, die – im 19. Jahrhundert – kein Eigentum am Ertrag

ihrer Arbeit hat und von schottischen Moralphilosophen dafür

schulterzuckend bedauert wird, bei der „great lottery of life“ eine

Niete gezogen zu haben. Auch rechtfertigt Locke gewiss nicht die

möglichst steuerfreie Vererbung von Eigentum. Vor allem aber geht

Locke – 160 Jahre bevor die „frontier“ in der Neuen Welt den Mississippi

erreicht – noch von unbegrenzten Ressourcen aus. Davon

kann heute erkennbar keine Rede mehr sein – und der Wirtschaftsliberalismus

hat lange Zeit nicht mal ansatzweise durchblicken lassen,

dass er auf die Frage der Nutzung von endlichen oder gefährdeten

Gemeingütern (Wald, Klima, Wasser, Öl) eine Antwort wüsste.

JETZT MAL WIEDER KLARE KANTE STATT SÄUSELN

Weil gerade mal ein Prozent der Wähler bei der FDP Kompetenz

für die Zukunft sieht, so die Allensbacher Meinungsforscher,

kann der Parteichef getrost neue Parolen ausgeben.

Einen Vorwurf, der ihm ob einstiger Absetzbewegungen vom

kühlen Steuersenkungskurs gemacht wurde, nutzt er nun

zur Abgrenzung von seinem Vorgänger: „Was wir in der Bundesregierung

abgeliefert haben, das war Säuselliberalismus

und teilweise anti-liberal.“ Ende 2011 hatte er sich aus der

Bundespolitik zurückgezogen – aus Protest gegen Philipp

Röslers Art und Leise. „Eine Energiewende mit horrenden

Subventionen und planwirtschaftlicher Steuerung hat mit

Liberalismus und Marktwirtschaft nichts zu tun.“

Nun predigt Lindner seiner Partei „eine radikalere und

konsequentere Ausrichtung“, und das heißt vor allem: „Wir

wollen wieder klar als Partei der Marktwirtschaft erkennbar

sein, das war in der Zeit der schwarz-gelben Koalition nicht

der Fall. Wir wollen die kalte Progression abschaffen, wir

sind gegen die zur Klima-Religion erhobene Energiewende.

Wir sagen ja zum Freihandel.“ Dass die Bürger dem Freihandelsabkommen

TTIP misstrauen, soll die Liberalen nicht anfechten.

Inhaltlich trennt Lindner nichts vom Sachsen Zastrow.

Doch der Ostdeutsche aus der früheren Bürgerbewegung

fühlt anders: „Freiheit ist für mich ein emotionales Erlebnis.

Die FDP ist interessengeleitet und hat eine Funktion.“

Der frühere CDU-Innenminister Manfred Kanther spottete

gern: „Liberale sind Konservative, denen der Porsche noch

nicht geklaut wurde.“ Lindner versucht die Gratwanderung,

wie der Staat Freiheitsbedrohungen zu wehren habe. „Wir

wollen einen Staat, der die Grundrechte und die bürgerlichen

Freiheitsrechte achtet, der aber auch das Recht

durchsetzt, wo es bedroht wird, beispielsweise durch Kriminalität.“

Einen ganz ähnlichen Doppelklang intoniert er für

Schulen und Hochschulen: „Wir wollen ein faires und aufstiegsorientiertes

Bildungssystem, aber wir verlangen Leistung

und schaffen nicht die Schulnoten ab.“

Auch der Freiheitsbegriff der Liberalen benötigte eine Auffrischung.

Seine klassische Definition stammt von John Stuart Mill, der

– ähnlich wie Locke – „Schädigung anderer“ zur Grenze der Freiheit

erhebt. Es ist bekannt, dass die übrigen Politikanbieter dazu neigen,

diese Grenze immer weiter hinein ins Reich der individuellen Freiheit

zu treiben: Ein neues Kohlekraftwerk in der Kamtschatka, so lässt

sich argumentieren, schädigt die Lebensgrundlagen meines nicht

geborenen Enkels, also gehört sein Bau verboten. Viele FDP-Liberale

wiederum antworten auf die Ausweitung der Sorgenzone noch immer

mit einer allzu einfachen Formel: Freiheit bedeutet, hier und

heute tun zu können, was man will. Mein Porsche gehört mir!

Der anspruchsvollen und gleichsam öffentlichen Aufgabe, eine

qualitative Bestimmung von Freiheit vorzunehmen: Welche Freiheiten

schaden? Welche wollen wir dennoch dulden? Welche sollen

unantastbar sein? – dieser Aufgabe weichen die FDP-Liberalen seit

Jahren aus – mit der Folge, dass der Diskurs an der FDP vorbei stattfindet.

Denkfaule Liberale missverstehen Mills „individuelle“

»

FOTOS: DDP IMAGES/UNITED ARCHIVES, AKG/GLASSHOUSE IMAGES

Tradition I

Von John Locke

(1632–1704)

stammt die liberale

Definition des Eigentums.

Was die FDP

bis heute nicht verstehen

will: Der

englische Philosoph

wollte zwar dem

Reichtum keine

Grenzen setzen,

wohl aber der Armut.

Tradition II

Von John Stuart Mill

(1806–1873)

stammt die liberale

Definition der Freiheit.

Was die FDP

bis heute nicht verstehen

will: Der

englische Philosoph

stellte dem Egoismus

von Hier-und-

Jetzt-Ichlingen keinen

Freibrief aus.

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 31

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Politik&Weltwirtschaft

»

Freiheit immer noch als Hier-und-Jetzt-Freibrief für Ichlinge –

und nicht als eine Praxis steuernder Kontrolle über das eigene

Leben, als Fähigkeit, die wir mit Blick auf andere zu verwirklichen

haben. Freiheit im Sinne von Mill ist:Wahlfreiheit. Sie besteht nicht

in der Abwesenheit äußerer Hindernisse, sondern darin, dass wir

bestimmten Zielen größere Bedeutung beimessen als anderen.

5. WIDER DIE UNFREIHEIT!

Was Liberale gern vergessen: Die Erschließung von Räumen der Freiheit

geht ihrer Nutzung voran. Liberalismus bezeichnet also eine Impulsbewegung,

die auf die Abschaffung der Unfreiheit zielt.

Der Vormarsch der Islamisten in Syrien und im Irak, die Missachtung

der Menschenrechte in China, die russische Offensive gegen die

Ukraine – es gibt in diesen Wochen viele Beispiele, die verdeutlichen,

dass der Liberalismus von einer elementaren Definition dessen bestimmt

werden sollte, was Unfreiheit bedeutet: in der Macht eines

anderen zu stehen. Der nicht geringste Vorzug eines solchen „Liberalismus

der Furcht“ (so die amerikanische Politologin Judith Shklar)

besteht darin, dass er die politische Universalvokabel der „Gerechtigkeit“

ausklammert, um sich die Wachsamkeit dafür zu erhalten, was

ungerecht ist:Repression, Hunger, Ausbeutung. Zweitens aber ist ein

solcher Liberalismus darum bemüht, alle Formen von Macht als Bedrohung

der Freiheit zu identifizieren, also nicht nur staatliche

Macht, sondern zum Beispiel auch Macht, die Wirtschaftsunternehmen

auf sich vereinen.

Anders gesagt: Der Blick eines solchen Liberalismus fällt nicht nur

mit Wohlgefallen auf die „wirtschaftliche Freiheit“ in Singapur, sondern

immer auch kritisch auf die politische Unfreiheit dort. Er hat seinen

Ausgangspunkt nicht (nur) in den Handelsräumen der Wall

Street, sondern auch in den Fabriken von Bangladesch. Sein Maßstab

ist nicht nur die Freiheit des Arbeitgebers, seine Angestellten zu behandeln,

wie es ihm dünkt, sondern auch die Freiheit des Angestellten,

vor Drohungen und schlecht bezahlter Rumschubserei sicher zu

sein. Alles in allem ist es ein Liberalismus, der die „Gewissheiten“ des

Liberalismus der FDP-Liberalen in den vergangenen 20 Jahren auf

den Kopf stellt: Frei ist, wer nicht erniedrigt, verletzt und gedemütigt

werden kann.

GLAUBWÜRDIGKEIT LÄSST SICH NICHT BEWEISEN

Ja, im Bundestag fehlt eine marktwirtschaftliche Partei. Aber

das war in den vier Jahren zuvor auch schon der Fall. Dass sie

künftig ihre Versprechen halten würde, kann die FDP nicht

beweisen. Sie regiert nirgends mehr. Die höchstrangigen Liberalen

sind der Wehrbeauftragte und der Präsident des Kartellamts

– beide zu parteipolitischer Neutralität verpflichtet.

„Wir müssen jetzt in der 2. Liga bis zum Saisonende durchspielen“,

ist Lindner realistisch. „Wenn der Aufstieg in den

Bundestag gelingt, sind wir als ‚Comeback-Kids‘ wieder für

die Medien interessant.“ Freilich: Der Letzte der FDP-Boygroup

zählt aus Sicht klassischer liberaler Triple-A-Wähler –

Ärzte, Anwälte, Apotheker – immer noch zu den: „Kids“

Sachsen-Wahlkämpfer Zastrow möchte nun aus der Jugend

eine Tugend machen. Wenn man schon eine so junge

Führungsriege hat, dann „müssen wir jetzt außerhalb des

Parlaments eine Bewegung für die jüngere Generation werden.

Wir haben mit Christian Lindner einen jungen Repräsentanten.“

Die aktuelle Regierung ruiniere die Basis für die

Zukunft. „Was ist für junge Leute heute einfacher als früher?

Nichts. Wieso muss die nächste Generation vier Jahre länger

arbeiten als die, die heute mit 63 aufhören darf?“

6. DIE LIBERALEN ALS TUGENDWÄCHTER

Die Liberalen müssten heute als Kämpfer gegen jede Form von elementarer

Unfreiheit auftreten – und als ehrliche Makler einer qualitativ

bestimmten Freiheit. Liberale sorgen sich nicht (nur) um die

Geschäfts- und Gemütslage Russlands, sondern (vor allem) um die

Informations- und Meinungsfreiheit der russischen Bürger. Sie fördern

nicht durch ordnungspolitische Passivität einen staatlich lizenzierten

Bankensektor, der seine Risiken systematisch auslagert und

alle Haftung beim Steuerzahler ablädt, sondern sie unterstützen ein

Wirtschafts- und Währungssystem, das auf Sparsamkeit, Solidität

und den breiten Aufbau von Eigentum setzt. Liberale stellen den sozialdemokratischen

Umverteilungswillen ebenso infrage wie die

Steuersenkungssubventionen der Angebotsfanatiker. Ihnen ist eine

Denunziation von Reichtum genauso zuwider wie ein Reichtum, der

sich faulen Quellen verdankt. Über den Faulpelz, der auf Alimentation

vom Staat hofft, kann er sich genauso echauffieren wie über den

Steuerflüchtling, der den Staat prellt. Kurzum: Nimmt der politisch

organisierte Liberalismus Freiheit und Unfreiheit endlich beim

Wort, stehen ihm in Deutschland alle Türen offen. Verengt er Freiheit

und Unfreiheit weiter auf das, was Libertäre, Wirtschafts-, Nationalund

Sozialliberale sich jeweils darunter vorstellen, kann man ihm

nur weiterhin eine „gute Reise“ wünschen: Richtung Abgrund. n

dieter.schnaas@wiwo.de | Berlin, henning krumrey | Berlin

Der Bourgois

Wirtschaftsnobelpreisträger

Milton

Friedman hat die

Idee der unteilbaren

Freiheit verraten.

Seit seiner Unterstützung

der chilenischen

Militärjunta

sind wirtschaftliche

und politische Freiheit

keine zweieiigen

Zwillinge mehr.

Der Citoyen

Der Soziologe Ralf

Dahrendorf hat

stets vor Vereinseitigungen

der Freiheitsidee

gewarnt.

Sein Liberalismus

adressierte die

Freiheit der Menschen

– und keine

Businessclass, die

den autoritativen

Kapitalismus stärkt.

FOTOS: CORBIS/ROGER RESSMEYER, DDP IMAGES/INTERTOPICS

32 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Frust und Frieden

UKRAINE | In der befreiten Rebellenhochburg Slowjansk stehen die

Menschen so loyal zu Kiew wie nie. Doch die Fabriken sind zerstört,

das Geld zum Wiederaufbau fehlt – und es droht Anarchie.

Es ist die Ruhe nach dem Sturm Zerstörte Industrieanlage in Slowjansk

Verfall fraß sich schon lange durch die

Fabrik, als eines helllichten Tages die

maskierten Männer kamen und alles

noch viel schlimmer machten. Im Isolatorenwerk

Slowjansk tüftelten nur noch 150

Mitarbeiter in 5 der 29 Hallen an Metallteilen,

die in Strommasten verbaut werden

sollen. Bis am 6. Mai prorussische Separatisten

einfielen und das Werk mit ihren Gewehren

zum Eigentum der Volksrepublik

Donezk erklärten. Der Manager Wladimir

Krawtschenko kann es auch heute noch

nicht fassen: „Sie stahlen Material und

fertige Produkte, sogar Stanzen und

Drehmaschinen!“ Alles hätten sie bei

irgendwelchen Verschrottern zu flottem

Geld machen wollen. Wie soll er jetzt weiter

produzieren?

Glasscherben platzen unter den Sohlen,

als Krawtschenko in seinem ausgewaschenen

Hemd über das riesige Gelände trottet,

überall liegen Patronenhülsen. Die Fenster

aller Hallen sind zerschossen, vom Granatbeschuss

klaffen Krater in Dächern, aus einer

Leitung leckt Öl. Auf dem Gehweg liegt

eine Kiste, darin abgelaufene Spritzen mit

der Morphin-Ersatzdroge Promedol. Drogenabhängige,

Kriminelle und Arbeitslose

gebe es unter den angeblichen Freiheitskämpfern,

sagt Krawtschenko. Zwei Monate

hätten sie in seinen Hallen campiert, im

»Von hier haben

sie in die Wohngebiete

geschossen«

Zentrum der Stadt. „Hier standen Geschütze,

mit denen sie einmal am Tag in die

Wohngebiete schossen“, sagt er. So ließ sich

der Verdacht auf die Kiewer Armee lenken

– Russlands Propaganda behauptet

schließlich, die Ukrainer führten einen

Krieg gegen die eigene Bevölkerung.

Es seien nicht nur lokale Leute gewesen,

behauptet Krawtschenko. Im Gebäude nah

des Haupttors hätten russische Soldaten

und Freiwillige Quartier bezogen. „Die erkannte

ich am Akzent und an ihren Uniformen“,

sagt er. „Sie kamen Mitte Mai in neuen

Kamaz-Lastwagen, es wurden immer

mehr.“ Täglich sei er in die Fabrik gekommen,

um an die Vernunft der Besatzer zu

appellieren. Es könne nicht deren Interesse

sein, dass seine Leute ihre Arbeit verlören.

Das Zureden war vergebens. Am 16. Juni,

erzählt Krawtschenko, sei er dann doch geflohen

– über den Zaun. Ein Arbeiter habe

ihm gesteckt, dass ihn Separatisten am Tor

mit Gewehren erwarteten. Nach der Rückeroberung

der Stadt, sagt er, habe man den

Exekutionsbefehl für ihn in der Stadtverwaltung

gefunden.

SOWJETISCHE STRUKTUREN

Derweil sich der Welt immer mehr offenbart,

wie aktiv Moskau den Krieg im Osten

der Ukraine mit eigenen Soldaten anheizt,

ist die Stimmung in Slowjansk erstaunlich

eindeutig: Separatisten haben mithilfe der

Russen Leid und Chaos über die Stadt und

ihre einst 120 000 Einwohner gebracht. In

der befreiten Rebellenhochburg, wo man

sich einst wirtschaftliche Vorteile im Schoße

von Mütterchen Russland erträumte,

stehen die meisten Menschen so loyal zu

Kiew wie nie zuvor.

Doch mit dem Einfall der Separatisten

ging der endgültige Niedergang der Wirtschaft

einher. Dass der ukrainische Pleite-

Staat den Wiederaufbau stemmen kann,

bezweifeln die Menschen hier. Kaum ist

der Albtraum zu Ende, ist schon wieder

dieser Frust spürbar, der die arg sowjetisch

strukturierte Industrieregion Donbass seit

Ende der Planwirtschaft vor über zwei Jahrzehnten

beherrscht. Wie zu Sowjetzeiten

fühlen sich die Menschen mit einem gewissen

Stolz als Speerspitze der Industrie,

obwohl die Anlagen verrotten und die

meisten Betriebe nicht wettbewerbsfähig

sind. Geblieben ist nur das Selbstverständnis

von damals.

Weiter geht es zum östlichen Ortsausgang

von Slowjansk, die Sonne brennt wieder

gnadenlos an diesem Donnerstag.

Dort, wo die „Straße der Moderne“ auf die

FOTO: IGOR CHEKACHKOV FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

34 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Landstraße Richtung Donezk mündet,

steht der Kiosk von Irina Sakinskaja – oder

was davon übrig ist: Ein stählernes Korsett

in hellblauer Farbe, Glasscherben stecken

da, wo einmal die Fenster waren. Der Kühlschrank

steht derangiert auf dem Platz vor

dem Ortsschild, als wolle er den Vorbeifahrenden

mahnend seine Einschusslöcher

präsentieren. Sakinskaja trägt ein verschwitztes

Kopftuch und kehrt die Scherben

vom Boden. „Es ging schon mal besser“,

kommentiert sie ihre Lage lächelnd,

nur um Sekunden später in Tränen auszubrechen.

20 Jahre besserte die heute 57-jährige

Frührentnerin ihre spärliche Rente auf, indem

sie Cola und Zigaretten am Kiosk ver-

Kühlschrank kostet neu an die 800 Dollar.

Sie weiß, dass die Regierung pleite ist und

ihr nicht helfen kann. Trotzdem ist sie froh,

dass der Spuk vorbei ist. „In Slowjansk hatten

wir alle den Eindruck, dass es in Russland

irgendwie besser sei“, sagt die Rentnerin.

„Jetzt bin ich plötzlich stolz, Ukrainerin

zu sein.“

„SUCH DIR EINEN SPONSOR!“

Die Kämpfe im Frühjahr haben die Stadt

schwer gezeichnet. Grob geschätzt wurden

1000 Häuser in Slowjansk beschädigt. Fünf

Tage kämpften die ukrainischen Streitkräfte

vor allem in den Vororten, ehe die Rebellen

im Juli aus der Stadt flohen. Im Zentrum

trafen Granaten nur das Heim der

Sponsor, habe man ihr bei der Stadtverwaltung

geraten, als sie einen Antrag auf

Kompensation stellte. Dann bricht sie in

Tränen aus.

Natürlich sieht das Andrej Krischenko

ganz anders. Er kommt aus Horliwka nördlich

der Gebietshauptstadt Donezk, in deren

Nähe mutmaßlich Separatisten im Juli

die Boeing der Malaysia Airlines abgeschossen

haben. Nun ist der korpulente

Mann Ende 30 so etwas wie der Bezirksbürgermeister,

der im Auftrag der Kiewer Präsidialverwaltung

in Slowjansk den Wiederaufbau

organisieren soll. „Wir haben die

Strom- und Gasversorgung wiederhergestellt

und die Renten für drei Monate auf einen

Schlag ausgezahlt“, sagt er. So will Kiew

tickte. Bis „diese russischen Jungs“ kamen

und am 1. Mai einen Kontrollposten errichteten.

Sie meint, es seien russische

Söldner gewesen. „Einer erzählte, er verdiene

sich Geld für die Behandlung seiner

krebskranken Mutter“, sagt Sakinskaja. Sie

hätten sogar ihr Bier bezahlt, das sie im

Gras neben dem Kiosk tranken. Allerdings

sah sie das Unheil kommen, als „die Jungs“

ihre Haubitzen in der Siedlung aufstellten:

„Wenn ihr von hier schießt“, warnte sie,

„dann schießt die ukrainische Armee zurück

und legt alles in Schutt und Asche.“ Sie

behielt recht.

Auf der Straße wackeln ein paar Labrador-Welpen

hinter ihrer Mutter her. Der

Frieden ist zurück in Slowjansk, Sakinskaja

ist auf sich allein gestellt. Umgerechnet keine

80 Euro an Rente bekommt die Frau mit

der schrillen Stimme; allein der zersiebte

Rentnerin Antonia, die ihren Familiennamen

nicht verraten will. „Wer das Haus

bombardiert hat, weiß niemand in der

Nachbarschaft“, und sie selbst sei nicht zu

Hause gewesen. Es war Anfang Juni, der

Sturm auf die Stadt hatte noch nicht begonnen.

Nicht ausgeschlossen, dass in der

Isolatorenfabrik jemand aufs Knöpfchen

gedrückt hat.

Nun steht die Rentnerin in ihrer Wohnung

im vierten Stock. Die Detonation hat

die Fassade komplett abgerissen, zerborstene

Pressholzmöbel, Mörtel und Tapetenreste

säumen den Boden, das Dach

ist weg. „Was soll bloß werden, wenn der

Regen kommt?“, fragt die Frau, die sich

keine neue Wohnung leisten kann und bei

einer Freundin wohnt. Von der Regierung

in Kiew erwartet auch sie keine Hilfe. „Es ist

Krieg, die haben kein Geld.“ Such dir einen

den Menschen zeigen, was gute staatliche

Ordnung im Unterschied zum Chaos der

Separatisten bedeutet. Die Rekonstruktion

der zerstörten Gebäude sei allerdings eine

„schwierige und komplexe Sache“. Vor Ort

gebe es kein Geld, in Kiew müsse es erst bewilligt

werden. Es sei möglich, dass für die

Bewohner der unbewohnbaren Häuser eine

Cottage-Siedlung am Stadtrand gebaut

werde. Woher die Mittel dafür kommen

sollen, weiß er nicht.

Bisweilen wirkt es, als hätten die Behörden

andere Prioritäten. In Slowjansk ist die Jagd

auf Kollaborateure der Separatisten im

Gange. Abgeordnete des lokalen Parlaments

und Beamte stehen unter

Beobachtung des Staatsanwalts. Manch

einer befürchtet die politische Säuberung:

Die Lokalpolitiker von Slowjansk gehören

alle der Partei des im Februar gestürzten »

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 35

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Politik&Weltwirtschaft

Reste einer modernen Produktion Aufräumarbeiten in der Keramikfabrik Zeus

»

Präsidenten Wiktor Janukowitsch an.

Dessen Gegner, die einst auf dem Maidan

gekämpft haben, sind jetzt in Kiew an der

Macht – und die Leute vom rechten Rand

stellen sogar den Generalstaatsanwalt.

„Bist du in Slowjansk geblieben, halten sie

dich in Kiew für einen Separatisten“,

erzählt ein Abgeordneter, „warst du aber

geflüchtet, sehen dich die Wähler als Verräter

an.“

GELOBTES LAND

Angesichts der Hetzjagd und dem Klein-

Klein der Kompensationen gerät ganz aus

dem Blick, wieso ausgerechnet Slowjansk

zur Hochburg prorussischer Separatisten

werden konnte: Viele Menschen leben in

Gedanken noch in der Sowjetunion, die sie

glorifizieren. Russland galt für sie daher als

gelobtes Land – und die geglückte Annexion

der Krim weckte Hoffnungen in der

Stadt mit hoher Arbeitslosigkeit. Seit Kiew

wieder das Sagen hat, hat sich in Slowjansk

nichts zum Besseren

gewendet, auch nach

Video

In unserer App-

Ausgabe berichtet

Autor Florian

Willershausen über

seine Recherche

der Befreiung muss

sich die Zentralregierung

ihr Vertrauen erst

erarbeiten.

So sieht das jedenfalls

Oleksandr Bogoslavsky,

der hier groß

geworden ist: „Die

Leute hier sind fast alle über 50 und erinnern

sich daran, wie bequem sie es zu Sowjetzeiten

hatten.“ Diese Illusion begründe

die anfängliche Unterstützung für die Separatisten.

Der 42-jährige Kaufmann hat

nur Verachtung für die Freischärler übrig.

„Wegen dieser Idioten steht unsere Fertigung

mitten in der Hauptsaison für fünf

Monate still“, sagt er beim Rundgang über

den Hof. Arbeiter schaufeln zerbrochene

Fliesen weg, Maler verputzen sein ausgebranntes

Bürogebäude, die Einschusslöcher

im Wellblech der grauen Fabrikhalle

lassen sich gar nicht zählen.

Als Generaldirektor von Zeus Ceramica

leitet Bogoslavsky die modernste Produktionsstätte

in ganz Slowjansk. Hochwertige

Keramikfliesen liefert das Unternehmen in

die USA und nach Kanada. Doch das Werk,

das 2005 unter Beteiligung der italienischen

Emilceramica gebaut wurde, lag mitten

auf der Frontlinie während der Kämpfe

um die Stadt: „Armee und Rebellen schossen

über unser Werk hinweg“, sagt der Manager,

„die Schäden müssen wir immer

noch schätzen.“ Im Juli haben seine Leute

mit Reparaturen angefangen und sind

noch nicht fertig: Separatisten, berichtet er,

haben Teile der teuren Anlagen zerstört. In

Die Krisenregion

Odessa

Kiew

UKRAINE

Schwarzes

Meer

Charkiw

Slowjansk

Flughafen

Kramatorsk

Luhansk

Horliwka

Donezk umkämpfte

Gebiete

Mariupol

KRIM

(von Russland

annektiert)

RUSSLAND

150 km

der Halle sind Kreissägen zu hören, es

riecht nach Farbe. Wenigstens ist der 180

Meter lange Keramikbrenner noch heil.

Mit etwas Glück will Bogoslavsky noch im

September den Ofen wieder anwerfen. 200

seiner 250 Mitarbeiter haben sich bereits

zur Arbeit gemeldet. Allerdings droht dem

Unternehmen weiteres Ungemach: „Wegen

der Krise bricht uns Russland als Absatzmarkt

weg“, sagt der Manager – ein Problem,

das viele ukrainische Unternehmen trifft.

Außerdem sei der Gaspreis dieses Jahr

um die Hälfte gestiegen. Zwar bezieht die

Keramikfabrik ihre Energie von Shell und

nicht von Gazprom – und der westeuropäische

Konzern ist nicht auf Pipeline-Gas angewiesen,

sondern pumpt Gas aus ukrainischen

Speichern. Doch diese Vorräte

könnte der Staat für sich beanspruchen,

sollte Russland das Gas abdrehen.

Rückkehr ins Stadtzentrum zu Metallbauer

Krawtschenko: Der sitzt auf solchen

Sorgen, dass die fragliche Gasversorgung

im Winter für ihn ein vergleichsweise geringes

Übel ist. Knapp die Hälfte seiner Arbeiter

ist wieder erschienen, gemeinsam

versuchen sie die teildemontierten Fräsen

und Drehbänke zu funktionsfähigen Maschinen

zusammenzubauen. Krawtschenko

hofft, dass es nach dem Krieg für ihn zu

tun gibt: „Viele Stromleitungen und Bahnstrecken

sind zerstört, beim Wiederaufbau

werden sie Isolatoren brauchen.“ Bis dahin

müssen die Anlagen laufen – und das Kapital

muss reichen.

KORRUPTE WEGELAGERER

Doch so recht traut er dem Frieden nicht.

Erst vor ein paar Jahren hat Krawtschenko

zusammen mit anderen Managern die 140

Jahre alte marode Metallfabrik gekauft und

vor der Schließung bewahrt. Jetzt übernachtet

er im Wechsel mit anderen Teilhabern

im Werk. „Sonst laufen wir Gefahr, die

Kontrolle zu verlieren“, sagt er.

Denn nach der Befreiung kam die

Anarchie nach Slowjansk: Bewaffnete in

Polizeiuniformen, erzählt er, hätten vergangene

Woche einen Kleinlaster mit Metallschrott

gestoppt, den der Unternehmer

zu Geld machen wollte. Sie forderten 1500

Euro Wegezoll und bei jeder weiteren Lieferung

eine Beteiligung in Höhe von 20

Prozent des Werts. Krawtschenko bat eine

Militäreinheit aus Charkow, Druck auf die

örtliche Polizei auszuüben. Kaum ist der

Terror der Separatisten vorüber, geht der

Terror der korrupten Wegelagerer weiter –

so als wäre nie etwas anders gewesen. n

florian.willershausen@wiwo.de

FOTO: IGOR CHEKACHKOV FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

36 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: JOHANN SEBASTIAN KOPP, WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, MAURITIUS/ALAMY

BRÜSSEL | Belgier

vermeiden Kritik.

Das funktioniert

prima – bis Deutsche

kommen. Von

Silke Wettach

Beschweren

zwecklos

Der Ratschlag steht in

jedem Asien-Reiseführer:

Bitte nicht laut beschweren.

Das entspreche weder

den örtlichen Sitten,

noch führe es zum gewünschten

Ergebnis. In Belgien-Reiseführern

fehlt der Tipp. Dabei gilt hier dasselbe.

Belgier quittieren Fehlleistungen jeder

Art mit unendlich viel Verständnis.Meiner

Freundin Anne ist es immer noch peinlich,

den Friseur gewechselt zu haben.Erst seit

er ihr die Haare orange färbte, frequentiert

sie einen anderen Salon.Der Mann litt an

Depressionen, führt sie heute noch zu dessen

Verteidigung an.Ein böses Wort fiel nie.

Auch nach mehr als zehn Jahren Belgien

kommt bei mir die andersartige Sozialisation

durch. Wenn der Briefträger etwa

systematisch fremde Post einwirft,

suche ich nach Abhilfe. Die höchst

freundliche Antwort der Post: Bei einem

Wohnhaus mit mehr als drei Parteien sei

es nicht Aufgabe des Briefträgers, die

Post zu sortieren. Die Strategie hat funktioniert.

Ich habe sofort eingesehen, dass

dieses Gespräch zwecklos war.

Ein Freund riet mir von einer Einzugsermächtigung

für den Stromanbieter ab,

dann könne der nicht falsch abbuchen.

Das kritikfreie Zusammenleben funktioniert

erstaunlich gut, weil Belgier zumeist

höfliche Menschen sind. Erst Ausländer

bringen das System aus dem Lot. Meine

neuen Nachbarn ramponierten beim Einzug

das Treppenhaus und grüßen bis

heute nicht. Dafür fotografieren sie jedes

Auto, das auch nur ansatzweise in ihre

Garageneinfahrt hineinragt. Die anderen

im Haus zucken mit den Achseln. Ich habe

mich aufs Fremdschämen verlegt. Das

Paar kommt aus Deutschland.

Silke Wettach ist Brüssel-Korrespondentin

der WirtschaftsWoche.

BERLIN INTERN | Bundesregierung und Nato

setzen ein Vierteljahrhundert nach Ende des Kalten

Krieges wieder auf militärische Abschreckung. Sehr

glaubwürdig ist das nicht. Von Henning Krumrey

Furcht und Schnecken

Was ist da im Baltikum? Rüstet

die Nato auf, oder rüstet sie

nach, wie einst mit ihren

Pershings gegen die russischen

SS20? Sechs Eurofighter verlegt sie

an die Ostgrenze des Bündnisgebiets. Im

Mittelmeer patrouilliert ein deutsches

U-Boot, gemeinsam mit Kriegsschiffen der

Verbündeten. Dem russischen Autokraten

Wladimir Putin will das Bündnis signalisieren:

Der Westen steht auch zu den

kleinsten, sich am stärksten bedroht fühlenden

Mitgliedstaaten.

Rettungsschirm Mit Eurofighter-Patrouillen

will die Nato Stärke demonstrieren

Die Hilflosigkeit, die den Westen ob der

überraschenden russischen Aggression

gegen die Ukraine befallen hat, soll nun

mit bewährten Mitteln der Vergangenheit

bekämpft werden. Im ersten Kalten Krieg

hatten sich Ost und West mit gegenseitiger

Bedrohung in Schach gehalten. Das „Gleichgewicht

des Schreckens“ verhinderte, dass

eine Seite übermütig wurde. Am Ende des

Wettrüstens stand nicht die militärische,

wohl aber die politische und ökonomische

Kapitulation der Sowjetunion.

Innerhalb weniger Monate wurde zerstört,

was im vergangenen Vierteljahrhundert

an Vertrauen gewachsen war:

Regierungskonsultationen, EU-Russland-

Gipfel, die Öffnung der Gruppe der sieben

westlichen Industrienationen zu Russland,

zur G8.

Die Bundesregierung sieht kaum Möglichkeiten,

den Weg in den Kalten Krieg zu

bremsen. Die Argumentation geht so: Die

Ukraine war für Putin leichte Beute, da der

Westen keinerlei Garantien für den früheren

Teilstaat der Sowjetunion abgegeben

hatte. Und das war vor allem so, weil auch

Putin wusste, dass es so war.

Deshalb bemüht die Nato nun ihre interne

Beistandsverpflichtung, um dem ehemaligen

Partner im Osten zu signalisieren:

Vor allem die drei baltischen Staaten, aber

auch Polen stehen unter dem Schutz des

Bündnisses. Denn verständlich ist die Analyse

der Bürger und Regierungen von Estland,

Lettland und Litauen: Sie sind wirtschaftlich

attraktiv, sie liegen vor Moskaus

Haustür, sie behindern den Zugang nach

Königsberg – und sie beherbergen jeweils

eine bedeutende russische Minderheit. Das

könnte Begehrlichkeiten bei Putin wecken.

Das Dumme ist nur: Das Bündnis kommt

im Ernstfall nur im Schneckentempo voran,

die Beistandsverpflichtung des Nato-Vertrages

ist wenig belastbar. In Artikel 5 heißt

es zwar, dass „ein bewaffneter Angriff“ gegen

eine Nation von den übrigen als „ein

Angriff gegen sie alle“ angesehen werde.

Und sie versprechen, dass jede im Ernstfall

„die Maßnahmen, einschließlich der Anwendung

von Waffengewalt, trifft, die sie für

erforderlich erachtet“, um die Sicherheit

wiederherzustellen. Der Köln-Bonner Politikprofessor

Karl Kaiser, als Berater von

Bundeskanzler Helmut Schmidt einst

Miterfinder des Nato-Doppelbeschlusses,

pflegte zu sagen, jenes „erforderlich“ reiche

vom Beileidstelegramm bis zum

Atomschlag“.

Das Dilemma des Westens: Wie kann

man glaubhaft machen, dass man russische

Truppen angreifen würde, wenn Panzer ins

Baltikum rollen – ohne einen solchen Angriff

auch zu starten? Die Sicherheitsexperten

der Koalition sagen hinter vorgehaltener

Hand, dass Russland leidensfähiger sei als

westliche Demokratien.

Für die Ukraine sieht man in der Bundesregierung

übrigens schwarz. Der westliche

Teil würde wohl selbstständig bleiben

können, weil die Bevölkerung prowestlich

sei. Aber der östliche Teil, von Putin als

„Novorossia“ beansprucht, sei faktisch verloren.

Der macht bis zu einem Drittel des

heutigen ukrainischen Staatsgebietes aus.

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 37

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Die EZB öffnet die

Geldschleusen erneut – und führt

Europa in die monetäre Planwirtschaft.

Von Malte Fischer

Zauberer Draghi

Wow! Die Überraschung

ist Mario

Draghi gelungen.

Am Donnerstag

vergangener Woche zog der

Präsident der Europäischen

Zentralbank (EZB) ein geldpolitisches

Kaninchen aus dem

Zauberhut, mit dem niemand

gerechnet hatte. Nachdem Europas

oberster Währungshüter

bereits vor drei Monaten die

Märkte überraschte, indem er

die Leitzinsen senkte und den

Banken großzügige Geldleihgeschäfte

in Aussicht stellte, feuerte

er vergangene Woche das

nächste geldpolitische Feuerwerk

ab. Gegen den Widerstand

der Stabilitätspolitiker um Bundesbank-Chef

Jens Weidmann

hat der Rat der EZB die Leitzinsen

um jeweils zehn Basispunkte

gesenkt. Der Hauptrefinanzierungssatz

ist mit nunmehr

0,05 Prozent kaum noch von

null zu unterscheiden. Zudem

kündigte Draghi an, die EZB

werde ab Oktober in großem

Umfang Kreditverbriefungen

(ABS) und Pfandbriefe kaufen,

um die Kreditvergabe anzukurbeln

(siehe Seite 44).

VERZWEIFLUNGSTAT

Ziel des erneuten hastigen Griffs

zur Notenpresse ist es, die darbende

Konjunktur in der Euro-

Zone zu stützen und die Inflation

von derzeit 0,3 Prozent auf den

Zielwert der EZB von knapp zwei

Prozent zu hieven.

Doch es ist eine Verzweiflungstat.

Ebenso wie die Notenbanker

in den USA, Japan und

Großbritannien wollen die Euro-

Hüter nicht erkennen, dass die

jüngste Krise ihren Kern nicht in

einem Mangel an Liquidität,

sondern in einem Überschuss

an Schulden hat, die durch zu

billige Kredite entstanden sind.

Derartige Solvenzkrisen lassen

sich nicht mit milliardenschweren

Geldspritzen beheben. Studien

zeigen, dass es Jahre, wenn

nicht gar Jahrzehnte dauert, bis

Bürger, Unternehmen und Regierungen

ihre Schulden auf ein

tragfähiges Niveau abgebaut haben.

In dieser Phase wächst die

Wirtschaft kaum, Löhne und

Preise müssen sinken, um die

vorangegangenen inflationären

Übertreibungen zu korrigieren.

Das treibt die Schuldenlast der

Staaten in die Höhe.

GROSSES DESASTER

Die EZB, längst zum Dienstleister

der Finanzminister degradiert,

stemmt sich mit aller

Macht gegen die notwendige

Anpassung. Die Kollateralschäden,

die ihre Abwehrschlacht

verursacht, sind ein volkswirtschaftliches

Desaster. Die Mikrozinsen

setzen Investitionen in

Gang, die sich unter normalen

Umständen nicht lohnen. Sie

lenken Anleger in risikoreiche

Vermögensklassen und pumpen

dort gefährliche Preisblasen auf.

Zudem zerstören sie die Sparanreize,

schmälern die Kapitalbildung

und zersetzen das Wachstumspotenzial

der Wirtschaft.

Die angekündigten ABS-Käufe

mehren den Schaden noch. Sie

lenken die Kreditvergabe der

Banken in von der EZB vorgedachte

Bahnen. Kapital wird

dorthin geschleust, wo es gar

nicht hin will – nach Südeuropa.

Die Ausfallrisiken, die sich durch

die ABS-Käufe in der Bilanz der

EZB auftürmen, trägt der Steuerzahler.

So treibt die EZB Europa

in den Schuldensozialismus und

die monetäre Planwirtschaft.

Nach der Finanzkrise droht uns

die (Geld-)Systemkrise.

NACHGEFRAGT Mark Haefele

»Der Aufschwung wird

sich fortsetzen«

Der Chef-Anlagestratege von UBS setzt auf die USA.

Herr Haefele, würgen die Konflikte

in der Ukraine und in

Nahost die Weltwirtschaft ab?

Die geopolitischen Konflikte

haben die Unsicherheit erhöht.

Allerdings haben sie die Energiepreise

bisher nicht in die Höhe

getrieben. Im Gegenteil: Der

Ölpreis ist dieses Jahr gefallen.

Ich rechne daher nicht damit,

dass die Konflikte die Weltkonjunktur

nachhaltig beeinträchtigen.

Der Aufschwung wird

sich im späteren Jahresverlauf

fortsetzen.

In Europa tritt die Wirtschaft

auf der Stelle. Hängen die

USA Europa konjunkturell mal

wieder ab?

Im zweiten Quartal sind die drei

größten Volkswirtschaften der

Euro-Zone nicht mehr gewachsen.

Zudem haben nur 55 Prozent

der Unternehmen in Europa

die Gewinnerwartungen der

Analysten in diesem Zeitraum

übertroffen. Dagegen festigt

sich die Konjunktur in den USA,

wo 70 Prozent der Unternehmen

die Gewinnerwartungen

übertroffen haben. Dazu

kommt, dass die US-Notenbank

Fed im Fall des Falles eher bereit

ist als die Europäische Zentralbank,

der Wirtschaft unter

die Arme zu greifen. Wir haben

in unserem Portfolio Aktien

und hochverzinsliche Unternehmensanleihen

aus den USA

daher übergewichtet, europäische

Aktien hingegen auf neutral

herabgestuft.

Derzeit dreht sich die Diskussion

in den USA darum, wann die

Fed die Zinsen erhöht.

Einige Kommentare von US-

Notenbankern haben die Erwartung

geweckt, die Fed werde

die Zinsen rasch anheben. Das

halte ich für unwahrscheinlich.

Die Fed wird die Zinsen erst erhöhen,

wenn sie sich sicher ist,

DER GELDANLEGER

Haefele, 43, ist Chef-Anlagestratege

der Vermögensverwaltung

der Schweizer Bank UBS. Dort

verantwortet der an den US-

Eliteunis Princeton und Harvard

ausgebildete Ökonom die Anlage

von zwei Billionen US-Dollar.

dass die Konjunktur wieder festen

Boden unter den Füßen hat.

Ich rechne damit erst für Mitte

nächsten Jahres.

Die Renditen für Staatsanleihen

in Europa und den USA befinden

sich auf Talfahrt. Was ist

der Grund dafür?

Darin spiegelt sich vor allem die

Flucht in die Sicherheit als Reaktion

auf die Ukraine- und die

Nahost-Krise wider. Sollten sich

diese Krisen nicht weiter verschärfen,

dürften die Renditen

in den nächsten sechs Monaten

wieder etwas steigen. In den

USA könnten sie von derzeit 2,4

auf etwa 2,8 Prozent für zehnjährige

Staatsanleihen klettern.

Wird es den Euro in fünf Jahren

noch geben?

Die Euro-Krise hat gezeigt, dass

die Politiker und Notenbanker

alles tun werden, um den Euro

zu erhalten. Daher ist es möglich,

dass die Bedeutung des Euro als

Reservewährung sogar wächst.

malte.fischer@wiwo.de

FOTOS: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PR

40 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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KONJUNKTUR DEUTSCHLAND

Der schwache Euro

schiebt die Konjunktur

Die nachlassende Dynamik in

den Schwellenländern, die Stagnation

in der Euro-Zone sowie

die kriegerischen Auseinandersetzungen

in der Ukraine und

im Nahen Osten trüben die

Aussichten für die deutschen

Exporteure ein. Der Klimaindikator

für die Ausfuhrwirtschaft,

den das Münchner ifo Institut

monatlich exklusiv für die WirtschaftsWoche

ermittelt, ging im

Juli auf 0,35 Punkte zurück. In

den beiden Monaten zuvor lag

der Index noch bei 0,4 Punkten.

Ausschlaggebend für den

Rückgang war das verschlechterte

Unternehmens- und

Verbrauchervertrauen im Ausland.

Das trifft vor allem auf

Europa zu, wo die Stimmung in

Großbritannien und Österreich

überdurchschnittlich

sank. Auch in Belgien, Frankreich,

Spanien und Italien ließ

die Laune der Unternehmen

und Verbraucher zu wünschen

übrig.

Dagegen hat sich die Stimmung

der Betriebe in den USA

kräftig aufgehellt. Der Einkaufsmanagerindex

für die US-Industrie

kletterte im August auf

59,0 Punkte, den höchsten

Stand seit Anfang 2011. Positiv

auf das Exportklima wirkte sich

die Abwertung des Euro aus, die

die preisliche Wettbewerbsfähigkeit

der deutschen Unternehmen

verbesserte.

Mitte vergangener Woche

kostete ein Euro 1,31 Dollar, Anfang

Mai waren es noch mehr

als 1,39 Dollar gewesen. Die

Schwäche des Euro ließ auch

den Earlybird-Frühindikator für

die deutsche Konjunktur, den

die Commerzbank exklusiv für

die WirtschaftsWoche ermittelt,

im August gegen den Trend der

meisten anderen Frühsignale

Schlechtere Lage...

Exportklima und Ausfuhren

0,25

0,20

0,15

0,10

0,05

0

–0,05

–0,10

–0,15

–0,20

–0,25

Exportklimaindikator

1

Exporte (real,

saisonbereinigt,

Veränderung zum

Vorjahr in Prozent)

08 09 10 11 12 13 14

1 Geschäfts- und Konsumklima auf den

wichtigsten Absatzmärkten sowie realer

Außenwert des Euro (Indexpunkte);

Quelle: ifo

1,5

1,0

0,5

0

–0,5

–1,0

–1,5

–2,0

–2,5

–3,0

–3,5

auf 0,45 Punkte steigen. Da der

Earlybird einen deutlichen Vorlauf

vor den anderen Frühindikatoren

hat, rechnen die Ökonomen

der Commerzbank

damit, dass diese erst zur Jahreswende

2014/15 wieder nach

oben drehen und damit für

2015 auf ein etwas höheres

Wachstumstempo deuten.

malte.fischer@wiwo.de

...aber bessere Aussichten

Bruttoinlandsprodukt und

Earlybird-Konjunkturbarometer

4,0

2,0

0

–2,0

–4,0

Bruttoinlandsprodukt 1

09

Earlybird 2

10 11 12 13 14

1,0

0,5

0

–0,0

–1,0

1

zum Vorquartal (in Prozent); 2 gewichtete Summe

aus kurzfristigem realem Zins, effektivem realem

Außenwert des Euro und Einkaufsmanagerindizes;

Quelle: Commerzbank

Sorge um die

Investitionen

Vor wenigen Monaten hatten

die Konjunkturanalysten noch

frohlockt, die Schwäche der Investitionen

sei überwunden. In

den Winterquartalen 2013/14

hatten die Unternehmen jeweils

rund zwei Prozent mehr

für neue Maschinen und Anlagen

ausgegeben als im Vorquartal.

Doch mittlerweile sind die

Optimisten verstummt. Nicht

ohne Grund: Im zweiten Quartal

sanken die Investitionen der

Firmen in Ausrüstungen schon

wieder um 0,4 Prozent. Noch

hoffen die Experten, dass es

sich um eine vorübergehende

Schwäche handelt, die durch

die geopolitischen Spannungen

ausgelöst wurde. Doch je länger

diese andauern und je zäher

sich die Konjunktur in der Euro-

Zone berappelt, desto größer ist

das Risiko, dass der Aufschwung

der Investitionen

schon wieder vorbei ist, bevor

er richtig begonnen hat.

Volkswirtschaftliche

Gesamtrechnung

Real. Bruttoinlandsprodukt

Privater Konsum

Staatskonsum

Ausrüstungsinvestitionen

Bauinvestitionen

Sonstige Anlagen

Ausfuhren

Einfuhren

Arbeitsmarkt,

Produktion und Preise

Industrieproduktion 1

Auftragseingänge 1

Einzelhandelsumsatz 1

Exporte 2

ifo-Geschäftsklimaindex

Einkaufsmanagerindex

GfK-Konsumklimaindex

Verbraucherpreise 3

Erzeugerpreise 3

Importpreise 3

Arbeitslosenzahl 4

Offene Stellen 4

Beschäftigte 4, 5

2012 2013

Durchschnitt

0,4

0,8

1,0

–4,0

–1,4

3,4

3,2

1,4

2012 2013

Durchschnitt

–0,9

-4,2

0,1

4,3

105,0

58,3

5,9

2,0

1,6

2,1

2897

478

27488

0,1

0,9

0,4

–2,4

–0,2

3,0

0,9

1,5

–0,2

2,5

0,3

1,0

106,9

50,6

6,5

1,5

–0,1

–2,5

2950

457

27778

II/13 III/13 IV/13 I/14 II/14

Veränderung zum Vorquartal in Prozent

0,8

0,7

–0,2

0,5

1,7

1,6

2,5

1,5

Mai

2014

–1,7

–1,7

–0,2

–1,1

110,4

52,3

8,5

0,9

–0,8

–2,1

2904

475

29761

1 Volumen, produzierendes Gewerbe, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 2 nominal, Veränderung zum Vormonat in

Prozent; 3 Veränderung zum Vorjahr in Prozent; 4 in Tausend, saisonbereinigt; 5 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte;

alle Angaben bis auf Vorjahresvergleiche saisonbereinigt; Quelle: Thomson Reuters

0,3

0,3

0,7

0,1

2,1

1,4

–0,1

0,8

Juni

2014

0,3

–2,7

1,0

1,0

109,7

52,0

8,6

1,0

–0,8

–1,2

2911

483

30234

0,4

–0,3

–0,3

1,4

0,2

1,2

2,5

1,3

Juli

2014


4,6

–1,4


108,0

52,4

8,9

0,9

–0,8

–1,7

2900

484


0,7

0,7

0,4

3,3

3,6

-0,8

0,2

2,2

Aug.

2014





106,3

51,4

8,9

0,9

2901

495


–0,2

0,1

0,1

–0,4

–4,2

0,1

0,9

1,6

Sept.

2014







8,6







Letztes Quartal

zum Vorjahr

in Prozent

0,8

1,1

0,5

6,0

10,2

3,3

5,5

6,2

Letzter Monat

zum Vorjahr

in Prozent

–2,8

5,0

0,7

1,7

–1,4

–0,8

22,9




–1,5

9,5

1,9

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 41

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Der Volkswirt

ROHSTOFFRADAR

Politik? Egal!

Die Rohstoffpreise bleiben von den aktuellen Kriegen

und Krisen in der Welt unbeeinflusst – Händler und

Investoren schauen stattdessen auf die Finanzmärkte.

Die Krise im Osten der

Ukraine ist zum Krieg

ausgewachsen, die IS-

Terroristen erobern weite Teile

Syriens und des Erdöllands Irak

– und für die Preise der wichtigsten

Grundstoffe der Weltwirtschaft

hat das keine Bedeutung.

Warum?

„Die politischen Ereignisse

werden derzeit von den Rohstoffmärkten

ignoriert“, beobachtet

Daniel Briesemann,

Rohstoffexperte der Commerzbank

in Frankfurt. Viele Preise

sinken, und wo die Preise steigen,

liegt das nicht an den großen

Krisen.

Aber auch Veränderungen

von Angebot und Nachfrage

in der Realwirtschaft

sind nur in Einzelfällen

ausschlaggebend.

Beim Kakao etwa: Der

steigt im Preis, weil

die Ebola-Seuche

auf wichtige Anbaugebiete

in Westafrika

überzugreifen

droht. Von solchen

Ausnahmen abgesehen,

entwickeln sich

die Rohstoffmärkte

derzeit ganz im Schatten

der Ereignisse und

Erwartungen an den

Finanzmärkten.

Und das bedeutet tendenziell

sinkende Rohstoffpreise.

Weil die Aktienkurse an den

meisten wichtigen Weltbörsen –

allen voran in New York – gestiegen

sind, haben große Investoren

derzeit relativ wenig

Interesse an Alternativen zur

Geldanlage in Aktien. In die

gleiche Richtung wirkt der im

Vergleich zum Euro wieder erstarkte

Dollar, sagt Commerzbank-Analyst

Briesemann. Für

Energie

Erdöl

(Brent)

Diesel

Rohstoffabnehmer hierzulande

ist das natürlich positiv, auch

wenn der tendenziell sinkende

Außenwert des Euro den Effekt

der Preissenkung aus deutscher

Sicht reduziert.

Beim für die Konjunktur

wichtigsten Rohstoffpreis gibt

es aber auch realwirtschaftliche

Gründe für sinkende Preise: Die

internationale Nachfrage nach

Rohöl ist konjunkturbedingt

Zucker

Weizen

Gasöl

Raps

Kohle

Landwirtschaftsprodukte

Mais

Volatilitäten im Zeitraum

vom 1.9.2013 bis 31.8.2014

24,7

Strom

Kakao

Baumwolle

Flugbenzin

Emissionsrechte

Vergleichswerte

27,6

13,5 14,9

53,2

Palladium

in

%

100

50

30

20

10

5,1

30

50

100

verhalten, das Angebot dagegen

wächst. Das liegt an der Produktionssteigerung

in mehreren

Opec-Staaten. Der Irak exportiert

sein Öl, als gäbe es keinen

Krieg im nördlichen Landesteil.

In Libyen funktionieren trotz

der bürgerkriegsartigen Wirren

die Ölhäfen wieder. Und das

große Ölförderland Saudi-

Arabien baut trotz der relativ

schwachen Nachfrage seine

Produktion weiter aus. Die Saudis

haben ihre alte Politik aufgegeben,

bei sinkender Nachfrage

regelmäßig ihre Förderung zu

drosseln, um so den Preis stabil

zu halten.

Zu diesem Abwärtstrend der

Preise kommt eine deutliche

Abnahme der Volatilität in den

vergangenen Monaten. Inso-

Euro-/

Dollar-

Kurs

n Der Rohstoffradar misst die Volatilität ausgewählter Preise

und ist damit ein wichtiger Indikator für Unternehmen und Anleger.

Er stellt die durchschnittliche prozentuale Abweichung vom Mittelwert

der vergangenen zwölf Monate grafisch dar. Hohe Schwankungsbreiten

signalisieren steigende Preis- und Planungsrisiken. Der Rohstoffradar

erscheint dreimal jährlich exklusiv in der WirtschaftsWoche.

Silber

21,9

Zinsen

16,3

15,6

17,6

14,4

13,3

15,2

13,9 0

15,7

15,9

14,9

10 15,8

20,7 18,5 16,1 14,7 17,0

20

22,5 23,2

Platin

23,3

Eisenfeinerz

Edelmetalle

Quelle:

Commerzbank

Gold

Blei

Aluminium

Zinn

Kupfer

Nickel

Zink

Was steigt, was fällt

Preisentwicklung ausgewählter

Rohstoffe seit Jahresbeginn

fern verbindet sich mit dem aktuellen

Rohstoffradar, den die

Commerzbank exklusiv für die

WirtschaftsWoche erstellt hat

(siehe Grafik), eine gute Nachricht

für Unternehmen, die Planungssicherheit

für ihre Ausgaben

erstreben.

Es gibt aber Ausnahmen von

diesem erfreulichen Trend:

Nickel und Aluminium haben

sich dieses Jahr dramatisch

verteuert – weil

das wichtige Exportland

Indonesien die

Ausfuhr blockierte.

Die Regierung in Jakarta

will nicht länger

dulden, dass indonesisches

Erz im Rohzustand

an ausländische

Schmelzen und Raffinerien

geliefert wird

und die einheimische

Wirtschaft an der einträglichen

Weiterverarbeitung

nichts verdient. Weil es aber

entsprechende Anlagen in Indonesien

noch nicht gibt, drohte

weltweit der für die Stahlveredelung

notwendige Rohstoff

Nickel knapp zu werden.

Inzwischen hat Indonesien

seine Pläne revidiert, und der

Nickelpreis hat sich etwas beruhigt.

Der ganze Vorgang zeigt

aber, wie abhängig die Rohstoffmärkte

von der Politik sein können

– nach wie vor.

n

Industriemetalle

Nickel

Palladium

Aluminium

Kakao

Gold

–3

–5

–6

–7

–8

7

Rohöl (WTI)

Kupfer

Zucker

Quelle: Commerzbank;

Stand 1.9.2014

Weizen (CBOT)

Diesel

17

17

in Prozent

27

35

hansjakob.ginsburg@wiwo.de

42 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Der Volkswirt

WARUM EIGENTLICH...

...will die EZB den Markt für

Kreditverbriefungen wiederbeleben?

Experten eilen zu Hilfe US-Vermögensverwalter Blackrock

Als Giftpapiere gelten Kreditverbriefungen

seit der

Finanzkrise von 2008.

Mitauslöser der Krise waren die

Papiere, mit deren Hilfe Banken

bestimmte Forderungen gebündelt

an Investoren auf dem

Kapitalmarkt weiterreichten:

mit privaten Wohnimmobilien

besicherte Hypothekenkredite.

Die Papiere steckten allerdings

voller Forderungen mit

schlechter Bonität. Als die Immobilienblase

in den USA

platzte, war ein Gros der von

Ratingagenturen mit guten Noten

bewerteten Anleihen über

Nacht wertlos. Investoren weltweit

verloren Milliarden. Seitdem

ist der Markt für forderungsbesicherte

Wertpapiere

(Asset Backed Securities, kurz:

ABS) verbrannt. Das Volumen

dieser Anleihen sank in Europa

von rund 700 Milliarden Euro in

2008 auf rund 180 Milliarden

Euro in 2013.

In den ersten sechs Monaten

dieses Jahres sind nach Zahlen

der DZ Bank Verbriefungen für

rund 85 Milliarden Euro in Europa

emittiert worden. Anders

in den USA – dort läuft das Geschäft

mit Verbriefungen längst

wieder auf Hochtouren.

Das Paradoxe daran: In Europa

waren die Ausfallraten von

ABS-Anleihen im Zeitraum

2007 bis 2013 mit 1,4 Prozent relativ

gering, wie die Ratingagentur

Standard & Poor’s analysiert

hat. In den USA dagegen lag die

Ausfallrate dieser Papiere im

selben Zeitraum mit 17,4 Prozent

um ein Vielfaches höher.

Nun will ausgerechnet die

Europäische Zentralbank (EZB)

den Markt für Kreditverbriefungen

ankurbeln. Ein gut funktionierender

ABS-Markt sei die Voraussetzung

dafür, dass Europas

Kreditmärkte wieder in Schwung

kommen, so EZB-Präsident Mario

Draghi.

BAD BANK EZB?

Seit Wochen arbeiten deswegen

die Experten der EZB an einem

Programm, mit dem der ABS-

Markt wiederbelebt werden

könnte. Die Idee dahinter:

Kauft die EZB diese Verbriefungen

auf, werden die Banken den

entsprechenden Teil ihrer Kreditrisiken

in der Bilanz los. Das

frei gewordene Kapital können

sie nutzen, um neue Kredite an

Unternehmen zu vergeben.

Diese wiederum investieren in

neue Geschäfte, Produkte oder

Anlagen – und dies belebt die

Konjunktur.

Die Notenbank würde so im

Prinzip als Investor in das Geschäft

mit Verbriefungen einsteigen.

Mutiert sie damit zum

Schrottplatz für risikoreiche

Kredite der Banken und zu einer

europäischen Bad Bank,

wie Kritiker behaupten? Ganz

so einfach ist es nicht.

Tatsächlich sind Verbriefungen

von Forderungen eine gute

Möglichkeit zur Refinanzierung,

wenn sie transparent

strukturiert und die Risiken für

Investoren kalkulierbar sind.

Genau das aber ist das Problem.

Das Geschäft mit Verbriefungen

ist hochkomplex und für Banken

wie Investoren aufwendig.

Das Risiko der in Tranchen und

unterschiedliche Güteklassen

aufgeteilten Papiere ist oft

schwer zu erkennen.

Gerade deshalb haben die

Aufsichtsbehörden nach der Finanzkrise

striktere Regeln für

ABS-Anleihen aufgestellt. So

müssen die Papiere etwa mit

sieben Prozent Eigenkapital unterlegt

werden. Bei den Banken

heißt es deswegen, die hohen

regulatorischen Anforderungen

und die Unsicherheit, welche

weiteren Vorschriften für Kreditverbriefungen

geplant sind,

seien der Grund dafür, dass der

Markt nicht in Gang käme.

Die EZB kündigte auf ihrer

Zinssitzung in der vergangenen

Woche an, einfache und transparente

Kreditverbriefungen

zu kaufen – und zwar nur

„Senior Tranchen“, also den Teil

der Verbriefungen mit geringem

Ausfallrisiko und guter

Bewertung. Kaufen will sie mittelständische

Anleihen und

Verbriefungen von privaten

Wohnkrediten, von Banken wie

auch von Investoren. Für gut

bewertete Anleihen aber ist die

Nachfrage von Investoren jetzt

schon hoch. Der Markt sei dreifach

überzeichnet, stellen die

Analysten der DZ Bank fest.

Wenn die Nachfrage aber jetzt

schon das Angebot in diesem

Segment übersteigt, welche

Wirkung soll dann ein Kaufprogramm

der EZB auf die Kreditvergabe

der Banken haben?

Und wie will die EZB sicherstellen,

dass mehr Geld für private

Investitionen in den Euro-Peripherieländern

bereitsteht?

ZU RISKANT

Eine Möglichkeit wäre, ABS von

geringerer Qualität mit Staatsgarantien

zu versehen, wie dies

EZB-Direktor Benoît Cœuré

kürzlich vorgeschlagen hat.

Doch das gilt als zu riskant. Nun

soll der größte Vermögensverwalter

der Welt, das US-Finanzinstitut

Blackrock, der EZB bei

der Entwicklung ihres ABS-

Kauprogramms helfen. Erfahren

sind die Amerikaner in diesem

Geschäft. Die Firma half

schon der US-Regierung und

der Fed, faule Kredite zu bewerten

– und verkaufte die Papiere

dann auch an die eigene Kundschaft.

Schon in den USA rief

dies Kritiker auf den Plan. Das

Spiel wiederholt sich jetzt in Europa.

Unterstützung bekommt

die EZB auch von der EU-Kommission.

Die EU-Finanzminister

beraten am kommenden

Wochenende bei ihrem Treffen

in Mailand, wie sich der Verbriefungsmarkt

ankurbeln lässt.

Bis Anfang 2015 will die EU-

Kommission entscheiden, ob

die strikten Regeln für

ABS entschärft werden sollen,

um den Markt zu beleben.

angela.hennersdorf@wiwo.de | Frankfurt

FOTO: BLOOMBERG NEWS/SCOTT EELLS

44 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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DENKFABRIK | Die Europäische Zentralbank will spekulative Übertreibungen an den

Finanz- und Immobilienmärkten nicht mehr durch höhere Leitzinsen bekämpfen,

sondern durch aufsichtsrechtliche Maßnahmen. Die geldpolitische Kehrtwende treibt

die Vermögenspreise und ist gefährlich. Von Jörg Krämer

Draghis Kehrtwende

FOTOS: PR, LAIF/REA/ERIC TSCHAEN

An den Finanzmärkten

drohen wieder spekulative

Übertreibungen.

So liegt die

Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe

unter einem Prozent,

die Risikoaufschläge von

Unternehmensanleihen sind

wieder fast so niedrig wie vor

Ausbruch der Finanzkrise, und

die Sorglosigkeit an den Devisenmärkten

ist, gemessen an

den Optionspreisen, sogar

niedriger als damals. Das Platzen

solcher Blasen kann ganze

Volkswirtschaften ins Verderben

stürzen. Deshalb drängt die

Bank für Internationalen Zahlungsausgleich

(BIZ), die Zentralbank

der Zentralbanken, ihre

Mitglieder gegenzusteuern.

Die Europäische Zentralbank

(EZB) und die US-Notenbank

sollten die Leitzinsen anheben,

um so den Risiken für die

Finanzmarktstabilität zu begegnen,

auch wenn eine niedrige

Inflation und eine schwache

Konjunktur, wie im Euro-Raum,

für sich genommen eine Nullzinspolitik

nahelegen.

ANTIZYKLISCHE PUFFER

Noch vor vier Jahren war die

EZB derselben Meinung wie die

BIZ. In ihrem Monatsbericht

vom November 2010 schrieb

sie, „dass ein Gegensteuern bei

Vermögenspreisblasen erwogen

werden sollte, wenn Zinsbeschlüsse

getroffen werden“.

Die Notenbank müsse verhindern,

dass das Entstehen einer

„Vermögenspreisblase durch

eine zu expansive Geldpolitik

unterstützt“ werde.

Vor zwei Monaten vollzog EZB-

Präsident Mario Draghi allerdings

eine Kehrtwende. Er verkündete,

die EZB wolle die stark

gestiegenen Vermögenspreise

nicht durch das Naheliegende eindämmen,

nämlich durch eine etwas

straffere Geldpolitik, wie es die

BIZ fordert. Stattdessen setze die

EZB jetzt auf sogenannte makroprudentielle

Maßnahmen. Ein typisches

Beispiel für solche aufsichtsrechtlichen

Maßnahmen sind

antizyklische Kapitalpuffer: Wenn

Banken über einen längeren Zeitraum

zu viele Kredite vergeben,

kann die Bankenaufsicht fordern,

dass die Institute zusätzliches Kapital

bilden. Das verteuert und

begrenzt die Kreditvergabe und

»Die lockere

Geldpolitik der

Frankfurter

Währungshüter

facht die

Vermögenspreise

an«

macht die Banken widerstandsfähiger,

falls Kreditnehmer ausfallen

und es zu Abschreibungen kommt.

Die Schweizerische Nationalbank

hat solche Kapitalpuffer vorgeschrieben,

um auf die stark steigenden

Hypothekenkredite und

Immobilienpreise zu reagieren. Ein

weiteres Beispiel für makroprudentielle

Maßnahmen sind Vorschriften,

nach denen Banken

mehr Liquidität vorhalten müssen,

wenn sich Übertreibungen an den

Finanzmärkten abzeichnen. Die

Liste solcher aufsichtsrechtlicher

Maßnahmen ist lang.

Mit dem Rückgriff auf makroprudentielle

Maßnahmen suggeriert

die EZB, sie könne die

massiven Nebenwirkungen ihrer

lockeren Geldpolitik durch chirurgische

Eingriffe ihrer Bankenaufseher

neutralisieren. Dieser Strategiewechsel

lässt sich kaum mit rein

ökonomischen Argumenten erklären.

Denn ein erfolgreicher chirurgischer

Eingriff setzt voraus, dass

bekannt ist, wo genau die nächste

Vermögenspreisblase droht. Weil

dies schwer vorherzusehen ist, ist

ein geldpolitisches Gegensteuern

mit dem Leitzins erfolgversprechender.

Denn dies reduziert die

allgemeine Risikoneigung. Der

wahre Grund für die Kehrtwende

der EZB dürfte schlicht sein, dass

sie die Zinsen nicht erhöhen will,

weil sie Rücksicht nimmt auf die

hoch verschuldeten Staaten und

ihre Banken, die auf Geheiß der Finanzminister

viele Staatsanleihen

gekauft haben.

Drohende spekulative Blasen

nicht durch eine etwas straffere

Geldpolitik, sondern vor allem

durch makroprudentielle Maßnahmen

zu bekämpfen ist gerade

im Fall der EZB risikoreich. Denn

die lockere Geldpolitik der Frankfurter

Währungshüter facht ohne

Zweifel die Vermögenspreise an.

Anleger sind wegen der Niedrigzinsen

faktisch gezwungen, auf

risikoreichere Anlagen auszuwei-

chen. Das treibt deren Preise

und Kurse nach oben. Makroprudentielle

Maßnahmen sind

schlichtweg überfordert, die

Wucht der Nullzinspolitik zu

neutralisieren. Die Bankenaufsicht

ist nicht allwissend und

kann nicht alle Löcher mit dem

Aufsichtsrecht stopfen.

GEMISCHTE ERFAHRUNG

So ist es den antizyklischen

Kapitalpuffern in der Schweiz

bisher nicht gelungen, die von

der lockeren Geldpolitik der

Schweizerischen Nationalbank

angefachte Hypothekenkreditvergabe

einzudämmen, die

Häuserpreise steigen weiter. In

Ungarn konnte die Bankenaufsicht

nicht verhindern, dass viele

Bürger ihre Hauskäufe mit

scheinbar günstigen Fremdwährungsdarlehen

finanziert

hatten, die sie nach der Abwertung

des Forint kaum noch bedienen

konnten. Alles in allem

sind die Erfahrungen mit makroprudentiellen

Maßnahmen gemischt.

Der Chefvolkswirt der

BIZ, Claudio Borio, vergleicht

die lockere Geldpolitik zu Recht

mit Wasser, das sich seinen

Weg vorbei an allen Sperren

sucht. Hält die EZB trotz aller

Warnungen an ihrer lockeren

Geldpolitik fest, wofür alles

spricht, dürften die Vermögenspreise

in den kommenden Jahren

weiter steigen. Das Risiko ist

beträchtlich, dass dies in einer

spekulativen Blase endet.

Jörg Krämer ist Chefvolkswirt

der Commerzbank. Zuvor hat

der in Kiel promovierte Volkswirt

unter anderem am Institut

für Weltwirtschaft in Kiel und

für die Investmentbank Merrill

Lynch gearbeitet.

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 45

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Unternehmen&Märkte

Vor dem großen Sprung

CHINA | Der E-Commerce-Gigant und Börsenkandidat Alibaba ist nicht

der einzige Konzern aus dem Reich der Mitte, der an die Weltspitze will.

Auch der PC-Riese Lenovo strebt ein weiteres Mal nach der

Poleposition, diesmal mit Smartphones. Samsung, Amazon

und Microsoft, aber auch deutsche Autobauer müssen

sich hüten vor den angriffslustigen Drachen aus Fernost.

Samsung

Umsatz: 327 Mrd. $

Gewinn: 20 Mrd. $

z.B. VW

Fernziel ist der Wettbewerb mit

den weltweiten Premiumanbietern

aus Europa, Asien und den USA

Apple

Umsatz: 178,1 Mrd. $

Gewinn: 38,5 Mrd. $

XIAOMI Smartphones

Umsatz/Gewinn (1. Hj. 2014): 5,3Mrd .$/k.A.

Marktanteile: 14% in China

Position in China: Senkrechtstarter,26 Mio. verkaufte Handys 1. Hj. 2014

Story: Handys kosten nur 100 $, aktiv in Südostasien,

Expansion nach Russland und in andere Schwellenländer,

fast nur Online-Verkäufe, hauchdünne Margen

QOROS Autos

Umsatz/Gewinn: k.A./255Mio.$Verlust

UNIONPAY bargeldlose Zahlung

Marktanteile/Marktkapitalisierung:vernachlässigbar/nicht börsennotiert

Position

in China: erste weltmarktfähigeLimousine

Story: Produktion läuftan,2015rund300000 Fahrzeuge geplant,

Expansion

in Schwellenländer und Osteuropa, gegen Premiumhersteller

Umsatz/Gewinn(2011): 1 Mrd. $/k.A.

3,5 Mrd. Kreditkarten in China

Marktanteile:

k.A.

Marktkapitalisierung:

Position

in China: Nr. 1, nur fünf Prozent

Auslandsumsatz

Umsatz/Gewinn: 10 Mrd. $/2,5 Mrd. $

TENCE N T

in China, 100 Millionen außerhalb

Position in China: Messenger WeChat

Marktführer

400 Mio. Nutzer

Marktkapitalisierung: 150 Mrd.

von US Computerspieleherstellern

Story: weltweite Expansion, Übernahme

Soziale Netzwerke

nach Visa

Story: zweitgrößtes Bezahlnetzwerk

Visa

Umsatz: 11,8 Mrd. $

Gewinn: 4,9 Mrd. $

Facebook

Umsatz: 7,9 Mrd. $

Gewinn: 1,5 Mrd. $

Wenn nicht anders erwähnt, Umsatz/Gewinn 2013; Quelle Unternehmensangaben

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BAIDU

Google

Umsatz: 59,8 Mrd. $

Gewinn: 12,9 Mrd. $

Samsung

Umsatz: 327 Mrd. $

Gewinn: 20 Mrd. $

Apple

Umsatz: 178,1 Mrd. $

Gewinn: 38,5 Mrd. $

Umsatz/Gewinn:5,2 Mrd. $/1,7 Mrd. $

Internet-Suchmaschine

Marktanteile:ca.65% in China

Marktkapitalisierung: 74 Mrd. $

Position in China: Marktführer

Story: Größter Auslandsmarkt Brasilien, Expansion

im arabischen Raum, zensiert

Inhalte in China

Expansion, Europa-Zentrale in Düsseldorf

Story: Nähe zum chinesischen Militär, globale

Marktanteile: k.A.

Position in China: Marktführer und in 140 Ländern

Marktkapitalisierung: privates Unternehmen

aktiv

Umsatz/Gewinn: 40 Mrd.$/3,5 Mrd. $

HUAWEI Telekommunikationsausrüstung

Position in China: Nr.1|Warenumsatz: 248 Mrd. $

LENOVO

Umsatz/Gewinn: 8 Mrd. $/3,6 Mrd. $

Online-Handel

ALIBABA

Marktkapitalisierung:

zu 200 Mrd. $

Schätzungen bis

Story: geht demnächst an die Börse, expandiert

mit

Umsatz/Gewinn: 34 Mrd. $/1 Mrd. $

PC, Smartphones, Tablets

Marktanteile weltweit/China: 18,6 %/40 %

Umsatz in China: 70 %, mit Motorola stark in den USA

Markkapitalisierung:11,4 Mrd. $

auch bei Smartphones die Nr. 1 zu werden

seinem Flaggschiff Taobao in Südostasien,

übernimmt in den USA Wettbewerber

Story: setzt auf Masse und versucht, nach den PCs nun

HP

Umsatz: 112 Mrd. $

Gewinn: 5,1 Mrd. $

Cisco

Umsatz: 47,1 Mrd. $

Gewinn: 7,8 Mrd. $

Ebay

Umsatz: 16 Mrd. $

Gewinn: 2,8 Mrd. $

Amazon

Umsatz: 81,7 Mrd. $

Gewinn: 0,18 Mrd. $

ILLUSTRATION: STEFFEN MACKERT

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 49

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Unternehmen&Märkte

Sie zählen 49 Jahre, sind Charismatiker

und haben Aufregendes

mitzuteilen. YY nennt sich

der eine, für Yang Yuanqing. Er

hat den chinesischen Konzern

Lenovo zum größten PC-Hersteller der

Welt gemacht. Sein Pendant heißt Jack Ma

und regiert Alibaba.

Ma, aufgestiegen vom Englisch-Lehrer

zum Internet-Star, will den chinesischen

E-Commerce-Giganten in der zweiten

Septemberhälfte an die Börse bringen. Das

dürfte dem Unternehmen nach Schätzungen

von Analysten einen Börsenwert von

200 Milliarden US-Dollar bescheren.

Prompt haute er vorige Woche auf

die Pauke und verkündete zwei

Milliarden US-Dollar Gewinn im

ersten Quartal des Geschäftsjahrs

bei 2,5 Milliarden Umsatz – glatt

die doppelte Marge von Apple.

Yang dagegen ließ am vorigen

Donnerstag in Chicago einen

Schleier lüften – für eine neue Generation

Smartphones der Marke

Motorola, die Lenovo von Google übernahm,

sowie für ein neues digitales Armbandgerät

namens Moto 360 Smartwatch –

alles gezielt ein paar Tage bevor Apple das

neue iPhone vorstellt.

„Unsere Philosophie ist“, tönt Lenovo-

Chef Yang im Interview mit der WirtschaftsWoche

(siehe Seite 54): „ Wenn man

nicht die Nummer eins werden will,

braucht man gar nicht erst antreten.“ Und

zuvor hatte Börsenaspirant Ma geprustet:

„Wenn Alibaba nicht so wichtig wird wie

Microsoft oder Wal-Mart, werde ich das für

den Rest meines Lebens bedauern.“

Mit ihrem Weltherrschaftsanspruch sind

Yang und Ma in China nicht mehr allein.

Auch andere Konzernlenker im Reich der

Mitte, deren Unternehmen in den vergangenen

Jahren dank des bevölkerungsreichsten

Binnenmarktes der Welt erstarkt

sind, starten zum Angriff auf derzeit globale

Champions im Ausland.

Die Schar der Angreifer ist bunt. Sie reichen

vom Messaging-Dienst und sozialen

Netzwerk Tencent über die Internet-Suchmaschine

Baidu bis zum Kreditkarten- und

Bezahlkonzern Unionpay. Mit Qoros hat

sich sogar ein Autobauer aufgemacht, um

die Konkurrenz aus den reifen Industrieländern

einmal mit Qualitätsautos made in

China anzugreifen. Deutschlands Anbieter

etwa aus dem VW-Konzern sind genauso

gewarnt wie Kreditkartengesellschaften

vom Typ Visa oder der Handybauer Samsung,

aber auch IT- und Internet-Stars aus

»Wenn Alibaba nicht

so wichtig wird wie

Microsoft und

Wal-Mart, werde ich

das bedauern«

Alibaba-Chef Jack Ma

den USA von Google über Facebook bis zu

Microsoft.

Die Gründe, sich über die Landesgrenzen

hinaus auszudehnen, sind vielfältig.

Kein Zweifel, wichtige Schützenhilfe erhielten

die chinesischen Konzerne von ihrer

Regierung. Besonders deutlich zeigt

sich das im Internet. Facebook, Google,

YouTube, Twitter – die westlichen Erfolgsunternehmen

des Web 2.0 sind in China

gesperrt. Denn sie beugen sich nicht der

staatlichen Zensur. Google verließ den Riesenmarkt

deshalb 2010. Facebook und

Twitter durften gar nicht erst antreten.

So konnte etwa der chinesische Internet-

Suchmaschinenanbieter Baidu in China

groß werden. Heute kontrolliert Baidu 65

Prozent des Marktes. Der börsennotierte

Konzern kommt den chinesischen Zensurvorgaben

mit vorauseilendem Gehorsam

entgegen: Web-Sites, die den Vorgaben der

Regierung widersprechen, tauchen bei

Baidu gar nicht erst auf.

Der chinesische Konzern Tencent wiederum

hat davon profitiert, dass die Web-

Seiten Facebook und Twitter in China gesperrt

sind. WeChat, auf Chinesisch Weixin,

ein Klon der Facebook-Tochter Whats-

App, ist heute das beliebteste Kommunikationsmedium

der Chinesen. 400 Millionen

User schicken sich damit Nachrichten. Der

Instant-Messenger QQ hat gar 800 Millionen

Nutzer. Videos schauen Chinesen

nicht auf YouTube sondern auf Youku.

Das Web ist nicht das einzige Feld der digitalen

Welt, in dem Chinas Unternehmen

aktiver und aggressiver gegen westliche

Konkurrenten auftreten. Der Senkrechtstarter

der vergangenen Monate heißt Xiaomi,

was so viel wie „kleiner Reis“ bedeutet.

Auch Xiaomi folgt dem Modell: kopieren

und verbessern. Zwar kann der Handyhersteller

etwa Apple nicht das Wasser reichen,

doch mit umgerechnet 100 US-Dollar

sind die Telefone im Preis unschlagbar.

Der chinesische Staat hilft, wo er kann,

den eigenen Unternehmen, im Kampf gegen

Platzhirsche jenseits der Grenzen anzugreifen.

So hat die Regierung in Peking

vor wenigen Tagen angekündigt, das Betriebssystem

Windows des US-Softwarekonzerns

Microsoft auf den Computern im

Reich der Mitte durch eine eigene Kreation

zu ersetzen. Schon im Herbst soll das ambitionierte

Vorhaben starten.

Und das ist erst der Anfang. Da immer

mehr Menschen Smartphones und Tablets

nutzen, auf denen Windows unter „ferner

liefen“ rangiert, will die Regierung auch ein

chinesisches Betriebssystem für drahtlose

Geräte in Auftrag geben. „In drei bis fünf

Jahren“, so die Ankündigung, soll es eine

chinesische Alternative zu Android von

Google und iOS von Apple geben, komplett

mit der nötigen Infrastruktur für

Smartphone-Apps und Web-Dienste.

SCHUTZPATRON STAAT

Größenwahn? Reaktion auf US-Cyber-

Schnüffeleien? Taktische Drohgebärde?

Gegen Microsoft läuft derzeit in China eine

Untersuchung wegen Machtmissbrauchs.

Windows 8 auf den Computern chinesischer

Behörden ist seit Mai untersagt. Microsoft

ist alarmiert. Offiziell will sich der

Konzern wegen des laufenden Verfahrens

nicht äußern. Der neue Microsoft-Chef

Satya Nadella plant eine Reise nach China

noch in diesem Monat, um sich persönlich

vor Ort über die Lage zu informieren.

Dass einige Chinesen, die nun Amazon,

Samsung und Co. angreifen, enge Beziehungen

zur Kommunistischen Partei pflegen

oder selbst Mitglieder sind, ist ein offenes

Geheimnis. Sie haben den Staat als

Schutzpatron hinter sich. „Von westlichen

Konkurrenten kopieren und sie dann an

FOTOS: IMAGO/CHINA FOTO PRESS, BULLS PRESS/NEWS INTERNATIONAL

50 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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der Expansion in China zu hindern oder

wie bei Facebook oder Twitter ihnen dies

gleich ganz zu verwehren“, sagt der US-

Technologiestratege Mark Anderson, das

sei das „chinesische Geschäftsmodell“.

Vor allem der Telekommunikationsausrüster

Huawei sieht sich immer wieder

Spionage-Vorwürfen ausgesetzt. Dessen

Gründer Ren Zhengfei, ein ehemaliger Soldat

der Volksbefreiungsarmee, werden enge

Kontakte zum chinesischen Militär

nachgesagt. Doch seit dem NSA-Skandal

haben die Vorwürfe von US-Seite an Überzeugungskraft

verloren. Huawei bezieht

demnächst in Düsseldorf seine neue Europa-Zentrale.

Der Bürokomplex namens Silizium

im Stadtteil Oberkassel soll 900 Mitarbeiter

beherbergen. Zu den Kunden zählen

die Deutsche Telekom und Vodafone.

GEFÜLLTE KRIEGSKASSEN

Gleichwohl ist es den Angreifern in den

vergangenen Jahren auffällig gelungen,

sich zu professionalisieren und zu internationalisieren.

Die Produkte haben sich verbessert.

Lenovo mit zugekauften Marken

wie Medion in Deutschland, Huawei oder

der Haushaltsgerätehersteller Haier sind

im Westen bekannte Marken.

Mit ihren gefüllten Kriegskassen stoßen

die Angreifer bevorzugt in Schwellenländer

vor. Brasilien etwa ist für Baidu schon der

zweitwichtigste Markt. Die Internet-Suchmaschine

will bis Ende der Dekade die Hälfte

ihres Umsatzes im Ausland erwirtschaften.

300 Millionen Dollar lässt das Unternehmen

für den Aufbau eines Forschungszentrums

im Silicon Valley springen. Amazon-Konkurrent

Alibaba kauft sich derweil

mit dreistelligen Millionensummen in US-

Internet-Unternehmen wie Tango, Lyft,

Fanatics oder Shoprunner ein. Facebook-

Wettbewerber Tencent übernahm an der

US-Westküste Spielehersteller wie Riot

Games und ist bereits in 140 Ländern aktiv.

Ganz am Anfang steht der Autohersteller

Qoros, dem es als erstem chinesischen Unternehmen

gelang, eine international wettbewerbsfähige

Limousine zu bauen. Schon

bald soll die Produktion auf 300 000 Fahrzeuge

im Jahr steigen.

Alibaba soll mit dem Börsengang eine

Art Startschuss setzen für die forcierte weltweite

Expansion chinesischer Konzerne,

wie dies im 20. Jahrhundert die USA, Japan

und Westeuropa vorgemacht haben – und

wie dies Lenovo-Chef Yang nun mit den

Smartphones wiederholen will.

n

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai,

matthias hohensee | Silicon Valley

Ein Schritt vorwärts,

zwei zurück

Lenovo-Chef Yang

gilt als chinesischer

Top-Manager mit

der ausgeprägtesten

West-Orientierung

Mann mit drei Leben

LENOVO | Der größte PC-Hersteller der Welt ist eines der wenigen

chinesischen Unternehmen, denen der Aufbau einer internationalen

Marke gelungen ist. Das ist vor allem der Verdienst von YY.

Der Saal ist dunkel, das Publikum

mucksmäuschenstill. Nur die Stimme

einer Moderatorin hallt durch

den großen Ballsaal des Hilton Hotels im

zentralchinesischen Wuhan. „Er ist hier“,

sagt die bekannte TV-Moderatorin. „Gleich

spricht YY zu uns!“ Das Kürzel genügt – jeder

hier weiß, wer „YY“ ist. Dann ertönt eine

Fanfare, Scheinwerfer leuchten auf, als

ein schlanker, hochgewachsener Mann die

Bühne betritt, junge Frauen im Publikum

können vor Aufregung nicht mehr still sitzen

und kreischen.

YY, ausgesprochen „Waiwai“, das ist Yang

Yuanqing, der Boss von Lenovo. Der Konzern

aus China, der sich unter anderem die

PC-Sparte des US-Konzerns IBM und den

deutschen Computerbauer Medion einverleibte,

ist nicht nur der größte seiner

Branche und will noch weiter wachsen,

weshalb Yang hier in Wuhan die Belegschaft

auf die verstärkte Expansion nach

Europa und in die USA einschwört.

Der 49-Jährige hat sich noch mehr vorgenommen:

Lenovo soll auch weltgrößter

Smartphone-Hersteller werden. In China

hat er den globalen Spitzenreiter Samsung

schon überholt. Weltweit liegt Lenovo

mit knapp 16 Millionen verkauften Smartphones

im vergangenen Quartal zwar erst

auf Platz vier hinter Samsung, Apple und

Huawei, ebenfalls aus China. Doch der

Schalter ist umgelegt: Googles Handysparte

Motorola kommt vorbehaltlich des

Segens der Kartellbehörden unter das

Lenovo-Dach.

Nur wenige Autominuten entfernt vom

Hilton, in dem Yang seine weiblichen

Landsleute betört, hat er umgerechnet 800

Millionen US-Dollar in eine gigantische

Fabrik gesteckt, die jährlich bis zu 40 Millionen

hochgezüchtete Mobiltelefone ausspucken

soll. Um weltweit für Aufmerksamkeit

zu sorgen, spannt Yang seit Oktober

2013 den US-Schauspieler Ashton Kutcher

als „Product Manager“ ein.

Yangs neue Masche und das teure Investment

sind eine riskante Wette auf die

Zukunft: Gute Telefone gibt es viele – doch

reicht die Bekanntheit der Marke Lenovo,

um auch im Milliardenmarkt Smartphones

mehr als ein Wörtchen mitzureden?

Wenn Experten es einem chinesischen

Unternehmer zutrauen, zum Inhaber einer

weiteren weltbekannten Marke aufzusteigen,

dann ist das Yang und Lenovo. Der

einst namenlose Elektronikfertiger aus

Peking bringt Voraussetzungen mit, die

kaum ein anderes chinesisches Unternehmen

bieten kann. Yang ist heute in mehr

als 60 Ländern aktiv, seine Produkte werden

in 160 Ländern verkauft, der Konzern

mit 46 000 Mitarbeitern machte im Geschäftsjahr

2013/14 bei 38,7 Milliarden

»

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 51

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Unternehmen&Märkte

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US-Dollar Umsatz 817 Millionen Gewinn.

Selbst 30 Prozent der Deutschen

kennen die Marke bereits, so viele wie bei

keiner anderen chinesischen Firma.

Dabei ist Lenovo erst 30 Jahre alt. 1984

gründete eine Gruppe junger Computerwissenschaftler

um den heute 70-jährigen

Informatiker Liu Chuanzhi ein Unternehmen

namens Legend, um PCs zu fertigen.

Die Beteiligten sind Mitglieder der Chinese

Academy of Sciences (CASS), einem

Thinktank der Regierung in Peking. 25 000

Dollar soll das Startkapital damals betragen

haben. CASS hält bis heute ein Drittel

an der Legend Holding und die wiederum

ein Drittel an Lenovo.

Yang ist beim Start nicht dabei,

sondern heuert 1989 im Alter

von 24 Jahren an. Er wächst

auf in Armut während der Kulturrevolution,

als Intellektuelle

zu körperlicher Arbeit aufs

Land umgesiedelt werden.

Yang studiert Informatik und

arbeitet bei Legend zunächst

im Vertrieb für kärgliche 30 US-Dollar im

Monat. Yang fällt Legend-Mitgründer Liu

als Denker und Stratege auf. Vier Jahre später

macht der ihn zum Chef der PC-Sparte.

Erstes Leben –

Coups in der PC-Sparte

Made by Lenovo

Die drei wichtigsten künftigen

Standbeine des chinesischen PCund

Smartphone-Herstellers.

Tablet-Rechner

Mit einem Preis von rund 160 Euro soll

das Yoga Tablet den Durchbruch bringen

und dem iPad Konkurrenz machen

Weltmarktanteil: k. A.

Laptop-Computer

Übernommene Marken wie Medion aus

Deutschland trugen dazu bei, dass Lenovo

Marktführer bei PCs wurde

Weltmarktanteil: 19,2 %

Mobiltelefone

Im Handygeschäft sollen

Zukäufe bekannter

Marken wie Motorola und

Modelle wie das RAZR D3

den Durchbruch bringen

Weltmarktanteil:

2,5 %

Quelle: Gartner

Der neue Herr über die Computer nutzt

den Job für seine zweite Kulturrevolution.

Bei Lenovo arbeiten die Angestellten noch

nach dem einstigen Motto am chinesischen

Hof: „Abwarten, bis man erkennen

kann, was der Kaiser wünscht.“ Eigenverantwortung

und Engagement sind vielen

Mitarbeitern fremd. Das ändert Yang. Er

schafft Titel ab und ermutigt die Mitarbeiter,

sich mit Vornamen anzureden. Bis heute,

sagt Yang, wolle er drei Eigenschaften

seiner Mitarbeiter fördern: Eigenverantwortung,

Pioniergeist und Verbindlichkeit.

1994 geht Legend an die Börse in Hongkong

und sammelt 30 Millionen Dollar ein.

Yang strukturiert den Vertrieb um und setzt

auf gut geschulte Verkäufer. Um diese auszubilden,

holt er Experten des US-Softwareriesen

Microsoft und dessen US-Chiplieferanten

Intel ins Unternehmen. Zudem

sichert er jedem Lenovo-Händler in China

ein exklusives Einzuggebiet zu, in dem dieser

keine Konkurrenz von seinesgleichen

fürchten muss. Das macht die Händler zu

loyalen Markenbotschaftern.

Gleichzeitig baut Yang das Vertriebsnetz

aus und legt so den Grundstein für die starke

Expansion der folgenden Jahren. Heute

ist es das erklärte Ziel des Konzerns, im riesigen

China nirgends weiter als 50 Kilometer

von einem Kunden entfernt zu sein.

Yangs Sprung an die Lenovo-Spitze erscheint

in dieser Phase nur eine Frage der

Zeit. Doch was ihm dann widerfährt, wirkt

aus heutiger Sicht wie ein Schritt vorwärts

und zwei Schritte zurück.

Gründer Liu macht nach dem Rückzug

aus dem operativen Geschäft 2001 Yang

tatsächlich im Alter von 36 Jahren zum Vorstandschef.

Der Umsatz liegt bereits bei 2,7

Milliarden Dollar, doch das reicht Yang

nicht. Um auf internationale Märkte vorzustoßen,

benennt er 2003 Legend in Lenovo

um, einen Kunstnamen, der einzigartig

und dank „novo“ nach neu klingen soll.

2005 schafft Yang den Durchbruch. Er

schließt mit dem US-Softwareriesen Microsoft,

der unter den vielen Raubkopien

im Reich der Mitte leidet, eine Allianz. Microsoft-Gründer

Bill Gates und sein damaliger

Vorstandschef Steve Ballmer überlassen

ihr Betriebssystem Windows zum Vorzugspreis,

dafür verkauft Lenovo seine

Computer etwas teurer, aber mit Original-

Windows. Im Gegenzug unterstützt Microsoft

Lenovo beim Marketing. Yang erwartet,

dass die Regierung auch auf andere PC-

Hersteller Druck ausübt und diese dem

Beispiel von Lenovo folgen. Das Kalkül

geht auf. Der damalige Microsoft-Chef

Ballmer sagt dazu später: „Yang gab den

Ausschlag. Er riskierte etwas.“

Ebenfalls 2005 gelingt dem Chinesen

sein zweiter Coup, die Übernahme der PC-

Sparte der US-IT-Ikone IBM für 1,75 Milliarden

Dollar. Yang nutzt den Kauf nicht,

um die Amerikaner zu sinisieren, sondern

um Lenovo zu internationalisieren, und

geht mit gutem Beispiel voran. Er siedelt

mit Familie nach Amerika über und verpasst

Lenovo zwei Firmensitze: einen in

Peking und einen in Morrisville bei Raleigh,

im US-Bundesstaat North Carolina.

Yang scheint auf bestem Weg, sich an der

Lenovo-Spitze unersetzlich zu machen. Er

paukt mühevoll Englisch und ernennt es

zur offiziellen Konzernsprache. Gleichzeitig

öffnet er den Konzern, sodass heute unter

den 100 Top-Managern 18 Nationalitäten

vertreten sind.

Doch dann kommt der große Rückschritt.

Unternehmensgründer Liu zieht

Yang von der Konzernspitze ab und macht

ihn zum Aufsichtsratsvorsitzenden. Alle

Mühen, so Lius Eindruck, reichen noch

nicht, Yang versteht zu wenig vom globalen

Geschäft und muss dieses erst noch lernen.

Zweites Leben –

Rückkehr und Expansion

Dass ihn ein kapitaler Fehler seines Nachfolgers

William Amelio bald wieder in den

Chefsessel zurückkatapultieren sollte, war

für Yang zunächst nicht abzusehen. Der

Ex-Asien-Chef des amerikanischen Konkurrenten

Dell will sich bei Lenovo als entscheidungsstarker

Manager einführen und

verkauft 2008 die noch junge Smartphone-

Sparte von Lenovo für 100 Millionen US-

Dollar, um sich ganz auf das durchhängende

PC-Geschäft zu konzentrieren. Doch

»

FOTOS: PR (3)

52 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

schon ein Jahr später bringt Apple das

iPhone auf den Markt, das den Handymarkt

revolutionieren und Unternehmen

wie den damaligen Branchenführer Nokia

dem Untergang weihen sollte. Lenovo

bleibt nur, dem Aufstieg von Apple und im

Gefolge von Samsung tatenlos zuzusehen.

Erst als die weltweite Finanzkrise 2009

auch Lenovo in rote Zahlen stürzt und den

Umsatz von 16,4 auf 14,9 Milliarden Dollar

dezimiert, ist Yangs Zeit wieder gekommen.

Amelios Vertrag wird wegen der Verluste

nicht verlängert, Yang wieder Chef.

Was Lenovo heute darstellt, geht zurück

auf Yangs Leistung in den zurückliegenden

drei Jahren. 2011 übernimmt

Lenovo für 738

Millionen Dollar den

deutschen Aldi-Zulieferer

Medion. Im selben

Jahr geht Lenovo ein

Joint Venture mit dem

japanischen NEC-Konzern

ein und schluckt für

148 Millionen Dollar

den brasilianischen Hersteller CCE. 2013

zieht Lenovo mit einem Marktanteil von

18,6 Prozent an HP, Acer und Dell vorbei

und wird weltgrößter PC-Hersteller.

Doch vermeintlich auf dem Gipfel des

Erfolgs hat sich Yang mit der Spitzenposition

im PC-Markt eine Hypothek eingehandelt.

Denn Smartphones und Tablets setzen

klassischen Laptops und Desktop-

Rechnern immer mehr zu, auch für 2014

erwarten die Analysten des US-Marktforschers

IDC weiter sinkende PC-Verkäufe.

Drittes Leben –

Der Angriff bei Handys

Damit steht Yangs Karriere ein weiteres

Mal an einem Wendepunkt. Denn Lenovo

ist zu stark vom PC abhängig. 84 Prozent

des Umsatzes stammen von diesem Geschäft.

Zudem ist China mit 70 Prozent Lenovos

größter Markt und schrumpft ebenfalls.

Zwar ist der Konzern in vielen Ländern

präsent, in den meisten aber macht er

keinen Gewinn, weil Yang zuerst auf Expansion

setzt und erst ab zehn Prozent

Marktanteil die Profitschraube anzieht.

Der Endvierziger hat sich deshalb für eine

Mehrfachstrategie entschieden. Zum einen

heizt er den Verdrängungswettbewerb

im PC-Geschäft an. „Lenovo ist der einzige

Wettbewerber, der in dem schrumpfenden

Markt noch zweistellig wachsen kann“, sagt

James Wang vom Analystenhaus Catalys in

Shanghai. „Es bleibt ein wichtiger Bereich.“

Zum andern versucht Yang, die PC-Geschäfte

zu stärken. So setzt er auf ein Konzept

namens PC+, das Tablets, Laptops

und Desktops in einem Gerät vereint. Das

Tablet Yoga etwa wird mit einem Handgriff

zum Laptop, ist mit 160 Euro deutlich

preiswerter als das iPad und läuft mit dem

Betriebssystem Android von Google. Zudem

hat Yang Anfang 2014 für 2,3 Milliarden

Dollar die einfachen Server von IBM

übernommen, um künftig auch mit Firmenkunden

ins Geschäft zu kommen.

Schließlich weiß Yang, dass er nur dann

als der Größte in die Lenovo-Geschichte

eingehen kann, wenn er das Unternehmen

in eine neue Ära führt. Das soll die

Smartphone-Sparte von Motorola bringen.

Die erwarb Yang im Februar für 2,9 Milliarden

Dollar von Google, nachdem er 2009

die einst verkaufte Handyproduktion für

200 Millionen Dollar zurückgekauft hatte.

Auf dem Heimatmarkt in China ist Lenovo

mit seinen ausgereiften, aber günstigen

Geräten gut positioniert. Yang hat das

Smartphone-Geschäft aufgespalten: Eine

Lenovo Business Group soll den Massenmarkt

mit Telefonen zum Preis von 150 bis

300 Dollar bedienen und eine Think Business

Group teurere Geräte für Premiumkunden

anbieten, die bisher zum Beispiel

MacBooks von Apple kaufen.

Generell setzt Yang auf Masse: „Wenn

wir in einen Markt vorstoßen, wollen wir

schnell einen zweistelligen Marktanteil haben.“

Gelungen ist ihm dies bereits in Indien,

Indonesien und Malaysia, wo Lenovo-Smartphones

rund zehn Prozent des

Marktes ausmachen. Den Angriff auf die

USA fährt Yang mit der Marke Motorola,

die dort noch auf zweistellige Marktanteile

kommt. Dabei schielt der Lenovo-Chef

auch auf die 2000 Patente, die er mit Motorola

erhielt. Denn in entwickelten Märkten

muss Lenovo bis zu 25 Prozent der Einnahmen

an Patentgebühren abgeben. Das entfällt

mit den erworbenen Patenten.

Schwerer dürfte sich Yang in Europa tun,

wo Händler wenig Interesse an einem weiteren

Smartphone-Label haben. Experten

glauben daher, dass Lenovo Übernahmen

plant: „Helfen könnte der Kauf von Nokia

von Microsoft“, sagt Analyst Wang.

Geschäftlich ist für Yang der Auftritt des

US-Schauspielers Kutcher in den Diensten

von Lenovo die Krönung seiner Markenbildung.

Auf die Frage, warum er sich für Lenovo

engagiere, antwortete der Mime beim

Start des Yoga Tablets: „Weil sie eine globale

Unternehmenskultur haben.“

n

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai

INTERVIEW Yang Yuanqing

»Wir wollen

überall

größer

werden«

Der Lenovo-Chef will den

Konzern auch bei Mobiltelefonen

weltweit an die Spitze führen.

Herr Yang, können Sie sich an Ihre erste

Computer-Erfahrung erinnern?

Ein Freund meiner Eltern hat mich darauf

gebracht, er meinte: Computer werden

das große Ding. Ich habe ihm das

geglaubt und daher in Shanghai und Peking

Computerwissenschaften studiert.

Lenovo ist heute eine der wenigen

chinesischen Marken, die international

bekannt sind. Was haben Sie anders

gemacht als die Konkurrenz?

Unser Ziel war immer, ein globales

Unternehmen zu werden. Lenovo ist

hartnäckig und hat immer von seinen

Mitbewerbern gelernt. Wir haben die

PC-Sparte von IBM in den USA und

Medion in Deutschland gekauft, sind mit

NEC in Japan ein Joint Venture eingegangen

– von all diesen Unternehmen haben

wir gelernt. Wir haben deren Stärken

genutzt und uns einverleibt. Deswegen

sind wir heute ein diversifiziertes, internationales

Unternehmen.

Was hat Lenovo denn von IBM gelernt?

Zum Beispiel haben bei Meetings unsere

amerikanischen Kollegen immer geredet,

die Chinesen aber geschwiegen. In

unserer Kultur redet man nur, wenn der

Chef einen explizit nach seiner Meinung

fragt. Wenn man schweigt, muss das

nicht unbedingt bedeuten, dass man

derselben Meinung ist. Das gab anfangs

viele Probleme. Der Leiter der Meetings

dachte, okay, wir sind alle derselben

Meinung. Später war er erstaunt, als sich

herausstellte, dass dem nicht so war.

Beide Kulturen haben ihre Vorteile. Nur

wenn man die Unterschiede nicht versteht,

hat man Probleme. Heute ermutigen

wir alle unsere Mitarbeiter, ihre Meinung

zu sagen.

54 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Das Klischee sagt, Chinesen scheuen sich

vor Eigenverantwortung. Ist das so?

Mehr Verantwortung wollen alle, auch die

chinesischen Mitarbeiter. Aber in der

westlichen Kultur nimmt sie sich jeder

proaktiv. In China warten die Leute, bis

der Chef ihnen Verantwortung zuteilt.

Lenovo ist heute der weltgrößte PC-

Hersteller. Ihre Marktanteile wachsen

sogar noch weiter – nur schrumpft der

Markt. Wie gehen Sie damit um?

Das ist noch immer eine 200-Milliarden-

Dollar-Industrie, in der es sich lohnt, die

Nummer eins zu sein. Gerade außerhalb

Chinas können wir noch wachsen.

Wo genau?

In Europa und den USA, aber auch in

Ländern wie Indonesien oder Indien.

Noch immer macht das PC-Geschäft 84

Prozent Ihres Umsatzes aus. Wie wollen

Sie diese Abhängigkeit reduzieren?

Nachdem der Kauf von Motorola abgeschlossen

ist, wird sich das ausbalancieren.

Mobiltelefone und Tablets werden damit

mittelfristig rund 30 Prozent unserer

Umsätze ausmachen. Mit dem Motorola-

Deal haben wir den Grundstein dafür gelegt,

auch im Mobilbereich die Nummer

eins zu werden. Das ist kein einfaches Ziel,

das wir in ein oder zwei Jahren erreichen

werden. Das wird länger dauern.

Wie lange denn? Fünf Jahre?

Ich kann keine Zahl nennen. Wenn Lenovo

einmal ein Ziel formuliert, dann erreichen

wir es auch. Das ist aber noch zu

früh. Wird der Motorola-Deal genehmigt,

rechnen wir damit, 100 Millionen mobile

Endgeräte im Jahr zu verkaufen.

Motorola ist praktisch nur noch in den

USA vertreten und spielt in Europa kaum

eine Rolle. Wie wollen Sie hierzulande

vorgehen – eher mit Lenovo-Smartphones

oder Motorola-Geräten?

Motorola hat auch in Europa einen guten

Ruf, auch wenn die verkauften Stückzahlen

gering sind. Der Erwerb wird uns auf

Märkten helfen, in denen wir Smartphone-

Business noch nicht gestartet haben. Wir

möchten mit Lenovo und Moto eine Zwei-

Marken-Strategie fahren und jeweils

die Marke positionieren, die sich auf dem

jeweiligen Markt besser eignet.

Wollen Sie die Marke Motorola mittelfristig

beibehalten, oder tragen irgendwann

alle Geräte ein Lenovo-Label?

Unsere Markenstrategie steht noch

nicht abschließend fest. Auf jeden

Fall aber ist die Marke Moto legendär,

besonders bei mobilen

Endgeräten. Wir werden die

Marke schützen und ausbauen

– ähnlich wie wir das bei

PCs mit „Think“ getan haben.

Warum ist Ihnen so wichtig,

die Nummer eins zu

sein? Apple etwa hat mit

seinen iPhones eine sehr

profitable Position.

Unsere Philosophie ist:

DER PC-KÖNIG

Yang, 49, steht seit 2009 zum zweiten

Mal an der Spitze des Lenovo-

Konzerns. Der studierte Computertechniker

startete dort 1989 und

machte das Unternehmen zum

weltgrößten PC-Hersteller.

Wenn man nicht die Nummer eins

werden will, braucht man gar nicht erst

antreten.

Wie wollen Sie auf dem Weg zur Spitze

bei mobilen Geräten die innovativsten

Unternehmen der Welt schlagen?

Wir sind nicht weniger innovativ als

Samsung oder Apple. Sie werden von Lenovo

PCs, Smartphones und sogar ganz

neue Produkte sehen. Einige stellen wir

schon auf dem Mobile World Congress

im Februar 2015 in Barcelona vor.

Im Gegensatz zu Ihren Konkurrenten

fertigen Sie einen Großteil Ihrer Komponenten

selbst. Welchen Vorteil hat das?

Der Anteil der In-Haus-Fertigung liegt

bei etwa 50 Prozent. Dadurch haben wir

mehr Einsicht in die Kostenstruktur und

wissen besser, welche Preise man verlangen

kann. Das macht uns flexibler, die

Kundenwünsche zu erfüllen. Steigt die

Nachfrage schnell, können wir ohne große

Probleme die Produktion erhöhen.

Der Mix ermöglicht uns, selbst innovativer

zu sein, und bietet die Kontaktkanäle,

um mit Zulieferern enger zusammenzuarbeiten.

Und wir können Erfindungen

leichter vor Kopien schützen. Deshalb

möchten wir das so beibehalten.

In China steigen die Löhne jedes Jahr

um fast zehn Prozent. Verlagern Sie Ihre

Produktion bald in billigere Länder?

China ist immer noch billig. Aber Lohnkosten

sind nicht das Einzige. Man

braucht geeignete Arbeitskräfte und die

Infrastruktur. Das sehe ich in anderen

Ländern so nicht.

Ein Teil Ihres Erfolgs in China liegt an

Ihrem Händlernetzwerk. Dort ist kein

Kunde weiter als 50 Kilometer vom

nächsten Lenovo-Händler entfernt. Wird

es das so auch in anderen Märkte geben?

Als wir das Vertriebsnetz in China aufgebaut

haben, war das Pionierarbeit. In

jeder Provinz konnten wir so von Anfang

an gewährleisten, immer die Stärksten

zu sein. Das ist ein großer Vorteil bis

heute. Wir können das auf westliche

Märkte nicht übertragen. Aber es geht

zum Beispiel in Indien oder Indonesien.

Dort wollen wir das wiederholen.

Wie wichtig sind Sie selbst für Lenovo?

Lenovo war mein erster Job und mein

einziger. Das Unternehmen ist mein Zuhause

und meine Familie. Ich hoffe, ich

kann die Mitarbeiter inspirieren. Das ist

das wichtigste Element von Führung. n

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai

FOTO: EGILL BJARKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

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Unternehmen&Märkte

Leicht und teuer

SGL | Die Sanierung des angeschlagenen Wiesbadener

Technologiekonzerns rückt in weitere Ferne. Denn inzwischen

mehren sich die Zweifel am superleichten Wunderstoff Carbon.

Das Comeback währte nur kurz. Erst

Ende 2013 war der Grafitkonzern

SGL vom kleineren Börsensegment

SDax wieder in den MDax aufgestiegen,

den Index für die mittelgroßen Unternehmen.

Seither jagt eine Hiobsbotschaft die

andere. Das Geschäftsjahr 2013 schloss

SGL mit fast 400 Millionen Euro Verlust ab

– bei einem Umsatz von 1,5 Milliarden Euro.

Die Zahlen für das erste Halbjahr 2014

fielen miserabel aus (siehe Grafik). Und

vor wenigen Tagen stufte die Ratingagentur

Moody’s die Kreditwürdigkeit von SGL

weiter auf „hochspekulativ“ (B2) zurück –

vor allem wegen der Probleme im Hauptgeschäft

Grafitelektroden, die zum

Schmelzen von Schrott zu Stahl benötigt

werden. Die Aktie stürzte weiter ab (siehe

Chart).

Am Mittwochabend vergangener Woche

beschloss die Deutsche Börse dann,

das havarierte Unternehmen wieder in

den SDax zu verbannen. Beim Börsenumsatz

und beim Börsenwert des Streubesitzes

schafften die Wiesbadener die erforderlichen

Kriterien nicht mehr. Dazu trug

bei, dass der SGL-Streubesitz in den vergangenen

Jahren von über 70 auf 38 Prozent

gefallen ist, seit sich bekannte Investoren

Pakete gesichert haben: Susanne

Klatten aus der Quandt-Dynastie (26,9

Prozent), die Autokonzerne BMW (15,7

Prozent) und VW (knapp zehn Prozent)

sowie der schwäbische Maschinenbauer

Voith (neun Prozent). Die prominenten Eigentümer

brauchen freilich für ihr Investment

noch viel Geduld.

Denn dass SGL in absehbarer Zeit noch

einmal die Wende schafft, ist derzeit zweifelhaft.

Der größte Hoffnungsträger im

SGL-Portfolio – der Werkstoff Carbon, der

hart wie Stahl, aber etwa nur halb so

schwer, zum Beispiel im BMW-Elektroauto

i3 zum Einsatz kommt – wird mehr und

mehr entzaubert. Der neue Vorstandschef

Jürgen Köhler, seit 1. Januar im Amt,

spricht von einem „anhaltend“ unbefriedigenden

Preisniveau für Carbon. Da gleichzeitig

auch das Stammgeschäft mit den

Grafitelektroden weiter abschmiert, sind

die Aussichten für den bröckelnden Grafitkonzern

eher mau.

VORTEIL FÜR STAHL UND ALU

Die Eigentümer – allen voran Großaktionärin

und Aufsichtsratschefin Klatten, die zugleich

etwa 13 Prozent an BMW hält – haben

vor allem wegen des vermeintlichen

Wunderstoffs Carbon in SGL investiert.

Doch ihre Hoffnungen haben vor wenigen

Tagen einen weiteren Dämpfer bekommen:

ThyssenKrupp-Manager Herbert Eichelkraut

deutete auf einer Veranstaltung

der Wirtschaftsvereinigung Stahl in Duisburg

an, dass im nächsten i3-Modell wieder

mehr Stahl verwendet werden könnte

statt der Leichtbaustoffe Carbon und Aluminium.

BMW äußert sich dazu nicht, bei

SGL kann man Äußerungen Eichelkrauts

nicht nachvollziehen.

Die große Carbon-Euphorie ist erst einmal

vorbei. Weil die Nachfrage nach dem

Der Stoff, aus dem

die Träume sind

Carbon-Fertigung

des BMW i3 in

Leipzig

Rote Zahlen bei Carbon

Umsatz- und operative Gewinnentwicklung

bei SGL (in Millionen Euro)*

Konzern insgesamt

2013

2014

Umsatz

–5,9

–18,6

Gewinn**

Verlust

655,2

747,8

Grafitelektroden

2013

54,1

2014

2,5

273,9

420,1

Grafitspezialitäten

(z.B. für die Halbleiter- und Solarindustrie)

2013

2014

5,2

21,9

151,7

182,9

Carbon

2013

2014

114,1

–49,4

142,3

–12,8

* erstes Halbjahr 2014 gg. Vorjahreszeitraum;

** Ebit; Quelle: Unternehmen

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

56 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Schwer gebeutelt

Entwicklung der SGL-Aktie seit dem Amtsantritt

von Vorstandschef Jürgen Köhler

110

105

100

95

90

85

80

75 Januar August

Quelle: Thomson Reuters

SGL

Index 1.1.2014 = 100

MDax

Leichtbau-Werkstoff zwar weltweit steigt,

aber unter den hochfliegenden Plänen

bleibt, gibt es Überkapazitäten am Markt.

Die Absatzchancen für Europas größten

Carbonhersteller SGL sind daher limitiert.

Denn außer BMW hat sich bisher noch

kein Autobauer näher auf das Abenteuer

Carbon eingelassen. Daimler hat sich gerade

aus einem Joint Venture mit dem japanischen

Unternehmen Toray zurückgezogen,

Audi setzt auf Aluminium, auch Tesla

kommt weitgehend ohne Carbon aus. Die

Pkw-Hersteller stören sich vor allem an

den hohen Kosten des leichten Werkstoffs.

ZWEIFELHAFTE RECHNUNG

„Carbon ist sechs- bis achtmal teurer als

Stahl. Und verglichen mit dem ebenfalls

leichten Aluminium, bringt Carbon zwar etwas

mehr zusätzliche Gewichtsreduktion,

allerdings sind die Kosten immer noch dreimal

höher“, sagt Ralph Lässig, Partner bei

der Beratung Roland Berger in München.

Zwar geht SGL weiter davon aus, dass die

Kosten für die Produktion des Leichtgewichts

Carbon in den kommenden Jahren

um 90 Prozent sinken werden, dank zunehmender

Automatisierung in der Fertigung.

Einen genauen Zeitrahmen nennt

SGL freilich nicht. „Solch eine Kostenreduktion

ist in Einzelfällen möglich, erscheint

mir aber generell sehr hoch gegriffen“,

warnt jedoch Berger-Berater Lässig.

Einstweilen investieren BMW und SGL

weiter in ihre gemeinsame Carbonproduktion.

Im Werk Moses Lake im US-Staat Washington

haben die beiden Partner im

Frühjahr rund 200 Millionen Dollar investiert,

um die Kapazitäten auf 9000 Tonnen

pro Jahr zu verdreifachen. Auch ihre gemeinsamen

Produktionskapazitäten im

oberpfälzischen Wackersdorf haben SGL

und BMW erweitert.

Doch die Wette auf den Wunderstoff

bleibt riskant. Das doppelte Problem von

SGL-Chef Köhler: Während Carbon unter

den Erwartungen bleibt, erodiert gleichzeitig

das Stammgeschäft mit Grafitelektroden,

mit deren Hilfe Stahl- und Aluminiumschrott

geschmolzen wird. Doch weil

die Stahlpreise weltweit am Boden liegen,

lohnt sich das Schrottrecycling kaum noch.

Für das Gesamtjahr 2014 geht Köhler denn

auch von roten Zahlen aus.

MILLIONEN FÜR DEN FC AUGSBURG

Der promovierte Verfahrensingenieur –

Nachfolger des langjährigen Unternehmenspatriarchen

Robert Koehler, der SGL

zwei Jahrzehnte lang nach Gutsherrenart

geführt hatte – unternimmt zwar alles, was

in seiner Macht steht, um den Niedergang

aufzuhalten: Köhler streicht 300 der weltweit

6000 Arbeitsplätze, schließt Werke im

Ausland, verkauft Randaktivitäten und legt

ein Sparprogramm in Höhe von 150 Millionen

Euro auf, das wahrscheinlich noch

einmal erweitert wird.

Den Vorstand hat er von fünf auf drei

Mitglieder verkleinert. Finanzvorstand Jürgen

Muth musste im Frühjahr gehen, er

galt als zu konfliktscheu. Nachfolger Michael

Majerus hat sich bereits bei der Umstrukturierung

des Mannheimer Pharmagroßhändlers

Phoenix bewährt.

Doch trotz all der Maßnahmen konnte

Köhler den Absturz der SGL-Aktie bisher

nicht aufhalten. Seinen wichtigsten Problemen

– Preisdruck und Nachfrageschwäche

bei Grafitelektroden und Carbon –

kann Köhler mit seinen Kostensenkungsprogrammen

nur bedingt beikommen.

Und das Geschäftsfeld Carbon komplett zu

verkaufen ist auch keine Lösung: Zu viel

hat SGL bereits investiert, zu groß sind die

Hoffnungen noch. Erst im Herbst will sich

Köhler öffentlich zu seiner künftigen Strategie

äußern.

Immerhin steht fest, dass Fußballbundesligist

FC Augsburg vom Sparprogramm

ausgenommen ist. SGL, das in der Nähe

von Augsburg ein größeres Werk betreibt,

hält für mehrere Millionen Euro die Namensrechte

an der SGL-Arena bis zur Saison

2018/19. Aber auch dieses Investment

kommt derzeit eher trist daher: Denn

Augsburg belegt nach zwei Spieltagen mit

null Punkten den letzten Tabellenplatz. Die

Fußballmannschaft dürfte allerdings weitaus

bessere Chancen haben als SGL,

schnell wieder aus der Abstiegszone herauszukommen.

n

juergen.salz@wiwo.de

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 57

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Unternehmen&Märkte

Niederlande

Norwegen

Amsterdam

Schweden

Oslo

Belgien

Brüssel,

Antwerpen

Großbritannien

London

Luxemburg

Luxemburg

Rotterdam

Groningen

Tschechien

Prag

Dänemark

Kopenhagen,

Aarhus

Stockholm,

Göteborg

Malmö

Polen

Krakau,

Kattowitz,

Breslau

Expansion in neue Märkte

Die wichtigsten Ziele deutscher

Fernbuslinien ins Ausland*

Slowakei

Bratislava

Ungarn

MeinFernbus

Flixbus

IC Bus/Berlinlinienbus**

ADAC Postbus

Frankreich

Straßburg

Paris

Schweiz

Zürich

Basel,

St. Gallen

Italien

Mailand

Kroatien

Slowenien

Österreich

Budapest

Bulgarien

Triest Zagreb

Ljubljana

Sofia

* der vier größten Anbieter; ** Deutsche Bahn Quelle: Unternehmen

Wien

Salzburg,

Innsbruck

Schöpferische

Kollateralschäden

FERNBUSSE | Die Konkurrenz kostet die Deutsche Bahn Millionen

und lässt nun auch deren Wettbewerber im Ausland erzittern.

Andreas Meyer hat wohl nicht gedacht,

dass ihn die deutsche Verkehrspolitik

einmal einholt. Knapp

zehn Jahre stand der gebürtige Baseler im

Dienst der Deutschen Bahn, wo er die Bustochter

DB Stadtverkehr leitete. 2007 wechselte

er dann als Chef zu den Schweizer

Bundesbahnen (SBB). Doch jetzt spürt

Meyer unerwartet Gegenwind – aus seiner

zeitweiligen Wahlheimat. Fernbusse von

dort verbinden auf einmal Schweizer Städte

mit süddeutschen Metropolen. „Ich beobachte

diese Entwicklung und Dynamik

im Fernbusbereich mit Sorge“, sagt Meyer.

Der seit Anfang 2013 entfesselte Fernbusmarkt

in Deutschland erreicht die

Nachbarländer und deren staatliche Bahngesellschaften.

Auch in Österreich, Polen,

Frankreich und den Beneluxländern werden

die Eisenbahnmanager nervös. Denn

Fernbusse auf den internationalen Strecken

sind nicht nur preiswerter als ICE,

Thalys, TGV oder EC. Die Wettbewerber

auf dem Asphalt sind vielfach auch bequemer

und manchmal sogar schneller.

Damit zeitigt die schöpferische Zerstörung

im deutschen Verkehrsmarkt nun

auch Kollateralschäden in Ländern, für die

die Liberalisierung gar nicht gedacht war.

„Die Internationalisierung steht erst am

Anfang“, prophezeit Jochen Engert, Gründer

und Chef der Münchner Fernbusfirma

Flixbus. Die Bahngesellschaften im Ausland

„können sich warm anziehen“.

100 ZUSÄTZLICHE BUSSE

Allein Flixbus plant bis Mitte 2015 zehn

Mal mehr Verbindungen ins Ausland, als

das Unternehmen aktuell im Angebot hat.

Zurzeit fahren die Bayern Ziele wie Zürich,

Wien und Groningen in den Niederlanden

an. Bald kämen Fahrten nach Prag, Amsterdam,

Paris, Brüssel und zusätzliche Strecken

nach Skandinavien hinzu. „In den

nächsten zwölf Monaten“, kündigt Engert

an, „setzen wir mehr als 100 zusätzliche

Busse ein, um deutsche Metropolen mit

spannenden Zielen im Ausland zu verbinden.“

Auch Marktführer MeinFernbus mit

Sitz in Berlin, der schon heute ein Dutzend

Städte in Polen, Österreich, der Schweiz,

Frankreich und den Beneluxstaaten verbindet,

plant weitere Auslandsverbindungen.

ADAC Postbus prüft noch.

SBB-Chef Meyer versucht nun, die Wettbewerber

aus dem Norden mithilfe des Gesetzes

von eidgenössischen Straßen fernzuhalten.

Denn in der Schweiz gilt wie bis

vor Kurzem in Deutschland, dass Fernbuslinien

nicht in Konkurrenz zu Angeboten

auf der Schiene treten dürfen. Trotzdem

registrieren die SBB-Manager, dass die Anzahl

der Anträge für grenzüberschreitenden

Busfernverkehr „signifikant angestiegen“

sei, „insbesondere durch deutsche

Busunternehmen“. Die SBB habe daher die

Schweizer Behörden auf das geltende

Recht in der Alpenrepublik hingewiesen.

Doch dabei will es die Schweizer Staatsbahn

möglicherweise nicht belassen. „Angesichts

der aktuell hohen Dynamik wird

die SBB in den kommenden Monaten weitere

Schritte prüfen.“ Juristische Klagen

nicht ausgeschlossen.

Bahnkonzerne in anderen Ländern nehmen

den Angriff deutscher Fernbuslinien

noch sportlich. Die Österreichischen Bundesbahnen

(ÖBB) etwa setzen darauf, mit

ihren Zügen ein attraktives Alternativangebot

zu haben. „Nichtsdestotrotz“, heißt es

58 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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aus Wien, „wo es Sinn macht, bieten wir

selbst bereits Fernverkehrsbusse an“, etwa

von Klagenfurt nach Venedig und Graz.

Jetzt rächt sich im Eisenbahnverkehr,

dass die staatlichen Anbieter ihren Verbindungen

über die Grenze bisher nur wenig

Beachtung schenkten: teils weil sie sich

sorgten, den ausländischen Staatsbahnen

die Tür auf den eigenen Markt zu öffnen,

teils weil sie dazu keinen Anlass sahen. Die

Folge ist ein eher dürftiges Angebot.

OHNE UMSTIEG ÜBER DIE GRENZE

In diese Lücke stößt die Straßenkonkurrenz.

„Mit unseren Fernbussen können wir

flexibel reagieren“, sagt Flixbus-Chef Engert.

„Außerdem bieten wir oft umsteigefreie

Verbindungen an, die die Bahnen

nicht im Angebot haben.“ Zudem erlaubt

EU-Recht, Strecken innerhalb der Länder

anzubieten. „Solche innerausländischen

Linien prüfen wir derzeit ebenfalls.“

Welche Gefahr den Staatsbahnen dadurch

droht, zeigt die Deutsche Bahn. Der

Schienenriese verliert in diesem Jahr an die

neue Konkurrenz auf der Straße wohl bis

zu 50 Millionen Euro Gewinn, heißt es aus

dem Konzern. Das Unternehmen habe

50 Millionen Euro

kostet die Fernbuskonkurrenz

die Deutsche

Bahn dieses Jahr

„die Geschwindigkeit der Entwicklung unterschätzt“,

sagt Personenverkehrsvorstand

Ulrich Homburg.

Um dem Schwund zu begegnen, beginnt

die Bahn, die ihrerseits Fernbusse auf die

Straße schickt, den Schienenfernverkehr

neu auszurichten. Eine Antwort auf Flixbus

und Co. könnte Interregio Express (IRE)

heißen. Seit vier Monaten pendelt der Zug

zwischen Berlin und Hamburg zu einem

Festpreis von 20 Euro für die einfache Fahrt

und hält unterwegs in Kleinstädten wie

Stendal, Uelzen und Lüneburg. „Wir sind

vom Erfolg überrascht“, sagt Joachim Trettin,

Chef der Konzerntochter DB Regio

Nordost, die den Betrieb organisiert. Im

Schnitt sei der Zug mit 200 Passagieren zu

fast 50 Prozent ausgelastet, am Wochenende

müssten Reisende teilweise stehen. Die

Bahn setzt nun ein zweiten Zug auf die

Spur. Nicht ausgeschlossen, dass es solche

Zugangebote bald deutschlandweit gibt.

Wo es nicht anders geht, reduziert die

Deutsche Bahn sogar die Ticketpreise.

„13-Euro-Ticket“ heißt etwa ein neues Angebot

der Regio-Tochter in Sachsen, um

die Zielgruppe des „preisbewussten Gelegenheitsfahrers“

zu erschließen, „die man

nicht allein dem Fernbus überlassen

möchte“. Preisreaktionen der deutschen

Staatsbahn auf Wettbewerber hat es bisher

noch nie gegeben.

Das nächste Opfer der Fernbusse ist

schon in Sicht: die Nachtzüge. Die Deutsche

Bahn leidet notorisch unter deren

hohen Kosten – und stellt einige Verbindungen

ab Dezember ein. In die Lücken drängen

die Fernbusanbieter vor. MeinFernbus

hat bereits ein dichtes Nachtliniennetz gesponnen,

mit Fahrten zwischen Berlin,

Ruhrgebiet, Stuttgart und München. Außerdem

geht es ins Ausland, etwa von Mailand

nach Zürich – eine Verbindung, auf der der

Bus sogar schneller ist als der Zug. n

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin

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Unternehmen&Märkte

Öko, chic und preiswert

ELEKTROAUTOS | Zittern bis zur Ladestelle, auf freier Spur durch die Rushhour, lautlos in sechs

Sekunden auf Tempo 100 – mit dem Stromer unterwegs im Elektromobil-Paradies Norwegen.

Viereinhalb Stunden Strecke liegen

vor Kjersti Myro. Die 24-jährige

Mutter zweier Kinder aus dem kleinen

norwegischen Ort Ål, rund 200 Kilometer

nördlich von Oslo, muss in die kleine

Hafenstadt Porsgrunn im Süden des

Landes. Ihr Mann hat dort eine neue Stelle

als Lehrer gefunden und will die Familie

bald nachkommen lassen. Deshalb

möchte sie heute eine Wohnung in Porsgrunn

besichtigen.

Myro fährt nicht mit dem Zug und auch

nicht mit einem normalen Auto. Myro fährt

mit einem Elektroauto, einem Nissan Leaf.

Und das ist nicht ganz so einfach. Denn

Myro muss Dinge beachten, die bei einem

Benziner oder Diesel zweitrangig sind. Das

Wichtigste ist der Blick auf die Batterieanzeige,

und zwar vor dem Start. Wer losfährt,

ohne genau zu wissen, wie viel Saft der Akku

noch gespeichert hat, braucht möglicherweise

schnell einen Abschleppwagen.

Myro ist ein wenig beunruhigt. 160 Kilometer

weit, weiß sie, kommt sie im Sommer

mit einer Akkuladung. Das Display ihres

Nissan Leaf zeigt allerdings nur noch eine

Reichweite von 80 Kilometern. Denn

Myro musste am Morgen in die Nachbarstadt

fahren und danach die Kinder vom

Kindergarten abholen.

Jetzt heißt es rechnen und schätzen.

Denn Strom lädt man nicht so einfach, wie

man Benzin oder Diesel in den Tank kippt.

Fürs Aufladen an der Steckdose zu Hause

reicht die Zeit nicht mehr, denn das dauert

Ökofamilie mit Ferrrarisound

Wenn Elektroautos Fußgänger bald mit

Geräuschen auf sich aufmerksam machen

müssen, möchte Ole Jacob dem E-Mobil

seiner Frau Kjersti Myro einen Sportwagensound

verpassen

viel länger als an einer der öffentlichen

Schnellladestationen. Wo sich die nächste

auf ihrer Strecke befindet, erfährt Myro

vom ihrem Navi: im Örtchen Flå, 71 Kilometer

von ihrer Wohnung entfernt.

Die Stromtankstelle in Flå ist eine von 21

Schnellladestationen, die das norwegische

Unternehmen Grønn Kontakt, zu Deutsch:

Grüner Kontakt, im Land der Fjorde betreibt.

An ihnen können Besitzer ihr E-Auto

dank einer höheren Stromstärke als an der

heimischen Steckdose innerhalb von 45

Minuten aufladen. Für zehn Ladungen

zahlt Myro 500 Kronen, rund 60 Euro, für

rechnerisch 1600 Kilometer, je nach Fahrzeug

bis zu zwei Drittel weniger als bei einem

herkömmlichen Benziner.

Myro muss rechnen. 71 Kilometer Entfernung

bei einer theoretischen Reichweite

von 80 Kilometer, soll sie es wagen? Vorsichtshalber

fährt sie langsamer als die gesetzlich

erlaubten 80 Kilometer pro Stunde

FOTOS: KIMM SAATVEDT

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über die Landstraße, bremst wenig, tritt

vorsichtig aufs Pedal: „Beschleunigungsvorgänge

ziehen ganz schön viel Strom.“

Doch je länger Myro über den Asphalt

schleicht, desto nervöser wird sie. Ein paar

Kilometer vor Flå wird es ernst. Die Batterieanzeige

piepst und meldet „nur noch

wenig Batterieladung“. Reicht es noch bis

zur nächsten Schnellladestation? Und vor

allem, wird sie funktionieren? Auf einer

früheren Fahrt gen Süden hatte Myro Pech:

Die Station war defekt, und ihre Batterieladung

reichte nicht mal für die Fahrt in den

nächsten Ort. Da half nur noch der Anruf

beim Abschleppdienst. „Zum Glück bietet

Nissan den im ersten Jahr nach dem Kauf

kostenlos an“, sagt Myro.

Heute hat die Norwegerin Glück. Die

Schnellladestation funktioniert und ist frei.

Myro hält eine Plastikmünze mit Chip an

die Anzeige, entnimmt das dicke Ladekabel

und schließt ihren Nissan an. Der Rahmen,

der die Steckdose in der Karosserie

umgibt, blinkt Sekunden später blau auf.

Das heißt, die Batterie zieht Strom.

45 Minuten muss Myro nun warten.

Würde sie die Batterie nur zu 80 Prozent

laden, könnte sie in knapp 20 Minuten weiterfahren.

Also geht sie zu einem Schnellimbiss

und gönnt sich einen Burger mit

Pommes. „Ich lege gerne ein paar Pausen

auf langen Strecken ein“, sagt sie. Nach einer

knappen Dreiviertelstunde ist die Batterie

voll. Die Fahrt kann weitergehen.

Die Verwaltungsangestellte ist eine von

32 000 E-Autobesitzern im Land. Das

Kennzeichen ihres silbernen Nissan Leaf

beginnt, wie bei allen Stromern im Land,

mit den Buchstaben „EL“ – für Elektroauto.

E-HYPE AM FJORD

Mit einem Verkauf von über 4600 Exemplaren

stand der Nissan Leaf 2013 in der norwegischen

Zulassungsstatistik ganz oben –

nur der konventionell angetriebene VW

Golf verkaufte sich noch besser. Auch in

diesem Jahr zählen Elektromobile zu den

Top-Sellern in Norwegen. Mit 12 449 Neuzulassungen

liegt ihr Marktanteil bereits bei

knapp 13 Prozent. Fast 40 Prozent davon

entfallen auf den Volkswagen-Konzern.

In Deutschland wurden 2013 etwas

mehr als 6000 Elektroautos neu zugelassen

– bei immerhin 2,95 Millionen Pkw-Neuzulassungen

und 16-mal so viel Einwohnern

wie in Norwegen. Vom ehrgeizigen Ziel, bis

2020 rund eine Million Elektroautos auf

deutsche Straßen zu bringen, beginnen

sich immer mehr Automanager und Politiker

innerlich zu verabschieden.

In zehn Minuten 41 E-Mobile verkauft

Die Nachfrage überraschte Autoverkäufer wie

Kristin Stundal und Sindre Morstad

In Norwegen hingegen herrscht ein

E-Mobil-Hype. Im Westen von Oslo, direkt

am Fjord, liegt eines der größten Autohäuser

namens Møller Bil Asker og Bærum, einer

von 67 Volkswagen-Händlern, die E-Autos

verkaufen. Gefragt sind dort vor allem der

Kleinwagen Up und sein großer Bruder Golf.

Vor allem die Nachfrage nach dem

e-Golf übertrifft alle Erwartungen. Als Ende

Februar der Verkauf begann, gingen innerhalb

der ersten zehn Minuten 41 Bestellungen

ein. „So etwas haben wir in Norwegen

noch nie erlebt“, erinnern sich Kristin

Stundal und Sindre Morstad, Verkäufer bei

Møller Bil Asker og Bærum. In gut 200 Minuten

kamen insgesamt 1200 Bestellungen

für den e-Golf zusammen.

Grund für die große Nachfrage: Mit einem

Basispreis von umgerechnet 29 933

Euro kostet der e-Golf nur etwa 60 Euro

mehr als das 85 PS starke Schwestermodell

mit konventionellem Antrieb. Und weil für

Elektroautos in Norwegen weder Mehrwert-

noch Neuwagensteuer fällig werden,

kommt der Käufer eines VW e-Golf unter

dem Strich rund 12000 Euro billiger weg

als bei der Bestellung eines Benziner-Golfs.

Noch größer sind die Vorteile bei einer Mittelklasse-Limousine:

Je größer das Auto,

desto höher die steuerliche Belastung.

Bei Møller Bil Asker og Bærum ist heute

besonders viel Betrieb. Ein 45-jähriger

Kunde nimmt für seine Gattin einen

VW-e-Up in Empfang. Oslo ist für E-Auto-

Besitzer ein Paradies. Seine Frau darf mit

dem Strom-Auto künftig die Busspuren benutzen.

Das spart ihr auf dem Weg zur Arbeit

eine halbe Stunde Zeit, weil sie sich

nicht in die Blechkolonnen einreihen muss,

die sich aus den Vororten in die Innenstadt

drängeln. Auch die City-Maut muss sie

nicht zahlen – E-Autos sind von der Abgabe

befreit. Außerdem kann sie im Zentrum auf

einem der vielen „EL“-Parkplätze umsonst

parken. Auch für den Ladestrom muss sie

dort nichts zahlen. Der größte Platz mit 50

Ladestationen und Parkplätzen befindet

sich direkt im Zentrum an der Aker Brygge

direkt am Oslo-Fjord.

STROMER STATT SMOG

In Norwegen erstreckt sich die Küste über

25 000 Kilometer. Von Oslo im Süden bis

nach Hammerfest nördlich des Polarkreises

sind es knapp 2000 Kilometer – weiter

als von Frankfurt nach Madrid. Viele Regionen

sind extrem dünn besiedelt. Zudem

verfügt das Land vor der Küste über riesige

Ölvorkommen, die es den Norwegern ermöglichen

würden, ihre Autos mit preiswert

selbst produziertem Sprit zu betanken.

Warum unterstützt so ein Land seine

Bürger mit fünfstelligen Summen und Privilegien,

damit sie ein E-Auto kaufen?

Der Grund liegt in der Luft – nämlich der

600 000-Einwohner-Stadt Oslo. Das Klima

in der Hauptstadt ist durch den starken

Verkehr und ihre Kessellage extrem belastet.

Im Winter hängen oft tagelang Smog-

Wolken über Oslo. Deshalb hat die Regierung

beschlossen, bis 2020 die Kohlendioxid-Emissionen

des Transportsektors um

2,5 bis 4,0 Millionen Tonnen pro Jahr zu reduzieren.

E-Autos sind ein wichtiger Baustein.

Da Norwegen sauberen Strom mit

Wind- und Wasserkraft günstig erzeugen

kann, verschenkt die Regierung diesen an

den öffentlichen Stromtankstellen – die allerdings

keine Schnellladung anbieten.

Durch die vielen Vergünstigungen hat es

Norwegen inzwischen geschafft, zum Land

mit der höchsten Zahl von Elektroautos

pro Kopf aufzusteigen. Einer, der viel dazu

beigetragen hat, ist Frederic Hauge, Chef

der internationalen Umweltorganisation

Bellona mit Sitz in Oslo – und Europas erster

Elektroautofahrer.

Der stets leger gekleidete Umweltaktivist

ist eine Art Galionsfigur der E-Mobilität.

1988 importierte der heute 49-Jährige das

erste Elektroauto. Mit öffentlichkeitswirksamen

Aktionen machte er immer wieder

von sich und seinem Auto reden. „Wir ha-

»

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 61

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Unternehmen&Märkte

»

ben keine Maut bezahlt und bekamen

Strafen, die wir nicht bezahlt haben. Daraufhin

wurde unser Auto konfisziert und versteigert,

aber keiner wollte es haben. Wir haben

es dann zurückgekauft. Das war günstiger

als die Strafe. Das Ganze ist etwa 15-mal

passiert“, erzählt Hauge.

Ein Vierteljahrhundert später ist das Elektroauto

hier so üblich wie Lachs zum Mittagessen.

Insbesondere die Marke Tesla des US-

Multitalents Elon Musk hat viele von der

Elektromobilität überzeugt.

GRATIS TANKEN

IT-Projektmanager Ering Henningstad aus

Skedsmos etwa wohnt mit Tochter Hannah

Emilie und Sohn Nils rund 23 Kilometer vor

Oslo und hat vor einem Jahr den SUV vom

Typ BMW X3 gegen ein Model S von Tesla

getauscht. „Ich habe ein Faible für schnelle

Autos“, sagt Henningstad. Der Tesla schafft

Tempo 200, beschleunigt in weniger als

sechs Sekunden auf Tempo 100 – und

kommt in der Version S 85 mit einer Akkuladung

und bei zurückhaltender Fahrweise

bis zu 500 Kilometer weit.

In Deutschland kostet ein Tesla Model S

85 rund 75000 Euro, einen BMW X5 mit Dieselmotor

gibt es schon ab 52000 Euro. In

Norwegen ist das fast umgekehrt:„Der Tesla

hier ist günstig, ein BMW doppelt so teuer“,

sagt Henningstad. Der Tesla Model S kostet

hier umgerechnet 62200 Euro; für einen

BMW X5 müssen Norweger fast 94 000 Euro

hinblättern. Bei großen und schnellen Modellen

verteuere die Steuer das Auto sehr,

rechnet Henningstad vor. Außerdem habe er

jeden Tag 15 Euro Maut gezahlt und jeden

Monat 400 Euro Sprit.

„Jetzt gibt es den Strom umsonst“, freut

sich Henningstad. Denn der ist für Tesla-

Schnellstromer statt SUV

IT-Manager Ering Henningstad (rechts),

Tochter Emilie und Sohn Nils (links mit

Freundin Lene Marie Brynildsen) ersetzten

den BMW X3 durch einen Tesla und fahren

mit einer Akkuladung 300 Kilometer

Fahrer während der Lebenszeit des Autos im

Kaufpreis enthalten. „Vergangene Woche

bin ich von Oslo nach Göteborg und zurück

insgesamt 600 Kilometer gefahren“, sagt

Henningstad. „Über Nacht habe ich mein

Auto im Hotel geladen.“

Bei so viel Begeisterung ist es kein Wunder,

dass Norwegen die E-Infrastruktur massiv

ausbaut. An mehr als 150 der insgesamt

knapp 1500 Ladestationen können Fahrer

von eUps, Nissan Leafs, Teslas oder auch der

neuen i3-Modelle von BMW ihre Wagen in

einer Stunde aufladen. 71 weitere Schnellladestationen

wollen Unternehmen wie Fortum,

Grønn Kontakt und Salto errichten.

Das staatliche Unternehmen Transnova

schießt pro Ladestation 30 Prozent der Kosten

zu, wenn Elektroautos aller Marken an

den Ladestationen geladen werden können.

Mehr als sieben Millionen Euro Fördermittel

stehen zum Ausbau der Ladeinfrastruktur

zur Verfügung.

Die Unternehmen im Land der Fjorde tun

das Ihrige dazu. Eine Möbelkette plant, in allen

ihren Parkhäusern Schnellladestationen

zu bauen, einige McDonald’s-Filialen locken

bereits mit diesem Service Kunden an.

Konventionelle Ladestationen finden sich

inzwischen auf den meisten Parkplätzen

von Supermarktketten und großen Einkaufshäusern.

Aber auch auf dem flachen

Norwegen – Superstar der Elektromobilität

Nirgends ist die Nachfrage nach E-Autos

so groß wie im Land der Fjorde...

Nachfragestärke

(Index, Maximalwert 5 = größte Nachfrage)

Norwegen USA Japan Portugal

Großbrit. Dänemark Frankreich Italien

China Niederlande Deutschland Südkorea

...und obwohl es dort keine E-Autos aus

heimischer Produktion gibt...

Modellpalette inländischer Hersteller

(Maximalwert 5 = Angebot in allen Fahrzeugklassen)

0 1 2 3 4 5

Deutschland

Frankreich

Japan

USA

China

Italien

Südkorea

Niederlande

Großbritannien

.

Norwegen

Quelle: McKinsey Quelle: Enerdata, IEA, McKinsey Quelle: IHS, McKinsey

0

...rollen auf den Straßen mehr davon als

in Deutschland

Neuzulassungen

(in Tausend, 1. Quartal 2009 bis 1. Quartal 2014)

200

195 USA

180

150

90

60

30

0

2010

84 Japan

33 Frankreich

33 Niederlande

22 Norwegen

2011 2012 2013

19 Deutschland

13 China

14

FOTO: KIMM SAATVEDT

62 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Land wächst die Zahl der schnellen Ladestationen

rasant.

Doch nicht überall stoßen die Elektroautos

auf uneingeschränkte Zustimmung.

Denn je mehr von ihnen auf die Straße kommen,

desto mehr Reibereien gibt es mit anderen

Verkehrsteilnehmern.

KAMPF UM DIE BUSSPUR

Oslo, Hauptverkehrszeit, Hauptstraßen-

Kampfzeit. Da die E-Autos die Busspuren

benutzen dürfen, müssen sich die Busfahrer

im chaotischen Berufsverkehr auch noch

damit arrangieren. „Das Problem sind die

östlichen Routen auf den zweispurigen

Highways. Ich bin in der Rushhour immer zu

spät“, klagt Busfahrer Ali Awad.

Der Norweger fährt für das Busunternehmen

Nobina die Route 31 aus den östlichen

Vororten durch die City Richtung Westen.

„Auf den Busspuren wird man manchmal

auch von den schnelleren E-Autos angeblinkt“,

sagt er. Nobina-Manager Jon Skaale

beschwichtigt: „Eigentlich beschweren sich

unsere Fahrer wenig.“

Dennoch ist das Murren bei der Regierung

angekommen. Deshalb überlegt diese

bereits, das Privileg der E-Autos auf Busspuren

zurückzunehmen. Allerdings geht Nobina-Manager

Skaale davon aus, dass das

noch dauern wird: „Die Regierung hat die

Befreiung der Auto- und Mehrwertsteuer bis

2017 garantiert, und sonstige Privilegien wie

die Nutzung der Busspur werden höchstwahrscheinlich

erst zu diesem Zeitpunkt

nochmals bewertet.“

Elektrofahrerin Myro kümmert das nicht.

Sie hat den Feierabendverkehr im Großraum

Oslo längst hinter sich gelassen. In

Drammen, rund 20 Kilometer westlich von

Oslo, lädt sie ihr Auto noch einmal 20 Minuten

lang und fährt dann weiter in Richtung

Porsgrunn zur Wohnungsbesichtigung. Ob

es dort eine Garage gibt, in der sie ihr E-Auto

laden kann, weiß sie noch nicht. Vorsichtshalber

legt sie kurz vor dem Ziel noch einen

kleinen Ladestopp ein. Dann genießt sie die

leise Fahrt, kein Motor röhrt beim Beschleunigen,

kein Brummen stört auf langen

Strecken, nur ein Sirren und Surren und hier

und da der Wind.

Das könnte sich ändern. Die EU will, dass

E-Autos künftig zum Schutz der Fußgänger

Geräusche von sich geben. Zwar ist Norwegen

kein EU-Land, würde als Mitglied des

Europäischen Wirtschaftsraums die Regel

wohl übernehmen. „Mein Mann Ole Jacob

hätte dann gerne einen Ferrari-Sound“, sagt

Myro, und ihr E-Mobil surrt leise weiter. n

nele hansen | unternehmen@wiwo.de

EVI

Von wegen

Norwegen

Frankreich überholt Japan als

drittgrößte E-Autonation. Norwegen

überdenkt seine Subventionen.

Norwegen ist das gelobte Land der Elektroautos.

22 000 neue Stromer wurden

hier seit 2009 zugelassen, in Deutschland

sind nach der Statistik des Kraftfahrtbundesamtes

aktuell rund 19 000 batterieelektrische

Fahrzeug unterwegs. Schon

jeder 20. Neuwagen im ersten Quartal

2014 fährt in Norwegen elektrisch, in

Deutschland liegt der Anteil noch bei unter

einem Prozent. Doch für das Siegertreppchen

im exklusiven Electro Vehicle

Index EVI von WirtschaftsWoche und der

Unternehmensberatung McKinsey reicht

es für die Skandinavier lange nicht. Hier

ist zwar die Nachfrage riesig – doch das

Angebot an E-Fahrzeugen gleich null: Im

Land der Fjorde gibt es seit der Pleite von

Think Global im Jahr 2011 keinen einzigen

Autobauer mehr. So reicht es im EVI,

der Angebot und Nachfrage gleichermaßen

erfasst, für Norwegen nur für Rang

fünf (siehe Grafik).

NICHT BEGEHRENSWERT

Auf der Poleposition halten sich weiter

die USA. Das zweite Quartal 2014 brachte

mit 32 000 Neuzulassungen – dank

der weiter starken Nachfrage nach Nissan

Leaf und Tesla Model S sowie einem

Absatz von rund 1000 BMW i3 – einen

neuen Rekord. Auch in Deutschland zog

der Verkauf mit 3600 neuen Stromern bis

Juni merklich an – Zugmaschinen waren

auch hier BMW i3 (1539 Zulassungen bis

Ende Juli) und Tesla Model S (472 Neuzulassungen).

Insgesamt bleibt die

Nachfrage hierzulande aber weiterhin

überschaubar. „Elektroautos werden sich

erst dann durchsetzen, wenn die Menschen

sie als begehrenswertes Premiumprodukt

wahrnehmen“, erklärt Christian

Malorny, Autoexperte bei McKinsey.

Bundesverkehrsminister Sigmar Gabriel

möchte die Deutschen neuerdings zusätzlich

mit Gratisparkplätzen und freier

Fahrt auf Busspuren zum Kauf eines Elektroautos

verführen. Er hat die Rechnung

allerdings ohne die Kommunen gemacht.

Von Berlin bis München, keiner mag sich

für Autos begeistern, die vergleichsweise

teuer sind, einen stark eingeschränkten

Aktionsradius besitzen und keinerlei finanzielle

Förderung erfahren. So wird

Deutschland seinen zweiten Rang im EVI

allein dadurch behaupten, der weltweit

größte Produzent von Elektroautos sein.

Bis 2019 sollen 440 000 batterieelektrische

Stromer von deutschen Bändern rollen:

Dank e-Up und e-Golf kommt Volkswagen

auf dem hoch subventionierten

norwegischen Elektroautomarkt bereits

auf einen Anteil von 49,3 Prozent.

Aber wie lange noch werden die europäischen

Nachbarn den Absatz deutscher

E-Autos mit ihren Staatsgelder ankurbeln?

„Wir geraten in die Situation,

dass der französische Staat indirekt die

Frankreich holt auf

Electric Vehicle Index* (in Prozent)

60

55

50

45

40

35

30

25

20

15

2011 2012 2013 2014

USA

Deutschland

Frankreich

Japan

Norwegen

Italien

China

Niederlande

Südkorea

Großbritannien

* der Electric Vehicle Index (EVI) gibt an, zu wie viel Prozent

ein Land die Elektromobilität erreicht, die Experten

für 2020 voraussagen. Der Index misst die Nachfrage

und die Produktion von Elektroautos. Erfasst werden rein

batteriebetriebene Elektroautos und Elektroautos mit zusätzlichem

Verbrennungsmotor (Plug-in-Hybride, Range

Extender); Quelle: McKinsey, IHS Automotive

deutsche Autoindustrie subventioniert“,

so Malorny. Bisher dominiert der Renault

Zoe auf den Straßen zwischen Lille und

Marseille. Renault hat die Produktion der

Batterie-Flitzer so angekurbelt, dass

Frankreich inzwischen Japan den Titel als

drittgrößte E-Auto-Nation abgeluchst hat.

Norwegen will derweil die Förderung ab

der 50 000. Neuzulassung kappen. Das

könnte schon Anfang 2015 greifen. Ob

dann niederländische Verhältnisse einkehren?

Dort brachen nach dem Ende der

Steuervergünstigungen zum Jahreswechsel

die Zulassungen ein.

rebecca.eisert@wiwo.de

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 63

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Unternehmen&Märkte

Posse der Geschichte

TAXIMARKT | Daimler schluckt MyTaxi, der US-Fahrdienst UberPop wird einstweilig verboten –

wie geht es jetzt weiter in der umkämpften Branche?

Die vergangene Woche war turbulent

wie selten im deutschen Taxigewerbe:

Erst verbot das Landgericht

Frankfurt in einer einstweiligen Verfügung

auf Antrag von Taxi Deutschland – ein Zusammenschluss

hiesiger Taxizentralen –

den Fahrdienst Uber bundesweit. Laut Gericht

verstößt die App UberPop zur Vermittlung

von Fahrgästen an private Fahrer

gegen das Personenbeförderungsgesetz,

da die von Uber vermittelten Fahrer keinen

Personenbeförderungsschein besäßen.

Tags darauf sorgte Autoriese Daimler für

einen Paukenschlag: Die Tochter Moovel

schluckt den populären Buchungsdienst

MyTaxi komplett. Zuvor hielt Daimler rund

20 Prozent. Mit MyTaxi können Fahrgäste

ein Taxi per Smartphone direkt beim Fahrer

ordern statt über die Zentrale.

Die WirtschaftsWoche beantwortet die

wichtigsten Fragen zu den Umwälzungen

im bisher stark regulierten Taxigewerbe.

Welche Folgen hat Daimlers

Übernahme von MyTaxi?

Daimler will „im Schulterschluss mit dem

Taxigewerbe“ die Internationalisierung des

Dienstes vorantreiben: „Wir glauben, dass

es einen großen Bedarf an einem sicheren

wie hochqualitativen Personentransport

gibt“, sagt Marcus Spickermann, Geschäftsführer

der Daimler-Tochter Moovel. MyTaxi

solle in Moovel integriert werden, erläutert

Spickermann, dabei aber die Gesetze

einhalten – ein Seitenhieb auf den umstrittenen

Fahrdienst Uber: „Ein regulierter

Markt hat durchaus seine Stärken.“

Mit zehn Millionen Downloads der App

und 35 000 Fahrern in Deutschland, Österreich,

der Schweiz, Spanien, Polen und den

USA sieht sich MyTaxi derzeit als Marktführer.

Reisende kommen mithilfe der App

binnen zwei Minuten an ein Taxi, Taxifahrer

schneller an neue Kunden. Sie zahlen

dafür eine Provision zwischen 3 und 15

Prozent. Die Höhe kann der Fahrer selbst

bestimmen: Je höher die Provision, desto

schneller kommt der nächste Auftrag rein.

MyTaxi hatte ursprünglich vor, Taxizentralen

überflüssig zu machen. Inzwischen

versteht man sich eher als Dienstleister:

„Wir wollen die Zentralen mit unserem

Dienst eher stärken als schwächen“, sagt

Moovel-Geschäftsführer Spickermann. So

ist daran gedacht, den Gesellschaften Daten

über Nutzerverhalten und Fahrzeiten

zur Verfügung zu stellen, die die Auslastung

der Fahrzeuge verbessern und die

Planung der Einsätze erleichtern könnten.

Was ist Daimlers Ziel?

Die Plattform Moovel verfolgt das Ziel, Mobilitätsangebote

intelligent miteinander zu

vernetzen – Taxen, Leihwagen, auch Busse,

Bahnen und private Mitfahrgelegenheiten.

Moovel soll langfristig eine Art „Amazon

der Mobilität“ werden, wie Chef Spickermann

sagt. Das Carsharing-System Car2go

sei ebenso ein Baustein wie das Pilotprojekt

Park2gether, das Parkplatzbesitzer und

-suchende per Online-Börse zusammenbringt,

sowie jetzt MyTaxi. Über Moovel gewinnt

Daimler eine Unmenge von Informationen.

Die können etwa die Entwicklung

von Elektroautos oder die Auslastung

von Taxiflotten oder Parkhäusern optimieren.

Zudem ist das Taxigewerbe einer der

wichtigsten Märkte für Mercedes-Pkw.

Bleibt UberPop verboten?

Anwalt Herwig Kollar, der für Taxi

Deutschland die einstweilige Verfügung

gegen Uber erwirkt hat, ist zuversichtlich,

dass diese vom Gericht bestätigt wird. Uber

hatte am 20. August mit einer 200 Seiten

starken Schutzschrift seine Argumente

präsentiert. Dennoch untersagten die

Richter mit sofortiger Wirkung und ohne

mündliche Verhandlung die Anwendung

der App UberPop. Uber droht nun für jede

Fahrt eine Strafe von bis zu 250 000 Euro.

„Das Urteil muss Bestand haben“, sagt

auch der Münchner Anwalt Michael Bauer.

Er hält die Regulierung zum Schutz der

Fahrgäste für sinnvoll: „Die Behörden sorgen

dafür, dass keine völlig gestörten Existenzen

auf die Fahrgäste losgelassen werden.“

So werden für den für maximal fünf

Jahre ausgestellten Personenbeförderungsschein

Seh-, Hör- und Urintests verlangt.

Bei der Verlängerung fahndet die zuständige

Behörde zudem im Bundeszentralregister

nach Auffälligkeiten etwa beim

Alkohol- und Drogenkonsum sowie aggressivem

Verhalten. Wird sie fündig, muss

der Fahrer zur medizinisch-psychologischen

Untersuchung. Wer zu viele Punkte

in Flensburg hat, bekommt den Schein

nicht für fünf, sondern nur für ein oder

zwei Jahre verlängert. „Das alles ist bei

Uber-Fahrern nicht der Fall“, sagt Bauer.

Wie argumentiert Uber?

Das Uber-Management stilisiert sich als

David im Kampf gegen Goliath. „Die Wahlmöglichkeiten

der Bevölkerung einzuschränken

war noch nie eine gute Idee.

Genau darauf zielte aber die einstweilige

FOTO: IMAGO/CHRISTIAN MANG

64 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Verfügung ab“, sagt Fabien Nestmann,

Sprecher von Uber in Deutschland. „Innovation

und Wettbewerb ist gut für alle. Es ist

ein Gewinn für Fahrer und Mitfahrer. Fortschritt

lässt sich nicht ausbremsen.“

Uber betreibt seinen Dienst UberPop

bisher trotz des Verbots einfach weiter.

„Das Landgericht hat die einstweilige Verfügung

zu Unrecht erlassen“, sagt Nestmann.

„Uber wird, falls erforderlich, alle

Rechtsmittel ausschöpfen.“ Die finanzielle

Power dazu haben die Amerikaner dank einer

Kapitalausstattung von rund 1,2 Milliarden

Dollar.

Wie wird das Uber-Verbot

kontrolliert und sanktioniert?

Da es sich bei dem Verfahren zwischen Taxi

Deutschland und Uber um ein Parteiverfahren

im Zivilrecht handelt, verfolgt das

Landgericht Frankfurt die Einhaltung des

Urteils nicht selbst. „Wir sind nicht die

Staatsanwaltschaft“, sagt Gerichtssprecher

Arne Hasse. Bei Verstößen müsste Taxi

Deutschland einen Ordnungsmittelantrag

stellen, dann würde das Gericht aktiv. Die

Höhe des Ordnungsgelds richte sich nach

den Umständen des konkreten Falls wie etwa

der Zahl der Verstöße oder ob es ein

Erstverstoß sei. Bisher sei aber noch kein

entsprechender Antrag eingegangen.

Sind Fahrten mit Uber nun

nicht mehr versichert?

Uber beteuert, dass nicht nur Fahrer, sondern

auch Fahrgäste immer voll versichert

seien. Bei UberPop greife in einem Schadensfall

zusätzlich zur Kfz-Haftpflicht des

Fahrers eine Zusatzversicherung von Uber

Streng reguliert

Aggressive Start-ups

wollen das bisher stark

abgeschottete Taxigewerbe

aufmischen

mit einer Haftung von bis zu 3,7 Millionen

Euro pro Schadensfall. „Diese deckt nicht

nur den Fahrgast und Dritte voll ab, sondern

greift auch, falls der Versicherungsschutz

des Fahrers nicht ausreichen sollte“,

sagt Sprecher Nestmann. Diese Police werde

von einer international tätigen Versicherungsgesellschaft

gedeckt.

Ob das Frankfurter Urteil den Versicherungsschutz

beschneidet, wollte Uber

nicht kommentieren. So oder so gilt: Fahrgäste

von Uber sind versichert. „Ein Ge-

schädigter hat immer einen Anspruch gegen

die gesetzlich vorgeschriebene Kfz-

Haftpflichtversicherung“, sagt Fabian

Herdter, Experte für Versicherungsrecht

bei der Düsseldorfer Kanzlei Wilhelm.

Ein Uber-Fahrer ist allerdings in einer

heiklen Position: „Der Haftpflichtversicherer

könnte mit Hinweis auf eine gewerbliche

Nutzung des Fahrzeugs versuchen, einen

Schaden vom Fahrer erstatten zu lassen“,

so Herdter. „Dann soll die Versicherung

von Uber greifen.“ Ungeklärt sei aber,

ob diese auch Vollkaskoschäden abdecke.

Gibt es weitere Konkurrenten?

Neben der verbotenen App UberPop betreiben

die Amerikaner einen Limousinen-

Service namens UberBlack. Der ist von

dem Urteil nicht betroffen, denn die Fahrer

sind professionelle Limousinen-Chauffeure

mit Personenbeförderungsschein.

Seit Anfang 2013 mischt auch Autovermieter

Sixt mit dem Chauffeurdienst My-

Driver den Markt auf. Auch MyDriver bekam

Gegenwind von den Taxizentralen.

Weil MyDriver auf angestellte Fahrer mit

Personenbeförderungsschein und eigene

Fahrzeuge zurückgreift, liefen die rechtlichen

Vorstöße bisher aber meist ins Leere.

Was plant die Politik?

In Berlin sieht man aktuell keinen Anlass für

eine Gesetzesänderung: „Durch die Genehmigungspraxis

nach Personenbeförderungsgesetz

werden Sicherheit und Qualität

der Personenbeförderung gewährleistet“,

heißt es aus dem Bundesverkehrsministerium

auf Anfrage. „Derzeit sind keine Änderungen

der Vorschriften vorgesehen.“ Hinter

vorgehaltener Hand räumt man freilich

auch dort ein, dass man sich „langfristig des

Themas annehmen“ müsse.

Wie wird der Taximarkt der

Zukunft aussehen?

Mittelfristig dürfte der Druck auf die Politik

deutlich steigen, die Vorschriften zu lockern.

„Viele der Regulierungsbestandteile

haben im digitalen Zeitalter keine volkswirtschaftliche

Rechtfertigung mehr“, sagt

Klemens Skibicki, Professor an der Cologne

Business School in Köln und Experte

für digitalen Strukturwandel. „Man wird

die heutige Regulierung in einigen Jahren

als Posse der Geschichte belächeln.“ n

michael.kroker@wiwo.de, thomas glöckner,

franz rother, christian schlesiger | Berlin

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 65

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Unternehmen&Märkte

»Lebenslang

überschuldet«

INTERVIEW | Arundhati Bhattacharya Die Chefin von Indiens größter

Bank will Kleinunternehmer von Kredithaien erlösen und sieht

deutsche Mittelständler als Helfer für eine modernere Industrie.

Frau Bhattacharya, Sie leiten Indiens

größte Bank, andererseits grassiert im

Land Gewalt gegen Frauen und Mädchen.

Muss der Staat die Gleichberechtigung

fördern und Frauen besser schützen?

Wir müssen die Wurzel dieses Übels bekämpfen.

Sie liegt im rasanten Zuzug der

Landbevölkerung in die Städte, wobei viele

auf der Strecke bleiben und in die Kriminalität

rutschen. So entsteht ein großes Problem

für die öffentliche Sicherheit, das sich

nicht nur mit mehr Polizei lösen lässt. Die

Regierung muss dafür sorgen, dass die

ländlichen Zuwanderer produktive

Mitglieder der Gesellschaft

werden und insbesondere

Jugendliche ihre hohen

Erwartungen an das Leben

besser erfüllen können.

Was tut Ihre Bank, um

Frauen zu fördern?

Unsere Mitarbeiter erhalten

zwei Jahre unbezahlte Freistellung

für die Erziehung

von Kindern und die Pflege

DIE KOSMOPOLITIN

Bhattacharya, 58, stammt

aus der Wirtschaftsmetropole

Kalkutta und ist seit

2013 Chefin der staatlichen

State Bank of India.

Sie hat das internationale

Geschäft bei Indiens

größtem Kreditinstitut

ausgebaut und eine bis

zu zweijährige Auszeit für

Mütter eingeführt.

von Familienangehörigen.

Das gilt auch für alleinstehende

Männer. In indischen Familien sind

Mütter hauptverantwortlich für Erziehung,

Haushalt und Pflege älterer Angehöriger,

das wird sich so schnell nicht ändern. Zudem

stehen sie nach der Grundschulzeit

der Kinder unter Druck, eine gute Oberschule

zu organisieren, da das indische Bildungssystem

stark von Wettbewerb geprägt

ist. Für diese Aufgaben brauchen

Frauen Zeit, die der Arbeitgeber ihnen gewähren

sollte.

Auf der neuen indischen Regierung unter

Narendra Modi lasten hohe Erwartungen

für Wachstum und Reformen. Kann der

Premierminister diese erfüllen?

Er wird es schaffen. Die Öffentlichkeit will

schnelle Ergebnisse, aber wir dürfen keinen

großen Knall erwarten, sondern viele

kleine Schritte. In Indien nehmen die 29

Einzelstaaten starken Einfluss auf die Politik,

sodass die Zentralregierung viele Kompromisse

eingehen muss. Die neue Regierung

ist für fünf Jahre gewählt, und so lange

sollten wir ihr auch Zeit geben.

Funktioniert die Demokratie im

zersplitterten Indien überhaupt?

Ja. Die jüngsten Wahlen haben gezeigt,

dass die Bevölkerung gut informiert ist und

ihre Wahlentscheidung an den Erfordernissen

des gesamten Landes ausrichtet

statt nur an regionalen Interessen. So haben

ländliche sowie städtische Wähler für

die gleiche politische Richtung votiert.

Was sind nun die aus

Ihrer Sicht dringendsten

Maßnahmen?

Damit die großen Infrastrukturprojekte

endlich ins

Laufen kommen, brauchen

die beteiligten Unternehmen

zur Anschubfinanzierung

genug Eigenkapital,

um alles Weitere dann mit

Krediten zu finanzieren.

Entscheidend ist zudem,

dass die Menschen für die

Nutzung von neuen Straßen,

Energie und Kommunikationsdiensten

bezahlen, damit die Unternehmen

ihre Kredite zurückzahlen können. So

brauchen wir nicht nur funktionierende

Mautstellen und Stromnetze, sondern

zum Beispiel auch ein verlässliches Tarifsystem,

um die Energieerzeuger zu entlohnen.

Oft wird Strom illegal abgezapft,

ohne zu zahlen.

Welche Rolle spielen Banken bei der

Förderung von Infrastrukturprojekten?

Kredite von Geschäftsbanken spielen eine

große Rolle, aber der Markt für Unternehmensanleihen

ist in Indien unterentwickelt.

Damit sich das ändert, brauchen wir

ein besseres Gesetz für Insolvenzen, sodass

Anleihegläubiger dabei nicht leer ausgehen.

Zudem spielen Pensions- und Versicherungsfonds

als Investoren eine zu geringe

Rolle, obwohl Inder wegen der fehlenden

staatlichen Absicherung dort viel

Geld anlegen. Aber die Fonds kaufen wegen

zu strenger Regulierung kaum langfristige

Unternehmensanleihen.

Ein Problem bei Infrastrukturprojekten ist

aber auch die grassierende Korruption.

Dieses Problem gibt es, aber es wird in den

Medien oft stark übertrieben. Wenn die Regierung

und die Einzelstaaten dafür sorgen,

dass sich alle an die Regeln halten,

können wir der Korruption Herr werden.

Die indischen Aktienmärkte haben sich

rasant entwickelt, sehen Sie eine Blase?

Nein, ich sehe das eher als eine Erholung

vom Abschwung. Dieser wurde ausgelöst

durch die Probleme der Weltwirtschaft

nach der Finanzkrise, aber auch durch

Fehler der indischen Wirtschaftspolitik –

etwa bei der Förderung von öffentlichprivaten

Partnerschaften für den Ausbau

der Infrastruktur oder einer zu schnellen

Privatisierung von natürlichen Ressourcen.

So wurden Telekommunikationslizenzen

oder Abbaurechte für Rohstoffe zu billig

verkauft. Und Banken haben zu viele Kredite

vergeben für große Projekte, die nicht abgeschlossen

wurden. Ich bezeichne das als

Indiens Wachstumsschmerzen. Aus diesen

Fehlern hat die Politik aber gelernt.

Wie sind die Aussichten für das weitere

Wirtschaftswachstum in Indien?

Gut, denn die demografische Entwicklung

arbeitet für unsere Volkswirtschaft. Die Experten

unserer Bank erwarten für 2014

mehr als fünf Prozent Wachstum. Jedes

Jahr strömen zehn bis zwölf Millionen junge

Leute auf den Arbeitsmarkt – alles potenzielle

Konsumenten. Auch die Telekommunikationsbranche

erholt sich dank

neu und besser verteilter Funklizenzen.

Viele Inder leben allerdings noch in

Armut. Die Regierung will helfen, etwa mit

Bankkonten für alle. Funktioniert das?

Ja, denn wer keinen Zugang zu Bankdiensten

hat, muss sich in Indien bei Kredithaien

auf dem Schwarzmarkt Geld leihen und

ist danach meist lebenslang überschuldet.

Für die Banken ist das Projekt der Regierung

eine große Chance, neue Kundengruppen

zu erschließen. Allerdings muss

dafür gesorgt werden, dass dann auch

staatliche Transfers direkt auf diesen Konten

landen. Zu oft versickern solche Zahlungen

noch auf dem Weg zum Empfänger

in der Bürokratie. Wir haben eine Technik

entwickelt, bei der sich Kunden mit einem

elektronischen Fingerabdruck bei der

Bank registrieren und sofort vor Ort ein

Konto eröffnen können. Ihre Bankkarte

können sie gleich mitnehmen.

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

66 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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»Die großen

Infrastrukturprojekte

müssen

ins Laufen

kommen«

Müssen Sie dafür neue und teure Filialen

auf dem Land aufbauen?

Nein, die Technik funktioniert unabhängig

von Filialen, für den Datentransfer reicht

eine Mobilfunkverbindung. Dabei kooperieren

wir mit Supermärkten oder Einkaufszentren

und eröffnen Camps in besonders

strukturschwachen Gegenden, wo

wir potenzielle Kunden über die Vorteile

eines neuen Kontos informieren.

Das Beispiel zeigt, wie stark Digitaltechnik

die Banken verändert. Wie reagieren

Sie im computeraffinen Indien darauf?

Die State Bank of India hat sieben Pilotfilialen

eröffnet, die nicht mit klassischen

Schaltern, sondern Rechnern und Bildschirmen

ausgestattet sind. Kunden können

sich dort multimedial zum Beispiel

über Autokredite informieren oder sogar

ein Konto eröffnen. Dort steht auch eine digitale

Finanzplanung zur Verfügung, die

den Leuten ausrechnet, wie viel sie wann

sparen müssen, wenn sie sich für den Ruhestand

absichern oder den Nachwuchs

auf die Schule schicken wollen.

Braucht Indien bei seinem wirtschaftlichen

Aufholprozess Investitionen aus

Europa und Deutschland?

Wir brauchen alle Investitionen, die wir

kriegen können. Vor allem kleinen und

mittelständischen Unternehmen fehlt Kapital

für Forschung und Entwicklung. Ihnen

kann die Kooperation mit deutschen

Mittelständlern helfen. Deutsche Unternehmen

sind auch wegen ihrer industriellen

Stärke gern in Indien gesehen. Für sie

wiederum ist der große indische Markt attraktiv.

Unsere Wirtschaft ist bisher immer

noch sehr stark auf Dienstleistungen und

deren Export konzentriert, etwa mit Software

oder internationalen Callcentern.

Indiens mühsame Aufholjagd

Pro-Kopf-Einkommen (in Dollar)

1412

2010

Wirtschaftswachstum (in Prozent)

10,3

Einwohner (in Milliarden)

1,21

1487

1537

1595

2010 2011 2012 2013

1661

* Prognose; Quelle: IHS, Weltbank, eigene Berechnung

1745

2011 2012 2013 2014* 2015*

6,6

1,22 1,24

4,7 5,0

1,25

5,4

1,27

6,3

2010 2011 2012 2013 2014* 2015*

1,28

2014* 2015*

In Europa unterzieht die Zentralbank die

Branche gerade einem großen Stresstest.

Warten Sie das Ergebnis ab, um über

die Zusammenarbeit mit europäischen

Banken zu entscheiden?

Wir machen natürlich bereits Geschäfte

mit europäischen Banken. Wie stark dieses

Geschäft wächst, hängt nicht nur vom

Stresstest ab, sondern auch von den strenger

werdenden Regulierungsauflagen in

Indien. Wir brauchen einen großen Teil

unseres Kapitals für den Heimatmarkt.

Wird die Europäische Zentralbank

als neuer Finanzaufseher das weltweite

Finanzsystem sicherer machen?

Ich hoffe es, aber wir müssen abwarten.

Derzeit können uns auch die europäischen

Banken, mit denen wir Geschäfte machen,

nicht sagen, ob Indien von der neuen Aufsicht

als sicheres Land aufgefasst wird. Ich

habe auch die Hoffnung, dass die internationalen

Finanzaufseher und die Ratingagenturen

berücksichtigen, dass Indien

den tiefsten Punkt seines Wirtschaftszyklus

hinter sich gelassen hat.

Welche Rolle wird Indien in fünf Jahren

für die Weltwirtschaft spielen?

Wir werden ein ganz anderes Indien sehen.

Die Grundlagen für mehr weltwirtschaftlichen

Einfluss sind da, diese Stärken müssen

wir aber richtig einsetzen.

n

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt,

florian.willershausen@wiwo.de | Berlin

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 67

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Unternehmen&Märkte

Später Ritterschlag

DRILLISCH | Der kleine Discount-Anbieter steigt zum vierten Mobilfunkbetreiber in Deutschland auf.

Wie haben die beiden Gründer das geschafft?

Die Brüder Paschalis und Vlasios

Choulidis schauen manchmal etwas

neidisch auf die glanzvollen Karrieren

einiger Weggefährten. Vor mehr als 20

Jahren, in der Gründerphase des Mobilfunks,

gehörten auch Kai-Uwe Ricke und

René Obermann dem Club der Chefs kleiner

Telefonfirmen an, die ihr erstes Geld

mit dem Verkauf von Handys und Mobilfunkverträgen

verdienten. Für Ricke und

Obermann war das aber nur eine Durchgangsstation

auf dem Weg nach ganz oben.

Die beiden wechselten zur Telekom,

machten gemeinsam Riesensprünge auf

der Karriereleiter und schafften nacheinander

innerhalb weniger Jahre den

Sprung an die Spitze des Magenta-Riesen.

Die Choulidis-Brüder, wie sie in der

Branche gerne genannt werden, blieben

dagegen, was sie immer waren: Vorstände

und Gesellschafter des wenig bekannten

Mobilfunkhändlers Drillisch – einem winzigen

Discounter, dem nie der große

Durchbruch gelang. Im Haifischbecken

der Mobilfunker ist Drillisch nur ein kleiner

Fisch: Mit 356 Mitarbeitern und rund

290 Millionen Euro Umsatz kommt das Unternehmen

lediglich auf einen Marktanteil

von 1,2 Prozent (siehe Grafik Seite 69).

STICHELEIEN DER KONKURRENZ

Ehemalige Weggefährten senkten deshalb

bis vor Kurzem etwas hochnäsig den Daumen.

Das Unternehmen sei „viel zu klein

und unbedeutend“, setze auf das „falsche

Geschäftsmodell“, besitze „nicht den

Hauch einer Überlebenschance“ und werde

deshalb „ganz schnell wieder vom

Markt verschwinden“.

An diese Sticheleien hatten sich Vorstandssprecher

Paschalis und sein für Marketing

und Vertrieb verantwortlicher Bruder

Vlasios Choulidis fast schon gewöhnt:

„Wir sind die ewig Totgesagten“, frotzeln sie

heute und fügen hinzu: „Und die leben bekanntlich

länger.“

Noch vor wenigen Monaten hätte sich

keiner der beiden getraut, mit solch kecken

Unterschätzte Brüder Die Drillisch-Vorstände

Paschalis und Vlasios Choulidis (links) sollen

Preissteigerungen im Mobilfunk verhindern

FOTO: ANGELIKA ZINZOW FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

68 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Sprüchen die Konkurrenz zu provozieren.

Bei der Suche nach den besten Einkaufskonditionen

waren die Choulidis-Brüder

auch vom Wohlwollen der Netzbetreiber

abhängig. Da hält man sich lieber zurück.

Jetzt aber sitzt das Brüderpaar in der

Drillisch-Zentrale im hessischen Maintal

und strotzt nur so vor Selbstvertrauen. Sie

haben jetzt den Durchbruch erkämpft:

„Wir sind der vierte Mobilfunkbetreiber in

Deutschland“, sagt Paschalis Choulidis und

strahlt. „Wir erhalten alle Freiheiten und

können unsere Produkte und Tarife künftig

so gestalten, wie wir wollen.“

Winzling Drillisch

Marktanteile der Mobilfunkanbieter in

Deutschland (in Prozent)

E-Plus

Telefónica O2

Freenet

12,0

12,4

14,3

Quelle: Dialog Consult/VATM

1&1 2,0 1,2 Drillisch

Gesamt:

25,1

Mrd. €

28,3

29,8

Vodafone

Telekom

PREISE DRÜCKEN

Fast aussichtslos gingen die im politischen

Lobbying relativ unerfahrenen Brüder ins

Rennen, als Telefónica (Marke: O2) vor gut

einem Jahr ein Übernahmeangebot in Höhe

von 8,7 Milliarden Euro für den Konkurrenten

E-Plus vorlegte. Die beiden wussten

nur, dass sich eine einmalige Chance auftut:

Der neue Mobilfunkriese mit insgesamt

45 Millionen Kunden bekommt den

Segen der Brüsseler Wettbewerbshüter nur

unter harten Auflagen. Drei etwa gleich

starke Telekomkonzerne – Deutsche Telekom,

Vodafone und Telefónica/E-Plus –

hätten sonst ihre Marktmacht ausgespielt

und ihre Preiskämpfe eingestellt.

Ausgerechnet dem kleinsten Mobilfunker

vertraut Brüssel jetzt die große Aufgabe

an, den Wettbewerb auf dem deutschen

Markt zu beleben. Nach langen Verhandlungen,

so heißt es, habe Drillisch die verbindlicheren

Zusagen gemacht. EU-Wettbewerbskommissar

Joaquín Almunia setzte

am 29. August seine Unterschrift unter

einen Vertrag, mit dem Drillisch Zugriff auf

ein Viertel der Netzkapazitäten der fusionierten

Telefónica-/E-Plus-Gruppe bekommt

und sich aus einem Korb von 600

O2-/E-Plus-Shops die besten aussuchen

darf. Das alles gibt es zu „hervorragenden

Einkaufskonditionen“, damit Drillisch die

Rolle des Preisbrechers übernehmen kann.

Die gleiche Statur, die gleichen Gesichtszüge,

die gleiche Frisur, das gleiche Lachen

– die Choulidis-Brüder könnten Zwillinge

sein. Bei genauerem Hinsehen fallen die

kleinen Unterschiede auf. Paschalis, Jahrgang

1963, ist fünf Jahre jünger als Vlasios,

ein paar Zentimeter größer und bringt ein

paar Kilo mehr auf die Waage.

Die Finanzmärkte trauen den beiden offenbar

zu, in der Top-Liga der Mobilfunker

zu bestehen: Die Drillisch-Aktie notiert bei

29 Euro, 37 Prozent höher als zu Jahresbeginn.

„Wir sehen gute Chancen, dass Drillisch

in eine neue Dimension vorstößt“,

lobt Wolfgang Specht, Analyst beim Bankhaus

Lampe in Düsseldorf.

Für die Choulidis-Brüder ist das wie ein

verspäteter Ritterschlag. Klein hatten sie

»

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Unternehmen&Märkte

»

in Deutschland angefangen. Die Eltern

waren aus Griechenland ausgewandert:

„Am 15. August 1970 kamen wir mit dem

Zug im Münchner Hauptbahnhof an.“

HEISSE VERHANDLUNGEN

Sie ließen sich in Hanau nieder, weil dort

bereits ein Teil der Familie lebte. „In der

Schule fühlten wir uns in den naturwissenschaftlichen

Fächern besonders wohl“, erinnern

sie sich. An dieser Vorliebe hat sich

bis heute nichts geändert. „Die blättern Bilanzen

im Schnelltempo durch und finden

auf Anhieb die Schwachpunkte“, berichtet

ein Manager, der lange an der Seite der

Choulidis-Brüder gearbeitet hat.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum

sich Drillisch gegenüber den viel größeren

Konkurrenten United Internet und

Immer auf den vorderen Plätzen

Wie in jeder Familie lodert auch mal

Streit zwischen den Brüdern auf. Aber endlose

Auseinandersetzungen, die das Unternehmen

lähmen, gibt es bei Drillisch nicht.

„Die beiden sind einfach gut“, sagt Horst

Lennertz, langjähriger Technik-Chef bei

E-Plus und Aufsichtsrat bei Drillisch. „Ich

kenne kaum jemanden, der die verschiedenen

Geschäftsmodelle im Mobilfunk so

verinnerlicht hat.“

Im Verhandlungsmarathon mit Telefónica

gaben die Choulidis-Brüder offenbar die

besseren Abnahmegarantien ab. Auch

United Internet und Freenet hätten gern

ein Viertel der Netzkapazitäten der

O2-/E-Plus-Gruppe abgenommen. Sie

wollten aber auch Klauseln im Vertrag aufnehmen,

die einen Teil der damit verbundenen

wirtschaftlichen Risiken abfedern.

Die günstigsten Allnet-Flatrates für Telefonieren in alle Netze und Internet-Nutzung

bis zu einem Datenvolumen von 500 Megabyte

Marke Anbieter Preis pro Monat (in Euro) Netz

1. Smartmobil

2. Simply

3. 1&1

4. DeutschlandSIM

5. hellomobil

6. winSIM

7. simfinity

8. Fonic

9. Tele2

10. Freenet

Drillisch

Drillisch

1&1

Drillisch

Drillisch

Drillisch

Sat.1

O2

Tele2

Freenet

Stand: 1. September 2014; Quelle: Tariftip.de

14,95

14,95

14,99

16,95

16,95

16,95

19,90

19,95

19,95

20,95

Freenet durchsetzen konnte. Die EU-Kommission

hatte Telefónica den Auftrag erteilt,

einen geeigneten Abnehmer für die

Netzkapazitäten und die Shops zu finden.

Ende Juni, in den dramatischen Stunden

vor der Vertragsunterzeichnung mit Telefónica,

deutete vieles darauf hin, das einer

der Großen den Zuschlag bekommt. Doch

die Brüder, die persönlich die Verhandlungen

führten, machten das Rennen. Details

aus der heißen Endphase wollen sie nicht

verraten, nur so viel lassen sie durchblicken:

„Wir haben die Chance schnell erkannt

und wurden uns schnell einig“, sagen

die beiden und lächeln spitzbübisch.

Insider bestätigen das: „Wenn es darauf

ankommt, laufen die beiden zur Hochform

auf.“ Geschäftspläne kalkulieren und komplexe

Verträge hart aushandeln, darin seien

sie „wahre Meister“.

O2

O2

E-Plus

O2

O2

O2

E-Plus

O2

E-Plus

Deutsche Telekom

Denn wie bei jedem Prozentwert hängt

die tatsächliche Höhe der von O2/E-Plus

abzugebenden Übertragungskapazitäten

von den künftigen Netzausbauplänen ab.

„Wenn Telefónica stärker investiert und die

Netzkapazitäten erweitert, müsste der

neue Partner auch mehr abnehmen“, berichtet

ein Teilnehmer aus den Verhandlungen.

Und da habe Drillisch offenbar die

verbindlicheren Zusagen gemacht.

Ausgerechnet Drillisch. Seit Jahren verlassen

sich die Choulidis-Brüder allein darauf,

dass preisbewusste Kunden im Internet

den günstigsten Flatrate-Tarif finden

und dann zu ihnen wechseln. Zwölf der

rund 50 in Deutschland aktiven Discount-

Marken haben die beiden aufgelegt. Die

meisten tragen skurril anmutende Namen

wie Maxxim, Discotel, hellomobil, McSim,

Phonex oder DeutschlandSIM.

„Wichtig ist“, erzählen sie freimütig, „die

Präsenz unserer Marken im Internet und

dass wir in den Ranglisten der Vergleichsportale

die Top-Positionen mit unseren

Marken besetzen.“ Da die Konkurrenz oft

nur mit einem Produkt auf den hinteren

Plätzen vertreten ist, stehen die Drillisch-

Marken als günstigste Anbieter da (siehe

Tabelle): „Dann ist die Wahrscheinlichkeit

groß, dass die Interessenten ein Produkt

von uns kaufen.“

Mit dieser Masche gewinnt Drillisch

rund 50 000 Neukunden pro Quartal. Die

derzeit erfolgreichsten Discounter Alditalk,

blau.de und Congstar glänzen allerdings

mit weit höheren Zuwachsraten. Die Folge:

Selbst gemeinsam kommen alle zwölf Drillisch-Marken

nur auf 1,8 Millionen Kunden.

Congstar, die Discount-Tochter der

Telekom, zählt alleine 3,4 Millionen Nutzer.

Quasi über Nacht müssen die Choulidis-

Brüder jetzt beweisen, dass sie schneller

Marktanteile gewinnen können. Mit dem

Zugriff auf bis zu 30 Prozent der Netzkapazitäten

ließen sich gut zehn Millionen Mobilfunkkunden

bedienen. Rund acht Millionen

Kunden muss Drillisch also in den

nächsten Jahren hinzugewinnen.

Denn richtig profitabel ist der Deal mit

Telefónica erst, wenn die zur Verfügung gestellten

Kapazitäten voll ausgelastet werden.

Binnen weniger Jahre den Kundenbestand

verfünffachen, das ist in einem mit

mehr als 116 Millionen aktiven Mobilgeräten

(1,4 pro Einwohner) fast schon gesättigten

Markt ein ehrgeiziges Unterfangen.

STRATEGIE AUF DEN KOPF STELLEN

Möglich ist das nur, wenn die Choulidis-

Brüder ihre Strategie auf den Kopf stellen.

Bisher verzichten sie auf alles, was Geld

kostet. Kein eigenes Netz, keine Shops, keine

Werbung – das war die in Stein gemeißelte

Firmenphilosophie.

Die gilt jetzt nicht mehr. Die ersten

Shops sollen Anfang 2015 öffnen, kündigt

Vlasios Choulidis an. Unter welcher Marke

sie firmieren, ist noch offen. Auch die Produktpalette

wird überarbeitet. Eine eigene

Premiummarke soll künftig auch in den

Kampf um die Smartphones und Tablets

viel surfender Geschäftskunden eingreifen.

Auch die ganz auf die Choulidis-Brüder

ausgerichtete Führungsstruktur von Drillisch

steht auf dem Prüfstand. Mit dem

Aufstieg in die Beletage des deutschen Mobilfunks

finde auch die traute Zweisamkeit

im Vorstand, so heißt es aus dem Drillisch-

Umfeld, ein baldiges Ende.

n

juergen.berke@wiwo.de

70 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Mittelstand

Chronische Knappheit

CHINA | Trotz des schwächelnden Wachstums streben immer mehr deutsche Mittelständler

ins Land der großen geschäftlichen Verheißungen. Doch das Finden und Binden

qualifizierter Mitarbeiter wird immer schwieriger. Was Unternehmen tun können.

Wenn Dominic Sturm über

sein Geschäft in China

spricht, gerät er erst ins

Schwärmen, aber dann

folgt bald ein größeres

Stöhnen. Sicher, die Verkaufszahlen zeigen

nur nach oben, seit Stihl – der Hersteller

von Kettensägen, Heckenscheren und

Rasentrimmern aus dem schwäbischen

Waiblingen – vor acht Jahren seine erste

Fabrik in der nordostchinesischen Stadt

Qingdao eröffnete. Das Unternehmen, das

weltweit fast 14 000 Mitarbeiter beschäftigt

und zuletzt 2,8 Milliarden Euro umsetzte,

wächst im Reich der Mitte jedes Jahr mit

zweistelligen Raten. Denn immer mehr

Chinesen können sich inzwischen ein

Spezial | Mittelstand

72 China Was tun gegen den Fachkräftemangel

im Reich der Mitte?

78 Standorte in Asien Die Vorteile

von Vietnam, Indonesien und Co.

82 Maschinenbau So profitiert ein

Mittelständler aus dem Allgäu vom

Pharmaboom in China

Haus mit eigenem Garten leisten – und der

will natürlich auch gepflegt werden.

Doch Sturm, Ausbildungsleiter bei Stihl

in China, muss dafür sorgen, dass die

Schwaben auch immer ausreichend Mitarbeiter

haben, um das Wachstum im nach

wie vor boomenden Riesenreich stemmen

zu können. Etwa 750 Arbeiter beschäftigt

Stihl zurzeit in den Fabriken in der früheren

deutschen Kolonie in Ostchina; jedes

Jahr müssen unter dem Strich 100 dazukommen.

Um das zu erreichen, muss Sturm pro

Jahr rund 200 neue Leute einstellen. Bisweilen

keine leichte Aufgabe: „Vor allem

bei ungelernten Arbeitskräften ist die Fluktuation

mit 20 Prozent enorm hoch“, sagt

der Deutsche.

So geht es fast allen deutschen Unternehmen

im Land. In den einschlägigen

Umfragen der Deutschen Auslandshandelskammer

(AHK) in Shanghai nennen »

Reise ohne Wiederkehr

Wanderarbeiter kehren nach dem Neujahrsfest

oft nicht an ihre Arbeitsstelle zurück

FOTO: LAIF/SZ PHOTO/KEVIN LEE

72 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Mittelstand

Auch wenn Chinas Wirtschaft sich zuletzt

abgeschwächt hat: Bei 7,5 Prozent

Wachstum sind die Aussichten für deutsche

Unternehmen immer noch mehr

als verlockend. Das gilt besonders für Maschinenbauer,

Pharmaunternehmen oder

Elektrotechnikanbieter. Sie haben – anders

als die ausländische Konkurrenz – genau

die Produkte im Angebot, die China auf

seinem Weg in die Moderne dringend

braucht.

»

sie regelmäßig die Suche nach geeigneten

Mitarbeitern als größtes Problem.

Wer mehr als einen Winter in China verbracht

hat, weiß, dass beispielsweise nach

dem Neujahrsfest immer ein paar Mitarbeiter

einfach nicht mehr auftauchen.

Denn in der chinesischen Ferienwoche,

die mal in den Januar, mal in den Februar

fällt, besuchen Wanderarbeiter traditionell

ihre Familien auf dem Land.

Manche entschließen sich kurzerhand,

dort zu bleiben, andere hören von einem

Bekannten, anderswo gebe es ein paar Yuan

mehr zu verdienen, und wechseln kurzerhand.

So kann es passieren, dass von

500 Arbeitern am Ende der Ferienwoche

nur noch 200 zurückkommen – keine Kündigung,

kein Anruf, nicht einmal eine

E-Mail.

KEINE LOYALITÄT

Nicht viel besser ist die Lage bei Fach- und

Bürokräften. Es fehlt an guten Kaufleuten,

Ingenieuren, Betriebswirten – eigentlich

an allen Berufsgruppen.

Der rechtliche Rahmen macht den Chinesen

das Jobhopping leicht. Wasserdichte

Gesetze mit Kündigungsfristen gibt es im

Boommarkt China nicht. Das Problem haben

damit vor allem die Arbeitgeber: Wer

seinen Job verliert, findet angesichts der

chronischen Knappheit an Arbeitskräften

schnell einen neuen.

Lockmittel deutscher Gesellenbrief

Chinesischer Facharbeiter beim Kettensägenkönig

Stihl

Loyalität zu einem Arbeitgeber kennen

viele Chinesen nicht. Für 100 Yuan, umgerechnet

gerade mal rund zwölf Euro, mehr

im Monat oder auch nur einen kürzeren

Anfahrtsweg zum Job wechseln viele das

Unternehmen. Bei rund 19 Prozent lag die

Mitarbeiterfluktuation in China im Jahr

2012. Das bedeutet, dass innerhalb von

fünf Jahren einmal die Belegschaft komplett

ausgewechselt wird. In manchen

Branchen liegt die Wechselrate sogar bei 30

Prozent.

Trotz solcher Hemmnisse ist der China-

Sog ungebrochen. Rund 5000 Unternehmen

aus Deutschland haben dort inzwischen

Niederlassungen, der größte Teil von

ihnen sind Mittelständler. Und es kommen

fast jeden Tag neue hinzu.

19 Prozent aller

Mitarbeiter in China verlassen

ihren Arbeitgeber

im Schnitt pro Jahr

VIELE BEWERBUNGSGESPRÄCHE

Mit einem Handelsvolumen von 140 Milliarden

Euro ist Deutschland derzeit Chinas

größter Handelspartner in Europa.

Deutschlands Unternehmer sind dabei

immer noch optimistisch, so eine AHK-

Umfrage in China. So erwarten beispielsweise

drei Viertel der befragten deutschen

Unternehmen, die in China in der Automobilbranche

aktiv sind, weiter ein stabiles

Geschäft.

Eines des Unternehmen, das vom stetigen

Aufstieg Chinas kräftig profitiert, ist

auch Delo Industrie Klebstoffe. Das Familienunternehmen

mit Sitz in Windach westlich

von München stellt mit 420 Mitarbeitern

Spezialkleber her, wie sie beispielsweise

in Smartphones, Laptops sowie Spielkonsolen,

aber auch in der Autoindustrie

zum Einsatz kommen. 2013 entschied sich

Inhaberin Sabine Herold, eine Tochtergesellschaft

in Shanghai zu gründen. Zu

schnell war der Absatz in China in den Jahren

zuvor gewachsen. Da reichte es aus ihrer

Sicht nicht mehr, nur aus Deutschland

zu exportieren.

Um das sensible Know-how zu schützen,

fertigt Delo seine Klebstoffe zwar immer

noch in Deutschland. Doch in Shanghai

kümmern sich nunmehr bereits zehn Mitarbeiter

um den Vertrieb in China. Das Geschäft

dort wächst jedes Jahr um 15 bis 20

Prozent und trägt mittlerweile fast ein

Fünftel zum Jahresumsatz der Bayern von

zuletzt fast 60 Millionen Euro bei.

Eine erfreuliche Entwicklung, wäre da

nicht das Problem mit der Mitarbeitersuche.

„Die gestaltet sich schwierig“, sagt

Herold. Zwar werde viel über die angeblich

riesige Zahl von verfügbaren Fachkräften

in China geredet, sagt die Delo-Chefin.

„Aber deren technisches Verständnis entspricht

oft nicht unseren Anforderungen.“

Aus den Zeugnissen ist dies aber fast nie

ersichtlich.

Die Folge: Will Delo in China einen neuen

Mitarbeiter einstellen, muss das Management

ungewöhnlich viele Bewer-

FOTO: STIHL/KD BUSCH

74 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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ungsgespräche führen. Kann Herold

nicht selbst vor Ort sein, lässt sie sich per

Videokonferenz zuschalten.

Zwar spuckt das chinesische Bildungssystem

mittlerweile jedes Jahr sieben Millionen

Universitätsabsolventen aus, viermal

so viele wie noch vor zehn Jahren. Das

liest sich allerdings auf dem Papier besser,

als es in der Realität ist. Der Ausbildungsgrad

der Absolventen ist nicht mit dem in

Europa zu vergleichen. Nicht nur einmal

hat Herold in China erlebt, dass ein Bewerber

eine technische Zeichnung mehrfach

gedreht hat, weil er nicht so recht wusste,

wo oben und unten ist. „Ein guter deutscher

Geselle ist einem chinesischen Ingenieur

oftmals voraus“, hat die Delo-Chefin

festgestellt.

Mehr Masse als Klasse

Hochschulabsolventen in China

(in Millionen)

1,0 1,8 3,0 4,5 5,8 6,1 7,0

2000 2003 2005 2007 2009 2011 2013

Quelle: China Statistical Yearbook

DEFIZITE IN DER BILDUNG

Ähnliche Erfahrungen hat auch Stihl-Ausbildungsleiter

Sturm gemacht. Auf eine

Facharbeiterstelle bewerben sich bei ihm

zwar in der Regel 100 Kandidaten. Allerdings

erfülle dabei fast keiner die erforderlichen

Voraussetzungen, berichtet Sturm.

Den jungen Hochschulabsolventen fehle

es vor allem an der Fähigkeit zur Problemlösung,

außerdem hätten sie meist kaum

praktische Erfahrung.

Delo-Inhaberin Herold kritisiert den noch

immer viel zu hohen Stellenwert des Auswendiglernens

in chinesischen Schulen und

Hochschulen: Das Verstehen, Kombinieren

und kritische Hinterfragen komme darüber

zu kurz, „dabei braucht man gerade diese

Fähigkeiten für eine Innovationskultur“.

Weil gute Leute aber knapp sind, steigen

die Löhne in China trotzdem jedes Jahr

quer durch alle Branchen um durchschnittlich

zehn Prozent. Bei Stihl in Qingdao verdient

ein ungelernter Arbeiter, der neu einsteigt,

umgerechnet rund 250 Euro. Vor

zehn Jahren wäre es lediglich halb so viel

gewesen.

Die Arbeitsproduktivität kann allerdings

mit diesen Gehaltszuwächsen oft nicht

mithalten: Während die Gehälter zwischen

1999 und 2010 um 258 Prozent stiegen, legte

die Produktivität in dieser Zeit nur um

167 Prozent zu.

Wegen der chronischen Knappheit an

qualifiziertem Personal müssen deutsche

Unternehmen in China ungewöhnlich

viel Aufwand bei der Rekrutierung betreiben.

Schon ab einem relativ niedrigen

Qualifikationsniveau der gesuchten Mitarbeiter

arbeiten viele Personalabteilungen

darum notgedrungen mit Headhuntern zusammen.

„Wir müssen hier Spezialisten aktiv suchen

– in Europa geschieht das eigentlich

erst auf den höheren Führungsebenen“,

sagt Joachim Wehrle von der Personalberatung

wpb in Shanghai. Auch Stihl und

Delo beschäftigen in China Headhunter.

Darüber hinaus präsentiert sich Stihl auf

Jobbörsen und bei den Hochschulen,

»

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Spezial | Mittelstand

»

um den Nachwuchs direkt auf dem

Campus zu rekrutieren.

Mit dem erfolgreichen Rekrutieren ist es

allerdings in der Regel noch nicht getan.

Einmal gefunden, müssen die Unternehmen

die Neulinge in aufwendigen Schulungen

aus- und weiterbilden, manchmal

sogar am Stammsitz in Deutschland. Bei

Delo etwa bekommen Neueinsteiger eine

zwei- bis dreimonatige Schulung in der

Zentrale in Bayern.

Um die fachlichen Defizite bei den jungen,

meist ehrgeizigen und fleißigen Chinesen

auszugleichen, hat die deutsche

Wirtschaft unter Federführung der AHK in

Shanghai vor Kurzem damit begonnen, in

China das duale Ausbildungssystem einzuführen,

vor allem für handwerkliche Berufe

wie Mechatroniker. Beim theoretischen

Teil arbeiten die Deutschen eng mit

den Hochschulen zusammen. Den praktischen

Teil erledigen die beteiligten deutschen

Betriebe.

Die kostet die Ausbildung eines chinesischen

Lehrlings im Schnitt rund 250 Euro

im Monat. Der Auszubildende muss sich

verpflichten, nach dem Abschluss mindestens

zwei Jahre in dem Betrieb zu arbeiten.

Geht er früher, muss er die Ausbildungskosten

zurückzahlen.

In der Praxis verhindert das allerdings

nicht, dass hin und wieder doch ein Absolvent

vorzeitig ausscheidet, wenn etwa bei

der Konkurrenz ein höheres Gehalt winkt.

Das unterentwickelte Rechtssystem

kommt den jungen Leuten dabei entgegen:

Auch wenn es in den vergangenen Jahren

einige Verbesserungen gegeben hat, stehen

die Chancen deutscher Unternehmen,

die gegen Chinesen klagen, vor Gericht oft

schlecht.

MEHR ALS GUTE BEZAHLUNG

Gerade haben die ersten 50 chinesischen

Azubis ihre deutsche Lehre abgeschlossen.

So hat Stihl sechs Leute zum Industriemechaniker

ausgebildet. In der Größenordnung

soll es auch in Zukunft weitergehen.

Die Hälfte der Ausbildungsplätze

bietet das Unternehmen vielversprechenden

jungen Leuten an, die heute schon bei

Stihl arbeiten.

»Ein deutscher

Geselle ist chinesischen

Ingenieuren

oft voraus«

Sabine Herold, Inhaberin Delo Klebstoffe

Der Ansturm im ersten Jahrgang war gewaltig:

Für die drei Plätze haben sich 30

Mitarbeiter beworben. Die übrigen Lehrstellen

besetzt Stihl mit geeigneten Schülern,

die mindestens die mittlere Reife sowie

den bestandenen Aufnahmetest für die

Fachhochschule in Jinan bei Qingdao mitbringen

müssen.

Mit den Bewerbern führt das Unternehmen

noch einen Einstellungstest und ein

längeres Gespräch durch. Dort fragen die

Personaler Allgemeinwissen, aber auch

technisches und logisches Verständnis ab,

und testen die Soft Skills der Bewerber.

Wer in China seine wirklich guten Leute

– egal, ob in der Produktion oder im Büro –

258 Prozent Gehaltszuwachs gab es in China

seit 1999. Die Produktivität stieg um 167 Prozent

langfristig an sich binden will, muss mehr

bieten als gute Bezahlung. Diese ist eine

notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung,

um Mitarbeiter zu halten. Ebenso

wichtig sind eine gute Arbeitsatmosphäre

und Perspektiven.

„Man muss ein gutes Arbeitsumfeld bieten,

mit einem aufgeschlossenen und respektvollen

Team, interessante Aufgaben,

Entwicklungs- und vor allem Weiterbildungsmöglichkeiten“,

sagt Delo-Inhaberin

Herold.

PRÄMIENSYSTEME FÜR ARBEITER

Von guten Erfahrungen berichten auch

Unternehmen, die ihren Arbeitern eine

Krankenversicherung bieten. Bisher gibt es

in China nur ein rudimentäres Versicherungssystem,

das bestenfalls kleine Erkrankungen

abdeckt.

Andere haben ihren Mitarbeitern Kredite

gegeben, um eine Wohnung zu kaufen –

vor allem für männliche Chinesen eine

wichtige Anschaffung, um eine Ehefrau zu

finden. Die Immobilie ist für den Arbeitgeber

zugleich eine implizite Garantie, dass

der Mitarbeiter in naher Zukunft im Ort

bleiben wird.

Andere Unternehmen arbeiten in der

Fertigung mit Prämiensystemen: Läuft die

Produktion schneller, zahlen sie den Arbeitern

am Ende des Monats einen Bonus.

Darüber hinaus schaffen Betriebsausflüge

und Tage der offenen Tür für Familien ein

Gemeinschaftsgefühl. Die Unternehmensberatung

Roland Berger empfiehlt außerdem,

Gespräche zur Leistungsbewertung

der Mitarbeiter in kürzeren Zeitabständen

stattfinden zu lassen – am besten alle drei

Monate.

An manchen Standorten machen sich

zumindest die deutschen Unternehmen

nicht noch gegenseitig das Leben schwer.

So gilt unter den 200 Mittelständlern in Taicang,

einer Stadt 50 Kilometer nordwestlich

von Shanghai, ein „Gentlemen’s

Agreement“ – keiner wirbt dem anderen

Mitarbeiter ab.

Doch bei allen noch so aufwendigen Bemühungen

ums Personal müssen die Unternehmen

sich am Ende damit abfinden,

wenn etwas nicht zu ändern ist: In allen Fabriken,

wo Arbeiter für wenig Geld nur einfache

Tätigkeiten verrichten, ist eine Bindung

an den Betrieb eben nur schwer herzustellen.

n

matthias.kamp@wiwo.de | München,

philipp mattheis | Shanghai

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FOTO: DELO/JENS SCHWARZ

76 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Mittelstand

Erfolg mit Hochdruck Für den Vertrieb

seiner Reinigungsgeräte hat Kärcher eine

Tochtergesellschaft in Indonesien gegründet

Feinmotorische

Fähigkeiten

SÜDOSTASIEN | Niedrigere Kosten als in China, kräftiges Wirtschaftswachstum,

doch vor allem der Beginn des Binnenmarktes

im kommenden Jahr locken den Mittelstand in die Region.

Denkt Christian von Daniels über die

Anfänge der Aktivitäten seines Unternehmens

in Vietnam nach, fällt

ihm als Erstes China ein. „Dort zeichnete

sich damals, Anfang der Neunzigerjahre,

eine echte Knappheit an Arbeitskräften ab“,

erinnert sich der Chef des Hemdenherstellers

van Laack. Außerdem sei das Interesse

von staatlicher Seite an dem mittelständischen

Textilhersteller aus Mönchengladbach

mit einem Jahresumsatz von fast 55

Millionen Euro in Vietnam viel größer gewesen

als in China. Die Behörden rollten

van Laack den roten Teppich aus und halfen

unter anderem bei der Grundstückssuche

für die neue Fabrik in Asien.

Statt wie so viele deutsche Textilhersteller

irgendwo in einem der Industrieparks

im Süden Chinas ein Werk hochzuziehen,

pflanzte van Laack seine Fabrik 1993 also

in einen Vorort der vietnamesischen

Hauptstadt Hanoi. Bei der Grundsteinlegung

war der damalige Bundeskanzler

Gerhard Schröder dabei. Mit 90 Näherinnen

haben die Deutschen damals angefangen,

heute sitzen an den Tischreihen der

Fabrik mehr als 500. Die Hälfte seiner gesamten

Jahresproduktion fertigt van Laack

inzwischen in Vietnam. Zwei weitere Fabriken

betreibt das Unternehmen in Tunesien

und am Stammsitz in Mönchengladbach.

An Vietnam schätzt von Daniels unter

anderem Fleiß und Fertigkeiten der Näherinnen:

„Sie haben sehr gute feinmotorische

Fähigkeiten“, sagt der van-Laack-Chef,

„weil die Beschäftigung mit hochwertiger

textiler Fertigung in den Familien gepflegt

wird.“ Zudem ist der gesetzliche Mindestlohn

mit umgerechnet rund 120 Dollar nur

etwa halb so hoch wie in China. Van Laack

zahlt den Näherinnen bis zu 50 Prozent

mehr und hat trotzdem noch niedrigere

Lohnkosten als beim großen Nachbarn im

Norden. Und die Fluktuation ist viel geringer:

Im Schnitt bleiben die vietnamesischen

Mitarbeiter sieben Jahre bei van

Laack – in China undenkbar.

REFORMEN IN INDONESIEN

Nicht nur Vietnam mit seinen fast 90 Millionen

Einwohnern zieht wieder mehr Interesse

deutscher Unternehmen auf sich.

Diese blicken nach einiger Zurückhaltung

während der Finanzkrise jetzt verstärkt auf

Länder wie Indonesien, das zuletzt mit

mehr als sechs Prozent Wachstum glänzte,

nach Singapur, das vor allem beim Urheberrechtsschutz

als sicherer Hafen gilt, und

sogar nach Thailand, wo nach heftigen politischen

Turbulenzen allmählich Ruhe

einkehrt. Gut 600 deutsche Mittelständler

haben inzwischen Niederlassungen in

Thailand. In Vietnam sind es 280, in Indonesien

300 und in Singapur 1400.

„Nicht nur das stabile Wachstum sorgt

dafür, dass Unternehmen aus Deutschland

wieder stärker Südostasien ins Visier nehmen“,

sagt Jochen Sautter. Der Unternehmensberater

aus Schwaben lebt seit fast 18

Jahren in Indonesiens Hauptstadt Jakarta.

Ende der Neunzigerjahre baute er dort für

die L-Bank aus Baden-Württemberg das

German Centre auf, das deutschen Mittelständlern

den Markteinstieg im viertgrößten

Land der Erde erleichtern soll. Heute

berät Sautter mit seiner Prime Consultancy

deutsche und europäische Unternehmen

bei ihren Indonesien-Aktivitäten.

Die steigenden Kosten in China, sagt er,

vor allem aber der Abbau von Zoll-

»

FOTO: KÄRCHER

78 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Mittelstand

»

schranken in den zehn Ländern der Vereinigung

Südostasiatischer Länder (Asean)

sorge für steigendes Interesse an der Region.

2015 werden alle Asean-Mitglieder ihre

Zölle für fast alle Produktgruppen abgeschafft

haben. Es entsteht ein einheitlicher

Wirtschaftsraum mit rund 500 Millionen

Konsumenten. Doch auch zwischen Südostasien

und Europa werden die Zollhürden

allmählich fallen: Die EU und Asean verhandeln

über ein Freihandelsabkommen.

Vom Abbau der Handelsschranken und

rasch wachsendem Wohlstand profitiert

auch Kärcher. Der Hersteller hochwertiger

Reinigungsgeräte aus dem baden-württembergischen

Winnenden mit 2013 gut

zwei Milliarden Euro Umsatz hat seit 2013

eine eigene Niederlassung in Indonesien,

der größten Volkswirtschaft Südostasiens.

Bauen lässt Kärcher seine Reinigungsgeräte

weiter in China. „Zwischen Indonesien

und China gibt es Zollvorteile wegen eines

bilateralen Handelsabkommens“, sagt Kärchers

Indonesien-Chef Roland Stähler. „Da

lohnt sich der Transport.“

VIELE NEUE SHOPPINGMALLS

Stähler baut für den Weltmarktführer aus

Schwaben das Indonesien-Geschäft auf.

Momentan beschäftigt er 25 Mitarbeiter,

Ende des Jahres sollen es 40 sein, denn der

Absatz wächst zweistellig. Allein in Jakarta

gibt es 180 große Shoppingmalls, im Monatstakt

kommen neue dazu. „Die müssen

gereinigt werden“, sagt Stähler und lacht.

Das Lachen vergeht dem Deutschen allerdings,

wenn er an den Vertrieb denkt.

„Logistik ist in Indonesien wegen der Defizite

bei der Infrastruktur teurer als in anderen

Ländern“, sagt Stähler. So gibt es in der

25-Millionen-Einwohner-Stadt Jakarta

Hochwertige Arbeit in Familientradition

Van-Laack-Chef Daniels schätzt die Erfahrung

seiner Hemdennäherinnen in Vietnam

trotz jahrelanger Planungen immer noch

keine U-Bahn; der Dauerstau ist Normalzustand.

Zwischen der Hauptstadt und der

zweitgrößten Stadt des Landes, Surabaya,

müsste dringend eine Autobahn gebaut

werden. Auf der jetzigen Straße liegt die

Durchschnittsgeschwindigkeit bei 30 Stundenkilometern.

Doch trotz solcher Ärgernisse

ist der Markt zu wichtig, als dass

Kärcher darauf verzichten würde, seine

Produkte in Indonesien zu verkaufen.

Zudem ist Besserung in Sicht. Bei den

Präsidentschaftswahlen im Juli trug der erklärte

Reformer Joko Widodo den Sieg davon.

Bislang war er Gouverneur der Hauptstadt

und hat dort trotz nach wie vor bestehender

Engpässe einiges ins Rollen gebracht.

So hat der charismatische Politiker,

der sich wohltuend abhebt von der alten

Garde der Apparatschiks aus der Suharto-

Ära, den Hafen der Stadt ausbauen lassen.

Wieder auf Wachstumskurs

Bruttoinlandsprodukt der Vereinigung Südostasiatischer

Staaten 1 (Veränderung gegenüber

Vorjahr in Prozent)

8

6

4

2

0

2009 2010 2011 2012 2013 2014

2

2015 3

1 Asean; 2 Prognose; 3 Schätzung;

Quelle: Asian Development Bank

Auch sorgte Widodo dafür, dass das Terminal

3 am Flughafen fertiggestellt wurde.

Indonesien-Experte Sautter ist sich sicher,

dass Widodo mit seiner größeren Autorität

als Präsident bei den Reformen aufs

Tempo drücken wird. Neben einer Verbesserung

der Infrastruktur müsste er dringend

die hohen Subventionen für Benzin

kürzen. „Damit bekäme er finanziellen

Spielraum für eine aktive Wirtschaftspolitik“,

sagt Sautter. Der Staat verbilligt den

Benzinpreis bisher um rund die Hälfte.

Kärcher-Landeschef Stähler wünscht

sich vor allem Reformen in der Bildung. Da

hinkt Indonesien etwa Vietnam deutlich

hinterher. Dort lobt Van-Laack-Chef von

Daniels die gute Schul- und Allgemeinbildung

der jungen Leute sowie die hohe

Lernbereitschaft und Auffassungsgabe.

FORSCHUNG IN VIETNAM

Der deutsche Autozulieferer Bosch, der in

Vietnam bis heute 160 Millionen Euro investiert

hat, betreibt dort sogar ein Forschungszentrum

mit 600 Mitarbeitern – in

Indonesien aus Mangel an Fachkräften unvorstellbar.

Die Ingenieure entwickeln dort

Software für den konzerninternen Gebrauch,

ähnlich wie im indischen Bangalore,

wo Bosch 13 000 Programmierer beschäftigt.

Insgesamt arbeiten in Vietnam

1700 Menschen für Bosch. Von dort aus beliefern

die Deutschen Autohersteller in

ganz Asien mit Getriebeteilen. Bis 2020 will

Bosch noch einmal 100 Millionen Euro in

dem aufstrebenden Land investieren.

Von solchen internationalen Lieferketten

profitiert Thomas Halliday. Er steuert

aus Singapur die Asienaktivitäten des mittelständischen

Softwarehauses AEB aus

Stuttgart. Das vor 35 Jahren gegründete

Unternehmen setzt mit weltweit fast 400

Mitarbeitern gut 30 Millionen Euro um und

bietet Unternehmen, die Waren über lange

Strecken transportieren, Spezialsoftware

für Logistik und Zollabwicklung an. Rund

6000 Kunden hat AEB heute. „Viele davon

sind in Asien aktiv“, sagt Halliday, darunter

etwa der deutsche Maschinenbauer Gea.

Neben den gut ausgebildeten Mitarbeitern,

schätzt Halliday das zuverlässige

Rechtssystem, etwa beim Urheberrechtsschutz.

Doch der tropische Stadtstaat hat

einen weiteren Standortvorteil: „Die Lebensqualität

ist unvergleichlich“, schwärmt

Halliday und denkt vor allem an den Freizeitwert

und die gute Küche.

n

matthias.kamp@wiwo.de | München

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FOTO: VAN LAACK GMBH

80 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Mittelstand

Gut verpackt

MASCHINENBAU | Der Pharmamarkt im Reich der Mitte boomt.

Wie der mittelständische Anlagenbauer Pac Automation aus dem

Allgäu davon profitiert.

Die Maschinen, die Pester Pac Automation

in China baut, sind etwa so

groß wie ein Wandschrank. Am hinteren

offenen Ende stecken mehrere Dutzend

Kabel, vorne sind Rollen, Gewinde

und Spindeln aus Edelstahl zu sehen.

Wenn die Maschine fertig ist, wird sie Medikamente

in Plastik verpacken, immer

zehn Packungen zu einem Bündel, ein

Bündel pro Sekunde, 60 in der Minute.

Drei Monate brauchen die Pester-Leute

vom Auftrag bis zur Auslieferung, um eine

solche Maschine zu bauen. „Damit sind

wir doppelt so schnell wie unsere Konkurrenten“,

sagt Werksleiter Kevin Butler. Kundennähe

und Tempo waren die Gründe für

das Familienunternehmen aus dem Dorf

Wolfertschwenden im Allgäu, einen Teil

der Produktion nach China zu verlagern.

Auf diese Weise profitiert der Mittelständler

mit weltweit 450 Mitarbeitern davon,

dass Chinas Markt für Medikamente

boomt wie kaum ein anderer. Seit Jahren

wächst die Branche mit 20 bis 25 Prozent

im Jahr. Pesters Kunden im Reich der Mitte

sind Pharmakonzerne wie Bayer, Pfizer

Boom bei Gesundheit

Umsatz der Pharmaindustrie in China

(in Milliarden Dollar)

140

120

100

80

60

40

20

ab 2014 Prognose; Quelle: KPMG

Gute Besserung

Chinas Gesundheitssektor

soll bis 2020

auf eine Billion

Dollar wachsen

0

2008 2010 2012 2014 2016

oder Novartis, aber auch chinesische Arzneimittelhersteller.

Seit über einem Jahr sitzt der 1888 gegründete

Maschinenbauer mit 18 Leuten

im Songjiang-Industriepark, etwa eine Autostunde

vom Zentrum Shanghais entfernt

– wenn kein Stau ist. So wie Automobilzulieferer

die Nähe zu ihren Kunden suchen,

folgte auch Pester seinen Abnehmern nach

Fernost. Kundennähe ist für rund die Hälfte

der deutschen Unternehmen der Hauptgrund,

in China zu investieren.

„Anfangs haben wir nur exportiert“, erzählt

Thomas Pester, der das Unternehmen

in vierter Generation führt. „2004 gründeten

wir dann ein Vertriebsbüro. Damit

wollten wir unseren Kunden zeigen: Wir

sind hier vor Ort, wir kümmern uns und gehen

auf die Bedürfnisse ein.“ Noch macht

China nur fünf Prozent des Gesamtumsatzes

von knapp 200 Millionen Euro im Jahr

aus. Aber der Anteil soll zunehmen.

BESSER ALS BARFUSS-DOKTOREN

Denn die Chancen stehen gut, dass die

Chinesen noch mehr Geld für Arzneimittel,

Pillen und Medikamente ausgeben.

„Die chinesischen Ausgaben für Pharmazeutika

werden bis 2015 zwischen 18 und

20 Prozent wachsen“, prognostiziert Norbert

Meyring, Partner und Pharma-Chef

Asien bei der Beratung und Wirtschaftsprüfung

KPMG in Shanghai.

Zum einen wächst die Zahl der Menschen,

die sich Arzneien leisten können.

Großzügig geschätzt zählen bereits 700

Millionen Menschen zur neuen Mittelschicht:

Sie haben mehr Geld zur Verfügung,

als sie zur Deckung ihrer Grundbedürfnisse

benötigen.

Nach der Mao-Ära, in der die Krankenversorgung

für alle kostenlos war, aber oft

eben auch nur den Besuch eines Barfuß-

Doktors umfasste, litten in den Neunzigerjahren

viele Chinesen unter den neuen

marktwirtschaftlichen Bedingungen. Sie

konnten sich keine Gesundheitsversorgung

mehr leisten. Nach der Reform 2009

haben immerhin 95 Prozent der Chinesen

eine – wenn auch rudimentäre – Krankenversicherung,

die etwa die Hälfte der Kosten

übernimmt.

Hinzu kommt: Schon heute sind 185

Millionen Chinesen über 60 Jahre alt.

Dem Land steht eine massive Überalterung

bevor: 2010 kamen auf 100 Erwerbstätige

elf alte Menschen, 2050 werden es

42 sein, so eine Studie der Vereinten Nationen.

Die Überalterung ist Folge der Ein-

Kind-Politik.

FOTO: REUTERS/CORBIS/DAVID GRAY

82 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Zudem leben immer mehr Chinesen in

Städten, momentan etwa 600 Millionen

Menschen. Bis 2020 sollen es mehr als eine

Milliarde sein. Sie bewegen sich oft weniger

und ernähren sich ungesünder. Zivilisationskrankheiten

nehmen zu. An Diabetes,

einer Krankheit, die vor 30 Jahren in

China quasi nicht existierte, leiden mehr

als 90 Millionen Menschen. Bei der Beratung

McKinsey geht man davon aus, dass

die Ausgaben für Gesundheit bis 2020 auf

eine Billion Dollar anwachsen, das wären

sieben Prozent der Wirtschaftsleistung.

In absoluten Zahlen ist der Markt schon

heute der größte der Welt mit Gesundheitsausgaben

in Höhe von 385 Milliarden

Dollar 2011. Und er wird weiter wachsen,

denn die Pro-Kopf-Ausgaben für Medikamente

sind mit 35 Dollar im Jahr (Stand

2009) noch immer sehr gering.

Pester steht so für viele deutsche Mittelständler,

die von Boombranchen in China

profitieren. Von den rund 5000 dort ansässigen

deutschen Unternehmen zählen

rund 60 Prozent zum Mittelstand. Mit ihren

Maschinen modernisieren sie die Wirtschaft.

Menschliche Arbeitskräfte werden

teurer und lohnen sich nicht mehr – in

Shanghai stiegen die Löhne im vergangenen

Jahr um elf Prozent. Immer mehr chinesische

Unternehmen automatisieren

deswegen ihre Produktion. Gleichzeitig

werden die Qualitätsstandards strenger.

Die Verpackungsindustrie ist traditionell

stark in Schweden, Deutschland und Italien.

Die chinesischen Mitbewerber holen

zwar auf. „Aber unsere Qualität ist einfach

besser“, sagt Werksleiter Butler. „60 Verpackungen

kann eine Pester-Maschine in der

Minute bündeln. „Unsere lokalen Konkurrenten

schaffen höchstens 25.“

GLOBAL PLAYER GESUCHT

Butler ist seit 15 Jahren in China und in der

Branche ein Veteran. Der gebürtige Brite

hält hohe Qualität für den größten Wettbewerbsvorteil.

„Über den Preis kann kaum

ein ausländisches Unternehmen mit einheimischen

konkurrieren.“ Um den Vorteil

zu halten, importieren die Allgäuer Schlüsselkomponenten

aus Deutschland. Denn,

so Butler: „Wer nach China geht, muss damit

rechnen, kopiert zu werden.“

Momentan spielt die Marktstruktur dem

Mittelständler in die Hände. Chinas Pharmabranche

ist mit mehr als 5000 Anbietern

extrem fragmentiert. Die Regierung will

das ändern: Wie in der Autoindustrie hätte

Peking lieber einige wenige Global Player.

Über neue Regularien, den „Goods Manufacturing

Standards“, kurz GMS, will die

Regierung zwar in erster Hinsicht die Qualität

der Produkte erhöhen. Sie haben aber

den Nebeneffekt, dass kleinere Mitbewerber

aus dem Markt gedrängt werden.

So hat Peking 2013 ein Track-and-Trace-

System für Medikamente vorgeschrieben,

das die Herkunft jeder Charge nachweisen

kann. Viele chinesische Mitbewerber können

da nicht mithalten. „Unsere Maschinen

sind darauf eingestellt“, sagt Butler und

geht hinüber in die Lagerhalle.

Eine gelbe Linie auf dem Boden teilt den

Raum. Rechts stehen Pester-Maschinen,

links die eines anderen Herstellers. Pester

teilt sich die Fabrikhalle mit Multivac, einem

Verpackungsmaschinenbauer für die

Lebensmittelindustrie. Konkurrenten sind

die Unternehmen also nicht, sondern beide

sparen so Kosten. Zusammengefunden

haben sie im fernen China nach dem Motto

„Die Welt ist klein“: Beide kommen aus

demselben Dorf im Allgäu.

n

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai

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Expansion mit

Finanzinvestoren

Internetstores verkauft

Fahrräder und

Campingartikel

Kapital plus Köpfchen

Private-Equity-Häuser können Mittelständlern bei der Finanzierung von Übernahmen helfen.

Wie das funktioniert, beschreibt die zweite Folge einer sechsteiligen Serie der WirtschaftsWoche in

Kooperation mit der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Deloitte.

René Marius Köhler hat geschafft, wovon viele

Mittelständler träumen: Er hat das elterliche

Unternehmen in das digitale Zeitalter geführt.

Aus einem traditionellen Fahrradhandel in Stuttgart

machte er einen florierenden Internet-Anbieter. Auf

Online-Plattformen wie fahrrad.de, Bruegelmann.de

oder Campz.de vertreibt Köhlers Unternehmen Internetstores

nicht nur Fahrräder und Ersatzteile, sondern

auch Outdoor-Kleidung und Campingzubehör

an Kunden in ganz Europa. Für dieses Jahr erwartet

Köhler einen Umsatz von knapp 130 Millionen Euro.

Als der damals 20-Jährige 2003 anfing, das Sortiment

seiner Eltern online anzubieten, lag der Jahresumsatz

des Stuttgarter Geschäfts bei gerade mal 1,5

Millionen Euro. Seine Eltern seien skeptisch gewesen,

erinnert sich Köhler, zumal er allein für den Kauf der

Internet-Domain fahrrad.de mehr als 40 000 Euro

zahlen musste: „Für meine Eltern war es abwegig, so

viel Geld in den Online-Handel zu investieren.“ Eine

Million allerhöchstens werde er damit langfristig umsetzen,

so die pessimistische Prognose des Seniors.

Dass die Kalkulation von Köhler junior aufging,

liegt nicht zuletzt daran, dass sich private Kapitalgeber

an seinem Unternehmen beteiligten: die deutschen

Internet-Unternehmer Marc, Oliver und Alexander

Samwer mit ihrer Holding Rocket Internet

übernahmen 2008 einen Anteil von 20 Prozent an In-

SERIE

Mittelstand

Fit for Future

Fusionen & Übernahmen

Der richtige Partner (I)

Finanzinvestoren (II)

Finanzierung (III)

Osteuropa/Asien (IV)

Integration (V)

Interview (VI)

ternetstores. Vier Jahre später verkauften sie ihren

Anteil an die schwedische Private-Equity-Gesellschaft

EQT. Mit deren Unterstützung hat Köhler den

schwedischen Outdoor-Händler Addnature übernommen

– für umgerechnet rund 25 Millionen Euro.

Anteile am eigenen Unternehmen an eine Beteiligungsgesellschaft

verkaufen, um mit frischem Kapital

eine andere Firma zu übernehmen? Was auf den ersten

Blick paradox anmuten mag, ist für Karsten Hollasch

völlig normal. Hollasch ist Partner Transaction

Advisory Services beim Prüfungs- und Beratungsunternehmen

Deloitte, mit deren finanzieller Unterstützung

die WirtschaftsWoche eine Serie über Fusionen

und Übernahmen im Mittelstand veröffentlicht.

„Private-Equity-Gesellschaften sind gute Partner,

um Übernahmen zu tätigen, weil sie aufgrund ihrer

Erfahrungen in verschiedensten Industrien mehr als

nur Kapital zur Verfügung stellen können“, sagt Hollasch.

„Sie bieten auch Know-how und können so

den meisten Mittelständlern bei der Suche nach geeigneten

Übernahmekandidaten helfen.“

So lief es auch bei Internetstores. Den Plan für die

Expansion haben EQT und Internetstores gemeinsam

ausgetüftelt. „EQT hat anschließend seine Netzwerke

in Schweden genutzt und den Kontakt zur Firma

Addnature hergestellt“, sagt Michael Föcking, der

bei EQT für die Beteiligung an Internetstores verant-

FOTOS: LAIF/BERTHOLD STEINHILBER, PR; ILLUSTRATION: KRISTINA DÜLLMANN

84 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Mit Unterstützung von Deloitte*

wortlich ist. Außerdem hat die Private-Equity-Gesellschaft

zusätzliche Millionen investiert, um die Übernahme

von Addnature zu finanzieren.

Doch Kapital und Köpfchen gibt es nicht zum Nulltarif.

Während stille Teilhaber damit zufrieden sind,

wenn regelmäßig Gewinnanteile ausgeschüttet werden,

nehmen klassische Private-Equity-Gesellschaften

direkten Einfluss auf die Führung des Unternehmens.

Das zu akzeptieren fällt gerade mittelständischen

Unternehmen nicht immer leicht. „Viele Mittelständler,

die etwas ,mit eigener Hand‘ aufgebaut

haben, befürchten, dass ihr Unternehmen nach der

Übernahme eine negative Entwicklung nehmen

könnte“, sagt Hollasch.

Auch Köhler kann bei Internetstores nicht mehr

komplett frei walten und schalten. Er muss etwa für

jedes Geschäftsjahr einen Budgetplan vorlegen, den

der Beirat des Unternehmens genehmigen muss.

„Das Budget gibt vor, wie viel für konkrete Themen

ausgegeben werden darf“, sagt Investmentmanager

Föcking, der im Beirat die EQT-Interessen vertritt.

Köhler kann damit leben: „Mit Private-Equity-Partnern

kann in kurzer Zeit sehr viel bewegt werden.“

Diese pragmatische Einstellung zu Investmentgesellschaften,

die in der Öffentlichkeit noch immer

häufig als Heuschrecken gescholten werden, teilt der

31-Jährige mit vielen anderen Familienunternehmern.

Der Grund: Sie haben häufig keine andere

Wahl. Soll die von den Eltern übernommene Firma

überleben, muss sie wachsen und braucht dazu mangels

eigener Masse das Geld von Investoren. Das gilt

vor allem beim Schritt in die digitale Zukunft.

„Private Kapitalgeber sind für Internet-Unternehmen

häufig unverzichtbar, weil der normale Kapitalmarkt

nicht in gewohnter Weise zur Verfügung steht“,

sagt Tobias Kollmann, Professor für E-Business und

E-Entrepreneurship an der Universität Duisburg-

Essen. Das Geschäftsmodell von Firmen wie Internetstores

sei klassischen Banken, die Geld in der Regel

nur gegen klassische Sicherheiten wie Immobilien

oder Inventar verleihen, immer noch schwer vermittelbar.

„Das liegt zum Beispiel daran, dass es viele

immaterielle Vermögenswerte gibt, wie etwa Markenbekanntheit

oder Reichweite“, sagt Kollmann. Die

traditionellen Risikoberechnungen der Banker funktionierten

im Internet-Zeitalter nicht mehr.

STÄRKERE VERHANDLUNGSPOSITION

Zudem sind viele Banken nach der Finanzkrise vorsichtiger

bei der Kreditvergabe geworden. Nach dem

Mittelstandspanel der staatlichen deutschen Förderbank

KfW sind die durch Fremdkapital finanzierten

Investitionen deutscher Mittelständler zwischen 2009

und 2012 nur um 3,5 Prozent gestiegen. Für 2013 liegen

noch keine genauen Zahlen vor, die KfW-Marktforscher

rechnen jedoch mit einem leichten Rückgang.

Für Online-Unternehmer wie Fahrradhändler

Köhler ist schnelles Wachstum aber existenziell,

wenn sie möglichst als Erster neue ausländische

Online-

Händler

brauchen

schnelles

Geld für ihr

Wachstum

Private-Equity-Freund

Deloitte-Berater

Hollasch hilft bei der

Suche nach Partnern

Wachsen mit

Heuschrecken

Umsatzentwicklung

von Internetstores

(in Millionen Euro)

150

120

90

60

30

2008 2014

Quelle: Unternehmensangaben

Märkte erobern wollen. Dafür brauchen sie schnell

Geld. Die Private-Equity-Investitionen in den

deutschen Mittelstand haben sich darum im selben

Zeitraum mehr als verdoppelt.

Der starke Einfluss der Private-Equity-Investoren

hat für Mittelständler eine weitere positive Nebenwirkung:

Er stärkt ihre Verhandlungsposition. „Im

Moment ist der M&A-Markt ein Verkäufermarkt“, sagt

Deloitte-Berater Hollasch. Zum Vorteil der Verkäufer:

„Für ein vernünftiges Zielunternehmen wird sich

stets mehr als ein Investor interessieren.“

Die Gefahr, dass Mittelständler Unternehmensanteile

unter Wert verscherbeln müssen, ist deshalb

derzeit gering. Das dürfte nach Hollaschs Überzeugung

auch noch einige Zeit so bleiben. „Die Private-

Equity-Branche und ein hohes Maß an verfügbarem

Beteiligungskapital ist einer der Treiber des

M&A-Marktes“, sagt der Deloitte-Berater. In Zeiten

niedriger Zinsen hätten Renten- und Pensionsfonds

viele Milliarden in die Beteiligungsgesellschaften

investiert. „Auch deswegen ist zu erwarten, dass

die Zahl der Transaktionen in diesem Jahr weiter

steigen wird.“

WEITERE AUSLANDSEXPANSION GEPLANT

Erfolgreich werden die allerdings nur dann, wenn die

verkaufsbereiten Unternehmer an den richtigen Private-Equity-Partner

geraten. Das wichtigste Kriterium:

Der Investor muss Ahnung von der jeweiligen

Branche haben, denn nur dann kann das Unternehmen

vom Know-how des Kapitalgebers profitieren.

In aller Regel haben die verkaufswilligen Unternehmer

es mit ausgebufften Profis zu tun, häufig noch

verstärkt durch Berater. Mittelständler, die sich nur

auf die eigene Erfahrung verlassen, können dann

leicht ins Hintertreffen geraten. „Es reicht nicht, nur

mit dem langjährigen Steuerberater in solche Verhandlungen

zu gehen, besser ist es, zusätzlich einen

erfahrenen Transaktionsberater einzuschalten“, rät

Deloitte-Partner Hollasch. Der könne zum Beispiel

dabei helfen, Regeln zu formulieren, bei denen der

Mittelständler nicht über den Tisch gezogen wird.

Auch Köhler hatte 2012 die Wahl zwischen mehreren

Interessenten, die bei Internetstores einsteigen

wollten. Ausschlaggebend für die Partnerwahl waren

nicht nur finanzielle Kriterien. „Wir haben uns nicht

für den Investor entschieden, der das Unternehmen

am höchsten bewertet hat, auch die Chemie sollte

stimmen“, erinnert sich Köhler. „Ich wollte nicht, dass

da Revolverhelden am Tisch sitzen.“

Bereut hat der Stuttgarter seine Entscheidung

nicht. Der Online-Handel habe noch riesige Zuwachsraten,

auch das Fahrrad- und Outdoor-Geschäft

sieht Köhler langfristig positiv. Darum will er

weiter in das europäische Ausland expandieren. n

benedikt müller | unternehmen@wiwo.de

* Die Inhalte auf diesen Seiten wurden von der

WirtschaftsWoche redaktionell unabhängig erstellt.

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 85

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Technik&Wissen

iPhone auf Rezept

MEDIZIN | Apple, Google und Co. greifen Ärzte, Pharmakonzerne und Versicherer

an. Sie wollen uns helfen, gesünder zu leben und Krankheiten zu besiegen. Leeres

Versprechen oder Aufbruch in eine neue Dimension des Heilens?

Jetzt ist es wieder so weit: Zum Beginn

des Schuljahrs marschieren

aufgeregte Erstklässler an der

Hand ihrer Eltern in die Lehranstalten

– riesige Tüten voller Süßigkeiten

und Spielzeug stolz an sich gepresst.

Unter den quirligen Sechsjährigen

findet sich in fast jeder Klasse einer, der ein

buntes Pflaster auf einem Auge trägt. Dem

Gesunden wohlgemerkt, denn das andere,

schwächere soll trainiert werden.

Kein Kind mag so ein Pflaster. Damit die

Jungen und Mädchen es schneller loswerden,

können sie jetzt das tun, was sie eh

schon allzu gerne machen: mit dem

Smartphone ihrer Eltern spielen. Möglich

macht das eine neue App, ein digitales Memory,

bei dem sie Paare von Löwen oder

Krokodilen finden müssen. Nur der Hintergrund

sieht anders aus als gewohnt: Die

grau-schwarzen Farbübergänge wirken

unruhig, irritierend.

Das ist Absicht: „Das Muster regt die Augen

an“, erklärt Markus Müschenich. Der

gelernte Kinderarzt hat das Berliner Startup

Caterna Vision mitfinanziert, das die

App entwickelt hat. „Das ist Software als

Medizin“, sagt er begeistert. Die App gibt es

seit Kurzem sogar auf Rezept, die Krankenkasse

Barmer GEK übernimmt die

Kosten.

Für die Kinder, die mit dem Programm

spielen, wird etwas ganz normal sein, was

für die meisten Erwachsenen heute noch

unvorstellbar ist: Ein Smartphone hilft ihnen,

gesund zu werden. Geht es nach dem

Willen von Apple-Chef Tim Cook, wird das

künftig Alltag sein. Er will das neue iPhone

6, das er voraussichtlich am kommenden

Dienstag vorstellen wird (siehe Kasten Seite

Durchbruch zur Cybermedizin

So schnell soll der Markt für digitale

Gesundheit wachsen (in Milliarden Dollar)

250

200

150

100

50

0

61

136

233

2013 2017 2020

Quelle: Unternehmensberatung Arthur D. Little

Tragbare Sensoren

(Wearables)

Elektronische

Gesundheitsakte

Mobile Anwendungen

(Apps)

Telemedizin

(Fernbehandlung)

Andere Bereiche

Videos

In unserer App-

Ausgabe finden

Sie Links und

Videos zur

digitalen Medizin

90), zur Schaltzentrale einer neuen,

digitalen Medizin machen,

zum iDoc. Auf dem Gerät ist die

App Healthbook vorinstalliert, so

wie bald auch auf all den anderen

Abermillionen Telefonen und

iPads, die der Konzern verkauft.

Wie eine digitale Patientenakte

bündelt das Programm die Daten

elektronischer Schrittzähler, Pulsmesser

und anderer tragbarer Sensoren, den Wearables,

mit denen heute immer mehr Menschen

ihre Fitness und ihren Gesundheitszustand

überwachen. Zusammen mit Infos

zur Ernährung, Ergebnissen von Labortests

bis hin zu Röntgenbildern entsteht ein so

detailliertes Bild vom Menschen wie nie zuvor

in der Geschichte der Medizin.

Apple ist nicht allein. Google und die anderen

Tech-Giganten schicken sich gemeinsam

mit Hunderten frechen, ideenreichen

Start-ups ebenfalls an, den

Medizinmarkt von Grund auf umzukrempeln.

So wie es zuvor der

Musikbranche, den Medien, dem

Filmgeschäft ergangen ist. Gemeinsam

ist allen digitalen Praxisstürmern,

dass sie das Smartphone

zum Hausarzt in der Hosentasche

machen wollen. Einen allgegenwärtigen

Gesundheitsberater, der uns

von der Wiege bis ins hohe Alter begleitet

(siehe Bilderstrecke ab Seite 88). Der uns

mithilfe eines funkenden Sensorpflasters

etwa vor dem drohenden Herzinfarkt

warnt;der per Kontaktlinse den Blutzuckerspiegel

bestimmt und die Pumpe steuert,

die Diabetiker mit Insulin versorgt; oder der

mit der Handykamera Hautkrebs aufspürt.

DER PATIENT WIRD MÜNDIG

Wirklich wertvoll aber werden all die Informationen

erst, wenn sie in die Daten-

Cloud wandern. Super-Rechner wie der

Watson von IBM oder die Hana-Hochleistungssysteme

von SAP werten die Messwerte

in bester Big-Data-Manier aus. Sie

vergleichen die Informationen nahezu in

Echtzeit mit den aktuellsten Forschungsergebnissen

aus allen Winkeln der Erde und

liefern so fundierte Diagnosevorschläge,

wie das nie zuvor möglich war. Kein Arzt

kann so viel Wissen überblicken.

Wir werden gerade Augenzeuge, wie ein

neuer Milliardenmarkt der digitalen Medizin

entsteht, von dem Apple, Google und

Co. einen möglichst großen Teil haben

wollen. Die Pharmabranche, die Medizintechnikkonzerne

und nicht zuletzt die Ärzte

müssen sich auf die Zerstörung ihrer traditionellen

Geschäftsmodelle einstellen

»

ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

86 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 87

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Technik&Wissen

1

»

iSprung

Apps berechnen anhand der

Körpertemperatur den richtigen

Moment, um schwanger zu werden.

– auch in Deutschland, wo es trotz aller

verkrusteten Strukturen bereits eine bunte

Start-up-Szene gibt.

Nicht mehr die Halbgötter in Weiß sammeln

und verwalten die Informationen

über unsere Gesundheit, so wie es die vergangenen

Jahrhunderte der Fall war. Immer

häufiger werden die Mediziner es mit

hervorragend informierten Patienten zu

tun haben. Die im Extremfall mit einer fertigen

Diagnose aus dem Internet in die Praxis

kommen und sich nur noch das passende

Medikament verschreiben lassen wollen.

Der Arzt wird weniger der Heiler sein

als Berater, der seinen – gelegentlich auch

überforderten – Patienten hilft, im Wust

der Körperdaten und Diagnosen den Überblick

zu behalten (siehe Interview Seite 94).

ANGRIFF DER TECH-GIGANTEN

Ein Hotspot der Entwicklung ist – natürlich

– das Silicon Valley, die produktivste IT-

Schmiede der Welt. Mitten drin sitzt Apple.

Das Motiv von Konzernchef Cook ist, in die

Medizinbranche einzusteigen: Er will seine

Kunden noch enger an sich binden. Wer all

seine Gesundheitsdaten auf dem iPhone

gespeichert hat, wem das Gerät geholfen

hat, fitter, schlanker oder gesünder zu werden,

der wird nicht zur Konkurrenz abwandern,

so die Idee. Und Cook will sich natürlich

den Zugang zu einem Megamarkt sichern,

bei all den neuen Apps mitverdie-

DOPPELGÄNGER IM DIGITALEN

In Europa ist der SAP-Konzern einer der

Pioniere, sonst eher für Unternehmenssoftware

bekannt. Die Walldorfer haben

mit ihrer Hana-Technologie eine Plattform

entwickelt, große Datenbanken effizient

und enorm schnell zu durchforsten. Forciert

von Mitgründer und Aufsichtsratschef

Hasso Plattner, übertragen sie dieses

Know-how nun auf die Medizin. Eines der

ehrgeizigsten Projekte haben die SAP-Entwickler

zusammen mit dem Genomforscher

Hans Lehrach vom Berliner Max-

Planck-Institut für molekulare Genetik gestartet.

Sie analysieren detailliert die Genaktivität

von Zellen einzelner Patienten

und entwerfen so einen digitalen Doppelgänger.

An ihm testen sie – mithilfe aufnen.

Bis 2020 soll sich das Geschäft mit

–der digitalen Medizin von 60 auf 233 Milliarden

Dollar fast vervierfachen, schätzt die

Beratung Arthur D. Little (siehe Grafik

Seite 86).

Diese Wachstumsraten locken auch die

Finanzinvestoren. Der aus Deutschland

stammende Wagniskapitalgeber Peter

Thiel, spätestens seit seiner Beteiligung an

Facebook eine Legende im Silicon Valley,

hat zum Beispiel mit seinem Unternehmen

Founders Fund Millionen in mehr als zehn

Medizin-Start-ups gesteckt, darunter die

Gesundheits-App Azumio und den Arzttermin-Service

ZocDoc. Insgesamt zwei

Milliarden Dollar sammelte die Branche

2013 in den USA ein, berichtet der amerikanische

Wagniskapitalgeber Rock Health.

Viele der so finanzierten Start-ups erhoffen

sich durch Apples Einstieg zusätzlichen

Schub. Denn der Konzern hat schon mehrmals

mit seinen benutzerfreundlichen

Apps und Geräten ganze Branchen ins digitale

Zeitalter katapultiert. Die Vision der

Macher in Cupertino: Bald sollen wir unsere

Gesundheit so einfach checken wie die

Uhrzeit. Am besten mit der sagenumwobenen

iWatch. Über die Fähigkeiten dieser

Computeruhr als Fitness-Tracker und Medizin-Sensor

hat die Tech-Szene während

der vergangenen Monate heftig spekuliert.

Sicher ist: Apple arbeitet bereits mit verschiedenen

Krankenhäusern in den USA

zusammen, darunter den renommierten

Mayo-Kliniken. Künftig, so der Plan, sollen

Ärzte über das Healthbook Fernzugriff auf

ausgewählte Daten bekommen, die Wearables

wie die iWatch liefern. „Mithilfe der

App können Ärzte ungewöhnliche Messwerte

früh erkennen“, sagt John Wald, medizinischer

Direktor von Mayo Clinic, dem

Betreiber der Kliniken.

Wo Apple sich engagiert, ist Google nicht

weit. Das Konkurrenzprodukt zum Healthbook

hat der Suchmaschinenriese bereits

vorgestellt. Google Fit soll die Medizinzentrale

der Android-Handys werden. Um die

Super-Rechner

haben mehr

medizinisches

Wissen parat

als jeder Arzt

2 Baby-Fon

Das Handy speichert Ultraschallbilder;

ein Funk-Diaphragma meldet,

wenn eine Frühgeburt droht.

Messwerte der tragbaren Körpersensoren

besser interpretieren zu könnten, betreibt

der Konzern sogar medizinische Grundlagenforschung:

Im Rahmen seines Projekts

Baseline untersuchen Ärzte jeden Winkel

der Körper von mehreren Hundert Freiwilligen,

später sollen es sogar Tausende werden.

Die Experten vermessen Organe, analysieren

Gene, bestimmen Blutwerte. Der

Ozean von Daten hilft Google, präziser zu

entscheiden, welche Werte normal und

welche ein Warnzeichen sind. Die Analyse

riesiger Mengen von Bits und Bytes ist

schließlich die Stärke des Konzerns.

ILLUSTRATIONEN: THOMAS FUCHS

88 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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3

Pollen-Prüfer

Blutgruppe, Allergien, Infektionen –

das Handy speichert alle Daten, es

meldet Pollenflug und Impftermine.

wendiger Computersimulationen – verschiedene

Krebsmedikamente, um das am

besten wirkende Mittel zu finden. Für Tumorpatienten

kann das eine Frage über Leben

oder Tod sein. Bis es so weit ist, werden

aber noch etliche Jahre vergehen.

Deutlich schneller könnte es mit einem

Medizinprojekt gehen, dessen Vorbild ausgerechnet

aus der Science-Fiction-Serie

„Star Trek“ stammt: dem Tricorder. Mit

dem Gerät konnte Mannschaftsarzt Leonard

McCoy – Spitzname Pille – auf dem

Raumschiff Enterprise Kranke abscannen

und so herausfinden, woran sie litten.

Solch eine Technik soll es bereits in weniger

als zwei Jahren als erste Prototypen auf

der Erde geben. Das jedenfalls ist das Ziel

eines Wettbewerbs, den die gemeinnützige

X-Prize-Stiftung in den USA ausgelobt hat.

Zehn Teams sind in der engeren Auswahl

und wetteifern um Preisgelder von insgesamt

zehn Millionen Dollar.

Um zu gewinnen, müssen die Kontrahenten

ein tragbares Minilabor bauen, das

15 Krankheiten erkennt, darunter Diabetes,

Hepatitis A, Tuberkulose oder einen

Schlaganfall. Die meisten von ihnen lassen

sich heute nur durch professionelle Untersuchungen

des Bluts, der Haut oder der

Lungen nachweisen. Künftig soll das mit

Teststreifen, Infrarot-Thermometer, Kamera,

Spektrometer und anderen Sensoren

des Tricorders jedermann selbst können.

Die Technik, so sie denn eines Tages

funktioniert, soll unzählige überflüssige

Praxisbesuche vermeiden, hoffen die

X-Prize-Ausrichter. Statt wie heute bei Fieber

zum Arzt gehen zu müssen, liefert

künftig eine kleine Box, verbunden etwa

mit dem iPhone, die Diagnose – das es

dann womöglich auf Rezept gibt. Es entscheidet,

was der Erkrankte tun soll. Niemand

muss dann mehr stundenlang mit

anderen Patienten im Wartezimmer sitzen.

Besorgte Eltern können sich und ihren

kränkelnden Kindern den Weg zum Kinderarzt

sparen, wenn der Tricorder die Erkältung

des Sprößlings als harmlos eingestuft

hat – und es erst einmal mit Hausmitteln

versuchen.

Dieser High-Tech-Angriff von Apple,

Google und Co. auf den Gesundheitsmarkt

könnte eine heilsame Nebenwirkung haben:

Er könnte die verkrusteten und hochregulierten

Strukturen sprengen. Mit denen

nicht nur viele Patienten höchst unzufrieden

sind, sondern auch viele der Ärzte.

Es wäre an der Zeit. Denn bisher blockte

die Gesundheitslobby jeden Versuch ab,

die allumfassende Weisheit der Mediziner

infrage zu stellen. Gerade in Deutschland

waren die Verbandsfürsten als Hüter des

Traditionalismus damit sehr erfolgreich.

TELEMEDIZIN STATT ÄRZTEMANGEL

Die Folge: Was die Nutzung von E-Health,

wie die digitale Medizin auch genannt

wird, durch Allgemeinmediziner angeht,

liegt Deutschland heute gerade im hinteren

Mittelfeld, so eine Studie der Europäischen

Union. Um genau zu sein auf Rang

18, weit abgeschlagen hinter Vorreitern wie

Dänemark, Spanien oder Estland.

Dabei könnten telemedizinische Behandlungen

in Deutschland den Ärztemangel

lindern, der zu langen Wartelisten

für Operationen und zu überfüllten Arztpraxen

führt. Sie könnten chronisch Kranken

den mühsamen Weg zum Arzt ersparen.

Auch daher will Gesundheitsminister

Bald checken

wir unsere

Gesundheit

so einfach wie

die Uhrzeit

4 Fress-Feind

Das Handy registriert Gewicht, Ernährung,

Schlaf, Bewegungen und

gibt persönliche Verhaltenstipps.

Hermann Gröhe (CDU) spätestens bis Ende

dieses Jahres ein passendes Gesetz auf

den Weg bringen – nachdem sich in der vor

Kurzem mit viel Getöse verkündeten Digitalen

Agenda der Bundesregierung nur wenig

zum Thema E-Health fand. In der Szene

ist aber die Angst groß, dass von den

Maßnahmen wie bei der elektronischen

Gesundheitskarte, die vor acht Jahren an

den Start ging, nicht viel übrig bleibt.

Die Karte sollte ein Vorzeigeprojekt werden.

Mit ihr sollten Ärzte und Patienten

einfacher auf Bluttests oder Verschreibungen

zugreifen können. Doppeluntersuchungen

und Todesfälle, weil Patienten

nicht zueinander passende Pillen eingenommen

haben, wären passé gewesen.

Doch es kam ganz anders, „weil immer

irgendjemand ein Problem sah“, erinnert

sich Medizin-Investor Müschenich, damals

noch Vorstandsmitglied eines großen

deutschen Krankenhauskonzerns. Neben

Sorgen um den Datenschutz war es vor allem

die Transparenz, die Mediziner, Kassen

und Kliniken fürchteten. Denn durch

die Karte wären ihre Leistungen kontrollierbar

und vergleichbar geworden. Doch

das deutsche Gesundheitswesen sollte Angebote

und Technik in der 2005 eigens gegründeten

Gesellschaft für Telematikanwendungen

der Gesundheitskarte (Gematik)

im Konsensverfahren selbst organisieren.

So schafften es die Beteiligten, quasi

»

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 89

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Technik&Wissen

5 Fitness-Coach

Sensoren und Apps im Handy

vermessen jede Trainingseinheit und

ersetzen den persönlichen Trainer.

»

alle medizinisch wichtigen und zukunftweisenden

Ideen auszubremsen.

Dabei hat allein die Gematik nach Angaben

der Kassen bis heute rund eine Milliarde

Euro verschlungen. Hinzu kommen

Millionen an Investitionen, die Medizintechnikkonzerne

wie Siemens oder Philips

in das einst so ehrgeizige Projekt gesteckt

haben – bisher ohne großen Erfolg. Mittlerweile

hat Siemens sogar den Verkauf seiner

Sparte für Krankenhaus-IT angekündigt.

Die Konzerne ziehen sich zurück aus dem

unsteten Geschäftsfeld. Letztlich sind nur

Insellösungen entstanden.

AUFBRUCH IN DEUTSCHLAND

Müschenich erkannte damals, dass er

selbst als Krankenhausvorstand wenig bewegen

kann. Anfang 2012 kündigte er seinen

alten Job. Er gründete die Start-up-Manufaktur

Flying Health und nebenher den

Bundesverband Internetmedizin. Die Zeit

war reif: „Das deutsche Gesundheitswesen

hat die Wünsche seiner Kunden über Jahre

ignoriert“, sagt Müschenich, „und den

Markt bereitet für junge Unternehmen mit

geradezu respektlosen Ideen.“ Ganz gleich,

ob Arztbewertungsportale, Videosprechstunden

oder Übersetzungsservice für unverständliche

Arztbriefe – die Start-ups geben

den Menschen Werkzeuge in die

Hand, um endlich als mündige Patienten

ihren Ärzten gegenüberzutreten.

»

APPLE

Tricorder am

Handgelenk

Zeigt Konzernchef Tim Cook endlich

die iWatch? Sie gilt als entscheidendes

Element seiner Medizinoffensive.

Den 9. September haben sich zahllose

Technikfans im Kalender markiert. Denn

an diesem Dienstag stellt Apple im heimischen

Cupertino seine neuesten Produkte

vor. Dann wird Konzernchef Tim Cook, so

sich denn die Gerüchte bewahrheiten,

nicht nur mit dem iPhone 6 die jüngste

Smartphone-Generation präsentieren –

sondern auch eine Computeruhr. Der US-

Blog , den die im Silicon Valley

bestens verdrahtete Technikjournalistin

Kara Swisher führt, ist sicher: „Apple wird

ein neues tragbares Gerät zeigen.“

Eine smarte Uhr an sich wäre nichts

Neues. Schließlich haben Samsung, LG

und Co. längst eine Armada solcher Geräte

auf den Markt gebracht, auf denen ihre

Nutzer SMS oder Routeninfos ablesen.

Um Aufsehen zu erregen, müsste Apple

schon eine revolutionäre Uhr erfinden, eine

Zeitmaschine, die uns in eine Science-

Fiction-Welt katapultiert.

Und so halten sich die Gerüchte, dass

Apple an nicht weniger als einem Gesundheitsscanner

fürs Handgelenk arbeitet,

ähnlich wie dem Tricorder aus der Fernsehserie

„Star Trek“. Er soll die Schritte

seines Besitzers zählen, Laufstrecken aufzeichnen

und den Schlaf protokollieren.

Dazu dürfte sich das Gerät per Funk mit

So und doch anders Idee eines US-Designers,

wie Apples Uhr aussehen könnte

dem Smartphone koppeln und Daten in

die App Healthbook speisen, mit der Apple

das Handy zur digitalen Patientenakte

und zum Gesundheits-Coach macht.

Vermutlich entwickelt Apple aber noch

weit ausgefeiltere Sensoren, die sogar

Krankheiten erkennen. Denn der Konzern

hat Medizintechnikexperten angeheuert,

darunter Ueyn Block. Er war Chefingenieur

des gescheiterten Start-ups C8

MediSensors. Dort hatte er einen Sensor

mitentwickelt, der per Lichtstrahl durch

die Haut den Blutzuckerspiegel misst.

Diabetiker, die sich bisher mehrmals am

Tag in den Finger piksen, um ihr Blut zu

untersuchen, könnten mit der neuen Methode

ihre Glucosewerte rund um die Uhr

beobachten und genauer das Insulin dosieren,

das sie sich regelmäßig spritzen

müssen. Das hilft, schwere Folgeschäden

zu vermeiden. Wird schon die erste Version

der iWatch einen solchen revolutionären

Blutscanner haben? Derzeit scheint

das eher unwahrscheinlich.

UHR ÖFFNET HAUSTÜR

Dennoch erwartet die US-Bank Morgan

Stanley, dass Apple in den ersten zwölf

Monaten nach Verkaufsstart 30 bis 60

Millionen Exemplare seiner iWatch verkaufen

könnte. Nicht nur weil sie medizinische

Daten liefert, sondern so etwas

wie die Fernbedienung des Alltags werden

soll: Der Nutzer kann vermutlich

Textnachrichten diktieren, die Stereoanlage

fernsteuern und sogar Lampen, Türschlösser

oder Thermostate bedienen.

Die nötige Software dazu bringt Apple im

Herbst heraus: Die App HomeKit soll

iPhone und iPad zu Schaltzentralen für

Smart-Home-Geräte machen. Vielleicht

wird die iWatch auch als virtuelle Geldbörse

dienen. Mithilfe eines Funkchips

soll der Nutzer bald an vielen Supermarktkassen

zahlen können.

Was bringt der Dienstag noch? Natürlich

das neue iPhone 6. Analysten der kanadischen

Investmentbank RBC Capital

Markets rechnen mit bis zu 75 Millionen

verkauften Geräten im ersten Quartal –

26 Millionen mehr als im Vorjahreszeitraum.

Beobachter erwarten einen schnelleren

Prozessor, ein größeres Display und

einen besseren Akku. Das alles sind Fortschritte

– aber keine Revolution. Wenn

sie kommt, dann wohl in Form eines Armbands

(mehr auf wiwo.de/apple).

andreas.menn@wiwo.de

FOTO: MARK BELL/BELM DESIGNS; ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

90 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

6 Haus-Arzt

Zur Sprechstunde lädt der Arzt

künftig per Videoanruf – und schaltet

bei Bedarf Fachkollegen dazu.

»

So wie der untersetzte 30-Jährige, der

mit einer schmerzenden Schulter und

ziemlich verwirrt zu Anja Bittner gekommen

ist. Drei Wochen nach einem Sturz

war er zur Kernspintomografie im Krankenhaus

gewesen und erhielt einen zehn

Zeilen langen Befund – voller Rätsel. Von

„blutigen Imbibierungen“ und von „corticalen

Defektbildungen“ ist die Rede. Der

Patient verstand kein Wort. Zeile für Zeile

geht die Medizinerin Bittner daher in ihrem

Büro den Bericht durch und übersetzt

jeden Fachbegriff. Bis aus den zehn Sätzen

medizinischen Formeln auf sechs Seiten

verständliches Deutsch geworden ist. Das

Ergebnis: Die Schulter ist ausgekugelt.

SPIELERISCH ABNEHMEN

Bittner ist Gründerin des gemeinnützigen

Dresdner Internet-Portals Washabich.de.

Jede Woche laufen auf der Seite rund 150

Krankheitsberichte, Röntgenbefunde oder

Entlassungsbriefe aus dem Krankenhaus

ein. Die Patienten laden die Dokumente

hoch, und die mehr als 1000 freiwilligen

Ärzte und Medizinstudenten ab dem achten

Semester übersetzen die Dokumente –

kostenlos. „Die Menschen verändern sich“,

sagt Bittner. „Vor 40 Jahren hätte noch kein

Patient seinen Arzt gefragt, warum er denn

diese Pillen überhaupt nehmen soll. Heute

fordern sie mehr Infos – und wollen mehr

selbst entscheiden.“

Der Umbruch hat Deutschland endlich

erreicht, trotz aller Hindernisse. Wo große

Medizintechnikkonzerne und auch die Politik

noch auf einen Startschuss zu warten

scheinen, haben sich Start-ups und Patienten

bereits auf den Weg begeben. Junge

Unternehmer wie Bittner arbeiten hierzulande

an einer besseren Kommunikation

zwischen Arzt und Patient, an einer besseren

Versorgung für chronisch Kranke und

an innovativen Behandlungsmethoden.

Das lockt wie in den USA auch hierzulande

die Geldgeber an. Allein im vergangenen

Jahr haben sich mehrere Risikokapitalfirmen

gebildet, die ihren Fokus ganz auf

die Gesundheit richten: etwa der Berliner

Fonds XL Health, der innerhalb der nächsten

drei Jahre 50 Millionen Euro investieren

will. Das Geld kommt von Frank Gotthardt,

Gründer und Vorstandschef der Koblenzer

CompuGroup Medical, einem

Softwareanbieter für Ärzte.

Entwicklungen wie Healthbook treiben

die Start-ups weiter an. „Apple nimmt uns

Arbeit ab“, freut sich Sebastian Gaede, ein

smarter Ökonom Anfang 30. Der IT-Riese

kümmere sich etwa um die Anbindung der

Wearables und schaffe Standards, damit

die Patienten problemlos ihren Blutdruck

oder ihre Insulinwerte an Apps senden

könnten, „wir können uns dann voll auf

das Nutzererlebnis konzentrieren“. Gaede

hat in München gemeinsam mit Philipp

Legge und Julian Weddige, einst Kollegen

in einer Beratung, das Start-up SmartPatient

gegründet. Ihre App MyTheraphy unterstützt

chronisch Kranke bei ihrem täglichen

Kampf gegen die Krankheit. Sie erinnert

daran, Medikamente einzunehmen,

und zeigt den Patienten in hübschen, zartblauen

Grafiken jeden Tag, wie nah sie ihren

Zielen schon gekommen sind.

Das ist wichtig, denn Patienten weichen

allzu oft von der verordneten Therapie ab –

etwa weil Medikamente unangenehme

Nebenwirkungen haben, sie die Anweisungen

ihres Arztes vergessen oder nicht

Therapie-Apps

ersparen chronisch

Kranken

den mühsamen

Weg zum Arzt

7

Pillen-Prüfer

Arzneidosen mit Funkchip und Tabletten-Tagebücher

als App erinnern

Patienten an die nächste Einnahme.

richtig verstanden haben. Was jährlich in

Deutschland einen Schaden von bis zu 75

Milliarden Euro verursacht, so eine Studie

der Bertelsmann Stiftung.

Das Smartphone könne da zur „helfenden

Hand“ werden, die klar strukturierte

Etappenziele vorgebe, erklärt der Münchner

Berater Michael Mücke von Mücke,

Sturm & Company. Gamification heißt das

Schlagwort, das die Menschheit gesünder

machen soll. Natürlich weiß jeder Übergewichtige

auch ohne digitale Hilfe, dass es

besser wäre, weniger zu essen und sich

mehr zu bewegen. Gesundheit, Sport und

Abnehmen macht aber auf einmal mehr

Spaß, weil wir uns per Apps und Internet

täglich mit anderen messen oder unseren

eigenen Fortschritt beobachten können.

VERSICHERER ZAHLEN

Mittlerweile haben die ersten Krankenkassen

entdeckt, dass die Ideen der Start-ups

durchaus Potenzial haben. So kooperiert

das Online-Portal Medexo.de, dessen Experten

eine medizinische Zweitmeinung

als Gutachten geben, bereits mit mehr als

zehn Kassen, darunter auch die AOK.

Und seit wenigen Monaten gibt es auch

die ersten Apps auf Rezept: Die Barmer

GEK überschritt als Erste die unsichtbare

Linie, indem sie die Spiele von Caterna für

ihre Patienten mit Sehstörungen anerkannte.

Und bei der Deutschen BKK kön-

ILLUSTRATIONEN: THOMAS FUCHS

92 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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8 9

Patienten-Kladde

Chirurgen sehen alle Befunde und

Bilder des Patienten auf dem Display

von Handy oder Datenbrille.

nen sich Patienten, die sich von einem

Schlaganfall erholen, die Kosten für das

Gehirntraining-Programm des Berliner

Start-ups Synaptikon erstatten lassen.

Der Kölner AXA-Konzern kooperiert

ebenfalls mit einem Web-Dienstleister. So

arbeitet der Versicherer mit dem niedersächsischen

Unternehmen Novego zusammen,

das Burn-out-Gefährdeten und Menschen

mit depressiven Symptomen übers

Netz Begleitung durch geschultes Personal

anbietet. Betroffene können Zugangsdaten

für den Dienst erhalten, dessen Kosten Axa

bei einer Kranken-Vollversicherung übernimmt.

„Die Möglichkeit, auf digitalem

Wege zu jeder Tages- und Nachtzeit durch

einen Psychologen beraten zu werden, ist

natürlich kein Ersatz für eine vollwertige

Therapie“, räumt Wolfgang Hanssmann,

Vorstand der AXA Krankenversicherung

ein, „aber ein schnelles, leicht verfügbares

Angebot, um sofort Hilfe zur Selbsthilfe zu

erhalten und beispielsweise die Zeit bis

zum Beginn einer psychologischen Behandlung

zu überbrücken.“

Doch noch sind das punktuelle Projekte.

In der deutschen Versicherungswirtschaft

dominiert noch Unsicherheit über die angemessene

Strategie zur Digitalisierung

des Gesundheitssektors. „Natürlich fragt

sich die ganze Branche, ob Google künftig

auch Versicherungsdienste anbietet“, sagt

etwa der Stratege eines Versicherers.

„Doch eine schlüssige Strategie hat bisher

niemand.“ Und bei den Spitzenverbänden

der Versicherungsbranche herrscht ebenfalls

Ratlosigkeit ob des digitalen Wandels:

„Uns ist nicht bekannt, ob oder wer sich

von unseren Mitgliedern mit dem Thema

befasst“, heißt es unisono.

Auch die Pharmabranche tut sich

schwer mit der digitalen Transformation.

Nur einige Firmen haben bisher eigene,

aufwendigere Apps auf den Markt gebracht,

wie Janssen Cilag, das zum US-

Konzern Johnson & Johnson gehört, oder

MSD Sharp & Dohme, eine Tochter des

amerikanischen Pharmariesen Merck &

Co. Sie fungieren etwa als Gesundheitstagebücher

oder erinnern daran, Medikamente

einzunehmen. Eher ausgefallen ist

da die WC-Finder-App von MSD für darmgeplagte

Patienten, die dringend eine öffentliche

Toilette benötigen. Aber: Die

meisten der Angebote können kaum mit

den oft wesentlich nutzerfreundlichen Produkten

der Start-ups mithalten.

Überwacht die

Krankenkasse

bald via Handy,

wie viel Sport

ich treibe?

Geh-Hilfe

Sensor-Schuhe und Apps überwachen

die Fortschritte bei

Rehabilitationsprogrammen.

OFFENE FRAGEN

Und dann gibt es die Ideen, die vielen Ärzten

zu weit gehen. Die ihnen Angst einjagen,

aus Sorge um eine Medizin, in der der

persönliche Kontakt nichts mehr wert ist –

oder aus Sorge um das eigene Geschäft.

Eine dieser Ideen ist die Hautarzt-App

Klara, ehemals Goderma. Dahinter stehen

zwei beste Freunde: Simon Lorenz, zerzauste

Frisur und ein rundes, freundliches

Gesicht, ist der Visinär im Duo. Und Simon

Bolz, kurze Stoppeln am Kinn und auch auf

dem kurz geschorenen Kopf, der Stratege.

Ihre Idee ist einfach, aber umstritten: Patienten

können Muttermale, Ausschläge

und andere Hautprobleme mit dem Handy

fotografieren und an Klara schicken. Ein

Hautarzt guckt sich die Bilder an und gibt

eine erste Einschätzung. Preis: 29 Euro.

Lorenz und Bolz zogen damit den

Missmut der Berliner Ärztekammer auf

sich. Denn laut der ärztlichen Berufsordnung

dürfen Ärzte keine Diagnose stellen,

ohne die Patienten zu sehen. Klara gebe nur

eine erste Einschätzung, verteidigen die

Gründer ihr Produkt. Doch neben einer Vermutung

zur Diagnose sind in den Gutachten

auch Empfehlungen zur Linderung und

zur üblichen Behandlung des Leidens enthalten.

Die Berliner Ärztekammer horchte

daher bei den für Klara aktiven Ärzten nach

– ohne aber den Dienst zu verbieten.

Doch die Patienten haben sich längst

entschieden, Klara zu nutzen. 125 000

Downloads in 100 Ländern verzeichnet die

App. Vor allem Fotos von Ausschlägen oder

Hautveränderungen durch sexuell übertragbare

Krankheiten landen bei den Ärzten,

die für ihr Gutachten einen Großteil

der Gebühr erhalten. Klara expandiert nun

in die USA: In New York hat das deutsche

Start-up gerade ein Büro eröffnet.

Bei all den neuen Angeboten ist es für die

Patienten nicht leicht, die für sie richtigen

zu finden. 379 000 Apps, davon allein

43 000 bei iTunes, hat Oliver Scheel, Pharmaexperte

bei der Unternehmensberatung

A.T. Kearney, gezählt und gibt zu bedenken:

„Viele Anwendungen sind zweifelhaft,

da sie oft nur wie Gimmicks oder nicht zu

Ende gedacht sind.“ Anders als Ärzte haben

die Manager von IT-Firmen keinen hippokratischen

Eid geschworen, der sie verpflichtet,

Patienten nicht zu schaden. Sollten

die Gesundheitsbehörden daher »

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 93

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Technik&Wissen

10 Leib-Wächter

Senioren leben dank Ferndiagnose

per Handy länger daheim. Sensoren

alarmieren bei Stürzen Helfer.

»

Apps prüfen und zulassen? Erhält derjenige,

der Sport treibt, sich gesund ernährt

und sich dabei per App überwachen lässt,

günstigere Versicherungskonditionen?

Was ist mit Menschen, die sich trotz allem

nicht selbst mit Wearables vermessen wollen?

Müssen sie höhere Prämien zahlen?

Wer die digitalen Gesundheitshelfer

nutzt, emanzipiert sich zwar von den klassischen

Medizinern. Aber er begibt sich in

neue Abhängigkeiten. Man muss nicht so

weit gehen, wie der Berliner Philosoph

Byung-Chul Han, der Menschen, die Selftracking

betreiben, für „Zombies“ hält: „Sie

sind Puppen, die von unbekannten Gewalten

am Draht gezogen werden.“ Doch die

Macht über die Gesundheitsdaten von Millionen

Menschen ist eine große Verlockung

für dubiose Geschäfte. Bei Apple scheint

das Bewusstsein für die Gefahr zu wachsen.

Der Konzern hat gerade die Regeln für

Entwickler von Gesundheits-Apps verschärft

und explizit verboten, Kundeninfos

weiterzuverkaufen oder auch nur im Speicherdienst

iCloud zu sichern. Ob das genügt,

bleibt abzuwarten.

Klar ist: Verspielt die IT-Branche durch

Datenlecks und Bespitzelung das Vertrauen

der Kunden, ist das Geschäft mit der Gesundheit

schneller am Ende, als es begonnen

hat.

n

jacqueline.goebel@wiwo.de, lothar kuhn, thomas kuhn,

susanne kutter, andreas menn, jürgen salz

INTERVIEW Franz Porzsolt

»Unglaublicher Datensalat«

Warum der Ulmer Gesundheitsökonom mehr Probleme als Chancen

sieht, wenn Apple und Co. in die Internet-Medizin einsteigen.

Professor Porzsolt, über die Zukunft der

Medizin scheinen nicht mehr die Ärzte,

sondern die IT-Konzerne zu bestimmen.

Können wir deren Versprechen trauen,

uns gesünder machen zu wollen?

Apple, Google und viele andere haben

jedenfalls erkannt, dass sie mit Gesundheit

gute Geschäfte machen können.

Das ist nicht der beste Ansatz – jedenfalls

nicht für unser Wohlergehen. Ich sehe

eine Menge Probleme auf uns zukommen,

aber auch einige Chancen.

Was ist das Hauptproblem?

Die meisten Nutzer werden viele der angebotenen

Leistungen – die sie aus eigener

Tasche zahlen – nicht verstehen und

allen möglichen Fehlinterpretationen

aufsitzen, die sie verunsichern. Etwa

dem Irrglauben, Früherkennungstests

führten zu längerem Leben. Im Zweifelsfall

wissen die Patienten nur länger, dass

sie krank sind. Machen sie ohne jeden

Anfangsverdacht wahllos alle möglichen

Tests, verlängert das nicht ihre Lebens-,

sondern ihre Leidenszeit.

Aber auch Ärzte raten doch laufend zu

Früherkennungsuntersuchungen?

Tatsächlich ist der 300 Jahre alte Glaubenssatz

kaum auszurotten, wir könnten

eine Krankheit umso besser heilen, je

eher wir sie entdecken.

Doch große Studien zu

Brust- und Darmkrebs haben

gezeigt, dass dies nicht

stimmt.

Das ist aber kein

spezifisches Problem

der Internet-Medizin.

Nein, aber hier wird es gravierende

Folgen haben.

Eben weil viel mehr Menschen

diese attraktiven

Apps nutzen werden als

klassische Untersuchungen.

Doch die Diagnosen,

welche die Programme

liefern, werfen weitere Fragen

auf. Das zieht Folgeuntersuchungen

nach sich –

und treibt die Kosten im

DER SKEPTIKER

Porzsolt, 68, leitet die

Versorgungsforschung

der Ulmer Universitätsklinik.

Er ist ein Pionier der

Klinischen Ökonomik, die

viele etablierte Therapien

kritisch bewertet.

Gesundheitswesen, ohne einen großen

Nutzen zu stiften.

Die Ärzte sind mehr gefordert als zuvor?

Im Zweifelsfall ja – einfach um die Ergebnisse

einzuordnen. So weiß kaum ein

Laie, ob ein Test sensitiv oder spezifisch

ist. Der sensitive Test ist sehr empfindlich

und meldet alles, was nur den geringsten

Verdacht erregt. Damit ist aber

die Rate der Fehlalarme sehr hoch. Andererseits

kann ich sehr sicher sein, gesund

zu sein, wenn der Test nicht anschlägt.

Der spezifische Test ist dagegen

eher darauf ausgerichtet, ganz sicher alle

Gesunden zu finden. Da ist die Rate der

nicht entdeckten Erkrankungen höher.

Das muss ich wissen, um ein Testergebnis

richtig einschätzen zu können.

Ist das auch allen Medizinern klar?

Sie sollten es wissen. Tatsächlich vertrauen

die Menschen den Ärzten immer

weniger und erhoffen sich stattdessen

klare Antworten aus dem Netz. Dabei geben

sie sehr private Informationen preis,

die sicher nicht nur Versicherungen und

Arbeitgeber interessieren dürften.

Sind die Daten bei Apple und Co. sicher?

Ich glaube nicht. Ich hoffe aber, dass wir

bald sichere Lösungen finden. Denn es

könnte die Forschung wirklich voranbringen,

wenn Patienten

etwa Rückmeldungen über

die Wirksamkeit eines Arzneimittels

geben könnten.

So ließe sich der Nutzen einer

Therapie wesentlich

fundierter bewerten. Aus

dem bisher gesammelten

unglaublichen Datensalat

Wissen ziehen zu wollen

halte ich dagegen für vermessen.

Wo nutzt E-Health schon

heute?

Wenn Apps Menschen tatsächlich

motivieren würden,

mehr Sport zu treiben,

wäre das ein immenser gesundheitlicher

Gewinn.

susanne.kutter@wiwo.de

FOTO: PR; ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

94 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

VALLEY TALK | Ein Start-up aus San Francisco nutzt

die Schwächen der Online-Riesen aus und formt

aus deren Angeboten kreative neue Internet-Dienste.

Von Matthias Hohensee

Rosinen picken im Netz

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Geht es um Industriedesign, ist

Ideo aus Palo Alto eine der prominentesten

Adressen der Welt.

Wer hier einen der begehrten

Jobs ergattert, ist besonders talentiert. So

wie der Ingenieur Linden Tibbets. Trotzdem

kündigte er Anfang 2011 seine Stelle

bei der Designschmiede, um Unternehmer

zu werden.

Mit seinem Bruder Alexander hatte er die

simple, aber mächtige Idee, eine zentrale

Schaltstelle im Netz zu schaffen, über die

Onliner verschiedenste Internet-Angebote

zu neuen persönlichen Web-Diensten verknüpfen

können. Etwa jedes neue Foto auf

dem iPhone automatisch zum Speicherdienst

Dropbox hochladen zu lassen oder

sich vom E-Mail-Dienst Warnnachrichten

aufs Handy schicken zu lassen, falls der

Wetterdienst Regen vorhersagt. Nach den

dafür nötigen Regeln – „wenn dies passiert,

soll jenes geschehen“– nannten die Brüder

ihr Ende 2010 in San Francisco gegründetes

Start-up IFTTT, für „If This Then That“.

Heute sind auf der Plattform jede Menge

populäre Web-Angebote verzeichnet, die

sich verknüpfen lassen, wie Facebook,

LinkedIn, Ebay, Flickr und Evernote. Die

„Channels“, Kanäle, genannten Dienste

wählt der Nutzer aus und sieht dort, welche

automatisierten Abläufe, genannt „Recipes“,

es bereits gibt. Mit einem Klick wählt

er einen aus, mit einigen mehr pickt er sich

aus den digitalen Rosinen im Netz ein persönliches

Recipe zusammen. Heute verzeichnet

die Plattform 125 solcher Kanäle

und etwa 14 Millionen genutzte Abläufe.

Einige Millionen Nutzer dürfte IFTTT

schon haben – mich inklusive. Denn der

Dienst ist überaus nützlich: Da mein Auto

keinen Bordcomputer hat, nutze ich einen

Auswertungs-Chip vom Start-up Automatic

Labs aus San Francisco. Das Gerät steckt

am Diagnoseanschluss meines Wagens und

funkt nach der Fahrt die Daten zu Fahrtstrecke,

-zeit und Benzinverbrauch via

Bluetooth an eine App in meinem Handy.

Das war im Grunde ideal, wenn man geschäftliche

Fahrten protokollieren will. Nur

hatte die App lange eine entscheidende

Schwäche: Die Daten automatisch in ein

Dokument oder eine Tabellenkalkulation zu

laden stellte die Programmierer von Automatic

Labs vor Probleme. Als sich immer

mehr Nutzer darüber beschwerten, banden

sie ihren Dienst bei IFTTT ein und ermöglichen

es nun auf diesem Weg, Fahrten automatisch

online zu speichern.

AUTO ALS LICHTSCHALTER

Was als Übergang gedacht war, funktioniert

so gut, dass Automatic Labs gemeinsam

mit IFTTT an weiteren automatischen Routinen

arbeitet. Dass also beispielsweise im

Haus das Licht angeht, sobald man mit

dem Auto in die Einfahrt steuert. Das

klappt, weil auch Hersteller von Heimautomatisierungstechnik

wie Belkin oder Philips

Kanäle auf der Plattform anbieten.

Solche Funktionen mögen nicht für alle

hilfreich sein, manchen sogar nerven. Der

Vorteil ist aber, dass sich jeder seinen Lieblingsdienst

via Internet zusammenstellen

kann, statt sich mit überfrachteten Programmen

mit Dutzenden Bedienoptionen

herumschlagen zu müssen.

Mehr noch, als unabhängige Plattform

kann IFTTT sogar Dienste verschiedenster

Anbieter miteinander verknüpfen – auch

über Betriebssystemgrenzen hinweg. Und

das gilt nicht nur für reine Web-Dienste,

sondern auch für jede Menge realer, mit

dem Internet vernetzter Geräte.

All das macht die Plattform hoch attraktiv

– und die Wagnisfinanzierer wetten auf

den langfristigen Erfolg. Linden und Alexander

Tibbets haben gerade 30 Millionen

Dollar von prominenten Silicon-Valley-Investoren

wie Andreessen Horowitz sowie

Norwest Venture Partners eingesammelt –

nach 8,5 Millionen aus früheren Runden.

So viel Kapital soll nun ein möglichst profitables

Geschäft nach sich ziehen – diesen

Automatismus aber müssen die Gründer

erst noch programmieren.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 97

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Management&Erfolg

Kollege Kunde

DIGITALE MARKENFÜHRUNG | Bewertungen schreiben, Inhalte verbreiten, Produkte

entwickeln: Vor allem Unternehmen, die ihre Kunden für sich einspannen,

sind im Internet erfolgreich. Eine exklusive Studie zeigt, an welchen Konzernen sich

andere ein Beispiel nehmen sollten.

Quietschende Reifen, dröhnende

Motoren – fünf rote BMW

schießen in den dreispurigen

Kreisverkehr. Vollbremsung.

Stille. Passanten bleiben verdutzt

stehen, fotografieren das Spektakel.

An den Lenkrädern sitzen professionelle

Stuntfahrer, die eineinhalb Minuten ihr

Können zeigen. Mit einem Tritt aufs Gaspedal

beginnt die perfekt abgestimmte

Choreografie: Die Wagen schleudern umher,

rutschen parallel zueinander um die

Kurve, rasen aufeinander zu, driften im

vollen Tempo aneinander vorbei.

„Nur mit solchen, überraschenden Aktionen

können wir uns von der Masse abheben“,

sagt Marketingchef Steven Althaus.

Außerdem passe der Inhalt perfekt

zu den Werten der Marke – Fahrfreude

und Dynamik. „Die Zielgruppe identifiziert

sich gerne mit professionellen Piloten.“

Die Zahlen geben dem 46-jährigen Marketingmanager

recht: Weit mehr als 13

Millionen Mal haben Internet-Nutzer das

eigens fürs Netz produzierte Video Driftmob

auf YouTube seit dem Start Ende Juli

angesehen, auf Facebook hatte es nach

vier Wochen mehr als 60 000 Gefällt-mir-

Angaben eingesammelt. Und knapp 1500

BMW-Fans haben den Spot und das zugehörige

Making-of-Material mit Freunden

und Bekannten geteilt.

Sechs Monate hat der Autobauer an

dem Video getüftelt – der Aufwand hat sich

gelohnt. „Internet-Videos erreichen vielleicht

nicht die Massen wie klassische

Fernsehspots, die direkt vor der Tagesschau

laufen“, sagt Marketingprofessor

Thorsten Hennig-Thurau von der Westfälischen

Wilhelms-Universität

Münster. „Aber es ist ein gravierender

Unterschied, ob ich als

Konsument passiv und mit ganz

anderen Absichten vor dem

Fernseher sitze oder selbst initiiert

und ganz und gar freiwillig das Video

anklicke, um es bewusst zu sehen.“

Natürlich: Nicht jedes YouTube-Video

wird zum Hit. Laut einer Studie der Social-

Media-Beratung SocialFlow rufen 99 Prozent

aller Einträge in den sozialen Netz-

Erst mal ins Internet

So informieren sich Kunden vor einer

Kaufentscheidung

Informationen im

Geschäft

Öffentliche

Werbung

Empfehlung

von Freunden

und Familie

5,0

20,2

Direktmarketing 5,0

18,4

11,6

6,9

6,2

18,5

5,0 Fernsehen

3,2 Radio

Zeitungen und

Zeitschriften

Bei diesen Produkten schauen die Käufer

besonders häufig ins Netz (in Prozent)

62

61

61

53

48

%

Reisen

Soziale

Medien

Internet

Beratung durch

einen Verkäufer

Unterhaltungselektronik

Energieversorger

Telekommunikation

Automobil

Quelle: German Digitalization Consumer Report 2014

werken überhaupt keine Reaktion

hervor. Umso wertvoller sind

Fotos und kurze Filmchen, die

den Nerv der Netzgemeinde treffen

und sich wie ein digitales

Lauffeuer verbreiten.

„Aktive Markenfans sind unbezahlbar“,

sagt Alexander Kiock, Geschäftsführer der

Berliner Strategieagentur diffferent.

„Denn die Nutzer wirken nicht nur als

Multiplikatoren, sie geben ihre Empfehlung

auch noch freiwillig ab. Das ist viel

authentischer und schafft mehr Kundennähe,

als würde ein Unternehmen sich

plump selbst anpreisen.“

WILDWUCHS BESEITIGT

Viele der BMW-Fans teilen nicht nur die

Inhalte des Autobauers, sondern präsentieren

auf den sozialen Kanälen von BMW

auch selbst produziertes Material: zum

Beispiel Fotos von ihren Kindern, die auf

dem Fahrersitz hocken, mit ihren kurzen

Beinchen aber längst nicht bis zum Gaspedal

kommen. Oder einen mit Blumen geschmückten

Hochzeits-BMW. Ebenso

können die Internet-Nutzer über das sogenannte

Co-Creation Lab Ideen zur Verbesserung

der Wagen einbringen – 4758 Freizeitentwickler

sind schon angemeldet.

Gründe genug für diffferent, BMW bei

der diesjährigen Auswertung der Studie

Digital Brand Champion zum Sieger zu küren.

Insgesamt hat die Agentur 125 Marken

aus 22 Branchen anhand von vier Kategorien

und 16 dazugehörigen Kriterien untersucht

(siehe Methode Seite 103).

Das Ergebnis: Im Gesamtranking verwies

der Münchner Autobauer Vorjahressieger

Audi auf Rang zwei – die Ingolstädter

FOTOS: BMW

98 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Gas gegeben Das BMW-Online-Video Driftmob

schaffte mehr als 13 Millionen Klicks

tun sich vor allem durch ihre informativen

und unterhaltsamen Inhalte hervor. Sportartikelhersteller

Adidas landete auf dem

dritten Platz, überzeugte die Studienautoren

besonders mit seinen innovativen Marketinginstrumenten:

Adidas bietet den

Konsumenten etwa die Möglichkeit, Sportschuhe

oder Trainingsjacken in den persönlichen

Lieblingsfarben zu gestalten, und

nutzt neue soziale Kanäle wie das Fotonetzwerk

Instagram oder die Blogging-

Plattform Tumblr.

„Die Markenführung im Netz hat sich

insgesamt stark professionalisiert, der

Wildwuchs ist auf breiter Front verschwunden“,

sagt Markenberater Kiock. Und auch

die Marketingbudgets wandern zunehmend

Richtung Internet: Laut Marktforschungsinstitut

Nielsen lagen die Bruttowerbeausgaben

für den Online-Bereich im

ersten Halbjahr 2014 bei 1,6 Milliarden Euro,

rund sieben Prozent mehr als im Vorjahr.

Besonderen Anteil daran hat die mobile

Werbung – kein Wunder, nutzt heute

doch fast jeder zweite Deutsche ein

Smartphone. Der Rechner für die Hosentasche

verleiht den Botschaften der Markenartikler

Omnipräsenz.

„Die Unternehmen dürfen ihre Kunden

aber nicht zum Abnehmer ihrer Werbe-

»

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 99

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Management&Erfolg

Was Kunden wollen Tickets für die RTL-Show „Rising Star“ verlost Handyhersteller HTC

gezielt via Facebook. Auf Google+ würde ein solches Gewinnspiel nicht funktionieren

»

botschaft degradieren“, sagt Marketingprofessor

Hennig-Thurau. „Die Konsumenten

sind durch die digitalen Kanäle

längst Partner der Unternehmen geworden

– bei der Verbreitung der Markenwerte,

aber nicht selten auch bei deren inhaltlicher

Entwicklung.“

Habe Marketing früher einer Bowlingbahn

geglichen, auf der die Konsumenten

als Kegel galten, die nur auf den Einschlag

der Markenbotschaft warteten, seien sie

heute eher Teil eines Flipperspiels: „Durch

ihre digitalen Werkzeuge können die Kunden

Werbebotschaften stoppen, beschleunigen

oder auch in eine völlig neue Richtung

lenken“, sagt Hennig-Thurau.

Eine Machtverschiebung, die kein Unternehmen

mehr ignorieren sollte. Auch,

weil das Internet längst unverzichtbare Informationsquelle

geworden ist. Der Blog

allfacebook.com registrierte im Januar

Digitale Disziplinen

2014 deutschlandweit mehr als 27 Millionen

aktive Nutzer auf Facebook. Laut dem

German Digitalization Consumer Report

der Universität Münster und der Beratung

Roland Berger sind die digitalen Kanäle

mittlerweile die wichtigste Quelle

für Verbraucher, um ihre Kaufentscheidung

im Vorfeld abzusichern.

Fast ein Viertel der Konsumenten

recherchieren die besten

Angebote, Preisvergleiche

oder Erfahrungsberichte im Netz

und in den sozialen Netzwerken

(siehe Grafik Seite 98). Selbst die

Empfehlungen von Freunden

und der Familie in der realen Welt ist nur

für etwa 20 Prozent für die Kaufentscheidung

ausschlaggebend.

„Unternehmen müssen sich diesem radikalen

Wandel stellen“, sagt diffferent-

Markenexperte Kiock. „Das Internet ist

Welche Marken in den verschiedenen Kategorien führen (maximal 40 Punkte)

Wer besitzt die schlüssigste

Markenbotschaft im Netz?

HTC

Panasonic

L’Oréal

Acer

C&A

Quelle: diffferent

32,9

32,5

32,4

32,1

32,1

Wer kommuniziert am

besten mit den Kunden?

BMW

Amazon

O2

Audi

Zalando

36,6

33,3

31,4

31,3

31,0

Wer bietet den meisten

Nutzwert?

Deutsche Bahn

Commerzbank

Audi

BMW

Mercedes-Benz

36,0

35,9

35,2

34,4

33,6

Wer liegt bei Online-

Trends vorne?

Sony

Nike

Adidas

Mercedes-Benz

Volkswagen

Mehr

In unserer App-

Ausgabe finden

Sie die Rankings

zu allen 22 untersuchten

Branchen

34,0

33,8

33,5

33,3

32,7

nicht nur digitales Schaufenster, in dem

man seine Produkte hübsch drapiert – es

ist Verkaufsraum, Infostand und Servicehotline

in einem. Nur wer auf allen Gebieten

eine gute Figur macht, schafft beim

Kunden ein positives Markenerlebnis.“

Das hat auch die Deutsche Bahn begriffen.

Der Konzern, der im Internet oftmals

als Prügelknabe herhalten muss, weil Züge

oder Klimaanlagen ausfallen, ist seit 2011

auf Facebook und Twitter aktiv. Hauptmotiv

für den digitalen Start vor drei Jahren:

meckernden Kunden kompetent Antwort

geben. Das Social-Media-Team erklärt etwa,

warum es zur beanstandeten Verspätung

kommt, in welchem Bereich bestimmte

Tickets gültig und welche Verbindungen

die beste Alternative für ausgefallene Züge

sind. Die Antworten lassen in der Regel nur

ein paar Minuten auf sich warten.

LIEBESBRIEF VON DER BAHN

Dass sich mit gelungenen Antworten aber

nicht nur zufriedene Kunden, sondern

auch Klicks generieren lassen, zeigte der

Konzern im vergangenen Jahr, als sich eine

junge Frau ihren Bahn-Frust von der Seele

schrieb – in Form eines Liebesbriefs. „Meine

liebste Deutsche Bahn, seit vielen Jahren

führen wir nun eine abenteuerliche Beziehung“,

beginnt der Eintrag auf der Facebook-Seite

der Bahn. „Dass du

mich jetzt bei klirrender Kälte

fast 45 Minuten warten lässt, ohne

Bescheid zu sagen, und dann

gar nicht auftauchst, das geht

nun wirklich zu weit.“ Und weiter:

„Ich brauche jemanden an

meiner Seite, der zuverlässig ist,

nicht nur mein Geld will und

auch bereit ist, auf meine Bedürfnisse

einzugehen. Und ich habe so jemanden

kennengelernt. Er nennt sich Opel.“

Darauf hin gab die Bahn den reumütigen

Verehrer: „Ich weiß, dass ich in der Vergangenheit

viele Fehler gemacht habe und

nicht immer pünktlich bei unseren Treffen

war. Vielleicht gibst du mir aber noch einmal

die Möglichkeit, dir zu zeigen, wie viel

du mir bedeutest.“ Auch Opel schaltete

sich in die Konversation ein. Tausende

Likes und Hunderte Kommentare folgten.

Lohn der Mühe: Unter den deutschen

Digital Brand Champions bietet die Bahn

die ansprechendsten Inhalte für die Konsumenten.

Auch die Web-Site ist beliebt

und laut Studie sehr benutzerfreundlich,

alle wichtigen Infos seien leicht zu finden.

„Wir analysieren das Nutzerverhalten genau

und orientieren uns daran“, sagt Bir-

»

100 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Management&Erfolg

» git Bohle, Vertriebschefin für den Personenverkehr

der Deutschen Bahn.

So hatte die Bahn etwa festgestellt, dass

Autoproduzenten liegen vorn

Die 20 besten Marken im Internet

viele potenzielle Kunden beim Kauf eines

Online-Tickets aussteigen, sobald es ans

Bezahlen geht. Um diesen Schritt zu vereinfachen,

akzeptiert die Bahn nun auch

Direktüberweisungen und PayPal.

Rang*

1

2

3

Marke

BMW

Audi

Adidas

Punkte von

maximal 160

132

126

116

Manchmal nutzt die Bahn ihre Kunden

4 Sony

116

auch als Versuchskaninchen. Ihr Europaticket

etwa bewirbt die Bahn auf ihrer

5 Volkswagen

115

6 Mercedes-Benz

115

Homepage mit verschiedenen Motiven.

Während der eine Kunde den Eiffelturm zu

Gesicht bekommt, erscheint auf dem Bildschirm

des nächsten der Big Ben. So weiß

das Unternehmen recht schnell, welche

Fotos ziehen und welche nicht.

7

8

9

10

11

O2

HTC

Vodafone

Nike

Ford

114

113

113

112

111

FACEBOOK-FANS TICKEN ANDERS

Worauf die User stehen, hat auch der

Handyhersteller HTC herausgefunden.

Der taiwanische Konzern steckt mittlerweile

40 Prozent seines Marketingbudgets

ins Netz. Das passt zu seinen Kunden, die

mehrheitlich zwischen 18 und 39 Jahre alt

sind und sich regelmäßig auf digitalen

Plattformen tummeln – von YouTube über

Twitter bis zum Fotonetzwerk Pinterest.

Und genau dort von HTC angesprochen

werden – mit Inhalten, die bewusst auf den

jeweiligen Kanal ausgerichtet sind.

„Wir haben gemerkt, dass unsere Fangemeinde

auf Google+ deutlich technikaffiner

ist als unsere Fans auf Facebook“, sagt

Nadine Deisenroth, Marketingchefin von

HTC Deutschland.

Karten für die RTL-Talentshow „Rising

Star“ etwa verlost HTC deshalb gezielt auf

Facebook und Twitter, aber nicht auf dem

sozialen Netzwerk der Suchmaschine.

Zu seinen regelmäßigen Fotoaktionen

ruft HTC allerdings auf allen Kanälen auf:

Dabei sollen Nutzer zu vorgegebenen The-

12

13

14

15

16

17

18

19

20

Deutsche Bahn

Panasonic

Otto

Samsung

Toyota

Telekom

Opel

H&M

L’Oréal

111

111

110

109

109

108

108

107

106

* unterschiedlicher Rang bei gleicher Punktzahl ergibt

sich aus den Nachkommastellen; Quelle: diffferent

men Fotos posten, die sie mit ihrem

Smartphone geschossen haben – derzeit

sind originelle Selfies gefragt. Der Einsender

des Fotos mit den meisten Stimmen gewinnt

ein neues Smartphone.

Und direkt auf seiner Homepage lässt

der Smartphone-Hersteller die eigenen

Geräte bewerten. „Dass wir unsere Produkte

toll finden, ist klar“, sagt Managerin Deisenroth.

„Dem Interessenten hilft es aber

viel mehr, wenn unabhängige Käufer ihre

Meinung sagen.“

Und selbst von schlechten Bewertungen

profitiert HTC: kontaktiert Nörgler, um ihnen

bei der Lösung ihres Problems zu helfen.

Und versucht so, sie vom Kritiker zum

Fan zu machen.

KUNDEN ALS ENTWICKLER

Auch die Ideen der Kunden wissen viele

Unternehmen zu schätzen. Der Elektronikkonzern

Sony etwa bietet für seine Spielkonsole

Playstation einen Blog an, in dem

Nutzer ihre Verbesserungsvorschläge publizieren

und bewerten lassen können. So

bekommt Sony ein Gefühl dafür, was seine

Kunden wollen und was eher eine Einzelmeinung

ist.

Knapp 2000 Playstation-Spieler unterstützten

etwa die Idee vom Nutzer Tomy

Sakazaki. Er machte sich im Sony-Blog dafür

stark, auf der tragbaren Playstation-

Version Vita mehr als 100 Apps speichern

zu können. Denn das war bislang die absolute

Obergrenze – und für viele Nutzer

deutlich zu wenig. Sony erhörte seine

Kunden und erhöhte die Zahl der speicherbaren

Anwendungen im vergangenen

März auf 500.

Auf seiner Homepage stellt der Konzern

außerdem Diskussionsforen zu verschiedenen

Produkten, wie E-Readern, Fernsehern

oder Laptops, bereit. So hatte ein

Kunde etwa das Problem, dass der Aufsteckblitz

für seine Kamera ständig überhitzte.

Drei andere Hobbyfotografen schalteten

sich ein, berichteten über ihre Erfahrungen,

diskutierten, wie das Problem zu

lösen sei. Als Übeltäter identifizierte die

Runde schließlich den Akku des Aufsteckblitzes

und empfahl einen anderen.

Weiß die Internet-Gemeinde mal keinen

Rat, leiten die Diskussionsteilnehmer die

Anfrage an den Kundendienst weiter –

wenn sich zu diesem Zeitpunkt nicht

»

Für die Sinne Mit rund 50 Motiv- und Duftkarten können Commerzbank-Kunden ihre Kreditkarten individuell gestalten

102 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Management&Erfolg

»

längst ein Sony-Mitarbeiter in die Unterhaltung

eingeklinkt haben sollte.

Damit Kunden ihre Fragen bequem

auch von unterwegs loswerden und Fans

ihre Ratschläge mobil kundtun können,

passt sich das Layout der Seite automatisch

an die Bildschirmgröße des jeweils genutzten

Geräts an. Außerdem können sich

Smartphone-Besitzer auf der mobilen

Web-Site die Sony-Händler in ihrer Umgebung

anzeigen lassen.

Die Commerzbank wiederum setzt auf

die Individualität ihrer Kunden: Die können

auf dem neu gestalteten Internet-Auftritt

des Geldhauses aus 45 Motiven für ihre

Kreditkarte wählen – vom tropischen

Strand über süße Hundewelpen bis hin zur

Erde aus Weltraumperspektive. „Schon mit

solch kleinen Gimmicks können Unternehmen

den Verbrauchern große Freude

machen“, sagt diffferent-Geschäftsführer

Kiock. „Wir leben schließlich in einer Gesellschaft,

in der das Abheben von der

Masse eine enorme Bedeutung hat.“

Selbst das Angebot der Commerzbank,

zwischen vier verschiedenen Duftkarten –

Kirsche, Orange, Zimt oder Rose – zu wählen,

hält Kiock für mehr als eine nette Spielerei:

„Multisensorisches Marketing wird

das nächste große Ding.“

Das belegt etwa eine Studie des Marktforschungsinstituts

Millward Brown: Demnach

steigt die Treue zu einer Marke von

durchschnittlich 28 Prozent auf 43 Prozent,

sobald statt einem zwei oder drei Sinne angesprochen

werden. Behält der Konsument

gar vier oder fünf Sinneseindrücke

positiv in Erinnerung, liegt die Markenloyalität

bei fast 60 Prozent.

WAS AUF DIE OHREN

Deshalb gibt es von L’Oréal Paris nicht nur

was fürs Auge, sondern neuerdings auch

was auf die Ohren. Seit Anfang des Jahres

ist der Kosmetikkonzern im sozialen Netzwerk

Soundcloud vertreten. Über die Web-

Site lassen sich Musikdateien verbreiten

und austauschen.

„Als Marktführer in der Kosmetikbranche

ist es unser Anspruch, neue Internet-

Trends zu identifizieren und zu nutzen“,

sagt Nicole Gillenberg, Digitalchefin von

L’Oréal Paris.

Schon seit den Achtzigerjahren spielt Musik

im Marketing des Konzerns eine große

Rolle – etwa in den Spots der Produktlinie

Studio Line. Um auch heute junge Zielgruppen

anzusprechen, hat der französische

Konzern das DJ-Duo Trickski aus Berlin beauftragt,

die Werbemelodien von damals

Aufgebrezelt Der französische Kosmetikkonzern L’Oréal bespielt viele innovative

Digitalkanäle, darunter seit Mai auch die Blogging-Plattform Tumblr

zeitgemäß zu interpretieren. Das Ergebnis:

Sechs unterschiedliche Elektrosounds. Die

Musiker selbst haben auf der Plattform

Soundcloud schon mehr als 300 000 Fans,

die der Kosmetikkonzern durch die Kooperation

auf sich aufmerksam macht.

Seit Mai ist L’Oréal außerdem auf der

Blogging-Plattform Tumblr vertreten. Auf

der digitalen Pinnwand sammelt das Unternehmen

Stylingtipps der Kollegen aus

anderen Ländern, bindet YouTube-Videos

ein und präsentiert Fotos und Animationen

der neuesten Produkte.

„Die Unternehmen müssen entscheiden,

welche Kanäle zu ihrer Marke passen“,

sagt Kiock. „Was soll eine Bank schon Interessantes

auf der Fotopinnwand Pinterest

zeigen?“

Diese Strategie der Selektion verfolgt

auch BMW. Zwar nutzt der Konzern

Tumblr. Aber andere neue Digitalkanäle

wie Soundcloud, Spotify oder die Video-

App Vine lässt der Autobauer außen vor.

„Internet-Communitys lassen sich recht

schnell aufbauen – sie zu pflegen ist viel

schwieriger“, sagt Althaus von BMW. „Wer

sich auf unseren Kanälen langweilt, ist so

schnell weg, wie er gekommen ist.“ n

kristin.schmidt@wiwo.de

AUF DER DMEXCO

Die Studie Digital Brand Champion wird

am 11. September auf der Digitalmesse

Dmexco in Köln vorgestellt. Mit dabei:

diffferent-Geschäftsführer Jan Pechmann,

BMW-Marketingchef Steven Althaus

und WirtschaftsWoche-Chefredakteur

Roland Tichy.

METHODE

Vier Disziplinen

So hat diffferent die Digital Brand

Champions ermittelt.

Die Strategieagentur diffferent untersuchte

im Auftrag der WirtschaftsWoche

125 Marken aus 22 verschiedenen

Branchen. Zunächst wählten 2000 Befragte

aus jedem Bereich die bekanntesten

Marken aus. Bei Branchen mit

großer Bekanntheit – etwa Automobil

oder Banken – untersuchten die Autoren

je zehn Marken. Weniger präsente

Industrien wie Baumärkte oder Getränke

stellten je fünf Marken für die Studie.

Wie gut die digitale Markenführung

dieser Unternehmen ist, analysierte

diffferent anhand von vier Kategorien:

Integration Schaffen die Marken einen

hohen Wiedererkennungswert? Verlinken

sie die verschiedenen Online-Plattformen

miteinander?

Inhalte Bieten die Unternehmen Information

und Unterhaltung? Ist die

Web-Site benutzerfreundlich gestaltet?

Kommunikation Wie schnell antworten

die Unternehmen auf Fragen der

Nutzer? Wie groß ist die digitale

Fangemeinde der Marke?

Innovationsfreude Wer ist auch via

Smartphone gut zu erreichen? Binden

die Unternehmen Kunden in die

Entwicklung von Produkten ein?

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 103

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Geld&Börse

Völlig losgelöst

DAX | In den Bilanzen der 30 Dax-Unternehmen hat sich eine Riesenblase aufgebaut.

Seit nunmehr zehn Jahren schieben die Finanzchefs Abschreibungen auf.

Aktionären drohen deshalb massive Gewinneinbrüche und ein erheblicher Verlust

an Eigenkapital: Es geht um 217 Milliarden Euro.

Wahre Gemeinheiten spielen

sich immer im Hintergrund

ab. So ist es wohl kaum einem

Aktionär der Deutschen

Lufthansa aufgefallen,

dass sich das Eigenkapital seines Unternehmens

mit einem Federstrich um gleich

2,3 Milliarden Euro reduzierte. Erkennbar

wurde dieser Einbruch nur für diejenigen,

die kontinuierlich die Berichte der Kölner

Fluggesellschaft verfolgen und gleichzeitig

ein bisschen Bilanzregelkunde mitbringen.

Jahrelang durften Unternehmen ziemlich

lax mit den Rückstellungen in der Bilanz für

ihre aktuellen und künftigen Pensionäre

umgehen. Seit 2013 ist damit Schluss, seither

müssen börsennotierte Aktiengesellschaften

realitätsnäher die Ansprüche für die Altersvorsorge

bilanzieren (WirtschaftsWoche

32/2013). Die Effekte sind – wie erwartet –

teils dramatisch. Bei der Lufthansa wanderte

fast ein Drittel des Eigenkapitals weg von

den Aktionären hin in die Taschen der Pensionäre.

Die Eigenkapitalquote rutschte zum

Anpassungszeitpunkt von erträglichen 28,6

auf recht magere 20,4 Prozent.

Das Beispiel des Dax-Konzerns zeigt:Ein

Blick, der über die aufgehübschten und oft

verdrehten Gewinnmitteilungen ihrer Unternehmen

hinausgeht, lohnt für alle Anleger.

„Wer nicht auch einmal einen kritischen

Blick auf die Bilanz seines Unternehmens

wirft, der verpasst oft substanzielle

Veränderungen“, sagt Peter Leibfried, Professor

für Rechnungslegung und Wirtschaftsprüfung

an der Universität St. Gallen.

Nicht erkannt haben viele Investoren

schon viele Gefahren, die in den Bilanzen

der Unternehmen schlummern. So durften

und dürfen etwa Banken einen Großteil ihrer

Vermögenspositionen selbst schätzen.

Der Effekt ist bekannt: Billionen an dem

Anschein nach wertvollen Vermögen bilanzierten

die Geldinstitute. Und – naive

Investoren zogen lange Zeit mit: Sie jazzten

die Papiere der Banken angesichts vermeintlich

blendender Bilanzen so hoch,

Gekauft, zerlegt, bewertet

Wie der Goodwill (Firmenwert) nach einer

Übernahme entsteht*

A

Unternehmen A kauft Unternehmen B für

zehn Milliarden Euro

Das Vermögen von B wird in seine

Einzelteile zerlegt und einzeln neu bewertet

Fuhrpark?

Markennamen?

Kundenstamm?

B

In der Addition ergeben alle neu bewerteten

Vermögensteile von B einen Wert von

sechs Milliarden Euro

Die Differenz aus dem Kaufpreis und dem neu

bewerteten Vermögen von B ergibt den

Goodwill von vier Milliarden Euro,

der als eigenständige Vermögensposition in die

Bilanz gebucht wird

* Beispiel; Quelle: WirtschaftsWoche

B

Immobilien?

Lizenzen?

Patente?

dass der Sektor vor Beginn der Finanzkrise

beispielsweise mehr als 22 Prozent der Gesamtkapitalisierung

des breiten S&P-500-

Index ausmachte. Das Ergebnis der Luftbuchungen

ist bekannt. Pleiten und Rekapitalisierungen

sind bis heute die Folge; mit

Beginn der Krise im Sommer 2007 verloren

S&P-500-Bankpapiere binnen 18 Monaten

77 Prozent an Wert; der Kurs der Deutschen

Bank liegt heute, fünf Jahre nachdem

die Blase in den Bilanzen platzte, immer

noch drei Viertel unter seinem Hoch.

Auch jetzt sind viele Bilanzen nicht sauber,

lassen sich in den Zahlenwerken der

Unternehmen Milliardenbeträge an fehlgebuchtem

Kapital finden, bildet sich eine

neue gigantische Blase, die von vielen Investoren

und Analysten ignoriert wird.

ZU VIEL GELD HINGEBLÄTTERT

Der Bilanzposten, der derzeit die größte

Gefahr für das Vermögen der Aktionäre an

ihrem Unternehmen in sich birgt, heißt

Goodwill, im Deutschen auch Firmenwert

genannt. „Hier gibt es ein enormes Abschreibungspotenzial,

das zu erheblichen

Gewinneinbrüchen führen kann“, sagt Gerrit

Brösel, Professor für Betriebswirtschaftslehre,

insbesondere Wirtschaftsprüfung,

an der Fernuniversität Hagen.

Ein Firmenwert oder eben Goodwill

taucht immer dann in der Bilanz als eine

Vermögensposition auf, wenn Unternehmen

bei Übernahmen zu viel Geld auf den

Tisch gelegt haben; wenn sie mehr bezahlten,

als das im Nachgang der Übernahme

ermittelte Vermögen der neuen Tochter

wirklich wert ist (siehe Grafik). Skurril, aber

wahr: Dann erlauben die Bilanzregeln, diese

Prämie auf die neu eingekaufte Toch-

»

FOTO: OLIVIER BLAISE

104 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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173 Prozent mehr Scheinvermögen als 2000 türmen die Dax-Unternehmen auf

35 Prozent

des Eigenkapitals sind bedroht

Nur1,2 Prozent

wurden

zuletzt abgewertet

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 105

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Geld&Börse

»

ter als Zusatzvermögen in die Bilanz zu

buchen, eben als sogenannten Goodwill

oder Firmenwert. Noch hübscher für die

Finanzchefs der Unternehmen: Früher

mussten sie dieses Zusatzvermögen, die

Übernahmeprämie also, regelmäßig abschreiben,

über 10 bis 15 Jahre. Investoren

hatten also die Gewissheit, dass heiße Luft

nach Übernahmen sukzessive aus der Bilanz

genommen wurde. Seit zehn Jahren

jedoch dürfen die Unternehmensvorstände

nach einer dramatischen Änderung der

Bilanzregeln mehr oder weniger nach Lust

und Laune abwerten oder nicht.

Keine Überraschung: Sie tun es seither

so gut wie nicht mehr oder nur dann, wenn

sich überbewertetes Vermögen nicht mehr

vertuschen lässt.

KAPITALERHÖHUNG DROHT

Letzteres kommt regelmäßig bei Verkäufen

von Tochtergesellschaften vor. Bei der

Deutschen Telekom etwa radierten Abschreibungen

auf den Goodwill vor drei

Jahren 3,1 Milliarden Euro aus. Als wieder

mal die Tochter T-Mobile USA verkauft werden

sollte, mussten die Bonner den wahren

Wert ihrer Tochter offenlegen und einräumen,

dass der Buchwert in der Bilanz massiv

höher als der wirkliche Gegenwert war.

Solche Abschreibungen bei der Telekom

sind schon Legende. Einst machte die

Goodwill-Position enorme 40,6 Milliarden

Euro aus. Bis heute sind davon noch 14,6

Milliarden Euro übrig. Obwohl die Telekom

bei Zukäufen auch munter Goodwill wieder

zubuchte. So stockte 2013 der Erwerb

des regionalen US-Mobilfunkanbieters

MetroPCS für sich betrachtet den Goodwill

um 955 Millionen Euro auf. Alles in allem

summieren sich die Abschreibungen auf

nicht fassbares Vermögen in der Telekom-

Bilanz – neben dem Goodwill sind das zum

Beispiel Mobilfunklizenzen – allein in den

Jahren 2011 bis 2013 auf fast 23 Milliarden

Euro. Effekt:Kumuliert schrieb die Telekom

binnen drei Jahren vier Milliarden Euro

Verlust; und die Eigenkapitalquote sackt

immer weiter ab – auf nur noch 27,1 Prozent.

Eine Kapitalerhöhung ist da nicht

mehr fern, legt sich die Telekom doch selbst

als untere Marke 25 Prozent.

Das drückt auf den Kurs: Während der

Dax in den vergangenen zehn Jahren um

80 Prozent zulegte, liegen T-Aktionäre im

Minus. Kein Wunder, dass bei Schreckenszahlen

Unternehmen wie die Telekom versuchen,

Anlegern lieber Gewinndaten zu

verkaufen, für die es keine Vorgaben gibt

(siehe Kasten Seite 108). Insgesamt geht es

Konstant hoch

Wie sich der Anteil des Goodwill am Eigenkapital

der Dax-Unternehmen entwickelt hat

(in Prozent)

40

35

30

Überlastet Bei der Deutschen Post liegt

der Goodwill höher als das Eigenkapital

nicht nur bei der Telekom, sondern bei vielen

Unternehmen um große Zahlen und

viel Aktionärskapital: 217 Milliarden Euro

Goodwill haben allein die 30 Unternehmen

aus dem Deutschen Aktienindex inzwischen

aufgetürmt – 173 Prozent mehr

als zum Ende des Jahres 2000 (siehe Chart

Seite 109). Das entspricht 35 Prozent des

gesamten Eigenkapitals der Dax-Unternehmen

(siehe Chart) oder rund 20 Prozent

ihres aktuellen Börsenwerts. Bei einer

Komplettabwertung müssten die Dax-Unternehmen

ihr Eigenkapital um gut die

Hälfte erhöhen, um auf den alten Stand zu

kommen. Auch ohne prophetische Gaben

kann jeder voraussagen, dass dies die Kurse

massiv unter Druck bringen würde.

Goodwill/Eigenkapital

25

00 02 04 06 08 10 12

Quelle: Universität St. Gallen

Bei der Mehrzahl der Dax-Unternehmen

drohen Gefahren, weil der Goodwill entweder

eine große Rolle in der Bilanz spielt

oder nie vernünftig abgewertet worden ist.

Wo die Finanzchefs aggressiv vorgehen

und hohe Abschreibungen möglich sind,

das hat die Universität St. Gallen exklusiv

für die WirtschaftsWoche analysiert. Die

Bilanzexperten durchforsten für die WirtschaftsWoche

Jahr für Jahr die Geschäftsberichte

der Dax-30-Unternehmen. Das

Ergebnis der neuesten Untersuchung: „Die

Milliardenrisiken aus Übernahmen steigen

beinahe unaufhaltsam“, so Leibfried.

ALARMSTIMMUNG BEI EXPERTEN

Inzwischen sind deshalb alle ernst zu nehmenden

Bilanzexperten alarmiert: Da die

Manager selbst den Goodwill bestimmen

und dessen Werthaltigkeit nach selbst vorgegebenen

Parametern testen, sehen Wissenschaftler

jede Menge Spielraum, um die

Zahlenwerke zu schönen, bis an den Rand

der Manipulation. Und die Deutsche Prüfstelle

für Rechnungslegung in Berlin

(DPR), die regelmäßig Geschäfts- und

Quartalsberichte an deutschen Börsen notierter

Unternehmen unter die Lupe

nimmt, äußert einen schlimmen Verdacht:

Erst die dramatische Bilanzregeländerung

im Jahr 2004 könnte viele Vorstände dazu

gebracht haben, riskante Übernahmen anzugehen.

Grund: Da der Goodwill nicht

mehr regelmäßig abgeschrieben wird, gibt

es keinen negativen Einfluss auf den Gewinn

mehr. „Der vorsichtige Kaufmann

schreibt ab, doch seit die Bilanzregeln kei-

106 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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RWE über Freenet bis hin zu Sky. Ergebnis:

Das gesamte Eigenkapital der Unternehmen

lag Ende 2012 bei 64 Milliarden Euro.

Bereinigt um planmäßige Abschreibungen

auf den Goodwill jedoch, läge das Kapital

bei nur 14,6 Milliarden Euro. „Das sind stille

Lasten von knapp 50 Milliarden Euro

oder 77 Prozent des bilanziellen Eigenkapitals“,

so Möhlmann-Mahlau.

FOTOS: REUTERS/TOBIAS SCHWARZ, THORSTEN MARTIN, GETTY IMAGES/FLICKR RF

Überdreht Lanxess schrieb erst nach

dem Vorstandswechsel Vermögen ab

ne regelmäßig Abwertung mehr fordern,

passiert kaum noch etwas“, so Leibfried.

Die Vorstände können so Fehlgriffe bei

Übernahmen lange Zeit vor der Öffentlichkeit

kaschieren, sie kassieren deshalb regelmäßig

mehr variables, von Gewinnen

abhängiges Gehalt oder Boni als ihnen eigentlich

zustünde.

ABWERTUNGEN NAHE NULL

Im Durchschnitt unterstellten die Dax-Unternehmen

früher eine Nutzungsdauer für

ihre Firmenwerte von knapp neun Jahren –

sie schrieben jährlich 11,7 Prozent auf ihren

Goodwill ab, so die Analyse der Universität

St. Gallen. Im Jahr 2002 schrieben die

30 Dax-Finanzchefs angesichts taumelnder

Börsen und schwacher Konjunktur sogar

jeden sechsten Euro ab. Die damals

noch strengen Bilanzregeln zeigten also

Wirkung – zum Schutz der Aktionäre. 2013

kamen gerade einmal 2,6 Milliarden Euro

oder 1,2 Prozent an Abschreibungen zusammen.

Dabei liegt etwa der Dax-Kursindex

immer noch knapp 20 Prozent unter

seinem Hoch (siehe Chart Seite 115). Übersetzt:

Während die Unternehmen seit einem

Jahrzehnt offenbar nur solche Töchter

gekauft haben, deren Wert von keiner Konjunktur-,

Finanz- oder geopolitischen Krise

tangiert wird, gestehen Investoren vielen

Unternehmen weniger Wert zu als vor 14

Jahren, als der Dax-Kursindex sein letztes

Hoch erreichte. Der Dax-Kursindex spiegelt

die echte Wertentwicklung der 30 Dax-

Aktien wider; im bekannten Dax selbst

werden Dividenden noch dazugerechnet.

„Nach den aktuellen Bilanzierungsregeln

lässt sich ohne Übertreibung von einer

Goodwill-Blase sprechen, die stetig

wächst“, so Thomas Möhlmann-Mahlau,

Professor für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere

Rechnungslegung und Steuern,

an der Hochschule Bremen. „Dass es sich

um eine Blase handelt, ist nicht auszuschließen

und ist weder von Analysten

noch von Anlegern erkennbar“, sagt Bilanzexperte

Brösel von der Fernuni Hagen.

Möhlmann-Mahlau hat jüngst gemeinsam

mit Frank Sündermann, Leiter Kreditanalyse

der KBC Bank, und Tobias Gundel,

Berater bei Boege Rohde Luebbehuesen in

Hamburg, 18 bekannte deutsche börsennotierte

Unternehmen abgeklopft, von

»Ganz ohne

Übertreibung

lässt sich von

einer Blase

sprechen«

Thomas Möhlmann-Mahlau,

Uni Bremen

NEUER VORSTAND KEHRT AUS

Einer der Gründe: Selbst während der Finanzkrise,

als sich die Kurse der Dax-Unternehmen

im Durchschnitt mehr als halbierten,

ebenso wie mehrheitlich die anderer

europäischer Unternehmen, waren höhere

Goodwill-Abschreibungen „wider Erwarten

überwiegend ausgeblieben“. Das ist

die Quintessenz einer Studie, die Silvia

Rogler, Professorin für Rechnungswesen

und Controlling an der TU Bergakademie

Freiberg, vergangenes Jahr vorstellte (WirtschaftsWoche

32/2013). Nach der Durchsicht

von 640 Bilanzen von 160 deutschen

börsennotierten Unternehmen zogen Rogler

und ihr Team ein erschreckendes Fazit:

Größere Abschreibungen auf die Wackelposition

Goodwill gab es fast nur, wenn

Vorstände ausgetauscht wurden. Neue Manager

räumen offenbar die Bilanzen

schnell auf, damit ihnen milliardenschwere

Fehlinvestitionen ihrer Vorgänger nicht

irgendwann vor die Füße fallen. Ein neuer

Finanzvorstand hält dann gleich 39 Prozent

der Goodwill-Position für nicht mehr

tragbar, Vorstandschefs veranlassen eine

ebenfalls noch dramatische Abwertung

um im Durchschnitt 31 Prozent, so das Ergebnis

der Uni Freiberg.

Siemens etwa begann erst nach einem

Chefwechsel auf dem Posten des Diagnostik-Vorstands

vor gut vier Jahren seine für

elf Milliarden Euro zusammengekaufte Diagnostik-Sparte

abzuwerten. Nur vier Monate

nachdem seinerzeit Michael Reitermann

dort den Chefposten übernommen

hatte, vermiesten Abwertungen über 1,4

Milliarden Euro erstmals das Konzernergebnis.

Auch der im vergangenen Jahr neu

angetretene Puma-Chef Björn Gulden

kündigte kurz nach seinem Amtsantritt Ende

2013 erst einmal Firmenwertabschreibungen

und einen Gewinneinbruch an.

Jüngstes Beispiel im Dax ist der Chemiker

Lanxess, der just zum Zeitpunkt des

Stabwechsels auf dem Posten des Vorstandschefs

Ende Februar dieses Jahres

den Goodwill abwertete und gleichzeitig

die Dividende um die Hälfte strich. Grund

war nach offizieller Lesart nicht die mög-

»

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 107

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Geld&Börse

KENNZAHLEN

Wortreich

angepasst

An welchen Gewinnziffern sich

Anleger noch orientieren können.

Die International Financial Reporting

Standards (IFRS) sind ein internationaler

Bilanzstandard, der in rund 120 Ländern

angewendet wird. Seit 2005 sind die

IFRS in Deutschland Pflicht für den Konzernabschluss

aller Unternehmen, die

Anleihen oder Aktien öffentlich notiert

haben. Allerdings sind viele Unternehmenschefs

nicht einverstanden mit der

üblichen Gewinn-und-Verlust-Rechnung

und präsentieren Anlegern deshalb eine

Vielzahl von Ertragszahlen, die nichts mit

den IFRS zu tun haben. Regelmäßig sind

diese Gewinnzahlen bereinigt, adjusted

oder angepasst, wie es dann wortreich

heißt. Fällt unterm Strich in Wahrheit ein

Wasser auf die Mühle Das nachhaltige

Nettoergebnis von RWE ist kein Maßstab

Verlust an, hantieren die Vorstände naturgemäß

lieber mit schwarzen Zahlen; statt

eines müden Jahresüberschusses zeigen

sie lieber eine tolle Gewinnsteigerung.

Alles machbar, da es für die Präsentation

der Ertragssituation keine Regeln, keine

Regulierung und keine Sanktion gibt.

GEWINN-JO-JO

Die Deutsche Telekom etwa verkauft aktuell

ihren Aktionären ein „bereinigtes

Ebitda“ (Ergebnis vor Steuern, Zinsen, regelmäßigen

Abschreibungen und Sonderabschreibungen

auf aufgekaufte Unternehmen

([Firmenwerte/Goodwill]) als

Kernkennzahl. RWE-Aktionäre sollen sich

mit einem „nachhaltigen Nettoergebnis“

anfreunden, bei E.On geht es um den

„nachhaltigen Konzernüberschuss“ bei

Konkurrent EnBW um den „adjusted Konzernüberschuss

ohne neutralen Konzernfehlbetrag“,

Linde stellt ein „operatives

Konzernergebnis“ in den Vordergrund,

das ein „Ebitda inklusive des anteiligen

Ergebnisses aus assoziierten Unternehmen

und Joint Ventures“ ist. Durchschaubar

ist das nicht. Regelmäßig ändern viele

Unternehmen auch die Gewinnkennzahlen,

an denen sie gemessen werden wollen.

Diese sind also schon von Jahr zu

Jahr bei demselben Unternehmen möglicherweise

schwer vergleichbar, von Unternehmen

zu Unternehmen in der Regel

ohnehin oft nicht mehr.

SCHÖNWETTERKENNZAHL

Doch welche Kennzahlen sind wie einzuordnen?

Eine Übersicht:

Ebitda ist eine Schönwetterkennzahl, die

keinem Bilanzstandard unterliegt. Sie

kann von Unternehmen zu Unternehmen

unterschiedlich errechnet sein. Eine Aussagekraft

hat die Kennzahl im Verhältnis

zum Schuldenstand (je geringer die Relation

zwischen Ebitda zu Schulden, desto

besser steht das Unternehmen bei seinen

Verbindlichkeiten da).

Ebita Ergebnis vor Steuern, Zinsen, regelmäßigen

Abschreibungen. Ebenfalls eine

wenig taugliche Schönwetterkennzahl.

Ebit Ergebnis vor Steuern und Zinsen.

Kann als operatives Ergebnis (Betriebsergebnis)

herhalten, falls keine außerordentlichen

Zinsausgaben oder -einnahmen

anfallen. Ist Letzteres nicht der Fall,

zählen folgende Größen:

Ebt Ergebnis vor Steuern sowie der

Nettogewinn (Jahresüberschuss) als

Kernkennzahl für den Aktionär. Aus dem

Jahresüberschuss errechnet sich der

Gewinn je Aktie, wenn der Nettogewinn

durch die Anzahl der ausgegebenen Aktien

geteilt wird. Der aktuelle Aktienkurs

geteilt durch den Gewinn je Aktie ergibt

dann das KGV (Kurs-Gewinn-Verhältnis).

Da heutzutage allerdings einige Unternehmen

eben mit bereinigten Nettoergebnissen

rechnen, und diese von vielen

Analysten kritiklos übernommen werden,

sind selbst Ergebnisse je Aktie und damit

die KGVs nicht miteinander vergleichbar.

Anleger finden die wahren Nettozahlen

aber in den Quartals- und Geschäftsberichten.

»

licherweise längst fällige Beseitigung

von Altlasten, sondern angeblich „Veränderungen

im Wettbewerbsumfeld“. So oder

so tickerten die Nachrichtenagenturen

„Schock für Aktionäre“, nachdem der Lanxess-Kurs

binnen Sekunden um sechs Prozent

abgerutscht war.

Aktuell dürften sich Bilfinger-Aktionäre

fragen, ob nach Vorstandswechsel und drei

dramatischen Prognosekürzungen binnen

weniger Monate die knapp 1,9 Milliarden

Euro Goodwill in der Bilanz des Baudienstleisters

noch zu rechtfertigen sind.

NOTORISCHER ÜBEROPTIMISMUS

Was vielen entgeht, das hat die europäische

Wertpapierbehörde ESMA in einer

umfangreichen Studie in den Bilanzen von

235 europäischen Konzernen aus 23 Ländern

ermittelt: Eine Verschleierung von

Zahlen sei nicht die Ausnahme, sondern

die Regel, heißt es da. Die Prüfer aus Paris

ermittelten auch, dass nahezu alle Unternehmen

von sehr optimistischen Wachstumsraten

ihrer Töchter ausgingen. Grund:

Wer die Zukunft rosarot malt, der muss

heute auf den Goodwill nicht abwerten

und bleibt in seiner Gewinnrechnung in

den schwarzen Zahlen.

Einer neuen Analyse von Inge Wulf, Professorin

am Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre,

insbesondere Unternehmensrechnung,

an der TU Clausthal, zufolge,

finden Anleger in den Zahlenwerken

der Unternehmen sogar häufig nicht einmal

Zukunftserwartungen, die sie infrage

stellen könnten. So fehlten im Krisenjahr

2008 bei gleich 8 der 30 Dax-Unternehmen

quantitative Angaben zum Wachstum im

Geschäftsbericht, darunter die Deutsche

Telekom oder SAP. Drei Jahre später drückten

sich im Dax BMW, Daimler und ThyssenKrupp

vor solchen eigentlich zwingenden

Angaben. Ein weiteres Ergebnis der

Studie der TU Clausthal: Während der Finanzkrise

haben die Dax-Unternehmen

„vermutlich“ interne Zinssätze so angepasst,

um bei den Milliarden an Goodwill

„keine“ oder nur „eine geringere Wertminderung

zu buchen, jedoch kann keine

Plausibilitätsprüfung vorgenommen werden,

da Detailangaben fehlen“, so Wulf.

In einer seiner letzten großen Studien

widmete sich auch der im Januar dieses

Jahres verstorbene Karlheinz Küting dem

Thema Goodwill. Der wohl bekannteste

deutsche Bilanzexperte leitete lange Jahre

das Centrum für Bilanzierung und Prüfung

an der Universität des Saarlandes. Er untersuchte

134 deutsche börsennotierte Ge-

108 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: GREGOR SCHLÄGER, PR

Willkommen im Datendschungel Wertkorrekturen

sind bei der Telekom die Regel

sellschaften aus Dax, MDax, SDax und

TecDax. Der Studie zufolge unterstellen die

Unternehmen, dass sie aus den gezahlten

Übernahmeprämien für neue Töchter 204

Jahre lang Nutzen ziehen werden. Je nach

Statistik und Datenbasis liegt die Lebensdauer

von Unternehmen aber heutzutage

im Durchschnitt bei 12 bis maximal 20 Jahren;

bei 204 Jahren jedenfalls hat sie nie gelegen.

„Die Firmenchefs setzen offenbar

beim Goodwill im Durchschnitt eine nahezu

unbegrenzte Nutzungsdauer an“, sagt

Thorsten Sellhorn, Inhaber des Lehrstuhls

für Rechnungswesen und Wirtschaftsprüfung

an der Ludwig-Maximilians-Universität

München, „sonst wäre ein Mehr an Abschreibungen

zu beobachten.“ Dabei sehen

die Bilanzregeln vor, dass der Zeitraum,

über den ein Goodwill nutzbar ist,

zwar unbestimmt, aber eben keinesfalls

unbegrenzt ist. „Der einst eingebuchte

Goodwill sollte also wieder bei null landen.

Die Frage ist hierbei nicht, ob, sondern nur

wann“, so Sellhorn.

Anleger tun gut daran, mögliche Abwertungen

des Goodwill in Betracht zu ziehen.

Denn die Zahl derer, die für die Rückkehr

zur alten Regelung regelmäßiger Abschreibung

plädieren, steigt seit Jahren.

Aufsehen erregt, dass es seit einem Jahr

in den USA nicht börsennotierten Unternehmen

wieder erlaubt ist, ihre Firmenwerte

regelmäßig abzuschreiben, und es

Überlegungen gibt, dies auch wieder für an

den Börsen gehandelte Unternehmen einzuführen.

Die Analysten der unabhängigen

Schweizer Independent Credit View (ICV)

haben aktuell ermittelt, dass Europas Banken

1044 Milliarden Euro an Kapital benötigen.

Diese Megasumme kommt unter anderem

deshalb zustande, weil die ICV-Analysten

keinen Euro an Goodwill für werthaltig

halten. Und in Japan haben die Bilanzregulatoren

erst Ende Juli ein neues

Papier zum Bilanzrecht vorgelegt: Goodwill,

so heißt es unter anderem darin, sollte

regelmäßig linear abgeschrieben werden,

„maximal über 20 Jahre“.

Tokio ist nur scheinbar weit. Bei den Finanzmanagern

in Paris, München oder

Mailand löst aktuell die European Financial

Reporting Advisory Group (Efrag) große

Schere läuft auseinander

Wie sich die als Vermögen bilanzierten Übernahmeprämien

der Dax-30-Unternehmen

entwickelt haben und wie viel sie darauf abgeschrieben

haben (in Millionen Euro)

250000

200000

150000

100000

50000

Übernahmeprämien

(Goodwill)

Abschreibung

0

00 02 04 06 08 10 12

Quelle: Universität St. Gallen

22000

17000

12000

7000

2000

Aufregung aus. „Dieses für die Übernahme

der Bilanzregeln IFRS in Europa entscheidende

Gremium hat sich nun auch öffentlich

klar dafür ausgesprochen, wieder zu

regelmäßigen Goodwill-Abschreibungen

zurückzukehren“, so Leibfried. Zu den wesentlichen

Aufgaben der Efrag gehört die

Beratung der EU-Kommission im Rahmen

der Umsetzung von Bilanzregeln in der Europäischen

Union. Gemeinsam mit dem

Accounting Standards Board Japan und

der Organismo Italiano di Contabilità hat

sie ein gut 50-seitiges Pamphlet verfasst

mit dem provakanten Titel: Sollte Goodwill

nicht getilgt werden? (Should Goodwill still

not be amortised?) Noch bis Ende nächster

Woche haben Investoren, Wirtschaftsprüfer

und Unternehmen Zeit, dazu Stellung

zu beziehen.

Solange eine regelmäßige Tilgung der

Firmenwerte noch nicht obligat ist, so lange

legt die Berliner DPR, vulgo Bilanzpolizei,

ihr Hauptaugenmerk auf den Bilanzposten

Goodwill. Zu Recht. Denn dort fanden die

Prüfer seit Gründung der DPR im Juli 2005

bisher die meisten Falschbilanzierungen.

DRUCK DER BILANZWÄCHTER

Spektakulär ist unter anderem Adidas. Binnen

zwei Jahren kassierte der Sportartikelkonzern

jeweils eine Rüge von der DPR.

Adidas hatte den Werthaltigkeitstest des

Goodwill zunächst unerlaubterweise für

Einheiten durchgeführt, die größer waren

als die ansonsten in der Bilanz gezeigten

Segmente. Später mussten die Herzogenauracher

einräumen, dass 2011 in der

Summe mehrerer Fehlbilanzierungen der

Gewinn je Aktie um 27 Cent zu hoch ausgewiesen

war. 2012 rang sich Adidas erstmals

zu Wertberichtigungen durch, vor allem

auf die 2005 für 3,8 Milliarden Dollar übernommene

US-Tochter Reebok – nicht besonders

wagemutig ist der Verdacht, dass

dies auf Druck der Bilanzwächter geschah.

Der Effekt der Abschreibungen über 265

Millionen Euro war ein nicht erwarteter

Gewinneinbruch. Und auch für das laufende

Geschäftsjahr könnte eine Abwertung

drohen, nachdem Adidas im Sommer vor

schwachen Geschäften unter anderem in

Russland und in der Golfsparte warnte.

Nach wie vor weist Adidas 1,2 Milliarden

Euro Goodwill aus.

Kein Wunder, dass sich auch dieses Jahr

die Berliner Prüfstelle auf den Goodwill

Impairment Test, den Werthaltigkeitstest,

konzentriert. Beim Impairment Test werden

einzelne Geschäftseinheiten unter die

Lupe genommen. Zeigt sich bei einer

»

WirtschaftsWoche 8.9.2014 Nr. 37 109

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Geld&Börse

senius Medical Care (FMC). Die Hessen

schlossen im Jahr 2006 den Kauf der US-

Dialysetochter Renal Care ab. Vom Gesamtkaufpreis

über 4,16 Milliarden Dollar

entfielen gleich 3,39 Milliarden oder 81,5

Prozent auf die Position Goodwill, gerade

einmal 770 Millionen Dollar an echtem

Vermögen wurden identifiziert. FMC zahlte

also eine irrsinnig anmutende Prämie

von 440 Prozent auf die Renal-Werte. Auch

heute noch steht diese Prämie vollständig

als Vermögen in der Bilanz. Dabei lahmten

zuletzt die Geschäfte: 2013 konnte FMC

den Mittelzufluss aus dem laufenden Geschäft

gerade mal stabil halten. Grund sind

Sparpläne im US-Gesundheitswesen, die

Erstattungen für die Dialyse betreffen.

»

Geschäftseinheit, dass die ursprünglich

angesetzten Annahmen über Ertrag, Cash-

Flow oder Kapitalkosten zu optimistisch

waren, muss eine Abwertung erfolgen – in

der Theorie. Die Konsistenz und Verlässlichkeit

der Cash-Flow-Prognosen, die Ableitung

von Wachstumsraten und von Zinssätzen

sowie „wesentliche Bewertungsprämissen“

stehen bei der DPR auf dem Prüfstand.

„Vorsichtig gesagt, werten die Unternehmen

seit der Pflichtumstellung auf internationale

Rechnungslegungsvorschriften

im Jahr 2005 den Goodwill zurückhaltend

ab“, sagt Bettina Thormann, Vizepräsidentin

der DPR.

ABSICHTLICH KLEINGERECHNET

Die frühere Professorin für Betriebliche

Steuerlehre und Unternehmensprüfung an

der Fachhochschule Bielefeld beobachtet,

dass die „Kaufpreise bei Unternehmenszusammenschlüssen

aufgrund der positiven

Zukunftserwartungen an Synergien und

zukünftige Mittelzuflüsse oftmals ein Vielfaches

des aktuellen Vermögens der Kaufobjekte

betragen“. Wachstum, so Thormann,

finde „bei einigen Unternehmen

nicht mehr vorrangig organisch statt, sondern

durch regelmäßige Unternehmenskäufe“.

Ein Motiv könnte sein, dass der Jahresgewinn

der Unternehmen „nicht durch

planmäßige Abschreibungen des Goodwill

belastet wird“. Ein harscher Vorwurf: Statt

mühevoll und (zunächst) zulasten des

Viel Kies HeidelbergCement zahlte für

Konkurrent Hanson massiven Aufschlag

Gewinns ihr Unternehmen weiterzuentwickeln,

wird wegen laxer Bilanzvorschriften

auf Teufel komm raus akquiriert. Zudem, so

der Verdacht, rechnen Unternehmen das

Vermögen ihrer neuen Töchter absichtlich

klein, und den Goodwill hoch. Grund:

Lizenzen, Patente oder Gebäude müssen

regelmäßig abgeschrieben werden; Goodwill

eben nicht. „Dort gibt es eben nur

butterweiche Bewertungsparameter“, sagt

Leibfried von der Uni St. Gallen.

Deshalb ziehen viele Unternehmen ihre

einst gezahlten Übernahmeprämien durch

die Bilanz, komme was wolle. Beispiel Fre-

»Für den

Goodwill gibt es

nur butterweiche

Bewertungsparameter«

Peter Leibfried,

Uni St. Gallen

SORGLOSE ZUKÄUFE

Kein großes Interesse an Abschreibungen

zeigt auch ein anderer Konzern, der viele

Geschäfte mit Krankheiten betreibt. Der

Bayer-Konzern hatte 2006 den Konkurrenten

Schering für rund 17 Milliarden Euro

übernommen. Effekt: Die Firmenwerte

sprangen im selben Jahr von 2,6 auf 8,2 Milliarden

Euro. Abwertung seither: null Euro.

Grund: Jahr für Jahr „erachtet“ der Bayer-

Vorstand die „vorgenommenen Schätzungen“

für „angemessen“, wie es im Geschäftsbericht

2013 zu den Firmenwerten heißt.

Und die Aufsichtsräte nicken diese Schätzungen

munter ab. Wer über Jahre nach

Übernahmen kein Haar in der Suppe findet,

der kleckert nicht. Obwohl der Bayer-Goodwill

schon zuletzt bei knapp zehn Milliarden

Euro oder annähernd 50 Prozent des

Eigenkapitals lag, trauen sich die Leverkusener,

noch eins draufzupacken. Zumindest

ist es äußerst unwahrscheinlich, dass Bayer

nach seiner jüngst annoncierten Übernahme

des Geschäfts mit rezeptfreien Medikamenten

von der amerikanischen Merck &

Co. über 14,2 Milliarden Dollar nicht erneut

Milliarden an Goodwill kreiert. Für Produkte

etwa zur Fußpflege zahlt Bayer einen

frappierend hohen Preis: gleich das

21-Fache des Gewinns vor Steuern, Zinsen,

Abschreibungen und Amortisation

(Ebitda). Schon Preise um das Zehnfache

Ebitda gelten gemeinhin als teuer. Je höher

der Preis, gemessen am Gewinn des Kaufobjektes,

desto höher der Goodwill, so ist

es meist die Regel.

Bayer ist nicht allein. 2006 schaufelte

BASF rund 50 Prozent des Kaufpreises von

3,8 Milliarden Euro nach dem Kauf des Katalysatorenherstellers

Engelhard als Goodwill

in die Bilanz. Continental packte ein

Jahr später knapp sechs Milliarden Euro

»

FOTOS: BLOOMBERG NEWS/CHRIS RATCLIFFE, GETTY IMAGES/FLICKR RF

110 Nr. 37 8.9.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

Stille Lasten

Viele Dax-Unternehmen ziehen seit Jahren Übernahmeprämien durch die Bilanz

und schreiben diese kaum noch ab

Unternehmen

Adidas

Allianz

BASF

BMW

Bayer

Beiersdorf

Commerzbank

Continental

Daimler

Deutsche Bank

Deutsche Börse

Deutsche Post

Deutsche Telekom

E.On

Fresenius

Fresenius Med. Care

HeidelbergCement

Henkel

Infineon

K + S

Lanxess

Linde

Lufthansa

Merck

Münchener Rück

RWE

SAP

Siemens

ThyssenKrupp

Volkswagen

bilanzierte

Übernahmeprämien

(Goodwill)

in Millionen

Euro (2013)

1204

11 544

6 872

369

9 862

63

2080

5 521

681

9 074

2043

10 667

14 562

12 797

14 826

8 453

10 055

6 353

21

606

147

10 395

616

4 583

3292

11 374

13 688

17 883

3 493

23 730

Goodwill

in Prozent

des Eigenkapitals

per Ende

2013

22,0

21,8

24,7

1,0

47,4

1,9

7,7

59,2

1,6

16,5

62,5

106,2

45,4

35,2

111,8

122,9

79,9

66,8

0,6

17, 8

7,7

76,5

10,1

41,4

12,6

93,7

85,3

63,6

139,1

26,4

1 seit Dax-Aufnahme 2012; 2 2003 und 2004; Quelle: Universität St. Gallen, Institut für Accounting, Controlling

und Auditing; eigene Berechnungen; Zahlen gerundet

Der Goodwill gehört zu den sehr wenigen

Vermögenspositionen in der Bilanz, die

Unternehmen nicht für sich genommen

veräußern können – im Gegensatz etwa

zu einer Maschine oder einer Lizenz. Der

Wert dieses Postens entsteht wie folgt:

Erwirbt ein Unternehmen eine neue Tochter,

ist das Management verpflichtet, das

gekaufte Vermögen buchhalterisch in

Einzelteile zu zerlegen. Fällt der Kaufpreis

für die ne