Wirtschaftswoche Ausgabe vom 15.09.2014 (Vorschau)

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38

15.9.2014|Deutschland €5,00

3 8

4 1 98065 805008

Gefährlicher als die NSA

Was Finanzkonzerne über Sie wissen

Die neue Fernseh-Freiheit

Netflix schreckt die Sender auf

Wie

tief

geht’s

runter...

...mit Euro, Zins

und Konjunktur?

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | Tschechische Rep. CZK200,- | Ungarn FT 2140,-

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Einblick

Als wäre Murphys Gesetz die Gründungsakte von

EZB und EU: Was mit Europas Währung schiefgehen

kann, geht schief. Von Henning Krumrey

Höllischer Abgrund

FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

In vielen Brüsseler Büros hängt, gern

in der Sprache des jeweiligen Bewohners,

derselbe Witz über Wohl und

Wehe der europäischen Einigung:

„Der Himmel ist dort, wo die Briten die

Polizisten sind, die Franzosen die Köche,

die Deutschen die Mechaniker, die Italiener

die Liebhaber, und organisiert wird

alles von den Schweizern.

Die Hölle ist dort, wo die Briten die Köche

sind, die Franzosen die Mechaniker,

die Schweizer die Liebhaber, die Deutschen

die Polizisten, und organisiert wird

alles von den Italienern.“

Der neue EU-Kommissionspräsident

Jean-Claude Juncker hat sich für die höllische

Variante entschieden. Er setzt an die

wirtschaftlich entscheidenden Machthebel

Personen, die mit den jeweiligen Zielen

nichts anfangen können oder wollen: den

Stabilitätssünder Pierre Moscovici aus

Frankreich als Währungshüter, den Bankenfreund

Jonathan Hill aus Großbritannien

als Zuchtmeister der Finanzmärkte,

die Freihandels-Skeptikerin Cecilia Malmström

aus Schweden als Förderin des Warenverkehrs.

Juncker verklärt sein Personaltableau

zum diabolischen Schachzug: Frühere

Sünder könnten den aktuellen Übeltätern

am besten erklären, was falsch läuft. Was er

verschweigt:Das funktioniert nur, wenn sie

inzwischen geläutert wären. Aber Fehlanzeige.

Ein trockener Alkoholiker kann vielleicht

überzeugendes Vorbild für Abstinenz

sein; ein Fuselfreund im Vollrausch

wohl kaum.

Auch Mario Draghi, Präsident der Europäischen

Zentralbank, schaut in den Abgrund.

Seit der Entscheidung der EZB, die

Zinsen auf den Minirekord von 0,05 Prozent

zu schrumpfen, bewegt sich der Euro

nur noch in eine Richtung: nach unten.

Dieser Absturz ist gewollt – und im günstigsten

Fall nutzlos. Zwei Ziele wollen die

Notenbanker erreichen: die Inflation anheizen

und die Kreditvergabe an Unternehmen

in Südeuropas Krisenstaaten ankurbeln.

Das soll die von ihnen registrierte Deflationsgefahr

bannen und zudem die schwächelnde

Konjunktur auf Trab bringen.

Denn je flauer der Euro-Wechselkurs,

desto teurer werden die Einfuhren von

Rohstoffen bis Lebensmitteln. Erdöl aus

Arabien, Erdgas aus Russland, Erdbeeren

aus Israel und Erdnüsse aus den USA sollen

also die Preise in Europa nach oben treiben.

Das kann vielleicht noch funktionieren.

Schließlich kennt die Wirtschaftsgeschichte

genügend Beispiele, in denen sich

die Menschen von der Geldpolitik übertölpeln

ließen. Beispielsweise wenn diese

die Geldillusion nutzte, um über eine künstlich

erzeugte Inflation die Beschäftigung

anzukurbeln – wenn auch als Strohfeuer.

Die Gesetze des (Binnen-)Marktes lassen

sich dagegen nicht so einfach außer Kraft

setzen. Zwar werden mit der Abwertung die

Exporte aus Europa billiger. Doch die Südländer

werden davon nicht viel profitieren,

weil ihre wichtigsten Abnehmerländer innerhalb

der Euro-Zone liegen. Eine Maschine

aus Griechenland, ein Auto aus spanischer

Produktion kosten in Deutschland

oder Frankreich genauso viel wie bisher.

WANN ZAHLT DER SPARER STRAFE?

Mehr Kredite für Mittelständler in Südeuropa

wird es so nicht geben. Hatten die bisher

keine Projekte oder kein Vertrauen, die

bei einem Zins von 0,15 Prozent Investoren

anlockten, wird dies bei 0,05 Prozent nicht

anders sein. Auch die kühnste Idee funktioniert

nicht, wenn es keinen Absatzmarkt

gibt. Strafzinsen für geparktes Geld wird es

bald nicht nur für, sondern auch von Banken

geben, getarnt als höhere Gebühren.

Tagesgeld für größere Beträge rentiert heute

schon schwächer als für Minisummen.

Von Finanzminister Wolfgang Schäuble

weiß man, dass er Draghis Politik für hilflosen

Aktionismus hält, der bloß Tatkraft suggerieren

soll. Daheim beharrt die Bundesregierung

zu Recht auf ihrem Sparkurs und

predigt Reformen und Enthaltsamkeit in

den Mühen der Ebene. In Europa dagegen

schaut die Bundesregierung machtlos zu,

wie andere die Währungspolitik dominieren.

Und sie duldet, dass immer neue

Schuldengebirge aufgetürmt werden. Falls

Draghi wieder einen Absturz des Euro organisieren

will: Die Klippe ist gebaut. n

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 5

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

8 Seitenblick Wo Unternehmen einstellen

10 Taxi-Streit: Gabriel fordert neue Gesetze

11 Breitband: Neuer Finanzierungsvorschlag |

Rocket Internet:Berger wird Aufsichtsrat

12 Interview: Porsche-Betriebsrat Uwe Hück

sorgt sich um die Exklusivität der Sportwagenmarke

| UKW: Angriff auf das Monopol

13 Asyl: Schlechtere Unterkünfte | Daimler:

Kampf um junge Kunden | Forschung:

Erfolgreiche Förderung

14 Chefsessel | Start-up Inventorum

16 Chefbüro Thomas Nau, Deutschland-Chef

von American Express

Politik&Weltwirtschaft

18 Geldpolitik Mit Nullzinsen und umstrittenen

Wertpapiergeschäften schickt Zentralbankchef

Mario Draghi den Euro auf Talfahrt | So

trifft eine Schwachwährung deutsche Unternehmen

| Worauf Anleger achten müssen

28 EU-Kommission Was auf den deutschen

Kommissar Günther Oettinger zukommt

30 Europa Das schottische Referendum

könnte den Separatismus beflügeln

32 Global Briefing

Interview: Claude-France Arnould Die

Geschäftsführerin der Europäischen Verteidigungsagentur

hält nichts vom Sparen

36 Forum Fünf Thesen zur Reform des

Emissionsrechtehandels in der EU

37 Berlin intern

Der Volkwirt

38 Kommentar | New Economics

39 Denkfabrik Martin Feldstein fordert eine radikale

Unternehmenssteuerreform in den USA

40 Nachgefragt: Axel Ockenfels Der Kölner

Top-Ökonom über den Vormarsch der

experimentellen Wirtschaftsforschung

Unternehmen&Märkte

42 Netflix Der Online-Video-Riese aus den

USA greift die etablierten TV-Sender an |

Interview: WDR-Manager Michael Loeb will

eigene Internet-TV-Plattformen aufbauen

48 Sanktionen Eine exklusive Studie zeigt,

welche Branchen am meisten leiden | Die

Probleme der russischen Autoindustrie

54 Eiscreme Der Marktführer verkauft Rosen

und heuert bei der Konkurrenz an

56 Warenhäuser Mitten im Karstadt-Drama erstrahlt

in Görlitz ein Jugendstil-Kaufhaus neu

58 Interview Andreas Nauen Der Chef des

Windradbauers Senvion rechnet mit neuen

Großaufträgen für Offshore-Parks

60 Trimet Deutschlands führender Aluminiumhersteller

versucht, eine Hütte in Frankreich

mit Sozialpartnerschaft zu retten

63 Alibaba Jack Ma, der schillernde Gründer

des chinesischen E-Commerce-Giganten

Technik&Wissen

66 Serie: Fossile Energie (III) – Kohle

Auch mit Braun- und Steinkohle lässt sich

klimafreundlich Strom erzeugen

Titel Der Euro taucht ab

Mit Nullzinsen und neuen Geldspritzen

schickt die EZB die Gemeinschaftswährung

auf Talfahrt. Das soll die Konjunktur

stützen und die Inflation ankurbeln.

Doch die Geldflut mindert auch den

Reformdruck auf die Regierungen und

gefährdet unseren Wohlstand. Seite 18

Schreck der Programmdirektoren

Der amerikanische Internet-TV-Anbieter Netflix will aggressiver

als erwartet mit exklusiven Serien und raffinierter Technik den

deutschen Fernsehsendern die Zuschauer abjagen. Seite 42

Klimafeind

auf Ökokurs

Noch ist Kohle Stromlieferant

Nummer eins. Will sie überleben,

braucht sie sauberere

Kraftwerke. Im dritten Teil

der Serie Fossile Energie

untersuchten wir, ob das geht.

Seite 66

TITELILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER

6 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 38, 15.9.2014

Geld her!

Gründer wie Franziska von Hardenberg

brauchen für den Start ihres Unternehmens

oder dessen Ausbau Kapital.

Wie Jungunternehmer für jede dieser

Phasen die passende finanzielle

Förderung finden. Seite 76

72 Garten Digitaltechnik fürs Privat-Biotop

74 Smartwatches Was taugt Apples Uhr?

Management&Erfolg

76 Gründer Wie Start-ups die beste finanzielle

Förderung für jede Wachstumsphase finden

83 Kolumne: Sprengers Spitzen Warum nur

weibliche Männer als moderne Chefs gelten

Geld&Börse

84 Datenschutz Was Versicherer und Banken

so alles über Sie wissen

90 Geldmarkt Den Märkten droht der Entzug

von Liquidität – auch den Börsen

95 Aktien Vermögensverwalter Blackrock profitiert

vom neuen Sparfleiß der Amerikaner

96 Steuern und Recht Flugausfall und Verspätung

| Aktionärsrechte | Erbschaftsteuer

98 Geldwoche Kommentar: Abgeltungsteuer |

Trend der Woche: Euro Stoxx | Dax-Aktien:

Daimler | Hitliste: Zinsen | Aktien: Sanofi,

Yara International | Anleihe: DIC Asset |

Zertifikate: Kaffee | Investmentfonds:

JPMorgan Europe Dynamic | Neuemission:

Snowbird | Relative Stärke: Bilfinger

FOTOS: GLENN MATSUMURA, MAURITIUS IMAGES/HANS-PETER MERTEN, PR; ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

Im Griff der Finanz-NSA

Kredit verweigert, Versicherungsantrag abgelehnt? Dann stimmen

Ihre Daten wohl nicht. Banken und Versicherer speichern mehr, als

Verbrauchern lieb ist. Und längst nicht alles ist korrekt. Seite 84

n Luxusgüter Mein Auto, mein Boot, mein

Diamantring – das war einmal. Im Westen steht

die Luxusbranche vor einem großen Umbruch.

Statt Bling-Bling zählen zunehmend andere

Werte. Woher der plötzliche Mentalitätswandel

kommt, erklärt Branchenexpertin Martina Kühne

im Interview. wiwo.de/luxusbranche

Hebt die Schwellen!

Der Kapitalismus greift nach der Kultur,

Freihandelsabkommen gefährden

die Kunst, jammern die Intendanten. Ein

Pamphlet gegen das Selbstmitleid der

Kulturtreibenden. Seite 106

facebook.com/

wirtschaftswoche

twitter.com/

wiwo

plus.google.com/

+wirtschaftswoche

Perspektiven&Debatte

106 Essay Der Kapitalismus greift nach der

Kultur, jammern Intendanten. Warum die

Kritik der Kulturtreibenden scheinheilig ist

110 Kost-Bar

Rubriken

5 Einblick, 112 Leserforum,

113 Firmenindex | Impressum, 114 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

In dieser Ausgabe finden Sie eine

spektakuläre Innenansicht

des Luxuskaufhauses in

Görlitz. Und ein Video

zeigt, warum Film-Revolutionär

Netflix auch als

Arbeitgeber besonders ist.

wiwo.de/apps

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 7

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Seitenblick

Hire and fire

ARBEITSMARKT | Deutschlands Pharma-, IT- und Autounternehmen stellen kräftig Fach- und

Führungskräfte ein, bauen aber an anderer Stelle ab. Auch weltweit dreht sich das Jobkarussell.

Wo, das zeigt eine Umfrage der Personalberatung Antal.

Anteil der deutschen Unternehmen in folgenden Branchen, die Fach- und Führungskräfte einstellen

oder entlassen wollen (in Prozent)*

Einstellungen

Entlassungen

Online

Die komplette Studie

können Sie ab dem 17.9.

herunterladen unter

wiwo.de/personalstudie

Rechnungswesen, Beratung

39

9

Produktion, Maschinenbau

35

10

Automobil, Luftfahrt

16

42

Werbung, Medien

13

7

Gesundheit, Biotech

37

6

Chemie

5

23

Pharma

4

54

Nahrungsmittel, Getränke

24

16

IT-Software und -Services

11

52

Elektronik

0

26

Welche Spezialisten deutsche Firmen suchen oder entlassen (in Prozent)*

Buchhaltung, Steuern

54

7

Ingenieure

WirtschaftsWoche Online

WirtschaftsWoche Online

IT-Technik

Forschung, Entwicklung

59 68 67

12 9 17

Verwaltung

Personalwesen

Logistik

Verkauf, Marketing

58

74 57 79

13 5 13 17

* in den kommenden drei Monaten; Quelle: Antal International (Umfrage bei rund 8200 Unternehmen weltweit)

8 Redaktion: Stephanie Heise

Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Anteil der Unternehmen in folgenden Ländern, die Fach- und Führungskräfte einstellen oder

entlassen wollen (in Prozent)*

Europa

44 56

Irland

50 39

58 50

Belgien

58

21

Großbritannien

49

30

Niederlande

35

8

Deutschland

58

26

Schweden

66

11

Polen

78

10

Tschechien

80

30

Slowakei

Frankreich

31

11

37 33

Ungarn

Schweiz

93

50

27

Portugal

32 26

Spanien

46

10

36 29

20

Rumänien

50

23

Bulgarien

Italien

Österreich

Weltweit

73

USA

31

59

16

Russland

Vereinigte

Arabische

Emirate 65

65

17

66

33

Mexiko

47

16

Saudi-Arabien

19

China

58

57

26

Brasilien

48

17

Südafrika

60

22

Indien

30 16

Singapur

2

Malaysia

ILLUSTRATION: KRISTINA DÜLLMANN

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 9

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Menschen der Wirtschaft

Regelbrecher

Uber-Chef

Kalanick

bringt Bewegung

in das

Taxigewerbe

TAXIMARKT

Hauch von Liberalisierung

Die Politik reagiert auf die Verbote gegen

das US-Unternehmen Uber. Regierungsmitglieder

fordern nun mehr Wettbewerb.

Während die Taxibranche mit allen Mitteln gegen

den umstrittenen Fahrdienst Uber vorgeht, bekommt

dessen Chef, Travis Kalanick, unerwartete

Unterstützung: Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD)

fordert Änderungen des Personenbeförderungsgesetzes

(PbefG). „Aus wettbewerblicher Sicht halten

wir generell eine Überprüfung und gegebenenfalls

Anpassung bestehender Regelungen an die Anforderungen

der digitalen Welt und den veränderten

Mobilitätsbedürfnissen der Verbraucherinnen

und Verbraucher für erforderlich“, heißt es in einer

Stellungnahme des Bundeswirtschaftsministeriums.

Ähnliche Forderungen kommen aus dem Justizministerium.

„Mehr Wettbewerb kann zu mehr

Angeboten, höherer Qualität und besseren Preisen

führen“, sagt Gerd Billen, Staatssekretär für Verbraucherschutz.

Das erhöht den Druck auf Bundesverkehrsminister

Alexander Dobrindt (CSU), der für das Gesetz

zuständig ist, Reformen aber bislang ausschließt.

„Derzeit sind keine Änderungen der Vorschriften

zur Personenbeförderung vorgesehen“, erklärt

das Verkehrsministerium. Auch die Opposition

fordert, die Regeln „an die Neuzeit“ anzupassen, so

Stephan Kühn, verkehrspolitischer Sprecher der

Grünen. Private Autofahrten könnten den öffentlichen

Verkehr „sinnvoll ergänzen“. Hierbei sollte

„das nicht kommerzielle Interesse im Vordergrund

stehen“. CDU-Fraktions-Vize Michael Fuchs fordert

Vorgaben für Anbieter wie Uber. Sie müssten beispielsweise

„sicherstellen, dass die Fahrer zur Beförderung

von Personen befähigt sind“. Dennoch

befürworte Fuchs dringend „frischen Wind“ in der

Taxibranche. „Wer wie ich oft im Taxi unterwegs

ist, weiß, wie viele schmuddelige Wagen und orientierungslose

Fahrer es leider auch im registrierten

Taxigewerbe geben kann.“

Doch bei der Kundenzufriedenheit kann der Taxi-Angreifer

nur teilweise punkten, wie eine Studie

von Puls Marktforschung ergab, die der Wirtschafts-

Woche exklusiv vorliegt. Zwar liege Uber in der

qualitativen Bewertung vorne: Fast vier von zehn

Nutzern bewerteten Uber mit „sehr gut“, bei Taxis

nur elf Prozent. „Uber hat offensichtlich in kurzer

Zeit einen harten Kern an Fans gewonnen“, sagt

Puls-Chef Konrad Weßner. Allerdings hegen Nutzer

auch Zweifel. „Taxis zeichnen sich aus Nutzersicht

eindeutig und klar durch Verlässlichkeit und

Sicherheit aus“, so Weßner. Für Uber spreche dagegen

der Preis und ein Newcomer-Bonus in

bestimmten internetaffinen Kreisen. Trotzdem

würden selbst 30 Prozent aller Uber-Nutzer, wenn

sie die Wahl hätten, das Taxi bevorzugen.

christian.schlesiger@wiwo.de, michael kroker,

henning krumrey, max haerder | Berlin

Im Zweifel Taxi

Welche der beiden

Möglichkeiten deutsche

Nutzer bevorzugen

(in Prozent)

45,8

13,4

Taxi-Nutzer

Taxi

Uber

30,8

Uber-Nutzer

Quelle: Puls Marktforschung

19,2

10 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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GLASFASERAUSBAU

Zahlen und Steuern sparen

Es ist eines der wichtigsten Projekte

der Bundesregierung. Bis

2018 soll Deutschland den

Rückstand bei superschnellen

Internet-Anschlüssen aufholen.

Jeder Haushalt soll dann mit

einer Mindestgeschwindigkeit

von 50 Megabit pro Sekunde

eine eigene Auffahrt zur Datenautobahn

bekommen. Mit den

Chefs der Telekomgesellschaften

erörtert der für die digitale

Infrastruktur zuständige Bundesminister

Alexander Dobrindt

(CSU) derzeit, wie man

Kosteneinsparungen und Investitionsanreize

für einen schnelleren

Glasfaserausbau schaffen

kann. Als ersten Maßnahmenkatalog

will der Minister bis spätestens

Mitte Oktober ein sogenanntes

„Kursbuch“ vorlegen.

Einen Zahn hat Bundesfinanzminister

Wolfgang Schäuble

allen Beteiligten bereits im

Vorfeld gezogen: Fördergelder

aus dem Bundeshaushalt wird

es für den Glasfaserausbau

nicht geben.

Jetzt startet der Bundesverband

Glasfaseranschluss

(Buglas) einen neuen Anlauf,

um Schäubles Widerstand zu

brechen. Eine Hürde für einen

beschleunigten Ausbau von

Glasfaseranschlüssen seien die

heutigen Steuergesetze, kritisiert

der Verband in einem Gutachten,

das der Wirtschafts-

Woche vorliegt. Insbesondere

die Eigentümer selbst genutzter

Einfamilienhäuser können

demnach die Kosten für die Installation

eines Glasfaseranschlusses

bisher nicht im vollen

Umfang von der Steuer absetzen.

Dabei geht es zwar nur um

die wenigen Meter von der

Grundstücksgrenze bis zum

Haus. Doch die dabei entstehenden

Kosten von durchschnittlich

1250 Euro pro Einfamilienhaus

könnten die

Netzbetreiber auf die Eigentümer

abwälzen, wenn sie steuerlich

absetzbar wären.

Modellrechnungen, die Buglas-Geschäftsführer

Wolfgang

Heer in der kommenden Woche

in Berlin vorlegen will, zeigen,

was solch eine Steuerreform

bringt: Pro Jahr könnte eine

Million Hauseigentümer eine

Gesamtinvestition in Höhe von

1,25 Milliarden Euro tragen, der

Staat müsste aber nur mit Mindereinnahmen

in Höhe von

237,6 Millionen Euro rechnen.

„Das sind weniger als 0,1 Prozent

des gesamten Einkommensteueraufkommens“,

rechnet

Verbandsgeschäftsführer

Heer vor.

juergen.berke@wiwo.de

Aufgeschnappt

Ikea im Apple-Stil Die Inhalte

seien vorinstalliert, drahtlos abrufbar,

und Ladezeiten entfielen

– so kündigt der selbst ernannte

„Chefdesigner-Guru“ Jörgen

Eghammer im schwarzen T-Shirt

den neuen Ikea-Katalog an.

Eine Satire auf Apples Produktshows.

Mit dem Spot, zu sehen

auf YouTube, wirbt der Möbelriese

in Singapur für seinen neuen

Katalog.

Inflationäre Strafen An stark

steigende Preise haben sich die

krisengeplagten Argentinier gewöhnt,

nicht aber an eine Inflation

des Bußgelds. Wer trotz roter

Ampel weiterfährt, muss 9600

Pesos bezahlen, umgerechnet

886 Euro. Bei zu schnellem

Fahren kassiert die Polizei sogar

bis zu 2360 Euro. Der Grund:

Seit vergangenem Jahr sind die

Bußgelder an den Benzinpreis

gekoppelt. Seither legten sie um

21 Prozent zu.

ROCKET INTERNET

Upgrade im

Aufsichtsrat

Neuer Posten Beraterlegende

Berger geht bei Rocket an Bord

Nach der Bekanntgabe der Börsenpläne

von Rocket Internet

hat sich nun auch der Aufsichtsrat

der Berliner Start-up-Fabrik

neu formiert. Das prominenteste

Mitglied des Kontrollgremiums

ist Unternehmensberater

Roland Berger. Zudem wachen

United-Internet-Gründer

Ralph Dommermuth, der ehemalige

ProSiebenSat.1-Vorstand

Marcus Englert sowie

Philip Yea, Ex-Chef der Beteiligungsgesellschaft

3i, über die

Geschäfte des Unternehmens.

Lorenzo Grabau, Manager des

schwedischen Rocket-Großaktionärs

Kinnevik, leitet das Gremium.

Die WirtschaftsWoche

hatte bereits im August über

die Pläne zur Besetzung des

Aufsichtsrats berichtet, die jetzt

umgesetzt wurden.

henryk.hielscher@wiwo.de

FOTOS: LAIF/REDUX/THE NEW YORK TIMES, PR, EX-PRESS/MARKUS FORTE

Die Bestseller am Himmel

Die fünf meistgenutzen Passagierflugzeuge*

1013

1289

1184

Boeing 777 (USA)

Airbus A330 (Frankreich/Deutschland)

Boeing-737-Familie (USA)

Airbus-A320-Familie (Frankreich/Deutschland)

Bombardier-CRJ-Familie (Kanada)

5614

5643

* Angaben: Hersteller, Typ, Produktionsland und aktuelle

Anzahl der Flugzeuge im weltweiten Einsatz;

Quelle: Ascend, Stand August 2014

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 11

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Menschen der Wirtschaft

RUNDFUNK

Monopol

knacken

Aggressiver Angreifer

Uplink-Chef Radomski

Vor rund 30 Jahren startete in

Deutschland das Privatfernsehen,

vor 16 Jahren liberalisierte

die Bundesregierung den Telefonmarkt.

An der Schnittstelle

der beiden Technikwelten aber

hat sich bis heute ein lukratives

Quasimonopol gehalten: der

Betrieb der deutschen Rundfunk-

und Fernsehsendernetze

durch Media Broadcast (MB),

einst eine Tochter der Deutschen

Telekom, jetzt Teil der

französischen TDF-Group. MB

beherrscht den branchenintern

auf rund 150 Millionen Euro geschätzten

Gesamtmarkt weitestgehend

alleine. Das soll sich

von 2016 an ändern. Dann kann

der Betrieb der Sendefrequenzen

neu vergeben werden.

Wichtigster Angreifer dürfte

das Düsseldorfer Start-up

Uplink sein. Zu den Investoren

gehören Ex-Bundespostminister

Christian Schwarz-Schilling

und der langjährige Chef des

Rundfunkvermarkters RMS,

Wilfried Sorge. Gründer und

Geschäftsführer von Uplink ist

Michael Radomski, der früher

für den Mobilfunker Drillisch

und die Handelskette Rewe

gearbeitet hat.

Bisher betreibt Uplink erst einige

Sendeanlagen in Ostdeutschland.

Von Anfang 2016

an will Uplink aggressiv im Revier

des Marktführers wildern.

„In fünf Jahren wollen wir 30

Prozent des Umsatzes zu uns

holen“, peilt Radomski an.

thomas.kuhn@wiwo.de

INTERVIEW Uwe Hück

»Porsche darf nicht zur

Legebatterie werden«

Der Chef des Porsche-Betriebsrats verteidigt die

Exklusivität der Automarke und macht Vorschläge zur

Erhöhung der Produktivität.

Herr Hück, Porsche ist seit fünf

Jahren Teil des VW-Konzerns.

Wie fühlen Sie sich dort?

Volkswagen ist inzwischen unsere

Familie, aber das Wohnzimmer

ist und bleibt Porsche.

Vor fünf Jahren hatten wir Entwicklungskosten

von etwa 800

Millionen Euro, heute sind es

circa 1,5 Milliarden. Zusammen

mit VW konnten wir die notwendigen

Synergien bilden und

den hausgemachten Investitionsstau

der letzten Jahre auflösen.

Aber unsere Investitionen

finanzieren wir selbst und können

auch Geld in Zukunftstechnologien

investieren – etwa in

moderne Antriebstechnik.

2009 verkaufte Porsche rund

100 000 Autos, heute fast

doppelt so viele. Büßt die Marke

ihre Exklusivität ein?

Vorstandschef Matthias Müller

und ich sind uns einig: Wir wollen

lieber ein Auto zu wenig im

Markt haben, als eines zu viel.

Selbst wenn Sie über 200 000

Autos verkaufen könnten?

Man muss auch Nein sagen

können. Wir müssen die Exklusivität

der Marke und den Mythos

Porsche beibehalten.

Brasilien, Indien, auch China

haben noch Potenzial. Auf dem

Weltmarkt muss man Exklusivität

vielleicht neu definieren.

Wenn wir mehr verkaufen können,

ohne dass unsere Identität

dabei aufgegeben wird, kann

ich ja schlecht schimpfen.

Mit dem Macan zeigt Ihre

Marke, dass sie auch erfolgreich

ins Volumensegment vorstoßen

kann. Prognosen gehen von

einem Absatz von 50 000 bis

60 000 Stück aus.

Unsere Viertürer verkaufen sich

immer besser, das stimmt. Aber

DER KÄMPFER

Hück, 52, leitet seit 1997 den

Betriebsrat und ist seit 2010

Vize im Aufsichtsrat von Porsche.

Begonnen hatte der Amateurboxer

dort 1985 als Lackierer.

der Mythos Porsche lebt von

seinen Zweitürern wie dem

911er. Unter dem Erfolg der

Viertürer dürfen unsere klassischen

Sportwagen nicht leiden,

sonst leidet die ganze Marge.

Die Viertürer kommen aus

Leipzig. Was soll in Zuffenhausen

künftig vom Band laufen?

Mein Traum sieht so aus, dass

alle Zweitürer in Zuffenhausen

gebaut werden.

Der Konzern will eine halbe

Milliarde Euro in den Ausbau

von Zuffenhausen investieren.

Die Belegschaft soll dafür aber

die Produktivität im Wert von

150 Millionen Euro steigern.

Wie soll das gelingen?

Produktivität heißt ja nicht,

schneller zu arbeiten, sondern

effektiver zu arbeiten. Das

heißt, unnötige Arbeit muss

nicht gemacht werden. Dafür

haben wir den Porsche-Verbesserungs-Prozess.

Ein Lackierer

etwa hat nun zusätzlich die Aufgabe,

den Instandhalter auf

Probleme hinzuweisen. Früher

war das getrennt voneinander.

Das allein wird kaum reichen.

Die Personalkosten können Sie

senken, indem Sie in Weiterbildung

investieren. Warum sollte

ein Mitarbeiter vom Karosseriebau

nicht auch im Motorenbau

eingesetzt werden? Aus Gesundheitsgründen

ist ohnehin

ein vernünftiges Rotationsverfahren

angebracht:Wenn Sie

den Krankenstand um einen

Prozentpunkt senken, gewinnen

Sie mehr, als wenn Sie die

Pausen streichen. Die Frage ist

nicht, ob wir weiter hochtakten,

sondern wie wir intelligent Arbeit

reinholen.

Woran denken Sie?

Wir haben ein neues Motorwerk

für Hochleistungsmotoren,

wir haben eine erstklassige

Sattlerei. Wir müssen nun überlegen,

wie wir die Fertigungstiefe

erhöhen können.

Wie viele Fahrzeuge können Sie

in Zuffenhausen bauen?

Wenn es nach mir geht, mehr.

Heute produzieren wir pro Jahr

im Optimalfall etwa 42 000

Stück. Da ist sicher noch Luft

nach oben. 2009 haben wir pro

Tag 162 Autos produziert, heute

sind wir bei 206 Fahrzeugen.

Wir müssen aber bei allem, was

wir tun und planen, den Mythos

Porsche leben. Wir müssen unsere

Garagenduft-Mentalität

beibehalten und dürfen nicht

zur Legebatterie werden. Das

würden unsere Kunden nicht

akzeptieren.

Der Audi Q5 kommt demnächst

aus Mexiko. Wäre das auch

eine Strategie für Porsche?

Die Frage ist, ob es Sinn macht,

Reis in Deutschland anzubauen.

Was ich meine: Wenn Porsche

nicht made in Germany

ist, werden wir unsere Marge

nicht mehr lange halten.

rebecca.eisert@wiwo.de, franz rother

12 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: PR, CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PHOTOTHEK.NET/UTE GRABOWSKY, DDP IMAGES/SPORT MOMENTS, DDP IMAGES/COMMONLENS/AXEL SCHMIDT

ASYLBEWERBER

Schlechtere

Unterkünfte

Mit der wachsenden Zahl an

Asylbewerbern sinkt die Qualität

der Unterbringung. Das

ergibt sich aus einer Studie der

Hilfsorganisation Pro Asyl.

Demnach ist der Anteil von Asylbewerbern,

die in Einzelwohnungen

leben, zuletzt rapide

gesunken. 2007 lag er noch bei

66,1 Prozent, 2012 nur noch

bei 55,7 Prozent. Immer mehr

Menschen müssen somit in Gemeinschaftsunterkünften

ausharren.

Die Studie zeigt zudem,

dass sich die Wohnungsquote

zwischen den Bundesländern

stark unterscheidet: So konnten

in Rheinland-Pfalz knapp 92

Prozent der Asylbewerber in

Wohnungen untergebracht

werden, in Sachsen waren es

nur 29 Prozent.

Auch an anderer Stelle im

System knirscht es. So benötigt

das Bundesamt für Migration

und Flüchtlinge, das die Asylverfahren

bearbeitet, erneut

mehr Personal. Erst im Frühjahr

hatte der Bund 300 neue

Stellen genehmigt, jetzt fordert

Präsident Manfred Schmidt:

„Wir brauchen nächstes Jahr

noch mal mehr Personal. Dies

wird auch Gegenstand der

Haushaltsverhandlungen sein.“

konrad.fischer@wiwo.de

FORSCHUNG

Förderung mit Hebelwirkung

Das „Flaggschiff“ der High-

Tech-Strategie, wie Beamte von

Bundesforschungsministerin

Johanna Wanka den „Spitzencluster-Wettbewerb“

nennen,

erhält gute Noten von der Wissenschaft.

In einem 200-seitigen

Abschlussbericht lobt das

Rheinisch-Westfälische Institut

für Wirtschaftsforschung (RWI)

das Fördervorhaben der Regierung

wegen seines besonderen

TOP-TERMINE VOM 15.09. BIS 21.09.

15.09. Bahn Am Montag beginnt die erste Tarifrunde zwischen

der Deutschen Bahn und der Eisenbahnund

Verkehrsgewerkschaft (EVG), die sechs Prozent

mehr Lohn fordert. Bisher hat die Bahn mit

der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer

(GDL) verhandelt. Sie verlangt fünf Prozent mehr

Geld und eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit

von 39 auf 37 Stunden. EVG und GDL streiten sich

darum, wer welche Mitarbeitergruppen vertritt.

17.09. Deutschland-Besuch Scheich Tamim

Bin Hamad al Thani, Staatsoberhaupt

des Golf-Emirats Katar, eröffnet am

Mittwoch in Berlin ein Wirtschaftsforum.

Anschließend wird er Bundeskanzlerin Angela

Merkel, Außenminister Frank-Walter Steinmeier

sowie Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel treffen.

Geldpolitik Der Rat der Europäischen Zentralbank

(EZB) berät über die Geldpolitik. Auch die US-Notenbank

diskutiert darüber. Nach der Sitzung erläutert

US-Notenbank-Chefin Janet Yellen vor

Journalisten mögliche Entscheidungen.

18.09. Schottland 4,2 Millionen Schotten können am

Donnerstag darüber abstimmen, ob der Landesteil

ein eigener Staat werden soll. In einer Umfrage

hatten sich zuletzt 51 Prozent für die Unabhängigkeit

von Großbritannien ausgesprochen.

Kündigungsfristen Das Bundesarbeitsgericht urteilt,

ob Kündigungsfristen nach der Betriebszugehörigkeit

der Mitarbeiter gestaffelt werden dürfen.

Luftfahrt Der Europäische Gerichtshof urteilt

darüber, ob EU-Staaten den Fluggesellschaften

verbieten dürfen, nach eigenem Ermessen einen

Aufschlag für das Fluggepäck zu kassieren.

20.09. SPD Rund 200 Delegierte treffen sich am Samstag

im Berliner Willy-Brandt-Haus zum kleinen

Parteitag. Kernthema ist die Digitalisierung.

Gute Noten Forschungsministerin

Wanka

„Hebeleffekts“. 600 Millionen

Euro investierte der

Bund seit 2009, um

regionale Leuchtturmprojekte

wie Logistik

im Ruhrgebiet, Maschinenbau

in Ostwestfalen-Lippe

oder Luftfahrttechnik

in Hamburg

zu fördern. Das Geld

entfaltete eine „beträchtliche

Anstoßwirkung“. So investierten

die Unternehmen genauso viel

an Eigenmitteln, wie sie an

staatlicher Förderung erhielten.

Kleine Unternehmen

investierten sogar das

1,36-Fache der Fördergelder.

Zudem führte

das Programm zu 900

Innovationen, von

denen 300 auf dem

Markt seien, sowie zu

40 Ausgründungen.

christian.schlesiger@wiwo.de

DAIMLER

Mehr Jüngere

ohne Auto

Jüngere Menschen für die Marke

Mercedes zu begeistern ist

eines der wichtigsten Ziele von

Daimler-Chef Dieter Zetsche.

Im Schnitt sind Mercedes-Käufer

56 Jahre alt, keine andere

Automarke in Deutschland hat

ältere Kunden. Mit der neu gestalteten

A-Klasse kann Zetsche

allerdings einen ersten Erfolg

vermelden: „Die Käufer in

Deutschland sind im Durchschnitt

zehn Jahre jünger als

früher.“ Auch Car2Go, die Carsharing-Sparte

von Daimler,

werde junge Zielgruppen anlocken,

ist Zetsche überzeugt.

Die zunehmende Bereitschaft

Jüngerer auf ein eigenes

Auto zu verzichten, alarmiert

die gesamte Branche. Laut Statistischem

Bundesamt besaßen

in Deutschland von den 25- bis

Verjüngungskur

Daimler-Chef Zetsche

35-jährigen Haushaltsvorständen

2008 insgesamt 69 Prozent

ein Auto. 2004 waren es noch 79

Prozent. Bei den unter 25-Jährigen

sank der Anteil von 2005

bis 2011 von 64 auf 56 Prozent.

Ein ähnliches Bild zeigt sich

in den USA. 2005 hatten noch

85 Prozent der unter 35-Jährigen

einen eigenen Wagen, 2011

nur 82 Prozent.

Gleichzeitig besitzen immer

mehr Senioren ein Fahrzeug. In

den USA haben rund 80 Prozent

der Haushaltsvorstände, die

65 Jahre alt und älter sind, ein

eigenes Auto, in Deutschland

rund 78 Prozent.

martin.seiwert@wiwo.de

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 13

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

Metro-Manager wechselt zu

Aldi Süd und zieht in das oberste

Führungsgremium des Discounters,

den Koordinierungsrat,

ein. Der Posten ist seit

Dezember 2013 vakant. Damals

hatte Ex-MAN-Finanzvorstand

Frank Lutz, 45, den Job quittiert.

OTTO GROUP

Neela Montgomery, 40,

wagt sich nach Deutschland,

obwohl die Britin wie

der gescheiterte frühere

Karstadt-Chef Andrew Jennings

kein Deutsch spricht

und den deutschen Einzelhandel

kaum kennt. Vom

1. November an soll sie im

Vorstand der Hamburger

Handelsgruppe Otto die

Multichannel-Strategie vorantreiben.

Ein Feld, das

sie zuletzt beim britischen

Handelskonzern Tesco beackert

hat. Bei Otto folgt die

Absolventin eines Literatur-

und eines MBA-Studiums

auf den Betriebswirt

und promovierten Soziologen

Timm Homann, 46, der

künftig den westfälischen

Textilhändler Ernsting’s

Family leitet.

ALDI SÜD

Thomas Ziegler, 47, kehrt

nach gut zwei Jahren bei der

Funke Mediengruppe in den

Handel zurück. Der frühere

CARSHARING

FERRARI

Luca di Montezemolo, 67,

räumt nach 23 Jahren an der

Spitze von Ferrari am 13. Oktober,

dem Tag des Börsengangs

von FiatChrysler Automobiles,

das Feld für Konzernchef Sergio

Marchionne. Vorangegangen

waren Auseinandersetzungen

zwischen den beiden Spitzenmanagern

um die künftige Rolle

von Ferrari: Marchionne will

die 90-Prozent-Tochter von Fiat

stärker in den Konzern einbinden,

um Synergien zu heben.

INFINITI

Roland Krüger, 48, liebt extreme

Herausforderungen. Zum

Jahreswechsel 2013 lief er als

erster Deutscher allein auf

Skiern zum Südpol. Sein Job als

Vertriebsleiter von BMW in

Deutschland war dem Designer

aus München hingegen offenbar

zu langweilig. Denn nach

nur 19 Monaten räumte er jetzt

den Posten und wechselte als

neuer Chef zur Nissan-Premiummarke

Infiniti. Dort hatten

in den vergangenen Wochen

gleich mehrere Spitzenkräfte

das Handtuch geworfen – zermürbt

von den Auseinandersetzungen

mit Konzernchef Carlos

Ghosn.

4 Millionen

Deutsche haben in den vergangenen zwei Jahren Carsharing

benutzt, das sind acht Prozent aller Bundesbürger ab 18 Jahren

und doppelt so viele wie Anfang 2013, so eine Umfrage des

IT-Branchenverbandes Bitkom. Von den 30- bis 49-Jährigen

buchten sogar zehn Prozent solch ein Auto.

INVENTORUM

High Tech für Händler

Der 34-jährige Michael Brehm (links) war einst Mitgründer von

StudiVZ und dann Investor bei erfolgreich verkauften Online-

Firmen wie Brands4Friends oder Daily Deal. „Ich habe damals begeistert

den Offline-Handel angegriffen“, sagt Brehm. Doch inzwischen

sorgt er sich um die kleinen Läden und will ihnen helfen.

„Wir wollen die Händler ins 21. Jahrhundert beamen“, tönt Brehm.

Dazu hat er mit Christoph Brem das Start-up Inventorum gegründet.

Sie haben ein iPad-Kassensystem entwickelt, in das zudem

Software zur Verwaltung von Waren und Kunden integriert

ist. Auch in eigenen Online-Shops oder bei Ebay kann darüber verkauft

werden. „Viele kleine Händler geben ihr Inventar dort noch

manuell ein“, sagt Brehm. Das führe zu verärgerten Kunden, wenn

ein Artikel bestellt wird, aber nicht geliefert werden kann, weil das

letzte Stück kurz zuvor im Laden verkauft wurde. Seit Ende 2012

arbeitet Inventorum an der Lösung, nun ist sie voll funktionsfähig.

Bisher habe es nur sehr teure Softwarelösungen gegeben, Inventorum

soll unter 100 Euro pro Monat kosten. Über 1000 Kunden gibt

es bereits. Zudem haben die Berliner namhafte Partner überzeugt.

ECE, der größte Betreiber

Fakten zum Unternehmen

Finanzierung von High-Tech

Gründerfonds, Klingel New Media

und Vogel Ventures knapp

1 Million Euro

Kosten Kasse ab 29 Euro pro

Monat, Online-Shop kostet 49 Euro

von Einkaufszentren in

Europa, und PayPal testen

Ende des Monats in

Hamburg und Essen eine

neue App für Shoppingcenter

und arbeiten dabei

mit Brehm und Brem zusammen.

oliver.voss@wiwo.de

FOTOS: PR

14 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Thomas Nau

Deutschland-Chef von American Express

„Nice to be evergreen“ steht auf

dem Plakat, das neben dem

Regal hängt. Der Spruch ist auch

das Motto von Thomas Nau, 53.

Seit fast 13 Jahren arbeitet er

für den amerikanischen Finanzdienstleister

American Express,

der die grünen Kreditkarten herausgibt.

Seit Ende 2011 leitet

Nau das Deutschland-Geschäft.

In die Finanzbranche kam er

über Umwege. Nach dem Studium

an der Frankfurter Universität

begann der Diplom-Kaufmann

zunächst bei Milupa,

einem Hersteller von Babynahrung,

später wechselte er zu EP

Electronic Partner, Reckitt &

Colman und zum Glasproduzenten

Schott. „Ich

habe einen langen

Background in Vertrieb

und Marketing“,

erzählt Nau. So einen

Mann hatte American

Express 2001 gesucht.

„Da habe ich ein bisschen

was auf den

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

Tisch gebracht“, sagt Nau. Sein

jüngstes Projekt ist eine Kreditkarte,

die mit Payback gekoppelt

ist, dem größten deutschen Bonusprogramm.

Er selbst besitzt

drei Kreditkarten, darunter eine

von der Konkurrenz. „Wettbewerbsbeobachtung

schadet

nie“, meint der Manager. Im

Regal hinter dem Schreibtisch

stehen Repliken alter

Kreditkarten und

Stoffbärchen, die die

Aids-Hilfe jährlich

verteilt. „Wir unterstützen

sie sehr stark“,

erklärt Nau. Rund 600

Mitarbeiter beschäftigt

der US-Konzern

in Frankfurt, Naus Büros liegt im

fünften Stock. Die Einrichtung

hat er übernommen. „Ich hätte

sie mir nicht reingestellt, aber

sie erfüllt ihren Zweck.“ Auf dem

Konferenztisch steht eine Schale

mit Äpfeln. „Ich habe immer

frisches Obst“, sagt Nau, „wir

haben hier ein sehr ausgeprägtes

Healthy-Living-Programm.“

Rückenmassage in der Mittagspause,

Yoga und Sportangebote

in Fitnessstudios und Vereinen.

Nau macht da nicht mit. Aber

sportlich sei er schon, versichert

er. „Im Winter bin ich

leidenschaftlicher Skifahrer, im

Sommer golfe ich.“

hermann.olbermann@wiwo.de

FOTO: DOMINIK PIETSCH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

16 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Auf abschüssiger Bahn

EURO | Mit Nullzinsen und neuen Geldspritzen schickt die Europäische Zentralbank

den Euro auf Talfahrt. Die Weichwährung soll die Konjunktur stützen und die Inflation

ankurbeln. Doch die Geldflut aus Frankfurt entwertet die Ersparnisse der Bürger,

schmälert den Reformdruck auf die Regierungen und gefährdet den Wohlstand.

Im Schatten der Bankentürme in

Frankfurt ist sie schon spürbar, die

steigende Inflation, die Mario Draghi,

der Präsident der Europäischen Zentralbank

(EZB), so herbeisehnt. Quasi

über Nacht kostet die Suppe im Frankfurter

Biocafé in der City mit 5,80 Euro mal eben

30 Cent mehr als in der Woche zuvor. Der

Italiener gleich nebenan bietet sein Mittagsmenü,

eine einfache Pasta mit kleinem

Salat und Espresso nicht mehr wie am Vortag

für 9,90 Euro, sondern für 11,90 Euro

an. „Geld ist billig wie nie zuvor, der EZB sei

Dank“, rechtfertigt der italienische Kellner

den Aufschlag lachend und lenkt seinen

Blick schnell wieder auf sein Notebook.

Der Mann will eine Wohnung in Frankfurt

kaufen. Da die Immobilienpreise steigen

und steigen, muss er langsam zu Potte

kommen, sonst wird das nichts mit der

schicken Eigentumswohnung in der Bankenstadt.

ALARM IM EUROTOWER

Geht es nach dem Willen von EZB-Chef

Draghi, markieren die jüngsten Preisschübe

auf dem Mittagstisch und dem Wohnungsmarkt

der Mainmetropole noch

längst nicht das Ende der Fahnenstange.

Anfang des Monats drückte Europas oberster

Notenbanker den Leitzins auf die mikroskopische

Größenordnung von 0,05

Prozent herunter. Zudem kündigte er an,

die EZB werde ab Oktober mit Krediten

verbriefte Wertpapiere und Pfandbriefe

von den Banken kaufen und diese mit Zentralbankgeld

fluten.

Bereits im Juni hatten die Notenbanker

die Zinsen gesenkt und den Geschäftsbanken

langfristige Geldleihgeschäfte zu Minizinsen

in Aussicht gestellt. Doch die wegbrechende

Konjunktur, die schwächelnde

Kreditvergabe sowie die sinkenden Teuerungsraten

haben die Notenbanker in

Alarmstimmung versetzt. Sie fürchten, die

Euro-Zone könnte in eine Deflation stürzen,

die die reale Schuldenlast der Staaten

in ungeahnte Höhen katapultiert.

Dem wollen sie durch das erneute Öffnen

der Geldschleusen entgegenwirken.

Das Ziel: ein schwacher Euro, der die Importe

verteuert und Inflation importiert.

Goldman Sachs

erwartet die

Parität zum Dollar

bis Ende 2017

der Alten und der Neuen Welt immer weiter

auseinander. Geldanlagen in der Euro-

Zone lohnen sich kaum noch. Die Ökonomen

der US-Bank Goldman Sachs erwarten

daher, dass sich der Euro in den nächsten

zwölf Monaten auf 1,20 Dollar verbilligt.

Ende 2017 werde er die Parität zum

Dollar erreichen.

Deutschlands Exporteure mag das freuen,

spült der schwache Euro ihnen doch

zunächst zusätzliche Gewinne in die Kassen

(siehe Seite 24). Doch langfristig hat

der Cocktail aus Niedrigzinsen und weicher

Währung toxische Wirkungen auf die

Wirtschaft. Er setzt Fehlinvestitionen in

Gang, entwertet die Ersparnisse, mindert

den Reformdruck und lähmt die Kostenkontrolle

in den Unternehmen. Wachstum

und Wohlstand sind in Gefahr.

SCHWACHE KONJUNKTUR

Noch vor wenigen Monaten hatte niemand

damit gerechnet, dass die Euro-Hüter die

Geldschleusen so rasch so weit öffnen würden.

Denn die Konjunktur in der Euro-

Zone schien endlich Tritt zu fassen. Dann

aber gingen die Stimmungsindikatoren

plötzlich auf Talfahrt, später folgten die

harten Daten. Im zweiten Quartal stagnierte

die Wirtschaftsleistung in der Währungsunion,

in Deutschland ging sie sogar zurück.

Das hat mehrere Ursachen:

Die Ukraine-Krise hat die Unsicherheit für

Unternehmen und Bürger erhöht. Die

deutschen Exporte nach Russland sind im

zweiten Quartal um 18 Prozent gegenüber

dem Vorjahr eingebrochen. Die Investitionslaune

der Firmen ist dahin. Verschärft

sich der Konflikt in der Ukraine, könnte die

ohnehin fragile Konjunktur in der Euro-

An den Märkten kam die Botschaft an.

Kaum hatte Draghi die geplanten Geldspritzen

verkündet, knickte der Euro gegenüber

dem Dollar um drei Cent auf 1,29

ein. In den nächsten Monaten dürfte sich

die Talfahrt der Gemeinschaftswährung

fortsetzen.

Dazu trägt auch bei, dass die US-Notenbank

sich anschickt, ihre Geldpolitik zu

straffen. Auf ihrem Treffen in dieser Woche

dürften die US-Währungshüter beschließen,

weniger Anleihen als bisher zu kaufen

und somit weniger Geld zu drucken. Mitte

nächsten Jahres könnte nach Ansicht von

Beobachtern die erste Leitzinserhöhung

folgen. Damit driften die Zinsen zwischen »

FOTOS: IMAGO/IMAGEBROKER, MARKUS SCHWALENBERG FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE; MONTAGE: DMITRI BROIDO

18 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Der Euro

taucht ab

Kursverlust gegenüber

dem Dollar

seit Juli 2014

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 19

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Politik&Weltwirtschaft

»

Zone endgültig abschmieren. Vor allem,

wenn Russland im Zuge der sich

hochschaukelnden Sanktionsspirale den

westlichen Fluggesellschaften die Überflugerlaubnis

über den russischen Luftraum

entzieht.

Längere Flugrouten trieben die Kosten in

die Höhe und drehten die Integration der

Weltwirtschaft ein Stück weit zurück. Die

Folgen dürften insbesondere die deutschen

Unternehmen zu spüren bekommen.

In einer Umfrage der Deutsch-Russischen

Auslandshandelskammer gaben

jüngst 58 Prozent der in Russland aktiven

deutschen Unternehmen an, die Ukraine-

Krise belaste ihr Tagesgeschäft. Die Ökonomen

des Deutschen Industrie- und

Handelskammertages warnen, der Ukraine-Konflikt

werde die deutsche Wirtschaft

in diesem Jahr einen Prozentpunkt Exportwachstum

kosten.

Aus den übrigen Schwellenländern, wo

die Geschäfte der europäischen Unternehmen

in den vergangenen Jahren bombig

liefen, kommen ebenfalls schlechte Nachrichten.

Brasiliens Wirtschaft befindet sich

in der Rezession, in China drücken rückläufige

Immobilienpreise und -verkäufe

auf das Wirtschaftswachstum, und in Indien

dämpft die Hochzinspolitik die Konjunktur.

Das erschwert es den Europäern,

sich aus der Konjunkturflaute herauszuexportieren.

Die Reformverweigerung der Regierungen

in Italien und Frankreich verschärft die

Probleme noch. Regierungschef Matteo

Renzi und Präsident François Hollande gefallen

sich zwar darin, Reformen anzukündigen.

Geliefert aber haben sie bisher so

Weichwährung als

Export-Turbo Containerhafen

in Italien

Ein schwacher

Euro verteuert

die Importe

gut wie nichts. Italiens Wirtschaft

schrumpft seit Jahren, das Bruttoinlandsprodukt

liegt um zehn Prozent unter dem

Niveau von 2008 (siehe Grafik). Nach Berechnungen

der Ökonomen des Analyseinstituts

Oxford Economics ist Italien das

einzige Land Europas, in dem die Produktivität

der Arbeitskräfte und der Maschinen

seit dem Jahr 2000 anhaltend sinkt.

Mangelnde Innovationsfähigkeit, schlechte

Bildung, Korruption, eine überbordende

Bürokratie und ein zementierter Arbeitsmarkt

liegen wie Mehltau auf der

Wirtschaft. Außer einer Ministeuerentlastung

für Geringverdiener und einer halb

garen Senatsreform hat Renzi nichts

zustande gebracht, was den Namen Reformen

verdiente. Anfang September versprach

er, Italien binnen 1000 Tagen zu

einem „zivilisierten Land“ zu machen. Experten

sind jedoch skeptisch. „Das Risiko,

dass der Schwung verpufft und die Reformen

ausbleiben, ist hoch“, sagt Nicola

Nobile, Ökonomin von Oxford Economics.

Kaum besser sieht es in Frankreich aus.

Die Wirtschaft leidet unter dem hypertrophen

Staat, den die Regierung in den ver-

Mit Zinsen nahe null, einer Geldflut und schwachem Euro will die EZB den Preisverfall stoppen

Leitzinsen der EZB

Bilanzsumme der EZB

2014

Milliarden Euro

6

3500

Spitzenrefinanzierungszins

Angestrebtes Ziel:

rund 3000 Mrd. €

5

–1

2008

1000

2008

Hauptrefinanzierungszins 3000

4

3

2

2500

2000

1

1500

0

Einlagenzins

2014

Wechselkurs des Euro

Realer effektiver

Euro-Wechselkurs*

160

* Wechselkurs gegen US-Dollar sowie realer, gewichteter Außenwert gegenüber den wichtigsten Handelspartnerwährungen (2000 = 100); Quelle: EZB, Eurostat, Bloomberg, JP Morgan, Thomson Reuters

150

140

130

120

Dollar je Euro

1,60

1,50

1,40

1,30

1,20

2008 2014

Verbraucherpreise in der Euro-Zone

Veränderung zum Vorjahr in Prozent

4,0

3,5

3,0

2,5

2,0

1,5

1,0

0,5

0

–0,5

–1,0

2008 2014

20 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: REUTERS/ALESSANDRO BIANCHI, LAIF/REA/JACQUES WITT, IMAGO, MARKUS SCHWALENBERG; MONTAGE: DMITRI BROIDO

gangenen Jahren mit immer höheren Steuern

gemästet hat. Der Arbeitsmarkt ist stark

reguliert, die Kooperationsbereitschaft von

Arbeitnehmern und Arbeitgebern gering,

die Arbeitslosigkeit hoch. Der Regierung

fehlt der Wille, den Staatshaushalt zu sanieren.

In der vergangenen Woche kündigte

Finanzminister Michel Sapin an, die Regierung

sehe sich außerstande, das Haushaltsdefizit

wie versprochen 2015 unter die

Maastrichter Obergrenze von drei Prozent

des Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu drücken.

Das sei frühestens 2017 möglich. Zuvor

hatte die Regierung erklärt, die für das

nächste Jahr vorgesehenen Einsparungen

von 21 Milliarden Euro um ein bis zwei

Milliarden Euro zu kürzen.

ITALIENISCHE WÄHRUNGSUNION

Der finanzpolitische Schlendrian, gepaart

mit Nullwachstum, lässt die Staatsschulden

Italiens und Frankreichs steigen. Verlieren

die Märkte aber das Vertrauen in die

beiden Länder, sind Hilfskredite durch den

Euro-Rettungsschirm ESM kaum möglich.

„Italien und Frankreich würden schon jeweils

allein die Möglichkeiten des ESM bei

Weitem überschreiten, da ihre Wirtschaftsleistung

und ihr Anleihemarkt schlicht zu

groß sind“, sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt

der DZ Bank.

So wächst der Druck auf die EZB, den

Regierungen in Rom und Paris mit niedrigen

Zinsen und höherer Inflation zu Hilfe

zu eilen. „Die EZB wird zunehmend zum

Ausputzer für die reformresistenten Regierungen“,

kritisiert Jörg Krämer, Chefvolkswirt

der Commerzbank. Nicht auszuschließen,

dass die Reformverweigerung der Regierungen

in Rom und Paris mit Kalkül erfolgt.

Denn je schlechter es der Konjunktur

und den Staatshaushalten in der Euro-Zone

geht, desto stärker wird der Druck auf

die EZB, die Staaten mit der Notenpresse

zu finanzieren.

Der Währungsunion droht damit eine

Entwicklung, wie sie Italien in den Siebzigerjahren

erlebt hat. Um den Ausbau des

Wohlfahrtsstaates zu finanzieren, räumte

die italienische Zentralbank Banca d’Italia

damals dem Finanzminister eine Kreditlinie

von 14 Prozent des Budgets zu einem

Minizinssatz von einem Prozent ein. Später

kaufte sie Anleihen des Staates, die dieser

nicht am Markt platzieren konnte.

1975 befanden sich bereits 48 Prozent aller

Staatspapiere im Besitz der Banca

Schrumpfende Wirtschaft, wachsende Schulden und mehr Arbeitslose drücken auf die Preise

Reales Bruttoinlandsprodukt*

110

100

90

80

Italien

Griechenland

Frankreich

Portugal

Spanien

70

2008 2014**

* 1. Quartal 2008 = 100; ** Prognose; Quelle: Eurostat, EU-Kommission

Reformresistente Chefs Premierminister

Renzi, Präsident Hollande

d’Italia. Die Folge der hemmungslosen

Gelddruckerei war Inflation. In der Spitze

schoss die Teuerungsrate auf 26 Prozent in

die Höhe.

Die Haushaltsfinanzierung mit der Notenpresse

ließ bei den Politikern in Rom alle

Hemmungen fallen. Das Haushaltsdefizit

sprang von drei Prozent vom BIP im Jahr

1970 auf zehn Prozent 1975. Der Schuldenberg

wuchs von 36 Prozent der Wirtschaftsleistung

1969 auf 56 Prozent im Jahr 1975.

Die Konsequenz: Italiens Währung ging

auf steile Talfahrt.

In den nächsten Jahren könnte der Euro-

Zone Ähnliches bevorstehen. „Ebenso wie

damals die Banca d’Italia wird die EZB faktisch

von den Finanzministern dominiert,

Europa ist auf dem Weg in die italienische

Währungsunion“, fürchtet Commerzbank-

Chefökonom Krämer. Daher sei es nur

noch eine Frage der Zeit, bis die Frankfurter

Währungshüter ebenso wie die italienische

Zentralbank damals in großem Stil

Staatsanleihen kaufe. Die jüngsten Beschlüsse

der EZB, mit Krediten besicherte

Wertpapiere (ABS) und Pfandbriefe zu erwerben,

sei nur die „Ouvertüre“ für die

ganz große Geldschwemme.

NÄCHSTE ABWERTUNGSWELLE

Auslöser könnte ausgerechnet die US-Notenbank

Fed sein. Erhöht sie wie erwartet

ihre Leitzinsen Mitte nächsten Jahres, fließen

Anlegergelder von Europa nach Amerika.

„Die EZB wird versuchen, den Euro-

Raum gegen den Zinsanstieg aus Amerika

durch den Ankauf von Staatsanleihen abzuschirmen“,

prognostiziert Krämer. Die

Zinsunterschiede zwischen den USA

Staatsschulden

Arbeitslosenquote

Verbraucherpreise (Veränderung

(in Prozent vom BIP)

(in Prozent)

zum Vorjahr in Prozent)

200 30

6

Spanien

Griechenland Griechenland Griechenland

5

25

Italien

150

4

Italien

Spanien

3

20

Portugal

Portugal 2

100

1

Frankreich

15

Frankreich

Italien 0

50

Spanien

10

–1

Frankreich

Portugal

–2

0 5

–3

2008 2014** 2008

2014 2008 2014

»

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 21

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Politik&Weltwirtschaft

»

und Europa nehmen dann zu – und die

nächste Abwertungswelle erfasst den Euro.

Noch gesteht die EZB nicht offen ein,

dass sie den Euro zur Weichwährung machen

will. So begründete EZB-Chef Draghi

die avisierten ABS-Käufe und die im Juni

beschlossenen Geldleihgeschäfte mit dem

Ziel, die Kreditvergabe in den Krisenländern

wieder in Gang zu bringen. Indem die

Banken ABS an die EZB verkaufen, erhalten

sie von der Zentralbank frisches Geld,

das sie verwenden können, um neue Kredite

zu refinanzieren.

GELD FLIESST INS AUSLAND

Zudem setzt der ABS-Verkauf Eigenkapital

der Banken frei. Damit könnten die Banken

neue Kredite unterlegen. Das nutzt jedoch

nichts, weil die Kreditnachfrage in

den Krisenländern am Boden liegt. Unternehmen

und Bürger ächzen dort noch immer

unter hohen Altschulden, ihre Lust auf

neue Kredite ist daher gering. Zudem

dämpfen die schlechten Absatzaussichten

und die hohe Arbeitslosigkeit den Wunsch

nach neuen Schulden.

Der Hinweis der EZB auf die lahme Kreditvergabe

dürfte daher in erster Linie ein

Ablenkungsmanöver sein, um ihre Weichspül-Pläne

für den Euro zu kaschieren. Verräterisch

war die Bemerkung von EZB-

Chef Draghi, er wolle die Bilanzsumme der

Zentralbank, die seit geraumer Zeit

schrumpft, wieder auf den Stand von Mitte

2012 erhöhen. Denn dazu müssen die

Währungshüter rund 1000 Milliarden Euro

an frischem Zentralbankgeld in das Bankensystem

pumpen.

Weil die Kreditnachfrage stockt, werden

die Banken einen Großteil des Geldes ins

Ausland schleusen, wo ihnen höhere Zinsen

und Renditen winken. So bieten zehnjährige

US-Staatsanleihen derzeit eine

Rendite von rund 2,5 Prozent, 1,5 Prozentpunkte

mehr als Bundesanleihen mit gleicher

Laufzeit. Anlagen in Schwellenländern

verzinsen sich sogar im Schnitt mit

6,5 Prozent.

„Die jüngsten Lockerungsmaßnahmen

der EZB zementieren die Position des Euro

als Finanzierungswährung für Carry-

Trades“, urteilt Valentin Marinov von der

Citigroup in London. Die EZB sei die erste

Zentralbank, die nicht nur Geld in die

Märkte pumpe, sondern auch Banken

Tauscht frisches Geld gegen Risiken

EZB-Präsident Mario Draghi

durch einen negativen Einlagenzins dafür

bestrafe, wenn sie Geld bei der Notenbank

parken. „Die Finanzinstitute werden geradezu

gedrängt, ausländische Vermögenswerte

zu kaufen“, sagt Marinov. Das erhöht

das Angebot an Euro und drückt den

Wechselkurs nach unten.

LAKAI DER REGIERUNGEN

Ein schwacher Euro verbilligt zwar die Exporte,

aber er verteuert auch die Importe.

Der höhere Preisauftrieb im Inland steigert

das nominale Wirtschaftswachstum. Liegt

die Wachstumsrate des nominalen BIPs

über dem Zins, zu dem sich die Regierung

verschuldet, bremst dies den Anstieg der

Schuldenquote, im günstigsten Fall sinkt

diese sogar. Kein Wunder, dass vor allem

Politiker aus den hoch verschuldeten Ländern

der Euro-Zone nicht müde werden,

niedrigere Zinsen und eine Abwertung des

Euro zu fordern. Die Zentralbank wird zunehmend

zum Lakai der Regierungen.

Die Kollateralschäden der Minizins- und

Weichwährungsstrategie sind gigantisch.

„Die Erfahrung zeigt, dass viele Regierungen

sinkende Zinsen als Aufmunterung

verstehen, noch mehr Schulden zu machen

und Reformen auf die lange Bank zu schieben“,

warnt Commerzbanker Krämer. Steigt

der Schuldenberg, wächst der Druck auf die

EZB, die Zinsen weiter zu senken und niedrig

zu halten, damit der Finanzminister den

Schuldendienst stemmen kann. Es entsteht

eine Spirale aus steigenden Schulden und

Stimmen aus

dem Ausland

Paul Krugman

„New York Times“, USA

„Bei der Verkündung der EZB-Maßnahmen

war ein Hauch von Verzweiflung zu

spüren. Europa befindet sich im Sog

eines Deflationsstrudels. Es ist zwar gut,

zu wissen, dass sich die EZB dessen bewusst

ist. Aber die Erleuchtung könnte

zu spät gekommen sein.“

Claudia Aebersold Szalay

„Neue Zürcher Zeitung“, Schweiz

„Die Notenbank in Frankfurt hat ihr

wirksamstes Instrumentarium weitgehend

ausgereizt, die Strukturschwäche

in der Euro-Zone kann und wird sie mit

ihren Mitteln nicht überwinden können.

[…] Die EZB will um jeden Preis den

Eindruck vermeiden, ihr gingen im Kampf

um die Erhaltung der Währungsunion und

des Euro die Mittel aus. Doch ihr Präsident

gibt inzwischen unumwunden zu, dass es

immer schwieriger werde, allein mit der

Geldpolitik für Preisstabilität in der Euro-

Zone zu sorgen.“

Simon Baptist

„Economist“, England

„Jetzt ist die perfekte Zeit für eine fiskalische

Expansion und nicht für eine

weitere Schrumpfung. Europa kommt

gerade aus einer schweren Rezession,

die von unzureichender Nachfrage verursacht

wurde. Die Rentenerträge sind auf

einem historischen Tiefpunkt, und viele

Länder haben ungenutzte Kapazitäten

im Bausektor. Wer glaubt, die EZB könne

die Lage mit noch niedrigeren als den

ohnehin schon minimalen Zinsen retten,

der irrt.“

Jean-Pierre Robin

„Le Figaro“, Frankreich

„Genau in dem Moment, als die amerikanische

Notenbank Fed ihre Geldpolitik

strafft, entschied sich die EZB, ihre zu lockern.

Das Zusammenwirken wertet logischerweise

den Euro ab, zur Zufriedenheit

Frankreichs. Doch Draghi kann die Wirtschaften

Europas nicht allein ankurbeln.

Jetzt liegt es an jedem Land selbst, sich

zu reformieren.“

Stefania Tamburello

„Corriere della Sera“, Italien

„Es ist keine starke Waffe, wie das Quantitative

Easing, um die Stagnation zu bekämpfen.

Doch das neue Programm, das

Mario Draghi zum Ankauf von Bankpapieren

angekündigt hat, könnte sich trotzdem

als sehr effizientes Instrument

erweisen.“

Zusammengestellt von Matthias Streit

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22 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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sinkenden Zinsen. Am Ende droht der Kollaps

des gesamten Geldsystems.

Für die Sparer sind das denkbar schlechte

Nachrichten – zumindest, wenn sie ihr

Geld in vermeintlich sicheren Staatsanleihen

und Festgeldern in der Euro-Zone geparkt

haben, anstatt es mit Auslandsanlagen

in Sicherheit zu bringen (siehe Seite

26). Schon jetzt gleichen die Magerzinsen,

die Staatspapiere und Festgelder abwerfen,

kaum die Geldentwertung aus. Treibt der

schwache Euro die Teuerung in die Höhe,

wird die Geldanlage zur Geldvernichtung.

IM ALTER DROHT ARMUT

Dazu kommt: Je länger die Zinsen auf Guthaben

hinter der Inflationsrate zurückbleiben,

desto schwieriger wird es für die jüngeren

Generationen, einen auskömmlichen

Kapitalstock fürs Alter aufzubauen.

„Ein 35-Jähriger, der eine monatliche Zusatzrente

von 600 Euro ab dem 65. Lebensjahr

anstrebt, muss bei zwei Prozent realer

Verzinsung monatlich 242 Euro zur Seite

legen; bei einem Realzins von minus einem

Prozent sind es schon 513 Euro, mehr

als das Doppelte“, hat Reiner Osbild, Professor

an der Hochschule in Heidelberg, errechnet.

Vielen Erwerbstätigen droht im

Alter Armut.

Die negativen Folgen eines weichen Euro

werden auch Touristen spüren, die ihren

Urlaub außerhalb der Euro-Zone verbringen

wollen. Sie müssen für das Bier am

Thailand-Strand oder den Eintritt in den

US-Nationalpark deutlich tiefer in die Taschen

greifen. Seit Anfang Mai hat der Euro

gegenüber allen wichtigen Währungen abgewertet.

So könnte es den Bewohnern der

Euro-Zone so ergehen wie den Italienern

in den Siebzigerjahren. Damals haben sie

auf Urlaube im Ausland nicht nur deshalb

verzichtet, weil es an der heimischen Adria

und Riviera so schön ist, sondern weil sie

sich mit ihrer weichen Lira keinen Trip in

andere Länder leisten konnten.

Politiker und Notenbanker setzen dennoch

darauf, die Abwertung werde die

Ausfuhren ankurbeln und die Konjunktur

in Fahrt bringen. Tatsächlich spült ein

schwacher Euro den Exporteuren zusätzliches

Geld in die Kassen, etwa wenn sie ihre

Erlöse im Dollar-Raum in Euro umtauschen.

„Die Exporteure erhoffen sich vom

sinkenden Euro durchaus Windfall-Profits

durch erhöhte Wettbewerbsfähigkeit im

Dollar-Raum, also im Wesentlichen USA

und Nahost“, sagt Anton Börner, Präsident

des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel,

Dienstleistungen.

Doch allzu stark dürfte ein abwertungsbedingter

Exportschub für Deutschland

nicht ausfallen. Das zeigen Modellrechnungen

der Commerzbank. Wertet der Euro

gegenüber allen wichtigen Handelspartnerländern

um 25 Prozent ab, steigert dies

das Exportniveau unter sonst gleichen

Umständen um gerade mal drei Prozent.

Der Grund dafür dürfte sein, dass die

deutschen Unternehmen keine Billigheimer

sind, die ihre Waren vornehmlich über

den Preis losschlagen, sondern vielmehr

durch hohe Qualität zu überzeugen wissen.

Dies relativiert den Einfluss des Preises

auf die Preisentscheidungen der Besteller

deutscher Waren im Ausland. Etwas

höher ist der Impuls der Abwertung dagegen

für ein Land wie Spanien. Das Land

könnte sein Exportniveau bei einer Abwertung

des Euro um 25 Prozent um etwa sieben

Prozent steigern.

Die Kehrseite der Abwertungs-Medaille

ist jedoch, dass die Exporteure mehr Geld

für den Import von Vorprodukten aus Ländern

außerhalb der Euro-Zone auf den

Tisch legen müssten. Dieser Kostenschock

träfe die deutschen Unternehmen besonders

hart, da ihre Ausfuhren im Schnitt zu

40 Prozent aus importierten Vorleistungen

bestehen. Reichen sie die höheren Kosten

der Einfuhren über die Preise an ihre Kunden

weiter, verpufft die durch die Abwertung

gewonnene Wettbewerbsfähigkeit

zum Teil wieder.

Thomas Mayer, Gründungsdirektor des

Flossbach von Storch Research Instituts,

warnt daher vor dem süßen Gift einer Abwertung.

„Kurzfristig bringt sie den Ländern

Erleichterung, langfristig schmälert

sie jedoch ihren Lebensstandard, denn sie

verteuert die Importe, sediert die Anreize

zur Kostenkontrolle in den Unternehmen

und mindert den Reformdruck auf die Politik“,

urteilt Mayer.

Für die Zukunft der Währungsunion ist

er daher skeptisch. „Der Euro-Zone droht

das gleiche Schicksal wie früheren Währungsunionen:

Die wirtschaftlich schwachen

Länder übernehmen das Ruder und

zwingen die Gemeinschaft zu inflationieren.

Es ist dann nur noch eine Frage der

Zeit, bis die stabilitätsorientierten Länder

aussteigen“, hofft Mayer.

Der unverhoffte Preisschub für die Pasta

beim Italiener im Frankfurter Bankenviertel

sollte EZB-Chef Draghi eine Warnung

sein.

n

malte.fischer@wiwo.de, angela hennersdorf | Frankfurt

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WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 23

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Politik&Weltwirtschaft

Unter dem Strich bleibt was

WÄHRUNG | Der schwächere Euro wird zum Konjunkturprogramm für exportstarke Unternehmen mit

wenig Produktion im Dollar-Raum. Standortentscheidungen bleiben davon aber unberührt.

Josef Trischler ist guter Dinge. Das Mitglied

der Hauptgeschäftsführung des

Verbands Deutscher Maschinen- und

Anlagenbau (VDMA) rechnet damit, dass

das Gros der rund 3100 Mitglieder (Umsatz

2013: 206 Milliarden Euro) zunehmend

weniger Neigung verspürt, sich für das Exportgeschäft

über kostspielige Termingeschäfte

abzusichern. Dieses sogenannte

Hedging betreiben Unternehmen immer

dann, wenn die Gefahr besteht, dass etwa

der Dollar abwertet und sie dadurch beim

Umtausch in Euro am Ende weniger verdienen,

als sie bei der Auftragserteilung ursprünglich

kalkuliert hatten.

Seit sich die Europäische Zentralbank

(EZB) anschickt, den Euro möglichst

schwach zu halten, lässt diese Furcht aber

immer mehr nach. Denn je niedriger der

Euro gegenüber dem Dollar notiert, desto

mehr Euro erhalten die Maschinenbauer

beim Umtausch ihrer Devisen, die sie

durch den Verkauf ihrer Textil-, Druckoder

Verpackungsanlagen zum Beispiel in

die USA einnehmen. Zwar müssen die Einkäufer

im Gegenzug mehr Euro für Rohstoffe

oder sonstige Importe hinlegen, die

in Dollar abgerechnet werden. Doch unter

dem Strich dürfte mehr übrig bleiben als

vorher. „Der Anteil der Einkäufe aus dem

Dollar-Raum“, weiß Trischler, der beim

VDMA auch als oberster Betriebswirt firmiert,

„ist wertmäßig klar niedriger als der

Anteil der Verkäufe.“

TRUMPF RELATIVIERT

Keine Frage: Die Schwächung des Euro, allem

voran durch immer niedrigere Zinsen,

ist für die exportorientierten deutschen

Unternehmen – und das sind die 30 Konzerne

im Deutschen Aktienindex (Dax)

und die 100 wachstumsstärksten mittelständischen

Weltmarktführer (Wirtschafts-

Woche 4/2013) allemal – ein wahres Konjunkturprogramm.

Zwar stehe auch der japanische

Yen nach wie vor relativ schwach,

schränkt VDMA-Funktionär Trischler ein,

was den deutschen Werkzeugmaschinenbauern

im Wettbewerb mit ihren starken japanischen

Konkurrenten schade. Für den

Preiswettbewerb mit amerikanischen Anbietern

aber, die von den niedrigen Energiepreisen

sowie den geringen Löhnen in

ihrem Land profitieren, stimmt derzeit die

Richtung, die der Euro-Kurs einschlägt.

Wie sehr der Sinkflug des Euro hilft,

hängt allerdings vom jeweiligen Unternehmen

ab. „Tendenziell hilft uns als exportorientiertem

Unternehmen der stärkere

Dollar“, heißt es beim Werkzeugmaschinenbauer

Trumpf im schwäbischen Ditzingen.

Dies sei allerdings kein Faktor, der

das Geschäft entscheidend beeinflusse.

Zum einen sei der Euro-Raum mit einem

Anteil von rund 50 Prozent nach wie vor

der größte Absatzmarkt des Unternehmens,

erklärt Trumpf. Zudem sei der Export

der High-Tech-Werkzeugmaschinen

sowie Laser- und Medizintechnik aus

Deutschland in Nicht-EU-Länder „durch

langfristiges Hedging gegen kurzfristige

Kursschwankungen abgesichert“. Zum andern

haben die Schwaben Produktionsanlagen

im außereuropäischen Ausland aufgezogen,

auch in den USA. Zwei Fabriken

produzieren für Abnehmer in den Vereinigten

Staaten. „Natural Hedging“ sagen

Finanzchefs dazu, zu Deutsch: natürliche

Absicherung. Weil ein Großteil der Kosten

sowie die Einnahmen in Dollar anfallen,

muss sich Trumpf in den USA um Währungsturbulenzen

erst einmal nicht kümmern.

Und fällt der Euro, vergrößert das

den US-Gewinn in Euro.

BASF PROFITIERT

Auch die einstige Paradefirma Heidelberger

Druckmaschinen (Konzernverlust im

ersten Quartal des aktuellen Geschäftsjahrs:

34 Millionen Euro) kann nach eigener

Auskunft „in allen Regionen von der

derzeitigen Euro-Schwäche profitieren“.

Der Konzern erzielt 80 Prozent seines Umsatzes

(im Geschäftsjahr 2013/14 rund 2,4

Milliarden Euro) im Ausland. Sicherungsinstrumente

gegen Währungsrisiken rücken

nun aber in den Hintergrund, „da das

Unternehmen seine Produkte aufgrund

der Währungsrelation außerhalb des Euro-

Raums günstiger anbieten kann“.

Welche Spuren der schwache Euro in der

deutschen Handelsbilanz hinterlässt, zeigte

der Juli. Da stellten die deutschen Unternehmen

mit 101 Milliarden Euro einen

neuen Ausfuhrrekord auf. Weil gleichzeitig

die Importe um 1,8 Prozent schrumpften,

Wechselbad der Gefühle bei Daimler S-Klasse-Fertigung im Werk Sindelfingen

24 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: GETTY IMAGES/THOMAS NIEDERMÜLLER,IMAGO, MARKUS SCHWALENBERG; MONTAGE: DMITRI BROIDO

erreichte auch der deutsche Handelsüberschuss

mit 23,4 Milliarden Euro eine neue

Rekordmarke.

Die vom schwachen Euro gespeisten Rekorde

dürften in den kommenden Monaten

die Gewinn-und-Verlust-Rechnung

vieler Unternehmer ordentlich aufhübschen.

Beispiel BASF: Noch im zweiten

Quartal kostete die relative Stärke des Euro

den Chemiekonzern im Vergleich zum

Vorjahr 684 Millionen Euro Umsatz. Wird

der Euro jetzt weicher, treibt dies nicht nur

den Umsatz. Jeder US-Cent, den der Dollar

höher und der Euro entsprechend niedriger

notiert, verbessert das Ergebnis von

BASF gleich um rund 50 Millionen Euro.

LANXESS HOFFT

Eine ähnliche Rechnung macht der Chemie-

und Pharmakonzern Bayer auf. Eine

Abwertung des Euro gegenüber dem Dollar

um ein einziges Prozent erhöht den

Konzernumsatz um 84 Millionen Euro.

Und das, ohne dass die Leverkusener eine

einzige Schachtel Aspirin oder eine Ladung

Kunststoff mehr verkauft hätten.

Beim Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen,

kurz: Ebitda, beträgt das

Plus immerhin noch 24 Millionen Euro.

Der größte Brocken des Windfall-Profits

entstammt dabei der Pharmasparte

(HealthCare) und dem Geschäft mit den

Landwirten (CropScience).

Regelrecht Freude über den sinkenden

Euro-Kurs kommt bei Matthias Zachert auf,

dem neuen Chef des Kölner Chemiekonzerns

Lanxess. Für das Unternehmen spielen

„Veränderungen des Euro-Dollar-Kurses

die größte Rolle, da der Ein- und Verkauf

von Chemiegütern häufig in Dollar fakturiert

wird – und auch Preislisten für Produkte

in Dollar geführt werden“, heißt es bei

Lanxess. So ging im ersten Halbjahr trotz

höherer Verkaufsmengen auch wegen des

starken Euro der Umsatz um 4,1 Prozent auf

4,1 Milliarden Euro zurück. „Gegenüber

dem deutlich stärkeren Euro zu Beginn des

Jahres wäre ein Wechselkurs auf dem aktuellen

oder sogar niedrigeren Niveau für Lanxess

vorteilhaft“, heißt es nun im Konzern.

Wo keine Euphorie über den von der

EZB gewünschten niedrigen Euro-Kurs

aufkommt, herrscht meist Gelassenheit.

„Das Währungsrisiko besteht nun einmal,

wenn man als international tätiges Unternehmen

Geschäfte in Ländern mit unterschiedlichen

Währungen macht“, heißt es

beim Pharmahersteller Merck. Um von

Währungsschwankungen nicht völlig überrascht

zu werden, sichern die Darmstädter

ihr Geschäft mit Finanzderivaten. Dabei

konzentriert sich der Nasivin- und Erbitux-

Hersteller auf den Dollar und passt den

Umfang seiner Absicherung seit 2011 in einem

Dreijahreszeitraum an.

Tief greifende Auswirkungen auf die Unternehmensstrategien

hat die Wechselkurs-Politik

der EZB sowieso kaum. BMW

etwa hat entschieden, mit der Produktion

immer mehr dorthin zu gehen, wo die

meisten künftigen Käufer erwartet werden.

So stecken die Bayern bis 2016 rund eine

Milliarde Dollar in den Ausbau des Werkes

in Spartanburg im US-Bundesstaat South

Carolina. Dadurch soll die Produktionska-

50 Millionen Euro

Gewinn bringt es BASF,

wenn der Euro um einen

Cent billiger notiert

100 Millionen

Euro mehr Umsatz hat

Airbus, wenn der Euro

ein Cent weniger kostet

50 Prozent mehr

Autos baut BMW künftig

in den USA – eine „strategische

Entscheidung“

pazität dort von jährlich rund 300 000 auf

450 000 Autos steigen.

Zwar könnte BMW diese Autos auch in

Europa produzieren, in die USA exportieren

und dabei Extraerlöse durch einen

schwächelnden Euro einstreichen. Doch

von kurzfristigen Währungsschwankungen

lassen sich die Münchner nicht leiten. Investitionen

wie in Spartanburg seien „langfristige

strategische Entscheidungen“, betont

ein Konzernsprecher.

Stattdessen setzen die Münchner auf

klassisches Hedging und sind nach eigener

Auskunft „für 2014 in den Hauptwährungen

weitgehend gesichert“. Dazu bieten

sich den Bayern zum Beispiel Instrumente,

die einen festen Wechselkurs bieten. Eine

andere Variante sind Optionen, mit denen

sich das Unternehmen nur das Recht erwirbt,

im Falle eines steigenden Dollar einen

Dollar-Betrag noch zum alten, günstigeren

Kurs eintauschen zu dürfen. Dafür

wird eine Prämie fällig. Fällt der Dollar wider

Erwarten, muss das Unternehmen den

Dollar-Betrag nicht abnehmen, sondern

hat nur die Prämie verloren.

AIRBUS FREUT SICH

In welches Wechselbad die Veränderung

des Euro-Kurses ein Unternehmen stürzen

kann, bekommt derzeit BMW-Konkurrent

Daimler zu spüren. Im ersten Halbjahr hatten

Wechselkurs-Veränderungen noch zu

Belastungen geführt. „Diese sollten durch

die jüngste Abwertung des Euro zum Dollar

zum Teil wieder aufgeholt werden“,

heißt es nun. Pech für die Stuttgarter, dass

sie sich bis zum Jahresende so weit abgesichert

haben, dass die Segnungen der EZB-

Politik sie kaum treffen dürften. „Da wir für

dieses Jahr bereits fast vollständig gehedgt

sind“, so die Antwort auf die Anfrage der

WirtschaftsWoche, „werden wir nur in geringem

Maße vom erstarkten Dollar profitieren.“

Ein gepflegtes Understatement lässt Airbus-Chef

Tom Enders zur aktuellen Euro-

Schwäche verbreiten. Der deutsch-französische

Flugzeugbauer und Rüstungskonzern

mit Produktionsstätten überwiegend

in Europa, bezahlt seine Lieferanten und

Beschäftigten vor allem in Euro. Die Flugzeuge

rechnet er aber üblicherweise in

Dollar ab. Steigt dessen Wert, kann Enders

seine Flugzeuge billiger anbieten, ohne

Einnahmen in Euro einzubüßen. Oder er

kassiert mehr Euro beim gleichen Preis.

„Wir begrüßen die Entwicklung und sehen

eine weitere Bewegung in diese Richtung

positiv“, heißt es deshalb bei Airbus.

Tatsache ist: Die Airbus-Fabriken sind

dank 5900 bestellter Flugzeugen für die

nächsten acht bis neun Jahre ausgelastet.

Mit jedem Cent, den der Euro gegenüber

dem Dollar verliert, klingeln rund 100 Millionen

Euro mehr in der Konzernkasse.

Das ist so viel, wie Airbus-Chef Enders

durch den Verkauf seines Passagierjets

A321 neo zum Listenpreis einnimmt. n

thomas.gloeckner@wiwo.de, rebecca eisert,

ruediger kiani-kress

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WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 25

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Politik&Weltwirtschaft

ANLAGESTRATEGIE

Verluste ummünzen

Mit Anleihen, Aktien und Zertifikaten können sich Anleger gegen den

schwachen Euro wappnen.

Risikofreudige Neueinsteiger können

auch jetzt noch eine Wette gegen den

Euro starten (siehe Tabelle). Wer schon

länger auf diesen Trend gesetzt hat, lag

nicht falsch. Mehr als 50 Prozent Kursplus

in fünf Wochen haben die in der

WirtschaftsWoche 32/2014 vorgestellten

Euro-Shortzertifikate eingespielt. Die

trüben Aussichten für den Euro machen

weitere Kursgewinne möglich.

Euro-Shortzertifikate sind spekulative

Anlagevehikel, mit denen sich Verluste im

Euro in Kursgewinne ummünzen lassen.

Allerdings drohen empfindliche Kursrückschläge,

sollte sich der Euro vorübergehend

etwas erholen. Wem das zu riskant

ist, lebt mit Anleihen oder Aktien sicherer.

Wichtigster Gewinner der Euro-Schwäche

ist der Dollar – und mit ihm automatisch

US-Wertpapiere. Der Klassiker sind

amerikanische Staatsanleihen. Vorteil: Zum

möglichen Währungsgewinn kommt die

Aussicht auf einen Rendite-Kick. Weil in

Amerika die Zinsen am Kapitalmarkt höher

sind als in Europa, werfen US-Staatsanleihen

mehr ab als Bundesanleihen. US-

Papiere mit Laufzeit bis 2020 bieten derzeit

gegenüber deutschen Staatsanleihen

1,7 Prozentpunkte Renditevorteil pro Jahr.

RENDITEVORTEIL OBENDRAUF

Gibt der Euro gegenüber dem Dollar nach,

werden auch andere Währungen für Anleger

interessanter. Der kanadische Dollar (aktuell

0,71 Euro) und die norwegische Krone (aktuell

0,12 Euro) profitieren davon, dass die

Konjunktur in Kanada und Norwegen im

zweiten Quartal deutlich stärker zugelegt hat

als in den Kernländern der EU. In Polen dürften

die Folgen der Sanktionen gegen Russland

zwar das Wachstum etwas dämpfen,

doch die Notenbank rechnet auch dann

noch mit mehr als drei Prozent plus in diesem

Jahr. Die Landeswährung Zloty (aktuell

0,24 Euro) sollte das stabil halten. 1,8

Prozentpunkte Renditevorteil gegenüber

Bundesanleihen gibt es obendrauf.

Auch für Aktionäre kann sich ein

schwacher Euro auszahlen. Direkt, wenn

Anteile internationaler Unternehmen

entsprechend der Landeswährung gegen

Euro zulegen. In diesem Fall ist es vorteilhaft,

auf Aktien mit stabilem Geschäft

und hoher Dividende zu setzen, wie etwa

auf den US-Kommunikationskonzern

AT&T. Indirekt bekommen diejenigen Unternehmen

Rückenwind, deren Kosten

weitgehend in Euro anfallen, Umsätze

aber zu einem großen Teil außerhalb des

Euro-Raums erzielt werden. Dies trifft etwa

auf den Flugzeugbauer Airbus zu, der

drei Viertel seiner Maschinen im außereuropäischen

Raum absetzt. Zu den Währungsgewinnern

zählt auch der italienische

Energiekonzern Eni, der vor allem in

Afrika produziert, sein Öl aber gegen US-

Währung verkauft.

n

anton.riedl @wiwo.de

Zehn gegen den Euro

Anlage- und Spekulationspapiere für Euro-Pessimisten

Währung

Kennzeichen

ISIN

Kurs

Chance/

Risiko

Anleihen

US-Staatsanleihen

Währungsanleihe

Norwegische

Staatsanleihen

Währungsanleihe

US-Dollar

Kanada-Dollar

Norwegische

Krone

Polnischer

Zloty

2,625 Prozent Kupon, Laufzeit bis 15. August 2020, Rendite 2,00 Prozent, Moody’s-

Rating Aaa

2,25 Prozent Kupon, Laufzeit bis 23. Juli 2021, Rendite 2,26 Prozent, Emittentin

Landwirtschaftliche Rentenbank, Moody’s-Rating Aaa

3,75 Prozent Kupon, Laufzeit bis 25. Mai 2021, Rendite 1,96 Prozent, S&P-Rating AAA

4,25 Prozent Kupon, Laufzeit bis 25. Oktober 2022, Rendite 2,49 Prozent, Emittentin

Europäische Investitionsbank, S&P-Rating AAA

US912828NT32

XS1089927781

NO0010572878

XS0845917342

103,55

Prozent

99,96

Prozent

111,15

Prozent

112,81

Prozent

2/1

2/1

2/1

3/2

Aktien

AT&T

Eni

Airbus

Derivate

Währungs-

Zinszertifikat

Währungs-

Zinszertifikat

Euro-Dollar-

Shortzertifikat

US-Dollar

Euro

Euro

Neuseeland-

Dollar

Chinesischer

Renminbi

US-Dollar

Quelle: Thomson Reuters, Banken, eigene Recherche

In Dollar notierter Anlageklassiker mit stabilen Gewinnen und vielversprechender Expansion

(Übernahme des Bezahlsenders DirecTV); 5,2 Prozent Dividendenrendite in Sicht

Italienischer Energiekonzern fördert Großteil seines Öls außerhalb des Dollar-Raums,

verkauft aber in US-Währung

Flugzeugbauer produziert im Euro, aber steigender Absatz im internationalen Geschäft,

Ausstieg beim Konkurrenten Dassault kann Milliardenerlös einbringen

Aktuell 2,49 Prozent Zins plus Wechselkursentwicklung zum Euro, keine feste Laufzeit,

Emittentin Commerzbank

Aktuell 3,85 Prozent Zins plus Wechselkursentwicklung zum Euro, keine feste Laufzeit,

Emittentin Commerzbank

Verstärkt die tägliche Wertveränderung Euro zu Dollar um den Faktor fünf, keine feste

Laufzeit, Emittentin Commerzbank

US00206R1023

IT0003132476

NL0000235190

DE000CB1NZD6

DE000CB2CNY9

DE000CZ60BQ6

35,15

Dollar

19,45

Euro

48,62

Euro

71,09

Euro

133,36

Euro

9,20

Euro

5/4

6/5

6/5

6/5

7/6

10/9

FOTO: IMAGO, MARKUS SCHWALENBERG; MONTAGE: DMITRI BROIDO

26 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

iPad kann er schon

EU-KOMMISSION | Mit dem Ressort für die Digitalwirtschaft

bekommt Günther Oettinger eine zentrale Aufgabe in Brüssel.

Mit neuer Aufgabe

EU-Kommissar

Oettinger

markts auf 656 Milliarden Euro im Jahr beziffert.

Oettinger wird nun Antworten auf die

entscheidenden Fragen des Sektors finden

müssen: Wie etwa kann die Regulierung der

Märkte für Telekommunikation in den 28

Mitgliedsländern stärker angenähert werden?

Bisher operiert keiner der großen Telekomanbieter

in allen EU-Mitgliedstaaten,

nationale Schranken verhindern grenzüberschreitendes

Wachstum. „Im Weltmaßstab

sind Deutsche Telekom und France Télécom

am unteren Ende der Skala“, sagt Oettinger

und gibt zu erkennen, dass er in seinem

neuen Amt durchaus Industriepolitik

betreiben will.

Sein iPhone bedient er ebenso routiniert

wie sein iPad, den Terminkalender

führt er elektronisch. Nur bei

den Lesegewohnheiten ist Günther Oettinger,

60, noch etwas altmodisch. „Ich lese

Zeitungen am liebsten auf Papier“, gestand

er vergangene Woche, als bekannt wurde,

er werde in seiner zweiten Amtszeit als

deutscher Vertreter in der Europäischen

Kommission für die digitale Wirtschaft und

Gesellschaft zuständig sein.

KRITIKER IRREN

Kaum war die Personalie in der Welt, hagelte

es Kritik: Deutschland werde mit einem

unwichtigen Ressort abgespeist, Oettinger,

der von sich selbst sagt, er sei kein

„digital native“, passe nicht auf den Posten.

Doch in beidem irren die Kritiker. Als Kommissar

für Digitales wird Oettinger eine

Schlüsselposition in der Kommission von

Jean-Claude Juncker übernehmen. Er wird

mit entscheiden, ob Europa in der digitalen

Welt den Anschluss findet oder weiterhin

anderen Weltregionen die Marktführerschaft

überlässt. Wer ihn kennt, weiß, dass

er sich rasch in die neue Materie einfinden

wird – so wie er vor fünf Jahren flugs die

Energiepolitik durchdrang. Zumal er aus

seiner Zeit als Ministerpräsident in Baden-

Württemberg noch Kontakte pflegt zu Konzernen

wie IBM, Hewlett-Packard und SAP,

allesamt in seiner Heimat ansässig.

Politische Unterstützung genießt Oettinger

ohnehin. Der künftige Kommissionschef

Juncker hat das Digitale zu einer seiner

Prioritäten ausgerufen, um Europa

wettbewerbsfähiger zu machen. Binnen

sechs Monaten soll Oettinger ein umfassendes

Gesetzespaket für einen digitalen

Binnenmarkt vorlegen. Schon Junckers

wichtigster Berater, Kabinettschef Martin

Selmayr, wird dafür sorgen, dass das Thema

ganz oben auf der Agenda bleibt. Als

rechte Hand der früheren Luxemburger

Kommissarin Viviane Reding war er einst

maßgeblich für die Reduzierung der Roaming-Gebühren

in der EU verantwortlich.

Junckers Team stützt sich auf eine Studie

des Europäischen Parlaments, die die Kosten

des zersplitterten europäischen Digital-

Im Internet soll es

unterschiedliche

Geschwindigkeiten

geben

ABGESTUFTE NEUTRALITÄT

Ein wichtiges Thema ist das Verhältnis zwischen

klassischen Telekomunternehmen

und Inhalteanbietern ohne Netz wie Google

und Netflix. Auch dabei geht es um Regulierung,

aber vor allem um Netzneutralität.

Oettinger lässt bereits durchblicken,

dass er eine „abgestufte“ Netzneutralität

einer „absoluten“ vorzieht. Das heißt, dass

es für Internet-Nutzer unterschiedliche

Geschwindigkeiten geben würde.

Die Macht der Netzbesitzer entscheidet

auch über die Höhe der Investitionen in

die digitale Infrastruktur. Da haben die EU-

Länder die europäischen Mittel für den

Ausbau bei den jüngsten Haushaltsverhandlungen

zusammengestrichen. Andere

haben in der Zwischenzeit geklotzt. Japan,

Südkorea und die USA verfügen über ein

größeres Glasfasernetz. In China stehen

mehr Mobilfunkmasten der vierten Generation

als in ganz Europa.

Wie viel Einfluss Oettinger in der neuen

EU-Kommission entwickeln wird, hängt

entscheidend von ihm selbst ab. Andrus

Ansip steht als Vizepräsident über ihm und

kann theoretisch ein Veto gegen seine Vorschläge

einlegen. Die Beamten arbeiten

aber zunächst Oettinger zu, sodass er inhaltlich

die Richtung vorgibt. Als Este ist

Ansip internetaffin, inhaltliche Dispute

sind weniger vorgezeichnet als etwa beim

französischen Währungskommissar Pierre

Moscovici, der mit dem lettischen Austeritäts-Fan

Valdis Dombrovskis als Vizepräsident

zusammenarbeiten muss.

In der Telekombranche eilt Oettinger der

Ruf voraus, der Großindustrie näher zu stehen

als der kleinen Konkurrenz. Er sieht

deren Interessen aber gar nicht als so widerstreitend

an: „Für Start-ups ist es besser,

sie haben Weltmarktführer in Europa als in

New York oder Shanghai.“

n

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

FOTO: FOTOGLORIA/EZEQUIEL SCAGNETTI

28 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Nichts zu verlieren

EUROPA | Selbst wenn sich die Schotten für den Verbleib in

Großbritannien entscheiden sollten, wird die Debatte über

Unabhängigkeit weitergehen. Auch anderswo in Europa.

Schottischer

Superman

Yes-Kampagne

in Glasgow

Regierungschef Salmond dies als eine leere

Drohung bezeichnet. „Absolutes Chaos“,

erwartet Andy Brough, Direktor der Vermögensverwaltung

Schroder Investment

Management, im Fall eines Ja.

In seltener Einmütigkeit pilgerten deswegen

Vertreter der drei größten Parteien

am Mittwoch vergangener Woche nach

Schottland, um dieses zu verhindern. Aber

selbst wenn sie Erfolg haben, wird das Referendum

nachhaltige Folgen haben –

nicht nur für Großbritannien, sondern

auch für ganz Europa. Alleine die Tatsache,

dass die Schotten über ihre Zukunft abstimmen

dürfen, verhilft separatistischen

Katalanen zu neuem Auftrieb.

Freitag, 19. September, 6.30 Uhr morgens,

helle Aufregung in der Londoner

City. Rot blinken die Eilmeldungen

auf den Bildschirmen der Devisenhändler:

Denkbar knapp – mit 50,5 Prozent

– haben die Schotten für die Unabhängigkeit

von Großbritannien gestimmt. Der

Kurs des Britischen Pfund fällt rapide, die

Aktien der schottischen Banken und Unternehmen

ebenso, im Finanzministerium

und bei der Bank of England tagen die Krisenstäbe.

Der Fernsehsender BBC überträgt

eine Ansprache von Premier David

Cameron: „Trotz aller Aufrufe zum Rücktritt

werde ich im Amt bleiben“, beteuert er.

Großbritannien trudelt in eine schwere

wirtschaftliche und politische Krise. Die

Trennung soll nach dem Willen der Regierung

in Edinburgh bereits im März 2016

vollzogen werden.

Dies ist ein erfundenes Szenario – noch.

Aber es könnte schnell wahr werden, wenn

die 4,2 Millionen Wahlberechtigten in

Schottland am Donnerstag dieser Woche

dafür stimmen, die 307-jährige Union mit

Großbritannien zu verlassen. Monatelang

sahen die Meinungsforscher die Befürworter

der Unabhängigkeit um Ministerpräsident

Alex Salmond als Verlierer. Doch

dann rüttelte eine Umfrage zehn Tage vor

dem Referendum die Finanzmärkte und

die Politiker auf:Zum ersten Mal befürworteten

demnach 51 Prozent der Schotten die

Unabhängigkeit.

Das Pfund fiel gegenüber dem Dollar auf

einen Jahrestiefststand. Die Märkte zeigen

sich offenkundig irritiert von der Ankündigung

aus London, ein unabhängiges

Schottland werde die gemeinsame Währung

verlieren – auch wenn der schottische

EXTREM SCHWIERIG

In Brüssel wird die Entwicklung mit großer

Sorge gesehen. Politische Unruhe ist das

Letzte, das die konjunkturlahme EU derzeit

gebrauchen kann.

Offiziell bleibt Brüssel bei seiner Linie,

die es bereits seit einem Jahrzehnt verfolgt:

Neue Staaten müssen sich neu um die Mitgliedschaft

bewerben. Wenn eine Region

nicht mehr Teil eines EU-Mitgliedstaats sei,

dann hätten dort die EU-Verträge keine

Geltung, schrieb die frühere EU-Justizkommissarin

Viviane Reding im März an das

schottische Parlament. EU-Kommissionspräsident

José Manuel Barroso hatte die

Schotten zuvor mit der Aussage geschockt,

es sei „extrem schwierig bis unmöglich“,

dass ein unabhängiges Schottland der EU

beitreten könne, weil es dazu die Zustimmung

aller EU-Mitglieder bräuchte. Barroso

verwies auf Spanien, das bisher den Kosovo

nicht anerkannt hat.

Ähnlich lauten die Warnungen zum Thema

Währung. Der frühere Kommissar für

Wirtschaft und Währung, Olli Rehn, ließ

Schottland wissen, der Plan von Salmond,

weiter das Pfund zu benützen, sei ohne

Londons Erlaubnis „schlicht nicht möglich“.

Ohne eigene Zentralbank könne

Schottland sich auch nicht für den Euro bewerben.

Salmond hatte in der Vergangenheit

mehrfach erklärt, ein unabhängiges

Schottland sei nicht bereit, die Auflagen für

einen Euro-Beitritt einzuhalten.

Befürworter der schottischen Unabhängigkeit

halten das für Drohgebärden. „Ich

glaube nicht, dass die EU-Mitgliedschaft

eines unabhängigen Schottland so schwierig

wäre“, sagt Sionaidh Douglas-Scott, Professorin

für Europäisches Recht an der

Universität von Oxford. „Hier wird mit der

Angst der Menschen gespielt.“ Eine Union,

die sich ausdrücklich auf die Freiheit als

FOTO: GETTY IMAGES/JEREMY SUTTON-HIBBERT

30 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Grundrecht berufe, müsse den Willen der

Bürger akzeptieren, sich selbst zu regieren,

argumentiert sie. Und Bryan MacGregor

von der Universität Aberdeen, Sprecher

der Initiative Academics for yes, fordert die

EU auf, sich nicht auf die Seite der Mächtigen

zu stellen: „Die EU sollte demokratische

Bewegungen begrüßen.“

Für die EU ist es schwierig, darauf zu reagieren,

seit Populisten bei der Europawahl

im Mai deutlich an Stimmen hinzugewonnen

haben. Weil sich noch nie ein Land in

der EU aufgespalten hat, gibt es auch

schlicht keinen Präzedenzfall. Die Teilung

der Tschechoslowakei und die neuen

Grenzziehungen im früheren Jugoslawien

passierten, ehe die Nachfolgestaaten der

Allerdings gibt es einen Riesenunterschied:

Die Regierung in Madrid will verhindern,

dass die Katalanen selbst über ihre

Unabhängigkeit entscheiden. „Es wird

auf keinen Fall ein illegales Referendum

geben“, insistiert Ministerpräsident Mariano

Rajoy. „Spanien ist ein Rechtsstaat.“ Artur

Mas, Präsident Kataloniens, will den

Einwohnern seiner Region am 9. November

zwei Fragen stellen: Soll Katalonien ein

Staat werden? Und wenn ja, soll dieser

Staat unabhängig von Spanien sein? Laut

Verfassung kann aber nur die nationale Regierung

solche Fragen stellen.

Von der Unabhängigkeit hätte Katalonien

wirtschaftlich nichts zu gewinnen,

rund 60 größtenteils deutsche Firmenbosbleibt,

auch wenn es diesmal beim Nein-

Votum bliebe, nach wie vor dem wahrscheinlichsten

Ausgang. „Das Thema

kommt wieder“, sagt Juristin Douglas-Scott,

spätestens wenn Großbritannien 2017

über den Verbleib in der EU abstimmen

sollte, könnte ein erneutes Referendum auf

die Tagesordnung kommen. Die Ungewissheit

über ein zweites Referendum würde

aber Märkte und Investoren nachhaltig

verunsichern.

NICHTS BEIM ALTEN

Anders als in Spanien, wo Premier Rajoy

jegliche Zugeständnisse etwa beim ungerechten

Finanzausgleich zwischen den Regionen

ablehnt, bleibt in Großbritannien

EU beitraten. Würde den Schotten als neuer

unabhängiger Staat jedoch der Verbleib

in der EU leicht gemacht, so drohen gleich

an mehreren Stellen in Europa die Grenzen

zu verrutschen. In Dublin wird spekuliert,

Nordirland könne nach einem Ja der

Schotten ein eigenes Referendum für einen

Zusammenschluss mit der irischen Republik

fordern.

Besonders aufmerksam verfolgen die

Katalanen die Entwicklung in Schottland,

nachdem sie am Donnerstag vergangener

Woche, ihres Nationalfeiertages, des Endes

ihrer Selbstverwaltung 1714 gedacht haben.

„80 Prozent dessen, was über das Verhältnis

zwischen Schottland und England

gesagt werden kann, trifft auch auf uns zu“,

argumentiert Gerard Padró, katalanischer

Professor an der London School of Economics.

„Wir sind wie Schottland ohne Öl.“

se in Katalonien warnten kürzlich vor den

„verheerenden Folgen“ einer Unabhängigkeit.

Ohne den Euro würde sich die Verschuldung

mit einem Schlag vervielfachen.

Die Situation in Schottland könnte aber

die Unabhängigkeitsdebatte in Katalonien

über Jahre köcheln lassen. Denn dort rechnen

Experten fest damit, dass das Thema

ganz weit oben auf der Tagesordnung

Die EU sollte

den Willen der

Bevölkerung

akzeptieren

nichts beim Alten – völlig unabhängig vom

Ausgang des Referendums. In Panik hat die

Regierung den Schotten in letzter Minute

weitere Zugeständnisse angeboten, sie sollen

in der Steuer- und Sozialpolitik mehr

Rechte erhalten. „Der Status quo ist nicht

länger eine Option“, so Ex-Premier Gordon

Brown, selbst Schotte, der für eine Beibehaltung

der Union kämpft. Mehr Selbstverwaltung

– im Volksmund „Devo(lution)

Max“ genannt – hatte Cameron jedoch

2012, als er mit Salmond über die Formulierung

der Referendumsfrage verhandelte,

strikt abgelehnt. Damals bestand er strikt

darauf, dass auf dem Stimmzettel nur ein

Satz stehen darf: „Soll Schottland ein unabhängiges

Land werden?“ Ein Fehler, der

sich nun bitter rächen könnte.

n

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel,

yvonne esterhazy | London, anne grüttner | Madrid

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 31

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Politik&Weltwirtschaft

PARIS | Der Export

von Cognac und

Bordeaux bricht ein

– und schuld sind

die Chinesen. Von

Karin Finkenzeller

Trockene

Kehlen

»Frieden gibt es

nicht zum Nulltarif«

INTERVIEW | Claude-France Arnould Die Geschäftsführerin der

Europäischen Verteidigungsagentur (EDA) hält nichts vom Sparen.

Als hätte Staatschef

François Hollande derzeit

noch nicht genug an der

Backe, muss er nun auch

noch diese schlechte

Nachricht verkraften:

Nicht einmal mehr das „savoir vivre“, die

französische Lebensart, taugt noch als

Exportschlager. Im ersten Halbjahr sind

die Ausfuhren von Cognac um zwölf

Prozent eingebrochen, die von Bordeaux-

Weinen sogar um 28 Prozent. Der Verband

der Wein- und Spirituosenhersteller

schreibt die Schlappe dem Umstand zu,

dass die edlen Tropfen aus Frankreich in

China vor allem zum Zweck der Korruption

begeisterte Abnehmer fanden. Zwischen

2006 und Jahresbeginn waren die

Umsätze dort um satte 168 Prozent gestiegen.

Doch jetzt sehen die chinesischen Behörden

genauer hin, wer da wessen Kehlen

schmiert. Bei offiziellen Empfängen

fließt nunmehr kein Tropfen Alkohol. Und

auch kleine Geschenke unter Freunden –

bei denen die teuren Tropfen erste Wahl

waren – sind in Peking nicht mehr gern

gesehen.

Ausnahme in der negativen Exportbilanz:

Mit Champagner lässt sich noch immer

gut feiern, die Ausfuhr stieg seit Anfang

des Jahres um acht Prozent. Auch

mit anderen Knallkörpern hübscht Frankreich

seine Handelsbilanz auf. Verteidigungsminister

Jean-Yves Le Drian ließ gerade

mit Unterstützung der

Unternehmensberatung McKinsey wissen,

dass die Handelsdefizite der vergangenen

Jahre um fünf bis acht Prozent höher

ausgefallen wären, gäbe es da nicht

die erfolgreichen Auslandskontrakte der

Rüstungsindustrie. Na dann Prost!

Karin Finkenzeller ist Frankreich-

Korrespondentin der WirtschaftsWoche.

Madame Arnould, die Verteidigungshaushalte

schrumpfen in Europa seit Jahren,

Ausgaben für militärische Forschung

werden stark gekürzt. Wie schwer leidet

darunter die europäische Verteidigungsindustrie?

Noch sind die Hersteller sehr wettbewerbsfähig.

Unter den fünf größten Exporteuren

von Verteidigungsgütern weltweit befinden

sich mit Deutschland und Frankreich

zwei EU-Länder. Wenn nun aber die Investitionen

weiter schrumpfen und Forschungsprogramme

zusammengestrichen

werden, besteht das Risiko, dass die Branche

nicht überlebt. Damit würden wir technologisches

Know-how und Humankapital

verlieren.

Ist das nicht ein wenig übertrieben?

Absolut nicht. Flugzeugbauer wie Airbus

verlegen sich immer mehr auf das zivile

Geschäft, weil sie dort Geld verdienen. Ich

sehe die Gefahr, dass sich große Konzerne

DIE STRATEGIN

Arnould ist seit 2011 Geschäftsführerin der

Europäischen Verteidigungsagentur (EDA).

Die EU-Institution befasst sich mit der

Planung, Beschaffung und Erforschung von

Rüstungsgütern in den Mitgliedstaaten.

komplett aus dem Verteidigungsgeschäft

zurückziehen. Und die weniger wettbewerbsfähigen

oder kleineren könnten auf

der Strecke bleiben. Dieses Szenario ist

sehr wahrscheinlich, wenn die Investitionen

weiterhin ausbleiben.

Hätte Europa nicht auch ein Interesse,

die Verteidigungsausgaben zu erhöhen,

um sich außenpolitisch mehr Gewicht zu

verschaffen, etwa um den russischen Präsidenten

Wladimir Putin zu beeindrucken?

Es geht hier nicht nur um Putin! Wenn Europa

sich keine Investitionen in die Vertei-

FOTOS: SAMMY HART,EDA/FRÉDÉRIC RAEVENS

32 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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digung mehr leistet, ist das ein klares Signal

an die ganze Welt. Asien gibt in der Summe

mehr Geld als Europa für Verteidigung aus.

Im Jahr 2012 kamen insgesamt 19,9 Prozent

der weltweiten Ausgaben für Verteidigung

aus Asien, 17,6 Prozent dagegen aus

Europa. Das wirkt sich direkt auf den außenpolitischen

Einfluss Europas aus.

Wenn Europa so wenig für Verteidigung

ausgibt, dann lässt es klar erkennen, dass

die Fähigkeit zu militärischen Einsätzen

keine Priorität ist.

Sparen alle europäischen Länder an der

Rüstung?

Es gibt durchaus Ausnahmen. In den baltischen

Staaten, in Polen und in Rumänien

dreht sich der Trend schon. Dort gibt es

den politischen Willen, stärker in die Verteidigung

zu investieren, und die Bevölkerung

unterstützt das auch. Aber in anderen

Mitgliedstaaten sind wir davon noch weit

entfernt. Von der Ukraine-Krise einmal abgesehen:

Es drohen aktuell viele Gefahren.

Es ist wirklich nicht der Moment für eine

Demobilisierung.

Im vergangenen Dezember haben die

europäischen Staats- und Regierungschefs

die Bedeutung der Verteidigung bei

einem EU-Gipfel unterstrichen. War das

ein reines Lippenbekenntnis?

Das war durchaus ein erster wichtiger

Schritt. Aber nun muss in den Mitgliedstaaten

etwas passieren – trotz des Zwangs

zum Sparen. Die Staats- und Regierungschefs

haben ja auch zu Recht darauf hingewiesen,

dass das Geld im Bereich Verteidigung

so effizient wie möglich ausgegeben

werden soll. Dabei spielt die Kooperation

unter den Mitgliedstaaten eine wichtige

Rolle.

Sind die EU-Länder wirklich bereit, bei

der Verteidigung verstärkt zusammenzuarbeiten?

Auf der politischen Ebene durchaus, aber

das reicht leider in der Praxis oft nicht aus.

Denn die bürokratischen Strukturen in den

Mitgliedstaaten haben nicht den Reflex,

über Grenzen hinweg gemeinsam zu arbeiten.

Sind deswegen die Verteidigungsmärkte

so zersplittert?

In der EU laufen derzeit im Bereich der Verteidigung

89 Entwicklungsprogramme, in

den USA existieren dagegen nur 27 solcher

Programme – bei einem größeren Haushalt.

Das heißt konkret, dass es bei einem

Produkt wie einem Hubschrauber unterschiedliche

nationale Varianten gibt. Die

Hersteller kommen nun auf uns zu mit der

Bitte nach mehr Harmonisierung.

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 33

»

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Politik&Weltwirtschaft

Sicherheit vom Fließband Panzerproduktion bei Rheinmetall

Können Sie die denn

erzwingen?

Wir können neue Programme

auflegen, etwa für Drohnen, die

heutzutage nur Amerikaner

und Israelis liefern können.

Aber die Mitgliedsländer müssen

das wollen. Auch im Bereich

Cyber-Sicherheit und Satelliten

sehe ich die Chance für

einen gemeinsamen Neustart.

Beschaffungs- und Entwicklungsentscheidungen

fallen in

den Mitgliedstaaten nach

nationalen Erfordernissen –

also sehr unterschiedlich.

Haben Sie die Hoffnung, dass

sich diese angleichen lassen,

damit die Staaten mehr Güter gemeinsam

entwickeln können?

Aufeinander abgestimmte Beschaffungszyklen

wären ideal, aber ich bin skeptisch,

ob sich das erreichen lässt. Die Zyklen hängen

unter anderem von Wahlperioden ab.

Jede neue Regierung überdenkt die militärischen

Programme ihrer Vorgänger.

Der scheidende Binnenmarktkommissar

Michel Barnier hat versucht, in der EU

einen gemeinsamen Markt für Verteidigungsgüter

zu schaffen. Ist auch das

Wunschdenken?

Die zwei EU Richtlinien, die 2009 verabschiedet

wurden, sind eine wichtige Etappe,

um den Markt wettbewerbsfähiger zu

machen. Aber der Markt ist natürlich größer

als Europa, und auch außerhalb gibt es

Protektionismus. Gleichzeitig muss man

sich vor Augen halten, dass der Markt für

Verteidigungsgüter natürlich nicht wie jeder

andere ist. Die Kunden sind Staaten,

deshalb spielen Fragen der staatlichen

Souveränität und der Liefersicherheit eine

große Rolle. Der Vertrag von Lissabon sieht

im Artikel 346 ausdrücklich die Möglichkeit

vor, dass Staaten ihre öffentlichen Aufträge,

soweit aus Sicherheitsgründen notwendig,

nach gängigen Vergaberegeln vergeben.

Weshalb sollten Länder genau dies dann

in Zukunft tun?

Wir versuchen – gemeinsam mit der EU-

Kommission – Überzeugungsarbeit zu leisten

und auf der Basis konkreter Resultate

die Vorteile der Nutzung der entsprechenden

Richtlinie aufzuzeigen. Die Regierungen

müssen verstehen, dass ihre Unternehmen

von der Öffnung profitieren, weil

diese künftig auch das Nachbarland beliefern

können. Das Ziel muss Gegenseitigkeit

sein. Im Übrigen spart die Marktöffnung

Geld. Die drei baltischen Staaten

kaufen bereits gemeinsam Munition ein.

Sie haben das nüchtern durchgerechnet

und sind zu dem Ergebnis gekommen,

dass eine individuelle Beschaffung teurer

gekommen wäre. Die Europäische Verteidigungsagentur

wickelt die Beschaffung

für die drei Länder ab.

Könnte das ein Modell für die Zukunft

sein?

Bei den kleineren EU-Staaten insbesondere

beobachten wir reges Interesse an einem

solchen Modell. Zum Glück müssen wir in

unserer Agentur nicht auf alle 28 Länder

warten. Es reicht, dass zwei Länder kooperieren

wollen, und wir können ein Programm

maßschneidern. Was bisher allerdings

fehlt, ist die Nachfrage der großen

Länder, die dank uns Geld sparen könnten.

Kleineren Ländern ermöglicht die Kooperation,

militärisch handlungsfähig zu bleiben.

Am 1. November bekommt die Europäische

Verteidigungsagentur mit der Hohen

Außenbeauftragten Federica Mogherini

eine neue politische Führung. Was wird

sich ändern?

Der künftige EU-Kommissionspräsident

Jean-Claude Juncker hat bereits angekündigt,

dass er die Verbindung zwischen Außenpolitik

und Verteidigung stärken will.

»Große Konzerne

könnten sich aus

der Verteidigung

zurückziehen«

Das ist der richtige Weg, denn

bisher gibt es nicht einmal einen

eigenen Rat für Verteidigung.

Während sich die Außenoder

Finanzminister regelmäßig

in Brüssel treffen, gibt es

keine solche Struktur für die

Verteidigungsminister. Nur bei

uns in der EDA kommen sie regelmäßig

zusammen. Man sollte

nicht unterschätzen, wie

wichtig diese persönlichen

Kontakte sind, um gemeinsames

Handeln zu ermöglichen.

Bisher hat sich die EU-Kommission

gescheut, Forschungsprojekte

zu finanzieren, wenn

diese auch der Verteidigung

zugutegekommen wären. Sollte sich das

ändern?

Für uns ist es extrem wichtig, dass die Forschung

dual ausgerichtet wird. Es gibt ja

viele Beispiele, wie militärische Forschung

zu Ergebnissen kommt, von denen alle

profitieren. Das offensichtlichste Beispiel

ist das Internet. Aber es gibt so viele andere,

etwa bei Satelliten. In Deutschland zeigt

ein Start-up wie Kinexon, wie sich aus für

das Militär entwickelter Weltraumtechnologie

ein System zur Bewegungs- und Leistungsmessung

von Sportlern entwickeln

lässt. Und der Austausch findet in beide

Richtungen statt. Auf dem Gebiet der Simulation

haben sich militärische Entwickler

bei der Industrie für elektronische Spiele

bedient.

Wo sehen Sie weiteres Potenzial für duale

Forschung und Entwicklung?

Es wird Drohnen mit ziviler Nutzung geben,

die bei Waldbränden zum Einsatz

kommen könnten oder zur Sicherung von

Grenzen.

Hat die Politik die Bedeutung der dualen

Forschung verstanden?

Da muss in den Institutionen und bei bestimmten

Mitgliedsländern noch Überzeugungsarbeit

geleistet werden. Es handelt

sich hier nicht darum, Verteidigung durch

die Hintertür zu finanzieren. Es geht darum,

die allgemeine Sicherheit zu gewährleisten.

Kommt die Nachricht in Deutschland an?

Da braucht es noch einen gewissen Fortschritt.

Könnte die gegenwärtige geopolitische

Lage dabei helfen?

Es gibt immerhin ein neues Bewusstsein,

dass wir nicht in einer stabilen Welt leben,

in der es den Frieden zum Nulltarif gibt. n

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

34 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Die Rechte gehören allen!

FORUM | Das System handelbarer Emissionsrechte der Europäischen Union könnte

besser und effizienter ausgestaltet werden. Fünf Vorschläge für eine Reform. Von Jürgen Hacker

Das EU-System handelbarer

Emissionsrechte (EU-ETS),

Kernstück der europäischen

Klimaschutzpolitik, ist in die

Kritik geraten. Weil der Preis der

Emissionsrechte schon lange relativ

niedrig ist, wird behauptet, das

System funktioniere nicht. Das

Gegenteil ist aber der Fall! Der

niedrige Preis erleichtert die Wiederbelebung

der europäischen

Wirtschaft, die immer noch in einer

konjunkturellen Flaute steckt.

Dass der Preis mit der Konjunktur

schwankt und so eine antizyklische

Wirkung ausübt, ist volkswirtschaftlich

sinnvoll und erwünscht.

Dennoch ist das EU-ETS reformbedürftig.

Die tatsächlichen Probleme

sind aber folgende:

1. Die jährlichen Mengen an Emissionsrechten, die die EU dem

System zur Verfügung stellt, sind nicht sinnvoll festgelegt. Sie orientierten

sich an irrelevanten Preisprognosen. Ab der nächsten

Verpflichtungsperiode, die 2021 beginnt, müssen die jährlichen

Rechtemengen daher endlich direkt vom international vereinbarten

Zwei-Grad-Celsius-Klimaschutzziel abgeleitet werden. Dies ist

zwar wissenschaftlich und politisch nicht trivial, aber auf Basis der

neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse durchaus möglich.

2. Nur etwa 50 Prozent der Rechte werden in der laufenden Periode

versteigert. Die anderen 50 Prozent werden mit viel zu komplexen

und trotzdem nicht gerechten Regeln den Anlagenbetreibern

kostenlos zugeteilt. Dies ist mit einem riesigen Bürokratieaufwand

für Anlagenbetreiber, Verifizierer, nationale und EU-

Behörden, Rechtsanwälte und Gerichte verbunden. Ab 2021 sollten

endlich alle Rechte ohne Ausnahme versteigert werden! Dies

würde den bürokratischen Aufwand für alle minimieren

und zusätzliche kostengünstige Emissionsvermeidungsmöglichkeiten

offenlegen und zur Anwendung

bringen.

3. Die kostenlose Rechtezuteilung wird mit den sonst

drohenden Arbeitsplatzverlagerungen über die EU-

Grenzen hinweg begründet. Diese Gefahr ist jedoch

viel geringer als behauptet. Ab 2021 sollte ein Ausgleichsmechanismus

dieser Gefahr vorbeugen. Für

die wenigen tatsächlich gefährdeten Produkte müssten

deren Importeure Emissionsrechte erwerben, Exporteure

erhalten im gleichen Umfang Rechte erstattet.

Diese WTO-konforme Grenzausgleichsregelung

würde die Wettbewerbsgleichheit dynamisch und

Bitte umverteilen! Der Staat soll Erlöse aus dem

Emissionshandel mit der Steuer verrechnen

Hacker, 66, ist

Vorsitzender des

Bundesverbands

Emissionshandel

und Klimaschutz.

vollständig herstellen, unabhängig

vom jeweiligen Emissionsrechtepreis.

4. Die Erlöse aus der Rechte-Versteigerung

werden nicht sinnvoll

verwandt. Die Rechte gehören weder

der emittierenden Industrie

noch dem Staat. Sie gehören allen

EU-Bürgern! Der Staat ist nur

Treuhänder und hat die Erlöse

an den Treugeber weiterzuleiten.

Die Steuerzahler sollten daher auf

ihre jährliche Steuerschuld einen

Pro-Kopf-Abzug erhalten, Transferempfänger

einen Pro-Kopf-

Zuschlag; ermittelt aus den jährlichen

Versteigerungserlösen, geteilt

durch die Anzahl der Bürger.

Dies wäre volkswirtschaftlich sinnvoll,

umwelt- und sozialpolitisch gerecht!

5. Nur rund 45 Prozent der EU-Treibhausgasemissionen werden

bislang vom EU-ETS erfasst, das Potenzial wird also nur unzureichend

genutzt. Das System sollte daher spätestens ab 2021 auf

möglichst alle Bereiche, zumindest aber auf die Verkehrs- und Wärmesektoren

ausgeweitet werden.

Besonders einfach ist dies für den Straßenverkehr zu realisieren!

Die in Verkehr gebrachten Treibstoffmengen werden bereits an den

Zolllagern der Raffinerien oder beim Import an den EU-Außengrenzen

zum Zweck der Energiesteuerberechnung genau überwacht.

Diese ermittelten Mengen müssten lediglich mit ihren jeweiligen

Emissionsfaktoren multipliziert und die resultierenden CO 2 -Emissionen

an die jeweiligen ETS-Behörden gemeldet werden. Ferner

müssten die Mineralölgesellschaften verpflichtet werden, entsprechende

Mengen an Emissionsrechten abzugeben. Natürlich würden

diese die Kosten für die Rechtebeschaffung einpreisen. Werden ferner

diese Kosten auf der Tankrechnung ausgewiesen,

könnte jeder Kfz-Fahrer seine individuellen CO 2 -Emissionen

und die damit verbundenen Kosten ablesen und

dies bei seinem Verhalten berücksichtigen.

Der Straßenverkehr könnte zudem bereits vor 2021

in das System einbezogen werden. Würde dies ab 2016

erfolgen und die Rechtemenge nur um 50 Prozent der

Verkehrsemissionen erhöht, würde der derzeitige

Überhang von rund zwei Milliarden Rechten bis 2020

völlig aufgesaugt werden.

Das EU-ETS könnte so insgesamt wesentlich verbessert

und effizienter gestaltet werden. Als Nebeneffekt

würde sich dann auch der politisch erwünschte höhere

Preis für Emissionsrechte von selbst einstellen. n

FOTOS: PLAINPICTURE/RUDI SEBASTIAN, PR

36 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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BERLIN INTERN | Die Regierung hat erkannt: Forschung

optimiert die Produktion so radikal, dass der Mensch

auf der Strecke bleibt. Um das zu verhindern, soll noch

mehr geforscht werden. Von Christian Schlesiger

Forschung erforschen

FOTOS: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PICTURE-ALLIANCE/DPA

Bundesforschungsministerin

Johanna Wanka ist die Goldmarie

des Kabinetts. Die Bundeskanzlerin

überhäuft sie gegenwärtig

geradezu mit Geld. Kein Ressort darf

mehr verteilen als die ostdeutsche Mathematik-Professorin

Wanka. Das erzeugt Neider.

Doch die sind still, weil sie wissen,

dass die promovierte Physikerin Angela

Merkel – mit Chemie-Professor Joachim

Sauer von der Humboldt-Universität zu

Berlin verheiratet – ihre schützende Hand

Massenproduktion zurückholen Grillo,

Wanka, Neugebauer, Bsirske (von links)

über die Forschung hält. Drei Milliarden

Euro gibt es allein in dieser Legislaturperiode

extra. Seit Merkel regiert, stieg der

Forschungsetat von Jahr zu Jahr.

Wanka hat schon ein neues Ausgabenfeld

für sich entdeckt, mit dem sie das viele

schöne Geld sinnvoll verprassen kann: fürs

Forschen übers Forschen. Denn: Wo geforscht

wird, rollen Köpfe. Die Fortschritte

in der Digitalisierung der Alltagswelt locken

Menschen erstens in schnell ergreifbare,

aber nicht sehr lukrative Minigewerbe wie

Chauffeursdienste über Taxi-Apps. Zweitens

sorgt die ständige Erreichbarkeit über

diverse Kanäle wie Handy und E-Mail für

eine 24/7-Standby-Verfügbarkeit der Mitarbeiter.

Und drittens werden Menschen

gefeuert, wo Computer es besser können.

Die Frage, die sich Wanka stellt: Wie kann

die Gesellschaft von der Digitalisierung

profitieren ohne unnötig großen Kollateralschaden?

Arbeitsforscher sollen künftig

diese schädlichen Verquickungen rechtzeitig

erkennen, damit Politik reagieren kann.

Dafür gibt es Geld. Eine Milliarde Euro

lobt der Bund für Projekte aus, die bis 2020

zu „Innovationen für die Produktion,

Dienstleistung und Arbeit von morgen“ führen

sollen. Der Startschuss fiel letzte Woche

im Berliner Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen

und Konstruktionstechnik.

Wankas neuester Fördertopf ist Teil der

High-Tech-Strategie der Regierung, die in

diesem Jahr elf Milliarden Euro verschlingt.

Rationalisierung soll also der Belegschaft

zugutekommen. Diese neue Stoßrichtung

gefällt sogar den Gewerkschaften. Früher

zogen die noch die Fortschrittsbremse, weil

sie Strukturwandel wegen des Jobabbaus

befürchteten. Heute sehen sie „die Chance

der Gestaltung“, sagt Frank Bsirske, Chef

der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Es

sind ganz neue Töne der Arbeitnehmervertreter

(siehe Seite 38).

Werden die einstigen Gegner der Industrialisierung

so zu engen Buddies der forschungsfrenetischen

Kanzlerin? Die Arbeitgeberseite

frohlockt schon längst:

Unternehmen stehen vor „radikalen Veränderungen“,

vor einer 4.0-Revolution und

ganz neuen Chancen. Das sagt Ulrich

Grillo, Präsident des Bundesverbands der

Deutschen Industrie. Und spricht vom Turnschuh.

Wenn Sportkonzerne wie Adidas

und Puma jeden einzelnen Kundenwunsch

etwa nach Größe, Farbe und Design direkt

in die Produktion einfließen lassen könnten,

ließe sich die Fertigung „wieder zurück

nach Europa holen“. Grillo fordert alle auf,

„gemeinsam an der Zukunft für das Industrieland

Deutschland“ zu arbeiten.

Forschungsgelder, um der Massenproduktion

in China Paroli zu bieten? Textilproduktion

in Herzogenaurach statt in

Bangladesch? Das klingt aus deutscher Arbeitnehmersicht

wie ein schönes Märchen.

Und selbst wenn am Ende die große High-

Tech-Strategie der Forschungsministerin

floppt: Der Öffentlichkeit wird das nicht

weiter auffallen. Denn die Gelder fließen in

diverse kleine, unauffällige Projekte. So

kann Wanka sicher sein: Die Pechmarie

wird sie so nie.

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 37

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Die Digitalisierung

bedroht die Macht der Gewerkschaften

– doch die zeigen eine erstaunliche

Offenheit. Von Bert Losse

Gewerkschaft 4.0

Vor vielen Jahren machte

ich als Student ein

Praktikum bei der

Deutschen Postgewerkschaft.

Dort gab es bei der

Mitgliederzeitung einen leitenden

Redakteur, der sich weigerte,

einen PC zu benutzen. Diese

Geräte seien ein Rationalisierungswerkzeug

der Arbeitgeber,

ein Jobvernichter. Ein anständiger

Journalist müsse bei

der Schreibmaschine bleiben.

Der Mann war kein Exot. Er

stand für die Grundhaltung der

Gewerkschaften, jedweden

Wandel von Wirtschaft und Arbeitswelt

als Gefahr zu betrachten.

Bei technologischen und

ökonomischen Umwälzungen

setzten sich die Gewerkschaften

in den vergangenen Jahrzehnten

gern ins Bremserhäuschen

und begleiteten den Strukturwandel

lieber mit Protesten als

mit konstruktiven Vorschlägen.

Mit Globalisierung und Freihandel

haben sie bis heute nicht

ihren Frieden gemacht, wie der

Widerstand gegen das Freihandelsabkommen

zwischen der EU

und den USA zeigt.

RÄUMLICH ENTGRENZT

Beim neuen Megatrend, der Digitalisierung

der Arbeitswelt, ist

das anders. Schon früh haben

sich die Gewerkschaften mit den

Chancen und Risiken auseinandergesetzt

und dabei eine differenzierte

Haltung gewonnen.

Vergangene Woche gab es

gleich zwei Großveranstaltungen

zum Thema. Die IG Metall

diskutierte mit rund 400 Betriebsräten,

Managern, Ingenieuren

und IT-Experten im

Opelwerk Rüsselsheim über die

Folgen von Industrie 4.0 auf die

Arbeitsbedingungen. Die Kollegen

von Verdi luden in Berlin

zum Kongress „Arbeitswelt,

Selbstbestimmung und Demokratie

im digitalen Zeitalter“.

Verdi-Boss Frank Bsirske, sonst

ein Mahner vor dem Herrn, lobte

plötzlich die „Chancen zeitlicher

und räumlicher Entgrenzung“.

NEUE ARBEITSTEILUNG

Die Gewerkschaften wissen sehr

wohl, dass die zunehmende

Digitalisierung ihren Einfluss

schwächen könnte. Selbstbedienungskassen

im Supermarkt,

selbstfahrende Gabelstapler im

Warenlager, vernetzte Maschinen:

Die Digitalisierung wird viele

Arbeitnehmer überflüssig machen,

die heute zur Kernklientel

der Gewerkschaften gehören.

Das Crowdsourcing – eine neue

Form der Arbeitsteilung, bei der

Solounternehmer über Internet-

Plattformen ihre Dienste erbringen

– macht zudem den klassischen

gewerkschaftlichen

Zugriff auf Unternehmen über

Betriebsräte schwieriger.

Trotzdem ist von einer Blockadehaltung

der Gewerkschaften

nichts zu spüren. Sie sehen

nämlich auch die Vorteile für die

Gesundheit und Lebensqualität

der Beschäftigten. „Wenn Produktionsmittel

und Arbeit nicht

mehr an einen Ort oder an ein

Werk gebunden sind, ist das

unsere Chance für mehr Zeitsouveränität“,

sagt IG-Metall-

Vorständlerin Christiane Benner.

Datenschutz, Weiterbildung,

digitale Mitbestimmung – das

sind die Themen, mit denen sich

die Gewerkschaften nun befassen

wollen.

Das ist eine gute Nachricht.

Als neuzeitliche Maschinenstürmer

werden die Gewerkschaften

nicht gebraucht. Als konstruktive

Begleiter einer neuen technologischen

Epoche sehr wohl.

NEW ECONOMICS

Näher an der Realität

US-Ökonomen haben aus Social-Media-Daten

einen neuen Arbeitsmarkt-Indikator entwickelt. Der

Praxistest fällt bisher gar nicht so schlecht aus.

Die schlechte Nachricht passt

locker in 140 Zeichen. In Zeiten

sozialer Netzwerke kommunizieren

immer mehr Menschen

ihren Jobverlust per Twitter. In

den USA hat die Mitteilsamkeit

ein solches Maß erreicht, dass

Ökonomen der University of

Michigan anhand der Datenflut

jetzt einen neuartigen Arbeitsmarktindex

kreiert haben, der

die Fluktuation in den Unternehmen

schneller erfassen soll

als die amtliche Statistik.*

Ein Team von fünf Ökonomen

und Informatikern sah sich dafür

Tweets zwischen Juli 2011

und November 2013 genauer

an. Insgesamt analysierten sie

einen Datensatz von 19,3 Milliarden

Tweets, etwa zehn Prozent

aller Nachrichten, die in

dem Zeitraum bei Twitter eingestellt

wurden. Die Wissenschaftler

filterten jene heraus,

die einen Jobverlust anzeigen,

die etwa Ausdrücke wie „axed“,

„canned“, „been fired“, „laid off“

oder „pink slip“ enthielten.

Der daraus gebastelte „Social

Media Job Loss Index“ erwies

sich bisher als gutes Prognoseinstrument

für die offiziellen

Zahlen. Er lag meist näher an

den abschließenden, revidierten

Zahlen als an den zunächst

veröffentlichten Werten der Statistikbehörden.

Vorbehalte, die

via Twitter generierten Daten

seien nicht repräsentativ, weil

überwiegend die junge Generation

twittert, teilen die Autoren

nicht. Die Studie ergab, dass ältere

Menschen zwar insgesamt

weniger via Twitter kommunizieren.

Beim Thema Jobverlust

zeigten sie sich jedoch umso

auskunftsfreudiger.

* Dolan Antenucci, Michael Cafarella,

Margaret Levenstein, Christopher Ré,

Matthew Shapiro: Using Social Media to

Measure Labor Market Flows, University

of Michigan, 2014

Arbeit gesucht Bewerber bei einer

Job-Messe in Orlando, Florida

Der große Vorteil des neuen

Jobbarometers ist laut den Autoren

die höhere Realitätsnähe

im Vergleich zu herkömmlichen

Prognoseinstrumenten. Traditionell

sind in den USA die Neuanträge

auf Arbeitslosengeld ein

wichtiger Frühindikator für den

Arbeitsmarkt. Doch nicht jeder,

der seinen Job verliert, beantragt

automatisch Arbeitslosengeld.

Bisweilen hat man gar keinen

Anspruch darauf.

Die aus Twitter generierten

Daten hätten diese Unschärfe

nicht, sagen die Autoren. Die

Wissenschaftler geben zwar zu,

dass weitere Langzeitstudien

notwendig seien. Sie glauben

gleichwohl, dass der neue Index

Trendwenden am Arbeitsmarkt

schneller identifizieren kann –

und die Analyse von Social-

Media-Daten auch anderen

Disziplinen nutzen könnte:

„Forscher sollten die von uns in

dieser Studie entwickelte Technik

nutzen, um Gebiete zu erkunden,

die die offizielle Statistik

noch nicht gut abdeckt.“

Wie akkurat der neue Index

ist, lässt sich auch online nachverfolgen

(http: econprediction.eecs.umich.edu).

Die Forscher

wollen ihre auf Twitter

basierenden Prognosen regelmäßig

ins Netz stellen – damit

man sie später mit den offiziellen

Zahlen vergleichen kann.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

FOTOS: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, LAIF/POLARIS/PAUL HENNESSY

38 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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DENKFABRIK | Das amerikanische Steuersystem bringt immer mehr US-Konzerne dazu,

die Gewinne ihrer ausländischen Töchter außerhalb der USA zu reinvestieren. Will

Präsident Obama die Wirtschaft stärken, muss er dieses Kapital in die USA zurückholen –

am besten durch eine umfassende Unternehmenssteuerreform. Von Martin Feldstein

Home sweet home

FOTOS: LAIF/POLARIS, IMAGO/IPON

Diese Entwicklung

freut die Europäer,

ist für die Amerikaner

aber ein Problem:

Immer mehr US-Unternehmen

wollen ihren Hauptgeschäftssitz

nach Europa verlegen. Der

Grund: Multinationale Konzerne

können sich auf diese Weise

den unvorteilhaften Körperschaftsteuerbestimmungen

in

den USA entziehen und ihre

Steuerlast verringern.

Die US-Regierung will dagegen

nun durch administrative

Änderungen des Steuerrechts

vorgehen. Viel sinnvoller hingegen

wäre eine Steuerreform, die

multinationale Unternehmen

gar nicht erst in Versuchung

bringt, Firmensitze zu verlagern.

Eine Reform könnte die Beschäftigung

und Produktion in

den USA erhöhen – und die

Steuereinnahmen auch.

Nach geltendem Recht werden

US-Unternehmensgewinne

mit 35 Prozent besteuert – der

höchste Satz unter den OECD-

Ländern. Im OECD-Schnitt liegt

er bei 25 Prozent. US-Unternehmen

zahlen die Steuer auf in

den USA erzielte Gewinne und

auf Erlöse ausländischer Tochterunternehmen,

wenn diese

Gelder in die USA zurückgeholt

(repatriiert) werden.

reits gezahlten 12,5 Prozent in

Irland. Wer Gewinne in Irland –

oder einem anderen Land –

wieder investiert, muss keine

weiteren Steuern entrichten.

Viele US-Firmen ziehen es daher

vor, diese Gewinne im Ausland

zu belassen – als finanzielle

Rücklage oder in Form von Investitionen

in neue oder bestehende

Tochtergesellschaften. Mittlerweile

haben Unternehmen rund zwei

Billionen Dollar an Gewinnen im

Ausland angehäuft, die im Heimatland

nie versteuert wurden.

Alle anderen OECD-Länder gehen

mit Gewinnen ausländischer

riales System würde multinationale

US-Unternehmen ermuntern, ihre

Auslandsgewinne im Inland zu

reinvestieren. Da die Konzerne gegenwärtig

nur einen geringen Teil

der Auslandsgewinne repatriieren,

würden der US-Regierung kaum

Steuereinnahmen entgehen. Vor

einigen Jahren schätzte das US-Finanzministerium,

dass die Umstellung

auf ein territoriales System die

Körperschaftsteuereinnahmen um

lediglich 130 Milliarden US-Dollar

über zehn Jahre verringern würde.

Sinnvoll wäre zudem, den US-

Körperschaftsteuersatz schrittweise

zu senken und dem OECD-

»US-Unternehmen

haben

im Ausland rund

zwei Billionen

Dollar an Gewinnen

angehäuft«

Töchter ihrer Unternehmen anders

um. Sie setzen auf die sogenannte

territoriale Methode. So

entrichtet etwa eine französische

Firma, die in Irland investiert,

12,5 Prozent irische Körperschaftsteuer,

kann Gewinne nach

Steuern dann aber zu einem Steuersatz

von unter fünf Prozent

nach Frankreich zurückholen.

Amerikas derzeitiges Steuersystem

belastet die US-Wirtschaft in

mehrfacher Weise. Die zusätzlichen

Steuern, die US-Firmen entrichten,

wenn sie Gewinne repatriieren,

erhöhen ihre Kapitalkosten

und verringern ihre Wettbewerbsfähigkeit

auf internationalen Märkten.

Die Umstellung auf ein territo-

Scharfe Geschäfte Rasierklingenproduktion

bei der US-

Firma Gillette in Berlin

Durchschnitt anzunähern. Auch

das würde zur Rückführung von

Auslandsgewinnen in die USA

animieren. Da US-Unternehmen

Gewinne in beträchtlicher Höhe

im Ausland halten, die nie in den

USA versteuert wurden, könnte

die Umstellung sogar den Nettogewinn

erhöhen.

Parallel zur Umstellung auf ein

territoriales System und zur

Senkung des Steuersatzes könnte

die US-Regierung unversteuerte

Gewinne aus der Vergangenheit

einmalig mit einem geringen

Steuersatz belegen, der über einen

Zeitraum von zehn Jahren zu entrichten

wäre. Unternehmen dürften

dann vorhandene Gewinne re-

NEUE METHODE

So zahlt etwa eine in Irland tätige

Tochtergesellschaft eines

US-Unternehmens die irische

Körperschaftsteuer von 12,5

Prozent auf dort erzielte Gewinne.

Wenn das Unternehmen die

Gewinne nach Steuern repatriiert,

zahlt es Steuern in Höhe

von 22,5 Prozent – die Differenz

zwischen dem US-Steuersatz

von 35 Prozent und den bepatriieren,

ohne zusätzliche

Steuern zu entrichten. Zukünftige

Auslandsgewinne könnten

wie anderswo mit einer geringen

Steuerlast von fünf Prozent in die

USA zurückfließen.

STAAT PROFITIERT

Eine Steuer von zehn Prozent

auf vorhandene Auslandsgewinne

würde über zehn Jahre rund

200 Milliarden Dollar einbringen.

Bei 15 Prozent wären es

300 Milliarden Dollar. Die konkrete

Festlegung des Steuersatzes

wäre Teil der Verhandlung,

wie weit der Körperschaftsteuersatz

gesenkt werden soll.

Ein Unternehmen mit 500 Millionen

US-Dollar an kumulierten

Auslandsgewinnen würde bei

einer Besteuerung von zehn Prozent

Steuern in Höhe von 50 Millionen

US-Dollar entrichten, zahlbar

über zehn Jahre. Es könnte

das Geld ohne zusätzliche

Steuerschuld repatriieren. Die

Rückführung von Gewinnen in

die USA, die 500 Millionen

US-Dollar übersteigen, würde

einem Steuersatz von fünf Prozent

unterliegen.

Die Umstellung auf ein territoriales

System und einen niedrigeren

Körperschaftsteuersatz

dürfte trotz der nachzuzahlenden

Steuern bei US-Unternehmen

Anklang finden. Wenn

Obama nach einer Möglichkeit

sucht, die Wirtschaft zu stärken

und die Beschäftigung zu steigern,

sollte er die Initiative für ein

solches Reformpaket ergreifen.

Martin Feldstein ist Professor

an der Harvard-Universität.

Der renommierte US-Ökonom

schreibt jeden Monat exklusiv

für die WirtschaftsWoche und

wiwo.de

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 39

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Der Volkswirt

NACHGEFRAGT Axel Ockenfels

»Viele weiße Flecken«

Der Kölner Top-Ökonom über den Vormarsch von Laborexperimenten in

der Wirtschaftswissenschaft – und die Bedeutung irrationalen Verhaltens

auf unsere Entscheidungen.

Professor Ockenfels, am 13.

Oktober gibt die Königlich-

Schwedische Akademie der

Wissenschaften bekannt, wer

in diesem Jahr den Nobelpreis

für Wirtschaft bekommt.

Könnte es diesmal ein experimenteller

Forscher sein?

In den vergangenen Jahren gab

es eine Reihe von Nobelpreisen

an Wirtschaftsforscher, die zumindest

teilweise experimentell

arbeiten. Deshalb würde es

mich nicht überraschen, wenn

es auch dieses Jahr so sein wird.

Wer sollte den Preis bekommen

– und warum?

Die Entscheidung würde mir

schwerfallen. Ich bin froh, dass

ich sie nicht treffen muss.

Wie bewerten Sie die Stellung

der Experimentalökonomie

innerhalb der Wirtschaftswissenschaft?

Haben wir es mit

einer Boomdisziplin zu tun?

Es ist richtig, dass die experimentelle

Wirtschaftsforschung

in den vergangenen Jahren

einen Aufschwung erlebte. Sie

ist kein Orchideenfach mehr,

sondern gehört heute selbstverständlich

zur Wirtschaftswissenschaft.

Sie hinterfragen in Ihrer Forschung

das Leitbild des Homo

oeconomicus. Der Mensch sei

nicht vollkommen rational und

kein ausschließlicher Nutzenmaximierer

– sondern werde

auch von Fairnessmotiven,

Altruismus und Neid in seinen

Entscheidungen beeinflusst.

Hat der Homo oeconomicus

damit ausgedient?

Nein. Das Modell des Homo

oeconomicus bietet gerade

wegen seiner Einfachheit eine

DER LABORÖKONOM

Ockenfels, 45, ist Professor für

Wirtschaftswissenschaft an der

Universität Köln und Gründungsdirektor

des Kölner Laboratoriums

für Wirtschaftsforschung. Zudem

sitzt er im Wissenschaftlichen

Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums.

Ockenfels gehört

zu den forschungsstärksten und

einflussreichsten Ökonomen in

Deutschland. Für seine Arbeiten

erhielt er unter anderem den

Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis

der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

erste Orientierung. Viele Aspekte

von Anreizen und Verhalten

lassen sich damit gut verstehen.

Doch es gibt auch Lücken im

Modell. Oft gibt es ja mehrere

rationale Strategien, unterschiedliche

Motive ökonomischen

Verhaltens und auch verschiedene

Auffassungen über

die Auswirkungen von Entscheidungen,

die allesamt im

Einklang mit Rationalverhalten

stehen. Ohne weitere Unterfütterung

läuft das Modell des

Homo oeconomicus regel-

mäßig ins Leere. Zweitens sind

Menschen natürlich nicht immer

perfekt rational. Jeder weiß

das. Weitere Landkarten, die

das menschliche Verhalten vermessen,

sind daher nötig. Es

wäre unklug, sich in Wissenschaft,

Wirtschaft und Politik

nur auf ein Modell zu verlassen.

Lässt sich unter diesen

Umständen das Verhalten der

Menschen überhaupt noch

kalkulieren?

Ich denke, dass wir in einigen

Bereichen qualitativ gut verstehen,

was das Verhalten

treibt. Wir wissen heute etwa

wesentlich mehr über die Rolle

sozialer Motive bei der Teamarbeit

oder in Verhandlungen

als noch vor ein oder zwei Dekaden.

Aber es gibt auch noch

viele weiße Flecken. Beispielsweise

spielt für das Verhalten in

modernen Märkten das Timing

der Aktivitäten eine wichtige

Rolle, doch der Zeitfaktor wird

in vielen Modellen nicht zufriedenstellend

berücksichtigt.

Was bedeuten diese Entwicklungen

für die Wirtschaftswissenschaft?

Die Wirtschaftswissenschaft

kann eine Menge von der Praxis

lernen. Sie hilft uns, die relevanten

weißen Flecken auf unseren

Landkarten zu finden und

schützt uns so vor einer Elfenbeinturm-Mentalität.

Eine der

resultierenden Entwicklungen

ist, dass nicht mehr nur möglichst

abstrakte und universell

gültige Befunde für Ökonomen

interessant sind, sondern auch

die Besonderheiten einzelner

Märkte und Organisationen in

den Fokus geraten.

Nach Erkenntnissen der Verhaltensökonomie

beobachten

Menschen auch das Verhalten

ihrer Mitmenschen, um zu Entscheidungen

zu gelangen. Sind

die Menschen also von äußeren

Einflüssen determiniert?

Ja. Es gibt eine Reihe rationaler

und nicht rationaler Gründe,

das Verhalten anderer bei eigenen

Entscheidungen zu berücksichtigen.

Dazu gehören Lernen

und normkonformes Verhalten.

40 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: DAVID KLAMMER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Unsere Studien untersuchen

solche Aspekte und bauen sie in

die Modelle ein.

Wer Gier beobachtet, ist

also geneigt, selber gierig zu

werden?

Ja, wir neigen dazu, uns mit

anderen Menschen zu vergleichen.

Dies gilt nicht nur

für Gier, sei es Geldgier oder

Neugier, sondern in fast allen

sozialen Kontexten. Menschen

mögen es insbesondere nicht,

hinter andere zurückzufallen.

Die dem zugrunde liegenden

evolutionären Gründe und

kognitiven Mechanismen

sind recht gut verstanden. Die

Auswirkungen auf das Verhalten

werden allerdings noch unterschätzt.

Lassen sich Menschen in Richtung

Kooperation und Fairness

steuern? Braucht es nur den

richtigen Rahmen, der Handlungen

vorstrukturiert?

Wenn das so einfach wäre,

könnten wir einige große Herausforderungen

unserer Zeit

abhaken. Doch tendenziell

stimmt es schon: Wer die Spielregeln

macht, kann Verhalten

lenken. Tatsächlich hat die

Kooperationsforschung in den

vergangenen Jahren große Fortschritte

gemacht. Zum Beispiel

haben wir gelernt, wie sich in

Auktionen eine unerwünschte

Kooperation zwischen Bietern

durch kluges Marktdesign verhindern

lässt. Derlei Erkenntnisse

darüber, was Kooperation

erleichtert oder erschwert, hilft

uns wiederum, in anderen

Situationen für mehr Kooperation

und Vertrauen zu sorgen.

Zum Beispiel?

Ein Beispiel ist die Schaffung

von Spielregeln, die das Vertrauen

zwischen Millionen

anonymer Menschen in großen

Internet-Märkten erleichtern

können. Eine Stellschraube

dabei ist die Kanalisierung von

Informationen, die es den Akteuren

erlauben, Kooperation

möglichst genau zu identifizieren

und etwa durch Weiterempfehlung

zu belohnen. Der Impuls

zu belohnen ist zwar auf

»Es wäre unklug,

sich in Wissenschaft

und Politik

nur auf ein Modell

zu verlassen«

rationaler Basis oft nicht zu

erklären, aber tief im Menschen

verankert. Gleichzeitig aber

müssen wir Anreize vermeiden,

kooperative Verhaltensmuster

strategisch auszubeuten.

Wie akquirieren Sie eigentlich

die Probanden für Ihre Experimente?

An der Universität zu Köln

haben wir einen Pool von

mehreren Tausend Studenten,

die an Experimenten in

Computerlaboren der Wirtschaftswissenschaft

und

Psychologie teilnehmen. In

anderen Studien führen wir unsere

Experimente mit Managern

und anderen Marktakteuren

im Feld durch.

Wie viele Probanden haben Sie

im Schnitt pro Experiment?

Das ist sehr unterschiedlich. In

Laborstudien sind in der Regel

über 100 Versuchspersonen beteiligt.

In Feldstudien variieren

die Beobachtungszahlen von

ein paar Dutzend bis zu einigen

Tausend.

Was können Wirtschaft und

Politik aus Laborversuchen

lernen?

Experimente können helfen,

zuverlässigere Verhaltensmodelle

zu entwerfen, unsere Erkenntnisse

in die Praxis zu

kommunizieren und neue Ideen

gewissermaßen im Windkanal

zu testen. Praktiker lassen

sich nämlich selten allein durch

mathematische Beweise überzeugen.

Die Internet-Ökonomie

setzt experimentelle Methoden

bereits im großen Maßstab ein,

und einige andere Industrien

ziehen nach.

Können Sie Beispiele für

den Praxisbezug Ihrer eigenen

Experimente geben?

»Die Internet-

Ökonomie setzt

experimentelle

Methoden bereits

im großen

Maßstab ein«

In Köln beschäftigen wir uns

mit einer großen Bandbreite

von Themen, etwa mit Anreizsystemen

und Produktionsmanagement

in Unternehmen, mit

Verhandlungen und Interaktionen

auf Auktions-, Internetund

Strommärkten. Wir arbeiten

interdisziplinär und setzen

experimentelle und theoretische

Methoden ein. Die Idee ist,

die Herausforderungen wie ein

„ökonomischer Ingenieur“ anzugehen.

Wie stark nutzt die Politik die

Erkenntnisse von Verhaltensökonomen?

Viele Regierungen ziehen mittlerweile

Verhaltensökonomen

zu Rate. Auch das Bundeskanzleramt

stellt Verhaltensökonomen

ein. Anreizsysteme und

nicht rationales Verhalten spielen

ja auch in der Politik eine

Rolle. In unserer Forschergruppe

in Köln beschäftigen wir

uns zum Beispiel mit der Frage,

welche Anreize die Kooperation

beim Klimaschutz erleichtern.

Allerdings darf man nicht

vergessen, dass Verhaltensökonomik

und „Economic Engineering“

junge Disziplinen sind

und die Politik ein komplexes

Feld. Viele Fragen, die an uns

herangetragen werden, lassen

sich noch nicht robust beantworten.

Es gibt viel Forschungsbedarf,

und die großen Hoffnungen,

die im

Zusammenhang mit Politikberatung

manchmal aufkommen,

scheinen mir teils übertrieben.

Die Politik sucht womöglich

auch die Hilfe von den Verhaltensökonomen,

um zu lernen,

wie sich die Bürger durch sanften

Paternalismus konditionieren

lassen – und etwa mehr auf

ihre Gesundheit achten. Finden

Sie eine solche psychologische

Regierungsführung richtig?

Ich glaube, dass die Paternalismus-Debatte

dem eigentlichen

Beitrag der Verhaltensökonomik

in der Politikberatung nicht

gerecht wird. Es ist doch so: Die

Politik verfolgt ihre Ziele mit

Anreizen aller Art, und Menschen

reagieren auf solche Anreize.

Doch sie tun das nicht immer

so, wie es unsere Intuition

oder Lehrbuchmodelle nahelegen

würden. Eine Politikmaßnahme,

die bei rationalem

Verhalten funktioniert, kann

bei realem Verhalten versagen.

Die Einbeziehung der Verhaltenswissenschaft

hilft dabei,

Verhaltensreaktionen auf Anreize

besser zu verstehen und

vorherzusagen. So kann sie

Fehler vermeiden helfen. Eine

offene Diskussion kann auch

Manipulationen vermeiden. Es

wäre daher fahrlässig, wenn

die Politik bei der Umsetzung

ihrer Ziele wissenschaftliche

Erkenntnisse über das Verhalten

ignorierte.

Kritiker werfen der Experimentalökonomie

vor, sie habe

kein theoretisches Fundament,

und ihre Aussagen ließen sich

nicht verallgemeinern. Was

sagen Sie zu diesen Vorwürfen?

Es ist absolut der falsche Weg,

alte Gräben zu vertiefen und

verschiedene Methoden gegeneinander

auszuspielen. Theorie

und Experimente liefern Modelle

der Welt, die sich gegenseitig

ergänzen – aber keinesfalls

gegenseitig ersetzen. Ich

würde für reale Entscheidungen

keiner Theorie vertrauen

wollen, deren empirischer Gehalt

nicht nachgewiesen ist –

aber auch keinem Experiment,

dem die theoretische Fundierung

fehlt. Es ist an der Zeit,

dass die Wirtschaftswissenschaft

sich weniger an ihren

Methoden aufreibt – sondern

sich wieder stärker den Problemen

widmet.

nils heisterhagen | politik@wiwo.de

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 41

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Unternehmen&Märkte

Der will nur streamen

Netflix-Boss Hastings

möchte mit Millionenaufwand

die Deutschen

von der gewohnten Flimmerkiste

in sein Internet-Fernsehparadies

locken und ihnen Unterhaltung

auf Abruf

schmackhaft machen

42 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Roter Teppich

für den Angreifer

NETFLIX | Beim Deutschland-Start wird der Online-Video-

Riese aus den USA die etablierten Fernsehsender massiver

angreifen als bisher bekannt. Die müssen umso

mehr fürchten, Zuschauer an das Internet-TV zu verlieren.

Die Immobilie mit der Nummer

440 hat die wohl interessanteste

Geschichte aller Anwesen

an der feinen Keizersgracht in

Amsterdam. Seit dem frühen

17. Jahrhundert residierten hier Notare,

Pleitiers und selbst eine Miederwarenfabrik,

bis das Haus im Juli 2011 fast gänzlich

niederbrannte und neu errichtet wurde.

Einen besseren Ort für eine Revolution

hätte Reed Hastings kaum finden können.

Denn an die Keizersgracht hat der Chef

und Miteigentümer des US-Internet-Fernsehanbieters

Netflix elf Leute geschickt, die

ihren eigenen Brandherd entfachen sollen.

Die Netflix-Elf soll, hinter hohen Fenstern

und verklinkerten Säulen im zweiten Stock

des Gebäudes, nichts Geringeres tun, als

die europäische Fernsehbranche auf den

Kopf stellen.

Hastings Auftrag: Bietet den Menschen

eine Alternative zum heutigen Fernsehen

mit zig Sendern und festen Startzeiten.

Lasst sie Filme und Serien zu jeder beliebigen

Zeit starten, anhalten oder zurückspulen,

kurzum: genießen.

Für weniger als zehn Euro pro Monat soll

künftig jedermann per Mausklick auf seinem

Laptop, Tablet, Smartphone oder internetfähigen

Fernseher unbegrenzt Filme

sehen können, ohne diese herunterladen

zu müssen. Das heißt im Internet-Jargon

„streamen“. Dafür hat Netflix 75 000 Streifen

und teils exklusive Serienfolgen in petto.

Mit dem Angebot will die Truppe in

Amsterdam Netflix zunächst einen großen

Teil des wachsenden Abruf-TV-Geschäftes

sichern. Auf lange Sicht jedoch schwebt

Hastings viel mehr vor: Netflix soll als

Speerspitze dem Internet-Fernsehen gegenüber

dem herkömmlichen, sogenannten

linearen TV mit festem Programmschema

zum Durchbruch verhelfen – und

damit die klassischen Sender verdrängen.

Horchten in den vergangenen Wochen

vor allem Fernsehfans freudig auf ob der

neuen TV-Wunderwelt, geraten jetzt langsam,

aber sicher die etablierten Film-

»

Veni, video, vici

Der Aufstieg von Netflix seit der Gründung

6,0

5,0

4,0

Umsatz (in Mrd. $)

davon Streaming*

250

Gewinn nach Steuern

200

(in Mio. $)

150

60

50

40

Kunden (in Mio.)

Länder

3,0

100

30

FOTO: GLENN MATSUMURA

2,0

1,0

1998 2014

50

–50

1998 2014

* bis 2007 nur DVD-Versand, Umsatz US-Streaming-Geschäft erst ab Ende 2011 separat ausgewiesen;

Quelle: Unternehmen, teilweise geschätzt

0

20

10

1998 2014

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 43

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Unternehmen&Märkte

»

und Fernsehanbieter in Alarmstimmung.

Videotheken drohen endgültig zu

verschwinden, DVD-Händler langfristig

ihr Geschäft zu verlieren.

Aufgescheucht sind vor allem ARD, ZDF,

RTL, ProSieben, Sat.1 sowie deren Wettbewerber.

Weil vor der Fernsehfreude, forciert

von Netflix und internetfähigen Fernsehgeräten,

in vielen Wohnzimmern künftig

immer häufiger die Suche im wachsenden

Angebot des Internets steht, droht den

traditionellen Sendestationen der Abstieg.

Insbesondere die Privaten stehen im

Feuer. Denn sie verlieren auf Dauer ihre

Bedeutung für die werbende Wirtschaft

und damit die wichtigste Einnahmequelle,

wenn immer mehr Zuschauer im Web bei

Angeboten wie Netflix hängen bleiben.

„Netflix ist eines der digitalen TV-Modelle,

das traditionellen Fernsehsendern die Vermittlerrolle

wegzuschnappen droht“, sagt

Martin Sorrell, Gründer und Vorstandschef

des weltgrößten Werbekonzerns WPP in

London, gegenüber der WirtschaftsWoche.

Wie nah die Gefahr ist, zeigen die bisherigen

Internet-Video-Anbieter wie Amazon

oder der Filmabrufdienst Snap des Bezahl-

TV-Unternehmens Sky. Sie alle haben auf

Abwehrmodus umgeschaltet. Einige investierten

bereits kräftig in ihr Filmangebot,

andere locken mit Dumpingpreisen von

3,99 Euro im Monat, um von der heranrückenden

Netflix-Elf nicht an den Rand gedrängt

zu werden.

Am kommenden Dienstag ist es so weit.

Dann kommt Netflix-Chef Hastings mit

Vorstandskollegen nach Berlin. Dort, in der

Komischen Oper, will er den Startschuss

geben, zuerst für Deutschland und kurz

danach für Frankreich, die Schweiz, Österreich,

Belgien sowie Luxemburg. „Das wird

eine Zeitenwende einläuten“, sagt Clemens

Schwaiger, bei der Unternehmensberatung

Arthur D. Little weltweit für das Geschäft

mit digitalen Medien verantwortlich.

Denn so viel ist sicher: Netflix wird massiver

in den deutschen Markt gehen als bisher

bekannt. Und das sowohl beim Angebot

als auch beim Vertrieb.

So werden die Amerikaner ARD, ZDF,

RTL und Co. nicht alleine angreifen, sondern

mit Partnern. „Netflix stellt sich in

Deutschland so breit auf wie noch in keinem

anderen Land zuvor“, verrät ein Insider,

der in den vergangenen Wochen entsprechende

Verträge ausgehandelt hat.

SERIEN ALS LOCKSTOFF

Demnach bereiten die Amerikaner zahlreiche

Kooperationen vor, die fein säuberlich

nach Absatzkanälen getrennt sind. Im

Festnetz etwa wird das Unternehmen exklusiv

mit der Deutschen Telekom zusammenarbeiten,

wie die WirtschaftsWoche

erfuhr. Der Ex-Monopolist will das Videoangebot

seiner Fernsehplattform Entertain

ausweiten und hofft mit Netflix auf ein zusätzliches

Zugpferd.

Im Mobilfunk dagegen setzt Netflix wohl

– wie schon in Großbritannien und den

Niederlanden – auf Vodafone. Der will

seinen Vertragskunden höherwertige

Smartphones schmackhaft machen für das

schnellere Internet LTE. Eine längere Gratisnutzung

von Netflix soll dafür wahrscheinlich

der Lockstoff sein. Auch Konkurrent

E-Plus rechnet sich Chancen aus, ins

Geschäft zu kommen.

Und auch das angeblich so bescheidene

Programmangebot von Netflix in Deutschland

wird umfangreicher ausfallen als erwartet.

So waberte in den vergangenen

Wochen das Gerücht durch die Branche,

der US-Konkurrent müsse zum Start auf

seine besten Angebote wie die Erfolgsserie

„House Of Cards“ verzichten.

In Wirklichkeit werden beide Staffeln der

preisgekrönten US-Serie um den skrupellosen

Politiker Francis Underwood aber

bereitstehen, denn ein halbes Jahr nach

der Erstausstrahlung beim Bezahlkanal

Sky kann Netflix selbst über die Rechte verfügen,

bestätigt ein Sky-Sprecher. Zudem

hat sich Hastings ein paar Trümpfe wie die

Erfolgsserie „Orange Is The New Black“

aufgehoben und Hits wie die Vampir-Serie

„Hemlock Grove“ von Wettbewerbern wie

Amazon zurückgeholt.

Zwar wird der Angriff auf die öffentlichrechtlichen

und privaten TV-Anstalten für

Netflix teuer. So kommt Unternehmenschef

Hastings nicht umhin, einen großen

Teil seines diesjährigen Marketingetats von

rund einer halben Milliarde Dollar für Werbung

in Deutschland und seinen Nachbarländern

auszugeben, der in TV-Spots,

Print-Anzeigen und Plakatwände fließt.

Für die Reklame hat Netflix laut Insidern

die renommierte Hamburger Werbeagentur

Jung von Matt engagiert.

Doch aus Sicht der Amerikaner ist das

Geld gut angelegt. Denn laut einer Studie

der Beratung PwC wird sich das Geschäft

mit Videos auf Abruf weltweit bis 2019 fast

verdoppeln. Damit läuft das Geschäft mit

bewegten Bildern in fünf Jahren fast so

häufig über das Internet wie über das Kino

– und damit immer mehr an den traditionellen

TV-Sendern vorbei.

Offiziell leugnen allen voran die Privaten

die Bedrohung durch Netflix. Sie erwarte

„kurzfristig keinen messbaren Einfluss auf

die lineare TV-Nutzung“, sagt RTL-Group-

Chefin Anke Schäferkordt. Und ihr Konzernchef,

Bertelsmann-Lenker Thomas

Rabe, sekundiert, da Netflix nun mal abofinanziert

sei und RTL Geld mit Werbung

verdiene, gebe es keine Gefahr für seine

Cashcow.

Datensauger Video

Transportierte Datenmenge im Internet in den USA nach Tageszeit (in Millionen Gigabyte)

10

8

6

4

2

6:00 8:00 10:00 12:00 14:00 16:00 18:00

Uhrzeit

20:00 22:00 24:00 2:00 4:00

Quelle: Sandvine Networks, Bloomberg Businessweek

Sonstiges

Einkaufen

Spiele

Anderes Streaming

(darunter YouTube, iTunes,

Facebook, Amazon, Hulu)

Netflix

Einfaches Surfen

Legaler und illegaler

Austausch (File Sharing)

Sturm auf Streaming

Umsatz mit im Internet abrufbaren Videos

in Deutschland

273

Mrd. €

20%

26%

26%

28%

2014

Prognose; Quelle: Goldmedia

750

Mrd. €

11%

11%

51%

27%

2019

Bezahlvideos

Einzelabruf

Abonnement

Werbefinanziert

44 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: ALLSTAR PICTURE LIBRARY/LIONSGATE TELEVISION

Ungewohnte Umgebung Netflix-Serien wie

„Orange Is The New Black“ brechen mit den

üblichen Erzählweisen im TV

Das aber sehen nicht alle so. Widerspruch

kommt etwa aus dem Lager der gebührenfinanzierten

öffentlich-rechtlichen

Kanäle, die sich dank sicherer Gebühren

um ihre Einnahmen keine Sorgen machen

müssen. Michael Loeb, Geschäftsführer

des Rechtehändlers WDR Mediagroup in

Köln, sieht in dem Erfolg des Internet-

Fernsehens zur beliebigen Zeit in den USA

durchaus ein Menetekel für die hiesige

Zunft: Dort hätten Filme auf Abruf der linearen

TV-Nutzung „schon die Rücklichter

gezeigt“ (siehe Interview Seite 47).

Entsprechend nehmen Experten RTL die

zur Schau getragene Entspanntheit schlicht

nicht ab. „RTL, Sat.1 und Co. werden Hunderttausende

Zuschauer verlieren“, sagt

Thomas Koch, Werbeexperte und Medienberater

aus Düsseldorf. „Serien und Filme,

die von Werbung unterbrochen werden

und zu Zeiten laufen, die nicht in den Tagesrhythmus

passen, werden abgestraft.“

Schuld daran seien RTL und seine Freunde

selbst, meint Koch. Immerhin hätten „vor

allem die Privatsender mit ihrem Billigprogramm

Netflix den roten Teppich doch

regelrecht ausgerollt – auf allen Kanälen

läuft fast nur noch austauschbares Programm

für eine dumpfe Masse, die von ihrer

demografischen Ausprägung her nicht

attraktiv ist für sehr viele Werbekunden“.

Darum dürften sich die Privaten nicht

wundern, dass ihre Geldgeber, die werbetreibenden

Unternehmen, den Zuschauern

ins Netz folgen. „Lineares Fernsehen

wird in ein paar Jahren massiv Werbegeschäft

verlieren – da können die TV-Protagonisten

postulieren, was sie wollen“,

meint Frank-Peter Lortz, Vorstandschef

der Düsseldorfer Mediaagentur Vivaki.

„Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten.“

Verschärfen dürfte die Situation der Privaten

zudem, dass Kosten für Rechte für

Serien und Filme durch die Internet-Konkurrenz

noch stärker steigen werden, als

sie dies schon tun. Den großen Sendern

bleibt da nur, entweder mehr Geld in eigene

Produktionen zu investieren. Oder sie

setzen noch stärker auf selbst inszenierte

Live-Shows wie „Deutschland sucht den

Superstar“ und große Sportereignisse wie

Fußballspiele. Das erhöht auch noch das

Geschäftsrisiko, wie die jüngste RTL-Show

„Rising Star“ zeigt, die am Geschmack des

Publikums vorbeiging.

Zwar haben auch RTL und ProSieben

längst eigene Digital-Ableger und Plattformen

mit unterschiedlichen Geschäftsmo-

»In den USA zeigt

Netflix den TV-

Sendern schon die

Rücklichter«

WDR-Rechte-Händler Michael Loeb

ten Online-Videothek mit 50 Millionen

Kunden in 40 Ländern verdankt Netflix einer

Arbeitsweise, die in der Branche einzigartig

und nicht so leicht zu kopieren ist.

Dabei steht an erster Stelle eine ausgefeilte

IT. Die übernimmt nicht nur viele

Routineaufgaben der Verwaltung. Sie sorgt

auch dafür, dass Videos ohne lange Ladezeit

und nerviges Ruckeln beim Kunden

ankommen, selbst zur Hauptfernsehzeit,

wenn Netflix etwa in den USA mit geschätzten

drei Millionen Gigabyte pro Stunde ein

Drittel des gesamten Datenverkehrs im Internet

ausmacht (siehe Grafik Seite 44).

Die dafür nötigen Computer- und Datenbankprogramme

entwickelt Netflix

selbst. Seinen Filmschatz in Form hochaufgelöster

HD-Videos mit einer Gesamtlaufzeit

von 200 Jahren etwa lagert der Angreifer

aus den USA in einem weltweiten Rechnerpark.

Und das gleich mehrfach, damit

viele Filme möglichst schnell abrufbar und

nahe bei den Kunden liegen.

SYMBIOSE MIT DEM ERZRIVALEN

Um die Kosten für den Auf- und ständigen

Ausbau des Rechnerparks zu drücken,

mietet Konzernchef Hastings Speicherkapazität

bei Amazon. Obwohl der Versandriese

durch ein eigenes Video-Angebot

zu den schärfsten Konkurrenten zählt,

gab es bislang keinen Ärger, im Gegenteil.

„Die lernen in Sachen Computernetze von

uns und wir von denen“, kommentiert Hastings

die Symbiose.

Besonders stolz ist der Netflix-Chef auf

sein Computerprogramm, das die Sehgewohnheiten

der Kunden analysiert und ihnen

die für sie interessantesten Filme und

Serien aus der konzerneigenen Bibliothek

vorschlägt. Die Software ordnet die Netflix-

Kunden anhand der bisher gesehenen Inhalte

in Gruppen, indem sie zwischen fast

79 000 unterschiedlichen Vorlieben der Zuschauer

unterscheidet. Dabei wird hochgradig

differenziert, etwa zwischen „Schrulligen

Science-Fiction-Komödien“ oder „Düsteren

alternativen Polizei-Dramen“. Damit

die empfohlenen Videos möglichst bald

beim Kunden sind, schicken Algorithmen

die ausgewählten Streifen vorsichtshalber

gleich auf einen Rechner in dessen Nähe.

Um daraus ein möglichst großes Geschäft

zu machen, hat sich Netflix eine eigene

Abrechnungsmethode gegenüber den

Filmlieferanten einfallen lassen. Die unterscheidet

sich grundlegend von den Zahlungen

der Musikdienste wie Spotify und Simfy

oder der Online-Videotheken wie Videoload

(Deutsche Telekom) oder iTunes

dellen wie Maxdome und Clipfish gegründet.

Doch den Durchbruch zum wirklichen

Massenmarkt haben sie nicht geschafft –

auch deshalb, weil das Bundeskartellamt

vor einem Jahr die Pläne der Privatsender

und der Öffentlich-Rechtlichen stoppte, jeweils

gemeinsame Internet-Plattformen

für deren Filme und Serien aufzubauen.

Vor diesem Hintergrund wird es schwer

für die etablierten Stationen, gegen den

Konkurrenten Netflix zu bestehen, der mit

seinem Geschäftsmodell Lichtjahre voraus

zu sein scheint. Denn seinen Aufstieg in

den 17 Jahren seit Gründung vom einfachen

DVD-Versandverleiher zur weltgröß- »

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 45

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Unternehmen&Märkte

»

(Apple). Während diese von jedem eingenommenen

Euro einen fixen Anteil an

die Filmstudios oder Musikkonzerne bezahlen,

überweist Netflix eine Pauschale,

egal, wie oft der Streifen abgerufen wird.

Das sorgt zwar für höhere Anfangskosten.

Doch von einer bestimmten Zahl der

Abos an steigert jede zusätzliche Einnahme

fast komplett den Gewinn. „Das ist

zwar riskanter, verspricht aber einen deutlich

höheren Ertrag“, sagt Berater Schwaiger.

Dritte Säule des Netflix-Erfolgs ist das

Angebot. Zum einen errechnet die IT ständig

für jedes einzelne Video die Kosten pro

Abruf und Stunde – und sortiert die unrentablen

Streifen aus. Zum anderen bietet

Netflix Filme und Serien, die nirgendwo

anders laufen. Von den drei Milliarden

Dollar, die Netflix in diesem Jahr in neue

Unterhaltungsstoffe steckt, sollen 80 Prozent

in exklusive Titel fließen.

So produzierte Netflix 2013 als erster Online-Filmanbieter

eine eigene Serie und

verbuchte mit der Neuverfilmung des britischen

Polit-Intrigantenstadels „House of

Cards“ einen Riesenerfolg. Dabei brach das

Drehbuch mit den klassischen Sehgewohnheiten

und verzichtete auf künstliche

Spannung und Hektik, wie sie Produktionen

etwa für private TV-Sender aufweisen,

um die Zuschauer zum Dranbleiben nach

dem Werbeblock zu verführen. Selbst vor

experimentellen Filmen kleiner Studios

oder ausländischen Produktionen schrecken

die Amerikaner nicht zurück. „Weil

Anke unter Druck Filme auf Abruf bedrohen

vor allem TV-Sender der RTL-Group-Chefin

Schäferkordt und die anderen Privaten

deren Rechte günstig zu haben sind, rechnet

sich das auch bei einer kleineren Zuschauerzahl“,

sagt Netflix-Finanzchef David

Wells.

Fragt sich nur, wie schnell die Amerikaner

damit in Deutschland und Europa

durchdringen. In Frankreich ist das aus

Sicht von Berater Schwaiger etwas leichter:

„Weil es nur wenige frei empfangbare Programme

gibt, sind Bezahlkanäle und Internet-Fernsehen

bereits etabliert.“

Etwas schwerer wird die Sache in

Deutschland und Österreich.

Hier gibt es nicht nur bis zu 200

Gratissender über Antenne, Kabel

und Satellit, sondern hier

zahlen die Zuschauer bereits

spürbare Beträge fürs Fernsehen

– zum Beispiel 17,98 Euro im Monat

an die öffentlich-rechtlichen

Sender ARD, ZDF oder ORF.

Video

In unserer App-

Ausgabe sehen

Sie hier einen Film

über Netflix als

Arbeitgeber

Große Furcht vor bestehenden elektronischen

Videotheken muss Netflix zurzeit

nicht haben. Deren Erfolg hält sich in

Deutschland noch in Grenzen: Watchever,

der Netflix-Konkurrent des französischen

Medienriesen Vivendi, steht gerade zum

Verkauf, Maxdome ist zwar Marktführer,

dem Vernehmen nach aber ebenfalls nicht

profitabel. Und der Bezahlkanal Sky robbt

sich nach 20 Jahren auf Sendung an vier

Millionen zahlende Zuschauer heran. Unterm

Strich macht das Unternehmen, das

klassisches Pay-TV mit Online-Abrufen

verbindet, weiterhin tiefrote Zahlen.

Gleichwohl muss Netflix damit rechnen,

dass seine führende Rolle beim TV auf Abruf

angegriffen werden wird. Als heißester

Kandidat gilt der iPhone-Hersteller Apple,

der sich dank seines Vermögens sowohl eine

komplette Übernahme als auch ein eigenes

Angebot leisten könnte. Bislang

schreckt der aufwendige Poker um Ausstrahlungsrechte

das Unternehmen allerdings

vom Video-Streaming ab. Zudem

verdient Apple noch immer viel Geld mit

dem Verkauf einzelner Videos.

Aber das kann sich rasch ändern.

„Sobald die den Eindruck

haben, dass sich das ändert“, sagt

Werner Ballhaus, Medienspezialist

der Beratung PwC, „können

die schnell reagieren.“

n

peter.steinkirchner@wiwo.de,

ruediger.kiani-kress@wiwo.de, jürgen berke,

matthias hohensee | Silicon Valley

Alles auf Abruf

Die wichtigsten Anbieter im Online-Fernsehen

Angebot

Netflix

Entertain

Prime Instant

Video

iTunes

Maxdome

Sky Snap

Watchever

YouTube

Unternehmen

Netflix

Deutsche

Telekom

Amazon

Apple

ProSieben-

Sat.1

Sky

Vivendi

Google

Streamingkosten

(€ pro Jahr)

95,88–107,88

ab 359,40*

* inklusive Telefon und Internet-Anschluss; Quelle: Unternehmen

49

Bezahlung pro

Download

95,88

47,88

107,88

0

Stärke

Viele exklusive Filme und Serien, bewährte Technik,

starke Kooperationspartner

Auch über Satellit nutzbar, teilweise ohne Online-

Verbindung nutzbar

Exklusive Filme und Serien, Gratislieferung von

Amazon-Bestellungen, auf Kindle Fire ohne Online-

Verbindung nutzbar

Sehr breites Angebot, Serien direkt nach US-

Ausstrahlung, Kauf ab 99 Cent

Großes Angebot, Serien direkt nach US-Ausstrahlung,

Kaufvideos, teilweise ohne Online-Verbindung nutzbar

Niedriger Preis; auch Originalfassungen, gegen

Aufpreis teilweise ohne Internet-Verbindung nutzbar

Teilweise ohne Online-Verbindung nutzbar

Gratis, fast unendliches Angebot

Schwäche

Wenig aktuelle Filme, anfangs

relativ kleines Angebot

Nur im Paket mit Telefon und

Internet, lange Vertragsbindung

Begrenztes Angebot,

wenig Aktuelles

Nur Kauf und Miete

Aktuelle Filme und Serien nur

Zuzahlung

Begrenztes Angebot,

wenig Aktuelles

Begrenztes Angebot,

wenig Aktuelles

Wenig aktuelle und hochwertige

Filme

Wichtigste Serien

House Of Cards, Orange Is The

New Black, Hemlock Grove

Sherlock, The Mentalist, How I

Met Your Mother

24, Vikings, Californication,

Crossbones, Ally McBeal, Alpha

House, Betas

True Detective, Sleepy Hollow,

The Strain, Downton Abbey

Under The Dome, Hannibal, Sons

Of Anarchy, Bitten, Hawaii Five-O

Game Of Thrones, Alcatraz,

Die Sopranos, The Walking Dead

Mad Men, The Wire, Lilyhammer

The Mentalist, Torchwood

Tatort, Schimanski, Kanäle von

Komödianten wie Y-Titti, LeFloid

FOTO: RTL/THOMAS RABSCH

46 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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INTERVIEW Michael Loeb

»Wir müssen das Internet umarmen«

Der Chef des Rechtehändlers WDR Mediagroup erwartet einen Zuschauerschwund bei den klassischen

TV-Sendern und will eigene Online-Plattformen aufbauen.

FOTO: WDR

Herr Loeb, das Bundeskartellamt hat

ARD und ZDF den Aufbau der kostenpflichtigen

Video-on-Demand-Plattform

Germany’s Gold untersagt. Mit dem

Deutschland-Start von Netflix bekommt

der Markt jetzt aber eine neue Dynamik.

Starten Sie einen weiteren Versuch?

Germany’s Gold sollte das kollektive Gedächtnis

des deutschen Fernsehens der

vergangenen 60 Jahre sein. Nach dem

Aus haben wir analysiert, welche alternativen

Strategien zur kommerziellen

Verwertung von Inhalten auf digitalen

Plattformen wir verfolgen können.

Und, welche sind das?

Wir lizenzieren jetzt über unser Tochterunternehmen

Release Company viele

WDR-Sendungen und solche von Anbietern

wie dem Filmstudio Bavaria an alle

großen Video-Plattformen von iTunes

über Watchever bis Amazon Prime.

Die Plattform, die zumindest alle ARD-

Inhalte bündelt, haben Sie aufgegeben?

Nein, ich halte solch ein Angebot nach

wie vor für extrem wichtig, weil man als

Anbieter für Videos auf Abruf nur bestehen

kann, wenn man massenweise attraktive

Inhalte aggregiert und Partner

findet, mit denen man sich die hohen Infrastrukturkosten

teilen kann. Nachdem

uns aber das Kartellamt einen Strich

durch diese Rechnung gemacht hat, treiben

wir neue Projekte voran, die sich auf

Nischen konzentrieren…

...wie Krimis oder Kinderprogramme?

In der Richtung. Wir wollen in diesen Nischen

für unsere öffentlich-rechtlichen

Inhalte, wie etwa die Serie „Mord mit

Aussicht“ und die „Sendung mit der

Maus“, die richtigen Geschäftsmodelle

finden und sie in hoher Qualität und

möglichst vollständig anbieten. Natürlich

würden wir weiterhin gern etwas

Größeres machen und sind mit Sendern

und Produzenten im Gespräch. Aber es

ist sehr, sehr schwer, wenn man nicht

mehr den Anspruch haben darf, das gesamte

deutsche Fernsehen abzubilden.

Haben Sie denn viel mehr Möglichkeiten,

als die „Sendung mit der Maus“

und andere Rechte an die Player zu verticken,

die jetzt den Markt aufrollen?

Es wird immer schwieriger, ein solches

Projekt noch rechtzeitig zu starten. Der

Markt für Videos auf Abruf ist recht voll

und wird sich mit den Start von Netflix

schnell weiterentwickeln. Auch Netflix

wird den Markt nicht von heute auf morgen

umkrempeln. Aber kein Sender darf

den Kopf in den Sand stecken und so tun,

als ginge ihn das nichts an. Dafür ist zu viel

in Bewegung geraten. Nehmen Sie die

USA: Dort haben Videos auf Abruf der linearen

TV-Nutzung, bei der ein Programm

zu festen Zeiten gesendet wird, schon die

Rücklichter gezeigt. Dazu hat Netflix maßgeblich

beigetragen. Das hat zwar einige

Jahre gedauert, aber dieser Prozess könnte

jetzt auch hierzulande beginnen.

Aber Netflix profitiert in den USA doch

sehr stark davon, davon, dass viele

Zuschauer es leid sind, bis zu 100 Dollar

im Monat für Kabel-TV zu zahlen?

Das stimmt. Und deutsche Zuschauer haben

ein viel größeres Angebot an frei empfangbaren

Sendern. Aber in beiden Län-

DER MEDIEN-MAKLER

Loeb, 51, ist seit sechs Jahren Geschäftsführer

der WDR Mediagroup in Köln, der

kommerziellen Tochter des Senders. Sie

vermarktet eigene und die Programme von

Dritten und verkauft Radio-Werbezeiten.

dern schauen immer mehr Menschen

im Netz Bewegtbilder an. Dieser Trend

wird sich durchsetzen. Die Leute bleiben

länger im Netz, und das Angebot an Filmen

und Serien wird größer.

Ist Fernsehen mit Filmen zu festen Sendezeiten

Schnee von gestern?

Wir gehen davon aus, dass beide Nutzungsmöglichkeiten

bestehen bleiben.

Filme auf Abruf sind nicht das Ende des

Fernsehens. Tatsächlich müssen die traditionellen

Kanäle sich die Möglichkeiten

des Internets erschließen, dann kann

es sogar positive Rückflüsse auf die lineare

Ausstrahlung haben, weil beispielsweise

Serien im Internet ein jüngeres

Publikum erreichen, das dann die

neue Staffel wieder im TV verfolgt.

Berater sagen, das Netz sei das neue

Leitmedium und das Fernsehen tot.

Das ist Quatsch. Das Internet ist ein Verbreitungsweg.

Ob es für Fernsehunternehmen

eine Gefahr oder eine Chance

ist, hängt von der Strategie der einzelnen

Sender ab. Klar erreichen wir heute über

das normale TV-Programm junge Leute

nicht mehr so wie früher. Aber für die

platzieren wir Programme wie „Mord

mit Aussicht“ eben auch auf Plattformen

zum Abrufen und hoffen, dass ein zufriedener

Zuschauer sich die nächste Folge

direkt im TV anschaut. Wir müssen das

Internet umarmen, anders geht es nicht.

Einige Sender hoffen, Netflix klaue vor allem

Video-Plattformen wie Maxdome und

Bezahlkanälen wie Sky die Zuschauer?

Nein, das trifft alle. In den USA haben die

großen, werbefinanzierten TV-Sender in

den vergangenen zwei Jahren in den jungen

Zielgruppen viel Reichweite verloren.

Die sind praktisch eins zu eins zu

Netflix, Hulu und vergleichbaren Angeboten

abgewandert. Im Markt für Filme

auf Abruf wird es aber auch zu einem

harten Verdrängungswettbewerb kommen.

Alle diese Dienste kosten Abogebühren.

Da werden Kunden sehr genau

hinsehen, für welches Angebot sie zahlen

wollen.

n

peter.steinkirchner@wiwo.de

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 47

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Unternehmen&Märkte

Agrar, Auto, Anlagen

Welche Branchen in Deutschland die EU-Sanktionen gegen Russland besonders treffen

Geschäfte mit Russland

Sanktionsfolgen

Agrar/

Lebensmittel

Chemie

Pharma

Automobil

(inkl. Zulieferer)

Maschinen-/

Anlagenbau

Telekom, IT,

Medien

Bauindustrie

Einzelhandel

Konsumgüter

Rüstung

Transport/

Logistik

Energie

Exporte nach Russland

(Exportanteil

und/oder Umsatz)

2,8 %

1,5 Mrd. €

3,3 %

5,2 Mrd. €

3,4 %

2,1 Mrd. €

4,0 %

7,6 Mrd. €

5,3 %

7,8 Mrd. €

3,5 %

1,03 Mrd. €

0,2 %

55 Mio. €

keine Angabe

circa 4 % 1

2500 1

>10000 1

1,6 Mrd. € 1

628 Mio. €

keine Angabe

>3500 1

>30000 1

>15000 1

circa 2,1 Mrd. € 1

>1000 1

>5000 1

>5000 1

3

Sanktionen behindern

Geschäft unmittelbar

Importstopp

Einschränkungen

bei Dual-Use-Gütern

Einschränkungen

bei Dual-Use-Gütern

Embargo für

Rüstungsgüter

Sanktionen behindern Geschäft

mittelbar oder perspektivisch

Umsatzeinbußen, Preisverfall droht

und Geschäftsverlust an Konkurrenten

Umsatzeinbußen

Umsatzeinbußen

Umsatzeinbußen

Umsatzeinbußen

Umsatzeinbußen

Probleme mit

Lieferkette

Umsatzeinbußen

keine Geschäfte mit russischen Banken

Umsatzeinbußen

geringere Frachttransporte, Verbot

von Überflugrechten droht

strategischen Investments droht

Wertverlust

Umsatzeinbußen, drohende Importbeschränkungen

Sanktionsfolgen

insgesamt

1 Roland-Berger-Schätzungen (basierend auf Außenhandelsstatistiken und/oder Unternehmensdaten); 2 Forderungen der deutschen Banken gegenüber Russland;

3 Importe und strategische Investments; Quelle: Roland Berger, Branchenverbände, Destatis, Unternehmenszahlen; jeweils letzte verfügbare Daten (2013 oder 2012)

Aufruf zum Überwintern

SANKTIONEN | Eine exklusive Studie der Unternehmensberatung Roland Berger zeigt, welche

Branchen am stärksten unter den gegenseitigen Wirtschaftsblockaden von EU und Russland leiden.

Mit Russland machen 6200 deutsche

Unternehmen Geschäfte, mehr als

23 Milliarden Euro haben sie dort

investiert. Waren und Dienste im Wert von

77 Milliarden Euro werden pro Jahr zwischen

beiden Ländern gehandelt. Für die

EU ist Russland das viertgrößte Exportland

und steht bei den Importen auf Rang zwei

nach China, vor allem durch Öl und Gas.

Entsprechend schmerzhaft sind für die

Wirtschaft die Folgen des Streits zwischen

der EU und Moskau. 71 Prozent der befragten

Unternehmen sehen die Wirtschaftslage

in Russland als rezessiv an, ergab eine aktuelle

Umfrage des Deutschen Industrie- und

Handelskammertags. 62 Prozent wollen daher

zum Beispiel Projekte in Russland stornieren

oder Mitarbeiter entlassen. So fahren

Volkswagen und Opel bereits die Autoproduktion

im Reich von Präsident Wladimir

Putin zurück (siehe Grafik Seite 52).

Welche Branchen in Deutschland sind

am stärksten betroffen von den Sanktionen

gegen Russland und wie können Unternehmen

darauf reagieren? Das analysiert

die Strategieberatung Roland Berger in einer

aktuellen Studie, die der Wirtschafts-

Woche exklusiv vorliegt. Demnach ist die

Bedeutung des Russland-Geschäfts am

größten für die Autobranche, Maschinenund

Anlagenbau sowie Energieversorger.

Die härtesten Folgen erwarten die Berger-

Experten für die Agrar- und Lebensmittelindustrie,

Autohersteller und -zulieferer,

Maschinen- und Anlagenbauer sowie ITund

Telekomunternehmen (siehe Tabelle).

Die harten Wirtschaftssanktionen der

EU beschränken unter anderem den Export

von High-Tech- und Rüstungsgü-

»

ILLISTRATION: KRISTINA DÜLLMANN

48 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»

tern und erschweren den Zugang russischer

Banken zu den EU-Kapitalmärkten.

Russland hat mit einem Importstopp für

Lebensmittel aus der EU und anderen westlichen

Ländern wie den USA reagiert. Daher

sind die Hersteller von Agrarprodukten

und Lebensmitteln am stärksten betroffen.

Folgen weitere Blockaden, drohen sie ihr

Geschäft an Konkurrenten zu verlieren.

Infolge der Analyse senkt Roland Berger

die Wachstumsprognose für Deutschland

2014 von 2,0 auf 1,7 Prozent. „Persönlich

hoffe ich zwar, dass es noch zu einer kurzfristigen

Deeskalation kommt“, sagt Burkhard

Schwenker, Berger-Aufsichtsratschef

und Co-Autor der Studie. „Aber als realistische

Planungsbasis müssen Unternehmen

davon ausgehen, dass der Konflikt länger

dauert und sich die Sanktionen in den

nächsten zwei Jahren noch auswirken.“

Für dieses wahrscheinlichste von drei Berger-Szenarien

lautet der Rat „überwintern“,

in Kurzform: Aktivitäten in Russland herunterfahren

und einzelne abstoßen, Kosten

sparen, Kontakte

und Präsenz vor

Ort aufrechterhalten,

zugleich alter-

online

native Absatzmärkte

Was tun bei Sanktionen?

Einen Selbsttest

suchen und Aktivitäten

in sanktionsfreie

für Firmen finden Sie

unter wiwo.de/berger

Länder verlagern.

„Bei Sanktionen

gilt das Primat der

Politik, und die Wirtschaft hat sich unterzuordnen.

Das ist im Prinzip auch richtig“,

sagt Schwenker. „Doch die Politik ist zugleich

gefordert, alternative Möglichkeiten

für die Wirtschaft aufzutun. Das kommt mir

derzeit auf europäischer Ebene zu kurz.“

Zwei Maßnahmen lägen in Brüssel bereits

in der Schublade und müssten nur

umgesetzt werden: So könne eine Belebung

des europäischen Binnenmarktes ein

Prozent zusätzliches Wachstum schaffen.

Ein weiteres Prozent ließe sich generieren,

würde die EU pro Jahr 80 Milliarden Euro

mehr für Infrastruktur ausgeben. Der

Investitionsbedarf hierfür hat sich in der

Euro-Zone bis 2020 laut Berger-Studie auf

mehr als zwei Billionen Euro summiert.

Und die EU könnte das Handelsabkommen

TTIP mit den USA beschleunigen:

„Der Konflikt mit Russland zeigt, wie wichtig

das transatlantische Bündnis ist“, sagt

Schwenker. „Mit guter Kommunikation

seitens der Politik, an der es bisher mangelt,

ließe sich auch die Anti-TTIP-Stimmung

in der Bevölkerung verändern.“ n

stephanie.heise@wiwo.de

Wer früh sät...

AUTOINDUSTRIE | Die Sanktionen und der schwache Rubel vermiesen

den Herstellern das Geschäft und den ausländischen Zulieferern die

Investitionslust. Das könnte sich in ein paar Jahren rächen.

Dieter Trzaska ist Berufsoptimist. Seit

1975 handelt der inzwischen 68-Jährige

mit Autos der Marke Lada. Er

freute sich, als ihm nach dem Mauerfall Interessenten

aus dem Osten die russischen

Autos aus den Händen rissen. Und er verzagte

nicht, als der Importeur für Deutschland

1999 Insolvenz anmeldete – kurzerhand

übernahm der gebürtige Ruhrgebietler

damals selbst die Firma. Dass Russlands

größter Autohersteller Awtowas später

kaum noch Geld in die Marke Lada und in

neue Modelle investierte, sodass die Autos

nicht mehr westlichen Sicherheitsstandards

entsprachen, verkraftete Trzaska

ebenso wie das jahrelange Desinteresse

der in Zypern beheimateten Vertriebsgesellschaft

am Export nach Westeuropa.

Vergeben und vergessen. Lieber will

Trzaska ein neues Kapitel in seiner persönlichen

Lada-Geschichte aufschlagen. Deshalb

lud er am vergangenen Wochenende

treue Kunden und befreundete Händler an

seinen Firmensitz in Buxtehude ein, um in

einer Hausmesse die Deutschland-Premiere

des neuen Lada Granta zu feiern: eine

kompakte wie robuste Stufenhecklimousine

mit vier Sitzplätzen und einem großen

Kofferraum, die in Deutschland nun zu

Preisen ab 7990 Euro angeboten wird. Monatlich

150 Exemplare des Billigautos hofft

Trzaska abzusetzen, mindestens.

VERKÄUFE MASSIV EINGEBROCHEN

Doch das neue Kapitel ist in Gefahr. Denn

Produkte aus Russland leiden derzeit in

Deutschland und im restlichen Westeuropa

unter dem Putin-Faktor. So sehr Trzaska

auch appelliert, die „politischen Querelen

nicht überzubewerten“. Der Krieg an der

russisch-ukrainischen Grenze und die

Sanktionen des Westens gegen Russland

dürften Ost-West-Geschäfte in den kommenden

Monaten ordentlich verhageln.

Die Folgen für die Autoindustrie sind in

Russland bereits deutlich zu spüren. Seit

Jahresbeginn sind die Autoverkäufe im

Land um über zehn Prozent zurückgegangen.

Bo Andersson, der zu Jahresbeginn in

Toljatti, 1000 Kilometer südöstlich von

Moskau, die Regie über den inzwischen

von Renault-Nissan kontrollierten russischen

Autokonzern Awtowas übernahm,

verfügte deshalb, die Produktion drei Monate

lang um rund 250 000 Einheiten zu

drosseln. Sein ehrgeiziger Plan, den einstigen

sowjetischen Staatskonzern bis zum

Jahresende in die Gewinnzone zurückzuführen,

dürfte damit Makulatur sein.

Auch andere Autokonzerne sind bereits

auf die Bremse getreten. Opel hat in seinem

Werk in St. Petersburg auf Kurzarbeit

umgestellt, Volkswagen hat die Bänder in

seinem Werk in Kaluga, 190 Kilometer südwestlich

von Moskau, kurzerhand für vorerst

zwei Wochen vollständig stillgelegt.

Dabei hatte sich Marcus Osegowitsch, der

Generaldirektor der Volkswagen-Gruppe

in Russland, kurz zuvor im Gespräch mit

der WirtschaftsWoche noch verhalten optimistisch

gezeigt, dass die Marktschwäche

schon bald überwunden sein könnte.

Doch die Abwrackprämie von umgerechnet

gut 800 Euro, mit der die russische

Regierung den lahmen Autoabsatz wieder

in Schwung zu bringen hofft, zeigt bislang

kaum Wirkung (siehe Grafik Seite 52). Das

Interesse an neuen Autos ist zwar groß, wie

der Andrang auf der Moscow Motor Show

zeigte. Auch ist jeder zweite der insgesamt

37 Millionen Personenwagen, die derzeit

in Russland zugelassen sind, älter als zehn

Jahre und stark reparaturanfällig.

Doch ein neues Auto können sich derzeit

nur wenige Russen leisten. Und weil

die Banken des Landes sich aufgrund der

Sanktionen derzeit kein frisches Kapital im

Westen besorgen können, sind die Anschaffungskredite

seit April deutlich teurer

geworden. Hinzu kommt, dass viele Russen

ihre Ersparnisse in Dollar und Euro angelegt

haben und das Geld wegen des Verfalls

des Rubel und der galoppierenden Inflation

jetzt nicht antasten mögen, wie VW-

Statthalter Osegowitsch erklärt: „Unsere

Produktion planen wir derzeit deshalb nur

noch von Woche zu Woche.“

Die Abwertung des Rubel um 20 Prozent

seit Jahresbeginn – von der russischen

Zentralbank zumindest in Kauf genommen,

um die Kapitalflucht zu stoppen –

macht der Autoindustrie noch in anderer

FOTO: RENAULT/ROLAND MOURON

50 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Hinsicht zu schaffen, wie Bruno Ancelin,

Vertreter des Awtowas-Großaktionärs

Renault, erläutert: „Sie zwingt uns, die

Lokalisierung zu verstärken.“ Im Klartext:

Die Autohersteller im Land, vor allem die

ausländischen, müssen mehr in Russland

produzieren und zudem mehr Komponenten

von inländischen Zulieferern beziehen,

da der Einkauf jenseits der Grenze immer

teurer wird. Politisch sei die Konzentration

auf das Inland gewollt, sagt Renault-Vertreter

Ancelin: „Putin will auf diese Weise die

russische Autoindustrie stärken.“

ZU TEUER UND ZU SCHLECHT

Jeder Automobilhersteller, der sich in

Russland engagiert, hat sich per Dekret 166

dazu verpflichtet, zur Reindustrialisierung

des Landes beizutragen, indem er heimische

Komponenten kauft. Awtowas fertigt

in der 675 Hektar großen Gigafabrik an der

Wolga – Kapazität: 1,1 Millionen Autos pro

Jahr – bereits heute 85 Prozent seiner Teile

selbst. Der Anteil der Produktion im Inland

inklusive der zugelieferten Teile liegt bei

über 90 Prozent. Am zweiten Produktionsstandort

von Renault-Nissan in Russland,

dem Moskauer Werk von Avtoframos, werden

derzeit 75 Prozent der Autoteile im Inland

produziert. Das Ziel ist ein Wert von

80 Prozent, der unter anderem durch die

Produktion der kompletten Fahrgestelle

aus russischen Teilen erreicht werden soll.

Das Problem ist nur: Die Qualität der

heimischen Zulieferer lässt teilweise stark

zu wünschen übrig – und die in Russland

produzierten Teile sind nicht unbedingt

preiswerter als die importierten, berichten

unisono Manager von Renault und Awtowas.

„Produktionsumfänge kann man hier

nicht so einfach outsourcen“, gibt Awtowas-Finanzchef

Evgenij Belinin unumwunden

zu. Denn das könnte, auch aufgrund

der Qualitätsprobleme, schnell sehr

teuer werden. Um den Neustart von Lada

nicht durch Rückrufaktionen zu gefährden,

hat Awtowas-Chef Bo Andersson deshalb

entschieden, einige Teile der Produktion,

die bereits an Zulieferer ausgelagert waren,

wieder zurück nach Toljatti zu holen.

Ihrer Verzweiflung über die katastrophale

Lage machten die Hersteller kürzlich auf

dem Russian Automotive Forum in Moskau

Internationale Automobilausstellung Luft. Für Lisa King, Einkaufschefin des Joint

Die Staus in der Moskauer Innenstadt zeugen Ventures Ford Sollers, ist die Lage mehr als

von guten Geschäften deutscher Hersteller ernst: „Beim Aufbau eines lokalen Zulie-»

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Unternehmen&Märkte

Heißes Eisen 480 Millionen Euro hat Renault in die Modernisierung der Moskauer Autofabrik

investiert. Rohkarossen werden hier trotzdem immer noch per Hand zusammengeschweißt

»

Made in Russia

Inlandsfertigung der Autohersteller in Russland

(in Prozent)

Aktueller Wert Zielniveau für 2015 bis 2018

Avtoframos

Hyundai

VW 1

Ford Sollers

PSMA

Nissan

GM

Toyota

Avtotor

75

47

42

37

35

34

51 2

15

15

30

k.A.

46

45

1 mit GAZ-Anlagen; 2 mit GM-Avtotaz;

Quelle: LMC Automotive, Autostat, EY analysis

48

60

60

60

80

gleitet, erkennt darin die Folgen des jahrzehntelang

nahezu geschlossenen Marktes,

in dem die Zulieferer Teil staatlicher Großkonzerne

waren. „Wo der Kunde gleichzeitig

Besitzer seiner Lieferanten ist, entsteht

kein Wettbewerb, wo Fahrzeuge nicht weiterentwickelt

werden, keine Innovation.“

Die russischen Zulieferer seien chinesischen,

brasilianischen oder indischen

deutlich hinterher. Die Hersteller entkommen

unter den politischen Vorgaben der

Zuliefererwüste nur, indem sie noch mehr

investieren und selbst fertigen. Volkswagen

nimmt 2015 sein Motorenwerk in Kaluga,

Bosch eine neue Fabrik für Kraftfahrzeugtechnik

in Samara im Süden des Landes in

Betrieb. In zwei Jahren sollen dort 500 Rus-

Russisches Roulette

Entwicklung der Pkw-Neuzulassungen in

Russland (in Tausend Fahrzeugen) 1

Lada 247

Renault 124

Hyundai

Kia 123

Nissan 102

Toyota 102

VW

Chevrolet

Skoda

Opel

117

85

82

56

43

1 in der Zeit von Januar bis August 2014; 2 im

Vergleich zum Vorjahreszeitraum; Werte gerundet;

Quelle: Association of European Business

Veränderung 2

+18 %

+1 %

–18 %

–10%

–5 %

–1 %

–18 %

–27 %

–2 %

–19 %

fernetzes geht es nicht darum, wie gut

das Geschäft ins Laufen kommt, sondern,

ob es überhaupt ins Laufen kommt.“ VW-

Manager Osegowitsch beklagt, dass es zwar

Stahl gebe, „aber zu wenig und nicht in der

benötigten Qualität“. Bosch-Russland-

Präsident Gerhard Pfeifer sieht „Nachholbedarf

bei Prozessstabilität und -qualität“.

Nur eine Handvoll Zulieferer erfülle die

ISO-Norm, die Bosch für seine Produkte

verlange. Auf den Wunschlisten der Autokonzerne

stehen simple Teile wie Spiegel

und Gurte, aber auch elektrische Fensterheber,

Türschlösser und Räder.

Dirk Meyer, Managing Partner beim

Forum Russland, das Betriebe der Automobilindustrie

beim Gang nach Russland besen

arbeiten. Einziger Trost: Die Personalkosten

sind so niedrig, dass die Lokalisierung

die Fertigungskosten niedrig hält. In

Moskau liegt das Einstiegsgehalt eines

Bandarbeiters bei 1034 Euro, in Toljatti sogar

nur bei 517 Euro. Umgekehrt treiben so

niedrige Löhne die Lokalisierung an.

Allerdings wird in Russland nicht allzu

spitz gerechnet. „Produzenten können alle

Kosten in der Produktion, die in Russland

anfallen, als Lokalisierung zählen“, sagt Andrej

Toptun, Chefanalyst der Beratung Autostat.

So lässt sich auf dem Papier mehr

Lokalisierung erzeugen, als da ist. Mit harten

Konsequenzen muss, so Sergej Litwinenko,

Experte für den russischen Automarkt

beim Beratungshaus PwC, kaum ein

Hersteller rechnen: „Der Staat hat derzeit

viel Verständnis für ihre Probleme und ist

bereit, entgegenzukommen.“ Für die westlichen

Autokonzerne wie auch für Russland

wäre es das Beste, es trauten sich ein

paar deutsche mittelständische Zulieferer

nach Russland. „Noch zu Beginn des Jahres

hatten wir viele Interessenten“, sagt Edda

Wolf von GTAI Germany Trade & Invest, einer

Gesellschaft für Außenwirtschaft und

Standortmarketing in Bonn. Doch mit Aufflammen

der Konflikte in der Ostukraine

sei das Interesse weitgehend erloschen.

CHINESEN ZAUDERN NICHT

Vor allem Bosch bemüht sich, das Engagement

in Russland zu versüßen. „Mit uns als

Ankerkunden können die Unternehmen

eine Grundauslastung erwarten. Zudem

erhalten Lieferanten, die sich ansiedeln,

um uns zu beliefern, von der Regionalverwaltung

die gleichen Bedingungen wie

wir.“ Pfeifer weiß, dass die meisten Mittelständler

dennoch zögern, weil ihnen die

Stückzahlen noch zu gering sind. „Erst ab

200000 Einheiten ist eine Direktinvestition

in Russland für einen mittelständischen

Zulieferbetrieb interessant“, erklärt Wolf.

Die Mutlosigkeit könnte sich in ein paar

Jahren rächen. Trotz aller politischer Turbulenzen

– langfristig bleibt Russland einer

der größten Wachstumsmärkte für die Autoindustrie

weltweit. Aktuell besitzt nur jeder

vierte Russe ein eigenes Auto.

Chinesische Hersteller zaudern deshalb

nicht. Great Wall hat den Bau eines Werks

in Tula angekündigt, Geely montiert bereits

über 100 000 Fahrzeuge in Weißrussland.

Und Dongfeng, beteiligt am französischen

Autokonzern PSA, baut sein Vertriebsnetz

aus – wer früh sät, erntet auch.

n

rebecca.eisert@wiwo.de, franz.rother@wiwo.de,

maxim kireev

FOTO: PR

52 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Heißer Tanz

EISCREME-MARKT | Wirbel in der Branche: warum Gotthard Kirchner

den größten deutschen Speiseeishersteller Rosen verkaufte und

beim schärfsten Konkurrenten anheuerte.

DMK, Rosen und R&R sind Unternehmen,

die kaum jemand kennt. Aber

fast jeder Deutsche schleckt deren

eiskalte Kreationen, die sich in den Eistruhen

großer Handelskonzerne wie Aldi,

Lidl und Penny hinter blumigen Namen

wie Gelatelli, Grandessa oder Mucci verbergen.

Eine gleichermaßen überraschende wie

pikante Personalie wirbelt nun die Branche

der Handelsmarkenhersteller durcheinander:

Gotthard Kirchner verkauft Rosen

Eiskrem, den größten Hersteller von Speiseeis,

an das Deutsche Milchkontor (DMK)

und heuert als Deutschland-Chef bei der

britischen R&R Ice Cream an, dem größten

Wettbewerber in der Branche.

Der Seitenwechsel kommt für die Bremer

Großmolkerei und Kirchners Ex-Unternehmen

zu Unzeiten. Denn die DMK-

Eiscremesparte schwächelt, Synergien aus

dem Kauf von Rosen sind noch nicht mal

identifiziert. Ausgerechnet in dieser

Schwächephase bläst R&R mit Unterstützung

von Kirchner zum Generalangriff: Es

geht um die Vormachtstellung in den Eistruhen

der großen europäischen Lebensmittelketten

– ein Milliardengeschäft.

Vom Unternehmer

zum Manager

Frontenwechsel

beim früheren Rosen-

Eiskrem-Inhaber

Kirchner

KENNER DER MATERIE

Das wird immer stärker von Handelsmarken

dominiert. In Deutschland liegt ihr

Mengenanteil bei rund 64 Prozent, die

Umsatzanteile nähern sich der 50-Prozent-

Marke. Nur beim Impulseis – dem klassischen

Eis am Stiel – dominieren bekannte

Marken wie Langnese (Unilever) und

Mövenpick (Nestlé).

Mit Kirchner hat sich R&R nun die

Dienste einer Koryphäe gesichert. In der

Branche gilt der hochgewachsene Manager

mit der hohen Stirn als Freund

schneller Entscheidungen. Kirchner

spricht freundlich, unaufgeregt und diskutiert

mit Freunden gerne über seine

große Leidenschaft neben der Familie

und dem Eisgeschäft: dem Fußballbundesligisten

Borussia Mönchengladbach.

Der 50-Jährige kennt das Eisgeschäft von

Kindesbeinen an. 1967 kauft Kirchners

Vater August seinem Onkel Karl eine Eisdiele

in Heinsberg bei Aachen ab, das Café Rosen.

Die Kirchners produzieren dort fortan

nicht nur Eis für das Café, sondern beliefern

auch Haushalte in der Umgebung.

Das Geschäft brummt. 1974 gelingt der

Durchbruch: Mit der selbst kreierten Eismarke

Cassie schafft Kirchner senior erstmals

den Sprung in die Truhen des Lebensmittelhandels.

Die Edeka-Großhandlung in

Moers listet Rosen, und Cassie landet in

rund 150 Läden.

1990, nach seinem Studium der Betriebswirtschaft

an der Universität Paderborn mit

anschließender Promotion, steigt der Junior

in das Unternehmen ein. Dort verantwortet

er als Geschäftsführer neben seinem

Vater die Unternehmensentwicklung. 2001

übernimmt der Junior dann alle Firmenanteile.

In neue Dimensionen katapultiert

Kirchner das Unternehmen zu Beginn des

Jahres 2007: Rosen übernimmt von Nestlé

zwei Speiseeisfabriken der Tochter Schöller.

Der Schweizer Nahrungsmittelmulti will

sich auf die Premiummarken Mövenpick

und Schöller konzentrieren und keine Handelsmarken

mehr herstellen.

Rosen dagegen ist auf solche Produkte

spezialisiert. Durch die Übernahme wird

der Familienbetrieb zum größten Speiseeisproduzenten

Deutschlands. Der Umsatz

schnellt von 90 auf 170 Millionen Euro, die

Mitarbeiterzahl klettert von 300 auf 750.

Doch die Übernahme wird für Kirchner

zu einem finanziellen Kraftakt, von dem er

sich nicht mehr erholen wird. Denn neben

der Schöller-Übernahme baut Kirchner am

Stammsitz noch eine neue Stieleisfabrik

für acht Millionen Euro. Parallel schießen

Zucker- und Milchpreise in die Höhe. Zudem

lösen kräftige Auftragszuwächse für

2012 zusätzlichen Kapitalbedarf aus.

Als Kirchner Ende 2011 beginnt, über die

Verlängerung eines Kredits in Höhe von 70

Millionen Euro zu verhandeln, stellen sich

einige Banken in dem Konsortium quer,

weil Rosen nicht alle Kreditvereinbarungsklauseln

einhalten kann. So sinkt etwa

2011 die Eigenkapitalquote um fast

sieben Prozentpunkte auf 23 Prozent

und erreicht damit den

Zielwert nicht.

Kirchner gelingt es, mit einem

Überbrückungskredit den

kurzfristigen Finanzbedarf für

die Saison 2012 sicherzustellen.

Doch die Banken fordern

von ihm, weiteres Eigenkapital

oder eigenkapitalähnliche Mittel

in Höhe von 20 Millionen Euro

nachzuschießen. Kirchner gibt

auf. Im November 2012 verkauft er

Rosen Eiskrem an DMK. Zehn Prozent

und seinen Geschäftsführerposten

behält er.

DMK, Deutschlands größte Molkerei

mit einem Umsatz von 5,3 Milliarden

Euro, ist erst im Frühjahr 2011

durch die Fusion der Großmolkereien

Humana und Nordmilch (Milram) entstanden.

Humana bringt eine Speiseeissparte

mit der Marke Sanobub in die neue

DMK ein. Die Sparte firmiert als DMK Eis.

Doch die Chemie zwischen dem genossenschaftlichen

Milliardenkoloß und dem

flinken Familienunternehmen stimmt von

FOTOS: PR (2)

54 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Beginn an nicht. „Die Beteiligung der DMK

an Rosen brachte die Chance zur Nutzung

vieler Synergien für beide Unternehmen“,

sagte Kirchner seinerzeit einer regionalen

Tageszeitung. „Wie sich jedoch herausstellte,

waren die Auffassungen hinsichtlich der

zukünftigen Unternehmensstrategie zu unterschiedlich.“

ÜBERRASCHENDER ANRUF

Spätestens als Kirchner klar wird, dass er in

einen noch zu gründenden Beirat abgeschoben

werden soll, zieht er die Reißleine.

Mitte Juli 2013 kündigt er seinen Geschäftsführervertrag

und zieht die Verkaufsoption

an DMK über die restlichen zehn Prozent

der Anteile.

Ein paar Monate später klingelt Kirchners

Handy. In der Leitung ist Ibrahim Najafi,

Chef des britischen Eisherstellers R&R

mit Sitz in der Nähe von Leeds. Nach einigen

Treffen bietet Najafi seinem einstigen

Konkurrenten zunächst eine Beratertätigkeit.

Kirchner nimmt an. Eine Konkurrenzausschlussklausel

von DMK gab es nicht.

R&R ist nach eigenen Angaben mit 900

Millionen Euro Umsatz und 3500 Mitarbeitern

der zweitgrößte Eishersteller

Europas und seit jeher Hauptkonkurrent

von Rosen und jetzt DMK Eis. Das Bundeskartellamt

genehmigte die Übernahme von

Rosen durch DMK Mitte 2013 mit dem

Hinweis: „Es gibt keine Anhaltspunkte dafür,

dass DMK Eis und Rosen füreinander

jeweils engste Wettbewerber sind. Vielmehr

haben sich aber sehr deutliche Hinweise

ergeben, dass R&R der wichtigste

verhaltensbegrenzende Wettbewerber für

jeden der beiden am Zusammenschluss

Beteiligten ist.“

Die Briten produzieren in Osnabrück

nicht nur Handelsmarken, sondern auch

namhafte Lizenzmarken für Eiscreme wie

Milka, KitKat, Toblerone, Oreo und Daim

für Mondelez (früher Kraft Foods) sowie

Landliebe-Eis. Ausgerechnet bei R&R

bringt Kirchner nun seine Erfahrung ein.

Offenbar hat es gleich gefunkt:Aus dem Beraterjob

wurde zum 1. August eine Festanstellung

als Geschäftsführer des Deutschland-Geschäfts

mit einem Umsatz von rund

200 Millionen Euro. Die Position ist neu.

Bisher hatte Najafi von Leeds aus das

Deutschland-Geschäft verantwortet.

Die Ära Rosen und DMK ist für Kirchner

abgeschlossen. Er werde sich dazu nicht

weiter äußern. Über seinen neuen Arbeitgeber

sagt Kirchner: „R&R entscheidet

schnell, die Mitarbeiter haben eine hohe

Kompetenz, und es gibt sehr klare Strukturen,

die selbst mich überrascht haben.“

Auch finanziell sind die Briten, die dem

größten französischen Finanzinvestor PAI

Partners gehören, bestens ausgerüstet. „Ein

Vergleich der Kapitalflussrechnungen von

DMK und R&R zeigt, dass R&R über einen

deutlichen höheren Cash-Flow verfügen

kann, als dies bei DMK der Fall ist“, befand

das Bundeskartellamt seinerzeit.

Derweil berichten Branchenkenner, dass

es im DMK-Eisgeschäft nicht rundlaufe und

die Sparte defizitär sei. Ein DMK-Sprecher

bestätigt, dass sich auch fast zwei Jahre

nach der Übernahme „beide Gesellschaften

in einem laufenden Integrationsprozess befinden

und Integrationsteams derzeit alle

Geschäftsbereiche analysieren und versuchen,

Synergien und Verbesserungsmöglichkeiten

zu identifizieren“. Für 2014 rechne

DMK aber mit einem positiven Ergebnis.

Spätestens im kommenden Sommer

wird es also einen noch heißeren Tanz um

die Eistruhen im Handel geben.

n

mario.brueck@wiwo.de

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Unternehmen&Märkte

Hauch von Luxus

WARENHÄUSER | Karstadt-Drama? Kaufhaussterben? Nicht in Görlitz,

wo ein verwaistes Warenhaus in neuem Glanz erstrahlen soll.

Der Blick geht weit über die Dächer von

Görlitz. „Von hier aus können Sie das

Riesengebirge sehen“, sagt Jürgen

Friedel und deutet ins Ungefähre. Friedel –

weißes Haar, Businesshemd – lehnt am Geländer

eines schmalen Balkons ganz oben

im alten Kaufhaus der Stadt und schwärmt

von einer Restaurant-Terrasse, die er hier anbauen

will. Nur das Hämmern im Hintergrund

stört den Traum vom Sonnendeck.

Die Terrassenpläne seien die Kür, zunächst

komme die Pflicht, sagt Friedel. Nach

Jahren des Leerstands will er das alte Warenhaus

in der sächsischen Stadt wieder eröffnen.

Ein Warenhaus? In Görlitz? Wann

immer Friedel, der zuvor Flughäfen plante,

sein Projekt präsentiert, darf er sich ungläubiger

Blicke gewiss sein.

Tatsächlich wirkt die Idee angesichts des

Dramas bei Karstadt fast surreal. Seit Monaten

beherrscht die Dauerkrise der früheren

Handelsikone die Schlagzeilen. Am Donnerstag

traf sich der Karstadt-Aufsichtsrat

zur ersten Sitzung nach der Übernahme

durch den österreichischen Investor René

Benko. Statt Aufbruchsstimmung stand der

Dreiklang des Niedergangs auf der Agenda

des Gremiums: Personalabbau, Sparmaßnahmen,

Filialschließungen. So geht es seit

Jahren. Überall im Konzern wird gekürzt, gerechnet

und jener goldenen Warenhaus-Ära

nachgetrauert, der auch das Haus in Görlitz

entstammt.

Mit seinen Granitarkaden, der Glaskuppel,

die sich über den Lichthof im

Inneren spannt, und den großzügigen

Fensterfronten galt der 1913 errichtete

Bau lange Zeit als eines der

schönsten Warenhäuser des Landes.

Doch zuletzt nutzten nur noch

Filmemacher das Jugendstilambiente

als Kulisse. So

drehte US-Regisseur Wes

Anderson hier „Grand

Budapest Hotel“, Werbeclips

und Dokumentationen

entstanden in den

Räumen, nur verkauft

wird hier schon seit fünf

Jahren nichts mehr.

2005 war das Haus als

Teil von Karstadt Kompakt

an einen britischen Investor verkauft worden.

Der führte die Warenhäuser unter der

Marke Hertie weiter. Seit deren Pleite steht

das Görlitzer Kaufhaus leer. Zum Weihnachtsgeschäft

2015 soll es wieder öffnen.

Der Zeitplan ist sportlich.

Rohre und Kabel ragen aus den Wänden

in der dritten Etage, auf dem Boden liegt ein

Stück Putz. „Wir haben schon mehr als 2000

Tonnen Schutt aus dem Gebäude geholt“,

sagt Projektleiter Friedel und zeigt in den

Raum: Vorn am Balkon soll eine Prosecco-

Bar entstehen, weiter hinten die Sport- und

Elektronikabteilung und gleich daneben das

Männerland. Friedel lacht. Im Männerland

könnten Kundinnen ihre einkaufsmüden

Partner bei Fußball-TV und ähnlichen Vergnügungen

parken, derweil sich die Damen

durchs Sortiment shoppen.

Mit solchen Details will Friedel später

Kunden locken, zunächst aber Mieter gewinnen.

Das Warenhaus soll als eine Art

Shop-in-Shop-Konzept funktionieren. Anders

als in einem Center würden die Übergänge

zwischen den einzelnen Geschäften

aber fließender gestaltet. Es gehe nicht darum,

einfach ein altes Haus zu sanieren und

ein paar Shops reinzupacken, sagt Friedel:

„Das Kaufhaus soll aus einem Guss sein,

Herr Stöcker will es schön haben.“

Winfried Stöcker ist der eigentliche Initiator

des Kaufhaus-Projekts. Rund 20 Millionen

Euro will der Lübecker Unternehmer

dafür in die Hand nehmen.

Stöcker kennt das Kaufhaus noch aus

Kindertagen. Sein Vater betrieb in der

Nähe von Görlitz eine Spinnerei. 1960

ging die Familie in den Westen. Der

Junior studierte Medizin und gründete

1987 Euroimmun, ein Unternehmen

für Labordiagnostik.

Euroimmun peilt 2014

rund 200 Millionen Euro

Umsatz an, ist hochprofitabel

und gilt als einer der

Kaufhaus-Mäzen

Der Lübecker Unternehmer

Stöcker investiert

20 Millionen Euro in

das Görlitzer Jugendstil-

Kaufhaus

innovativsten Mittelständler (Wirtschafts-

Woche 15/2014). Den Verfall des Kaufhauses

in seiner alten Heimat hatte Stöcker schon

länger beobachtet. Als er dann in einem

Zeitungsartikel über die Dreharbeiten zu

„Grand Hotel Budapest“ las, machte Stöcker

einen Termin mit dem Görlitzer Bürgermeister

aus.

Wenig später unterschrieb er den Kaufvertrag

für das Gebäude. „Sicherlich hat meine

Herkunft aus der Oberlausitz bei der Entscheidung

eine Rolle gespielt“, sagt Stöcker,

„aber das ist kein Nostalgie-Projekt.“ Selbst

zu Hertie-Zeiten hätte die Görlitzer Filiale

schwarze Zahlen geschrieben.

IN DER BOSS-LIGA

Stöckers Mann in Görlitz schreitet die imposante

Freitreppe hinab in die zweite Etage,

dann weiter ins erste Obergeschoss. Wie

eine Galerie rahmt die zukünftige Verkaufsfläche

den Lichthof ein. Wo genau sich

später die Herren- und Damenabteilung befinden

soll, sei noch offen. Doch die Ausrichtung

ist klar: „Wir wollen nicht unbedingt in

der Gucci-, aber durchaus in der Boss-Liga

spielen“, sagt Friedel.

Ein Hauch von Luxus in Görlitz? Die Bevölkerung

der Stadt ist seit 1994 um fast ein

Fünftel geschrumpft. Gemessen an der

Kaufkraft seiner Einwohner, ist Görlitz das

Armenhaus der Republik.

„Natürlich kennen wir die Statistiken“, sagt

Friedel. Aber: Die Zahl der Touristen steige

seit Jahren. Entsprechend zielen Stöcker und

Friedel nicht nur auf die 55000 Görlitzer,

sondern wollen auch Kunden aus Dresden,

dem polnischen Breslau und dem tschechischen

Liberec in ihr Haus locken. Zugleich

verhandeln sie mit polnischen Markenherstellern,

die mit dem Sprung auf den

deutschen Markt liebäugeln und die Grenzstadt

als Experimentierfeld nutzen wollen.

Draußen vor der verriegelten Eingangstür

stehen ein paar Touristen und blicken in den

Innenraum des Baus. Das Erdgeschoss wirkt

luftig wie ein Ballsaal. Parfüms und Accessoires,

Bücher und Geschenkartikel will

Friedel hier unter Kronleuchtern verkaufen.

Ursprünglich hatte Kaufhaus-Betreiber

Stöcker den Namen KaDeO für sein Haus

favorisiert – wahlweise lesbar als Kaufhaus

des Ostens oder der Oberlausitz. Doch die

Anspielung auf das Karstadt-Flaggschiff

KaDeWe in Berlin war rechtlich zu heikel.

Inzwischen prangt der schlichte Namenszug

Kaufhaus Görlitz am Schaufenster, daneben

der Hinweis: „Hier wird renoviert,

was Sie morgen fasziniert.“

n

henryk.hielscher@wiwo.de

FOTOS: PAWEL SOSNOWKSI, BARBARA KLOTH (4)

56 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Baustelle mit Kronleuchter

Zum Weihnachtsgeschäft

2015

soll der Umbau des

Görlitzer Kaufhauses

vollendet sein. Das

prächtige Gebäude

diente auch als Kulisse

für den Film „Grand

Budapest Hotel“

360 Grad

In unserer App

finden Sie einen

spektakulären

Rundgang durch

das Kaufhaus

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 57

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Unternehmen&Märkte

»Im Markt ist wieder Bewegung«

INTERVIEW | Andreas Nauen Der Chef des Windradherstellers Senvion will die Windenergie preiswerter

und effizienter machen und rechnet mit neuen Großaufträgen für deutsche Offshore-Windparks.

Herr Nauen, Senvion hieß bis Jahresbeginn

Repower. Weshalb haben Sie eine

der angesehensten Adressen in der

Windradindustrie einfach so unbenannt?

Das war nicht einfach so. Die Namensänderung

war notwendig, weil wir den

Namen Repower seit 2001 nur in Lizenz

hatten und diese Ende 2013 abgelaufen

war. Sie gehört einem Schweizer Energieversorger,

der den Namen inzwischen

auch für sich selbst nutzt.

Und weshalb haben Sie sich dann den

kryptischen Name Senvion gegeben?

Senvion ist ebenso wenig kryptisch wie

E.On für Deutschlands größten Stromkonzern.

Senvion setzt sich zusammen aus den

Anfangsbuchstaben der englischen Begriffe

Sustainibility, Energy, Vision und on.

Zusammengezogen stehen diese dann für

Nachhaltigkeit, Energie, Vision – voilà.

Senvion ist im Besitz des indischen Windkraftkonzerns

Suzlon, agiert aber nahezu

unabhängig. Wie funktioniert das?

Es gibt in der Tat vergleichsweise wenig

Zusammenarbeit mit unserem Mutterhaus.

Technologisch arbeiten wir völlig eigenständig.

Das liegt zum einen daran,

dass wir auf verschiedenen Märkten mit

unterschiedlichen Produkten agieren.

Zum anderen hat das auch mit dem

Eigenfinanzierungsvertrag zu tun, dem wir

unterliegen.

Das heißt, die Inder können sich nicht

direkt aus Ihrer Kasse bedienen?

Es gibt keinen Beherrschungs- oder Gewinnabführungsvertrag

zwischen Senvion

und Suzlon. Die Banken haben 2007 die

Übernahme unter der Bedingung finanziert,

dass Suzlon keinen Zugriff auf unseren

Cash-Flow bekommt. Wir haben die

Kreditlinien im April erneuert und sogar

eine Erhöhung um 100 Millionen auf 850

Millionen sichergestellt. Auch dabei hat

das Bankenkonsortium wieder darauf

bestanden, dass unsere indische Mutter

keinen Zugriff auf die finanziellen Mittel

erhält. Die Voraussetzungen für die Zusammenarbeit

mit Suzlon wurden von den

Banken sogar noch schärfer reglementiert.

Jetzt versucht Suzlon offenbar, Senvion

wieder an die Börse zu bringen, um sich

Geld für die eigene Entschuldung zu be-

DER WINDMÜLLER

Nauen, 50, ist seit dem 1. Juli 2010 Chef des Hamburger

Windturbinenbauers Senvion, früher Repower. Nauen studierte

Maschinenbau in Duisburg und startete 1991 seine Karriere

bei Siemens im Projektgeschäft. Nach der Übernahme des

dänischen Windmühlenbauers Bonus Energy durch die

Münchner 2004 baute er als Chef der Siemens-Sparte Wind

Power das Windgeschäft des Konzerns auf.

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Unternehmen&Märkte

FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

sorgen. Der Börsengang sollte Gerüchten

zufolge schon in diesem Monat erfolgen.

Wäre es so, würde ich hier wohl nicht so

entspannt sitzen. Ansonsten möchte ich

mich an Spekulationen nicht beteiligen.

Offshore-Windenergie gilt als Gewinner

der Novelle des Erneuerbaren-Energien-

Gesetzes, kurz: EEG. Sehen Sie das auch so?

Es ist natürlich schwierig, heute von Gewinnern

zu sprechen, wenn eine Branche

über Jahre Stillstand aushalten musste,

weil die politischen Rahmenbedingungen

fehlten. Aber ich bin jetzt froh, dass wir mit

der Verlängerung der Einspeisevergütung

für Windstrom bis 2019 eine vernünftige

Basis haben. Auch die Anbindungen der

Meereswindparks ans Stromnetz sind nun

klar geregelt. Und wenn dann die ganzen

Windparkprojekte realisiert sind, die jetzt

angekündigt werden, dann können wir uns

vielleicht als Gewinner fühlen.

Senvion war ja von der Flaute ebenfalls

arg gebeutelt. In Ihrer Rotorblattfertigung

wird seit Februar kurzgearbeitet.

Ich glaube, es gab in der gesamten Offshore-Windradindustrie

kein Unternehmen,

das nicht betroffen war. Unsere

Rotorblattproduktion in Bremerhaven ist

eben speziell für die Fertigung von Offshore-Anlagen

ausgerichtet und deshalb

von der Kurzarbeit betroffen.

Wieso legen Sie nach der EEG-Novelle

jetzt nicht richtig los?

So schnell geht das nicht, vor allem nicht

bei den Meereswindparks. Diese milliardenschweren

Großprojekte haben Vorlaufzeiten

von zwei bis drei Jahren, ehe überhaupt

eine einzige Windturbine ins Meer

gesetzt werden kann. Wir werden also frühestens

2015 mit der Produktion beginnen

können. Aber in der Tat, es ist wieder Bewegung

im Markt. Verhandlungen mit Unternehmen,

die Windparks bauen wollten,

dann zögerten oder Projekte ganz auf Eis

legten, haben wir wieder aufgenommen.

Das sind Aufträge, bei denen wir früher

schon ziemlich weit waren, da fehlten nur

noch die Unterschriften.

Und dann kam mit Wirtschaftsminister

Philipp Rösler von der FDP und Umweltminister

Peter Altmeier von der CDU

erst der Stillstand beim EEG und vor der

Bundestagswahl die Unsicherheit – mit

der Folge, dass Sie 2013 nicht eine

einzige Offshore-Turbine verkauft haben.

Das stimmt leider. In diesem Jahr wird sich

das nicht wiederholen. Wir liefern 48 Windmühlen

für den Windpark Nordsee Ost an

den Stromkonzern RWE. Und wir verhandeln

wieder über zurückgestellte Aufträge.

Können Sie Details nennen?

Es geht um drei Windparks, einen mit 20,

einen mit 50 und einen mit 80 Turbinen in

der deutschen Nordsee.

Strom von hoher See gilt als Kostentreiber

bei der EEG-Umlage. Wie wollen

Sie das ändern?

Dass die gesamte Offshore-Industrie günstiger

werden muss, ist seit Jahren jedem

klar. Aber es hat sich schon viel getan. In

der Anfangsphase mussten wir uns noch

von einem Engpass zum nächsten hangeln:

Mal gab es nicht genug Windräder,

dann nicht genug Montageschiffe, zu wenige

Unterwasserkabel oder Fachpersonal.

Das ist alles behoben. Jetzt können wir intensiv

an Kostensenkungen arbeiten.

Welche Hebel gibt es da speziell für Sie

als Windradhersteller?

Sie können natürlich schlicht und einfach

versuchen, bestehende Windturbinen

schiffung der Fundamente und natürlich

auch das Material preiswerter.

Ihr Umsatzrückgang um rund 20 Prozent

kam in erster Linie durch den Wegfall des

US-Geschäfts. Wie konnte das passieren?

Durch die Erschließung riesiger Schiefererdgasreserven

mithilfe der Fracking-

Technologie sind die Strompreise in den

USA so stark gefallen, dass sich der Bau

neuer Windparks nicht mehr lohnte. Wir

hatten 2012 noch rund 100 Millionen Umsatz

dort. Die sind futsch. Wir konnten

zwar davon in Kanada etwas wettmachen,

aber längst nicht in diesen Dimensionen.

Geht das Geschäft so unerfreulich weiter?

Nein. Die Auftragseingänge lagen in den ersten

Monaten des Geschäftsjahres, das bei

uns von April 2014 bis März 2015 läuft, rund

zehn Prozent über dem Vorjahreszeitraum.

Der Umsatz ist in ähnlicher Größenordnung

gewachsen. Zudem ist für uns wichtig, wie

Siemens und GE verlieren Boden

Die größten Windradbauer der Welt (Marktanteile der Hersteller 2013 in Prozent)*

13,2 (14,6) 10,2 (6,2) 10,1 (8,2) 8,0 (10,6) 5,1 (4,0) 4,9 (13,6) 4,6 (8,5) 3,9 (4,6) 3,7 (2,5) 3,4 (2,0)

Vestas Goldwind Enercon Siemens Suzlon/

Dänemark China Deutschland Deutschland Senvion

Indien/

Deutschland

* in Klammern: Vergleichswert 2012; Quelle: Make Consulting

General

Electric

USA

Gamesa

Spanien

United

Power

China

Mingyang

China

Nordex

Deutschland

günstiger zu fertigen. Was aber einen viel

größeren Hebel hat, ist die Weiterentwicklung

der Technologie...

...also die Steigerung der Effizienz.

Unsere Offshore-Turbine vom Typ 6.2 M

152, deren Prototyp wir gerade bauen, hat

152 Meter statt früher 126 Meter lange Rotorblätter.

Das bringt einen Mehrertrag von

20 Prozent am gleichen Standort.

Die Anlage wird dann aber mehr kosten?

Nein, sie soll nicht mehr kosten als das Vorgängermodell.

Das ist das klare Ziel. Auch

die Erhöhung der Lebensdauer der Windräder

von 20 auf 25 Jahre senkt Kosten.

Hinzu kommen signifikante Ersparnisse

beim Fundament. Die meisten Offshoreturbinen

wurden bisher auf dreibeinige

Stahlkolosse, sogenannte Tripoden, gesetzt.

Jetzt kommen sogenannte Monopiles

zum Einsatz, bei denen nur noch ein Fundamentrohr

in den Meeresboden gerammt

wird. Das macht die Verankerung, die Verviel

vom geplanten Jahresumsatz wir schon

fest in den Büchern haben. Und da sieht es

ziemlich gut aus. Wir konnten rund 90 Prozent

einbuchen, und das von einem Wert,

der leicht über dem des Vorjahres in Höhe

von 1,8 Milliarden Euro liegt. Die Zwei-Milliarden-Marke

werden wir dieses Jahr wohl

nicht erreichen.

Hochseewindparks werden fast nur von

europäischen Branchenriesen wie Siemens

und Senvion oder Areva aus Frankreich

beliefert. Wieso hört man nichts von den

ambitionierten chinesischen Anbietern?

Bei Offshore-Anlagen begegnen wir diesen

Wettbewerbern nicht. Das wundert uns allerdings

auch nicht. Denn wir sowie die anderen

europäischen Hersteller haben zehn

und mehr Jahre Erfahrungsvorsprung in diesem

hoch komplizierten Metier. Das ist mit

Onshore-Projekten oder gar mit Fotovoltaikparks

überhaupt nicht vergleichbar. n

mario.brueck@wiwo.de

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 59

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Der gute Deutsche

TRIMET | Heinz Peter Schlüter, Deutschlands führender Aluminiumproduzent, will mit Sozialpartnerschaft

eine französische Hütte retten. Beißen die Arbeiter an? Ein nicht gerade alltäglicher Ortstermin.

Rockender Patron

Trimet-Eigentümer Schlüter

(rechts) und Frankreichs neuer

Wirtschaftsminister Macron (Mitte)

beim Tag der offenen Tür in Saint-

Jean-de-Maurienne in Savoyen

Ein bisschen aufgeregt ist Heinz Peter

Schlüter schon, als er mit seiner hellblauen

Gibson Les Paul auf die Bühne

tritt. Nur wenige Stunden hatten er und

seine sechs Mitmusiker Zeit gehabt, um ihre

ganz eigene Version des französischen

Chansons „Les Champs-Élysées“ von Joe

Dassin einzustudieren. Und jetzt steht im

Festzelt sogar Emanuele Macron vor ihnen,

der neue Wirtschaftsminister von

Frankreich, der noch keine zwei Wochen

im Amt ist.

Der Schlagzeuger gibt vier Schläge vor,

Schlüter greift in die Saiten seiner E-Gitarre

und singt auf Französisch los: „Wir hab’n

gesucht, wir hatten’s dann, und haben

auch verhandelt lang, um im Dezember ja

zu sag’n – und uns zu vermähl’n.“

Und tatsächlich, es passiert. Das Publikum

stimmt ein, der Minister, 36 Jahre

jung, mehr smarter Ex-Investmentbanker

denn Arbeiterführer, lächelt, klatscht im

Takt und singt in seiner Sprache den

Refrain: „ Auf Saint-Jean-de-Maurienne,

»Rauch, viel

Rauch, aber das

Fest hier, sehr

angenehm«

CGT-Gewerkschafter Freddy Bozon

auf Saint-Jean-de-Maurienne! Bei Sonne,

bei Regen, ob Mittag, ob Nacht, wir produzier’n

Aluminium, in Saint-Jean-de-

Maurienne.“

Besser hätte das Entree nicht ausfallen

können, das Schlüter mit Dassins Ohrwurm

und seiner Band Die Düsselfööss

aus der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt

gelang: hier, im 8000-Einwohner-Dorf

Saint-Jean-de-Maurienne im

französischen Alpen-Department Savoyen,

ganz in der Nähe des Fréjus-Tunnels,

der berühmten Alpen-Etappen der Tour de

France und der Skipisten von Trois Vallées.

Der 64-jährige Hobbyrocker ist Eigentümer

der Essener Trimet SE und Deutschlands

führender Aluminiumproduzent mit

Werken in Gelsenkirchen, Hamburg, Essen

FOTO: ACTION PRESS/ABACA PRESS

60 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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sowie an den beiden ostdeutschen Standorten

Harzgerode und Sömmerda. Sie alle

hat Schlüter in den vergangenen 20 Jahren

übernommen und dadurch mehr oder

weniger vor der Schließung bewahrt.

Die Hütte in Savoyen, die der leutselige,

graumelierte Mittsechziger soeben in seinem

Lied besang, ist sein jüngster Coup in

dieser Reihe. Der 107 Jahre alte Standort

hatte früher zum französischen Alu-Riesen

Pechiney gehört und war vor gut einem

Jahr vom bisherigen Eigentümer, dem britisch-australischen

Rohstoffkonzern Rio-

Tinto-Alcan, zum Verkauf oder zur Schließung

gestellt.

FÜR FRANKREICH UNGEWÖHNLICH

Der staatliche französische Stromkonzern

EdF erwarb im Dezember vergangenes

Jahres 35 Prozent und Schlüter 65 Prozent,

weil ihm die Aluminiumdrähte, wie sie in

Saint-Jean-de-Maurienne

produziert werden, in

seiner Produktpalette

Frankreich

fehlten.

Und dann, gut ein

Dreivierteljahr später,

das: Schlüter, Herr über

1,3 Milliarden Euro

Umsatz und rund Saint-Jean-de-Maurienne

2800 Mitarbeiter, lädt

Gattin Karin sowie 47 Mitarbeiter, L’Alpe d’Huez

Manager und Geschäftsfreunde in

eine von Trimet gecharterte Embraer und

jettet mit ihnen von Düsseldorf nach Savoyen.

Einziger Tagesordnungspunkt: Teilnahme

am Tag der offenen Tür in Saint-

Jean-de-Maurienne. „Uns ist es wichtig,

den Familien der Mitarbeiter und den

Menschen in der Region die Fabrik zu zeigen,

Vertrauen zu schaffen und die

deutsch-französische Zusammenarbeit zu

stärken“, erklärt er fast staatsmännisch die

Reise der Großgruppe. „In Frankreich ist es

eher ungewöhnlich, dass ein Unternehmer

so etwas macht.“

Ein Tag der offenen Tür in einem französischen

Bergdorf in Anwesenheit des rockenden

Eigentümers, dazu vier Dutzend

Deutsche und der frisch gekürte sozialistischen

Wirtschaftsminister, der kurzfristig

von Paris in die Provinz jettet, mit 25 französische

Journalisten als Entourage: Dahinter

steckt mehr als ein Tête-à-Tête mit

Malochern bei sommerlichen 28 Grad unter

stahlblauem Berghimmel.

Der erste Samstag dieses Septembers,

das spürt heute jeder hier in Saint-Jean-de-

Maurienne, der soll nicht nur in die Geschichte

der Trimet SE und des Alpendorfs

in Savoyen eingehen. Von dem Massenauflauf

soll zugleich ein weithin sichtbares

Zeichen ausgehen für den Versuch eines

Unternehmers von der anderen Seite des

Rheins, im wirtschaftlich waidwunden

Frankreich die deutsche Sozialpartnerschaft

einzuführen – und dem Land vielleicht

so aus den ständigen Streiks, Blockaden

und dem Niedergang zu helfen.

Doch glauben die rund 550 Mitarbeiter

das dem Minister und ihrem neuen Eigentümer?

Verschafft der heutige Tag ihnen

das Vertrauen in Schlüter, dass er sie in eine

gute Zukunft führt, statt ihnen in erster

Linie die Löhne zu drücken?

Freddy Bozon, 44, Jeans, kurzärmliges

Hemd, kleiner Bauch, ist zuständig für Arbeitssicherheit

bei Trimet France und Vertreter

der einst kommunistischen Gewerkschaft

CGT, die 2006 mit Streiks die damals

bürgerliche Regierung zur Rücknahme von

Einschnitten beim Kün-

Department Savoyen

Trois Vallées

Fréjus-

Tunnel

digungsschutz zwang.

„Rauch, viel Rauch“, sagt

er über Schlüters Auftritt.

„Aber das Fest hier, sehr

angenehm.“

Man müsse abwarten,

sagt dagegen

Josef Spinelli,

57, die Augen müde

von zwölf Jahren

in der Schmelze

abwechselnd frühmorgens, nachmittags

und nachts. „Ich hoffe, dass wir künftig

gleich viel Geld verdienen wie heute, nicht

weniger“, meint er. Ob Schlüter es ehrlich

meint, wisse er nicht. „Man muss abwarten.“

Klar, sagt er, „natürlich hatte ich Angst,

dass das Werk geschlossen wird“. Insofern

sei Schlüter für ihn erst mal ein „Retter“.

BRATWURST UND ORCHIDEEN

Um Skeptiker wie CGT-Vertreter Bozon

und Wohlwollende wie Schichtarbeiter

Spinelli auf seine Seite zu kriegen, wuchert

der Chef-Gast aus Deutschland an diesem

Samstag nur so mit Symbolik. „In Deutschland

ist der Unternehmer viel weniger

bourgeois als in Frankreich“, meint ein Arbeiter

mit Blick auf das ungewohnte Sozialpartnerschaftsfeuerwerk,

das Schlüter vor

seinen Augen abbrennt.

Gleich hinterm Fabriktor von Trimet

France läuft von Vormittag bis in den frühen

Abend deutsches Freibier. Dazu hat Schlüter

die Brauerei Dampfe aus Essen angemietet,

die mit einem roten Magirus-Deutz-

Feuerwehrauto Baujahr 1965 und massig

Bier aus dem Ruhrgebiet anreiste.

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 61

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Die Sonne brennt. „Arndt“, wie sich der

Zapfmeister auf einem Anstecker nennt,

trägt einen grauen Filzhut mit weißblauer

Kordel und einen Kinnbart, den er zu einem

Zopf geflochten hat. Er und seine Helfer

kommen kaum nach, genügend „Bierre

blonde“ oder „Bierre brune“ auszuschenken.

Nebenan brutzeln deutsche Köche,

ebenfalls für umsonst, riesige Bratwurstringe,

dünsten Sauerkraut und frittieren

Reibekuchen. „J’aime l’ambiance allemande“,

sagt ein Franzose an einem der Bierzelttische

mit rot-weiß karierter Tischdecke,

Stoffläufer und Edelweißstickerei. „Ich

mag die deutsche Atmosphäre.“

Für seine Landsleute, denen solche Nähe

zu deutscher Gemütlichkeit und deftiger

Küche fehlt, gibt es wenige Schritte weiter

das französische Pendant zur Bier- und

Bratstation aus Essen: ein riesiges Festzelt

mit weiß gedeckten Tischen, blauen Läufern

sowie Bouquets aus Blattgrün, weißen

Rosen und weißen Orchideen. Auch hier ist

alles „gratuit“, kostenlos. Die Schlangen vor

Pâté, Salade und Émincé, sprich: vor Pasteten,

Salat und Geschnetzeltem, reißen nicht

ab, bis, wie es sich in Frankreich gehört,

Käse und Dessert aufgefahren werden.

NAGELPROBE IN EINIGEN WOCHEN

Das ganz große Zeichen für die künftige

Sozialpartnerschaft, die er sich in seinem

neuen Werk wünscht, hat Schlüter allerdings

am Morgen, gleich nach seiner Ankunft,

gesetzt. Denn der Anlass für die ganze,

vermutlich rund 100000 Euro teure

Sause ist eigentlich die Wieder-Inbetriebnahme

einer Schmelzlinie, für deren Modernisierung

Schlüter und EdF 100 Millionen

Euro lockermachten.

Ein Bildschirm zeigt 11 Uhr, 26 Minuten

und 5 Sekunden, dazu 150 Mega-Ampere

Strom, der gerade durch die Anlage fließt.

Schlüter, Wirtschaftsminister Macron und

ein Direktor von EdF haben sich um einen

roten Knopf gereiht. Schlüter legt die Hand

auf den Knopf, darüber Macron und dann

der EdF-Manager die seine.

Ein gemeinsamer Druck, binnen 55 Sekunden

schießt die Stromstärke auf 184000

Ampere, das 2800-Fache des Stroms, den

eine durchschnittliche Wohnung maximal

absaugt. Es hat geklappt, die neue Schmelze

funktioniert. Sozialist Macron zieht

schnell einen Arbeiter mit CGT-Aufkleber

auf dem Helm an sich heran. Kameras

halten den Moment fest, voilà.

„Links sein heißt für mich im Endeffekt,

effizient zu sein, die Bedingungen für

Investitionen, Produktion und Innovation

Biertische und Edelweißstickerei Deutsche

Kultur bei Trimet in Frankreich

zu schaffen“, wird Macron später im

Festzelt zu den Arbeitern und Gewerkschaftern

sagen. „Links sein heißt, verantwortlich

zu sein, nicht eine Haltung einzunehmen,

sondern zu versuchen, die Dinge

zu verändern.“

Was das für Trimet France heißt, ist heute

offiziell kein Thema in Saint-Jean-de-

Maurienne, wird aber in den kommenden

Wochen zur Nagelprobe für Schlüter. Denn

seit Kurzem laufen Verhandlungen der

Werksleitung mit den Arbeitnehmervertretern,

unter anderem über flexible Arbeitszeiten

wie in Deutschland und um die

Fortexistenz der 35-Stunden-Woche. Die

gilt seit 2000 in Frankreich als Prestigeprojekt

der Sozialisten unter ihrem damaligen

Ministerpräsidenten Lionel Jospin.

„Wir haben verstanden, dass wir produktiver

werden müssen“, sagt zwischen

Hauptgang und Nachspeise Yves Largeron,

47, ein Vertreter der gemäßigten Gewerkschaft

CFDT, der an den Verhandlungen

beteiligt ist. Mehr will er nicht verraten. Um

auszuloten, was er der Werksleitung im

Falle von Zugeständnissen etwa bei der Arbeitszeit

abringen kann, berät sich der

Franzose mit Trimet-Betriebsrat Thomas

Flesch in Essen. Der sitzt nicht nur für die

»Wir haben

verstanden, dass

wir produktiver

werden müssen«

CFDT-Gewerkschafter Yves Largeron

Gewerkschaft IGBCE im Trimet-Aufsichtsrat,

sondern zählt auch zu den Teilnehmern

eines „sozialpartnerschaftlichen

Branchendialogs“, den der Gesamtverband

der Aluminiumindustrie in Deutschland

pflegt – mit Schlüter an der Spitze.

Über so etwas spricht heute aber niemand

bei Trimet in Savoyen. CGT-Verteter

Bozon, der in Schlüters Aufritt „viel Rauch“

sah und dessen kampffreudige Gewerkschaft

die Mehrheit der Beschäftigten

hinter sich hat, geht mit der Erkenntnis

nach Hause: „Es war nicht der Patron,

der hier sang.“

Schlüter selbst sitzt im Festzelt mit den

weiß gedeckten Tischen und den Blumengebinden,

steckt sich eine Zigarre an und

trinkt vor Freude noch ein Bier. Für ihn war

der Tag ein „toller Erfolg“. Obwohl schon 16

Uhr, reihen sich noch immer Menschen in

eine Schlange, die sich einen Arbeitskittel

anziehen und Helm und Schutzbrille aufsetzen,

um das Werk zu besichtigen.

ZARTE ZEICHEN DER ANNÄHERUNG

Auf den Tischen vor Schlüter, wo zur Mittagszeit

nur Wein stand, haben sich zu den

bauchigen Pokalen auch leere Biergläser

gesellt. Ein zartes Zeichen für deutschfranzösische

Annäherung? Schlüter und

seine mitgereisten Manager aus Deutschland

jedenfalls sind sicher, dass sich die

Mitarbeiter in Saint-Jean-de-Maurienne

heute von ihnen nicht eingelullt, sondern

ernst genommen fühlten.

Wieso sollte einer wie er sonst das Werk

übernommen, an die 50 Leute zusätzlich

eingestellt und einen dicken zweistelligen

Millionenbetrag in eine neue Schmelzlinie

investiert haben? Es ist ja auch der französische

Staat über den Stromkonzern EdF

mit von der Partie, der in der Gegend Wasserkraftwerke

mit einer Gesamtleistung

von fast drei Atomkraftwerken betreibt und

mit Schlüter für die stromfressenden Anlagen

einen atmenden, vom Aluminiumpreis

abhängigen Tarif vereinbart hat.

Zum Schluss geht der Patron noch einmal

auf die Bühne, um ein Abschiedsständchen

zu bringen, diesmal auf Kölsch

mit ein wenig Englisch, auch wenn wohl

die allermeisten Franzosen dazu wippen,

ohne den Text zu verstehen. „Bye-bye my

love, mach et jot, bes zom nächste Mol“,

singt Schlüter und greift wieder in die Saiten

seiner hellblauen Gibson Les Paul. „Ich

weed dich nie, niemols verjesse, denn die

Naach met dir wor schön, bye-bye my love,

auf Wiedersehn.“

n

reinhold.boehmer@wiwo.de

FOTO: TRIMET/MARCEL PASCHERTZ

62 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Ein Ziel, fünf Gesichter

ALIBABA | Jack Ma, der Gründer des chinesischen E-Commerce-Giganten und Börsenkandidaten,

ist eine der schillerndsten Unternehmerpersönlichkeiten weltweit.

Mal mit Weißhaarperücke, mal als

Krokodil, mal Antreiber, mal

Möchte-gern-General: Wer ist dieser

Jack Ma, jene 49-jährige, drahtige Gestalt,

die voraussichtlich am 19. September

mit ihrem Unternehmen, dem chinesischen

E-Commerce-Konzern Alibaba, den

größten Börsengang aller Zeiten aufs Parkett

legen will? Ein Psychogramm der fünf

Charaktere.

I. DER EXZENTRIKER

Ma besitzt die Fähigkeit, sich Menschen

auf unkonventionelle Art sympathisch zu

machen. China Ende der Achtzigerjahre,

das rückständige „Königreich der blauen

Ameisen“ hat sich gerade der Welt geöffnet,

da verfällt der junge Ma auf eine ausgefallene

Idee. Er spricht in der ostchinesischen

Stadt Hangzhou ausländische

Touristen an, um ihnen den nahe gelegenen

berühmten Westsee zu zeigen. Geld

will er dafür keines, nur sein Englisch

verbessern und in Kontakt mit Westlern

kommen. Die schätzen seine offene, ein

bisschen durchgeknallte Art.

Die behält Ma auch bei, nachdem er im

dritten Versuch die Abschlussprüfung in

Englisch am Hangzhou Teacher’s Institute

bestanden und sich zunächst als Englisch-

Lehrer für 20 Dollar im Monat verdingt hatte.

Als er 2009 das zehnjährige Bestehen

von Alibaba feiert, tritt er mit einer Weißhaarperücke,

Sonnenbrille und rot geschminkten

Lippen als Marilyn-Monroe-

Double auf die Bühne. Er singt „Can You

Feel the Love Tonight“ aus dem Film „König

der Löwen“. Das Publikum tobt.

Sein exzentrisches Showtalent führt Ma

auf seine Eltern zurück. Die arbeiteten als

Künstler für klassische chinesische Musicals,

den „Pingtan“. Bei Alibaba nutzt er

sein Faible, um Mitarbeiter zu motivieren.

So forderte er 2003 Manager während einer

Sitzung auf, einen Kopfstand zu machen,

um „eine andere Perspektive zu bekommen“.

Einer wandte ein, er habe noch nie

einen Kopfstand gemacht. Als er es schaffte,

klopfte Ma ihm auf die Schulter und sagte:

„Du bist zu Sachen fähig, von denen du

gar nichts weißt.“

Der Amerikaner Porter Erisman stieß

2000 zu Alibaba und war dort bis 2008 stellvertretender

Konzernchef. Im vergangenen

Jahr drehte er einen Film über Ma mit

dem Titel „Das Krokodil im Yangtse“. „Alibabas

Management hatte nie eine Starbesetzung“,

sagt Erisman. „Aber durch seine

herausragende Fähigkeit, Menschen zu

motivieren, gelang es Jack Ma, ein Team

zusammenzuschweißen, das gewaltige

Hindernisse überwinden konnte.“

FOTO: ULLSTEIN BILD

Kung Fu Fighting

Alibaba-Gründer Ma

bei einem seiner

publikumswirksamen

Auftritte

II. DER VISIONÄR

„Jack ist nicht primär von der Aussicht auf

Geld getrieben“, sagt Biograf Erisman über

Ma. „Er hatte von Anfang an eine Vision,

die er schließlich wahr werden ließ.“

Das kam so: 1995 bringt der Job Ma als

Übersetzer in die USA. Dort sieht er zum

ersten Mal einen Computer mit Internet-

Zugang. Er tippt das Wort „Beer“ in die

Suchleiste und erhält Tausende Treffer.

Dann tippt er „Beer“ und „China“ ein

»

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 63

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Unternehmen&Märkte

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und erhält null Treffer. In diesem Moment

nimmt sich Ma vor, das Internet in

seiner Heimat groß zu machen. Er kehrt

nach China zurück und gründet mit 2000

geliehenen US-Dollar China Pages, eine

Art Online-Katalog für chinesische Unternehmen.

Zur Premiere lädt Ma Freunde zu

sich nach Hause ein. Während es dreieinhalb

Stunden dauert, bis die Seite geladen

ist, trinkt die Runde Bier und spielt Karten.

China Pages scheitert, doch Ma gibt

nicht auf und leiht sich 1999 abermals Geld

von Freunden, insgesamt 60 000 US-Dollar.

Damit gründet er Alibaba. China hat zu

dieser Zeit gerade einmal drei Millionen

Internet-User, trotzdem hat Ma nur ein

Ziel: „Alibaba soll sich mit den größten Internet-Unternehmen

der Welt messen.“

Heute ist China Weltmeister mit rund

650 Millionen Internet-Nutzern. Ma hat

mit seiner Online-Plattform Taobao, einer

Mischung aus Ebay und Amazon, den Alltag

seiner Landsleute revolutioniert. Seit

Taobao kann jeder in China ein eigenes

Geschäft eröffnen, und auch Konsumenten

in der abgelegenen Provinz kommen

an Produkte, die sie wollen.

III. DER KRIEGER

Kaum etwas sagt über Mas Persönlichkeit

so viel aus wie sein Eingeständnis: „Ich habe

mir immer gewünscht, in Zeiten des

Krieges geboren zu sein. Was hätte ich als

General erreichen können!“

Denn Angriff und Aggressivität gehören

zu dem Charakter des Chinesen wie der

Klick zum Internet. Als Ebay 2003 im Reich

der Mitte einen Marktanteil von 85 Prozent

besaß, erklärte Ma dem US-Giganten einfach

den Guerillakrieg. Dazu wies er seine

Manager an, den Revolutionär Mao Tsetung

zu studieren und in Militäruniformen

zu joggen. „Heute ist dunkel, morgen ist

noch dunkler, doch übermorgen scheint

die Sonne“, ließ er sie wissen. „Die meisten

sterben am Abend des zweiten Tages!“

Mit chinesischem Wimmeldesign und

einer Chat-Möglichkeit, um mit Kunden

und Verkäufern zu reden, macht Ma seinen

Online-Marktplatz zur digitalen Vernich-

Alias Marylin Monroe Alibaba-Gründer Ma

auf einer Konzernparty

tungswaffe für Ebay. 2005 hat er bereits 60

Prozent Marktanteil. In dieser Zeit spricht

er auch die heute berühmten Worte: „Ebay

ist ein Hai im Ozean, wir sind ein Krokodil

im Yangtse. Wenn wir im Ozean kämpfen,

verlieren wir, im Fluss aber sind wir die Gewinner!“

Im darauffolgenden Jahr räumt

Ebay die Niederlage ein und zieht sich 2007

fast vollständig aus China zurück.

IV. DER UNERBITTLICHE

Ma kennt keine Gnade, kein Einsehen, keine

Geduld. Als er das Flaggschiff des Unternehmens,

das Online-Portal Taobao, entwickelte,

verordnete er seinen Mitarbeitern

strikte Isolation und Hingabe. Seine Ali-

Ren, wie die Alibaba-Mitarbeiter heißen,

dürfen ein halbes Jahr keine Presse lesen,

Zum Arbeiten pfercht Ma sie in seiner eigenen

Wohnung ein. Unerbittlich kämpft Ma,

bis er seinen anfangs übermächtigen Konkurrenten

Ebay vom Markt gedrängt hat.

Zurzeit heißt Mas Hauptgegner Tencent.

Der größte Internet-Konzern Asiens ist 135

Milliarden Dollar schwer und macht Alibaba

an mehreren Fronten zu schaffen: Der

beliebte Messaging-Dienst WeChat (vergleichbar

mit dem westlichen WhatsApp)

wird von 300 Millionen Chinesen genutzt.

Dagegen hat Ma seine Eigenkreation Laiwang

in Stellung gebracht. Er hat seine Mitarbeiter

aufgefordert, auf Laiwang umzusteigen.

Würden sie das Produkt nicht ausreichend

bewerben, drohte er, werde er ihnen

den Jahresbonus streichen.

Mas Rigorosität erstreckt sich bis ins

Privatleben. Ende der Neunzigerjahre installierte

er seine Frau Zhang Ying, mit der

er seit den Achtzigern verheiratet ist, als

General Manager von Alibaba. Den 1992

geborenen Sohn sah das Paar darauf hin

nur am Wochenende. Als der Zehnjährige

später süchtig nach Online-Games wurde,

wies Ma seine Frau an, sich nur noch um die

Familie zu kümmern. Sie tut, was er sagt.

Auch politisch kennt Ma kein Pardon.

Ende der Neunziger arbeitete er selbst zwei

Jahre lang für die Regierung. Als ein Journalist

eingesperrt wurde, weil der Alibaba-

Investor Yahoo Informationen an die Öffentlichkeit

weitergegeben hatte, fragte ihn

eine Reporterin, wie er sich verhalten hätte:

„Genau so!“, platzte es aus Ma heraus.

„Wer Geschäfte machen will, muss sich an

die Gesetzes des Landes halten!“

V. DER MENSCHENFREUND

Seiner Sozialisation hat Ma es zu verdanken,

dass er jetzt danach lechzt, seinen

Landsleuten Gutes zu tun. Der Endvierziger

gehört zur ersten Generation großer

chinesischer Unternehmer wie Yang Yuanqing

von Lenovo oder Pony Ma von Tencent,

die ihre Kindheit in bitterer Armut

verbrachten.

Als Ma im Mai 2013 seinen Rücktritt vom

Chefposten bei Alibaba bekannt gab, um an

die Aufsichtsratsspitze zu rücken, erklärte

er, seinem Land etwas zurückgeben zu wollen.

Seitdem macht er auf Menschenfreund.

So hat Ma mit über drei Milliarden

US-Dollar, zwei Prozent des Firmenvermögens,

dieses Jahr einen Fonds für wohltätige

Projekte gegründet, der kulturelle, soziale

und umweltfreundliche Projekte fördert.

Zudem ist Ma Vorsitzender des chinesischen

Arms der Organisation The Nature

Conservancy, die sich um die verschmutzten

Böden und Gewässer durch das unkontrollierte

Wirtschaftswachstum kümmert.

„In China werden in den nächsten 10

oder 20 Jahren viele Leute Krankheiten wie

Krebs bekommen, weil Wasser, Luft und

Lebensmittel verschmutzt sind“, sagt er. n

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai

50 JAHRE JACK MA

1964

Geboren im

ostchinesischen

Hangzhou

Erster

Kontakt mit

einem Computer

mit

Internet-

Anschluss

1995

1995

Gründung

des Online-

Katalogs

China Pages

Gründung

der Internet-

Firma

Alibaba

1999

2003

Gründung der

E-Commerce-

Plattform Taobao

und des

Online-Bezahldienstes

Alipay

Yahoo steigt

mit einer

Milliarde

Dollar bei

Alibaba ein

2005

2007

Ebay kapituliert

vor

Taobao und

zieht sich

aus China

zurück

Rücktritt als

Alibaba-Chef

und Wechsel

an die Aufsichtsratsspitze

2013

2014

Börsengang

von Alibaba

FOTO: REUTERS/STEVEN CHI

64 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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AKTIE

Märchenkurse

Angesichts der Risiken sind die

Alibaba-Anteilsscheine zu teuer.

Voraussichtlich werden die Aktien des

chinesischen Internet-Händlers Alibaba

am 19. September zum ersten Mal an der

New Yorker Börse gehandelt. Angeboten

werden sie amerikanischen Investoren in

den Tagen davor zu Kursen zwischen 60

und 66 Dollar. Bei bis zu 368 Millionen

Aktien wären 24,3 Milliarden Dollar Emissionserlös

möglich. Das wäre der größte

Börsengang aller Zeiten. Mit insgesamt

2457 Millionen einzelnen Aktien käme

Alibaba auf einen Börsenwert von 162

Milliarden Dollar. Auf einen Schlag hätte

Alibaba an der Börse mit der bisherigen

Nummer eins der Branche gleichgezogen,

dem Online-Imperium Amazon.

Gemessen am amerikanischen Konkurrenten,

sind die neuen Alibaba-Aktien auf

den ersten Blick nicht einmal überbewer-

tet. Der vorläufige Kurs entspricht dem

25-Fachen des voraussichtlichen operativen

Gewinns vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen

(Ebitda) im laufenden Geschäftsjahr

(bis 31. März 2015) in Höhe von

6,5 Milliarden Dollar. Das ist just der gleiche

Preis wie für Amazon. Die Wachstumsrate

des operativen Gewinns wäre mit rund

50 Prozent ebenfalls vergleichbar. Beim Eigenkapital

(Alibaba 14 Milliarden, Amazon

10 Milliarden Dollar) und beim möglichen

Reingewinn des aktuellen Geschäftsjahres

(Alibaba 5,5, Amazon 1,2 Milliarden Dollar)

liegen die Chinesen sogar vorne.

LIEBER ABWARTEN

Dennoch gibt es Risiken. Sollte die Konjunktur

in China an Dynamik verlieren, dürfte das

auch die märchenhaft anmutenden Erwartungen

an das Wachstum des chinesischen

Online-Handels (plus 150 Prozent bis 2016)

dämpfen. Hinzu kommen formale Risiken.

Wer Alibaba-Aktien kauft, bekommt nur Anteile

einer auf den Cayman Inseln gegründeten

Unternehmenstochter, ohne klassische

Aktionärs- und Mitspracherechte.

Fazit: Für Normalanleger hier ist eine Alibaba-Zeichnung

kaum möglich. Deshalb

empfiehlt sich, abzuwarten, bis sich der

Kurs einpendelt. Ein günstiges Angebot

wäre die Aktie erst auf niedrigerem Niveau.

anton.riedl@wiwo.de

Börsenneuling im Check: Alibaba

Branche

Umsatz

2011/2012/2013/

2014/2015*

Nettogewinn

2011/2012/2013/

2014/2015*

Zeichnungsspanne

Wert der

angebotenen Aktien

Börsenwert

(Marktkapitalisierung)

Erstnotiz

ISIN

Risiko

Internet-Handel

1,77/3,13/5,49/

8,58/11,75 Mrd. Dollar

0,24/0,73/1,38/

3,83/ 5,66 Mrd. Dollar

60 bis 66 Dollar

bis zu 24,3 Mrd. Dollar

bis zu 162,2 Mrd. Dollar

19. September 2014

US01609W1027

hoch

* ab 2015 Schätzungen, Geschäftsjahr bis 31. März;

Quelle: Bloomberg, Unternehmen, eigene Recherche

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Technik&Wissen

Waschtag für

König Kohle

ENERGIE | Stein- und Braunkohle sind die Stromlieferanten Nummer eins.

Wollen sie überleben, brauchen sie flexible, saubere und klimafreundliche

Kraftwerke. Doch sind die überhaupt bezahlbar?

Wo andere nur die Nase

rümpfen, gar Protestaktionen

starten, wenn es um

die Kohle geht, gerät Michael

Bong ins Schwärmen.

Der Landwirt in fünfter Generation

freut sich über seinen riesigen Nachbarn,

das Braunkohlekraftwerk Niederaußem.

Seine Felder und Gewächshäuser liegen

nur rund einen Kilometer von der Anlage

entfernt, der zweitgrößten Deutschlands.

Der Mann, Mitte 40, nennt das einen

„schönen Standortvorteil“. Denn er heizt

seine Tomaten im Gewächshaus und den

Rhabarber auf dem Feld mit warmem Wasser

aus dem Kraftwerk.

Auf seinen Feldern hier im Rheinland

westlich von Köln kann Bong so fünf Wochen

vor der Konkurrenz ernten, im Gewächshaus

das ganze Jahr über. Die Abwärme

bekommt er günstig vom Kraftwerkbetreiber

RWE und spart so schätzungsweise

mehrere Tausend Euro Heizkosten

pro Jahr. Ganz genau hat er das

noch nicht berechnet. Aber das Geschäft

läuft so gut, dass Bong expandieren will.

Demnächst kommt ein Spargelfeld dazu,

samt riesiger, kohlebetriebener „Fußbodenheizung“,

wie er sagt.

Die Pläne von RWE, ab 2017 Niederaußem

zu erweitern, kommen ihm da gerade

recht. Auch der Essener Konzern freut

sich über den Abnehmer der Wärme, die

sonst ungenutzt in die Atmosphäre entweichen

würde. Schließlich soll der neue Block

BoAplus „ein Vorzeigeprojekt“ für umweltund

klimaschonende Stromerzeugung

werden, verspricht der Energieversorger.

Aber Landwirt Bong und die RWE-Ingenieure

sind mit ihrer Begeisterung für die

Glatt halbieren

Damit sich die Erde nicht um mehr als zwei

Grad erwärmt, muss die weltweite Stromproduktion

aus Kohlekraftwerken stark sinken

Stromproduktion

2011

Stromproduktion

2035

12

50

20

27

%

%

20

20

41

10

* inkl. Abfallverbrennung und Wasserkraft; Quelle: IEA

Kohle

Serie

Fossile Energie

In den vergangenen

Wochen haben wir

untersucht, welche Zukunft

Erdgas (Ausgabe

27), Erdöl (Ausgabe

33) und Kohle als

Energieträger haben.

Erdgas und Öl

Atomkraft

Erneuerbare

Energie*

Kohle recht allein. Das 1,5 Milliarden

teure Projekt BoAplus, an

dessen Technologien der Konzern

seit Jahrzehnten forscht,

könnte zur Sackgasse für den

Versorger werden – denn kaum

ein fossiler Energieträger ist derzeit

umstrittener als die Kohle.

Das Kohlendioxid (CO 2 ) aus

den Kohlekraftwerken heizt das

Klima auf. Kein fossiler Energieträger

verursacht pro erzeugter

Kilowattstunde Strom mehr des

Treibhausgases. Soll sich die Erde

nicht um mehr als zwei Grad erwärmen,

müsste der Anteil der Kohle am Energiemix

drastisch sinken (siehe Grafik unten).

Zudem kreiden Umweltorganisationen der

Kohle allein in Deutschland Gesundheitsschäden

in Milliardenhöhe an.

Und sie verliert ihre wichtigsten

Fans: China, weltweit größter

Verbraucher des Rohstoffs, will

wegen der verheerenden Luftverschmutzung

durch Kohlekraftwerke

stärker auf Atomkraft

und Erneuerbare setzen. In den

USA geht in den nächsten Jahren

Prognosen zufolge ein Viertel

der Kraftwerke vom Netz, auch

weil US-Präsident Barack Obama

strenge Klimaschutzvorgaben

plant.

Derzeit erzeugt die Kohle rund 40 Prozent

des Stroms weltweit und ist damit die

Nummer eins in diesem Bereich – noch.

Der Analyst Elad Jelasko von der Ratingagentur

Standard & Poor’s aus London

fasste die Situation kürzlich so zusammen:

„König Kohle könnte bald seine Krone verlieren.“

Im Umkehrschluss bedeutet das:

Will sie eine Zukunft haben, muss sie sauber

werden. Doch geht das überhaupt?

Wer diese Frage beantworten will, muss

nach Niederaußem fahren. Dort sind die

Technologien für das Kohlekraftwerk der

Zukunft im Test, dort entscheidet sich, wie

sauber Kohle zu vertretbaren Kosten sein

kann und welchen Platz sie künftig im

Energiemix einnehmen wird.

WASCHEN, WASCHEN, WASCHEN

3000 Unterschriften gegen den Neubau in

Niederaußem haben Umweltschützer gesammelt.

Zudem wächst, um den Hunger

des Kraftwerks zu stillen, der Tagebau

Garzweiler II. 1600 Menschen müssen umsiedeln.

Bis zu 1000 Tonnen Braunkohle

würde allein BoAplus fressen – pro Stunde.

FOTO: MAURITIUS IMAGES/HANS-PETER MERTEN

66 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Gruppenbild mit Tagebau

Allein Garzweiler liefert täglich

Tausende Tonnen Braunkohle

für Kraftwerke wie Niederaußem

Trotz des massiven Eingriffs in die Natur

ist Reinhold Elsen überzeugt, dass an der

Stein- und Braunkohle „auch künftig kein

Weg vorbeiführt“. Der Ingenieur leitet die

Abteilung Forschung und Entwicklung für

konventionelle Stromerzeugung bei RWE.

Sein Argument: Kein anderer fossiler

Energieträger sei so wirtschaftlich und zuverlässig

zu beschaffen, gleichzeitig liefere

die Kohle Energie, wenn Wind und Sonne

ausfallen. Und das beim aktuellen Verbrauch

noch für die nächsten 200 Jahre.

Über Gedeih und Verderb der Kohlekraft

entscheidet nach Ansicht vieler Experten

eine Technologie, die Elsen und die RWE-

Ingenieure „die Waschanlage“ nennen. Sie

besteht aus zahllosen Rohren, die an der

Kraftwerkswand verschraubt sind. 40 Meter

hoch ragen sie an ihr empor wie eine

stahlgewordene Schlingpflanze. Die Anlage

wäscht aus den Abgasen 90 Prozent des

CO 2 heraus und soll die Kohle endlich klimafreundlich

machen. RWE betreibt sie

zusammen mit dem Chemieriesen BASF

und dem Anlagenbauer Linde seit 2009.

Nachdem der Rauch aus dem Kraftwerk

durch einen Staub- und Schwefelfilter geschickt

wurde, kommt er in das Röhrensystem.

In einem Behälter fließt der Rauch

durch eine wässrige Lösung. Darin enthalten

sind Amine, die normalerweise in

Waschmitteln, Schmier- und Farbstoffen

stecken. Sie ziehen das CO 2 aus dem

Rauch, binden es und transportieren es in

einen zweiten Behälter. Dort erwärmen

sich die Amine und geben das Kohlendioxid

wieder ab, das abgesaugt wird.

Bisher reicht die Kapazität der Waschmaschine

aber nur, um weniger als ein

Prozent der gesamten Rauchgase in

Niederaußem zu reinigen. Dass mehr drin

ist, davon sind die Entwickler überzeugt.

»

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 67

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Technik&Wissen

»

BASF wirbt weltweit für das in der Anlage

verwendete Waschmittel. Ab 2016 soll es

in Japan in einer Raffinerie zum Einsatz

kommen.

Wie dringend ein flächendeckender Einsatz

der Technik wäre, zeigte erst vor wenigen

Wochen eine Hochrechnung von US-

Forschern. Alle derzeit aktiven Kohlekraftwerke

stoßen demnach innerhalb ihrer

noch verbleibenden Laufzeit rund 200 Milliarden

Tonnen CO 2 aus. Ändert sich daran

nichts, wird sich die Erderwärmung kaum

auf zwei Grad begrenzen lassen.

AB IN DEN UNTERGRUND

Prominente Klimaschützer wie Hans Joachim

Schellnhuber, Leiter des Potsdam-Instituts

für Klimafolgenforschung PIK, plädieren

deshalb schon lange dafür, stärker

auf die CO 2 -Abscheidung zu setzen. „Verzichten

wir auf sie, so wird es erheblich teurer,

einen gefährlichen Klimawandel zu

vermeiden“, warnt er.

Allerdings ist die Technik alles andere als

günstig. Und: Bisher weiß niemand, wohin

mit dem eingefangenen CO 2 .

Eine Möglichkeit wäre es, das Gas als

Rohstoff in der Industrie zu nutzen. Der

Chemiekonzern Bayer zum Beispiel will ab

2016 Vorprodukte von Schaumstoff aus

Kohlendioxid produzieren und so Erdöl

einsparen – die Klimabilanz des Verfahrens

ist exzellent. Nur verarbeitet die Bayer-Anlage

erst einmal nur rund 1000 Tonnen CO 2

pro Jahr. Allein in Niederaußem fallen im

selben Zeitraum 29 Millionen Tonnen an.

Auch weltweit ist das Potenzial begrenzt.

Selbst wenn die Chemieindustrie Erdöl

vollständig durch CO 2 als Ausgangsmaterial

ersetzte, könnte sie nur ein Prozent der

globalen Emissionen nutzen.

Deshalb bleibt den Unternehmen nichts

anderes übrig, als CO 2 in den Boden zu

pressen. Platz gäbe es genug. Deutschland

und seine größten Nachbarstaaten könnten

an Land und in der Nordsee 40 Jahre

lang ihre gesamten Emissionen aus Kraftwerken

und Industrie einlagern. Infrage

kämen Sandsteinschichten, die das Kohlendioxid

wie ein Schwamm aufsaugen,

oder leergepumpte Gasfelder. Das Verfahren,

CO 2 in Kraftwerken abzutrennen und

zu verpressen, nennt sich kurz CCS, Carbon

Capture and Storage.

Ein erstes Testprojekt des in Potsdam angesiedelten

Deutschen Geoforschungszentrums

verlief erfolgreich. Nahe der

Kleinstadt Ketzin/Havel westlich von Berlin

pumpten Forscher seit 2008 rund 67 000

Tonnen CO 2 unter die Erde. Bis heute ist

Künftig soll

der Klimakiller

zu Schaumstoff

werden

nichts davon entwichen, sagt Projektleiter

Axel Liebscher.

Die Gegner des Verfahrens überzeugt

das nicht. Sie fürchten, das Klimagas könne

Salzwasser an die Oberfläche drücken und

Grundwasser verunreinigen. Liebscher

hält die Vorsicht grundsätzlich für richtig.

„Aber wenn Geologen eine Lagerstätte vorher

gründlich auf Risse und Störungen untersuchen

und sie genau überwachen, sind

die Risiken beherrschbar“, versichert er.

Dennoch verhinderten Anwohnerproteste

ein weiteres Projekt in Sachsen-Anhalt

ebenso wie eines von Vattenfall in Brandenburg.

Das Unternehmen stellte daraufhin

im April alle Forschungen zur CO 2 -Abtrennung

in Deutschland ein.

Bleibt eine Alternative: Das Kohlendioxid

muss raus in die Nordsee, wo ohnehin mehr

als 70 Prozent der potenziellen CO 2 -Lager-

Raus auf das Meer Ausgediente Gasförderplattformen

in der Nordsee sollen

künftig CO 2 in den Untergrund pressen

stätten der Anrainerstaaten liegen. 2016 will

der Öl- und Gasmulti Shell dort das größte

CCS-Projekt Europas unter dem Namen Peterhead

starten. 100 Kilometer vor der Küste

Schottlands sollen pro Jahr eine Million

Tonnen CO 2 aus einem Gaskraftwerk eingelagert

werden. Mit einem neuen Kohlekraftwerk

in England Namens White Rose plant

der französische Technikkonzern Alstom

mit zwei Partnern Ähnliches. Die britische

Regierung will die Vorhaben mit 1,3 Milliarden

Euro unterstützen; die EU schießt bei

White Rose 300 Millionen zu. Dafür will

Alstom ein ganz neues Verfahren für die

Kohle entwickeln, das bei der Verbrennung

statt Luft sehr reinen Sauerstoff verwendet

und so hauptsächlich CO 2 und Wasser produziert

– eine teure Wäsche wie in Niederaußem

ist nicht mehr nötig.

ENDLICH EINE WEISSE WESTE?

All diese CCS-Verfahren sind derzeit noch

teuer – zu teuer, um je am Markt bestehen

zu können, urteilt jedenfalls der Industrie-

Ökonom Christian von Hirschhausen von

der Technischen Universität Berlin. Und

nennt das Verfahren bereits spöttisch den

„Transrapid der Energiewirtschaft“.

Derzeit kostet es zwischen 30 und 40 Euro,

um eine Tonne CO 2 in einem Kraftwerk

einzufangen. Allein bei RWE in Niederaußem

würde sich das auf mindestens 750

Millionen Euro pro Jahr summieren. Auf

die fünf Cent, die eine Kilowattstunde aus

einem neuen Braunkohlekraftwerk im

Schnitt kostet, kämen rund drei Cent hinzu,

plus Transport und Lagerung des CO 2 .

Strom aus Kohlekraftwerken würde damit

in etwa so viel kosten wie Energie aus Gaskraftwerken,

Wind- oder Solaranlagen.

Dennoch können sich klimafreundliche

Kohlekraftwerke lohnen. Das will jedenfalls

der kanadische Energieversorger Saskpower

ab Oktober mit dem ersten kommerziellen

CCS-Projekt weltweit beweisen.

Strengere Klimavorgaben zwangen das

Unternehmen, einen Block in seinem

Kraftwerk Boundary Dam nahe der Grenze

zur USA für 900 Millionen Euro nachzurüsten.

Nur einen Teil des CO 2 zweigen die Ingenieure

künftig ab, die Kohle zieht so in

der Klimabilanz mit Erdgas gleich. Zudem

verkauft Saskpower sein Kohlendioxid an

eine Ölförderfirma, die damit alte Felder

wieder zum Sprudeln bringt. In den USA

sind derzeit zwei ähnliche Projekte im Bau.

Aber selbst wenn CCS eines Tages wirtschaftlich

wird und sich CO 2 entsorgen

lässt: Umweltschützern und Anwohnern

der Kohlekraftwerke reicht eine weiße

»

FOTOS: PR

68 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

»

Klimaweste längst nicht. Denn auch

Schadstoffe wie Feinstaub, Quecksilber

und Stickoxide, die Kohlekraftwerke ausstoßen,

sorgen regelmäßig für Schlagzeilen.

Forscher der Universität Stuttgart haben

im Auftrag von Greenpeace ausgerechnet,

dass Feinstaub aus deutschen Kohlekraftwerken

pro Jahr zu 3100 vorzeitigen Todesfällen

führt. Eine Studie der Health and

Environment Alliance (Heal) sprach 2013

von Gesundheitskosten von 2,3 bis 6,4 Milliarden

Euro, die Schadstoffe aus Kohlekraftwerken

in Deutschland verursachen.

Heal ist ein europaweiter Zusammenschluss

von Nichtregierungsorganisationen.

Auch das Umweltbundesamt (UBA)

kreidet der Kohle erhebliche Gesundheitskosten

an.

DIE SACHE MIT DEM FEINSTAUB

Vertreter der Kohleindustrie halten naturgemäß

wenig von diesen Zahlen. Den Umweltschützern

gehe es nicht um eine „seriöse

Debatte, sondern vielmehr darum,

den Energieträger Kohle zu diskreditieren“,

glaubt der Verband der europäischen

Kraftwerksbetreiber VGB PowerTech.

Feinstaub ist ohne Frage schädlich. Insgesamt

fordert er 47 000 vorzeitige Todesfälle

im Jahr in Deutschland laut UBA. Die

meisten der winzigen Partikel, die sich in

der Lunge anreichern und in die Blutbahnen

gelangen können, kommen aber aus

Kampf dem Smog Datong in Nordchina gilt

als Kohlezentrum des Landes. In kaum einer

chinesischen Stadt ist die Luft schlechter

dem Auspuff von Autos. Nur rund sechs

Prozent der Staubbelastung geht auf die

Kohlekraft zurück. Wer Feinstaub bekämpfen

wolle, solle bei den Hauptverursachern

anfangen, fordern die Kraftwerksbetreiber.

Thomas Kuhlbusch, der sich seit Jahren

mit dem Thema beschäftigt und den Bereich

Luftreinhaltung am Institut für Energie-

und Umwelttechnik in Duisburg leitet,

hält die Ergebnisse der Greenpeace- und

Heal-Studie für eine „erste Näherung“. „Allerdings

fehlen bisher Daten, um bessere

und genauere Aussagen machen zu können,

welche Quellen von Luftschadstoffen

wie auf den Menschen wirken“, sagt er.

Hinzu kommt: Auch Schwefeldioxid und

Stickoxide aus Kraftwerken wandeln sich in

der Atmosphäre zu kleinsten Staubparti-

Kohlekraft wird

das Backup für

die erneuerbaren

Energien

keln um. Ein erheblicher Teil dieser Emissionen

stammt aus den deutschen Kohlemeilern.

Doch wie schädlich diese sekundären

Feinstaubpartikel sind, ist umstritten.

Ohnehin verweisen die Energiekonzerne

darauf, dass ihre Kraftwerke alle gesetzlich

vorgegebenen Grenzwerte einhalten.

SCHNELL WIE EIN GASKRAFTWERK

Das reiche aber nicht zum Schutz der Bevölkerung,

moniert das UBA seit Jahren

und fordert schärfere gesetzliche Vorgaben.

Technisch wären bessere Filter durchaus

möglich. Kosten würden sie die deutschen

Kraftwerksbetreiber laut einer UBA-

Studie rund 80 Millionen Euro pro Jahr.

Wird Kohlestrom durch zusätzliche Klima-

und Schadstoffvorschriften zu teuer?

RWE-Forschungschef Elsen meint Nein. Er

arbeitet daran, das Kraftwerk BoAplus mit

neuen Materialien so flexibel wie möglich

zu machen. Die Kohle sei „auch in Zukunft

das Backup für die erneuerbaren Energien“,

sagt er. Fallen Wind und Sonne aus,

soll BoAplus einspringen – und sich das gebührend

bezahlen lassen. 70 Prozent seiner

Leistung soll der Block in nur 30 Minuten

ans Netz bringen können – damit wäre

er so schnell wie ein Gaskraftwerk.

König Kohle, so scheint es, räumt freiwillig

den Thron. Ganz abtreten will er aber

noch nicht.

n

benjamin.reuter@wiwo.de

FOTOS: CORBIS/PAUL SOUDERS

70 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

Drohnen gegen Hasen

GARTEN | Unser Alltag wird immer vernetzter – und jetzt sind die Astern dran.

Die Herbstblüher funken künftig mit Sensorhilfe ans Handy, wann sie Wasser

brauchen. Mit einem Wisch übers Display startet der Gartenfreund dann

von der Terrasse aus die Sprinkleranlage, überwacht am Urlaubsort den Rasenroboter

und verscheucht via Bürorechner mit der Drohne gefräßige Hasen.

Ein Überblick über neueste Digitaltechnik fürs Privat-Biotop.

Drache speit Feuer

Dank Apps wie TopUnkraut

erkennt der Gartenfreund

lästiges Gewächs. Der

Weed Dragon flämmt es ab.

Preis: ca. 140 Euro

Mähen per SMS

Robo-Mäher von Husqvarna

senden Ihre Position per

SMS ans Handy und lassen

sich via App starten.

Preis: ab 2600 Euro

Cloud hilft gießen

Der Edyn Sensor kontrolliert

die Bodenqualität und

steuert die Sprinkleranlage.

Via Cloud kommuniziert

er mit dem Handy.

Preis: unter 100 Euro

Fernsteuerung fürs Grün

Apps wie die von Greenbox helfen,

Rasen und Pflanzen sowie

Garten-Gadgets zu überwachen.

Systempreis: rund 250 Euro

Durst unter Kontrolle

Der Verbrauchszähler von

Gardena hilft, den

Wasserfluss zu überwachen.

Preis: unter 20 Euro

72 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Lernfähiger Assistent

Iro bewässert Pflanzen,

gestützt auf Wetterdaten, und

passt sich dem Garten an.

Preis: ca. 190 Euro

Aufs Dach gestiegen

iRobot Looj übernimmt

den riskanten Job,

Dachrinnen auszufegen.

Preis: 299 Euro

Wächter im Sturzflug

Die Garden Gnome Drone

ist noch ein Prototyp, der

Hasen und Marder selbstständig

vertreiben soll.

Preis: noch unbekannt

Was Pflanzen wollen

Der Sensor EasyBloom

misst Feuchte und

Nährstoffe im Boden.

Preis: ca. 40 Euro

Tüchtiger Taucher

Der Roboter

TigerShark QC von

Hayward putzt autonom

im Swimmingpool.

Preis: rund 600 Euro

ILLUSTRATION: JAVIER ZARRACINA

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 73

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Technik&Wissen

Smarte Zeiteisen

WEARABLES | Was leistet die gerade vorgestellte Apple Watch, und

wer muss sie fürchten?

Es war ein Zitat aus zweiter Hand, doch

es reichte, um den Alpenstaat zu alarmieren.

„Wenn wir unsere Uhr bringen,

kommt’s für die Schweiz richtig dicke“,

zitierte die „New York Times“ ein Gespräch

von Apple-Chefdesigner Jonathan Ive mit

Kollegen. Prompt unkte das Schweizer

Boulevardblatt „Blick“ vom Untergang der

eidgenössischen Uhrenbranche.

Vergangene Woche nun enthüllte der kalifornische

Konzern mit großem Brimborium

seine Apple Watch. Droht der Uhrenindustrie

jetzt tatsächlich das Ende? Gelingt es

Apple-Chef Tim Cook, aus dem Schatten

seines Vorgängers Steve Jobs zu treten, eine

völlig neue Produktkategorie zu schaffen

und zu dominieren – so wie Jobs 2007 mit

dem ersten iPhone?

Eins ist klar: Dieses Mal wird es deutlich

schwerer. Denn Apple leistet sich einen

Spätstart. Längst gibt es ansehnliche und

innovative Cyber-Uhren von Motorola,

Samsung und Co., mit denen der Besitzer

seine E-Mails checken, die Fitness überwachen

oder sich den Weg zum nächsten Termin

weisen lassen kann (siehe unten).

Sicher, die Kalifornier haben sich für ihre

Uhr, wie gewohnt, eine intuitive Bedienung

ausgedacht. So kann der Besitzer per Krone

am Gehäuse Apps ansteuern; verschiedene

Vibrationstypen melden bei der Navigation,

wann der Träger nach rechts oder

links abbiegen soll. Trotzdem enttäuschte

Cook die Fans bei aller Euphorie gleich

wieder: Das smarte Zeiteisen gibt es erst im

kommenden Jahr. Immerhin erspart das

potenziellen Käufern die Entscheidung, ob

sie ihr Weihnachtsgeld für das neue iPhone

6 oder die Uhr ausgeben sollen.

Die Smartwatch ist zudem wählerisch,

sie vermählt sich nur mit iPhones ab Generation

5. So wie umgekehrt die Konkurrenz-Produkte

der Android-Fraktion nur

mit Handys harmonieren, die mit der Goo-

FOTOS: PR

Uhren-Vergleich

Von futuristisch bis retro: Smartwatches gibt es mittlerweile für jeden Geschmack.

Apple Watch

Für Überzeugte

Wie üblich bei Apple-Produkten

spalten der hohe Preis und das ungewohnte

Bedienkonzept die Gemüter.

Die Form der in drei Ausführungen

und zwei Größen erhältlichen Uhr orientiert

sich an klassischen Vorbildern

und klaren Linien von Industriedesignern

wie dem Deutschen Dieter

Rams. Die Verarbeitung ist exzellent.

Plattform: iOS

Displaydiagonale: 4,5 bzw 5,0 cm

Auflösung: min. 220 Pixel pro Zoll

Technik: Pulssensor, wasserfest

Preis: ab 349 Euro

LG G Watch R

Für Tiefstapler

Der unerwartet schlank geratene

Zeitmesser der Koreaner imitiert

das Design traditioneller Sportuhren

fast perfekt. Der Betrachter muss

dank des knackscharfen, leuchtstarken,

von einer Lunette eingefassten

Displays sehr genau hinschauen,

um zu erkennen, dass Zeiger und

Ziffernblatt nicht echt sind.

Plattform: Android Wear

Displaydiagonale: 3,3 cm

Auflösung: 245 Pixel pro Zoll

Technik: opt. Pulssensor, wasserfest

Preis: unter 300 Euro

Samsung Gear S

Für Individualisten

Anders als alle Konkurrenzmodelle

funktioniert Samsungs Smartwatch

nicht nur als Handyanhängsel,

sondern – dank eines eingebauten

Mobilfunkmoduls – auch eigenständig.

Ihr großes Touch-Display

erleichtert die Bedienung, macht die

Gear S aber auch außergewöhnlich

schwer und klobig.

Plattform: Tizen

Displaydiagonale: 5,1 cm

Auflösung: k. A.

Technik: UMTS-Funk, GPS-Navigat.

Preis: noch unbekannt

74 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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gle-Software arbeiten. Es dürfte

eine Illusion bleiben, dass Uhren

des einen Lagers irgendwann

auch Smartphones aus der anderen

Welt verstehen. Apple war

durchaus schon offener. iPhones

und die iPod-Musikspieler lassen

sich auch heute noch mit

Windows-Rechnern verbinden.

Hintergrund

In unseren App-

Ausgaben lesen

Sie, wie die Apple

Watch zur Geldbörse

wird

GEFAHR FÜR FITNESS-TRACKER

Was aber bedeutet die Apple Watch für die

klassische Uhrenindustrie? Sie greift

schließlich mit der Kissenform des Gehäuses,

der Krone und dem – auf Wunsch – aus

Metallgliedern gefertigten Armband die

Formensprache historischer Luxusuhren

und aktueller Retromodelle auf. Trotzdem

dürfte sie allenfalls Herstellern in unteren

und mittleren Preislagen gefährlich werden.

Wer mit Uhren von 5000 bis

500 000 Euro liebäugelt, begeistert

sich für Mechanik, schätzt das

Prestige nobler Marken und hat –

das richtige Modell vorausgesetzt

– sogar eine Anlageform am Arm.

Gefährlicher wird es für die Fitness-Tracker.

Schließlich erledigt

die Apple Watch nahezu perfekt,

was auch Schrittzähler wie Jawbone, Fitbit

oder Garmin Vivofit leisten. Bei GPS-Sportuhren

sieht es anders aus. Denn ohne

iPhone zeichnet die iUhr keine Strecke auf.

Angemessen robust und wasserdicht sind

beide auch nicht. Und so wird kein Triathlet

den Ironman auf Hawaii mit einer Apple

Watch protokollieren – er wird höchstens

mit ihr am Arm nach Hause fahren. n

thomas.kuhn@wiwo.de, thorsten firlus,

matthias hohensee | silicon valley

Pebble

Für Pragmatiker

Die Pebble harmoniert als einziges

Modell im Vergleich mit Apple- und

Android-Handys. Tausende Apps lassen

sich nachladen. Das Display mit

elektronischer Tinte ist etwas pixelig,

aber extrem stromsparend. Das ermöglicht

bis zu eine Woche Laufzeit.

Die Konkurrenz muss nach maximal

zwei Tagen wieder an die Steckdose.

Plattform: Pebble OS

Displaydiagonale: 3,2 cm

Auflösung: 176 Pixel pro Zoll

Technik: wasserdicht, kein Touch

Preis: 150 Euro

Motorola Moto 360

Für Konservative

Motorolas Designer wollten keine

Computeruhr, sondern einen modernen

Zeitmesser schaffen. Mit der

kreisrunden Form und dem schwarzen

Antlitz, das an Movado-Uhren erinnert,

ist ihnen das gelungen. Nur ist

die Moto mit einer Dicke von 11 Millimetern

und einem Durchmesser von

42 Millimetern recht wuchtig geraten.

Plattform: Android Wear

Displaydiagonale: 4 cm

Auflösung: 205 Pixel pro Zoll

Technik: Pulssensor, Stahlgehäuse

Preis: 249 Euro

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 75

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Management&Erfolg

Lukrative Quellen

GRÜNDER | Kapital für Start und Ausbau ihres Unternehmens ist für Gründer

in Deutschland schwer zu kriegen. Wie Start-ups die für jede Phase passende finanzielle

Förderung finden.

Blumen liebt sie, seit sie denken

kann. Und ihre Geschäftsidee

kommt an: Schnittblumen per

Mausklick bietet Franziska von

Hardenberg auf ihrer Internet-

Plattform Bloomy Days an. Tausende Kunden

haben bereits ein Abo abgeschlossen,

jeder zehnte Kunde gar zwei – genug Arbeit

und Umsatz für mittlerweile 19 Voll- und

60 Teilzeitkräfte, die in einer Lagerhalle in

Berlin die Blumen arrangieren und versenden.

Im kommenden Jahr will die Jungunternehmerin

mit ihrem Start-up erstmals

Gewinne erzielen.

Alles bestens und nach Plan, könnte

man meinen. Eigentlich.

Doch die Suche nach Kapitalgebern

war mühsam für von Hardenberg. Seit

Januar etwa wirbt die 30-Jährige bei Risikokapitalgebern

um einen Millionenbetrag,

um ihr weiteres Wachstum zu finanzieren.

Etwa 250 Mal hat sie in den vergangenen

Monaten ihre Geschichte erzählt, etwa 30

Mal ihre Geschäftsidee ausführlich präsentiert.

„Kapital einzusammeln, um das

Wachstum einer erfolgreichen Geschäftsidee

zu finanzieren, ist in Deutschland

schwierig“, sagt von Hardenberg, „weil

die Investoren zu zögerlich sind und es zu

wenige gibt, die in neue Geschäftsmodelle

investieren.“

Wie groß diese Lücke in Deutschland ist,

belegt der neue Deutsche Startup Monitor

(DSM) des Bundesverbands Deutsche

Startups und der Berliner Hochschule für

Wirtschaft und Recht: Mindestens 650 Millionen

Euro benötigen Deutschlands Jungunternehmer

in den kommenden zwölf

Monaten allein, um in Wachstum zu investieren.

Zum Vergleich: Laut dem Bera-

Aus eigener Kraft

Woher Start-ups ihr Kapital erhalten (in Prozent)

Eigene Ersparnisse

Familie und Freunde

Staatliche Fördermittel

Business Angels

Inst. Risikokapitalgeber

Inkubatoren

Bankdarlehen

Schwarmfinanzierung

82,5

87,3

32,7

30,7

29,1

25,5

28,2

16,8

21,4

8,4

10,9

12,1

10,2

5,0

4,1

3,1

Quelle: Deutscher Startup Monitor/Bundesverband

Deutsche Startups, 2014; Mehrfachnennungen möglich

Alle Start-ups

Start-ups

jünger als

zwölf Monate

tungsunternehmen FHP Private Equity

Consultants investierten Risikokapitalgeber

im vergangenen Jahr 411 Millionen

Euro. Zu wenig – und deutlich weniger als

etwa in den USA.

Viele Gründer stellt das vor Probleme.

Denn wer wachsen will, muss investieren –

in Mitarbeiter, Maschinen, Marketing. Laut

DSM fühlen sich 38 Prozent in ihren Expansionsplänen

aber ausgebremst –

Wachstumskapital scheint unerreichbar.

Bei den meisten Jungunternehmern

fehlt es schon zum Start an Unterstützern:

Acht von zehn Gründern sind aufs eigene

Ersparte angewiesen. Jeder dritte Gründer

besorgt sich das Geld zunächst bei den sogenannten

„3F“: Family, Friends and Fools

– bei Familie, Freunden und Verrückten.

Auch von Hardenberg blitzte in Finanzierungsgesprächen

anfangs immer wieder

ab: „Ich brauchte nur Blumen, Internet

und Abo sagen, da sind bei den Banken die

Alarmglocken angegangen“, erzählt die

30-Jährige. Ein Bankangestellter habe ihr

sogar empfohlen, doch einfach eine Currywurstbude

zu eröffnen – dafür hätte er

einen Kredit gewährt. Der Start als Unternehmerin

gelang letztlich nur, weil ihr

Vater ihr 25 000 Euro lieh.

STAAT GRÜNDET MIT

Dabei gibt es – ob in Gründungs- oder

Wachstumsphase – durchaus Alternativen

zum Griff in die Familienkasse: Vater Staat.

Die Palette der Förderangebote aus dem

Steuersäckel reicht von Zuschüssen über

Kredite bis hin zu Beteiligungen, wie sie

etwa der halbstaatliche High-Tech Gründerfonds

eingeht. Weit über 100 Millionen

Euro standen laut Subventionsbericht der

Bundesregierung im Jahr 2013 für die

Förderung von jungen, innovativen Unternehmen

zur Verfügung.

Doch zwei von drei Start-ups lassen die

Möglichkeit, sich vom Steuerzahler beim

Aufbau ihres Unternehmens finanziell unter

die Arme greifen zu lassen, ungenutzt –

das belegen sowohl der DSM als auch der

KfW Gründungsmonitor.

Das dürfte auch daran liegen, dass Gründer

den staatlichen Förderdschungel nur

schwer durchdringen. Das jedenfalls kann

Kumardev Chatterjee bestätigen. Der Präsident

des European Young Innovators

Forum will das ändern. Er reist derzeit

durch die Republik, um Gründern zu helfen,

das Förderprogramm Horizont 2020

anzuzapfen, mit dem die Europäische Union

Forschung und Innovation in den Internet-

und Kommunikationstechnologien

FOTO: PR

76 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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FRANZISKA V. HARDENBERG

Unternehmen Bloomy Days, Berlin

Mitarbeiter 19 Vollzeit und 60 Teilzeit

Branche Online-Handel

Finanzquellen Familie, Privatinvestoren,

institutionelle Risikokapitalgeber

fördert. Knapp 2,8 Milliarden Euro stehen

für kleine und mittelgroße Unternehmen

zur Verfügung – weder sind Zinsen fällig,

noch müssen Unternehmer Firmenanteile

abgeben. Dennoch: „Bisher war die Resonanz

auf das Programm eher gering“, sagt

Chatterjee, „dabei kann es die Start-up-

Szene enorm weiterbringen.“

Tim Pohlmann wurde auf der Suche

nach Kapital nicht in Brüssel, sondern in

Berlin fündig. Der promovierte Volkswirt

hat lange an der TU Berlin erforscht, wie

sich aus statistischen Daten Technologietrends

und Marktentwicklungen ableiten

lassen. Als er merkte, wie groß das Interesse

bei Unternehmen daran ist, kündigte er

2013 seine Stelle als Wissenschaftler und

gründete zusammen mit dem Informatiker

Dmitri Gerats selbst eines. IPlytics war

geboren. Ihre Geschäftsidee: Eine Online-

Plattform, auf der Unternehmen Millionen

von Patentdaten, Forschungsergebnisse

und Produktbeschreibungen durchsuchen

und auswerten können, um Technologien

der Zukunft zu identifizieren und ihre

Konkurrenten im Blick zu behalten.

Den Start sicherte der Staat: Exist, ein

Gründerstipendium des Bundeswirtschaftsministeriums,

finanzierte den Unternehmern

zwölf Monate lang ihren Lebensunterhalt

und unterstützte sie mit Coachings. Das

Stipendium sei zwar „etwas bürokratisch“,

sagt Pohlmann, „aber unverzichtbar“.

Die große Nachfrage von Konzernen wie

Siemens, Deutsche Telekom und Bosch

setzte die Gründer unter Wachstumsdruck:

Um eine GmbH zu gründen, Entwickler

einzustellen und die Plattform weiterzuentwickeln,

mussten sie Geld in die Hand

»

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 77

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Management&Erfolg

Moehrings Tipp: „Du musst alle wissen

lassen, dass du gerade Kapitalgeber suchst

– das hilft.“

»

nehmen. „Uns war klar“, sagt Pohlmann,

„wir brauchten Business Angels.“

Also Privatinvestoren, die nicht nur mit

Kapital, sondern auch mit Know-how

weiterhelfen. Und bei gewichtigen Entscheidungen

gern ein Wörtchen mitreden.

Ihr Engagement lassen sie sich mit Unternehmensanteilen

bezahlen, um diese nach

einigen Jahren mit Gewinn zu versilbern.

GELD VOM DOKTORVATER

Den ersten dieser Geldgeber fanden die

Gründer in Pohlmanns Doktorvater. „Anfangs

war er skeptisch“, sagt Pohlmann.

Dann erzählten andere Gründer ihm vom

Wagniskapitalzuschuss namens Invest, mit

dem der Staat seit 2013 Business Angels ködern

will. Er erstattet ihnen 20 Prozent ihres

Investments, wenn sie sich an einem

jungen innovativen Unternehmen beteiligen.

Seit Mai 2013 hat das Bundeswirtschaftsministerium

nach eigenen Angaben

rund 9,2 Millionen Euro für mehr als 620

Beteiligungen bewilligt und damit über 45

Millionen Euro für Start-ups mobilisiert.

Ein kleiner Teil davon floss auch an Pohlmanns

Doktorvater, nachdem er sich mit

einem niedrigen fünfstelligen Betrag an

dem jungen Unternehmen beteiligt hatte.

„Der Zuschuss war ein Trumpf in den Gesprächen“,

sagt Pohlmann, „er hat uns geholfen,

leichter Geld einzusammeln.“

Jetzt suchen er und Gerats nach weiteren

Privatinvestoren: Auf der Internet-Seite des

Business Angels Netzwerks Deutschland

haben sie sich ins sogenannte Invest Verzeichnis

eingetragen, in der förderfähige

Start-ups gelistet sind. Prompt meldeten

sich zwei interessierte Geldgeber – in Kürze

steht das erste Gespräch an.

WANJA OBERHOF (2. VON RECHTS)

Unternehmen Niiu, Berlin

Mitarbeiter 25

Branche Medien

Finanzquellen Business Angels,

staatliche Fördermittel

Passende Business Angels zu finden fällt

vielen Gründern allerdings schwer – besonders,

wenn sie zum ersten Mal ein Start-up

aufbauen und keine Kontakte besitzen.

„Die Welt der Geldgeber ist intransparent

wie eine Blackbox“, sagt Philipp Moehring.

„Gründer können kaum erkennen, wer zu

ihrem Unternehmen passt.“

Um das zu ändern, wechselte der erfahrene

Risikokapital-Manager zu Jahresbeginn

ins europäische Büro von AngelList in Berlin.

Das US-Unternehmen bietet Gründern

die Möglichkeit, sich mit Geldgebern zu vernetzen

und Investments publik zu machen.

Weltweit haben sich auf AngelList rund

300 000 Unternehmen und mehr als 30 000

Investoren registriert – die meisten davon in

den USA. Jetzt will AngelList auch die hiesige

Investorenszene transparenter machen –

knapp 2000 Gründer und 600 Kapitalgeber

aus Deutschland haben sich mittlerweile

auf der digitalen Plattform angemeldet.

»Die Welt der

Geldgeber ist

intransparent wie

eine Blackbox«

GESAMTES ERBE RISKIERT

Wanja Oberhof musste das erst lernen. Er

gründete 2007 ein Unternehmen, das aus

verschiedenen Nachrichtenquellen individuelle

Zeitungen nach Leserwunsch generierte,

druckte und auslieferte. Sein Mitgründer

hatte sein Erbe, er selbst seine Ersparnisse

investiert. 2011 beendeten sie

das Projekt. „Uns wurde klar“, sagt Oberhof,

„dass wir unsere individualisierte Zeitung

als App für Tablet-PCs und Smartphones

anbieten müssen statt auf Papier.“

Also gründete er ein zweites Mal und entwickelte

mit dem Unternehmen Niiu eine

App, mit der Nutzer Inhalte aus vielen verschiedenen

Quellen lesen können – die

Lokalzeitung genauso wie die „New York

Times“. Wer für seine Wunschzeitung knapp

15 Euro pro Monat zahlt, kann sogar auf

Angebote hinter den Bezahlschranken der

Verlage zugreifen. Inzwischen haben mehr

als 1000 Nutzer die Bezahlversion gebucht,

das Start-up beschäftigt 25 Mitarbeiter.

Geholfen hat Oberhof beim zweiten Anlauf

vor allem, dass er frühzeitig Medienunternehmer

als Investoren gewann. In

diesem Sommer besorgte sich der Jungunternehmer

schließlich rund 900000 Euro

Forschungszuschuss und -darlehen von der

Investitionsbank Berlin. Auf das Förderprogramm

hatte ihn der Generalbevollmächtigte

der Bank am Rande einer Gründertagung

hingewiesen. Um mit Niiu auch international

wachsen zu können, will Oberhof bald

die nächsten Millionen einsammeln – bei

institutionellen Risikokapitalgebern.

So wie Gründerin von Hardenberg. Bald

nach der Starthilfe durch ihren Vater stellte

ihr ein Bekannter den Investor Christophe

Maire vor, der sich an ihrem Unternehmen

beteiligte. Kurz darauf sammelte sie über

die Crowdinvest-Plattform Seedmatch

rund 100 000 Euro von 167 Investoren ein.

Inzwischen ist auch die nächste Finanzierungsrunde

gesichert: Im August beschlossen

die Osnabrücker Intan Group

und Hardenbergs Alt-Investoren, sich mit

einem siebenstelligen Betrag an Bloomy

Days zu beteiligen. Genug Geld, um etwa

in TV-Werbung zu investieren. Und ein

Grund zum Feiern: Nach dem Notartermin

ließ von Hardenberg für die Mitarbeiter

zwei Flaschen Champagner springen. n

jens.toennesmann@wiwo.de

Lesen Sie weiter auf Seite 80 »

FOTO: PR

78 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Management&Erfolg

Hoffnungsfroh

Start-up qLearning

aus Berlin

Hosen

runter

NEUMACHER | In der zweiten

Runde des WirtschaftsWoche-

Gründerwettbewerbs werben

35 Start-ups um die Gunst von

Juroren und WirtschaftsWoche-

Lesern.

Von Adsquare bis Zertisa

Diese 35 Start-ups stellen sich unter wiwo.de/neumacherwahl dem Votum der Leser

Unternehmen

Adsquare

Ambiotex

AOM-Systems

Aquakin

Channel Pilot Solutions

Circus Internet

Fast Forward Imaging

FAZUA

FreshDetect

iGrow

KLANG:technologies

Little Postman

Lockbox

Mapegy

My Boo

NearBees

NFC21

Onears Germany

OPAL

Payever

PopUp Berlin

qLearning

Salonmeister

SCANOTEC GbR

Schadenengel

Scondoo

Secucloud

Shipcloud

Stuffle

SugarTrends

SUMTEQ

Vaamo Finanz

Velolock

VibeWrite

Zertisa

Internet-Adresse

adsquare.com

ambiotex.de

aom-systems.com

www.aquakin.de

www.channelpilot.de

meinespielzeugkiste.de

fastforward-imaging.com

www.fazua.com

www.freshdetect.com

www.igrow.academy

www.klang.com

littlepostman.com

lockboxsystem.com

www.mapegy.com

www.my-boo.de

nearbees.de

www.nfc-tag-shop.de

www.direct-on-ear.de

www.opal-analytics.com

www.payever.de

www.popup-berlin.de

www.qlearning.de

salonmeister.de

www.scanotec.de

www.schadenengel.de

scondoo.de

secucloud.com

www.shipcloud.io

stuffle.it

www.sugartrends.com

noch nicht vorhanden

www.vaamo.de

lock8.me

vibewrite.com

www.zertisa.com

Geschäftsidee

Technologie, mit der Unternehmen Werbung auf Smartphones schalten

können, die zum Standort des Nutzers passt

Innovatives T-Shirt, das beim Sport Körperfunktionen misst

Optischer Sensor zur Steuerung von Sprühprozessen in der Industrie

Kleinstes und leichtestes Wasserkraftwerk der Welt

Technologie, mit der Online-Shops ihre Produkte automatisiert auf Hunderten

von Online-Marktplätzen präsentieren können

Online-Service, über den Familien Spielzeug im Monatsabo leihen können

Technologie, mit der sich 360-Grad-Produktfotos erstellen lassen

Innovatives und besonders flexibles Antriebssystem für Elektrofahrräder

Tragbares Minilabor zur Qualitätsprüfung von Lebensmitteln

Virtuelle Akademie, die eine neuartige Lernmethode entwickelt hat

Innovative 3-D-Sound-Technologie für Kopfhörer

Software, die Push-Nachrichten an App-Nutzer schickt

und so Unternehmen hilft, die App-Nutzung zu maximieren

Mobile Packstation, mit der sich Paketsendungen empfangen lassen

Analyse- und Visualisierungssoftware für Technologiedaten

Ökobambusfahrräder aus nachhaltiger Produktion

Plattform, über die sich lokale Imker finden und Honig bestellen lässt

Anbieter von Produkten, die Datenübertragung mit der sogenannten

Near-Field-Communication-Technologie per Funk ermöglichen

Technologie, mit der Hörgeschädigte bei Events besser zuhören können

Software, um Warendaten in Unternehmen zu analysieren

Tool, mit dem Online-Shops Bezahldienste einfach einbinden können

Online-Marktplatz für Pop-up-Shops – Läden, die nur für kurze Zeit öffnen

Innovative Lern-Apps für Smartphones

Online-Buchungsplattform für Friseure und andere Dienstleister

Technologie, mit der sich Menschen als 3-D-Figur nachdrucken lassen

Online-Plattform, die bei Schäden an Haus und Hof Hilfe organisiert

App, mit der sich beim Supermarkteinkauf Gutscheine einlösen lassen

Software, die Haushalte und Unternehmen vor Internet-Angriffen schützt

Plattform, auf der Online-Händler den Paketversand organisieren können

Flohmarkt-App für Smartphones

E-Commerce-Plattform

Innovativer Hochleistungsdämmstoff

Geldanlage-Plattform

GPS-fähiges Fahrradschloss, das via Smartphone bedient wird

neuartiger Digitalstift, der sich mit Apps verbinden lässt

Android-Softwaremanagement-Plattform

Sie entwickeln tragbare Minilabore

und 3-D-Scanner, bauen Fahrräder

aus Bambus und Fahrradschlösser

mit GPS-Empfänger, schneidern T-Shirts

mit Pulsmesser oder setzen auf Online-

Plattformen und Smartphone-Apps: Jene

35 Start-ups, die die zweite Runde von

Neumacher erreicht haben– dem Gründerwettbewerb,

den die WirtschaftsWoche seit

2007 ausrichtet.

In diesem Jahr war der Andrang groß wie

nie: Mehr als 210 Gründer haben sich um

den Preis beworben – etwa doppelt so viele

wie im vergangenen Jahr. Die Bewerber kamen

aus allen Teilen der Republik: Zwar ist

etwa die Hälfte in einer Großstadt ansässig,

die Übrigen aber verteilen sich über das gesamte

Bundesgebiet. Auffällig aber auch:

Knapp 18 Prozent der Bewerber bauen ihr

Unternehmen in Berlin auf, das sich zur

Gründerhauptstadt Deutschlands entwickelt

hat. Vor allem unter Internet-

Gründern gilt Berlin als Standort der Wahl.

Dazu passt, dass sich in diesem Jahr vor

allem Gründer beworben haben, die auf

Software, Internet und Technologien für

Smartphones setzen: Sie machen mit

knapp 65 Prozent die Mehrheit der Teilnehmer

aus, wie die Auswertung des

High-Tech Gründerfonds zeigt, der den

Wettbewerb als Partner unterstützt.

Unter den besten 35 Unternehmen findet

sich beispielsweise qLearning Applications,

dessen Gründerteam um Felix Klühr

und Korbinian Weisser eigens von München

nach Berlin gezogen ist, um dort eine

neuartige Lern-App für Smartphones zu

entwickeln. Sie soll Studierenden dabei

helfen, die Inhalte von Vorlesungen und

Seminaren leichter zu lernen. Mit Erfolg:

Weniger als zwei Jahre nach dem Start arbeitet

das zwölfköpfige Team des Unternehmens

mit mehr als 50 Universitäten zusammen.

FOTO: LUDWIG SCHUBERT

80 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Aber immerhin jeder fünfte

Bewerber setzt auf innovative

Technologien zum Anfassen –

einige verbinden sie außerdem

mit der digitalen Welt. Unter

den 35 Besten etwa findet sich

Velolock, das alarmgesicherte Fahrradschlösser

mit GPS-Empfänger anbietet, die

sich per Smartphone-App öffnen und verschließen

lassen. Das soll verhindern, dass

Fahrräder geklaut werden, und gleichzeitig

ermöglichen, sie mit anderen zu teilen. Die

Idee dazu haben die beiden Gründer Frank

Salzmann und Daniel Zajarias-Fainsod

quasi aus eigener Betroffenheit geboren:

Während ihres Studiums waren ihnen ihre

Räder immer wieder gestohlen worden.

DIE ABSTIMMUNG

Nun sind neben den Jurymitgliedern, zu

denen unter anderem der GFT-Gründer

Ulrich Dietz sowie der Xing-Gründer und

heutige Investor Lars Hinrich gehören,

auch die Leser der WirtschaftsWoche gefordert.

Gemeinsam wählen sie insgesamt

sechs Finalisten aus, die ihre Unternehmen

am 29. Oktober noch einmal vor der Jury

präsentieren. Dann entscheidet sich, wer

am 18. November den begehrten

Preis gewinnt.

Ausführlichere Informationen

über die 35 Kandidaten,

die in der zweiten Runde zur

Abstimmung stehen, finden Sie

unter wiwo.de/neumacherwahl

DER PREIS

Der Sieger des Wettbewerbs erhält ein Preispaket

aus 10000 Euro Startkapital sowie

Sachleistungen im Wert von bis zu 300000

Euro, die die Partner des WirtschaftsWoche-

Gründerwettbewerbs zur Verfügung stellen.

Die Anwaltskanzlei Osborne Clarke berät

die Sieger in Rechtsfragen, Experten der

Agentur thjnk helfen beim Aufbau einer

Markenstrategie, der High-Tech Gründerfonds

unterstützt sie mit einem Coaching

durch erfahrene Gründer-Experten. Die

WirtschaftsWoche stiftet den Gewinnern außerdem

Medialeistungen und gibt ihnen

Gelegenheit, im Gründertagebuch über ihre

Fortschritte zu berichten – so wie Andrea

Pfundmeier und Robert Freudenreich, die

den Wettbewerb im vergangenen Jahr für

sich entscheiden konnten (siehe Seite 84).

Außerdem nehmen die Gewinner des

Hauptpreises sowie die Träger eines Sonderpreises

für Soziale Unternehmer am

Accelerator Program des Unternehmernetzwerks

Entrepreneurs’ Organization teil, das

Gründern den Start erleichtern soll.

DIE KONFERENZ

Die Siegerehrung findet im Rahmen der

Gründerkonferenz Neumacher am 18. November

in Hamburg statt. Die Konferenz

der WirtschaftsWoche findet in diesem

Jahr zum zweiten Mal statt und hat das

Ziel, etablierte Unternehmen mit Start-ups

zu vernetzen. Teilnehmen können auch

Unternehmer, die sich nicht am WirtschaftsWoche-Wettbewerb

beteiligt haben.

Die Teilnahme ist kostenlos. Weitere

Informationen und Anmeldung unter

www.neumacher.com

Lesen Sie weiter auf Seite 82 »

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Management&Erfolg

Hilfreiche Hacker

GRÜNDERTAGEBUCH | Warum Secomba einer Online-Attacke auf

Prominente Hunderte neue Nutzer verdankt.

Der Skandal sorgte weltweit für Neugier,

Spott und Angst: Anfang September

stellten Hacker Nacktfotos

von rund 100 Prominenten ins Netz, die sie

in der Apple-Datenbank iCloud erbeutet

hatten. Für Andrea Pfundmeier und Robert

Freudenreich ein weiterer Beweis, wie

nützlich ihre Technologie ist. Mit ihrem

Start-up Secomba haben die beiden Gründer

eine Software namens Boxcryptor entwickelt,

mit der Internet-Nutzer Daten verschlüsseln

und sie so vor Hackern schützen

können, bevor sie sie in solche Datenwolken

übertragen.

Ursprünglich hatte Gründer Robert

Freudenreich Boxcryptor entwickelt, um

seine eigenen Daten zu schützen – mit

Pfundmeier wollte er eigentlich Studentenausweise

digitalisieren. Doch als das

Duo die Sicherheitssoftware 2011 veröffentlichte,

war die Nachfrage danach so

groß, dass sie sich ganz darauf konzentrierten.

Sie fanden Investoren, lehnten eine

Übernahmeofferte ab. Und erzielten 2013 –

im Jahr der NSA-Affäre – erstmals mehr als

eine Million Euro Umsatz.

Kurz darauf konnten sie den Wirtschafts-

Woche-Gründerwettbewerb Neumacher

gewinnen (siehe Seite 80). Seitdem berichtet

Gründerin Pfundmeier, wie ihr Unternehmen

wächst: Inzwischen beschäftigt es

15 Mitarbeiter und peilt in diesem Jahr

erstmals die Gewinnzone an.

Hoch hinaus

Gründer Robert

Freudenreich

(Mitte)

beim TV-Dreh

in den Bergen

21. JULI

Seit wir mit Secomba gestartet sind versuche

ich, meine Erfahrungen an andere

Gründerinnen weiterzugeben. So wie

heute auf der Konferenz DLD Women in

München, die sich an Frauen im IT- und

Medienbereich richtet. Ich diskutiere über

Chancen von Start-ups und werbe für

IT-Berufe, in denen Frauen kreativ sein

und sich ihre Arbeit sehr flexibel einteilen

können.

29. JULI

Ich bin etwas aufgeregt: Sigmar Gabriel,

Bundesminister für Wirtschaft und Energie,

ist in Augsburg. Bei einer Diskussion

zum Thema „Deutsche Start-ups: Wo

drückt der Schuh“ unterhalten wir uns

darüber, wie Deutschland gründerfreundlicher

werden kann. Ich schlage ihm

das Grundschulfach Informatik als Mittel

gegen den IT-Fachkräftemangel vor.

Und thematisiere den Mangel an Wachstumskapital

für deutsche Start-ups. Das

merken wir gerade selbst: Wir haben zwar

schnell Business Angels gefunden, die uns

in einer frühen Phase mit Startkapital

unterstützt haben. Aber eine weitere

Finanzierungsrunde wäre sicherlich

schwerer auf die Beine zu stellen, zumindest

in Deutschland.

1. AUGUST

Anfangs haben wir uns mit Boxcryptor

hauptsächlich an Privatpersonen und sehr

kleine Teams gerichtet. Nun möchten wir

uns bei Geschäftskunden etablieren. Der

Bedarf ist da: Viele mittelständische und

große Unternehmen verfügen über sensible

Daten, die sie schützen müssen, wenn

sie sie in die Cloud hochladen. Allerdings

fehlten uns bisher die Kapazitäten sie gezielt

anzusprechen – unser Team besteht ja

vor allem aus Entwicklern.

Heute ändert sich das: Unser erster festangestellter

Vertriebsmitarbeiter fängt an.

Außerdem ergänzen wir unsere Web-Seite

um einen Geschäftskundenbereich – wir

sind gespannt, ob sich die Investition auszahlt.

13. AUGUST

Gestern haben wir eine neue Beta-Version

unserer Software für Apples Betriebssystem

Mac OS X veröffentlicht – viele User

hatten sich mehr Funktionen und Stabilität

gewünscht. Ein weiteres Update erleichtert

größeren Teams die Arbeit mit Boxcryptor

– und soll helfen, unseren Geschäftskundenbereich

weiter auszubauen.

25. AUGUST

Wir fühlen uns wie Schauspieler! Das ZDF

ist mit einem Kamerateam zu Gast und

dreht und dreht und dreht. Warum? Ein

Jahr nach unserem Sieg beim Wirtschafts-

Woche-Gründerwettbewerb stehen wir

nun auch im Finale des Deutschen Gründerpreises.

Am 16. September fällt die Entscheidung

– zu sehen im ZDF.

1. SEPTEMBER

Was für ein Skandal: Nacktfotos von mehr

als 100 weiblichen Promis sind im Internet

aufgetaucht. Hacker haben sich Zugriff zu

den Apple-iCloud-Konten der Stars verschafft.

Für uns hat der Vorfall trotz aller

Tragik einen positiven Nebeneffekt:Die Sicherheit

von Cloud-Diensten wird in den

Medien rauf- und runterdiskutiert. Und

immer wieder wird Boxcryptor als Möglichkeit

vorgestellt, sich vor solchen Angriffen

zu schützen. Sogar die Tagesschau

berichtet über uns – was uns Hunderte

Downloads beschert und hilft, die Nutzer

zu sensibilisieren. So hat der gesamte

Skandal auch eine gute Seite.

n

Redaktion: jens.toennesmann@wiwo.de

FOTO: PR, LITERATURTEST/SABINE FELBER

82 Nr. 38 15.9.14 WirtschaftsWoche

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SPRENGERS SPITZEN

Die Zwangsfeminisierung

Warum ausgerechnet die Frauenquote Männern helfen könnte, sich treu zu bleiben.

Der moderne Manager ist ein therapeutisch

definiertes Subjekt. Ihm

wird permanent nahegelegt, sich

selbst zu überprüfen, zu verbessern und

im Zweifelsfall professionelle Hilfe zu

nutzen. Und seit die Idee der guten Führung

populär wurde, gibt es einen Standard,

an dem er sich messen lassen

muss. Wer davon abweicht, gilt als defizitär,

mindestens aber optimierbar.

Fragt man nach den Inhalten dieses

Standards, so offenbart sich ein dunkles

Geheimnis der Managemententwicklung:

Es sind Einstellungen und Verhaltensweisen,

die man traditionell als

weiblich bezeichnet. Schaut man genau

hin, so wird Männern auf Führungsseminaren

seit vielen Jahren ein weiblicher

Führungsstil eingebläut: Empathisch

soll man(n) sein, nahbar, friedfertig,

sich in andere hineinversetzen,

niemanden in die Defensive drängen,

Fehler zugeben – so steht es in allen

Ratgebern, so predigen es die Trainer.

Emotionale Intelligenz ist das Stichwort.

MACHO-GEHABE IST OUT

Der Chef wird zum Mitarbeiter-Versteher,

der in ihre Herzen und Hirne

hineinleuchtet, ihre wahren Motive und

Bedürfnisse kennt. Den zielorientierten

Tunnelblick hat er gegen den wegorientierten Breitbandblick

eingetauscht, er ist einfühlsam oder guckt wenigstens so. Mehr

noch: Er kann auf eine dermaßen männlich entschlossene

Weise weich und weiblich sein, wie das die Frauen selbst gar nicht

hinbekämen.

Natürlich widerstrebt es jedem intelligenten Menschen, in stereotyper

Form von männlich und weiblich zu sprechen – aber wie

soll man sonst reden? Zugespitzt gilt jedenfalls: Macho-Gehabe ist

out. Wortkarge, selbstsichere, durchsetzungsstarke, entscheidungsschnelle,

emotional ausdruckslose Männer, die nicht gerne

über sich selbst nachdenken und noch viel weniger an einem

Feedback interessiert sind, die hält man für unzeitgemäß. Das

heißt, um heute Karrierechancen zu haben, müssen sie sich feminisieren.

Nur weibliche Männer gelten als moderne Führungskräfte.

Vor allem im Mittelmanagement – ganz oben dürfen sie dann

wieder den Harten geben.

In der Psychologie der Geschlechtsunterschiede steht der Mann

für Imponiergehabe, ungebrochene Selbsteinschätzung und hohe

Frustrationstoleranz. Was ist daran falsch?

Reinhard Sprenger, 61, Ex-Manager bei

3M und Adecco, zählt zu den renommiertesten

deutschsprachigen Managementautoren.

»Nur weibliche Männer

gelten als moderne

Führungskräfte«

Frauen schauen nach innen, Männer

nach außen. Was brauchen wir? Noch

mehr Nabelschau? Noch mehr Bürokratie,

Meetings, Feedbackrunden? Oder

müssen wir nicht viel mehr nach außen

schauen – zum Kunden, dahin, wo das

Geschäft gemacht wird? Da draußen

tobt der Wettbewerb, das Überbieten.

Die Idee des Wettkampfes ist maskulin.

Das Unbedingt-Wollen. Es ist eine Welt

der Schnelligkeit und der feindlichen

Übernahmen, in der man, neurochemisch

gesprochen, Antreibersubstanzen

wie Testosteron, Adrenalin und Phenylethylamin

braucht, keine Treuehormone

wie Oxytocin. Die Arbeit von Führungskräften

fordert da Mut statt Zögerlichkeit,

Handeln statt Erklären. Oft ist es

besser, nicht zu sehr in sich zu gehen, um

seine Pflicht zu tun. Man denke an Soldaten,

Feuerwehrmänner. Was ist daran

falsch?

KRANKHAFT UND MÄNNLICH

Damit ist kein Hasardeurtum gerechtfertigt

und schon gar nicht Respektlosigkeit.

Aber die dominante personenzentrische

Perspektive pathologisiert

gerne männliches Verhalten, indem sie

ausgeprägte Persönlichkeitseigenschaften

ins Extreme schiebt und dann von

Narzissten, Gefühlsblinden, Machiavellisten, Manisch-Depressiven

oder Passiv-Aggressiven faselt, die man sich allesamt krankhaft

vorstellt – und alle männlich.

Die Psychologie hat mit dem Leitbild der Androgynität neue Formen

der Inkompetenz kreiert, die sie nun bewirtschaften kann. Das

wäre noch harmlos. Aber die Maßnahmen untergraben das Selbstbewusstsein

der Männer, fördern anpasserisches Verhalten und

mangelnde Zivilcourage. Managementtraining als Fegefeuer, durch

das jeder Mann weibliche Verhaltensweisen so weit verinnerlicht,

dass er sich heimlich identifiziert mit der Rolle als sozial inkompetenter

Unterdrücker kreativer Individuen. Die Folge ist eine anbiedernde

männliche Autokorruption, die sich mit der Forderung nach

Authentizität zu einem depressionsfördernden Delirium vermengt.

So wird das weibliche Element mangels physischer Repräsentanz

in den Unternehmen an Männer delegiert. Und kaum noch

finden sich Männer, die sich wehren, die sich nicht umerziehen

lassen, die ihre Qualitäten selbstbewusst benennen. Aus dieser

Perspektive spricht alles für die Frauenquote. Dann könnten Männer

Männer bleiben.

n

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 83

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Geld&Börse

Gefährlicher als die NSA

DATENSCHUTZ | Banken und Versicherer sammeln und speichern massenhaft

Informationen, zum Teil mithilfe spezialisierter Dienstleister. Was wissen sie über

mich, welche Nachteile drohen mir dadurch – und wie kann ich mich schützen?

Ein Selbstversuch.

Die Nachricht war kurz und

schmerzhaft. Man könne ihm

keine private Krankenversicherung

anbieten, teilte der

Deutsche Ring einem Interessenten

aus Karlsruhe vor wenigen Wochen

mit – ohne Angabe von Gründen. Erst als

sein Finanzmakler Frank Rindermann

nachhakte, erhielt der abgeblitzte Kunde

eine Liste mit ärztlichen Diagnosen.

Die Liste enthielt jedoch nicht nur Erkrankungen,

die der Mann in seiner „Risikovoranfrage“

genannt hatte, sondern

auch ärztliche Befunde aus den Jahren vor

2010, sagt Rindermann. Erkrankungen aus

dieser Zeit aber waren faktisch verjährt –

der Deutsche Ring hatte diese deshalb

nicht abgefragt. Die Daten stammten aus

einer Anfrage aus dem Jahr 2010, die der

Deutsche Ring ebenfalls abgelehnt hatte.

Die Frage ist nun: Durfte der Deutsche

Ring, eine Tochter der Signal Iduna, die Informationen

aus der 2010er-Anfrage noch

nutzen? Der Deutsche Ring teilt dazu mit,

dass es sich um ein Versehen handele. Daten

aus Risikovoranfragen würden normalerweise

nur für ein Jahr „vorgehalten“.

Tatsächlich dürfen private Kassen Gesundheitsdaten

laut Datenschutz-Selbstverpflichtung

der Branche für bis zu drei

Jahre speichern, „wenn der Vertrag nicht

zustande kommt“. Weiter heißt es jedoch,

dass die Frist am Ende des Jahres der „Antragstellung“

beginnt. Die Klausel bezieht

sich somit auf offizielle Anträge; von „Risikovoranfragen“

ist nicht die Rede.

Rindermann bezweifelt deshalb, dass es

überhaupt eine Rechtsgrundlage für die

Datenspeicherung nach abgelehnten Voranfragen

gibt. Laut Deutschem Ring ist ein

Banken erfassen

und speichern

massenhaft

sensible Daten

Jahr notwendig, um sie „sachgemäß“ zu

bearbeiten. Schließlich würden Voranfragen

bisweilen von Maklern modifiziert,

und manchmal kämen „noch Gutachten

und Nachfragen ins Spiel“.

Die alten Daten des Karlsruhers hat der

Versicherer inzwischen gelöscht. Trotzdem

muss der Mann, der sich mit einer privaten

Zusatzpolice absichern wollte, nun anderswo

sein Glück versuchen.

Der Streit zeigt: Die Finanzbranche speichert

massenhaft Daten – bisweilen auf zumindest

fragwürdiger rechtlicher Grundlage

und über vereinbarte Fristen hinaus.

Während die Datensammeleien von Geheimdiensten

wie der NSA den Durchschnittsbürger

eher kalt lassen, kann die

Sammelwut bei Finanzdaten gravierende

Folgen haben, bis hin zur Verweigerung

von existenziellen Versicherungen.

Auch Bankkunden kann ein laxer Umgang

mit Daten teuer zu stehen kommen.

So können Kreditanträge abgelehnt werden,

wenn Informationen bei der Bonitätsauskunft

Schufa nicht rechtzeitig gelöscht

oder gar falsche Angaben gespeichert werden.

Jeder Verbraucher sollte deshalb wissen,

welche Daten Finanzdienstleister über

ihn horten. Bei der eigenen Bank und Versicherung

ist das klar. Aber was haben sie

an andere Unternehmen oder Datenbanken

weitergegeben? Und sind die Daten

korrekt? Was ist noch aus etwaigen abgelehnten

Anträgen hinterlegt? Ich habe versucht,

das herauszufinden – und dabei

überraschende Erkenntnisse gewonnen.

ABFRAGE BEI DER DATENBANK

Zunächst will ich wissen, was das Hinweisund

Informationssystem der Versicherer

(HIS) über mich hergibt (siehe Kasten

Seite 88). Meine Vermutung ist: gar nichts.

Denn das HIS ist eine Datenbank, die vor

allem der „Prävention von Versicherungsbetrug“

dient.

Versicherer melden dazu „Auffälligkeiten“

wie Schadensmeldungen kurz nach

Abschluss einer Haftpflichtversicherung

sowie „atypische Schadenshäufigkeiten“.

In der Haftpflicht-, Hausrat- und Gebäudeversicherung

führen drei Schäden binnen

zwei Jahren zu einem Eintrag. In der Kfzund

Rechtsschutzversicherung liegt die

Schwelle mit vier Schäden in zwölf Monaten

etwas höher.

Von diesen Schwellen bin ich weit entfernt.

Umso größer die Überraschung, als

nach vier Tagen die Selbstauskunft im

Briefkasten liegt. Denn zu meiner Person

ist sehr wohl eine Auffälligkeit eingetragen:

Die Allianz hat mich mit der Begründung

„Versicherungssumme/Rentenhöhe“ eintragen

lassen. Was hat das zu bedeuten?

„Wer eine Berufsunfähigkeitsversicherung

abschließt, wird ans HIS gemeldet, sobald

die jährliche Rente daraus mehr als 9000

Euro beträgt“, erklärt Thomas Lämmrich

vom Versicherungsverband GDV. Sicht-

»

ILLUSTRATION: EDEL RODRIGUEZ

84 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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682

Millionen Daten von

66,3 Millionen

Menschen hortet

die Schufa 300000

Euro Auszahlung bei

Tod könnten Mörder

locken – also ab in die

zentrale Datenbank!

9000

Euro Jahresrente aus

der BU-Police sind okay,

wer höher abschließt,

wird verdächtig

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 85

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Geld&Börse

»

bar für andere Versicherer seien Einträge

aber nur, wenn die jährliche Rente – womöglich

im Zusammenspiel mit einer weiteren

Police – 12 000 Euro übersteige.

Die Versicherer befürchten, dass Menschen

bei allzu üppiger Absicherung kein

Interesse haben, den Versicherungsfall

„durch Vorsicht und Prävention“ zu vermeiden

– oder gar in Versuchung geraten,

ihn bewusst herbeizuführen. Für ein gemütliches

Rest-Leben mit auskömmlicher

Berufsunfähigkeitsrente scheint mancher

bereit, sich zu verstümmeln.

Droht mir wegen des Eintrags nun ein

Nein, wenn ich eine weitere Berufsunfähigkeits-(BU-)Police

beantrage? Nein, sagt

Lämmrich. Ein HIS-Eintrag führe nicht automatisch

zur Ablehnung. Die Assekuranzen

schauten in solchen Fällen aber genau

hin und prüfen zum Beispiel, wie hoch die

BU-Rente im Vergleich zum aktuellen Einkommen

ist. Ist sie gleich hoch oder höher,

schrillen die Alarmglocken.

MORDVERDACHT AB 300 000 EURO

Lebensversicherungen, die im Todesfall

auszahlen, führen ab 100 000 Euro Versicherungssumme

zu einem HIS-Eintrag.

„Sichtbar für andere Versicherer wird der

Eintrag aber erst, wenn die Versicherungssumme

– womöglich im Zusammenspiel

mit anderen Policen – 300 000 Euro erreicht“,

sagt Lämmrich. So viel Geld, so das

Kalkül, könnte schon mal zu einem Missbrauch

verleiten – bis hin zu Selbstmord

oder Mord. Versicherer wollen deshalb

wissen, ob bereits ein hoher Todesfallschutz

besteht, wenn sie Anträge prüfen.

Einträge im HIS können weitreichende

Folgen haben – von der besonders kritischen

Prüfung einer Schadensmeldung bis

hin zur Verweigerung einer wichtigen BUoder

Lebensversicherung. Versicherte sollten

deshalb unbedingt per Selbstauskunft

prüfen, ob Angaben korrekt sind und überhaupt

noch gespeichert werden dürfen.

Die Löschvorschriften sind ein Fall für

juristische Feinschmecker. Grundsätzlich

gilt: Einträge müssen vier Jahre nach Ablauf

des Jahres, in dem sie erfolgten, gelöscht

werden – es sei denn, innerhalb der

Frist kommt ein Eintrag in der jeweiligen

Sparte hinzu. Meine 2012 eingetragene BU

bliebe also für weitere vier Jahre vermerkt,

wenn ich bis Ende 2016 eine zweite BU mit

einer Jahresrente von über 9000 Euro abschließe.

Nach Ablauf der zweiten Vier-

Jahres-Frist ist aber endgültig Schluss.

Eine Ausnahme von der Vier-Jahres-Frist

gilt für Daten von Personen, deren Anträge

Bei hohen Berufsunfähigkeitsrenten

wittern Versicherer Simulanten

auf BU- oder Lebenspolicen abgelehnt

wurden. Sie werden nur drei Jahre lang gespeichert,

ebenfalls vom Ende des Jahres

an gerechnet, in dem der Eintrag erfolgte.

Der Grund – meist Krankheiten, aber

auch gefährliche Berufe oder Hobbys – ist

zwar nicht sichtbar, wenn Sachbearbeiter

anderer Versicherer das HIS abrufen. Es erscheint

aber ein Vermerk, dass beim Antragsteller

„Erschwernisse“ vorliegen. „Das

können die Versicherer dann zum Anlass

nehmen, nachzuhaken“, sagt Lämmrich.

PKV SPEICHERT SELBST

Die privaten Krankenversicherer (PKV)

machen beim HIS nicht mit. Sie speichern

– wie der Fall Deutscher Ring zeigt – Daten

aus abgelehnten Voranfragen und Anträgen

selbst, leiten sie aber nicht an eine Datenbank

weiter. Woanders landen können

sie trotzdem, denn die Versicherer speichern

Gesundheitsdaten auch, „um mögliche

Anfragen weiterer Versicherungen beantworten

zu können“. Nach Angaben des

Krankenversicherer-Verbands gibt es aber

keine standardmäßigen Rundfragen bei

der Konkurrenz, wenn Anträge oder Voranfragen

geprüft werden. Stattdessen wird

gezielt nachgefragt, wenn ein Antragsteller

angibt, dass in den letzten drei Jahren ein

Antrag bei einem anderen Unternehmen

angelehnt wurde. Danach erkundigen sich

Versicherer in ihren Formularen explizit.

Aber wird nach Ablauf von Fristen tatsächlich

gelöscht? Finanzmakler Rindermann

fürchtet, dass zahlreiche Versicherer

mit Daten arbeiten, die Kunden längst vernichtet

wähnen. „Ich erlebe immer wieder,

dass Risikovoranfragen oder Anträge völlig

überraschend abgelehnt werden – sei es

bei Kranken-, Berufsunfähigkeits- oder Lebensversicherungen.“

Meist gebe es keine

Begründung.

Rindermann empfiehlt Kunden, die Versicherung

nach einer abgelehnten Risikovoranfrage

aufzufordern, die Daten umgehend

zu löschen und dies zu bestätigen.

Bei abgelehnten offiziellen Anträgen ist

dies nach Ablauf der Drei-Jahres-Frist zwar

ausdrücklich vorgesehen – aber es schadet

trotzdem nicht, dies zu überprüfen.

In der Krankenversicherung können

noch weitere Informationen über Versicherte

in der Branche umherschwirren,

ohne dass diese das wissen. Das liegt am

„System der Versichertenumfrage“, mit

dem die Krankenversicherer Betrug bei Bestandskunden

bekämpfen wollen. Namen

ILLUSTRATIONEN: EDEL RODRIGUEZ

86 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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von Antragstellern, mit denen kein Vertrag

zustande gekommen ist, werden laut PKV-

Verband dagegen nicht gespeichert. Verbandssprecher

Dominik Heck versichert,

angewandt werde das System nur als „seltene

Ausnahme“ bei ernsthaften und

schwerwiegenden Verdachtsmomenten.

„Im Bereich der Krankentagegeldversicherung

etwa kommt es vor, dass Personen

sich bei verschiedenen Gesellschaften versichern“,

so Heck. Wer so handelt, könnte

sich absichtlich verletzen und dann hohe

Krankentagegelder einstreichen. Fällt einem

Versicherer etwas auf, füllt er eine Karteikarte

aus und faxt die an den Verband,

der jedem Mitgliedsunternehmen per Post

eine Kopie schickt und danach die Daten

„sofort“ löscht, so Heck. Das Gleiche gelte

für die Versicherer, wenn die gemeldete

Person nicht zu ihren Kunden gehört, der

Verdacht auf betrügerische Doppelversicherung

sich also nicht bestätigt. „Dazu

haben sich die teilnehmenden Unternehmen

gegenüber den Datenschutzbehörden

verpflichtet“, sagt Heck. Das Problem:

Kontrollieren kann das keiner. Denn anders

als beim HIS gibt es keine Auskunft

darüber, welche Daten über mich kursieren.

Meinen Plan, dies per Selbstauskunft

herauszubekommen, muss ich begraben.

„Das System der privaten Krankenversicherer

ist intransparent“, sagt Rindermann.

Auch Thilo Weichert, oberster Datenschützer

in Schleswig-Holstein, hält das Verfahren

für „nicht vereinbar mit unserem Datenschutzrecht“.

Laut „Handelsblatt“ will

sich der PKV-Verband in den kommenden

Monaten dem HIS anschließen.

WAS DIE SCHUFA ALLES WEISS

Nachdem die HIS-Auskunft einen überraschenden

Eintrag zutage gefördert und die

Recherchen in Sachen PKV ins Nichts geführt

haben, bin ich besonders gespannt,

was die Schufa über mich weiß. Das Gemeinschaftsunternehmen

der Banken und

Sparkassen gehört zu den eifrigsten Datensammlern

des Landes; es hortet 682 Millionen

Informationen zu 66,3 Millionen

Personen und 4,2 Millionen Firmen.

Sie erfährt zum Beispiel, wenn ich irgendwo

ein Konto eröffne, einen Kredit

aufnehme oder eine Kreditkarte bekomme.

Auch der Abschluss von Mobilfunk-,

Leasing- oder Ratenzahlungsverträgen

wird von den 8500 Vertragspartnern der

Schufa – neben Banken auch Telekomfirmen,

Versandhändler und andere – umgehend

gemeldet. Die Schufa aber speichert

bisweilen falsche Informationen oder »

VERSICHERUNGEN

Gefährliche

Datenrabatte

Sammeln Versicherer in Zukunft

mehr Informationen? Technisch

möglich wäre es allemal.

In der Medizin findet derzeit eine technische

Revolution statt, die neuen Optionen

sind verlockend (WirtschaftsWoche

37/2014): So können wir mit Fitness-Apps

oder Innovationen wie der in der vergangenen

Woche präsentierten Smartwatch von

Apple unseren Körper vermessen. Doch

nicht nur die Herzen von Medizinern, ITund

Sportfreaks schlagen deshalb höher:

In der Versicherungsbranche wird derzeit

hinter vorgehaltener Hand über Krankenversicherungstarife

diskutiert, die sich daran

orientieren, wie viel wir uns bewegen.

Noch gibt es so etwas hierzulande nicht.

„Uns ist kein solcher Tarif bekannt“, sagt

Axel Kleinlein, Vorstandssprecher des

Bundes der Versicherten.

Aber der Datenschutz spräche nicht

grundsätzlich dagegen: Solange die Kunden

einwilligen, wäre ein solcher Tarif

wohl zulässig. „Es gilt aber der Grundsatz

der Datensparsamkeit, sodass wirklich

nur die notwendigen Daten übermittelt

werden dürften“, sagt Julius Reiter, auf

Finanzen und Datenschutz spezialisierter

Rechtsanwalt in Düsseldorf.

In der Kfz-Versicherung sammeln Anbieter

bereits Daten über das Verhalten

ihrer Kunden: Seit Anfang des Jahres bietet

die Sparkassen-Tochter S-Direkt einen

„Telematik-Tarif“ an. Kunden installieren

dafür eine Box im Auto, die Daten übers

Fahrverhalten speichert, etwa die Geschwindigkeit

und die Zahl der Nachtfahrten.

Wer vorsichtig und selten nachts

oder in der Stadt fährt, kann bis zu fünf

Prozent Rabatt erhalten.

Experten wie Jürgen Bönninger, Geschäftsführer

FSD Fahrzeugsystemdaten

GmbH in Dresden, sind jedoch skeptisch,

weil die Telematik-Technik noch nicht

ausgereift ist. Bei Geräten, die man bisher

– außerhalb des S-Direkt-Angebots – getestet

habe, bestehe die Gefahr, „dass

der Rabatt eher von Zufällen als von der

Fahrweise abhängt“.

IN TELEMATIK-TARIF GEDRÄNGT

S-Direkt hat den Verkauf nach 1000 Policen

vorerst eingestellt und prüft nun, wie

das Modell in der Praxis funktioniert. Einiges

aber spricht dafür, dass es künftig

mehr solcher Angebote gibt: Ab Herbst

2015 soll gemäß EU-Vorgaben jeder Neuwagen

ein automatisches Notrufsystem

enthalten. Damit wäre eine Datenerfassung

für Telematik-Tarife kein Problem

mehr, die Installation einer Box unnötig.

Rechtsanwalt Reiter befürchtet nun,

dass auf lange Sicht wirtschaftlicher

Druck entsteht, Daten preiszugeben.

„Wenn sie günstiger sind als klassische

Tarife, könnten sich viele Kunden zu Telematik-Tarifen

gedrängt fühlen“, sagt er.

Der Gesetzgeber, so Reiter, müsse deshalb

verhindern, dass Unternehmen

Druck aufbauen. „Es darf nicht sein, dass

Bürger für günstige Tarife eine ständige

Überwachung ihrer Fahrweise und womöglich

sogar der Bewegungsprofile ihres

Autos in Kauf nehmen.“ Das Problem:

Menschen, die sich ständig kontrolliert

fühlen, verkrampfen und neigen dazu,

mehr Fehler zu machen.

Hinzu kommt: Eine umfassende Datenpreisgabe

würde zu immer individuelleren

Versicherungstarifen führen – sei es bei

Kraftfahrzeug-, Kranken- oder anderen

Policen. Damit drohen nicht nur Datenverweigerern

höhere Beiträge, sondern

auch Risikokunden. „Das aber widerspricht

dem Solidaritätsgedanken bei

Versicherungen“, warnt Kleinlein vom

Bund der Versicherten.

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 87

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Geld&Börse

HIS UND SCHUFA

Auf der Spur

Wie Sie herausfinden, was Auskunfteien

über Sie speichern – und

wie Sie Fehler korrigieren.

Wer wissen will, was Banken und Versicherer

in ihren zentralen Datenbanken

über ihn speichern, kann dort einmal

pro Jahr eine kostenlose Selbstauskunft

beantragen.

n Hinweis- und Informationssystem

der Versicherer. Verbraucher rufen die

Seite des Betreibers informa risk &

fraud prevention (www.informa-irfp.de)

auf, auf der sie in der Rubrik „Selbstauskunft

und Datenschutz“ ein Formular

herunterladen können. Dann

müssen sie Namen, Adresse und Geburtsdatum

eintragen und das Formular

per Post an informa schicken –

samt Kopie des Personalausweises

(Vorder- und Rückseite).

Entdecken sie Fehler in der Selbstauskunft,

können sich Betroffene entweder

an informa oder an den Versicherer

wenden, der den Eintrag gemeldet

hat. Das gilt auch, wenn Einträge korrekt

sind, aber bereits gelöscht sein

müssten.

n Schufa. Auf www.meineschufa.de

können Interessierte ein Bestellformular

für eine „Datenübersicht“ herunterladen,

ausfüllen und per Post an die

Schufa schicken. Auch hier ist wieder

eine Ausweiskopie nötig.

Alternativ ist ein ständiger Online-

Zugriff auf die eigenen Schufa-Daten

möglich – inklusive sofortiger Info über

Neues, etwa Änderungen der Bonität.

Das kostet 18,50 Euro für die Registrierung

und dann zehn Euro pro Jahr.

Die Schufa verspricht, unvollständige,

unzutreffende oder veraltete Angaben

„kostenlos und umgehend“ zu korrigieren.

Dazu sollen sich Verbraucher

ans Privatkunden Service Center (Postfach

10 34 41, 50474 Köln) wenden

und ihr Anliegen „kurz schriftlich darstellen“,

am besten mit Belegen. Die

Schufa hakt nach eigenen Angaben

meist noch am selben Tag beim Vertragspartner

nach, der den Eintrag gemeldet

hat.

Kredit abgelehnt,

Police verweigert

– und der Kunde

weiß nicht, warum

»

löscht Daten nicht rechtzeitig. Zuletzt

holten im August zehn Kollegen des „Handelsblatts“

Schufa-Auskünfte ein und stießen

auf mehrere Fehler; so war zum Beispiel

ein Kredit eingetragen, der bereits vor

zehn Jahren getilgt wurde.

Die Schufa verweist darauf, dass der unabhängige

Ombudsmann – der jüngst verstorbene

Ex-Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts,

Winfried Hassemer –

2013 nur 32 Fehler bemängelt habe. Das allerdings

sind nur Fehler, die auch von Kunden

bemerkt wurden.

Fehler können gravierende Folgen haben.

Wenn etwa ein getilgter Kredit noch

eingetragen und die Rückzahlung nicht

vermerkt ist, verschlechtert das meine Bonitätsnote

– was wiederum dazu führen

kann, dass mir Kredite zu miesen Konditionen

angeboten oder ganz verweigert werden.

Umso wichtiger also, dass die Auskunftei

keine falschen Daten speichert.

Doch die Schufa spannt mich auf die

Folter; drei Wochen dauert es, bis die

Selbstauskunft im Briefkasten liegt. Immerhin

ist alles korrekt, zumindest so weit

ich das überprüfen kann. So steht darin,

wo ich Girokonten eröffnet und Kreditkartenverträge

abgeschlossen habe. Der gemeinsam

mit meiner Frau aufgenommene

Immobilienkredit ist ebenfalls vermerkt,

inklusive Summe und Fälligkeit. Da sämtliche

Konten und Verträge noch laufen und

der Kredit – leider – noch nicht getilgt ist,

gibt es keinen Grund, bei der Schufa Korrekturen

oder Löschungen zu beantragen.

Automatisch gelöscht werden Kredite drei

Jahre nach der Rückzahlung (bis dahin

Vermerk „erledigt“), Giro- und Kreditkartenkonten

sofort nach Auflösung.

STREIT UM DEN „SCORE“

Allerdings kann ich auch hier wieder nicht

alle Daten überprüfen. Denn neben Informationen,

die Banken und andere über

mich übermittelt haben, schickt mir die

Schufa auch mehrere „Score“-Werte, die

sie auf Basis meiner Daten ermittelt hat.

Der Basis-Score drückt aus, mit welcher

Wahrscheinlichkeit ich meine künftigen

Zahlungsverpflichtungen erfüllen kann.

Hinzu kommen noch 17 Einzel-Scores, die

zeigen, wie hoch diese Wahrscheinlichkeit

gegenüber verschiedenen Geschäftspartnern

ist, darunter Banken, Telekomanbieter

und Versandhandel.

Meine Score-Werte sind okay, somit

muss ich nicht einschreiten. Aber auch

wenn sie überraschend niedrig wären,

könnte ich nicht prüfen, ob die Schufa

richtig gerechnet hat. Denn die gibt zwar

an, welche Kriterien einfließen, etwa die

Anzahl der „Kreditaktivitäten“ oder Zahlungsausfälle.

Aber die Rechenmethode

gibt sie nicht preis – „Geschäftsgeheimnis“.

Zu Recht, wie der Bundesgerichtshof im Januar

entschied. Die Richter wiesen die Klage

einer Frau ab, für die die Schufa Score-

Werte von zum Teil nur knapp über 80 Prozent

errechnet hat. Es reiche, wenn die

Schufa die Kriterien nenne, die in die Berechnung

einflössen. Zudem habe die Auskunftei

ihre Rechenmethode vor Datenschützern

offengelegt. Das letzte Wort hat

nun das Bundesverfassungsgericht.

Vorerst kann daher kein Kunde prüfen,

wie Scores berechnet werden, ob die Methode

sinnvoll ist und ob sich womöglich

Fehler eingeschlichen haben. Immerhin

können Verbraucher der Schufa Scores zu

ihrer Person untersagen. Doch Verweigerer

machen sich verdächtig, sie bekommen

oft weder Kredit noch Handyvertrag. Und

wer versucht, ein „Schufa-freies“ Darlehen

zu bekommen, landet meist schnurstracks

bei Kredithaien.

Dann doch lieber mitmachen. Und die

Grundlage der Scores – die gespeicherten

Daten – penibel prüfen.

n

daniel schönwitz | geld@wiwo.de

ILLUSTRATION: EDEL RODRIGUEZ

88 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

Wenn die Liquidität geht,

dann kommt der Crash

Abgang mit

Karton

15. September

2008: Letzter

Arbeitstag bei

Lehman Brothers

US-GELDMARKT | Papiere, die zur Absicherung von Krediten dienen, werden knapp. Den Märkten

droht der Entzug von Liquidität. Das Phänomen gefährdet auch die Aktienkurse.

Die Zeit heilt alle Wunden – und trübt

die Erinnerung. Am heutigen Montag

jährt sich zum sechsten Mal die

Pleite von Lehman Brothers. Viele Anleger

glauben, benebelt von fünf Jahren Börsenhausse,

dass all jene Probleme, die 2008

fast zum Kollaps des globalen Finanzsystems

geführt haben, beseitigt wären. Regierungen,

Notenbanken und Aufsichtsbehörden

hätten die Lage heute im Griff. Ein

Irrglaube. Es droht wieder Stress im Finanzsystem.

Das Frühwarnsystem dafür ist

der Repo-Markt in den USA. Der Untergang

von Lehman beschleunigte sich 2008,

nachdem das traditionsreiche Wall-Street-

Haus den Zugang zur Finanzierung über

diesen Billionen Dollar schweren Teil des

Geldmarktes verloren hatte. Trotzdem

wird über den Repo-Markt wenig berichtet,

von Ökonomen und Analysten wird er

meist ignoriert.

Am Repo-Markt leihen sich Banken von

anderen Banken und von Geldmarktfonds

kurzfristig Geld, maximal für ein Jahr, häufig

nur für wenige Tage oder gar nur für eine

Nacht. Auch Hedgefonds finanzieren

sich inzwischen in großem Stil am Repo-

Markt.

WIE DER REPO-MARKT ARBEITET

Dem jeweiligen Kreditgeber werden als Sicherheiten

Wertpapiere übertragen. Überwiegend

dienen US-Staatsanleihen und

durch Hypotheken besicherte Schuldverschreibungen

der staatlichen Hypothekenfinanzierer

Ginnie Mae, Fannie Mae und

Freddie Mac als Sicherheiten. Schuldner

können aber auch Unternehmensanleihen,

Aktien und verbriefte Kreditkarten-,

Studenten- und Autokredite hinterlegen.

Der Kreditnehmer in einem Repo-Geschäft

verpflichtet sich, die Wertpapiere am

Ende der vereinbarten Laufzeit zurückzukaufen,

und zahlt zusätzlich Zinsen für den

Kredit. Je nach Qualität der hinterlegten Sicherheit

wird ein Sicherheitsabschlag abgezogen.

Schlechtere Papiere werden also

nicht zu 100 Prozent, sondern zum Beispiel

nur zu 90 Prozent beliehen. Je besser die

Bonität, desto geringer fällt dieser Abschlag

aus.

Das Besondere: Der Kreditgeber kann

die als Sicherheit für seinen Kredit angenommenen

Wertpapiere ebenfalls einsetzen,

um andere Geschäfte zu schließen

oder sie gar erneut zu beleihen. Der Kreditschöpfungsprozess

durch die Hinterlegung

von Sicherheiten hat somit einen Multiplikatoreffekt.

Er funktioniert ähnlich wie der

traditionelle Geldschöpfungsprozess, bei

dem die Notenbank durch befristete Käufe

von Wertpapieren den Geschäftsbanken

kurzfristig Liquidität bereitstellt.

FOTO: GETTY IMAGES/PARIS MATCH/SEBASTIEN MICKE

90 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Die Kreditschöpfung über die mehrfache

Verpfändung von Sicherheiten, sogenannte

Beleihungs- oder Collateralketten,

ist im heutigen Finanzsystem eine der

Hauptquellen für Kredite. Ende 2007 führten

die US-Banken rund 10 000 Milliarden

Dollar an Sicherheiten. Dahinter verbarg

sich aber letztlich nur ein tatsächlich verwertbares

Wertpapiervolumen von etwa

einem Drittel der ausgewiesenen Summe.

Im Schnitt wurde eine Sicherheit also dreimal

zur Kreditaufnahme eingesetzt.

Die eigentliche Aufgabe des Repo-Marktes

besteht darin, kurzfristig Liquiditätsspitzen

auszugleichen. Im Idealfall erhöht

er so die Effizienz der Geldversorgung,

auch zum Wohle der Realwirtschaft. Mittlerweile

ist der Repo-Markt aber auch das

wichtigste Schmiermittel für ein gigantisches

Schattenbankensystem. Er bestimmt

maßgeblich mit, wie viel Liquidität in die

spekulativen Grauzonen der Finanzmärkte

fließt.

Schattenwelt

Wer mit wem am US-Repo-Markt Geschäfte macht

Geldmarktinvestoren

• Hedgefonds

• Vermögensverwaltungsgesellschaften

• Geldmarktfonds 1

• Wertpapierverleiher 1

• Andere

Banken/

Wertpapierhändler 1,2

Geld

Wertpapiere

Kreditnehmer

• Prime-Brokerage-Kunden 3

• Hedgefonds

• Andere

1 Geschäfte laufen überwiegend nicht direkt unter den Vertragspartnern ab, zwischengeschaltet sind die Clearingbanken

JP Morgan Chase und Bank of New York Mellon; Investoren verlangen keine spezifischen Sicherheiten, sondern akzeptieren

einen breiten Pool an Sicherheiten; 2 im Interbankenhandel über Clearingbanken werden Forderungen

und Verbindlichkeiten saldiert (Netting); 3 Kunden, für die Banken Geschäfte abwickeln und finanzieren

ES MANGELT AN PAPIEREN

Banken und Hedgefonds, die sich am Repo-Markt

finanzieren, brauchen immer

Papiere, die sie als Sicherheiten für Repo-

Geschäfte hinterlegen können. Unter angespannten

Marktbedingungen benötigt

das Finanzsystem der USA insgesamt

11 200 Milliarden Dollar an hochwertigen

Sicherheiten, so das Treasury Borrowing

Advisory Committee, ein Beratungsgremium

des US-Finanzministeriums. Gibt es

nicht genug Sicherheiten, wird die Liquidität

knapp. Weil die Akteure am Repo-Markt

auch Derivate, Anleihen oder Aktien kaufen,

hat eine knappe Liquidität hier Folgen

für nahezu alle anderen Anlagenmärkte.

Genau diese Knappheit droht nun. Die

größte Gefahr für die Stabilität der Finanzmärkte

könnte nun erneut von einem

Rückgang der Liquidität am Repo-Markt

ausgehen. Es mangelt sprichwörtlich an Sicherheiten.

Der Grund dafür ist grotesk. Das Allheilmittel

zur Bewältigung der letzten Finanzkrise,

der Ankauf von Anleihen durch die

US-Notenbank Fed, droht zum Auslöser

der nächsten Krise zu werden. Die Fed hat

dank ihrer Anleihekaufprogramme (Quantitative

Easing, QE) inzwischen US-Staatsanleihen

im Volumen von 2437 Milliarden

Dollar angesammelt. Damit hält sie gut 20

Prozent aller ausstehenden Schuldpapiere

der US-Regierung.

Die Staatsanleihen in der Fed-Bilanz aber

fehlen am Repo-Markt als Sicherheiten für

neue Kredite. Eine US-Staatsanleihe lässt

sich schließlich beliebig oft als Sicherheit

verwenden. Das Gleiche gilt für hypothekenbesicherte

Schuldverschreibungen

(Mortgage Backed Securities, MBS), von

denen die Fed im Zuge von QE ein Volumen

von 1678 Milliarden Dollar aufgekauft hat.

Wenn die Fed Staatsanleihen und MBS

kauft, gibt sie zwar Liquidität in den Markt

– aber eben nur einmal. Weil die Anleihen

danach aber nicht mehr als Sicherheiten

für eine weitere Kreditaufnahme zur Verfügung

stehen, entzieht sie unter dem Strich

den Märkten Liquidität.

Die Annahme, die Fed sorge mit ihren

Anleihekäufen für zusätzliche Liquidität an

den Finanzmärkten, zieht so gesehen also

nicht. Abzulesen ist das auch an den

schrumpfenden Handelsvolumina: Obwohl

das ausstehende Volumen von US-

Staatsanleihen seit 2007 von 4340 auf über

12 000 Milliarden Dollar angeschwollen ist,

ging deren durchschnittliches Handels-»

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Geld&Börse

Quartals aufzuhübschen. Ende Juni etwa

erhöhte sich das RRP-Volumen der Fed

über Nacht um 200 Milliarden Dollar auf

insgesamt 340 Milliarden Dollar. Doch

schon am ersten Tag des neuen Quartals

schrumpfte das Volumen um fast die gleiche

Summe wieder zusammen – die Banken

hatten die Staatsanleihen wieder an

die Fed zurückgegeben.

Halde auf Pump

In den USA werden exzessiv Autokredite

vergeben, verbrieft und verkauft

»

volumen in diesem Zeitraum von 570

Milliarden auf zuletzt 504 Milliarden Dollar

pro Tag zurück.

Inzwischen verringert die US-Regierung

ihre Neuverschuldung gar. Während zwischen

2009 und 2012 im Bundesetat noch

Finanzierungslücken von über 1000 Milliarden

Dollar pro Fiskaljahr klafften, wird in

Washington 2014 mit einem Defizitrückgang

von 680 auf 649 Milliarden Dollar gerechnet.

Entsprechend kleiner wird das

Neuemissionsvolumen von Staatsanleihen.

US-Banken halten nur noch rund 550

Milliarden Dollar in Staatsanleihen und

Schuldverschreibungen staatlicher Institutionen

in ihren Bilanzen. Eigentlich benötigten

sie mehr davon – um sie als verwertbare

Sicherheiten zur Refinanzierung am

Repo-Markt einsetzen zu können und weil

Zunehmende Lieferprobleme

Wöchentliche Ausfälle bei der Bereitstellung

und Rückgabe von US-Staatsanleihen 1 bei

Repo-Geschäften (in Milliarden Dollar)

Bereitstellung

Rückgabe

1.1.2014

30.4.2014 27.8.2014

1 ohne inflationsgeschützte US-Staatsanleihen (TIPS);

Quelle: Federal Reserve Bank of New York

200

175

150

125

100

75

50

25

0

sie wegen der verschärften Liquiditätsund

Eigenkapitalvorschriften mehr bonitätsstarke

Aktiva vorweisen müssen, die

sich auch im Krisenfall rasch zu Geld machen

lassen.

BILANZEN AUFGEHÜBSCHT

Über das sogenannte Reverse-Repo-Programm

(RRP) kann die Fed Banken, Geldmarktfonds

und anderen Akteuren die begehrte

Sicherheit US-Staatsanleihen gegen

Cash zur Verfügung stellen. Auf diesem

Weg sollte die Fed, darauf war das Programm

ursprünglich einmal angelegt, die

durch ihre Anleihekaufprogramme geschaffene

Liquidität dem Bankensystem

wieder entziehen.

Banken nutzen das Programm vor allem

dazu, ihre Bilanzen zum Ende eines jeden

Liquiditätsschwund

Ausstehendes Finanzierungsvolumen

der Primary Dealer 1 am Repo-Markt

(in Milliarden Dollar)

2006 2008 2010 2012 14

1 22 ausgesuchte Wall-Street-Häuser, die direkt

mit der Fed New York Wertpapiere handeln dürfen;

Quelle: Federal Reserve Bank of New York

4500

4000

3500

3000

2500

2000

NOT MACHT ERFINDERISCH

In ihren Bilanzen aber können die Banken

den kurzfristig höheren Bestand an Staatsanleihen

bis zum nächsten Stichtag ausweisen.

Kritiker werfen der Fed vor, sie habe

mit dem Reverse-Repo-Programm einen

eintägigen Window-Dressing-Mechanismus

eingeführt: Die Banken werden

schön poliert ins Schaufenster gestellt, Investoren

und Aufsichtsbehörden werden

über den wahren Gesundheitszustand des

US-Bankensystems getäuscht.

Gute Zahlen zum Quartalsende scheinen

bitter nötig. Ob Zufall oder nicht: Finanzunfälle

ereignen sich oft gegen Ende

eines Quartals. Besonders gefährlich war

in der Vergangenheit das dritte Quartal des

jeweiligen Krisenjahres. Am 23. September

1998 wurde der Hedgefonds Long Term

Capital Management (LTCM) gerettet, am

17. September 2007 räumten Kunden bei

Northern Rock in Großbritannien ihre Einlagen

ab, und am 15. September 2008 ging

Lehman Brothers unter.

Einen nennenswerten Beitrag, den bei

den Banken herrschenden Mangel an Sicherheiten

dauerhaft zu beseitigen, leiste

das Reverse-Repo-Programm unter dem

Strich nicht, urteilen Analysten von JP Morgan.

Tatsächlich mehrten sich zuletzt gar

Signale, die auf einen drohenden Liquiditätsengpass

am Repo-Markt hindeuten. So

hatten sich die 22 ausgesuchten Wall-

Street-Adressen, die US-Staatsanleihen direkt

bei der New Yorker Fed ersteigern dürfen

und die den Staatsanleihehandel liquide

halten sollen („Primary Dealer“), im Juli

am Repo-Markt im Schnitt nur noch 2380

Milliarden Dollar geliehen. Damit wurde

das Tief des Krisenjahres 2009 unterschritten.

Anfang 2008, vor dem großen Crash,

erreichte das entsprechende Volumen zeitweise

mehr als 4300 Milliarden Dollar.

Angesichts dieser Zahlen überrascht es

nicht, dass Banken oder Hedgefonds offenbar

zunehmend Probleme haben, Sicherheiten

für Repo-Kredite pünktlich bereitzustellen

oder zurückzugeben. Gerade bei

US-Staatsanleihen häufen sich seit Juni die

Ausreißer nach oben mit wöchentlichen

FOTO: GETTY IMAGES/CHIP SOMODEVILLA

92 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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Ausfallvolumina jenseits von 100 Milliarden

Dollar (siehe Grafik Seite 92). Zwischen

Januar 2012 und Mai 2014 lag das wöchentliche

Ausfallvolumen im Schnitt noch bei

46 Milliarden Dollar. Wer die Sicherheiten

nicht fristgerecht bereitstellt oder zurückgibt,

zahlt also lieber die bei verzögerter

Lieferung fällige Vertragsstrafe von drei

Prozent, als sich die Wertpapiere am Markt

zu besorgen – ein Knappheitssignal.

KETTENREAKTION DROHT

„Da könnte sich etwas Unheilvolles zusammenbrauen“,

sagte Stanley Sun Ende Juni

dem Börsendienst Bloomberg. Sun ist

Zinsstratege bei Nomura Holdings in New

York. Die US-Tochter der japanischen Investmentbank

gehört zum Kreis der 22 Primary

Dealer.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich

in Basel, eine Art Bank der Zentralbanken,

stuft Repo-Geschäfte nach wie

vor als recht risikolos ein. „Dabei hatte gerade

das exzessive Vertrauen in diese Form

Für Verwerfungen

am Kreditmarkt

ist heute kein

Unfall à la

Lehman nötig

der Finanzierung das System zum Einsturz

gebracht“, sagt Sheila Bair, die ehemalige

Chefin der US-Einlagensicherung FDIC.

Regulierer hatten sich vor 2008 nur um

etablierte Banken gekümmert. Das Schattenbankensystem

aus Hedgefonds und

Private-Equity-Fonds sowie den Zweckgesellschaften,

die Banken außerhalb ihrer

Bilanzen führten, blieb unreguliert. Über

den Repo-Markt aber sind regulierte Banken

mit Schattenbanken eng verzahnt.

Zentrales Element dieser Verzahnung ist

die Beleihungskette der Sicherheiten, eben

die Tatsache, dass eine Anleihe auf dem

Repo-Markt gleich mehrfach als Sicherheit

für Kredite eingesetzt wird.

Schattenbanken finanzieren sich über

den Repo-Markt kurzfristig, legen die Gelder

aber meist auf längere Frist an. So müssen

am Repo-Markt zur Refinanzierung

dieser Positionen täglich Hunderte Milliarden

Dollar an Verbindlichkeiten neu aufund

abgebaut werden. In den Bankbilanzen

tauchen diese Summen so aber nicht

auf. Weil Forderungen und Verbindlichkeiten

dort in der Regel saldiert werden dürfen,

lassen sich die tatsächlichen Kreditrisiken

verschleiern – aber nur, solange die

Beleihungskette nicht reißt. Schon der

Ausfall einer Gegenpartei kann eine Kettenreaktion

auslösen, wie 2008.

Die Krise begann damals, als sich der

Wert komplex strukturierter und verbriefter

Finanzprodukte mit Bezug zum US-Immobilienmarkt

verflüchtigte. Die Verluste

aus den Investments zehrten am Eigenkapital

der Banken. Weil die Anlagen auch als

Sicherheiten am Repo-Markt eingesetzt

wurden, mussten dort wegen der Wertminderung

der Papiere Sicherheiten nachgeschossen

werden. Nach der Pleite von Lehman

Brothers hatte die Erkenntnis, dass jede

Bank pleitegehen kann, zu einem Run

auf den Repo-Markt geführt. Die Beleihungskette

riss, die Liquidität trocknete

aus. Auch die Realwirtschaft saß fast auf

dem Trockenen.

NEUES AUS DER GIFTKÜCHE

Doch die Lernkurve von Notenbanken und

Aufsichtsbehörden ist flach, und der Arm

der Wall Street reicht weit. So hat die Fed

mit ihrer Dauertiefzinspolitik und QE

gleich die nächste spekulative Renditejagd

entfacht. In den USA hat das erneut für einen

Boom bei strukturierten Finanzprodukten

und unregulierten Kreditderivaten

gesorgt. „Wir haben heute mehr Leverage

und ein größeres Derivate-Risiko als jemals

zuvor“, sagt Janet Tavakoli. Tavakoli

gründete 2003 in Chicago die Beratungsfirma

Tavakoli Structured Finance und gilt als

eine der weltweit renommiertesten Derivate-Expertinnen.

Leverage umschreibt

hier den Hebeleffekt bei Derivaten. Eigenkapital

wird durch Kredite gehebelt. Je größer

das Leverage, desto mehr Gewinn

(oder Verlust) kann mit kleinem Kapitaleinsatz

erzielt werden.

Banken sind längst wieder dabei, Problemkredite

in dicken Kreditbündeln zu

verstecken, etwa in sogenannten Collateralized

Loan Obligations (CLOs). Hier lagern

Banken etwa 100 bis 200 Unternehmenskredite

in eine Zweckgesellschaft außerhalb

der Bilanz aus. In dieser Zweckgesellschaft

werden die Kredite in einem Wertpapier,

dem CLO, gebündelt und so handelbar

gemacht. 2013 wurden nach Daten

von JP Morgan CLOs im Volumen von 82

Milliarden Dollar verkauft. Für 2014 wird

mit einem Anstieg auf 100 Milliarden

»

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 93

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Geld&Börse

»

Dollar gerechnet. Das wäre ein neuer

Rekord. Insgesamt stehen in den USA derzeit

CLOs im Volumen von 300 Milliarden

Dollar aus. Etwa zwei Drittel davon werden

von den Ratingagenturen als nahezu mündelsicher

mit der Bestnote Triple-A bewertet.

Dabei setzt sich der Inhalt üblicherweise

auch aus Krediten von geringerer Qualität

zusammen.

Noch im September will Goldman

Sachs, dessen Chef Lloyd Blankfein einst

sagte, Banken würden „Gottes Werk“ verrichten,

mit sogenannten „Fixed Income

Global Structured Covered Obligation“

(FIGSCO) an den Markt kommen. Investoren

erhalten Anspruch auf ein Portfolio an

festverzinslichen Anleihen, wissen dabei

aber nicht, um welche Wertpapiere es sich

konkret handelt. „Das könnten hypothekenbesicherte

Wertpapiere, Staatsanleihen

oder hochverzinsliche Unternehmensanleihen

sein“, mutmaßen die Analysten der

französischen Großbank Crédit Agricole.

Da beruhigt auch nicht, dass die Ratingagentur

Standard & Poor’s das innovative

Goldman-Produkt bereits mit der Bestnote

Triple-A dekoriert hat.

AAA HAT WENIG ZU SAGEN

Erinnerungen werden wach an die Zeit vor

dem Lehman-Crash: Sogenannte Collateralised

Debt Obligations (CDOs) und andere

hypothekenbesicherte Wertpapiere,

die in der Finanzkrise bis zu 97 Prozent ihres

Wertes verloren hatten, waren ebenfalls

mit Triple-A ausgezeichnet.

Das „Wall Street Journal“ berichtete unlängst

von einem Boom bei sogenannten

„Structured Agency Credit Risk Bonds“. Mit

dieser neuen Variante synthetischer CDOs

wollen die staatlichen Hypothekenfinanzierer

Fannie Mae und Freddie Mac Ausfallrisiken

einer Gruppe von Hypotheken

auf private Investoren übertragen. Dafür

erhielten diese eine relativ hohe Rendite.

Die ersten dieser Produkte gingen im Juli

2013 an den Markt. Wall Street soll die

hochriskanten Produkte zu etwa 80 Prozent

kurzfristig über den Repo-Markt finanziert

haben. Nach einem anfänglichen

Kursanstieg um 30 Prozent brachen die

Kurse im August allerdings ein. Einige

Hedgefonds mussten Sicherheiten nachschießen.

Wer das nicht konnte, musste liquidieren.

Für größere Verwerfungen am Kreditmarkt

ist heute kein Unfall à la Lehman

mehr nötig. Unter Umständen reichte

schon ein Zinsanstieg oder eine Ausweitung

der Credit Spreads, also ein höherer

Schon der Ausfall

einer Gegenpartei

kann eine Kettenreaktion

auslösen,

so wie 2008

Einblick in die Derivate-Küche Goldman-

Chef Lloyd Blankfein vor dem US-Senat

Renditezuschlag für risikobehaftete Anleihen,

sagt Manish Kapoor vom New Yorker

Hedgefonds West Wheelock Capital. Kapoor

war bis zum Schluss Mitarbeiter von

Lehman und hat den Untergang des einstigen

Traditionshauses hautnah miterlebt.

Neben Banken wären heute auch die

Hedgefonds von einem Run auf den Repo-

Markt betroffen. Dort sollen sie sich geschätzt

mehr als 1000 Milliarden Dollar an

Fremdgeldern besorgt haben. Seit der von

der Federal Reserve Bank of New York organisierten

Rettung von LTCM im September

1998 gilt für große Hedgefonds ebenfalls,

dass es zu riskant wäre, sie pleitegehen

zu lassen („Too big to fail“).

Feiner Unterschied: Damals reichten 3,6

Milliarden Dollar, um die Wall Street von

der LTCM-Pleite abzuschirmen. Heute

aber steckt ungleich mehr Geld in Hedgefonds:

Anfang der Neunziger verwaltete

die Branche Vermögenswerte von 40 Milliarden

Dollar, heute dürften es über 2600

Milliarden Dollar sein.

2007, im Jahr vor dem Lehman-Crash,

erreichte der Kreditboom seinen Höhepunkt,

als immer wahnwitzigere Finanzinnovationen

zur Schuldenfinanzierung auf

den Markt kamen. Das wurde damals von

den meisten Anlegern nicht zur Kenntnis

genommen. So ist es auch heute wieder.

Der jüngste Kurseinbruch von Junk-

Bonds, also Anleihen von bonitätsschwachen

Unternehmen, ist durchaus vergleichbar

mit den Problemen, in die zwei

von der Investmentbank Bear Stearns aufgelegte

„High Grade“-Kredit-Hedgefonds

im Juni 2007 geraten waren. Auch dort

spielte die fehlende Liquidität eine entscheidende

Rolle. Die beiden Fonds konnten

sich nicht mehr refinanzieren, um ihre

Positionen aufrechtzuerhalten. Am 31. Juli

2007 beantragten die Fonds Gläubigerschutz.

Bear Stearns landete im Mai 2008

unter dem Dach von JP Morgan und entging

nur so demselben Schicksal, wie es

Lehman wenige Monate später ereilte.

SCHWER VERKÄUFLICHE BONDS

Investoren müssen sich nur daran erinnern,

dass riskante Wertpapiere auch ein

Risiko tragen, dann sorgen Verkäufe automatisch

für weitere Verkäufe. Die Rekordabflüsse

aus Junk-Bonds in den vergangenen

Wochen deuten darauf hin, dass dieser

Prozess bereits angelaufen sein könnte. Für

einige Anleihen gibt es kaum noch einen

Markt. Es kann hier jederzeit zu einer Panik

kommen, die schnell auf andere spekulative

Segmente des Kreditmarktes übergreifen

kann – etwa auf verbriefte Subprime-

Autokredite.

Wie Immobilienkäufe vor der Finanzkrise

werden in den USA heute Autokäufe im

Schnitt zu mehr als 100 Prozent auf Pump

finanziert, sprich: Die alte Karre ist noch

nicht abbezahlt, da steht die neue schon

vor der Tür. Die Bonität vieler Kreditnehmer

ist bedenklich schlecht. Banken halten

rund ein Drittel des auf 250 Milliarden Dollar

geschätzten Marktvolumens. Die US-

Aufsicht Office of the Comptroller of the

Currency hat die Banken bereits vor den

Risiken der Autokredite gewarnt.

Dass sich die Aufsichtsbehörde für das

US-Bankensystem überhaupt damit beschäftigen

muss, scheint erstaunlich. Hierzulande

reicht ein Blick in die Gebrauchtwagen-Statistik

des ADAC, und schon wird

klar: Ein neues Auto verliert automatisch

und rasch an Wert. Sobald das Nummernschild

angeschraubt ist, sind 10 bis 20 Prozent

der Kaufsumme futsch. Als 100-Prozent-Sicherheit

für einen Kredit ist ein Auto

ungeeignet – mag der Crashtest auch noch

so gut ausgefallen sein.

n

frank.doll@wiwo.de, gerald cesar

FOTO: IMAGO/UPI PHOTO

94 Nr. 38 15.9.14 WirtschaftsWoche

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Barron’s

Ein Volk sorgt vor

US-AKTIEN | Amerikaner sparen mehr. Das bremst die Wirtschaft

und treibt die Kurse von börsennotierten Vermögensverwaltern.

2020 wachsen. Das wäre dann die längste

US-Wachstumsphase seit dem Zweiten

Weltkrieg.

Weil die Amerikaner weniger ausgeben,

überrascht es nicht, dass der Einzelhandel

leidet. Zum Beispiel die US-Einzelhandelskette

Gap, zu der auch die Modemarken

Banana Republic und Old Navy gehören.

Der Kurs der Aktie verlor zuletzt, nachdem

das Unternehmen im August bei gut eingeführten

Läden, die seit mindestens einem

Jahr bestehen, Umsatzeinbußen um zwei

Prozent gemeldet hatte.

ILLUSTRATION: TOM MACKINGER

Zugmaschine der US-Wirtschaft ist

der Konsument. Dieser Tage wirkt

die Lokomotive allerdings reichlich

ramponiert. Die Konsumausgaben

sind bis Juli nur noch mit einer

durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate

von 3,2 Prozent gestiegen. Das ist der

geringste Wert seit 2009, obwohl die Einkommen

die höchste Wachstumsrate seit

2011 aufweisen. Die Amerikaner geben also

weniger von ihrem verdienten Geld aus.

5,7 Prozent des Einkommens im Juli wurden

auf die hohe Kante gelegt. Das ist die

höchste Sparquote seit 2012. Eine Nation

von Verschwendern wird vorsichtiger.

Für die US-Wirtschaft ist ein gesparter

Cent aber leider kein gewonnener Cent.

Bei der Berechnung des Bruttoinlandsprodukts

zählen die Verbraucherausgaben,

nicht die Ersparnisse. Daher führte der

Rückgang der Verbraucherausgaben im Juli

im Vergleich zum Juni zu einer Korrektur

der Konjunkturprognosen für das dritte

Quartal auf nun weniger als drei Prozent.

Warum geben die Leute ihr Geld nicht

aus? Gründe sind etwa der ungewöhnlich

kühle Sommer, der die Stromrechnungen

in Grenzen hielt, weil die Klimaanlagen

nicht so oft in Betrieb waren wie in vergangenen

Jahren. Oder auch demografische

Aspekte: Die Zahl der über 65-Jährigen –

die mit ihrem Geld vorsichtig wirtschaften

müssen, wenn es bis zum Ende reichen soll

– steigt rascher als die der Menschen, die

ihr maximales Einkommens- und Ausgabenniveau

erreicht haben.

Wesentlicher erscheint eine weniger

handfeste Tatsache: Die Amerikaner haben

die große Rezession psychologisch nach

wie vor nicht überwunden. In Stimmungsumfragen

schätzen sie die aktuelle Lage

zwar als gut ein. Weit weniger zuversichtlich

sind aber die Einschätzungen für die

Zukunft. Von denen jedoch hänge das

Konsumverhalten der Menschen ab, sagt

der Ökonom David Rosenberg von der Vermögensverwaltung

Gluskin Sheff. „Ein globaler

Finanzkollaps zieht immer Nachbeben

nach sich“, sagt er.

Das heißt nicht, dass die Konsumenten

nicht wieder zu kaufen beginnen – es geht

nur einfach langsamer, wie alles andere in

der Erholung nach der großen Finanzkrise.

Laut Ellen Zentner von Morgan Stanley

liegt das Verbrauchervertrauen erst jetzt

wieder auf einem durchschnittlichen

Niveau, obwohl sich die US-

Wirtschaft seit über fünf Jahren

auf Erholungskurs befindet. Immerhin:

Weil das Tempo des Aufschwungs

so moderat ist, hält die

Phase der wirtschaftlichen Expansion

länger an als in anderen

Konjunkturzyklen, die früher in

eine Überhitzung mündeten. Die

US-Wirtschaft könnte noch bis

Die beste

Geschichte aus

der aktuellen

Ausgabe von

dem führenden

amerikanischen

Magazin für

Geldanleger.

BÖRSENBOOM HEBT KAUFLAUNE

Eine Ausnahme bilden die auf wohlhabende

Käufer ausgerichteten Händler. Die Zukunftserwartungen

der Vermögenden orientieren

sich gewöhnlich an der Entwicklung

der Börsen, und die lässt ja seit zwei

Jahren nahezu euphorische Gefühle aufkommen.

Der Schmuckhändler Tiffany etwa

meldete gerade 16 Prozent Gewinnwachstum.

Direkt profitieren können Anleger von

der neuen Sparfreude mithilfe der Aktien

von börsennotierten Vermögensverwaltern.

All das gesparte Geld wolle auch angelegt

werden, sagt Rosenberg. Man könne

es auf ein Bankkonto legen oder in Geldmarktfonds

parken und dabei praktisch

nichts verdienen. Oder man könne es

arbeiten lassen, indem man es in Aktien,

Anleihen, Fonds oder börsennotierten

Indexfonds (ETFs) anlege. „Die Sparfreude

ist ein Gräuel für Einzelhändler, aber ein

Segen für Vermögensverwalter“, meint

Rosenberg.

Unter den Gewinnern dürfte der international

tätige US-Vermögensverwalter

Blackrock zu finden sein. Börsennotierte

ETFs sind bei den Anlegern zunehmend

hoch im Kurs, und davon profitiert iShares,

der ETF-Anbieter von Blackrock. Allein im

August flossen der Firma elf Milliarden

Dollar an neuen Mitteln zu, meldete Doug

Sipkin, der den Indexfondsanbieter für die

Susquehanna Financial Group beobachtet.

Die ETFs von iShares haben Recherchen

von Sipkin zufolge auch bei verwalteten

ETF-Portfolios voll eingeschlagen:

Ende Juni hatten die

13 größten Vermögensverwalter

rund 220 iShares-Produkte in

ihren Portfolios, gegenüber 168

noch ein Jahr zuvor. Sipkin

glaubt, der Kurs der Blackrock-

Aktie könnte noch um 15 Prozent

steigen, auf etwa 380 Dollar. n

ben levisohn | geld@wiwo.de

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 95

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Geld&Börse | Steuern und Recht

FLUGGASTRECHT

Geld gibt es ab drei Stunden

Airlines müssen Reisende entschädigen, wenn sie verspätete Flüge zu vertreten haben.

Derzeit streiken Piloten der Lufthansa. Passagiere

ärgern sich über verspätete oder ausgefallene

Flüge. Geld dafür gibt es nicht. So entschied

der Bundesgerichtshof, dass ein Streik ein ungewöhnlicher

Umstand ist, den die Fluggesellschaften

nicht zu vertreten haben (X ZR 104/13, X ZR

121/13). Gleiches gilt für Stürme, Vulkanausbrüche

oder Terroranschläge. Allerdings müsse

die Airline nachweisen, dass sie alles Zumutbare

getan habe, um Ausfälle und Verspätungen zu

verhindern, so die Richter. Zahlen müssen die

Airlines dagegen, wenn der Flug wegen eigenem

Verschulden verspätet war, etwa weil die Maschine

defekt oder der Flug überbucht war. Geld gibt

es allerdings nur, wenn die Verspätung mindestens

drei Stunden betrug. Die verlorene Zeit wird

RECHT EINFACH | Herbstlaub

Fallen im Herbst die Blätter von

den Bäumen, drohen durch das

Laub Unfälle und Streit. Oft

enden die Konflikte vor Gericht.

§

Gestürzt. Eine Passantin

stürzte auf dem Bürgersteig

auf feuchtem Laub und

brach sich die Schulter. Vom

Anrainer wollte sie 2500 Euro

Schmerzensgeld. Er habe den Gehweg

nicht ausreichend geräumt.

Die Richter lehnten ab, denn der

Beklagte habe kurz vor dem Unfall

Laub entfernt. Es sei den Anwoh-

nern nicht zuzumuten, den Bürgersteig

ständig zu räumen (Landgericht

Coburg, 14 O 742/07).

Zwangsarbeit. Ein Hausbesitzer

sollte nicht nur das Laub der Bäume

auf seinem Grundstück vom

Gehweg entfernen, sondern auch

die Blätter von drei Eichen, die auf

einer öffentlichen Fläche standen,

die an sein Grundstück grenzte.

Diese Auflage der Stadt empfand

der Eigenheimer als Zwangsarbeit

und klagte. Er fühle sich gegenüber

anderen Anwohnern benachteiligt.

gemessen, wenn sich am Zielflughafen die Tür

der Maschine öffnet (Europäischer Gerichtshof,

C-452/13). Holt der Pilot einen Teil der Verspätung

auf, sodass sie am Ziel weniger als drei Stunden

beträgt, gehen die Passagiere leer aus. Entschädigt

werden Reisende, die innerhalb der EU

fliegen und Passagiere von Airlines mit Sitz in der

EU, deren Flug zwar in einem Drittland startete,

aber auf einem Flughafen innerhalb der EU

endet. Wie hoch die Entschädigung ist, hängt von

der Flugstrecke ab. Bei bis zu 1500 Kilometern

sind es 250 Euro, bis 3500 Kilometern 400 Euro

und bei über 3500 Kilometern 600 Euro, wenn

der Flug mindestens vier Stunden verspätet war.

Passagiere können Entschädigungen bis zu drei

Jahre nach dem Flug geltend machen.

Vor Gericht hatte der Hausbesitzer

kein Glück. Das Laub der drei

Eichen zu entfernen sei zumutbar,

so die Richter (Verwaltungsgericht

Lüneburg, 5 A 34/07).

Oft genug gefegt. Ein Patient

stürzte auf seinem Weg vom Parkplatz

zum Haupteingang eines

Krankenhauses und fiel dabei auf

AKTIONÄRSRECHTE

Anleger

getäuscht

Zwei Anleger kauften im Oktober

2010 Aktien der neu gegründeten

Frankfurter Alpha-B Holding

im Wert von 300 000 Euro.

Die Aktien waren weder börsennotiert

noch handelbar.

Laut Treuhandvertrag sollte die

Alpha-B Holding eine Banklizenz

erwerben oder eine Bank

kaufen, um unter anderem Investmentbanking

und Handel

mit Forderungen zu betreiben.

Später stellte sich heraus, dass

das von Wing Yin Chan gegründete

Unternehmen ausschließlich

Immobilien kaufte und

verwaltete. Die Anleger fühlten

sich getäuscht und verklagten

Gründer Chan. Sie hätten sich

nicht beteiligt, wenn sie vom

tatsächlichen Geschäftsmodell

gewusst hätten. Sie bekamen

beim Landgericht Frankfurt

vorläufig recht (2–27 O 422/12).

Laut Urteil muss Chan die Aktien

zurücknehmen und den

Anlegern die 300 000 Euro plus

Zinsen zurückzahlen. Allerdings

ist das Urteil noch nicht

rechtskräftig. „Bis April 2011

soll Chan laut eigenen Angaben

mit Aktien und Wandelanleihen

der Alpha-B Holding bei

Anlegern insgesamt 5,3 Millionen

Euro eingesammelt haben“,

sagt Andreas M. Lang, Vorstand

der Kanzlei Nieding & Barth in

Frankfurt.

den Rücken. Grund für die Rutschpartie

war nasses Laub. Der

Patient wollte vom Krankenhaus

25 000 Euro Schmerzensgeld.

Trotz Rückenschmerzen bekam er

kein Geld. Das Krankenhaus habe

laut Zeugenaussagen etwa zwei

Stunden vor dem Unfall den Gehweg

von Laub gereinigt, so die

Richter. Es sei damit erwiesen,

dass das Krankenhaus die Wege

ausreichend oft von Blättern

befreit habe (Schleswig-Holsteinisches

Oberlandesgericht, 11 U

16/13).

FOTOS: GETTY IMAGES/ANADOLU AGENCY/ABDULSELAM DURDAK, SHOTSHOP.COM, PR

96 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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ERBSCHAFTSTEUER IN SPANIEN

Zu viel gezahlte Steuer zurückfordern

Der Europäische Gerichtshof

(EuGH) hat entschieden, dass

die spanische Erbschaftsteuer

gegen EU-Recht verstößt, weil

Ausländer, die ihren steuerrechtlichen

Wohnsitz nicht in

Spanien haben, eine höhere

Erbschaftsteuer zahlen müssen

als Einheimische (C-127/12).

Grund dafür, so Steuerberater

Gustavo Yanes aus Madrid, seien

regionale Vergünstigungen

bei der Erbschaftsteuer für die

in der betreffenden Region

wohnenden Steuerzahler. So

könnten Kinder, die von ihren

Eltern eine Immobilie erbten,

beispielsweise in Madrid oder

auf den Balearen, zusätzlich

EINKOMMENSTEUER

Yacht ist Privatsache

Unternehmer dürfen Aufwand,

der ausschließlich privaten

Zwecken dient, beispielsweise

für Segel- oder Motoryachten,

weder als Betriebsausgaben

von der Einkommensteuer

noch die auf den Kaufpreis entfallende

Mehrwertsteuer absetzen.

Dieses Verbot verstößt

nicht gegen geltendes EU-Recht

(Bundesfinanzhof, V R 34/13).

Allerdings gibt es eine Ausnahme.

Wenn der Unternehmer

seine Yacht gewerblich vermietet

und damit Gewinn erzielen

SCHNELLGERICHT

will, kann er den laufenden Aufwand

als Betriebsausgaben und

die beim Kauf gezahlte Mehrwertsteuer

absetzen. Nutzt der

Besitzer die Yacht überwiegend

selbst und vermietet sie nur gelegentlich

an Dritte, gibt es in

der Regel keinen Anspruch auf

Steuerabzug, weil sich damit

keine Gewinne erzielen lassen.

Einen Steuernachlass gibt es

immer nur dann, wenn der

Steuerzahler nachweisen kann,

dass der Aufwand zu Einkünften

führt.

einen persönlichen Freibetrag

in Anspruch nehmen. Aufgrund

des Urteils könnten Ausländer

vom spanischen Fiskus zu viel

gezahlte Erbschaftsteuer zurückverlangen,

so Yanes. Dies

sei in Fällen möglich, bei denen

die Erbschaft oder Schenkung

nicht mehr als vier Jahre zurückliege

oder der Steuerbescheid

noch nicht rechtskräftig

sei. Rückerstattungsanträge seien

bei der Zentralfinanzbehörde

in Madrid einzureichen, die

für Ausländer zuständig sei, die

ihren Steuerwohnsitz außerhalb

von Spanien hätten. Sollte

sich das Finanzamt darauf berufen,

dass die Ansprüche verjährt

seien, könnten die Steuerzahler

innerhalb eines Jahres

nach Veröffentlichung des

EuGH-Urteils gegen den spanischen

Staat einen Haftungsanspruch

wegen steuerlicher

Nachteile geltend machen. Diejenigen,

die in der Zukunft spanische

Erbschaftsteuer zahlen

müssen, könnten beim spanischen

Fiskus einen Zahlungsaufschub

beantragen bis das

Urteil des EuGH in nationales

Recht umgesetzt werde. Dabei

sollten die Betroffenen darauf

hinweisen, dass sie tatsächlich

durch eine regionale Vergünstigung

für andere Steuerzahler

benachteiligt werden.

ARZTHONORAR

Kein Geld für

neue Zähne

Wird ein Patient von einem

Kieferchirurgen nur unzureichend

über Alternativen zu

einer teuren Behandlungsmethode

und deren Risiken

aufgeklärt, muss er das Honorar

für den Arzt nicht zahlen (Oberlandesgericht

Hamm, 26 U

35/13). In diesem Fall hatte der

Kieferchirurg 42 000 Euro für

Implantate und eine Knochenaufbautherapie

im Kiefer der

Patientin in Rechnung gestellt.

GOLD-ZERTIFIKATE

ALEXANDER FÜRWENTSCHES

ist Fachanwalt

für

Steuerrecht in

der Kanzlei

Baker Tilly in

München.

n Herr Fürwentsches, drei

Finanzgerichte haben

entschieden, dass Gewinne

mit Xetra-Gold-Zertifikaten

steuerfrei sind. Entfällt

künftig die Abgeltungsteuer

auf diese Gewinne?

Banken und Finanzämter halten

sich nach wie vor an die

Vorgabe des Bundesfinanzministeriums,

dass diese Gewinne

steuerpflichtig sind. Die

anfallende Abgeltungsteuer

wird automatisch abgeführt.

Derzeit laufen zwei Verfahren

am Bundesfinanzhof, in

denen geklärt werden soll, wie

die Besteuerung solcher

Papiere auszusehen hat.

n Was können Anleger tun,

um ihre Ansprüche auf

Steuerfreiheit zu wahren?

Sie sollten innerhalb eines

Monats Einspruch gegen ihren

Steuerbescheid einlegen und

beantragen, das Steuerverfahren

bis zur Entscheidung

des BFH ruhen zu lassen. Ein

Urteil ist nicht vor 2016 zu

erwarten. Bis zu 15 Monate

nach Ende des Steuerjahres

darf sich das Gericht Zeit lassen.

Danach hätten Steuerzahler

Anspruch auf 0,5 Prozent

Zins pro Monat, falls der

BFH positiv entscheidet.

SCHADENSERSATZ WEGEN FALSCHER FARBE

§

Ein Mann hatte bei einem Autohändler einen Neuwagen

in einem bestimmten Grauton bestellt. Bei

der Lieferung stellte er fest, dass das Auto zwar grau

lackiert war, aber eben in einem anderen Grauton als

bestellt. Er wollte den Wagen umlackieren lassen –

auf Kosten des Händlers. Der weigerte sich, unterlag

jedoch vor Gericht. Der falsche Farbton sei ein erheblicher

Mangel, der zulasten des Händlers gehe (Landgericht

Ansbach, 1 S 66/14).

RASER MÜSSEN KOOPERIEREN

§

Wer als Autofahrer geblitzt wird, darf die Polizei

nicht daran hindern, festzustellen, wer den Wagen

gefahren hat, wenn ein Fahrverbot droht (Oberlandesgericht

Stuttgart, 4 Ss 225/14). Dazu gehöre auch

die Zusammenarbeit mit einem Sachverständigen,

der den Fahrer eindeutig identifizieren könne.

FACEBOOK HAFTET FÜRS AUSSPÄHEN

§

Der Betreiber einer Fan-Seite im sozialen Netzwerk

Facebook ist nicht dafür verantwortlich, dass

Facebook persönliche Daten auswertet und damit

möglicherweise gegen Datenschutzgesetze verstößt.

Staatliche Aufsichtsbehörden könnten diese Fan-

Seiten daher nicht einfach vom Netz nehmen (Oberverwaltungsgericht

Schleswig-Holstein, 4 LB 20/13).

Zunächst müssten sie sich an den wenden, der gegen

Datenschutzgesetze verstoßen habe, in diesem Fall

Facebook. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

n Sollte der BFH Gewinne

auf Xetra-Gold für steuerfrei

erklären, würde das auch für

andere Gold-Papiere gelten?

Die Gerichte haben zwei Bedingungen

für Steuerfreiheit

gestellt. Zertifikate müssen mit

physischem Gold hinterlegt

sein, und die Anleger dürfen

gegenüber dem Emittenten

nur das Recht haben, Papiere

gegen Gold einzutauschen,

nicht gegen Geld.

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 Redaktion: martin.gerth@wiwo.de

97

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Der Fiskus sollte

alle entlasten, die Aktien viele Jahre

halten. Die Soli-Abschaffung böte

die Gelegenheit. Von Martin Gerth

Wenig Hoffnung

Hoch hinaus

Stabile Gewinne

mit Anheuser-

Busch InBev

Der Solidaritätszuschlag

soll 2019 weg.

So will es Finanzminister

Wolfgang

Schäuble. Das würde auch Anleger

entlasten, denn auf die

25 Prozent Abgeltungsteuer,

beispielsweise für Kursgewinne,

kommt zusätzlich der Soli.

Dumm nur, dass Schäuble Aktionäre

gar nicht entlasten will.

Was mit dem Soli wegfällt, soll

an anderer Stelle draufgesattelt

werden, etwa bei der Abgeltungsteuer.

Angesichts der Niedrigzinsen

für Tagesgeld oder Lebensversicherungen

wäre es eigentlich

sinnvoll, wenn der deutsche

Durchschnittsanleger mehr Aktien

im Depot hätte. Wenn aber

ein großer Teil der Gewinne aus

Aktienanlagen in die Staatskasse

fließt, fehlt der Anreiz, Geld

langfristig und rentierlich anzulegen.

Umso leichter hätten es

die Rattenfänger vom grauen

Kapitalmarkt mit dem Versprechen,

zweistellige Renditen einzufahren.

Bis 2008 ließen sich Kursgewinne

auf Aktien nach Ablauf

der Spekulationsfrist von zwölf

Monaten steuerfrei zu Geld machen.

Davon haben auch Spekulanten

profitiert, denen es nicht

um langfristigen Vermögensaufbau,

sondern um den schnellen

Euro ging. Ein Comeback des alten

Steuerregimes wäre daher

nicht wünschenswert. Denkbar

wäre dagegen ein Modell, bei

dem innerhalb einer längeren

Spekulationsfrist von mehreren

Jahren der höhere individuelle

Steuersatz greift. Außerhalb dieser

Frist wäre ein pauschaler

Steuersatz zu zahlen, der deutlich

niedriger ist.

Der Charme eines solchen

Modells läge auf der Hand. Wer

langfristig mit Aktien spart,

müsste weniger an den Fiskus

abgeben, Zocker dagegen mehr.

In einer idealen Welt ließe sich

damit spekulative Luft aus dem

Markt nehmen. Die Finanzmärkte

sind jedoch alles andere als

ideal. Wer professionell im

Sekundentakt mit Aktien spekuliert,

wird sich immer einer

Besteuerung entziehen können.

Wem es in Europa zu teuer wird,

verschwindet flugs in einem

Steuerparadies jenseits des

Atlantiks. Auch eine Finanztransaktionsteuer

wird daran

nichts ändern. Mit einer modifizierten

Abgeltungsteuer ließe

sich aber die Aktienkultur in

Deutschland verbessern. Das

wäre zumindest ein kleiner Fortschritt.

ANGST VOR LOBBYISTEN

Dass es zu einem solchen Fortschritt

kommt, ist wenig wahrscheinlich.

Wenn langfristiges

Sparen mit Aktien steuerlich

besser gestellt wäre, dann dürfte

die Versicherungslobby aufschreien

und ähnliche Vergünstigungen

für ihre Spar-Policen

einfordern. Schäuble hat aber

klargemacht, dass er die Steuerzahler

netto nicht entlasten will.

Mehr Sparen mit Aktien würde

also zunächst weniger Staat

erfordern. Derzeit traut sich jedoch

kein Politiker zu sagen, wo

der Rotstift anzusetzen wäre.

Zu groß ist die Angst vor den

Lobbyisten und der Strafe durch

den Wähler. Lieber werden in

Berlin teure Geschenke verteilt,

beispielsweise die Rente mit 63.

So bitter es ist: Aktionäre

können froh sein, wenn ihnen

nach der nächsten Steuerreform

von Kursgewinnen und Dividenden

genau so viel bleibt wie

bisher.

TREND DER WOCHE

Drei Vorteile für Europa

Niedrige Zinsen, der schwache Euro und defensive

Klassiker stützen den europäischen Aktienmarkt.

Die Konjunkturaussichten in

Europa sind zwar trübe, und die

Sanktionen gegen Russland

dämpfen zusätzlich. Dafür aber

fährt die Europäische Notenbank

auf absehbare Zeit einen

expansiven Kurs. Das drückt die

Zinsen und macht europäische

Aktien im Vergleich zu Anleihen

attraktiv. Allein die durchschnittliche

Dividendenrendite

im Aktienindex Euro Stoxx ist

mit 3,5 Prozent dreieinhalbmal

so hoch wie die Rendite der in

Europa führenden deutschen

Staatsanleihen.

Zweiter Vorteil: Der seit einigen

Wochen besonders schwache

Euro bedeutet Rückenwind

für europäische Unternehmen,

die ohnehin stark auf Exporte

ausgerichtet sind. Beim Flugzeugbauer

Airbus etwa hebt ein

Dollar-Cent weniger im Euro-

Kurs das Ergebnis um 100 Millionen

Euro. Während es zum

Halbjahr wegen des vorher starken

Euro bei zahlreichen Unternehmen

Enttäuschungen gab,

sind wegen des nun schwachen

Euro demnächst positive Überraschungen

in Sicht.

Für den Euro Stoxx kommt

ein Rechenvorteil hinzu: Seit

Bankaktien im Zuge der Finanzkrise

an Börsenwert verloren

haben, dominiert diese anfällige

Branche den Index nicht

mehr. Top-Aktien im Euro Stoxx

sind derzeit defensive Klassiker,

die vor allem in Krisenzeiten

gefragt sind: Brauer Anheuser-

Busch InBev, Ölbohrer Total

oder Pharmariese Sanofi – Letzterer

derzeit sogar mit besonderem

Potenzial (siehe Seite 100).

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 11.9.2014 / 18.00 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9691,28 –0,3 +14,1

MDax 16146,88 –1,2 +8,5

Euro Stoxx 50 3237,76 –1,2 +13,1

S&P 500 1992,88 –0,2 +18,0

Euro in Dollar 1,2928 –0,7 –2,6

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 0,99 +0,04 2 –1,00 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,53 +0,10 2 –0,39 2

Rohöl (Brent) 3 98,26 –4,1 –12,2

Gold 4 1241,25 –2,4 –9,0

Kupfer 5 6829,00 –2,0 –4,7

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 959,75 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, REUTERS/FRANCOIS LENOIR, BLOOMBERG NEWS/CHRIS RATCLIFFE

98 Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Stuttgarter Sternfahrt

Die Aussicht auf Top-Verkaufszahlen, mehr Gewinn

und neue Elektroflitzer beschleunigen Daimler.

HITLISTE

Das holprige Lastwagengeschäft

in Brasilien und Russland,

die Gefahr einer Kartellstrafe

in China und die Angst

vor einem Konjunktureinbruch

in Europa haben Daimler-Aktien

einen Dämpfer versetzt.

Nach harten Zahlen

allein aber stehen die Stuttgarter

vor einem Rekordjahr.

Dank acht Prozent Absatzplus

bis August dürfte Daimler

selbst inklusive Lastwagen und

Bussen in diesem Jahr mehr

als 2,4 Millionen Fahrzeuge

verkaufen; so viele wie noch

nie. In den USA wird der Ausbau

des Werks in Alabama den Absatz

beflügeln; in China laufen

die ersten mit dem Elektrospezialisten

BYD hergestellten

E-Autos vom Band. Für drei Milliarden

Euro modernisiert Daimler

seine weltweite Produktion,

das hebt die Margen. Schon die

2014 möglichen 6,5 Milliarden

Euro Nettogewinn ergeben eine

günstige Börsenbewertung. Dass

die Aktien des E-Auto-Herstellers

Tesla durch die Decke gehen,

freut Aktionäre zusätzlich;

Daimler gehören zehn Prozent.

Schotten dicht Britisches Schatzamt tilgt lieber später

ZINSEN

Londoner Geschick

So langfristig wie das Vereinigte Königreich hat sich

keine andere große Industrienation verschuldet.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2014 2015 2015

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 9691,28 –0,3 +14,1

Aktie

Stand: 11.9.2014 / 18.00 Uhr

Adidas 57,38 –3,1 –29,0 3,10 3,65 16 12005 2,61

Allianz 133,40 –0,2 +17,6 13,83 14,04 10 60824 3,97

BASF NA 77,17 –2,2 +10,8 5,80 6,29 12 70879 3,50

Bayer NA 106,40 +0,7 +26,2 5,98 6,96 15 87987 1,97

Beiersdorf 66,64 –4,3 +2,6 2,48 2,75 24 16793 1,05

BMW St 90,00 –1,7 +12,5 9,00 9,43 10 58049 2,89

Commerzbank 12,70 +1,8 +35,8 0,55 0,98 13 14453 -

Continental 166,05 –0,3 +30,3 12,85 14,30 12 33211 1,51

Daimler 63,21 –1,4 +11,3 6,19 6,83 9 67599 3,56

Deutsche Bank 27,28 +1,0 –18,6 2,31 3,27 8 27804 2,75

Deutsche Börse 53,68 –3,1 –1,9 3,66 4,02 13 10360 3,91

Deutsche Post 25,38 –1,2 +9,3 1,71 1,85 14 30685 3,15

Deutsche Telekom 11,65 –0,3 +18,8 0,62 0,65 18 51856 4,29

E.ON 14,35 ±0 +6,7 0,94 0,97 15 28704 4,18

Fresenius Med.C. St 54,89 +1,6 +12,1 3,53 3,94 14 16881 1,40

Fresenius SE&Co 39,28 +4,9 +32,4 2,03 2,35 17 8865 3,18

Heidelberg Cement St 57,17 –2,0 +2,5 3,93 4,95 12 10719 1,05

Henkel Vz 82,97 +1,2 +12,9 4,29 4,67 18 34563 1,47

Infineon 9,06 +0,7 +21,8 0,44 0,53 17 9788 1,33

K+S NA 24,86 +2,7 +18,7 1,61 1,64 15 4758 1,01

Lanxess 47,87 +2,4 –7,5 2,07 3,20 15 3983 1,04

Linde 154,30 +1,4 +4,3 7,78 8,80 18 28646 1,94

Lufthansa 13,63 +0,2 –2,4 1,47 2,37 6 6267 -

Merck 68,05 +1,7 +21,6 4,63 4,83 14 4397 2,79

Münchener Rückv. 153,45 –0,4 +8,3 17,54 17,55 9 27520 4,72

RWE St 31,58 +1,0 +26,0 2,21 2,30 14 19138 3,17

SAP 59,87 –0,2 +10,1 3,39 3,75 16 73551 1,84

Siemens 97,54 –1,1 +10,8 6,45 7,36 13 85933 3,08

ThyssenKrupp 21,94 +0,2 +33,9 0,56 1,21 18 11288 -

Volkswagen Vz. 176,30 –0,6 –1,3 21,52 24,04 7 81667 2,30

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

Historisch hohe Schulden

werden mit historisch tiefen

Zinsen belohnt. Marktwirtschaft

ist das nicht, aber sei’s

drum. Fakt ist:Notenbanken

haben dafür gesorgt, dass Regierungen

ihre Schuldenberge

so günstig finanzieren wie

noch nie. Die Gunst der Stunde

gilt es zu nutzen – durch

die Ausgabe von Staatsanleihen

mit möglichst langen

Laufzeiten. Am weitesten ist

die Regierung des Vereinigten

Königreiches. So langfristig

wie sie hat sich keine andere

Regierung eines Industrielandes

verschuldet. Knapp die

Hälfte ihrer Schulden von umgerechnet

2613 Milliarden Euro

werden erst von 2025 an fällig,

ein Viertel gar erst nach 2035.

Gemeinsam müssen sich Engländer,

Waliser, Nordiren und

Schotten kaum Sorgen machen,

abrupt vom Kapitalmarkt abgeschnitten

zu werden. Vorteil

auch: Gut 70 Prozent der Schulden

liegen im Königreich, und

die Souveränität über die eigene

Währung ist gewährleistet,

wenn alle an ihr festhalten.

Welche Summen Zentralregierungen in den nächsten Jahren für Rückzahlung

und Zinsen ihrer Altschulden aufbringen müssen

Fälligkeitsjahr

2014

2015

2016

2017

2018

2019

2020

2021

2022

2023

2024

≥ 2025

USA

Betrag 1

1190

1670

1464

1087

928

866

633

562

350

352

219

1707

1 Kapitalbetrag plus Zinsen in Milliarden Euro, 2 in Prozent der Gesamtschuld;

Quelle: Bloomberg

% 2

11

15

13

10

8

8

6

5

3

3

2

15

Japan

Betrag 1

1205

1068

801

561

568

470

339

342

338

334

270

1742

% 2

15

13

10

7

7

6

4

4

4

4

3

22

UK

Betrag 1

64

172

149

156

134

173

125

101

136

65

75

1263

% 2 2

7

6

6

5

7

5

4

5

2

3

48

Italien

Betrag 1

149

339

228

244

172

170

128

150

87

98

75

444

% 2 7

15

10

11

8

7

6

7

4

4

3

19

Frankreich

Betrag 1

165

265

189

161

141

141

115

99

97

99

66

412

% 2 8

14

10

8

7

7

6

5

5

5

3

21

Deutschland

Betrag 1

Total 11026 100 8039 100 2613 100 2284 100 1950 100 1394 100

64

202

170

110

125

102

93

67

73

79

55

255

% 2 5

14

12

8

9

7

7

5

5

6

4

18

WirtschaftsWoche 15.9.2014 Nr. 38 99

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Geld&Börse | Geldwoche

AKTIE Sanofi

Aufholjagd mit

Biotech-Power

46 Projekte in der Pipeline

Sanofi-Labor nahe Lyon

Mit mehr als zehn Prozent

Kursplus seit Mitte Juli gehört

der französische Pharmakonzern

Sanofi derzeit zu den

Top-Performern unter den

europäischen Blue Chips.

Billig ist die Aktie angesichts

einer Gewinnbewertung

(KGV 2014) um 16 nicht mehr.

Doch das Geschäftsmodell ist

vielversprechend, die Finanzierung

solide (57 Prozent

Eigenkapitalquote) und die

Dividendenrendite auskömmlich.

Nach dem schwachen Jahr

2013, in dem der Nettogewinn

um ein Fünftel schrumpfte,

läuft bei Sanofi die Aufholjagd.

Bei seinem Schwerpunkt,

Medikamente gegen

Diabetes, hat Sanofi zwei

wichtige Erfolge erzielt: Zum

einen wurde mit dem amerikanischen

Biotechniker

MannKind eine Partnerschaft

geschlossen, die nächstes Jahr

inhalierbares Insulin auf den

Markt bringen soll. Zum anderen

hat Sanofi durch eine

Patentklage seinen Blockbuster

Lantus bis voraussichtlich

2016 vor Nachahmerprodukten

geschützt. Insulin und

Präparate bei Diabetes sind

ein Massenmarkt. Der Internationale

Diabetes-Verband

befürchtet, dass die Zahl der

Kranken von derzeit 380 Millionen

in zwei Jahrzehnten

auf fast 600 Millionen steigen

könnte.

Ebenfalls neu auf den Markt

dürfte 2015 ein Impfstoff gegen

Dengue-Fieber kommen. Jährlich

erkranken etwa 100 Millionen

Menschen an dem von

Stechmücken übertragenen Virus.

Insgesamt arbeitet Sanofi

derzeit an 46 Projekten und

Wirkstoffen, zwölf davon in fortgeschrittener

klinischer Entwicklung

oder schon bei Zulassungsbehörden

eingereicht.

Einen immer größeren Anteil

von Medikamenten stellt Sanofi

biotechnologisch her. Vor drei

Jahren hatten die Franzosen

den US-Biotechnikkonzern

Genzyme gekauft. Sechs Milliarden

Euro stecken sie nun in

den Ausbau dieses Geschäftsfeldes,

indem sie am Standort

Frankfurt die Entwicklung und

industrielle Produktion von

Biopharmazeutika zusammenfassen.

Im Gegenzug laufen

Überlegungen, ein ganzes Bündel

älterer Medikamente zu verkaufen,

darunter klassische

Blutverdünner und Antibiotika.

Das insgesamt zum Verkauf stehende

Umsatzvolumen von gut

zwei Milliarden Euro könnte

Verkaufserlöse von mehr als

sechs Milliarden einspielen.

Sanofi

ISIN: FR0000120578

85

75

65

55

45

35

2006 2008 2010 2012 14

Kurs/Stoppkurs (in Euro): 85,06/72,30

KGV 2014/2015: 16,4/14,8

Dividendenrendite (in Prozent): 3,3

Chance

Risiko

Niedrig

Quelle: Thomson Reuters

200-Tage-Linie

Hoch

AKTIE Yara International

Keine Ernteausfälle für

Aktionäre zu befürchten

Getreide und Ölsaaten sind in

diesem Jahr spürbar preiswerter

geworden. Weizen, Mais

und Sojabohnen verbilligten

sich an den Terminmärkten

um bis zu 20 Prozent. Dafür

gesorgt haben die Erwartung

auf hohe Ernten in den USA

und ein Anstieg der weltweiten

Lagerbestände. Rückläufige

Agrarpreise drücken die

Einkommen der Landwirte.

Sie könnten gezwungen werden,

in der nächsten Saison

zu sparen – auch an Düngemitteln.

Doch während auf

den Einsatz von Kalidünger

über einen längeren Zeitraum

verzichtet werden kann, ohne

dass direkt Einbußen bei den

Ernteerträgen drohen, muss

Stickstoffdünger regelmäßig

ausgebracht werden.

Yara International ist der

weltgrößte Anbieter von Mineraldünger

und auf Stickstoffdünger

spezialisiert. Der

an der Börse Oslo mit 85,6

Milliarden Kronen oder umgerechnet

10,4 Milliarden Euro

bewertete Düngemittelkonzern

hat es 2013 geschafft,

rückläufige Düngemittelpreise

durch höhere Mengen ausgleichen.

Maßgeblich dazu

beigetragen hat das Ende

2012 für 750 Millionen Dollar

Feldarbeit

Mit mehr Absatz Preisrückgang

kompensiert

übernommene Düngemittelgeschäft

des US-Agrarriesen Bunge

in Brasilien. Für 2014 rechnen

Analysten wieder mit

einem Erlösanstieg von vier

Prozent auf 88,2 Milliarden Kronen

und einem Nettogewinn

von 7,5 Milliarden Kronen,

nach 5,7 Milliarden Kronen

2013. Die energieintensive

Düngerproduktion wird derzeit

durch die fallenden Energiepreise

entlastet. Yara ist solide

finanziert. Die Mittelzuflüsse

reichen aus, um auch in schwierigen

Phasen gute Dividenden

zu zahlen – ohne Abstriche bei

Investitionen zu machen.

Yara International

ISIN: NO0010208051

450

350

250

150

100

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

50

2005 2010 14

Kurs/Stoppkurs (in NOK): 310,10/260,00

KGV 2014/2015: 11,7/11,9

Dividendenrendite (in Prozent): 3,5

Chance

Risiko

Niedrig

Quelle: Thomson Reuters

Hoch

FOTOS: REUTERS/ROBERT PRATTA, OLE WALTER JACOB, CORBIS/REUTERS/NACHO DOCE, PR

100 Redaktion: Geldwoche+Zertifikate: Frank Doll, Anton Riedl

Nr. 38 15.9.2014 WirtschaftsWoche

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ZERTIFIKAT Kaffee

Brasilianische

Bohnen-Hausse

ANLEIHE DIC Asset

Frankfurt

vor Zypern

Handarbeit Schwache Ernten

machen Kaffee kostbarer

In der Erntesaison 2013/14

produzierte Brasilien 53,7 Millionen

Säcke Kaffee zu 60 Kilo

pro Sack. Mit einem Marktanteil

von rund 36 Prozent ist das

Land der mit Abstand größte

Kaffeeproduzent der Welt. Bei

hochwertigen Arabica-Bohnen,

von denen es 39,4 Millionen

Säcke produzierte, kommt

Brasilien gar auf 46 Prozent.

Die brasilianischen Ernten unterliegen

in der Regel einem

Zweijahreszyklus, bei dem sich

ertragsschwache und ertragsstarke

Jahre abwechseln. Die

im April angelaufene Saison

hätte demnach eine gute werden

müssen. Die Prognosen

für die Gesamternte reichten

bis zu 60 Millionen Säcke.

Doch die extreme Dürre in

wichtigen Anbauregionen hat

die Kaffeepflanzen in einer für

das Wachstum der Kirsche

kritischen Phase erwischt. Die

Pflanzen waren zudem wegen

des hohen Ernteertrags im Vorjahr

strapaziert, Kaffeebauer

sparten wegen der damals tiefen

Kaffeepreise bei Düngung

und Pflanzenschutz. Entsprechend

dramatisch reduziert

haben sich die Ernteprognosen

für Arabica aus Brasilien.

Sie liegen jetzt um bis zu 36

Prozent unter Vorjahr. Der

Dürreschock trieb den Preis

für Arabica im April in der

Spitze auf 210 Dollar-Cent pro

Pound (454 Gramm). Durch

Verkäufe aus Lagerbeständen

wurde der Preisanstieg nur

kurz gedeckelt, die Hausse geht

weiter.

Das Verhältnis der weltweiten

Lagerbestände zum Verbrauch

dürfte nach Schätzungen der

Rohstoffexperten des Vermögensverwalters

Lupus Alpha am

Ende der aktuellen Saison auf

10,8 Prozent sinken. Das wäre so

niedrig wie zuletzt 2011/12 und

rechtfertigte Preise zwischen 250

bis 300 Cent pro Pound. Zumal

die Lagerbestände weiter fallen

dürften. Weil die Kaffeepflanzen

im März und April bereits neue

Triebe für die Ernte des Folgejahres

bilden, wird die brasilianische

Dürre auch die Erträge

2015/16 belasten. Neue Anpflanzungen

versprechen keine

rasche Entlastung, weil Kaffeepflanzen

drei Jahre wachsen

müssen, bevor sie Erträge abwerfen.

Denkbar, dass Kaffeeröster

in ihren Mischungen Arabica

durch Robusta ersetzen.

Doch diese Substitutionsmöglichkeit

sei begrenzt, sagen die

Kaffee-Bullen von Lupus Alpha.

Kaffee

320

260

220

200

180

160

140

120

ICE Coffee „C“ Future

100

09 10 11 12 13 14

in US-Cent je Pound (lb)*

Indexzertifikat

Kurs/Stoppkurs (in Euro): 53,30/42,30

Laufzeit: unbegrenzt

Kauf-Verkaufs-Spanne (in Prozent): 1,5

ISIN: DE000VT1FCL1

Chance

Risiko

Niedrig

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

Hoch

* 1 lb = 453,9524 Gramm; das Zertifikat bezieht

sich auf den JPMCCI Coffee Total

Return Index; Quelle: Thomson Reuters

Miete mit Aussicht DIC-

Geschäftshaus Bochumer Fenster

Das Immobilienunternehmen

DIC Asset kündigt seine 2011

herausgegebene Anleihe mit

ursprünglicher Laufzeit bis

2016 (ISIN: DE000A1KQ1N3)

vorzeitig und gibt dafür eine

neue heraus. Die alte Anleihe

hatte einen Kupon von 5,875

Prozent, die neue einen von

4,625 Prozent. DIC senkt damit

seine Zinskosten. Immerhin,

bei Kursen um 101,50

Prozent bringt die neue Anleihe

Anlegern noch immer 4,3

Prozent Jahresrendite. Um

eine solche Rendite bei fünf

Jahren Laufzeit in Euro zu

bekommen, müsste man Anleihen

von Krisenstaaten wie

Griechenland oder Zypern

kaufen. Da liegt – für einen

überschaubaren Betrag – ein

Investment in Frankfurt doch

näher. Kündbar ist die neue

Anleihe nicht mehr.

DIC Asset, 2002 in Frankfurt

als Ableger der DIC-Gruppe

gegründet, konzentriert sich

auf Gewerbeimmobilien. Derzeit

umfasst das Portfolio 246

Objekte mit insgesamt 1,8

Millionen Quadratmetern,

vor allem in deutschen Ballungszentren.

Der anteilige

Wert der Immobilien beträgt

2,4 Milliarden Euro; acht Prozent

mehr als vor einem Jahr.

Die durchschnittliche Dauer

der Mietverträge liegt bei

knapp fünf Jahren. Als neue

Mieter kamen in den vergangenen

Monaten etwa das

Oberlandesgericht in Oldenburg

oder der Fußbodenhersteller

Floortex in Mannheim

hinzu. Insgesamt stiegen die

Mieteinnahmen im ersten

Halbjahr – auch dank Zukäufen

– um ein Fünftel auf 66

Millionen Euro. Im Gesamtjahr

sind rund 130 Millionen

Euro möglich. Die Leerstandsquote

ist mit 11,5 Prozent

zwar hoch, hat sich aber in

den vergangenen drei Jahren

schon etwas verringert.

Zweites Standbein von DIC

sind Projektentwicklungen, Beteiligungen

und Spezialfonds.

Dieses Geschäft ist riskanter als

das reine Vermieten, kann aber

mehr einbringen. Dass DIC Beteiligungen

an Projekten wie etwa

dem Frankfurter MainTor

oder dem Hamburger Opera

Office vor Baubeginn verkauft,

verringert die Kapitalbindung

und senkt damit das Risiko.

Insgesamt kletterte der operative

Gewinn (vor Abschreibungen,

Steuern und Gewinnen aus

Verkäufen und Entwicklungsprojekten)

im ersten Halbjahr

um zwei Prozent auf 23,6 Millionen

Euro. Der für 2014 angepeilte

Gewinn von 48 Millionen sollte

kein Problem sein. Die

Finanzschulden haben sich mit

1,72 Milliarden Euro seit Jahresanfang

leicht verringert, die Eigenkapitalquote

in der Bilanz ist

mit 31 Prozent solide. Dass die

Eigenmittel (Ende Juni: 790 Millionen

Euro) in den vergangenen