ABSTRACT - W.I.R.E - The Wire

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ABSTRACT - W.I.R.E - The Wire

AUSZUG

N o 1 — 2 011

ABST RAC T

Ideen, fAKTEN UNd Fiktionen


Land in Sicht

Zur Zukunft des Ruralen

Und weitere Geschichten über die

Vermessung der Kultur,

Kristallkugeln für Finanzblasen

und die Anti-Jetlag-Pille

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inhalt

Land in sicht

12 Stadt und Land müssen Gegensätze bleiben

Interview mit Mike Guyer

20 Grabopoly

Von Michèle Wannaz

30 Von Satelliten und Pflugscharen

Interview mit Jürg Minger

38 Mehr Bäume!

Von Guido Hager

44 Die Bekehrung zur Entsiedelung

Von Matthias Gnehm

60 Wenn das Land an die Börse ginge ...

Von Burkhard Varnholt

62 Standgericht für Iseblitz

Von Gerd Folkers

66 Wenn Stadt und Land sich versöhnen

Von Michael Pawlyn

74 Fluchtpunkte der ruralen Zukunft

Von Robert Huber und Alina Günter

84 Metamap

88 Ideen

Fakten, Trends und Visionen, die den Zeitgeist prägen

160 From Fiction to Science

166 Kultur & Gadgets

180 Ag e n da


Stadt und Land

müssen

Gegensätze

bleiben

Interview mit Mike Guyer

Das Land wird als Siedlungsraum wieder attraktiv, glaubt

der Zürcher Architekt Mike Guyer. Dazu müssen aber die

komplementären Qualitäten von Stadt und Land gewahrt

werden. Denn es sind vor allem die traditionellen Werte des

Lands, die im globalisierten Zeitalter ein nationales Zugehörigkeitsgefühl

und ein Gespür für sich selbst vermitteln.

Gespräch: Simone Achermann

Mit der fortschreitenden Urbanisierung häufen sich die

Visionen von der Metropole der Zukunft. Über die Entwicklung

des Lands als Gegenpol zur Stadt macht sich aber kaum

einer Gedanken. Warum?

Bei diesen Visionen ist man auf das Thema, die Stadt der

Zukunft, fokussiert. Um möglichst prägnant und überzeugend

zu wirken, wird dabei alles andere ausgeblendet – wie

auch das Land. Es liegt in der Natur dieser Konzepte, dass

sie sich durch eine selektive Wahrnehmung auf das vermeintlich

Wesentliche konzentrieren. Doch es gibt auch


land in sicht

differenzierte, «leisere» Betrachtungen, wie zum Beispiel die

Studie «Die Schweiz, ein städtebauliches Portrait» (2005)

des ETH-Studios Basel, in der die Wechselwirkungen und

gegenseitigen Abhängigkeiten von Stadt und Land umfassend

untersucht und beschrieben wurden.

Aus Gründen der Nachhaltigkeit ist die Verdichtung der

Bevölkerung im urbanen Raum sinnvoll. Gehört das Land

als Siedlungsraum der Vergangenheit an?

Das Land soll entsprechend seinen Möglichkeiten vor allem

landwirtschaftlich genutzt werden und der Freizeit, der

Erholung und dem Tourismus dienen. Doch wenn man auf

dem Land Natur unverfälscht erleben kann, wird das für

viele Menschen als Alternative zum Leben in der Stadt immer

attraktiver werden. Allerdings verliert zersiedeltes

Land oder die sogenannte Zwischenstadt, wie wir sie in der

Schweiz immer häufiger antreffen, mit ihrer Gleichförmigkeit

und Unentschiedenheit die Anziehungskraft und ist

als Lebensraum auf längere Sicht nur schwer zu ertragen.

Was kann denn in einem so dicht bewohnten Raum wie der

Schweiz gegen die Zersiedelung unternommen werden?

Die Zersiedelung des schweizerischen Mittellands in den

letzten Jahrzehnten ist darum so verheerend, weil sich die

Gegensätze der bebauten und nicht bebauten Gebiete zunehmend

angleichen und die konträren Qualitäten von

Stadt und Land unterzugehen drohen. Es ist darum wichtig,

dass das Wachstum der Städte wie der Dörfer auf die

jetzt beanspruchten Flächen begrenzt wird und die scheinbar

unendliche horizontale Ausdehnung zugunsten einer

Verdichtung gestoppt wird. Die landschaftlichen Leerräume

sollten geschützt, die städtischen Siedlungsgebiete

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verdichtet und die Gegensätzlichkeit dieser beiden Teile

geschärft werden – auch wenn dies einen beachtlichen Eingriff

in die Autonomie der Gemeinden darstellt und

private Besitzverhältnisse tangieren kann.

Eine aktuelle Diskussion in der Schweiz dreht sich um die

unterschiedlichen Abstimmungsresultate in ländlichen und

städtischen Gebieten. Wie stark prägt das räumliche Umfeld

die Werthaltung?

Natürlich sind Menschen durch ihr städtisches oder ländliches

Umfeld stark geprägt, vor allem wenn sie am gleichen

Ort arbeiten und leben. Die Mentalitäten sind wegen der

unterschiedlichen Lebensbedingungen anders: Die Stadt ist

dynamischer, gegenüber Neuem aufgeschlossener, abgehobener,

anonymer; das Land ist träger, gegenüber Fremdem

misstrauischer, geerdeter, intimer. Die zunehmende Mobilität

zeigt aber, dass viele Menschen täglich als Pendler oder

in ihrer Biografie mehrmals ihr Umfeld wechseln und damit

die Qualitäten beider Bereiche schätzen und zu verbinden

wissen.

Und global gesehen: Fühlt sich ein Londoner nicht verbundener

mit einem Berliner als mit einem englischen Bauern?

Nein. Ich glaube, das Bewusstsein nationaler Identität hat

durch die zunehmende Globalisierung eher an Bedeutung

gewonnen. Ein Londoner Banker mag sich mit seinem Berliner

Kollegen geschäftlich sehr gut verstehen, er wird sich

aber dank gleicher Herkunft, Sprache und Bräuche dem englischen

Bauern trotz des Stadt-Land-Gegensatzes verbundener

fühlen.


land in sicht

Führt die kulturelle Nivellierung internationaler Grossstädte

also dazu, dass nationale Identität zusehends über

die traditionellen ländlichen Werte einer Nation entsteht?

Ja, Städter besinnen sich in der globalisierten Welt wieder

vermehrt auf die eigenen Werte und finden diese auf dem

Land. Sie entdecken von Neuem die Qualitäten von herkömmlichen

Speisen, Stoffen, traditionellen Architekturen,

naturverbundener Lebensweise und versuchen, diese in ihr

städtisches Leben zu übertragen. Je ausgeprägter die Gegensätze

zwischen Stadt und Land sind, desto besser funktionieren

Transfers von ursprünglichen Werten. Durch die radikale

Urbanisierung wird die Lebensweise der Bevölkerung

städtischer, künstlicher, der Natur entfernter – und umso

mehr werden die Städter das Land und die Verbundenheit

mit der Natur wertschätzen. Das Land hinkt der Stadt, was

Wirtschaft, Wissenschaft, Innovation, Kultur, Dynamik

betrifft, hinterher. Aber die Städter können auf dem Land

mit der Verlangsamung des Lebens wieder zu sich selbst

und zu gemeinschaftlichen Werten finden.

Was ist Ihre persönliche Vision vom Land?

In der menschlichen Phantasie wird das Land immer der

Ort des paradiesischen Seins und Wohnens bleiben. In der

Realität einer kontinuierlich wachsenden Bevölkerung

muss dem Land der Zukunft und seiner Vegetation aber

nachhaltig Sorge getragen werden. Es soll in wichtigen Teilen

allen gehören und dadurch der Spekulation entzogen

werden. Und es soll als Gegensatz zu den stark verdichteten

Lebensbedingungen in den Städten hoch geschätzt und

deshalb ein wichtiger Teil der nationalen Identität sein.

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Mike Guyer ist ein Zürcher Architekt. Nach dem Erwerb seines

ETH-Diploms und mehreren Lehrjahren bei Herzog & de

Meuron sowie beim Office for Metropolitan Architecture

gründete Guyer zusammen mit Annette Gigon das Architekturbüro

Gigon/Guyer. Insbesondere im Museumsbereich haben

sich Gigon/Guyer mit Bauten wie dem Museum Liner,

dem Archäologischen Park Kalkriese oder dem Kirchner-Museum

in Davos internationale Reputation verschafft. Ihr

jüngstes Werk ist der Prime Tower in Zürich.


Kontakt

sia@thewire.ch

Redaktion

Simone Achermann

Redaktionsleitung, Researcherin W.I.R.E.

Dr. Stephan Sigrist

Leiter W.I.R.E.

Dr. Burkhard Varnholt

CIO Bank Sarasin & Cie AG

Prof. Dr. Gerd Folkers

Direktor Collegium Helveticum

Redaktionelle Mitarbeit

Daniel Bütler, Michèle Wannaz, Florian Huber,

Beate Kittl, Annina Coradi, Sarah Jäggi

Gestaltung

Kristina Milkovic

Grafikleitung W.I .R.E.

Gestalterische Mitarbeit

Marcel Morach

LEKTORAT und Druck

Neidhart + Schön AG

Partner

Verlag Neue Zürcher Zeitung

Disclaimer: Diese Publikation dient nur zu Informationszwecken. Soweit hierin auf die Bank

Sarasin & Cie AG Bezug genommen wird, stellt sie kein Angebot und keine Aufforderung seitens

der Bank Sarasin & Cie AG zum Kauf oder Verkauf von Wertschriften dar, sondern dient allein

der Kommunikation. Dargestellte Wertentwicklungen der Vergangenheit sind keine verlässlichen

Indikatoren für die künftige Wertentwicklung. Aus Gründen der sprachlichen Einfachheit verwenden

wir in dieser Publikation in der Regel nur die maskuline Form. Dabei sind Frauen selbstverständlich

immer mitgemeint. Wir erlauben uns den Hinweis, dass das grammatische nicht mit

dem biologischen Geschlecht identisch ist.

Bildnachweis:

Titelillustration: Stephan Troll (www.trollinteriors.ch)

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