Bio & Business - Travel ONE

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Bio & Business - Travel ONE

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Bio &

Business

In der Stadthotellerie ist Ökologie meist noch ein Randthema. Travel One stellt

vier Häuser vor, die darauf in unterschiedlicher Weise den Schwerpunkt legen.

Johannes Arndt fährt mit dem Zeigefinger

die Spirale über dem Waschbecken

nach. »Wir haben den Jura-Marmor so

schneiden lassen, dass man die Versteinerung

erkennt«, sagt er und sucht in der

Wandverkleidung nach einer weiteren

Schnecke. So zufällig wie die Fossilien dort

verteilt sind, so zufällig ist auch vieles im

Qube Hotel in Heidelberg passiert. Es war

keineswegs von Beginn an geplant, so konsequent,

wie dann geschehen, ökologische

Ideen umzusetzen. Das brachte erst intensives

Nachdenken mit sich. Trotzdem:

»Nachhaltigkeit steht heute fast zwangsläufig

an erster Stelle«, meint Arndt.

Die Äußerung könnte auch aus dem

Mund anderer Hoteliers stammen – auch

wenn die Stadthotellerie relativ lange gebraucht

hat, um sich ökologischen Fragen

zu widmen. Doch steigende Energie- und

Wasserpreise sowie sich verändernde Kundenwünsche

animieren sie nun dazu, Hotels

umweltfreundlicher zu bauen und zu

betreiben als in der Vergangenheit. Insbesondere

börsennotierte Unternehmen wollen

laut dem aktuellen Branchenreport des

Hotelverbandes Deutschland (IHA) mittlerweile

genau wissen, was die Hotels in Sachen

Nachhaltigkeit unternehmen.

sondern langlebige Materialien sollten es

sein – ob in den 45 Zimmern, dem Tagungsraum

oder im Restaurant. Die Tresenplatte

der Bar etwa besteht aus einem Stück Massivholz.

»Sie war natürlich teuer, doch sie

hält 100 Jahre«, meint der Heidelberger und

spricht von vorausschauenden Investitionen,

die auf Dauer Kosten sparen.

Egal, in welchem Raum sich Arndt befindet:

Er könnte Gästen überall das Konzept

erklären. So kleben an den Wänden

keine Tapeten. Die Qube-Macher entschieden

sich stattdessen für Naturputz, der mit

Farben ohne Lösungsmittel, Weichmacher

oder Konservierungsstoffe gestrichen wurde.

Und auch in puncto Energie versuchten

sie mehr zu machen, als das Vier-Sterne-Hotel

lediglich gut zu dämmen oder Energiesparlampen

zu verwenden. Die Kühlung für

die Gastronomie zum Beispiel wird mit Hilfe

eines Kompressors im Keller erzeugt. Da-

Naturmaterialien aus Deutschland:

In den Bädern des Qube Hotels

dominieren Jura-Marmor und Schiefer

» Lorem ipsum dolor« Volupta debis eos

doloribus, utem laccabore dem que cus.«

Foto: Qube Heidelberg GmbH

Langlebig bauen.

Das Qube ist dennoch das einzige Hotel im

Großraum Heidelberg-Mannheim, das als

»Green Hotel« vom Verband Deutsches Reisemanagement

(VDR) zertifiziert wurde.

Das erst drei Jahre alte Haus in der Heidelberger

Innenstadt wurde so gebaut, dass es

nachhaltige Standards erfüllt. Und nicht

nur in den Bädern, in denen deutscher

Jura-Marmor die Wände ziert und schwarzer

Schiefer als Bodenbelag dient. »Ein roter

Faden war mir wichtig«, betont Arndt,

der ursprünglich nur als Investor auftreten

wollte, das Hotel nun aber mit seiner Frau

selbst betreibt. Keine Wegwerfprodukte,

Foto: Qube Heidelberg GmbH

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Adina-Hotelchef Ganitis:

Ressourcenschonung senkt

auf Dauer die Kosten

bei entsteht auch Wärme, das Qube setzt

sie zur Warmwassererzeugung ein.

Heizkraftwerk im Haus.

Ortswechsel: Als Günter Dix die Tür zu

dem kleinen Raum im Dachgeschoss öffnet,

empfängt ihn ein lautes, monotones

Brummen, gefolgt von einer dichten Wärmewolke.

Beides kommt aus der Mitte des

Zimmers, wo ein großes dunkles Gerät

entfernt an eine überdimensionale Waschmaschine

erinnert. Doch gewaschen wird

hier nicht. Nur eingeheizt, wie der Hotelier

des Ökotels Hamburg erklärt. Mit seinem

eigenen Blockheizkraftwerk erzeugt er

rund 50 Prozent des Energiebedarfes des

23-Zimmer-Hauses. Die restlichen 50 Prozent

liefert ein Naturstromanbieter in das

komplett auf Energiesparen und Umweltverträglichkeit

ausgerichtete Hotel.

Die Idee zu dem Öko-Hotel kam Dix

vor rund 16 Jahren. »Ich wollte ein Hotel

bauen, das möglichst viel Energie sparen

kann und in dem die Einrichtung ökologisch

gestaltet ist«, erinnert sich der 68-Jährige.

Doch nicht jeder zeigte sich von dem

Thema begeistert, und so stieß der Hotelier

zu Beginn seiner Planungen auch auf kritische

Stimmen. »Es war schon ein gewisses

Risiko. Denn eine nachhaltige Bauweise ist

zunächst deutlich teurer«, räumt Dix ein.

Dennoch ist der passionierte Öko-Hotelbetreiber

überzeugt, dass er auch heute alles

noch einmal so machen würde wie damals.

Und damals hat er viel gemacht, vor allem

viele Details geschaffen, die sein Ökotel von

den großen Konkurrenten unterscheidet.

So sind alle elektrischen Leitungen

zum Schutz vor Elektro-Smog vollständig

ummantelt, die Fenster bestehen aus hochisolierendem

Wärmeschutzglas, die Böden

sind PVC-frei. Auf dem Dach ist eine Photovoltaikanlage

montiert und die WC-Spülungen

werden durch Regenwasser befüllt.

Darüber hinaus sind die Hausmauern wärmegedämmt.

Und Dix' jüngste Neuerung ist

eine Starkstromsteckdose für Elektroautos

in der Tiefgarage.

Doch diese Maßnahmen werden von den

Gästen oft gar nicht registriert. »Viele sehen

leider nicht, was wir im Einzelnen alles

umsetzen, sondern nur das Bio-Frühstück,

weil sie gesund essen wollen, und die massiven

Holzmöbel. Und das finden sie toll«,

sagt der Betreiber des Ökotel.

Nur Bio auf dem Tisch.

Brötchen oder Schinken, Milch, Kaffee, Cola

oder Whisky – alles, was in der Villa Orange

von Christiane Hütte auf den Tisch kommt,

trägt das Bio-Siegel. Hütte hat ihr 38-Zimmer-Haus

im Frankfurter Nordend als

Bio-Hotel zertifizieren lassen. Ihre Kunden

seien unter der Woche »ganz normale Geschäftsreisende«,

erzählt sie. Gäste, die das

Hotel oft wegen seiner Lage und der Atmosphäre

auswählten. Nur für den kleineren

Teil von ihnen sei die Bio-Zertifizierung ein

zentrales Entscheidungskriterium.

»Als wir 2008 entschieden, uns zertifizieren

zu lassen, kostete das erstmal richtig

Geld«, sagt die Hotelbetreiberin. Wirklich

Fotos: Travel One (1,2)

In der Villa Orange in Frankfurt ist jedes Lebensmittel Bio-zertifiziert

Foto: Villa Orange

Villa-Orange-Betreiberin

Hütte: Rund 20 Prozent höhere

Einkaufspreise

Eine Photovoltaikanlage ziert das

Dach des Ökotel Hamburg

Foto: Travel One

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Adina Apartment Hotel Frankfurt Neue Oper:

Einziges »Green Hotel« in der Bankenmetropole

Foto: Adina Apartment Hotels

alles musste das Bio-Siegel tragen, so dass

die Kosten für Speisen und Getränke massiv

in die Höhe schossen. Zum Teil hätten

sie sich verdoppelt. Mittlerweile habe sich

die »Versorgungssituation« allerdings stark

verbessert. Hütte schätzt, dass ihre Einkaufspreise

noch um rund 20 Prozent über

denen für konventionelle Produkte liegen.

Zweimal pro Jahr kommt ein Prüfer des

Verbundes der Bio-Hotels in die Villa Orange,

um die Umsetzung des Bio-Versprechens

zu überprüfen. Einmal jährlich erfolgt der

Besuch unangemeldet. »Das ist wie bei einer

Razzia«, erzählt Hütte. Für jedes Produkt

müsse sie einen Einkaufsschein vorweisen,

auf dem die Bio-Qualität bestätigt werde.

Natürlich schlafen Gäste des Bio-Hotels in

Bio-Bettwäsche, nutzen Naturkosmetik, und

die Duschseife kommt aus nachfüllbaren

Spendern. Beim Energieverbrauch könne

sie sich allerdings nicht zur Avantgarde

zählen, räumt Hütte ein. Den stilvollen

Altbau aus dem Jahr 1900 könne man

nicht zum Null-Energie-Haus umfunktionieren,

sagt sie. »Und ohne Klimaanlagen

in den Zimmern blieben uns im

Sommer die Gäste weg.«

Kette mit Anspruch.

Der Auftrag, sparsam mit Ressourcen

umzugehen, stand für das Adina Apartment

Hotel Neue Oper Frankfurt dagegen

schon beim Bau im Jahr 2009 im

Vordergrund. Wie das Qube in Heidelberg

trägt auch das Adina in Frankfurt

als einziges Hotel in seiner Stadt das

Label »Green Certified Hotel« des VDR.

Technik und Dämmung des 134-Apartment-Hotels

seien auf Top-Niveau, sagt

General Manager Georgios Ganitis. Neben

den obligatorischen Bewegungsmeldern,

die verhindern, dass in ungenutzten

Bereichen das Licht brennt,

sorgt neuerdings eine Online-Überwachung

des Stromverbrauchs dafür, dass

Energiefresser schnell identifiziert und

nach Möglichkeit unschädlich gemacht

werden. Zu den Besonderheiten des

Hauses zählt eine biologische Abwasserreinigung

mit lebenden Bakterien, aus

der das Wasser um 70 Prozent sauberer

hervorgeht als herkömmliches Haushaltsabwasser.

Eine Förderung oder

Preisnachlässe für die Abwässer erhalte

das Adina Hotel dafür nicht, so Ganitis.

Im Gegenteil: Für den Abtransport des

Klärschlamms durch Tankwagen fallen

zusätzliche Kosten an.

Dass sich die Adina Hotels intensiv

um Umweltbelange kümmern, sei auch

ein Ergebnis der Eigentümerstruktur,

erläutert der Hotelchef. Denn das Mutterunternehmen

der aktuell neun Hotels

unter dieser Marke, die australische

Toga Hospitality Group, befindet sich

in Familienbesitz und ist zudem Eigentümer

der Hotelimmobilien. Deshalb

könnten Entscheidungen zügig umgesetzt

werden, ohne dass zwischen Hotelbetreiber

und Eigentümer ein Konflikt

um die Verteilung der Kosten entstehe.

Der Gründer des Unternehmens, Ervin

Vidor, habe zu einem frühen Zeitpunkt

erkannt, dass Umweltbewusstsein in

der Hotellerie nicht allein eine Frage

von Ideologie oder Marketing sei, sondern

mittelfristig in Zeiten steigender

Preise für Energie und Wasser auch zu

erheblichen Kostensenkungen führe.

Petra Hirschel, Kendra Mietke, Christian Schmicke

Kommt auf die Hotellerie eine neue Epo che zu, Herr Hartmann?

Das Interview führte Petra Hirschel.

Sie erstellen für verschiedene Länder

einen »Green City Index«, um

Großstädte in Sachen Umweltschutz

und Energiebilanz vergleichbar zu

machen. Inwiefern ist das Verzeichnis

auch für die Hotellerie interessant?

Hartmann: Man verbindet den Index sicherlich

im ersten Schritt nicht sofort

mit der Hotellerie, aber im zweiten ergeben

sich womöglich neue Erkenntnisse.

Denn die Mega-Städte sind globale Wirtschaftszentren,

die hinsichtlich Lebensqualität,

Luft, Infrastruktur und Energie

Standards setzen müssen. Es gibt globale

Organisationen von Bürgermeistern.

Durch deren Diskussionen zieht sich das

Thema Nachhaltigkeit wie ein roter Faden.

Das wird zu ordnungspolitischen

Konsequenzen führen, insbesondere,

wenn es darum geht, bestimmte CO₂-

Vermeidungsziele zu erreichen. Frankreich

macht da schon ganz große Sprünge

und will die Hotels dazu verpflichten,

bis 2020 effizienter zu werden und sich

selbst mit Energie zu versorgen.

Wie soll das funktionieren?

Es geht vor allem um eine intelligente

Kombination zwischen Energieerzeugung,

Speicherung und bedarfsgerechter

Nutzung. Hotels sollen in Spitzenzeiten,

etwa bei Veranstaltungen

oder in der Hochsaison, Zugriff auf eigene

Energie haben, die sie nicht über einen

Energieversorger beziehen, sondern

beispielsweise mit Solarpanels

selbst erzeugen, speichern und bei Bedarf

abrufen. Zudem ist es wichtig, Tarifsprünge

zu vermeiden und den Verbraucher

intelligent zu managen.

Was verstehen Sie darunter?

Man kann zum Beispiel mit Gebäude-

Management-Systemen mit integriertem

Energiemanagement arbeiten. Es

gibt hochentwickelte Sensoren, die erkennen,

ob Menschen im Raum sind, sodass

mit ihrer Hilfe der Energiebedarf

quasi on demand gesteuert werden

kann. Wenn sich also niemand in der

Hotellobby oder im Restaurant aufhält,

muss die Klimaanlage nicht auf Hochtouren

laufen. Verbrauch und Nachfrage

werden bedarfsgerecht in eine Balance

gebracht und die Energie-Grundlast

erheblich gesenkt.

Niemand klopft derzeit

Unternehmen ernsthaft auf die Finger,

wenn sie viel Energie verbrauchen.

Kann den Hotels ihre Energiebilanz

daher nicht egal sein?

So zu denken, wäre der größte Unsinn.

Sowohl seitens des Besitzers als auch

des Betreibers eines Hotels. Bis 2020, da

bin ich mir sicher, müssen Hotels nachhaltig

ihren ökologischen Fußabdruck

verkleinern und dieses auch nachweisen

können. Das Thema kommt schneller

auf uns zu, als mancher glaubt.

Siemens hat sich daher darauf spezialisiert

den Energiebedarf in

einem Gebäude mit dem Energieeinkauf

ganzheitlich für Kunden

zu optimieren. Wir sind jetzt schon

in der Lage den CO₂-Footprint eines

Gastes pro Aufenthalt exakt zu

messen. Dabei geht es nicht um

Idealismus, sondern durchaus um

viel Geld. Wir arbeiten für große

Hotelketten, und schon lange für

industrielle Unternehmen.

Hinkt die Hotellerie

der Industrie hinterher?

Ja, technologisch um circa fünf

Jahre. Technologie zählt schließlich

nicht zu den Kernkompetenzen

der Hotellerie. Doch die

ökologischen Themen unserer Zeit

werden eine Industrialisierung

der Hotellerie herbeiführen. Das

Thema Energie muss ganzheitlich

und nachhaltig angefasst werden.

Noch tut sich die Hotellerie schwer,

ökologisch notwendige Investitionen

in ihren Vertragsgestaltungen

mit den Eigentümern unterzubringen.

Das kostet aber auch viel Geld.

Sicher, 500.000 Euro für energiesenkende

Investitionen in notwendige

Infrastruktur können

ruckzuck zusammen kommen.

Denn hinter effizienter Energienutzung

steckt mehr, als nur die

Fenster zu erneuern oder die Heizungsanlage

auszutauschen. Man

benötigt Software, Know-how und

Service. Die Investitionen können

jedoch durch die garantierten Einsparungen

getätigt werden. Die

Kosten können sich in drei bis fünf

Jahren amortisieren.

Michael-W Hartmann arbeitet für die

Siemens AG in München. Als Chef der

Abteilung Market Development Board

Hospitality und Entertainment kümmert

er sich um die weltweite Geschäftsentwicklung

innerhalb dieser Branche.

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