Von der Kunst der Verdauung

trenka.at

Von der Kunst der Verdauung

52 Zeitung für Kunst und Ästhetik

Nr. 13 / II-2011

Jakob Gasteiger, O.T.

Erwin Wurm, Gekrümmter Bauchraum: Wittgenstein

Erwin Wurm, Aristotelischer Kurzschluss

Thomas Redl, Verdauung als Weltenfluß, mehrteilige Arbeit

Tobias Pils, O.T.

Von der Kunst der Verdauung

Zum philosophischen Interesse der Kunstsammlung Michaela Kamler

Von Christian W. Denker

Digero ergo sum, wir sind, wir verdauen? Überlegungen zur Verdauung

durchziehen die Geschichte der Philosophie von der

Antike bis zur Gegenwart. 1 Gegen eine digestive Grundlegung

des Geistes lassen sich allerdings gewichtige Gründe anführen.

So argumentiert der Anthroposoph Steiner, das Denken könne

sich zwar selbst reflektieren, die Verdauung sich aber nicht

selbst verdauen. 2 Dem ist entgegenzuhalten, dass zu den körperlichen

Vorraussetzungen der Entwicklung von Gedanken

sicher ein verdauender Leib gehört. Gedanken ohne Verdauung

sind leer. Der Magen handelt zum Besten und schweigt

dazu wie ein stiller Meister. 3 Verdauung verbindet uns mit

verschiedenartigen anderen Lebensformen und charakterisiert

unsere ökologische Umwelt. Sie wandelt lebensbejahendes

Dasein in lebenserhaltendes Sein, sie wirkt weltbildend und

weltverschlingend längst bevor kluge Geister sich ihrer selbst

bewusst werden können. Verdauung ist eine Voraussetzung für

die Entwicklung von Anschauungen. 4

Verdauung als Machttechnik

Seit Nietzsche wurde die Bedeutung der Verdauung nur selten

philosophisch gewürdigt. Eine problematische Unterlassung!

Das möchte ich durch eine kurze Einlassung zu Foucault

unterstreichen, dessen Einsichten zur sexuellen Sozialisation

sich in wesentlichen Aspekten auf die digestive Sozialisation

übertragen lassen. 5 So können wir die Normierung und Regulierung

der Verdauung als Teil der globalen Machttechnik

begreifen, als einen Kontrollbereich der Bevölkerungspolitik,

als einen Verbindungspunkt zwischen Körper und Bevölkerung.

Das Eindringen der öffentlichen Regeln in das private

Hygieneverhalten verknüpft einzelne Verdauungskörper und

die globale Verdauungsgemeinschaft. Hier greift das Macht-

Wissen der Medizin: Wer „schlecht“ isst oder der seinen Kot

nicht „ordnungsgemäß“ beseitigt, provoziert Sanktionen. Die

Normierung unserer Verdauungsgewohnheiten zwischen Supermarkt

und Kläranlage zeigt, wie die Normalisierungsgesellschaft

Disziplin und Regulierung miteinander verknüpft. 6 Gesundheitspolitische

Standards werden den einzelnen Personen

gesellschaftsübergreifend verordnet, Verstöße werden geahndet.

Verdauung verbindet Person und Welt, Temperament und

Klima, Körper und Jahreszeit. Im Rahmen einer regulierenden

Ökonomie der Lust, trägt sie zu unserer ästhetischen Existenz

bei und ist ein Ausgangspunkt zur Erklärung des geistigen

Geschehens. Zur Gestaltung gelungener Lebenskunstwerke

gehört sicher die Fähigkeit, mit Klugheit und Überlegung zu

verdauen. 7 Das spricht aber nicht gegen die Wichtigkeit gelingender

Verdauung für unser persönliches Wohlergehen im

Besonderen und soziale Entwicklung im Allgemeinen.

Verdauung bereichert das Leben

Ausgehend von einer philosophisch-digestiven Achtsamkeit

bei der Entwicklung von Geist und Körper fällt die Begründung

des künstlerischen Interesses an der Verdauung leicht. 8 Verdauung

dient ja nicht allein der Erhaltung des biologischen Lebens,

sondern ist ein Aspekt unserer persönlichen Vita. Die charakteristische

Freude an der Verdauung ist ein Beitrag zum erfüllten

Leben. 9 Die ästhetischen Rhythmen der Verdauung wirken

anregend auf Kunst, Rationalität und Alltag. Wenn wir sie aus

dem für Erkennen, Handeln und Empfinden bedeutungsvollen

Denken ausklammern, engen wir unsere Welt unnötig ein.

Die Beachtung unserer Bauchgefühle erleichtert den rationalen

Umgang mit der Sensibilität des künstlerischen Erlebens.

Die philosophische Achtsamkeit für freudvolle Wechselwirkungen

zwischen Kopf und Bauch kann den Weg zwischen

Ausdruckswillen und Kunstprodukt implosionsartig verkürzen,

möchte ich in Anlehnung an Elisabeth von Samsonow behaupten.

10 Das ergibt sich nicht aus einer Prüfung der ästhetischen

Struktur eines Werks, sondern aus der Gewissheit, dass ein lebendiger

Mensch sich psychisch und motorisch eingelassen

hat. 11 Der Stoffwechsel ist die erste Ebene der Hervorbringungen

einer auf körperlichen Einsatz konzentrierten Kreativität. 12

Verdauung als künstlerisches Thema

Die thematisch an Verdauung orientierte Kunstsammlung

von Michaela Kamler, Produzentin des seit 100 Jahren

bewährten Kohle-Verdauungsregulans EUCARBON, weist

nicht nur hin auf den körperlichen Einsatz von Künstlern, sondern

unterstreicht auch die kreative Leistung der Betrachter,

die der Einladung folgen, den Bezug von Kunst und Verdauung

in Bezug auf ihre eigenes Innenleben zu interpretieren.

Arnulf Rainers „Übermalter Bauchraum“ hinterfragt die Gewohnheiten

der bildlichen Darstellung von Verdauungsvorgängen.

Er schlägt eine Brücke zwischen herkömmlicher Bildgestaltung

und unseren eigenen Bauchgefühlen.

Erwin Wurm hat eine ganze Serie von Arbeiten an der Verdauung

orientiert. Körperliche Zu- und Abnahme, philosophische

Verdauungsprobleme und Fragen zur Unverdaulichkeit

erkundet er mit spielerischer Fröhlichkeit.

Michael Kienzers Arbeiten „Stop and go“ und „Ja-Wohl“

schaffen Übergänge zwischen privaten und gemeinschaftlichen

Räumen, ungeschützten und gedeckten Stellungen, einladenden

oder ablehnenden Gesten, durchfallendem oder verstopftem

Innenleben. Auch seine Installation „Binär“ („offen - verschlossen“)

weist hin auf Grenzen bei der dualen Codierung

von räumlichen, sozialen und digestiven Zusammenhängen.

Jakob Gasteigers monochrome Farbstudien geben uns, ausgehend

von der materiellen Gegebenheit von Holzkohle, Eucarbon,

Schwefel, Sennae, Eucarvet und Rhabarber, visuelle Eindrücke

der natürlichen Ingredienzien von Eucarbon.

Bei Tobias Pils erscheinen Verdauungstabletten als Katalysatoren

und Projektionsflächen künstlerischer Kreativität. Sie werden

zum Prellbock des Ichs und eigener Ideen, Anhaltspunkt

zur bildnerischen Äußerung, eine Möglichkeit zur Erkundung


Nr. 13 / II-2011

Zeitung für Kunst und Ästhetik

53

Jakob Gasteiger, O.T.

Arnulf Rainer, übermalter Bauchraum

Robert Schaberl, o.T.

Michael Kienzer, Stop & Go und Ja wohl

Michael Kienzer, Offen, Verschlossen

Paul Renner, aus der Serie Fünf Wirkstoffe von Eucarbon

Becksteiner, Verdauungsbeschleunigung

unserer eigenen Geschichte.

Thomas Redl thematisiert Verdauung als symbolischer Weltenfluss.

Ausgangspunkt des mehrteiligen Tableaus sind Studien

von Leornado da Vinci. Durch Kombination verschiedener

Motive entsteht eine komplexe Aussage zu Verdauungs- und

Energieflüssen.

Paul Renner, dessen Projekte mit der Idee des Gesamtkunstwerkes

operieren, schafft in seinen Werken immer wieder eine

Durchdringung von bildender und darstellender Kunst verbunden

mit Kulinarik. Für Eucarbon hat er eine Serie von Bildern

geschaffen, die die Wirkstoffe des Mittels Eucarbon symbolisieren.

Mit den Worten „eucarbon: Mund Magen Dünnda...“ versinnbildlicht

die Arbeit „Verdauungsbeschleunigung“ von Wolfgang

Becksteiner einen verbreiteten Irrtum, demzufolge wir unsere

Verdauung nicht spüren, wenn sie nur „normal“ geregelt abläuft.

Was dabei irrtümlich mit Abwesenheit von Schmerz assoziiert

wird, ist tatsächlich ein ästhetisches Wohlgefühl. Becksteiners

Arbeit zum Osterfest erinnert an die grundlegende Bedeutung

der Verdauung für Festtagsfreuden.

Robert Schaberls pulsierender Farbraum bringt Verdauungsvorgänge

als Teil einer Welt magischer Wunder zur Vorstellung.

Wo Oberfläche und Hintergrund ineinander fallen, bringt meditatives

Bilderleben die Kraft und die Tiefe unserer Verdauung

zur Geltung, als Bezugspunkt zwischen innerem und äußerem

Erleben.

Die Sammlung von Michaela Kamler, Alleininhaberin und

Geschäftsführerin der Firma Trenka, die das Verdauungspräparat

„Eucarbon“ seit Generationen herstellt, umfasst ein breites

Spektrum von künstlerischen Bezugspunkten für den philosophischen

Umgang mit Verdauung. Die Sinnbilder „innerer“

Prozesse und Erlebnisse, lassen sich in unmittelbaren Bezug zu

unserem persönlichen Alltag setzen: Sie geben Anlass zur Befragung

unserer Umgangsformen mit Verdauung und den damit

verbundenen Wirkungen auf unser Denken und Handeln.

Anmerkungen

1.) Auf die grundlegende Bedeutung der Verdauung für die Entwicklung der Philosophie

habe ich in verschiedenen Artikeln hingewiesen, insbesondere in „Geist und Verdauung:

Nicht nur die Zunge erfreut sich beim Essen„, Gastrosophical Turn: Essen zwischen

Medizin und Öffentlichkeit„, C. Hoffstadt u. a. (Hg.), Projekt Verlag, Freiburg und auf

www.trenka.at

2.) Steiner nimmt zwar an, dass wir verdauen müssen, bevor wir den Prozess der Verdauung

studieren können. Aber mit der Betrachtung des Denkens ließe sich das nur vergleichen,

würden wir die Verdauung nicht denkend betrachten, sondern auch essen und

verdauen. Vgl. Rudolf Steiner, Die Philosophie der Freiheit, Frankfurt a. M., 1985, S. 48.

3.) Gustav Theodor Fechner, „Encomion des Magens„, in Stapelia mixta, Leipzig, Leopold

Voß, 1824, S. 22.

4.) Ich danke Fabian Goppelsröder für seinen Hinweis, dass die Reflexion des eigenen

Denkens besonderen Regeln folgt, aber nicht den absoluten Grund des Denkens bildet.

Reflektiertes Denken sei immer die Selbstgewissheit einer Praxis, die im Moment ihrer

Nichtausübung möglich werde, zum Beispiel im Falle des Cogito ergo sum oder wenn

Wittgensteins Spaten sich auf hartem Felsen zurück biegt. Wir können die Erfahrung

der Selbstgewissheit in jeder Praxis machen, besonders eindrücklich im Moment von

Verdauungsstörungen.

5.) Das begründet sich u.a. durch Foucauts Rückgriff auf klassische Schriften zur Diätik,

in denen sich Überlegungen zur Sexualität unmittelbar an Überlegungen zu Gymnastik

und Ernährung genknüpft finden. Beachtenswert sind in diesem Zusammenhang auch

psychologische Erklärungen zum Zusammenhang von Sexualität und Verdauung, etwa

bei Freud, Perls und Winnicott.

6.) Michel Foucault, „Leben machen und sterben lassen: Die Geburt des Rassismus„, in:

Sebastian Reinfeldt, Richard Schwarz, Bio-Macht, Duisburg, 1993, S. 40.

7.) In der philosophischen Tradition stehen Klugheit und Verdauung in engem Bezug,

zum Beispiel bei Kant, in anthropologischen Hinweisen zu Nahrungsaufnahme und

Gelehrsamkeit. Wenn wir einen literarischen Roman oder eine philosophische Einsicht

mit Klugheit verdauuen können, warum sollen Gemüseaufläufe und Traubensäfte nicht

digestiv reflektieren? Wenn wir – in Anlehnung an Wittgenstein – einen Bleistift zum Ort

unser Gedanken erklären dürfen, warum nicht ein Stilleben zum Ort unserer Verdauungstätigkeit?

Die Bezüge zwischen Gegenständen, Sprache und (innerem) Erleben

betreffen Bauch und Kopf, dafür sprechen neben Hinweisen im Alten Testament und

bei Nietzsche auch führende Neurogastroenterologen.

8.) Siehe dazu Franz X. Mayer, der in der gesunden Verdauung den Schlüssel zu Wohlstand

des Einzelnen, der Familie, des Staates und der ganzen Menschheit vermutet. Franz

Xavier Mayer, Schönheit und Verdauung, Bad Goisern, 1975, S. 160ff. Allerdings sollte

man es sich auch nicht zu leicht machen. „Schön“ ist weder bedeutungsgleich mit

„gesund“ noch mit „sexuel attraktiv”.

9.) Der Zusammenhang zwischen erfüllender Freude, erfülltem Leben und erfülltem Magen

siehe Gerhard J. Baudy, „Metaphorik der Erfüllung: Nahrung als Hintergrundsmodel in

der griechischen Ethik bis Epikur„, in: Archiv für Begriffsgeschichte, Hamburg, Meiner,

1981, 7-68.

10.) Elisabeth von Samsonow, „Spur und Abdruck: Ästhetik der Eigentlichkeit„, in: Éric

Alliez u. Elisabeth von Samsonow, Hg., Biographien des organlosen Körpers, Wien,

Turia+Kant 2003, S. 202-222, S.202.

11.) Ebd., S. 203.

12.) Ebd., S. 207.

Christoph Pirnbacher, Frau im Stuhl

Dieser Beitrag wurde ermöglicht durch

die Unterstützung von:

www.eucarbon.at

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