Predigt über Jesaja 30,15-17 an Silvester 2010 in der ... - Triangelis.de

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Predigt über Jesaja 30,15-17 an Silvester 2010 in der ... - Triangelis.de

„In der Ruhe liegt die Kraft!“

Silvester-Predigt über Jesaja 30,15-17

gehalten am 31.12.2010 in der Johanneskirche Erbach von Pfarrer Dr. Frank Löwe

Gnade sei mit euch…

Liebe Gemeinde,

noch ein paar Stunden, dann ist wieder so weit. 2010 ist Vergangenheit. 2011 bricht an. Der Sekt

zum Anstoßen steht schon kalt. Die neuen Kalender liegen bereit – und sind hoffentlich nicht schon

wieder halb mit Terminen gefüllt.

Wie werden Sie ins neue Jahr wechseln? Mit Freunden bei Fondue oder Raclette? Auf einer großen

Silvesterparty? In ausgelassener Partystimmung? Mit Korken- und Raketenknallen? Und einem

merklichen Kater an Neujahr? Oder doch eher ruhig und besinnlich, nur mit den Allerliebsten – vielleicht

gar alleine?

Anders als am Heiligen Abend, wo die meisten doch eher die stillere Variante bevorzugen, amüsieren

sich die meisten an Silvester auf einem lauten Fest und lassen es zum Jahreswechsel so richtig

krachen. Doch manche haben zur Jahreswende andere Bedürfnisse. Sie suchen am Altjahresabend

einen ruhigen Ort, an den sie sich zurückziehen können, um in aller Stille das alte Jahr zu verabschieden

und das neue zu begrüßen. Vielleicht brauchen sie diese Ruhe für ihre ganz persönlichen

Klärungs- oder Entscheidungsprozesse. Manche nutzen die Zäsur des Jahreswechsels, um alle Jahre

wieder Bilanz zu ziehen. Andere haben gerade jetzt schwierige Entscheidungen zu treffen, stehen an

einer Weggabelung ihres Lebens oder sehen sich in einer Lage, die sie zur Neuausrichtung zwingt.

Es gibt viele persönliche Gründe, um auch zum Ausklang des alten Jahres still zu werden und später

aus dieser Stille gestärkt hervorzugehen. Und vielleicht sind auch Sie deshalb heute abend hier in die

Kirche gekommen.

Der Predigttext für den heutigen Silvesterabend mahnt dazu, solche Bedürfnisse ernst zu nehmen und

nicht im lauten Treiben und im Dahinrauschen des Lebens untergehen zu lassen. Hören Sie selbst auf

die Worte des Propheten Jesaja (Jesaja, Kap 30):

15 Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so

würde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht

16 und sprecht: »Nein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliegen«, - darum werdet ihr dahinfliegen,

»und auf Rennern wollen wir reiten«, - darum werden euch eure Verfolger überrennen.

17 Denn euer tausend werden fliehen vor eines Einzigen Drohen; ja vor fünfen werdet ihr alle fliehen,

bis ihr übrig bleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem Hügel.

2.700 Jahre sind diese Worte alt. Jesaja ist in Sorge um sein Volk. Dieses lebt unter der Herrschaft

der Assyrer. Es ist schwer zu ertragen, dass andere über die eigenen Geschicke bestimmen. Führende

Gruppen in Jerusalem rufen darum zum Aufstand auf. Sie wollen alle verfügbaren Kräfte mobilisieren,

sich mit Ägypten verbünden und dann gemeinsam gegen die ungeliebten Herrscher vorgehen.

Der Prophet sieht darin blinden Aktionismus und aufgeblasenen Größenwahn. Er ahnt den Ausgang,

den es nehmen wird: dass ein Aufstand dazu führen wird, dass die Machthaber den Druck nur erhöhen.

Und so macht er den Menschen Vorhaltungen: „Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde

euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.“ Stattdessen seid ihr völlig verblendet

und träumt davon davon, auf Rossen dahinzufliegen und die Assyrer niederzumetzeln, und

verkennt dabei völlig, wie es wirklich um euch steht. Das einzige, was jetzt gilt, ist: Ruhe bewahren

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und auf Gott vertrauen.

1.

2.700 Jahre später sind die politischen Rahmenbedingungen anders. Aber die Warnung des Propheten

vor zu viel Aktivität auf Kosten von Momenten der Ruhe, des Rückzugs und einer im Gottvertrauen

wurzelnden Gelassenheit, scheint mir aktueller denn je. Wie leicht werden wir in unserem

Leben zum Spielball von Terminen und Anforderungen? Wie sehr stehen wir in der Gefahr, in ein

sich permanent und zunehmend schneller drehendes Hamsterrad zu geraten und uns von Aufgabe zu

Aufgabe treiben zu lassen, ohne wirklich hinterher zu kommen? Immer zu laufen ohne inne zu halten?

Bitte prüfen Sie mal für sich, wann Sie im Jahr 2010 bewusst Pause gemacht haben. Wann Sie so

richtig abschalten konnten – ohne schon an die Arbeit zu denken, die danach anliegt. Welche Rückzugsmomente

hat es geben? Waren sie ausreichend? Hat das Verhältnis von Aktivität und Auszeiten

gestimmt? Zwischen Muss und Musse? Hatten Sie Gelegenheit, ihren Hobbies nachzugehen? Gab es

ausreichend Zeit für die Stille, das Gebet?

Der Prophet mahnt zur Stille. Wie recht er hat, merken wir doch jedes Mal, wenn wir uns Auszeiten

gönnen: Wie gut das tut, innezuhalten, ruhig zu werden, nachzudenken! Vielleicht auch gemeinsam:

In der Familie, im Freundeskreis, hier in der Gemeinde.

Heute, an Silvester, sind wir dazu eingeladen: Wie ist es gewesen für jede und jeden von uns im vergangenen

Jahr? Was hat sich erfüllt an Wünschen und Erwartungen? Wovon sind wir überrascht

worden? Was hat uns traurig, was froh gemacht? Was ist geglückt? Was wurde versäumt? Was ist

misslungen? Wo hat uns unser Weg hingeführt? Welche nahen Menschen haben wir verloren, durch

den Tod, vielleicht auch durch das Zerbrechen einer Beziehung? Wer ist umgezogen, an einen neuen

Ort, in eine neue Wohnung, ins Seniorenheim? Und wo wird uns unser Lebensweg im nächsten Jahr

hinführen? Was werden wir erleben dürfen, was erleben müssen?

Die Botschaft des Propheten am Ende dieses Jahres lautet: Im ruhigen Vertrauen auf Gott können wir

gelassen werden, weil wir das Entscheidende von Gott erwarten: seinen Segen, seine Fügungen, sein

Erbarmen. In dieser Haltung merken wir, auch im Rückblick auf das heute zu Ende gehende Jahr:

Alles Wertvolle und Wichtige in diesem Jahr war Geschenk, Geschenk Gottes. Auch für 2011 gilt:

Es kommt nicht nur auf uns an. Zugleich dürfen wir uns in Gottes Hand wissen. „Wir können nicht

tiefer fallen als in Gottes Hand“ sagte Margot Kässmann bei ihrer Rücktrittserklärung.

Dag Hammarskjöld war einer der angesehensten Politiker des 20. Jahrhunderts. Er war acht Jahre

lang Generalsekretär der Vereinten Nationen, bis er 1961 bei einem bis heute nicht ganz geklärten

Flugzeugabsturz über Afrika ums Leben kam. Kurz darauf wurde ihm der Friedensnobelpreis verliehen.

1965 wurde sein Tagebuch in deutscher Sprache veröffentlicht. Die Überraschung dieses Buches

war groß. Man hatte geglaubt, ihn zu kennen: den glänzend begabten Politiker, den in sich etwas

zurückgezogenen Menschen - das Urteil war abgeschlossen. Und nun wurde plötzlich offenbar,

woher dieser Mann seine Ruhe und seine Kraft nahm: aus seinem tiefen christlichen Glauben und

einer täglichen spirituellen Praxis. Wer hatte geahnt, dass der Chef der UNO in politisch dramatischen

Zeiten, z.B. während der Suez-Krise, zwischen pausenlosen Konferenzen, Diktaten, Empfän-

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gen und Reisen sich immer wieder zur Meditation zurückzog? Dass es ihm auf diese Weise gelang,

mitten im Lärm der Welt das innere Schweigen zu bewahren. - Was sein Geheimrezept war, das ihn

so viel Ruhe und Souveränität ausstrahlen lässt, brachte er in seinem Tagebuch auf die Formel:

Verstehen – durch Stille.

Wirken – aus Stille.

Gewinnen – in Stille.

Das höre ich aus unserem Predigttext heraus. „Durch Stillesein und hoffen werdet ihr stark“ sagt

Jesaja.

2.

Zurück zum Jahresrückblick: Wenn ich es richtig sehe, war 2010 das Jahr der Rücktritte und Rückzüge:

Die Art war völlig unterschiedlich: In einem Umfeld von schlimmen Meldungen über den

Missbrauch kirchlichen und öffentlichen Einrichtungen und Schulen der quälend langsame Rücktritt

des Augsburger Bischofs Mixa. Er war danach schnell vergessen; unerwartet schnell war ein neuer

Bischof bestellt. Margot Käßmann trat dagegen nach ihrer Alkoholfahrt überraschend schnell und

überaus konsequent gleich von allen Ämtern zurück. Auf dem ökumenischen Kirchentag in München

wurde sie aber von vielen schon wieder begeistert empfangen und bejubelt. Die Kirchen und Hallen,

wo sie auftrat, waren total überfüllt.

Auch die langjährige Hamburger Bischöfin Maria Jepsen trat zurück, der Hamburger Bürgermeister

Ole von Beust, unser hessischer Ministerpräsident Roland Koch, Jürgen Rüttgers, Thilo Sarrazin

vom Vorstandsposten bei der Bundesbank, Otto Rehhagel vom Trainerjob in Griechenland und – für

die allermeisten ganz überraschend und unverständlich –Bundespräsident Horst Köhler. Die Gründe

für die Rücktritte waren sehr unterschiedlich. Und dennoch frage ich mich, ob die vielen Rückzüge

auch etwas damit zu tun haben, dass gerade in Führungspositionen wenig Zeit neben dem Job bleibt.

Haben sie etwas zu tun mit der Sorge im Tagesgeschäft, zermürbt zu werden? Mit dem Empfinden,

dass da etwas auf der Strecke bleibt? Zeit für die Familie, die Entspannung, für die Stille?

Ja, auch solche Überlegungen dürfen am Jahreswechsel Platz haben: Will ich so weiter machen wie

bisher - oder muss ich vielleicht ganz grundlegend etwas ändern? Eine andere Linie einschlagen?

Beruflich oder privat mich verändern? Ist es vielleicht Zeit, für einen radikalen Wechsel? Eine Neuausrichtung.

„Kehrt um!“ sagt der Prophet!

Was ist eigentlich aus all den Träumen geworden, die ich mal hatte? Welche konnte ich leben? Welche

sind noch realistisch? Für welche lohnt es sich zu investieren? Vielleicht auch zu kämpfen. - Tun

Sie`s! – Im Hoffen seid ihr stark, sagt der Prophet.

Aber seien Sie auch ehrlich zu sich selbst: Von welchen Träumen müssen Sie sich vielleicht verabschieden

– und zwar so, dass Sie sagen können: es ist in Ordnung, es waren eben andere Dinge dran.

Es war und blieb ein Traum, und es ist gut so. Ich muss diesem Traum nicht mehr hinterher laufen.

„Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so würde euch geholfen“, mahnt Jesaja.

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Manchmal wäre uns schon geholfen, wenn wir uns einfach mal Zeit nehmen würden und solche Generalüberlegungen

über uns, über unser Leben an uns ran lassen würden. Vielleicht ist es dran, mir

eine Atempause zu genehmigen. Zeit zum persönlichen Nachdenken. Zeit für die Gespräche mit anderen,

vertrauten Menschen, die mir ihre Außensicht zur Verfügung stellen. Eine Denkpause. – So

wie bei Stuttgart 21. Es war wichtig, dass die Maschinerie zum Stoppen kam, man sich Zeit gewährte

zur Besinnung, zum Überprüfen der eigenen Position und für das Gespräch miteinander. Auch wenn

das auf beiden Seiten am Ende nicht zur Umkehr geführt hat: Es ist doch gelungen, sich wenigstens

mal die Gegenseite anzuhören und deren Argumente in einer sachlichen Atmosphäre miteinander zu

prüfen. Auch wenn keine Einigung erzielt worden ist: Es ist mehr Ruhe hereingekommen im gegenseitige

Agieren.

Was der Prophet will, ist kein blinder und übereilter Aktionismus, sondern ein beständiges und nachhaltiges

Handeln. Aus einem klaren Kopf heraus. Und den kann ich nur gewinnen, wenn ich mich

auch mal zurückziehe.

Sie können das auf alle Krisenszenarien anwenden, die es 2010 gegeben hat - in ihrem persönlichen

Umfeld und auf der weiten Welt: stetiges und nachhaltiges Handeln aus der Ruhe heraus ist meistens

erfolgreicher als schnelles und oft dann auch nicht zu Ende gedachtes Agieren, für das Jesaja das

schöne Bild gebraucht: auf die fliegenden Rosse aufspringen. Wir würden sagen: auf den fahrenden

Zug. Gesünder ist es bekanntlich, erst mal abzuwarten bis der Zug hält, sich in der Zeit zu orientieren,

ob es überhaupt der richtige ist und dann in Ruhe einsteigen.

S.

Verstehen – durch Stille.

Wirken – aus Stille.

Gewinnen – in Stille.

Egal, ob wir uns jetzt in der Silvesternacht Zeit dafür nehmen oder am Jahresanfang oder ob wir dafür

feste Zeiten im neuen Jahr einplanen: Wichtig ist, dass wir es tun! Dass wir unseren üblichen

Lebenrhythmus einmal unterbrechen und reflektieren. Dass wir unser Leben wie ein Geschäft regelmäßig

bilanzieren, d.h. überprüfen und dann bestätigen oder korrigieren. Wir müssen wieder dazu

kommen, dass wir bewusst leben – und nicht gelebt werden.

Das Rezept, das Jesaja uns für`s neue Jahr mitgibt, heißt: Umkehren, ruhig sein, geduldig stillhalten,

vertrauen und dann wohlüberlegt handeln. Und dafür verspricht Gott uns seine Hilfe und neue Kraft!

Die Unterbrechung des Alltags kostet Mut und Zeit. Manchmal kann sie auch aufregend und aufwühlend

sein. Aber Jesaja prophezeit uns: Am Ende gehen wir gestärkt daraus hervor! Wir gewinnen

Gelassenheit und neue Zuversicht. „In der Ruhe liegt die Kraft“ sagt eine Weisheit unserer Tage.

"Umkehren, Stille sein, Stillebleiben, Vertrauen, Hoffen ...", ja, liebe Gemeinde, das ist das prophetische

Rezept zum Starkwerden! Und mit einem so gestärkten Rücken werden wir 2011 sicher gut

bestehen!

Und der Friede Gottes…

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