das erste Kapitel von IN DER FERNE EIN HIMMEL als PDF

in.der.ferne.ein.himmel.de

das erste Kapitel von IN DER FERNE EIN HIMMEL als PDF

IN DER FERNE

Ann Sophii

Ein modernes Märchen

EIN HIMMEL

-BOOK


BUCH

Lord Nelson, der Kakadu von Mrs Wellington verlässt eines Tages seinen

goldenen Käfig in Stratford-upon-Avon um nach Hause zu fliegen.

Wir begleiten den kleinen Vogel auf seiner abenteuerlichen Reise von

England nach Australien, folgen ihm über Meere und Kontinente und

lernen seine Freunde kennen: Kinky, den australischen Zebrafink aus

dem Londoner Zoo und die Weltenbummlerin Alwa, eine Küstenseeschwalbe

aus Island. IN DER FERNE EIN HIMMEL ist eine Geschichte

über die Suche nach dem Glück und den Mut, an seine Träume zu glauben.

AUTORIN

Ann Sophii entstammt einer Künstlerfamilie und hat unter Pseudonym

Romane, Kurzgeschichten und Geschenkbücher veröffentlicht.

IN DER FERNE EIN HIMMEL ist ihr erstes -Book, das sie kostenlos

und werbefrei im Web publiziert.

DANK

An den britischen Tierfilmer und Naturforscher Sir David Attenborough

und die BBC-Dokumentarserie »The Life of Birds« für den informativen

Einblick in die Welt der Ornithologie.

CREDITS

iStockphoto.com/Axusha für die Illustration

iStockphoto.com/jackrust für die Vignette

COPYRIGHT

Dieses Werk unterliegt einer Creative Commons BY-NC-ND-Lizenz.

-Book by www.in-der-ferne-ein-himmel.de

2011 Ann Sophii


Er hatte gesehen,

wie sie in Schwärmen über das weite Land flogen

und blieben, wo es ihnen gerade gefiel.

Wie sie durch Eukalyptuswälder zogen

und Salti und Flickflacks

in einem himmlisch blauen Himmel schlugen,

nur so, aus Jux und Tollerei.

»Ich fliege nach Hause«, sagte Lord Nelson bestimmt.

»Und wo, bitte sehr, soll das sein?«, fragte das Eichhörnchen.

»In einem Land mit Eukalyptuswäldern auf roter Erde

unter einem himmlisch blauen Himmel.«

»Ja«, sagte das Eichhörnchen. »Das ist weit.«

»Das fürchte ich auch«, sagte Lord Nelson.

»Warum machst du es dann?«, sagte das Eichhörnchen.

»Ich habe einen Traum«, sagte Lord Nelson.


ANN SOPHII

IN DER FERNE EIN HIMMEL

E i n m o d e r n e s M ä r c h e n


ERSTER TEIL

England - Frankreich - Italien


1

Immer schien ein Lächeln in Mrs Wellington’s Gesicht, selbst an diesen

grauen, verregneten Herbsttagen, an denen die Leute mit mürrischem

Gesicht ihren Regenschirm auf dem Bürgersteig ausschüttelten, bevor sie

die drei Stufen zum Souterrain hinab hasteten und mit einem Bimmeln über

der Tür Mrs Wellington‘s Laden betraten.

Die Leute in Stratford-upon-Avon kauften gern bei ihr ein, obwohl sie

Mrs Wellington für eine seltsame alte Lady hielten und sie sich hinter vorgehaltener

Hand in der Stadt erzählten, die Lady habe einen Vogel.

Vielleicht meinten sie, sie habe einen Vogel, weil sie manchmal mit dem

Kopf wackelte, wenn sie die Preise in ihre uralte Kasse tippte. Vielleicht,

weil sie noch immer diese Kasse hatte und sich weigerte, mit der Zeit zu

gehen. Vielleicht sagten sie es auch nur, weil Mrs Wellington tatsächlich

einen Vogel hatte.

Mrs Wellington war eine feine alte Dame, seit einigen Jahren verwitwet,

nicht besonders groß, sehr dünn und gepflegt, mit einem kuhschwanzgrauen

Dutt am Hinterkopf und einer runden Nickelbrille auf der Nase.

Niemand wusste so genau, wie alt Mrs Wellington war und wie lange sie

wohl noch in ihrem kleinen feinen Laden stehen wird. Das Sortiment des

englischen Dorfladens war nicht umwerfend, aber man konnte alles kaufen,

was man zum Leben brauchte. Und alles, was man zum Leben brauchte,

passte in diesen kleinen Laden. Von Aspirin bis Zimtplätzchen waren alle

nur erdenklichen Dinge bis zur Decke gestapelt: Konserven, frisches Obst

und Gemüse, Nägel, Pflaster, Zeitungen. In einem Eimer schwammen

lebendige Fischköder und die Briefmarken verwahrte Mrs Wellington in

11


ihrer Kasse in einem Fach mit vielen, voll gekritzelten Zetteln, auf denen die

Leute, die sie kannte, anschreiben ließen. Und Mrs Wellington kannte fast

jeden in Stratford-upon-Avon. Und jeder kannte Mrs Wellington.

Zwar konnten sie nicht fünfundfünfzig verschiedene Marmeladen

kaufen, aber die beste Ingwermarmelade in ganz Warwickshire. Sie bekamen

keine hundert verschiedenen Shampoos, aber eines, das die Haare

sauber wusch und angenehm roch. Die Leute waren sich einig, dass Mrs

Wellington von allem das Beste ausgesucht und einen guten Geschmack

hatte. Und dann hatten sie das Gefühl, dass Mrs Wellington bereits seit

Jahrhunderten in ihrem Laden steht, und für immer das Lächeln in ihrem

aristokratischen Gesicht scheinen wird.

Soweit sich die Leute in Stratford-upon-Avon erinnern konnten, hatte es

ein Geschäft im Souterrain der Ardenstreet 25 gegeben. Drei Generationen

hatten hinter der Theke gestanden, bis der Laden schließlich der aktuellen

Mrs Wellington gehörte. Und sie selbst fragte sich, was wohl mit dem Vogel

passiert, wenn eines Tages das »Closed« - Schild für immer im Schaufenster

hängen wird, und die Leute, die so gern bei ihr einkauften, in den Supermarkt

auf der grünen Wiese fahren müssen.

Der Vogel wohnte in einer Voliere, die Mrs Wellington in einer Ecke ihres

dunklen, dämmerigen Ladens an der Decke aufgehängt hatte. Mrs Wellington’s

Mann war Australier und hatte den Vogel eines Tages von einer Reise

mitgebracht. Mrs Wellington war unangenehm überrascht und wollte ihren

Mann fragen, »Wie? Bitte? Edward!« ein australischer Vogel wohl in Stratford-upon-Avon

leben sollte? Doch Mr Wellington war müde von der Reise

und sagte: »Lass uns das morgen besprechen, Rose«. Er stieg über zwei

Wendeltreppen ins Wohnzimmer in der ersten Etage, von dort über eine

12


Wendeltreppe ins Bad und wieder über eine Wendeltreppe in die dritte

Etage des viktorianischen Backsteinhäuschens, und legte sich für lange Zeit

schlafen.

Als Mrs Wellington am nächsten Morgen aufwachte, blickte sie aus dem

karierten Schlafzimmerfenster über die Hortensien in ihrem Vorgarten auf

die Straße und dachte nach. Sie sah hinüber zum Marktplatz, auf dem eine

gusseiserne Statue majestätisch auf einem Sockel stand und starr in ihre

Richtung blickte, und hatte einen Namen gefunden.

»Ein schöner Vogel!«, fanden die Kinder, die jeden Mittag in ihren Laden

gerannt kamen um weiße Mäuse und neongrüne Lollis zu kaufen. Sie

sprangen um die Voliere herum und klopften mit der flachen Hand von allen

Seiten an die Stäbe.

»Lasst das! Er mag das nicht!«, sagte Mrs Wellington dann, lockte die

Kinder mit ihren legendären selbst gebackenen Schokowaffeln vom Käfig

weg und scheuchte sie zum Laden hinaus.

»Ein blöder Vogel!«, sagten die Kinder am nächsten Tag. »Wieso spricht er

denn nicht?« Sie bohrten ihre Zeigefinger durch die Stäbe der Voliere und

riefen: »Hallo! Du, da!«

Lord Nelson saß auf seiner Stange und rückte vom äußersten Rand in die

Mitte seines Käfigs, als er die grabbelnden Finger der Kinder auf sich zu

kommen sah. »Wieso spricht er nicht?«, fragten die Kinder wieder und wieder,

und riefen: »Hal-lo! Sag mal Hal-lo!«

»Er sagt nicht Hallo«, sagte Mrs Wellington ungeduldig, mit dem unterschwelligen

Gefühl, die neugierigen Finger der Kinder würden sich bald

zwischen ihre Rippen bohren. »Er sagt nicht ein Wort.«

»Doofer Vogel«, fanden die Kinder und rannten hinaus.

13


Und Lord Nelson trat auf seiner Sitzstange von einem Bein aufs andere

und stellte sein gelbes Häubchen auf.

»Was ist das für ein seltsamer Vogel?«, stellte Mr Doubt fest, als er Mrs

Wellington die Post brachte und Lord Nelson das erste Mal sah.

»Der seltsame Vogel ist ein Kakadu, ein australischer Gelbhaubenkakadu«,

sagte Mrs Wellington.

»Können sie sprechen?«, fragte Mr Doubt und bewunderte das weiße Gefieder,

während er um den Käfig herumstrich, und Lord Nelson‘s schwarze

Augen sämtliche Bewegungen des Briefträgers aufmerksam verfolgten.

»Ich weiß es nicht«, sagte Mrs Wellington, stellte eine zweite Teetasse auf

den Tisch und strich mit einer Hand das Tischtuch glatt. »Dieser Vogel

spricht nicht.«

»Er spricht nicht?«, fragte Mr Doubt.

»Kein einziges Wort«, sagte Mrs Wellington energisch und ein wenig

traurig zugleich.

»Vielleicht können Kakadus nicht sprechen«, sagte Mr Doubt und setzte

sich auf einen der zwei Chippendale-Stühle, die mit einem kleinen Tisch in

der Ecke des Ladens standen. Mit einer silbernen Zange angelte er mehrere

Zuckerwürfel aus der antiken Zuckerdose und ließ sie kunstvoll in seinen

Tee plumpsen. Mrs Wellington nahm ihren Tee nur mit Sahne und pflegte

über Mr Doubt’s ungehobelte Vorliebe für Zucker in kerzengerader Haltung

mit durchgedrücktem Kreuz gnädig hinwegzusehen.

»Vielleicht sollten Sie einen zweiten Kakadu kaufen? Dann wäre Lord

Nelson nicht so allein und hätte etwas Gesellschaft?«, sagte Mr Doubt.

»Einen weiteren Kakadu?«, sagte Mrs Wellington zweifelnd und blickte

auf die Voliere. »Sehen Sie? Ich habe einen Spiegel hineingehängt!«

»Soll er sehen, ob sein Häubchen sitzt?«, fragte Mr Doubt und lachte

14


verlegen, weil er seine Bemerkung für einen gelungenen Scherz hielt. Er

hoffte, mit gelungenen Scherzen bei Mrs Wellington Gefühle zu erwecken,

die über bloße Sympathie hinaus gingen, doch Mrs Wellington hatte keinen

Sinn für Mr Doubt’s Scherze. Sie machte eine Miene, als habe sie noch nie in

ihrem Leben gescherzt und griff nach einem Gurkensandwich. »Ich habe

mich in der Zoohandlung beraten lassen und bei ,Pets and Birds‘ diesen

Spiegel erstanden. Lord Nelson soll sein Konterfei für einen Artgenossen

halten und sich nicht so einsam fühlen.«

»Und? Funktioniert es?«, fragte Mr Doubt.

»Ich glaube nicht, dass es funktioniert«, sagte Mrs Wellington.

»Bei mir funktioniert es nicht.« Mr Doubt beugte sich über den Tisch und

versuchte Mrs Wellington so romantisch wie möglich anzusehen, doch Mrs

Wellington saß kerzengerade auf ihrem Stuhl, rückte ihre Brille zurecht und

beschloss, diesen Blick nicht zu erwidern.

»Ein trauriger Vogel«, sagte Mr Doubt kopfschüttelnd. Er wandte seinen

Blick vom Käfig und begann, Mrs Wellington die neuesten Geschichten aus

der Stadt zu erzählen. Und dann musste er weiter, die Post austragen, denn

die Leute in Stratford-upon-Avon sahen es nicht gern, wenn Mr Doubt zu

lange in Mrs Wellington’s Laden saß und Tee trank, obwohl sie selber sehr

viel Tee tranken und fürs Teetrinken natürlich viel Verständnis hatten.

Am Nachmittag bimmelte die Glocke über der Ladentür noch einige Male.

Es kamen ein paar Touristen, fragten nach dem Weg, kauften einige Ansichtskarten

von Shakespeare’s Geburtshaus und zogen weiter, um in der Kirche

Shakespeare‘s Grab zu besichtigen. Ein Taxi fuhr vor, Mrs Smith drückte

zweimal auf die Hupe, Mrs Wellington nahm den gepackten Karton mit den

telefonisch bestellten Lebensmitteln und brachte ihn zum Wagen.

15


Und Mr Nyman holte, wie jeden Mittwoch, alle neuen Hefte der Boulevardpresse

für seine kranke Frau. Als die Glocken der Kirche sechs schlugen,

schloss Mrs Wellington ihren Laden, nahm den Vogelkäfig und ging die

Wendeltreppe hinauf in ihre Wohnung. Sie deckte den Abendbrottisch und

schaltete den Fernseher ein.

Unten im Laden läutete die Glocke noch einmal. Mr Nyman war eingefallen,

dass er das Brot vergessen hatte. Jederzeit konnte man bei Mrs Wellington

etwas kaufen, solange man das Licht der roten Stehlampe aus ihrem

Wohnzimmer in der ersten Etage hinaus leuchten sah. Mrs Wellington kam

die Wendeltreppe hinunter gelaufen, schloss die Tür noch einmal auf und

gab einem, was immer man brauchte. Mr Nyman nahm sein Brot, zog seinen

Hut und wünschte Mrs Wellington einen recht schönen Abend.

»Einen recht angenehmen Abend, Mr Nyman«, erwiderte Mrs Wellington,

schloss die Tür und ging wieder nach oben. Sie drehte den Fernseher lauter,

weil sie etwas schlecht hörte, bestrich ein Buttermilchbrötchen mit Teewurst

und schnitt Apfelschnitzchen für Lord Nelson. Der Wettermann in den

Nachrichten zeigte auf ein Tief über Island, das über die Färöerinseln zügig

nach Großbritannien vorankommen sollte und kündigte den ersten, schweren

Herbststurm an.

Mrs Wellington legte die Apfelschnitzchen in die Voliere und ließ das

Türchen geöffnet, damit Lord Nelson ein wenig im Zimmer umherfliegen

konnte. Aufmunternd hielt sie ihren Finger vor den Käfig und versuchte

den Vogel mit leisem Flöten hinaus zu locken, doch Lord Nelson’s Füße

krallten sich nur noch fester an der Sitzstange fest während seine dunklen,

kreisrunden Augen sie durch die Stäbe regungslos ansahen. Mrs Wellington

zuckte mit den Schultern und ging zu ihrem Sessel zurück. Sie machte es

sich mit ihrer Decke bequem und legte die Füße hoch. Im Fernsehen lief das

16


Folkfestival, eine Sendung, die Mrs Wellington sehr gerne sah, die meisten

Balladen kannte sie auswendig. Sie hatte einen Gobelin in Arbeit, stickte an

den Zinnen eines schottischen Schlosses herum und summte sämtliche

Melodien mit.

Kurz vor Mitternacht wachte sie auf und schaltete den Fernseher aus. Sie

räumte das Geschirr in die Küche, kehrte ins Wohnzimmer zurück und

wünschte Lord Nelson eine gute Nacht. Sie hängte das Gute-Nacht-Tuch

über die Voliere, löschte das Licht und ging zu Bett.

Als sie am nächsten Morgen ins Wohnzimmer kam, um die Voliere wie

gewohnt mit hinunter in den Laden zu nehmen, war das Türchen noch

immer geöffnet und der Vogel verschwunden.

17

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine