Qindie-Mag Traum und Trauma.pdf

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Das erste Qindie-Magazin
Herbst 2014

Traum & Trauma

Das Qindie-Mag

Ausgabe - Herbst


Copyright © Qindie (http://www.qindie.de)

Alle Rechte vorbehalten!

Hrsg.: Melanie Meier

Cover: © Simone Keil - Die Buchhandwerker

Fotos: Graphicstock.com & Regina Mengel

Satz: Susanne Gerdom - Die Buchhandwerker (http://www.buchhandwerker.de/)

Schriftart: Linux Libertine

Textsatz mit: L A TEX


Liebe LeserInnen, liebe AutorInnen, liebe BloggerInnen, liebe Buchverrückte,

liebe Qindies,

hier ist sie also, die allererste Ausgabe des Qindie-Magazins! Die Geburt verlief

relativ unkompliziert, danke der Nachfrage. Es gibt dort draußen so viele,

die vom geschriebenen Wort begeistert sind und sich mit Herz, Esprit und ihrer

Schöpferkraft an dieser Ausgabe beteiligt haben, sodass das Kind in einer

liebevollen und inniglichen Atmosphäre das Licht der Welt erblicken konnte.

Das Leitthema dieser Ausgabe, »Traum und Trauma«, verdeutlicht dabei nur die

Gegensätzlichkeit des Daseins im Allgemeinen, lassen Sie sich nicht täuschen!

Alles hat nun einmal zwei Seiten, bis auf ein paar Begebenheiten, die haben drei,

habe ich mir sagen lassen.

Dieses Magazin hat mehrere Seiten. Darin finden sich Artikel zu allen erdenklichen

Themen rund um das Buch, und auch die Kurzweil kommt mithilfe von

Gedichten, Kurzgeschichten, Interviews und einer Leseprobe nicht zu kurz. Sie

sehen schon, das Kind bringt so allerlei mit!

Mit Ihrer Hilfe werden wir es großziehen. Zumindest hoffen wir, dass Sie uns

beistehen werden, sowohl mit Anteilnahme, Interesse als auch mit Handlungen.

Denn Sie wissen ja, wie das ist: Die ersten Jahre sind besonders wichtig. Vieles


wird sich nun entscheiden, das Kind will geformt werden, benötigt Sympathie

und Beistand. Also seien Sie dabei, wenn es reift, prägen Sie es mit, verfolgen

Sie sein Wachstum!

Mehr bleibt uns an dieser Stelle eigentlich nicht zu sagen.

Natürlich, das hier noch: Wir hoffen sehr, wir alle, die wir am Inhalt, an der

Gestaltung und der Geburt beteiligt waren, dass Ihnen geällt, was Sie vor sich

haben, dass Sie Nutzen daraus ziehen werden, Tipps und Tricks von Bloggern

und Autoren verraten zu bekommen, dass Sie Vergnügen an den Kolumnen,

Kurzgeschichten und Gedichten finden, und wir hoffen, Sie bleiben uns treu!

Übrigens, wer sich gern am Magazin beteiligen will, ist herzlich willkommen!

Schreiben Sie an magazin@qindie.de. Wir freuen uns auf Sie!

Im Namen all jener, die an dieser Ausgabe mitgewirkt haben, grüßen herzlichst

Melanie Meier und Sani


Amazon hat neuen E-Book-Store eröffnet

Amazon hat mit »Exklusive Kindle E-Books« einen neuen E-Book-Store eröffnet,

in dem über . Kindle E-Books angeboten werden, die ausschließlich

über Amazon mit KDP Select auf dem Markt sind. Zudem gibt es exklusive

Preisaktionen, die es in dieser Form nur im Store selbst gibt.

Permalink zur Meldung bei Amazon

Link zum Shop - Link zur Meldung

Amazons neuer Abonnementdienst Kindle Unlimited

Für seine US-Kunden hat Amazon den neuen Abonnementdienst »Kindle Unlimited«

an den Start geschickt, an dem automatisch alle KDP Select-Autoren

teilnehmen. Das gilt auch ür Autoren aus Deutschland, sofern sie ihre Bücher ür

den US-Markt freigegeben haben. Gegen eine monatliche Abonnementgebühr

kann der Unlimited-Kunde aus allen KDP Select-Büchern wählen, beliebig viele

pro Monat lesen und sie unbegrenzt behalten. Eine Amazon Prime-Mitgliedschaft

ist nicht erforderlich. KDP Select-Bücher, die an Kindle Unlimited am US-Markt


teilnehmen, sind weiterhin über die Kindle Leihbücherei ür Prime-Kunden

ausleihbar.

Wird ein Buch über Kindle Unlimited aufgerufen und zu mehr als zehn Prozent

gelesen, erhält der Autor einen Anteil des globalen KDP Select-Fonds. Amazon

beziffert die Höhe des Fonds ür Juli auf .., Euro.

Link zu Meldung

Meinung dazu

E-Book-Piraten schöpfen rund sechzig Prozent der Käufe

ab

Sechzig Prozent aller E-Books werden illegal aus dem Internet heruntergeladen.

Die Branche versucht, die Piraterie zumindest einzudämmen, aber wirklich

effektive Maßnahmen stehen nicht zur Verügung. Die Zahl stammt aus einer

Studie, die vom Bundesverband Musikindustrie, dem Börsenverein des

Deutschen Buchhandels und der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen

(GVU) in Auftrag gegeben wurde. Zwar gingen rund Millionen

E-Books über den virtuellen Ladentisch, doch legal bezahlt wurden davon nur

, Millionen Exemplare. Wirksame Gegenmaßnahmen gibt es bislang nicht, da

die Server oft im Ausland stehen und nur Downloadlinks angeboten werden.

Link zur vollständigen Meldung

Ergebnisse der Self Publishing-Umfrage liegen vor

Bereits zum zweiten Mal hat die Self-Publisher-Bibel eine breit gestreute Umfrage

zum Self Publishing in Deutschland gestartet. Die Ergebnisse liegen inzwischen

vor und zeigen, dass zunehmend Autoren selbst veröffentlichen, ihre Einnahmen

aber überwiegend unter Euro pro Monat liegen.

Das Ergebnis der Studie ist inzwischen auch als E-Book erschienen und kann

kostenlos auf verschiedenen Plattformen erworben werden.

Kauflink zum E-Book

Link zur Studie


BoD bietet seinen Autoren ein Verleihsystem an

Seit . August stehen alle Neuveröffentlichungen des Self Publishing-

Dienstleisters BoD beim E-Book-Verleiher Skoobe im Regal. Voraussetzung

ist, dass der Autor dem in seinem Vertrag zustimmt. Weitere nationale wie internationale

Anbieter sollen folgen. Auch Bestandsautoren sollen in Zukunft von

diesem Verleihprogramm profitieren.

Link zur Pressemeldung

Link zur News

Umsatzsteuererhöhung für E-Books zum ..

Ab . Januar wird die Umsatzsteuer auf elektronische Dienste (also auch auf

E-Books) im Herkunftsland des Kunden ällig – nicht mehr wie bisher im Land

des Anbieters. Das wurde bereits von der EU beschlossen. Deutschland hat

die Regel gerade in nationales Recht umgesetzt. Für deutsche E-Book-Anbieter

wie Thalia oder Weltbild ändert sich nichts. Sie haben schon immer Prozent

Mehrwertsteuer erhoben. Anders sieht es bei Anbietern aus, die im Ausland

sitzen, allen voran Amazon und Apple. Bislang galt ür sie der Luxemburger

Mehrwertsteuersatz von Prozent, ab .. wird es der deutsche sein.

Link zur Meldung

Preisrechner für E-Books, Honorare und Bücher

Die Self-Publisher-Bibel bietet seit Juli einen Preisrechner, um einen realistischen

Marktpreis ür ein selbstpubliziertes E-Book ermitteln zu können. Auch

Dienstleister rund ums E-Book, wie Korrektorat, Lektorat und Coverdesign,

werden angezeigt.

Link zum Tool

Ideen zur Buchvermarktung

Zwischen einer Buchveröffentlichung und dem (finanziellen) Erfolg als Self

Publisher liegt das Marketing. Nicht jeder Weg ist ür jedes Buch der passende,

doch eine Aufstellung gängiger Möglichkeiten ist schon mal ein erster Schritt.


Die Self-Publisher-Bibel stellt sieben Marketingmethoden mit Vor- und Nachteilen

vor.

Link zur Meldung

Sicherer Cloudspeicher

Die Frage, wie sich ein Romanmanuskript sicher speichern und gegebenenfalls

zwischen mehreren Rechnern austauschen lässt, stellt sich jeder Autor früher

oder später. Neben der klassischen Methode des USB-Sticks oder der externen

Festplatte gibt es Online-Speichersysteme wie Dropbox, Google Drive, iCloud

und viele mehr. Doch wie sicher sind die Daten dort wirklich?

Whistleblower Edward Snowden steht ihnen kritisch gegenüber, es sei denn

die Anbieter verschlüsseln die Daten bereits auf dem Rechner des Nutzers und

haben so niemals Zugriff auf das Passwort. Dazu gehören SpiderOak und Wuala.

Tipps für den Bestseller

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Was zeichnet Romanfiguren in erfolgreichen Büchern aus? Was unterscheidet

sie von Protagonisten, die der Leser als eher eindimensional empfindet? Stephan

Waldscheidt gibt sechs einfache nachvollziehbare Tipps nach dem Motto: »Ich

beschreibe Charaktere in Ausnahmesituationen, die Entscheidungen mit komplexen

und tiefgreifenden Folgen ällen. Also sehr menschliche Dinge, die jeder

nachvollziehen kann.« (Ken Follett, Bücher /)

Amazon fordert niedrigere E-Book-Preise

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Der Kampf zwischen Amazon und der Verlagswelt setzt sich fort mit der Ansage

des Online-Riesen, dass E-Books zu teuer seien und die Autoren zu wenig vom

Umsatz abbekämen. Zieht man den Machtkampf und die verhärteten Fronten ab,

bleibt eine Kernaussage bestehen, die Self Publisher schon seit geraumer Zeit

erkannt haben: Günstigere E-Book-Preise wirken sich positiv auf die Verkaufszahlen

aus.

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Kobo bietet neuen Online-Shop für Self-Publisher

Die E-Book-Plattform Kobo erweitert seine bisherige Möglichkeit, das selbst

verfasste Buch direkt per »Kobo Writing Life« hochzuladen, nun um einen Shop,

der ausschließlich »Bücher neuer Autoren« umfasst. »Kobo Next« ist damit eine

interessante Ergänzung zu Amazons neuem E-Book-Shop ür »Exklusive Kindle

E-Books«, ohne die ür Amazon typische Exklusivität zu verlangen.

Link zum Shop

Kobo Writing Life

Kobo Next

Urlaubstauglicher E-Book-Reader

E-Book-Reader sind ür die Urlaubsreise ausgesprochen praktisch. Doch ein

paar Dinge gibt es zu beachten, um wirklich ungetrübt in der Ferne schmökern

zu können. Das Literaturcafé hat zehn Tipps zusammengestellt, die bei der

Vorbereitung helfen, angefangen von der Wahl des Gerätes über die Schutzhülle

bis zum Diebstahlschutz.

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Suchmaschinenoptimierung für Autoren

Wie mache ich als Self Publisher meine Zielgruppe darauf aufmerksam, dass ich

genau das richtige Buch ür sie geschrieben habe? Oder anders formuliert: Wie

landet mein Buch in der Google-Suche immer so weit vorne, dass es potentielle

Leser auch tatsächlich finden? Martin Kersting erläutert das Geheimnis von SEO

um den richtigen Buchtitel, die eigene Website und Social Media-Präsenz.

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Zusammengestellt von Ira Krissel

www.aiki-medien.de

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Drehst du dich um,

in feuchter Erde,

und siehst zurück,

wenn ich die Pforte schließe?

Und ist es dunkel

hinter den Hibiskusblüten?

Ein Regenschauer fragt nicht, ob

und wann und überhaupt.

Und hätte es nicht so geregnet,

hättest du daran geglaubt,

dass sich die Sonnenuhren drehen,

der Wetterhahn die Wolken frisst,

dass die Gedanken mal nach Süden wehen

und mal dahin, wo keine Menschenseele ist?


Und wenn ich meine Augen schließe,

ist es das gleiche Dunkel, das ich sehe?

Das gleiche, das auf deinen Lidern liegt?

Und wenn ich mich in meinen Laken drehe,

ist es ein Traum, der so gedankenschwer

auf meinen Gliedern wiegt?

Die Sonne steht schon tief,

die Krähen faseln was von Kupferbäumen,

von einem Morgen,

der wie rosa Zuckerwatte schmeckt.

Die Nächte werden auch schon wieder kühler

und gestern hat der Frost an meinem Fenstersims geleckt.

Was hättest du zu diesen Versen wohl gesagt

und zu den Falten unter meinen Augen?

Und zu den alten Liedern,

die im Herbstwind plötzlich anders klingen,

als würde jemand sie in einer fremden Sprache singen?

Du hättest deinen Kopf geschüttelt

und gefragt, ob man aus Butterbrotpapier

ein Zirkuszelt erschaffen kann;

mit Clowns in kunterbunten Masken

und Akrobaten, die auf dünnen Drähten balancieren,

ganz ohne Halteseil und Netz.

An meinen Nägeln klebt ein wenig Erde,

und selbst die Krähen sind schon heimgeflogen.

Die Regenwolken haben sich verzogen.


Es riecht ein wenig wie zu jener Zeit,

als Jahrmarktsbuden noch wie Märchenschlösser schienen.

Ich glaube nicht, dass du mir nachsiehst, wenn ich gehe,

doch weiß ich wieder, wie dein Lachen klang.

Simone Keil

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Traum und Trauma, genau mein Thema. Ich sitze also vor meinem weißen Blatt

und warte auf den Funken. Warte. Und warte.

Traum und Trauma, eigentlich genau mein Thema. Und trotzdem finde ich

keinen Punkt, an dem ich ansetzen könnte. Ich warte also noch ein bisschen.

Warte. Und, na ja, warte.

Nachdem ich vom Warten schon ziemlich traumatisiert bin, kommt mir in den

Sinn, wie ich sonst mit dem Schreiben beginne und mir wird klar, warum ich

keinen Ansatzpunkt finde: Normalerweise sind es Protagonisten, die mit ihrer

Geschichte bei mir anklopfen und mich – mal mehr und mal weniger energisch –

bitten, sie aufzuschreiben.

Wenn er oder sie dann in Persona vor meinem geistigen Augen steht, erüllt

sich schon ein Traum. Was könnte es ür eine Autorin Großartigeres geben als

eine Figur, die schon lebt, bevor man das erste Wort geschrieben hat? Höchstens

noch eine Figur, die so energisch ist, dass man den ganzen Roman ohne abzusetzen

(soweit das Leben und der Brotjob es zulassen) durchschreibt und dabei

lebendig bleibt wie vor dem ersten getippten Wort.

Und da wären wir auch schon beim Trauma. Erstaunlich, wie nahe Traum und

Trauma beieinanderliegen. Ich habe noch keinen einzigen Roman geschrieben,

bei dem ich nicht irgendwann an einen Punkt kam, an dem ich am liebsten

alles hingeworfen hätte. Nicht nur das aktuelle Projekt, alles. Das ganze ver-


dammte Schreiben mit allem was dazu gehört. Die Kopf-auf-den-Tisch-hau-

Phasen, die Jedes-Wort-das-ich-je-schrieb-ist-Bullshit-Phasen, die Ich-werdedie-verfluchten-Handlungsstränge-nie-zusammen-bekommen-Phasen,

nicht zu

vergessen die Es-wird-sowieso-kein-Schwein-kaufen-Phasen und was sonst

gerade so ansteht.

Aber immer, wenn ich gerade eine dieser Phasen durchmache und ganz unten

bin, kommt der Protagonist und sagt: Hey, hör doch einfach auf mit dem Mist,

schüttel mal die Finger aus und schreib endlich meine Geschichte zu Ende. Sie

ist doch bereits da, du musst sie nur noch tippen.

Und dann ist es wieder als gäbe es diese andere, die dunkle Seite des Schreibens

gar nicht und alles ist so, wie es sein soll. Die Worte finden ganz von selbst

zueinander, die Fäden verknüpfen sich wie von zauberhafter Knüpferinnenhand

und alles passt ganz selbstverständlich zusammen. Und natürlich tut es das, die

Geschichte war ja bereits da, ich musste sie nur aufschreiben.

Dann frage ich mich immer, warum ich doch jedes Mal wieder in die Trauma-

Phasen verfalle, wenn ich doch einfach innerhalb des Traums bleiben und den

Roman ohne dramatisch-kapriziöse-dichterdunkle Phasen abschließen könnte.

Vielleicht ist es wie mit dem Wetter. Man weiß die Sonne einfach mehr zu

schätzen, wenn sie nach einem schweren Unwetter zum ersten Mal wieder ins

Fenster scheint. Vielleicht sind AutorInnen verrückt. Vielleicht bin ich einfach

nur verrückt.

Wie auch immer, alle Tiefs der Welt könnten mich nicht davon abhalten,

mich auch ins nächste Abenteuer Roman zu stürzen. Denn am Ende bekommt

man weit mehr, als man gegeben hat. Wenn letztendlich alles zusammenfand,

wenn man sieht, wie die Wörter an genau den Platz gefunden haben, an den sie

gehören, dann ist das ein Traum. Und in Wahrheit ist es besser als ein Traum,

denn es ist die Realität, schwarz auf weiß auf die Festplatte gebrannt.

Selbst wenn ich mit dem Schreiben aufhören wollte, ich könnte sowieso nie

in Ruhe leben, irgendwer klopft doch immer an und nervt solange, bis ich seine

Geschichte aufschreibe. Und es ist ihm vollkommen egal, ob ich mir dabei wie

im Traum oder im Trauma vorkomme.

Simone Keil

Homepage


Frage: Liebe Susanne, Du bist Schriftstellerin und setzt Dich für die

Rechte der freien Autorinnen und Autoren in Deutschland ein. Was

bedeutet Dir diese Arbeit, die über Deine eigene Schriftstellerei hinausgeht?

Antwort: Schriftstellerei ist ein einsames Geschäft. Jede Autorin ist zunächst

Einzelkämpferin, das war schon immer so. Und trotzdem neigt das menschliche

Rudeltier dazu, sich mit Gleichgesinnten zusammenzuschließen. (Oder gerade

deswegen?)

Ich war aber schon immer der Meinung, dass es mehr bringt, gemeinsam

in einem Boot zu segeln, anstatt jeden Kolumbus einzeln auf die Suche nach

Amerika zu schicken.

Ich finde es sehr befriedigend, mich mit KollegInnen nicht nur über unsere

Bücher auszutauschen und über all das, was beim Schreiben so hakt und nervt,

sondern auch ganz konkret an meiner und unserer Situation als SP und Hybrid-

AutorInnen arbeiten zu können. Ich bin ein Netzwerk-Fan – gemeinsam können

wir auf vielen Gebieten sehr viel mehr erreichen als im traurigen Einzelkampf.

Und auch was Außenwahrnehmung angeht, ist eine Gruppe immer auffälliger

als ein Einzelgänger. (Außer vielleicht, der Einzelgänger fuchtelt mit einer MP

herum …)


F.: Was ist für Dich ein absolutes Trauma bei Deiner eigenen schriftstellerischen

Arbeit?

A.: Arrrr. Wenn der Computer streikt. Wenn der Kaffee alle ist. Wenn eine

Szene in meinem Kopf steckt, glasklar und bis ins Detail vor dem inneren Auge

steht, aber partout nicht in die Tastatur will. (Kennt ihr das? Eine Katze soll in

den Transportkorb gesteckt werden, aber sie will nicht. Plötzlich besteht diese

Katze nur noch aus querstehenden Gliedmaßen. Aus fauchenden, querstehenden

Gliedmaßen mit Krallen. So ähnlich ühlt sich das an.)

Das Schreiben ist ja ein Trauma an sich. Jeder, der sich jeden Morgen neu an

seine leere Seite setzt, weiß, was ich meine.

Aber natürlich gibt es da noch Abstufungen. Das Schlimmste ist immer, wenn

die Bilder im Kopf sich weigern, als Worte auf dem Monitor zu erscheinen. Das

ist traumatisch, ja.

F.: Du bist ein Gründungsmitglied der er Autoren, dem Verein zur Förderung

der Literatur e.V. Was sind die Ziele dieses Vereins und warum

war es – in Deinen Augen – an der Zeit, ihn zu gründen?

A.: Oh. Meine Alt-Herren-Truppe. (Man denke sich hier ein fieses Grinsen.)

Die er waren zur Zeit ihrer Gründung eine frische, chaotische, unternehmungslustige

Truppe, AutorInnen, die die Welt erobern (und sich gegenseitig

bei ihrer Arbeit unterstützen) wollten. Mittlerweile sitzt man dort ein bisschen

im eigenen Quark fest. Das Schicksal jeder Gruppierung, die im eigenen Saft vor

sich hinaltert, ürchte ich.

Autorenvereine gibt es ja reichlich. Die Zielsetzungen sind wahrscheinlich

immer ähnlich. Die er stecken ihre Energie in einen kleinen Literaturpreis,

den Putlitzerpreis. Sehr ehrenwert und sehr oldschool.

Aber ich habe dort viele tolle Menschen kennengelernt, deren Bekanntschaft

eine Bereicherung ür mein Leben war und ist. Ein paar davon sind jetzt bei

Qindie auch wieder an meiner Seite.

F.: Im Jahr wurde von Dir die Indie-Plattform Qindie ins Leben

gerufen. Was unterscheidet dieses Projekt von den er Autoren?

A.: Qindie ist keine Autorengruppe im klassischen Sinne. Wir sind ein Netzwerk

von Selfpublishern, Grafikern, Verlagen, Lektoren (und –innen), die sich

gegenseitig mit Rat, Tat und Unterstützung aller Art zur Seite stehen. Wir sind

angetreten, um die Fackel des SP in die Wildnis zu tragen. ;-)

Eins unserer Ziele ist die Stärkung des Einzelnen. Wir wollen den Einfluss und

die Sichtbarkeit einer Gruppe ür die Zwecke jedes einzelnen Mitglieds nutzen.


F.: Die Qindie-»Gemeinde« ist in den vergangenen Monaten unaufhörlich

gewachsen. Wie überrascht bist Du selbst vom Erfolg des Projekts?

A.: Ich war vom ersten Tag an überrascht, mit wie viel Schwung, Aufsehen und

letztlich Erfolg dieses kleine »Hobbyprojekt« in die Welt explodiert ist. Das

Tempo hat mir stellenweise den Atem genommen. Die Kerntruppe hat sich in

den ersten Monaten den Hintern aufgerissen, aber es war toll. Die Arbeit ist

immer noch immens, die helfenden Hände immer noch zu wenige, aber ich hege

die Hoffnung, dass das Wachstum weitergeht und damit auch die Anzahl der

Arbeitsbienen zumindest nicht kleiner wird.

Und natürlich bin ich überaus glücklich darüber, dass die Branche uns ernst

nimmt (ernster jedenfalls als manche unserer Kritiker auf SP-Seite …).

F.: Welchen Traum strebst Du in Bezug auf Qindie an? Was sollte Deiner

Meinung nach damit erreicht werden?

A.: Mein Traum ist ein Label, das in Leseraugen so viel Gewicht hat wie ein

Verlagslogo (der Traum ist zum Greifen nah, ich habe schon Feedback bekommen,

dass genau das passiert.)

Mein Traum ist ein Netzwerk, das gegenüber unseren Distributoren mit Macht

auftreten kann. Bessere Konditionen ür unsere Autoren, Sichtbarkeit, PR.

Das ist kein Wunschtraum, der ewig unerüllt bleiben wird, ganz im Gegenteil.

Nenne es »greifbar« und du hast es.

Mein Traum wäre aber auch ein riesiges Netzwerk, in dem wir auch Geld

einnehmen, damit wir diejenigen, die die ganze Zeit so viel Arbeit buckeln, daür

wenigstens ein bisschen entschädigen können.

F.: Die Arbeit an solch großen Projekten ist sicher nicht immer nur mit

Freude und Erfüllung verbunden. Gibt es Aufgaben bei Qindie, die Du

unter Murren erledigen musst oder musstest?

A.: Ja.

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#

Ach, ausührlich? LOL

Ja, klar. Es ist viel Mailerei damit verbunden, ich muss ziemlich oft immer

die gleichen Fragen beantworten (keine Sorge, nach meinem Trauma hat mich

noch keiner bisher gefragt), es ist immer zu viel Arbeit ür den Einzelnen, viele


angefangene, angedachte Aktionen, ür die einfach die Kraft, die Zeit, die Manpower

fehlt. Es frustriert sehr, dass die träge Schwungmasse sich nicht bewegen

lässt. Keiner vom Kernteam verlangt, dass plötzlich alle Q-Mitglieder sich darum

reißen, eine Aufgabe zu übernehmen (obwohl das natürlich den Raketenantrieb

zünden würde). Aber es ist schon erschreckend und beschämend, dass sehr

viele Qindianer noch nicht einmal ür ihre eigenen Bücher den Finger rühren.

Webseitencontent, der schließlich auch Werbung bedeutet, die Meldungen ans

Social-Media-Team, wenn Neuerscheinungen oder Aktionen anstehen, das Weiterverbreiten

von Q-Meldungen im eigenen Netzwerk – alles Kleinigkeiten und

PR-Optionen, die sehr schlecht genutzt werden. Merkwürdig und ür mich unverständlich.

Da sitzt vielleicht im Moment mein ganz persönliches Q-Trauma.

Ich verstehe es einfach nicht.

Ein Beispiel: epubli hat uns das großartige Angebot gemacht, sich mit uns

zu vernetzen. Q bekommt daür Seminare geschenkt. Seminare zum Beispiel

zum Thema eMarketing. Die Dinger sind sonst nur gegen Geld zu buchen. Wir

bekommen sie geschenkt.

Ich mache also ein Rundschreiben und bitte um nichts weiter als die kurze

Rückmeldung: Besteht Interesse? Und falls ja: An welchem Ort in der Republik?

Auf Mails habe ich ungeähr dreißig Antworten bekommen.

DAS erschreckt mich allerdings.

F.: Was wünschst Du Dir von anderen Mitgliedern bei Qindie? Wie sieht

für Dich das optimale Geben und Nehmen aller Beteiligten aus?

A.: Ein Minimum an Mitarbeit wäre toll. Siehe oben.

Und die Wahrnehmung der Verpflichtung, die man eingeht, wenn man unserem

Netzwerk beitritt, sich die zur Abstimmung anstehenden Textproben

anzusehen. Das wäre ein Klacks, wenn alle mitmachen würden. Dann könnte

jeder einzelne guten Gewissens auch in Stresszeiten mal sagen, ich mach das

jetzt eine Zeitlang nicht mit, das wird ja abgefedert. So sind es immer die gleichen

paar Leutchen, die sich die Mühe machen – und das ist das Herzstück unserer

Initiative. Mit der steht und ällt das Gesamte!

Ich habe Verständnis ür jeden, der sagt: ich kann da im Moment nichts

reintun, ich hab die Zeit nicht. Aber zumindest die Minimalaktionen, auch

ür die eigenen Bücher, sollte man auf die Reihe kriegen. Beiträge im sozialen

Netz teilen, Leser aufmerksam machen, Qindie auch als Chance ür sich selbst

betrachten. Ein bisschen weniger Konsumhaltung wäre schön. Das gilt ja letztlich

ür alle Bereiche des Lebens.

F.: Was möchtest Du Menschen, die Qindie noch nicht kennen, unbedingt

mit auf den Weg geben?


A.: Kommt auf unsere Seite, tragt euch in unseren Newsletter ein, schaut euch

unser Bücherregal an – es sind wirklich, wirklich tolle Titel vertreten, gute

AutorInnen auch jenseits vom Genre-Mainstream. Bei uns kannst du das noch

finden, was sich Verlage nicht mehr herauszugeben trauen: Literatur, die Ecken

und Kanten hat.

Aber Chicklit und Thriller gibt es natürlich auch. ;-)

F.: And last but not least: Qindie – für Dich persönlich Traum oder Trauma?

A.: Albtraum mit Zuckerguss. Traumatörtchen. Wunschtraum mit scharfen

Kanten. Zeitfresser, Ressourcenkiller. Ungeheuer großartige KollegInnen. Im

Schnitt eher Traum als Trauma.

Es ist eben beides. Wie jedes gute Projekt. Manchmal möchte man es erschießen,

aber meistens ist es einfach nur ein wunderschöner Traum, den ich nicht

mehr missen möchte.

Interview geührt von literatur-diskussion.com


Er hing in der Luft, wie Schwefelgeruch am Neujahrsmorgen. Ich bewegte mich

so wenig wie möglich, um herauszufinden, wo genau er sich befand, und um

ihn nicht mit einer unüberlegten, fahrigen Bewegung zu vertreiben. Er war da,

ganz sicher, fast greifbar. Er schaukelte in den Ästen des Birnbaums, den ich zu

Emilies Geburt gepflanzt, und der nie Früchte getragen hatte. Verfing sich in

den Gardinen des offenen Küchenfensters, die einmal hinaus und ein andermal

hinein flatterten, wie ein Kind, das sich nicht entscheiden kann, ob es auf den

eigenen Füßen stehen oder sie doch lieber noch eine Zeit lang unter Mamas

Tisch stellen möchte. Schließlich wehte er direkt an meiner Nase vorbei, tanzte

einige Sekunden auf den Seilen der Wäschespinne, verdrückte sich durch den

Jägerzaun und floh auf die Hauptstraße. Fast hätte ich ihm nachgebrüllt, er solle

vorsichtig sein, wenn er die Straße überquert.

»Was ist denn los mit dir?«

Werners Stimme riss mich herum und ich verlor den Kontakt. Doch ich hatte

noch bemerkt, dass er in die Kirchgasse abgebogen war, Richtung Marktplatz.

»Verdammt!«, sagte ich. »Verdammt, ich habe ihn verloren.«

»Wen?«

»Den Gedanken. Er war wichtig, das weiß ich.«

Werner glotzte mich mit halb offenem Mund an. Stemmte die Hände in die

Hüfte und kräuselte die Nase, wie er es immer tat, wenn er sich nicht entscheiden


konnte, ob er lachen oder einen seiner endlosen Vorträge halten sollte, die mit

»Ich verstehe dich nicht«, begannen und mit »Ich verstehe dich einfach nicht«

endeten. Er entschloss sich ür Möglichkeit drei und ignorierte, was ich gesagt

hatte.

»Was gibt’s zu essen?«, fragte er mit einem Blick auf seine Armbanduhr und

verschwand, ohne eine Antwort abzuwarten, in seinem Hobbykeller. Dort würde

er bleiben, bis ich ihn zu Tisch rief. Ich fragte mich, was wohl passieren würde,

wenn ich ihn einfach nicht riefe. Käme er von alleine wieder raus oder bliebe er

einfach dort unten, bis er verhungert wäre? Ich sah Werner nach.

Und wieder war er da, ganz schemenhaft nur, kaum zu spüren. Er hüpfte von

Grashalm zu Grashalm. Plusterte sich auf und machte sich klein. Zog sich in die

Länge, schnalzte mit einem fröhlichen Plopp an den Birnbaumstamm, prallte ab

und kugelte in die Kirchgasse. Er wollte, dass ich ihn wiederfinde. Unbedingt.

Es heißt, wenn man etwas verloren hat, soll man dorthin zurückgehen, wo

man es das letzte Mal bewusst gesehen hat. Ich hatte ihn hier im Garten verloren,

aber wo war er das letzte Mal greifbar gewesen? Also ging ich zurück. Und

ich ging nicht nur zurück, ich ging rückwärts. Zuerst hatte ich etwas Probleme

damit, die Richtung zu halten, aber mit ein wenig Übung klappte das ganz

hervorragend.

Am Ende der Kirchgasse begegnete mir Frau Rössel. Sie trug einen vollen

Einkaufskorb und schien ziemlich gestresst zu sein, ihren geröteten Wangen

nach zu urteilen.

»Sophie? Alles in Ordnung mit dir?«, fragte sie mich, mit einem Blick auf

meine roten Hausschuhe und die Blümchenschürze. Und ich lachte und winkte

und beteuerte ihr, dass es mir nie besser gegangen war. Und das stimmte auch.

Es war ein merkwürdiges Erlebnis, sich rückwärts zu bewegen. Man ging nicht

auf die Häuser und Menschen zu, man entfernte sich von ihnen und doch ging

man immer weiter. Ich ging immer weiter, die anderen blieben zurück. Die Stadt

blieb zurück.

Ich gelangte auf den Marktplatz, ging zum Gemüsestand, an dem ich am

Morgen Tomaten und Wirsing gekauft hatte, und blieb vor der Auslage stehen.

Ich wartete, ob er sich zeigt. Ob er sich hier versteckt hatte. Ich stocherte in den

Kohlköpfen und stapelte Äpfel, Birnen und Tomaten von links nach rechts. Von

oben nach unten. Nichts.

Die Marktfrau schnaubte theatralisch und setzte an, mich zu schelten, ihr

Obst und Gemüse nicht zu zerdrücken.

»Ich kann ihn nicht finden«, sagte ich und sah sie hilfesuchend an.

»Was denn?«, fragte sie. »Haben Sie etwas verloren?«

»Einen Gedanken. Ich hatte ihn fast und dann war er weg.«

»Geht’s Ihnen gut?« Ihre Stimme klang jetzt wirklich ein wenig besorgt. »Soll

ich vielleicht jemanden ür Sie anrufen?«


»Nein«, sagte ich. Ich suchte ja schließlich erst seit kurzem, ich wollte nicht

aufgeben. »Nein, mir geht’s gut. Alles in Ordnung.«

Sie schenkte mir einen blank polierten Apfel und ich fragte mich, ob es

sinnvoll wäre ihn auf dem Kopf stehend zu essen. Aber ich wollte nicht noch

mehr Aufsehen erregen, und so winkte ich ihr nur zum Abschied zu. Den Apfel

steckte ich ein. Ich konnte mir immer noch überlegen, wie und wo er am besten

zu essen wäre, wenn ich Hunger bekäme.

Der Weg durch die Fußgängerzone war nicht ganz einfach zu bewältigen.

Ich wurde einige Male angerempelt und wäre fast in einen offenen Kanaldeckel

gefallen, wenn mich der Arbeiter nicht freundlicherweise daran vorbei bugsiert

und auch gleich in die richtige Richtung gedreht hätte.

Es wurde langsam dunkel, als ich den Stadtpark erreichte. Ich setzte mich auf

eine Bank in der Nähe einer Laterne und holte meinen Apfel hervor. Ich war

gerade dabei, mich auf den Rücken zu drehen und die Beine über die Lehne zu

schwingen, als ich ein kleines Mädchen bemerkte. Sie kauerte auf den Randsteinen

und beobachtete mich. Ihre blonden Zöpfe wurden mit violetten Schleifen

zusammengehalten und auf ihrer Nase prangten große Sommersprossen, die

selbst im schummrigen Laternenlicht auffielen.

»Warum gehst du verkehrt rum?«, fragte sie und setzte sich neben mich. »Bist

du verrückt?«

»Ich habe etwas verloren und deshalb gehe ich zurück, um es wiederzufinden.«

Ich biss in meinen Apfel und kaute und schmatzte.

Das Mädchen schwang seine Beine ebenfalls über die Lehne und ließ den

Kopf neben meinem hängen.

»Ich habe meine Teddybären verloren, als ich noch klein war.« Sie zog einen

zerknautschten Schokoriegel aus der Tasche und teilte ihn mit mir. »Aber heute

weiß ich, dass er weggelaufen ist, weil ich ihm sein braunes Fell mit Ketchup

geärbt hatte.« Sie aß ihre Hälfte des Riegels und stand auf. »Ich muss nach

Hause«, sagte sie und rannte los.

Der Mond hing über den Laubbäumen und blinzelte durch die Blätter. Eine

samtene Ruhe lag über dem Park, geradeso als würde er die lärmende Stadt am

Eingang einfach abweisen.

Ich lachte laut auf, als der Gedanke mich am Bauch kitzelte, nach oben krabbelte

und in meinen Ohren tippelte und tapste. Ja, genau hier hatte ich ihn heute

Morgen gehabt. Und wiedergefunden.

Es war eine klare, warme Nacht. Einfach perfekt, um verkehrtherum auf einer

Bank zu sitzen und den Kopf baumeln zu lassen. Das meinte auch der Mond,

drehte sich auf den Rücken und grinste.

Simone Keil

Homepage


Prolog

Sandra stand am Fenster und starrte in die Dunkelheit. Mit dürren Fingern

kratzte der kahle Kirschbaum von außen gegen die Scheibe. Der Regen weinte

dicke Tränen, die träge das Glas hinunterliefen. []

Sandra streckte die Hand aus und folgte einem besonders dicken Tropfen

mit dem Zeigefinger, bis sich dieser an einer Unebenheit im Glas verfing. Für

einen Augenblick sah er aus wie ein Herz, bevor er entzwei riss und sich als

zwei dünne Tränenspuren im Nichts auflöste.[]

Love by Michael Pohl

Sandras Faust schloss sich um den Brief. Hatte sie sich richtig entschieden?

Herbert war ein herzensguter Mann, der ihr alles zu Füßen legte, aber er war

nun mal ein Staubsaugervertreter und lärmte nur immerzu in den Grenzen seines

engen Horizonts. Carlos dagegen – Widerstandskämpfer auf Kuba! Doktor der

Atomphysik in der Schweiz! Und wie er küssen konnte! []

Sollte sie Herbert den Brief geben? Ihn wirklich ür Carlos verlassen, ür

eine ungewisse Zukunft an der Seite eines Mannes, der ihr von Anfang an

klargemacht hatte, dass sie immer hinter seiner politischen Arbeit zurückstehen


musste, dass sie ihn gehen lassen musste, wenn seine Berufung ihm vorschrieb,

sich auf Schienen oder an Atomkraftwerke zu ketten?

War sie lieber eine Königin im Land der Staubsauger oder eine Magd im Reich

der Weltverbesserer? []

Sie atmete tief durch und strich ihr blondes, lockiges Haar über die Schulter

zurück. Sie hatte sich entschieden. []

Kapitel

Die Ampel wollte nicht grün werden. Jonas scharrte ungeduldig mit den Füßen …

[]

Zugegeben. Das ist kein »echter« Prolog, sondern sozusagen die Mutter aller

Prologe, ein Proto-Prolog, zusammengekocht aus allen Prologen, die mir in den

letzten Jahren so untergekommen sind (und ein bisschen nachgewürzt).

Nachfolgend mal so ungeähr die Gedanken eines typischen Lesers, dem man

einen solchen vorsetzt:

[] Was gibt es da draußen zu sehen? Das Wetter ist gruselig. Bestimmt kommt

gleich ein Schocker! Etwas klatscht von außen gegen die Scheibe. Äktschen!

[] Oder auch nicht.

zurück

zurück

[] Oh my. Frau denkt über zwei Kerle nach. Ich kenne die Frau doch gar

nicht! Was soll ich mich ür ihre Liebesdinge interessieren?

[] Is mir wurscht.

[] Blond ist nicht die Erklärung ür alles.

zurück

zurück

zurück

[] Jonas? Warte mal … die Typen hießen Herbert und Carlos, also who the

ffff… is Jonas?

zurück


Die (Proto-)Autorin, die diesen (Proto-)Prolog schreibt, steckt bis zu den Haarspitzen

in ihrer Sandra drin. Vermutlich hat sie eine echt komplexe Dreiergeschichte

aufgebaut, die Charaktere fein ausgearbeitet, sowohl Herbert als auch Carlos

sind echte Alternativen, und vielleicht hat sie beim Schreiben wirklich mit der

zerrissenen Sandra mitgelitten.

Sandras einsame Entscheidung am klischeeüberladenen Fenster ist ein Kulminationspunkt

vieler dramatischer Ereignisse. Die Autorin vergisst nur leider,

dass die Leserin von all dieser Dramatik nichts weiß. Leserin und Sandra verbindet

ungeähr so viel wie Leserin mit Frau neben ihr in der U-Bahn. Nichts. Sie

kennen sich nicht mal. Und man interessiert sich normalerweise nicht sonderlich

ür das Liebesleben und die Gedanken von Leuten, die man nicht kennt – das ist

bei Romanfiguren nicht anders.

Würde die Frau in der U-Bahn plötzlich ihren Mantel abstreifen, darunter ein

Clownskostüm oder wahlweise Reizwäsche tragen und mitten in der U-Bahn

eine Zaubernummer oder wahlweise einen Pole-Dance starten, dann würden

wir uns schon sehr viel mehr ür sie interessieren. Denn Handlung ist es, was

Figuren interessant macht, nicht monologisierte Gedankengänge (und das ist

bei echten Menschen nicht anders).

Würde Sandra also mit einem gezielten Handkantenschlag die betränte Scheibe

zertrümmern und sich in die dürren Zweige des Baumes schwingen und von

dort aus auf das Dach des Nachbarhauses, dann bliebe (neben der Frage nach

dem Sinn) immer noch die Frage nach dem Prologstatus.

Ein Prolog ist etwas, das eigentlich nicht zum Text gehört. Es soll dem Leser

einen Wissensvorsprung verschaffen. In der griechischen Tragödie wurden im

Prolog die handelnden Figuren vorgestellt und schon mal der Grundkonflikt

klargemacht. Der Zuschauer bekam also definiert, unter welchen Vorzeichen er

das folgende Stück zu betrachten hatte, damit er dann auch die richtigen Lehren

daraus zog. Inhaltlich bezog sich der Prolog also auf das Stück; formal gehörte

er eigentlich nicht richtig dazu.

Die meisten Prologe, die ich so lese, dienen eigentlich nur dazu, der Autorin

den Weg in ihren Text hinein zu zeigen. Sie weiß nicht genau, wo die Geschichte

anängt, kennt vielleicht ihre Figur noch nicht so gut und nutzt den Prolog, um

mit der Umgebung warm zu werden.

Dagegen ist nichts zu sagen. Wem das hilft, der soll beruhigt einen Prolog

schreiben – und ihn dann in der Endfassung des Werkes beherzt wieder rausschmeißen.

In eine Endfassung gehören nur Elemente, die der Handlung oder

dem Leser dienen. Die Baugerüste und Hilfsleitern der Autorin müssen vollständig

und restlos entfernt sein.


Im Zweifel gilt: Immer raus damit. Ein Prolog ist letztlich ein Lesehindernis.

Die Leserschaft hat es im Geühl, dass er nicht richtig dazugehört, viele Prologe

werden schlicht überblättert, um mit dem eigentlichen Buch anzufangen.

Sie haben einen Prolog geschrieben? Keine Sorge, dagegen kann man etwas tun.

Fragen Sie sich peinlich ehrlich, ob der Prolog nötig ist, um die Handlung zu

verstehen. (Handlung. Nicht Figurenhintergrund, Gemütslage, Kindheit.) Ist er

nötig: Machen Sie Kapitel Eins draus. Ist er nicht nötig: Schmeißen Sie ihn raus.

Wenn Sie sich schwer trennen können, verschieben Sie ihn in ein Dokument

mit »entfallenen Szenen«. Einem interessierten Publikum können Sie solche

Schnipsel auf Ihrer Webseite als kostenlose Lektüre anbieten.

E-Book-Veröffentlicher sollten auch bedenken, dass der “Blick ins Buch” bei

Amazon vorne anängt. Ein Stück geht ür Deckblatt und Titelei drauf. Wenn

dann erst noch der Prolog kommt, in dem nichts Entscheidendes passiert, wie

wollen Sie potentielle Leser davon überzeugen, dass Ihr Buch spannend, packend,

leidenschaftlich ist? Genau. Also: Immer rein in die Vollen, und vergessen Sie

Prologe. Ihre Leser werden es Ihnen danken.

Susanne Pavlovic

Website


Name: Daniel Dekkard

Alter: zwischen und , je nach Tageszeit und Gemütslage

Beruf: Schreiberling

Wohnort: Phnom Penh, Kambodscha

Lieblings-Schreibutensil: Notizblock und billige Werbegeschenk-

Kugelschreiber.

In Kambodscha angekommen, setzen Jack und ich mühevoll einen Fuß vor

den anderen, die Sonne strahlt von einem blauen Himmel und zeigt uns, was

Hitze wirklich ist. Wir stützen uns gegenseitig, während der Weg uns zwischen

Hochhäusern, mehreren gespannten (und behängten) Wäscheleinen und einem

altem Mercedes zu unserem Ziel ührt: ein Autoreninterview mit Daniel Dekkard

im Auftrag von Qindie. Das letzte Stück der Straße ührt an einem kleinen Shop

mit roter Markise vorbei, bevor wir Daniel schon auf einer Terrasse im vierten

Stock des Wohnhauses gegenüber winken sehen. Der Eingang nebenan ist mit

bunten, starkduftenden Blüten dekoriert, was uns ganz kurz die Luft nimmt.

Daniel selbst empängt uns bis aufs letzte Härchen herausgeputzt. Vielleicht

sind wir ja in Shorts und T-Shirt etwas underdressed, aber hier sind geühlte


ünfzig Grad. Dementsprechend hängen unsere Zungen nur knapp über dem

Boden, als wir endlich auf der Terrasse Platz nehmen dürfen. Nachdem wir uns

um die Getränke geprügelt haben, flitzt Daniel noch Eiswürfel holen, ohne die

sind die Arbeitsbedingungen nicht erüllbar. Unser erster Eindruck, wie wir uns

Daniel bei der Arbeit vorstellen, lässt sich leicht in Worte fassen:

Grad im Schatten, Schweißperlen rinnen, ein PC, Kaffee, in dem der Löffel

von alleine steht.

Wenn man ihn fragt, wie es ihn dorthin verschlagen hat, bekommt man die

Antwort: “Schaut euch um.” Das machen wir. Und sehen einen am Horizont

noch wolkenverhangenen Himmel und Pützen, die nur langsam trocknen. »Wir

haben Glück. Der Regen hat sich schnell verzogen.« Natürlich kommen wir

genau zur Zeit des Monsuns.

Jack trinkt eine quietschgrüne Limonade, während ich mich dem Eistee mit

Chrysanthemen-Geschmack widme, beides äußerst erfrischend. Allerdings sind

wir von In Flagranti Books nicht tapfer genug, den teerartigen Kaffee zu probieren.

»Legen wir los.« Ich zücke den altbewährten Notizblock. »Daniel, wie sieht

einer deiner Tage in Kambodscha aus?«

»Ach das ist einfach. Meistens beginnt ein Tag um Uhr mit einem Hahnenschrei.

Ich frage mich wo ich bin, bis mir wieder einällt, dass es meine Bude

in Kambodscha ist, in der ich liege. Genauer gesagt, Phnom Penh. Die größte

Stadt des Landes. Mein Appartement liegt in der Innenstadt, wie ihr vielleicht

gesehen habt. Trotzdem hält sich hier ein Nachbar ein paar Hennen und zu deren

Beglückung einen Hahn. Der bringt jeden Morgen die gesamte Straße auf Trab.

Hundemüde also; war meistens eine lange Nacht, also weiterschlafen, so gut

es geht. Gegen Uhr Frühstück, einen Teller frische Früchte, Toast, Spiegelei,

Kaffee. Dann das Nötigste einkaufen und um etwa Uhr geht´s langsam mit

dem Schreiben los. Bin Nachtarbeiter, das geht oft bis oder in der Frühe.

Knapp eineinhalb Stunden später kreischt der Gockel wieder los. An freien Tagen

tausche ich den Schreibtischstuhl gegen einen Barhocker und quassele mit

wildfremden Menschen über Leben und Sterben. Oder ich unternehme Streifzüge

durch die Stadt, um brennende Fragen zu beantworten wie etwa: Wie viele

Personen finden auf einem er Suzuki-Moped Platz? Der derzeitige Rekord

liegt bei ünf.« Bevor Daniel sich eine Zigarette anzündet, bietet er uns auch eine

an, die wir höflich ablehnen. Das Gequassele mit wildfremden Menschen drängt

unsere Gedanken ganz kurz in Richtung »Saigon Sound« und ich schreibe noch

schnell eine zusätzliche Frage auf.

»Okay. Wow, das klingt alles ziemlich hektisch. Wie kommt es, dass du hier

wohnst? War es vielleicht ein Traum oder ein Trauma, das dich aus Deutschland

vertrieben hat?«


Jack verzieht das Gesicht, nachdem er die Limonade probiert hat, und uns

entgeht nicht das amüsierte Grinsen von Daniel.

»Beides. Es war immer mein Traum, im Ausland zu leben. Da mich der Ferne

Osten schon seit fast Jahren fasziniert, war es nur eine Frage der Zeit,

irgendwann hier aufzuschlagen. Vor allem die Großstädte haben es mir angetan,

und so nomadisiere ich von einer zur anderen. Singapur, Jakarta, Bangkok und

jetzt eben Phnom Penh. Als nächstes ist Manila dran. Und ür einen kurzen

Urlaub ist der nächste Strand nie weit. Es war dann tatsächlich ein Trauma,

das mich auf die weite Reise geschickt hat. Das impertinente Rauchverbot in

ganz Europa. Die Hälfte seines Lebens verbringt der Schreiber an irgendeiner

Theke vor einem Glas Whisky, Gin oder Tequila. Und Trinken, wie einer meiner

Lieblings-Regisseure Luis Buñuel mal sagte, ist ohne Rauchen nicht vorstellbar.

Dieser Leidenschaft widerspruchlos frönen zu können, ist einer der vielen Vorzüge

Asiens.« Zum Beweis zieht er an seiner Zigarette. Jack will wissen, was

ür ein Mensch Daniel Dekkard ist und wie er sich selbst in einem Traum sieht.

»Ein philanthropischer Misanthrop. Im Traum wär ich gern das Gegenteil.«

Ich bewundere derweil die sehr traurig aussehenden Balkonpflanzen und

werde von Daniel prompt stolz auf die überschaubare Menge an Grünem hingewiesen.

»Eine hat auch schon mal geblüht!« Wahrscheinlich ist das bei geühlten

ünfundsechzig Grad Außentemperatur wahrlich eine Meisterleistung. Wir wollen

mal nicht an den Wasserverbrauch denken.

»Du lebst hier ja schon irgendwie im Paradies. Hast du noch einen großen

Traum, den es zu erüllen gilt?« Mit dem Block wedele ich mir Luft zu. Daniel

blickt nachdenklich in den blauen Himmel.

»Einmal in den Weltraum fliegen. Der Ticketpreis liegt allerdings eine Nuance

oberhalb meiner derzeitigen finanziellen Möglichkeiten.« Kurz entbrennt eine

Diskussion über die überteuerten Weltraumticketpreise, bei der Jack und Daniel

sich einig sind, das System stürzen zu wollen.

Bevor ich zur nächsten Frage kommen kann, werden wir mit Asia-Pop in

Heavy-Metal-Konzert-Lautstärke beschallt. Entschuldigend blickt uns Daniel

an. Wahrscheinlich kann man uns unsere dezente Verunsicherung an der Nase

ablesen. »Die Siesta ist vorbei. Nebenan wird eine Hochzeit gefeiert. Ungeähr

Gäste, die schon seit heute Morgen um sieben feiern. Es könnte auch noch

etwas dauern. Vielleicht sollten wir ne Runde spazieren gehen.« Diesem Vorschlag

gehen wir erleichtert nach, denn in diesem Augenblick scheint jemand

seine unsterbliche Liebe zu Karaoke entdeckt zu haben.

Nachdem wir dem Trommelfell-Terror lebend hinter uns lassen konnten,

wollen wir mehr über Daniel wissen, vor allem, wie er zum Schreiben gekommen

ist und wie so ein Schreibtag ausschaut.

»Begeistert von der Filmwelt habe ich erst dort alles Mögliche ausprobiert:

Regie, Kamera, Drehbuchschreiben. Irgendwann hatte die Muse wohl die Nase


voll von meiner Sucherei, gab mir eine deftige Ohrfeige und fragte: »Wie wär´s

mit Prosa, mein Junge?« Aus Angst vor einer zweiten Watsche bin ich dann

dabei geblieben.

Ein Schreibtag sieht bei mir aus wie ein Kinobesuch. Ich setze mich hin in

gespannter Erwartung, was ür einen Film ich heute wohl zu sehen bekomme.

Wird´s ein guter, sacke ich weg und tauche in die Geschichte. Das Schreiben

selbst besitzt etwas Traumartiges. Gelingt es, brauche ich am Schluss manchmal

eine ganze Stunde, um mich wieder in der Realität zurechtzufinden.« Ich muss

kichern, während ich mir die Muse mit genervtem Blick vorstelle. Daniel hat

uns währenddessen zu einem Bar-Restaurant geührt, in dem er Stammkunde

ist. In Vorfreude auf ein paar einheimische Worte setzen wir uns und warten

gespannt, bis Daniel den Mund aufmacht. Nachdem die Bedienung beim ersten

Mal eher verzweifelt dreingeblickt hat, nach der Wiederholung in Lachtränen

ausgebrochen ist, bestellt Daniel ür uns alle in Englisch. Ob die Chance besteht,

herauszufinden, was er nun wirklich bestellt hat?

»Hast du bestimmte Rituale vor dem Schreiben neuer Geschichten? Träume,

die Ideen liefern? Traumata, die verarbeitet werden?«, fragt Jack. Daniel zündet

sich noch eine Zigarette an. Eine süß duftende Wolke wabert über unseren

Köpfen.

»Der Tabak ist mit Nelkenöl versetzt«, erklärt er, bevor die eigentliche Antwort

kommt. »Die Ideen tauchen immer blitzartig auf, meist ausgelöst durch eine

Alltagsbeobachtung oder ein Ereignis. Ich habe einmal beinahe mächtig Prügel

von zwei groben Typen bezogen, weil die mich mit jemandem verwechselt haben.

Später fiel mir ein: »Gäb doch eine gute Geschichte ab. Jemand stellt fest, dass

er einen Doppelgänger hat, der lauter üble Dinge verzapft. Der Unschuldige

muss es ausbaden und gleichzeitig diesen Mistkerl finden, der ihm das alles

unterschiebt.«

Die Quelle dieser Ideen, vermute ich, ist Unsicherheit oder Unverständnis

manchen Dingen oder Menschen gegenüber. Das schwer oder gar nicht Erklärbare

in Ereignissen oder Handlungen. Dahinter steckt wohl der Wunsch, das

Leben zu verstehen. Erscheint mir eine Idee ergiebig, folgt sofort der kreative

Prozess. Story-Aufbau, Charakterentwicklung, Recherche, wenn nötig. Ich kenne

Autoren, die, sobald sie eine Idee anällt, gleich mit dem Schreiben beginnen.

Ohne zu ahnen, wohin der Hase läuft. Für mich unvorstellbar. Ich muss wissen,

wie das Ende aussieht, Aktion und Reaktion der Protagonisten kennen. Beim

Schreiben selbst erlebt man dann trotzdem saftige Überraschungen. Es kann

passieren, dass sie einen Teil der vorangegangenen Planung über den Haufen

werfen.«

Ich blicke kaum auf, vollkommen in meinen Notizen gefangen. »Was hat dich

dazu gebracht, ein Buch wie »Saigon Sound« zu schreiben? Traum? Trauma?

Geht es um dich selbst? Ein Selbstfindungstraum?« Die Frage hängt zwischen


Jack und mir, seitdem wir das Buch ausgelesen haben. Daniel drückt die Zigarette

aus, die Getränke werden gebracht. Eisgekühltes Soda! Ein Traum!

»Das ist schwer zu beantworten. Das Konzept zu diesem Roman ist über vier

Jahre alt und sah ursprünglich völlig anders aus. Ich hatte nie mit dem Schreiben

begonnen, weil mir einiges daran missfiel. Das Thema erschien mir nicht relevant

und besaß zu wenig Tiefe, die Kombination der Figuren war unstimmig. Einzig

das Setting sagte mir was: Fremde Großstadt, darin ein Mikrokosmos mit einer

Handvoll Personen, die alle ihren kleinen Träumen nachhängen und von einem

unerwarteten Ereignis aus der Routine geworfen werden. Vor zwei Jahren fing

ich an, an allen Ecken der Story rumzuschrauben. Dadurch veränderten sich

jedes Mal auch alle anderen Teile, bis schließlich »Saigon Sound« daraus wurde.

Das ist einer der spannenden, mir selbst unerklärlichen Effekte beim Schreiben.

Ab einem gewissen Punkt entwickelt es eine Eigendynamik, die sich dem Zugriff

des Autors entzieht. Es wirkt, als wolle die Geschichte selbst nur auf diese eine

Weise erzählt werden. Das ähnelt Michelangelos Witz: »Die Figur war schon in

dem rohen Stein drin. Ich musste nur noch alles Überflüssige wegschlagen.«

In jedem Buch steckt natürlich immer auch was vom Autor. Er kann gar nicht

verhindern, dass Aspekte seiner eigenen Geühls- und Gedankenwelt mit einfließen.

Doch in diesem Roman geht es nicht um mich oder meine Selbstfindung.

Zwar trägt der Ich-Erzähler meinen Vornamen, aber das ist einer Bequemlichkeit

geschuldet. Einmal drin, hab ich´s einfach so gelassen. Andererseits ist das auch

ein Beispiel ür die von mir angesprochene Eigendynamik. Denn erst nach der

Veröffentlichung des Buches habe ich erfahren, dass dem biblischen Daniel die

Fähigkeit zugesprochen wurde, Träume deuten zu können. Seltsam »zuällig«

passt es in die Story und stellt gleichzeitig deren größte Ironie dar.«

Diese Antwort lässt uns einen kurzen Moment schweigen und über die Geschichte

nachdenken. »Saigon Sound« ist keine Geschichte, die man in eine

Schublade stecken kann. Dass wir nun mit dem Autor darüber reden können, ist

natürlich eine Chance, die wir ergreifen müssen, auch wenn die Gedanken bei

geühlten Grad zu schmelzen beginnen. Die Frage der Fragen kommt zum

Schluss.

»Hattest du das Ende von “Saigon Sound” geplant oder ist das während des

Schreibens entstanden?«

Die Antwort überrascht uns und nimmt, zugegebenermaßen, etwas von dem

mysteriösen Flair.

»Das Ende war geplant. Es entstand bereits in der Phase der Story-Entwicklung.

Ohne dieses Finale wäre es nur eine halbe Geschichte geworden. Wie der Titel

des Romans nahelegt, ist er stark von Musik beeinflusst. Das an den Schluss

gesetzte Songzitat bezieht sich auf das Innenleben des Protagonisten und damit

auch auf dieses Ende. Es lohnt sich, das ganze Stück zu hören. Darin findet


sich ein Dilemma, das dem Daniels auf verblüffende Weise ähnelt. Auch so eine

Merkwürdigkeit, die mir erst später aufgegangen ist.«

Darauf muss ich erst mal einen Schluck trinken. Jack fragt Daniel stattdessen,

ob er seinen Lesern von »Saigon Sound« noch etwas sagen möchte. Oder

vielleicht hat er ja einen Rat, bevor sie sich auf den Weg »ins Schwarze Loch«

machen.

Daniel lacht. »Vielleicht, bei der Lektüre im Auge zu behalten, dass die Geschichte

möglicherweise wahr ist.« Er zwinkert uns verschwörerisch zu und

schon hat »Saigon Sound« seinen mysteriösen, mystischen Touch wieder.

»Und nun«, er beugt sich über den Tisch, »lassen wir das Soda Soda sein und

kommen zu den richtigen Getränken!«

Und während Daniel Dekkard, ein überaus sympathischer Autor übrigens,

diesmal gleich auf Englisch »richtige Getränke« bestellt, ängt er an über Nudelsuppen,

Busverbindungen und die diversen Biersorten des Landes zu schwafeln.

Sollten wir so schnell nicht wieder zurückkommen, liegt das wohl nicht an

dem traumhaften Wetter, denn der Himmel verdunkelt sich erneut und erste

Tropfen fallen auf den schon wieder trockenen Boden. Hoffentlich können wir

die zusätzlichen Ausgaben bei Qindie als Spesen abrechnen.

P.S.: Wir trinken etwas, das sich »Mekhong Whisky« nennt, drückt uns die

Daumen!

In Flagranti

In Flagranti Books

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Autor: Daniel Dekkard

Taschenbuch: Seiten

Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.

ASIN: BECURE

Preis E-Book: , Euro

Preis Print: , Euro

Kurzbeschreibung

Der ziellos herumtreibende Daniel gerät in Saigon in eine Bande Gestrandeter, die

in der Stadt hängengeblieben sind. Jeder einzelne flieht vor etwas oder jagt hinter

etwas her. Sie treffen sich in der Bar eines Iren, die von allen das »Schwarze

Loch« genannt wird. Ein schmutziger Kessel, in dem Hoffen, Träumen und

Begierde vor sich hinbrodeln.

Saigon bleibt, wie das Leben selbst, ür Daniel ein Mysterium. Eines, in dem

ür ihn eine Vision zur Wirklichkeit wird. Bis Wahres nicht mehr von Unwahrem


zu trennen ist. Die Begegnung mit der undurchsichtigen Diplomatentochter

Lucy fegt ihn endgültig aus der Bahn.

Unter der ruppigen Oberfläche sehnt sich jeder danach, aus einem Leben

am Rande der Bedeutungslosigkeit zu entkommen. Alle versuchen es auf ihre

eigene Weise, aggressiv, lüstern, verzweifelt oder selbstmörderisch. Für Daniel

ührt dieser Weg an die äußere Kante des Vorstellbaren und schließlich darüber

hinaus.

Inhaltsangabe/Meinung

Facebook: Daniel Dekkard/Saigon Sound

Lange haben wir überlegt, ob wir eine gesonderte Inhaltsbeschreibung geben

sollen oder nicht. Allerdings, nach reichlicher Überlegung und der einen oder

anderen Zigarette, sind wir der Meinung, dass wir »Saigon Sound« und seinen

Inhalt kaum in genug Worte fassen können, um unseren Eindrücken gerecht zu

werden. Wir können den Inhalt nicht wiedergeben, ohne etwas zu verraten, was

vielleicht nicht verraten werden sollte.

»Saigon Sound« von Daniel Dekkard strich schon eine Weile an den Grenzen

unseres Leseradars herum. Wir bekamen es nur irgendwie nie richtig zu fassen.

Als es uns dann direkt vor der Nase schwebte, schnappten wir zu. Die einzige

Frage, die wir uns am Ende der Lektüre stellen mussten, war: War es ein Traum

oder glich es einem Trauma, auf diese Reise gegangen zu sein? Zünden wir uns

eine Zigarette an und gehen wir dem mal auf den Grund

Wir gehen bei unseren Rezensionen gerne sehr emotional an die ganze Sache

ran. Was hat das Buch bewirkt? Wie erging es uns währenddessen? Himmelhochjauchzend

oder zu Tode betrübt? Analytisch sind wir eigentlich nie … oder

eher selten. Aber hier machen wir eine Ausnahme. Wir gehen mit einem total

analytischen Verstand an eine Erfahrung heran, die halb Traum und halb Trauma

ist.

Als Leser begleiten wir Daniel, den Protagonisten auf einer Reise zu sich

selbst. Inwiefern begeht man so eine Reise? Daniel versucht eigentlich nur,

einem Ereignis zu entkommen und landet in Saigon, genauer gesagt, in einem

Schwarzen Loch, das alles und jeden in einen Strudel zwischen Traum und

Realität saugt. Am Ende bleibt nichts außer dem Trauma, dass man sich selbst

nicht genug ist. Oder dass man sich selbst schon zu viel ist.

»Saigon Sound« besitzt einen roten Faden, erzählt eine Geschichte und hat

auf jeden Fall ein Ende. Allerdings kann man alles anders auslegen. Was ist der

rote Faden? Daniels Lebensgeschichte? Der kurze Aufenthalt in Saigon? Oder

ist es kein roter Faden, sondern ein Teppich in verschiedenen Rottönen, die

sich einem Traum gleich unscharf vermischen, bevor ein neuer Rotton entsteht?

Und wenn es ein Teppich ist, was ür eine Geschichte wird dann erzählt? Ist es


die Geschichte über ein Trauma, ausgelöst durch Erlebnisse in einer Bar? Eine

Liebesgeschichte, die Wunden hinterlässt? Oder ist es eigentlich die Reise der

Leser, die zu sich selbst finden müssen. Lesen wir über Daniel oder lesen wir

eigentlich unsere eigene Reise zu uns selbst, die durch einen Traum nur anders

gezeigt wird und dadurch Traumata verarbeitet?

Das Ende ist ganz klar und wahrscheinlich das am einfachsten zu erklärende

Ereignis der ganzen Geschichte. Das Ende ängt mit einem Traum an, überwindet

Traumata, einprägsame Ereignisse und lässt den Leser am Ende erwachen, ohne

das Bewusstsein was Wirklichkeit und Realität ist. Alles klar? Jemand eine

Zigarette um den Gedankenstrudel zu entwirren? Oder eher einen Whiskey?

Aber setzt euch ja nicht auf den leeren Stuhl an der Bar, verstanden?

Machen wir weiter. Seien wir vielleicht mal weniger analytisch, als wir es

bis jetzt waren, sondern philosophieren wir mal. Was will uns Daniel Dekkard

eigentlich sagen? Dass in Saigon die Zeit anders läuft? Das haben wir begriffen,

mehr oder weniger. Dass es Menschen gibt, die irgendwann, irgendwo landen, um

seltsame Dinge zu erleben, die sie nicht verstehen? Haben wir auch verstanden.

Oder will uns der Autor eigentlich nur sagen, dass es immer darauf ankommt,

wie man die Dinge sieht? Wäre diese Geschichte so verlaufen, wenn Daniel (der

Hauptprotagonist, nicht der Autor!) nicht so offen ür diese eigene, andersartige

Welt gewesen wäre? Er akzeptiert die Dinge, die passieren. Nimmt sie einfach

hin, ohne sie in ihre Einzelteile zu zerlegen. Damit lässt er ihnen den Zauber, der

den Ereignissen unbewusst anhängt. Daniel (der Prota) zeigt uns Lesern, wie

man Akzeptanz lebt, in einer Welt (die Kneipe, der Ort, das Land, die Erde …),

in der man selbst akzeptiert werden muss. Ein Traum? Vielleicht. Ein Trauma,

wenn diese Erlebensspanne vorbei ist? Mag sein.

Wir haben lange gegrübelt. Über »Saigon Sound«, über das Wieso, Warum,

Wer, Was, Wo, Weshalb. Wir haben geraucht, getrunken und hatten am Ende

einen fetten Kater, aber keine Erleuchtung. Man kann sagen, dass wir keine

Meinung haben. Oder unsere Meinung spaltet uns selbst. War das Buch gut? Kann

man so gar nicht sagen, denn wir finden (oder auch nicht), dass man »Saigon

Sound« selbst gelesen haben muss, um (k)eine Meinung haben zu dürfen. Es

schlägt ein wie Hochprozentiger, steigt in den Kopf wie eine lustige Zigarette zu

viel und sorgt in beiden Fällen daür, dass man benebelt ist, ohne seinem Ziel

näher gekommen zu sein. Es heißt, der Weg sei das Ziel, aber ist das Ziel auch

das Ende? Und was ist das Ende? Ist es das Ende, wenn die Geschichte vorbei

ist? Oder ängt die Reise dann erst an? Bekommt man ein Trauma, wenn man

diese Geschichte analysieren will? Auf jeden Fall! Aber warum?

Daniel Dekkards Schreibstil ist uns am einprägsamsten in unseren traumatisierten

Köpfen hängen geblieben. Wir hatten das Geühl, wir würden zusammen

mit ihm bei Mat sitzen, trinkend, rauchend, im Schwarzen Loch verschwindend,

und Daniel (diesmal der Autor, nicht der Protagonist!) erzählte uns die


Geschichte von Daniel (der Protagonist, nicht der Autor, glauben wir … O.o).

Wir sitzen mit einigen Leuten da rum, die wir eigentlich gar nicht kennen. Jeder

versucht seine eigene Geschichte in diesem Loch zu lassen, um das Trauma der

Erlebnisse zu überwinden, aber Daniel (der Autor) hebt sich durch seinen Stil,

seine Art und Weise des Erzählens ab, sodass alles andere in den Hintergrund

rückt, verschwimmt und letztendlich verschwindet, bis der Fokus ganz allein auf

Daniel (den Autor) gerichtet ist. Der Spot scheint auf ihn, rauchend, trinkend

und er erzählt einfach. So wie es ist, ohne Verschnörkelungen, Verschönerungen,

Liebesgeühlsplänkeleien. Alles ist innerhalb der traumatischen Traumerfahrung

klar strukturiert. Jedenfalls folgt es gewissen, geraden Linien, die am Ende

irgendwo herauskommen.

Das Besondere an »Saigon Sound« ist ganz klar, das Wissen bzw. das Unwissen

des Lesers. Denn diese Geschichte kann genauso wie sie geschrieben steht, auch

passiert sein. Und als Leser ist dieses Geühl vor dem Lesen und nach dem Lesen

einfach faszinierend. Was ist nun? Ist Daniel DER Daniel? Oder doch nicht?

Das Beste am Ende ist einfach, dass ich mir als Leser vorstellen kann, dass der

Autor das hier erlebt hat. Ob es so ist oder nicht, sei dahingestellt und muss ich

eigentlich auch gar nicht wissen.

Fazit

Seid ihr nun schlau aus unserer Rezension geworden? Noch eine Zigarette zum

Nachdenken? Setzt euch noch mal hin, trinkt noch einen Whiskey und findet

heraus, warum »Saigon Sound« so ist, wie es ist. Einprägsam. Anders. Eine

Geschichte, die mehr ist als nur eine Geschichte. Ein Protagonist, auf der Reise

zu sich selbst. Ein Ort, an dem wir verloren gegangen sind. Es ist nicht wirklich

wichtig, eine Meinung zu haben, man muss nur begründen, warum das so ist.

Es ist vorherbestimmt, wir können also gar nichts ändern. Vielleicht träumen

wir ja. Oder ihr träumt und wir sind wach.

Jeder, der nichts gegen traumatische Erfahrungen hat (haltet euch mal eine

Waffe in den Mund und schießt dann daneben!), der nichts gegen Erlebnisse

hat, wie sie in einem Traum vorkommen (haben wir die Rezension wirklich

geschrieben oder haben wir zu viel getrunken und geträumt?), der ist bei »Saigon

Sound« genau richtig. Denn auch wenn alles etwas seltsam ist und wir nie

wirklich wussten, wo uns diese Reise nun hinührt, haben wir doch immer

wieder nachdenken müssen, über das, was zwischen den Zeilen steht. Und

spricht es nicht ür das Buch, wenn wir uns selbst Tage (wahrscheinlich noch

Wochen) mit ihm beschäftigen? Irgendwas muss es ja in uns bewirkt haben,

auch wenn wir nicht genau definieren können, was es ist.


Bewertung

»Saigon Sound« von Daniel Dekkard (dem Autor) bekommt von uns von

Marken.

In Flagranti

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(dem idealen Leser gewidmet)

Nur einmal möcht ich dich berühren,

wie’s Zeilen tun, die nie geschrieben

worden sind und möcht die Wärme spüren,

die wörtlich spricht und die zu lieben

mir nicht gestattet ist.

Doch zwischen Tönen, Klängen, Bildern,

verraucht der Sinn im Wörtermeer

und wo die Silben Herzen wildern

bleibt eine Öde, menschenleer,

wo Zweifel stetig frisst.


So bleibt ein Sehnen nur nach deinem

Lächeln, das durch die Zeiten geht.

Und meine Träume gelten einem,

der meine Niederschrift versteht

auch wenn er mich vergisst.

Margot S. Baumann

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Teil : Aller Anfang ist Format

Zugegeben, es ist lästig und Spaß macht es auch nicht. Aber, wer schon einmal

ohne vorherige Formatierung drauflos geschrieben hat, der weiß, wie viel Mühe

und Zeit es kostet, das fertige Manuskript im Nachhinein in das richtige Format

zu bringen, auf dass es sich dazu eignet, es Korrektur lesen zu lassen, es einem

Lektor zu übergeben, es vielleicht auch an einen Verlag oder Agenten zu schicken,

und nicht zuletzt, es in ein ordentliches E-Book oder Printbuch zu verwandeln.

Erst formatieren, dann fabulieren

Zwar ist die Normseite insbesondere ür den Selfpublisher nicht mehr unbedingt

das Wichtigste, ich persönlich halte sie aber nach wie vor ür sehr nützlich,

weil sie zum einen ein gängiges Maß darstellt und zum anderen ein sehr übersichtliches

Arbeiten ermöglicht, was auch den eigenen Überarbeitungs- und

Korrekturdurchgängen sehr entgegenkommt. Und sollte ich mich zwischendurch

anders entscheiden und das Buch doch einem Verlag anbieten wollen,

dann spare ich mir größere Umformatierungsarbeiten.


Natürlich ist es abhängig davon, mit welchem Programm ich arbeite. Wenn

ich ein ›Schriftstellerprogramm‹ verwende, wie zum Beispiel Papyrus-Autor,

kann das manches erleichtern, denn dort gibt es zahlreiche Features, die bereits

voreingestellt sind. Zum Beispiel lässt sich mit einem Klick ein Manuskript auf

Normseiten bringen. All dies funktioniert aber auch problemlos in Word oder

anderen Programmen.

Einrichten der Seite

Ich empfehle grundsätzlich und aus schmerzlicher, eigener Erfahrung, das Dokument

von Anfang an auf Normseitenformat ( Zeilen à Zeichen) einzustellen.

Es gibt zahlreiche Musterseiten im Netz, die vorformatiert sind und heruntergeladen

werden können. Einfach einmal nach ›Normseite‹ suchen und man wird

schnell ündig. Achtung! Je nach Version kann es passieren, dass das vorgefertigte

Format von der eigenen Programmversion verändert wird, also auf jeden Fall

noch einmal nachprüfen, ob alle Einstellungen korrekt sind. Mit ein bisschen

Aufwand lässt sich die Normseite aber auch schnell selbst einrichten.

Zunächst die Schriftart: Üblicherweise verlangt die Normseite eine einheitlich

breite Serifenschrift wie z.B. Courier New in der Schriftgröße pt. Diese

Schriften haben den Vorteil, dass alle Buchstaben in der gleichen Breite abgebildet

werden. Bei Schriftarten wie z.B. Arial (den sogenannten Proportionalschriften)

passt sich die Schriftbreite an die tatsächliche Breite des jeweiligen Buchstabens

an, die Anzahl der Buchstaben pro Zeile kann dabei variieren. Genau das ist

aber nicht gewollt, da die Normseite auf Zeichen je Zeile ausgelegt ist.

Es folgt der Zeilenabstand. Für eine Normseite gilt ein Zeilenabstand von ,

Zeilen.

Die Ränder stelle ich zum Beispiel wie nachstehend ein. Bitte trotzdem noch

einmal nachzählen, ob es tatsächlich Zeichen pro Zeile sind und exakt

Zeilen.

• Oberer Rand: , cm

• Unterer Rand: , cm

• Linker Rand: , cm

• Rechter Rand , cm

Ich kann die Ränder auch anders setzen, Hauptsache es sind am Ende je

Zeichen in je Zeilen. Allerdings empfiehlt sich ein breiter rechter Rand, um

möglichst viel Platz ür Korrekturanmerkungen zu lassen.


Zwischendurch etwas Grundsätzliches

Normseiten sind grundsätzlich im Flattersatz zu formatieren. Außerdem muss die

automatische Silbentrennung ausgeschaltet sein. Für die Einreichung bei einem

Verlag oder einer Agentur ist es sinnvoll, in Kopf- und Fußzeile ein paar Angaben

zu machen. Grundsätzlich gehört immer der Arbeitstitel des Manuskripts auf

jedes Blatt, ebenso wie der Name des Autors mit dem Copyright-Zeichen; das

Jahr der Manuskriptentstehung schadet nicht. Die Seitenzahlen sind hingegen

unerlässlich.

Allerdings rate ich dazu, Kopf- und Fußzeile erst dann auszuüllen, wenn es

nötig ist. So kann ich das Dokument jederzeit mit ein paar einfachen Schritten

in ein E-Book verwandeln und da hinein gehören weder Kopf- noch Fußzeile

und schon gar keine Seitenzahlen. Die spezielle Funktion von E-Book-Readern,

die es den Lesern ermöglicht die Buchstabengröße auf das eigene Seh- und Leseverhalten

anzupassen, erlaubt keine Seitenzahlen (und auch keinen Blocksatz).

Einrückung und Absatzschaltungen

Ein Absatz wird durch eine Zeilenschaltung deutlich gemacht, wobei der neue

Absatz mit einer leichten Einrückung beginnt. Wie stark eingerückt wird, ist

meiner Meinung nach Geschmackssache, mir persönlich geällt (auch im fertigen

Buch) eine Einrückung von , cm, was einer Buchstabenbreite entspricht.

Oftmals wird jedoch empfohlen, Zeichen breit einzurücken.

Achtung! Nicht über die Leertaste einrücken, sondern die Einrückung voreinstellen.

Das funktioniert am unkompliziertesten über den Menüpunkt ›Absatz‹

oder über die Linealzeile. Einfach dort das obere, linke Dreieck auf die

gewünschte Einrückbreite verschieben und schon wird die Einrückung bei jeder

Zeilenschaltung automatisch gesetzt.

Übrigens: Bei Überschriften und dem jeweils ersten Absatz eines Kapitels

verzichte ich auf die Einrückung. Das Ergebnis sieht einfach schöner und professioneller

aus.

Keinesfalls wird ein Absatz mittels einer doppelten Zeilenschaltung angezeigt.

Eine doppelte Zeilenschaltung findet nur Anwendung, wenn z.B. ein Szenenoder

Zeitwechsel innerhalb eines Kapitels deutlich gemacht werden soll. Ebenso

wie Absätze, werden auch Dialoge bei Sprecherwechsel mit einer einfachen

Zeilenschaltung voneinander abgetrennt.


Kapitelüberschriften

Um später ein ›sprechendes‹ Inhaltsverzeichnis generieren zu können, ist es

sinnvoll, die Kapitelüberschriften von Anfang an als solche zu formatieren. Dazu

kann man entweder die vorgegebenen Formate (Überschrift , oder ) verwenden

oder über den Menüpunkt Format/Formatvorlage eigene Formatvorlagen

anlegen.

Wenn man verschiedene Überschriftenarten verwendet, empfiehlt es sich,

darauf zu achten, dass das zum Ende generierte Inhaltsverzeichnis auf die entsprechende

Gliederungstiefe eingestellt ist.

Mein Tipp: Eine persönliche Musterdatei einrichten, auf die bei jedem neuen

Manuskript zurückgegriffen werden kann.

Und nun: Frohes Fabulieren!

Regina Mengel

Wortentbrannt

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Mehr zum »Handwerk am Buch – Schriftsteller und die Technik« in der nächsten

Ausgabe unseres Magazins. Dann geht es um das Thema: Vom Manuskript zum

E-Book.


Manche Tage sind schwarz, manche weiß, viel zu viele einfach nur grau. Aber

Donnerstage sind immer grün und ein kleines bisschen braun.

Wir gehen ins Konzert. Vivaldi. Die Piazza San Marco, überschwemmt von Touristen.

Es heißt, die Stadt versinkt. Doch sie ist schon vor langer Zeit versunken.

Überflutet von Träumen, vom Hoffen, von weißen Socken in braunen Sandalen.

Ich versinke im Chiffon deines blassgrünen Abendkleides. Du trägst es ür

mich, sagst du. Und du trägst es mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit

der du den Tag in deinen Augen trägst. Wunschbrunnen. Hundert Wünsche auf

dem Grund. Einige glänzend, frisch geprägt, andere patiniert, aber kein einziger

vergessen.

Lass uns fliegen, sagst du, und weißt, dass ich nicht fliegen kann. Nicht wie du.

Die Arme ausgebreitet, die Augen weit geöffnet. Ein kühler Wind greift in dein

Haar, weht kleine Sprenkel über meinen Nacken.

Ich kann deine Gedanken riechen. Eine endlose Wiese voller Arnika, zur

Sommersonnenwende, taubenetzt im Morgengrauen. Nackte Füße im Gras, dein

Kopf in meiner Armbeuge. Du bist Erde und Wasser, hältst einen Kieselstein in

deiner Hand. Glatt geschliffen, warm von deinem Atem.


Ich halte die Luft an, solange es geht, um deine Gedanken nicht fortzublasen.

Und du lächelst.

Nur noch ünfundzwanzig Minuten, sage ich, nach einem Blick auf die lange

Schlange vor dem Eingang der Ateneo di San Basso und meine Armbanduhr. Du

nimmst meine Hand, ziehst mir die Uhr vom Handgelenk und wirfst sie mitten

unter eine Schar Tauben.

Ich schenke dir tausend Mal ünfundzwanzig Minuten, flüsterst du, und ich

verliere den Kontakt zum Boden.

Du möchtest Eis essen. Der Gedanke an ›Le Quattro Stagioni‹ hat dich hungrig

gemacht, sagst du, voller Überzeugung, und weißt, wie sehr ich es hasse, wenn

du dich dumm stellst. Du ignorierst mein Augenrollen und meine Einwände,

dass die Karten verfallen. Vivaldi wird schon seit Jahren gespielt und er wird

es auch nächste Woche noch, aber das Eis brauchst du unbedingt sofort.

Mitten durch die Menschenmenge ührst du mich, als wäre sie gar nicht vorhanden

und ich sehe, dass du keine Schuhe trägst, unter deinem langen Kleid.

Vergessen, sagst du, zuckst mit den Schultern.

Wir finden einen freien Tisch, in einer Gelateria am anderen Ende des Platzes.

Deine Fingernägel ziehen helle Furchen in das Braun meines Unterarms. Du säst

deine Träume unter meine Haut. Lass uns eine Weile hier bleiben, eine Auszeit

nehmen. Wenigstens bis zum Karneval.

Der Kellner wartet auf unsere Bestellung. Dein Blick ist nur auf mich gerichtet.

Lange Zeit. Saugt mich ein. Gehen wir zurück zum Hotel, sagst du, und ich lache.

Du öffnest die Gardinen, die großen Flügelfenster, lässt die Nacht zu uns ins

Zimmer. Die Stadt ist hellwach, genau wie du. Du möchtest nie wieder schlafen,

sagst du, kein noch so kleines Stück des Lebens verpassen.

Achtlos wirfst du dein Abendkleid auf den Boden. Lässt deinen Körper in den

gräsernen Stoff sinken. Endlose Weite und der Duft nach Arnika.

Das Grün ist tiefer geworden. Braun rinnt der Tag zwischen meinen Fingern

hindurch. Schwer und noch ein wenig feucht. Dunkler als letzte Woche. Es hat

geregnet, am Mittwoch.

Simone Keil

Homepage


Oder: Müssen es immer Erdbeeren sein?

Seit Qindie offiziell gestartet ist, habe ich so einige Nachrichten erhalten, in denen

besorgt-fassungslos nachgefragt wurde, ob ich denn jetzt nur noch Indiebücher

läse. Und ob ich nun gar nichts mehr von Bernhard Hennen läse. Und auch

nichts mehr über seine Bücher schriebe. Ich finde das wirklich süß und auch

ein wenig lustig, weil der letzte Punkt doch oft kritisiert wird. Aber diese Mails

haben mich auch nachdenklich gemacht …

Warum wird so oft angenommen, dass man keine Verlagsbücher mehr liest,

wenn man Indiebücher mag? Es käme doch auch niemand auf die Idee, dass

jeder Mensch Erdbeeren oder Kirschen mag, aber niemals beides. Entweder oder.

Schwarz oder weiß. Wer sagt denn, dass man sich entscheiden muss? Sind solche

Schubladen einfach zu verlockend – oder gibt es da eine Konkurrenz, die ich

bisher nicht wahrgenommen habe?

Die großen Publikumsverlage trauen den Lesern meist nicht viel zu und legen

fest, was der Leser lesen möchte – was »Trend« ist. Was in ein Buch unbedingt

rein muss, welche Subgenres gut laufen und welche Themen gar nicht gehen.

Viele Leser sind mit diesem Angebot ja auch rundum glücklich, aber es gibt

eben auch noch andere Leser wie mich, die beispielsweise gern tiefere und etwas


anspruchsvollere Geschichten lesen. Oder Bücher zu Themen, die nicht gut

laufen.

Mich reizen Indiebücher, weil die auch mal etwas Spezielleres haben, mich ein

wenig fordern und dadurch intensiver beschäftigen, in keine Schublade möchten

und ür mich reizvolle Themen wie beispielsweise die nordische Mythologie

behandeln. Natürlich ist das nicht bei allen Indiebüchern so, aber mir gefallen ja

auch nicht alle Verlagsbücher, die ich lese.

Man muss sich nicht zwischen diesen beiden Bucharten entscheiden und kann

auch einfach beides lesen. Bei mir klappt das prima. Sowohl bei den Verlags- als

auch bei den Indiebüchern finde ich Perlen. Geschichten, in die ich so richtig

versinken kann und die mich noch länger begleiten. Ich sehe da keine Konkurrenz,

es ist einfach eine Frage des persönlichen Geschmacks. Das zeigt sich ja

auch bei den Buchbloggern: Viele konzentrieren sich auf Verlagsbücher, aber

einige lesen und besprechen auch beides.

Gute Geschichten, die zu den eigenen Ansprüchen und Vorlieben passen – das

ist es doch, was meiner Meinung nach zählt. Nicht ob das Buch nun Bestseller,

Indie, Nischenprodukt oder eine Verlagspublikation ist. Wie seht ihr das?

Marny Leifers

Fantastische Bücherwelt

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Leuchtend orange erhebt sich die Sonne über dem Wald.

Und ich lebe noch.

Ich lausche dem Wind, der zwischen den Bäumen rauscht,

bewundere das sich ärbende Laub.

Und ich lebe noch.

Ich spüre das Prickeln der Sonnenstrahlen auf meiner Haut,

atme das Pilzaroma des Waldes,

schmecke den Duft des Herbstes.

Und ich lebe noch.


Ich folge mit den Augen den Regenwolken am Himmel,

den wirbelnden Blättern auf den Wegen,

ühle das kräftige Ziehen an meinen Beinen,

wenn der feuchte, schwere Erdboden unter meinen Schuhsohlen

klebt.

Und ich lebe noch.

Ich freue mich über das Rascheln der abgefallenen Blätter,

wenn ich mit langsamen Schritten durch sie hindurch fahre,

bücke mich nach heruntergefallenen Kastanien,

ertaste vorsichtig die spitzen Stacheln ihrer dicken Hüllen

und genieße den Impuls, der von den Fingerspitzen durch meinen

Körper geschickt wird.

Ich lebe.

Cordula Broicher


Erik Kellen TEOS (The empire of stones) Das Lied von

Anevay und Robert

Empfehlung von Regina Mengel

Dieser erste Teil einer Serie hat mich sofort fasziniert. Nicht nur die Schreibe des

Autors, auch die Figurenzeichnung und vor allem die Geschichte zogen mich

in ihren Bann. Die feine Mischung aus Technik und Magie – Steampunk at it’s

best – fließt dabei so spannend in das Geschehen ein, dass sich die Welt von

Anevay und Robert vor meinem inneren Auge vom Papier erhebt und ich schon

nach wenigen Absätzen das Buch kaum mehr aus der Hand legen konnte.

Man sagt, es gibt Seelen, die eine Geschichte miteinander teilen. Verbunden

auf ewig, durch den Klang der Zeit. Sie sind die Zeilen eines Liedes, dessen Name

Schicksal ist.

New York: In einer regnerischen Nacht wird die sechzehnjährige Anevay von

den geürchteten Schwarzhüten aufgegriffen und ins Geängnis Fallen Angels

gebracht. Weil sie Indianerin ist, glaubt man, sie könne eine Wild One sein –

eine angehende Zauberin der verhassten Stämme. Es beginnt eine Zeit des


Martyriums ür das Mädchen. Doch Anevay ist zäh und kennt nur ein Ziel:

Flucht.

London: Der junge Lord Humberstone reist im Auftrag seiner Königin und des

Nordischen Feuerbundes nach Hammaburg. Dort soll er ür den Kronprinzen

eine neue Kriegsmaschine bauen. Doch immer häufiger fragt sich Robert, ob

er seine Begabung ür derlei blutiges Handwerk hergeben soll. Denn der Lord

hütet geährliche Geheimnisse. Eines Tages rettet er ein Leben und wird dadurch

zum Helden der Stadt, aber auch zum Feind der Mächtigen.

Das Lied von Anevay und Robert

Jacqueline Spieweg – Rattenauge

Empfehlung von Simone Keil

Rattenauge zu lesen ist, als würde man einen Maler dabei beobachten, wie er ein

neues Kunstwerk schafft. Ein tiefes Schwarz, ein blutiges Rot, Sonnengelb. Mit

jeder Farbe, die dazukommt, verdichtet sich das Bild etwas mehr. Die Farben

mischen sich zu neuen, bringen neue Perspektiven hervor, lassen aus vielen

Details ein Ganzes entstehen – doch auch in dem Ganzen entdeckt man immer

wieder Neues. Jacqueline Spieweg lässt uns das Geschehen aus der Perspektive

der Figuren erleben, und das tut sie auf eine so selbstverständliche Weise, dass es

einem ganz normal vorkommt, eine Bohnenranke zu erklimmen, um in ein altes

Fabrikgebäude zu gelangen. Und genau das ist eine der Besonderheiten, die das

Buch ausmachen. Normalität ist immer nur eine Frage des Blickwinkels. Jeder

erlebt ein Geschehen, die ganze Welt, so, wie er sie mit seinen Augen sieht, wie

er sie hört, schmeckt und riecht. Und trotzdem – oder gerade deswegen? – ügen

sich die Handlungsstränge zu einer Geschichte zusammen, die die Gegenwart

spiegelt, auch wenn man sie vielleicht erst auf den zweiten Blick erkennt. Aber

bei diesem Buch ist es wie bei vielen Dingen, die einen zweiten oder dritten

Blick lohnen: Wenn man sich darauf einlässt, bekommt man etwas zurück. Ein

großartiges Buch, eine ungewöhnliche Geschichte, auf eine ganz eigene Weise

erzählt.

Rattenauge


Susanne Gerdom – Das gefrorene Lachen

Empfehlung von Melanie Meier

Ein Märchen voller Magie! Zauberlehrling Philippa Saffronia trifft auf Liebe,

Ungewissheit, einen schaurigen Bösewicht und gerät in ein düsteres Abenteuer.

Klingt nach Klischee, ist es aber nicht, denn Frau Gerdom weiß ganz genau,

wie Figuren gezeichnet, wie ein Roman aufgebaut, wie bloßen Worten Leben

eingehaucht werden muss – und wie man Althergebrachtes geschickt in neues

Licht rückt.

Herausgekommen ist ein Märchen, das von der ersten Zeile an nach dem

Leser greift und ihn in eine phantastisch ausgearbeitete Welt entührt. Und wenn

man genau hinsieht, wenn man den Raum zwischen den Worten aufmerksam

betrachtet, sieht man kleine geheimnisvolle Glitzerpunkte umherschwirren, die

ich als das außerordentliche Talent von Frau Gerdom identifizieren konnte.

Ein Must-Have ür jedes Kinderzimmer und ür die Regale derer, die so schlau

waren, sich dem Erwachsenwerden zu verweigern.

Elsa Rieger – Rock’n’Roll

Empfehlung von Florian Tietgen

Das gefrorene Lachen

Was passiert in diesem Büchlein?

Eine Menge?

Wenig bis nichts?

Ein Mann macht Karriere, erüllt sich einen Lebenstraum, heiratet, der Traum

wird zum Trauma, die verwöhnte Luxusgattin, Tochter des Chefs – Klischees,

möchte man sagen.

Auch, als er in London den Rastafari Bob kennenlernt, schrilles Gegenteil,

Lebenskünstler, der reichen Kokainnasenträgern seine Bilder teuer verkaufen

möchte – zig Mal gelesene Konstellation – oder?

Darauf kommt es nicht an. Denn wenn das Buch stimmt, ist die Handlung egal,

wenn die Musik stimmt, erreicht sie uns, dringt mit Rhythmus und Melodie in

unser Herz und braucht keine Worte. Wenn Worte und Sprache stimmen, Melodie

und Rhythmus erzeugen, erreichen sie uns und durchdringen uns. Rock’n’Roll

erfasst uns und zwingt uns, zu tanzen.

So dieses Buch.

Rock’n’Roll


Simone Keil – Patient

Empfehlung von Susanne Gerdom

Ein Buch wie ein Traum – oder ein Trauma?

Patient Zweiundvierzig ist ein Ritt durch Alptraumwelten, eine tour de force

der Phantasie, eine Fahrt mit der Achterbahn (rückwärts), eine Lektüre, die ihren

Lesern das Gehirn durchquirlt, eine Prise Minze und zwei Prisen Wahnsinn

hinzuügt und das Ganze in exquisite Bilder gewickelt und erzählt mit einer

kraftvollen, poetischen Sprache serviert.

Patient will genossen werden. Patient will, dass man sich ihm mit voller

Aufmerksamkeit widmet. Wer nach leichtverdaulicher Sommerlektüre sucht,

wird nicht unbedingt glücklich werden mit diesem Buch – aber jeder, der das

Ungewöhnliche sucht, der findet es hier.

Meine Empfehlung: Allein um der Cover willen kauft euch die Sommer- UND

die Winteredition. Oder lasst sie euch schenken.

Patient – SommerEdition

Patient – WinterEdition

Katja Brandis – Der Verrat der Feuer-Gilde (Kampf um

Daresh )

Empfehlung von Marny Leifers

In Daresh gehört jeder Bewohner von Geburt an zu einer der vier Gilden, die

Wächter über Feuer, Luft, Erde und Wasser sind. Die jeweilige Gilde prägt sein

Leben und legt auch Fähigkeiten, Glaube und Lebensgewohnheiten fest. Aber

was ist, wenn jemand in eine andere Gilde wechseln möchte – ist das überhaupt

möglich?

Rena gehört zur Erd-Gilde, wäre aber viel lieber in der Feuer-Gilde. Als sie der

Schwertkämpferin und Schmiedin Alix begegnet, glaubt sie ihrem Ziel näher

zu kommen. Doch Alix ist auf der Suche nach einem Verräter in den eigenen

Reihen, der geheime Informationen der Feuer-Gilde weitergibt. Rena begleitet

sie und wird dadurch nicht nur in die Fehde zwischen den vier Gilden hinein

gezogen, sondern lernt auch Menschen aus den verschiedenen Gilden kennen.

Ich habe es genossen, dass die vier Elemente in diesem Buch ein so wichtiger

Bestandteil sind und nicht nur als schmückendes Beiwerk genutzt werden. Sie

sind auf jeder Seite spürbar und bieten viele Facetten, die man im Verlauf der


Geschichte kennenlernt. Mich hat der Ideenreichtum begeistert, die Eigenheiten

der jeweiligen Provinzen und Landschaften. Die gelungenen Bilder, die sich

in meinem Kopf einnisten und mich begleiten. Die so verschiedenen von den

Elementen geprägten Lebensgewohnheiten. In diese Welt kann man so richtig

schön abtauchen - ganz besonders, wenn man wie ich eine Vorliebe ür Elemente

hat und sich an den vielen Verbindungen und Details erfreut.

Der Verrat der Feuer-Gilde

Robert Odei – Gottes Zirkus

Empfehlung von In Flagranti Books

Herzlich Willkommen in »Gottes Zirkus« –

oder wie ich es besser beschreiben würde: Im Kopf eines Autors, dessen

Verstand einem Spielplatz voller Ideen gleicht!

Hier erwartet Sie nichts Gewöhnliches, nichts Vergleichbares und nichts, was

der typischen Realität von heute gleicht. Gönnen Sie Ihren Gehirnzellen eine

ganz besondere Mischung an süßem, makabreren und saurem Popcorn, während

Sie die Show in »Gottes Zirkus« mit offenen Mund bestaunen.

Diese insgesamt eigentlich nur Auftritte in eigenen Worten zu beschreiben

wäre so sinnlos wie der Gedanke, dass keiner dieser Auftritte nach dem Lesen in

Ihrem Kopf Wurzeln schlagen würde. Robert Odeis Art und Weise, die Dinge

wahrzunehmen, sie neu zu interpretieren und auf seiner Bühne zu präsentieren,

wird nicht jedermanns Sache sein. Aber ich bin Gott sei Dank nicht jedermann,

und Sie vielleicht auch nicht. Lassen Sie sich diesen grandiosen Spaß, eine seiner

Shows aus der ersten Reihe bestaunen zu dürfen, nicht entgehen.

Was auch immer im Kopf vom Robert Odei so alles rumspukt: Sie wollen es

einfach nach dem Lesen seiner Bücher/Geschichten wissen. Denn die Geschichten

sind nur das Bühnenbild und Robert Odei ist die komplette Besetzung. Man

sieht neun verschiedene Auftritte und könnte schwören, dass diese von neun

verschiedenen Autoren erzählt werden. Ich weiß, wovon ich da rede, denn ich

saß bei jeder seiner öffentlichen Vorstellungen in der ersten Reihe.

Egal, was man nach dem Beenden einer seiner Shows denkt: Beim Zuschauen

des nächsten Auftritts denkt man sich das komplette Gegenteil. Wie ein Chamäleon

verändern sich Schreib – und Erzählstil und die Handlungen nehmen eine

andere Richtung als die vorherigen an.


Seine Umsetzung der verschiedenen Wettbewerbsthemenvorgaben sind allesamt

anders. Anders und vielleicht nicht immer perfekt, aber das war sicherlich auch

nicht das Ziel des Autors. Sein Anders ist ein stetiger, neuer Auftritt und ich durfte

der Zuschauer sein, der jede Sekunde seiner Bühnendarstellung verschlingen

konnte. Und, was ist mit Ihnen?

Eine Empfehlung, die Sie nicht bereuen werden!

Gottes Zirkus


Liebenswertes Hobby oder kräftezehrende Belastung?

Sie schießen wie die Pilze aus der Erde: Literaturblogs. Waren sie vor einigen

Jahren vor allem ein Phänomen englischsprachiger Länder, so sind sie nun auch

zuhauf in deutscher Sprache vorhanden. Sie thematisieren die weite Welt des

geschriebenen Wortes oder haben sich manchmal auf einzelne Genres oder gar

AutorInnen spezialisiert. Ebenso wie die inhaltliche Differenz der Blogs sind die

Beweggründe, mit denen LeserInnen selbst einen Blog ins Leben rufen.

Der Literaturblog literatur-diskussion.com etwa hat es sich zur Aufgabe

gemacht, einen Ort des Austauschs zwischen Literatur-Machern und

-Konsumenten zu schaffen. So finden LeserInnen auf dem Blog nicht einfach

nur Rezensionen, sondern werden mit »hinter die Kulissen« genommen.

Es gibt stets spannende Autoreninterviews, News von den Bestsellerlisten,

Infos zu Literaturpreisen und ihren Preisträgern, Veranstaltungshinweise zu

Ausstellungen oder Lesungen, von aktuellen Skandalen und Neuheiten in der

Literaturszene wird berichtet.

Doch ist das Bloggen nun Traum oder Trauma? Für den Blogger ist es schön zu

sehen, dass Rezensionen und auch andere Beiträge von LeserInnen wertgeschätzt

und kommentiert werden. Es ist aufregend, von AutorInnen immer wieder

Anfragen zu bekommen, sodass man ständig auf neue tolle Romane hingewiesen


wird, die einem sonst meist entgangen wären. Blogger merken zudem immer

stärker, dass auch Verlage großen Wert auf ihre Meinung legen. Sie haben

im Literaturbetrieb eine eigenständige Bedeutung bekommen. Denn Blogger

tragen zur Bekanntmachung eines Buches bei, können durch ein negatives Urteil

dessen Verkauf bremsen oder mit einer positiven Bewertung den Vertrieb weiter

ankurbeln. Gleiches gilt natürlich bei Selfpublishing-Werken. Für unabhängige

AutorInnen ist ein Urteil meist noch wichtiger, da sie im Bereich Marketing

weniger Möglichkeiten haben, um Menschen zu erreichen.

Andererseits ist das Bloggen unweigerlich mit Arbeit verbunden und kann

schnell zum Trauma werden: Wenn immer wieder unangefordert Romane beim

Blogger eintreffen etwa, die wegen des Mangels an Zeit nicht behandelt werden

können. Zudem vergessen viele AutorInnen und Verlage, dass Blogger ihren

Blog meist nicht »beruflich« betreiben, sondern ausschließlich als Hobby. So

werden Rezensionen forsch eingefordert und das Schreiben über Literatur wird

ür einen Blogger zum notwendigen Übel und zur Pflicht, während die Freude

auf der Strecke bleibt.

Wer einen Literaturblog ins Leben rufen möchte, sollte sich darüber im Klaren

sein, dass neben all den Vorzügen auch Verpflichtungen warten. Weiterhin ist ein

gewisses technisches Grundverständnis erforderlich, um einen Blog einrichten

und betreiben zu können. Als Fazit lässt sich aber sagen: Wer die Balance findet,

dem wird das Bloggen über Literatur Spaß machen.

Sani

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Traumreise

schaukeln im rosenumrankten

Garten träger Sommerzeit

die nach Limonade schmeckt

ewig ist in Kindertagen

reiten zu Oasen und Datteln

pflücken in blauen Tüchern mit

Tuaregs tanzen im Zelt zwischen

Wüstenblumen


Lust die wilde Lust wird breit

im Schein der Nacht endlos das Lied

vom Verschmelzen bis das Licht

die Dämmerung teilt

Elsa Rieger

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E-Books und Taschenbücher


Frage: Sie haben in der Vergangenheit verschiedene Jobs ausgeübt. Wie

sind Sie zum Schreiben gekommen?

N.L.: Ich habe immer geschrieben, schon als Kind. Außer meinen Jobs als Reiseleiterin,

bei denen ich nicht nur die Welt, sondern auch die Abgründe der

menschlichen Seele kennenlernen durfte, haben alle meine Jobs auch mit Schreiben

zu tun gehabt. Ich war bei dpa, bei RTL, und habe selbst Jahre lang eine

sehr erfolgreiche PR-Agentur gehabt.

F.: Warum schreiben Sie heute unter einem Pseudonym?

N.L.: Weil ich den Sachbuchbereich mit seiner eingeschränkten Zielgruppe von

dem Krimi-Genre trennen kann. Ich werde – hoffentlich noch in diesem Jahr –

ein neues Buch unter einem anderen Pseudonym herausbringen, denn es handelt

sich da wieder um ein anderes Genre. Ich will Leser einfach nicht enttäuschen.

Und ehrlich – mich selbst auch vor eventuellen Misserfolgen schützen.


F.: Warum haben Sie sich für die Selbstveröffentlichung der Romane

und damit gegen die Veröffentlichung durch einen Verlag entschieden?

N.L.: Das war nun wirklich keine freiwillige Entscheidung. Meine Romane

wollte einfach keiner haben. Mein erster Roman, den ich mit geschrieben

habe, wurde mir quasi ungelesen von den Verlagen zurückgeschickt. Auch »Der

. Tag« wurde mir von den großen Verlagen zurückgeschickt, diesmal gelesen

und mit Begründung. Man hatte einfach kein Interesse an neuen deutschen

Autoren, das sei viel zu teuer, diese aufzubauen, ich solle es doch mal bei einem

kleineren Verlag versuchen.

Klein war allerdings nie so mein Ding. Klar, so eine englische Übersetzung ist

weitaus preisgünstiger. Ich war dann so verunsichert, dass ich meinem Agenten

nicht mal meine Romane gezeigt habe. Vielleicht ganz gut so, der Agent ist

später mit meinen Honoraren untergetaucht.

F.: Wie haben Sie selbst den überraschenden Erfolg Ihrer Romane Der

. Tag und Das . Gebot wahrgenommen? Wie überrascht waren Sie?

N.L.: Es war überwältigend; selbst jetzt, wenn ich daran denke, also über ein

Jahr, nachdem ich das erste Mal auf Platz gekommen bin, schießen mir noch

die Tränen in die Augen. Dass ich das mit Jahren noch erleben darf, das ist

einfach das größte Geschenk meines Lebens. Ich bin unendlich dankbar daür,

dass sich mein Lebenstraum noch erüllt hat. Ich wollte immer eines werden:

eine alte, erfolgreiche Schriftstellerin.

Manchmal allerdings bin ich auch ein bisschen wütend und frage mich, wieso

ich diesen Erfolg nicht schon zehn Jahre früher hätte haben können. Warum hat

damals kein Verlag das Potential von »Der . Tag« erkannt? Ich hätte einfach

noch zehn weitere Krimis in den letzten Jahren schreiben können. Stattdessen

dachte ich immer: es hat ja doch keinen Zweck.

F.: Was schätzen Sie besonders an Ihrer Arbeit als selbständige Autorin

und Selbstverlegerin?

N.L.: Dass ich weiß, dass mein nächster Roman auch ganz sicher verlegt wird.

Dass ich Cover, Ankündigungstext, also meine Außendarstellung selbst bestimmen

kann. Dass ich mir die Leute aussuchen kann, mit denen ich arbeiten will.


F.: Gibt es einen Prozess in der Herstellung Ihrer Romane, bei dem Sie

auf die Hilfe von externen Stellen bauen? (Bsp.: Lektorat oder Leserumfragen

etc.)

N.L.: Oh ja, so ein Roman ist ja keine One-Woman-Show. Man braucht Lektorat,

Korrektorat, Grafik, Beta-Leser, Werbung, PR und vor allem Vertrieb.

F.: Können Sie sich vorstellen, spätere Projekte durch einen Verlag herausgeben

zu lassen?

N.L.: Ich habe selbst einen Verlag gegründet, bzw. den Geschäftszweck einer

bestehenden GmbH umgewidmet und mit diesem Verlag habe ich ein Imprint

bei mvg. Die Zusammenarbeit mit mvg ist bis jetzt so erfreulich, wie ich mir das

nie hätte vorstellen können. Wir arbeiten kollegial miteinander und es macht

rundum Spaß, auch die Zusammenarbeit meiner freien Mitarbeiter mit mvg

klappt absolut reibungslos. Selbstverständlich werde ich alle weiteren Bücher

ebenfalls bei mvg herausbringen. Never change a winning team!

F.: Wie ist aus Ihrer Sicht der Wandel auf dem Buchmarkt zu beurteilen?

Was halten Sie von E-Books und den dadurch neu entstandenen

Möglichkeiten?

N.L.: Ich bin fest davon überzeugt, dass den E-Books die Zukunft gehört, obwohl

ich mich selbst in Räumen ohne Bücher nicht wohlühle. Wir werden in einigen

Jahren fast nur noch elektronisch lesen. Das tut mir Leid ür die Buchhändler,

die müssen sich dazu etwas einfallen lassen. Aber auch die Droschkenkutscher

mussten weichen, weil das Auto sie verdrängt hat. Wir können (und wollen

doch hoffentlich auch nicht) den Fortschritt aufhalten.

F.: Auf einigen Plattformen ist es für jedermann möglich, einen Text als

gedrucktes Buch oder E-Book zu veröffentlichen. Welche Erfahrungen

haben Sie selbst beim Lesen von Indie-Büchern gemacht?

N.L.: Ich lese sehr häufig E-Books von Kollegen, schon weil es mich interessiert,

was um mich herum passiert. Allerdings lese ich nur E-Books, deren Cover

professionell sind, die einen guten Klappentext haben und deren Leseprobe mich

anspricht. Den Müll sortiere ich damit schon von vorneherein aus.


F.: In der Presse war zu lesen, dass Der . Tag verfilmt werden soll. Wie

viel Mitsprache wünschen Sie sich bei einer möglichen Verfilmung?

N.L.: Ich bin ein absoluter Neuling in der Branche. Soll ich den alten Hasen das

Hoppeln beibringen?

F.: Welche Projekte planen Sie für die Zukunft, von denen Sie uns schon

etwas erzählen können/dürfen?

N.L.: Da ist zunächst einmal meine Serie »Kudamm «. Ich habe immer davon

geträumt, eine Serie zu schreiben, die in etwa so einen Kultstatus bekommt wie

Rex Stouts Nero Wolfe-Reihe. Ich habe diese Bücher, die zwischen Mitte der er

bis Mitte der er Jahre regelmäßig erschienen, geliebt. Dabei waren ür mich die

Geschichten nur zweitrangig, ich bin einfach gern mal nach New York gereist und

habe bei Fritz ein Sterne-Essen bekommen, habe auf dem roten Besucherstuhl

Platz genommen und mich von Archie Goodwin vollquatschen oder von Nero

Wolfe ins Treibhaus einladen lassen. Oder ich habe einen Ausflug nach Boston

gemacht, zu meinem alten Freund Spenser von Robert B. Parker. Philip Marlowe

von Raymond Chandler ist schuld an meiner Liebe zu Los Angeles. Deshalb nun

»Kudamm «. Auch ich lebe in einer tollen, interessanten Stadt, und es würde

mich freuen, wenn bald noch mehr Touristen vor dem Haus Kudamm stehen

und es fotografieren. Das tun sie nämlich jetzt schon, dort ist die Haltestelle

eines Sightseeing-Unternehmens.

Vielen Dank ür Ihre Mühe!

Das Interview wurde geührt von literatur-diskussion.com

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Eins der seltsamsten Argumente gegen E-Books, das mir in den letzten Monaten

begegnet ist – nicht nur einmal, sondern mit erstaunlicher Regelmäßigkeit,

lautet: »Aber ich liebe den Geruch von Büchern!«

Auf Nachfrage, nach was Bücher denn so riechen, kommt immer die gleiche

Antwort: Papier und Druckerschwärze.

Ich war in meinem früheren Leben Buchhändlerin. Ich weiß, wonach Bücher

riechen sollten: nach gar nichts.

Ich weiß, wonach Bücher riechen können: Nach Staub. Nach Essensgerüchen.

Nach Katzenpisse, Moder, Zigaretten, Schimmel, nassem Hund.

Geht mal mit offener Nase durch ein Antiquariat und dann sagt mir das

nochmal mit der Liebe und dem Geruch. Druckerschwärze? Es mag sein, dass in

der Viertelstunde nach Entfernen des schützenden Zellophans auch der Geruch

von industrieller Fertigung aus den Seiten steigt. Nicht länger, denn wenn da

was nach Druckerschwärze riechen würde – anhaltend – dann würden die

Buchseiten abärben wie Zeitungsseiten. Tun sie nicht. Glücklicherweise.

Bücher, ihr Lieben, sind Industrieware wie Streichhölzer, Schuhe, Gummibärchen

und Ikea-Schränke. Bücher aus Papier sind eine Verpackungsform des Inhaltes,

um den es eigentlich geht. Ich gebe zu, dass es Menschen gibt, die sich Bücher

kaufen, um den Wohnzimmerschrank geällig damit zu schmücken. Schaut her,


ein halber Meter Goethe, ein Brett gemischte Klassik, ein Konversationslexikon.

Natürlich farblich sortiert, soll ja schön aussehen und zum Sofa passen.

Aber wir, die Leser? Wir kaufen Bücher, damit wir ihren Inhalt inhalieren

können. Ich lasse jetzt bewusst das Grenzgebiet des Kunstbuches aus. Coffetable-

Bücher sind Dekorationsstücke, keine „Lesebücher“, über die ich hier rede.

Wenn mir jemand vorschwärmt, dass er den neuen Stephen King, die neue

Rowling, den neuen Follett als Papierbuch besitzen muss, weil das doch so schön

riecht, dann ist der in meinen Augen ein Fall ür den Nervenarzt. (Oder er macht

sich und mir was vor.)

Neophobie – die Angst vor dem Neuen. Ja, ihr Lieben, findet euch damit ab. Ihr

liebt nicht den Geruch von Druckerschwärze und ihr liebt nicht das Rascheln des

Papiers. Ihr habt einfach nur Angst, das Gewohnte durch das Neue zu ersetzen.

Nicht mehr. Gutenberg hat sich damals wahrscheinlich auch einiges anhören

müssen, als er die bewegliche Letter erfand. Die schönen, handgeschriebenen

alten Bücher! Na gut, niemand konnte sie sich leisten, keiner hatte so was zu

Hause, es gab eben nur Bücher in Klöstern oder ür die ganz Reichen. Aber: Es

war das, was man gewöhnt war.

Ihr werdet nicht aussterben, ihr Papier-und-Druckerschwärze-Afficionados.

Ihr werdet mit den Vinyl-Fans und den Leuten, die Feuer noch mit dem Feuerstein

herstellen (weil das doch viel natürlicher ist) in eurem Reservat sitzen,

euch gegenseitig Schallplatten vorspielen, Zunder ürs Feuerchen sammeln und

an Büchern riechen. Und weil der schöne Geruch nach Papier und Druckerschwärze

so schwer zu konservieren ist, ehe er in Rauchgeruch, Schimmel und

Wurstfingeraroma untergeht, gibt es das passende Raumspray ür euch. Wohl

bekomm’s. (Aber denkt daran: Diese Aromastoffe sind karzinogen. Sparsam

verwenden!)

Und wer wirklich was Schönes riechen will: Geht raus. Riecht an einem Baum.

Susanne Gerdom

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Das Buch ist geschrieben, fehlt nur noch das Cover, und da man als Selfpublisher

gewohnt ist, alles persönlich in die Hand zu nehmen, liegt es nahe, auch das

Cover selbst zu gestalten. Es spricht nichts dagegen. Oder alles.

Würde man sich von jedem seiner Bekannten einen neuen Haarschnitt verpassen

lassen oder doch lieber von einem ausgebildeten Friseur? Spätestens,

wenn der Bekannte mit einer Nagelschere ankommt, werden die Meisten doch

eher Reißausnehmen, statt das Risiko einzugehen, sich mit dem Ergebnis in die

Öffentlichkeit wagen zu müssen.

In dieser Artikelserie erhalten Selfpublisher einige Tipps, worauf sie achten

sollten, wenn sie ihre Cover in Eigenregie herstellen.

Das Cover des Romans »Die englische Hochzeit« dient als Vorher-/Nachher-

Beispiel. Es war bereits ein gutes Cover, bevor ein Grafiker es nachbearbeitete.

Oft fehlt nur der Blick ürs Detail, ür den letzten Schliff. [*]

) Der Text.

Bei selbst gestalteten Covern hapert es meistens am Text. Das ängt mit der

Auswahl der Schrift an und hört beim Zeilenabstand und der Spationierung

zwischen den Buchstaben noch lange nicht auf. Es hilft, wenn man sich klar


macht, dass die Schrift auf einem Cover nicht nur Informationsträger ist, sondern

wie das Foto im Hintergrund ein Bildbestandteil des Bildes.

Hier wurde ür das finale Cover die dünnere Variante der Ausgangsschrift

gewählt, was dem Titel eine etwas leichtere Anmutung gibt. Im nächsten Schritt

wurde die Typo in die Länge gezogen, um ihr mehr Präsenz zu verleihen. Man

darf gern mit verschiedenen Schriftgrößen arbeiten, es erzeugt Dynamik und

hilft, das Wichtige zu betonen. Darum wurde das »Die« verkleinert und aus der

Mitte gerückt. Mit Musik verglichen, könnte man sagen, es ist nur der Auftakt,

er wird kurz angespielt, aber er leitet nur das Motiv ein, auf dem die Betonung

liegt.

Anschließend erhielten alle Textelemente einen dezenten Schatten, damit sie

sich etwas besser vom Hintergrund abheben.

Ein allgemeiner Rat ür den gestalterischen Umgang mit Text ist, nicht zu

viele verschiedene Schrifttypen zu mischen. In diesem Beispiel wurde nur eine

Schriftfamilie verwendet, als Variation ist »Roman« kursiv gesetzt und beim

Autorinnennamen der Buchstabenabstand vergrößert.

Man kann verschiedene Schrifttypen einsetzen, um unterschiedliche Informationen

auch optisch voneinander zu trennen, zum Beispiel ür den Namen des

Autors und die Genrebezeichnung (Roman, Krimi, usw.) eine andere Schrift als

ür den Titel.

Wichtig dabei ist: Die beiden Schriften sollten sich nicht ähneln.

) Die Farben

Bei der Betrachtung des Fotos ällt auf, dass auch hier ein paar Kleinigkeiten

geändert wurden: Die Farben sind kräftiger. Der Gelbanteil wurde verstärkt, um


der Szene Wärme zu geben. Allerdings wurde der kleine Ausschnitt hinter dem

Fenster ausgespart. Dort hätte mehr Gelb die Landschaft trübe wirken lassen,

darum wurde das Magenta reduziert und das Blau angezogen.

) Senkrecht

Es gibt noch eine weitere Korrektur bei dem Bild, die wahrscheinlich den wenigsten

bewusst auffällt und dennoch vorgenommen werden sollte. Architekturfotografien

haben alle einen Fehler, der fallende Senkrechte heißt. Besonders deutlich

wird das bei Außenaufnahmen von Gebäuden: Sie sind in der Basis breiter und

verjüngen sich nach oben. Senkrechte Mauern sind auf Fotos also schief. Auf

Architektur spezialisierte Fotografen beheben diesen Fehler in der Regel, bevor

sie ein Bild freigeben. Sie haben eigens daür entwickelte Programme. Mit einem

guten Bildbearbeitungsprogramm kann man die Senkrechten selbst entzerren.

Jacqueline Spieweg

[*] Selbstverständlich hat die Autorin Franziska Hille ihr Einverständnis ür

diesen Vorher-/Nachher-Vergleich gegeben.

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Die Nacht ist nicht mein Freund.

In Wellen das Dunkel herzwärts

aus mäandernden Darmschlingen,

wie kalte Maulwurfschnauzen

zwischen Rippenbögen.

Das Fenster des Traumes lockt,

doch ich falle immer daran vorbei.

Die Stille: ein Netz,

darin Gedankenmyriaden.

Das Bett – ein Schiff,

das mich hinwirft.

Kein Anker in Sicht.

Nur die Raben, gelbschnäblig,

warten geduldig.

Cornelia Lotter


Hallo alle zusammen, ich bin Grit vom Art Skript Phantastik Verlag und erzähle

euch etwas über die Dos und Don’ts, auf die ihr bei der Verlagssuche achten

solltet.

Euer Traum hat begonnen! Ihr habt beschlossen, zu schreiben und das nicht

nur ür euch selbst, sondern ür eine möglichst breite Leserschaft. Eure Story

steht. In mühevoller Recherche habt ihr das Genre eures Werkes und dazu

passende Verlage gefunden.

Bisher passierte alles bei euch daheim, aber nun wollt ihr an die Öffentlichkeit

gehen, ihr wagt den Schritt, ihr schreibt dem Verlag … aber wie? – Mit

einem »Exposé«, der Inhaltsangabe eures Werkes. Dieses soll die Grundidee

und den groben Handlungsverlauf skizzieren. Das Exposé ist eure Bewerbung

bei dem Verlag und sollte daher mit dem gleichen Elan verfasst sein wie eine

Job-Bewerbung, schließlich wollt ihr im Idealfall vom Schreiben leben.

So wichtig wie das Exposé selbst ist auch das Anschreiben an den Verlag. Im

Zeitalter von eMails möchte kaum noch ein Verlag das Exposé per Post haben.

Also starten wir die eMail mit dem Satz »Sehr geehrte Damen und Herren« –

FALSCH!

Jeder Bewerbungscoach wird bestätigen, dass man eine Bewerbung NIE mit

diesen bösen ünf Wörtern beginnt. Nur ein bisschen Recherche ist nötig und ihr

findet heraus, wer der Ansprechpartner ürs Lektorat ist. Bitte schaut auch genau


nach, welchen Geschlechts diese Person ist. Ich bekomme durchschnittlich zwei

Mal im Monat eine Mail, die an »Herrn« Grit Richter adressiert ist (Trauma #

: Identitätskrise, wer bin ich?). Solltet ihr trotzdem keinen Ansprechpartner

finden, dann seid kreativ! Alles, was nicht die bösen ünf Wörter beinhaltet, ist

gut, auch »Hallo fleißiges Verlags-Team«.

Für den weiteren Verlauf der Mail empfehle ich die einfache Regel KISS

(Keep it Simple and Smart). Stellt euch und euer Roman-Projekt vor, zeigt dem

Verlag, dass ihr Interesse an der Zusammenarbeit habt. Vermeidet ellenlange

Mails! Euer potentieller Verleger möchte im Normalfall nicht wissen, dass euer

Hund gestorben ist, dass ihr von euren Eltern geschlagen wurdet oder dass euer

Lebensgeährte eine Granate im Bett ist … Trauma # : Zu viel Information!

Rechtschreib- und Grammatikfehler kommen vor und niemand nimmt sie euch

übel, aber keiner liest das Exposé, wenn schon in der Mail die Rechtschreibfehler

Tango tanzen.

Schließlich habt ihr euer Exposé geschrieben, eine E-Mail verfasst und alles

weggeschickt. Es kommt eine Antwort vom Verlag, im Falle einer Zusage knallen

die Sektkorken, bei einer Absage wird die Familie zusammengetrommelt

und das Haus des Verlegers niedergebrannt. Bitte nicht. Bisher habt ihr mit

Exposé und Mail einen guten Eindruck gemacht, zerstört diesen nicht durch

Kurzschlussreaktionen. Wer wissen will, warum er abgelehnt wurde, verfasst

eine sachliche Mail, auch hier kann KISS angewendet werden. Oft bekommt

man keine Antwort. Nicht weil die Verlage sich zu fein sind, sondern weil sie die

Erfahrung gemacht haben, dass Autoren mit Kritik nicht gut umgehen können –

Stichwort »Meine Mama hat aber gesagt, das ist voll toll was ich geschrieben

habe. Warum erkennen Sie nicht wie super ich bin?« (Trauma # : WTF?)

Wer jetzt noch immer oder gerade weil motiviert ist, einem Verlag zu schreiben:

Immer her damit! Denn obwohl es auf manche Autoren nicht den Eindruck

machen mag, werden gute Geschichten IMMER gesucht!

Grit Richter

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Die Nacht

lang

gewesen

kaum Schlaf

kein Schlaf

Dämmerzustand

zwischen Traum und Albtraum

wachen und schlafen

leben und sterben

zu Bett gegangen

hingelegt

zugedeckt

eingeschlafen


normaler Rhythmus

dann aufgewacht

umhergeschaut

alles dunkel

finster

düster

kein Einschlafen mehr

hin

und

her gewälzt

aufgedeckt

zugedeckt

Decke weggeworfen

zurückgeholt

geärgert

über eigene Wut

Unähigkeit zu schlafen

normale Nacht

normale Vollmondnacht

Kathleen Stemmler

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Der englischsprachige E-Book-Markt ist riesig, nach einer Statistik der Association

of American Publishers wurde ein Umsatz von , Milliarden Dollar

allein mit E-Books erzielt. Ein Autor, der es mit seinem Buch in die Top der

allgemeinen US-Kindle-Charts schafft, kann mit mehr als Downloads am

Tag rechnen. Kein Wunder also, dass viele deutsche Autoren einen sehnsüchtigen

Blick hinüber werfen und sich wünschen, auf diesem Markt einen Bestseller

zu landen.

Wie so vieles im Leben eines Autors, so ist auch das nicht so einfach wie es

scheint. Ohne den Markt und seine Gegebenheiten zu kennen, hat man kaum

eine Chance, es aus den sechsstelligen Rängen nach oben zu schaffen. Im Folgenden

werde ich versuchen, einen Überblick zu geben, wie man an Rezensionen

kommt, was man tun muss, damit bei einer Gratis-Aktion Downloads zustande

kommen und welche Marketinginstrumente es außer den Gratis-Aktionen

gibt. Dabei konzentriere ich mich auf den Verkauf über Amazon und den US-

Markt. Der britische Markt tickt vollkommen anders. Leider habe ich noch nicht

herausgefunden, wie man dort als Autor Fuß fassen kann.


Voraussetzungen

Die Voraussetzungen ür ein erfolgreiches Buch sind im Grunde immer die

Gleichen:

• Schreibe ein gutes Buch.

• Lasse es lektorieren und korrigieren.

• Formuliere eine Marketingstrategie, die ür dich funktioniert. Soll heißen:

Was kannst du tun? Was willst du tun? Und was möchtest du damit

erreichen?

Für englische Bücher gibt es noch ein paar Zusatzpunkte. Einer der wichtigsten

ist, dass du möglichst selbst in dieser Sprache kommunizieren können solltest,

andernfalls wird das Marketing etwas schwierig.

Folgende Punkte sind hilfreich/wichtig:

• Finde einen verdammt guten Übersetzer.

• Suche dir englische Autorengruppen bei Facebook oder im Internet, in

denen du dich wohl ühlst.

• Richte ein englisches Twitter-Konto ein. Eine englische Facebook-Seite

und ein Blog können ebenfalls nicht schaden.

Gratis – das Allheilmittel?

Ein, zwei Jahre lang waren Gratis-Aktionen das Marketingtool schlechthin ür –

bis dahin – unbekannte Autoren, die es in die Amazon Ranglisten schaffen

wollten. Wurden bei einer solchen Aktion genügend Downloads erzielt, so hatte

man die Chance, nach ihrem Ende einen Sprung in die Charts zu machen und

GESEHEN zu werden.

Für eine Zeitlang waren solche Aktionen fast schon eine Garantie auf Erfolg,

dann aber änderte Amazon den Algorithmus, der die Rangliste berechnet. Seitdem

ist es schwieriger und in den USA fast schon unmöglich, damit noch einen

Ranglistenplatz zu erzielen.

Trotzdem kann es sinnvoll sein, ein E-Book ür begrenzte Zeit kostenfrei

anzubieten.

Vor allem ür Serien hat es sich bewährt, das erste Buch dauerhaft ür Cent

zu »verkaufen« . Auch wenn es darum geht, einen gewissen Bekanntheitsgrad

zu erreichen oder Leser auf andere Bücher aufmerksam zu machen, kann dieses

Marketingtool noch immer sinnvoll sein. Allerdings ist es in den USA sehr

schwierig, die Leser von einem kostenfreien Buchangebot in Kenntnis zu setzen!


Die drei »Gatekeeper«

Die erste Gratis-Aktion ür meinen Roman »Creatures of Fire« , eine englische

Übersetzung meines Fantasy-Romans »Dämonenfluch« , war frustrierend. Ich

tat alles, was ich auch in Deutschland tat, wenn ich ein Buch verschenken wollte.

Ich informierte Facebook-Gruppen, twitterte und postete die Information in

meinem Facebook-Profil und in meinem Blog.

All das brachte mir in drei Tagen etwa Downloads in Amazons US-Shop. Das

bisher schlechteste Resultat einer solchen Maßnahme. Woran war ich gescheitert,

wenn die Leser ein Buch nicht einmal umsonst haben wollten? Die Antwort auf

diese Frage ist einfach: Es wussten nicht genügend Leser von dem Angebot!

Um Downloadzahlen zu erreichen, die im ünfstelligen Bereich liegen und

somit den Sprung in die Top der kostenlosen Kindle-Charts zu erreichen, muss

die Aktion von mindestens einem der drei Gatekeeper beworben werden. Also

entweder von Pixel of Ink (POI), Ereader News Today oder Bookbub. Um das zu

erreichen, muss man wiederum eine bestimmte Anzahl von Rezensionen und

einen Bewertungsdurchschnitt von mindestens Sternen bei Amazon erreichen.

Gerade diese Voraussetzungen machen es ür neue Autoren schwer, selbst bei

einer Kostenlos-Aktion Interesse ür ihr Buch zu generieren. Woher Rezensionen

nehmen, wenn niemand das Buch kennt? Natürlich können amerikanische

Autoren ihre Verwandtschaft und Freunde mobilisieren, aber ein deutscher

Autor hat diese Möglichkeit meist nicht. Ganz davon abgesehen, dass diese

Rezensionen oft als »Fake« zu erkennen sind.

Wie kommt man an Rezensionen?

Es gibt mehrere Möglichkeiten, an echte Rezensionen zu kommen:

Bücher-Blogs: Man schreibt die Buch-Blogger an, die das entsprechende Genre

rezensieren und von denen man annimmt, sie könnten das eigene Buch mögen.

Man stellt eine Blogtour auf die Beine. Wer das nicht selbst erledigen möchte,

kann einen der vielen Blogtour-Organizer beauftragen, die es im englischen

Sprachraum gibt. Es lohnt sich, ausührlich zu recherchieren, denn die Preise

rangieren von Dollar zu Dollar. Wer die Tour ausschließlich durchührt,

um an Rezensionen zu kommen, bucht am besten eine Review-Tour.

Goodreads: In manchen Goodreads-Gruppen gibt es das so genannte ReadtoReview

(RtR) Programm. Ein Autor stellt eine bestimmte Anzahl an kostenlosen

Büchern zu Verügung. Leser können sich bewerben und verpflichten sich im

Gegenzug, das Buch zu rezensieren. Die Rezension wird bei Goodreads ein-


gestellt, viele Leser stellen sie außerdem bei Amazon ein. Aber Achtung: Die

Goodreads-Leser sind sehr kritisch!

Facebook: Auf Facebook gibt es Gruppen, die sich auf Reviews spezialisiert

haben.

Vorbereitung der Gratis-Aktion

Endlich hat man seine erforderliche Anzahl an Rezensionen und den erforderlichen

Bewertungsdurchschnitt. Nun kann es an die Vorbereitung der Aktion

gehen:

Alle der genannten Seiten sollten mindestens zwei Wochen vor Startschuss

der Gratis-Aktion informiert werden. Keine der Seiten verpflichtet sich, das Buch

auch tatsächlich zu bewerben. Das ist aufgrund der vielen Anmeldungen noch

immer Glückssache. Was definitiv hilft, sind ein professionelles Cover und ein

toller »Blurb« , also die Kurzbeschreibung des Buches.

Bei Pixel of Ink ist die Werbung noch immer kostenlos. Ereader News Today

verlangt mittlerweile einen moderaten Preis, je nach Genre unterschiedlich. Auch

Bookbub ist kostenpflichtig. Leider hat Bookbub die Preise drastisch erhöht, so

dass man es sich gut überlegen sollte, ob man das Risiko eingeht. Bookbub erzielt

allerdings auch bei weitem die höchsten Downloadraten. Auch bei Bookbub sind

die Preise nach Genre gestaffelt.

Wenn die Aktion startet, gilt nach wie vor: Auf Twitter und Facebook posten

und wenn möglich andere zum Retweet bzw. Teilen des Beitrags animieren.

-Cent-Aktionen – Die neue Marketing-Waffe?

Umsonst ist tot – es lebe die -Cent-Aktion ist das Credo, das man immer öfter

unter amerikanischen Autoren hört. Auch hier stellt sich das gleiche Problem:

Die Leser müssen von dem reduzierten Preis erfahren. Hier kommen wieder die

drei Gatekeeper ins Spiel. Nur Aktionen, die über diese drei beworben werden,

sind momentan erfolgreich. POI ist übrigens die einzige Seite der drei, die eine

solche Werbung kostenlos anbietet.

Auch hier gilt wieder das oben Beschriebene: Man braucht genügend gute

Rezensionen, um Aussicht darauf zu haben, bei den großen drei ins Rennen zu

kommen. Bookbub scheint übrigens die weitaus besten Resultate zu erzielen.

Birgit Kluger

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Florian Tietgen


Am . September fragte mich Lyra, ob ich ihr eine CD leihen könnte.

In der ünften Klasse war sie noch der Schrecken der Klasse gewesen, kein

Bild unserer pubertären Fantasien, sondern ein Mädchen mit brav geflochtenen

Zöpfen, Brille, karierten Röcken und weißen Blusen, das auf alles eine Antwort

gewusst hatte.

Ich weiß nicht, ob ich sie einfach mit der Zeit anders sehen konnte oder ob sie

sich verändert hat, vermutlich wird beides zutreffen. Jedenfalls begannen sich

unsere Geschmäcker anzugleichen, unsere Meinungen, und ich hörte aufmerksamer

zu, wenn sie sich zu Wort meldete. Die karierten Röcke gehörten schon

lange der Vergangenheit an. Wichtiger war mir aber: Lyra hatte eine Meinung,

konnte streiten und schien unabhängig. Ich war in sie verknallt.

Ich war so verknallt, dass ich in der Freistunde nach Hause fuhr, um ihr die

CD zu brennen. Was ür ein Glücksgeühl, wenn das Mädchen deiner Träume

deinen Geschmack teilt und sich ür die gleichen Dinge begeistern kann wie du.


Lyra hatte mich ausgerechnet nach Live gefragt, ein Grund mehr, nach Hause zu

eilen. Ich liebte die Musik von Live und zu »Dance With You« oder »Lightning

Crashes« konnte ich heulen. Wie beneidete ich diesen Sänger, der es schaffte,

nur mit seiner Stimme so viele Emotionen zu wecken.

Es wäre nichts anders gekommen, hätte ich nicht liebestrunken und voll

freudigem Besitzerstolz die Freistunde genutzt. Ich hätte nur die ersten Zeichen

erst später gesehen. Die Veränderungen ließen sich an diesem Vormittag nicht

mehr verbergen. Sie waren entschieden.

Manchmal nimmt man, gedanklich mit einem Vorhaben beschäftigt, Außergewöhnlichkeiten

nur aus dem Augenwinkel wahr, läuft an ihnen vorbei, grüßt

sie freundlich, und erst, wenn die geplanten Schritte erledigt sind, stellt man

innehaltend fest, was man gerade registriert hat.

Ich hatte einen Anzug registriert, blank geputzte Herrenschuhe, ein weißes

Oberhemd mit Krawatte.

»Hallo Schatz, schon zu Hause?«, hatte mich das Gesicht oberhalb dieser

Krawatte gefragt.

»Nein, ich muss nur schnell was holen.« Ich war an dem Anzug vorbeigeschossen,

in mein Zimmer geeilt, hatte die CD auf der Festplatte und einen Rohling

im den Raum beherrschenden Chaos gesucht. Erst, als ich das Brennprogramm

gestartet hatte, stolperte ich die Treppe wieder nach unten. Der Brenner würde

ohnehin eine Weile brauchen.

»Sorry, dass ich eben so vorbeigehetzt bin.«

»Kein Problem«, antwortete meine Mutter. »Hast du ein bisschen Zeit? Ich

muss mit dir reden.«

»Nach der Schule. Jetzt muss ich mich beeilen, ich musste nur schnell was

besorgen.« Ich wartete ein erneutes Lächeln als Zustimmung ab, bevor ich

wieder in mein Zimmer ging. Die Lade des Brenners mit der fertigen CD war

schon ausgeworfen, und ich konnte die Tracklist in Covergröße ausdrucken.

Manche Bilder werden schneller über die Netzhaut auf das Hirn projiziert, als

der Kopf sie verarbeiten kann. Man weiß, was man sieht, aber die Dimension

wird einem nicht klar, so seltsam und irreal erscheint es. Meine Mutter hatte

noch nie Röcke oder Kleider getragen, ich kannte sie nur in Jeans, in T-Shirts

und weiten Pullis. Selbst zur Arbeit trug sie immer Hosen. Das Outfit männlicher

Bürosklaven allerdings war neu ür mich. Es fiel mir zwar auf, ich maß ihm

jedoch keine Bedeutung zu. Auch war ich nicht darüber gestolpert, sie überhaupt

zu Hause anzutreffen. Ich wunderte mich nicht im Geringsten, warum sie nicht

bei der Arbeit war.

Ich hatte eine tolle Mama, auch wenn ich ihr nicht abgewöhnen konnte,

mich Schatz zu nennen, selbst wenn Freunde dabei waren. Meine Mama war

ungewöhnlich, immer gut ür verrückte Überraschungen, und vielleicht machte

ich mir auch deshalb keine weiteren Gedanken.


Lyra war eindeutig wichtiger. Sie bestimmte mein Hirn, sie leitete meine

Schritte, meine Tätigkeiten. Ihr konnte ich, in der Hoffnung ihr zu gefallen,

einen Gefallen tun. Meine Mutter liebte mich sowieso. Also packte ich die CD

in die Tasche, rief noch einen kurzen Gruß und fuhr eiligst wieder zur Schule.

Ich wollte Lyra die CD nicht heimlich im Unterricht zustecken, ich wollte sehen,

wie sehr sie sich freute.

Und sie freute sich. Sie schaute erst ungläubig, fragte, ob ich extra daür nach

Hause gefahren sei, und als ich bejahte, gab sie mir einen Kuss auf die Wange,

um sich zu bedanken. Die Mühe hatte sich gelohnt. Sie hatte sich sogar mehr als

gelohnt, denn Lyra fragte mich, ob ich am frühen Abend Zeit hätte. Sie würde

gern auf meiner Festplatte nach weiteren Bands stöbern.

»Klar«, sagte ich und jubelte innerlich. Hätte ich keine Zeit gehabt, hätte

ich sie mir geschaffen. Das Versprechen, mit meiner Mum zu reden, hatte ich

vergessen.


Als ich nach Hause kam, sah meine Mutter wieder normal aus, fast wie immer.

Sie war in der Zwischenzeit beim Friseur gewesen, hatte sich die Haare auf zwei

Zentimeter Länge schneiden lassen und etwas Gel in ihnen verteilt. Sie standen

leicht hoch, so, wie die von Marc aus meiner Klasse. Meine Mum sah gut aus,

zwar eher wie ein Junge meines Alters, aber gut. Sie wartete in der Tür auf mich.

Das war seltsam, und erst dadurch erinnerte ich mich an mein Versprechen und

begann mir Gedanken zu machen.

Nicht, weil sie mit mir reden wollte. Mütter wollen fortwährend über irgendwas

mit einem reden. Darin unterschied sich meine Mutter nicht von anderen.

Ich wusste, ich hatte nichts ausgefressen und keine Arbeit in den Sand gesetzt.

Es beunruhigte mich, schon an der Tür empfangen zu werden.

»Hallo Schatz. Schön, dass du da bist.«

Normalerweise wäre ich an die Decke gegangen. Sie hätte mir Zeit zum

Ankommen geben können, anstatt mich so zu überfallen. Vielleicht war es die

Freude auf Lyra, die mich bremste. Vielleicht half mir aber auch die Intuition,

mich der Situation anzupassen, ohne sie genau zu erfassen. Jedenfalls muss ich

gespürt haben, wie viel wichtiger meiner Mutter das Gespräch war. Vielleicht

half mir die Intuition, meine Schultasche im Flur abzustellen und meine Mama

in den Arm zu nehmen, wie ich es schon lange nicht mehr getan hatte.

»Soll ich uns Kaffee kochen?«, fragte ich, doch sie lächelte wehmütig und

müde.

»Nein, das habe ich schon getan.«

Sie hatte wirklich auf mich gewartet.

Es war, als hätte ich Geburtstag. Zwar lagen keine Geschenke auf dem Tisch,

aber sie hatte in der Konditorei Sahnetorte gekauft, das gute Geschirr genommen


und Kerzen angezündet. Die Kaffeesahne hatte sie in ein kleines Kännchen geüllt

und der Zucker war in einer niedlichen Dose, deren Deckel Platz ließ ür das

Silberlöffelchen.

»Komm rein«, lud sie mich ein. Ich folgte ihr. Was gemütlich wirken sollte,

machte mir Angst. Selbst wenn es Kuchen gab, schaufelten wir ihn sonst

eher nachlässig in uns hinein, den Kaffee schlürften wir aus großen Bechern.

Untertassen hatten wir höchstens, wenn die Großeltern da waren. Ihre Mühe

erstickte meine Lockerheit. Normalerweise, wenn meine Mutter mir ankündigte,

wir müssten reden, fragte ich: »Was gibt’s?«, wartete ihre Antwort ab und bezog

Stellung, so gut ich konnte.

Wir setzten uns, gabelten häppchenweise unsere Torte und nippten, unruhig

auf den Sesseln rutschend, unseren Kaffee.

»Du siehst gut aus mit der neuen Frisur«, fing ich an, um überhaupt etwas zu

sagen, denn betretenes Schweigen zwischen uns war mir fremd.

»Danke.« Sie lächelte mich an. Ich kannte diese Art Lächeln, welches schmerzvoll

versuchte, mich aufzumuntern, auch wenn ich nicht traurig war. Schon

immer hat sie damit sich selbst aufgemuntert, wenn sie keine Kraft mehr hatte,

wenn sie vor lauter Erschöpfung geweint hatte, strahlte sie mich an, als sei ich

es, der Trost brauchte. »Alles wird gut«, sagte das Lächeln, wenn sie vor lauter

Traurigkeit keine gesprochenen Worte mehr hatte.

Ach, hätte ich sie doch in diesem Moment noch einmal in den Arm genommen.

»Der Anzug heute Morgen«, druckste sie und schob sich ein weiteres Stückchen

Torte in den Mund. »Es war zwar nicht geplant, dass du ihn siehst, aber es

war gut so.«

Noch war ich ahnungslos, noch hatte ich keinen Schimmer, wohin das Gespräch

ühren sollte. Ich konnte den Anzug nicht einordnen, ich konnte ihn

nicht mit der neuen Frisur in Zusammenhang bringen, und es sickerte noch

nicht einmal wirklich zu mir durch, warum beides Anlass ür dieses Gespräch

sein könnte. Da hatte meine Mutter schon verrücktere Sachen gebracht, etwa

als Frank’n’ Further zum Fasching zu gehen, mit Strapsen bekleidet, nur von

einem Mantel bedeckt durch die kalte Februarnacht, um ohne diesen Mantel

und betrunken von einem Taxifahrer wieder hier abgegeben zu werden.

»Ich möchte, dass du mich ab heute Chris nennst.«

»Klar«, sicherte ich ihr zu. »Kein Problem. Wenn es dir wichtig ist.« Das ganze

Szenario nur ür diese Bitte? »Eine Bedingung habe ich«, sagte ich grinsend in

der Hoffnung, der Spuk löste sich damit in Rauch auf, wir pusteten die Kerzen

aus, nähmen den Kaffee in richtigen Schlucken zu uns und verbannten das gute

Geschirr wieder in den Schrank, bis ihre Eltern uns zum nächsten Mal besuchten.

»Ohne Bedingung«, sagte sie voller Ernsthaftigkeit. Sonst ließ sie sich immer

von meinem Grinsen fangen, warf vielleicht ein Kissen nach mir, schalt mich


Frechdachs, Idiot oder irgendetwas anderes, mit dem sie mir sagte, wie sehr sie

mich liebte.

»In Ordnung. Keine Bedingung.«

Sie war so zart und klein, ich überragte sie mit meinen ünfzehn Jahren schon

längst um einen Kopf, sie war so zierlich und

»Ich trete ab heute meinen Alltagstest an.«

Ich war es gewohnt, ihr die meisten Bitten ohne viele Fragen zu erüllen. Sie

wusste, sie brauchte mir nie etwas zu erklären, wenn ich nur begriffen hatte, sie

meinte es ernst. Das hatte ich begriffen. Wozu also Begründungen?

»Deinen Alltagstest?«

»Die ganzen Depressionen, die Traurigkeit, die jahrelangen Wege zum Psychotherapeuten

hatten alle nur einen Grund«, fuhr sie fort. »Ich bin ein Mann.

Ich habe den Körper einer Frau, aber ich bin ein Mann.«

Meine Mum sah gut aus, zwar eher wie ein Junge meines Alters, aber gut.

In diesem Moment klingelte Lyra.

»Eine Bitte habe ich auch.« Die musste ich noch schnell loswerden, bevor ich

Lyra öffnete.

»Okay, das ist fair«, meinte Chris, während ich schon halb auf dem Weg zur

Tür war. »Welche?«

»Ich möchte, dass du mich ab sofort Mike nennst und nicht Schatz.«

»Genehmigt!«, rief er mir hinterher. Er? Wie schnell ging es, Informationen,

die ich kaum aufgenommen, bestimmt nicht verarbeitet hatte, zu beherzigen?

Lyra klingelte fast ungeduldig ein zweites Mal und stürzte durch unsere Tür:

»Habt ihr den Fernseher an?«


All ihre herausgestoßenen Satzfragmente sagten mir nichts. Brocken, in denen

Türme, Flugzeuge und der dritte Weltkrieg vorkamen, atemlos zwischen Angst

und Verzweiflung. Lyra erwischte mich mit ihrer Bestürzung in voller Ahnungslosigkeit,

warf sich an meine Brust und hämmerte mir erstickte Wortfetzen auf

den Pulli. Ich konnte sie nur halten, ihr sachte den Rücken streicheln, sie langsam

in die Wohnung holen und die Tür schließen. Chris schaltete unterdessen den

Fernseher ein und rief mich ins Wohnzimmer.

»Mike, komm schnell!«

Ich schob Lyra zum Fernsehgerät, nachdem ich ihr die Jacke abgenommen und

über die Garderobe geworfen hatte. Sie setzte sich nicht. Sie stand im Zimmer

und starrte wie hypnotisiert auf den Bildschirm. Chris hockte mit angezogenen

Beinen in der Ecke der Couch. Die Flugzeuge trafen die Türme bei brennenden

Kerzen, dem guten Kaffeeservice, Schwarzwälder Kirschtorte und Tafelsilber.

Wie in einer Dauerschleife lief auf jedem Kanal das gleiche Bild. Es muss

Interviews gegeben haben, es muss so etwas wie Berichte zwischendurch gege-


en haben oder die typischen Korrespondentenbilder von Männern mit einem

Mikrofon vor dem Mund. In der Erinnerung sehe ich aber nur die Bilder von

Flugzeugen, die in die gläsernen Fronten der Türme rasten, die dichten grauen

Rauchschwaden, die Flammen und die Menschen, die sich voller Panik in die

Tiefe stürzten. Bilder, ür die ich schon bald kein Fernsehgerät mehr brauchte,

weil ich sie immer sah, sobald ich die Augen schloss.

Es gibt Tage, die sollten dir den Boden unter den Füßen wegziehen. Nichts,

aber wirklich gar nichts scheint so bleiben zu können, wie es war. Zumindest ist

es nicht vorstellbar.

Es gelang mir, Lyra zur Couch zu schieben, sie zu Chris zu setzen, der ihr

zwischen den Bildern ein kurzes »Hallo« zuwarf. Wenn es je einen Moment gab,

über den man sagen konnte, die Welt stünde still, war es dieser Moment, die

Zeit, in der die Welt nichts als den Schock hatte.

Die Welt stand aber nicht still. Die Feuerwehren waren sofort im Einsatz, die

Fernsehsender und Nachrichtenagenturen brachten ihre Kameras in Position,

Menschen bellten ihre Betroffenheit in die Mikrofone oder riefen ihre Familien

an: »Habt ihr schon gehört?« Politiker beeilten sich mit Beileids- und Solidaritätsbekundungen,

es herrschte rege Betriebsamkeit, in der dank routinierter

Ausbildung instinktiv oft das Richtige geschah. Und doch ühlte es sich an, als

stockte der Welt der Atem, als lähmte der Schock alles Leben und jede Bewegung

und bannte die Blicke nur in eine Richtung.

Selbst der Alltag ging weiter. Menschen erledigten ihre Einkäufe oder ihre

Arbeit, versuchten dem Unfassbaren mit einem Stück Normalität zu trotzen

und ihre Ängste damit zu besiegen. Und auch Lyra konnte ihren Blick vom

Bildschirm lösen, konnte Chris ansehen und dessen Gruß erwidern.

»Hi, ich bin Lyra.«

»Chris«, stellte er sich vor und einen kurzen Impuls lang wollte er ihr die

Hand hinstrecken.

»Bist du ein Freund von Mike?«

»Ja.«

Meine Mutter hätte Lyra jetzt gefragt, ob sie auch ein Stück Torte oder eine

Tasse Kaffee wolle, wäre aufgestanden, um noch ein Gedeck zu holen, ohne ihre

Antwort abzuwarten, oder hätte mich Schatz genannt und gebeten, meinem

Gast etwas anzubieten. Aber Chris zog nur die Beine etwas näher an seine

Brust, knetete mit den Händen seine Füße und schaute wieder gebannt auf den

Fernseher.

»Ihr habt es ja gemütlich hier«, stellte Lyra mit einem Blick auf die Kerzen

fest, schaute ihn an, schaute mich an und dann auch wieder auf die hektischen,

alle Gemütlichkeit und alle Fragen zerstörenden Bilder.

Meine Mutter war nicht da, also brauchte ich keine Aufforderung, ein höflicher

Gastgeber zu sein. Ich wusste ja, was sie gesagt hätte. Lyra nickte mechanisch,


als ich ihr etwas anbot, und griff genauso mechanisch zur Kuchengabel, nachdem

ich ihr die Torte serviert hatte.

Ich zappte durch die Kanäle, in der idiotischen Hoffnung irgendwo entweder

mehr Information oder wenigstens Abwechslung zu finden, aber es gab kein

Entkommen.

Die Bilder ließen sich nicht verweigern. Das Fernsehgerät auszuschalten war,

als ignorierte man fremdes Leid und dächte egoistisch nur an sich. Es war,

als müsste man sich daür rechtfertigen, wenn man das Geschehen einfach

nicht mehr aushielt. Meine simplen Fragen erstickten unbeantwortet unter den

Trümmern aus Glas, Stahl und Beton. Sie waren unwichtig geworden, angesichts

der hysterischen Frage danach, wann und auf welche Weise die amerikanische

Rache folgen und wem sie gelten würde. An Musik, an meine Festplatte, die wir

hatten durchforsten wollen, um Lyra noch etwas zu brennen, dachten wir nicht

mehr. Ich dachte noch nicht einmal wirklich an die Veränderungen in unserer

eigenen kleinen Welt. Ich hielt sie automatisch ein. Es kam mir nicht fremd vor,

dass Lyra Chris als Jungen sah, als einen Freund von mir, mit dem sie ihren

Schock teilte, ihre Angst, aber nicht ihre Tränen, denn er hat nicht geweint.

Wie ühlt man sich, wenn man in einem Flugzeug Menschen eine Waffe vor

die Nase hält und weiß, man wird ihnen keine Chance lassen? Ich konnte die

Flugzeuge nie abstrahieren, mir nie die Menschen aus ihnen fortdenken. Mit

den Türmen ging es komischerweise. Aber die Menschen in den Flugzeugen

verfolgten mich, ihre Angst, ihre erzwungene Ruhe.

Ich beseitigte die Gemütlichkeit, räumte das gute Service und das Tafelsilber in

die Küche, die Reste der Torte in den Kühlschrank, pustete die Kerze aus und ließ

Chris und Lyra im Wohnzimmer sitzen. Ich hatte genug von den Bildern. Es mag

egoistisch gewesen sein, daran überhaupt einen Gedanken zu verschwenden,

aber auch meine Hoffnung auf Lyra verschwand wegen einer schlichten Antwort

von Chris auf ihre Frage an mich: »Ist Chris ein Freund von dir?«

»Ja.«

Würde ich das können?

Ende der Leseprobe

Lust auf mehr? Lesen Sie hier weiter: Florian Tietgen – Anpassung


Die Autoren

Margot S. Baumann

Margot S. Baumanns () Laufbahn als Geschichtenerzählerin begann in der

zweiten Klasse, als sie ihrer damaligen Lehrerin erklärte, ihre Eltern hätten sie

Fahrenden abgekauft. Heute schreibt sie klassische Lyrik, Psychothriller und

Romane über Liebe, Verrat, Geheimnisse und Sehnsuchtsorte.

Für ihre Werke erhielt sie nationale und internationale Preise. Sie mag raue

Küsten, schroffe Felswände, Musik, Hunde, das Leben im Allgemeinen, ihre

Familie und träumt von einem Cottage am Meer.

Margot S. Baumann ist Mitglied des Berner Schriftstellervereins. Sie lebt und

arbeitet im Kanton Bern (Schweiz).

Cordula Broicher

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Cordula Broicher wurde in Hessen geboren. Nach vielen Umzügen in ihrer

Kindheit und Jugend wurde sie in der Schlossstadt Brühl endlich heimisch.

Hier lebt sie mit Mann, zwei Kindern, Enkelsohn und Labradorhündin Paula.

Bücher waren schon von klein auf ihre Möglichkeit des Rückzugs in eigene

Welten, aus denen sie sich auch heute noch manches Mal schwer lösen kann.

Ihre Zeit verbringt sie neben Beruf und Schreiben am liebsten mit Lesen oder

genießt auf Hundespaziergängen die Natur in der Umgebung.

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Daniel Dekkard

Daniel Dekkard arbeitete jahrelang ürs Fernsehen, als Ton- und Kameramann,

Regisseur, Gagschreiber und Drehbuchautor. Schließlich zog es ihn in den Fernen

Osten, wo er mit dem Motorradfahren und dem Schreiben von Büchern begann.

Ersteres wartet inzwischen mit achtbaren Ergebnissen auf.

Daniel Dekkard lebt zur Zeit in Phnom Penh/Kambodscha.

»Saigon Sound« ist sein erster Roman. Jetzt neu erschienen: Der Mystery-

Thriller “Das Auge der Dunkelheit”.

Außer, dass es ebenfalls in Asien spielt, hat dieses Buch nichts mit »Saigon

Sound« gemein. Während es im Erstling um einen Herumtreiber auf der Suche

nach sich selbst geht, ist »Das Auge der Dunkelheit« Spannung pur. Fernöstliche

Mystik gepaart mit Okkultismus, Jenseitserfahrungen und der mörderischen

Jagd nach den »letzten Dingen«.

Susanne Gerdom

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Susanne Gerdom lebt, wohnt und arbeitet im Familienverband mit vier Katzen

und zwei Menschen in einer kleinen Stadt am Niederrhein, bezeichnet sich selbst

als “Napfschnecke”, die ungern ihr Haus verlässt, und ist während ihrer wachen

Stunden im Internet zu finden. Wenn sie nicht gerade schreibt. Manchmal auch,

während sie schreibt.

Sie schreibt ür die Verlage ArsEdition/bloomoon, cbj und cbt und Ueberreuter

Fantasy ür Jugendliche und junge Erwachsene. Außerdem schreibt sie als

Self-Publisherin Fantasy ür Erwachsene und unter dem Namen Franziska Hille

zur Erholung von all der Phantastik gelegentlich ein wenig Romance.

In Flagranti Books

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In Flagranti Books ist ein Rezensionsblog von Jack T.R. und Tilly Jones. In der

großen weiten Welt der Bücher bewegen sich die beiden ausschließlich mit ihren

Pseudonymen, damit verärgerte Autoren sie nicht in ihren nächsten Geschichten

grausam zu Tode kommen lassen. Zuflucht finden sie bei den (Q)indies, die sich

dadurch unwissend selbst in Gefahr bringen, denn nun liegt die stets kritische

Aufmerksamkeit allein auf deren Geschichten.

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Sandra Janke

Sani üttert den Blog literatur-diskussion.com in unregelmäßigen Abständen

sowohl mit leicht verdaulicher Kost als auch mit hartem Tobak. Als studierte

Literaturwissenschaftlerin möchte die bibliophile Mittzwanzigerin ihren LeserInnen

eine andere Sicht auf Verlage, AutorInnen oder Romane ermöglichen. Sie

liebt den regen Austausch über das geschriebene Wort.

Simone Keil

… schreibt.

Ira Krissel

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Nach Stationen im Lokaljournalismus und in der Theaterdramaturgie arbeitete

Ira Krissel rund zwanzig Jahre in Redaktion, Produktion und Lektorat eines

internationalen Fachverlags. Dank dieses Rüstzeugs machte sie sich als

freie Autorin selbstständig, verfasst seitdem unter anderem Buchrezensionen

und – unter Pseudonym – Romane und Kurzgeschichten.

Birgit Kluger

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Birgit Kluger begann mit dem Schreiben von Romanen bereits vor zwei Jahrzehnten,

fand aber erst in den letzten beiden Jahren die Zeit, sich ernsthaft dieser

Leidenschaft zu widmen. Die Weltenbummlerin hat schon auf Mallorca, in den

USA und auf den Seychellen gelebt und wohnt jetzt im Süden Deutschlands.

Der Debütroman von Birgit Kluger »Schau ihr in die Augen« wurde als E-

Book vom DroemerKnaur-Verlag veröffentlicht. Seitdem hat sie mehrere Bücher

im Selfpublishing veröffentlicht. Darunter »Trau niemals einem Callboy!« , ein

ChickLit-Krimi, der über zwei Monate in den Kindle Top zu finden war. »Dämonenfluch«

, ein Fantasyroman, den sie ins Englische übersetzt und unter dem

Namen »Creatures of Fire: Demons die harder« veröffentlicht hat. Außerdem

gibt es von ihr noch »Going Global – How to sell your E-book in the German

market« .

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Marny Leifers

Marny Leifers betreibt seit April das Bücherblog »Fantastische Bücherwelt«,

in dem es überwiegend um deutsche Fantasy geht.

Cornelia Lotter

Fantastische Bücherwelt

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Geboren wurde ich in der Dichterstadt Weimar. Da ich dieses Privileg

schon bald als Verpflichtung empfand, begann ich bereits zu schreiben, als

ich das Alphabet halbwegs beherrschte. Näheres zu meiner schriftstellerischen

Entwicklung finden Sie unter dem Punkt »Schreiben« auf meiner Homepage:

www.autorin-cornelia-lotter.de.

Melanie Meier

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Melanie Meier ist gelernte Buchhändlerin und seit Dezember Qindie-

Autorin. Ihre Passion ist das Schreiben; all ihre Zeit, Energie und Hingabe

fließt seit ihrem . Lebensjahr in ihre Romane. entstand der Charakter

Loki von Schallern, dem sie seither treu geblieben ist und dem sie deshalb nach

Erscheinen der Filii Iani-Trilogie eine eigene eBook-Serie gewidmet hat.

Da Melanie von der Idee, die hinter Qindie steckt, vollauf begeistert ist, hat

sie ohne langes Überlegen den Posten der Chefredaktion ür das Magazin übernommen.

Regina Mengel

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Loki

Amazon-Autorenseite

Regina Mengel erblickte in Wuppertal das Licht der Welt, zog aus das Glück

zu finden und landete in Köln. Dort verdiente sie lange Zeit ihr täglich Brot als

Wortjongleurin im Vertrieb. Geschichten begleiteten ihr Leben, doch erst im

Jahr machte sie ernst.

Ehrenamtlich gibt sie Flüchtlingskindern Nachhilfe in der Deutschen Sprache

und wirkt beim Ulla-Hahn-Haus in Monheim mit. Inzwischen wohnt sie im Kölner

Umland, genießt das Landleben und schreibt hauptberuflich Fantasyromane,

Kinderbücher, Kurzgeschichten und neuerdings auch freche Frauenbücher mit


Krimianteil. Wer mehr über Regina Mengel und ihre Bücher wissen möchte, ist

herzlich auf die Homepage eingeladen. Oder besuchen Sie sie auf Facebook.

Susanne Pavlovic

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E-Mail

Susanne Pavlovic ist Jahrgang und studierte Germanistin. Sie hat als Pferdepflegerin,

Deutschlehrerin und Telefonfee gearbeitet, bevor sie den Schritt in

die Selbständigkeit als Autorin wagte. Sie liebt Fantasy-Rollenspiele und ist der

lebende Beweis daür, dass chronisches Lampenfieber heilbar ist.

Grit Richter

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Textehexe

Grafik-Designerin Grit Richter gründete am . Januar den Art Skript Phantastik

Verlag ür düstere Fantasy. Mit den Fantasy-Sub-Genres Contemporary-,

Dark-, Historical-, Science- und Urban- Fantasy und Steampunk teilweise in

Kombination mit Horror bettet sich der Verlag in einer ganz eigenen Nische,

fern ab vom Mainstream, ein.

Seit ist der Verlag auf Anthologien spezialisiert und lieferte bisher mit

Vampire Cocktail, Masken, Steampunk , Die Damen der Geschichte und

Steampunk Akte Deutschland ganz besondere Erlebniswelten ab, die es dem

Leser ermöglichen sowohl eine Vielzahl an Autoren als auch neue Sub-Genres

kennen zu lernen.

Elsa Rieger

Website

Elsa Rieger lebt in Wien und arbeitet als Autorin und Atemtrainerin.

»Ich schreibe seit vielen Jahren über Licht und Schatten im Leben, in Form

von Lyrik, Erzählungen und Romanen.«

Website

E-Books und Taschenbücher


Jacqueline Spieweg

Jacqueline Spieweg, Grafikerin, Malerin und Autorin. Sie war unter anderem

Art Direktorin des Micky Maus Magazins.

Ihre Bücher veröffentlich sie unter dem Pseudonym Selma J. Spieweg. Sie

schreibt Krimis, Urban-Fantasy und Steampunk.

Kathleen Stemmler

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Kathleen Stemmler schreibt, seit sie schreiben kann. Die erste Geschichte, die

sie mit Jahren verfasste, handelte von einem kleinen Igel, der die große Liebe

suchte (und auch fand). In der Zwischenzeit hat sich der Stil ein wenig gewandelt

und ist deutlicher geworden. In zum Teil sehr düsteren und auch drastischen

Worten spiegeln die Gedichte die Tiefen mancher Seelen wider. Veröffentlicht

hat Kathleen bisher einen eigenen Gedichtband und ist in mehreren Anthologien

vertreten.

Die zweite schriftstellerische Seele in Kathleens Brust ist beruflich gewachsen.

Durch ihren Bezug zur Bildung wurde ihr bewusst, dass es zu viele Fachbücher

gibt, die noch nicht geschrieben wurden. Also begann sie parallel zu Ihrem

lyrischem Schaffen auch fachliche Texte zu veröffentlichen.

Im Moment versucht sie all ihre kreativen Leidenschaften (zu denen auch

noch das Fotografieren gehört) miteinander zeitlich zu vereinbaren, was ihr aber

nur begrenzt gelingt. Aber sie arbeitet stetig daran.

Florian Tietgen

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Florian Tietgen schreibt schon seit der Grundschule. Seit veröffentlicht er

die Ergebnisse auch. Zunächst auf kurzgeschichten.de, nach und nach dann in

Anthologien und Verlagen. Sein Augenmerk gilt dabei vorwiegend gesellschaftlichen

Themen.

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Impressum

Originalausgabe Oktober – Qindie

© Melanie Meier, Regensburg, magazin@qindie.de

http://melanie-petra.jimdo.com/melanie/

Das Copyright der Texte liegt bei den jeweiligen AutorInnen

Cover © Simone Keil – Die Buchhandwerker

unter Verwendung eines Fotos von © Regina Mengel

Kapitelüberschriften: © Simone Keil – Die Buchhandwerker

und © Jacqueline Spieweg

Fotos: Regina Mengel und http://www.graphicstock.com

Satz: Susanne Gerdom – Die Buchhandwerker

Dieses E-Book steht unter einer Creative-Commons-Lizenz:

CC BY-NC-ND .

http: //creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/./de/

Das heißt: Dieses E-Book ist nicht DRM-geschützt, Kopien davon dürfen

(unverändert) an Dritte weitergegeben werden.

Über Qindie

Qindie steht ür qualitativ hochwertige Indie-Publikationen. Achten Sie also

künftig auf das Qindie-Siegel! Für weitere Informationen, News und Veranstaltungen

besuchen Sie unsere Website


Inhaltsverzeichnis




























Redaktionsgruß

News im Zeitraffer

September – Lyrik

Leitartikel

Interview mit Susanne Gerdom

Kurzgeschichte – Auf der Suche nach dem verlorenen Gedanken

Kolumne: Prologeritis – Symptome und Behandlungsmöglichkeiten

Autorenvorstellung Daniel Dekkard

Saigon Sound – Rezension

Fingerspitzenmelancholie – Lyrik

Handwerk am Buch – Schriftsteller und die Technik

Kurzgeschichte: San Michele, donnerstags

Kolumne: Verlagsbücher vs. Indiebücher

Herbstleben – Lyrik

Buchempfehlungen

Über Literatur bloggen

Traumreise – Lyrik

Interview mit Nika Lubitsch

Glosse: Über den Geruch von Büchern und andere Sinnestäuschungen

Covertipps ür Autoren

Herzwärts – Lyrik

Verlagssuche oder Sorgfalt ist das halbe Buch!

Albschlaf – Lyrik

Auf dem amerikanischen Markt Fuß fassen! Geht das?

Anpassung – Leseprobe

Die Autoren

Impressum

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