Link zum Heft - Diözesan-Caritasverband für das Erzbistum Köln e.v.

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MEINE WELT

Zeitschrift des Deutsch-Indischen Dialog

25 Jahre Meine Welt

Mein Indien …. Mein Deutschland

Ludwig Pesch Angelika Köster-Lossack

Kuldeep Chhatwal Peter Rühe

Lothar Günther Rüdiger Sareika

Sarah John Tatiana Oranskaia

Rita Panesar Harianu Harshita

Christian Weiß

Interreligiöser Dialog

Ram Adhar Mall Hans-Jürgen Findeis

Thomas Halik Martin Kämpchen

Ajit Lokhande Ronald A. Sequeira-Prabhu

Jubiläumsausgabe

Heft 2 / Jahrgang 25 Herbst 2008


M e i n e W e l t

Titelseite von drei Ausgaben

1974 1984 2004

MEINE WELT

Zeitschrift des Deutsch-Indischen Dialogs

Heft 2 / Jahrgang 25 / Herbst 2008

Rückseite: (Quelle: „Perspektiven Indien”, März 2003)

Herausgeber:

Diözesan-Caritasverband,

Abteilung „Migration”,

Georgstr. 7, 50676 Köln,

Tel.0221 / 20 10 287

Redaktion:

Jose Punnamparambil (verantwortlich), Grüner Weg 23,

53572 Unkel-Scheuren, Tel. 02224 / 7 53 17

e-Mail: punnam@t-online.de

Thomas Chakkiath, Novalisstr. 45, 51147 Köln,

Tel. 02203 / 2 26 54; e-Mail: tchakkiath@yahoo.de

Nisa Punnamparambil, Grüner Weg 23, 53572 Unkel-Scheuren

Tel. 02224/9897690; e-Mail: Daniel.Nisa@t-online.de

2

Redaktionelle Mitarbeit:

Dr. Elisabeth Lauschmann

Unterstützung und Beratung:

Pater Ignatius Chalissery; Köln; Dr. Urmila Goel, Bonn; Hans Gerd Grevelding,

Köln; Dr. Martin Kämpchen, Santiniketan, Indien; Dr. Ajit Lokhande,

Jülich; Walter Meister, Öhringen; Heinz Müller (Vertreter des Herausgebers),

Köln; Pfarrer Ulrich Oligschläger, Königswinter; Dr. Claudia

Warning, Lohmar

Gestaltung und Layout:

Jose Punnamparambil; Jose Ukken

Herstellung und Vertrieb:

Jose Ukken, Im Rheingarten 21, 53639 Königswinter,

Tel. 02223 / 49 49; e-Mail: joseukken@googlemail.com

Druck: Siebengebirgs-Druck, Karlstraße 30, 53604 Bad Honnef

Erscheinungsweise: zwei- bis dreimal jährlich

Eine Spende von mindest. 13 Euro wird von den Lesern erwartet.

Konto-Nr.: 106 3205, Bank für Sozialwirtschaft

(BLZ 370 205 00), Diözesan-Caritasverband, Köln


Editorial

Die erste Ausgabe von MEINE WELT

erschien eigentlich im Dezember 1974.

Die Beweggründe für die Herausgabe

einer deutschen Ausgabe der damals

schon existierenden Malayalam-Zeitschrift

„Ente Lokham“ (Meine Welt),

habe ich im Editorial der ersten Ausgabe

beschrieben. Ich zitiere:

„Obwohl die Zahl der hier lebenden Inder

im Vergleich zu anderen ausländischen

Volksgruppen sehr bescheiden ist, hat sich

ihre Struktur in den letzten zehn Jahren

gewaltig verändert. Bis Mitte der sechziger

Jahre hatten wir hier (aus Indien) vornehmlich

Studenten und Praktikanten;

heute jedoch ist die Mehrheit der Inder

berufstätig. Die berufstätigen Inder haben

sich mit Problemen ganz anderer Qualität

auseinander zu setzen als die Studierenden,

z.B. Schwierigkeiten am Arbeitsplatz,

Umgang mit Behörden, Kenntnisse

Die Geschichte von „Meine Welt“

Editorial 3

Grußwort

- Dr. Hans-Georg Wieck

5

Sushila Gosalia ... (Erinnerungen) 6

Ein Mann, ein Buch und eine Mission 7

- Dominique Lapierre

Es ist eine große Erfahrung und menschliche

Bereicherung, in einer auf ..... (Interview Aktuell) 8

- Dr. Hans-Georg Wieck

Mein Indien .... Mein Deutschland:

Geschichten von Begegnungen, Beziehungen und Bindungen 12

- Peter Rühe, Dr. Lothar Günther, Ludwig Pesch, Dr. Rita Panesar,

Kuldeep Chhatwal, Dr. Tatiana Oranskaia, Harianu Harshita, Sarah John,

Dr. Rüdiger Sareika, Christian Weiß, Dr. Angelika Köster-Lossack

Gewissensbiss (Kurzgeschichte) 25

- Tirthapati Datta

Gandhi und Swaraj (Gesellschaft) 26

- Lord Bhikhu Parekh

Partnerschaften in Bildung 27

- Lola Nayar und Anuradha Raman

Fluss Ghataprabha (Gedicht) 28

- Chandrashekhar Kambar

Nutzen indische Zeitungen und Magazine ..... (Medien) 29

- Dr. Martin Kämpchen

über Rechte und Pflichten, Familienleben,

Kindererziehung, Reintegration und vor

allem das Problem des Zusammenlebens

von Menschen unterschiedlicher Kultur

und Lebensauffassungen.

Eine indische Gruppe, die in der Bewältigung

dieser Probleme besondere Hilfe

benötigt, sind die Krankenschwestern.

Aufgrund ihrer sozialen Herkunft und

ihrer gesellschaftlichen Stellung sind sie

kaum in der Lage, Probleme aus eigenem

Fundus zu lösen oder sie zumindest

in den Griff zu bekommen. Aus diesem

Grund hat der indische Sozialdienst von

Anfang an einen wesentlichen Teil seiner

Bemühungen und Kräfte in den

Dienst dieser Menschen gestellt. Seit

Juli 1973 gibt er eine dreimonatige Zeitschrift

in Malayalam heraus, der Muttersprache

von 95% der hier lebenden

3

Krankenschwestern, mit der Aufgabe,

diese zweckmäßig zu informieren, aufzuklären

und sie im Hinblick auf eine

spätere Rückkehr in die Heimat gezielt

vorzubereiten. Diese Zeitschrift trägt

den Titel ‚Meine Welt‘ (‚Ente Lokham‘).

Da wir mit dieser Zeitschrift bisher gute

Erfahrungen gemacht haben, nicht zuletzt

als ein Instrument zur Förderung

ausgewogener Beziehung zur deutschen

Umwelt, haben wir uns Gedanken gemacht,

wie diese nützliche Arbeit auf

andere Zielgruppen erweitert werden

könnte........... Mit dieser Jahresschrift in

deutscher Sprache versuchen wir vornehmlich

unsere deutschen Freunde

anzusprechen.“

Im Verlauf der folgenden Jahre erschien

die deutsche Ausgabe der Zeitschrift

Meine Welt

Zeitschrift des Deutsch-Indischen Dialogs

Heft 2 / Jahrgang 25 Herbst 2008

I n h a l t

Interreligiöser Dialog: 31

- Dr. Tomas Halik, Dr. Ajit Lokhande, Dr. Martin Kämpchen, Dr. Ram A. Mall,

Dr. A. Ronald Sequeira-Prabhu, Dr. Hans-Jürgen Findeis, Walter Meister

Gedichte: 50

- Sitanshu Yashaschandra, Parvathy Baul

Ein Asylant zwischen zwei Polen (Interview Aktuell) 51

- Alokeranjan Dasgupta

Ein Baum und drei Charaktere (Erzählung) 55

- Alokeranjan Dasgupta

Aus dem Orissa Zyklus (Gedichte) 56

- Elisabeth Günther

Wie man Armut beenden kann (Entwicklung) 58

- Vandana Shiva

Die Stimmen der Ärmsten (Seminarbericht) 61

- Nirmalendu Sarkar

Architektur in Indien 62

- A. Khaliq Kaifi

Der Verein „Kerala Samajam, Köln” wird 25 Jahre alt 69

Durch Kultur das gegenseitige Verständnis ..... (Interview)

- Jose Puthussery

Der Kampf um Lebensraum 70

- Arundhati Roy

Bücher ..... Bücher 71


verschiedene Male, aber sehr unregelmäßig.

Im Jahr 1984 wurde festgestellt,

dass eine regelmäßig erscheinende indische

Zeitschrift in deutscher Sprache

nicht nur zeitgemäß, sondern auch der

Bedarf dafür groß ist. Zum Glück versprach

der damalige Direktor des Caritasverbandes

für die Stadt Köln Dr.

Josef Koenen Unterstützung für so ein

Projekt. So erschien die erste Ausgabe

der im Jahr dreimal erscheinenden Zeitschrift

im August 1984. Ich zitiere aus

dem Editorial dieser Ausgabe:

„Es leben zur Zeit etwa 20.000 Inder in

Deutschland. Viele von ihnen sind hier

voll integriert. Sie beherrschen die deutsche

Sprache, haben einen festen Job

und ihre hier geborenen Kinder besuchen

schon die Schule, das Gymnasium

oder die Universität. Sie investieren ihre

Ersparnisse in Eigentumswohnungen

oder Häuser. Sie sind, kurz gesagt, ein

fester Bestandteil des deutschen Bürgertums

geworden........... Die Inder leben

nicht in Ghettos, sondern zerstreut unter

den Deutschen, in Dörfern und Städten.

Sie haben Deutsche als Nachbarn,

Freunde und Bekannte. Ihre Kinder

spielen, essen, lernen, denken und träumen

mit deutschen Kindern.

Durch die Anwesenheit von so vielen

Indern über so viele Jahre ist das Interesse

an Indien in Deutschland gewachsen.

Viel mehr Deutsche essen heute indisch,

besuchen Indien, kaufen indische

Sachen und genießen indische Musik

und Tanz als es in der Vergangenheit der

Fall war. Ihnen bieten Inder und Indien

neue Möglichkeiten zur Erfahrungserweiterung.

All dies zeigt, dass hier eine bescheidene

deutsch-indische Gemeinschaft

schon entstanden ist. Diese Gemeinschaft

ist die Zielgruppe unserer Zeitschrift.

Auf ihre Bedürfnisse orientiert,

in ihren Träumen, Konflikten und Leistungen

verankert, wollen wir ‚Meine

Welt’ als eine regelmäßig erscheinende

Zeitschrift aufbauen.“

25 ereignisreiche Jahre sind danach an

uns vorbeigeflitzt. In der kleinen

deutsch-indischen Gemeinschaft ist vieles

passiert. Für die Integration der in

den 60er und 70er Jahren des letzten

Jahrhunderts nach Deutschland eingewanderten

Menschen aus Indien und deren

Kinder waren die letzten 25 Jahre

entscheidende Jahre gewesen. Berufliche

Herausforderungen, Gründung der

Familie, Erziehung der Kinder und Eingliederung

in die hiesige Gesellschaft

standen im Mittelpunkt ihres Lebens.

Diesen Prozess hat MEINE WELT konsequent

und zielgerecht begleitet. In der

Ausgabe zum 20-jährigem Jubiläum der

Zeitschrift (Juni 2004) habe ich geschrieben:

„Dass Integration keine Assimilation bedeutet,

ist heute von aufgeklärten Zeitgenossen

nicht mehr bestritten. Der Migrant

als Fremder bringt sein eigenes

Kulturgepäck und Verhaltensrepertoire

mit. Er kann sich am Anfang nur so verhalten,

wie er es von zu Hause gewöhnt

ist. Deshalb wird er in der Gastkultur als

Fremdkörper wahrgenommen und abgelehnt,

oder mit großem Vorbehalt toleriert.

In vielen Fällen führt dies zu einer

Destabilisierung seines Wesens. Er muss

sich verändern, um im Gastland überleben

zu können. Andererseits muss er an

seiner kulturellen Identität festhalten,

damit er nicht haltlos in das Unbekannte

abrutscht. Integration ist deshalb nicht

etwas, was man im Schnellverfahren

ausbrüten kann, sie ist das Ergebnis

eines langen und konfliktreichen Prozesses,

in dem der Gast und der Gastgeber

sich langsam aufeinander zubewegen.

So entstehen „Räume der Verständigung“

oder „kulturelle Schnittmengen“,

in denen ein reibungsloses und gegenseitig

sich bereicherndes Zusammenleben

zwischen den Einheimischen und

den Migranten möglich wird. Dass

„Dialog“ und „Begegnungen“ hierbei

eine Schlüsselrolle spielen, braucht

nicht besonders betont zu werden. In

diesem Sinne hat Meine Welt in den

letzten 20 Jahren durch Förderung des

Dialogs und Austausches neue Räume

der Verständigung zwischen den Deutschen

und den Indern geschaffen. Somit

hat die Zeitschrift einen bescheidenen,

aber wichtigen Beitrag zur Integration

der Inder hier geleistet.“

Heute ist die kleine indische Gemeinschaft

ein integraler Teil der deutschen

Gesellschaft. Die große Mehrheit der

eingewanderten Inder und Inderinnen

der ersten Generation hat das Berufsleben

abgeschlossen und befindet sich im

Ruhestand, viele ihrer hier geborenen

Kinder haben ihr Studium oder ihre Ausbildung

hinter sich und ihre Karriere in

Beruf und Gesellschaft erfolgreich begonnen.

Ständig werden Familien gegründet,

Kinder geboren und getauft,

Hochzeiten und Ehejubiläen gefeiert.

4

Aber Menschen werden auch krank, vereinsame,

und sehnen sich nach einer

Heimat, die sie vor Jahren verlassen

haben. Allmählich verändert sich das

Gesicht der indischen Gemeinschaft

hier, nicht zuletzt durch den Zuzug von

über 1.000 indischen Ordensschwestern,

die hier vornehmlich in Altenheimen und

Krankenhäusern arbeiten, und über 250

indischen Priestern, die in deutschen

Gemeinden und im pastoralen Bereich

tätig sind.

Deshalb sind die Anforderungen an eine

Zeitschrift wie MEINE WELT in vieler

Hinsicht heute andere als von vor 25

Jahren. Konflikte in der Ehe, Bildung

der Kinder, Altwerden auf dem deutschen

Boden, Engagement in Politik und

Gesellschaft, das Festhalten an Glauben

und mitgebrachter religiöser Praxis in

einer zunehmend säkular werdenden

Gesellschaft – diese und ähnliche sind

die Themen, die im Mittelpunkt des

Interesses der heutigen Leser stehen.

Wir von der Redaktion versuchen, dem

veränderten Bedarf gerecht zu werden,

ohne auf den Dialog-Charakter der Zeitschrift

zu verzichten. Ein anderer

Schwerpunkt bleibt weiterhin die Vermittlung

von Information über Indien –

seine Kultur, seine Literatur, seine Anschauungen

und seine Kunst, wie auch

das, was in Bereichen wie Wirtschaft,

Politik, Gesellschaft und Religion heute

in Indien vor sich geht.

Von Anfang an war dies ein ehrenamtliches

Projekt gewesen. Die Mitarbeiter

der Redaktion bekommen eine kleine

Aufwandsentschädigung. Die Satz-,

Druck- und Verteilungskosten werden so

niedrig wie möglich gehalten. Die Zeitschrift

konnte dank der verlässlichen

Unterstützung der katholischen Bischofskonferenz

viele Krisen überleben,

erst durch den Caritasverband für die

Stadt Köln und dann durch den Diözesancaritasverband,

Köln (Abteilung

Migration). Auch die Leser haben die

Zeitschrift mit Spenden kräftig unterstützt.

Wir von der Redaktion sind sehr

dankbar, dass die Unterstützung seitens

der Kirche und von den Lesern so

beständig und verlässlich war, dass wir

uns um diese Sache nicht sehr viel zu

kümmern brauchten.

Alle diese 25 Jahre haben wir zahlreiche

Beiträge von prominenten und

nicht-prominenten Indern sowie Deutschen

in Meine Welt veröffentlicht. Kein


Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern

der Redaktion „MEINE WELT“ übermittle

ich anlässlich des 25-jährigen

Bestehens dieser bemerkenswerten

Zeitschrift die herzlichen Glückwünsche

der Deutsch-Indischen Gesellschaft.

Unsere guten Wünsche gelten

der weiteren gedeihlichen Entwicklung

der Zeitschrift. Dem Herausgeber der

Zeitschrift – dem Diözesan-Caritas-

Verband, Köln – gilt besonderer Dank

für die kontinuierliche Förderung dieses

wichtigen Kommunikationsmittels

zwischen unseren Mitbürgern mit indischen

Wurzeln und den deutschen Mitbürgern.

Die Zeitschrift MEINE WELT

hat zu dem Verstehen zwischen Menschen

unterschiedlichen kulturellen

Hintergrunds in Deutschland sehr viel

beigetragen und fährt fort, dies zu tun.

Unsere indischen Mitbürger tragen

nicht nur im Rahmen ihrer beruflichen

Tätigkeit, sondern auch mit ihrem

Autor oder Autorin, kein Interview-

Partner oder keine Interview-Partnerin

hat für seine oder ihre Beiträge

Honorarzahlungen von uns erhalten.

Obwohl unser Redaktionsteam ausschließlich

aus Menschen aus Indien

besteht, haben wir kräftige ehrenamtliche

Unterstützung von einer Reihe von

deutschen Freunden bekommen, insbesondere

bei Korrekturarbeiten, redaktionellen

Vorschlägen, Übersetzungen

etc. Besonders sind wir den folgenden

drei deutschen Freunden zu Dank verpflichtet:

Frau. Dr. Elisabeth Lauschmann,

Herrn Walter Meister und Frau

Sophia Kratz. Auch sie haben ihre

Arbeit ohne irgendwelche finanzielle

Vergütung geleistet. Danken möchte ich

ferner meinem Sohn Asok, der bei Übersetzungen,

insbesondere literarischer

Texte, kräftig geholfen hat.

Wir sind sehr traurig darüber, dass

unsere engagierte Redaktions- Mitarbeiterin

Frau Dr. Sushila Gosalia nicht

mehr bei uns ist. Sie starb am 12. Februar

2008 an einer seltenen Krankheit.

Die Energie und Motivation, mit der sie

sich für die Belange der Zeitschrift eingesetzt

hat, werden uns die Kraft verlei-

Grußwort

Dr. Hans-Georg Wieck

Vorsitzender der Deutsch-Indischen Gesellschaft e.V., Botschafter a.D.

sozialen Engagement in Deutschland

und mit der Vermittlung von Kenntnissen

über Indien – einem Subkontinent

mit vielen kulturellen Unterschieden

und großer sprachlicher Vielfalt – zur

Überwindung von überkommenen Klischees

über ihre indische Heimat bei.

In der Deutsch-Indischen Gesellschaft,

die mit ihren 33 Zweiggesellschaften in

vielen Teilen Deutschlands vertreten ist

und mit ihren Programmen zur Bereicherung

des kulturellen und sozialen

Lebens in unseren Städten beiträgt,

wirken seit Jahrzehnten viele indische

Mitbürgerinnen und Mitbürger aktiv

mit. Sie tragen zur Zusammenarbeit

und zum gegenseitigen Verständnis

zwischen unseren Ländern und Bürgern

bei.

Mit der Globalisierung sind auch Indien

und Europa einander näher gerückt.

hen, die Zeitschrift weiter zum Wohl der

deutsch-indischen Gemeinschaft fortzuführen

wie bisher.

In der Redaktion bleiben noch Herr

Thomas Chakkiath und Frau Nisa Punnamparambil.

Hinzu kommt noch Herr

Jose Ukken, der für Herstellung und

Vertrieb verantwortlich ist. Als verantwortlicher

Redakteur bin ich dankbar,

dass diese Mitarbeiter alle diese Jahre

treu geblieben sind und dass ich auch in

der Zukunft mit ihnen rechnen kann.

Allerdings ist ein Generationswechsel in

der Redaktion dringend angesagt, wir

bemühen uns sehr darum.

MEINE WELT ist eine indische Zeitschrift,

konzipiert, gegründet und geführt

von einer kleinen Gruppe eingewanderter

Menschen aus Indien, unterstützt

von der deutschen Kirche und einzelnen

Deutschen, die Indern und Indien

nahe stehen. Es ist für uns sehr befriedigend,

dass so eine Immigrantenzeitschrift

25 Jahre lang Bestand hatte und

zur Förderung der deutsch-indischen

Verständigung einen wichtigen Beitrag

leisten konnte.

5

Fragen der Folgen der sich vollziehenden

Veränderung des Klimas, der Überwindung

der noch bestehenden, strukturell

bedingten Armut und des internationalen

Managements von Krisen und

Konflikten sind aus der Tagesordnung

der europäisch-indischen Zusammenarbeit

nicht wegzudenken. Oft sind Kompromisse

und gemeinsame Positionen

erst nach längerem Ringen um gute

Lösungen erreichbar.

MEINE WELT ist eine Zeitschrift, die

vom Gebot der Nächstenliebe und dem

Respekt vor den persönlichen Menschenrechten

geprägt ist. Ihre Stimme

darf auch in Zukunft nicht fehlen.

In der Rolle des Leuchtturms soll

MEINE WELT weiterhin Orientierungen

für unser Zusammenleben vermitteln!


Danken möchte ich an dieser Stelle vielen

Freunden und Bekannten, die dieses

Anliegen kräftig unterstützt haben, aber

auch meiner Frau und meinen Kindern,

die mir immer mit Rat und Tat zur Seite

standen, wenn ihre Hilfe benötigt wurde.

Herzlichst Ihr

Jose Punnamparambil

Meine Welt

Die Zeitschrift „Meine Welt” erscheint

zwei bis drei Mal im Jahr.

Eine Spende von mindestens 13,00

Euro wird von den Lesern erwartet.

Alle Rechte bleiben dem Herausgeber

vorbehalten. Für unverlangt eingesandte

Manuskripte übernimmt die

Redaktion keine Haftung.

Die in den Beiträgen vertretenen Ansichten

decken sich nicht immer mit

der Auffassung der Redaktion. Die

Redaktion behält sich redaktionelle

Änderungen vor.

Alle Zuschriften sind an die Redaktion

zu richten.


Sehr betroffen

Erst jetzt entnehme ich der neuen Ausgabe

von „Meine Welt“, dass Frau Dr.

Gosalia gestorben ist. Das macht mich

sehr betroffen. Du weißt, wie sehr ich

sie geschätzt habe. Sie war für die Organisation

und Durchführung unserer

deutsch-indischen Tagungen in Mülheim

eine überaus freundliche, sachkundige,

verlässliche Partnerin und für

de-ren inhaltliche Gestaltung unersetzlich.

Das hast Du in Deinem Nachruf

auch deutlich gemacht. Dafür vielen

Dank! Darüber hinaus hat sie mir sehr

geholfen bei der Vorbereitung von Studienreisen

der Akademie und der Ev.

Fachhochschule Bochum nach Indien.

Sie hatte ja ungezählte Kontakte und

verstand es immer, die richtigen Leute

zusammen zu bringen. So hat sie sich

wirklich verdient gemacht um die Verständigung

zwischen Indern und Deutschen,

war eine große Brückenbauerin.

Als überzeugte Anhängerin Gandhis hat

sie mich inspiriert, mich intensiv mit

dessen Leben und Philosophie zu beschäftigen.

- Prof. Dr. Wolf-Dieter Just,

langjähriger Leiter des Indien-Seminars an der

Evangelischen Akademie Mülheim/Ruhr

Sie wird uns fehlen

Wir haben Frau Dr. Gosalia in den Achtzigerjahren

auf den Seminaren der

Evangelischen Akademie und bei verschiedenen

anderen Veranstaltungen

kennen und schätzen gelernt. Wir haben

daran immer gern teilgenommen. Leider

war es uns aus beruflichen Gründen später

nicht mehr möglich. Sie hatte einige

von mir übersetzte und selbst verfasste

Artikel in „Meine Welt“ veröffentlicht.

Es ist schön, dass Sie in „Meine Welt“

einen so großen Raum für die Nachrufe

geboten haben. Darin ist eigentlich alles

gesagt worden. Auch wir empfanden

Frau Dr. Gosalia als sehr hilfsbereit, engagiert

und stets freundlich, ja mütterlich.

Mit ihrer Einstellung waren wir oft

auf einer Wellenlänge mit ihr.

Sushila Gosalia

...... Erinnerungen

Nachfolgend drucken wir einige Nachrufschreiben ab, die der Redakteur von Lesern bekommen hat.

- Die Redaktion

Integration

Was bedeutet aber überhaupt „Integration“?

Für mich bedeutet es vor

allem, sich frei bewegen, sich frei

fühlen zu können, nicht immer als

„Ausländer“ betrachtet zu werden.

Man erwartet „Toleranz“ im Alltag

der deutschen Gesellschaft, wobei

Toleranz nicht nur Duldung, sondern

gerade auch Akzeptanz und Respektieren

der fremden Kultur meinen

sollte. Wir Inder werden vorwiegend

nur im Wissenschaftsbetrieb respektiert

und ernsthaft wahrgenommen.

Dazu mag die lange Tradition der

deutsch-indischen Begegnungen –

die „Indo-Germanische Tradition“–,

die Pflege der Indologie in Deutschland

beigetragen haben.

- Sushila Gosalia

(Aus dem Entwurf eines Beitrages, der in „Meine

Welt“ erscheinen sollte)

Sie wird allen, die sie kennen, sehr fehlen.

Behalten wir sie und ihr Werk in

guter Erinnerung.

- Claudia Shreedevi Parmar

Seltene Aufgeschlossenheit

… gewinnende

Liebenswürdigkeit

Als ihr Artikel „Die Bedeutung von

Gandhis SATYAGRAHA (Festhalten an

6

der Wahrheit) im heutigen Indien“ im

September 2007 in MEINE WELT erschien,

wusste Frau Gosalia schon von

der Unheilbarkeit ihrer Krankheit, deren

erste Anzeichen bereits während ihres

letzten Indien-Aufenthalts im Winter

aufgetreten waren. Mit bewundernswerter

Tapferkeit und Gelassenheit hat sie

ihr schweres Schicksal getragen, von

dem sie am 12. Februar ein sanfter Tod

erlöste. Am 16. Juli wäre sie 75 Jahre alt

geworden.

Durch eine Initiative ihres Mannes,

Dpl.Ing.Amritlal Gosalia, den sie in

Indien geheiratet hatte und dem sie dann

nach Mannheim folgte, wo er in der Exportabteilung

eines großen Industrieunternehmens

arbeitete, lernten wir uns

1965 in der Wirtschaftshochschule (ab

1967 Universität) kennen. Herr Gosalia

war mit dem damaligen Verwaltungsdirektor

bekannt und bemüht, für seine

Frau, die hier niemanden außer ihm

kannte, Kontakte herzustellen. So wurde

ich die erste Deutsche, der sie hier begegnete.

Es sollt sich eine tiefe, herzliche

Freundschaft zwischen uns entwickeln,

die uns beiden viel bedeutet

hat. Zu unserer persönlichen Verbundenheit

kam, dass wir beide Wirtschaftswissenschaftlerinnen

waren, viel zusammen

gearbeitet und von einander gelernt

haben.

Es war für mich sehr interessant und

zugleich beeindruckend, mitzuerleben,

wie sich Frau Gosalia ihre neue Umwelt

hier im wahrsten Sinne des Wortes eroberte.

Zunächst vorwiegend beobachtend,

dann zunehmend um Verstehen bemüht,

gelang es ihr, Kontakte aufzunehmen,

damit die anfängliche Fremdheit

und Isolation zu überwinden und allmählich

einen Bekannten- und Freundeskreis

aufzubauen; dazu gehörten

auch bald einige schon länger in

Deutschland lebende Inder, die sie aufzuspüren

verstand. Es dauerte auch nicht

lange, bis sie durch Teilnahme an internationalen

Symposien und Seminaren in

Luxemburg, Belgrad und Oslo mit Fachkollegen

in Verbindung kam und be-


gann, Aufsäte über Entwicklungshilfe

und -politik zu veröffentlichen.

Gemeinsam mit ihrem Mann schrieb sie

eine Studie „Employment Formation

through Labour-Intensive Technology“,

die 1973 in den Diskussionsbeiträgen

des Deutschen Übersee-Instituts erschien.

1972 hatte sie sich an der Universität

Heidelberg immatrikuliert, wo sie 1976

mit ihrer Dissertation über das Thema

„Economic Growth with Adaptive Technology

in Less Developed Countries“

promovierte. 1971 war der Sohn Apurva

geboren, der mit kindlicher Naivität die

wissenschaftliche Arbeit seiner Mutter

verfolgte. 1992 erschien eine größere,

von der Deutschen Forschungsgemeinschaft

geförderte Studie über „Indien im

dasiatischen Wirtschaftsraum. Chancen

und Entwicklung zu einem regionalen

Gravitationszentrum“ (259 Seiten).

Für die Jahrbücher des Instituts für Asienkunde,

Hamburg, schrieb Frau Gosalia

mehrere wertvolle Beiträge, u. a.

„Globalisierung und Braindrain im Kontext

der Bildungspolitik in Indien“.–

In den 40 Jahren unserer Verbundenheit

habe ich nie ein negatives Urteil über

oder hartes Wort gegen einen anderen

Menschen von Frau Gosalia gehört. Ich

kann mir aber auch nicht vorstellen, dass

je einer Anlass zu einer kritischen Bemerkung

gegen sie gehabt haben könnte.

Sie verfügte über eine seltene Aufgeschlossenheit

gegenüber allem, was auf

sie zukam, und einer gewinnenden Liebenswürdigkeit

und warmen Herzlichkeit

gegenüber allen, die ihr begegneten.

Obwohl sie über die Hälfte ihres Lebens

in Deutschland verbrachte, bewahrte sie

ihre kulturelle Identität als Inderin und

schöpfte daraus die Kraft zur sozialen

Integration in die westliche Gesellschaft

und Anpassung an ihren Lebensstil. In

der Erziehung und Leitung ihres Sohnes

stand sie vor der schwierigen Aufgabe,

ihm die Werte zweier ganz verschiedener

Kulturen zu vermitteln und ihm doch

auch die nötige Selbstsicherheit und

Selbständigkeit mitzugeben. Sie durfte

wohl dankbar für das Erreichte sein.

Durch ihren Tod ist eine große schmerzende

Lücke entstanden nicht nur in

ihrer Familie, sondern auch in ihrem

Freundeskreis, der sie nicht vergessen

wird.

- Elisabeth Lauschmann

Ein Mann, ein Buch und

eine Mission

Nach der Veröffentlichung meines

Bestsellers Freedom at Midnight,

den ich zusammen mit

Larry Collins geschrieben hatte, war ich

nach Kolkota gekommen. Ich wollte

mich bei dem indischen Volk für die ausgezeichnete

Gastfreundlichkeit bedanken,

die es mir während meiner Forschungsjahre

in diesem Land entgegengebracht

hatte. Ich dachte, ich werde in

dieser riesigen, von allerlei armen

Flüchtlingen überfüllten Stadt eine

Gelegenheit finden, meine Einkünfte

aus der Buchveröffentlichung mit irgendeiner

karitativen Organisation zu

teilen. Und da war ich und fütterte einen

Armen in einem der Heime, die von

jener Frau gegründet worden waren, die

später das größte Symbol der Nächstenliebe

geworden war.

Am gleichen Abend stellte Mutter Teresa

mich und meine Frau (auch Dominique)

einem Engländer vor, der seit 1970

sein Leben den leprakranken Kindern

aus einem der ärmsten Vierteln der Stadt

gewidmet hatte. Sein Name ist James

Stevens. Bevor er all sein Vermögen zu

Gunsten eines Heimes in Barrackpore

für leprakranke Kinder aufgab, ist er in

London ein reicher Herrenausstatter gewesen.

Er nannte sein Heim Udayan –

Auferstehung. Als ich ihn traf, hatte er

kein Geld mehr, um diese Insel der Hoffnung

inmitten der krassesten Armut

unterstützen zu können. Ich händigte

ihm mein Honorar aus, das ich aus

Frankreich mitgebracht hatte, und sagte:

„James, du wirst nie dein Heim Udayan

schließen.“ Ich machte damit auch Mutter

Teresa ein vielleicht übertriebenes

Versprechen. Und so hat mir mein geliebtes

Indien in den letzten 26 Jahren

die Gelegenheit gegeben, meine Einkünfte

aus der Buchveröffentlichung

und andere Spendengelder von Lesern

den weniger glücklichen Bewohnern

von Kolkota zur Verfügung zu stellen,

eine Stadt, die ich so sehr liebte, dass ich

sie zum Schauplatz für die Handlung

eines meiner erfolgreichsten Bücher,

The City of Joy, machte. Neun Millio-

7

Dominique Lapierre

nen verkaufte Exemplare, Übersetzungen

in über 40 Sprachen, mit Patrick

Swayze in der Hauptrolle für 40 Millionen

verfilmt, gab mir das Buch „Die

Stadt der Freude“ die Möglichkeit,

meine karitativen Aktionen zu Gunsten

Millionen von Habenichtsen, denen das

„glänzende Indien“ (India Shining)

Hoffnung auf anständige Zukunftsperspektiven

zu geben hat.

Während dieser 26-jährigen Arbeit

haben ich und Dominique das Glück gehabt,

mit einigen phantastischen Nichtregierungsorganisationen

zusammen arbeiten

zu können (ABC, BPBS, CIPO-

DA, HSP, ICOD, SHIS, UBS und

Udayan sind nur einige davon). Während

dieser Zeit haben wir unseren Beitrag

dazu leisten können, dass 10.000

leprakranken und von schwerer geistigen

und körperlichen Behinderung bedrohten

Kindern das Leben gerettet

wurde und sie zur Schule geschickt wurden.

Ebenfalls haben wir dazu beitragen

können, dass eine Million an Tuberkulose

erkrankte Menschen geheilt wurden,

500 Brunnen für Trinkwasser gegraben

wurden, den Frauen in 2.000 Dörfern

das Lesen und Schreiben beigebracht

wurden, mehr als 10.000 Familien

Mikrokredite gewährt wurden. Unter

anderem wurden zahlreiche Entwicklungs-

und Selbsthilfeprogramme für

Gesundheitsgrundversorgung, Bildung

und Finanzierung von Kleinprojekten

initiiert. �

Kontaktanschrift für weitere Informationen und Spenden:

Dominique Lapierre City of Joy Foundation, c/o Mr.

Francis Wacziarg & Mrs Priti Jain, A-58, Nizamuddin

East, New Delhi-110 013, Tel. 91 11 24 35 52 14; Fax: 91

11 24 35 11 12; www.cityofjoyaid.org

(Quelle: Auszug aus dem Beitrag „Calcutta: One

Saintly Morning, 26 Years Ago“, Outlook Magazin

vom 14.1.2008. Bearbeitung: Thomas Chakkiath)


Interview Aktuell

„Es ist eine große Erfahrung und menschliche

Bereicherung, in einer auf freiwilliger Mitarbeit

beruhenden bi-kulturellen Vereinigung

verantwortlich tätig zu sein“

Meine Welt: Herr Dr. Wieck, Sie sind

über 12 Jahre Vorsitzender der Deutsch-

Indischen Gesellschaft e.V., vielleicht

der größten bilateralen Freundschaftsgesellschaft

in Deutschland. Im September

dieses Jahres werden Sie Ihr Amt

niederlegen und nicht mehr für eine weitere

Periode kandidieren. Wie würden

Sie Ihre Erfahrung in der Ausübung dieser

Ehrenamttätigkeit zusammenfassend,

bewerten?

Dr. Wieck: Nach der vierzigjährigen

beruflichen Tätigkeit in staatlichen

Strukturen war und ist es eine große Erfahrung

und menschliche Bereicherung,

in einer auf freiwilliger Mitarbeit beruhenden

bi-kulturellen Vereinigung verantwortlich

tätig zu sein. Eine Struktur

wie die der Deutsch-Indischen Gesellschaft

weist neben den klassischen zen-

Dr. Hans-Georg Wieck

Dr. Hans-Georg Wieck, der frühere deutsche Botschafter in Indien, war Vorsitzender

der Deutsch-Indischen Gesellschaft (DIG) e.V. für 12 Jahre. Während seiner

Amtszeit profilierte sich die Gesellschaft – vielleicht der größte bilaterale Freundschaftsverein

in Deutschland mit ca. 32 Zweiggesellschaften und 3.500 Mitgliedern

– mit vielen wichtigen Projekten und Veranstaltungen. Besonders zu erwähnen sind

die Jugendseminare in Bad Boll, das alternative Lehrbuchprojekt zu Indien („Indien.

Wege zum besseren Verstehen“, erschienen bei Klett-Perthes Verlag 2002) und

die Gründung der Indien-Stiftung. Hinzu kommen zahlreiche Tagungen, Diskussions-

und Vortragsveranstaltungen zusätzlich zu der jährlich stattfindenden

Ring(Kultur)-Veranstaltung, die von der Bundesgeschäftsstelle in Stuttgart organisiert

und durchgeführt wurden.

Dr. Wieck hatte immer ein offenes Ohr für Probleme einzelner hier lebender Inder

und Inderinnen. Nicht selten hat er seinen Einfluss und seine Erfahrung zur Geltung

gebracht bei der Suche nach adäquaten Lösungen für solche Probleme.

Durch seine zahlreichen Beiträge über Indien und über deutsch-indische Beziehungen,

die nicht selten in renommierten Publikationen erschienen, und durch die Vielzahl von Vorträgen über Indien, die er

während seiner Amtszeit gehalten hat, trug er wesentlich dazu bei, die Beziehung zwischen Deutschland und Indien merklich

zu vertiefen und den Verständigungsraum zwischen den Deutschen und den Indern zu erweitern. „Meine Welt“ konnte immer

mit seiner großherzigen Unterstützung rechnen. Dafür danken wir ihm recht herzlich.

Nachfolgend drucken wir ein Interview mit Dr.Wieck ab, in dem er vor allem eine Bilanz seiner Arbeit in den letzten 12 Jahren

zieht. Die Fragen stellte Jose Punnamparambil.

- Die Redaktion

tralen Organen – Vorstand, Beirat und

Delegiertenversammlung – mehr als

dreißig meist rechtlich selbständige

Zweiggesellschaften mit deutschen und

indischen Mitgliedern auf. In den

großen und mittelgroßen Städten geht

von diesen Vereinigungen und ihren

Programmen eine spürbare, manchmal

eine starke Ausstrahlung aus. Die Teilnahme

und Mitwirkung an solchen Veranstaltungen

hat mir viele interessante

und aufschlussreiche Einblicke in das

Zusammenleben von Deutschen und

Indern „an der Basis“ gegeben. Diese

Ereignisse habe ich als Teile einer fortlaufenden

Entdeckungsreise durch

Deutschland empfunden.

Meine Welt: Was hat die Deutsch-Indische

Gesellschaft e.V. in Ihrer Amtszeit

erreicht? Nennen Sie bitte drei oder vier

8

wichtige Projekte. Warum halten Sie diese

Projekte für wichtig?

Dr. Wieck: (1) Die Deutsch-Indische

Gesellschaft hat anlässlich des 50jährigen

Bestehens des unabhängigen Indiens

im September 1997 im Haus der

Kulturen der Welt, Berlin, eine große

Konferenz zu diesem historischen Ereignis

und seinen Folgen veranstaltet, die

sicherlich zur öffentlichen Wahrnehmung

des Subkontinents und der indischen

Demokratie positiv beigetragen

hat – in einer Zeit, in der Indien zwar

„im Trend“ liegt, aber vielen Menschen

doch tiefere Einblicke in die Vorgeschichte

dieser Unabhängigkeit und in

die inneren Spannungen und Möglichkeiten

des Landes fehlen. Jahrzehnte

hindurch wusste man zwar etwas von

der Rolle Pandit Nehrus und Indiens in


der Bewegung der ungebundenen Länder,

aber die Wahrnehmung der inneren

Verhältnisse und Entwicklungen des

Subkontinents beschränkte sich auf einige

Klischees.

(2) Gelegentlich des 50jährigen Bestehens

der Deutsch-Indischen Gesellschaft

im Jahre 2003 wurde eine um-fangreiche

Festschrift veröffentlicht, die dem Leser

Einblick in die Entwicklung der Gesellschaft

und die Vielfalt ihrer Aktivitäten

in den kulturellen, wirtschaftlichen und

sozialen Bereichen unserer beiden Länder

vermittelt. An der Internationalen

Buchmesse in Frankfurt mit Indien als

Partnerland im Jahre 2006 hat die

Deutsch-Indische Gesellschaft auf mehrfache

Weise teilgenommen und vielleicht

den einen oder anderen nützlichen

Schritt zur Förderung des Großprojektes

unternehmen können, in Deutschland

Publikationsreihen mit Übersetzungen

aus der Literatur von einigen Schlüsselsprachen

des indischen Subkontinents

und in Indien Publikationsreihen der

deutschen Literatur aufzulegen. Der im

Jahre 1986 gestiftete Rabindranath Tagore-Kultur-Preis

der Deutsch-Indischen

Gesellschaft und der vom Indischen Kulturrat

im Jahre 1996 geschaffene Gisela-

Bonn-Preis lenken immer wieder die

Aufmerksamkeit auf die Vermittlung von

Kenntnissen über Indien in den deutschsprachigen

Raum hinein und auf die Förderung

der Beziehungen zwischen den

beiden Staaten und deren Zivilgesellschaften.

Es gilt, sprachlich und geographisch

gegebene Grenzen und Defizite

des Verständnisses zu überwinden und

Klischees abzubauen.

(3) Die Jugendarbeit stellt einen wichtigen

Schwerpunkt der Deutsch-Indischen

Gesellschaft dar – seien es Partnerschaften

zwischen deutschen und indischen

Schulen, seien es Patenschaften für Schulen

in Indien in einem schwachen sozialen

Umfeld, seien es spezielle Unterrichtsmaterialien

über Indien für deutsche

Schulen oder auch Schreibwerkstätten an

deutschen Schulen mit einem Bezug zu

Indien. Für Jugendliche aus deutsch-indischen

Familien werden Förderprojekte

unterstützt. Glücklicherweise nimmt die

Zahl indischer Studenten an deutschen

Universitäten wieder zu. Hier liegt ein

weites, noch nicht ausreichend bearbeitetes

Feld der Annäherung vor uns.

(4) Mit der Errichtung der „Indien-Stiftung“

Anfang dieses Jahrhunderts hat

die Deutsch-Indische Gesellschaft die

Konsequenz aus der Tatsache gezogen,

dass entgegen den Finanzierungspraktiken

der Frühzeit der Bundesrepublik

Deutschland durch Zuwendungen aus

öffentlichen Haushalten eine bilaterale

Vereinigung wie die Deutsch-Indische

Gesellschaft unter den heutigen Rahmenbedingungen

nur zur Entfaltung

kommen kann, wenn es neben den Mitgliederbeiträgen

und Spenden auch eine

Indien-Stiftung mit einem ansehnlichen

Kapitalstock gibt, aus dessen Erträgen

Aktivitäten der Gesellschaft auf zentraler

und regionaler Basis finanziert werden

können. In diesem Sinne ist die Gesellschaft

ein integraler Bestandteil der

deutschen Zivilgesellschaft geworden

und aus der anfänglichen Abhängigkeit

vom Staat weitgehend herausgelöst

worden. Das ist ein solides Fundament

für die weitere Entwicklung der Gesellschaft.

Das Modell wird erfolgreich

sein, wenn sich die Einsicht in unserer

Bürgergesellschaft durchsetzt, dass ein

Land wie Deutschland von vielfältigen,

vertrauensvollen und gestaltungsfähigen

Beziehungen mit allen wichtigen

Ausländische Studenten haben sehr

große Probleme an deutschen Hochschulen

– zu diesem Ergebnis kommt

eine aktuelle Untersuchung des Hochschulinformationssystems

(HIS) im

Auftrag des Deutschen Akademischen

Austauschdienstes (DAAD). Ungefähr

die Hälfte der ausländischen Studienanfänger

bricht ihr Studium in

Deutschland ab, viele andere beißen

sich nur mit Mühe und Not durch.

„Diese hohe Abbrecherquote hat katastrophale

Folgen für die Reputation

des Bildungsstandorts Deutschland“,

warnt Ulrich Heublein vom HIS. „Wir

wollen gezielt kluge Köpfe aus dem

Ausland holen – und die, die dann

tatsächlich kommen, fühlen sich an

den Hochschulen oft hoffnungslos verloren.“

Die Probleme der ausländischen Studenten

wurden von Bildungsforschern

und Hochschulrektoren lange nicht

wahrgenommen. Es geht dabei nicht

um die Kinder von Migranten, die

schon mit dem deutschen Schulsystem

9

Regionen der Welt – und dazu gehört

ganz un-bestritten heute und auch morgen

Indien – abhängt, die auch und

immer wieder durch Bürger-Initiativen

erneuert und ausgeweitet werden müssen.

Meine Welt: Welche Wirkungsmöglichkeit

haben in Deutschland Freundschaftsvereine

wie die Deutsch-Indische

Gesellschaft?

Dr. Wieck: In der Bundesrepublik

Deutschland benutzen wir den Ausdruck

„Freundschaftsvereine“ nicht. Solche

meist mit staatlichen Mitteln geförderten

Vereine stellten eine im sowjetischen

Machtbereich übliche Dimension der

Öffentlichkeitsarbeit des Staates dar.

Wir sprechen von bilateralen Kulturvereinigungen,

die sich mit allen im bilateralen

Verhältnis bestehenden Fragen beschäftigen,

sie thematisieren können.

Die Deutsch-Indische Gesellschaft ist

eine der mitgliederstarken Vereinigungen

dieser Art in Deutschland, deren

Wirken sich in den Programmen der

über dreißig regionalen Zweiggesell-

Ausländische Studenten in Deutschland

haben es schwer

ihre Erfahrungen gemacht haben, sondern

um jene Ausländer, die erst zum

Studieren nach Deutschland kommen –

und zwar nicht nur für ein paar Gastsemester,

sondern für ein komplettes

Studium inklusive Examen. Wie erfolgreich

ihre studentische Karriere verläuft,

hängt entscheidend von einem

einzigen Faktor ab: davon, wie gut sie

sich an der Universität aufgehoben

fühlen – akademische Integration nennen

die Bildungsforscher dieses Phänomen.

„Wichtig ist dafür der gute

Wille der ausländischen Studenten,

aber ihre deutschen Kommilitonen und

die Lehrenden haben auch eine Bringepflicht“,

sagt Ulrich Heublein vom

HIS. Noch deutlicher wird Reinhold

Billstein aus der DAAD-Expertengruppe

zum Ausländerstudium: „Für die

Hochschule ist es eine Titanenaufgabe,

die ausländischen Studenten gut zu

integrieren.“

(Quelle: „Zu Gast bei Freunden“ von Kilian

Kirchgessner, Die ZEIT 27.03.2008)


schaften manifestiert. Einige Vereinigungen

konzentrieren sich darauf, am

Sitz der Regierung und in einigen wichtigen

Metropolen ein auf das Partnerland

ausgerichtetes Forum zu unterhalten,

das meist mit politischer oder wirtschaftlicher

Problematik an die Öffentlichkeit

tritt, z. B. das „Deutsch-Russische

Forum“ oder das Pakistan-Forum.

Die Deutsch-Indische Gesellschaft, die

ihren Hauptsitz in Stuttgart hat und in

hohem Maße auch die Unterstützung der

Landesregierung und der Stuttgarter

Verwaltung genießt, hat bislang noch

nicht das Maß an Präsenz in der Bundeshauptstadt,

also in Berlin, das man

sich wünschen sollte. Hier ist noch

Handlungsbedarf.

Meine Welt: Die Zukunft der DIG sieht

etwas düster aus. Die Mitgliederzahl befindet

sich auf einer Talfahrt. Es gibt

große Nachwuchsprobleme. Wie kann

man dieser Situation begegnen?

Dr. Wieck: Der Mitgliederschwund ist

kein auf die Deutsch-Indische Gesellschaft

beschränktes Phänomen unserer

Zeit. Die Bereitschaft zur Übernahme

von ehrenamtlichen Tätigkeiten oder

Mitgliedschaften in Gesellschaften mit

ideellen Zielen nimmt unter der jüngeren

Generation offenbar ab. Es gibt

auch Grenzen der Belastbarkeit, wenn

Beruf und Familie den vollen Einsatz

und das volle Engagement verlangen.

Manche Vereinigungen, und dazu gehören

auch einige Zweiggesellschaften,

bieten fachlich gut vorbereitete und

fachlich qualitativ begleitete Studienreisen

an und gewinnen damit Zugang

zu einem potenziellen Mitgliederkreis.

Wichtig ist auch die Entwicklung

von Sozial- oder Erziehungsprojekten

im Partnerland, für deren Vorbereitung

und Umsetzung viele Menschen in

Deutschland gewonnen werden können.

In beruflicher Hinsicht haben

heute sehr viel mehr Menschen mit

Indien zu tun, als das vor zwanzig Jahren,

geschweige denn vor vierzig Jahren

der Fall war.

Die Programme der Zweiggesellschaften

sind heute thematisch auf eine breitere

Basis gestellt, als das noch vor einem

Jahrzehnt der Fall war, und werden

in zunehmendem Maße zusammen mit

städtischen oder universitären Einrichtungen

veranstaltet. Diese Öffnung ist

sehr zu begrüßen. Auch das kann zur

Gewinnung neuer Mitglieder führen.

Indien war eine führende Nation

Mukesh Ambani,

Chairman and Managing Director, Reliance Industries

Globaler Führungsanspruch Indiens in

den Bereichen von Kultur, Wissen,

Technologie und Handel ist nichts

Neu-es in der Geschichte. Noch im

Jahre 1700 hatten Indien, China und

Europa den gleichen Anteil am Welteinkommen.

Indien hatte einen Anteil

von 25% am globalen Textilhandel.

Das jährliche Einkommen des Mogulkaisers

Aurangzeb in den Jahren 1659-

1701 war angeblich zehnfach größer

als das des französischen Königs Ludwig

XIV. Bereits im frühen 18. Jahrhundert

war Indien ein führender

Warenproduzent. Damals hatte Indien

einen Anteil von 22,6% am Bruttosozialprodukt

der Welt. Es gab damals

einen großen kommerzialisierten Sektor

der Wirtschaft mit einer hoch entwickelten

Markt- und Kreditstruktur.

Geführt wurde das Ganze von einer

qualifizierten, in viele Fällen sehr

wohlhabenden Händler-Klasse. Produktionsmethoden

und Organisationsmethoden

in industriellen und kommerziellen

Bereichen konnten einem

Vergleich mit denen in anderen beliebigen

Teilen der Welt standhalten.

Indien hatte bereits damals ein indigenes

Bankwesen entwickelt. Die von

indischen Banken ausgestellten Wechsel

wurden in allen großen Städten Asi-

Die Liste solcher nach außen gerichteter

Initiativen und Projekte ist damit nicht

erschöpft. Hier galt es, Beispiele zu geben,

die es rechtfertigen zu sagen, dass

es auch in Zukunft möglich sein wird, in

ausreichender Zahl Bürger für die Mitgliedschaft

und aktive Mitwirkung in

der Deutsch-Indischen Gesellschaft und

in ihren Zweiggesellschaften zu gewinnen.

Meine Welt: Sie haben Großartiges

geleistet, Indien hierzulande verständlicher

zu machen. Was muss noch getan

werden, um die Beziehungen zwischen

Indien und Deutschland noch enger und

dynamischer zu gestalten?

Dr. Wieck: Deutschland ist heute ohne

seine vielfältige Verzahnung mit den anderen

Staaten in Europa – ich meine vor

10

ens beachtet und hoch geschätzt.

Dies sind Fakten und keine Einbildungen

von Menschen, die vom vergangenen

Glanz und Gloria des Landes

besessen sind. Sie sind von Prof.

Angus Maddison, dem hochgeschätzten

Professor für die Geschichte der

Globalen Wirtschaft, niedergeschrieben

worden. Er hat mit großer Sorgfalt

die Entwicklung der Welteinkommensstruktur

durch die vergangenen drei

Jahrhunderte aufgezeichnet. Von dem

Anfang des 19. Jahrhunderts an

begann jedoch der Anteil Indiens an

der Weltwirtschaft kleiner zu werden –

zuerst langsam und dann drastisch. In

der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

erreichte er mit rund 4% den

Tiefststand. Dann verloren wir den

Vorteil dem Rest der Welt gegenüber.

Und China folgte. Heute drehen sich

die Räder der Geschichte weiter. In

den nächsten 25 Jahren wird zwei Drittel

des Bruttosozialproduktes der Welt

aus Asien kommen. Das 21. Jahrhundert

ist, glaube ich, bereit, ein indisches

Jahrhundert zu werden.

Aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt von Thomas

Chakkiath

(Quelle: India Today, 31.3.2008)

allem die EU-Mitgliedstaaten – nicht zu

verstehen. Aber dem Gesicht und dem

Gewicht der Europäischen Union mangelt

es auf der weltpolitischen Bühne

vielfach noch der Präzision und Verlässlichkeit,

auch wenn die Charakteristika

der europäischen Wirtschaft und der europäischen

Währung zu feststehenden

Größen der heutigen Welt geworden

sind.

Der wichtigste Beitrag, den Deutschland

und Indien leisten könnten, wäre der, der

Verknüpfung Indiens mit der Europäischen

Union in allen Fragen der internationalen

Sicherheit, des Weltmarktes

und der Umwelt im Interesse beider Seiten

gestalterische Kraft zu geben. �


Mein Indien......Mein Deutschland

Geschichten von Begegnungen,

Beziehungen und Bindungen

Zur Zeit leben ca. 35.000

indische Staatsangehörige

in Deutschland. Hinzu

kommt etwa die gleiche

Anzahl deutscher Staatsbürger

indischer Abstammung.

Diese Inder und Inderinnen

mit ihren deutschen

Verwandten, Freunden

und Bekannten bilden

die kleine deutsch-indische

Gemeinschaft in diesem

Land. Niemals in der

Geschichte sind aber so

viele Bürger indischer

Herkunft und so viele

Deutsche auf familiären

und freundschaftlichen

Ebenen so eng in Berührung

gekommen wie in

den letzten 50 Jahren. Die

Anwesenheit von so vielen

Menschen indischer Abstammung

auf deutschem

Boden führt natürlich zu

11

häufigen Begegnungen,

regem Austausch und gemeinsam

gestalteten Aktivitäten

zwischen Deutschen

und Indern. Dadurch

entwickeln sich Beziehungen,

entstehen Bindungen

und wandeln sich

Haltungen, Anschauungen

und Verhaltensnormen

beiderseits. In aller Stille

erhält das Alltagsleben in

Deutschland eine leichte

indische Farbe. Nachfolgend

stehen einige ganz

persönliche Geschichten,

in denen die Autoren erzählen,

wie sie zu dem jeweiligen

Land den Zugang

gefunden haben und was

dieses Land und die Menschen

dort für sie heute

bedeuten.

- Jose Punnamparambil


Das 25-jährige Jubiläum dieser

wunderbaren Zeitschrift fällt

zusammen mit meiner 25-jährigen

Beziehung zu Indien: inspiriert

durch einen indischen Kollegen und

Freund fuhr ich Anfang 1983 gemeinsam

mit ihm in seine Heimat, dem Punjab.

Es war ein rein persönliches Interesse

– meine eigene Suche nach der Wahrheit

–, das mich ins Land der Mythen,

Gurus, Sadhus und Yogis führte. Durch

mein Engagement für eine bessere Mitwelt

im Rahmen der bundesdeutschen

Friedensbewegung hatte ich eine Vorstellung

vom Leben und Wirken von

Mahatma Gandhi und der von ihm propagierten

und gelebten Form der

Gewaltfreiheit. Ich hatte das Glück, auf

dieser Reise Mitarbeiter Gandhis kennenzulernen

und Projekte zu besuchen,

in denen nach seinen Ideen gelebt und

gearbeitet wurde. Bestärkt wurde meine

eigene Überzeugung der Bedeutung der

gandhischen Lehre durch die Lektüre

seiner Bücher und auch durch den Spielfilm

Gandhi von Richard Attenborough,

der damals gerade anlief. Ich merkte

zwar, dass die Gandhianer in Indien in

der Minderheit sind - obwohl überall im

Land Straßen und Plätze nach ihm und

seiner Frau Kasturba benannt wurden –

aber ich war und bin der Überzeugung,

dass Gandhi auf nahezu ideale Weise die

Werte verkörpert hat, die als Kernethik

vieler Religionen und Glaubensrichtungen

angesehen werden dürfen: Wahrheit

und (Nächsten-/Fernsten-) Liebe. Das

von Gandhi entwickelte Konzept, welches

Sarvodaya (Wohlfahrt aller), Satyagraha

(Kraft der Wahrheit), Brahmacharya

(Kontrolle der Sinne), Ahimsa

(Nicht-Gewalt), Purna Swaraj (vollständige

Unabhängigkeit; Selbstbestimmung),

Swadeshi (Stärkung der lokalen

Industrien), Asteya (Nicht-Stehlen ) und

Aparigraha (Nicht-Besitz) beinhaltet,

kann problemlos auf die heutige Zeit

übertragen werden und mithelfen, drängende

aktuelle Probleme zu lösen. Für

mich war Mahatma Gandhi nicht nur

eine große Persönlichkeit seiner Zeit,

sondern auch ein Wegweiser zu einer

friedlicheren und humaneren Mitwelt.

Er hat Lösungen und Lösungsansätze

präsentiert in den Problemzonen Umweltschutz,

Menschenrechte und Gewaltanwendung,

mit denen wir alltäglich

konfrontiert sind und unter denen

die ganze Welt leidet.

Nach der Rückkehr von meiner ersten

Indienreise schrieb ich:

Eine Reise geht zuende,

Ich erwache aus einem Traum,

Die Bilder sprechen Bände,

Und doch verstehst Du sie kaum.

Welten werden überwunden,

Soeben noch von anderen Kulturen

entzückt,

Kehre ich heim in nur wenigen

Stunden;

Und nur der Zauber eines Traumes

bleibt zurück.

Dass mein persönliches Interesse an Indien

und insbesondere an Mahatma

Gandhi sich institutionalisieren sollte in

Form einer gemeinnützigen Stiftung mit

Weltgeltung konnte ich damals noch

nicht ahnen, obgleich von Anbeginn an

der starke Wunsch vorhanden war, meine

eigene Begeisterung für Gandhi und

12

Mein Indien ..... Mein Deutschland

25 Jahre Meine indische Welt

Peter Rühe

Peter Rühe ist Präsident der Gandhi-

Serve Stiftung.

Weitere Infomationen über Peter

Rühe www.gandhiserve.org/pr.html

Kontakt: peterruhe@gandhimail.org

Weitere Informationen über die

GandhiServe Stiftung: www.gandhiserve.org

oder www.gandhiserve.de

sein Werk mit anderen zu teilen. Es wurden

zunächst in privater Initiative im

Rahmen des Gandhi-Informations-Zentrums

(das 1991 zu einem gemeinnützigen

Verein wurde) Ausstellungen und

Veranstaltungen zu dem Thema organisiert,

und ich besuchte Indien regelmäßig

für 3 bis 6 Monate im Jahr. Indien

wurde mir zur 2. Heimat, und ich hatte

meinen Traum gelebt: Ich bin intensiv

auf den Spuren Gandhis gewandelt und

habe Mitarbeiter und Verwandte kennengelernt

und Projekte besucht, habe

eigene Projekte initiiert, wie z.B. die

Gandhi-Brücke der Verständigung, und

an diversen Film- und Fernsehproduktionen

mitgearbeitet. Durch mein persönliches

Interesse und nicht-akademischen

Zugang habe ich das Land und

seine Einwohner in all ihren Facetten

kennenlernen dürfen, bin mit allen verfügbaren

Fortbewegungsmitteln gereist

und habe Menschen unterschiedlichster

Herkunft und Religion getroffen. Die

wichtigste Begegnung fand jedoch im

Jahr 1985 in Rajkot/Gujarat statt, wo ich

den damals 85-jährigen Prabhudas

Gandhi, Großneffe und enger Mitarbeiter

des Mahatma, kennenlernte, der mir

in den letzten 10 Jahren seines Lebens

zu einem guten Freund und Mentor werden

sollte. Er, von dem der engste Kreis

Gandhis sagt, das er Bapuji (Großvater)

– wie Gandhi von Prabhudasbhai genannt

wurde – am besten verstanden und

dessen Werte in seinem eigenem Leben

umgesetzt hat, war mir eine Gandhi-Enzyklopädie

und Lehrer der besonderen

Art. Oft reisten wir gemeinsam mit dem

Zug durchs Land und besuchten Freunde

und Bekannte von Prabhudasbhai. In

seiner Gegenwart war ich Gandhi und

seinem Geist (spirit) sehr nahe, was

mich zutiefst erfüllte und den Wunsch

nährte, mich ganz der Verbreitung des

Lebens und der Lehre von Mahatma

Gandhi bzw. der Ethik der Gewaltfreiheit

zu widmen. Im Jahr 1998 kündigte

ich meine Teilzeitstelle als Programmierer

an der Technischen Universität Berlin

und zog nach Bombay. Ich hatte zu

dieser Zeit die beiden wichtigsten Fotosammlungen

von Mahatma Gandhi und

der indischen Unabhängigkeitsbewe-


Erinnerungen an Guptaji

Viele Wege führen nach und zu Indien,

und nicht wenige erste Begegnungen mit

diesem Land und seinen Leuten haben

ihre eigene Geschichte.

Für mich war es, rückblickend, die Begegnung

mit einem Inder, die mir Augen,

Ohren, Sinne und das Herz für Indien

öffnete. Für mich war der Dozent für

Geschichte an der Delhi-Universität,

Nand Lal Gupta, Partner, Guru und

Freund, er lehrte mich auf unaufdringliche

Art und Weise sein Land und dessen

Geschichte zu verstehen. Für mich als

Mitarbeiter der Vertretung der früheren

DDR in Neu Delhi war er als ehrenamtlicher

Generalsekretär der damaligen All

India Indo-GDR Friendship Association

einer meiner wichtigsten Partner. So bin

ich über die Zusammenarbeit der DDR

mit Indien und eben diese Kooperation

mit Nand Lal Gupta schrittweise immer

mehr an Indien, seine jüngere Geschichte

und an deutsch-indische Beziehungen

herangeführt worden und hängen geblieben.

Was wusste ich, als ich Ende der 60er

Jahre als eigentlicher Sinologe nach

Indien kam, von Kasten, Kommunalismus,

indischen Parteien und Organisationen

oder von religiösen Bräuchen und

Sitten in diesem Subkontinent? Fünf

Jahre lang konnte ich von N.L.Gupta

immer wieder nur darüber lernen. Er war

nicht nur ein kluger Lehrer, er war in seinem

Engagement und seinem Einsatz

bei an ihn gestellten Aufgaben geradezu

ein Vorbild. Selbst körperlich schwer beschädigt,

absolvierte er ein riesengroßes

(Fortsetzung von Seite 12)

gung vor dem Verfall gerettet und in ein

international zugängliches Archiv umgewandelt.

Zunächst führte ich in eigener

Initiative diese Arbeit fort, da es

noch zahlreiche Sammlungen und Materialien

gab, die aufgrund der klimatischen

Verhältnisse in einem schlechten

Zustand waren. Um dieser wichtigen

Arbeit einen angemessenen Rahmen zu

geben, gründete ich im Jahr 2002 die gemeinnützige

GandhiServe Stiftung mit

Sitz in Berlin. Mittlerweile beherbergt

die Stiftung das umfangreichste audiovisuelle

Archiv von Mahatma Gandhi

Dr. Lothar Günther

Dr. Lothar Günther, Jahrgang 1932.

Nach Besuch der Oberschule und einer

Lehre als Konfektmacher in Dresden und

Radebeul Studium der Sinologie in Leipzig

und Berlin und später der Internationalen

Beziehungen. Tätigkeit in der Liga

für Völkerfreundschaft, Bereich Asien,

der DDR sowie in der Botschaft der DDR

in Neu Delhi. Außerordentliche Promotion

an der Humboldt-Universität. Mitarbeit

in deutsch-indischen Gesellschaften.

Veröffentlichungenen über deutsch-indische

Beziehungen.

Pensum an beruflicher, politischer und

organisatorischer Arbeit. Ich wunderte

mich manchmal, wie er als geborener

Ksatriya immer wieder zu viele neue

Aufträge höherkastiger Funktionäre der

CPI annahm und gut auszuführen versuchte.

Als ich ihn einmal daraufhin ansprach,

lächelte er nur und sagte mir, ich

müsse Indien noch besser verstehen lernen.

Wir haben oft zusammen gesessen und

geplaudert und diskutiert bei mehreren

Tassen Kaffee. Er liebt den auf deutsche

Art gebrühten Madras-Kaffee, den meine

Frau immer für ihn kochte. Er war es

und der indischen Unabhängigkeitsbewegung,

welches von Medienproduktionen

weltweit und für eigene Publikationen

genutzt wird. Meine Bildbiografie

(Gandhi, Phaidon, London/New York,

2001) wurde Anfang 2002 vom damaligen

indischen Innenminister L.K. Advani

der Öffentlichkeit übergeben und ist

mittlerweile als Standardwerk anerkannt.

In Indien erhielt ich Auszeichnungen,

die Medien berichteten – gelegentlich

auch kritisch – über mein Engagement,

dort habe ich geheiratet, beim Erdbeben

13

Mein Indien ..... Mein Deutschland

auch, der uns den Tip gab, wo dieser

Coffeeshop an einem äußeren Ring des

Connaught Circus zu finden war. An

Hand von politischen Ereignissen, wie

zum Beispiel der Abschaffung der Privy

Purses, vermittelte er mir auf verständnisvolle

Weise immer wieder für mich

neue Erkenntnisse und Einblicke. Er

versorgte mich mit Literatur oder empfahl

mir den Ankauf oder die Ausleihe

von für mich wichtigen Büchern. Vor

Reisen ins Land klärte er mich auf, was

oder wer mich dort erwartete und wie

ich mich verhalten sollte. Hatte ich irgendeine

Frage oder ein Problem, Indien

oder meinen Aufenthalt und meine Arbeit

dort betreffend, ich konnte mich

immer an ihn wenden.

Aber er war auch Mensch und Inder,

nicht nur Gelehrter und Politiker. Bei

unseren häufigen gegenseitigen Besuchen

in und mit Familie hatte er festgestellt,

dass für meine Frau, unsere Kinder

und für mich butter chicken zum

Lieblingsgericht geworden war. Also organisierte

er in eigener Regie einen

Schnellkursus in indischer Küche, wovon

wir heute noch profitieren.

Eigentlich wurde jedes Treffen mit ihm

zu einer Lehrstunde, wenn ich es auch

oft nicht gleich so empfand oder erkannte.

Aber seine Persönlichkeit und sein

Vorbild wirken noch heute nach, wenn

er auch nicht mehr lebt, und wecken immer

wieder bewundernde Erinnerungen

an ihn in mir. Ein solcher Freund und

Guru half über politische und gesellschaftliche

Veränderungen hinweg, ein

Land und seine Menschen besser zu verstehen

und sich gern weiterhin mit ihm

zu befassen. Ich schätze mich glücklich,

dass ich dafür einen solchen Freund und

Guru wie Nand Lal Gupta hatte. �

2001 Hilfe geleistet, Gruppenreisen

geleitet und mein Leben mit Yoga,

Meditation, Ayurveda und Naturheilkunde

erheblich bereichert. Ich habe vieles

und viel Beeindruckendes gesehen und

erlebt. Das Wunderbarste jedoch – und

was den größten Platz in meinem Herzen

einnimmt – ist die Warmherzigkeit

und Gastfreundschaft der Inder. Sie öffnet

die Seele und lässt einen die Leichtigkeit

des Lebens spüren. Oft kommt

mir dabei der Satz in den Sinn:

The Occident made me a Man, the Orient

a Child again.

Danke, Indien! �


Ich kann mich gut an einen Nachmittag

vor vielen Jahren in Indien erinnern,

an dem ich ein musikalisches

Erlebnis der besonderen Art hatte. Als

Ausdruck künstlerischer Freiheit bringe

ich es mit einer Erfahrung in Verbindung,

der sich indische Musiker schon

seit Jahrtausenden widmen: dem

beglückenden Klang (nâda), der mit

einem Zustand innerer Stille einhergeht

und zu dem sicher nicht nur in Indien

viele Wege führen. Das Erlebnis, über

das ich hier berichten möchte, überraschte

mich in meiner Studentenzeit in

Chennai am Tage meines er-sten öffentlichen

Flötenkonzerts vor geladenem

Publikum. Das erklärt, warum ich schon

tagelang mit Lampenfieber zu kämpfen

hatte. Meine schöne Tambura-Bordunlaute,

in Nordindien auch Tanpura

genannt, war gerade von einem erfahrenen

Begleitmusiker perfekt gestimmt

worden. Nachdem eine zweite Bordunlaute

gestimmt war, die ich mir für das

gewohnheitsmäßig unverstärkte Konzert

gewünscht hatte, erfüllte sich der Raum

mit Wohlklang. Statt Lampenfieber erfasste

mich von einem Augenblick zum

anderen ein unbeschreibliches Glücksempfinden.

Indische Lyriker wie der

Liedkomponist Tyagaraja (1767–1847)

umschreiben diesen Zustand als ein Aufgehen

in himmlischen Klängen, wobei

man sich selbst ganz vergisst („Intakanna“,

Raga Bilahari). Es war, als ob sich

alle vorstellbaren Klangfarben und

Stimmungen in ständiger Bewegtheit

und doch eigentümlich still und harmonisch

miteinander vereinigten. Zu sagen,

dass ich vom Wohlklang berauscht war,

wäre jedoch irreführend, denn ich war

zugleich auch „ganz da“ und in der

Lage, mit einem karnatischen Musikensemble

einen Abend lang zu musizieren.

Dieses Schlüsselerlebnis hat meine Vorstellungen

über die Kraft und Schönheit

von rein akustischem Klang – auch und

gerade den mit einfachen Mitteln gestalteten

Klängen – grundlegend verändert.

Znächst habe ich mich gefragt, ob es

durch meine persönliche Situation – beispielsweise

eine Kombination von Lampenfieber,

glücklichen Umständen und

Wunschdenken – bedingt war. Das ist

natürlich nicht undenkbar, erklärt aber

nicht alle Ursachen und Wirkungen. So

hat mir diesen Sommer eine Musikpädagogin

während der schweizerischen

Fortbildungswochen über ihre Erfahrung

mit dem Klang einer guten Bordunlaute

und deren stimmlicher Übertragung

berichtet. Ihre Worte ähnelten dem

obigen, ihr jedoch unbekannten Liedtext,

denn sie sprach freudig davon, dass

sie sich „selbst vergessen“ hatte. Auch

die Freudentränen eines mehrfach behinderten

Kindes beim Hören und

Fühlen einer wohlgestimmten Bordunlaute

haben mir gezeigt, wie jedem Menschen

mit nur wenig Aufwand neue Welten

erschlossen werden können.

In seiner subtilsten Form vereinigt das

Tamburaspiel zwei Funktionen, die in

der europäischen Musiktradition unab-

14

Mein Indien ..... Mein Deutschland

Zum „Klang des Glücks“ – und jetzt?

Ludwig Pesch

zeichnet. In Würdigung

der besonderen

Verdienste um

die Vermittlung

von Geist und Leben

Indiens wurde

ihm 2003 der Rabindranath

Tagore

Kulturpreis der

Deutsch-Indischen

Gesellschaft verliehen.

Sein Anliegen

einer fachübergreifendenBeschäftigung

mit

Ludwig Pesch (mit Flöte) und Manickam Yogeswaran (Mitarbeiter)

der indischen Kultur

unter Kindern

Ludwig Pesch (*1955) spezialisierte und Jugendlichen nahm im For-

sich als Stipendiat im Rahmen des schungsprojekt „Sam, Sammlung, Zu-

Deutsch-Indischen Kulturabkommens sammen! Stimmen und Hände im Um-

am Kalakshetra College of Fine Arts feld des traditionellen indischen (Tanz)

Madras zunächst auf die Bambusquer- Theaters” der Hochschule der Künste

flöte. Er ist Autor von u.a. The Illustra- Bern Gestalt an. Informationen zu seited

Companion to South Indian Classiner interdisziplinären Arbeit mit Mucal

Music (Oxford University Press). seen, Universitäten und (sonder) päda-

Für Verdienste um die Kulturbeziehungogischen Einrichtungen sind auf den

gen zwischen Indien und Deutschland Projektseiten www.aiume.carnaticstu-

wurde er 2000 mit dem Verdienstkreuz dent.org und www.sam.mimemo.net zu

am Bande des Verdienstordens der finden.

Bundesrepublik Deutschland ausge-

hängig voneinander zur Anwendung

kommen: den tiefen, gleichbleibenden

Begleitton (Bordun) und ein ständiges

Wiederholen melodisch-rhythmischer

Figuren (Ostinato). Seit dem ausgehenden

Mittelalter über die Klassik bis hin

zur Moderne – Avantgarde, Minimal

Music wie Pop – kommen beide Stilmittel

auch für Laien deutlich erkennbar

und wirkungsvoll zur Anwendung. Der

„echte“ Tamburaklang entfaltet seine

höchste Wirkung dagegen an der

Schwelle bewusster Wahrnehmung.

(Diese Tatsache erklärt wohl seine Vernachlässigung

zugunsten elektronischer

Surrogate im laut verstärkten Umfeld

heutiger Konzerte.) Im Sinne ästhetischen

Erlebens oder „Rasa“ – ein Sanskrit-Wort,

das sowohl Essenz, Schönheit

als auch Gefühl bezeichnet – könnte

man das unterschwellige Tambura-


Klangfeld als ein musikalisches Kaleidoskop

bezeichnen: Es entfaltet während

des gemeinsamen Musizierens von

Stimmen und Instrumenten eine erstaunliche

Wechselwirkung von gleichzeitig

und nacheinander erklingenden Elementen.

Dieses Phänomen, über das die

moderne Gehirnforschung mehr Aufschluss

geben könnte, verdient schon

aufgrund seiner musikhistorischen Bedeutung

größere Beachtung. Es ist mit

einem Höhlensystem vergleichbar, dessen

Ausdehnung und Tiefe noch lange

nicht erkundet sind. Damit meine ich,

dass die „innere Schönheit“ von Klängen

keine Entsprechungen in der „äußeren

Welt“ hat. In diesem Sinne geht es

mir hier nicht um einen bestimmten Instrumententyp

aus Indien, für dessen

Wertschätzung ich mich lange eingesetzt

habe, sondern vielmehr um einen Lernprozess.

Dieser kann jedem Menschen

auch innerhalb der eigenen Kultur einen

Zugang zu neuen musikalischen Ausdrucksformen

eröffnen. Schon die kleinsten

Elemente der indischen Musik können

uns mit Hilfe der natürlichen Stimme,

Handgesten, kombiniert mit realen

oder imaginären Bildern, auf eine faszinierende

Erkundungsreise in unerforschte

Musikwelten mitnehmen. Aus

langjähriger Erfahrung kann ich sagen,

dass dies mehr als eine abstrakte Idee ist.

Sie bildet den Ausgangspunkt für

pädagogische Aktivitäten mit oder ohne

Tambura, die jeden Musikunterricht bereichern

können und auch in musiktherapeutischen

Angeboten ihren Platz finden.

Dass es hier nicht nur um eine Exotisierung

von Musik gehen kann, sondern

vielmehr um den unbefangenen,

spielerischen wie respektvollen Umgang

mit einer „fremden“ Kultur ist dabei

selbstverständlich. Der namhafte Indologe

Heinrich Zimmer (1890–1943) betont

am Ende seines Buchs „Indische

Mythen und Symbole“, dass uns letztlich

der eigene Schatz offenbart werden

soll. Anhand einer jüdischen Parabel,

deren Weisheit er in seinem eigenen Leben

bestätigt fand, verdeutlicht er, dass

wir diesen Schatz in den vergessenen

Tiefen unseres eigenen Wesens unermüdlich

selbst suchen und ausgraben

müssen. Er endet mit der Hoffnung, dass

wir so einen Tempel des lebendigen Geistes

errichten, der allen Menschen offensteht

– ein Ideal, das sich auch in die

Musikpädagogik hineinzutragen lohnt,

wo und wann auch immer sich dazu die

Gelegenheit bietet. �

In Hochheim, einer Kleinstadt an der

Rheingau-Riesling Route, als Tochter

einer deutsch-indischen Ehe aufgewachsen,

fuhr ich das erste Mal im

Alter von acht Jahren nach Indien. Mit

meinen Eltern und meinem großen Bruder

be-suchte ich Rajasthan, Freunde

und – Verwandte! Die Reise erlebte ich

sehr intensiv, vielleicht am intensivsten

von allen meinen Indienreisen, denn ich

musste mich um nichts kümmern, konnte

beobachten, nachfragen und Farben,

Gerüche, Straßenlärm, Satzfetzen und

Gesichter in mich aufsaugen. Es war

alles sehr aufregend: Diese Tanten und

Onkel gehörten zu meiner Familie? Ich

war ein Teil von ihnen? Das erfüllte

mich mit Stolz und dem Gefühl, auch etwas

Besonderes in mir zu tragen. Meine

Freunde in Hochheim fragten neugierig

nach, und ich hatte eine Menge zu

erzählen.

Nach dem Abitur reiste ich zum dritten

Mal nach Indien und lebte dort drei

Monate mit meinem Bruder, der für eineinhalb

Jahre mit einem DAAD-Stipendium

dort war und in einer deutsch-indischen

WG im Süden Delhis wohnte.

Zum ersten Mal ein eigener Alltag in Indien.

Schon nach wenigen Tagen begann

ich für einen indischen Freund zu

schwärmen und dachte darüber nach,

wie es sein könnte, als indische Ehefrau

zu leben. Doch Tag für Tag wurde mir

klarer, wie deutsch ich war! Schon zwei

Jahre später kam ich wieder nach Indien.

Diesmal mit einem ASA-Stipendium

zum Thema Kino und Satellitenfernsehen

– und zwei deutschen Kolleginnen,

die durchaus auch Kritisches an Indien

auszusetzen hatten. Ich fühlte mich persönlich

angegriffen, wurde zur Anwältin

Indiens, die meinte, stets genau darüber

Bescheid zu wissen, wie ‚die Inder‘

dächten, fühlten und vor allem – wie sie

uns wahrnähmen. Mal im Punjabidress

und mal in Jeans –. Das bisschen Hindi,

das ich inzwischen an der Uni gelernt

hatte, und meine Herkunft, so meinte

ich, würden mich befähigen, ‚den Inder

ansich‘ zu verstehen. Mit meinen Kolle-

15

Mein Indien ..... Mein Deutschland

Indien? Deutschland?

Sowohl als auch

Dr. Rita Panesar

Dr. Rita Panesar, M.A. in Geschichte,

Ph. D in Vergleichenden Religionswissenschaften.

Beraterin und Trainerin u.a. für

COMO Consult Hamburg.

ginnen hatte ich spannende Diskussionen

über das richtige Maß von Anpassung

und Selbstbehauptung – es gestaltete

sich für uns drei ganz unterschiedlich.

Wie sehr ich Indien idealisierte und

romantisierte, wurde mir deutlich, als

ich meine Magisterarbeit über Rabindranath

Tagores Deutschlandbesuche

schrieb. Der Bengale wurde voller

Enthusiasmus wie der Heiland aus dem

Morgenland empfangen und fühlte sich

selbst nicht unwohl in der Rolle. Und die

deutschen, vom Ersten Weltkrieg geschwächten

Bildungsbürger sahen in

ihm das Idealbild des vollkommenen

Dichterphilosophen. Ihre Identifikation

ging sogar so weit, dass sie sich als deutsches

Volk singend unter seinem Blick

vereinigen wollten!

Aber nicht nur meine eigene Indiensehnsucht

sah ich nun kritischer, sondern

auch Indien selbst. Kleinbürgerliche

Mittelstandsideologien, die sich auf die

Ausgrenzung von Minderheiten stützten

und in Sexismus sowie nachbarschaftlichem

Neid und familiärer Missgunst

zum Ausdruck kamen, gab es also auch


in dem ‚ach so spirituellen, pluralistischen‘

Indien. Die Grenze zwischen

Hier und Dort, zwischen dem ‚Normalen‘

und dem ‚Ganz-Anderen‘ begann

sich auch in meinem Kopf zu verwischen,

und ich kam zu dem Punkt, wo

ich in Deutschland wie in Indien die

immer wieder gleichen Muster sah.

Dass deutschen SchülerInnen dennoch

stereotype Bilder von Indien als ‚Entwicklungsland

par excellence‘ oder dem

‚spirituellen‘ Indien vermittelt wurden,

auf das sie als Vertreter eines vermeintlich

aufgeklärten, fortschrittlichen

Westens gucken sollten, motivierte

mich, das Schulprojekt der Deutsch-

Indischen Gesellschaft voranzutreiben.

In einer umfangreichen Mappe versuchten

Wissenschaftler und Pädagogen gemeinsam

Material bereitzustellen, mit

dem ein vielfältigeres und zeitgemäßeres

Indienbild gezeichnet werden konnte,

als die Schulbücher es taten. Das Projekt

erfüllte mich mit großer Genugtuung,

war ich doch selbst immer wieder

mit allzu platten Fragen konfrontiert

worden oder mit Blicken, die suggerierten,

dass sie längst alles über mich wussten.

Diese Blicke, so sehr sie oft auch

freundlich und voller Bewunderung waren,

konnten auch verletzen, denn ich

habe mich in ihnen nicht wiedergefunden.

Zwei ganz persönliche Brücken verbinden

mich heute mit Indien. Das ist zum

einen der indische Tanz, wie ich ihn von

meinem Tanzlehrer Guru Buddhadeb

Chattopadhyaya gelernt habe. In ihm

entdecke ich den Fluss der Lebensenergie,

der jenseits von nationalen Grenzen

seine Schönheit entfaltet. Die andere

Brücke liegt in den sozialen Bewegungen,

die in Indien und Deutschland für

eine gerechtere Welt zusammenarbeiten

und Entwicklungsprojekte für den Norden

und den Süden entwerfen. Ironie des

Schicksals? Die zwei Brücken heißen

Spiritualität und Entwicklung. Doch auf

diesen Brücken bewege ich mich nicht

als Opfer von Klischees und stereotypen

Zuschreibungen, sondern voller Freude:

Mit den Bildern, die unsere Wahrnehmung

strukturieren, lerne ich zu spielen,

und werde mir zunehmend darüber klar,

wo sie Machtverhältnisse bestätigen und

wo sie emanzipierend wirken. Selbstverständlichkeiten

und unreflektierte Normen

sind mir grundsätzlich suspekt geworden.

In Indien, in Deutschland und

an anderen Orten der Welt. �

Nach der Teilung Indiens am 15.

August 1947 kam meine Familie

aus Lahore (Pakistan) als

Flüchtlinge nach Amritsar, wohin mein

Vater glücklicherweise von seiner Versicherungsfirma

versetzt worden war.

Nach meiner Schul- und College-Ausbildung

(Khalsa College Amritsar)

schloss ich mein Studium an der Punjab

Universität mit dem Titel „Bachelor of

Arts“ ab. Danach begann ich mein Studium

im Fach Wirtschaftsprüfung. Aber

das Studium machte mir keinen Spaß, so

dass ich mich entschloss, zum Ingenieur-Studium

zu wechseln.

Im Juni 1956 besuchte ich mit meinem

Onkel den Goldenen Tempel in Amritsar

(berühmtester Sikh Tempel Indiens). Vor

dem Tempel sahen wir einen Inder mit

seiner europäischen Frau, die den Tempel

von außen fotografierten. Wir begrüßten

das Ehepaar und fragten höflich,

ob sie Hilfe benötigten. Der Inder stellte

sich mit Madhu und Margret Gandhi

vor. Er erzählte, dass er an der Technische

Hochschule Karlsruhe Elektrotechnik

studiert und jetzt durch Indien

reise, um die Sehenswürdigkeiten zu

fotografieren und um Vorträge über

Indien in Deutschland zu halten. Er

sagte, er möchte gerne den Gebetsraum

im Inneren des Tempels fotografieren,

was eigentlich wegen des Missbrauches

solcher Bilder verboten war. Mit Glück

gelang es mir, die Erlaubnis zur Fotografie

von einem der Priester zu beschaffen.

Herr Gandhi war sehr glücklich,

da er nun auch den Gebetsraum

fotografieren konnte.

Nachdem er mit den Aufnahmen fertig

war, fragte ich ihn, was er am Abend

machen würde. Er sagte: eigentlich

nichts. Darauf fragte ich ihn, ob ich ihn

mit seiner Frau zum Abendessen einladen

dürfte. Er nahm die Einladung sehr

gerne an. Meine Mutter war gewohnt,

dass ich oft unerwartete Gäste mit nach

Hause brachte.

16

Mein Indien ..... Mein Deutschland

Mein Weg von Indien nach

Deutschland vor über 50 Jahren

Kuldeep S. Chhatwal

Kuldeep Chhatwal ist Ingenieur

(Maschinenbau) im Ruhestand.

Das Ehepaar kam am Abend zu uns nach

Haus und wir verbrachten gemeinsam

einen interessanten Abend. Herr Gandhi

erzählte, dass etwa 150 Inder an der TH-

Karlsruhe studierten und dass es intensiven

Kontakt unter den Indern durch die

Indische Vereinigung (Indian Cultural

Association) gab. Die Vereinigung war

sehr aktiv und organisierte Vorträge,

Kulturabende, und es bestand reger Austausch

mit deutschen Familien.

Er fragte mich, was ich zur Zeit tue. Ich

antwortete, dass ich mich um einen Studienplatz

für Ingenieurwesen entweder

in England oder den USA bemühe. Herr

Gandhi fragte, warum ich mich nicht

auch um einen Studienplatz in Deutschland

bewerbe. Darauf antwortete ich:

wegen der bestehenden Sprachbarriere.

Er entgegnete, dass man in sechs Monaten

Deutsch lernen könne und er bereit

wäre, mich bei den Formalitäten zur

Erlangung der Zulassung an der TH-

Karlsruhe zu unterstützen. Er ginge im

August 1956 zurück nach Karlsruhe und

ich solle ihm meine Zeugnisse für eine

Zulassung zusenden.

Herr Gandhi hielt sein Wort, und bereits

im September 1956 war ich für einen

Studienplatz an der TH-Karlsruhe für

die Fachrichtung „Allgemeiner Maschi-


nenbau“ für das Wintersemester ab

November 1957 immatrikuliert.

Die Reise begann von Cochin

Am 19. November 1956 fuhr ich von

Cochin (Südindien) mit einem italienischen

Schiff nach Deutschland und landete

nach 25 Tagen im Hafen von Genua.

Die Überfahrt dauerte so lange, da

das Schiff wegen des Krieges im Mittleren

Osten den Suezkanal nicht passieren

konnte. Die Schiffsreise war nicht

nur sehr erholsam, sondern auch hochinteressant,

da viele Nationalitäten einschließlich

9 bis 10 Inder an Bord waren.

Die Fahrt war begleitet von einem

umfangreichen Entertainmentprogramm.

Am 15. Dezember 1956 kam ich um 3

Uhr morgens mit einem Zug von Genua

in Karlsruhe an und wartete bis 8 Uhr im

Wartesaal, bevor ich ein Taxi nahm und

zur Wohnung der Schwiegereltern von

Herrn Gandhi fuhr. Dort wurde ich sehr

freundlich von der gesamten Familie

empfangen. Bis zum neuen Jahr 1957

war ich Gast der Familie und durfte das

erste Weihnachtsfest und Neujahr in

Deutschland in einer deutsche Familie

mitfeiern.

Über die Carl-Duesberg-Gesellschaft

hatte ich eine Praktikantenstelle in Freiburg

vor meiner Abreise aus Indien

vermittelt bekommen. Herr Gandhi

empfahl, dass ich mich um eine Praktikantenstelle

in Karlsruhe bemühen sollte,

da ich die Zulassung für den Studienplatz

in Karlsruhe hatte. Er vereinbarte

für den 20. Dezember 1956 einen Bewerbungstermin

für eine Praktikantenstelle

beim Generaldirektor der Badischen

Maschinenfabrik in Karlsruhe-

Durlach. In einem kurzen Gespräch

wurde von Herrn Gandhi mein Anliegen

vorgetragen. Der Generaldirektor

lächelte kurz und erklärte sich bereit,

mir eine Praktikantenstelle ab 2. Januar

1957 zu geben. Diese Firma hatte gute

Geschäftsbeziehungen mit der Firma

Tata in Indien.

Hier in dieser Gießerei im Januar 1957

trafen sich zufällig zwei Menschen verschiedener

Kulturen und Religionen, die

gemeinsam ein Praktikum vor Beginn

des ersten Wintersemesters an der TH

Karlsruhe absolvierten und sich befreundeten

– Wolfgang und Kuldeep. Im

Januar war es sehr kalt, und wir mussten

schon um 7.00 Uhr zur Arbeit erscheinen.

An einem sehr kalten Tag versuch-

ten wir, uns in einer Ecke des Wärmebehandlungsofens

zu erwärmen, doch leider

wurden wir von Betriebsleiter Kleiber

erwischt und als Faulenzer richtig

zur „Sau“ gemacht. Ich hatte von der

Beschimpfung nicht viel mitbekommen,

da ich damals kaum Deutsch verstand.

Aber von Wolfgang wurde der Zwischenfall

sehr ernst genommen, da Herr

Kleiber ein sehr strenger Chef war.

Nach einigen Wochen der Bekanntschaft

wurde ich von Wolfgang nach Hause eingeladen

und der Familie vorgestellt. Ich

wurde von der Familie sehr herzlich emp-

fangen, aber es gab Verständigungsprobleme

wegen der Sprache. Trotzdem

bemühte sich Herr Hans Schreiber (Lehrer

an der Berufsschule) mit einem Wörterbuch

die Konversation in Gang zu halten.

Es wurden diverse Fragen über Turban,

Religion, Politik und das Märchenland

Indien gestellt. Wolfgang Schreiber

hatte mir sehr geholfen, mich in der neuen

Gesellschaft mit den Sitten und Gebräuchen

zurecht zu finden, und er hatte mich

auch bei seinen Freunden eingeführt.

Mit der Zeit entwickelte sich die

Bekanntschaft zu einer echten Freundschaft

nicht nur mit Wolfgang, sondern

auch mit seinen Eltern, und ich durfte

die beiden „Onkel Hans“ und „Tante Johanna“

nennen. Tante Johanna war wie

eine Mutter in Deutschland für mich,

und ich konnte sie in jeder Situation um

Rat bitten. Es wurden Partys, Geburtstage

und die Hochzeiten gefeiert. Bei allen

Festlichkeiten der Familie Schreiber war

Kuldeep immer dabei.

17

Mein Indien ..... Mein Deutschland

Goldener Tempel

Ich hatte die Ehre, fast zehn Jahre den

Heiligen Abend und den ersten Feiertag

mit der Familie wie ein Mitglied der Familie

Schreiber zu feiern. Am 29. November

2006 feierten wir den 70. Geburtstag

von Wolfgang und das 50-jährige

Jubiläum unsere Freundschaft.

Nach dem festgelegten Ausbildungsprogramm

für die Hochschul-Praktikanten

bekam ich die Möglichkeit, die gesamten

Abläufe der Produktion der Gießerei-Maschinen

bis zum 31. Oktober

1957 kennen zu lernen. Ich hatte auch

die Gelegenheit, meine Kenntnisse der

deutschen Sprache zu vertiefen. Die

Mitarbeiter der Firma einschließlich des

Bereichsleiters der Gießerei, Herr Berthold

Kleiber, und der Personalchef

Herr Werner waren sehr freundlich und

hilfsbereit. Mit der Zeit entwickelte sich

ein freundschaftliches Verhältnis mit der

Familie Kleíber.

Als Student in Karlsruhe

Zwischenzeitlich war ich auch Mitglied

der indischen Vereinigung geworden

und machte Bekanntschaften mit vielen

Indern und deutschen Freunden. Am ersten

November 1957 begann ich mein

Maschinenbaustudium an der TH-Karlsruhe

und machte meine erste Prüfung im

Fach „Mechanische Technologie“ im

Juli 1959 bei Herrn Professor Dr.-Ing.

Hans Jungbluth. Die deutsche Sprache

machte die Vorbreitung dieses trockenen

Faches sehr schwierig. Glücklicherweise

bestand ich die Prüfung mit der Note

befriedigend.


Prof. Jungbluth, der 1957 Rektor der TH

war, war eine bekannte Persönlichkeit in

seiner Fachrichtung in Deutschland.

Nach den Prüfungen im September 1959

organisierte Prof. Jungbluth eine Studienreise

für die Studenten ins Ruhrgebiet.

Wir besichtigten Zechen, Kokerein

und Stahlwerke von Krupp. Überall

wurden wir durch seine Beziehungen

sehr herzlich empfangen. Die Reise war

hochinteressant und diente auch der Erweiterung

unserer technischen Kenntnisse.

Im Anschluss machte ich meine

Kleine Studienarbeit und auch meine

Diplomarbeit an seinem Institut.

Zu der Zeit waren die Professoren hoch

verehrte Persönlichkeiten in der Gesellschaft,

und die Studenten hatten kaum

eine Möglichkeit, richtigen Kontakt zu

ihnen zu knüpfen. Auf der Busfahrt ins

Ruhrgebiet und zurück bat mich Professor

Jungbluth, neben ihm Platz zu nehmen.

Ich fühlte mich sehr geehrt. Auf

dieser langen Busfahrt erzählte er mir

seine Erfahrungen und auch unerfreulichen

Geschichten aus dem Ersten und

Zweiten Weltkrieg. Im ersten Krieg verlor

er ein Bein. Es entwickelte sich mit

ihm eine gute Bekanntschaft, die dazu

führte, dass er mich in der Folge zum

Essen und auch zu einem Weihnachtsfest

zu sich nach Hause einlud.

Ich bestand meine Diplomprüfung im

Mai 1964. Danach arbeitete ich bei der

Badischen Maschinenfabrik A.G., Karlsruhe-Durlach,

in der Konstruktionsabteilung.

Diese Tätigkeit machte mir

keine Freude. Daraufhin bemühte ich

mich um eine Stelle bei der Ruhrgas AG

in Essen. Am 1. Juli 1967 fing ich dort

als Bauführer für den Bau von Gastransport-Systemen

an. Nach zwei Jahren

wechselte ich in den Bereich „Anwendungstechnik“

für den Einsatz von

Reichgas Anlagen zur Umstellung der

Städte von Kokereigas auf Erdgas. Danach

spezialisierte ich mich auf den Bau

von Flüssiggas-Luft-Mischanlagen zur

Spitzendeckung im Winter.

Am Januar 1981 wurde ich zur Pipeline

Engineering GmbH (ein Ingenieurbüro,

welches eine Tochtergesellschaft der

Ruhrgas war) zur Planung von Spitzendeckungsanlagen

versetzt. Ab März

1987 wurde ich als Verkaufsleiter für Indien,

Bangladesh, Osteuropa, Spanien,

Marokko, Tunesien, dem Iran sowie für

Kontakte mit der Weltbank eingesetzt.

Die Tätigkeit als Verkaufsleiter machte

mir sehr viel Spaß, und ich konnte erfolgreich

Aufträge aus Indien, Bangladesh,

Rumänien, Iran und Polen für meinen

Arbeitgeber akquirieren. Nach fast 33

Jahren Tätigkeit bei der Ruhrgas Gruppe

ging ich am 31. Oktober 1999 in den

Ruhestand.

Im Jahr 1968 heiratete ich in Indien

meine Frau Rano, mit der ich zwei

Söhne habe, die 1969 und 1973 geboren

wurden. Der ältere Gurdeep ist Dipl.-

Kaufmann und arbeitet heute als selbstständiger

Unternehmer, und der jüngere

Sandeep ist als Rechtsanwalt tätig.

Gründung eines Kulturvereins

Im Dezember 1969 entschlossen sich

einige Inder in Essen eine Indo-German

Cultural Association Ruhr (Deutsch-

Indische kulturelle Gesellschaft Ruhr)

zu gründen. Bei der Gründungsversammlung

wurde ich als Gründungspräsident

gewählt. Der Verein entwickelte

sich zu einem Kulturträger der Stadt

Essen. In den vergangenen 39 Jahren

führte der Verein etwa 70 beachtete kul-

18

Mein Indien ..... Mein Deutschland

Verehrer und Gottheiten

Die zunehmende politische und wirtschaftliche

Bedeutung Indiens in der internationalen

Szene wird immer deutlicher.

Die ganze Welt redet vom jährlichen

Zuwachs des Bruttosozialproduktes

von 9%, vom wachsenden Markt und

den gut ausgebildeten Arbeitskräften.

Diese Entwicklung ist auch in Norddeutschland,

und zwar in Hamburg und

Schleswig-Holstein deutlich geworden,

wo, im Unterschied zum Süden des Landes,

Indien früher als kein besonders

wichtiger wirtschaftlicher Partner angesehen

wurde. Die Zeichen der sich veränderten

Einstellung zum größten Land

dasiens merkt man z.B. daran, dass

das Generalkonsulat Indiens in Hamburg

in eine prachtvolle Stadtvilla mit einem

wunderschönen Garten umgezogen ist,

dass der Empfang anlässlich des 61.

Unabhängigkeitstages im Ballsaal des

Interkontinental-Hotels stattgefunden

hat und dass dieses Jahr die zweite India

Week Hamburg (10.-16.11.2008) unter

Prof. Dr. Tatiana Oranskaia

Prof. Dr. Tatiana Oranskaia ist Indologin

und Lehrstuhlinhaberin an der

Universität Hamburg

der Schirmherrschaft des Hamburger

Senats und unter Beteiligung von Unternehmen,

kulturellen Institutionen, Universitäten

und Hochschulen veranstaltet

turelle und gesellschaftliche Veranstaltungen

in Essen durch und leistete damit

einen Beitrag zur Bereicherung des Kulturlebens

der Stadt und der Region. Somit

werden auch die Beziehungen zwischen

Deutschland und Indien gefördert.

Der Verein feierte 2005 sein 35jähriges,

Jubiläum, und am 06.06.2008 wie fast

jährlich in den letzten 39 Jahren einen

Deutsch-Indischen Freundschaftsabend

mit umfangreichem Kulturprogramm.

Die Veranstaltungen sind immer von der

Stadt und der indischen Botschaft unterstützt

und durch Anwesenheit der Honoratioren

begleitet worden. Seit 1969 leite

ich den Verein als Präsident.

Durch die Mitgliedschaft im Lions Club

International in Dorsten konnte ich meinen

Freundskreis noch erweitern.

Die Reise nach Deutschland, die nur

eine kurze Episode für die Studienzeit

sein sollte, ist schließlich zu meinem

Leben geworden. Ein Leben in der

Fremde, die zu einer neuen Heimat für

mich und meine Familie geworden ist.�


wird. Es sei hier angemerkt, dass auf

dem Empfang erfreulicherweise auch

einige deutsche Damen Saris trugen und

noch mehr eine Kurta-Schalwar. Diese

Zeichen der Anerkennung des vielseitigen

globalen Einflusses Indiens sind

Grund zum Stolz und rufen in den Herzen

deutscher Indologen auch die Hoffnung

hervor, dass durch diese Entwicklungen

die an einigen Universitäten und

Instituten gefährdeten Stellen (darunter

auch an der Universität Hamburg) und

indologischen Bibliotheken vielleicht

doch zu retten seien und diejenigen, die

schon gestrichen sind, wiederaufgebaut

werden.

Über die Veränderungen in Indien selbst

ist es überflüssig zu reden: Neue Bauten,

die stark zunehmende Anzahl von Autos,

und zwar hochwertiger Autos, immer

mehr gute Straßen, viele neue Lokale

und noch weitere Kennzeichen der

Entwicklungen, die als zivilisatorischer

Fortschritt angesehen werden, fallen ins

Auge, auch wenn Sie mehrmals im Jahr

nach Indien fahren. Dabei werden häufig

schöne alte Häuser abgerissen, um

für die neuen Gebäude, deren ästhetischer

Wert mehr als zweifelhaft ist, Platz

zu schaffen. Um den gewünschten Lebensstil

zu erreichen, müssen auch verheiratete

Frauen mit Kindern arbeiten,

was zur Destabilisierung der Familie

führt. Es entstehen zunehmend ökologische

und psychologische Probleme …

Sowohl positive als auch negative

Ergebnisse dieser globalen immens rapiden

Veränderungen in Indien lassen sich

auflisten. Selbstverständlich ist ihre Einschätzung

von der Sicht der Betroffenen

abhängig. Für einige Menschen sind gerade

diese Entwicklungen reizvoll, die

meisten jedoch verfallen Indiens eigenartigem

unwiderstehlichem Zauber, der

noch trotz allem fortlebt und der in der

Kinder-Reinheit der dem Land eigenen

Denkweise wurzelt.

Sie ist vor allem in dem Bedürfnis zu

sehen, einen idealen Menschen zu verehren

oder sogar zu vergöttlichen. In

diesem Zusammenhang möchte ich hier

von zwei Menschen berichten: Einer,

der sein Leben lang einen Zeitgenossen

verehrt hat, und der andere, der selbst als

eine Gottheit verehrt wird. Die beiden

stammen aus dem Gebiet Bundelkhand

– einer kulturellen Region im Zentralteil

Nordindiens. Gemeinsam ist für die beiden

ein Verständnis ihrer moralischen

Pflichten, das auf den höchsten Qualitäten

basiert. Nachdem ich Herrn

Dschanaki Scharan Warma – leider erst

vor sechs Jahren – kennengelernt habe,

ist mir klar geworden, wie lebendig das

Konzept dharma und wie vielfältig seine

Bedeutung ist.

Hingabe an einen Menschen

Herr Dschanaki Scharan Warma lebt in

Jhansi und gehört zur intellektuellen

Elite der Stadt. Der Name Warma, den er

und seine zwei Söhnen und Enkelkinder

tragen, ist nicht der Name der Familie,

in die er geboren wurde. Mit 14 Jahren

hat er den Namen des großen Hindi-

Schriftstellers Wrindawan Lal Warma

angenommen, dessen literarische Werke

ihn stark beeinflusst haben und dessen

Persönlichkeit seine junge Seele tief

beeindruckt hat. Die Namensänderung

hatte für ihn die Bedeutung einer rituellen

Handlung, durch die er seinem Ideal

näher kommen konnte. Die Haltung

Dschanaki Scharans zu Warmadschi ist

als eine Art Guru-Bhakti zu sehen, als

ein Streben, sich mit den Qualitäten

eines idealen Menschen, der mit dem

Gott gleichgesetzt wird, zu messen und

geistig in ihn aufzugehen.

In seiner Kindheit und Jugend konnte

Dschanaki Scharan das Leben seines

Nachbarn Warmadschi beobachten und

wünschte, so zu sein, wie dieser selbstbewusste,

körperlich starke Mann, der

so viel über Geschichte, Politik, Literatur

und andere Themengebiete wusste.

Er hat sein Leben lang Warmas aufopferungsvollen

Einsatz während der Pestund

Choleraepidemien, seine autonome

Meinung und seine tiefe Liebe zu Indien,

insbesondere zu seiner kleinen Heimat

Bundelkhand bewundert. Die Liebe

zum eigenen Land bewegte Dschanaki

Scharan dazu, sich als ganz junger Mann

dem Unabhängigkeitskampf gegen die

Engländer anzuschließen. Er wurde verhaftet

und musste Not und Leid erleben.

Diese Liebe zeigt sich auch in seinen

Büchern und Aufsätzen. Wie auch Wrindawan

Lal Warma, der viele Jahre seine

Tätigkeit als Rechtsanwalt mit literarischem

Schaffen verband, hat sich der

Schullehrer Dschanaki Scharan Warma

sowohl mit der Ausübung seines Hauptberufs

als auch mit dem Journalismus

und kulturell-historischer Forschung

beschäftigt.

Seine wichtigste Aufgabe sieht er in der

Bewahrung des kulturellen Erbes, des

historischen und literarischen Wissens,

im Aufzeichnen aussterbender Traditio-

19

Mein Indien ..... Mein Deutschland

nen und Folklore Bundelkhands. Wichtiger

Teil des zu bewahrenden kulturellen

Wissens sind selbstverständlich auch

Informationen über Leben und literarischen

Werdegang Wrindawan Lal Warmas,

der als Walter Scott der Hindi-Literatur

gilt. Als Biograf des Romanciers

veröffentlicht Dschanaki Scharan

Warma laufend neue Fakten über seinen

Guru, und jedes Jahr erscheint am 9.

Januar zum Geburtstag Wrindawan Lal

Warmas in den großen Hindi-Zeitungen

– Dainik Dschagran, Dschansatta, Amar

Udschala – einer seiner neuen Artikel.

Obwohl das Archiv des Schriftstellers

im Besitz seiner Familie ist, empfehlen

seine Nachkommen den Interessierten,

sich an Herrn Dschanaki Scharan

Warma zu wenden, der sich am besten

auskenne. In vielen Fällen könnte man

sich die Arbeit mit den Archiv-Materialien

sparen, da die Fakten im umfassenden

Gedächtnis des Biografen bewahrt

sind. Sein Gedächtnis ist wahrhaftig eine

Fundgrube von historischen und ethnologischen

Informationen. Unter den

Werken, die aus seiner Feder stammen,

sind auch Bücher über Unabhängigkeitskämpfer

und über Volkslieder, darunter

auch Lieder über Hardaul. An dieser

Stelle wird eine Brücke vom treuen Verehrer

eines großen Menschen zum Menschen,

der in Bundelkhand als eine Gottheit

verehrt wird, geschlagen.

Ein vergöttlichter Mensch

Hardaul ist eine historische Figur, ein

legendärer Held und eine Gottheit, deren

Kult auf das Territorium Bundelkhands

beschränkt ist. Er wird in Frauenliedern

besungen, eine Reihe von Legenden

erzählen von seinem reinen Leben und

seinem Märtyrertod, über ihn berichten

auch einige zuverlässige historische

Dokumente. Er ist die Hauptfigur von

literarischen Werken, darunter auch eine

Kurzgeschichte von Premcand. Er lebte

im 17. Jh. und war ein jüngerer Bruder

und Minister des Radschas von Ortschha

Dschudschhar Singh. Der Sage nach war

er ein ehrenhafter, herzensguter Mensch,

begabter Staatsmann und mutiger Gegner

der Mogul-Herrscher. Er wurde verleumdet

und auf Befehl seines Bruders –

des Radschas – vergiftet.

Einige Zeit nach seinem Tod wurde seine

Schwester, die Rani von Datia, Witwe

und konnte wegen finanzieller Schwierigkeiten

die Hochzeit ihrer Tochter

nicht ausrichten. Als der ältere Bruder

ihr seine Hilfe verweigerte, ging sie zu


der tod der tod ja der tod ja der muss sein

es geht nicht ohne geht nicht ohne nein

nein nein

ja ja was wenn ja wenn keiner würde

sterben

nichts und niemand nichts und niemand

könnte erben

ja ja was wenn ja wenn keiner ginge weg

es wär’n zu viele viel zu viele auf

diesem fleck

der tod! der tod! warum all dies laute

schreien

es sieht und geht und er findet noch

jeden allein

der tod! der tod! ein gespenst ja das geht

um

schaudert die menschen schaudert die

menschen schade drum

der tod der ist ist das ende auch anfang

zugleich

die seele frei denn sie hängt sie hängt

nicht am fleisch

die seele möcht möchte wandern noch

leben studieren

vielleicht als phi philosoph über tod

sinnieren

ihr ziel das ist ist ein anderes immer

weiter

sich zu befreien ganz am ende dieser

leiter

der stete kreis dass er endlich doch

zerbricht

sie sich vereinigt mit dem großen

hellen licht

(Zeilen werden gesungen, Talam: deyta dit da dom…)

Hardauls Samadhi, wo sie weinte und

über ihre verzweifelte Lage klagte. Hardaul

erschien ihr und sagte, dass sie sich

um die Mitgift und das Hochzeitsfest

keine Sorgen machen sollte. Und in der

Tat, als die Gäste nach dem Hochzeitsritual

vor leeren Tellern saßen, wurden

diese Teller plötzlich von selbst mit ausgezeichneten

Speisen gefüllt und es erschien

eine Reihe von Ochsenkarren mit

Der Tod

Helmut Schmidt (Harianu Harshita)

Harianu

Harshita

ist Künstler

und

hat sich in

Thullal-

Theater

aus

Kerala, Indien, spezialisiert. Im kommenden Sommer

möchte Harianu Harshita für mehrere Monate

nach Kerala, um seine Studien und Aufzeichnungen

über Thullal fortzusetzen, dafür sucht er dringend

Sponsoren. Das Bild zeigt Hanianu Harshita

mit Lehrer Prabhakaran

Kontaktanschrift: Wilhelmstr.28, 79098 Freiburg. Tel. 0761-

62347. www.thullal.com

Eigentlich ist das Thema Tod ja eher ein

Tabu in unserer Gesellschaft. Gerne verdrängt,

verschwiegen und verschoben

auf einen anderen Termin. Als ich bei

meiner Suche nach sozialkritischen und

philosophischen Zeilen in Kunchan

Nambiars Werk mit meinem Übersetzungslehrer

Mohan Kumar auf die Beschreibung

einer Gesellschaft stieß, in

der der Tod nicht existierte, war ich sofort

begeistert. Mit welcher Leichtigkeit

und wie selbstverständlich Nambiar solche

und ähnliche Themen anspricht, wie

er die Menschen erst zum Lachen bringt,

ihnen anschließend philosophische

Wahrheiten (und seine ganz persönliche

Sicht der Dinge) mitteilt und ihnen einen

Spiegel vorhält, ist einfach nur bewundernswert.

Dieses vermeintliche Ideal

des nicht mehr Sterben-Müssens, wird

von ihm entlarvt als unhaltbares Chaos

und erscheint am Ende wenig er-strebenswert.

„der tod ja der muss sein es

geht nicht ohne nein nein nein…“ Das

gibt Hoffnung und nimmt – wenn auch

nicht jedem – etwas von der Angst und

schönen Sachen für die Mitgift der

Nichte Hardauls. Diese Legende erklärt,

warum Hardaul als Schutzherr von jungen

Frauen, in erster Linie Bräuten, verehrt

wird. Zu seinen Schreinen bringen

Mitglieder von Braut-Familien als Teil

der Opfergabe Einladungspostkarten zur

Hochzeit, denn wenn Hardaul als Gast

kommt, ist das Wohl der Neuvermählten

gesichert.

20

Mein Indien ..... Mein Deutschland

der Unsicherheit vor dem Wann, Wo und

Wie es denn soweit sein wird mit dem

unvermeidbaren Sterben und dem Tod.

Ich habe diese Zeilen 1995 ge-schrieben

und kurz danach bei einem studenti-

schen Kulturabend – zwischen

zwei Lachnummern – vorgetragen.

Das war provokant, aber laut

Aussage vieler war es das, was

bewegte und hängen blieb. Jahre

später stellte ich sie an den

Anfang der Geschichte ‚Antaka

Vadham’, meiner fünften Übertragung

von Kunchan Nambiars

Thullal-Texten ins Deutsche. Bei

zahlreichen Auftritten – einer

davon in einem Altenheim in

Frankfurt (nach Rücksprache mit

der Heimleitung) – habe ich diese

Geschichte mittlerweile aufgeführt.

Im Rahmen einer Projektwoche

an einer Grundschule präsentierten

8-Jährige Ausschnitte

hieraus dem erstaunten Publikum.

Kunchan Nambiar, der Zeilen schrieb

wie: sthanam onnay varum cattu paralokam

pravesiccal (aus Pulindi Moksam) –

einen platz im himmel gibt es wo alle

hingehen wenn sie gestorben sind… –

oder: candalan parannalum nallatenkil

grahikkenam, candisa kataksannal avanilum

bhaviccitum (aus Tripuradahanam)

– falls ein Unberührbarer etwas

sagt und es ist gut sollte man es Akzeptieren,

es ist möglich dass auch er den

Segen Sivas bekommen hat – ist mein

Guru. Leider konnte ich ihm nie begegnen,

aber ich versuche sein Erbe, seine

Gedanken mit meinen bescheidenen

Mitteln weiter bekannt zu machen. Seinen

Mut, kompromisslos auf Missstände

hinzuweisen und die Menschen mit

Humor und Lachen vorzubereiten auf

philosophische Wahrheiten und Kritik,

das ist einer der wichtigsten Entdeckungen

in meinem Leben und zugleich

meine Bindung an dieses so faszinierende

Land Kerala. �

Der Grund für die Vergöttlichung einer

Person sind ihre makellosen Charakterzüge,

wie es in Märchen üblich ist. Zunächst

wird sie als Mensch verehrt und

kann in der Wahrnehmung der Hindus,

die keine unüberschreitbare Grenze zwischen

Menschen und Göttern kennen, in

den Status einer Gottheit gelangen. So

lange diese Ansicht fortbesteht, ist der

indische Geist außer Gefahr. �


Wenn ich zurückblicke

Geboren bin ich im Südwesten

Indiens, in Kerala. Nur ein Viertel

meines Lebens habe ich dort

verbracht. Mit anderen Worten, ich habe

die restlichen drei Viertel meines Lebens

anderswo in der Welt verbracht, in verschiedenen

Ländern, auf verschiedenen

Kontinenten – erst als Tochter, dann als

Ehefrau und Mutter. Meine Lebenserfahrungen

stammen also aus allen diesen

Rollen, aus meinem Leben in unterschiedlichen

Kulturen.

Glücklicherweise gehöre ich zu einem

Familienkreis, dessen Mitglieder mehrheitlich

akademisch ausgebildete „Professionals“

sind. Meine Eltern waren

beide hochqualifizierte Akademiker und

waren tätig an Universitäten und Institutionen

auf allen fünf Kontinenten der

Welt. Die Zugehörigkeit zu einer solchen

„globalen“ Familie hat natürlich

ihre Vorteile, wenn man sich später im

Leben zwischen Menschen unterschiedlicher

Kulturen bewegt. Meine Kinder,

die zu der dritten „globalen“ Generation

gehören, gingen in drei europäischen

Ländern sowie in Indien zur Schule und

erwarben schließlich ihre akademischen

Qualifikationen an namhaften Universitäten

in den USA. Mit großem Selbstbewusstsein

sagen sie heute: „ Wir sind

Weltbürger.“

Mein Leben in Deutschland bestand aus

zwei Teilen: Zuerst lebte ich in Berlin

mit meinem Man und meinen beiden

Töchtern und war sogar Zeugin beim

Fall der Berliner Mauer; ab 1995 wohne

ich mit meinem Mann in einem Kurort

im Nordwesten Deutschlands.

Wir kamen aus England nach Berlin.

Westberlin war eine gut organisierte,

sichere Großstadt. Alles schien uns

fremd im Vergleich zu Großbritannien.

Aber die Tätigkeit meines Mannes an

der Universitätsklinik brachte uns nach

und nach in Kontakt mit einigen aufgeschlossenen

Deutschen, zu denen Kollegen,

Patienten und deren Familien zählten.

Die Westberliner sind sowieso bekannt

für ihre gute Laune und Freundlichkeit.

Viele unserer Freunde hatten

Sarah John

Frau Sarah Jahn ist freie Journalistin,

die Beiträge aus Deutschland in

Zeitungen und Zeitschriften in Indien,

u.a. in der renommierten Nationalzeitung

Indiens „ The Hindu“ veröffentlicht.

sich in Berlin niedergelassen, weil diese

Stadt mit der Zeit, insbesondere nach

dem Zweiten Weltkrieg, einen Lebensstil

entwickelt hatte, der von einer seltenen

Weltoffenheit, frei von alten Traditionen,

geprägt war. Wir schickten unsere

Kinder in die British School, damit

ihnen das Trauma des Wechsels in ein

anderes Schulsystem erspart blieb. Wir

hatten in Berlin ein schönes und geselliges

Leben mit unseren deutschen und

nichtdeutschen Freunden. Wir machten

spannende Urlaubsreisen mit unseren

heranwachsenden Kindern in andere Gegenden

Deutschlands sowie in europäische

Nachbarländer.

Ich muss jedoch sagen, dass das

Deutschland, das wir während unseres

Lebens in West Berlin kennen und lieben

gelernt hatten, ein ganz anderes war

als das Deutschland, zu dem wir nach

einem 5-jährigen Aufenthalt in Indien

zurückkehrten. Mein Mann nahm ein

Angebot aus Deutschland an, in einem

neuen Herzzentrum als Herzchirurg zu

arbeiten, und so kamen wir zurück, um

in einem kleinen Kurort in Nordwestdeutschland

zu leben.

21

Mein Indien ..... Mein Deutschland

Meine ersten Eindrücke sind in Briefen

an Familienmitglieder und Freunde

dokumentiert. Kaum jemand in diesem

Ort machte sich die Mühe, mit uns zu

sprechen. Sie sprachen ja kaum miteinander.

Später kamen wir zu der Erkenntnis,

dass viele dieser Menschen einander

selbst fremd waren. Sie kamen hierher

zur Behandlung in einer der zahlreichen

Kliniken. Trotzdem fanden wir es etwas

seltsam, dass auch der Priester nicht aus

der Kirche herauskam, um die Gläubigen

zu treffen und mit ihnen Gespräche

zu führen. Überall fehlte die Atmosphäre

der Wärme und Freundlichkeit. Für

eine Weile hatte ich das Gefühl, lebendig

begraben zu sein. Unsere Berliner

Freunde, die uns besuchten, bestätigten,

dass die deutschen Städte in der Provinz

dafür bekannt sind, gegenüber allem,

was neu ist – Menschen wie Sachen –,

unfreundlich und ablehnend zu sein.

Langsam kamen wir zu der Einsicht,

dass die Einheimischen zu nervös und

unsicher waren, wenn es galt, mit Menschen

wie uns zu sprechen, die viel mehr

von der Welt gesehen hatten. Viele von

ihnen hatten nicht einmal andere deutsche

Großstädte gesehen, noch waren

sie mit anderen fremden Kulturen in

Berührung gekommen.

Aber die Situation musste sich ändern!

Ich hatte genug Lebenserfahrung um zu

wissen, dass es an mir selbst liegt, Veränderungen

herbeizuführen. Mit festem

Glauben an Gottes leitende Hand und

mit der moralischen Unterstützung meiner

Familie begann ich Kontakte zu

knüpfen. Durch den Beitritt in eine lokale

Yoga-Gruppe entdeckte ich gleichgesinnte

Menschen, mit denen zusammen

ich an Freizeitaktivitäten teilnehmen

konnte. Irgendwie begegnete ich den

richtigen Menschen und mein Freundeskreis

weitete sich allmählich aus. Auch

die Deutschen, die aus anderen Städten

hierher gezogen waren, mussten Gleichgesinnte

finden.

Ich unternahm Reisen und begann, Vorträge

über ausgewählte Themen vor unterschiedlichen

deutschen Gruppen zu

halten. Zum Beispiel über den Anfang

des Christentums in Indien, über die

unterschiedlichen Landesküchen Indiens

etc. Später nahm ich an interkulturellen

Trainingsprogrammen für nach Indien

ausreisende deutsche Geschäftsleute teil.

Daneben setzte ich auch meine journalistischen

Aktivitäten fort, indem ich


Sonderberichte über aktuelle Themen

zur Veröffentlichung in Indien verfasste.

Dies machte es notwendig, dass ich viel

allein reiste, um Interviews zu machen

und Daten zu sammeln. Je vertrauter ich

mit dem Verwaltungssystem und der Infrastruktur

des Landes wurde, desto

mehr wuchs mein Respekt und meine

Hochachtung für ein Regierungssystem,

das tatsächlich das Leben der Bürger,

unabhängig von ihrem sozialen Status,

einfacher und komfortabler machte.

Das Internet hat heute die ganze Welt

vor unsere Türschwelle gebracht. Wir

können von unserem privaten Arbeitszimmer

aus mit jedem an jedem Ort dieser

Welt Kontakt aufnehmen. Trotzdem

habe ich Menschen um mich, die nicht

mehr wissen wollen als das, was ihre

lokale Zeitung, Radio oder Fernsehen

ihnen erzählt. Einige treffen sich beim

„Stammtisch“, nur um sich gegenseitig

in der Überzeugung zu bestätigen, dass

das, was sie schon wissen, so gut ist,

dass sie nichts Neues mehr hinzuzulernen

brauchen. Dies ist, wie ich finde,

eine Tragödie.

Es ist diese grundlegende Arroganz, mit

der die Neuankömmlinge in diesem

Land häufig konfrontiert werden. Zum

Glück nimmt diese Mentalität allmählich

bei der heranwachsenden Generation

ab, obwohl noch vieles getan werden

muss wie z.B. die schulische Förderung

zu mehr Offenheit und besserer Aufklärung

gegenüber anderen Kulturen

und Völkern. Diese Überzeugung war

der Anlass, mich als „Integrationslotse“

zu qualifizieren mit der Hoffnung, in der

Gemeindearbeit wirkungsvoller tätig

werden zu können.

Ich habe Deutschland mit der Zeit lieben

gelernt. Ich fühle mich heute akzeptiert

und wohl hier. Mein Mann genießt gute

Arbeitsbedingungen, so dass er sein

Bestes geben kann. Mein Mann und ich

haben sehr viel mehr von Europa und

der Welt gesehen und wir fühlen uns hier

zu Hause. Wir haben auch viele nichtdeutsche

Freunde, mit denen wir Erfahrungen

austauschen und Spaß haben.

Für einen Neuankömmling in diesem

Land habe ich folgenden guten Rat:

Bitte erwarten Sie nicht, dass Sie mit

Wärme und offenen Armen empfangen

werden. Es ist Ihre Aufgabe, die Sprache

richtig zu lernen, damit Sie klar mitteilen

können, wer und was Sie sind und

warum Sie hier sind. Bilden Sie sich

nicht ein, dass das einfach sein wird. Es

gibt viele kulturelle Hürden, die Sie

überwinden müssen. Aber wenn ein

Deutscher Sie erst einmal versteht und

akzeptiert, dann wird er Ihnen ein treuer

22

Mein Indien ..... Mein Deutschland

Wirklichkeit und Täuschung

Bombay/Mumbai 1973. Zwischen dem

Gateway to India und der Herberge der

Heilsarmee wurde unsere kleine Gruppe

von ASA-Stipentiaten am zweiten Tag

nach der Ankunft in Indien von zwei

freundlichen Indern als Statisten für

einen Bollywood-Film angeheuert.

Hauptdarsteller war Shashi Kapoor, der

im Jahr zuvor in Hollywood die Rolle

des Siddhartha in der gleichnamigen

Verfilmung des Romans von Hermann

Hesse gespielt hatte. Schon von daher

war diese „Begegnung“ für mich als Studenten

der Germanistik und Sozialwissenschaften

eine weitere interessante

Stufe beim Einstieg in dieses für einen

Europäer so faszinierende Land. Das

Studio mit seinen riesigen Wellblechhallen,

den Scheinwerfergerüsten aus Bambus

und den Kulissen eines Indiens, das

ich gerade dabei war kennen zu lernen,

potenzierte die Fremdheitserfahrung der

ersten Tage des Aufenthalts.

Im Verlauf jenes dreimonatigen Aufenthalts

1973 arbeitete ich über den Einfluss

von Gandhis Erziehungskonzept

auf die Entwicklung Indiens, hospitierte

an ganz unterschiedlichen Schulen in

Bangalore, Bapagram sowie Gandhigram.

1978 kehrte ich zurück für eine

sechswöchige Recherche über die Chipko-Bewegung

zum Schutz der Himalayawälder

im Uttarkaschi District.

Während dieser beiden Aufenthalte hatte

ich die Chance, nicht nur sehr spannende

Themen im Bereich von Kultur, Wirtschaft

und Gesellschaft näher kennen zu

lernen, sondern auch eine Reihe faszinierender

und ganz unterschiedlicher

Persönlichkeiten, darunter bekannte wie

Vinoba Bhave, Sundarlal Bahuguna, V.

Krishnamoorthy oder Tenzing Norgay.

Anschließend arbeitete ich für einige

Zeit als Tutor bei der Deutschen Stiftung

für Internationale Entwicklung in Bad

Rüdiger Sareika

Dr. Rüdiger Sareika ist seit 1981 Studienleiter

an der Evangelischen Akademie

Villigst (vorm. Iserlohn). Tagungen,

Ausstellungen und Projekte;

Vorträge und Veröffentlichungen im

Bereich Kunst, Kultur und Interkultur.

Kooperation mit regionalen, nationalen

und internationalen Organisationen.

Seit 2001 Beauftragter der

Kunst und Kultur der Evangelischen

Kirche von Westfalen.

Honnef u.a. im Bereich Länderkunde für

ausreisende Entwicklungshelfer und

-experten. In jener Zeit lernte ich auch

Jose Punnamparambil kennen, der dort

Sprachen unterrichtete. Immer aber

blieb die Frage: Wie kann ich Indien verstehen?

Wie lassen sich die offensichtlichen

Widersprüche in einen Zusammenhang

bringen?

Seit 1981gehe ich diesen Fragen nach

als Studienleiter für Kunst, Kultur und

Interkultur an der Evangelischen Akademie

Iserlohn (seit 2008 Evangelische

Akademie Villigst). Dazu habe ich eine

Vielzahl von ReferentInnen, KünstlerInen

und AutorInnen aus und zu Indien einladen

können. In diesem Jahr zum Bei-

Freund sein. Die Deutschen sind nicht

hinterhältig und intrigant, sie sind aufrichtig

und direkt. Sie werden schnell

erkennen, ob ein Deutscher Ihr Freund

ist oder nicht. Ihr Leben wird dann um

einiges einfacher. �


spiel Kiran Nagarkar, der mit seinem

Roman „Sieben mal sechs ist dreiundvierzig“

die Grundrechenarten der Entwicklung

in Indien vorstellt und kritisch

hinterfragt. Immer aber hat mich meine

Irritation in den Filmstudios von Bollywood

begleitet. Die dort erlebte Eigenständigkeit

im Umgang mit der westlichen

Technik ist für mich ebenso beispielhaft

geworden wie die Mischung

von indischer Wirklichkeit, Mythologie

und Phantasie in den Filmen.

Erst 2006 las ich dann anlässlich der

Einladung von Indien als Gastland der

Frankfurter Buchmesse den damals gerade

ins Deutsche übersetzten Roman

„Bollywood“ von Shashi Tharoor. In

„Show Buisiness“, so der Originaltitel,

interpretiert Tharoor auf geniale Weise

Indien aus der Perspektive des klassischen

Bollywood-Films. Seither habe

ich den „Beleg“ für mein unspezifisches

Gefühl Verwirrung von 1973: Wer Indien

verstehen will, muss die Studios von

Bollywood einbeziehen. Sie betreiben

mit westlichen Mitteln die Weltdeutung

im Sinne der indischen Mythologie. Das

Schlüsselwort heißt „Maya“: Maya steht

sowohl für die Schöpferin der Welt als

auch für die Illusion der Menschen von

dieser Welt. Die indische Adaption des

Films ist ein Beispiel dafür, wie dieses

Land die westliche Kultur verwandelt,

um die eigene Weltwahrnehmung, -interpretation

und -gestaltung zum Ausdruck

zu bringen. Bollywood ist nur ein

Beispiel, die Computertechnologie ein

weiteres. Indien gestaltet die Vieldeutigkeit

der Welt im Horizont des jahrtausendealten

Wissens darüber, dass Wirklichkeit

und Täuschung zwei Seiten

einer Münze sind. �

Neuerscheinung

Unvergesslich ist für mich mein

erster Besuch in einem indischen

Dorf. Es war im Dezember

1983, und das Dorf befand sich im

Bundesstaat Westbengalen, ganz in der

Nähe der Grenze zu Bangladesch. Ich

war damals von einer indischen NGO

eingeladen, Dorfentwicklungsprojekte

kennen zu lernen.

Die Gastfreundschaft, die ich damals erfuhr,

war für mich überwältigend. Ich

war damals nur ein Student aus Germany,

aber die Dorfbewohner begegneten

mir mit einer Freundlichkeit, wie ich

sie noch nie erlebt hatte.

Auch bei späteren Indienreisen war ich

immer bestrebt, einige Zeit in einem

Dorf zu verbringen. Angesichts des

blauen Himmels, der Palmen, der Teiche,

der Reisfelder fühlte ich mich oft

wie im Paradies. Gleichzeitig versuchte

ich mir immer wieder klar zu machen,

dass ein Großteil der indischen Landbewohner

auch heute noch in bitterer Armut

lebt. Die ländliche Armut ist nicht

so sichtbar wie die Armut in den Slums

der Großstädte. Doch leider muss man

sagen, dass es in den indischen Dörfern

immer noch Millionen von Menschen

gibt, die nicht genug zu essen haben.

Als ich dann begann, mich mit indischer

Literatur zu beschäftigen, haben mich

23

Mein Indien ..... Mein Deutschland

Überwältigende Gastfreundschaft

der Dorfbewohner

20 Inderinnen und Inder der ersten

Migrationgeneration berichten mit

ihren Lebensgeschichten über ein

Deutschland, das ihnen zwar auf unterschiedliche

Weise, aber doch gleichermaßen

für alle, zur Heimat geworden

ist – zur fremden Heimat.

Christian Weiß

vor allem die Werke interessiert, die

vom Dorfleben erzählen. Autoren wie

Premtschand, Manik und Bibhutibhushan

Bandhopadhyay und Autorinnen

wie Mahasweta Devi haben mich sehr

beeindruckt. Sie schildern die Armut im

ländlichen Indien, aber auch die Solidarität

unter den Dorfbewohnern und den

Widerstand gegen Ausbeutung und Unterdrückung.

So habe ich im Lauf der

Zeit teils durch eigenes Erleben, teils

durch Bücher immer mehr Facetten des

Lebens in einem indischen Dorf kennen

gelernt. �

Heimat in der Fremde

Migrationgeschichten

von Menschen aus Indien in Deutschland

Meine Welt (Hg.). Draupadi Verlag, 2008

Christian Weiß ist Indologe und Verleger,

Draupadi Verlag, Heidelberg.

Die Beiträge der Autorinnen und Autoren

– Jose Punnamparambil: Indische

Migration nach Deutschland. Navina

Sundaram: Grüblerisches zum Thema

„Heimat in der Fremde“. Nirmalendu

Sarkar: Eine nicht endende Reise nach

Indien, etc. etc.


Was bedeutet Indien für mich?

Indien bedeutet eine Zuflucht, die ich

aus einer tiefen Glaubens- und Identitätskrise

im Alter von zwölf Jahren

ge- funden habe. Ich erinnere mich noch

an meine Verzweiflung nach einer

Woche in der Evangelischen Akademie

Duisburg, wo ich mit meiner Schulklasse

im Rahmen des Religionsunterrichts

in die Bultmannsche Lesart des christlichen

Glaubens eingeführt wurde. In

meiner Erinnerung eine rein rationale

und erbarmungslose Zerstörung meines

bis dahin intakten „Kinderglaubens“.

Auf der Suche nach einem sinngebenden

Ausweg fand ich Texte und Fotos von

Vertretern der indischen Denktraditionen

in einem alten Buch unserer Schulbibliothek.

Insbesondere war ich fasziniert

von den Dichtern Rabindranath Tagore

und Bankimchandra Chattopadhyay

und Swami Vivekananda. Ich las

alles, was ich damals finden konnte,

aber ich versuchte auch, Kontakte zu

Menschen aus Indien zu finden, die sich

zur damaligen Zeit als Studenten in

Deutschland aufhielten.Meine Eltern

haben mich großzügig unterstützt, weil

sie bereit waren, zu Weihnachten 1962

einen indischen Studenten zu uns nach

Hause einzuladen, vermittelt durch die

Carl-Duisberg-Gesellschaft in Duisburg.

Ab diesem Zeitpunkt bestand mein

Freundeskreis überwiegend aus indischen

Studenten, die auch nach und nach

Familienkontakte zu den Schulfreundinnen

bekamen.

Indien bedeutet für mich Wissen und

Weisheit, zunächst vermittelt durch die

bengalische literarische und religiösphilosophische

Tradition, vor allem

durch Rabindranath Tagore und Swami

Vivekananda, in dessen universeller Religiosität

ich eine erlösende Alternative

zu meiner ursprünglich protestantischen

Glaubenshaltung sah. In den folgenden

Jahren las ich die indischen Epen Mahabharata

und Ramayana, sowie die mir

zugänglichen Texte der Veden in deutscher

Übersetzung. Alle diese Inhalte

habe ich, soweit die Kenntnisse meiner

indischen Freunde reichten, mit ihnen

diskutiert, wobei mich schon damals die

Vielfalt der Interpretationen begeisterte.

Dr. Angelika Köster-Lossack

Dr. Angelika Köster-Lossack, geboren

am 17.3.1947. Studium der Indologie,

Soziologie, Ethnologie und

Geschichte Indiens am Südasien-

Institut in Heidelberg, 1966-1972.

1972-73 Studien- und Arbeitsaufenthalt

in Israel, 1974–1994 Lehrbeauftragte

an der Universität Heidelberg,

der University of Maryland-European

Division und der Fachhochschule

für Sozialwesen, Mannheim. 1986-

1989 Gemeinderätin in Heidelberg.

1990-1994 Mitglied im Vorstand der

Grünen in Heidelberg, 1994-2002

Mitglied des Deutschen Bundestages,

Mitglied der Deutsch-Indischen

Parlamentariergruppe von 1994–

1998,Vorsitzende der Deutsch-Indischen

Parlamentariergruppe von

1998 bis 2002. Vorsitzende der

Deutsch-Indischen Gesellschaft

Köln-Bonn 1995–2005. Mitglied des

Beirats der Deutsch-Indischen Gesellschaft.

Indien bedeutet für mich Schönheit, die

Strahlkraft der indischen Angesichte,

das Charisma der Menschen aus vielen

Teilen Indiens, die ich in den vergangenen

46 Jahren kennengelernt habe, die

Repräsentanz spiritueller Orientierung

in ihrem Lächeln, Bewegungen und

Sprache. Diese Schönheit spiegelt sich

für mich auch im Lächeln der Buddhastatuen

der Gandharatradition, den sinnlichen,

lebendig wirkenden Skulpturen

von Khajuraho, den atemberaubenden

Fresken von Ajanta und den Höhlentempeln

von Ellora.

Indien bedeutet für mich Kreativität,

nicht nur die hinreißenden Bilder,

24

Mein Indien ..... Mein Deutschland

Skulpturen und Architekturen, auch die

tief berührende Musik, die ästhetisch

unübertroffenen Tänze und die Überlieferungen

der vielfältigen regionalen Traditionen

in Erzählungen, köstlichen

Speisen und schönen, wirkungsvollen

Gewändern.

Indien ist mir begegnet in der Wärme

und Zuwendung seiner Menschen, die

ich kennenlernen durfte. Einige der

frühen Begegnungen haben zu lebenslangen

Freundschaften geführt, die jetzt

auch unsere Kinder mit einschließen.

Indien ist mir begegnet im Selbstbewusstsein

meiner Freunde, in ihrer spürbaren

Gewissheit über ihre Aufgaben im

Leben und ihre beruhigende Zuversicht,

alle Herausforderungen meistern zu

können. Vertrauen in die eigene Kraft

war ein gemeinsamer Charakterzug, für

mich eine Orientierung in der eigenen

Entwicklung.

Indien bedeutet für mich kulturelle Vielfalt

in Einheit, die Vielgestaltigkeit der

geistigen und materiellen Kulturen, die

durch das Netz der großen religiösen

und philosophischen Überlieferungen

zusammengehalten werden, ohne dass

eine Assimilation zugunsten irgendeiner

dieser Traditionen gefordert wird. Indien

verkörpert für mich die Hoffnung, dass

die in Jahrtausenden gemachten Erfahrungen

der Integration unterschiedlicher

Glaubens-, Wissens- und Lebensformen

dazu genutzt werden können, die mentalen

und spirituellen Herausforderungen

der Moderne und der globalen Konflikte

um Ressourcen in konstruktiver Weise

zu lösen.

Durch meine politischen Erfahrungen

mit Indien bin ich davon überzeugt, dass

nur eine Orientierung auf die Zusammenarbeit

aller in unterschiedlichen Traditionen

und Lebenslagen verankerten

Gruppen ein soziales, kulturelles und

geistiges Überleben auf Dauer sichern

kann auf der Grundlage einer ökologisch

verantwortbarten Entwicklung.

Wie diese Orientierung auf Zusammenarbeit

in einer zwischen traditionellem

Selbstbewusstsein und einer modernen

Werteorientierung zerissenen intellektuellen

Elite, der politischen Klasse und

der großen Mehrheit der Bevölkerung

wiederhergestellt werden kann, ist die

größte Herausforderung für die Zukunft

Indiens. �


Ungefähr fünf Minuten lang bleibt

der Wagen im Verkehrsstau am

Sealda-Bahnhof stecken. Ein

solcher Stau ist sehr ärgerlich, selbst

eine Minute erscheint einem dann als

eine Stunde. Bibek kann es verstehen,

dass auch der Fahrer sich darüber sehr

ärgert und insgeheim vielleicht den Verkehrspolizisten

mit dem Namen seines

Vaters schmäht.

Bibek zündet sich eine Zigarette an. Er

zieht an der Zigarette und schaut umher.

Auf seiner linken Seite der betriebsarme

Bahnhof und auf der rechten ein Ambassador.

In ihm sitzt ein Herr und schläft

fest – er hält wohl den Mittagsschlaf

nach einer Reismahlzeit.

Inzwischen ist der Wagen wieder angefahren.

Hätte man noch eine Weile halten

müssen, wäre er zu spät ins Büro gekommen.

Wenn man nicht noch einmal

halten muss, könnte er wohl um zehn

Uhr im Büro sein.

Der Wagen überquerte Moulali und fuhr

zügig auf der S.N. Banerji Road. Bibek

kam ein Ereignis von vorgestern in den

Sinn. An der Kreuzung der Parkstreet

traf er Anindya auf eine seltsame Weise.

Das Verhalten von Anindya an diesem

Tag war ihm äußerst merkwürdig erschienen.

Irgendwie seltsam komisch.

Bibek hatte ihn als erster angesprochen:

Es ist doch Anindya, nicht wahr? Was

machst du hier?

Ach, du bist es Bibek. Wie geht es dir?

Gut und wie geht es dir?

Ich lebe noch. Deine Frau, ich meine

Scharmistha, hat sie schon ihren Magister

gemacht?

Ja, nach einem Jahr Unterbrechung.

Nun, was machst du zur Zeit?

Ich arbeite als Angestellter bei einer Privatfirma

für nur fünfhundert Rupien und

bemühe mich um eine bessere Stelle. Du

aber hast es sehr gut – eine Firmenwohnung,

einen Wagen und am Monatsende

ein dickes Gehalt.

Richtig, aber das alles gehört der Firma.

Ich selber habe nur diesen Job – heute

da, morgen weg.

Hier kommt mein Bus. Ich muss gehen,

wir sehen uns wieder. Damit stieg Anindya

in den Bus, ohne sich noch einmal

umzuschauen.

Er kam ins Büro, setzte sich und ging die

Bestellungsliste der Firma durch. Da

hörte er die Stimme von Miss Chatterji,

seiner Sekretärin: Darf ich hineinkommen,

Sir?

Kurzgeschichte

-Ja kommen Sie, sagte Bibek. Sagen Sie,

ich habe Ihnen gestern aufgetragen, Mr.

Saha, den Personalchef unseres Betriebes

anzurufen, haben Sie es getan?

-Ja, Sir. Daher bin ich hier. Er ist schon

da und wartet draußen. Soll ich ihn hereinlassen?

-Ja, tun Sie es.

Miss Chatterji verließ den Raum. Kurz

darauf trat Mr. Saha, Betelnüsse kauend,

ein: Guten Tag, Sir, Sie haben mich

rufen lassen. Deshalb bin ich so schnell

wie möglich gekommen.

Bibek kann es nur schwer ertragen,

wenn Leute beim Sprechen Betelnüsse

kauen. Dennoch sagte er sehr höflich:

Ja, nehmen Sie doch Platz.

Dann hielt Bibek Mr. Saha eine Zigarettenpackung

hin. Dieser nahm eine Zigarette

und sagte: Mir scheint, es ist wohl

sehr dringend!

-Ja, so können Sie es wohl sagen, und

nur Sie können die Sache regeln.

-Wirklich? Dann reden Sie.

-Nun, die Angelegenheit ist aber sehr

vertraulich. Auf keinen Fall darf ein anderer

davon wissen. Übrigens hängen

davon Ihre und meine Beförderung ab.

-Natürlich, wenn es nicht vertraulich

wäre, hätten Sie mich nicht zu sich rufen

lassen. Nun was die Beförderung angeht,

Sie werden befördert, ich aber

nicht. Voriges Jahr wurden Sie zum Verkaufsleiter

befördert, und ich? Lassen

wir es. Sagen Sie offen, worum es wirklich

geht!

Also gut, hören Sie. In der kommenden

Woche erwarten wir einige Maschinen

für unsere Fabrik. Deshalb wird es nötig

sein, einige Leute zu entlassen, weil kein

Bedarf mehr für sie vorhanden ist. Sie

müssen nur zusehen, dass es nicht zu

einem Streik oder Aufruhr kommt.

Was sagen Sie da, mein Herr? Das ist

doch kein Kinderspiel! Sie entlassen

Werktätige und erwarten dennoch, dass

die Leute ruhig bleiben.

Genau deshalb wurden Sie ja informiert.

Mal sehen, was ich machen kann. Es

wird im Ganzen zehntausend Rupien

kosten.

25

Gewissensbiss

Tirthapati Datta

Gut, die können aufgebracht werden,

aber die Angelegenheit muss erledigt

werden. Nehmen Sie hier die Bekanntmachung

der Entlassung.

Nach einer Woche kam Mr. Saha, diesmal

mit einem breiten Lachen im Gesicht.

Sobald er Platz genommen hatte,

sagte er: Wissen Sie, so etwas können

nur Bengalen.

Bibek war ziemlich überrascht und fragte:

Was meinen Sie?

Na ja, die Entlassung der Arbeiter!

Dann ist die Sache schon erledigt?

Hatten Sie Zweifel… Aber die zehn

Leute, die Sie entlassen, müssen jeder

fünftausend Rupien erhalten.

Wie haben Sie es angestellt?

Wissen Sie, das war ein leichtes Spiel.

Den übrigen Arbeitern brauchte ich nur

zu sagen, wenn sie sich nicht einmischten,

erhielte jeder vom folgenden Monat

an eine Gehaltserhöhung. Und keiner

sagte ein einziges Wort mehr. Verstehen

Sie, ein so selbstsüchtiges Volk werden

Sie nirgends auf der Erde finden.

Schön, Sie haben mir eine Sorge genommen.

Noch heute muss die Angelegenheit

auf der Konferenz des Geschäftsführers

mitgeteilt werden.

Ja, tun Sie es, aber vergessen Sie mein

Anliegen nicht.

Natürlich nicht. Sie werden zu gegebener

Zeit Ihre Belohnung bekommen.

Eine Woche später hatte Miss Chatterji

einen Brief auf den Tisch von Bibek

gelegt. Er öffnete den Brief und las: Er

ist vom Verkaufsleiter zum Hauptbevollmächtigten

befördert worden.

Bibek hob den Telefonhörer – er musste

Scharmishta die großartige Nachricht

mitteilen. Aber dann legte er nachdenklich

den Hörer auf und schaute sinnend

durch das Fenster nach draußen.. �

(Quelle: Manindra Basu, Hrsg.: Schreschta Galpa

Samgraha. Tulikalam, Kolkata 1992: S. 525 – 528.

Originaltitel: Bibeker Damschan.)

Aus dem Bengalischen übersetzt von Chiraranjan Podder

und Albert Prümm.


Gesellschaft

Gandhi und Swaraj

Für Gandhi war swaraj das endgültige

moralische und politische

Ideal. Auf individueller Ebene

beinhaltet es Selbsbeherrschung, Unterordnung

von Wünschen und Leidenschaften

unter die Vernunft und die daraus

resultierende innere Harmonie. Auf

der nationalen Ebene beinhaltet es die

Tatsache, dass eine Gesellschaft ihr

Schicksal ganz im Griff hat und dass jedes

Mitglied dieser Gesellschaft die Zuversicht

hat, dass es ein bedeutendes Teil

der Gesellschaft ist und die Fähigkeit

hat, den Wandel einzuleiten und zu vollbringen.

Für Gandhi ist jedes Individuum

eine Quelle der Macht. Keiner kann

die anderen zwingen, etwas gegen ihren

Willen zu tun. Im schlimmsten Fall könnte

man einen foltern oder sogar töten.

Aber auf keinen Fall kann man einem

anderen seinen eigenen Willen aufzwingen,

wenn er entschlossen bleibt. Die

wichtigste Sache ist daher sicherzustellen,

dass jedes Individuum ein starkes

Gefühl von Würde und Selbstrespekt

hat, so dass es nicht zulassen würde, sich

von anderen etwas diktieren oder sich

manipulieren zu lassen. Macht wird niemandem

geschenkt. Es ist jedem überlassen,

dass er seine eigene Macht sich

erarbeitet und sich behauptet.

Gandhis lebenslanger Kampf gegen

Ungerechtigkeit in Südafrika und Indien

überzeugte ihn, dass kein System der

Unterdrückung zustande kommen, geschweige

denn lange dauern kann, ohne

das Einverständnis seiner Opfer. Die

Engländer eroberten Indien nicht. Die

Inder schenkten vielmehr den Engländern

ihr Land selbst durch Untätigkeit,

Separatismus und Nörgeleien. Und die

Engländer setzten ihre Herrschaft so

lange fort, weil die Inder mit ihnen kooperierten,

indem sie ihren Kolonialherren

die notwendige Menschenkraft

(manpower) einschließlich Soldaten zur

Verfügung stellten und die selbstgerechte

Ideologie ihrer Herrscher schluckten.

Wie Gandhi oft zu sagen pflegte, jene

Menschen, die sich wie Würmer benahmen,

luden andere ein, auf sie zu treten,

und es war der Feigling, der den Tyran-

Lord Bhikhu Parekh

nen schuf. Die Opfer der Ungerechtigkeit

waren selbst Komplizen bei der

eigenen Unterdrückung. Sie waren nie

völlig unschuldig.

Für Gandhi ist die Macht eine hochkomplexe

Beziehung. Die Täter sowie die

Opfer glauben, dass die ganze Macht bei

dem ersteren liegt. Während dies den

Tätern das Selbstvertrauen und den Mut,

entschlossen zu handeln, schenkt, demoralisiert

es die Opfer und erniedrigt sie

zu Bittstellern, die um Erbarmen flehen.

Jede Konzession verstärkt die Zusammenarbeit

bei der Ausbeutung und verfestigt

die Macht und das Prestige ihrer

Herren. Da die Opfer der Justiz glauben,

selbst machtlos zu sein, verfallen sie in

die Angewohnheit des sich selbst Bemitleidens.

Ihnen fehlt der Mut und die

Fähigkeit, sich selber zu organisieren.

Ihre Unfähigkeit zu handeln verfestigt

das bestehende System und verewigt das

Klima der Angst. Der Glaube, dass der

Unterdrücker die ganze Macht hat, ist

bestimmt eine Illusion. Solange aber

dieser Glaube von beiden für wahr

gehalten wird und die Basis ihrer Erwartungen

und Reaktionen bildet, wird er

selbsterfüllend.

Es ist deshalb äußerst wichtig, diese

Illusion bloßzustellen und das System zu

entmystifizieren. Nur mit intellektuellen

Argumenten allein kann man dies nicht

erreichen, weil der Einfluss der Illusion

zu groß ist, insbesondere wenn die Illusion

durch Gewohnheiten, die sich über

die Lebenszeit entwickelten, verfestigt

werden und wenn sie ihre ersichtlich

psychologischen Attraktionen haben.

Nach Gandhis Ansicht liegt die Antwort

bei jemandem, der die Initiative ergreift,

Menschen zu organisieren, indem er eine

Kampagne macht und mit Beispielen

zeigt, wo die Macht wirklich liegt. Dies

war das Ziel seiner satyagrahas, die er

1906 in Südafrika begann und in kontinuierlich

verfeinerter Form in Indien

fortsetzte. Jede von ihnen konzentrierte

sich auf eine tief empfundene Ungerechtigkeit,

legte Forderungen vor, die gewährt

werden konnten, mobilisierte

26

einen bestimmten Wahlkreis und wurde

durchgeführt in einer Art, die ein Minimum

an Repressalie hervorrief. Als

Gandhi mindestens einige seiner Ziele

erreichte, förderte das bei den Menschen

Mut und die Fähigkeit zur organisierten

Aktion, schwächte die Moral und die

Selbstsicherheit der Machthaber und

kippte das Gleichgewicht der Macht zu

Gunsten des Volks.

In einer Demokratie liegt die Macht in

den Händen von gewählten Volksvertretern.

Gandhi hielt dies für richtig, denn

das Volk hatte andere Dinge zu tun,

konnte die Entscheidungen von Tag zu

Tag nicht selber treffen und hatte ab und

zu auch keine politische Kompetenz

dazu. Dies bürdete den einfachen Bürgern

zwei grundsätzliche Verpflichtungen

auf. Erstens: Sie sollten sicherstellen,

dass ihre Vertreter Männer und

Frauen von Integrität und Ehre sind,

dass sie die Fähigkeit haben, Entscheidungen

zu treffen, und Sorge um nationale

Interessen haben.

Zweitens: Das Volk soll bereit sein, zu

den Handlungen ihrer Vertreter zu stehen,

da die Vertreter in seinem Namen

reden und handeln, und auch seine Entscheidungen

mittragen. Gandhi argumentiert,

dass das Volk aktives Interesse

am politischen Leben haben soll. Alle

Regierungen geraten in Versuchung,

ihre Macht zu missbrauchen, und die

demokratische Regierung ist in diesem

Sinne nicht wesentlich anders als die

autokratische. Was die beiden unterscheidet

ist die Tatsache, dass die eine

der Versuchung erliegt und die andere

nicht. Und dies ist so, weil eine demokratische

Regierung anders als die autokratische

weiß, dass wenn sie der Versuchung

erliegt, die Bürger sich weigern

würden, mit der Regierung zusammenzuarbeiten.Trotz

all den gegenseitigen

Kontrollen kann eine demokratische

Regierung leicht korrumpiert werden,

wenn die Bürger desinteressiert an und

anfällig für Manipulationen werden.

Wie Gandhi sagt: „Wirkliches Swaraj

wird zustande kommen nicht durch den

Erwerb von Autorität durch einige wenige,

sondern durch den Erwerb der

Fähigkeit bei allen, der Autorität Widerstand

zu leisten, wenn sie missbraucht

wird…… Hierzu bedarf es der Erziehung

und Sensibilisierung der Massen

auf eine Fähigkeit hin, die Prozesse zu

steuern und die Machthabenden zu kontrollieren.“


Das indische Volk brauchte klare Wegweisung,

bis es den Geist und das Ethos

erwarb, die es brauchte, um das Swaraj

aufrechtzuerhalten. Gandhi dachte, der

beste und in Wirklichkeit der einzige

Weg, dies zu ermöglichen, sei es, eine

landesweite Organisation von engagierten

Männern und Frauen zustande zu

bringen. Diese Organisation würde

wertvolle, konstruktive Arbeit leisten,

indem sie die Probleme der Menschen

verstehen würde, ihre Fähigkeiten fördern

würde, an politischen Prozessen

mitzuwirken, und die Bürger auf mögliche

Ungerechtigkeiten hin sensibilisieren

würde. Gandhi rang mit dieser Frage

in den letzten Jahren seines Lebens und

legte einen interessanten Vorschlag vor.

Er dachte, die Kongress-Partei habe eine

moralische Autorität erworben, die der

des Staates gleich oder ihr vielleicht sogar

überlegen war. Die Partei war also

ausgezeichnet ausgerüstet, das Volk zu

führen, die Gesellschaft umzugestalten

und zum Staat ein effektives moralisches

und politisches Gegengewicht darzustellen.

Dementsprechend schlug er

vor, dass die Kongress-Partei sich auflösen

und sich in den Lok Sevak Sangh,

eine nationale Organisation für den

Dienst am Menschen, umgestalten sollte,

da die Partei den Zweck, die Unabhängigkeit

zu erlangen, erfüllt hatte.

Die Parteimitglieder sollten sich in Dörfern

niederlassen und als samagra gram

sevaks arbeiten, als Sozialarbeiter, die

der Revitalisierung der Dörfer geweiht

waren und multifunktionale Aufgaben

wahrnahmen. Sie sollten das Rechtsbewusstsein

der Dorfbewohner erhöhen,

zwischen ihnen und den staatlichen

Instanzen als Verbindungspersonen dienen,

örtliche Fälle der Ungerechtigkeit

bekämpfen und, wenn nötig, satyagrahas

starten. �

Aus dem Englischen von Thomas Chakkiath

(Quelle: India Perspektives, Januar – March

2008).

Wussten Sie schon?

Im vergangenen Jahr wurden 858

Milliarden Euro für Waffen ausgegeben.

Doch schon 20 Milliarden Euro

würden reichen, um den Hunger in

der Welt zu besiegen.

Täglich sterben 30.000 Kinder, 860

Milliarden Menschen leben zu Zeit

unterernährt.

Partnerschaften in Bildung

Die harte Wirklichkeit in Indiens

Bildungswesen besteht aus Versprechen,

die nicht eingehalten

werden, und aus Qualitätsmaßstäbchen,

die nicht aufrechterhalten werden. Mit

3,5% des Bruttosozialproduktes sind

die öffentlichen Ausgaben für Bildung

nur die Hälfte dessen, was nötig ist. Die

Qualität der Bildung an vielen staatseigenen

und staatlich unterstützten Schulen

im Lande ist katastrophal, wobei

die Hälfte der Schüler, die die sechste

Klasse absolviert haben, nicht rechnen

und nicht fließend lesen kann. Sie können

nicht einmal irgendeine Sprache

richtig schreiben. Und wenn man die

Grundschulbildung für einen Augenblick

vergisst, haben nur 2% der über

15-jährigen Abschlüsse der technischen

Schulen. Bieten hierbei die Schulpartnerschaften

eine Lösung? Traditionell

haben Firmen und Nichtregierungsorganisationen

die (staatliche) Finanzierung

von Bildungseinrichtungen favorisiert.

Die Rolle der Privatinitiativen

im Bildungswesen ist heute größer

geworden. Rund 25% der Sekundarschulen

sind privat und nicht staatlich

unterstützt und vermitteln 8,72% der

Kinder Bildung. Aber die Regierung

verfügt weiterhin über einen allumfassenden

Einfluss auf Bildung. Die

Schüler, die staatliche Schulen besuchen,

machen einen Anteil von 63%

aller Schüler Indiens aus. Wenn man

dazu noch die privatunterstützten Einrichtungen

zählt, wird die Zahl bis zu

über 80% steigen.

Auffällig ist das totale Fehlen von staatlicher

Kontrolle zwecks Sicherung der

Quality Education. Herr N.C. Saxena,

früheres Mitglied der Planning Commission,

zitiert den Fall Kerala, wo die Regierung

einen großen Anteil am Staatsbudget

für Bildung und Erziehung ausgeben

wird, wo es aber trotzdem es

„keine entsprechende Qualitätsverbesserung

gibt.“ In Kerala sind 60% der Schulen

staatlich unterstützt, aber „sie sind

nicht für die Qualität der Bildung verantwortlich

gemacht worden“. Experten

machen deutlich, dass in allen erfolgreichen

Partnerschaften in Sachen Bildung

27

Lola Nayar und Anuradha Raman

die staatliche Aufsicht den Unterschied

gemacht hat.

„Das Bildungswesen soll holistisch

betrachtet werden und soll nicht ins

Öffentliche und Private dichotomisiert

werden, da es die komplexen Probleme

nicht gänzlich widerspiegelt.“, sagt

Samphe Lhalungpa, Chef des Bildungswesens,

UNICEF. Er betont, dass die Ergebnisse

von Partnerschaften mit Gesellschaft

und Eltern abhängen. Das

jüngste Beispiel ist Bihar, das sich der

Nichtregierungsorganisation Pratham

und dem UNICEF angeschlossen hat für

das Projekt Sankalp zur die Verbesserung

der Ausstattung in allen 38 Bezirken

Ende des Jahres. Weniger als zwei

Jahre nach dem Start der Initiative sind

die Ergebnisse in 17 der härtesten Bezirke

durchaus positiv gewesen. Nach dem

Bericht über den jährlichen Stand des

Bildungswesens für das Jahr 2007 ist

Bihar nicht mehr auf der niedrigsten

Sprosse bezüglich der Zahl der Schulabbrecher.

(Heute hat Rajasthan die meisten

Schulabbrecher.)

Die Zahl der Schulabbrecher in Bihar ist

von 2,15 Millionen auf weniger als 0,95

Million gesunken. Ein wichtiger Grund

für den Erfolg Bihars ist die Tatsache,

dass die Regierung von Nichtregierungsorganisationen

wie Idar-e-Shariat,

Muslim Pasmanda Mahaj und Din-i-

Talim Hilfe suchte, um den moslemischen

Mädchen, die der Schule fernblieben

und 60% der 14 bis 16-jährigen ausmachten,

Brückenkurse (bridge courses)

anzubieten. In einer Initiative rekrutierte

Bihar 200.000 Lehrer, 50% davon Frauen,

und ließen in weniger als zwei Jahren

65.000 Klassenzimmer bauen. Der

Unionsstaat ist gerade dabei, mehr

Modellschulen für berufliche Ausbildung

zu gründen. In der Tat gibt es rund

35 Modell- bzw. Basisschulen allein im

Bezirk von West Champaran, die neben

dem schulischen Lehrplan auch Fertigkeiten

wie Schneiderei und computerunterstütztes

Lernen vermitteln. �

(Quelle: Outlook, 7.4.2008. Bearbeitung: Thomas

Chakkiath)


Gedicht

Fluss Ghataprabha... das ist unser Dorfsitzen

mit den Beinen baumelnd in ihr

Wasser,

Auf der Uferbank seit dem

zeitlosen

Anbeginn...

Wie klar war damals unser Fluss!

Wir sahen viele namenlose Göttliche

die sich im Uferwasser gerne zeigten!

Lila Beeren auf der Böschung

ein Tausend Augen unten in den klaren

Fluten!

Der stete Strom schmunzelnd und spottend

blättert der Sonne die

Maske ab

Und die Wolken erspingsen von oben ihr

Abbild

und Jasminblütenketten auf der Bläue

des Wassers

wenn der Kranichzug funkelnd

darüber zieht!

Was war mit den Nächten? Wenn der

Mond herabsteigt von seinem

Hof

und sich im Wasser zeigt mit seinem

Sterngefolgedoch,

komm, sind das denn Sterne? Der

dunklen Nacht entschimmernden

Augen.

Dort, jener Stern taucht ein, dieser hier

steigt auf,

verstreuen allüber verspiegelndes

Lächelnes

ist der bare Tanz des Segens!

Da waren keine von den Lotoskelchen

aus der Schuldichtung, oder

gleitende Schwäne,

nur daselbst und mein Kreis von

schwimmenden Halbstarken

Ein oder zwei unsrer Gefährten

hatten ein goldenes Haar von einer fernen

Prinzessin bekommen,

und jemand von uns geriet in den Bann

des Kusses der Kobrafrauen der unteren

Welten.

Du kennst das

zu einer mondlichten Nacht kamen

sieben Mädchen vom Himmel

sich bei uns zu zeigen

Fluss Ghataprabha

Chandrashekhar Kambar

Der jüngste Sohn unsres Dorfmeisters

Gowda

stahl einer das Kleid

während die andren entsprangen

Das Mädchen blieb bei uns

nahm ihn zum Mann

und sie schufen ein kleines Haus in seinem

Garten,

das Haus steht noch hier, bis zum heutigen

Tag.

Im Glauben der Mondgott käme zum

Bade

bei Vollmond zum Fluss,

ging der Junge des Fischers hin

ihn zu erbeuten

und kehrte nicht heim

doch sein zerbrochenes Ruder und sein

zerissenes Netz

kamen zurückgeschwommen - auf eben

diesem Fluss.

Was fragst du nach unerzählten

Geschichten, die sich

inzwischen begaben?

Es bleibt nur zu sagen

und das ist genug:

Die Jugend unsres Flusses ist verschnitten

die Wasser sind schal geworden

die Wolken erscheinen wie tief gestrichelte

Furchen auf deiner Seite

des Fensters

Schwellen und Brechen der jungen

Wellen des Flusses

sind zu kränklichen kraftlosen Linien

verkommen.

Felsen und Schotter auf dem Grunde des

Flusses

erscheinen wie die hervortretenden

Knochen auf einem alten

Gesicht.

Die zwölf Klafter vom Fluss

Ghataprabha-

Nun schleppen sie sich verstohlenen

Schrittes

wie ein versickernder Abfluss

wachsamen Schrittes wie ein gejagtes

Wild.

Unsre Gesichter erscheinen nicht mehr

in ihren fühlenden Spiegeln.

28

Leuchtendes Lächeln zeigt sich nicht

mehr

auf dem alten Gesicht.

Nichts mehr

von der Begeisterung die war,

nichts mehr von der Macht die war.

Gelegentlich rauscht das Wasser noch

Doch steigen da Flut oder Tränen?

Ich kann das nicht sagen

Aus dem Englischen von Asok Punnamparambil.

(Quelle: „At Home in the World“, Full circle

Publishing, Delhi, 2002)

Chandrashekhar Kambar ist ein

bedeutender Schriftsteller der Kannada-Sprache

(Süd-Indien). Er

schreibt Gedichte,Romane, Theaterstücke

und folkloristische Werke. Er

wurde 1991 für sein Theaterstück

„Siri Sampige“ mit dem Preis der

Literatur Akademie ausgezeichnet.


Medien

Nutzen indische Zeitungen und Magazine ihren

gesellschaftlichen Einfluss?

Ganz Indien staunt über seine

mehr als hundert Fernsehkanäle

mitsamt BBC und CCN, Discovery

Channel und Animal Planet, die die

große, weite Welt in die Stuben holen.

Aber weniger bekannt ist, dass auch die

Printmedien eine enorme Entwicklung

erfahren haben. Trotz Fernsehen war ab

den 1980er Jahren die lesende Bevölkerung

so rasant gestiegen, dass die nationalen

Tageszeitungen in immer mehr

Großstädten eigene Ausgaben drucken

und herausgeben konnten. Vor 25 Jahren

gab es zum Beispiel in Kalkutta nur

zwei englischsprachige Tageszeitungen

Mädchenhandel

Der heute 20-jährigen Ella erging es

so: „Meine Mutter wollte immer nur

Geld, sie ist habgierig. Deshalb hat sie

Arbeit für mich gesucht.“ Eines Tages

sei ein Mann aus Neu Delhi gekommen

und habe ihr einen Job als Haushaltshilfe

mit 1.500 Rupien Monatsgehalt

versprochen, erzählt sie. „Meine Mutter

stimmte erfreut zu und schickte mich

mit ihm. Ich wollte nicht, aber sie hat

mich gezwungen.“

Für umgerechnet 25 Euro pro Monat

muss Ella gehen. Doch in Neu Delhi

wartet nicht Hausarbeit auf die damals

12-Jährige, sondern Prostitution. Als

eines Tages die Polizei das Bordell

durchsucht, hofft Ella auf Rettung –

und wird bitter enttäuscht. „Die Polizei

wollte uns nicht helfen. Sie brachte uns

sogar in das Bordell zurück, obwohl

wir sie anflehten, dass wir nach Hause

wollten. Im Bordell bekamen wir einen

neuen Haarschnitt, neue Kleider und

mussten dasitzen, um Kunden anzulocken.“

Im Jahr 2001 fand Ella mit Unterstützung

der Hilfsorganisation Impulse

zurück in ein normales Leben. Heute

Dr. Martin Kämpchen

zu kaufen, heute sind es rund zehn. Die

wichtigen Zeitungen druckten ihre Ausgaben

zunächst nur von Delhi und Bombay,

dann dezentralisierten sie sich mit

eigenen Ausgaben auch in relativ unbedeutenden

Großstädten, die allerdings

ein weites Hinterland mit einer lesenden

Bevölkerung besitzen. Noch vor einem

Vierteljahrhundert war das Transistorradio

jenes Medium, durch das sich die

Dorfbevölkerung die Nachrichten aus

der Welt hereinholte. Heute sind Dörfer

ohne Zeitungen und ohne Fernsehapparate

in der Minderzahl. Die Sucht nach

Welt ist so stark, dass sich die Besserge-

Die Geschichte von Ella

arbeitet die junge Frau für die Organisation

und berät Leidensgenossinnen.

Drehscheibe für den Frauenhandel

Hasina Kharbhih hat Impulse gegründet.

Ihr wichtigstes Ziel neben der Arbeit

mit Betroffenen ist, Aufmerksamkeit

zu wecken bei Regierungen, Polizei

und Öffentlichkeit. „In den vergangenen

Jahren begannen die Leute allmählich

zu verstehen, dass man von Frauenhandel

sprechen muss, wenn Mädchen

unter 18 unter dem Vorwand eines

Stellenangebots angelockt und dann

ausgebeutet werden, auch wenn sie

dem selbst zustimmen.“ Damit sei auch

das Bewusstsein gewachsen, dass der

Nordosten eine Quelle für den Menschenhandel

ist.

Armut und die instabile politische Lage

machen viele Familien anfällig. Die

schwer kontrollierbaren Grenzen nach

Birma, Bangladesch und Nepal lassen

den indischen Nordosten zur internationalen

Drehscheibe werden. Und

neuerdings gebe es stärkere Verbindungen

zu dem nur zwei Flugstunden entfernten

Thailand, erzählt Sozialarbeiterin

Kharbhih besorgt, mit Pauschalrei-

29

stellten eher eine Schüssel für den Fernsehempfang

kaufen, als etwa für eine

Erste-Hilfe-Station oder eine geteerte

Straße zu sorgen.

Ungefähr vor drei Jahrzehnten begann

auch das Wochenmagazin-Format zu

locken, das damals in Indien nur durch

das amerikanische „Time“-Magazin bekannt

war. „Sunday“ in Kalkutta musste

nach einem verheerenden Brand aufgeben.

Doch „India Today“, das 1975 sehr

bescheiden anfing, entwickelte sich rasant

zur Ikone der indischen Magazine.

Heute ist ein ganzes Imperium daraus

sen für Thailands Strände und die nordostindischen

Berge im Paket.

Perspektivlosigkeit seit Jahrzehnten

„Dieser Trend ist alarmierend für uns.

Denn Thailand ist massiv vom Menschenhandel

betroffen.“ Viele Mädchen

endeten dort in der Prostitution, sagt

sie. „Sex-Tourismus ist einer der Verkaufsschlager

Thailands. Und da könnte

es leicht Verbindungen zum indischen

Nordosten geben, weil die Menschen

hier sehr ähnlich aussehen.“

Hartes Eingreifen der Sicherheitskräfte

alleine ist keine Lösung für das Problem,

betonen Fachleute wie Kharbhih.

Die armen Familien des Nordostens

bräuchten Perspektiven für Arbeit und

Entwicklung. Doch darauf wartet die

von der indischen Regierung traditionell

vernachlässigte Region seit Jahrzehnten

vergeblich.

- Christoph Heinzle

(Auszug aus: „Mädchenhandel in Indien“, Mikado-Pressedienst

18.08.08)


geworden. Es erscheint, außer in Englisch,

in vier regionalen Sprachen. Es

bringt weitere, spezialisiertere, Magazine

zu Finanzwesen, Tourismus, Wirtschaft,

Design und Mode heraus. Und

jede Woche erscheinen mit der Zeitschrift

ein oder zwei thematische Hefte

als Supplements, die sich offenbar durch

Reklame tragen. Alljährlich organisiert

die Zeitschrift zudem eine internationale

Konferenz, „Konklave“ genannt, auf der

die namhaftesten Politiker der Region

sowie internationale Persönlichkeiten

wie Hillary Clinton und Al Gore reden –

ein Werbespektakel, das aber auch die

Anziehungskraft eines guten Indien-

Images demonstriert. „India Today“ gibt

an, 1,1 Millionen Exemplare zu

drucken. Das Magazin „Outlook“, seit

1995 im Rennen, strebt diesem Vorbild

nach, druckt auch in Hindi, hat mehrere

neue Magazine gegründet und betreibt

(im Gegensatz zu „India Today“) eine

frei zugängliche Internet-Ausgabe

(www.outlookindia.com), die die gesamte

Printausgabe sowie zahlreiche

zusätzliche Essays beinhaltet.

Vor allem diese beiden Magazine haben

es zu einem erstaunlichen Publikumserfolg

gebracht und wurden politisch wie

gesellschaftlich zu beeindruckenden

meinungsbildenden Kräften. Sie sind

deutlich Ausdruck der schnell wachsenden

und zu neuem Selbstbewusstsein

erstarkten indischen Mittelklasse. Dabei

haben die indischen Magazine und Zeitungen

schon immer beinahe ausschließlich

tagespolitische Themen behandelt

und dabei das parteipolitisch aufgeladene

gesellschaftliche Klima der gebildeten

wie ungebildeten Klassen reflektiert.

Daran hat sich wenig geändert. Der

Erfolg der Printmedien hat sie leider

kulturell und gesellschaftlich kaum verantwortungsvoller

gemacht, sondern er

hat sie eher den oberflächlichen Interessen

einer noveau riche-Klasse zugetrieben,

nämlich den Themen wie Unterhaltungskino,

Reisen, Disko-Musik und

Restaurants, Business, Sport, Shopping.

Bollywood nimmt einen unmäßig breiten

Raum ein. Tag für Tag und Woche

für Woche sind selbst in anspruchsvollen

Tageszeitungen wie dem „Telegraph“

und der „Hindustan Times“ eine Riege

von Pinup-Girls und -Boys zu betrachten!

Wer dagegen in indischen Magazinen

und Tageszeitungen zu Theater,

Kunst, Literatur und Musik Informationen

und Meinungen sucht, wird nur

gelegentlich fündig. Der Platz für Kultur

ist über die Jahre weniger geworden und

ist in den erfolgreichen Magazinen noch

am geringsten. Stattdessen gefallen sie

sich mit Hochglanzpapier, raffinierten

Layouts und prachtvollen Fotos.

Ein Zeichen dafür, dass die erfolgreichen

Printmedien seit einiger Zeit in

eine falsche Richtung tendieren, ist der

Mangel an großen Chefredakteur-Persönlichkeiten,

die seit der Zeit der Briten

die Zeitungslandschaft prägten. Wie der

bekannte Schriftsteller Khushwant

Singh kürzlich beklagte, seien die mächtigen,

reichen Verlegerfamilien, die Zeitungen

und Zeitschriften herausbringen,

so selbstherrlich geworden, dass Chefredakteure

mit einem eigenen Kopf nicht

mehr mit ihnen zusammenarbeiten

könnten. So wurde vor einigen Monaten

der verdienstvolle Chefredakteur von

„Asian Age“, M. K. Akbar, von einem

Tag auf den anderen vor die Tür gesetzt.

Dabei hatte er es vor 15 Jahren, lange

vor der Globalisierungswelle, gewagt,

seine Zeitung gleichzeitig in Indien und

in London zu drucken und damit ein

prophetisches Zeichen gesetzt.

Eine rühmliche Ausnahme ist jedoch

„The Hindu“, Indiens seriöseste Tageszeitung.

1878 gegründet, blickt sie auf

eine lange Tradition zurück, die sie noch

prägt. Konservativ in der Aufmachung,

30

Wassermangel

Ein Problem des Zugangs

Zwar besteht die Oberfläche unseres

blauen Planeten zu 70 Prozent aus

Wasser. Dennoch steht den Menschen

davon nur ein Bruchteil zur Verfügung:

Rund 97 Prozent des Wassers

sind Salzwasser und damit zunächst

ungenießbar. Nur knapp drei Prozent

sind Süßwasser. Davon lagert wiederum

der größte Teil tiefgefroren in

Grönland und der Antarktis.

Jedes Jahr wird weltweit wesentlich

mehr Grundwasser aus den unterirdischen

Speichern entnommen – ungefähr

160 Milliarden Kubikmeter – als

durch Niederschläge wieder aufgefüllt

werden kann.

Dennoch weisen viele Experten darauf

hin, dass das Hauptproblem nicht ist,

dass es generell zu wenig Wasser gibt.

Wassermangel entsteht vor allem, weil

bringt „The Hindu“ täglich Beilagen

heraus und jedes Wochenende einen ausführlichen

Kulturteil – alles frei nachzulesen

unter www.hinduonnet.com. Die

Zeitung erscheint in zwölf Städteausgaben

und hat, wie sie selbst angibt, eine

Auflage von fast 1,2 Millionen. Übrigens

ist ihr Redaktionssitz im südindischen

Chennai (Madras). Alle bisher

genannten Zeitungen und Magazine

werden von Neu-Delhi gemacht. Der

Süden beklagt sich häufig über Vernachlässigung

durch Medien und Verlage.

„The Hindu“ jedoch be-richtet betont

ausgeglichen über die Interessen und

Probleme Südindiens wie des Nordens

und empfiehlt sich auch aus diesem

Grunde. �

die Menschen, besonders in Afrika und

Asien, keinen Zugang zu Wasser haben.

Die fehlende Infrastruktur und die

nicht nachhaltige Nutzung der Ressourcen

führen dazu, dass weite Teile

der Weltbevölkerung zum Kochen und

Waschen verschmutztes Wasser benutzen

müssen und deshalb an vermeidbaren

Krankheiten leiden. Selbst trockene

Regionen könnten mit entsprechendem

Know-how knappe Ressourcen

besser nutzen.

Ein solches Wissen könnte auch dazu

beitragen, dass die Landwirtschaft, für

die weltweit etwa 70 Prozent des Süßwassers

(in Entwicklungsländern teilweise

erheblich mehr) verwendet wird,

ihren Verbrauch reduzieren kann.

(Quelle: Das Parlament 4.8.08)


Interreligiöser Dialog

Was zählt, ist eine innere Bereitschaft,

die Gleichwertigkeit anderer Glaubensformen

zu akzeptieren

Neben dem Kampf um Lebensraum

und immer knapper werdende Ressourcen

liefern heute Religionen

auch Konfliktstoff für gefährliche

Auseinandersetzungen und Kriege

zwischen verschiedenen Völkern

dieser Erde. Die Gründe, warum

einflussreiche Gruppen vieler Völkergemeinschaften

sich verstärkt

auf Religionen zurückbesinnen und

ihre identitätsstiftende Rolle fast

übertreibend hervorheben, liegen

auf der Hand. Die Fortschrittsideologie

und der verschwenderische

Lebensstil, die von Verfechtern

des herrschenden Wohlstandsmodells

mit missionarischem

Eifer verbreitet werden, sind

zu komplex und aufwendig für die

große Mehrheit der Menschen. Sie

sind schwer zu begreifen und im

Alltagsleben umzusetzen. Irgendwann

verlieren diese Menschen

den Anschluss und blieben mitten

auf dem Weg stehen – zurückgelassen,

entmachtet und ihrer Identität

beraubt. Durch Rückkehr zur eige-

31

nen Religion und zu traditionellen

Werten schaffen sie für sich eine

neue Identität und Zugang zu

Macht. Natürlich sind sie dann bereit,

im Namen ihrer Religion Gewalt

anzuwenden, da es hier um

ihren Lebensinhalt, ihre Würde

und Machtansprüche geht.

Religiöse Konflikte können wir

deshalb nicht isoliert von der

grundlegenden Ungerechtigkeit in

der Verteilung von Ressourcen und

Konzentration der Macht an der

Spitze des herrschenden Wohlstandsberges

sehen. Trotzdem ist es

der Mühe wert, für eine Verständigung

zwischen Religionen durch

Dialog einzutreten. Voraussetzung

hierfür ist allerdings, dass die

Gleichwertigkeit der Akteure akzeptiert

wird.

Nachfolgend drucken wir einige

Beiträge ab, die wertvolle Erkenntnisse

zu diesem Thema liefern.

- Jose Punnamparambil


Was bedeutet Interreligiöser

Dialog

Der „interreligiöse Dialog“ ist

wirklich eine viel schwierigere

Aufgabe, als es auf den ersten

Blick zu sein scheint. Die Verschiedenheit

der Religionen erinnert an die Verschiedenheit

der Sprachen. Einige Religionen

– wie die Sprachen – sind uns

näher und verständlicher als andere;

auch hier hängt der Grad der Verständigung

sowohl vom Milieu ab, in dem wir

aufgewachsen sind, als auch von unserer

Lebenserfahrung und der Fähigkeit und

Bereitschaft zu lernen. So wie die Sprachen

unterscheiden sich auch die Religionen

in vieler Hinsicht – z.B. durch

ihre Verbreitung oder durch die Breite

der Ausdrucksmittel. So wie die Versuche,

die Verschiedenheit der Sprachen

durch künstliche geschaffene Sprachen

zu überwinden, sind auch die Versuche

zum Scheitern verurteilt, die religiösen

Formen von Esperanto durchzusetzen –

wie wir bereits gesagt haben. Es gibt

selbstverständlich die Möglichkeit von

„Übersetzungen“, auch sie sind jedoch

mit Problemen verbunden: Jede Sprache

und jede Religion ist eine spezifisch

gefärbte Auslegung der Welt, nicht nur

ein Instrument des an sich existierenden

und von der Sprache und Kultur unabhängigen

Weltverständnisses – das Denken

spielt sich in der Sprache und in den

Modellen der Kulturtraditionen ab. Jede

Ausdrucksform einer bestimmten Religion

hat ähnlich wie jedes Wort in einer

bestimmten Sprache ihr spezifisches

Bedeutungsfeld, und bei den „Übersetzungen“,

im anderen Kontext, kommt es

Prof. Dr. Tomas Halik

Bedeutet „interreligiöser Dialog“, alle Religionen als gleichwertig zu betrachten

und mit allen Religionen auf Augenhöhe in einen Dialog zu treten? Was wollen wir

mit einem „interreligiösen Dialog“ erreichen. Der nachfolgende Auszug aus dem

Beitrag „Zu philosophischen und theologischen Voraussetzungen des interreligiösen

Dialogs“ von dem bekannten tschechischen Soziologieprofessor Dr. Tomas

Halik geht diesen Fragen nach.

- Die Redaktion

_____________________________________________

Prof. Tomas Halik ist Soziologieprofessor an der philosophischen

Fakultät der Karls Universität in Prag, Rektor

der Universitätskirche St. Salvador in Prag und Präsident

der Tschechischen Christlichen Akademie.

zu größeren oder kleineren Verschiebungen.

Die sprachliche Übersetzung ist

stets auch Interpretation, wir bewegen

uns auf der Ebene von Analogien, von

nicht ganz genauen Äquivalenten – das

weiß jeder erfahrene Übersetzer und

Sprachwissenschaftler, und so etwas

Ähnliches – und das sollte wiederum

jeder Religionswissenschaftler wissen –

ge-schieht auch bei der Begegnung

unterschiedlicher Religionen.

Ein viel sagendes Beispiel für die Probleme,

die bei der Begegnung unterschiedlicher

geistiger Traditionen entstehen,

ist der Begriff „Religion“ an

sich. Dieser rein westliche Begriff, der

in den meisten europäischen Sprachen

vom lateinischen Wort „religio“ abgeleitet

ist, hat kein genaues Äquivalent in

den außereuropäischen Sprachen. Darüber

hinaus haben sich sowohl die Bedeutung

des Wortes als auch die mit dem

Wort bezeichnete Erscheinung in der

europäischen Geschichte vielmals geändert.

Die Erfindung der „Religion“ als eines

allgemeinen Artenbegriffes, dem die

„Gattungen“ unterordnet werden können,

wie Christentum, Judentum, Buddhismus,

Islam usw., ist relativ modern –

sie stammt von den Cambridger Aufklärungsphilosophen

des 17.Jahrhunderts.

Diese Auffassung des Begriffes

„Religion“ in der Aufklärung unterschiedet

sich sehr davon, wie man dieses Wort

früher verwendete – zuerst in der Antike,

dann (wieder anders) im Mittelalter. Die

Entwicklung ist jedoch nicht einmal an

der Schwelle der Aufklärung stehen

geblieben, und das Verständnis des Wortes

„Religion“ hat sich weiter geändert.

Z.B. im 19.Jahrhundert ist der Vater der

32

Interreligiöser Dialog

liberalen Theologie und der Hermeneutik

Schleiermacher mit einer neuen einflussreichen

Auffassung der Religion

gekommen – er hat die Religion als eine

spezifische menschliche Erfahrung vorgestellt.

Im Laufe der Geschichte haben

sich sowohl die Versuche einer theoretischen

Auffassung der Religion geändert

als auch die gesellschaftlich-kulturelle

Erscheinung, die die Europäer vor allem

vor Augen hatten, wenn sie jahrhundertelang

den Begriff Religion verwendet hatten

– und zwar das Christentum in seinen

unterschiedlichen geschichtlichen Formen.

Das Christentum hat im Laufe seiner

ganzen Geschichte zahlreiche Verwandlungen

erlebt – eine Reihe von

„Rekontextualisierungen“ – von der winzigen

jüdischen Sekte zur offiziellen

Religion des Römischen Reiches, dann

vom vereinigenden Element der immer

expandierenden westlichen Zivilisation

zu „einer der Weltansichten“ im Rahmen

der säkularen Gesellschaft – und man

kann sicher weitere Metamorphosen des

Christentums in den künftigen kulturellen

und gesellschaftlichen Kontexten

erwarten.

Die Tatsache, dass die Europäer ihren

Begriff „Religion“, der durch Vorstellungen

erfüllt ist, die sich aus ihrer Erfahrung

mit dem Christentum ergeben

hatten (und zwar nur mit dem Christentum

ihrer Zeit), auf die unübersichtliche

Anzahl der Elemente der außereuropäischen

Kulturen bezogen – die sie dann

als „Hinduismus“ oder „Buddhismus“

bezeichneten, – hängt auch mit ihrer

nicht ganz unproblematischen eurozentrischen

Sicht der Welt zusammen. Die

ersten europäischen „Entdecker“ neuer

Kontinente haben ganz einfach vorausgesetzt,

dass es dort „so was wie Christentum“

geben muss, und entsprechend

dieser Erwartung haben sie dann in ihren

Köpfen viele Erscheinungen verarbeitet

und „behaut“, denen sie dort begegnet

sind und die sie irgendwie an ihre eigene

Religion erinnert haben. Die Frage,

ob es richtig ist, den Buddhismus und

Hinduismus zu „Religionen“ zu zählen,

haben einige protestantische dialektische

Theologen des XX.Jahrhunderts

durch ihren Zweifel noch komplizierter

gemacht, ob das Christentum überhaupt

eine Religion ist: Nach Karl Barth stellen

der christliche Glaube und die Religion

vielmehr Gegensätze dar.

Die Religionswissenschaftler haben sich

längst damit abgefunden, dass sie nie


eine allgemein verbindliche Definition

der Religion finden, und sie widmen

sich lieber der Aufdeckung, Beschreibung

und Interpretation weiterer Formen

dessen, was sich entweder selbst als

Religion bezeichnet oder was mit dem,

was man gewöhnlich als Religion bezeichnet,

gewisse gemeinsame Züge hat.

Darüber hinaus ist festzustellen, dass die

„Religion im Singular“ nur ein akademisches

Konstrukt ist – in der Tat gibt es

nur viele unterschiedliche Religionen.

Dazu ist jedoch hinzuzufügen, dass es

„in der Tat“ nicht einmal „religiöse Systeme“

gibt wie Buddhismus, Hinduismus,

Islam etc. – dass es sich auch dabei

um mehr oder weniger akademische

Konstrukte handelt, die eine ganze Skala

äußerst bunter Elemente einem Begriff

unterordnen.

Das, was bei dem Studium der Religionsgeschichte

mit Recht die größte Verwunderung

erzeugt, ist gerade die Dynamik,

Flexibilität, Variabilität der meisten

Religionen; die Religionen erleben im

Laufe der Geschichte ständigen Wechsel

zwischen Aufschwung und Zerfall, zwischen

Krisen und Erneuerungsbewegungen.

Es ist die Geschichte gegenseitiger

Begegnungen, Konflikte und Zusammenschlüsse

vieler unterschiedlicher

Elemente einzelner Religionen. Es handelt

sich – bis auf Ausnahmen – um

ständiges gegenseitiges Durchdringen

unterschiedlicher geistiger Welten.

Zum interreligiösen Dialog gehört die

Bemühung, nicht nur die abstrakten Systeme

und „Idealtypen“ kennen zu lernen

(„Buddhismus“, „Islam“, „Judaismus“),

sondern lebendige Menschen –

Buddhisten, Muslime, Juden. Wenn wir

ihren Lebens- und Denkstil, ihre Gewohnheiten

und Stellungnahmen verstehen

wollen, müssen wir die Quellen der

Traditionen kennen, von denen sie ausgehen,

vor allem dann die primären heiligen

Texte. Ohne diese Kenntnis der

Ausgangpunkte und des kulturellen

Kontextes können wir nämlich manchmal

naiv Ähnlichkeit oder Gleichheit

dort voraussetzen, wo sie in der Tat nicht

sind, wo wir nur das hinprojizieren, was

uns selbst eigen ist. Dann kommt es oft

zu peinlichen Missverständnissen bzw.

(hinter der Fassade gutmütigen Wohlwollens)

zur arroganten „Übertragung

des Fremdem auf das Eigene“, zur Missachtung

der Eigenartigkeit des Anderen.

Es ist unentbehrlich, dass sich die Gläubigen

unterschiedlicher Religionen nicht

Interview Aktuell

nur in der künstlichen Welt der internationalen

Konferenzen gegenseitig kennen

lernen, sondern auch in ihrer natürlichen

Umwelt, dort, wo sie zuhause

sind. Man muss damit rechnen, dass der

Dialog immer mehr Fragen als Antworten

bringt. Der Dialog bringt den Menschen

oft dazu, dass er nachträglich über

die Sachen tiefer nachdenkt, die für ihn

bisher selbstverständlich waren und die

er erst beim Gespräch mit Anderen zum

33

Interreligiöser Dialog

Indische „Missionare“

in Deutschland

Meine Welt: Die katholische Kirche in

Deutschland befindet sich heute in einer

Phase großer Schwierigkeiten bei der

Erfüllung ihrer pastoralen und gesellschaftsstützenden

Aufgaben. Einerseits

geht das kirchliche Einkommen aus Kirchensteuer

drastisch zurück wegen anhaltender

Arbeitslosigkeit, und andererseits

wird die Zahl der Deutschen, die

sich zu einem religiösen Leben verpflichten,

immer weniger wegen der demographischen

Entwicklung und der zunehmenden

Säkularisierung der Gesellschaft.

Gibt es nach Ihrer Meinung einen

Ausweg aus dieser Situation? Als

promovierter Theologe haben Sie immerhin

über 4 Dekaden in Deutschland

gelebt und diese Entwicklung in der Kirche

intensiv miterlebt.

Dr. Lokhande: Da haben Sie recht. Auf

kurze Sicht gesehen ist die Situation

nicht besonders ermutigend. Gesehen

von der Kirchengeschichte darf die

Situation uns gar nicht überraschen. In

der Kirchengeschichte hat es immer Ups

und Downs unter verschieden Aspekten

gegeben. Wir tendieren im Augenblick,

die heutige Situation mit der Situation

vor dreißig Jahren und unter dem Aspekt

von Zahlen zu vergleichen, sei es das

Personal oder die finanziellen Mittel. Es

gibt weniger Priester als früher; aber

auch weniger Kirchenbesucher als früher.

Weniger Katholiken als früher nehmen

den priesterlichen Dienst in Anspruch.

Kein Zweifel, der Materialismus

Dr. Ajit Lokhande

Dr. Ajit Lokhande ist promovierter

Theologe

und der Säkularismus hat an der Zahl der

Christen – wie auch an der Gesellschaft

als solche – große Wirkung ge-habt.

Aber die Kirche besteht aus mehr als nur

dem Geld und dem Personal. Die Kirche

bestehet aus aktiven Christen, die einen

lebendigen Glauben haben. Die Geldsumme

und die Zahl des Personals bürgt

für die Qualität nicht. Ein Ausweg aus

der Situation? Ja: Einfach und mutig

leben wie die Mitchristen in der Südhemisphäre

und Zeugnis für den Glauben

geben.

Meine Welt: Seit einiger Zeit versucht

man hier, den akuten Mangel an Priestern

und Ordenschwestern durch Anwerbung

in asiatischen und aafrikani-

ersten Mal im anderen Licht gesehen

hat, mit neuen (fremden) Augen. Das

bringt sowohl neue Chancen als auch

neue Risiken – der Dialog ist jedoch dermaßen

notwendig, dass diese Risiken in

Kauf zu nehmen sind. �

(Quelle: Grundtvig-Lernpartnerschaft: „Interrel:-

Europa für ein Miteinander der Religionen und

Kulturen - Interreligiöser Dialog“ 2007–2009)


schen Ländern zu bewältigen. Halten

Sie dies für eine sinnvolle, dauerhafte

Lösung?

Dr. Lokhande: Wir reden hier von

„akutem Mangel“, der sehr relativ ist. Er

scheint akut, weil wir die heutige Zahl

von Priestern und Ordensmitgliedern

mit der von fünfzig Jahren vergleichen.

Er scheint akut zu sein, weil wir unsere

alte Struktur aufrecht erhalten wollen.

Die Frage ist, ob wir uns nicht der heutigen

neuen Situation anpassen sollten.

Was diese Anwerbung von Priestern aus

Indien anbelangt, finde ich es nicht passend.

Das Prinzip sollte sein, dass das

christliche Leben in einem traditionell

katholischen Land imstande sein soll,

eigene Priester- und Ordensberufe zu

pflegen. Die Ausländer können keine

dauerhafte Lösung sein; sie sind auch

nicht Missionare im eigentlichen Sinne

des Wortes. „Import“ von Priester als

„Lückenbüßer“ verschiebt nur eine

echte und dauerhafte Lösung.

Meine Welt: Zur Zeit arbeiten weit über

1000 Ordenschwestern und 250 Priester

aus Indien in Pfarreien, Krankenhäusern,

Altenheimen etc. in Deutschland.

Ein Großteil ihrer Gehälter fließt an die

Ordensmutterhäuser, Diözesen oder

andere kirchliche Einrichtungen in Indien.

Diese Gelder werden vornehmlich

für erweiterte pastorale Arbeit, für den

Aufbau sozialer Einrichtungen und für

Bildung zu Gunsten der Benachteiligten

und Marginalisierten in der Gesellschaft

ausgegeben. Was halten Sie von dieser

Art der Zusammenarbeit zwischen den

indischen und deutschen Kirchen?

Dr. Lokhande: Wir befinden uns „in

einem globalen Dorf“, in dem wir einander

brauchen. Die Länder in der Südhemisphäre

sind unter vielen Aspekten von

den anderen abhängig; die indische Kirche

als Teil dieser südlichen Gesellschaft

ist auch von den Kirchen im

Westen finanziell abhängig. Aber muss

sie abhängig sein? Kann sie nicht etwas

ärmer leben, mit wenigem auskommen?

Muss sie alles haben? Es stimmt zwar,

dass viele indische Orden, die in

Deutschland arbeiten, keine „Missionsprokura“

haben wie etablierte Orden,

vor allem die, die in Europa entstanden

sind. Sie dürfen ruhig Geld nach Hause

schicken, um die Arbeit des Ordens zu

unterstützen. Aber bitte keine großen

Bauten, keine Prestige-Projekte, kein

Triumphalismus. Wir hören in Indien

manchmal: „Die Katholische Kirche

kann wunderbar planen und organisieren,

aber von Religion hat sie keine

Ahnung“. Die Kunst bestünde darin,

dass man einen gesunden Ausgleich findet.

Eine arme Kirche Indiens wäre viel

glaubwürdiger.

Eine Frage, die mir kommt, ist, ob unsere

indischen Ordensleute und Priester als

Missionare in Deutschland arbeiten oder

ob sie geschickt worden sind, um Geld

zu sammeln. Sind diese Ordensleute und

Priester freiwillig hier oder aus Gehorsam,

auch wenn sie darüber unglücklich

sind?

Meine Welt: Jahrhunderte lang waren

die Missionare aus Europa in Indien und

haben uns das Wort Gottes verkündet.

Dazuhin haben sie uns christliche Normen

und Werte beigebracht, sogar unsere

Lebensanschauungen und Verhaltensweisen

haben sie beeinflusst. Heute ist

eine große Anzahl indischer Priester

und Ordenschwestern hier, die in der

großen Mehrzahl zu einer der ältesten

und traditionsreichsten Kirche der Welt

gehören. Kann die deutsche Kirche von

ihnen etwas lernen, das ihr hilft, die

Zukunftsprobleme zu bewältigen? Beschränkt

sich die Aufgabe der indischen

Priester und Ordenschwestern hier auf

ihre Tätigkeit in Pfarreien, Krankenhäusern,

Altenheimen etc. als Arbeitnehmer/Arbeitnehmerin

(wie Gastarbeiter

damals)?

Dr. Lokhande: Nach der Erfahrung von

vielen Jahren in der Bildungsarbeit bin

ich mit dieser Formulierung „Lernen

von der indischen Kirche“ sehr vorsichtig

geworden. Es gibt kaum ein pastorales

Modell, kaum eine katechetische Art,

keine theologische Entwicklung in Indien,

die wir für Deutschland einfach

eins-zu-eins übernehmen können. Die

Situation hier ist anders. Die Kirchen

hierzulande müssen ihre Theologie entwickeln,

ihre pastorale Modelle etc. finden.

Ich würde es nur so formulieren:

„Die Kirchen in Deutschland können

sich von den indischen (auch von anderen

asiatischen) Kirchen „anstecken“,

„beeinflussen“ lassen.“

Es stimmt zwar, dass in Teilen Indiens

einige der traditionsreichsten Kirchen

der Welt existieren. Vergessen wir nicht,

dass viele dieser Kirchen orientalisch

sind, aber nicht unbedingt indisch. Die

Sprache (Syrisch), die Liturgie, Aus-

34

Interreligiöser Dialog

drucksformen in Kerala sind aus Persien

und werden auch heute noch so praktiziert.

Viele Formen, Sprachen, Gestik, die in

den indischen Kirchen existierten,

kamen aus dem Westen. Wir sollen aber

die früheren Fehler nicht wiederholen –

auch nicht in die andere Richtung. Lassen

wir den Europäern die Freiheit,

ihren pastoralen Weg zu finden.

Sind die Ordensleute und Priester aus

Indien hier in Deutschaland als eine Art

„Gastarbeiten“ zu betrachten? Ich glaube,

es hängt sehr viel von ihrer Haltung

und Motivation ab. Sie müssen sich fragen,

warum sie hier sind.

Meine Welt: Wie stellen Sie sich die Entwicklung

der deutschen Kirche vor?

Welche Art von Zusammenarbeit zwischen

den deutschen und indischen Kirchen

kann nach Ihrer Meinung sinnvoll

und zukunftsweisend sein?

Dr. Lokhande: Wenn wir an Partnerschaft

zwischen Kirchen denken, dürfen

wir nicht vergessen, dass beide Partner

ein „Teil“ (Latein „pars“) der einen Einheit

sind; jeder Teil braucht den anderen

Teil, um zur Ganzheit zu gelangen. Es

gibt aber in dieser Partnerschaft einen

Dritten, einen dritten unsichtbaren Partner,

der die Basis dieser Partnerschaft

bildet, nämlich Gott. Beide Teile müssen

davon ehrlich überzeugt sein, dass sie

das, was sie haben und weitergeben können,

nur von diesem dritten unsichtbaren

Partner erhalten.

Reden wir weniger von Zusammenarbeit

oder von Partnerschaft und praktizieren

wir sie, wie wir sie können. Es werden

sich mit der Zeit Formen herauskristallisieren.

Hier geht Praxis vor Theorie. Ein

Beispiel einer sehr guten Partnerschaft

für mich ist die Partnerschaft zwischen

der Diözese Pune und der Diözese Eichstätt.

Es gab eine Beziehung. Heute nach

vierzig Jahren nennen sie diese Beziehung

eine „Partnerschaft“.

Es ist schwierig für mich, konkrete Formen

zu nennen, in der sich die Zusammenarbeit

ausdrücken könnte. Aber ich

glaube, wir sollten weniger spekulieren

und theoretisieren; wir sollten lieber

konkret miteinander arbeiten. Wir werden

dann einen konkreten Weg finden.�


Interreligiöser Dialog

Mit dem Reichtum der Anderen

nähre die eigenen Wurzeln

Dialog ist ein Reizwort in unserer

Zeit geworden. Wir schätzen es,

über den Dialog der Religionen

und den Dialog der Kulturen zu sprechen,

oder einfach nur darüber, dass wir

„einen Dialog führen müssen“ oder

„dialogbereit“ sein sollen. Darin wird

die Überzeugung ausgedrückt, dass

Gespräche zwischen Menschen, gerade

auch zwischen untereinander sehr verschiedenen

Menschen, etwas Positives

bewirken und darum notwendig sind.

Diese Überzeugung ist Teil unseres Aufklärungserbes,

das optimistisch und häufig

geradezu naiv meint, wer sich von

Angesicht zu Angesicht kennt, wer miteinander

spricht, der bekommt die Gelegenheit,

Sympathie füreinander zu entwickeln

und sogar miteinander befreundet

zu sein.

Aber könnte man sich nicht auch das

Gegenteil vorstellen? Nämlich: Wer sich

von Angesicht zu Angesicht trifft und

miteinander spricht, erkennt die Unterschiede,

schafft Gelegenheit zum Streit,

sogar zur Gewalt. Offenbar muss zum

Dialog, damit er gelingt, noch mehr hinzukommen

als das Zusammensein und

das Miteinandersprechen, nämlich die

so genannte „gute Absicht“, das positive

zueinander Gestimmtsein, die Erwartung

einer Bereicherung, die Hoffnung

auf eine menschliche Begegnung. Nur

wenn diese gute Absicht nicht fehlt, ist

Dialog zwischen zwei und mehr Menschen

überhaupt möglich. Dieses positive

zueinander Gestimmtsein, ist mit

Gewissheit abendländisches Erbe. Es ist

Abglanz und Reflexion des Gebotes der

Nächstenliebe, die sich ja auf den jeweiligen

Nächsten, also potentiell auf alle

Menschen bezieht. Martin Buber hat

diese glücklichste alle Definitionen des

Dialogs geprägt: „Der Mensch wird am

Du zum Ich.“

Dialog trägt also eine, so glaube ich, von

vornherein abendländische Bestimmung

Zum Dialog zwischen Christentum und Hinduismus

Dr. Martin Kämpchen

und einen christlich-aufklärerischen

Optimismus in sich. Das Wort Dialog

verkündet, dass sich das Gespräch lohnt,

weil die Menschen unterschiedlich sind

und obwohl sie unterschiedlich sind.

Das Gespräch nützt, damit wir die Unterschiede

erkennen und von Illusionen

befreit werden; und das Gespräch nützt,

weil wir erwarten, dass jenseits dieser

Unterschiede auch etwas Vereinigendes

besteht, etwas Gemeinsames, das wir in

diesem Gespräch erkennen werden. Dieses

Gemeinsame hebt zwar die Unterschiede

nicht auf, doch das Gemeinsame

wiegt schwerer, gilt als bedeutsamer als

diese Unterschiede. Das jedenfalls

wünscht man mit glühender Hoffnung.

Wie soll man es nennen, dieses Gemeinsame?

Das Allgemein-Menschliche, das

Humanum, das Göttliche im Menschen,

den heiligen Geist, den Atman (die göttliche

Seele) in jedem Menschen, um mit

den Begriffen des Hinduismus zu sprechen.

Dialog ist möglich und sinnvoll nur

dann, wenn dieses in allen Menschen

Grundlegende aktiv eingesetzt wird, das

heißt von vornherein: Dialog ist die Begegnung

von zwei unterschiedlichen, jedoch

gleichberechtigten Partnern. Weder

kulturell noch religiös darf sich der eine

dem anderen überlegen fühlen. Auf unser

Thema, den Dialog zwischen Christentum

und Hinduismus bezogen, heißt

dies: Der Christ darf dem Hindu nicht in

einem Gefühl der Überlegenheit begegnen,

ebenso wenig darf sich der Hindu

dem Christen überlegen fühlen. In beiden

Religionen ist nämlich diese Überlegenheit

angelegt: Dem christlichen Anspruch,

die einzig seligmachende Religion

zu sein, entspricht die hinduistische

Auffassung, dass sämtliche Religionen

im Hinduismus einbegriffen

seien, dass die anderen Religionen eigentlich

nichts Anderes und Neues mehr

aussagen.

35

Interreligiöser Dialog

Diese Hervorhebung der eigenen Religion

ist psychologisch durchaus verständlich.

Im Alten Testament kennen wir einen

eifernden Gott, der von einem eifernden

Gottesdiener angebetet wird.

Weder Gott noch Gottesanbeter wollen

Gleiche neben sich dulden. Gott bewährt

sich als Gott nur, wenn er im Wettkampf

als Sieger hervortritt. Dieser Tribalismus

steckt in uns allen drin! Das Stammes-,

Standes-, Gruppendenken ist ein

menschlicher Mechanismus, der so

naturhaft-kreatürlich ist, dass nur enorme,

heiligmäßige Anstrengungen uns

davon befreien können. Und dieses

Gruppendenken übertragen wir von unserer

menschlichen Gesellschaft auf

Gott. Insofern die göttliche Offenbarung

in den Religionen auch menschliche

Schöpfung ist und in die gegebene

menschliche Situation hineinspricht,

stellt sich Gott als Gott dar, der keine

anderen Götter neben sich duldet. Der

Weg zu der Erkenntnis, dass es nur den

einen Gott geben kann, nur das eine

Göttliche, das sich jeweils in den Religionen

offenbart – dieser Weg ist lang

und bedarf der Einübung.

Die praktische Situation des Dialogs

Kommen wir zur praktischen Situation

des Dialogs zwischen den christlichen

Kirchen und dem Hinduismus, der sich

hauptsächlich in Indien entfaltet. Seit

dem 2. Vatikanischen Konzil hat die katholische

Kirche sich um den Dialog mit

jenen Religionsgemeinschaften bemüht,

deren Mitglieder in der Nähe von Christen

wohnen. In Indien sind Christen

eine Minderheit von 2.6%. Ihre Nachbarn

sind im wesentlichen Hindus und

Muslime. Das Leben der Christen in

Indien ist geprägt von dem Bewusstsein,

dass sie eine Minderheitsgemeinschaft

sind. Ihre psychologische Situation ist

darum grundlegend verschieden von der

etwa der Christen in Europa, die mit

Muslimen oder Hindus Dialog führen.

Eine Minderheitsgemeinschaft verlangt


stark nach einer eigenen, auch nach

außen erkennbaren Identität. Wer Dialog

führt, muss aber mit seiner Identität behutsam

umgehen, er soll sie gewiss wahren,

darf sie aber nicht herausstreichen.

Der Dialog zwischen den Religionen,

gerade auch der Dialog zwischen dem

Christentum und dem Hinduismus, ist

stark von der Geschichte des Zusammenlebens

dieser beiden Religionsgemeinschaften

geprägt. Die Christen kamen

seit dem Jahr 1500 als Kaufleute und

letzten Endes als Eroberer nach Indien.

Die Missionare waren von Bekehrungseifer

beseelt und verdammten zunächst

den Hinduismus als „Teufelswerk“. Sie

wollten „Seelen retten“ und benutzten

dazu oft beschämende Methoden. Diese

Bekehrungspraxis hat der Psyche der

Hindus eine Wunde ge-schlagen, die bis

heute nicht verheilt ist. Auch die gegenwärtigen

Vorbehalte der Hindu-Fundamentalister

konzentrieren sich auf die

Bekehrungspraxis der christlichen Kirchen.

Die Missionare kamen mit den

Kaufleuten und Kolonisatoren und wurden

natürlich stark mit ihnen identifiziert.

So muss also das heutige Christentum

auch mit einer antikolonialen Neigung

fertig werden und sich als indisches

Christum neu formulieren.

Erst über die Jahrhunderte entstand das

Bewusstsein, dass der Hinduismus eine

Religion mit einer hochstehenden Philosophie,

einer bedeutenden Mythologie

und mit großartigen heiligen Schriften

ist. Das zweite Vatikanische Konzil gab

den kirchlichen Stempel auf diese Erkenntnis.

In Indien wie in Europa haben sich in

den letzten Jahrzehnten drei Ebener des

Dialogs zwischen Christentum und Hinduismus

herausgebildet:

Der offizielle Dialog. – Innerhalb eines

vorher festgelegten Rahmens sprechen

meist offizielle Vertreter verschiedner

Religionen, etwa Kleriker und Theologen,

miteinander über vorher festgelegte

Themen. Die Partner sind von vornherein

gesprächsbereit, lernwillig und bemüht,

einen gewisser Konsens zu erzielen.

In Indien gibt es christliche Dialoghäuser,

in denen eben dieser Dialog gepflegt

wird und an dem eine engagierte

Schar aufgeklärter, bemühter Mitglieder

regelmäßig teilnehmen. Oft folgen den

Gesprächen gemeinsame Meditationen

oder Betrachtungen oder gemeinsames

Gebet, bei denen sich der im Gespräch

erlangte intellektuelle Konsens und die

atmosphärische Gemeinschaft fortsetzen

und vertiefen.

Der akademische Dialog. – Gewissermaßen

zur Grundlegung des Dialogs

müssen die Theologie und die Religionswissenschaft

das Gemeinsame und

Trennende der Religionen herausarbeiten

und den Dialogführenden in den Kirche

erläutern. Diese Dialogebene gewinnt

ihren Wert insbesondere aus dem

Studium der heiligen Schriften und der

Traditionen der Religionen, weniger aus

dem unmittelbaren Kontakt, es sei denn

aus dem Kontakt der Wissenschaftler

untereinander in Konferenzen und Symposien.

Die wissenschaftlichen Früchte

sollen den Klerus der Kirche wie auch

die gebildeten Laien informieren, welche

Freiheiten ihnen in der Begegnung

mit Menschen anderer Religionen gelassen

und welche Grenzen ihnen auferlegt

sind.

Der Dialog des Alltags. – Die wesentliche

und eigentliche Ebene des Dialogs

ist der Dialog des Alltags. Hier kommt

der Dialog zu sich selbst. Die beiden

anderen Ebenen waren vorbereitende

Schritte zu ihm. Der Alltag mit seinen

hundert spontanen Begegnungen und

unvorhergesehenen Lebenssituationen

ist das eigentliche Feld des Dialogs. Im

Alltag den weisen Ausgleich zu finden

zwischen dem Bekennen seiner Religion

und der Rücksichtsnahme auf die Andersgläubigen,

mehr: das Auf-ihn-Eingehen,

ist eine schwierige Herausforderung.

Wer mit einem Andersgläubigen

verkehrt, ohne dabei selbst, in Wort und

Handlung unaufdringlich, seinen Glauben

zu bekennen, führt keinen Dialog.

Dialog führt ebenso wenig, wer dem anderen

seinen Glauben aufdrängen will

und ihn nicht zu seinem eigenen Bekenntnis

kommen lässt.

In den letzten zwanzig Jahren sind die

Barrieren des Unwissens und Argwohns

zwischen Hinduismus und Christentum

in Indien niedriger geworden. Die Vorbehalte

gegenüber Christen sind geringer

geworden durch Schulbildung, Verstädterung,

durch eine immer weniger

aggressive Missionierung, durch vielfältige

Begegnungen im öffentlichen

Leben und durch die allgemeine hohe

Anerkennung der Leistungen der Kirchen

im Bereich der Schulerziehung und

der Krankenversorgung.

36

Interreligiöser Dialog

Die Anstrengungen der indischen Christen,

mit Hindus ins Gespräch zu kommen,

eben um alte Vorbehalte abzubauen,

haben sich auch vervielfacht. Zumindest

in der intellektuellen Schicht

der christlichen Laien, unter dem Klerus,

vor allem in den Orden, und bei den

Bischöfen ist allgemein akzeptiert, dass

die Christen auf sinnvolle und sensible

Weise den Dialog und die Annäherung

mit den Hindus suchen müssen. Die

Bischöfe und Orden haben Dialoghäuser

gebaut, sie organisieren Kurse über Dialog

und über den Hinduismus. Christliche

Ordensmitglieder besuchen Hindu-

Klöster und Hindu-Ashrams, um das religiöse

Leben der Hindus mitzuerleben.

Die allgemeine Offenheit westlicher

Jugendlicher gegenüber dem spirituellen

Hinduismus hat auf die indischen Christen

der gebildeten Schicht abgefärbt.

Vor allem ist der Ashram als Ort spiritueller

hinduistisch-christlicher Erfahrung

bedeutend geworden. Der Ashram ist ein

klösterlicher Ort im Hinduismus. Ein

Guru schart seine Schüler um sich und

führt sie im spirituellen Leben durch

Beispiel, Ritus und belehrendes Wort an.

Dieses spontan-charismatische Zusammenleben

rund um den geistlichen Meister

heißt Ashram-Leben. Die Schüler

und Schülerinnen leben entweder ständig

monastisch bei ihm oder aber nur

von Zeit zu Zeit und folgen ansonsten

ihren Aufgaben in den Familien.

Zunächst ist dieses spontan-persönliche

Miteinanderleben, das in seiner Flexibilität

im christlichen Ordensleben unbekannt

ist, in Indien von europäischen

Missionaren nachgeahmt worden. Sie

sind die Pioniere der christlichen

Ashrambewegung, die viele europäische

Gäste, dann aber auch zunehmend indische

Christen angezogen hat. In diesen

Ashrams wohnt man im Äußeren in jeder

Weise wie in Hindu-Ashrams, mit

Ausnahme natürlich der Gottesdienste

und der heiligen Messe und der Lehre,

die der Ashramleiter weitergibt.

Ashramleben ist eines der wesentlichen

Instrumente des interreligiösen Dialogs

in Indien geworden.

Es darf jedoch nicht übergangen werden,

dass es von christlicher wie von hinduistischer

Seite auch Widerstände gegen

den Dialog und gegen eine kulturelle

wie menschliche Annäherung besteht.

Einerseits halten manche Hindus Dialog

und Inkulturation für eine neue Weise,


Hindus zum Christentum zu bekehren,

und sind entsprechend argwöhnisch.

Theologisch halten viele Hindus den

Dialog mit Christen (oder irgendeiner

anderen Religion), wie schon erwähnt,

für wenig sinnvoll, weil sie nicht davon

überzeugt sind, durch die Kenntnis der

christlichen Lehre Neues für ihren Glauben

zu erfahren. Sie stehen auf dem

Standpunkt, dass der Hinduismus auf

universalistische Weise „alles“ Religiöse

enthält und das Christentum im Grunde

nicht verschieden vom Hinduismus

sei. Warum also Dialog führen?

Andererseits sträuben sich Christen

gegen Dialog, eben weil sie die Gefahr

des Synkretismus wittern und weil sie

bezweifeln, dass Hindus auch ohne die

Erfahrung Jesu Christi echte religiöse

Erfahrungen machen und echte religiöse

Werte vertreten und leben können. Sie

sehen in Hindus Anbeter von Steinen

und Figuren, Opferer von Tieren, Pantheisten,

ohne den hohen Ethos des hinduistischen

Lebenswandels zu erkennen

und wertzuschätzen.

Dialog: seine Prinzipien und Ziele

Die folgenden prinzipiellen Anmerkungen

zum Dialog zwischen den Religionen

leite ich ganz und gar von meiner

persönlichen Dialog-Erfahrung ab.

Zum interreligiösen Dialog ist nur fähig,

wer in jeder Sphäre des Lebens dialogfähig

und dialogbereit ist: in der Familie,

am Arbeitsplatz, in der Schule und

Universität, in gesellschaftlichen Gruppen,

gegenüber Minderheiten jeder Art.

Der Dialog, gleich auf welcher Ebene,

gelingt nur vom ganzen Menschen zum

ganzen Menschen. Beim Dialog muss

man sich stets ganz als Mensch einbringen,

mit allen seinen Stärken und

Schwächen, seinen Eigenarten und

Schwierigkeiten. Man ist im Dialog nie

nur Repräsentant einer Religion oder

Gruppe, sondern spricht und handelt als

Person. Das bedeutet auch, dass jede

Dialogsituation stets von der menschlichen

Situation der Dialogführenden

getragen – beflügelt oder eben auch belastet

– ist. Im Dialog kommt eben nicht

nur die religiöse Lehre, sondern die gelebte

religiöse Praxis der Menschen im

Alltag zum Tragen.

Der Dialog muss immer auch riskieren,

dass man sich selbst auch dabei verändert,

dass man danach die eigene Religion

anders erlebt und erkennt und sich

entsprechend verändert. Ein Dialogführender

soll zwar in seinem eigenen

Glauben gefestigt sein, einen gewachsenen,

gereiften Standpunkt besitzen. Der

Standpunkt darf aber nie so unverrückbar

starr sein, dass er nicht revidierbar

wäre. Der Dialogführende muss diese

existenzielle Unsicherheit eines religiösen

Standpunkts nicht als Gefahr, sondern

als Chance ansehen, um durch den

Dialog zu einer neuen Tiefe der Einsicht

und Erfahrung des eigenen Glaubens zu

gelangen.

Der Dialog zwischen den Religionen

geht prophetisch, experimentell und

dynamisch immer spontan und intuitiv

über die ausformulierten und systematisierten

Positionen der Lehre, der Kirche,

der Gruppe, der bürgerlichen Gesellschaft

hinaus. Anverwandlung an den

Anderen kann durchaus ein Ergebnis des

Dialogs sein, wenn sie auch nur gewissermaßen

„ekstatisch“, das heißt in der

augenblicklichen religiösen Freude über

die Gemeinschaft im menschlichen Wollen

möglich ist.

Seine Natur und seinen Wollen entsprechend

sucht der religiöse Dialog eher

das Allgemeinmenschliche, das Gemeinsame

und die Harmonie zwischen

den Religionen und versucht, das Unterscheidende

und Strittige zwischen ihnen

zu vernachlässigen oder sogar, für den

Augenblick, zu verschweigen. Denn

Ziel ist immer, über das Unterscheidende

und Strittige hinweg zu dauerhaften

Formen des friedvollen Zusammenlebens

und der Kooperation auf so vielen

Lebensebenen wie möglich zu kommen.

Nicht nur im Blick auf militante Strömungen

im Islam, sondern auch auf

das Verhalten christlicher Wähler und

Staatslenker im angeblichen „Kampf

der Kulturen“ ist das Thema „Religion

und Gewalt“ wieder aktuell geworden.

In allen Epochen der Geschichte zeigt

sich: Die großen monotheistischen Religionen

haben trotz ihrer Friedensbotschaft

kriegerische Konflikte nicht verhindert,

sondern oftmals sogar verschärft.

Seit sich der Glaube an einen

einzigen Gott durchsetzte, zieht sich

eine blutige Spur von Glaubenskriegen

durch die Jahrhunderte.

Ägypter, Griechen und Römer konnten

37

Glaubenskriege

Interreligiöser Dialog

Wenn wir uns über diese Prinzipien des

Dialogs geeinigt haben, dann ist es uns

nun auch leicht, die Ziele des Dialogs in

den Blick zu bekommen und sie als richtig

und notwendig aufzufassen. Ich

nenne folgende Ziele des Dialogs:

Den anderen Menschen zunächst in seinem

Anderssein zu verstehen suchen

und anzuerkennen. Das Sich-Absetzen

von dem Anderen und Kritik brauchen

nicht zu fehlen, doch kommt beides

nicht als erstes. Hierbei verbietet sich

von vornherein jede vereinnahmende,

inklusivistische Denk- und Handelsweise

gegenüber dem Anderen und seiner

Religion. Ebenso muss man eine Vereinnahmung

durch den Anderen wachsam

ablehnen.

Sensibel zu werden für die Empfindlichkeiten

des Anderen, um daraufhin zu einer

gemeinsamen Sprache und einem

gemeinsamen Emotionsfeld zu gelangen.

Mir wird in meinen Dialogbemühungen

immer mit Erstaunen deutlich,

wie eklatant die Verständigung oft

an den unterschiedlichen Sprach- und

Gefühlssystemen scheitert, weil keiner

von beiden Dialogpartner sich dieser

Unterschiede recht bewusst ist.

Konfliktpotential durch das Kennenlernen

der Menschen als Menschen abzubauen.

Viele Konflikte zwischen den

Religionen liegen an der Oberfläche kultureller,

landschaftlicher, berufsgegebener,

familiärer und sprachlicher Traditionen

und Gewohnheiten und können

durch den guten Willen des Kennenlernens

abgebaut werden, damit man zu

den Inhalten des Glaubens kommen

kann.

besiegten Völkern ihre Religion lassen:

Sofern die Unterworfenen auch

den obersten Reichsgott anerkannten,

durften sie mit ihren Göttern den vielgestaltigen

Götterhimmel bereichern.

Im christlichen Europa dagegen wurde

selbst der Glaube an den gleichen Gott

oftmals zur Frage von Leben und Tod,

je nachdem ob auf lutherische oder

katholische Weise an ihn geglaubt

wurde. Es war sogar eine Frage des

ewigen Todes, denn Gott würde beim

Jüngsten Gericht unerbittlich die Seinen

von den Irrgläubigen trennen.

(Aus: „Stammesgott oder Menschheitsgott“,

Frau und Mutter, Juli 2008)


Der Scheu vor einem Zusammenleben

und Zusammenarbeiten und wie auch

gearteten Gemeinschaft durch Dialog zu

verlieren.

Das Mysterium Gottes im Dialog

erfahren

Der Dialog zwischen Andersgläubigen

möchte zunächst den Glauben an Gott

feiern. Der Dialog versichert sich der

Gemeinschaft von Glaubenden, von

Menschen also, die Gott bekennen und

diese Gemeinschaft bewusst einsetzen in

einer Welt, die so stark von Glaubenslosigkeit

und Glaubensfeindlichkeit charakterisiert

ist.

Wer in dieser Gemeinschaft mit Andersgläubigen

längere Zeit lebt, dem wird

auch deutlich, dass diese Menschen

ihren Gott oder ihre Götter mit derselben

Hingabe, manchmal sogar mit größerer

Hingabe verehren als wir Christen unseren

Gott. Dialog hat das allgemeine

Ziel, über die Erfahrungen und Erkenntnisse

der Andersgläubigen mit ihrem

Glauben zu einer neuen Tiefe und Weite

im eigenen Glauben zu gelangen. Wie

immer, so gilt auch hier: An Fremden

wird das Eigene oft erst deutlich, hebt es

sich in seiner Eigenart ab.

Wer, wie in Indien die Christen, ständig

mit Andersgläubigen, also Hindus, zusammenlebt,

dem erscheint es psychologisch

eine Notwendigkeit, sich abzusetzen,

die eigene Art zu betonen, um

seine spezielle Identität zu bewahren.

Jedoch darf man diese Eigenart nicht

um seiner selbst Willen kultivieren, sondern

nur um tiefer in den eigenen Glauben

einzudringen. Und das heißt eben

auch: gegebenenfalls vom Anderen,

Fremden anzunehmen und in den eigenen

Glauben zu integrieren. Denn die

eigene christliche Tradition bleibt nur

lebendig, wenn sie sich fortsetzt, also

nicht stagniert, sondern sich immer neu

in Frage stellt und in einem kontinuierlichen

Prozess der Selbstfindung auch

von außen annimmt.

Der Christ in Indien befindet sich folglich

in der ständigen Spannung, zwei

gegensätzliche Bewegungen in einem

fruchtbaren Gleichgewicht zu halten:

Einerseits sich von den Hindus abzusetzen,

um die christliche Identität zu

bewahren und durch den Gegensatz zum

Hinduismus neu zu profilieren. Andererseits

von den Hindus zu lernen und dieses

Fremde des Hinduismus in das eige-

ne Christentum als Chance der Glaubenserneuerung

zu integrieren.

Die christliche Theologie hat sehr viel

über die anderen Religionen ausgesagt.

Sie hat mehrere Versionen einer „Theologie

der nichtchristlichen Religionen“

formuliert, angefangen von dem Rahnerschen

Ausdruck des „anonymen

Christentums“ bis hin zu der Auffassung,

die christliche Religion „vollende“

die anderen Religionen, diese seien also

gewissermaßen „vorchristlich“. Dies

sind theologische Hilfskonstruktionen,

die den echten Pluralismus der Religionen

zu umgehen suchen. Der Dialog

kann aber nur von einem solchen echten

Pluralismus der Religionen ausgehen.

Zumindest im Augenblick des Dialogführens

müssen Christen den Glauben

der Hindus ebenso ernst und echt nehmen,

wie sie ihr Christentum. Sonst können

sie auch Hindus selbst – also die

Menschen – nicht ebenso ernst nehmen

wie sich selbst.

Ich persönlich kann nicht anders als jene

Menschen, mit denen ich so eng und so

lang in Indien zusammenlebe und die

ich liebe, in ihrem Glauben ebenso ernst

zu nehmen wie ich den meinen nehme.

So gesehen hat der Titel eines meiner

Bücher, an dem oft Anstoß genommen

worden ist, seine Berechtigung: „Liebe

auch den Gott deines Nächsten“.

Aber ich sehe noch einen weiteren,

einen tieferen Grund, den Pluralismus

der Religionen nicht abzulehnen. Gerade

in den letzten Jahrzehnten ist die

theologische Reflexion erfüllt von einer

„negativen Theologie“: von Visionen

des „dunklen Gottes“, der sich nicht erfassen,

nicht beschreiben, nicht mit den

Sinnen erfahren lässt. Diesem Gott kann

man nur durch eine stumm hingebende,

blinde, fraglose Verehrung begegnen.

Gott ist diesen Menschen ein „Geheimnis“.

Für gläubige dialogführende Christen

in Indien und anderswo hat das die

eine zwingende Konsequenz, dass sie

auch die Beziehungen zwischen dem

geheimnisvollen Gott des Christentums

und dem Gott oder den Göttern der Hindus

nicht definieren können und nicht zu

definieren versuchen sollten. Die Beziehung

eines Geheimnisses mit einem

anderen kann ebenfalls nur geheimnisvoll

sein.

Der Hinduismus selbst hat diesen

Geheimnis-Charakter Gottes in vielfacher

Weise umschrieben. Die letzten

Dinge kann der Hindu-Theologe auch

nur als ein Paradox darstellen. Er postuliert,

Gott und sein Wirken in der Welt

38

Interreligiöser Dialog

sei anirvacaniya – das heißt: „jenseits

des Ausdrucks durch Gedanken und

Worte“. So rühmen also letzten Endes

alle Beziehungen zwischen den Religionen

und zwischen den Gläubigen dieser

Religionen an dieses Geheimnis der

Unaussprechbarkeit Gottes. Dieser gemeinsame

Respekt vor dem Unaussprechlichen

Gott ist wohl die wesentlichste

Ebene des Dialogs.

Für mich stehen als Fazit einer jahrzehntelangen

Dialogerfahrung die folgenden

zwei Beobachtungen im Mittelpunkt:

Erstens, es ist leichter mit Menschen

gleichen Glaubens zu sprechen und zu

harmonisieren. Es gibt ein Vorverständnis,

eine von vornherein geklärte gemeinsame

Basis. Vieles im praktischen

und ideellen Leben muss nicht erwähnt

und berücksichtigt werden.

Zweitens, es ist zwar schwerer, mit

Menschen eines anderen Glaubens zu

verkehren, weil eben dieses Vorverständnis

nicht besteht. Doch kann die

inspirierte Gemeinschaft von zwei Menschen

unterschiedlichen Glaubens spontan

so weit gehen, dass die Unterschiede

entfallen und nur die Gemeinschaft dieser

Menschen in Gott übrig bleibt.

Durch die Unterschiedlichkeit kann eine

gegenseitige Ergänzung entstehen oder

eine fruchtbare Spannung, die reicher ist

und tiefer führt, als die Begegnung mit

Freunden gleichen Glaubens. In dieser

Begegnung gibt es auch eine gegenseitige

Anverwandlung: Der eine nimmt den

Glauben des anderen kaum noch wahr,

sondern nur noch den geliebten Andersgläubigen,

der dann nur Freund oder

Partner ist und wesentlich sich nicht

mehr als Andersgläubiger definiert. Entsprechend

nimmt man in dieser Liebe

auch den anderen Glauben kaum noch

als andersartig wahr. Wie weit in der

Dynamik des gelebten Glaubens ein solcher

Prozess für den Christen noch

„erlaubt“ ist und wann nicht mehr, ist

schwer zu sagen. Wenn Christus noch

im Mittelpunkt des Galubenslebens

steht, scheint alles andere „erlaubt“ zu

sein. Keine rational klare Regel kann

hier festschreiben, was letztlich ein

Mysterium ist. �

(Aus dem Buch „Dialog der Kulturen. Eine interreligiöse

Perspektive“, Martin Kämpchen, Verlag

Traugott Bautz, Nordhausen 2006. Eine 2.Auflage

des Bandes ist in diesem Jahr erschienen.)


Ein Wort zuvor

Unabhängig von den Unterschieden

unter den Religionen scheinen alle sich

darin zu treffen, dass sie ein spirituelles

Unbehagen in der Begegnung mit den

Dingen der Welt, ja mit der Welt

schlechthin empfinden und auf eine Befreiung,

Erlösung aus sind, die das Unbehagen

überwindet mit etwas Höherem,

sei dies nun Gott, Gesetz, das kosmische

Bewusstsein oder Leerheit. Eine

für einen Dialog der Religionen tragfähige

Konzeption der Interreligiösität

lässt sich negativ und positiv folgendermaßen

charakterisieren:

1. Was Interreligiosität nicht ist:

1.1. Interreligiosität ist nicht der Name

einer spezifischen Religiosität irgend einer

bestimmten Religion, sei diese

christlich, hinduistisch, buddhistisch,

islamisch usw.

1.2. Interreligiosität ist auch nicht ein

Eklektizismus der verschiedenen Religionen,

denn dann wäre sie ein Kunstgebilde

ohne Fleisch und Blut.

1.3. Interreligiosität ist auch nicht eine

bloße Hilfskonstruktion angesichts der

de facto multireligiösen Situation.

1.4. Interreligiosität ist auch nicht eine

bloß dem Wissenschaftstheoretischen

dienliche meta-religiöse Kategorie.

1.5. Ferner ist Interreligiosität auch nicht

eine bloße Ästhetisierung, eine Modeerscheinung,

ein dilettantischer Erklärungsversuch,

denn dafür ist die multireligiöse

Situation heute zu ernst und

schicksalhaft. Die heutige multireligiöse

Situation verspricht viel, birgt jedoch

auch große Gefahren.

2. Was Interreligiosität ist

2.1. Interreligiosität ist der Name einer

tiefen ur-religiösen, der menschlichen

Natur vor aller spezifischen Religiosität

innewohnende Tendenz, Überzeugung,

die, wie schon erwähnt, das eine göttlich

Wahre der religio perennis in vielen

positiven Religionen hörbar macht.

________________________________________

Prof. Dr. Ram Adhar Mall ist Hochschullehrer (im

Ruhestand) und Gründungspräsident der Gesellschaft

für interkulturelle Philosophie.

Von interreligiöser Einstellung

zum interreligiösen Dialog

Prof. Dr. Ram A. Mall (Weimar, Jena, München)

2.2. So begleitet die Interreligiosität die

vielen konkreten Religionen wie ein

Schatten und verhindert, dass diese sich

in den exklusiv-absoluten Stand setzen.

2.3. Interreligiosität ermöglicht daher

einen befreienden Diskurs unter den Religionen,

indem sie die hausgemachte

und unbegründete Angst mancher Religionen

zurückweist, die Angst nämlich,

dass Interreligiosität die Begriffe wie

Religion, Gott, Erlösung, Offenbarung,

Schuld, Sühne und dgl. dekonstruiere.

2.4. Interreligiosität plädiert für eine

Gleichberechtigung der Religionen, die

sich in ihren Komplexitätsgraden und

unterschiedlichen kulturellen Sozialisationen

unterscheiden. Die These einer

Gleichberechtigung der Religionen ist

jedoch nicht notwendigerweise mit einer

Wertgleichsetzung verbunden. So wie

meine Mutter für mich die schönste, die

beste und die liebste ist, so ist es deine

Mutter für dich.

2.5. Interreligiosität lehrt uns zwischen

dem religiösen Gegenstand der Interpretation

und den Interpretationen des religiösen

Gegenstandes zu unterscheiden.

Wäre dies nicht so, wie könnten wir das

Eine mit vielen Namen belegen?

2.6. Interreligiosität ist die Einsicht in

die Notwendigkeit, die Vielfalt der Religionen,

Glaubensformen und Theologien

nicht nur als säkulare humanistischfriedliche

Angebote, sondern auch als

eine gottgewollte Angelegenheit zu

sehen.

2.7. Interreligiosität ist eine Einheit des

Glaubens ohne Einheitlichkeit, wobei

unter Einheit jenseits aller spekulativmetaphysischen

und bloß theologischen

Vorstellungen die pragmatisch höchst

willkommene regulative Idee gemeint

ist. Hinzu kommt, dass hierbei im Sinne

einer religiös-spirituellen Erfahrung die

interreligiöse Einstellung als eine religiöse

Überzeugung gemeint ist.

2.8. So bewirkt die Interreligiosität, dass

jeder Gläubige in seiner jeweiligen

Glaubensform die unmittelbare, sichere

und absolute Präsenz des einen Numinosen

erfährt, ohne Angst und Groll darüber

zu empfinden, dass es Andersgläubi-

39

Interreligiöser Dialog

ge gibt, die das eine Göttliche ebenso

erfahren. So wird vor einer voreiligen

Typisierung der Religionen gewarnt.

2.9. Interreligiosität wird so von einer

spirituellen Erfahrung der religio perennis

gespeist, die das eine Wahre in verschiedenen

Religionen wehen lässt.

2.10. Interreligiosität hilft uns, die fiktive

und selbstverschuldete Suche nach

einer exklusivistischen Absolutheit zu

überwinden.

Konflikte sind vorprogrammiert, wenn

ein bestimmtes Offenbarungszeugnis,

eine bestimmte Religion, ein bestimmter

Glaube sich in einen exklusivistischen

Stand setzt, eine totale und ebenso exklusive

Adäquatheit beansprucht und

eine Theorie der revelatio spezialis vertritt

und diese für sich allein in Anspruch

nimmt. Wer aus einer solchen Gesinnung

interreligiöse Dialoge führt, disqualifiziert

sich. Gandhis interreligiöser

Ratschlag bleibt stets aktuell: „Meine

Mutter (gemeint ist die je eigene Religion)

ist für mich die beste und schönste,

aber deine für dich ebenso. �

Die Macht des Gebets

Gebet ist das einzige Mittel, um Ordnung,

Frieden und Ruhe in unser tägliches

Handeln zu bringen. Beginne

darum deinen Tag mit Gebet und lege

soviel Inbrunst hinein, dass die Wirkung

in dir bis zum Abend anhält.

Beschließe den Tag mit Gebet, damit

du eine friedvolle Nacht hast, frei von

Träumen und Albdrücken. Das

Gebet schenkt uns seinen Frieden,

eine Kraft und einen Trost, wie nichts

anderes sie geben kann. Doch muss

es von Herzen kommen.

- Mahatma Gandhi


Interview Aktuell

MeineWelt: Was verstehen Sie als Religionsphilosoph

aus Indien unter dem

Begriff „Interreligiöser Dialog“? Kann

ein Dialog auf Augenhöhe stattfinden

zwischen Hinduismus und Christentum?

Bedeutet „Interreligiöser Dialog“, das

Gemeinsame in verschiedenen Religionen

zu suchen, oder eine geistige

Grundlage dafür zu schaffen, dass alle

Religionen gleichwertig nebeneinander

existieren können?

Dr. Sequeira-Prabhu: Der Begriff

„Interreligiöser Dialog“ bedeutet, dass

Menschen unterschiedlicher Weltanschauungen

bzw. „Religionen“ daran interessiert

sind, einander kennen zu lernen

und miteinander ins Gespräch zu

kommen. Ohne diese Bereitschaft an der

Basis („grass-roots“) ist kein Dialog

möglich. In der Regel ist diese Voraussetzung

gegeben, wenn Anhänger verschiedner

Religionen innerhalb eines

politischen Systems bzw. eines Staats

leben, dessen Verfassung die Menschenrechte

für alle Staatsbürger garantiert.

Alle modernen Staaten betrachten die

Freiheit der Religionsausübung als ein

Grundrecht. Ein Dialog kann dann „auf

Augenhöhe“ stattfinden (und nicht nur

zwischen Christen und Hindus), wenn

das Gespräch auf sachlicher Grundlage

geführt wird.

Seit über dreißig Jahren bin ich um den

Dialog zwischen Christentum und indischen

Religionen in Deutschland bzw.

Westeuropa bemüht und muss feststellen,

dass (vor allem in den letzten zwanzig

Jahren) sachliche Kenntnisse über

die Religion des Gesprächspartners

Mangelware sind. Im Religionsunterricht

(der bekanntlich von katholischen

und evangelischen Lehrkräften erteilt

wird) werden die nichtchristlichen Religionen

unzureichend (sehr häufig verkürzt)

behandelt. Noch erstaunlicher ist

m.E. die Tatsache, dass selbst die christlichen

Konfessionen untereinander keineswegs

fundierte Kenntnisse über die

jeweiligen Unterschiede haben. Der

erste Schritt in einem Dialogprozess

wäre: Die Christen müssten sich über

die eigenen konfessionellen Unterschiede

informieren. Ein zweiter Schritt: Sowohl

Christen als auch Nichtchristen

müssten sich zunächst gründlich über

die jeweiligen Glaubensauffassungen

informieren.

Was den Hinduismus angeht, so muss

man feststellen, dass die alten Klischeevorstellungen

weitestgehend vorherrschen.

Mein subjektiver Eindruck: Deutsche,

die Indien besuchen, interessieren

sich mehr für die Paläste der Maharajahs

als für die Rituale des Hindu Tempels.

Eine Empfehlung: Die „religionswissenschaftlichen“

Lehrstühle an den Universitäten

mögen sich intensiver um die

adäquate Ausbildung der Studierenden

bemühen.

40

Interreligiöser Dialog

Missionierung in der umgekehrten Richtung

ist längst im Gange

Dr. A. Ronald Sequeira-Prabhu

Dr. A.R.Sequeira-Prabhu ist promovierter

Religionsphilosoph und hat

jahrelang als Dozent für Kulturwissenschaft

und Religionsphilosophie

gearbeitet. Eine seiner wichtigen

Veröffentlichungen ist „Gandhi für

Christen. Eine Herausforderung“

(Herder Verlag, Freiburg 1987).

Fazit: Der Weg zu einem wahrhaften

Dialog ist lang und mühsam, aber noch

in dieser Generation zu bewältigen.

Meine Welt: Jahrhunderte lang haben

Missionare aus Europa das Wort Gottes

in afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen

Ländern verkündet.

Können Sie sich eine Missionierung in

der umgekehrten Richtung vorstellen?

Dr. Sequeira-Prabhu: Die Frage der

Missionierung stellt sich ganz anders als

vor dem 2. Weltkrieg. Das 2.Vatikanum

war ein entscheidender Schritt zu einer

Neubesinnung seitens der Christen. Eine

„Missionierung in der umgekehrten

Richtung“ kann ich mir nicht nur vorstellen,

sondern ich muss feststellen, dass

diese längst im Gange ist. Bezeichnenderweise

war diese „Gegenmissionierung“

keineswegs eine Sache indischer

Initiative, sondern das Ergebnis ei-nes

Glaubwürdigkeitsverlustes seitens der

christlichen Kirchen nach dem Krieg.

Selbst die Christen haben sich ge-fragt,

ob Glaube nach Auschwitz möglich wäre.

Die allgemeine Enttäuschung führte zu

einer neuen Offenheit für an-dere Religionen.

Als die Beatles einem indischen

Guru zu Weltruhm verhalfen, war das ein

Signal für viele andere Eu-ropäer, sich für

die Werte östlicher Religionen und Kulturen

zu interessieren. Mittlerweile haben

zahlreiche indische Sekten den deutschen

„Markt“ entdeckt. Dennoch: Eine sachliche

Auseinandersetzung mit anderen

Religionen ist ausgeblieben.

Meine Welt: In Deutschland sind zur

Zeit ca. 250 Priester und über 1000

Ordenschwestern auf unterschiedliche

Weise tätig. Sind sie nach Ihrer Meinung

als Missionare hier tätig oder als reine

Arbeitnehmer?

Dr. Sequeira-Prabhu: Die indischen

Nonnen und Priester, die sich zur Zeit in

Deutschland befinden, fühlen sich m.E.

weitgehend von den Deutschen akzeptiert

und geschätzt. Was die Nonnen an-


geht, kann man den Eindruck gewinnen,

dass die Art und Weise, wie sie ihre Arbeitskraft

einsetzen, allgemeine Bewunderung

hervorruft. Man fragt sich aber,

ob die Arbeitsbedingungen einem modernen

Arbeitsklima entsprechen. Ich

habe den Eindruck, sie leiden unter

Heimweh und möchten so bald wie

möglich zurück. Im Allgemeinen haben

die Deutschen die größte Mühe, sie einigermaßen

in die Pfarrgemeinde zu integrieren.

Die indischen Priester haben es nicht

leicht. Sie sprechen Deutsch und werden

von Anfang an anleitender Stelle in einer

Gemeinde eingesetzt. Ihre Erfahrungen

sind sehr von der jeweiligen Gemeindestruktur

abhängig. Da ich relativ wenige

von den 250 Priestern kennen gelernt

habe, kann ich nur mutmaßen, dass ihre

Probleme überall ähnlich sind. Das sind

Seitdem der biblische Gott die toleranten

und lebenslustigen Götter

aus dem Olymp vertrieben und

die Unterscheidung von Gut und Böse

eingeführt hat, werden heilige Kriege

geführt und Ungläubige abgeschlachtet.

Der Monotheismus, so sagte es der

Soziologe Shmuel Eisenstadt, sei

„exklusiv“ und schließe andere aus.

Heute, in der aufgewühlten Weltgesellschaft,

in der „multiple Modernitäten“

untereinander konkurrierten, wirke der

Glaube an den exklusiven Gott wie ein

Brandbeschleuniger, der die Glut der

Konflikte immer wieder aufs Neue entfache.

„Religiöse Gewalt“ – auf dieses Stichwort

hatte der Ägyptologe Jan Assman

natürlich gewartet, und auf seine sanftmütige

Art sagt er es unerbittlich und

immer wieder: Der Monotheismus

habe das killing for God erfunden und

damit Bestialitäten und Exzesse ermöglicht,

die in älteren Gesellschaften völlig

unbekannt gewesen seien. Und als

Assmann dann kontrastiv und in epischer

Selbstbeseligung vom herrlichen

Ägypten erzählte, als sei es das verlorene

Paradies, konnte sich das Publikum

des Eindrucks nicht erwehren, der Teufel

persönlich habe bei der Erfindung

des biblischen Gottes die Hand im

Spiel gehabt und mitgeholfen, den Viel-

u. a. die zunächst unzureichende Sprachbeherrschung,

die dazu führt, dass man

sich an sie gewöhnen muss. Je nach Begabung

kann das lang dauern. Der Kontakt

zu den Gläubigen verläuft sehr

mühsam. Ein Priester, den ich mittlerweile

gut kenne, sagte mir: „Ich möchte

Seelsorger sein, nicht jeden Tag an Sitzungen

von Gremien teilnehmen.“ In

gewissem Sinne können sie durch ihre

Dienstbarkeit „missionieren“, dennoch

haben sie den Eindruck, sie werden in

erster Linie wegen des Priestermangels

gebraucht. Sie werden durch die jeweiligen

Bistümer auf ihre Tätigkeit in einer

deutschen Gemeinde nicht vorbereitet

bzw. „geschult“. Man nimmt an, dass

sie, weil sie Priester sind, jeder Gemeinde

vorstehen und sie führen können.

Meine Welt: Kann die deutsche Kirche

von der indischen Kirche, die eine sehr

götter-Himmel zu leeren und unbehauste

Menschenkinder in das blutige

Abenteuer der Moderne zu treiben.

Monotheismus gleich Gewalt? Der

Londoner Religionssoziologe David

Martin wählte eine weniger flächige

Perspektive und erinnerte an den spektakulären

Fortschritt, den die biblischen

Religionen der Zivilisation geschenkt

hätten. Der Monotheismus

habe allen Formen politischer Gewalt

die Grundlage entzogen, und seitdem

könne Grausamkeit nicht mehr zum

Naturschauspiel verklärt werden, das

zur Geschichte ebenso dazugehöre wie

Herbst und Winter. Wie viel moralische

Empfindlichkeit, fragte Martin, spreche

aus dem Gedanken, „Gott nehme die

mörderische Gebrochenheit des Menschen

auf sich und erlöse ihn von seiner

Gewalt?“ Und wie viel Leidenserfahrung

stecke in dem biblischen Satz,

Erlösung sei nicht durch Waffen, sondern

nur durch Friedfertigkeit zu erlangen?

Dennoch blieb Assmanns Stachel, also

die Frage, warum Gotteskrieger bis

heute eine Blutspur durch die Geschichte

ziehen. Auf diese Frage gab

David Martin keine neue Antwort, nur

eine alte. Religiöse Wahrheiten seien

nicht nur von neuheidnischer Regressi-

41

Interreligiöser Dialog

alte Geschichte und Tradition hat, etwas

lernen?

Dr. Sequeira-Prabhu: Ich vermute, die

deutsche Kirche hat eine ganze Menge

von der indischen bereits „gelernt“. Dies

ist zunächst auf die Tätigkeit von kirchlichen

Hilfsorganisationen wie MISE-

REOR und MISSIO zurückzuführen.

Denn das gegenseitige Kennenlernen

bleibt nicht aus. Man kann dennoch

kaum behaupten, dass es zu einem tieferen

Verständnis des jeweiligen Partners

gekommen ist. Den Deutschen sind die

vielfältigen Bemühungen der indischen

Kirche um Glaubwürdigkeit in einer

überwiegend nichtchristlichen Kulturlandschaft

wenig bekannt.

(Die Fragen stellte Jose Punnamparambil)

Religiöser Fundamentalismus und Monotheismus

on bedroht, sondern überhaupt ein

zweischneidiges Schwert: Sobald sie

institutionalisiert und durch politische

Interessen vergiftet würden, entfalteten

sie ein Gewaltmoment, und dann schlage

die Unterscheidung von Gut und

Böse um in die Differenz von „Eigenem“

und „Fremdem“, von Freund

und Feind.

Es war Jürgen Habermas, der nicht nur

im Wurzelwerk der Achsenzeit stochern

und sie für alle akuten Krisenlagen genealogisch

in Verantwortung nehmen

wollte. Das sollte heißen: So erhellend

der kulturalistische Blick auf unsere

Anfänge auch sein möge – er mache

auch blind für die Besonderheiten der

Gegenwart, für das Drama zwischen

Fortschritt und Moderne. Nichtwestliche

Zivilisationen antworteten auf den

Modernisierungsdruck, indem sie ihre

kulturelle Erbmasse mobilisierten und

radikalisierten. Und so verberge sich in

den Ausbrüchen religiöser Gewalt auch

viel Wut über empörende Ungerechtigkeit,

über die ungleiche Verteilung von

Macht und Wohlstand, überhaupt über

den „Sozialdarwinismus der Weltpolitik“.

- Thomas Assheuer

(Auszug aus dem Tagungsbericht „Kam so die

Gewalt in die Welt?“, Die Zeit 10.07.2008)


Dialog im Wandel

Zur Kultur- und Religionsgeschichte

Indiens (gelegentlich als Mutterland der

Religionen, Religiositäten und der Religionstoleranz

gewürdigt) gehört auch

die Tradition der öffentlichen Erörterung

(selbst vor einem sachkundigen Schiedsgericht

oder dem Herrscher), eine Weise

der Gelehrtendebatte über religiös-philosophischen

Fragestellungen und Themen,

wie sie z.B in den Fragehymnen

des Rigveda und den Upanishaden bereits

anklingen. Diese dialogischen

Denk- und Darlegungsweisen sind mehr

als ein freundschaftlicher Gedankenaustausch

bei einem Glas reiner Kuhmilch

(heute kann es auch Chai, indischer

Wein, Jonny Walker oder Cola sein). Die

Gelehrtendiskussion konnte sich in der

Form von Herausforderung und Gegendarstellung,

von These und Gegenthese

zu einem sachkundigen Streitgespräch

zwischen den religiösen und philosophischen

Schulen auswachsen und in einer

Art Wettkampf der Argumente um die

Anerkennung der erwiesenen Einsicht

und der Zurückweisung des nicht erweisbaren

Anspruchs vollzogen werden.

Dem Sieger einer Debatte wurde früher

einmal sogar ein besonders reiches und

ehrendes Geschenke in Aussicht gestellt.

Wie ernst die konkurrierenden Lehrpositionen

genommen wurden, bezeugen die

begrifflichen und sachlichen Differenzierungen

und Argumentationen im

überlieferten gelehrten Schrifttum Indiens.

Sie sind Zeugnisse nicht nur für den

Dialog, sondern auch für den Polylog in

der Auseinandersetzung mit mehreren

verschiedenen Schulen und Argumenten

mit Bezug auf einen Sachverhalt. Natürlich

gab und gibt es neben den gelehrten,

schulischen Dialogformen weitere wie

z.B. solche unter Beteiligung von amtlichen

Vertretern und Beauftragten und

mit einem Protokoll über gemeinsame

und verschiedene Lehrpositionen (wie

es die katholische Kirchenleitung bevorzugt).

Es gibt auch Religionsdialoge mit

weniger Formalitäten und unter Alltagsbedingungen.

Sie ergeben sich in den

vielen Bereichen der Gesellschaft und

des sozialen Lebens unter verschiedenen

Umständen (gleichsam unter Nachbarn

und Kollegen, von Mensch zu Mensch,

auf dem Markt, im Bus, bei der Hochzeitsfeier,

beim Spaziergang auf dem

Uni-Campus). Diese vollziehen sich

normalerweise nicht nach einem Drehbuch

mit vorgeschriebenen Rollen oder

nach dem Katechismus mit festgelegten

Fragen und Antworten. Dafür gehen solche

Lebensdialoge unter die Haut und

mitten ins Herz, sie begleiten einen

durch das Leben, werden Teil der Biographie.

Dann ist es nicht mehr so einfach

von „den“ Hindus, von „den“ Christen,

von „den“ Moslems zu reden. Vielmehr

bekommt der Islam konkrete Namen

wie Rahman und Fatima, der Hinduismus

hat das Gesicht von Lakshmi

oder Sunilda, und das Christentum wird

gegenwärtig in Josef, Uche, Poly-Chuks

und Maryjohn. – Einmal fragte mich ein

arabischer Diplomat in Bonn nach dem

Weg, dann kamen wir zu den Lebensumständen

und den Plänen seines Sohnes,

landeten bei „Maria“ im Islam und

in der katholischen Kirche und verabschiedeten

uns mit der Zusage, dass wir

uns nicht vergessen werden. So ist es bis

heute geblieben...

Religionsdialog in Indien

Ein Leben für den Religionsdialog in Indien

mag heute gut und gerne zu einem

Schrank voller Schals und Taschen aller

Art führen, bemerkte zu mir einmal ein

angesehener indischer Philosoph schon

vor gut zwanzig Jahren! Natürlich abgesehen

von der Publikation der Fachbeiträge

und dem strahlenden Image eines

Dialogexperten... Im Leben der einzelnen

Menschen und sozialen Gruppen, in

der Gestaltung von Politik und Gesellschaft,

bei der Durchsetzung einer Ethik

in Wirtschaft, Wissenschaft, Medizin,

bei der Sicherstellung der Rechtsordnung

und der Gleichstellung der Dalits

42

Interreligiöser Dialog

Dialog der Religionen – ein unverzichtbares

Projekt in Indien

________________________________________

Prof. Dr. Hans-Jürgen Findeis lehrt Katholische

Theologie an der Universität Bonn.

Prof. Dr. Hans-Jürgen Findeis (Bonn und Mumbai)

und Adivasi und ihren christlichen Brüdern

und Schwestern, bei der Verwirklichung

der Menschenrechte und der

Überwindung der Korruption und der

Umweltschädigung usw. sehe ich bis

heute noch keinen Erfolg des bisherigen

Dialogprozesses, der doch eine Besserung,

gemessen am Guten, Wahren und

Gerechten, zum Ziele haben sollte. Von

einem öffentlichen Diskurs der Theologen

und Philosophen der einzelnen

Schulen und Traditionen über „Gott“

und „Welt“ (um Umfang und Bedeutung

der Themenfelder allgemein anzudeuten)

kann bislang nach meinen Eindruck

nichts qualitativ Überzeugendes in der

Gesellschaft ausgemacht werden, vielleicht

mit der Ausnahme, dass sich Zeitgenossen

besonders von der Riege der

politischen Meinungs- und Stimmungsmacher

entsprechend den Umständen

und der Parteizugehörigkeit zur Trennung

oder Vermischung von Religion

und Politik äußern. Wo sind die neuen

„Ashoka-Edikt-Säulen“, die die Leitgedanken

des Dialogs unter das Volk bringen?

Zur Belastung des Dialogs und der Kooperation

von verantwortungsbewussten

Religionsrepräsentanten wird der politische

Missbrauch von Religionsangelegenheiten,

um durch Stimmungsmache

zur Erhöhung der Wahlstimmen beizutragen,

Spannungen und Konflikte lokal

und national zu schüren oder auch erhitzte

Gemüter zu beruhigen. Gelegenheiten

dazu gibt es genügend. Mit wenigen

Ausnahmen bleibt die Wirksamkeit

und Rezeption von Fachkompetenz auf

den Rahmen der jeweiligen Berufsgruppe

oder Religionskommunität beschränkt.

Welcher indische (Religions-)

Philosoph (und welche Philosophin) in

Indien vor Ort hat heute die fachliche

und öffentlich Statur wie einst Sarvapalli

Radhakrishnan, um über seinen Fachbereich

hinaus in der Öffentlichkeit der

Medien, von Politik, Gesellschaft und

Religionen ein Wort von Inhalt und

Gewicht sagen zu können und dann auch

gehört zu werden?


Und dennoch ist festzustellen: Heute ist

der interreligiöse Dialog in Indien wie

anderswo Bestandteil der Agenda vieler

– staatlicher und nichtstaatlicher – Organisationen

(auch der Politik), zumal man

weiß, dass sich unter diesem Logo

Finanzen erschließen lassen, ein national

wie international anerkanntes Profil

„gestylt“ werden kann und sich der attraktive

Weg in die internationale Dialogszene

der guten oder doch gutwillig

erscheinenden Menschen öffnet. Jeder

weiß, was Religion ist und was sie soll,

da er eine hat - oder auch keine! Jeder

Inder, jede Inderin hat Religion im Blut,

wurde mir einmal verdeutlicht. Das Indienprofil

– Land der Religionen, der

Weisheit, der Toleranz und des Friedens

– lässt sich gut einbringen. Religionen

und Religionsdialog sind „in“. Selbst

akademische Lehrer und Institute, die

einmal dem säkularen Verständnis im

mehrfachen Sinne folgten und positivistisch

alles Religiöse ein- und ausklammerten,

haben nun – nach der Beheimatung

religiöser Zeremonien und religiöspolitischer

Ideologien auf dem Campus

und dank der ersten Einladungen als Religionsrepräsentanten

ins Ausland – ein

gutes Wort für die Einführung des interreligösen

Lehr- und Forschungsinhalts

ins akademische Programm. Doch unter

welchem akademischen Label soll für

das Studium des „Dialogs der Religionen“

akademische Würden verliehen

werden können? Und wer bestimmt den

Syllabus, wer die Lehrenden? Kann man

die Sache der Religionen und ihr Zusammenwirken

den Religionen selbst

entziehen? Sollen alle Religionen oder

Religionsformen ihre Departments, Sektionen,

Professuren haben? Können sich

die Religionen gleichberechtigt in eigener

Sache nun auch in eigener Verantwortung

im Forum der akademischen

Wissenschaften etablieren, nachdem es

kaum gelang, Religionswissenschaft,

vergleichende Religionsgeschichte oder

Religionsphilosophie (bzw. „Philosophie

und Religion“) oder vergleichende

Ethik als Standarddisziplinen an den

staatlichen Universitäten einzuführen.

Immerhin gibt es schon hier und da Departments

und Chairs für Buddhismus,

Jainismus, Christentum usw. Doch abgesehen

von derartigen Fragen und Überlegungen,

die es wert sind, im indischen

Kontext bedacht und umgesetzt zu werden,

gibt es einen Trend, der auf die

Bedeutung der „Religionswelle“ in Indien

hinweist. Denn so mancher Naturwis-

senschaftler, positivistische Philosoph,

marxistische Ökonom oder Staatsbürokrat

hat auf einen weiteren Studiengang

(in Religion und Philosophie) verzichtet

und seine Pensionierung genutzt, um ein

wichtiges Wörtchen bei den Religionen

und Werten mitzureden. Die zahlreichen

Buchveröffentlichungen in Indien zu

religiösen und philosophischen Themen

aus den Federn von Pensionären (bes.

außerhalb der Kultur- und Geisteswissenschaften)

belegen, dass sich hier eine

neue Perspektive für religiöse und philosophische

Literatur im Dialog mit den

Problemen der Welt und mit den religiösen

Traditionen eröffnet. Hier geschieht

das, wofür die Religionsvertreter selbst

Zeit und Ausbildung nutzen sollten. Es

wäre gut, wenn die z.T. im autodidaktischen

Eifer für die gewonnene Einsicht

und der apologetisch vorgetragene Anspruch

auf die objektive, wissenschaftlich

gesicherte Wahrheit für eine religiöse

oder religionsphilosophische Position

in den Dialog der Religionen, Philosophien

und Wissenschaften (bes. Naturund

Geschichtswissenschaften) eingebracht

werden könnte, um den hypothetischen

Charakter und die sachliche

Grundlage mancher popularisierenden

Darstellung zu überprüfen. So manche

wissenschaftliche Absicherung könnte

sich als Fußangel erweisen, und nicht

jeder heiligende und Autorität sichernde

Ehrenname schützt vor „Irrungen und

Wirrungen“.

Hindernisse

In früheren Jahrzehnten war es oft ein

mühsames Unternehmen, eine Dialoginitiative

in Gang zu bringen, dafür einen

Ort und Rahmen zu finden, Menschen

am Ort für die Mitarbeit zu gewinnen

und dafür zu sorgen, dass das Anliegen

öffentlich wahrgenommen wird. Die

lokalen, situationsbezogenen Dialoge

konnten zu einer herausfordernden und

nicht immer glückenden Aufgabe für

alle Beteiligten werden. Vorurteile, traditionelle

Abgrenzungen und Vorbehalte,

unvorhersehbare, aber plötzlich auftretende

Konflikte zwischen Kommunitäten,

der Mangel an Erfahrung und

Vorkenntnis für die Gestaltung eines

derartigen Miteinanders, die Zurückhaltung

bei schwierigen familiären, beruflichen,

politischen u.a. Verhältnissen

konnten hindernd wirken. Traditionelle

Verhaltens- und Ordnungsmuster der

Gesellschaft konnten Dialogbereite und

ihren familiären Umkreis belasten und

zu überraschenden Rückzügen und apo-

43

Interreligiöser Dialog

logetischen bis fundamentalistischen

Denk- und Verhaltensweisen führen. Wo

es aber gelang, wenigstens für eine begrenzte

Zeit, den Dialogprozess in Gang

zu halten und mit großer Geduld zu erneuern,

wurde das gemeinsame Bemühen

zu einer befreienden und verbindenden

Erfahrung. Diese z.B. in Varanasi

gemacht zu haben, verdanke ich neben

anderen dem Jesuitenpater und Indologen

Ignatius Puthiadam und seinem

Zentrum. Viele Ausländer, die multiund

interreligöse Religionserfahrung auf

eigene Faust und wirklichkeitsnah

machen wollten, fanden in ihm einen

kundigen und kritischen Beistand.

Heute tritt an die Stelle der einzelnen

Wegbereiter das Dialogmanagment, das

nicht in jedem Fall über langjährige Erfahrung

des interreligiösen Miteinanderlebens

in einem begrenzten Bereich verfügt,

aber die Szene kennt, die Namen

und Kompetenzen in der Datei abrufbereit

vorhält und Symposien organisiert.

Hier zeigt sich die Notwendigkeit eines

soliden Religions-, Kultur- und Gesellschaftsstudiums

verbunden mit einem

Vielfalt macht Angst

Nahezu die Hälfte der

Deutschen fürchtet kulturelle

Pluralität

Fast die Hälfte der Deutschen nimmt

kulturelle Vielfalt einer Studie zufolge

als Bedrohung wahr. 44 Prozent

der Westdeutschen und 43 Prozent

der Ostdeutschen hätten in einer repräsentativen

Umfrage über religiöse

Pluralisierung angegeben, dass

sie sich durch fremde Kulturen bedroht

fühlen, teilte die Universität in

Viadrina in Frankfurt an der Oder

mit. Dies sei mehr als in vielen anderen

Ländern Europas. Die Furcht vor

dem Konfliktpotenzial religiöser

Vielfalt und vor dem Verlust der eigenen

kulturellen Fundamente durch

fremde Einflüsse sei dabei in gleichem

Maß bei religiösen wie bei religionsfernen

Menschen zu finden,

hieß es weiter. Die Ergebnisse stammen

aus einer Umfrage im vergangenen

Jahr im Rahmen des Forschungsprojektes

„Kirche und Religion

im erweiterten Europa“. Epd

(Quelle: Frau und Mutter 2/2008)


längeren Praktikum unter der Anleitung

dialog- und lebenserfahrener Betreuer

vor Ort. Ein Diplom- oder Master-Dialogiker

wird man nicht in „30 Tagen“. Um

den Dialog der Religionen zu unterstützen

und die Mitwirkungsmöglichkeiten

zu fördern, bedarf es der wissenschaftlichen

Begleitung und Forschung und der

entsprechenden Ausbildung in den Religions-

und Theologiestudien in Verbindung

mit weiteren theoretischen und

praxisorientierten Disziplinen mit

Schwerpunkt auf Interkulturalität und

Interreligiosität, das alles aber in einem

multireligiösen und multikulturellen

Ambiente. Voraussetzungen dafür gibt

es in Indien, aber auch in Europa, Amerika

z.B.

Neben der Einführung von Konversionsexperten

(als gesteuerte Gegenkräfte zur

christlichen Mission) in der politischreligiöse

Szene Indiens bemüht man nun

Dialogexperten um Beobachtung und

aktive Mitbestimmung bei den Begegnungen,

wo doch die bescheidene Minderheit

der christlichen Kirchen mit

ihren Ressourcen und Kompetenzen so

lange außer Konkurrenz das Feld besetzen

konnte. Konversions- wie Dialogexperten

können mit entsprechender religiös-politischer

Ideologie und logistischer

wie lokal-politischer Unterstützung

zu einer Phase des konfrontativen

Dialogs überleiten, um dem Einfluss der

christlichen Sozial-, Bildungs- und Missionsarbeit

entgegenzuwirken. Das Management

von Dialog-Events mit VIP-

Dialogikern löst bei überregionalen und

internationalen Veranstaltungen Dialogspiritualitat

und bescheidene, lernbereite

Dialogexistenz inmitten der Menschen

vieler Kulturen, Gesellschaften und Religionen

Indiens und der Welt ab. So

manchen Pionieren des Dialogs wäre es

wohl nicht so leicht gefallen, an solchen

Ereignissen der Veräußerlichung des Argumentierens,

Proklamierens, Postulierens

und Harmonisierens teilzunehmen.

Lässt sich über Religiöses interreligiös

in einer Weise sprechen, als wenn man

angesichts einer konkurrierenden Produktpalette

auf dem globalen Markt

möglichst ansprechend aus Anlass einer

Fachmesse sein eigenes Exklusivmodell

schon der nächsten Generation vorstellte?

Alle haben Mängel, wir haben die

Zukunft!

Es wird erkennbar, dass an die Stelle der

überkommenen Religionsinstitutionen

und bewährten Traditionen verstärkt

Spiritualitätsbewegungen mit ihren eigenen

flexiblen und globalen Organisationsformen,

Wirkungsstrategien und

Medienpräsentationen treten, die den

„Markt der Religionen“, die Bedürfnisse

der Menschen, den Dialog und den gelegentlich

konsumhaften Umgang mit Re-

Was hat Spiritualität mit Menschenführung

zu tun? Wer ist überhaupt ein

Führer? Wir erwarten von einem Führer,

dass er die Fehler der Vergangenheit

nicht wiederholt. So lange ein

Führer nur auf physischer und intellektueller

Ebene arbeitet, ist er ein

schwacher Führer, da sein Körper und

Geist an die Vergangenheit gebunden

sind. Sein Geist funktioniert auf der

Basis der Information aus der Vergangenheit.

Wir erwarten von einem Führer,

dass er etwas schafft, was die anderen

nicht wahrnehmen konnten.

Wenn diese Wahrnehmung auf die Sinnesorgane

begrenzt ist, sieht er nichts

Neues. Keine neuen Möglichkeiten tun

sich auf.

Im vergangenen Jahrhundert haben

wir viel mehr erreicht, als wir in den

vergangenen 10000 Jahren erreichen

konnten. Aber trotz all dem tappen wir

immer noch im Dunkeln. Wir tun heute

etwas und bedauern es 25 Jahre später.

Der Grund liegt darin, dass wir das

Leben nicht richtig bewusst wahrnehmen.

Unser ganzes Verständnis des

Lebens kommt von unserer logischen

Vernunft, die anhand von begrenzter

Information arbeitet. Die logische Vernunft

reicht nicht aus, um die nichtphysischen

Dimensionen des Lebens

wahrnehmen zu können. Wenn ein

Führer sein eigenes Leben nicht über

seinen Körper und Geist hinaus erleben

kann, wird er keine neue Chance

für die Menschheit schaffen können.

Im Klartext: Ohne ein spirituelles Element

in seiner Persönlichkeit ist ein

Führer in der richtigen Durchführung

seiner Aufgaben erheblich benachteiligt.

Ein Führer ist ein Mensch, der mit dem

Schicksal der Masse spielt. Er wird

deshalb ein Führer, weil er die Umstände

auf das gewünschte Ziel hin

44

Interreligiöser Dialog

ligion entdeckt haben. Das Paketangebot

von Heil und Heilung, von Karriereerfolg

und Stressüberwindung durch meditatives

Atmen (z.B.) bringt Massen in

Bewegung. Die stimmige Kurzformel

macht’s. So reihen sich die Spiritualitätsorganisationen

mit ihren Dialogof-

Menschenführung im 21.Jahrhundert

Mit Spiritualität geht es besser

steuern kann. Aber dies wird nur dann

möglich sein, wenn der Führer selbstbeherrscht

ist. Es ist äußerst wichtig,

dass ein guter Führer frei von äußeren

Einflüssen bleibt. Menschen geraten

nicht wegen fehlender Moral und Ethik

in Krisen, sondern weil die wesentlichen

Vermögen ihrer Körper, nämlich

Geist und Gefühle, den Anweisungen

von Moral und Ethik nicht folgen. Sie

reagieren nur auf die Umwelt, auf

äußere Umstände.

Führung erfordert Umgang mit komplexen

Personen und Situationen.

Wenn ein Führer kein spirituelles Fundament

hat, kann er bei diesem Umgang

total versagen. Dies passiert deshalb,

weil er nicht weiß, wie man Systeme

handhaben soll. Man kann vom

Inneren her die Systeme nur dann

handhaben, wenn man Zugang zu dem

eigentlichen Ursprung, Urgrund, der

Quelle des Körpers und des Lebens

hat. Spiritualität bedeutet, Zugang zum

Wesentlichsten der menschlichen Persönlichkeit

zu schaffen, zum Wesentlichsten

des menschlichen Lebens zu

gelangen. Sie bedeutet in das Innerste

zu schauen.

Zurzeit überlassen wir den Wohlstand

von Menschen und Gesellschaften eher

dem Zufall. Oder Glücksfall. Dabei

wird das Wesentlichste in Menschen

vernachlässigt.

Es wird zunehmend festgestellt, dass

vermehrter Wohlstand kein wahres

Glück mit sich bringt. Eine Führung

ohne spirituellen Gehalt kann dieser

Situation nicht tatkräftig entgegenwirken.

- Sadhguru Jaggi Vasudev

Übersetzung und Bearbeitung : Thomas Chakkiath

(Quelle: India Today, 31.3.2008)


ferten gut in die sich entwickelnden Dialog-NGOs

ein. Noch nicht genügend

bedacht sind Funktion und Wirkung der

parallel laufenden „Religionsmonologe“

in den zahlreichen internationalen

„Faith“ und „Spirituality“ TV-Programmen

auf nationaler und internationaler

Ebene. Diese werden durch Teilnehmer

vor dem Bildschirm in den Dialog gebracht,

die von einem Kanal zum anderen

zappen und so ihre eigene mediengestützte

Spiritualität synthetisieren (hier

Rosenkranz, eucharistische Anbetung,

da Puja oder virtuelles Bad im Ganges,

dort Mekka-Pilgerschaft und Koranrezitation,

schließlich noch von Swamiji eine

Bhagavadgita-Interpretation...) oder

sich am Dialog-Chat im Internet weltweit

und über alle Religionsgrenzen hinweg

zu jeder Tages- und Nachtzeit beteiligen

und sich hier und da einiges an

Religion, Vegetarismus, Astrologie und

Trance-Sound herunterladen.

Medienpräsenz von Religion

Gerade im Kontext der Globalisierung

indischer Religionstraditionen und religiöser

Kommunitäten hat die Medienpräsenz

von Religion eine besondere

Bedeutung. Sie trägt zur Identitätssicherung

bei und ersetzt pastorale, religiöspsychologische

Betreuung angesichts

der Diasporasituation der indischen Migranten

in den verschiedenen kulturellen

gesellschaftlichen Kontexten. Es stellt

sich hier die Frage, welche Einübung in

den interreligösen Dialog die einzelnen

Religionen und religiösen Bevölkerungsgruppen

ihren Anhängern bzw.

Mitgliedern vor Ort in der indischen und

ausländischen Diaspora anbieten und

wie sie den Menschen das dialogische

Miteinander-Leben und -Erleben konkret,

z.B. aus Anlass von Festen oder

Familientreffen, in den Schulen oder

Gemeinden ermöglichen. Fremdheitsund

Ausgrenzungserfahrungen auch aufgrund

von Religions- und Kulturdifferenz

können nicht nur das Leben außerhalb

Indiens belasten. Diaspora gibt es

in Indien reichlich! Ausgrenzung, Diskriminierung,

Benachteiligung und Verfolgung

ebenso. Deshalb die kleinen und

großen Anhängerkreise der Spiritualitätsgurus

als Lebensberater, therapeutische

Supervisors und Identitätsstifter.

Die Diasporasituation mit ihren Schwierigkeiten

und Chancen ist heute eine

wichtige Rahmenbedingung für den Beginn

bzw. Intensivierung des Dialogs

unter den Migranten und dieser mit der

Majoritätsbevölkerung bzw. Majoritäts-

kultur und -religion. Auch die christliche

Auslands- und Ausländerseelsorge sollte

sich stärker um den religionsdialogischen

Aspekt der Begleitung in ihrem

Aufgabenbereich kümmern.

Religionsdialog hat heute viele Formen

im indischen Kontext angenommen.

Nicht übersehen werden darf dabei die

Einbeziehung aller göttlichen und

menschlichen „Heiligen“ und „Mächtigen“

z.B. in die politische Werbung und

Selbstdarstellung. Die Gurus der Politik

und der Wirtschaft und die Gurus der

Religion kommen sich immer näher.

Diese Tendenz hat die BJP-Ära deutlich

verstärkt und genutzt. In Mumbai City

liegen die farbigen Glanzbilder von

Jesus, Mutter Teresa, Krishna, Siva und

Shivaji, Ambedkar und Gandhi, Netaji

und Nehru, Buddha und Marx gut sortiert

neben und über einander, in Kalkutta

hängen Marx, Engels, Stalin, Buddha

und Netaji an der Wand. Die Straßenplakate

der politischen Parteien werden zu

einem öffentlichen politisch-religiösen

Beitrag der Religionspräsenz, an dem

sich beinahe alle politischen Gruppierungen

beteiligen, wie sich auch religiöse

Symbolik und Ausdrucksweise in die

Werbung für Unternehmungen und Konsum

eingeschlichen haben. Hier wird

religiöses Symbolgut als unterstützender

Faktor z.B. der politischen „Message“

vermarktet, ohne dass nach dem Copyright

der Religion gefragt wird. Bedeutet

das vielleicht, dass das vorgegebene

Verständnis des Dialogs, für den die verantwortlich

sind, deren eigentlichste

Sache auf dem Plan steht, vielfach

bereits gesprengt und erweitert worden

ist? Übernehmen die Politiker, die sich

zum Ausweis ihrer Qualität Ga-nesha,

Shivaji, Phule, Ambedkar, Buddha oder

Gandhi an die Seite stellen und bei einer

Konferenz über Buddha, die Veden oder

die Bhagavadgita das große Wort tiefer

Einsicht führen, in Zukunft auch die

Produktgarantie für die Religionen?

Haben sich Religionen bzw. religiöse

Bewegungen den veränderten Bedingungen

der Kommunikation und der

Marktdynamik schon angepasst und ihre

Verantwortung und ihre Selbständigkeit

preisgegeben. Wer über Macht (der Politik,

der Ökonomie, des Wissens) verfügt,

beansprucht auch das Sagen in den

Religionen. Auch Religionen können einen

Markt haben, sie müssen nur marktgerecht

sein. Davon wissen die Tempel

Trusts ihr Lied zu singen. Religion kann

für viele Zwecke nützlich sein. Warum

45

Interreligiöser Dialog

nicht gleich den Dialog der Religionen

wie den Vollzug der Religionen in die

Hand von Marktanalysten und Sponsoren

geben?

Doch mit Ernst bedacht: Vielleicht sollte

man Tempel, Kirche, Moschee (usw.)

mieten und für Menschen anbieten, die

einfach in Frieden und Ruhe (vielleicht

mit dem schweigenden Gott und dem

schweigenden Nächsten) einen Moment

dasein möchten! Die alte Mumbaier St.

Thomas Cathedral nimmt übrigens

schon diese Funktion für die Bank- und

Börsenleute und für die Touristen wahr...

Solche Überlegungen können wohl nur

einem Dialog-Nostalgiker der alten

Schule kommen, der mit seiner Sammlung

von Dialog-Schals und Konferenz-

Taschen zufrieden ist und auf weitere

Dialog-Accessoires mit entsprechenden

Logos zu verzichten bereit ist, aber nicht

auf die Menschen der vielen, vielen

Glaubens- und Unglaubensformen!

Das Dialog-Erbe Indiens braucht

Zukunft

Seit den Zeiten, als Indien seine unverwechselbare,

zu behauptende und aufzufrischende

Identität im Ringen um die

politische und kulturelle Vormacht gegenüber

den Ansprüchen der Kolonialherrschaft

bestimmte, griff man das

Leitmotiv der indischen Religionstoleranz

auf. Dabei befand man sich im Einverständnis

mit europäischen Indienkundigen

und Religionsforschern. Besonders

machtvolle Vertreter religiöser

Toleranz wurden als Vorbilder herausgestellt

und auch heute noch gerne bei passenden

Gelegenheiten in Erinnerung gerufen:

Ashoka und Akbar! Der erste bekannt

als zu Buddhas Dhamma bekehrter

Großkönig der hinduistischen

Maurya-Dynastie (3. Jh. vor Chr.) und

Meine Welt

ist im Internet

Ab sofort sind die alten Ausgaben

von MEINE WELT (seit ihrer Gründung

im Jahr 1984) im Internet

abrufbar und herunterzuladen. Unter

www.caritasnet.de >unsere Arbeit

>Integration und Rehabilitation

>Migration >Deutsch-Indischer

Dialog >Zeitschrift Meine Welt sind

gegenwärtig alle Ausgaben bis 2004

abgelegt. Jüngere Ausgaben werden

folgen.


Förderer der buddhistischen Indien-Mission

(statt Eroberung durch das blutige

Schwert „Eroberung durch die Lehrprinzipien

des Buddha“), der andere ein

muslimischer Großherrscher, dessen Art

von Islamtreue den orthodoxen Religions-

und Rechtsgelehrten problematisch

wurde. Beide haben durchaus auch

Ruhm erlangt durch den Einsatz der

ihnen verfügbaren militärischen und

diplomatische Macht. Zu Idealen wurden

sie jedoch durch ihre jeweils charakteristischen

Methoden, mit friedlichen

Mitteln (bes. der Kommunikation)

den Weg der Verständigung, der Förderung

religiös-philosophischer Wahrheit

und der ethischen Wahrhaftigkeit und

Lauterkeit in friedvoller Ordnung zu

gehen.

Viele vor ihnen und nach ihnen haben

sich dem Dialog der Religionen und

dem religiösen oder philosophischen

Lehrdialog verschrieben. Es handelt sich

dabei nicht nur um einen innerindischen

Dialog, sondern oft auch um einen Dialog

mit denen, die eine unbekannte Religion

und Philosophie nach Indien mitbrachten.

Einen Grenzen überschreitenden

Dialog gingen und wiesen vor allem

die Mystiker vieler religiöser Traditionen

in Indien. Insbesondere seit dem 19.

Jh. gibt es eine Reihe von beachenswerten

modernen Dialogansätzen in den Religionen,

die zu Reformen, Erneuerungen

religiöser Überlieferungen und zu

weiterführenden Sichtweisen und veränderten

Verhaltensweisen beigetragen

haben (z.B. in der bengalischen Renaissance

des Hinduismus). Vivekanandas

(1863–1902) erfolgreiche Mission für

die Vedanta Bewegung im Westen und

sein triumphaler Empfang daheim haben

fast mythische Größe erhalten. Ramakishna

(1836–1886), sein Lehrmeister in

Kalkutta, bedurfte keiner weiten Reise,

nur einen kurzen Weg nach Innen, um

am Geheimnis großer Religionen und

Religionsstifter teilzuhaben. Nicht nur

die Religionen und Traditionen des Hinduismus

haben durch Begegnung und

Austausch gewonnen, auch andere Religionen,

Kulturen und Gesellschaften in

Indien und außerhalb. Die indische

christliche Gemeinde der Thomas-Christen

lebte die eigene religiöse Tradition

als Teil der indischen Religionswelt im

Austausch mit der mesopotamisch-persischen

Kirche und inmitten gesellschaftlicher

und kultureller Traditionen

Südindiens seit frühchristlicher Zeit,

ähnlich das Judentum mit seinen indi-

schen Eigentümlichkeiten. Die Portugiesen

taten sich etwas schwer zu lernen,

dass die hinduistischen Religionsformen

nicht dekadentes Christentum darstellten

und indisches alt-orientalisches

Christentum nicht durch den Hinduismus

verdorben wurde und deswegen im

Grunde auch der reinigenden Rückführung

auf den wahren Weg nicht bedurft

hätte. De Nobili (Italiener), B. Ziegenbalg

und Arnos Padri (beide Deutsche)

und andere haben ihr Verständnis

des Christentums in der Begegnung mit

dem Hinduismus Südindiens reflektiert

und ihre Sicht Hindu-Indiens und des

Christentums nach Europa vermittelt.

Die ihr Beispiel weitergeführt haben,

konnten im 20. Jh. den religionsdialogischen

und religionsökumenischen Ansatz

in der Begegnung des Christentums

mit den außerchristlichen Religionen

(z.B. über das 2. Vaikanische Konzil)

fruchtbar werden lassen.

Doch erst jetzt – nach Zeiten bewusster

Ausklammerung aus der indischen Wissenswelt

der Indologie – macht man die

Missionare wie Ziegenbalg zum wissenschaftlichen

Projekt, hoffentlich im dialogischen

Geist unter Beteiligung der

Nachkommen der Missionierten und

Nicht-Missonierten. Hindus haben ihre

46

Interreligiöser Dialog

Traditionen in der Begegnung mit dem

westlichen Christentum und philosophischen

Denken bedacht und Reformen

verschiedener Art und in verschiedene

Richtungen eingeleitet: Mahatma Gandhis

Hingabe für die Wahrheitssuche und

die Gewaltlosigkeit ist ohne die Synthese

verschiedener religiöser und geistiger

Impulse aus Indien und der westlichen

Welt nicht verständlich. Gleiches gilt für

Dr. Babasaheb Ambedkar (1891–1956),

den Befreiungspionier der Dalits und

den Initiator des Neo-Buddhismus in Indien.

Er kannte Europa, Nordamerika

und Südasien und studierte den Beitrag

der Religionen zur gleichen Würde der

Menschen, um – wie einst Moses in

Ägypten – die Dalits aus den Fesseln des

Brahmanismus zu befreien. S. Radhakrishnan

(1888–1975), der indische Philosoph

von Oxford, ist einer der großen

Vermittler zwischen der indischen und

europäischen Philosophie- und Religionsgeschiche.

Christen im interreligiösen Dialog

In den letzten Jahrhunderten sind in den

Dialog der Religionen und religiösen

Kommunitäten auch Christen mit

großem Engagement eingetreten. Christliche

Priester und Gottsucher sind aus

dem Westen gekommen und haben bei-

Brauchen wir multireligiöse Feiern?

Deutsche Katholiken sollen künftig nicht mehr gemeinsam mit Vertretern anderer

Religionen beten, haben die Bischöfe entschieden. Einige Kontinente-Leser

finden das richtig, viele andere sehen darin ein falsches Signal.

Zwei Meinungen

Weder Fisch noch Fleisch! Beschämend!

Wir Christen in Deutschland befinden

uns in einer Krise der Sinnhaftigkeit,

des Selbstverständnisses, der Standörtlichkeit.

Wir sind allzu oft weder

„Fisch noch Fleisch“ in Position zu

Glaube, Gott und Überzeugung. Können

da multireligiöse Feiern weiterhelfen?

Ich meine gerade nicht, bei allem

Respekt vor gelebter und empfundener

Überzeugung. Wir verwischen die

Konturen und die Verschiedenheiten

der Glaubenstraditionen und der

Glaubensinhalte mehr als wir gewinnen.

- Hubertus Freiherr von

Fürstenberg, Olsberg

Die Stellungnahme der Bischofkonferenz

hat mich schockiert. Sie zeugt von

einer Angst und Enge, die für Christen

und insbesondere sogenannte Hirten

beschämend ist. In einer Welt, die

immer mehr zusammenwächst, und in

einem Land, in dem es bereits jetzt ein

Vielzahl von multireligiösen Familien

gibt, ist es dringend notwendig, multireligiöse

Gespräche, Treffen, Feiern

und insbesondere Gebete zu veranstalten.

- Margit Spaniel, Saarbrücken

(Aus: Kontinente, Juli-August 2008)


spielsweise in der Begegnung mit indischen

religiös-philosophischen Weisheitstraditionen,

weisen Asketen und

Menschen ihrer unmittelbaren indischen

Umwelt ihren eigenen Weg und Glauben

neu erschlossen und gelebt, manche sogar

in romantischem Enthusiasmus. Nur

an wenige kann erinnert werden: Père

Monchanin, Père Abhishiktananda le

Seaux, Father Bede Griffith (alle mit

Shantivanam in Tamilnadu verbunden),

Father Francis Acharya von Kurishmala/Kerala,

Sr. Sara Grant (Bombay-

Pune), die die christliche Theologie und

Philosophie eines Thomas von Aquin im

Dialog mit der Philosophie Shankarcharyas

im ökumenischen Kontext neu

zu durchdenken und zu formulieren

suchte, Raimundo Panikkar (der von

Rom aufbrach, um in Indien den unbekannten

Christus im Hinduismus zu entdecken

und in Kalifornien die christliche

Spiritualität des Westens in die Begegnung

mit den Grundfragen und Grundantworten

asiatischer Religionen führte)

oder Mutter Teresa, beispielhaft mit

ihren Mitschwestern in selbstloser Hingabe

an Leidende und Sterbende ohne

Rücksicht auf Privilegien, Stigmatisierungen

und Diskriminierungen. Im gleichen

Sinne eine große Zahl christlicher

Inderinnen und Inder wie z.B. Brahmabandhav

Upadhyaya, der die Advaita-

Vedanta-Philosophie für Verständnis

und Auslegung des christlichen Glaubens

anwandte; A. J. Appasamy, der das

Johannesevangelium aus der Perspektive

der Bhakti-Tradition las; Sr. Vandana

Mataji, die als konvertierte Parsin das

Glaubensgeheimnis in der Abgeschiedenheit

der Hindu-Asketen in Rishikesh

meditierte. Alle die in den Religionsbzw.

Glaubensdialog eingetreten sind,

haben erfahren, dass dieser seine Rückwirkungen

hat. Er kann nicht von einem

selbst kontrolliert, von einer Institution

reguliert und nicht von einer einzigen

Person ausgeschöpft werden.

Hat lange Zeit die spirituelle Dimension

der Religionen und der Religionsbegegnung

den Dialog (bes. der Priester, Nonnen)

bestimmt und die christliche

Ashrambewegung den meditativen Rahmen

intensiver Begegnung geboten, so

kommt es in der Gegenwart entscheidend

darauf an, das benediktinische

Leitprinzip „Bete und arbeite“ auch in

den Dialog einzubringen und es in die

Form verändernder Praxis der Religionen

im alltäglichen Leben und vor allem

in Solidarität mit Menschen in Not,

Sorge, Unterdrückung und Verfolgung

zu verwirklichen. In diese Richtung

weist die Entgrenzung des Dialogs und

seine Befreiung von der Vorherrschaft

der einseitigen brahmanischen religiösphilosophischen

Perspektive. Eine neue

Dimension des interreligiösen Dialogs

ergibt sich für die christliche Gemeinde

durch die dialogisch anerkennende und

ermächtigende Gemeinschaft mit den

Dalits und Adivasi, mit den Marginalisierten

und Subalternen. Dieser Schritt

eröffnet weitere Perspektiven für eine

Intensivierung der dialogischen Begegnung

zwischen den sog. Minderheitenreligionen

und -kulturen und für eine weiter

ausgreifende kritische Solidarität der

Religionen in den Zukunftsfragen der

Politik, der Gesellschaft, der Ökonomie,

der Erziehung, Wissenschaft und der

Ethik.

Der Dialog der Religionen erfüllt sich

nicht mit dem Vortrag von theologischen

und philosophischen Lehrinhalten. Er

bleibt auf Dauer nur dort sinnvoll, tragfähig

und kreativ, wenn er konkret,

lebenspraktisch und kritisch wird. In

Indien erweist er sich als stark und wirksam,

wenn er seinen Beitrag dazu leistet,

dass die Menschenrechte und die indische

Verfassung ohne Wenn und Aber

für alle Menschen, alle Religionen und

Kulturen auf gleiche Weise in Geltung

sind. Der Dialog der Religionen schließt

deshalb um der eigenen Wahrheit und

Wahrhaftigkeit der Religionen willen,

wegen ihrer unverzichtbaren Verantwortung

für die Verwirklichung des Lebens-

Den Studenten ist die Welt nicht egal,

sie versuchen bloß, sie anders zu retten

als ihre Eltern und Lehrer – in jenem

abgegrenzten Raum, in dem sie glauben,

wirklich etwas ausrichten zu können:

in der Partnerschaft, in ihrem

Umfeld. Ausgerechnet die Generation,

der Karriere nicht mehr so wichtig ist,

überträgt ökonomisches Effizienzdenken

auf ihr eigenes Leben; der eigene

Input soll zum maximalen Output

führen.

Man könnte das „effizienten Idealismus“

nennen: Es ist nicht nur eine Gesinnungssache,

die Kinder gut zu erziehen

oder weniger im Büro zu sitzen,

es verändert auch etwas. Weltfrieden

47

Effizienter Idealismus

Interreligiöser Dialog

sinns des Menschen in Würde und

wegen des solidarischen Beistands für

alle Menschen und alle lebendigen

Wesen gegenwärtig in besonderer Weise

den Einsatz für die Wahrung der Menschenrechte

und die Verfassungstreue

des Staates, seiner Organe, der politischen

Parteien und ihrer Mandatsträger

ein. Auch der Schutz der Um- und Mitwelt

und damit der gesunden Lebensbedingungen

gehört zum Inhalt und zur

Aufgabe des Religionsdialogs. Dieser

wird unverantwortlich, wenn er der Verantwortung

der Religionen für Wohl und

Heil der Menschen nicht in der Öffentlichkeit

von Gesellschaft und Staat gerecht

wird. Er ist ein Beitrag zum Dienst

der Befreiung des Menschen von sich

und jeder Macht, die nicht in den Dienst

der Bedürftigen und Machtlosen gestellt

wird und die Starken nicht der Kontrolle

und Kritik der Schwachen unterwirft.

Die Religionen sollten nicht dazu dienen,

Gott oder die Götter ins Spiel zu

bringen, um den Menschen von seinen

Vergehen am Mitmenschen und an der

Mitwelt zu entschuldigen und die Kritiker

von Missständen und Fehlentwicklungen

zum Schweigen zu bringen. �

und Gerechtigkeit für alle zu fordern

kann dagegen wohlfeil wirken.

Könnte es sein, dass effizienter Idealismus

auf Dauer wirkmächtiger ist als

ostentatives Vertreten hehrster Ziele?

Wenn eine Generation den Beruf nicht

über das Privatleben stellt: Humanisiert

das die Arbeitswelt nachhaltiger

als Demonstrationen? Vielleicht ist der

effiziente Weg, die Welt zu verändern,

nicht der lauteste. Mithin setzen die

Studenten ein Konzept um, das von woanders

vertraut klingt: Das Private ist

politisch. Wer sich um die Studenten

sorgt, hat sie nicht verstanden.

(Aus: „Die Studenten haben neue Werte“ Die

Zeit. 7.8.2008)


Rezension

„Gott ohne Form ist wahr und

Gott mit Form ist wahr“

Sri Ramakrishna: Gespräche mit seinen Schülern. Aus dem Bengalischen übersetzt

und herausgegeben von Martin Kämpchen. Verlag der Weltreligionen 2008, 413

Seiten.

Als der westlich gebildete Lehrer Mahendranath

Gupta im Frühjahr 1882

eher aus Neugier einen „sonderbaren

Heiligen“ im Kali-Tempel von Dakshineswar

bei Kalkutta besuchte, geriet

sein westlich-rationalistisches Weltbild

unversehens ins Wanken. Das hatte

ungeahnte Folgen, denn als Gupta einige

Jahre später Aufzeichnungen von

Gesprächen Sri Ramakrishnas mit ihm

und anderen „Schülern“ veröffentlichte,

fand er nicht nur in Indien, sondern

auch in Europa und den USA Leser,

denen die traditionellen religiösen Antworten

auf ihre Fragen nicht mehr

genügten. Auch der Verfasser dieser

Zeilen gehört zu denen, die diese

„Gespräche“ in geistiges Neuland damit

zu einer neuen Selbsterfahrung und

einem erweiterten Verständnis des geistigen

Lebens geführt haben.

Doch der Reihe nach: Ramakrishna

fragte damals den zuerst ziemlich überheblich

auftretenden Gupta unvermittelt:

„Nun, glaubst du an Gott mit Form

oder an Gott ohne Form?“ Westliche

Be-sucher hätten eine solche Frage

wohl als Aufforderung zum Beginn

einer langen wissenschaftlich-religiösen

Diskussion aufgefasst. Für Gupta muss

aber schon die Art der Fragestellung

eine Provokation gewesen sein, bedenkt

man, dass in Kalkuttas Bildungsschicht

schon seit 50 Jahren eine immer einflussreichere

Ge-meinschaft sich ausbreitete,

die sich „Brahmo Samaj“

nannte. Unter dem Einfluss von Christentum,

Rationalismus und Wissenschaft

sollten Vielfalt und Widersprüchlichkeiten

des traditionellen Hinduismus

durch eine einheitliche Verehrung

des „einzigen Brahma, neben dem kein

Zweiter ist, dem Ewigen Wesen, das

unzugänglich, unbeweglich und der

Urheber sowie Erhalter des Weltalls

ist“, ersetzt werden. Zu den überlieferten

und volkstümlichen Formen des

Hinduismus tat sich dabei ein immer

tiefer werdender Graben auf.

Gupta bekennt sich also zum formlosen

Gott der Gebildeten, und Ramakrishna

bestätigt ihn auch gleich darin, nicht

ohne feine Ironie, um dann gleichsam

aus dem Hinterhalt seine geistige

„Bombe“ zu zünden: „Na also. An eins

zu glauben ist genug. An den formlosen

Gott zu glauben, das ist doch gut. – So

meine aber nicht, nur das sei wahr und

das andere falsch! Bedenke: Gott ohne

Form ist wahr und Gott mit Form ist

auch wahr!“ Und da es Ramakrishna

wohl bewusst war, dass es mehr als nur

dieses Gesprächs und auch noch mancher

persönlichen Erfahrung bedarf, um

diese „Wahrheit“ in ihrer vollen Konsequenz

verstehen und vor allem annehmen

zu können, fügte er hinzu: „Nimm,

woran du glaubst, und halte daran fest“,

was wohl heißen soll: „Halte dich an

eine von den beiden logisch einander

ausschließenden „Wahrheiten“ – solange

du noch nicht reif bist für die „ganze“

Wahrheit.“

Gupta ironisiert sich nun in der Rückschau

selbst ein wenig: „Das hatte er

noch nirgendwo in seinen Büchern gefunden.“

– Für uns heute gilt diese Ausrede

allerdings nicht mehr. Dass wir

Ramakrishnas Gedanken und einige Ereignisse

aus den letzten vier Jahren seines

Lebens tatsächlich in einem Buch

„finden“ können, verdanken wir eben

diesem Mahendranath Gupta, der nach

seinen nun folgenden regelmäßigen Besuchen

stets Dialoge und Szenen stichwortartig

festgehalten und ab 1896 auch

angefangen hat, diese zu „Gesprächen“

auszuarbeiten. Es entstanden fünf Bände

auf Bengali (1902 bis 1932), aus denen

später eine über tausendseitige englische

Fassung mit dem Titel „The Gospel of

Ramakrishna“ (1944) hergestellt wurde.

Diese sehr unzuverlässige und fehlerhafte

englische Ausgabe lag bisher allen

deutschen Publikationen zugrunde.

Dass wir nun auch in deutscher Sprache

einen zuverlässigen Zugang zu Rama-

48

Interreligiöser Dialog

krishnas religiösem Denken besitzen,

verdanken wir Martin Kämpchen und

dem „Verlag der Weltreligionen“.

Kämpchen hat nicht nur auf 300 Seiten

eine wohlüberlegte und sachkundige

Auswahl getroffen, die die Wiederholungen

des Originals vermeidet, seine

deutsche Übersetzung erfolgte auch

direkt aus dem Text der auf Bengali verfassten

Originalausgabe. So sind wir

Nutznießer des glücklichen Umstands,

dass sich in der Person Kämpchens ein

Kenner der bengalischen Sprache und

der indischen Geistesgeschichte mit der

sprachlichen und kulturellen Sensibilität

eines deutschen Schriftstellers verbindet.

Seine Übersetzung transportiert abstrakte

Begrifflichkeit ebenso wie anschauliche

sprachliche Bilder und die

Lakonie der Volkssprache.

Als Herausgeber hat Kämpchen alles

getan, um dem Leser das Verständnis der

Texte zu erleichtern: Er hat die einzelnen

Gespräche mit Überschriften versehen,

mit deren Hilfe man sie im Inhaltsverzeichnis

schnell wiederfinden kann;

in einigen Fällen hat er dem Gespräch

eigene Erläuterungen kursiv vorangestellt;

im Anhang finden sich Erklärungen

und Kommentare zu den jeweiligen

Textseiten; vor allem aber sorgen sehr

sorgfältige und durchdachte Begriffserklärungen

(im „Glossar“) für ein leichteres

Verständnis der im Gesprächstext

verwendeten Fachbegriffe aus dem

Sanskrit. Eine auf Wesentliches beschränkte

Darstellung von Ramakrishnas

Leben, Weltsicht und Wirken runden

den Band ab.

Es ist demnach kein allzu großes Wagnis

zu sagen, dass wir mit diesem Buch eine

für längere Zeit „klassische“ Eindeutschung

vorliegen haben und damit auch

die Möglichkeit, Ramakrishnas Geisteswelt

auf fruchtbare Weise mit der westlich-deutschen

in Verbindung zu bringen.

Es liegt nun an uns, was wir mit

diesem Geschenk anfangen.

Drei Ansatzpunkte, von denen aus man

weiterdenken könnte, möchte ich, sozusagen

als Appetithappen, nennen:

1. „Kann man mit Gott an ein Ende

kommen?“

Ein indischer Freund, der selbst aus

einer neohinduistischen Familie stammt,

hat uns immer wieder versichert: Ramakrishna

hat die Einheit des Hinduismus

gerettet. Betrachtet man die Gründung


des Brahmo Samaj und ähnlicher Organisationen

als Folge einer hinduistischen

Modernitätskrise, wie wir sie auf andere

Art in Europa im Christentum der Reformationszeit

oder heute im islamischen

Fundamentalismus feststellen können,

dann hat Ramakrishna tatsächlich einen

spezifisch indischen Weg gewiesen. Er

urteilte über die Anhänger der Brahmo

Samaj: Sie „glauben an Gott ohne Form.

Vielleicht haben sie Recht. Wer ihn aus

ganzem Herzen anruft, tut genug. Wer

aus ganzem Herzen handelt, den wird

Gott, der doch im Innern wohnt, gewiss

lehren, was sein wahres Wesen ist. –

Doch (grundsätzlich) ist es nicht gut zu

sagen: Was wir verstanden haben, das ist

richtig, und was andere sagen, ist alles

falsch. Wir sagen: Gott ist ohne Form,

folglich ist er ohne Form, er hat keine

Form. Wir sagen: Gott hat eine Form,

folglich hat er eine Form, er ist nicht

ohne Form. – Kann der Mensch mit Gott

(jemals) an ein Ende kommen?“

Natürlich sind in dieser Sichtweise die

macht- und gesellschaftspolitischen Gesichtspunkte

ausgeklammert. Trotzdem

wird in der bei Ramakrishna prinzipiell

grenzenlosen geistigen Offenheit, die

mehr als „nur“ Toleranz ist, einer der

Gründe sichtbar, weshalb z.B. der demagogisch

aufgeheizte Fanatismus nach

der Zerstörung der Babri-Moschee in

Ayodhya schnell wieder abgeklungen ist

und weshalb sich die Hindutva-Ideologie

der BJP bisher nicht dauerhaft durchsetzen

konnte.

2. „Setze Gott keine Grenzen!“

Wer in der westlich-christlichen Welt

aufgewachsen ist, hat Religion und

Weltanschauung oftmals nur in der

Form von Glaubensbekenntnissen und

Dogmen oder in wissenschaftlich verbrämten

Glaubensgewissheiten kennen

gelernt. Wer nicht ein überzeugter Glaubender

ist, der ist ein überzeugter Atheist

oder doch wenigstens ein überzeugter

Agnostiker. Alle sind „mit Gott an ein

Ende gekommen“, ehe sie überhaupt an

einen Anfang mit Gott gekommen sind.

Wollen wir Ramakrishnas Aufforderung:

„Setze Gott keine Grenzen!“ folgen,

stellen wir schnell fest, dass unsere

westliche Denktradition, ihre Rationalität

und Logik, unserem Verständnis des

Göttlichen tatsächlich sehr enge Grenzen

setzt. Wollen wir uns der religiösen

Weite und Vielfalt, die wir bei Ramakrishna

finden können, tatsächlich annähern,

so kann das nicht ohne intensi-

ves Bemühen und nicht ohne Bereitschaft

zur Relativierung einiger unserer

Denk- und Verhaltensweisen gelingen.

Hinduistische Jnanis oder Bhaktas brauchen

wir aber nicht gleich zu werden,

denn auch schon ein neu geschärfter

Blick auf unsere christlich-westliche

Tradition könnte manche durch Kanonisierung

und Orthodoxie angelegte Fessel

sprengen.

3. Religiöses Wissen kommt aus Gotteserfahrung

Bei der Begegnung mit Ramakrishna

können wir zusammen mit Gupta einen

weiteren grundlegenden Irrtum korrigieren:

„Wer lesen und schreiben gelernt

hat und Bücher lesen kann, der hat Jnana

(religiöses Wissen).“ Deshalb vermutete

Gupta auch gleich: „Er (Ramakrishna)

liest viele Bücher, nicht wahr?“, was die

Magd Ramakrishnas verneint und richtig

stellt: „Die Weisheit aller Bücher

liegt auf seinen Lippen.“ Aber woher

sonst soll Ramakrishna denn seine

„Weisheit“ haben? „Der Irrtum verließ

ihn (Gupta) später. Dann verstand er:

„Gott zu erfahren bedeutet Jnana.“

Und das ist für den westlichen Leser das

am schwersten Nachvollziehbare und

das Faszinierendste zugleich: Ramakrishnas

Aussagen über Gott sind keine

Theologie, keine Philosophie, keine

volksreligiöse Überlieferung und schon

gar nicht brahmanisches Wissen – sie

sind ganz unmittelbare Berichte von gegenwärtigen

und oft ekstatischen Gotteserfahrungen.

Manche Gespräche knüpfen

an eine solche „Erfahrung“ an, andere

werden durch eine solche unterbrochen

oder gehen in sie über. Aber natürlich

muss Ramakrishna auf die überlieferte

religiöse Sprache des Volks und auf

die Sprache der Bildungstradition zurückgreifen,

um solche Gotteserfahrungen

in Worte fassen zu können. An einer

Stelle läuft das dann so ab: Ramakrishna

schildert (Kommentar: „in leichter

Ekstase“) seinen inneren Zustand, um

dann in der Identifikation mit Hanuman,

dem vorbildlichen Diener des Gottes

Rama, und in Anlehnung an Formulierungen

der Upanischaden die mystische

Identität von menschlichem Selbst und

dem Göttlichen zu erleben. Er formulierte:

„Ich suche mein „Ich“, aber ich

finde es nicht. Hanuman sagte: „He

Rama, manchmal glaube ich, du bist das

Ganze, ich bin ein Teil. Du bist der Herr,

ich bin ein Diener. Doch wenn in mir das

Wasser der Wirklichkeit entsteht, dann

49

Interreligiöser Dialog

schaue ich: Du bist fürwahr ich, ich bin

fürwahr du!“

Wenn das individuelle „Ich“ sich in der

sogenannten „letzten Wirklichkeit“ aufgelöst

hat, wenn diese Wirklichkeit im

Symbol des Wassers als gestaltlose Einheit

erlebt wird, dann sind auch Mensch

(Diener) und Gott (Herr) in dieser Einheit

aufgegangen und damit ununterscheidbar

geworden. Die Gotteserfahrung

ist zu einer mystischen Einheitserfahrung

geworden. Ramakrishna berichtet

an anderer Stelle von dieser Art der

Gotteserfahrung, wie auch Einheitsmystiker

anderer religiösen Traditionen davon

berichten: „Wenn Gott das „Ich“

auswischt, dann ist da, was da ist. Es ist

in Worten nicht auszudrücken.“ Sehr

wohl in Worte zu fassen ist aber die in

dieser Erfahrung begründete „Weisheit“.

- Walter Meister

36% der armutsgefährdetenBevölkerung

haben einen

Migrationhintergrund

Siebter Bericht zu Lage der

Ausländer in Deutschland

Schulabschlüsse Mit 17,5 Prozent

lag der Anteil ausländischer Schulabgänger

ohne Abschluss im Jahr

2005 deutlich über dem der Deutschen

(7,2 Prozent). Der Hauptschulabschluss

dominiert bei ausländischen

Schulabsolventen (41,7 Prozent),

während lediglich 8,2 Prozent

die Hochschulreife erlangten. Bei

deutschen Schülern lag der Anteil bei

25,7 Prozent.

Armut Dem Bericht nach war im

Jahr 2005 für die Bevölkerung mit

Migrationshintergrund das Armutsrisiko

deutlich höher (28,2 Prozent) als

für Menschen ohne Migrationshintergrund

(11,6 Prozent). In Großstädten

lagen die Werte bei 31,8 Prozent

(mit Migrationshintergrund) und

12,5 Prozent (ohne Migrationhintergrund).

Damit haben in Deutschland

insgesamt 36 Prozent der armutsgefährdeten

Bevölkerung einen Migrationshintergrund.

(Quelle: Das Parlament 23.06.08)


Gedichte

Der Wald hat Feuer gefangen und der

Fluss meines Liedes geht träge

Aus seinen höheren Wohnungen fallen

die Vögel

Die Ebenholzbäume der Sage sind nicht

mehr zu retten.

Diesem altvorderen Regenwald, kanariengrün,

wimmelnd und weit

blieb mancher Monsun versagt; doch

gibt es noch Wasser unter

seinem Boden:

Irden und bitter.

Diese schweren harten Hölzer werden so

schnell nicht verzehrt

Flammen werden züngeln, Funkenfirmamente

formen, versiegen

nur um wieder zu zünden

Dieses Feuer wird nie die Augen schließen

und sich ein kühles weiches

Bett aus Asche suchen.

Es gibt hier Wasser, genug für den Wald

nicht genug für das Feuer.

Mit einer trägen Kadenz, verliert auch

dies Lied seinen Sinn,

kann kein Verlangen behaupten.

Die Schreie der Tiere, Menschen, Vögel

und Bäume, klingen sich

gleich.

Ein Schwarm Papageien, ein großer

Schwarm von Hunderten

Papageien,

ist dort an den Himmel geworfen,

Steigt, streut, stürzt in sich zurück, fällt

in grauen Steinen

in den Wald geschmettert.

Wenn ich nur den Satztakt erinnern

könnte, den das Band des verschollenen

Buches der Metren

verborgen wahrt

Ich könnte das Epos schreiben der riesigen

Bäume von Teak und

Ebenholz

Hinaufgetürmt vom Atem der Felsen.

Wald

Sitanshu Yashaschandra

Der gestärkte breite Wimpel auf dem

Tempel des Waldes Shiva

schwindet, flackert.

Wo sind die Versmaßgesetze für die

Bilder der Sprache

die ich wohl blubbern höre im siedenden

Wasser

Im Krug überm Shivalinga?

Im innersten Tempel, schierer Glanz.

Ich bin im Innern der weißen kühlen

Marmorklippen,

Ich bin im Innern von vielerlei

Kristallen,

Hinter dem sturen Gestein gewaltiger

Wenn das Wasser sich ins

Feuer wendet...

Ich kann dich rufen hören, oh Shajee!

Doch wie mache ich mich auf

den Weg zu dir –

gepflastert

mit Tempeln und Moscheen?

Die kühlenden Fluten deines Namens

stillen den Schmerz der Unglücklichen.

Wenn wir in sie tauchen,

wenn das Wasser sich ins Feuer wendet

und die Welt verzehrt,

wohin stellen wir uns, oh Shajee?

Du bist Eins,

doch ins Viele geteilt.

Der Klerus steht dir nah bei der Tür

mit vielerlei Schlössern –

Koran, Puran, Tasbi, Mala...

Der Pfad der Religion als Klub

ist der schlimmste –

Die bescheidene Klage Madans.

50

Rohdiamanten

Ich sehe, überall, diesen Wald im Feuer

lodern,

Ich bleibe vom Feuer unberührt.

Ich bin umzingelt.

Ich brenne.

Aus dem indischen Englisch von Asok Punnamparambil:

(Quelle: „At Home in the World“, Full circle

Publishing, Delhi, 2002)

Zwei Baul-Gedichte

Aus dem Englischen von Asok Punnamparmabil

Sitanshu Yashaschandra ist ein

bekannter Dichter der Gujarathi-Sprache

(West-Indien). Für seinen Gedichtband

„Jatayu” bekam er 1986 den Preis

der Literatur Akademie.

Der Schlüssel ist in der anderen

Hand

Mein Haustürschlüssel

blieb im Besitz von anderen.

Aber wie öffne ich nun die Tür,

um mein eignes Vermögen zu schauen

mit eigenen Augen?

Mein Haus, beladen mit Gold,

doch jemand anders tauscht es ein.

Ich bin blindgeboren,

kann nicht sehn.

Wenn der Türhüter es erlaubt,

wird er die Tür für mich aufsperren,

weder kenne ich ihn

noch kreuzten sich unsere Wege.

Ich schlurfe federleicht.

Oh, mein begegnendes Herz!

Der gebrauchte Mensch ist in dem

Mensch,

Lalan spricht: Ererbter Hausrat,

doch schaff ich es nicht, ihn zu merken.

(Quelle: „Song of the Great Soul“, Parvathy Baul, Ekatara Baul Sangeeta Kalari, Thiruvananthapuram

2005)


Herr Sander: Herr Dasgupta, Sie sind

in Kalkutta geboren. Wo Sie sind Sie in

die Schule gegangen?

Dasgupta: Während des Zweiten Weltkrieges

waren wir evakuiert. Das war in

Bihar, im heutigen Jharkhand. Das Dorf

heißt Rikhiya. Dort ging ich nicht in die

Schule. Meine Schule war die dortige

Landschaft, die Betreuung durch meine

Mutter und durch meinen Großvater, der

mir ein bisschen englische Grammatik

beibrachte. Ganz früh morgens, beim

Gießen des Gartens, hat er mich aus dem

Bett gezerrt. Das war schon eine Art disziplinierter

Aktion. Wir hatten eine glänzende

Exilzeit dort. Dort gab es Lesungen,

Sport, Dramen wurden aufgeführt

und meine Mutter hatte die Leitung.

Meine Mutter ist meine wahre Lehrerin.

Sander: Sie gingen später dann nach

Shantiniketan.

Dasgupta: Als ich fast 10 Jahre alt war,

hieß es, dass ich in eine Schule gehen

sollte: nach Shantiniketan. In bin gleich

in die sechste Klasse gekommen. Mein

Test war sehr interessant. Es war mein

erstes Vorstellungsgespräch. Unter dem

Mango-Baum saß ein Lehrer. Er sagte:

„Alokaranjan, die Kinder wissen nicht,

wie man beautiful buchstabiert.“ Ich

wusste, man schreibt das Wort nicht mit

Ein Asylant zwischen zwei Polen

Betrachten wir die klassische Einteilung der Welt in Ost und

West oder Nord und Süd als nach wie vor gegeben, dann liegt

die Heimat des bengalischen Dichters Alokeranjan Dasgupta

irgendwo in der Mitte. Denn die Themen, die er immer wieder

in seinen Gedichten aufgreift, sind ganz eindeutig nicht

an ein bestimmtes Land gebunden: Flucht, Exil und Migration,

Kollision von widerstreitenden Werten, kulturelle Begegnungen,

die Zwiespältigkeiten und der Verlust ländlicher Unschuld,

von der das Leben in der Stadt geprägt ist, usw. Ihre

universelle Gültigkeit hat dazu beigetragen, dass Dasguptas

Gedichte, deren Großteil er ursprünglich in Bengali geschrieben

hat, umfassend in englischer und deutscher Sprache

veröffentlicht worden sind, und das auch in Weltgegenden

fern von Indien – ein ehrenvoller Umstand, dessen sich

die wenigsten indischen Lyriker erfreuen können, die in Regionalsprachen

schreiben.

Die Kraft der Aussagen und Einsichten in Dasguptas Werken

treffen seine Leser mit Wucht und Plötzlichkeit eines Blitzes

Alokeranjan Dasgupta

– und erschließen ihnen dadurch auch Bedeutungsebenen,

die zuvor nur dunkel wahrnehmbar waren. Dasgupta hängt

keiner Parteilinie treu an, ganz im Gegensatz hat er es immer

geliebt, Tabus auch gewaltsam zu brechen. Seit geraumer

Weile bezieht er zudem sehr deutlich Stellung für die Belange

der Leidenden und Benachteiligten, genauso wie für die

Belange der Erde, die blind ausgebeutet wird.

Kein anderer heute in Deutschland lebender Inder hat es in

diesem Ausmaß vermocht, ein so nachhaltiges Interesse für

die indischen Regionalliteraturen zu wecken, besonders was

die bengalische Literatur betrifft. Doch nicht nur sein dichterisches

Werk, auch seine Tätigkeit als Übersetzer, Literaturkritiker,

Essayist und Kulturvermittler über die letzten 45

Jahre verdienen Beachtung. Am 6. Oktober diesen Jahres

wird Alokeranjan Dasgupta 75. Anlässlich seines Geburtstages

veröffentlichen wir das folgende Interview, das Jürgen

Sander mit ihm geführt hat.

- Die Redaktion

zwei l. Das war meine Promotion.

(lacht). Bis zur 8. Klasse hat man keine

schriftliche Prüfung dort.

Sander: Welche Atmosphäre herrschte

in Shantiniketan?

Dasgupta: Ich bin 1933 geboren und

Tagore ist 1941 gestorben. Wir haben

damals seinen Leichenzug gesehen und

das war eine bleibende Prägung in meinem

Leben. Diesen Menschen, musste

ich posthum total antizipieren. Das war

mein Ziel. Zu dieser Zeit, mit 6/7/8 Jahren,

habe ich angefangen zu Dichten, In

Shantiniketan war Tagores lauwarme

51

Anwesenheit zu spüren. Er war tot, aber

es war nicht so, als ob man ihn in einem

Museum aufbewahrt hätte à la Lenin.

Man hat seinen Hauch gespürt, wusste,

dort hat er etwas komponiert, dort hat er

jemanden geholt und gesagt: „Komm du

musst die Partitur machen, ich singe

etwas.“ Man hat ihn im Schattenriss

gesehen, in allen Ritualen, in allen Veranstaltungen

erlebt. Shantiniketan war

ein globales Dorf. Aus allen Nischen der

Welt waren die Leute da, aus Deutschland,

aus Italien, Frankreich, Russland.

Großartige Leute. Und diese Leute, die

das neue Indien geprägt haben, wie

Gandhi, Sarojini Naidoo, Vijay Lakhsmi

Pandit waren alle da und alle haben wir

erlebt. Ich durfte mit Gandhi spielen und

ich durfte mit Gandhi streiten und er hat

mich gemocht. Als wir Kricket gespielt

haben, war er einmal Schiedsrichter.

Aber all diese Leute waren nichts

Besonderes für uns. Sie waren einfach

da. Das Erhabene im Leben ist etwas

Alltägliches. Das war etwas Wunderbares.

Sander: Sie sagen, Sie waren auch von

Marx beeinflusst. Tagore bringt man ja

nicht unbedingt mit Marx in Verbindung?

Dasgupta: Ja, aber wenn man sein rashiyarcithi

liest, seine Briefe aus Rus-


sland, dann sieht man, dass er das kollektive

System sehr schätzte. Marxist

war er nicht, aber er hat alle Konventionen

über Bord geworfen. Tagore hat bis

zum letzten Moment reformiert, alles

was alt war, hat er über Bord geworfen.

So gesehen war es keine Dichotomie –

mein Tagore und mein Marx. Irgendwann

war es, als ob ich von Tagore

Rückenwind bekommen habe: „Geh mal

zu diesem Weltbürger!“ Ich bin ein

Weltbürger und geh mal zu einem anderen

Weltbürger.

Sander: Hatten Sie nie ein Problem als

Jugendlicher, Reden vor Publikum zu

halten?

Dasgupta: Es war wahrscheinlich eine

Prüfung für mich, als ich eingeladen

wurde, vor einem Mammutpublikum zu

sprechen. Ich war 12 oder 13 und es

waren 2000 Leute da. Aber ich hatte

keine Hemmungen. Das war Einssein

mit den Menschen. Das hat mir sowohl

Tagore, als auch Marx beigebracht. Bei

meiner Rede habe ich auch ein Lied

gesungen. Es war viel Romantik mit im

Spiel. Es ging nicht um versteinerte

Weisheiten. Es ging vor allem um den

Geist, rebellieren zu können, keine

Tabus zu kennen. Zu dieser Zeit habe ich

eine spirituelle, metaphysische Tabulosigkeit

gelebt. Heute muss ich sagen:

Diese Zeit ist vorbei, die Welt ist voller

unnötiger Tabus. Ich fühle mich manchmal

eingeengt und ich frage mich, ob ich

in einem Gedicht dagegen protestieren

soll. Aber ich weiß auch, dass dieses

Gedicht höchstens 2 oder 3 Jahre bleibt.

So muss ich eine andere Form des Protestes

finden. In diesem Sinne bin ich ein

ewiger Freiheitskämpfer für die Freiheit

des Geistes. Und ich glaube, wenn diese

Art zu denken – auch in Deutschland –

vorhanden wäre, dann wäre das sehr gut.

Sander: Sie sind dann in Kalkutta aufs

St. Xaviers Missionary College gegangen.

Dasgupta: Auf dem College gab es eine

Geheimbibliothek, wo nicht nur Apokrypha,

sondern alles Mögliche vorhanden

war. Der Präfekt hat diese Bibliothek

für mich geöffnet, als ich 15/16

Jahre alt war. Dort habe ich zum ersten

Mal Dante, Boccaccio und Petrarca kennen

gelernt. Die Lehrer dort – egal ob

Englischlehrer oder Lehrer für Logik -

waren Produkte der Aufklärung. Sie

waren nicht religiös und man konnte

alles mit ihnen diskutieren. Es war für

mich ein Privileg, dass ich ihnen ein

Freund sein durfte. Ich mochte es, diese

Leute zu profanisieren, nicht radikal,

aber einer hatte im Auftrag des Vatikan

den Job, von mir Banglalieder für den

Papst komponieren zu lassen, Meine

Mutter hat sie vertont und ich habe dann

hören können, dass sich der Papst sehr

gefreut hat. Das hatte kein religiöses

Gefühl, aber der Papst ist durch mich

profanisiert worden. (lacht)

Alokeranjan Dasgupta wurde am 6.

Oktober 1933 in Kolkata geboren.

Seine Ausbildung erhielt er an der

Visva-Bharati-Schule in Santiniketan,

St. Xaviers und dem Presidency-College

in Kolkata sowie der Universität

von Kolkata, von der er 1966 mit dem

Doktortitel graduierte. Er unterrichtete

als Lektor an der Jadhavpur Universität

und ging von dort aus 1971 mit

einem Forschungsstipendium der

Alexander von Humboldt-Stiftung nach

Deutschland. Dort erhielt er nach kurzer

Zeit eine Gastprofessur am Institut

für Moderne Indologie (Südasieninstitut)

der Universität Heidelberg.

Seine schriftstellerische Karriere

begann 1956 mit der Veröffentlichung

des Werkes „Jouvanbaul“ (Gedichte in

Bengali), das bei Surabhi in Kolkata

erschien. Seitdem hat Alokeranjan

Dasgupta weitere 31 Gedichtbände in

Bengali sowie Übersetzungen großer

deutscher Schriftsteller wie Goethe,

Hölderlin, Brecht, Kirsch u.a. ins Bengali,

diverse Werke zur Literaturgeschichte

und Literaturkritik und vieles

andere veröffentlicht. Dasgupta ist

dreisprachig, neben Bengali be-

52

Sander: Nach ihrem Master in Bengalistik

haben Sie Vergleichende Literaturwissenschaft

unterrichtet. Haben Sie

dort die deutschsprachigen Autoren entdeckt?

Dasgupta: Nein, ich habe sie schon in

Shantiniketan kennengelernt, aber mein

Deutsch war nicht gut, Deutsch sprechen

gelernt habe ich erst in Deutschland.

Aber ich kannte Strophen von

herrscht er sowohl

Deutsch als auch

Englisch. Zwischen

diesen Sprachen

vermag er elegant

und mit bemerkenswerter

Leichtigkeit

hin- und herzuwechseln.

Viele seiner

Werke hat er daher

entweder direkt in

einer dieser drei

Sprachen geschrieben

oder aus der

einen in eine der

anderen übersetzt.

Die öffentliche Anerkennung

war Dasgupta seit den 80er

Jahren sicher: so erhielt er 1985 die

Goethe-Medaille des Goetheinstituts

München sowie den indischen Ananda

Award, 1991 den Shiromani Award und

1992, als bisherige Krönung, den Preis

der Sahitya Akademi für seinen

Gedichtband „The Mystical Saw and

Other Poems“, von dem 1999 in der

Bonner Siva Serie eine deutsche Übersetzung

erschienen ist (deutscher Titel:

„Die mystische Säge“. Gedichte aus

dem Bengalischen).

Dasgupta ist häufig in Berater- und

anderen hohen Positionen tätig gewesen.

Unter anderem war er Chefberater

der Frankfurter Buchmesse im Jahr

1986, die unter dem Motto „Indische

Literatur – Tradition und Kontinuität“

stand. Er war Berater des Indien-

Festivals 1991 in Deutschland, Kulturkoordinator

und Übersetzer für die

Tias-Gesellschaft, eine der UNESCO

angeschlossenen Weltorganisation;

Chefberater des Internationalen Tagore-Symposiums

in Darmstadt 1992 und

schließlich auch Berater für das Deutsche

Festival in Indien im Jahr 2001

in Neu Delhi und Kolkata.


Heine auswendig oder aus dem Faustdas

ist klar: das Türmerlied.

Goethe, Hölderlin, Rilke waren für mich

wie Götter und noch so eine Gottheit

war Tagore. In diesem Pantheon war

man Polytheist. Und der Polytheismus

im humanen Kontext ist die Vergleichende

Literaturwissenschaft, das heißt,

dass keiner größer ist als der andere.

Und dann liest man Wordsworth oder

Victor Hugo und entdeckt: Hier hat

Tagore etwas gesagt, was vor ihm schon

Victor Hugo gesagt hat. Und dass alle en

bloc die Welt betrachten.

Die Lehrer und Schüler haben in unserem

Institut zusammen gelesen – das

hatte etwas von Werkstattatmosphäre.

Damals habe ich meine erste Anthologie

der Weltgedichte gemacht, meine Studenten

haben teil genommen, und im

Klassenzimmer haben wir Gedichte

übersetzt. Heute kann man sich das

kaum mehr vorstellen. Das war eine

kreative Wissenschaft.

Sander: Sie waren als sehr junger Mann

schon sehr bekannt.

Dasgupta: Meine erste Dichterlesung

hatte ich in der Senate Hall in der Universität

von Kalkutta. Ich war höchstens

20 Jahre alt. Die größten Dichter dieser

Zeit, die Pioniere der Moderne, haben

dort gelesen. Nach der Lesung war ich

bei ihnen zu Hause. Ich hielt sie nicht für

wahre Größen, ich dachte nur: „Wir sind

verwandt.“ Ich hatte kein Lampenfieber.

Das war für mich wie Licht und Luft.

Unter diesen Dichtern war auch Buddhadeb

Bose, einer der großen modernen

Dichter und Kritiker, der die Abteilung

für Vergleichende Literaturwissenschaft

ins Leben gerufen hatte. Es war mein

großes Glück, dass mich die großen

Dichter und die einfachen Menschen

absolut akzeptiert haben.

Sander: Wann haben Sie ihr erstes Buch

veröffentlicht?

Dasgupta: Ich habe gezögert, bevor ich

mein erstes Buch veröffentlicht habe.

Als das Buch später herauskam, umfasste

es mehrere Phasen, eine Anthologie

von drei, vier Phasen. Aber das Buch

durfte nicht zu einem endgültigen Signum

von mir werden. Das muss ich

immer betonen: Ich muss das, was ich

im ersten Buch gesagt habe, im nächsten

Buch widerlegen. Auf diese Art

und Weise entsteht ein Rhythmus, eine

Dialektik. Das ist auch wahrscheinlich

eine Prägung aus meiner Kindheit. Ich

meine diese Atmosphäre in Kalkutta,

der großen Stadt und Shantiniketan, diesem

Weltdorf. Diese rurale-urbane

Dichotomie hat mir sehr geholfen. Ich

war immer Asylant zwischen zwei

Polen.

Sander: Warum haben Sie eigentlich

Deutsch gelernt. Es hätte doch auch Italienisch

oder eine andere Sprache sein

können?

Dasgupta: Das kann man kaum

erklären, aber vielleicht liegt es daran,

dass Sanskrit und Deutsch eine große

Affinität aufweisen. Abgesehen davon

habe ich in meinen Kindheitstagen mehr

von deutscher Literatur gehört, als von

französischer oder italienischer. Das

heißt nicht, dass ich sie nicht gelesen

habe – Dante war mein Lieblingsdichter.

Ich konnte zwar kein Italienisch, aber

ich konnte einige Passagen auswendig.

Aber es war ein Spiel von mir, eine Liste

von Worten zu erstellen, die auf Deutsch

und indischen Sprachen ähnlich sind.

Das war ein etymologisches Spiel.

Wahrscheinlich hat mich dieses Spiel

mehr in Richtung Deutsch geleitet. Aber

man kann keine Kausalität einer Liebe

aufstellen.

Sander: Irgendwann kam auch Bertolt

Brecht dazu...

Dasgupta: Ja ohne Brecht kann ich

nicht leben. Ich habe viel Brecht übersetzt.

Als ich große Hindi-Dichter wie

Kabir oder Surdas übersetzt habe, habe

ich gesehen, dass die Bhakti-Dichter des

Mittelalters alle Rebellen waren. Sie traten

gegen Kastensystem ein. Bhakti ist

dann keine rückgratlose Hingabe Gott

gegenüber. In der Weltliteratur, beispielsweise

bei Heine oder Brecht, wollte

ich herauszufinden, ob es zwischen

Bhakti und Umwälzung eine Verbindung

gibt. Und glauben sie mir, bei

Brecht in den Buckower Elegien oder

bei Heine sieht man, wie sich Rebellion

und Hingabe verbunden haben. Das hat

mir geholfen, in meinem Leben ein

Gleichgewicht zu finden, zwischen

Bhakti und Revolution.

Sander: Wie politisch relevant muss ein

Gedicht sein?

Dasgupta: Das Politische hat mich mein

Leben lang begleitet. Als ich dann in

Deutschland war, während des Golf-

53

kriegs, entdeckte ich das Diktum von

Adorno: „Ist es möglich nach Auschwitz

Gedichte zu schreiben?“ Das war eine

Kardinalfrage in meinem Sein. Es ist für

mich wichtig politisch zu bleiben und

poetisch zu sein. „Ein Gedicht soll nicht

meinen, sondern sein.“ (Archibald

Mcleish) ist meine Leitmotiv.

Ich weiß, dass es ein ganz großes Risiko

war, aber als ich zum Golfkrieg Stellung

bezogen habe, hat kein einziger Dichterkollege

mitgemacht. Heute sagen sie, es

war für sie sehr lehrreich, dass ich alleine

meine Haltung vertreten habe. Natürlich

werden nicht vielen Gedichte aus

dieser Phase bleiben. Aber eines ist klar,

dass ich vor der zukünftigen Generation

meine Haltung bewahren konnte.

Sander: Sie sind ja dann in den Siebzigerjahren

nach Deutschland gekommen

mit einem Alexander-von-Humboldt-Stipendium.

Dasgupta: Ich hatte einen Themenvorschlag

zum Thema Weltliteratur eingereicht.

Ein Vergleich Goethe und Tagore.

Es war eine Herausforderung: Ich wollte

sehen, ob es für die Welt, die in meinen

Träumen existiert, eine europäische Entsprechung

gibt. Und ich wollte dieses

Land sehen, in dem Immanuel Kant die

Aufklärung vorangetrieben hat.

Sander: Nun sind Sie schon sehr lange

in Deutschland und fahren regelmäßig

nach Indien. Wie geht es Ihnen mit den

Reisen zwischen zwei Kulturen?

Dasgupta: Heute kann ich zwischen

deutschen Wertvorstellungen und indischen

Vorstellungen wechseln. Die Verwechslungen

und angenehmen Verwirrungen

bilden ein Arbeitsmodell in meiner

Poesie. Oft benehme ich mich hier in

Deutschland indischer, als dort. In Indien

will ich alles über Nacht ändern.

Manchmal kann auch eine Fehlperspektive

ein ästhetisches Prinzip sein. Das ist

mein ästhetisches Prinzip: Wechseln

zwischen Indien und Europa.

Sander: Wir sind ja vom Weltbürger

ausgegangen. Hat sich Ihre Idee des

Weltbürgers im Laufe der Zeit verändert?

Dasgupta: Heute haben wir die Zeit der

Asylanten. Gottseidank bin ich vom

elitären Weltbürgertum weggekommen.

Der Asylant von heute ist der Weltbürger

von morgen.


Und es gibt einen Asylanten, der ein

ganz großer Dichter ist und in Frankfurt

lebt, ein großer Dichter aus dem Kongo:

Moepu Muamba. Er ist für mich ein echter

Weltbürger.

Nachfolgend drucken wir Auszüge aus

einem Interview („The Champion of

Ind Lit“) ab, das anlässlich des 70.

Geburtstages von Herrn Dasgupta in

der indischen Nationalzeitung „The

Statesman“ (5.10.2003) erschienen ist.

Es ist aus dem Englischen übertragen

von Sophia Kratz.

Jose Punnamparambil: Was in

Deutschland und anderen europäischen

Ländern heute als indische Literatur

verkauft wird, ist zumeist die so

genannte indo-englische Literatur, zu

deren bekanntesten Autoren Salman

Rushdie, Vikram Seth, Rohinton Mistry,

Arundhati Roy, Amitav Gosh und andere

zählen. Wie Sie jedoch wissen, gibt

es in Indien sehr kreative und reiche

Literaturtraditionen in einigen der am

weitesten verbreiteten Regionalsprachen

wie Hindi, Bengali, Tamil, Marathi,

Malayalam etc. Diese so genannten

Regionalliteraturen, die etwa 900 Millionen

Inder repräsentieren, haben leider

wenig Eingang in den Mainstream

der Weltliteratur gefunden. Welche

Maßnahmen wären Ihrer Meinung

nach dazu angetan, diese Situation zu

ändern? Wie stehen Ihrer Meinung

nach die Chancen unserer regionalen

Literaturen, künftig mehr Aufmerksamkeit

bei deutschen und anderen europäischen

Verlegern zu erregen?

Alokeranjan Dasgupta: Lange Jahre

lang habe ich die indo-englische Literatur

einfach abgelehnt, da ich dem Vorurteil

anhing, dass ihre Glaubwürdigkeit

vor dem Hintergrund postkolonialer

Geschichte fragwürdig sei. Dabei

hatte ich durchaus Hochachtung vor

einigen sehr herausragenden indischen

Autoren, die sich des Englischen

während und direkt nach dem Ende der

Heute möchte ich ein Metaasylant sein.

Das ist meine neue Prüfung zum Weltbürgertum.


Lieferbare Titel:

Alokaranjan Dasgupta, Goethe und Tagore, Draupadi-Verlag,

Heidelberg 2008

Franz Schneider (Hrsg), Trauben aus Elfenbein,

britischen Kolonialherrschaft bedienten.

Zu meinem Unmut wurde mir irgendwann

deutlich, dass es in der vielfältigen

indischen Literatur zunehmend

auch Mittelmäßiges gab, Pastiche-Literatur,

ein Mischlingsprodukt, und dass

einige indische Werke Teil einer

Hybridliteratur waren, die nicht mehr

direkt dem Geist der indischen Kultur

entsprang, sondern sich den Beschränkungen

und Konventionen der westlichen

Formen und Normen in unangemessener

Weise anpasste. Was mich

vor allem betroffen machte, war, dass

ausgerechnet der Verlust ihrer kulturellen

Wurzeln diese Werke so erfolgreich

machte. Vor nicht allzu langer Zeit

habe ich allerdings wieder begonnen,

meine Haltung zu revidieren, und zwar

war das zu dem Zeitpunkt, als ich auf

einige der von Ihnen genannten Autoren

aufmerksam wurde.

Meine ganze Solidarität gilt allerdings

den Autoren, die völlig in der Auseinandersetzung

mit ihren jeweiligen

nationalen Sprachen aufgehen. Ihre

Werke sind wahrscheinlich viel indischer

als die der Autoren, die sich entschieden

haben, auf Englisch zu schreiben.

Es ist nicht die Aufgabe eines

Autors, für fremde Märkte zu schreiben.

Institutionen wie die Sahitya Akademi

und der National Book Trust

haben lobenswerte Initiativen auf der

interregionalen Ebene ergriffen, wenn

auch auf nicht-kommerzieller Basis.

Sie rechnen also fest mit der Aufgeschlossenheit

der Leser innerhalb dieses

immensen Subkontinents gegenüber

indischer Regionalliteratur und zielen

nicht auf eine internationale Vermarktbarkeit.

Was die deutsche Szene

angeht, sind trotz aller bemerkenswerten

Vorstöße von Verlegern wie Wolf

54

Eine Festschrift für Alokeranjan Dasgupta, Draupadi-Verlag,

Heidelberg, 2004

Jürgen Sander studierte klassische

Indologie, Indische Kunstgeschichte

sowie Ethnologie. Er ist Redakteur bei

der Büchergilde Gutenberg.

„Es ist nicht die Aufgabe eines Autors,

für fremde Märkte zu schreiben“

Alokeranjan Dasgupta

Mersch oder Roland Beer viele Projekte

in der Planungsphase stagniert. Es

fehlt einfach an Sponsorengeldern.

JP: Ihre Lyrik ist in vieler Hinsicht

experimentell. Sie spricht wider die

Orthodoxie und ist rebellisch, bilderstürmerisch.

Wenn ich einige Ihrer Gedichte

in der englischen oder in der

deutschen Version betrachte, scheint es

mir, als rängen Sie fast gewaltsam mit

der Sprache, um der Komplexität Ihrer

Gedanken und Einsichten angemessen

Ausdruck zu verleihen.

Welchen Schwierigkeiten sehen Sie sich

gegenüber, wenn Sie versuchen, Erfahrungen,

die Sie in einer vielfältigen und

reichen Gesellschaft wie Deutschland

machen, in Dichtung zu übersetzen, die

Ihre bengalischen Leser verstehen können?

Dasgupta: Nun, als Übersetzer muss

ich eine Parallelwelt zu der ursprünglichen

Welt erschaffen, während ich ein

Wort von einem Ufer zu anderen transportiere.

Eine gewisse, eingeschränkte,

aber keine bedingungslose Freiheit ist

hier zulässig. Manchmal habe ich mich

dazu entschieden, das bengalische

Lokalkolorit beizubehalten und dafür

eine Randnotiz zur Erläuterung des

kulturellen Phänomens aufgenommen.

Bei Lesungen habe ich die Gedichte

gelegentlich in beiden Sprachen, nicht

nur in Deutsch vorgetragen, und es den

aufmerksamen Hörern oder Lesern

selbst überlassen, den Sub-Text für sich

zu entschlüsseln, nachdem ich sie entsprechend

vorbereitet hatte. Das habe

ich ebenso bei den Übersetzungen der

Dichter gehalten, deren Werk ich ins

Deutsche übertragen habe.


Erzählung

Ein Baum und drei Charaktere

Die Bäume gehören niemandem.

Die Wahrheit ist, dass noch nie

jemand ein Monopol auf irgendeinen

Baum in der Dreiwelt hatte. In der

transzendenten Region der Urzeit wurden

sie geboren. Und eben deshalb ist es

nur schlüssig, dass sie keinen Tod kennen.

Wenn sie alt werden und absterben,

nehmen sie unter der Notwendigkeit der

Metamorphose eine neue Geburt an.

Und kann, wer nicht stirbt, jemals

irgendeines Teufels Privateigentum werden?

Frauen, Männer, Möbel, Papier

zum Gedichte Schreiben oder Federn

zum Bilder Malen mögen in der künstlerischen

Innenausstattung einer Barockkirche

noch soviel Aura verströmen,

doch um die Tatsache der Vergänglichkeit

kommen sie nicht wirklich herum.

Vergänglichkeit heißt Begrenztheit, also

kann man das Vergängliche ohne weiteres

okkupieren. Irgendjemand kann es

unter Kontrakt nehmen. So wird zumindest

für einige Jahrzehnte die Frau dem

Manne und der Mann der Frau. Oder das

Papier zeigt sich, bevor das Gedicht

gedruckt wird, dem Dichter gehorsam.

Und in welche Lage geraten die Federn

zum Bilder Malen? Nach dem Tode des

Künstlers wandern sie lachend ins

Museum.

Deshalb sagte ich, dass die Bäume im

Grunde autark sind. Auch wenn man die

einzelnen Bäume fällt, wischt man ihren

schwer zu erringenden Stolz nicht hinfort.

In der Nazizeit wurde Goethes Weimarer

Lieblingsbaum spurlos vom Erdboden

getilgt. Doch jener leere Ort

prangt weiter in seinem archetypischen

Selbstbewusstsein. Wer könnte diesen

leeren Ort füllen?

Sagte ich soeben „Goethes Lieblingsbaum“?

Wenn ja, so habe ich einen fatalen

Fehler gemacht. Ich bitte um Verzeihung,

denn richtiger wäre es gewesen,

von „des Baumes Lieblingsgoethe“ zu

sprechen. Der große Dichter stand beim

Baum in Schuld, und wie man realistischerweise

sagen muss, hatte Goethe,

indem er unter ihm saß oder bei ihm verweilte,

unendlich viele Lektionen der

Alokeranjan Dasgupta

Ästhetik gelernt. Man kann sogar so

weit gehen zu sagen, dass der Baum sein

Lehrer war. Und kann ein Lehrer jemals

jemandes eigen sein? Oder sagen wir,

dass die Lehrer ihre Schüler ausbilden

und sie dann wie ein Netz in alle Richtungen

verteilen. In der Folge können

sie, wenn die Schüler Fehler machen,

das Netz jederzeit und sofort wieder einziehen.

Mit solch einem Baum hatte ich einmal

ein Gespräch. Ich hatte damals die Doktorprüfung

hinter mir und war sozusagen

arbeitslos. Da beschaffte mir mein Lehrer

Girijababu einen Job als Nachhilfelehrer.

Ich hielt den Himmel in der

Hand, doch der Himmelsschlüssel war

unhandlich lang. Vom Bahnhof Shialdah

aus musste ich mit einem Lokalzug über

elf Stationen zu einem Ziel fahren, dessen

Namen hier zu erwähnen ich mich

durch einige verfahrenstechnische

Gründe gehindert sehe. Vor jedem Baum

auf dem Weg hielt der Zug ehrerbietig

an und setzte sich nach einigen geschickten

Gewissensfragen wieder

leicht und dreitaktig in Gang. Mir war es

ganz recht so. Denn dem besitzergreifenden

Herrn der frisch verheiraten jungen

Dame, die ich unterrichtete, konnte

ich nicht gerade in die Augen sehen.

Folglich war mir der Privatunterricht in

jenen inneren Gemächern ein Grauen.

Der Herr war ein überaus machtvoller

leitender Angestellter der dort ansässigen

Firma Joytara Chemicals. Es fehlte

mir an Neigung und Gelegenheit herauszufinden,

worin im Einzelnen seine

Amtsbefugnisse bestanden. Ich spürte

nur, dass er an einer Stelle saß, von wo

aus es ihm gewohnheitsmäßig zustand,

auf sämtlichen Ebenen der Fabrik alles

nach seiner Pfeife tanzen zu lassen. Dieser

an der Macht sitzende Mensch erfand

lahme Ausreden wie „Heute hat die

Fabrik schon früh zugemacht“ oder

„Heute streiken sie“, um sich während

meines Unterrichts einen Sessel in die

Zimmerecke zu ziehen und darauf Platz

zu nehmen. Ab und an ließ er verlauten:

„Mensch, ich wusste ja gar nicht, dass

die bengalische Literatur so nuancen-

55

reich ist“, wobei er, wie man kaum hervorheben

muss, das Wort „Nuancen“

nicht richtig aussprechen konnte. Das

nasalierte a verklumpte sich unter seinem

rechten Ellenbogen angstvoll zum

ang; und da er wusste, dass das Gesicht

seiner Neuvermählten aus Scham wegen

ihm errötete, wiederholte er seinen

selbst kreierten Satz umso ausdauernder.

Wussten in Wirklichkeit nicht sowohl

Senjuti, sein neuer Besitz, als auch deren

Hauslehrer, also ich, dass er vor mir

Angst hatte, der ich ja seine Vermählte

mit Wortkunst überwältigen könnte? In

genau dem Maße, in dem er uns fürchtete,

pflegte er seine tiefe Passion für die

bengalische Sprache und Literatur in

Brajabuli kundzutun. Es will hier, um

der Wahrheit genüge zu tun, eingestanden

sein, dass es mir keineswegs an Bereitschaft

mangelte, Senjuti sicher über

die akademischen Hürden zu tragen. Für

mich war die einzige Schwierigkeit die

Sprachwissenschaft. Damals wie heute

war ich in dieser Hinsicht endlos unwissend.

Aber unter dem Druck der Herausforderung

durchwachte ich die Nächte

vor dem Unterricht und eignete mir den

linguistischen Stoff an, der in der bevorstehenden

Prüfung drankommen könnte.

Und Senjuti? Sie hatte zwar meine

Schwäche in der Linguistik bemerkt,

doch zugleich auch meine relative Beschlagenheit

auf dem Gebiet der Literatur,

und darum lauschte sie Stunde um

Stunde so intensiv meiner hausbackenen

Redegewandtheit, dass vor lauter Faszination

ihre Ohrläppchen erröteten. Ihr

Göttergatte Bhupal Chaudhuri fühlte

den Unterschied zwischen den zwei

Arten des Errötens in Senjutis Gesicht

nur zu genau. Wenn er, Bhupalbabu,

seine unentschuldbare Unerfahrenheit

mit der bengalischen Literatur zur Schau

stellte, errötete ihr Gesicht auf eine Weise;

wenn sie den Drang meines Redens

bemerkte, erwachte an ihren Ohrläppchen

eine andere Röte gleich irgendeiner

Blüte. Neben dieser anderen Röte sah

Bhupalbabu so hilflos wie ein verängstigtes

Tier aus.

Eben sprach ich von der Oktav von Senjutis

Gesicht. Den Grund will ich hier

kurz darlegen. Senjuti war genau wie ein

Sonett. Die Begrenzungen einer Vierzehnjährigen

hatte sie schon lange hinter

sich gelassen. Sie stand wohl damals an

der Schwelle der einundzwanzig Jahre.

Und dennoch kam mir, ich weiß nicht

warum, beim Anblick des Zwiegesprächs

zwischen Schönheit und Beherr-


schung in ihrer Erscheinung das Sonett in

den Sinn. Im oberen Teil, also in der

Oktav, war eine Unbestimmtheit und die

Neigung, leicht von der Außenwelt angegriffen

zu werden. Und im Sextett, bei

den Füßen und überschwemmt wie eine

Flussmündung, war die Beherrschung,

die Fähigkeit, das ganze Leben in seiner

Essenz zu übersetzen. Manchmal war es

mir in den Blick gekommen: die priesterhafte

Geduld ihrer beiden Beine, die die

Opazität des chinesischen Nylons –

China hat seither Indien auf dem Weltmarkt

in der Produktion indischer Saris

mit zwei zu eins Toren geschlagen – in

den Hintergrund verdrängte, und die Geschicklichkeit,

innerhalb eines ruhigen

dreifüßigen Verses das ganze Leben zu

bannen. Auch diese geschickten zwei

Beine zeigten Bhupalbabu Verachtung,

indem sie ein-zweimal wippten in der

Pose des Katthak-Tanzes im mondbeschienenen

Meer. Der ratlose Bhupalbabu

presste ein Taschentuch an die Augen

und verschwand für ein paar Minuten auf

der Veranda. Während solcher Krisenmomente

war es für mich leicht, gleichmütig

und spielerisch kleine Schwimmer durch

die Luft treiben zu lassen. Denn das

Thema meines Unterrichts war – vielleicht

glücklicherweise – das Sonett. Ich

verlor mich in kleinteiligen Betrachtungen

zur Frage, weshalb Petrarcas Sonette

solch großen Einfluss auf das bengalische

Sonett gehabt hatten. Und die Tatsache,

dass in Ronsars Sonetten die Hauptaussage

schon vor dem Schluss, also im

Gesicht oder noch vor den Ohrläppchen,

hervortritt, verbarg ich bis zur Unkenntlichkeit.

Wie oft aber hatte ich mich beim

Lobgesang auf die umsichtigen bengalischen

Sonettschreiber besonders im Sextett

selbst an einer Art Höhenflug erfreut!

Senjutis und Bhupals Bungalow entsprach

nicht dem Sonett. Eher würde ich

ihn der Erzählung zuordnen. In Sachen

Architektur war ich noch nie besonders

kundig. Ich kann nur sagen, dass manche

Erzählungen schneckenhälsig verlaufen.

Sie schwärmen aus und kehren

an den Ausgangspunkt zurück, um sich

dann erneut voranzubewegen. Solche

Verhältnisse herrschten nicht nur in meinen

hintergründigen Wortspielen, sondern

wohl auch in der Architektur von

Senjutis und Bhupals Haus. Seine Bestimmung

glich einem zirkulierenden

Metrum. Auch die Tauben an all den

mogulischen Taubenschlägen tauschten

schicksalhaft die Plätze wie auf einer

Relaisstation; eine Taube spielte einer

anderen den Faden zu und kam zurück,

oder rückte noch ein Stück vor, um dann

erneut an die vorherige Stelle zu drängen.

Auf den runden Wohnzimmertisch

fiel ein kreisendes Licht. Wem das Licht

ins Gesicht schien, den scheuchte der

nächste Teilnehmer von seinem Stuhl

und nahm selbst darauf Platz. Fast immer

leuchtete der Sonnenschein in Senjutis

Gesicht. Sie hielt mir eine angezündete

Partitur entgegen und schaute mich

an. Ich verließ meinen Stuhl und setzte

mich auf den Nachbarplatz. Wenn sich

dort das Sonnenlicht zentrierte, zog ich

mich auch von diesem zurück, und Senjuti,

wohl aus dem Drang, Bhupalbabus

flächendeckende Überwachungsmanie

zu zertrümmern, nahm den von mir verlassenen

Platz in Anspruch.

Wir kennen das altindische Sprichwort:

Den Sonnenschein solle man mit dem

Rücken, das Feuer aber mit dem Bauch

genießen. Auf Bhupalbabus Ecksessel

fiel nicht das kleinste bisschen Sonnen-

Gedichte

Brandneu

Shiva’s Dreizack schlägt auf das Haus

Schon brennt es lichterloh an allen

Ecken.

Das zerrissene Ich steht reglos davor.

Bleiben, brennen und retten, mit all den

Wunden,

wenigstens das alte Gemäuer

verteidigen?

Oder fliehend sich in den

Neuaufbau stürzen

Um nach bewährtem Muster ein neues

Gefängnis zu errichten?

Verzweifelt haftet der Blick an Shiva’s

kaltblütigem Gesicht.

„Zeit“, flüstert das lyrische Ich, „etwas

Zeit“.

Blitzschnell war die Antwort da:

„Das ist das Einzige, was dir nicht

bleibt“.

56

licht, nur seine Duldung schlug in Feuer

aus. Weder dem Sonnenschein noch dem

Feuer wusste er kunstfertig Verehrung

oder Dienst entgegenzubringen. Immer

aufgeregter wurde er wegen Senjutis

und meiner Tischumkreisungen. Dabei

kam mir die Angst, er könnte aus seinem

im Schoß ruhenden Händepaar plötzlich

eine Pistole hervorzaubern und mich

unverzüglich auf einen anderen Planeten

befördern. Aber diese Angst konnte

mich nicht lange in Schach halten. Denn

ich allein konnte am Gartenrand des

Bungalows einen riesengroßen Mangobaum

sehen. Wie ein Urgroßvater taxierte

mich der Baum prüfend. Nicht aus

Verdacht wie Bhupalbabu, sondern weil

er mich seiner angehäuften Erfahrung

teilhaftig werden lassen wollte, blickte

er mich so an – so als wollte er mich

nach seinem eigenen Vorbild erziehen.

Soeben sprach ich von dem Baum am

Gartenrand. Aber was bedeutet „Rand“

genau? Ich weiß nicht, wo die tiefen

Aus dem Orissa Zyklus

Elisabeth Günther

Remake

Auf all den Plätzen, wo du zu sitzen

pflegtest,

habe ich Altäre errichtet.

Jeden Tag, wenn die Dämmerung

hereinbricht,

zünde ich heimlich Räucherstäbchen

und Kerzen an

am Sockel deines Standbildes.

Alleine stehe ich lange Zeit davor.

Ich biete meinen Gästen deine Lieb

- lingsstühle an,

und tatsächlich bleibt für mich keiner

übrig.

Die Wege, auf denen du mit mir gingst,

gehe ich nicht mehr.

Stattdessen bewege ich mich im Raum

umher

um mein verkrüppeltes Zuhause

hinter mir her zu schleifen.

_____________________________________________________________________________________________

Elisabeth Günther ist Dozentin an der Fachhochschule Nürnberg. Sie arbeitet z.Zt. an einer Anthologie von Alokeranjan

Dasguptas Gedichten, die sie aus dem Bengalischen ins Englische bzw. Deutsch übersetzt.


Wurzeln des Baumes waren, aber daran,

dass sein Stamm sich zugleich im Innern

und außerhalb des Gartens ausgebreitet

hatte, hegten die Nachbarn, wie auch

sogar die Gemeinderäte, keinerlei Zweifel.

Auch außerhalb des Zaunes fielen

die Blüten zu Boden; Bettler sammelten

sie auf, und wenn man die Art ihres Verhaltens

beobachtete, konnte man meinen,

dass Mangos nicht zum Essen sind,

sondern dass allein durch ihren Duft der

Nahrungsbedarf der Welt gedeckt werden

kann. Eines Tages, als ich Senjuti

die Zeile „In welchem Flötenloch werden

die sechs Jahreszeiten zu einer?“

[Jnanadas, vishnuitischer Dichter] erklärte,

war Bhupalbabu nicht zu Hause.

Ich machte mich gerade daran, ihr eins

ums andere nahezubringen, dass zwischen

der vishnuitischen und der modernen

Bengaliliteratur in Wahrheit keine

Trennlinie zu ziehen ist, und geriet

immer mehr in Fahrt, da fragte Senjuti

mit einem Mal: „Sagen Sie, können Sie

eigentlich Drachen steigen lassen?“ Die

Frage war nicht sonderlich verboten

oder stilisiert. Vielleicht kam sie mir genau

deshalb seltsam irrelevant vor. Ich

antwortete: „Nein. Aber einige derer, die

Drachen steigen lassen, sind meine

Kindheitsfreunde. Und außerdem, selbst

wenn man keine Drachen steigen lassen

kann, ist denn keine Erbaulichkeit im

Sehen eines fliegenden Drachen?“

„Fliegen lassen und Sehen ist doch nicht

dasselbe!“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Oh je, was für ein dummer Kindskopf

Sie doch sind! Als würden Sie den

Unterschied nicht verstehen!“

Da, genau da verstand ich, was Senjuti

Choudhury sagen wollte. Ich würde sie

niemals mehr siezen können, doch auch

zum Duzen fehlte mir die Bereitschaft.

Ich zitterte noch im Graben zwischen

dem Sie und dem Du, da sah ich, dass

ihre ewige Sonettversammlung erschauerte,

ihr himmlisches Haar sich fliegend

zerzauste und sie mit gefalteten Händen

dastand, als wolle sie sich im Meer versenken,

wenn sie nicht sogleich ein Götterbote

errettete.

Auch im Gedicht ist Prosa versteckt, so

die Aussage in der Anspielung. Ich

sprang sofort auf, und als ich einen

Augenblick neben dem Baum am Gartenrand

stand, verstand ich, dass er mir

zu fliehen riet. Ich stieß das jasminbedeckte

Eisentor auf und rannte zum

Bahnhof. Ich war kaum dreihundert

Meter gelaufen, als ich sah, dass die

Leute von dort mich umzingelten. Sie

waren Bhupalbabus ausgebeutete Arbeiter.

Ich brauchte nicht lange für die

Erkenntnis, dass sie ihn soeben gemordet

hatten. Obwohl ich über alle Maßen neugierig

war, den Grund dafür zu erfahren,

stellte ich ihnen nicht eine einzige Frage.

In der Umzingelung, in der sie mich festhielten,

lag in Wirklichkeit die Aufregung

über das Teilen einer Freude mit

einem Gleichgesinnten. Sie umstanden

mich, aber sie hatten mich eher abgeschirmt

als umzingelt. In diesem semantischen

Freudenfest machte ich mich

sachte aus ihrer Gesellschaft frei, um

erneut schnellatmig zum Bahnhof zu

rennen; doch das Quäntchen eines

Augenblicks drehte ich mich um und

sah, dass jener Baum nicht mehr da war;

an seine Stelle hatte sich Senjuti gestellt.

Zeitgleich mit meinem Blick zurück war

sie zu reglosem Stein erstarrt.

Ich begann, mir im Geiste Argumente

für mein Plädoyer zurechtzulegen.

Warum sollte Senjuti kein Stein werden,

sie war ja vergänglich. Trotz ihrer Begrenztheit

hatte sie einmal fliegen wollen.

Der Baum am Gartenrand hatte ihr

auch die Erlaubnis dazu gegeben, indem

er wegging, aber von wo sollte sie die

Fähigkeit nehmen, an dem von ihm verlassenen

Platz zu stehen? In dem Augen-

In der globalisierten Welt geht es mehr

denn je darum, Durchlässigkeit und

Kontrolle zu verbinden. Grenzen verlieren

ihre Funktion als Sperre bei

allen erwünschten Formen von Mobilität.

Damit öffnet sich die Schere sozialer

Ungleichheit zwischen Mobilen

und Immobilen, zwischen freier Fahrt

und Einreiseverbot, immer weiter. Der

polnische Soziologe Zygmunt Bauman

kommentiert treffend: „Some inhabit

the globe, others are chained to

place.“ Manche bewohnen die Welt,

andere bleiben an einen Ort gekettet.

Die Politik handelt ambivalent: Sie

treibt die Entgrenzung voran, schafft

globale Märkte, fordert Freizügigkeitsrechte

für die eigenen Bürger, beschneidet

aber leichtfertig Mobilitätsrechte

Dritter. Das trifft vor allem Reisende

aus weniger wohlhabenden Re-

57

blick, als sie an den verlassenen Ort

kam, blickte auch ich zurück, und Senjuti

wurde zu Stein.

Und da fiel mir jene rätselhafte Formel

von Paul Celan ein: „Es war Frühling,

und die Bäume flogen sogleich in Richtung

ihrer Vögel.“

Es stimmt, dass die Bäume nach Belieben

fliegen können, doch die Menschen

kommen zurück zu den Menschen. Am

Bahnhof angelangt, sah ich, dass vor

abends um zehn kein Zug mehr nach

Kalkutta fuhr. Da hatten angeblich welche

am Nachbarbahnhof eine Weiche

verschwinden lassen. Vor Durst war

mein Körper ausgemergelt und hölzern

geworden, und hätte sich leicht verbrennen

lassen. Oder vielleicht war es auch

so, dass der Drang eines Schwures –

dass ich nämlich als Mensch geboren

war und als solcher sterben musste – in

meinem Blut virulent geworden war.

Jedenfalls kam ich notgedrungen zu

Senjuti zurück. �

Aus dem Bengalischen übersetzt von Hans Harder

Die halbierte Globalisierung

gionen und aus Ländern, aus denen

schon in der Vergangenheit „nur“

Flüchtlinge oder visa overstayer kamen.

Aber es trifft auch viele, die einfach

keinen direkten Nutzen bringen.

Man kann es halbierte Globalisierung

nennen: Da der Westen Mobilität und

Sicherheit zugleich maximieren möchte,

schließt er Teile der Welt aus dem

Freizügigkeitsversprechen aus. Mehr

noch: Je mobiler wir werden, desto immobiler

machen wir andere. Der Zusammenhang

ist klar: Die neuen Mobilitätswellen

bergen Risiken, die minimiert

werden sollen. Dazu braucht es

effektive Mechanismen der Schließung

und der Selektion.

- Prof. Steffen Mau

(Aus: „Unsichtbare Grenzen“, Die Zeit.

26.06.08 )


Entwicklung

Wie man Armut beenden kann

Die Titelgeschichte des Time

Magazin vom 14. März 2005

war dem Thema „Wie kann man

Armut besiegen?“ gewidmet. Sie basierte

auf einem Aufsatz von Jeffrey Sachs

mit dem Titel „Das Ende der Armut“ aus

seinem gleichnamigen Buch. Fotos in

dem Artikel zeigen verwahrloste Kinder,

Müllhaldenmenschen und Heroinabhängige.

Es sind Bilder jener überflüssigen

Menschen, denen ihr Leben, ihre Existenzgrundlage

und ihre Ressourcen

durch einen brutalen, ungerechten Ausgrenzungsprozess,

der die Mehrheit in

Armut stößt und nur einigen Wenigen

Wohlstand beschert, weggenommen

wurde. Müll ist der Abfall der Wegwerfgesellschaft.

Ökologische Gesellschaften

haben nie Müll gehabt. Heimatlose

Kinder sind Folgen von Verarmungen

von Gesellschaften und Familien, die

ihre Ressourcen und Existenzgrundlagen

verloren haben. Es sind Bilder der

Perversion und der indirekten Auswirkung

eines unnachhaltigen, ungerechten,

unbilligen Wirtschaftswachstumsmodells.

In meinem Buch Staying Alive hatte ich

mich auf ein Buch mit dem Titel Poverty:

the Wealth of the People bezogen, in

dem ein afrikanischer Autor den Unterschied

zwischen Armut als Subsistenzminimum

und Elend als Mangel an

Möglichkeiten, Grundbedürfnisse zu erfüllen,

beschreibt. Es ist sinnvoll, eine

Trennlinie zu ziehen zwischen einem

kulturellen Konzept von einfachem Leben

mit Subsistenzminimum als Armut

und der materiellen Erfahrung von Armut,

die die Folge von Enteignung und

Deprivation ist. Die kulturell wahrgenommene

Armut muss in Wirklichkeit

nicht Armut im materiellen sein: siehe

die Subsistenzwirtschaft, die die Grundbedürfnisse

durch Selbstversorgung befriedigt.

Solche Gesellschaften sind

nicht arm im Sinne von Mangel. Dennoch

erklärt die Ideologie solche Gesellschaften

zu armen Gesellschaften, weil

sie eine geringe Teilhabe an der Marktwirtschaft

haben und keine Waren, die

der Markt erzeugt und unter die Leute

Vandana Shiva

bringt, verbrauchen, selbst wenn sie die

Bedürfnisse durch Mechanismen der

Selbstversorgung befriedigen könnten.

Man wird als arm bezeichnet, so lange

man eher von Frauen angebaute Hirse

verzehrt statt kommerziell produzierter,

vom globalen Agrobusiness auf den

Markt gebrachter konservierter Junkfood.

Sie werden als arm angesehen, wenn sie

in selbstgebauten Häusern aus umweltfreundlichen

Materialien wie Bambus

und Lehm und nicht aus Zement wohnen.

Sie werden als arm angesehen,

wenn sie handgefertigte Kleider aus

natürlichen Materialien und keine synthetisch

hergestelltenen tragen. Subsistenz

– als kulturell definierte Armut –

beinhaltet nicht unbedingt eine geringe

Lebensqualität. Ganz im Gegenteil: Die

Subsistenzwirtschaften gewährleisten

höhere Lebensqualität bezüglich des

Rechts auf Nahrung und Wasser, der

nachhaltigen Existenzsicherung und der

robusten sozialen und kulturellen Identität

und des Lebenssinns, da sie dem

Haushalt der Natur hilft und einen Beitrag

zum sozialen Wirtschaften leistet.

Andererseits sind die eine Milliarde

Hungernden und eine weitere Milliarde

Fehlernährte, die an Übergewicht leiden,

sowohl in kultureller wie materieller

Hinsicht verarmt. Ein System, das Mangel

und Krankheit erzeugt, während es

andererseits Trillionen von US Dollars

an Superprofiten für das Agrobusiness

erwirtschaftet, ist ein System, das

gleichzeitig menschliche Armut produziert.

Armut ist das Endstadium, nicht

das Anfangsstadium eines ökonomischen

Paradigmas, das die Öko- und Sozialsysteme,

die das Leben, Gesundheit

und Subsistenz der Menschen und des

Planeten Erde, auf dem sie leben, vernichtet.

Und wirtschaftliche Armut ist

nur eine Form der Armut. Daneben existieren

andere Formen der Armut wie

kulturelle Armut, soziale Armut, Armut

an ethischen Maßstäben, ökologische

Armut und spirituelle Armut, die im so

genannten reichen Norden weiter ver-

58

breitet sind als im armen Süden. Diese

Formen der Armut können aber nicht

mit US Dollars bekämpft werden. Dazu

braucht es Empathie und Gerechtigkeitssinn,

Bereitschaft zur Fürsorge für Not

leidende Menschen und Bereitschaft

zum Teilen mit Bedürftigen.

Um die Armut zu beseitigen, muss man

zuvor begreifen, wie sie entsteht. Jeffrey

Sachs jedoch betrachtet sie als die Erbsünde.

Er erklärt: „Noch vor einigen

Generationen waren fast alle Mensch

arm. Die Industrielle Revolution führte

zum neuen Wohlstand, ließ jedoch den

größten Teil der Welt weit zurück.“ Dies

ist eine völlig verzerrte Sicht auf die

Geschichte der Armut und kann nicht

die Grundlage dafür sein, dass die Armut

Geschichte wird. Jeffrey Sachs hat

sich geirrt. Die Armen sind nicht jene,

die zurückgelassen wurden, sondern

jene, die über den Rand gedrängt wurden

und denen der Zugang zu eigenen

Existenzgrundlagen verwehrt wurden.

Die Armen sind nicht deshalb arm, weil

sie faul oder ihre Regierungen korrupt

sind, sondern weil andere sich ihres

Besitzes bemächtigten und ihre Fähigkeit,

Vermögen zu schaffen, vernichtet

wurde. Der Wohlstand, der sich in Europa

anhäufte, basierte auf den Reichtümern

Asiens, Afrikas und Lateinamerikas,

die man sich aneignete. Ohne die

Zerschlagung der reichen indischen Textilindustrie,

ohne die Übernahme des

Gewürzhandels, ohne den Völkermord

an den indigenen Stämmen Afrikas bzw.

die Sklaverei in Afrika hätte die Industrielle

Revolution keine neuen Reichtümer

für Europa und die USA schaffen

können. Es war die blutige Übernahme

der Ressourcen und Märkte der dritten

Welt, die den Wohlstand im Norden

schuf. Aber dies erzeugte gleichzeitig

Armut im Süden.

Zwei Wirtschaftsmythen sind daran

schuld, dass wir zwei eigentlich eng verbundene

Prozesse doch getrennt sehen:

Wachstum von Wohlstand einerseits und

Zunahme von Armut andererseits. Der

erste Mythos lautet: Nur Kapitalzuwächse

bedeuten Wachstum. Was aber hierbei

übersehen wird, ist die Zerstörung des

Haushalts der Natur und die Zerstörung

der Subsistenzwirtschaft der Menschen.

Die zwei simultan erzeugten „externen

Effekte“ des Wachstums – Umweltzerstörung

und Armutserzeugung – werden

beiläufig miteinander verbunden, aber


nicht mit dem Prozess des Wachstums

selbst. Man sagt, Armut verursache Umweltzerstörung,

und verschreibt die

Krankheit als Arznei: Mit Wachstum sei

das Armutsproblem lösbar und gleichzeitig

das Umweltproblem, denn dieses

sei in erster Linie eine Folge der Armut.

Dies ist die Botschaft von Jeffrey Sachs

Analyse.

Der zweite Mythos, der den Wohlstand

von Armut trennt, beruht auf der Annahme,

dass wer nur das produziert, was er

verbraucht, kein Produzent sei. Diese

Annahme dient als die Grundlage des

Produktionsindexes zur Bemessung der

nationalen Bruttosozialprodukte, an denen

das Wirtschaftswachstum gemessen

wird. Beide Mythen führen zur Verklärung

von Wachstum und Konsum, sie

blenden aber auch den eigentlichen Prozess

aus, der sich abspielt, wenn Armut

entsteht. Erstens, der kapitalorientierte

Markt ist nicht das einzige Wirtschaftssystem.

Dennoch wird Entwicklung am

Wachsen der Marktwirtschaft festgemacht.

Die ausgeblendeten Kosten dieser

Entwicklung sind die Zerstörung der

beiden anderen Systeme des Wirtschaftens:

des Haushalts der Natur und des

Überlebens der Menschen. Die Unwissenheit

über die beiden lebenswichtigen

Wirtschaftsformen oder ihre Vernachlässigung

ist der Grund dafür, dass die wirtschaftliche

Entwicklung eine Bedrohung

für das Überleben der Menschheit

durch ökologische Zerstörung dargestellt

hat. Beide Gefährdungen sind

„verborgene, negative externe Effekte“

der Entwicklungsprozesse geblieben.

Man spricht nicht von Ausgrenzungsfolgen,

sondern von „jenen Menschen, die

zurückgelassen wurden“, und betrachtet

diese Menschen auch nicht als jene, die

die Hauptlast eines ungerechten Wachstums

zu tragen haben – in Form von

Armut- vielmehr stellt man es so dar, als

seien diese Menschen nur zu wenig am

Wirtschaftsprozess beteiligt.

Diese Trennung ist Kernstück von Jeffrey

Sachs Analyse. Seine Rezeptur

würde deshalb die Armut nur verschlimmern,

anstatt sie zu beseitigen. Handel

sowie Austausch von Waren und Dienstleistungen

gab es zu allen Zeiten, in

jeder Gesellschaft. Allerdings hatten

diese früher dem Haushalt der Natur und

dem Wirtschaften des Menschen unterstanden.

Mittlerweile wurden die Domäne

des Marktes und das von Menschen

erzeugte Kapital zum höchsten Organi-

sationsprinzip der Gesellschaft erklärt.

Dies hat zur Vernachlässigung und Zerstörung

der beiden anderen Organisationsprinzipen

geführt: Ökologie und

Überleben. Dabei sind es gerade diese

beiden Prinzipien, die das Leben sichern

– in der Natur und in der Gesellschaft.

Moderne Wirtschaftssysteme und Entwicklungskonzepte

bilden nur einen

unbeachtlichen Teil der Geschichte der

Interaktion Mensch-Natur. Über die

Jahrhunderte sind die Prinzipien von

Subsistenz die materielle Grundlage des

Überlebens in der menschlichen Gesellschaft

gewesen. Dieses Subsistenz-Prinzip

kommt zum Tragen, wenn der

Mensch als ein Mechanismus der Selbstversorgung

seinen Lebensunterhalt

unmittelbar aus der Natur verdient. Die

von Natur gesetzten Grenzen sind respektiert

worden, und sie haben gleichzeitig

auch dem menschlichen Konsumverhalten

Grenzen gesetzt. In den meisten

Ländern des Südens bestreiten die

Menschen ihren Lebensunterhalt noch

immer in einer Überlebenswirtschaft,

die allerdings von der marktorientierten

Entwicklung nicht wahrgenommen

wird. Alle Menschen in allen Gesellschaften

dieser Erde sind für ihr Überleben

auf den Haushalt der Natur angewiesen.

Wenn das Ordnungsprinzip, das

die Mensch-Natur-Beziehung regelt,

Nachhaltigkeit ist, wird Natur zum

Gemeingut. Wo allerdings Profit und

Akkumulation zum gesellschaftlichen

Ordnungsprinzip erhoben wird, wird die

Ich glaube, dass wir in den kommenden

Jahren erheblich niedrigere

Wachstumsraten erleben werden als

bisher. In gewisser Weise könnte man

sagen, dass das Spiel aus ist. Und der

Übergang könnte äußerst turbulent

werden. Unsere Art zu leben und zu

wirtschaften war exzessiv, es konnte

nicht ewig so weitergehen. Und was

nicht ewig weitergehen kann, endet irgendwann

einmal – auch wenn es

lange dauern kann, bis dieser Zeitpunkt

erreicht ist. Denn Boomphasen

haben die Tendenz, sich selbst zu verstärken,

wenn die Maschine erst einmal

läuft, dann läuft sie. Das liegt

auch daran, dass unser System, unsere

Regeln die jeweilige Bewegung noch

verstärken.

59

Das Spiel ist aus

Natur zur Ressource, und dies macht die

Ausbeutung von Ressourcen für den

Markt in solchen Gesellschaften obligatorisch.

Ohne sauberes Wasser, fruchtbare

Böden, genetische Vielfalt bei Wildund

Feldpflanzen kann die Menschheit

nicht überleben. Diese Gemeingüter

sind aber durch wirtschaftliche Entwicklung

zerstört worden, und hieraus hat

sich ein neuer Widerspruch ergeben –

nämlich der zwischen der Ökonomie der

natürlichen Prozesse und der Survival-

Ökonomie, weil jene Menschen, denen

traditionelle Länderein und traditionelle

Überlebensstrategien geraubt werden,

sich nun gezwungen sehen, ihr Überleben

in einer zunehmend zerstörten

Umwelt zu suchen.

Menschen sterben nicht daran, dass sie

zu wenig verdienen. Sie sterben, weil sie

keinen Zugang zu Ressourcen haben.

Auch in diesem Punkt irrt Jeffrey Sachs,

wenn er sagt: „In dieser reichen Welt

sind eine Milliarde Menschen so arm,

dass ihr Leben in Gefahr ist.“ Die indigenen

Populationen des Amazonas, die

Bergdorfgemeinden des Himalaya und

jene Bauern, deren Land von niemandem

einverleibt wurde, deren Wasserqualität

stimmt, deren Biodiversität

nicht der industriellen Landwirtschaft

zum Opfer fiel, die, die sich nicht verschulden

mussten, all diese Menschen

sind reich – im ökologischen Sinne –,

obwohl sie nicht einen Dollar am Tag

verdienen. Umgekehrt bleibt ein

Mensch selbst mit 5 Dollar am Tag arm,

Das geldpolitische und finanzielle Umfeld

ist zu locker. In den Industriestaaten

haben die Zentralbanken die Zinsen

gesenkt, um die Konjunktur anzukurbeln.

Das hätte eigentlich zu einer

Abwertung der Währungen der

Schwellenländer führen müssen. Doch

die Schwellenländer wollten das nicht,

also haben sie auch die Geldpolitik

gelockert und ihre Wechselkurse niedrig

gehalten. Am Ende hatten wir auf

der ganzen Welt eine zu lockere Geldpolitik

und einen gigantischen Kreditboom.

- William White,

Chefvolkswirt der Bank für

Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ)

(Aus einem Interview, das in „Die Zeit,

3.07.2008 erschien)


wenn er für die Güter der Grundversorgung

teuer zahlen muss. Die indischen

Bauern, die in den vergangenen zehn

Jahren in Armut und Verschuldung getrieben

wurden, damit – mit Hilfe der

ökonomischen Globalisierung – ein

Markt für teures Saatgut und für die

Agrarchemie geschaffen werden konnte,

begehen nun zu Tausenden Selbstmord.

Wenn ein Patent auf Saatgut erhoben

wird und die Bauern 1 Trillion Dollar

Schutzgebühren aufbringen müssen,

sind diese Bauern um 1 Trillion ärmer.

Patente auf Medikamente führen dazu,

dass ein Medikament gegen Aids statt

200 Dollar jetzt 20.000 Dollar kostet

und ein Krebsmedikament, das eigentlich

2.400 Dollar pro Jahresbehandlung

kosten würde, plötzlich 36.000 Dollar

kostet. Wenn Wasser privatisiert wird

und globale Konzerne mit der Ware

Wasser Gewinne von 1 Trillion Dollar

herausschlagen, werden die Armen um

diese 1 Trillion Dollar ärmer. Die Bewegungen

gegen die Wirtschaftsglobalisierung

und gegen Fehlentwicklungen sind

gleichzeitig Antiarmutsbewegungen,

denn sie setzen sich für ein Ende der

Ausgrenzung ein, sie setzen sich gegen

die Ungerechtigkeit und den Mangel an

Die vielleicht größte geopolitische

Frage des 21. Jahrhunderts ist, ob uns

ein neuer Ost-West-Konflikt bevorsteht.

Wird ein transatlantisches Bündnis aus

den Vereinigten Staaten und der Europäischen

Union einer reizbaren Allianz

bevölkerungsreicher asiatischer

Staaten gegenüberstehen, die sich um

China versammeln? In den neunziger

Jahren, als der Westen mit seinen humanitären

und militärischen Interventionen,

die während des Kalten Kriegs

undenkbar gewesen wären, die Weltordnung

revolutionierte, galt: Wer die

Regeln bestimmt, besitzt die Macht.

Asiens wirtschaftlicher Aufstieg bringt

jetzt ein neues Axiom hervor: Wer das

Geld hat, macht die Regeln. Die Vereinigten

Arabischen Emirate, Singapur,

Saudi-Arabien, Südkorea und China

gebieten über riesige Staatsfonds, die

nicht nur die Wall Street stützen, sondern

auch von Nordafrika bis Zentralasien

mittelgroße Volkswirtschaften aufkaufen.

Die asiatische Nachfrage nach

Mineralien treibt die Wachstumsraten

in Afrika heute höher denn je. Diese

ökologischer Nachhaltigkeit ein – die

Wurzeln der Armut.

Jene 50 Milliarden Dollar, die der globale

Norden dem globalen Süden an „Hilfen“

zukommen lässt, sind nur ein Zehntel

des Kapitalflusses in Höhe von 500

Milliarden Dollar, der von Süd nach

Nord verläuft – in Form von Zinszahlungen

und anderen ungerechten Mechanismen

(als Teil der globalen Ökonomie),

die vom Internationalen

Währungsfonds und der Weltbank verhängt

werden. Die Privatisierung

lebenswichtiger Dienstleistungen sowie

die unfaire Globalisierung durch die

Welthandelsorganisation machen die

Armen ärmer. Allein durch gesunkene

Preise für ihre Landwirtschaftserzeugnisse

gehen den indischen Bauern jährlich

26 Milliarden Dollar verloren – eine

Folge des Dumpings und der Handelsliberalisierung.

Dies sind Folgen einer

unfairen, ungerechten Globalisierung,

die zum Takeover von Nahrung und

Wasser durch Großkonzerne (Corporations)

führt. Allein für Nahrung und

Wasser wird man den Armen in Zukunft

mehr als 5 Billionen Dollar abnehmen

und das Geld dann in die reichen Länder

Die zentralen Herausforderungen der Zukunft

Rohstoffflüsse können schnell politisch

instrumentalisiert werden. Schon heute

unterstützt China jedes der von den

USA als „Schurkenstaat“ klassifizierten

Länder finanziell und militärisch.

Wie würde eine globale Ordnung aussehen,

in der West und Ost im Kampf

um strategischen Einfluss immer stärker

auf Staatskapitalismus setzten und

die Regime der Zweiten Welt bestächen,

damit sie ihre Rohstoffe herausrücke?

In der der Westen nicht nur auf

Menschenrechte und Demokratie, sondern

auch auf seine Patent- und geistigen

Eigentumsrechte pocht – und der

Osten darauf pfeift? Werden die amerikanisch

geführte Nato und die chinesisch

dominierte Shanghaier Organisation

für Zusammenarbeit aneinandergeraten,

wenn das Öl aus Kasachstan

knapp wird? Werden chinesische

Kriegsschiffe im Indischen Ozean zu

patrouillieren beginnen, um die Energieversorgung

aus dem Sudan und,

durch die Straße von Hormus, aus Iran

zu sichern? Die zentralen Herausforde-

60

transferieren. Die Armen finanzieren die

Reichen. Wenn es uns wirklich ernst ist,

die Armut zu bekämpfen, müssen wir

uns ernsthaft daran machen, jene ungerechten

und brutalen Systeme der Reichtumserzeugung

zu beenden. Denn sie

erzeugen Armut, indem sie die Armen

ihrer Ressourcen, ihrer Existenz, ihres

Einkommens berauben. Dieses „Nehmen“

ignoriert Jeffrey Sachs nur allzu

gern. Lieber schreibt er über das

„Geben“ – das allerdings nur 0,1% dessen

ausmacht, was der Norden sich

„nimmt“. Will man die Armut beenden,

geht es darum, dass weniger genommen

wird – und nicht so sehr darum, eine

unerhebliche Summe an Entwicklungshilfe

beizusteuern. Wer will, dass Armut

Geschichte wird, muss die Geschichte

der Armut richtig verstehen – und Jeffrey

Sachs befindet sich dabei völlig auf

dem Holzweg.

Eine Globale Initiative (Global Marshall

Plan/Planetary Contract) zur Schaffung

einer weltweiten ökosozialen Marktwirtschaft

soll es zur Kenntnis nehmen,

dass die Armen deshalb arm sind, weil

ihnen die Teilhabe an Gaben der Natur

(ein gehöriger Anteil an Gaben der

rungen des 21.Jahrhunderts heißen

Terrorismus, Klimawandel, gesetzlose

Regime, Armut und der Wiederaufbau

gescheiterter Staaten. Bei jedem dieser

Probleme sind Russland, Japan, Indien

oder Saudi-Arabien wichtig – die Vereinigten

Staaten, Europa und China aber

überragend wichtig. Wenn Washington

und Peking begreifen, dass der jeweils

andere in Zukunft ihre schönsten Pläne

durchkreuzen kann, dann werden sich

in den Eliten der beiden Weltmachtrivalen

vielleicht kühle Köpfe durchsetzen.

Und dann könnte sich ein regelmäßiges

G3-Forum, bestehend aus den

USA, der EU und China, in aller Stille

daranmachen, an den wirklichen Fragen

zu arbeiten.

- Parag Kharma

(Auszug aus dem Beitrag „Die nächste Welt“ in

„Die Zeit“ vom 3.7.2008. Parag Kharma, geboren

1977 in Indien, ist Mitarbeiter der New America

Foundation in Washington. Auf Deutsch ist

von ihm erschienen „Der Kampf um die Zweite

Welt.“)


Seminarbericht

Die Stimmen der Ärmsten

Zur Situation der Dalits, Adivasi und deren Literatur im Schwellenland Indien

Tagung im Arbeitnehmerzentrum in Königswinter vom 20. bis 22. Juni 2008

Sind die Gebrochnen und Entrechteten

im Schwellenland Indien

stumm? Was sind die Ursachen

und Folgen von Un-gerechtigkeiten an

Dalits, Adivasi? Ist ein ökonomisches

Wachstum erstrebenswert auf Kosten

der Armen, insbesond-re zu Lasten der

benachteiligten Gruppen? Welche Tragweite

stellen die Be-nachteiligten der

unteren Kasten und Kastenlosen in der

künftigen bilateralen deutsch-indischen

entwicklungspolitischen Zusammenarbeit

dar? Kann man noch die umfassende

Funktion der ge-genwärtigen aufklärenden

literarischen Strömung der

Entrechteten in der indischen Gesellschaft

ignorieren? Hat bzw. kann die

Literatur der Dalits und Adivasi bewusst

oder unbewusst Entwicklungsmodelle

für eine Veränderung und Verbesserung

ihrer Zukunft in Indien entwerfen?

Vor diesem Hintergrund referieren und

moderieren indische und deutsche Autoritäten

und die Interessenvertreter der

NGOs im Rahmen der dreitägigen Tagung

im Arbeitnehmerzentrum Königswinter

über die heutigen Lebensumstände

der Dalits und Adivasi. Die Redner

geben konkrete und gut fundierte Antworten

zu den oben gestellten Fragen,

die die gesellschaftliche Situation der

Unberührbaren aufzeigen. Literarische

Texte, die die Vertreter der benachteiligten

Gruppen selbst verfasst haben, und

Texte, die Nicht-Dalit-Autoren und

deutsche Schriftsteller und Wissenschaftler

über sie geschrieben haben,

(Fortsetzung von Seite 60)

Natur) verweigert worden sind, weil sie

ihrer Existenzgrundlagen beraubt worden

sind, weil sie ihres Lebens noch beraubt

werden. Eine Globale Initiative

soll auf das Prinzip von „Erde-Demokratie“

basiert sein. In Erde-Demokratie

haben alle Menschen und alle Lebewesen

ein Recht auf die Güter der Erde,

und keine Person, kein Land hat das

Recht, die anderen ihres ökologischen

werden als Stimme und Anwalt dieser

Bevölkerungsgruppe vorgetragen.

Die Informationsveranstaltung war ein

großer Erfolg, nicht nur wegen des

Niveaus der informativen Themen der

Referate. 38 (davon 20 weibliche) hoch

motivierte Referenten und Tagungsteilnehmer

sind nach Königswinter gekommen:

32 Teilnehmer sind Deutsche, 5

haben indische Staatsangehörigkeit und

eine Teilnehmerin kommt aus Afghanistan.

Jüngere Studenten, Doktoranden,

Lehrer, Vertreter der NGOs, ältere Bürger

– Menschen aus diversen Berufsgruppen

– aus verschiedenen Teilen von

NRW und Deutschland sind gekommen;

in den Arbeitsgruppen diskutieren sie

leidenschaftlich. Ein Defizit an Information

der Deutschen über die indischen

Ureinwohner konnte man feststellen,

und deshalb sind die Diskussionen in

den Arbeitsgruppen noch intensiver und

lebendiger. Ganz konkret ist festzuhalten,

dass die Missachtung und Diskriminierung

der Entrechteten nicht kompatibel

mit der Politik der entwicklungspolitischen

Zusammenarbeit Deutschlands

und Indiens sein kann. Wachstum darf es

nicht auf Kosten der Armen und benachteiligten

Gruppen geben. Es ist gelungen,

Menschen anzusprechen und sie für

entwicklungspolitische Mitarbeit zu inspirieren.

Es ist gut möglich, dass einige

Teilnehmer als Multiplikatoren für die

entwicklungspolitische Bildungsarbeit

gewonnen werden könnten.

Lebensraumes zu berauben. In der Erde-

Demokratie ist alles Leben intelligent,

alle Lebewesen sind schöpferisch.

Armut ist ein Produkt der Verweigerung

jener angeborenen Fähigkeit zur Kreativität,

über die alle Menschen verfügen.

Eine Globale Initiative soll der Menschheit

ihren ökologischen und kulturellen

Lebensraum zurückgeben, so dass die

biologische Vielfalt (Biodiversität) und

kulturelle Vielfältigkeit wachsen und

61

Ein maßgeblicher Beitrag der Veranstaltung

soll auch die Frage der Rolle der

Literatur der Unberührbaren für einen

nicht unmöglichen gesellschaftlichen

Wandel in Indien sein. Die Literaturformen

Lyrik und Autobiographien sind

besonders beliebt, und in ihr werden

Emotionen und Wahrnehmung der eigenen

Situation konzentriert wiedergegeben.

Die Literatur, sei es Lyrik oder

Prosa, gestaltet eine ganz sich selbst

gehörende Welt; sie kann Einflüsse auf

die jeweils noch zu schaffenden Realitäten

bewirken. Als ein Teilergebnis dieser

Tagung wird erwartet, dass die Rezeption

von Literatur der Unberührbaren als

wesentlicher Teil der Entwicklung sowie

Entwicklungspolitik und damit auch der

entwicklungspolitischen Zusammenarbeit

zwischen Deutschland und Indien

bilden soll.

Die Tagung wurde vom Literatur Forum

Indien e.V. in Zusammenarbeit mit dem

Arbeitnehmerzentrum Königswinter

durchgeführt.

- Nirmalendu Sarkar

gedeihen kann und somit wir in Indien

beten können: „Mögen alle Wesen in

allen Welten glücklich sein!“ �

Aus dem Englischen ins Deutsche übertragen von Thomas

Chakkiath

(Quelle : Auszug aus „Earth Democracy: Sharing

the Earth’s Bounty Ecologically and Equitably to

Remove Poverty” in: Towards a World in Balance.

Global Marshall Plan Initiative, Hamburg, 2006.)


Architektur in Indien

Infolge der Größe des Landes, der

vielfältigen Kulturen und unzähliger

Herrscherdynastien, die auf dem

Subkontinent ihre Denkmäler errichteten,

ist es im Rahmen eines kurzen Aufsatzes

nicht möglich, die epochalen,

dynastischen und geographischen Entwicklungen

der indischen Architektur zu

beschreiben. Hier wird lediglich versucht,

einige der elementaren Aspekte

der Architektur in einer vereinfachten

Form darzustellen.

Indus-Architektur

Die älteste Baugeschichte Indiens beginnt

mit der Indus-Kultur, die um 2500

v. Chr. entstand und deren Zentrum im

Industal von Mohenjo Daro (Hügel der

Toten) und im Fünfstromland (Punjab)

von Harappa lag. Mohenjo Daro ist

wahrscheinlich die älteste Stadt Indiens,

die nach einem Plan gebaut wurde.

Rechteckige, mit Backsteinen und Ziegeln

gebaute Wohnhäuser, die über Hof,

Toilette und Waschräume verfügten,

kennzeichnen die dort hoch entwickelte

Bauweise. Die Stadt verfügte über Beund

Entwässerungssysteme, Müllentsorgungsanlagen,

Kornkammern, Bäder

und Brunnen für den öffentlichen Bedarf.

Leider ist über die eigentliche

Ursache des Untergangs der Induskultur

wenig bekannt, vermutlich durch Trockenheit

oder auch wegen der Zerstörung

durch arische Einwanderer. Die

Inschriften und archäologischen Funde

weisen auf die Gottheiten, Kunst und

Baukultur hin, die sich noch heute in

Indien fortsetzen.

Vedische Architektur

Aus der vedischen Zeit (1500–800 v.

Chr.) ist uns kaum etwas über das Bauwesen

überliefert. Die buddhistische

Architektur gibt uns Hinweise auf die

Baukunst der vedischen Epoche. Die

damalige arische Bevölkerung baute

vornehmlich aus Bambus und Stroh

kreisförmige Hütten, die in ihren damaligen

Siedlungsgebieten in der Nähe der

Flüsse Ganges und Jamuna reichlich

vorhanden waren. Zum Schutz vor

wilden Tieren errichteten sie einen Bambuszaun

(Vedika) um ihr Dorf und hat-

A. Khaliq Kaifi

ten vor dem Haus ein Tor (Torana). In

Anbetracht der vergänglichen Natur des

Baumaterials fehlen uns auch Funde

über die Bauweise der Sakralbauten der

vedischen Bevölkerung. Wir wissen lediglich

von der Existenz von Holzpfosten

(Stamphas) zum Opfern von Tieren

für die Gottheiten. Erst um 500 v. Chr.

begann man in Indien die Häuser mit

gebrannten Ziegeln zu bauen, wie dies

die Ausgrabungen u. a. in Kusambhi

(Uttar Pradesh) und Rajgir (Bihar) belegen.

Durch die Inder sind kaum schriftliche

Zeugnisse über die Bauweise dieser

Zeit hinterlassen worden, aber wir

erfahren einiges von Megasthenes, dem

griechischen Gesandten des Seleukidenreiches,

der sich um 335 v. Chr. am Hof

des Chandragupta Maurya in Patliputra

(Patna) aufhielt. Megasthenes schreibt

in seinem Bericht „Indike“ über die

Festung Patliputra, über Häuser und

Paläste, die mit Holz und Ziegeln auf

Bambuspfosten gebaut waren, und über

Gärten, die über Eingangstore und

Zäune verfügten. Jedoch vermisste er

dort Steinbauten und Steinskulpturen,

die er von Griechenland und Persien her

kannte.

Buddhistische Architektur

Die fassbare Geschichte der indischen

Architektur beginnt erst mit der Regierungsperiode

des Mauryakaisers Ashoka

(269-232 v. Chr.), des Gründers des

ersten Großreiches auf indischem Boden,

der zum Buddhismus konvertierte

und diesen sehr förderte. Obwohl die

Lehre von Gautama Buddha (563-460 v.

Chr.) seit fast 200 Jahren in Indien bekannt

war, verfügte diese dort bis dahin

über keine nennenswerte Anhängerschaft

und dementsprechend nicht über

Sakralbauten. Bis dahin bauten die

Gläubigen am Rande des Dorfes eine

Art Gedenkhügel als Reliquienstelle für

Buddha und dessen Heilige, die mit

Bambus und Stroh überdacht wurde.

Erst als Kaiser Ashoka den Buddhismus

zur Staatsreligion erklärte, begann die

Errichtung von Festbauten in Stein. Auf

ihn geht die Beschriftung von Felsen

und Säulen mit Edikten zurück, die er

aus der Indusregion übernahm, wo das

62

Bauen mit diesem Material seit der

Herrschaft von Xerxes I. (519–465 v.

Chr.) und Darius I. (486–465 v. Chr.)

schon bekannt war.

Insgesamt ist die Ashokaperiode durch

vier Bautypen, Stupa, Chaitya, Vihara

und Fels- und Steinsäulen (letztere mit

Edikten) gekennzeichnet. Zur Verbreitung

der buddhistischen Ethik ließ er die

Edikte in monolithische Säulen meißeln.

Einige waren etwa 12 Meter lang, bis zu

50 Tonnen schwer und wurden auf Ochsenkarren

und Kähnen Hunderte von

Kilometern weit transportiert. Zur Fertigstellung

trugen die persischen Steinmetzen

bei, aber das Polieren der körnigen

Steinsäulen auf Hochglanz und die

Gestaltung mit Lotuskelchen und sonstigen

indischen Motiven leisteten die indischen

Baumeister. Die Edikte auf den

Säulen und Obelisken wurden wahrscheinlich

von den Achämenidenherrschern

(553–330 v. Chr.), die das Land

Ägypten erobert hatten, von dort übernommen.

Die symbolträchtigen Ashokasäulen

gelten als die bedeutendsten

Kunstwerke Indiens. Nach dem Tod von

Ashoka hörte diese Baukunst auf. Die

auf einem Monolithen ruhenden vier

brüllenden Löwen mit dem Lebensrad

(Chakra) in Sarnath (in der Nähe von

Benares, Uttar Pradesh) gehen auf ihn

zurück. Dieses weltberühmte Monument

ist seit der Unabhängigkeit 1947 Indiens

Nationalemblem.

Das vom Bekanntheitsgrad her an zweiter

Stelle stehende Bauwerk ist der

Stupa, gebaut aus Holz, Steinen und Ziegeln,

in gewisser Weise eine Fortsetzung

des alten Gedenkhügels aus Bambus und

Schlamm. Es wird vermutet, dass allein

während der Ashokazeit in Indien über

200 Stupas entstanden sind. Einer davon

wurde im 19. Jahrhundert in den Wäldern

von Sanchi (in der Nähe von Bhopal,

Madhya Pradesh) zufällig von britischen

Archäologen entdeckt. Der Bau

dieses Gesamtkomplexes zog sich über

fast 300 Jahre (200 v. Chr. bis 100 n.

Chr.) hin. Der Grundriss, ein Halbkreis,

der als Anda, was übersetzt eigentlich

„Ei“ heißt, bezeichnet wird, gilt als

Symbol des Universums. Er verfügt

über einen Durchmesser von 36,5 Metern

und eine Höhe von 16 Metern. Die

flache Form des Reliquienhügels hat

sich in der Ashokazeit zur Halbkugel hin

entwickelt. Der Stupa ist umgeben von

einem Bambuszaun (Vedika), vier Eingangstoren

(Toranas) und einem den

Stupa umschließenden Gebetspfad (Pra-


dakshina). Die Torana und Vedika erinnern

an das alte vedische Haus. Auf der

Abflachung des Doms ist ein Reliquienschrein

(Harmika) und auf seiner Spitze

eine schirmartige Krone (Chatra) als

Buddha-Baumsymbol, der sogenannte

Buddhibaum, angebracht, der an den

Erleuchtungsbaum von Bodh Gaya in

Bihar erinnern soll.

Die Gebets- und Versammlungsräume

der Mönche (Chaitya) lagen parallel zu

den Stupabauten, welche hauptsächlich

in den Gebirgshöhlen der östlichen und

westlichen Küstenregionen (Ghats)

Indiens angesiedelt wurden. Die Berghöhlen

waren für die Mönche ideale

Orte, um sich zu Meditation und Gebet

zurückzuziehen. Und sie boten Schutz

vor den an den Küsten starken Monsunregenfällen.

Die Chaityahalle von Karli,

zwischen Mumbai und Puna in Maharashtra,

im 1. Jh. n. Chr. entstanden, gehört

wahrscheinlich zu den größten Bauwerken

der Felsarchitektur der buddhistischen

Zeit. Vieles davon ist verfallen.

Am Eingang der Halle stehen noch zwei

Steinpfeiler (15,2 m), die von in Stein

gehauenen Löwen gekrönt sind. Darüber

hinaus erlebt man im hellen Tageslicht

die dreischiffige Anlage (38x14m) mit

41 verzierten Säulen und einem glockenförmigen

monolithischen Stupa.

Die Wände sind reichlich mit Szenen

aus Buddhalegenden (Jatakas) geschmückt.

Die Chaitya von Karli gilt im

Hinblick auf die Beherrschung der technischen

und künstlerischen Mittel als

Meisterleistung der Höhlenarchitektur.

Sie wird nur übertroffen von Fresken in

den Höhlen von Ajanta, die später, zwischen

dem zweiten und dritten Jahrhundert,

entstanden sind.

Die Klöster (Viharas) wurden wie die

Stupas auf das flache Land gebaut,

zuerst im damaligen Ashokareich von

Bihar, daher der Name Bihar, abgeleitet

von Vihara.

Die Viharas waren einfach gebaut, verfügten

über mehrere rechteckige Höfe

für Schlafzellen und Kapellen. Sie dienten

den Wandermönchen und Pilgern als

vorübergehende Aufenthaltsorte auf

ihrem Weg zu den Stupas und Chaityas.

Einige Viharas verfügten über Krankenhäuser

und Lehranstalten. Der chinesische

Mönch Hiuan Tsang, der sich zehn

Jahre lang (633–643) in Indien aufhielt,

studierte an einer einem solchen Kloster

angeschlossenen buddhistischen Universität,

Nalanda in Bihar.

Nach Ashokas Tod im Jahre 232 v. Chr.

erlebte die buddhistische Architektur

ihren Höhepunkt, und zwar während der

Herrschaft der Kushanakönige (78 v.

Chr.-220 n. Chr.). Einer von ihnen,

Kanishka, gründete sein Reich um 50 v.

Chr. in Gandhara, welches die altindische

Bezeichnung für das östliche Kabul

(Bagram) im Industal und für die Gebiete

um Taxila (Nordwestindien) ist. Von

seiner Hauptstadt Purushpara (Pesha-

Khajuraho, Höhepunkt des Mittelalters

war, Pakistan) regierte er über Zentralindien

und erhob auch Mathura (Uttar Pradesh)

zu seiner zweiten Hauptstadt. Wie

Ashoka trat auch er zum Buddhismus

über, förderte die buddhistischen Bauten

und die buddhistische Kunst sehr. Die

Kushanaperiode wird insgesamt als

klassische Zeit der buddhistischen Architektur

bezeichnet. Unter dem Einfluss

von Kanishka entwickelte sich ein

Mischstil, Gandharastil genannt, der

sich bis Mathura und weiter in Indien

verbreitete und eine Synthese zwischen

hellenistischem, persischem und indischem

Baustil darstellte. Es muss hier

daran erinnert werden, dass zur Zeit von

Kaiser Chandragupta Maurya die griechischen

Nachfolger Alexanders des

Großen (zwischen 180 und 120 v. Chr.)

Teile Nordwestindiens regierten. Diese

Herrscher wie Menander und Demetrios

trugen entscheidend zur Entwicklung

der Gandharakunst bei. Nach der Überlieferung

ließ sich Melinda aus Javanas,

was damals bedeutete, aus Griechen-

63

land, zum Buddhismus bekehren. In

Gandhara entstanden Schieferporträts

Buddhas in Lebensgröße in verschiedenen

Stellungen im hellenistischen Stil,

die Boddhisatvas. Der Buddha war in

der Gandharakunst nicht mehr der Unsichtbare

und Gestaltlose entsprechend

dem Hinayanabuddhismus (Buddhismus

des Kleinen Rades), sondern nahm im

Mahayanabuddhismus (Buddhismus des

Großen Rades) Gestalt an – wie die Götter

des Hinduismus. Eine Darstellung

des göttlichen Buddha dieser Art von

einer Höhe von 43 Metern befand sich

seit 1500 Jahren in Bamiyan (Afghanistan).

Diese Figur wurde im März 2001

von Talibanen gesprengt.

Der Bau terrassenförmiger Stupas auf

einem quadratischen Steinsockel geht

auf die Gandharabauweise zurück. Chinesische

Pilger verbreiteten diese in

Zentral- und Ostasien, wo sie als Pagoden

bezeichnet werden. Nach dem Zerfall

des Gandharareiches blieb diese

Kunst in Mathura und Ostindien lebendig,

dort wird sie noch Terrakottakunst

genannt.

Nach dem Zerfall des Kushanareiches

im dritten Jahrhundert n. Chr. begann

die Schwächung und Vertreibung des

Buddhismus durch den Brahmanismus,

der bis zum 9. Jahrhundert in Indien fast

erloschen war. Den Todesstoß erhielt er

ab dem 11. Jahrhundert beim Vordringen

moslemischer Eroberer aus Zentralasien

nach Gandhara, die die dortigen Schätze

plünderten und vernichteten.

Hinduistische Architektur

Während der Buddhismus mit seinen

grandiosen Sakralbauten im 4. Jahrhundert

seinen Höhepunkt erreichte, begann

für die Hinduarchitektur die Suche nach

einer gültigen Form des Gotteshauses.

In Anbetracht der freien Götterwahl und

der Kastenunterschiede verbot sich der

Bau eines gemeinsamen Bethauses. Im

Gegensatz zu anderen Religionen ist es

im Hinduismus gängige Praxis, im

Wohnhaus für den Lieblingsgott eine

Altarecke zu errichten.

Der Bau von Tempeln (Mandir) begann

erst in der Periode des Guptareiches

(320–546 n. Chr.), die als „Goldenes

Zeitalter“ der hinduistischen Kultur und

Kunst bezeichnet wird. Diese Ära ist

bekanntlich gekennzeichnet durch den

starken Einfluss des Brahmanismus auf

die Guptakönige, durch die Wiederbelebung

der vedischen Gottheiten und die


Verdrängung des Buddhismus in Indien.

So entstanden die Tempel für einzelne

Götter als Gegenpol zu den Sakralbauten

des Buddhismus. Die ersten Tempel

sind zwischen dem 4. und 6. Jahrhundert

in Südindien in Aihole, Badami, Ladkhan

und Pattadakal gebaut worden,

ursprünglich in Berghöhlen als Wohnorte

für die Götter. Nach dem Bericht des

chinesischen Mönchs Fa-Hien, der zwischen

399 und 414 n. Chr. die Stätten

des Buddhismus besuchte, entstanden

jedoch zu dieser Zeit noch prächtige

buddhistische Bauten, die von Kaufleuten

finanziert wurden. Erst nach dem 7.

Jahrhundert nahm die Konstruktion des

Hindutempels konkrete Formen an, und

bestimmte Merkmale begannen sich herauszubilden.

Diese sind in erster Linie:

der Dunkelraum (Garbhagriha), die

Halle vor dem Dunkelraum (Mandapa)

und der Turm des Tempels (Shikhara).

Der Dunkelraum ist das höchste Heiligtum

des Tempels, der Mutterleib, die

Höhle, in der die Gottheit residiert. Nach

hinduistischer Vorstellung leben die

Götter in Höhlen, die auch als die heiligsten

Orte für die Askese und Meditation

betrachtet werden. Der Zugang zur Zelle

(Garbhagriha) des Tempels ist lediglich

durch einen engen Eingang möglich, nur

die Priester und Mitglieder der oberen

Kaste haben Zutritt. Die Halle vor dem

Dunkelraum ist als Versammlungsort für

die Besucher des Tempels vorgesehen.

Sie wird benutzt für die Gottesverehrung

(Puja), für die Überreichung der Gaben

an die Gottheit (Prasada) und für die

Betrachtung der Götterstatuen (Darshana).

Die Hallen (Mandapas) sind in den

Tempeln von Bhubaneshwar und Puri

(Orissa) sehr weiträumig gebaut. In diesen

an der Küste gelegenen und von

Wäldern verdeckten Tempeln konnte der

Hinduismus sich lange in seiner Urform

gegen die fremde Herrschaft behaupten

und es konnten sich somit dort große

Pilgerorte entwickeln. Daher baute man

dort mehrere Vorhallen für die Rituale

sowie auch für die Tempeltänzerinnen,

die Mahari und Devadasi, und für Prozessionen

(Ratha). Das markanteste Element

des Tempels ist der Turm (Shikara)

mit schrägem Umriss, der aus übereinander

angeordneten Schichten besteht.

Der Shikhara ist ein Abbild des mythischen

Weltenberges (Meru), des Mittelpunkts

des Universums, in Südindien

wird er als Vimana bezeichnet. Die

Turmspitze trägt eine Scheibe einer

mythologischen heiligen Frucht (Amalka)

und ein Abbild des Berggipfels (Kai-

lasha), der als Verweilsort der Götter

betrachtet wird. Hier ist zu beachten,

dass sowohl die Spitze der Stupas als

auch der Tempel mit altvedischen Symbolen

dekoriert werden. Bei den Buddhisten

wird Wert auf den Reliquienschrein

(Harmika) und auf das Buddhibaumsymbol

(Chatra) gelegt, bei den

Hindus auf Amalka und Kailasha. Die

Turmspitze steht unmittelbar über dem

Dunkelraum, und dies vermittelt die

Idee vom Hochsteigen der Götter zum

Universum. Bei einigen Shikharas steigt

eine Vielzahl von Turmrepliken (Urushringas)

am Hauptturm mit empor. Die

Innenräume der Tempel sind schlicht

ausgestattet, die Außenfassaden hingegen

sind mit sehr prächtigen Abbildungen

und Skulpturen geschmückt, die

Episoden aus der Götter-, Dämonen-,

Tier- und Pflanzenwelt schildern. Hier

bilden einige Tempel in Madhya Pradesh

und Orissa Ausnahmen. So beispielsweise

der Mahadeotempel in Khajuraho

(Madhya Pradesh) und der Sonnenwagentempel

von Konark (Orissa),

die Menschen in erotischen Stellungen

in obszönen Variationen, auch mit Tieren,

zeigen. Nach Schätzungen sind die

dortigen Tempel zwischen dem 11. und

13. Jahrhundert fertig gestellt worden.

Es ist unerklärlich, wie es zur Darstellung

solcher sexuellen Ausschweifungen

in den Sakralbauten der frommen

Chota Ganga Könige (Orissa) und der

Chandellas (Zentralindien) und dazu

noch unter Aufsicht der sittenstrengen

Brahmanen kommen konnte. Wie es

auch gewesen sein mag, diese Tempel

zählen zum Weltkulturerbe. Im Gegensatz

zu den nördlichen Tempeln, die vorwiegend

mit Sandsteinen, gebrannten

Ziegeln und Holz gebaut sind, wurden in

den Tempeln des Südens in großem

Umfang Steine und Granit verwendet.

Für Südindien ist der Bau der Tempelspitze

(Vimana) und des Tempelwagens

64

Stupa Sanchi

(Ratha) aus einem Monolithen typisch.

Die Dharmaraja Ratha von Mahabalipuram

(Tamil Nadu), die Sonnenratha von

Konark in Orissa und der Kailasha-Tempel

in Ellora (Nähe von Aurangabad,

Maharashtra) gehören zu den großartigsten

Leistungen der Tempelarchitektur.

Der Dharmarajawagen ist aus einem einzigen

80 Tonnen schweren Stein gemeißelt,

der Sonnenwagen von Konark

wird von sieben Pferden aus Stein gezogen

und hat 24 Räder. In 30 Felswände

gehauen ist der Kailashatempel von Ellora,

zweifellos der größte monolithische

Tempel Indiens. Um ihn zu bauen,

mussten etwa 400.000

Tonnen Stein abgetragen

werden.

Im Gegensatz zum Norden

tritt ab dem 15.

Jahrhundert in der

südindischen Tempelarchitektur

eine entscheidende

Veränderung ein.

Infolge moslemischer

Angriffe aus dem Gebiet

der Deccan-hochebene

werden insbesondere

um die Tempel von

Tamil Nadu Wehrmauern und Eingangstore

(Gopuram) gebaut, die Mauern

werden immer dicker und die Tore erreichen

bis zu 60 Meter Höhe. Es entstehen

innerhalb der Mauern Siedlungen, und

die Tempel werden mit der Zeit zu Tempelstädten.

Nicht mehr die Turmhöhe ist

das Wahrzeichen des Tempels, sondern

die Mauern und die Eingangstore

machen die Größe des südindischen

Tempels aus. Kanchipuram, Madurai,

Rameshwaram und Thanjavur (Tamil

Nadu) zählen zu dieser Art von Tempelstädten.

Kanchipuram ist für die Hindus

unter sieben Städten eine der heiligsten

und Rameshwaram wird das Varanasi

(Benares) des Südens genannt. Auch

diese Tempel sind bekannt für den Bau

einer Kette von offenen Höfen (Prakrama)

als Sammelstellen für die Menschen

unterer Kasten, um sie vom Dunkelraum,

dem heiligen Altarraum der Götter,

fernzuhalten.

Im Reich von Vijayanagar (1436–1649)

im Bereich des Hochebene des Deccan

(Karnataka) erreichte die Granitarchitektur

in der Felslandschaft einen Höhepunkt.

Der portugiesische Gesandte

Domingo Paes am Hofe des Königs

Krishna Deva Ray (1509–1529) berichtet

mit Bewunderung von Palästen und


Tempeln in Hampi, der damaligen

Hauptstadt von Vijayanagar, die seiner

Meinung nach größer war als Rom. Dort

ist noch im Vittalatempel ein mit Granit

gebauter, neun Meter hoher, Tempelwagen

zu sehen. Wegen ihrer Sakralbauten

steht die damalige Hauptstadt Hampi in

Vijayanagar (Karnataka) unter dem

Denkmalschutz des Weltkulturerbes.

Es herrscht Übereinstimmung darüber,

dass der Tempelbau ausschließlich eine

„Priesterarchitektur“ ist. Seit

der Entstehung der Sakralbauten

im 4. Jahrhundert bis

heute hat diese Architektur

mit ihren überlieferten Symbolen

und Formen unverändert

ihre Kontinuität bewahrt.

Selbst zu der Zeit, als die

Moslems die Kuppelbauten,

Gewölbe und Bögen in Indien

einführten, wurde die Hinduarchitektur

dadurch nicht

beeinflusst. Es ist daraus

abzuleiten, dass die Priester

als Oberplaner und Aufseher

nicht nur Wert auf die Fortset-

zung der Identität der Glaubensinhalte

legten, sondern

diese auch unbeirrt im äußeren

Erscheinungsbild dokumentieren

wollten.

Islamische Architektur

Die Geschichte der islamischen Architektur

nimmt ihren Anfang an den Orten,

an denen auch die Baukultur der Indusvölker

und der Buddhisten blühte. Wie

bereits erwähnt, brachten die moslemischen

Herrscher die von der griechischrömischen

und persischen Bauweise

beeinflussten Bögen, Gewölbe und Kuppelbauten

nach Indien. Diese vermischte

sich im Laufe der Jahre mit der indischen

Architektur. In der Tat ist die Geschichte

der islamischen Architektur

eine faszinierende Manifestation des

Zusammentreffens unterschiedlicher

Denkweisen.

Obwohl das Industal bereits im 8. Jahrhundert

den Arabern und Nordindien

seit dem 10. Jahrhundert den Völkern

Zentralasiens unterlag, finden wir infolge

der menschlichen und natürlichen

Zerstörungen selten Baureste aus dieser

Zeit. Erst seit 1206, nach der Festsetzung

des türkischen Sultanats in Delhi,

beobachten wir eine Ära der islamischen

Bautätigkeiten, deren Bauten zum Teil

noch erhalten geblieben sind.

Die islamische Architektur zeichnet sich

insbesondere durch drei Bauarten aus:

Moschee (Masjid), Grabmal (Maqbara)

und Festung (Qila).

Die erste öffentliche Moschee für Gebete

(Namaz) wurde im Auftrag des Sultans

Qutb ud Din Aibak 1193 in der

eroberten Festung des Pirthivi Raj (Qila

Rai Pithora, Süddelhi) gebaut, die ein

Machtsymbol des Islam (Quwat ul

Islam) darstellte. Dort ließ er auch 1199

Ein Blick über das Rote Fort, Delhi, Aus dem Vogelperspektive

Dieses Gemälde eines Künstlers aus Delhi (um 1820) zeigt, wie das Rote Fort zur Zeit Shah

Jahans aussah. Die Palastfestung (1639-1648) war Bestandteil der neuen Stadt Shah Jahans,

Shajahanabad (Old Delhi), und hat ihren Namen von den Sandsteinmauern, die sie umgeben.

den Grundstein des noch stehenden

Turms „Qutub Minar“, das Wahrzeichen

Delhis, legen, der am Ende der Bauzeit

eine Höhe von 73 Metern erreichte, der

höchste Turm in der damaligen Welt.

Derselbe Sultan baute außerdem noch in

der von ihm besiegten Stadt Ajmer

(Rajasthan) schnell, d.h. innerhalb von

zweieinhalb Tagen eine Moschee, die so

genannte Arhai din ka Jhopra (Zweieinhalb

Tage Hütte). Diese Moscheen in

Delhi und Ajmer entstanden an den Stellen

zerstörter Hindu- und Jainatempel

und wurden aus deren restlichem Bauschutt

teilweise mit deren Dächern, Balken

und Säulen errichtet. Erst am Ende

des 13. Jahrhunderts sehen wir in den

islamischen Moscheen Bögen, Gewölbe

und Kuppelbauten. Die Baumeister

kamen in erster Linie aus Persien und

Zentralasien. Die Einheimischen lernten

von ihnen die neue Technik und fügten

gelegentlich die hinduistischen Dekorationen

und Verzierungen hinzu.

Nach islamischem Gebot ist die Moschee

ein Ort der Niederwerfung vor

Gott, die Bezeichnung geht auf das arabische

Wort „sich niederwerfen“ zurück.

65

Sie ist als eine ruhevolle Oase inmitten

einer feindlichen Wüste zu verstehen.

Sie besteht hauptsächlich aus einem

quadratischen oder rechteckigen Gebetssaal,

der nach Mekka (Qibla) gerichtet

ist. Am Ende der Gebetswand zeigt

sich eine Nische (Mihrab) und daneben

steht eine Kanzel (Mimbar) für den Prediger

(Imam). Zur Moschee gehört das

Minarett für den Ruf des Muezzins zum

Gebet. Der Gebetssaal wird in der Regel

von einer oder mehreren Kuppeln bedeckt.

Der Islam schließt

jegliche menschliche Darstellung

aus, daher besteht

die Dekoration aus

geometrischen, floralen

und kalligraphischen

Mustern. Dieses sind die

Hauptelemente der

Moscheearchitektur weltweit,

sie passt sich stilistisch

lediglich in der

äußeren Bauweise an die

Gegebenheiten des jeweiligen

Landes an.

Infolge der völligen Zerstörung

der Stadt Delhi

1398 durch Timur Leng

(Tamerlan), die die Auflösung

des damaligen Delhisultanats

von Tughlaq

zur Folge hatte, verselbständigten

sich die bisherigen Statthalter

in anderen Teilen Indiens und bauten

ihre Sakralbauten in ihren Gebieten.

Besonders zu erwähnen sind die

Moscheen von Jaunpur, 58 Kilometer

von Benares (Uttar Pradesh) entfernt,

Gaur und Pandua (Bengalen) und Ahmedabad

(Gujarat). Es entsteht 1408 bei

Atala in Jaunpur zum ersten Mal eine

Moschee mit einem schmalen Minarett,

einem bogenförmigen Portal und einer

Kuppel über der Nische. Sie ist aus grauem

Sandstein, Granit und mit schwarzen

Marmoreinlagen gebaut. Die Moscheen

von Gaur und Pandua (Bengalen) knüpfen

an die eigene Bautradition des

Wohnhauses mit konvexen Dachformen

aus Ziegeln an. An den Fassaden der

Moscheen brachten einheimische Handwerker

hinduistische Muster an. Sie zeugen

von den ersten Versuchen, eine Synthese

zwischen hinduistischen Flachbauten

und islamischer Bogenkunst zu

erreichen. Auch bei der Bauweise in

Ahmedabad spielt die einheimische Tradition

eine entscheidende Rolle. Die

Dächer der Moscheen erinnern an Bergsymbole,

die Gebetssäle sehen einer hinduistischen

Vorhalle ähnlich, die Säulen


und die Steingitterfenster (Jaalis) tragen

alte gujaratische Muster. Die mit Kalksteinen

und Marmor gebauten Moscheen

von Rani Rupmati (1515) und Shah

Aalam (1550) in Ahmedabad belegen

eine gelungene Fusion hinduistischer,

jainistischer und islamischer Architektur.

Die regionalen Reiche auf dem Plateau

von Deccan (Ahmednagar, Bidar,

Bijapur, Birar und Golconda), die von

den Schiiten aus Persien und den türkischen

Generälen zwischen dem 15. und

16. Jahrhundert gegründet worden waren,

beschäftigten auch ihre eigenen

Landsleute als Architekten. Die Perser

ließen sogar farbig glasierte Kacheln aus

Gilan nachkommen und die Türken

führten sowohl Mörtel als auch das

Halbmondsymbol an den Kuppeln der

Moscheen ein. Ihre Moscheen sind bekannt

für ihre Überdachung mit

Tonnengewölben und roten Kuppeln,

die auf einen arabischen

Ursprung hindeuten. Nach fast

dreihundertjährigen Bauimprovisationen

der Sultanate (1206–

1526) erreichte die Architektur

ihre Reife bei den Großmoguln

(1526–1707). Shah Jahan (1627–

1658), der Erbauer des Taj Mahal

in Agra, des Red Fort (Lal Qila) in

Delhi und der Gründer der Stadt

Old Delhi (Puranii Delhi), ließ dort

die Jama-Masjid mit 100.000

Gebetsplätzen auf einem hohen

Podest mit vier ge-wölbten Portalen

in allen Himmelsrichtungen

bauen, die größte Moschee der

damaligen Welt.

Das Bauen von Grabmälern (Maqbara)

ist in der Tat das Kennzeichen der islamischen

Architektur in Indien. Die moslemischen

Herrscher aus fremden Ländern

sehnten sich danach, verewigt zu

werden, und bauten zu Lebzeiten für

sich ihre Grabmäler, die immer noch

pompöser sein sollten als die ihrer Vorgänger.

Sie kannten bereits aus ihren

Eroberungen in Kleinasien und Persien

die griechischen Mausoleen. Es gibt nirgendwo

auf der Welt so viele Mausoleen

wie in Indien. Ein solches Grabmal hatte

eine kubische Struktur, die von einer

Kuppel mit echtem Gewölbe nach oben

abgeschlossen wird. Wenn überhaupt

Kuppeln, so baute man in Indien bis zum

13. Jahrhundert solche aus Kragschichten.

Die Grabkuppel der Sultane Ghari

in Mandu (Mewar) von 1231 und Iltutmisch

in Delhi von 1235 brachen infolge

mangelnder Erfahrung der Hinduar-

chitekten zusammen. Ein Mausoleum

mit der römischen Kuppel schuf zuerst

für sich Sultan Balban (gest. 1287) in

Delhi. Zu diesem Bau trugen entscheidend

die Baumeister aus Persien und

Zentralasien bei, die nach der Zerstörung

der Abbasidendynastie in Baghdad

durch den Mongolenkönig Hulego

im Jahre 1258 nach Indien geflüchtet

waren. Das erste oktogonale Grabmal

mit einer Kuppel wurde für den Sultan

Ghiyas ud din Tughluq 1325 errichtet.

Die einheimischen Baumeister bauten

aber auf dem Scheitel der Kuppel den

Kailasha, das hinduistische Bergsymbol.

Zur Zeit der Lodhiherrschaft (1451-

1526) erreichte man die Vervollkommnung

der Gräberanlage mit oktogonalem

Grundriss. Das 24 Meter hohe zweistöckige

Grabmal von Sikander Lodhi,

Mausoleum des Humayun.

„Bara Gumbad“ (Großkuppel) wurde

1494 auf einem hohen Sockel mit wunderschönen

Arabesken im Lodhigarten

(Süddelhi) gebaut. Um 1540 errichtete

Sultan Hoshang Shah (1405-1435) sein

Grabmal in Mandu (Madhya Pradesh),

das erste, das mit Marmor verkleidet

wurde. Alle diese Bauten öffneten den

Weg für die nachfolgende Mogulnarchitektur

der Grabbauten.

Das Mausoleum des Mogulnherrschers

Humayun (1530-1556) wurde in der

Mitte von vier symmetrisch angelegten

Gärten, den so genannten Char Baghs,

mit Teichen und vier Portalen in alle

Himmelsrichtungen gebaut. Die Tradition

des symmetrischen Gartens mit Teichen

geht auf seinen Vater Babur, den

Gründer des Mogulnreiches (1526-

1857), zurück. Fast zur gleichen Zeit

wurde in einem künstlich angelegten

66

Wasserbecken ein monumentales Grabmal

für den zeitweiligen Rivalen von

Humayun, den König Sher Shah Suri

(1530-1545) in Sasaram (Bihar) gebaut.

Das riesige Bauwerk umfasst ein oktogonales

erstes und ein hexagonales

zweites Stockwerk mit einer 45 Meter

hohen Kuppel. Insgesamt erreichte die

Grabarchitektur in der Mogulnzeit ihre

Perfektion. Der Grund dafür lag darin,

dass der sagenhafte Reichtum der

Moguln die Baumeister aus allen Ländern

nach Indien lockte. Das in rotem

Stein gebaute Grab von Akbar dem

Großen (1556-1605) in Sikandra (in der

Nähe von Agra) und das Grabmal aus

weißem Marmor von Itmad ud Daulah

in Agra, Vater von Nur Jahan, der Frau

des Kaisers Jahangir (1605-1626),

zählen zu den schönsten Bauten der

Zeit, wobei das Mausoleum von

Akbar eine echte Synthese zwischen

islamischer und hinduistischer

Architektur repräsentiert.

Zu den schönsten Mausoleen

dieser Art gehört das von Shah

Jahan (1628-1658) in 20 Jahren

für seine Lieblingsfrau Mumtaz

Mahal gebaute Taj Mahal, das

meist bewunderte und photographierte

Monument der Welt. Das

Eingangsportal, die Gärten,

Chinarbäume, Teiche, die Spiegelung

des Ge-bäudes im Fluss

Jamuna, die Zwiebelkuppeln,

die vier auf Podestecken frei stehenden

Minarette, die Ornamente,

Kalligraphie, Blumeneinlagen

und floralen Verzierungen in

farbigen Edelsteinen sowie die

strenge Symmetrie werden als unnachahmliche

Verkörperung der indo-islamischen

Architektur betrachtet.

Die schiitischen Herrscher und die Gegner

der sunnitischen Moguln in den deccanischen

Reichen wollten bei den

Grabmalbauten nicht zurückstehen. Zur

Zeit des Taj Mahal baute der Sultan

Muhammad Adil Shah von Bijapur

(1627-1657) das Gol Gumbaz Grabmal

(Rote Kuppel) mit einer Moschee. Der

Raum des Gol Gumbaz umfasst 1.672

Quadratmeter, die Höhe und der Durchmesser

betragen jeweils 60,9 und 44

Meter; damit war es zu seiner Zeit das

größte Grabmal Indiens und die größte

und höchste Kuppel der Welt. Zu einem

der schönsten Bauwerke zählt auch das

Grabmal Rauza mit Moschee, von Ibrahim

Rauza in Bijapur gebaut. Man benutzte

dort persische Kacheln sowie In-


schriften, Lobsprüche und heilige Verspaare

in altarabischer Kufi-Schrift. In

den dortigen Grabmälern begegnen wir

hinduistischen Motiven: Lotus, Löwen

und Pfauen. Die indoislamische Verschmelzung

der Architektur wird auch

beim Char Minar (Vier Türme, gebaut

1591) in Hyderabad deutlich sichtbar.

Sie stehen mit ihren imposanten Terrassen,

vier schmuckreichen Minaretten

und kielbogenförmigen Öffnungen zum

Hof der Moschee an einer belebten

Straßenkreuzung.

Ein weiteres imposantes Bauobjekt islamischer

Architektur ist die Festung

(Qila). Der griechische Gesandte Megasthenes

sah in Patliputra (Patna) die

Festungen, die mit Erdwällen, Gräben

und Palisaden angelegt waren. Die moslemischen

Herrscher übernahmen diese,

bauten sie nach ihren Verteidigungsbedürfnissen

weiter aus. Als Fremde und

in ständiger Angst vor den Einheimischen

und neuen Eindringlingen lebten

sie mit ihren gesamten Familien, Kriegern

und Ausrüstungen in ihrer Festung,

die vielfach aus rotem Sandstein gebaut

war. Die Türken brachten die römische

Technik der mit Mörtel errichteten

Mauer nach Indien, die entscheidend zur

Festigkeit dieser Anlagen beitrug. Von

den alten Festungen wie Tughlaqabad,

Adilabad, Purana Qila (Süddelhi),

Jaunpur (Uttar Pradesh), Mandu (Madhya

Pradesh) und Daulatabad (Maharashtra)

ist sehr wenig übrig geblieben. Es

sind lediglich die Festungen von Akbar

in Agra und von Shah Jahan in Purani

Delhi aus dem 17. bzw. 18. Jahrhundert

erhalten geblieben, da sie auch von den

Briten benutzt wurden.

Die Moguln errichteten an den Orten der

Festungen ihre Paläste (Mahal, Haweli),

bauten dort ihre Wohnhäuser, Verwaltungsämter,

Moscheen, Gerichte (Adalat)

und Audienzsäle für das Volk

(Diwan e Aam) und solche für die Auserwählten

(Diwan e Khaas), ebenfalls

Begräbnisplätze. Die von Akbar gebaute

Stadtfestung in Fatehpur Sikri, 36 Kilometer

von Agra, ein Weltkulturerbe, ist

umgeben von einer Mauer von sechs

Kilometern mit zahlreichen Eingängen

und einem gigantischen Eingangstor,

dem Buland Darwaza (30,5 auf 15,3 m),

durch das der Kaiser auf einem Elefant

sitzend passieren konnte. Es befinden

sich dort mehrere Paläste, u. a. von Rajputgenerälen

wie Raja Man Singh, Raja

Todar Mall, Raja Birbal (Hofkomödiant)

und Maharani Jodha Bai von Jaipur,

Akbars Frau, die die Mutter des Kaisers

Jahangir ist, ebenfalls das Grabmal des

berühmten Sufis Salim Chisti (1480-

1572), das durch seine Fenstergitterarbeiten

aus Marmor (Jaali) bekannt ist.

Nach William Finch, einem britischen

Reisenden, verfügte diese Festung im

Jahr 1583 über 200.000 Einwohner,

mehr als das damalige London. Fatehpur

Sikri existierte nur 15 Jahre (1570-

Brihideswara in Tanjaore

1585), wurde aus bisher unbekannten

Gründen verlassen, wahrscheinlich wegen

des Wassermangels durch die Kursänderung

des Jamuna. Jedenfalls zeugen

die dortigen Bauten von der Fusion der

figürlichen Hindudekorationen mit moslemisch-geometrischen

Mustern. Akbar

ist bekannt für die Gründung einer

neuen universalen Religion (Din e

Ilahi), die islamische und hinduistische

Elemente verbinden sollte. Er baute zwischen

1565 und 1574 auch eine Festung

in Agra (Agra Fort), deren Prachteinrichtungen

wie Diwan e Aam, Diwan e

Khaas, Perlmoschee, Hamam, Weingarten

und Bazar für die Haremdamen

bekannt ist. Sie ist von einer zwei Kilometer

langen Mauer umgeben, verfügt

über zahlreiche Bastionen und Wachtürme.

Die letzte Festung aus rotem Stein,

Red Fort (Lal Qila), wurde von Shah

Jahan in Old Delhi errichtet. Diese ist

wie ein rechteckiges Zelt aus Marmor

konstruiert, das 945 mal 503 Meter

umfasst. Der letzte Mogulnkaiser, Bahadur

Shah II., lebte bis 1857, dem Jahr

seiner Verbannung nach Rangoon

(Birma), in dieser Festung.

67

Aufgrund der kontinuierlichen Belegung

der Festungen von Agra und Delhi

durch die Briten und danach der Nutzung

als Kaserne und als Orte öffentlicher

Feste und Veranstaltungen durch

den indischen Staat sind die beiden gut

erhalten geblieben und zu touristischen

Attraktionen geworden.

Koloniale Architektur

Nach der Auflösung des Mogulnimperiums

kam es zu Gründungen

zahlreicher von der Kolonialmacht

abhängigen Fürstenstaaten

in Indien, die die indoislamische

Architektur in ihren

Reichen weiterhin pflegten.

Die Paläste (Mahal, Haweli)

von Rajas, Maharajas und Nawabs

belegen dies in Jaipur,

Jodhpur, Jaiselmer (Rajasthan),

Bhopal, Gwalior (Madhya

Pradesh), Lucknow,

Rampur (Uttar Pradesh),

Mysore (Karnataka), Hyderabad

(Andhra Pradesh), Amritsar

und Patiala (Punjab).

Amritsar, der heilige Ort der

Religionsgemeinschaft der

Sikhs, beherbergt den besonderen

im indoislamischen Stil

gebauten Goldenen Tempel

(Gurduwara), dessen Name

von den goldenen Kupferplatten

herrührt, mit denen er bedeckt ist.

Nach der Gründung von Calcutta (Kalkota)

1690 durch die East India Company

sind dort die ersten eigentlichen

Kolonialbauten entstanden. Wie kaum

eine andere Stadt in Indien erinnert sie

an die viktorianisch-neugotische Architekturgeschichte

des britischen Kolonialreiches,

wie z. B. Writers’ Building,

die Wohn- und Arbeitsstelle der Steuerbeamten

der East India Company von

1770 in rotem Backstein, Asiatic Society

(1784), Governor’s House (1803, heute:

Raj Bhavan), General Post Office

(1810), den 67 Meter hohen Kuppelbau,

Indian Museum (1814) mit seiner 93

Meter langen Fassade und opulenten

Säulenportalen, das älteste und größte

seiner Art in Asien, Eden Garden (1835),

High Court (1850), University Building

(1875) und an die Geschäftsavenues wie

New Market, Chowringhee und Dalhousie

Square. Später versuchten die britischen

Architekten den antiken klassischen

mit dem indo-islamischen Stil zu

kombinieren. Ein typisches Beispiel

dafür ist das Victoria Memorial (1921),


ekannt als das Taj Mahal im Kleinen.

Nachdem 1911 die Hauptstadt von Kolkata

nach Delhi verlegt worden war,

errichteten die britischen Architekten

Edwin Lutyens (1869-1944) und Herbert

Baker (1862-1946) in diesem Stil

die Bauten der Vizekönigsresidenz,

heute Palast des Präsidenten (Rashtriyapati

Bhavan), außerdem bauten sie den

High Court, das Interior Ministry und

das Parliament House sowie die Old

Delhi Station. Insgesamt geht die Stadtplanung

(1913-1930) von New Delhi

mit den Kolonialwohnhäusern (Bungalows)

mit Blumenbeeten, Fruchtgärten

und weitläufigen Straßen auf die beiden

Architekten zurück. In Mumbai errichteten

die Briten die Victoria Terminal Station

1887 im viktorianisch-gotischen

und indo-islamischen Stil. Die imposante

Fassade dieses Bahnhofs mit den

Pflanzen- und Tierskulpturen wurden

von Lockwood Kipling, dem Vater von

Rudyard Kipling (1865-1936, dem Verfasser

von Jungle Book, 1894) errichtet.

Darüber hinaus wurden im neuklassizistischen

Stil Gebäude wie Town Hall,

Crawford Market (Markthalle), University

Buildings, Prince of Wales Museum

(mit weißer Kuppel) gebaut. Alle diese

pompösen Gebäude erinnern an die

Macht des Imperiums und dessen Beitrag

zur Architektur Indiens.

Zur indischen Geschichte der Architektur

gehören auch die Kirchen wie die portugiesische

St. Francis Church in Cochin

(Kochi, Kerala). Im Jahre 1605 ursprünglich

aus Holz gebaut, war dort auch zeitweilig

Vasco da Gama (1469- 1524)

bestattet, der Eroberer von Calicut

(Kozhikode, Kerala). Wahrscheinlich ist

die Bom Jesus Kirche in Alt Goa (Velha

Goa) mit dem Grab des heiligen Franz

Xaver die zweitälteste aus der kolonialen

Zeit. Zu den Sakralbauten aus der britischen

Zeit zählen die gregorianischarmenische

Kirche von 1780, die St. John

Kirche mit dem Mausoleum des Stadtgründers

Job Charnock (gest. 1693), die

St. Andrew (1818) und St. Paul Church

(1847). Zu den gotisch-anglikanischen

Kirchen mit den schlanken Türmen

gehören auch die Mary Church und St.

Thomas Church in Chennai, früher

Madras (Tamil Nadu). Im Gegensatz zu

Nordindien befinden sich die Kirchen des

Südens in einem guten Zustand, natürlich

wegen der dort vorhandenen großen Zahl

von Christen. An dieser Stelle muss der

älteste christliche Friedhof Asiens in der

South Park Street von Kolkata erwähnt

werden, wo die Inschriften der Grabsteine

traurige Ge-schichten vom einsamen

Tod fern der Heimat erzählen. Der Friedhof,

der dort seit 1767 existiert, wurde

vor kurzem durch die Initiative einiger

Institutionen und Personen vor der Verwahrlosung

gerettet.

Nachwort

Die Geschichte der indischen Architektur

vermittelt ein Spiegelbild der dortigen

Weltanschauungen, die besonders in

den Sakralbauten zum Ausdruck kommen.

Die Buddhisten bauten Stupas,

Chaityas und Viharas, die Hindus Tempel

und Rathas, die Jainas ihre Tempel

für Mahavira und seine Tirtthankara

(Furtbereiter) und die Sikhs ihre Gurduwaras

zu Ehren ihrer Gurus. Bei den

Moslems sind es Moscheen, Grabmäler

und Festungen, die ihre religiöse Denkweise

symbolisieren. Die Christen bringen

im Bau der Kirchen ihren Glauben

zum Ausdruck. Man kann sagen, dass

fast alle Monumente Indiens einen religiösen

Bezug haben und die Geschichte

ihrer untergegangenen Reiche erzählen,

die aber räumlich sehr weit voneinander

entfernt sind. Die Sehenswürdigkeiten

von Hampi im Süden und Konark in

Osten sind jeweils von Delhi über 2.000

und 1.500 Kilometer entfernt. Die in der

letzten Zeit groß angelegte Werbekampagne

des indischen Staates „Incredible

India“ zielt primär auf den Besuch alter

Bauwerke. Es fehlt in Indien aber noch

die entsprechende Infrastruktur zum

Anlocken der Touristen, insbesondere

derer aus den westlichen Ländern, in

Anbetracht der hohen Kosten, des Zeitaufwandes

und des Gesundheitsrisikos,

verbunden mit umständlichen Transportwegen

und Hygieneproblemen.

Jedenfalls wird sehr viel in das Weltkulturerbe

der Menschheit investiert und

somit erstrahlen die Meisterwerke der

Architektur in neuem Glanz und werden

für das indische Volk und die Touristen

aus aller Welt immer attraktiver. �

Glossar

Amalka: Myrobalanfrucht

Anda: Ei; Hauptkörper des Stupa

Chaitya: Versammlungshalle der buddhistischen

Mönche

Chakra: Rad; Emblem Vishnus

Char Bagh: Vier Gärten

Chatra: Schirm; Bekrönung des Stupa

Dargah: Grabmal eines moslemischen Heiligen

Darwaza: Portal; Eingangstor

Diwan e Aam: Öffentliche Audienzhalle

Diwan e Khaas: Private Audienzhalle

Garbhagriha: Allerheiligster Raum des Tempels

Gopuram: Südindisches Tempeltor

Harmika: Reliquienschrein auf dem Stupa

68

Haweli: Haus eines Adligen oder eines Geschäfts

manns

Jaali: Fenstergitter

Jataka: Buddhas Lebenslauf

Kailasha: Spitze des Tempels; Bergspitze

Mahal: Palast

Maqbara: Grabbauten

Medhi: Podest des Stupa

Meru: Mythischer Berg; Wohnsitz der Götter

Mandapa: Offene Versammlungshalle des Tempels

Mihrab: Richtung Mekka ausgerichtete Nische

Minar: Minarett

Namaz: Islamisches fünfmaliges Gebet

Pradakshina: Umkreisung des Stupas

Prakrama: Offener Hof vor Garbhagriha in südin

dischen Tempeln

Puja: Zeremonie zur Verehrung einer Gottheit

Qila: Festung

Qibla: Gebetsrichtung nach Mekka

Ratha: Tempelwagen

Rauza: Grabmal mit Moschee

Shikhara: Schräger Turm des Tempels

Stambha: Vedische Opfersäule

Stupa: Gedenkhügel für Buddha und die Heiligen

Torana: Tor vor dem Haus

Urushringa: Kleine Nachahmungen des Shikhara

Vedika: Holzzaun des vedischen Dorfes

Vihara: Buddhistisches Kloster

Vimana: Turm des südindischen Tempels

Literatur:

Grover, Satish. Buddhist and Hindu architecture in India.

2nd. Ed., Delhi 2003

Grover, Satish. Islamic architecture in India. 2nd. Ed.,

Delhi 2002

Pant, Sushila. The origin and development of Stupa.

Varanasi 1976

Fischer, Klaus. Architektur des indischen Subkontinents.

Darmstadt 1987

Tadgell, Christopher. The history of architecture in India.

London 1990

Volwahsen, Andreas. Indien. Bauten der Hindus,

Buddhisten und Jainas. München 1968

Volwahsen, Andreas. Living architecture: Islamic India.

London 1970

Das Hörbuch vom

indischen Grabmal

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Das indische Grabmal ist die Geschichte

eines exotischen Abenteurs,

einer großen Liebe, einer phantastischen

Reise, eines Verbrechens aus

Leidenschaft und einer so atemberaubenden

wie surrealen Flucht.

Diese Geschichte von Thea von Harbous

liegt jetzt als Hörbuch vor.


Der indische Verein „Kerala Samajam,

Köln“ feiert in diesem Jahr sein 25jähriges

Bestehen. Die Hauptfeierlichkeiten

zum Jubiläum fanden am

6.09.2008 in Köln mit dem traditionellen

Onam Fest statt. Die Veranstaltung

wurde von weit über 500 Personen –

Deutsche sowie InderInnen – besucht.

Es gab ein Festessen sowie ein reichhaltiges

Kulturprogramm.

„KERALA SAMAJAM“ wurde 1983

von indischen Einwanderern aus Kerala,

die in Köln und Umgebung wohnten,

gegründet. Die höchste Konzentration

der InderInnen aus dem südindischen

Staat Kerala in Deutschland war damals

wie auch heute in Köln. Die anfänglichen

Ziele waren, indische Kultur, insbesondere

die aus Kerala stammende, zu

vermitteln, ein Forum zu schaffen für

die damals arbeitslosen Keralesen, ihre

Probleme zu diskutieren und Lösungs-

Interview

Der Verein „Kerala Samajam, Köln“ wird

25 Jahre alt

ansätze gemeinsam zu entwickeln sowie

Aktivitäten zu initiieren, die die Integration

der Keralesen in die hiesige

Gesellschaft fördern. Am Anfang betrug

die Mitgliederzahl 25.

Mit der Zeit hat der Verein seine Aktivitäten

ausgeweitet und den veränderten

Bedürfnissen der Zielgruppe angepasst.

Durch Kultur das gegenseitige Verständnis fördern

Meine Welt: In diesem Jahr feiert der

Verein „Kerala Samajam“ sein 25jähriges

Jubiläum. Mit welcher Zielsetzung

wurde der Verein gegründet?

Jose Puthussery: Die kulturelle Interaktion

zwischen Deutschen und Indern

zu fördern, war und ist die große

Aufgabe des Vereins seit der Gründung

vor 25 Jahren. Dies erfolgt nur dann,

wenn wir unsere ethnische und kulturelle

Identität beibehalten und zeitgleich

uns der deutschen Kultur öffnen.

Meine Welt: Was hat der Verein in den

letzten 25 Jahren erreicht? Auf welchem

Gebiet lag der bisherige Schwerpunkt

des Vereins?

Puthussery: Die Mitglieder des Vereins

verstehen sich als Förderer traditioneller

Kultur und bieten eine Plattform

zur Vorstellung ihres Kulturkreises

an, um so das gegenseitige Ver-

Jose Puthussery

ständnis zu fördern. Der Verein versucht

dabei verstärkt ein Augenmerk

auf die Jugendlichen zu legen. Dies

spiegelt sich bereits in der Altersstruktur

der vorhanden Mitglieder wider.

Meine Welt: Was hat der Verein geleistet

zur Integration der hier lebenden

Inder und Inderinnen aus Kerala in die

deutsche Gesellschaft?

Puthussery: Es liegt im Interesse des

Vereins, regelmäßig Tages- und Familienseminare

zu veranstalten, um so den

Dialog zwischen Deutschen und Indern

zu fördern.

Meine Welt: Wie sehen Sie die Zukunft

des Vereins? Zeigen die hier geborenen

Inder und Inderinnen der zweiten Generation

Interesse an der Vereinsarbeit?

Wirken sie mit bei Veranstaltungen

und anderen Aktivitäten des Vereins?

69

Es finden heute Tagungen, Ausflüge,

Kartenspielwettbewerbe, Kulturveranstaltungen

und alle Jahre das große

Onam Fest statt. Der

Verein kooperiert auch

mit ca. 20 anderen kleineren

Vereinen und

Initiativgruppen der in

Köln le-benden Keralesen

bei der Durchführung

von ähnlichen

Programmen.

Heute hat der Verein

über 130 Mitglieder. Er

wird geführt von einem

sehr aktiven und engagierten

Vorstand mit 7 Mitgliedern.

Anlässlich des Jubiläums habe ich mit

dem Vorsitzenden des Vereins, Herrn

Jose Puthussery, ein Interview geführt,

das wir nachfolgend abdrucken.

- Jose Punnamparambil

Puthussery: Damit die indische Kultur

und die damit verbundenen Traditionen

bewahrt und gefördert werden, will

der Verein nicht nur ein breites Spektrum

an Indienbegeisterten ansprechen,

sondern widmet sich auch verstärkt

der 2. Generation der hier in Deutschland

lebenden Indern. Dafür wurde

extra die Jugendgruppe, Kerala Samajam

Youth Wing, ins Leben gerufen,

um verstärkt die jungen Menschen in

das Vereinsleben mit einzubinden.

Alle Hoffnung des Kerala Sa-majam

Köln für die Zukunft ruht auf Kerala

Samajam Youth Wing mit seinen zur

Zeit 25 Mitgliedern. In Zukunft wollen

wir mehr und mehr die Verantwortung

in die starken Hände der Jugend übergeben

und ihnen auf diese Weise ermöglichen,

mit ihrem Wirken an große

Erfolge des Vereins anzuknüpfen.


Der Kampf um Lebensraum

Das Zeitalter des freien Marktes

hat ironischerweise in Indien zur

Abspaltung der mittleren und

höheren Schichten von der übrigen

Gesellschaft geführt. Diese beiden

Schichten haben sich zu einem eigenen

Land zusammengeschlossen und schweben

irgendwo in der Stratosphäre, wo sie

sich mit dem Rest der Weltelite vereinigen.

Dieses Reich im Himmel ist ein

vollständiges Universum an sich, hermetisch

vom Rest des Landes (Indiens)

abgeschottet. Es hat eigene Zeitungen,

Kinofilme, Fernsehprogramme, Moralitäten,

Transportsysteme, Einkaufszentren

und Intellektuelle. Falls Sie glauben,

all dies sei ein Witz, irren Sie sich.

Es hat seine eigenen Tragödien, seine

eigenen Umweltprobleme (Parkprobleme,

Luftverschmutzung in Städten),

seine eigenen Klassenkämpfe. Eine

Organisation namens Jugend für Gerechtigkeit

hat zum Beispiel den Fall

Reservation (Reservierung von Studienund

Arbeitsplätzen für Angehörige der

niedrigsten Kasten und Kastenlosen)

aufgegriffen, weil sie glaubt, die höheren

Kasten werden den niedrigen Kasten

gegenüber diskriminiert. Sie hat ihre

eigenen Volksbewegungen und Kerzenlicht-Mahnwachen

(Gerechtigkeit für

Jessica, die im Lokal erschossen wurde)

und sogar eigene „Volkswagen“ (People’s

Car) – das Auto, das in letzter Zeit