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BAHN EXTRA 1970-1989: Zwei spannende Jahrzehnte Bundesbahn (Vorschau)

Rückblick | JOACHIM

Rückblick | JOACHIM SEYFERTH BEI DER DB kehrsdienst alles vor und nach der Zugfahrt statt, beispielsweise der Fahrkartenverkauf und die Abfertigung der Güter. Beim Betriebsdienst ging es rund um die Vorberei - tung und Abwicklung der Zugfahrt, beispielsweise um den Dienst als Zugführer oder Fahrdienstleiter. Ich kam zur Fahrkartenausgabe und Expressgutabfertigung Wiesbaden-Schierstein, prinzipiell meinem Lieblingsbahnhof im Wiesbadener Umkreis, da er an der dicht befahrenen rechten Rheinstrecke liegt und dennoch Kleinstadtatmosphäre ausstrahlte. Mittlerweile war der Bahnhof zu einer Außenstelle degradiert worden, aber neben dem Fahrdienstleiter in seinem Glaskasten waren werktags in der Fahrkartenausgabe drei bzw. vier Mitarbeiter beschäftigt: der Schalterbeamte im Früh- und Spätdienst, der Kassenverwalter (der gleichzeitig den Wagenladungsverkehr der Industrieanschlüsse betreute) und der Gepäckarbeiter. Das machte durchaus Sinn, denn am Schalter standen zeitweise kleine Schlangen und auf die Waage der Expressgutabfertigung muss - te man manchmal Tonnen von eiliger Fracht wuchten. Hier – und zeitweise in der benachbarten Fahrkartenausgabe Wiesbaden-Biebrich – war ich bis etwa 1979 beschäftigt. Ich arbeitete im Verkehrsdienst, verkaufte Fahrkarten, bestellte Platzkarten, berechnete Ex- Im Bahnhof Niederwalluf hat der Fahrdienstleiter gut zu tun. Der Hochbetrieb der rechten Rheinstrecke will „versorgt“ sein, außerdem gibt es täglich eine Übergabe zum ortsansässigen Schrotthändler. Joachim Seyferth bei einer Schicht im Jahr 1985 Reinhard Hanstein Zugbetrieb in dichter Folge: Blick in die Bahnhofsfahrordnung von Niederwalluf, 1977 pressgutfrachten, gab Reisezugauskünfte und erledigte die damit zusammenhängende, nicht unwesentliche Administration hinter den Kulissen. Und wo war ich, wenn mal ausnahmsweise wenig zu tun war? Beim Fahrdienstleiter! Da wollte ich hin – Züge lenken, Züge sehen! Wechsel in den Betriebsdienst Nach der beruflichen Unterbrechung durch den Zivildienst hat’s dann auch geklappt: Meine alte Heimatdienststelle hieß Güter - 48 abfertigung Wiesbaden Hbf, die neue hieß Bahnhof Wiesbaden Ost und ich war endlich im Betriebsdienst! In den nächsten Jahren bestand ich nacheinander die örtlichen Prüfungen zum Fahrdienstleiter in den Stationen Waldstraße und Wiesbaden-Dotzheim (Aartalbahn) sowie Wiesbaden-Schierstein, Niederwalluf und Eltville (rechte Rheinstrecke). Hinzu kam die Tätigkeit als Fahrdienstleiter-Helfer (Zugmelder) im Stellwerk Wiesbaden Ost (Wof), die ich noch bedarfsweise übernahm. Tja, da war ich also auch wieder in Wiesbaden-Schierstein – diesmal vorne als Fahrdienstleiter! Mein alter Arbeitsplatz Fahr - kartenausgabe war auf einen Mann geschrumpft, der nun Mädchen für alles war. Und nun stellte ich den Zügen die Signale, die ich zuvor schon tausendfach im Dienst oder draußen an der Strecke erlebt hatte. Der Posten 58 bei Niederwalluf war noch besetzt und meldete sich bei jeder Zugmeldung. Bei Lademaßüberschreitungen mussten Befehle erteilt und teilweise das Gegengleis gesperrt werden, die Verkehrstage von Programmund Sonderzügen waren kein Geheimnis mehr, haltende Personenzüge auf Gleis 2 durften keine Kreuzung mit durchfahrenden Gegenzügen bekommen, die Köf aus dem Anschluss musste rangiert werden und Störungen mussten mit oberster Sicherheit und streng nach Vorschrift bewältigt werden. In den langen Nachtschichten wurde die rechte Rheinstrecke zur Güter-Rollbahn; Schnellgüterzüge, lange Durchgangsgüterzüge und Ganzzüge belegten oft im Blockabstand die Stelltischausleuchtung. Wenn ich keinen

Im Mai 1977 ist Köf 323 881 die Bahn - hofslok in Wiesbaden- Schierstein. Joachim Seyferth arbeitet zu der Zeit abwechselnd in der Fahrkartenausgabe und der Expressgutabfertigung des Bahnhofs Schlachten, Technik, Feldherren Dienst hatte, ging ich manchmal mit dem Fotoapparat (und Stativ) an die Strecke. Jeder Bahnhof und jedes Stellwerk hatte einen ganz eigenen Charakter. Die Abzweigstelle Waldstraße an der Aartalbahn und der Strecke zum Güterbahnhof Wiesbaden West war am „gemütlichsten“. Es gab relativ we - nig Züge, das Umfeld entsprach einer Neben - bahn und ich arbeitete als Fahrdienstleiter und Aufsichtsbeamter in einem. Als solcher fertigte ich auch Schienenbusse und „Limburger Zigarren“ (Baureihe 517) ab. Zum Dienst im Kreuzungsbahnhof Wiesbaden- Dotzheim (ebenfalls Aartalbahn) konnte ich sogar zu Fuß gehen, hier kam die Bedienung der Schrankenanlage an der Hauptstraße hinzu. Der Bahnhof Niederwalluf lag ruhig mitten im Ort, es gab neben dem zusätz - lichen Überholgleis noch Rangierfahrten mit der täglichen Übergabe für einen ansässigen Schrotthändler und dazu natürlich den Hochbetrieb der rechten Rheinstrecke. Die kleine Fahrkartenausgabe bediente der Fahrdienstleiter von seinem Dienstraum aus gleich mit. Eltville hingegen war ein typi - scher Kleinstadtbahnhof, sogar noch mit Güterabfertigung. Richtung Niederwalluf war ein Schrankenposten besetzt, Richtung Erbach waren es sogar deren drei – jeder Posten musste sich bei jeder einzelnen Zugmeldung melden, sonst durfte kein Zug auf die Strecke (oder nur mit Befehl). Und obwohl Zur Person Der Autor Joachim Seyferth, geboren 1956, hat sich als Autor und Fotograf im Eisenbahnbereich einen Namen gemacht. Unter anderem begleitete er mit der Zeitschrift „Schiene“ über Jahre das Bahngeschehen, in Bildbänden fing er den Betriebsalltag und die Bahn-Atmosphäre ein. BAHN EXTRA 6/2014 hier prinzipiell die selben Züge wie in Niederwalluf oder Wiesbaden-Schierstein fuhren, gab es in Eltville durch häufigere Überholungen und mehr Rangieren doch mehr Arbeit. Dienständerungen, Dienstende Wie viele jüngere Kollegen im Betriebsdienst hatte ich noch keinen festen Posten auf einem bestimmten Stellwerk, sondern wurde als „Springer“ auf allen sechs Stellwerken eingesetzt. Drei Nächte in Wies - baden-Schierstein, zwei Tage Ruhe, zwei Spätschichten in Wiesbaden-Dotzheim, drei Mal Frühdienst in Waldstraße – Langeweile oder Routine hatten keine Chance. Nachdem die DB im September 1983 die Aartalbahn stillgelegt hatte, verblieb als Arbeitsplatz „nur“ noch die rechte Rheinstrecke. Die war nach wie vor nach meinem Geschmack: Güterzug-Rollbahn, Nachtdienste, Schrankenposten und Fahren im Blockabstand! Aber auch hier schlug langsam das Rationalisierungs-Gespenst zu: Umwandlung von Schrankenposten in fernbediente Anlagen, Bau des Zentralstellwerks in Wiesbaden Hbf, Wegfall der Fahrdienstleiter-Kollegen in Wiesbaden-Biebrich und Wiesbaden Ost. Hatte das noch etwas mit richtiger Eisen bahn zu tun? Auch deshalb stand ich Mitte 1987 vor einer Entscheidung: weiterhin Bundesbah - ner oder die völlige Umorientierung, als Publizist mit eigenem Eisenbahn-Fachverlag? Berufliche Sicherheit oder kreative Freiheit? Pension oder Abenteuer? Mehr mit einem weinendem als mit einem lachenden Auge entschloss ich mich zu Letzterem; meine letzte Dienstschicht war Ende April 1987 eine Nacht im alten Befehlsstellwerk von Wiesbaden Ost. Nach rund 15 Jahren sagte ich der Arbeit bei der Bundesbahn Lebewohl. Ein Leben lang allerdings heißt es: Berufung Eisenbahner! GeraMond Verlag GmbH, Infanteriestraße 11a, 80797 München Das neue Heft ist da. Jetzt am Kiosk! Testabo mit Prämie bestellen unter: www.clausewitz-magazin.de/abo