Wirtschaftswoche Ausgabe vom 20.10.2014 (Vorschau)

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20.10.2014|Deutschland €5,00

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Mike Merrill, Softwaredesigner

Börsenwert: 33290 Dollar

Der Mensch als Geldanlage

Wetten auf die Zukunft junger Talente

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | Tschechische Rep. CZK200,- | Ungarn FT 2140,-

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Einblick

Der Mensch als Investment, Erfolg und Lebensglück

als Assets: Anleger investieren heute in einzelne

Personen – und verdienen daran. Von Miriam Meckel

Die Ich-Aktie

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Nehmen wir den Kapitalismus

endlich persönlich! Nicht in

dieser weinerlichen oder affirmativen

Abwehrhaltung gegenüber

all den Argumenten, die sich auf der

Soll- und Habenseite anführen lassen.

Ganz konkret vielmehr: Wir sind das Kapital.

Wir lassen nicht handeln, wir lassen

uns handeln als Ich-Aktien an den Kapitalmärkten

dieser Welt. Leben lohnt sich –

jetzt auch finanziell.

Mike Merrill, der junge Mann auf unserem

Titel, ist nur ein Beispiel von vielen für

eine ganz spezielle Variante der Share Economy,

die aus den USA zu uns nach Europa

dringt: Der Mensch hat nicht nur ein Aktienportfolio

– er ist jetzt auch eins. Die

Idee dahinter ist einfach: Junge Menschen

müssen in Ausbildung und Entwicklung

investieren, um eine berufliche Position,

Erfolg, Partnerschaft und Familie aufzubauen.

Das kostet Geld, und davon haben

wir in den Anfangsjahren individueller Lebens-

und Karrierewege meist nicht genug.

Warum nicht andere investieren lassen,

um so die eigene Ausbildung zu bezahlen?

Die Idee ist eine kreative Antwort auf die

zentrale ökonomische Frage des Bildungssystems.

Jeder hat es nun selbst in der

Hand, sich genug Geld für die eigene Ausbildung

zu beschaffen. Nicht Herkunft und

Familienvermögen zählen. Die richtige

Idee, verknüpft mit einer brillanten Investmentstory

für Ego und Alter Ego, gibt den

Ausschlag. Das kann zum Beispiel den

hochpreisigen exklusiven Bildungsmarkt

der Business Schools öffnen und das Gut

Ausbildung demokratisieren. Statt nach

dem Studium Zigtausende an Schulden

mit durchs Leben zu schleppen, lässt man

andere zahlen: Du kaufst Anteile an mir,

ich nutze dein Geld für mein Fortkommen

– und die Rendite teilen wir uns.

Aber der Ansatz hat seinen Preis. Die

Risiken, die mit der Anlageklasse Aktien

im bekannten Börsengeschäft verbunden

sind, gibt es auch hier. Ausbildung und Lebensplanung

sind Langfristprojekte. Was

tun, wenn aktivistische Investoren auf den

Plan treten, die je nach Ego-Kurs heute

dieses, morgen jenes Ziel ins Auge fassen?

Dagegen helfen Absicherungen im Ich-

Prospekt. Aber wenn es auf der Hauptversammlung

dann rundgeht, kommt der

Ich-Emittent schnell ins Schwitzen. Lässt

sich der individuelle Kurseinbruch durch

ein Aktienrückkaufprogramm stoppen

oder gar ins positive Gegenteil verkehren?

Wenn ja, woher nehme ich das Geld dafür,

das ich schon vor meiner Anteilsausgabe

an mir selbst nicht hatte? Und wie lange

wird es dauern, bis clevere Fondsmanager

die ersten Derivate der Ich-Aktie entwickelt

haben und beginnen, mich zu shorten,

also auf den Preisverfall meiner Aktien zu

wetten?

MENSCH ALS KAPITAL: ANSTÖSSIG

Bildung und Lebensglück sind allemal eine

wacklige Angelegenheit. Mit den Ich-Investments

werden sie noch volatiler. Individuelles

Glück und persönlicher Erfolg geraten

zu Spekulationsobjekten. Wer Aktien

an sich selbst ausgibt, unterwirft sich den

Entscheidungen anderer. Der Einzelne ist

so frei, auf Freiheit zu verzichten. Als Geschäftsmodell

ist das unmenschlich – eine

moderne Form der Sklaverei.

Theodore W. Schultz, Wirtschaftsnobelpreisträger

1979, der sich intensiv mit der

Humankapitaltheorie befasst hat, sagte

dazu: „Der bloße Gedanke, Menschen als

Investment zu betrachten, ist für einige

von uns anstößig. Unser Glaube und unsere

Werte verbieten uns, Menschen als Kapital

zu sehen.“ Milton Friedman sah das

schon 1955 anders. In Deutschland ist bislang

verboten, was in den USA möglich

scheint. Nach dem Börsengesetz kann eine

natürliche Person nicht an der Börse

gehandelt werden.

Das mag sich ändern. Eine Konstante

aber bleibt: In Sachen Risikoabwägung ist

der Mensch verlässlich. Für den Investitionszeitraum

Ausbildung hat er nur eine

Ausfallwahrscheinlichkeit von 0,1 Prozent

und wird damit zum Top-Asset. Hinter diesen

0,1 Prozent jedoch liegt der Schatten

der 100 Prozent: Jeder wird irgendwann

zum Totalausfall, rein biologisch betrachtet.

Wir verkaufen, was wir nie ganz besitzen

– die Ich-Aktie als Leerverkauf. n

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 3

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Überblick

VORGESTELLT

Chefredakteurin Miriam Meckel

präsentiert im Video diese Ausgabe.

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Sie benötigen dafür eine App wie RedLaser.

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Neue Wege in der Rüstung

8 Internet:Merkels IT-Charta

9 Flüchtlinge: Bau von Unterkünften wird

leichter | Deutsche Bank: Streit um China

10 Interview: Stage-Deutschland-Chefin Uschi

Neuss plant Fußballmusical | PSA: Kampfansage

gegen Japan

12 Norwegen: Export von Häftlingen | CO 2 :

Neue Grenzwerte für Autos | Drei Fragen

zu Putzportalen

14 Siemens: Turbinenbau streicht Jobs |

Bundesrechnungshof: Kritik an Ländern

16 Chefsessel | Start-up Schreibstatt

18 Chefbüro Helmut Tschiersky, Präsident des

Bundesamtes für Verbraucherschutz

Politik&Weltwirtschaft

20 Konjunktur Die Bundesregierung gerät

unter Druck – zu Hause und in Europa

26 Interview: Volker Bouffier Hessens

Ministerpräsident lobt die Grünen

29 Forum Rainer Hundsdörfer präsentiert seinen

Drei-Punkte-Plan zur Energieeffizienz

30 Türkei Die Konfrontation mit den Kurden

bedroht Stabilität und Wirtschaft

31 Interview: Pawlo Klimkin Der ukrainische

Außenminister sieht sein Land auf Westkurs

32 Global Briefing

33 Berlin intern

34 Serie Wirtschaftsatlas Deutschland (II)

Was das Rhein-Main-Gebiet auszeichnet

Der Volkswirt

40 Kommentar | Umfrage

41 Deutschland-Konjunktur

42 Nachgefragt: Carl Christian von Weizsäcker

Der Grandseigneur der Ökonomen

hält die deutsche Sparpolitik für überholt

46 Denkfabrik Eine Replik von ifo-Präsident

Hans-Werner Sinn auf Holger Schmieding

Unternehmen&Märkte

48 Karstadt Rekonstruktion eines Abstiegs

56 Interview: Kevin Roberts Der Chef der

Werbeagentur Saatchi & Saatchi sagt den

Tod von Facebook voraus

60 Bilfinger Großaktionär Cevian in Nöten

64 Banken Zehn Fragen zum Stresstest der EZB

68 IT Cyberabwehrzentren statt Virenschutz

71 UniCredit Die Klagen früherer Aktionäre

entwickeln sich zum Milliardenrisiko

72 Spezial Logistik Interview: Die UPS-Vorstände

David Abney und Kurt Kuehn über

die Macht von Amazon | Krisengeschäfte

Titel Investment Mensch

Ausbildung bringt Rendite – nur: Wie

können Anleger das nutzen? Indem sie

in Studenten, Sportler oder Pokerspieler

investieren und dafür Anteile an deren

Einkommen kassieren. Mike Merrill hat

das Prinzip auf die Spitze getrieben und

sich über Aktien verkauft. Seite 92

Tauziehen um den Aufschwung

Die Konjunktur schwächelt, das Wachstum sinkt, und die Sparpolitik

der großen Koalition gerät international immer stärker unter

Druck. Wie geht es weiter mit Deutschland und Europa? Seite 20

Die Karstadt-Tragödie

2009 rauschte die Warenhauskette in die erste Pleite. Nun ist

der Traditionskonzern wieder ein Sanierungsfall. Warum

der Neuanfang misslang und wer dabei welche Rolle spielte.

Seite 48

TITELFOTO: JACLYN CAMPANARO; BILDBEARBEITUNG: DMITRI BROIDO, RETOUCHING DE LUXE

4 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 43, 20.10.2014

Technik&Wissen

78 Mobilität Profitieren Städte und Umwelt

wirklich von den Carsharing-Angeboten?

82 Recycling Ein grüner Pionier aus Spanien

will die Müll-Mafia schlagen

83 Handel Handys werden zu Modeverkäufern.

Mit überraschenden Ergebnissen

85 Valley Talk

Management&Erfolg

86 CEO des Jahres United-Internet-Chef

Ralph Dommermuth und Aareal-Bank-Boss

Wolf Schumacher sind 2014 Deutschlands

erfolgreichste Vorstandsvorsitzende

ILLUSTRATION: JAN PHILIPP SCHWARZ; FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, OSTKREUZ/MAURICE WEISS, PR

Deutschlands beste Bosse

Ralph Dommermuth (siehe Foto), Gründer des IT-Konzerns United

Internet, und Wolf Schumacher, Vorstandsvorsitzender der Aareal

Bank, sind Deutschlands erfolgreichste Chefs. Seite 86

Grüne Welle?

Autos zu teilen statt zu kaufen ist in. Nun steigen mit Audi, Volvo,

Opel und Toyota weitere große Hersteller ein. Aber wie wirtschaftlich

und ökologisch ist Carsharing wirklich? Seite 78

Geld&Börse

92 Investment Mensch Geld direkt investieren,

in Studenten, Gründer und Sportler statt

in Gold oder Aktien: Wie geht das, wer tut so

was, was bringt es dem Anleger?

98 Indexfonds Am Dax ausgerichtete Fonds

investieren nach starren Regeln. Das eröffnet

Chancen auf Spekulationsgewinne

102 Aktien Samsung ist an der Börse zu billig

104 Steuern und Recht Tarifwechsel Krankenversicherung

| Schwarze Fonds | Kreditzins

absetzen | Firmenwagen privat | Wildunfälle

106 Geldwoche Kommentar: Ebola-Angst an

Wall Street | Trend der Woche: Aktien | Dax:

BASF, SAP, Daimler | Hitliste: Anlageklassen |

Neuemission: TLG Immobilien | Aktie:

Essilor | Zertifikat: Dax-Put | Anleihe: Weltbank

in Rupien | Investmentfonds: OP Food |

Chartsignal: Was drückt deutsche Aktien?

Perspektiven&Debatte

114 Großbritannien Auf einmal lieben die

Briten alles Deutsche. Warum nur?

118 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 120 Leserforum,

121 Firmenindex | Impressum, 122 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche mit einem Video-

Streitgespräch über Fracking und

einem exklusiven Videoreport

aus dem streng

abgeschotteten Cyber

Defence Center der

Deutschen Telekom.

wiwo.de/apps

n Bewerbungsfotos Viele Leser

schickten uns ihre Bewerbungsfotos.

Karriereberaterin Maja Skubella erklärt

an Beispielen, wie das perfekte

Bild aussieht wiwo.de/fotoaktion

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wirtschaftswoche

twitter.com/

wiwo

plus.google.com/

+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 5

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Seitenblick

RÜSTUNG

Auf eigenes Risiko

Während die Bundeswehr die Entwicklung neuer Militärtechnik

mit Milliardensummen bezuschusst, gehen Rüstungsriesen

in den USA neue Wege: so der Hubschrauberbauer Sikorsky. Sie

finanzieren Großprojekte wie den jüngst vorgestellten Superhubschrauber

S-97 Raider selbst vor.

Propeller

Statt eines Heckrotors

gibt es einen Propeller, der

den S-97 auf über 400 km/h

beschleunigen kann. Nach

Jahrzehnten des technologischen

Stillstands ziehen

damit erstmals wieder neue

Systeme in den Hubschrauberbau

ein.

Leichtgewicht

Dank moderner

Verbundwerkstoffe

wiegt der Hubschrauber

gerade einmal 4,4

Tonnen und hat eine

Reichweite von 600

Kilometern.

200Millionen Dollar kostet die

Entwicklung des US-Aufklärungs- und -Angriffshubschraubers

S-97 Raider, den der Helikopterbauer

Sikorsky präsentiert hat. 75 Prozent der Summe trägt

das Unternehmen selbst, den Rest die Zulieferer. Das

US-Verteidigungsministerium steuert keinen Cent bei.

407km/h erreicht der S-97 in der Spitze,

damit fliegt er schneller als jeder andere Militärhubschrauber.

Garantien, dass das US-Ministerium ihn

kaufe, gebe es nicht, sagt Steve Engebretson, Sikorskys

Director of Advanced Military Programs. Solch ein

Risiko gehe das Unternehmen zum ersten Mal ein.

6 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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VIDEO

Für mehr Hintergründe zum S-97

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Rotor

Die zwei Hauptrotoren

des S-97 drehen

sich entgegengesetzt.

Dadurch entfällt der

kleinere Heckrotor,

der bisher üblich

war.

Fly by Wire

Der Pilot steuert

den High-Tech-

Hubschrauber vollelektronisch.

Der lässt sich

aber auch als

Drohne ohne Pilot

einsetzen.

2Jahre wird es mindestens noch dauern, bis

das Pentagon entscheidet. Dessen Einkäufer hatten

laut Engebretson die Rüstungsbranche angewiesen,

mehr Risiko bei der Entwicklung zu übernehmen.

900 S-97 will Sikorsky weltweit verkaufen, die meisten

in den USA. Stückpreis: 15 Millionen Dollar.

3000Exemplare will der Konzern

von einem Transporthubschrauber absetzen,

den Sikorsky gemeinsam mit Boeing entwickelt und

ebenfalls in Eigenregie finanziert: dem SB-1 Defiant.

Er soll die berühmten, aber in die Jahre kommenden

Black Hawks ersetzen.

thomas.stoelzel@wiwo.de

FOTO: SIKORSKY AIRCRAFT

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 7

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Menschen der Wirtschaft

Neuland entdeckt

Kanzlerin Merkel

IT-GIPFEL

Charta für die Kanzlerin

Deutschlands Top-Manager fordern

eine schnellere Digitalisierung des

Landes – blenden dabei aber die Sicherheitsrisiken

aus.

Das Treffen ist rekordverdächtig. Wahrscheinlich

haben noch nie so viele Mitglieder der Bundesregierung

mit Top-Managern über das Internet und

die Folgen für die deutsche Wirtschaft beraten.

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel, die das

Internet als „Neuland“ bezeichnete, am Dienstag

zum 8. Nationalen IT-Gipfel nach Hamburg reist,

hat sie sechs Bundesminister im Schlepptau. Bisher

haben die IT-Gipfel zwar wenig bewegt. Aber das

diesjährige Spitzentreffen dürfte anders verlaufen.

Nicht nur, weil die Regierung inzwischen eine „Digitale

Agenda“ aufgestellt hat und das Bundeskabinett

den Rückstand des Landes im Internet tatsächlich

aufholen will. Erstmals melden sich jetzt auch

Vorstände aus deutschen Schlüsselbranchen wie

der Automobilindustrie und der Energiewirtschaft

auf dem IT-Gipfel mit einer IT-Charta zu Wort.

Die Unternehmen setzen ein Thema ganz oben

auf die Gipfel-Agenda, das seit den Enthüllungen

des ehemaligen NSA-Agenten Edward Snowden

kaum noch Beachtung findet: die völlig digitalisierte

Wirtschaft. Ob Energiewende, das vernetzte Auto

oder die automatisch miteinander kommunizierenden

Maschinen – die Industrie drängt auf eine

möglichst schnelle Vernetzung Deutschlands.

Unmittelbar vor Beginn des IT-Gipfels wollen die

Unternehmer eine „Charta der digitalen Vernetzung“

verabschieden und Merkel überreichen.

Der finale Entwurf des Grundsatzpapiers, das der

WirtschaftsWoche vorliegt, ist nur zwei Seiten lang

und entstand in der Arbeitsgruppe 2 zur Vorbereitung

des IT-Gipfels. Zu den Initiatoren und Erstunterzeichnern

gehören der RWE-Vorstandsvorsitzende

Peter Terium, BMW-Vorstand Herbert Diess

und Bosch-Geschäftsführer Dirk Hoheisel. „Die digitale

Vernetzung ist Voraussetzung für die smarten

Lösungen rund um das Zuhause, die dem Kunden

helfen, Energie zu sparen und dann zu verbrauchen,

wenn sie preiswert ist“, sagt Terium.

Anders als die „Digitale Agenda“ der Regierung,

die auch Sicherheitsrisiken wie die zu starke Abhängigkeit

von den großen IT-Anbietern in den

USA und Südostasien anspricht, betonen die Initiatoren

der Charta vor allem die Chancen der Vernetzung.

„Deutschland kann nur dann wirtschaftlich

erfolgreich bleiben, wenn wir die Potenziale der

digitalen Vernetzung gezielt erschließen“, heißt es

in der Charta. Dazu gehört auch die eigene Verwertung

der dabei anfallenden Daten. „Wir wollen

die aus der digitalen Vernetzung generierte große

Menge und Vielfalt von Daten stärker nutzbar machen.“

Google soll mit seinen Algorithmen nicht

auch noch deutsche Autos und Maschinen steuern.

juergen.berke@wiwo.de

Nur Mittelmaß

Internet-Nutzer, die mit

30 Mbit/s surfen können

(in Prozent)

Insgesamt

0 50 100

Niederlande

Belgien

Portugal

Großbritannien

Ungarn

Deutschland

Österreich

Irland

Polen

Frankreich

Ländliche

Gebiete

Stand: 2013; Quelle: EU-Komission

8 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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GESETZESÄNDERUNG

Mehr Platz für Flüchtlinge

Städte und Gemeinden erhalten

mehr Freiräume, um Unterkünfte

für Flüchtlinge einzurichten.

Möglich wird dies

durch eine Reform im Baurecht.

„Die Änderung wird in jedem

Fall noch dieses Jahr in Kraft

treten, bei gutem Willen aller

Beteiligten sogar noch im November“,

sagt Thomas Strobl,

stellvertretender Vorsitzender

der CDU/CSU-Fraktion im

Bundestag. Kommunen können

Asylbewerber dann in leeren

Häusern in Gewerbegebieten

oder in Containern auf

siedlungsnahen, unbebauten

Bürogebäude umwidmen

CDU/CSU-Fraktionsvize Strobl

Grundstücken unterbringen.

Bisher kippen Anwohner solche

Vorhaben aufgrund der restriktiven

Vorschriften immer wieder

vor Gericht.

Innenpolitiker Strobl sagt

deshalb: „Diese Erleichterung

für Städte und Landkreise ist

dringend notwendig. Ich rechne

wegen der weltweiten Krisen

mit weiter hohen Flüchtlingszahlen.“

Vor allem wegen des

Krieges mit dem „Islamischen

Staat“ im Irak und in Syrien

steigt die Zahl der Flüchtlinge in

Deutschland an. Das Bundesamt

für Migration und Flüchtlinge

erwartet allein für dieses

Jahr hierzulande mehr als

200 000 Asylanträge.

Der Bundestag werde das Gesetz

am 6. November verabschieden,

einen Tag später könne

der Bundesrat zustimmen,

sagt Strobl. Zeitlich befristet sollen

dann Flüchtlingsunterkünfte

in geschlossenen Ortsteilen

erlaubt sein, auch wenn sie sich

dort nicht in die Umgebung einfügen.

So können die Asylbewerber

etwa in Bürohäuser

oder Geschäftsgebäude einziehen,

die von den Städten

und Gemeinden dann für diesen

Zweck umgewidmet werden.

cordula.tutt@wiwo.de | Berlin

Aufgeschnappt

Ausgesperrt „Der 7bte Zwerg“

muss draußen bleiben. Die Kinoketten

Cinemaxx, Cineplex und

Kinopolis wollen Otto Waalkes’

jüngsten 3-D-Film nicht zeigen.

Vermutlich, weil die Filmverleiher

einen Anteil des Zuschlags

fordern, den die Kinos von

Besuchern der 3-D-Filme kassieren.

Pikant: Die Filmförderungsanstalt

bezuschusste den

Vertrieb des 7bten Zwergs mit

100 000 Euro.

Roboter-Wrestling Von Menschen

gesteuerte Kampfroboter

sind noch Science-Fiction. Nun

zeigten die Gründer des US-

Unternehmens MegaBots in

New York einen Prototypen. Per

Crowdfunding wollen sie Millionen

Dollar sammeln, um weitere

Roboter zu bauen, die dann gegeneinander

antreten. Die Gründer

träumen von einer TV-Show,

die mit Wrestling konkurriert.

DEUTSCHE BANK

Tochter auf

Probe

Die Deutsche Bank setzt voll auf

China. In der vergangenen

Woche stellte der für den internationalen

Zahlungsverkehr zuständige

Top-Manager Werner

Steinmüller Wachstumspläne

vor. Gleichzeitig aber ist die

Führung der Bank uneins über

die Zukunft der knapp 20-prozentigen

Beteiligung an der chinesischen

Hua Xia Bank. Laut

Insidern hat Deutsche-Bank-

Chef Anshu Jain einen Verkauf

vorgeschlagen. Privatkundenvorstand

Rainer Neske, zu

dessen Ressort die China-Bank

gehört, sei aber strikt dagegen.

Vorerst hat er sich durchgesetzt.

Jain soll weiter skeptisch sein.

In seinen Präsentationen zur

Zukunft der Deutschen Bank

kommt die Beteiligung nicht

vor. Laut Geschäftsbericht 2013

erzielte die unter anderem im

Kreditkartengeschäft engagierte

Hua Xia Bank in den ersten

neun Monaten ein Ergebnis von

1,3 Milliarden Euro und überwies

eine Dividende von 78 Millionen

Euro nach Frankfurt. Allein

um die Beteiligung von 17,2

auf 19,9 Prozent aufzustocken,

zahlte die Deutsche Bank 2010

rund 600 Millionen Euro.

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt

Aufstand der Zwerge Während die EVG* seit 2007 22,4% ihrer Mitglieder verliert, gewinnt die streikwütige GDL 8,2%

FOTOS: CHRISTIAN THIEL, FRANK ZAURITZ, UPI

2007 2009 2011 2013

* Die EVG entstand am 30.11.2010 aus den Gewerkschaften Transnet und GDBA; ** addierte Zahlen von Transnet und GDBA; Quelle:

Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG)* Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL)

* die EVG entstand am 30.11.2010 aus Transnet und GDBA, vorher addierte Zahlen von Transnet und GDBA; Quelle: EVG,GDL

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 9

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Menschen der Wirtschaft

INTERVIEW Uschi Neuss

»Das Thema hat eine

nationale Relevanz«

Die Deutschland-Chefin des Showkonzerns Stage

Entertainment über das geplante Fußballmusical,

das neue Theater und die Finanzierung.

Frau Neuss, in Hamburg eröffnen

Sie im November ein Musicaltheater

mit 1850 Plätzen,

obwohl die Zahl der Besucher

in Ihren anderen neun Häusern

in den letzten Jahren gesunken

ist. Warum soll das Geschäft

jetzt besser laufen?

Die Entscheidung für das Haus

fiel schon vor drei Jahren. In der

Saison 2011/12 hatten unsere

Häuser in Deutschland 4,21

Millionen Besucher, und Hamburg

ist ein ausgewiesener

Wachstumsmarkt.

Im Geschäftsjahr 2012/13

waren es nur noch 3,78 Millionen.

Und jetzt?

Im Jahr 2013/14, das wie all unsere

Geschäftsjahre am 31. Juli

endete, waren es knapp vier

Millionen, also wieder steigende

Tendenz.

Und der Umsatz zog auch an?

Im Jahr 2012/13 betrug er 303

Millionen Euro.

2013/14 liegt er bei 333 Millionen

Euro, 2014/15 dürfte er

um 30 Millionen Euro höher

liegen.

DIE DIRIGENTIN

Neuss, 48, leitet

seit September

2013 die deutsche

und damit die

größte Tochter des

niederländischen

Showkonzerns

Stage Entertainment.

In der Musicalbranche

arbeitet

die studierte Historikerin

seit 1996.

Die gleiche Steigerung wie im

Vorjahr, obwohl Sie jetzt ein

weiteres Theater haben?

Die Umsatzhöhe hängt immer

auch davon ab, wie lange wir

unsere Theater bei Showwechseln

nicht bespielen können.

Ziel ist es, die Attraktivität der

Stücke weiter zu steigern, in der

Ansprache, in der Art der

Shows...

...mit dem Musical „Das Wunder

von Bern“, das im November

in Hamburg Weltpremiere

feiert? Der gleichnamige Kinofilm

über den ersten Weltmeistertitel

der deutschen

Fußballnationalmannschaft

lief schon 2003.

Das Thema hat eine nationale

Relevanz und hohe Emotionalität

– perfekt für ein Musical.

Zudem ist das Stück eine Eigenproduktion

wie „Hinterm Horizont“

mit Songs von Udo Lindenberg.

Inzwischen sind 50

Prozent unserer Stücke Eigenproduktionen,

der Rest Lizenzausgaben

internationaler Aufführungen.

Wie viel haben Sie in das

„Wunder“ investiert?

Wir investieren in jede Show

zwischen 5 und 15 Millionen

Euro; beim „Wunder“ liegen die

Kosten im zweistelligen Millionenbereich.

Für alle gilt: Wir

entscheiden uns erst für ein

Stück, wenn sich dessen Wirtschaftlichkeit

binnen eines Jahres

realistisch herstellen lässt.

Aber die meisten Shows laufen

länger, der „König der Löwen“

schon im 13. Jahr.

Woher kommt das Geld für die

Investitionen?

Die deutsche Company von

Stage Entertainment muss mit

dem, was sie erwirtschaftet hat,

die Investitionen für die Zukunft

stemmen. Wir suchen uns keine

externen Investoren, wie dies am

Broadway die Regel ist. Die wollen

dann mitreden bei der Inszenierung.

Auch Bankkredite gibt

es nicht für die Aufführung von

Musicals. Nur für die Gebäude.

Das neue Theater in Hamburg

kostet 65 Millionen Euro...

...in der Summe sind die Produktionskosten

für das Stück

schon enthalten.

Wie finanzieren Sie Ihre Theaterhäuser?

Über Fonds, wie es

der frühere Musicalbetreiber

Stella gemacht hat?

Nein, Fonds haben wir nicht. In

jedem unserer Theater möchten

wir ein langfristiges Engagement

gesichert sehen. Vier

Häuser gehören uns, die anderen

haben wir gemietet. Beim

neuen Theater in Hamburg gehört

uns die Immobilie, aber

nicht das Grundstück. Wir betreiben

die Theater selbst und

produzieren auch die Shows.

Darin unterscheiden wir uns

vom internationalen Geschäft.

Wie verändert die Digitalisierung

das Musicalgeschäft?

Da sind wir nicht State of the

Art, aber es ist ordentlich was in

der Mache. Wir planen eine

App fürs Buchen von Tickets,

mit kleinen Filmausschnitten

von Musicals. Aber keine ganzen

Stücke. Wir machen Theater,

das muss man live erleben.

hermann.olbermann@wiwo.de

PSA

Attacke

gegen Japan

Gerade hat Grégoire Olivier

den Grundstein für das vierte

Werk des französischen Autokonzerns

PSA Peugeot Citroën

in China gelegt, da schweifen

seine Gedanken schon weiter.

„Wir wollen in südasiatischen

Ländern wie Malaysia, Indonesien

und Vietnam expandieren“,

kündigt der Asien-

Chef von PSA an. „Dort haben

japanische Unternehmen bisher

eine Vormachtstellung,

aber es gibt eine wachsende

Mittelschicht und damit ein

großes Potenzial. Denn diese

Gruppe will Alternativen zu

den japanischen Modellen.“

In China will Olivier in diesem

Jahr mehr als 700 000 Autos

verkaufen. „Wir haben dort

einen Marktanteil von knapp

vier Prozent, den wollen wir

bis 2015 auf fünf Prozent steigern“,

sagt der Asien-Direktor.

Zudem will er mit der Marke

Citroën DS in den Premiummarkt

vordringen: „Das ist eines

unserer wichtigsten Ziele.

Unser Händlernetz für DS-

Modelle expandiert stark. Bis

Ende 2015 wollen weitere 100

Autohäuser eröffnen.“

Chinas Regierung verfolgt

große Pläne mit Elektroautos.

Auch darauf bereitet sich PSA

vor. Olivier: „Wir bauen an einem

Plugin-Hybridmodell,

das 2018 auf den Markt kommen

wird.“

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai

Auf großer Fahrt in Fernost

PSA-Asien-Direktor Olivier

FOTOS: STAGE ENTERTAINMENT/MORRIS MAC MATZEN, AGENTUR FOCUS/PICTURETANK/ARNAUD MEYER

10 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

NORWEGEN

Export von Häftlingen

Schlange stehen für den Knast –

in Norwegen ist das Realität.

Das Land hat nur 3800 Gefängnisplätze

– zu wenig. Künftig

will die Regierung rund 300

Straftäter in niederländische

Gefängnisse stecken, vermutlich

drei Jahre lang. Die Länder

KLIMASCHUTZ

Härtere Auflagen für Pkws

Bis zum Jahr 2030 will die EU

den CO 2 -Ausstoß um 40 Prozent

senken, den Anteil der erneuerbaren

Energien auf 27

Prozent erhöhen und die Energieeffizienz

um 30 Prozent steigern.

In Brüssel gilt als sicher,

dass Bundeskanzlerin Angela

Merkel und die anderen Staatsund

Regierungschefs auf dem

EU-Gipfel am kommenden

Donnerstag diese Ziele beschließen

werden. Somit steht

die Verhandlungsposition der

Europäer für den Weltklimagipfel

2015 in Paris.

Intern hat die EU-Kommission

bereits die Folgen für die Autoindustrie

errechnet. „Unseren

Zahlen zufolge müssten die

Emissionen von Pkws bis 2030

auf 75 Gramm pro Kilometer

zurückgehen“, heißt es aus der

EU-Kommission. „Es wird Zeit,

dass die Bundesregierung die

Automobilbauer darauf vorbereitet.“

Bisher gilt als verbindliches

Ziel: eine Senkung auf 95

verhandeln noch. Geht es nach

dem norwegischen Justizminister

Anders Anundsen sollen

schon im nächsten Jahr die ersten

Gefangenen hinter holländischen

Gardinen sitzen.

Schon seit 2009 beherbergen

die Niederländer belgische

Gramm CO 2 pro Kilometer von

2021 an.

Den Autokonzernen

droht eine weitere Verschärfung

der Vorgaben,

wenn die bisherigen Emissionsziele

an den

neuen Testzyklus

WLTP angepasst

werden. Der derzeit

gebräuchliche

Zyklus unterschätzt

den

wahren Benzinverbrauch

von

Pkws und somit

deren Emissionen.

Bei Berechnungen

nach

dem neuen Zyklus,

der reale Bedingungen

widerspiegelt, dürfte

sich ein um 10 bis 20

Prozent höherer Kraftstoffverbrauch

ergeben

Auf zu neuen Zielen

Neuer Chef Juncker

Jobgarantie für Holländer Norwegens

Justizminister Anundsen

Häftlinge, derzeit rund 660. Dafür

zahlt Belgien knapp 40 Millionen

Euro pro Jahr. „Damit

machen wir keinen Gewinn,

das deckt gerade einmal die

Kosten“, sagt Jaap Oosterveer

vom niederländischen Justizministerium.

Dennoch ist es für beide Staaten

eine Win-win-Situation:

Belgien kann seine Straftäter inhaftieren,

und die niederländischen

Wärter behalten ihre Arbeitsplätze.

Denn Holland hat

1000 Zellplätze zu viel. Ohne

die Zwangsgäste aus Belgien

und Norwegen müsste Holland

Haftanstalten schließen.

In Nordrhein-Westfalen sind

zwar auch rund 3000 Zellplätze

nicht belegt, aber Importe lehnt

das Justizministerium dort ab.

matthias streit | mdw@wiwo.de

und ein entsprechend höherer

CO 2 -Ausstoß. Um dann auf die

bisher vorgesehenen 95 Gramm

pro Kilometer oder gar auf die

angepeilten 75 Gramm zu kommen,

müssten die

Autohersteller erheblich

mehr tun als bisher angenommen.

Hinter den Kulissen arbeiten

Umweltschutzorganisationen

und

Grüne an einer Verschärfung

der Klimaschutzziele.

„Wir wünschen

uns, dass der Gipfel

die Werte als

Mindestwerte

beschließt“, sagt

Claude Turmes,

energiepolitischer

Sprecher der Grünen

im EU-Parlament.

Der künftige EU-Kommissionspräsident

Jean-Claude Juncker

fordert, Europa müsse

weltweit Nummer eins

bei erneuerbaren Energien

werden.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

DREI FRAGEN...

...zu Online-Putzportalen

Johannes

Bungart

59, Geschäftsführer

des

Bundesinnungsverbandes

der

Gebäudereiniger

n Online-Anbieter wie Helpling

vermitteln Putzkräfte.

Wird nach den Taxis die

nächste Branche aufgemischt?

Nein, denn unsere Mitglieder

haben damit wenig zu tun. Der

Bereich der gewerblichen Reinigung

ist zu komplex. Die Anbieter

richten sich an den

durch Schwarzarbeit gekennzeichneten

Markt der Privathaushalte,

da sind wir wegen

der gesetzlichen und tariflichen

Vorgaben nicht wettbewerbsfähig.

Die Anbieter arbeiten

dagegen mit sogenannten

Selbstständigen und umgehen

so Tarifverträge und

den Mindestlohn.

n Weniger Schwarzarbeit?

Es wird höchstens Schwarzarbeit

durch Scheinselbstständige

ersetzt. Ich glaube auch

nicht, dass die Modelle wirtschaftlichen

Erfolg haben. Bei

den Preisen von 12 bis 13 Euro

pro Stunde gehen 20 Prozent

Provision ab. Zusätzlich

muss der sogenannte Selbstständige

für Krankenkasse,

Rente, Versicherungen, Reinigungsmittel,

Fahrtkosten und

Ausfallzeiten selbst aufkommen.

Die Nettoverdienste liegen

dann unter dem Mindestlohn.

Das ist moderne Tagelöhnerei.

n Wie kann Schwarzarbeit

sonst bekämpft werden?

Die Bundesregierung bietet eine

elegante Variante an: Jeder

Haushalt kann Reinigungskräfte

als geringfügig Beschäftigte

zu deutlich reduzierten

Sozialabgaben anstellen.

oliver.voss@wiwo.de

FOTOS: PICTURE ALLIANCE /BERIT ROALD/SCANPIX NTB, ACTION PRESS/WIKTOR DABKOWSKI, PR/JOHANNES HAAS

12 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

WIRTSCHAFTSWOCHE I

Prämiert

WirtschaftsWoche-Redakteur

Niklas Hoyer erhält den Medienpreis

der Versicherung

AachenMünchener. In dem

prämierten Beitrag „Den Untergang

erst mal abgesagt“ untersucht

Hoyer die Finanzstärke

der Lebensversicherer und

zeigt, wo die Kunden die

höchsten Überschüsse erwarten

können.

WIRTSCHAFTSWOCHE II

Weltpremiere

Die WirtschaftsWoche startet

eine weltweit einmalige Aktion.

In sieben US-Metropolen,

darunter New York, Boston

Washington und Seattle, sowie

im Silicon Valley können die

iPad- und iPhone-Ausgaben in

den nächsten vier Wochen kostenlos

gelesen werden. Mithilfe

einer in die Apps integrierten

GPS-Technologie haben die

Nutzer dort freien Zugriff auf

alle Ausgaben. Die Wirtschafts-

Woche will so vor allem im Ausland

lebende Deutsche mit

Informationen aus der Heimat

versorgen. Nach den US-Städten

werden Nutzer unter anderem

in Mexiko-Stadt, Johannesburg,

Tokio und Singapur kostenlos

lesen können.

BUNDESRECHNUNGSHOF

Warnung an

Länderchefs

Bund und Länder haben sich

bei der Reform der föderalen Finanzbeziehungen

verhakt. Die

Länder fordern mehr Geld und

wollen insbesondere an den

derzeit gut 14 Milliarden Euro

teilhaben, die dem Bund aus

dem Solidaritätszuschlag

zufließen. Im Abwehrkampf gegen

die Ministerpräsidenten

21.10. IT-Gipfel Auf dem Nationalen IT-Gipfel in Hamburg

stellt Bundeskanzlerin Angela Merkel am

Dienstag die IT-Charta der Bundesregierung vor.

Gasstreit In seiner letzten Woche als EU-Energiekommissar

verhandelt Günther Oettinger in Berlin

mit dem russischen Energieminister Alexander

Nowak und dessen ukrainischem Kollegen Juri

Prodan über Gaslieferungen.

Rüstungsexporte Das Bundesverfassungsgericht

urteilt, wie umfassend die Bundesregierung

Abgeordnete

des Bundestages

über Exporte

von Rüstungsgütern

informieren

muss.

22.10. EU-Kommission Das Europäische Parlament

stimmt am Mittwoch über die neue EU-Kommission

ab. Bei einem positiven Votum beginnt deren

Amtszeit am 1. November.

Bahnstreit In Frankfurt verhandeln die Deutsche

Bahn und die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft

(EVG) um höhere Löhne. Die zuletzt geplanten

Gespräche mit der Gewerkschaft Deutscher

Lokomotivführer (GDL) hatte die Bahn nach dem

Streikaufruf der GDL abgesagt.

23.10. EU-Gipfel Die Krisen in Syrien, dem Irak und der

Ukraine sowie die Klima- und Energiepolitik sind

die Hauptthemen des zweitägigen Treffens, das

am Donnerstag beginnt.

26.10. Banken-Stresstest Die Europäische Zentralbank

erklärt am Sonntag, wie die europäischen Banken

beim Stresstest abgeschnitten haben. Anschließend

erläutern Bundesbank und Bankenaufsicht

BaFin die Ergebnisse für die deutschen Banken.

kann Bundesfinanzminister

Wolfgang Schäuble auf den

Bundesrechnungshof verweisen.

In einem aktuellen Bericht,

der Anfang Dezember veröffentlicht

wird, warnt der Bundesrechnungshof:

„ Angesichts

der bereits bestehenden umfänglichen

finanziellen

Lasten und Risiken

erscheinen die

Handlungsspielräume

des Bundes für

Hilfe von Prüfern

Minister Schäuble

TOP-TERMINE VOM 20.10. BIS 26.10.

weitere finanzielle Zugeständnisse

an die anderen Gebietskörperschaften

ausgereizt.“

Zudem schreibt der Rechnungshof,

dass der Bund seit

Jahren im Vergleich zu Ländern

und Gemeinden „deutlich höhere

Defizit- und Verschuldungsanteile“

trage.

Trotzdem beteilige

sich der Bund in beträchtlichem

Maße

an den Konsolidierungshilfen

für hoch

verschuldete Länder.

christian.ramthun@wiwo.de

SIEMENS

Turbinenbau

streicht Jobs

Seit drei Wochen erst leitet Lisa

Davis das Energiegeschäft von

Siemens, da steckt sie schon

mitten in Problemen. Weil der

Kraftwerksbau in Deutschland

kaum Aufträge erhält, leidet

auch der Turbinenbau. Darum

will der Konzern nun in der

Sparte bundesweit rund 1200

Stellen streichen, heißt es im

Arbeitnehmerlager. Siemens

will keine Zahlen nennen,

spricht nur von „Anpassungen“

wegen der miserablen Geschäftslage.

Betroffen sind dem

Vernehmen nach etwa die

Standorte Mülheim an der

Ruhr, Görlitz und in geringerem

Umfang Erlangen. In Mülheim

Vom Start in die Krise

Siemens-Vorstand Davis

beschäftigt der Riese rund 5000

Mitarbeiter, in Görlitz 2000.

Zudem verdichten sich Hinweise

auf eine Blase im US-

Energiegeschäft. In der Hoffnung

auf einen Boom hatte die

Industrie dort stark investiert.

Nun drohen Überkapazitäten.

Siemens ist dabei, die Strukturen

zu ändern. Statt auf vier

Sektoren sind die Geschäfte

künftig auf neun Divisionen

verteilt. Davon seien 11 600 Jobs

betroffen, kündigte Siemens-

Chef Joe Kaeser im Mai an. Ein

Aufsichtsrat spricht sogar von

18 000 Stellen. Viele Mitarbeiter

will der Konzern umsetzen.

„Doch ohne Abbau wird es

auch hier nicht gehen“, so ein

Aufsichtsrat.

matthias.kamp@wiwo.de | München

FOTOS: PR (2), LAIF/DOMINIK BUTZMANN

14 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

FIDELITY INVESTMENTS

Abigail Johnson, 52, führt

die Familientradition fort

und wird Chefin des amerikanischen

Fondsriesen,

den seit 1977 ihr Vater Edward

C. Johnson III., 84, geleitet

hat. Ihr Großvater Edward

C. Johnson II. hatte

Fidelity Investments 1946

gegründet, heute ist die Investmentgesellschaft

die

zweitgrößte Amerikas und

verwaltet rund zwei Billionen

Dollar Kundenvermögen.

Abigail Johnson kam

1988 ins Unternehmen,

zuvor hatte sie Kunstgeschichte

und Betriebswirtschaft

studiert.

GERMANIA

Karsten Balke, 41, leitet

von sofort an die Berliner

Fluglinie. Bisher war der

Rechtsanwalt dort Generalhandlungsbevollmächtigter.

Bereits Anfang Oktober ist Stephan

Wenzel, 35, als Finanzchef

in die Geschäftsführung aufgerückt.

Wolfgang Vieweg wurde

zum Berater der Geschäftsführung

berufen. Der Vertraute der

Mehrheitsgesellschafterin Ingrid

Bischoff hatte Germania

vor seinem Wechsel an die

Fachhochschule Würzburg-

Schweinfurt geführt und zuvor

für Lufthansa und Condor gearbeitet.

Die bisherigen Germania-Chefs

Andreas Wobig, 49,

und Oliver Pawel haben das

Unternehmen verlassen. Gründe

nannte es nicht.

KIENBAUM

Erik Bethkenhagen, 46, verlässt

das Beratungsunternehmen

zum Jahresende, er wird

Marketingchef der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

EY, die früher

als Ernst & Young firmierte.

Bethkenhagen arbeitete seit

14 Jahren bei Kienbaum. Seine

Karriere startete der Geschäftsführer

bei der PR-Agentur Pleon.

Vor Kurzem hatte Kienbaum

erst die beiden Headhunter und

Geschäftsführer Stefan Fischhuber,

48, und Anke Hoffmann,

44, verloren. Eingestiegen ins

Unternehmen sind inzwischen

zwei Kinder des Firmenchefs

Jochen Kienbaum, 68: Fabian,

30, für die digitale Unternehmensentwicklung

und Julia,

35, verantwortlich für die hauseigene

Akademie.

ÄPFEL

11,9 Millionen Tonnen

Äpfel ernten die EU-Bauern in diesem Jahr, neun Prozent mehr

als 2013; allein in Deutschland eine Million Tonnen, ein Plus von

27 Prozent. Ärgerlich, dass Russland jetzt EU-Obst boykottiert.

Das drückt den Preis. Die deutschen Verbraucher profitieren. Ein

Kilo kostet im Schnitt nur 1,36 Euro, 2013 waren noch 1,85 Euro.

SCHREIBSTATT

Anstifter zum Widerstand

Den ersten Brief schrieb Thorsten Petzold noch selbst. „Aber

nach 30 Minuten tat mir das Handgelenk weh“, erinnert sich der

46-Jährige. Jetzt beschäftigt er 70 Schreiber. „Schönschreiber“,

darauf legt er Wert. Schließlich verdient er sein Geld damit, dass

seine Mitarbeiter im Auftrag von Unternehmen und Privatleuten

handgeschriebene Briefe verfassen. Im April 2013 hat er sein

Unternehmen in Berlin gegründet: Schreibstatt. „Gegen die Massendrucksachen,

E-Mails und SMS muss man sich auch mal

abgrenzen“, erklärt Petzold sein Geschäftsmodell. 95 Prozent der

Aufträge kommen von Firmen, die meisten geben den Text vor.

Für 19 Cent schreibt Petzold schon einen Namen auf eine Tischkarte,

für Briefe mit 51 Wörtern verlangt er zwischen 3,75 und 5,95

Euro je nach Schriftart. Rund 70 Schriftbilder stehen zur Auswahl,

säuberlich aufgeteilt in Basic und Premium. Kuvertieren und

Briefmarke aufkleben kosten extra.

„Unsere Kunden sitzen meist in Deutschland, wir haben aber

auch viele in der Schweiz“, sagt Petzold. Auch für Banken in New

York griffen seine Schreiberlinge schon zum Stift. In sieben Sprachen

lässt er schreiben, jeweils

Fakten zum Unternehmen

Investition aus eigenen Mitteln

und einem KfW-Gründerkredit

100 000 Euro

Gewinn in manchen Monaten

jetzt schon, regelmäßig von 2015

an, spätestens ab 2016

von Muttersprachlern.

„Man erkennt am Schriftbild,

ob der Schreiber die

Sprache gut kennt“, behauptet

Petzold. Aber an

Filialen im Ausland denkt

er noch nicht. „Unser Fokus

ist jetzt Deutschland.“

hermann.olbermann@wiwo.de

FOTOS: REUTERS/BRIAN SNYDER, PICTURE-ALLIANCE/DPA, FOTOLIA

16 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Helmut Tschiersky

Präsident des Bundesamtes für Verbraucherschutz

Der Apfel ist zum Wahrzeichen

der Behörde geworden. Er

schmückt die Internet-Seite

und das Chefbüro am Hauptsitz

in Braunschweig. Dort hängt an

der Wand hinter dem Schreibtisch

eine Leinwand mit gleich

drei Exemplaren dieser symbolträchtigen

Frucht. „Der Apfel

steht seit Adam und Eva für den

Sündenfall“, sinniert Helmut

Tschiersky, 57, „aber auch für

Gesundheit und Macht.“ Der

Präsident des Bundesamtes

für Verbraucherschutz und

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

Lebensmittelsicherheit (BVL)

hat aus der Flut von Sinndeutungen

für sich und seine

Behörde eine eigene Interpretation

destilliert. „Meine

Mitarbeiter und ich verstehen

uns als Frühwarnsystem“,

sagt der ehemalige

Sanitätsoffizier

und approbierte Apotheker.

Seit Juni 2008

leitet er die Bundesbehörde

mit 500 Mitarbeitern

und einem

Etat von rund 40 Millionen

Euro. „Als oberster

Dienstleister für den Verbraucher“,

so Tschiersky, „kümmert

sich das BVL um alles, womit

der Konsument in Berührung

kommt.“ Ob Lebensmittel,

Spielzeug, Kosmetika, Tabakwaren

oder Tätowierungstinte –

an einer BVL-Expertise kommt

kein Produkt vorbei. Die Fachliteratur

liegt zusammen mit

Untersuchungsberichten

gut sortiert

auf dem Schreibtisch

oder in der Schrankwand.

Dort steht

auch ein sogenannter

Kippscher Apparat,

mit dem Gase für

Tests erzeugt werden

können. Die Glaskonstruktion

stammt noch aus der Konkursmasse

eines Labors der DDR-

Volkspolizei. „Das Büromobiliar“,

erklärt Tschiersky, „ist aus

dem Kaufhaus des Bundes“,

dem Beschaffungsamt, „es ist

preiswert, aber gut“. Gegenüber

einem Flipchart hängt das

unsignierte Aquarell eines

Laienkünstlers. Es zeigt einen

Weiler in Brandenburg. „Ich

mag diese Landschaft“, sagt der

gebürtige Bremer, „aber mich

zieht’s nach Berlin, dort sind

auch mehrere Dienststellen

unseres Amtes.“ Sein Koffer und

ein Apfel als Wegzehrung warten

schon.

ulrich.groothuis@wiwo.de

FOTO: CHRISTOPH BUSSE FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

18 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

An keinem Strang

KONJUNKTUR | Das Ende des deutschen Aufschwungs sorgt für Stress in Berlin und Brüssel:

Zu Hause streitet die Regierung über den Kurs, international steht sie wegen ihrer

Sparpolitik in der Kritik – obwohl Angela Merkel jetzt für EU-Reformen werben müsste.

Vokabeln wie „Angst“, „Wunderkind“

und „Zeitgeist“ gehören

zu den Exporten deutscher

Sprache, die auf der ganzen

Welt im Umlauf sind, weil sie

die Sache so schön treffen. Das hübsche

Exportgut „Schadenfreude“ allerdings trifft

die Deutschen gerade selbst: Die EU-Partner

haben in diesen Tagen plötzlich einen

Anlass, ein bisschen Häme über dem Musterland

auszuschütten. Deutschland, zuletzt

das einzig verbliebene ökonomische

Zugpferd der Europäischen Union,

schrumpft derzeit auf konjunkturelles Normalmaß.

Nüchtern betrachtet ist das zwar

eine schlechte Nachricht für den ganzen

Kontinent. Aber wer will schon nüchtern

bleiben, wenn der strenge Lehrmeister

selbst mal eine kleine Lektion erteilt bekommt?

Es war Bundeswirtschaftsminister Sigmar

Gabriel (SPD), der den Grund für die

europäische Schadenfreude vergangene

Woche lieferte. Gabriel kassierte mit der

Herbstprojektion der Bundesregierung alle

Hoffnungen auf einen kräftigen Aufschwung.

Nur noch um 1,2 Prozent soll die

deutsche Wirtschaft dieses Jahr zulegen,

2015 dann 1,3 Prozent. Das ist „keine Naturkatastrophe“

(Gabriel), wahrlich nicht,

aber eben kaum mehr als Stagnation. Vor

allem, weil die bisherigen Prognosen

knapp zwei Prozent verhießen. Die bislang

so robuste Sonderkonjunktur neigt sich

dem Ende entgegen – und mit ihr das wohlige

Gefühl deutscher Krisenimmunität.

Wachstum und Optimismus, global schon

länger Mangelware, sind nun auch in der

Bundesrepublik schwer zu bekommen.

Der abgesagte Aufschwung wird politische

Spuren hinterlassen, die ersten werden

bereits offensichtlich. Vor wenigen

Monaten noch galten großkoalitionäre

Projekte wie Mindestlohn und Rentenpaket

als schmerzliche, aber verkraftbare Geschenke.

Die deutsche Wirtschaft hätte sie

weggeschluckt wie eine Mercedes S-Klasse

die immer größeren Schlaglöcher auf den

ILLUSTRATION: JAN PHILIPP SCHWARZ

20 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Straßen. Nun jedoch werden diese Vorhaben

in der öffentlichen Wahrnehmung (die

meisten Ökonomen hatten sie ohnehin

verdammt) zu mehr: zu Katalysatoren des

Abschwungs. Der Mindestlohn könnte

200 000 Jobs kosten. Die Rentenreform ist

eine überteure Klientelbeglückung, die

Fachkräfte zu früh aus den Betrieben lockt.

Die Frage, die sich jetzt alle im Regierungsviertel

stellen, lautet: Hat die Koalition

mit ihren sozialen Wohltaten des

Schlechten zu viel getan?

ANGEKRATZT, AUFGEKRATZT

Deshalb verkeilt sich die große Koalition in

Berlin in ziemlich aufgekratzte Debatten,

was die Bundesregierung der Wirtschaft in

Zukunft noch zumuten dürfe. Wie nervös

die Stimmung in Berlin ist, zeigt sich besonders

daran, dass sogar die bislang sakrosankte

Haushaltskonsolidierung von

manchem infrage gestellt wird. Die Regierung

verliert sich im Streit und damit ihren

Nimbus als Vorbild – just in dem Moment,

wo ihr Einfluss in Brüssel dringend gebraucht

würde, um für entschlossene Reformen

zu streiten.

Die Gemengelage ist also misslich, wenn

am Donnerstag und Freitag die Staats- und

Regierungschefs in Brüssel beim EU-Gipfel

und dem anschließenden Euro-Gipfel zusammentreffen.

Die Franzosen haben einen

umstrittenen Etatplan bei der EU-

Kommission eingereicht, der klar gegen

den Stabilitätspakt verstößt. Gleichzeitig ist

das Wachstum in der Euro-Zone so niedrig,

das der künftige EU-Kommissionspräsident

Jean-Claude Juncker die Konjunktur

durch höhere Investitionen beleben will.

Und dann sorgen nun auch die Griechen

wieder für Beunruhigung: In Athen purzelten

vergangene Woche die Aktienindizes,

die Renditen für Staatsanleihen schossen

in die Höhe. Kein gutes Omen.

Auf der Suche nach Lösungen richten

sich die Blicke mehr denn je auf Angela

Merkel. „Es wäre einfacher, für Frankreich

eine Lösung zu finden, wenn sich die Deutschen

bewegen würden“, heißt es in Brüssel.

Im Klartext: Würde der deutsche Staat

mehr investieren, hätte das Symbolcharakter

– und die französische Regierung könnte

ihre bisherige Position aufgeben, sie bestimme

alleine über ihren Haushalt.

In Vielfalt geteilt Muss Europa sparen, um

zu wachsen – oder wachsen, um zu sparen?

In der EU gibt es da durchaus unterschiedliche

Ansichten. Und Herren, die sich nicht

so recht entscheiden mögen...

„Deutschland sollte nicht dogmatisch an

der schwarzen Null festhalten. Für die europäischen

Partner wäre dies ein Signal,

dass wir ihre Sorgen ernst nehmen“, sagt

Clemens Fuest, Präsident des Zentrums für

Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW).

Genau diesen Schritt aber will die Bundesregierung

nicht gehen. Warum sollten

dann andere nachgeben? In Paris präsentierte

die Regierung zwar just eine neue Reformagenda

(siehe Seite 25), ansonsten geriert

sich das französische Spitzenpersonal

allerdings so, als gäbe es keinerlei europäische

Haushaltsregeln. „Die EU-Kommission

hat nicht das Recht, einen Haushalt zurückzuweisen,

anzupassen oder zu zensieren“,

behauptet – wider besseren Wissens –

Finanzminister Michel Sapin. „Wir bestimmen

über den Haushalt“, posaunt Ministerpräsident

Manuel Valls und schickt fast

drohend hinterher: „Frankreich sollte respektiert

werden. Es ist ein großes Land.“

Für die EU-Kommission ist allerdings

der Punkt gekommen, an dem sie ihre

Glaubwürdigkeit in Sachen Stabilitätspakt

in Gefahr sieht, sollte sie nicht handeln.

Nachdem sie Frankreich bereits zwei

»

21

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Politik&Weltwirtschaft

»

Jahre mehr Zeit genehmigt hatte, um

den Staatshaushalt zu sanieren, wird sie

das Zahlenwerk für 2015 nach Paris zurückschicken

und Nachbesserungen einfordern.

Doch was passiert danach? Wie

sehr wird Frankreich seinen Haushalt wirklich

anpassen? „Wir leben in einer Rechtsgemeinschaft,

in der die Mitgliedstaaten

ihre Verpflichtungen einhalten müssen“,

fordert die liberale Europaabgeordnete

Sylvie Goulard. Am Ende wird die Kommission

als Hüterin der Verträge aber wohl

davor zurückschrecken, ihr Instrumentarium

auszuschöpfen. „Die Kommission wird

Frankreich die gelbe Karte zeigen, aber vermutlich

nicht die rote“, sagt der Vorsitzende

der CDU/CSU-Gruppe im EU-Parlament,

Herbert Reul. „Die EU-Kommission wird

nie hart gegen Frankreich vorgehen“, prognostiziert

auch ein hoher EU-Beamter.

FRANZÖSISCHE ERPRESSUNG

Zumal auch die Finanzminister der Euro-

Zone nicht mehr ganz so fest entschlossen

sind, Frankreich zur Räson zu rufen. Bei ihrem

jüngsten Treffen in Luxemburg war

deutlich mehr Verständnis zu spüren als

noch vor einem Monat in Mailand. Der

spanische Finanzminister Luis de Guindos

etwa, der bis vor Kurzem noch Disziplin

von den Franzosen eingefordert hatte, gab

sich mit einem Mal versöhnlich. De Guindos

möchte gerne im kommenden Sommer

den Niederländer Jeroen Dijsselbloem

als Euro-Gruppen-Chef ablösen, was die

Milde erklären könnte. Gleichzeitig lässt

Frankreichs Staatspräsident François Hollande

in diesen Tagen gegenüber Gesprächspartnern

durchblicken, dass die

Regierungsmehrheit in Gefahr sei, müsste

er den wirtschaftspolitischen Kurs allzu

stark korrigieren. Will sagen: Brüssel und

die europäischen Partner sollten sich überlegen,

ob sie den Aufstieg des rechtsextremen

Front National von Marine Le Pen in

Frankreich befördern wollen.

Das könnte man als Erpressung interpretieren.

Die unschöne Methode dürfte allerdings

wirken, das Drehbuch für diesen

Herbst ist geschrieben: Die große Konfrontation

wird ausbleiben. „Die Franzosen

werden den Haushalt nachbessern, und

die Kommission kann gleichzeitig sagen,

dass sie frühzeitig auf die Probleme hingewiesen

hat“, prognostiziert ein hoher EU-

Beamter. Für gesichtswahrende Kompromisse

war Brüssel stets der schönste Ort.

Die Frage nach höheren Investitionen ist

damit aber noch ungeklärt – und auch

nicht die deutsche Position. Auf der jüngsten

Tagung des Internationalen Währungsfonds

(IWF) forderte IWF-Chefin Christine

Lagarde Deutschland auf, mit mehr öffentlichem

und privatem Geld zur Ankurbelung

der Konjunktur im Euro-Raum beizutragen.

„Der IWF ist völlig im Recht“, sagt

der liberale Ökonom Carl Christian von

Weizsäcker (siehe Seite 42). Auch der frühere

US-Finanzminister und Harvard-

Ökonom Larry Summers attackiert die

Sparpolitik der Deutschen.

Doch Finanzminister Wolfgang Schäuble

(CDU) ficht die internationale Kritik

nicht an. „Europa ist manchmal etwas

Rotes Europa

Staatsverschuldung in Prozent des BIPs

200

150

100

50

Italien

Frankreich

Spanien

* Prognose; Quelle: EU-Kommission

Griechenland

Deutschland

09 10 11 12 13 14* 15*

Neuverschuldung des Bundes in Milliarden

Euro laut Finanzplanung und tatsächliche

Entwicklung

25

20

15

10

5

Realität ?

Finanzplan

0

2013 2014 2015 2016

Wolfgang Schäuble 2014

»Bundeshaushalte ohne

Neuverschuldung sollen ab

2015 Normalität werden«

langsam, aber wir werden liefern“, verteidigte

sich Schäuble. Darüber hinaus sehe

er „keinen Grund, dramatische Situationen

herbeizureden“. Die schwarze Null soll stehen,

zum ersten Mal seit 1969. Koste es,

was es wolle. Schäuble will unbedingt verhindern,

so zu enden wie seine Vorgänger:

als gescheiterter Ankündigungsminister.

Höhere Staatsausgaben sind kaum drin,

warnen auch die parlamentarischen Etatexperten

– selbst wenn in den vergangenen

Jahren jeweils zwischen einer und mehr als

zwei Milliarden Euro aus Investitionstöpfen

der Ministerien nicht abgerufen wurden

(siehe Grafik Seite 23). „In den Haushaltsberatungen

lassen sich nur kleine Verbesserungen

erreichen“, sagte der CDU-

Politiker Norbert Barthle kurz vor Ende der

Verhandlungen um den Bundesetat 2015.

„Für erhebliche zusätzliche Investitionen

zum Beispiel in die Verkehrsinfrastruktur

werden wir absehbar keine Spielräume haben.“

Das sieht auch der Bundesrechnungshof

so. In dessen neuesten Bericht zu

den Bundesfinanzen mit dem Untertitel

„Haushaltsausgleich ohne Neuverschuldung

absichern“ heißt es, die Handlungsspielräume

seien „ausgereizt“.

Schäuble und Barthle bekommen für ihre

Haltung Beistand von einem einflussrei-

22 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: LAIF/MARKO PRISKO, LAIF/STEFAN THOMAS KROEGER

chen Sozialdemokraten. „Es gibt keinen

Grund, vom Ziel der Konsolidierung der

öffentlichen Haushalte abzuweichen oder

jetzt konjunkturell motivierte Programme

zu entwickeln“, sagt Hamburgs Erster Bürgermeister

Olaf Scholz (SPD). „Die Aufgaben,

vor denen Deutschland steht, sind

strukturell. Es muss unser Ziel sein, die privaten

Investitionen und auch die öffentlichen

– zum Beispiel in die Infrastruktur –

zu verstärken.“

Die Bundesregierung betritt deshalb einen

heiklen Mittelweg: Einerseits will sie

international nicht als Investitionsbremse

dastehen, anderseits aber den Sparkurs

nicht gefährden: Wenn der Staat nicht

kann, sollen eben die Privaten mehr können

dürfen. Ein schöner Nebeneffekt:

Schwarz und Rot sind sich hier sogar einig.

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel will

Unternehmen wertvolles Kapital für öffentlich-private

Partnerschaften (ÖPP) entlocken.

Im August rief er eine Expertenkommission

zur „Stärkung von Investitionen in

Deutschland“ ins Leben, die Finanzierungsmodelle

erarbeiten soll. An Mitteln

mangelt es nicht. Versicherer und Fonds

suchen händeringend nach sicheren Anlageobjekten,

die wenigstens ein paar Prozent

Rendite abwerfen.

Neuverschuldung des Bundes in Milliarden

Euro laut Finanzplanung und tatsächliche

Entwicklung

50

40

30

20

10

Als Vorbild gilt im Kabinett der kürzlich

beschlossene Ausbau der Autobahn A 7 in

Schleswig-Holstein. Ein Konsortium um

den Baukonzern Hochtief konstruiert eine

65 Kilometer lange Betonpiste vor Hamburg

und betreibt sie 30 Jahre lang. Früher

finanzierten sich ÖPP-Projekte nur über

Bankkredite. Drei Viertel der Investition in

Höhe von 600 Millionen Euro kommen

diesmal allerdings vom Dutch Infrastructure

Fund (DIF), dem Versicherer wie

Axa und Mass Mutual, die Förderbank KfW

und die Europäische Investitionsbank

(EIB) angehören. Sollte die A-7-Strecke

Da geht noch was

Differenz zwischen Soll- und Ist-Werten

für Investitionen im Bundeshaushalt

(in Millionen Euro)

2010 2216

2011

2012

2013

Realität

Peer Steinbrück 2008

»Ab dem Haushalt 2011

wird der Bund keine neuen

Schulden aufnehmen«

1145

1327

Finanzplan

6952*

* 5,4 Milliarden Euro Sondereffekt durch nicht beanspruchte Mittel

des Arbeitsministeriums; Beträge ohne Rüstungsinvestitionen;

Quelle: Bundesfinanzministerium

pünktlich fertig werden und danach in guter

Qualität befahrbar sein, verspricht der

DIF seinen Anlegern eine Rendite von

knapp drei Prozent.

Zwar könnte der Staat die Infrastruktur

preiswerter ausbauen, doch die Mobilisierung

privaten Kapitals biete die Chance,

„Mittel für die dringend notwendigen Investitionen

weiter zu verstärken“, wirbt

Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt

(CSU). „Wer ÖPP grundsätzlich ablehnt,

löst die Stauprobleme auf den deutschen

Straßen nicht.“ Die A 7 würde sonst

Jahrzehnte später fertig werden, heißt es

aus seinem Haus. Dobrindt will noch in

diesem Jahr weitere Projekte anschieben.

Ab 2018 will er so jedes Jahr eine Milliarde

Euro zusätzlich mobilisieren.

Einigkeit herrscht auch beim dringend

benötigten Ausbau des schnellen Internets.

Die Privatwirtschaft soll helfen, die

Breitbandanschlüsse bis 2018 flächendeckend

auf 50 Megabit pro Sekunde auszubauen.

Der Staat hält sich bislang mit eigenen

Investitionen zurück. 2015 schreibt der

Bund die 700er-Frequenzen, die derzeit

von Fernsehanstalten benutzt werden, für

den Mobilfunk aus. Die Einnahmen von

geschätzt ein bis zwei Milliarden Euro wollen

Dobrindt und Schäuble dann größtenteils

in den Breitbandausbau reinvestieren.

ANSCHLUSS SCHAFFEN

Das Geld ist jedoch ein Tropfen auf den

heißen Stein. Deutschland hinkt beim Anschluss

mit superschnellen Glasfaserkabeln

international hinterher. Die Politik

könnte sich mit einem Schulterschluss mit

der Privatwirtschaft behelfen: Konzerne

wie Deutsche Telekom oder Vodafone würden

die Möglichkeit erhalten, Daten unterschiedlich

schnell durch den Äther zu jagen

– und dafür unterschiedliche Preise zu

verlangen. Die Verbraucher müssten für

Leistung mehr zahlen. Die Einnahmen der

Konzerne stiegen – und damit deren Bereitschaft,

Geld in den Breitbandausbau zu

pumpen. Dobrindt befürwortet solche

Maßnahmen als Antwort auf den „Daten-

Tsunami“.

Schub von der Bundesregierung

wünscht sich die Industrie auch bei den

Steuern. Ganz oben auf ihrer Liste steht die

steuerliche Förderung von Forschung und

Entwicklung (FuE). Das aber kann nach

Ansicht Schäubles zu unwägbaren Einnahmeausfällen

führen und habe überdies keinen

richtigen Steuerungseffekt – weshalb

das Instrument im letzten Moment aus

dem Koalitionsvertrag gestrichen wur-

0

2008 2009 2010 2011

»

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 23

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Politik&Weltwirtschaft

»

de. Nun bringt die Wirtschaft eine neue

Variante ins Spiel, nämlich eine Patentbox.

In dieser virtuellen Kiste landen alle Patente,

die darauf basierenden Gewinne werden

nur zu einem Bruchteil des regulären

Unternehmenssteuersatzes belastet. Diverse

Nachbarländer locken so Unternehmen

an. Warum also nicht nachziehen?

Wählerisch wäre die Wirtschaft nicht,

Hauptsache, es passiert irgendwas. Utz

Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Verbandes

der Chemischen Industrie (VCI),

sagt: „Wir halten beide Instrumente für innovationsfördernd,

da sie sich in ihrer Wirkung

ergänzen. Wichtigstes Ziel muss doch

sein, die Forschung zu stärken und damit

die internationale Wettbewerbsfähigkeit

des Industrielandes Deutschland weiter

auszubauen.“

Der Vorteil einer Patentbox liegt darin,

dass die Ausfälle für den Staatshaushalt bei

entsprechend restriktiver Ausgestaltung

überschaubar wären. Das spricht für eine

Patentbox light, in die möglicherweise nur

neue Patente hinein dürften – die ohnehin

üblicherweise erst nach rund fünf Jahren

Geld bringen und dann auch haushaltswirksam

würden. Der wichtige Nebeneffekt:

Schäubles Haushalt für 2015 wäre damit

nicht gefährdet.

Die Wunschliste der Industrie, die unter

dem informellen Label „Stärkung der Wirtschaftskräfte“

in Berlin kursiert, ist aber

noch viel länger. Ganz oben steht auch die

Wiedereinführung der „degressiven Afa“;

hier soll eine in den ersten Jahren überproportionale

Abschreibung von Anlagen und

Maschinen zu entsprechenden Investitionen

anreizen. Direkt dahinter auch die

steuerliche Förderung der energetischen

Gebäudesanierung, deren Wiedereinführung

allerdings zuletzt am Widerstand der

Bundesländer scheiterte.

ES WIRD KOSTEN

„In der jetzigen Situation wäre ein starkes

Signal für die Konjunktur psychologisch

nötig und hilfreich“, sagt Hans Michelbach,

Chef der CSU-Mittelständler und Obmann

im Finanzausschuss. „Die degressive Afa

wäre dafür genau richtig. Denn Geld ist ohne

Ende da, es wird aber nicht investiert,

weil die Unternehmer verunsichert sind.“

In Brüssel kursieren Zahlen, die es Berlin

ohnehin erschweren, künftig den Ruf nach

mehr Investitionen abzuwehren. Deutschland

verfügt im internationalen Vergleich

nur über einen geringen öffentlichen Kapitalbestand

von 42 Prozent des Bruttoinlandsproduktes

(BIP). In Frankreich liegt er

Neuverschuldung des Bundes in Milliarden

Euro laut Finanzplanung und tatsächliche

Entwicklung

40

30

20

10

Realität

Finanzplan

0

2003 2004 2005 2006

Hans Eichel 1999

»Die Bundesregierung

will so schnell wie möglich

einen Haushalt ohne neue

Schulden vorlegen«

bei 54 Prozent des BIPs, in den Niederlanden

bei 58 Prozent des BIPs, errechnete der

Brüsseler Thinktank Bruegel auf Basis von

Zahlen der EU-Kommission. Selbst in den

USA, die traditionell auf einen schlanken

Staat setzen, liegt der Anteil bei 52 Prozent.

Die Bundesregierung wird zudem Geld

in die Hand nehmen müssen,

um das von Juncker angekündigte

Investitionspaket von

300 Milliarden Euro mitzutragen

– auch wenn bisher niemand

in Brüssel weiß, wie genau

sich das Paket finanzieren

wird. Der für Wachstum und

Investitionen zuständige Vizepräsident

der künftigen EU-

Kommission, Jyrki Katainen,

gab bei seiner Anhörung im EU-Parlament

jedenfalls keine überzeugende Antwort.

Weil die Bundesregierung auf keinen Fall

Mittel aus dem Europäischen Stabilitätsmechanismus

zweckentfremden möchte,

wird eine Kapitalerhöhung der EIB sehr

wahrscheinlich. Eine Idee, die der Chef der

Europäischen Zentralbank, Mario Draghi,

auf dem EU-Gipfel unterstützen will. Heute

schon gehört Deutschland gemeinsam

mit Frankreich mit jeweils 39,2 Milliarden

Euro zu den größten Kapitalgebern der

MEHR ZUM THEMA

Warum haben es Reformer

in Frankreich so

schwer? Lesen Sie dazu

ein Interview mit Sylvie

Goulard, der Sprecherin

für Wirtschaft der Liberalen

im EU-Parlament

unter wiwo.de/goulard

EIB. Noch ist keine konkrete Zahl im Gespräch,

aber auf Deutschland wird der

größte Anteil der Kapitalerhöhung fallen.

Um die von Katainen angekündigte „nie

da gewesene Mobilisierung“ von öffentlichem

und privatem Geld für Investitionen

zu erreichen, will die EU-Kommission zudem

die Auflagen für Versicherer

senken. In einem Verordnungsentwurf,

den die Kommission

jüngst vorlegte, wurde

die Risikogewichtung von Kreditverbriefungen

(ABS) drei

Mal gesenkt. „Der ehrenwerte

Ansatz, Versicherungen zu

Langfristinvestitionen zu ermuntern,

kann nicht die willkürliche

Manipulation von Kapitalanforderungen

rechtfertigen“, kritisiert

der grüne Europaabgeordnete Sven

Giegold. Er weist darauf hin, dass genau

der nachlässige Umgang mit ABS die Finanzkrise

in den USA ausgelöst hat. Im

Rahmen des Investitionspakets sollen nun

trotzdem weitere Erleichterungen folgen.

In der Not schaut man besser nicht so genau

hin.

max.haerder@wiwo.de | Berlin,

angela hennersdorf | Frankfurt, henning krumrey,

christian ramthun, christian schlesiger, silke wettach | Brüssel

24 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: WERNER SCHÜRING, STUDIO X/DIVERGENCE

FRANKREICH

Ob das reicht?

Frankreichs Wirtschaftsminister Emmanuel

Macron stellt Reformen vor.

Mit diesem Satz wird er sich bei vielen

Landsleuten keine Freunde machen,

doch Emmanuel Macron schert sich nicht

darum. „Wir sind ein komisches Land“,

sagt Frankreichs Wirtschaftsminister und

referiert, dass einen Fernbus von Paris

nach Straßburg nur besteigen darf, wer

ein Ticket nach Warschau gelöst hat. Eine

Busverbindung von Lyon nach Bordeaux

gebe es gar nicht, wer für diese Strecke

die Bahn nimmt, steigt in Paris um. Sonntags

blieben bis auf wenige Ausnahmen

die Läden zu, derweil der Internet-Händler

Amazon ein Viertel seines Umsatzes in

Frankreich an diesem Tag macht. Pariser

Arbeitsgerichte bräuchten im Schnitt vier

Jahre, bis ein Urteil fällt, die Tarife der

Notare seien teuer und undurchsichtig.

All das will Macron jetzt ändern. Wie so

vieles, seit der 36-jährige Ex-Banker Ende

August das Wirtschaftsministerium übernommen

hat. Den drei „Krankheiten“ des

Landes, wie er sie nennt, will er mit einem

Gesetz zur Förderung der Beschäftigung

zu Leibe rücken: dem Vertrauensverlust,

der Bürokratie und dem Korporatismus.

Furchtloser Reformator Frankreichs

Wirtschaftsminister Macron

Es ist kein Zufall, dass die noch unfertigen

Ideen gerade Mitte vergangener

Woche zuerst dem Kabinett und dann der

Presse präsentiert worden sind. Zeitgleich

begann in Brüssel die Prüfung der umstrittenen

französischen Haushaltsplanung

für das nächste Jahr. Die Gefahr,

dass die EU-Kommission den Haushaltsentwurf

zurückweist, ist groß. Immerhin

übersteigt das darin vorgesehene Defizit

in Höhe von 4,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts

die Brüsseler Vorgaben,

und Paris ist nicht bereit, die bereits vorgesehenen

Einsparungen in Höhe von 21

Milliarden Euro im nächsten Jahr und insgesamt

50 Milliarden Euro bis 2017 aufzustocken.

Die Botschaft des eilig verkündeten

Reformpakets lautet also: Seht her,

wir tun doch was.

DREI SCHWIERIGE JAHRE

Doch reicht das Programm aus, um Brüssel

milde zu stimmen? Und wie viel

Wachstum kreieren Fernbusse nach deutschem

Vorbild wirklich? Nötig wäre es,

denn Frankreichs Wachstum stagniert,

die Arbeitslosenquote steigt. Die Auslandsinvestitionen

brachen 2013 um

mehr als 70 Prozent ein. Laut einer aktuellen

Studie der deutsch-französischen

Handelskammer würde ein Drittel der

deutschen Muttergesellschaften nicht erneut

in Frankreich investieren. Die Hälfte

der befragten Unternehmer erwartet drei

weitere schwierige Jahre.

Am Freitag nahmen bei einem Treffen

in Paris auch OECD, Internationaler Währungsfonds

und Weltbank Frankreichs

Staatschef François Hollande ins Gebet.

Macron ist der Mann, der es für ihn richten

soll. Unbekümmert plädiert er für eine

„Debatte, wie sie unter erwachsenen

Menschen möglich sein muss“. Auch über

eine Reform des Arbeitslosengeldes, das

in Frankreich bisher zwei Jahre lang und

im Vergleich zu Deutschland recht großzügig

bezahlt wird. Auf eine Änderung der

geltenden Regelung müssten sich Arbeitgeber

und Gewerkschaften einigen. Im

Laufe des nächsten Jahres „muss die Debatte

reifen und 2016 zu entsprechenden

Verhandlungen führen“, fordert Macron.

Der Minister gibt den Furchtlosen, die

Opfer bringen sich schon in Stellung: Die

Notare etwa fordern für den Fall einer

Liberalisierung ihrer Branche acht Milliarden

Euro Entschädigung.

karin.finkenzeller@wiwo.de | Paris

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 25

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Politik&Weltwirtschaft

EIN SCHWARZER

IM GRÜNEN

Bouffier, 62, regierte

Hessen zunächst zusammen

mit der FDP.

Seit Januar 2014

führt der Jurist die

erste Koalition von

CDU und Grünen in

einem Flächenland.

Hinter der Tür im

hessischen Landtag

fanden die Sondierungsgespräche

statt.

»Das System ist irre«

INTERVIEW | Volker Bouffier Der hessische Ministerpräsident

macht Werbung für Schwarz-Grün – und attackiert die Profiteure

des Länderfinanzausgleichs in Deutschland.

Herr Ministerpräsident, die hessische

CDU stand wie kein anderer Landesverband

gegen die Grünen. Wie gefällt es

Ihnen nun mit Ihren neuen Freunden?

Schwarz-Grün regiert seit einem Dreivierteljahr.

Wir arbeiten erfolgreich und respektvoll

zusammen, wir streiten nicht. Die

Union liegt bei Fragen der Wirtschaft, der

Finanzen, der Arbeitsplätze in der Bevölkerung

weit vorn. Die Grünen sind führend

bei Umweltschutz, Verbraucherschutz,

Nachhaltigkeit. Wir wollen in unserer Regierungspolitik

Ökonomie und Ökologie

verklammern – das ist unser Ansatz für das

21. Jahrhundert.

Klingt pompös. Was heißt das praktisch?

Die Umweltministerin hat gerade eine

weitreichende Entscheidung für das Weltunternehmen

Kali + Salz getroffen: Wir verbessern

uns ökologisch, und wir erhalten

die 6000 Arbeitsplätze. Will ich ab morgen

Tafelwasserqualität in der Werra haben,

dann sind die Arbeitsplätze weg. Und beuten

wir alles rigoros aus, bin ich in ein paar

Jahren auch am Ende. Erst der Kompromiss

führt zur Handlungs- und Zukunftsfähigkeit.

So macht die Arbeit Spaß.

Die gesamte CDU schaut auf Hessen.

Gilt das Sinatra-Motto: If I can make it

there, I’ll make it anywhere?

Schwarz-Grün ist zunächst eine hessische

Lösung. Die ist untrennbar verbunden mit

der Sache und den handelnden Personen.

Da hilft der hessischen CDU, dass sie nicht

im Verdacht steht, wegen einer Regierungsbeteiligung

alle ihre Grundsätze über

Bord zu werfen. Sind wir erfolgreich, ist das

sicherlich ein Bündnis für die Zukunft.

Angela Merkel ist also zu links und zu beliebig,

um Schwarz-Grün wagen zu können?

Das ist eine unzulässige journalistische

Weiterentwicklung.

Im Bund hat es parallel dazu in den

Gesprächen mit den Grünen nicht gereicht.

Ich war auch im Bund dabei und habe gesehen:

Die Grünen waren auf Bundesebene

noch nicht so weit. Heute leiden sie unter

Bedeutungslosigkeit. Auch die sächsischen

Grünen sind auf dem Weg zu fünf

Jahren Nirwana. Und wenn sie nicht klug

sind, machen sie es in Thüringen auch so.

Deren Motto lautet: Lieber ohne jede Bedeutung,

aber reinen Herzens.

Und bei Ihnen ist es umgekehrt?

Wir sind Realisten, auf beiden Seiten. Die

Bundesgrünen können ein paar Pressemitteilungen

produzieren, mehr nicht.

Herr Al-Wazir möchte hier gute Politik für

Hessen und seine Wähler machen. Wenn

wir erfolgreich sind, kann man es vielleicht

auf die gesamte Bundesrepublik übertragen.

Schließlich haben wir hier alles:

Flughafen, Verkehrsprobleme, schwierige

ökologische Fragen, Integration in allen

Facetten. Wenn wir es versemmeln, wirkt

es abschreckend.

»

FOTO: OLIVER RÜTHER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

26 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

»

Ein neuralgischer Punkt ist der

Flughafen. Kommt da durch die Grünen

noch mal Bewegung rein?

Es gilt der Koalitionsvertrag: Der Flughafen

muss wettbewerbsfähig bleiben. Unsere

Konkurrenz sind Istanbul, Abu Dhabi, Dubai.

Die Türkei baut zehn Landebahnen.

Die fliegen rund um die Uhr und werden

nach dem Staubsaugerprinzip überall aus

Deutschland die Passagiere für drei Euro

nach Istanbul fliegen, damit sie dort die

Maschinen nach Bombay, Jakarta, New

York füllen können. Wir müssen unseren

wirtschaftlichen Herzmuskel gesund halten.

Aber wir dürfen die Menschen in diesem

dicht besiedelten Gebiet nicht überfordern.

Es muss leiser werden.

Also doch mehr Nachtflugverbote?

Nein, es bleibt beim Nachtflugverbot von

23 bis 5 Uhr. Aber wir versuchen durch

Lärmpausen, einzelne Regionen zusätzlich

zu schonen, indem mal die eine, mal die

andere Bahn genutzt wird. Die Masse der

Menschen akzeptiert das. Selbst in der

Stadt Frankfurt interessieren sich nur 2,5

Prozent für dieses Thema.

In Sachsenhausen wird es anders sein.

Wir haben alle Wahlkreise gewonnen, bei

Bundestags- und Landtagswahl. Auch in

Sachsenhausen. Obwohl wir in dieser Frage

allein standen gegen alle anderen Parteien.

Ich nehme die Beschwerden der

Menschen ernst, deshalb setzen wir ja unsere

Bemühungen fort. Aber politisch berührt

das Thema nur wenige. Fahren Sie

mal nach Flörsheim – der Bürgermeister ist

ein Sozialdemokrat – und fragen Sie da

mal, warum Rot-Grün im Stadtrat ein ehemaliges

Fabrikgelände direkt am Flughafenzaun

zu einem Wohngebiet erklärt hat.

Wo sind die Grünen denn für Ihr wirtschaftsfreundliches

Regierungshandeln

hinderlich?

Nirgendwo. Auch die hessischen Grünen

wollen schwarze Zahlen schreiben. Ökologie

ist nur möglich, wenn die Wirtschaft erfolgreich

ist.

Ein historisches Kampfthema in Hessen

war die Energiepolitik. Nun sind die

Grünen ein verlässlicher Partner?

Der einzige Unterschied ist, dass die

Grünen den Ausbau gern etwas schneller

hätten als wir. Wir werden den Anteil der

regenerativen Energie in dieser Legislaturperiode

verdoppeln. Bis 2050 wollen wir auf

100 Prozent sein. Auch ich will die Stromautobahnen

nicht mit der Bereitschaftspolizei

durchsetzen. Wenn die ganze Bevölkerung

wie ein Mann dasteht, dann muss

man eine verträglichere Lösung finden.

»Dass NRW von

uns noch Geld

bekommt, kann ich

keinem erklären«

Der Streit um den Länderfinanzausgleich

steckt fest. Wird es noch einen Kompromiss

geben, oder muss am Ende das

Bundesverfassungsgericht Ihre Klage

entscheiden?

Die ökonomische Antwort: Ein Land wie

Deutschland kann nicht nur von drei starken

Ländern abhängig sein. Bayern, Baden-

Württemberg und Hessen bringen 60 Prozent

des Bruttoinlandsprodukts. Die politische

Antwort: Diese Klage ist Notwehr, weil

die Empfängerländer zu keinerlei Entgegenkommen

bereit waren. Ich bin sicher, dass

wir zu Veränderungen kommen werden.

Wie kann man das finanzieren?

Dazu könnten wir das Aufkommen des Soli

nehmen. Entweder der Bund behält das

Geld, und wir legen gemeinsam fest, wofür

es verwendet wird, oder man lässt es den

Ländern zufließen.

Könnte man ihn nicht einfach wegfallen

lassen, 25 Jahre nach der Wende in der

damaligen DDR?

Nein, wir alle brauchen das Geld für unsere

wachsenden Aufgaben. Die östlichen Bundesländer

bedürfen auch nach 2019 der

Unterstützung. Auch die Notlagenländer,

also Bremen, Saarland und – wenn Sie richtig

gucken – auch Schleswig-Holstein, brauchen

unstreitig Hilfe. NRW wird politisch

das schwierigste Problem. Verschuldet bis

über beide Ohren – und trotzdem beschließen

die immer neue Ausgaben mit noch

mehr Schulden. Dass sie von uns noch Geld

bekommen, kann ich niemandem erklären.

Die Länder sind sich schnell einig, wenn es

wie beim Soli ans Geld des Bundes geht...

Geschäfte zulasten Dritter sind immer faszinierend.

Aber im Ernst: In jeder denkbaren

Rechnung zahlt Hessen erheblich

drauf. Wir drei Geberländer müssen entlastet

werden. Es geht um die Finanzbeziehungen

zwischen den Ländern und mit

dem Bund insgesamt. Der Solidarpakt läuft

2019 aus. Dann müssen wir zusätzliche

Aufgaben finanzieren, die alle haben – Verkehrsinfrastruktur,

Bildung, Integration.

Wie viel Entlastung müsste denn für

Hessen herausspringen?

Wir brauchen eine fühlbare Entlastung.

Aber ich werde nicht den Fehler machen

und einen Betrag nennen. Wir sind solidarisch,

aber nicht blöd. Vor allem muss sich

das System ändern. Den Lohn unserer Mühen

müssen wir zum allergrößten Teil abliefern.

Dieses System ist irre.

Kommt Ihnen das Flüchtlingsthema

gelegen, um auf die Not der Länder zu

verweisen?

Wir haben eine erfreuliche Aufnahmebereitschaft

der Bevölkerung, die dürfen wir

nicht kaputt machen. Viel besser als früher.

Die Menschen, die herkommen, müssen

gescheit untergebracht werden. Da stößt

man an Grenzen – finanziell und logistisch.

Das ist eine gesamtstaatliche Aufgabe. n

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin, mark fehr | Frankfurt

FOTO: OLIVER RÜTHER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

28 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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»Green Tech lohnt sich!«

FORUM | Die deutsche Energiewende findet vor allem bei der Stromerzeugung statt. Die Chancen

eines effizienteren Umgangs mit Energie bleiben dagegen ungenutzt. Davon

aber würden alle profitieren: Industrie, Verbraucher und das Klima. Von Rainer Hundsdörfer

FOTO: ANDREAS KÖRNER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Der Aufschrei ist wieder groß:

„Die EU drosselt deutsche

Staubsauger! Was taugen

1600 Watt noch zum Saugen?“

Folgt auf das Glühbirnen-Aus vor

fünf Jahren jetzt der nächste Furor

aus Brüssel? Fakt ist: Auch

Deutschland spart zu wenig Energie

ein. Das Thema Energieeffizienz

fristet in der deutschen Politik

ein Schattendasein. Ohne mehr

Effizienz aber wird das Ziel der

Energiewende, die Treibhausgas-

Emissionen im Vergleich zu 1990

bis 2020 um mindestens 40 Prozent

und bis 2050 um 80 Prozent zu

reduzieren, nicht zu schaffen sein

– und auch die Importabhängigkeit

Europas wird nicht sinken. Ende

Juli bereits hat die EU-Kommission

ein Vertragsverletzungsverfahren

gegen Deutschland eingeleitet, weil es die Energieeffizienz-

Richtlinie nicht umgesetzt hat. Mit ihrer Untätigkeit vergibt die

große Koalition eine enorme Chance für die deutsche Industrie

und für mehr Unabhängigkeit von Öl- und Gasimporten.

ENTLASTUNG FÜR DIE BÜRGER

Die deutsche Energiewende ist eine Stromerzeugerwende. Im Fokus

stehen der Ausbau der erneuerbaren Energien und die Kapazitätsmärkte

der Grundlastträger Kohle und Gas. Die Nachfrageseite

hat die Politik bisher vernachlässigt. Der größte Anteil der Energie

in Deutschland wird nicht für Strom oder im Straßenverkehr verbraucht.

Heizen, Warmwasser, Kochen und Kühlen machen fast

100 Prozent des privaten Energieverbrauchs aus. Fast 1900 Euro

zahlt eine vierköpfige Familie in diesem Jahr für ihre Ölheizung, 35

Prozent mehr als vor sieben Jahren. Durch fachgerechte Sanierung

und moderne Gebäudetechnik könnten bis zu 80 Prozent des

Energiebedarfs im Bestand eingespart werden. Mehr Energieeffizienz

bedeutet auch eine größere Entlastung für die Bürger.

Von mehr Energieeffizienz kann auch die deutsche Industrie

profitieren. Im vergangenen Jahr wuchs der Umsatz mit Produkten

und Dienstleistungen in diesem Segment um elf Prozent auf 162

Milliarden Euro. Mehr als 800 000 Arbeitsplätze hängen von der

Energieeffizienz ab. In letzter Zeit hat sich das Wachstumstempo

der betroffenen Unternehmen jedoch verlangsamt. Viele Unternehmen

sind verunsichert und wünschen sich von der Politik eine

langfristig angelegte Effizienzstrategie mit verbindlichen Zielen.

Die Industrie kann technologisch deutlich mehr leisten. Die neuen

Pläne der EU-Kommission – 30 Prozent mehr Energieeffizienz bis

Hundsdörfer, 57, ist Vorsitzender der Geschäftsführung

der ebm-papst Gruppe und Vorsitzender der neuen Bundesfachkommission

Energieeffizienz im Wirtschaftsrat.

2030 – können aber nur ein erster

Schritt sein. Wenn Deutschland

weiterhin Vorreiter bei der Klimaund

Energiepolitik sein will, sollte

es die bestehende Ökodesign-

Richtlinie mit Nachdruck ausbauen.

Energieeffizienz muss ein zentraler

Bestandteil der deutschen

Energiepolitik werden.

Der künftige „Nationale Aktionsplan

Energieeffizienz“ sollte sich

an drei Maximen orientieren.

1. Klimaschutz muss mit den geringsten

Kostenbelastungen für

Bürger und Industrie erreicht werden.

Die aktuellen Instrumente zur

Steigerung des Einsatzes erneuerbarer

Energien und der Energieeffizienz

sind noch zu wenig darauf

ausgerichtet, Maßnahmen mit den

geringsten CO 2 -Vermeidungskosten

zu fördern. Die Sanierungsrate bei den Gebäuden stagniert seit

Jahren, weil die vorgesehenen Fördermittel zu gering und die Laufzeiten

der Kredite zu lang sind. Die Amortisationszeit muss kürzer

werden, damit sich die erforderlichen Investitionen im Zeitraum

von 12 bis 18 Monaten rechnen. Das würde sich auch für den Fiskus

lohnen. Bund und Länder würden mehr Steuern einnehmen.

2. Das bestehende Fördersystem und der Ausbau der erneuerbaren

Energien müssen effizienter und marktnäher werden. Dauersubventionen

verhindern weiter gehende Innovationen. Der

Markt und nicht Subventionen sollen über die Wirtschaftlichkeit

von neuen Energien entscheiden.

3. Politik und Industrie sollten gemeinsam ein System des gleichen

Rechts für alle in Europa installieren. Die in Europa produzierende

Industrie braucht ein „level-playing-field“, wenn ein massiver

Verlust von Arbeitsplätzen vermieden werden soll. Produkte,

welche die europäische Ökodesign-Richtlinie umgehen, dürfen

nicht in die EU importiert werden.

Der Aktionsplan muss beide Seiten, die Energieerzeuger wie die

Energieverbraucher, in die Pflicht nehmen. Unternehmen, öffentliche

Hand und Verbraucher müssen gemeinsam für mehr Energieeffizienz

motiviert werden. Eine Kampagne könnte die Herausforderung

erlebbar und mehr Energieeffizienz zu einer Bewegung

machen. Gestalten wir Green-Tech made in Germany zu einem Erfolgsprodukt

und Exportschlager! Mehr Energieeffizienz lohnt

sich, sozial, ökologisch und ökonomisch. Und es reduziert die Abhängigkeit

von unsicheren Regionen und Regiemen. Am Ende

profitieren alle: Unternehmen, Verbraucher, das Klima und kommende

Generationen.

n

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 29

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Politik&Weltwirtschaft

Die Rechnung geht nicht auf

TÜRKEI | Präsident Erdogans lässiger Umgang mit den „IS“-Terroristen bringt die Kurden gegen ihn

auf, gefährdet die innere Stabilität und beschädigt darum auch die Wirtschaft.

Der Zorn wächst

Kurden protestieren

gegen Erdogan

Tränengas und

Wasserwerfer sind

keine Lösung

Überraschend geringes Wirtschaftswachstum

in diesem Jahr, Teuerung

deutlich über den Erwartungen und

die höchste Arbeitslosenquote in vier Jahren:

Der stellvertretende türkische Ministerpräsident

Ali Babacan hatte unerfreuliche

Zahlen mitzuteilen.

In Ankara prognostizierte der Minister

für das laufende Jahr ein Wirtschaftswachstum

von 3,3 Prozent – 0,7 Prozent

unter den bisherigen offiziellen Prognosen.

Die Inflationsrate für das Jahr 2014

schätzt der Minister jetzt auf 9,4 Prozent –

5,3 Prozent war das Ziel der Türkischen Nationalbank

gewesen, für das die Währungshüter

vergangenen Winter den Leitzins auf

mehr als zehn Prozent erhöht hatten. Vergebens,

will es jetzt scheinen.

Nach ein paar Monaten mit befriedigenden

Daten kam im September die Ernüchterung.

Der Außenwert der türkischen Lira

ging in wenigen Wochen um gut sechs Prozent

zurück. Für einen Dollar müssen die

Türken jetzt mehr als 2,25 Lira bezahlen. Der

schlechte Wechselkurs ist zwar potenziell

gut für den türkischen Export – trotzdem

bleibt das Zahlungsbilanzdefizit früheren

amtlichen Prognosen zum Trotz deutlich

über fünf Prozent der Wirtschaftsleistung.

Babacan, der einflussreichste Wirtschaftspolitiker

im Umkreis von Staatspräsident

Recep Tayyip Erdogan, macht für all

das die lahme Konjunktur auf den europäischen

Absatzmärkten der türkischen Industrie

verantwortlich. Und sein Kollege

Mehmet Simsek, Finanzminister und Liebling

der türkischen Finanzwelt, nutzt die

Gelegenheit, wirtschaftsfreundliche Korrekturen

zu fordern: „Wir brauchen Reformen

– und die wird die Regierung auch

bald verkünden.“

Es ist aber fraglich, ob Erdogan und seine

Minister sich trauen, zum Beispiel beim

Kündigungsschutz den Forderungen der

türkischen Unternehmer entgegenzukommen.

Die konservative Regierung hat hinreichend

Probleme mit den gewaltsamen

kurdischen Protesten gegen ihre Außenpolitik

– schwer vorstellbar, dass die Regierung

da auch noch auf sozialpolitischen

Konfrontationskurs gegen die in den

vergangenen Jahren relativ ruhigen türkischen

Gewerkschaften ginge.

Die schlechten Wirtschaftsdaten haben

sowieso andere Ursachen – aber das trauen

sich die Fachminister natürlich nicht zuzugeben.

Die türkische Wirtschaft leidet unter

der Außenpolitik Erdogans angesichts

des Blutvergießens in Sichtweite der eigenen

Südgrenze mindestens so sehr wie das

außenpolitische Ansehen des Landes.

Als fortgeschrittenes Schwellenland mit

hohem Investitionsbedarf und einem wegen

des Mangels an heimischen Energieträgern

strukturellen Handelsbilanzdefizit

ist die Türkei vom stetigen Zustrom ausländischen

Kapitals abhängig. Das aber bleibt

aus, wenn Ankara sich unter fadenscheinigen

Begründungen dem Kampf gegen den

„Islamischen Staat“ in Nordsyrien entzieht.

VERRÄTER AN DEN LANDSLEUTEN

Die Nato-Partner rechnen die Türkei kaum

noch zu den Verbündeten, weil Ankara

dem Vormarsch der Kalifatstruppen auf

die Kurdenbastion Kobane in Syrien tatenlos

zusieht. Die autonome Kurdenregierung

im Nordirak sieht Erdogan inzwischen

als Verräter an den Landsleuten in

Syrien. „Die Leute bei uns denken jetzt, die

Türkei hat sie betrogen“, sagt Sadi Ahmed

Pire, führender Außenpolitiker der Kurdenpartei

PUK im Irak. Während die Regierung

in Ankara durch ihre Untätigkeit verhindern

will, dass die Kurden im eigenen

Land und ihre Untergrundorganisation

PKK Auftrieb bekommen.

Die Rechnung geht aber nicht auf. Erdogans

Zauderpolitik hat genau das heraufbeschworen,

was er unbedingt vermeiden

wollte: einen Aufstand der türkischen Kurden.

18 Menschen starben bei den Demonstrationen.

Noch schlimmer: Erdogan

ließ Stellungen der PKK in den kurdischen

Bergen bombardieren.

Aber auch in Istanbul gab es Verletzte.

Tränengas und Wasserwerfer sind hier keine

Lösung: Denn hinter den kurdischen

Demonstranten steht auch in Istanbul die

verbotene Bewegung PKK. Die hat immer

noch die Fähigkeit, von friedlichem Protest

auf Terror umzuschalten.

Das aber würde der türkischen Wirtschaft

und ihren ausländischen Partnern den letzten

Optimismus austreiben – und Minister

Babacan oder sein Nachfolger müsste noch

viel schlechtere Wirtschaftsdaten verkünden

als in der vorigen Woche.

n

hansjakob.ginsburg@wiwo.de

FOTOS: GETTY IMAGES/AFP, REUTERS/YVES HERMAN

30 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

DER EUROPÄER

Klimkin, 46, war Botschafter in Berlin und

verhandelte den EU-Assoziierungsvertrag.

Seit Juni ist er Außenminister der Ukraine.

»Wir sehen Erfolge«

INTERVIEW | Pawlo Klimkin Wie der ukrainische Außenminister den

Konflikt mit Russland beenden und sein Land EU-reif machen will.

Herr Minister, große Teile der Ostukraine

stehen unter Kontrolle prorussischer

Separatisten. Sind diese Gebiete verloren?

Absolut nicht. Der Waffenstillstand führt

zu einer Stabilisierung der Lage. Das tägliche

Morden ist beendet, und es entsteht eine

Atmosphäre, in der sich die Einwohner

nicht mehr permanent bedroht fühlen.

Jetzt muss es den Menschen in den besetzten

Gebieten um Donezk und Lugansk ermöglicht

werden, mittels Wahlen über ihr

Schicksal in der Ukraine zu bestimmen.

Wie soll das möglich sein? Selbst wenn

die Menschen wählen wollen, werden es

die Separatisten wohl kaum zulassen. Sie

sehen die Regionen als autonom von Kiew

und forcieren den Anschluss an Russland.

Sicher wird das nicht einfach. Aber ich bin

davon überzeugt, dass diese Gebiete ökonomisch

und politisch nur eine Zukunft als

Teil des ukrainischen Staatsgebiets haben.

Sie sehen doch, wohin dieser Separatismus

führt: Eine Region, die praktisch völlig von

der Schwerindustrie abhängig ist, liegt total

am Boden. Die Menschen im Osten der

Ukraine sprechen Russisch, aber sie sind

Ukrainer. Sie sollten bei Wahlen wie der

Parlamentswahl am 26. Oktober oder den

Regionalwahlen Anfang Dezember für jene

Kandidaten stimmen, denen sie tatsächlich

vertrauen.

Der Waffenstillstand ist brüchig, im Osten

toben Bandenkriege, es herrscht eine

Art Anarchie. Fürchten Sie, der Konflikt

könnte in diesem Zustand verharren?

Es gibt dort in der Tat kriminelle Gruppen,

die mit Entführungen Geld erpressen. Als

Regierung sind wir verpflichtet und in der

Lage, für Ordnung zu sorgen – sobald wir

wieder Zugang haben. Russland ist es offenbar

nicht. Auch darum hoffe ich, dass

die Ostukrainer für die Ukraine stimmen.

Eine dauerhafte Instabilität ist weder im

Interesse der Menschen noch des Nachbarn

Russland. Wenn die Herrschaft des

Gesetzes nicht zurückkehrt, wird diese Situation

auch für Russland zur Gefahr.

Kremlchef Wladimir Putin hat Truppen

aus dem Grenzgebiet abgezogen, aber die

Grenze selbst und Teile der Ostukraine

kontrollieren weiter die von Russland

»Sanktionen

wirken nicht

wie ein

Zauberstab«

unterstützten Separatisten. Warum wirken

die Sanktionen des Westens nicht?

Sanktionen sind immer nur ein Element einer

größeren politischen Strategie. Sie wirken

nicht wie ein Zauberstab, mit dem man

von heute auf morgen politische Ziele erreicht.

Niemand will Russlands Wirtschaft

mit den Sanktionen in die Knie zwingen –

wohl aber damit die Voraussetzungen für

eine Stabilisierung schaffen. Erste Erfolge

sehen wir bereits: Waffenstillstand, Gefangenenaustausche,

bilaterale Gespräche zur

Lösung des Konflikts.

Putin hat Angst, dass die Nato an seine

Grenzen rückt. Was halten Sie von der

Idee, den Nichtbeitritt der Ukraine zur

Nato an die EU-Integration zu koppeln?

Diese Frage sollten Sie im Kreml stellen. In

Russlands Nachbarschaft gibt es ja diesen

Fall: Finnland ist Teil der EU, nicht aber der

Nato. Unklar ist, ob Moskau das im Falle

der Ukraine akzeptieren würde. Man hat

versucht, uns von der EU-Assoziierung abzuhalten

und in die von Russland dominierte

Eurasische Wirtschaftsunion zu bewegen

– dieser Versuch ist gescheitert.

Mit der Annexion der Krim hat Russland

Fakten geschaffen. Wie wollen Sie die

Krim zurück in die Ukraine holen?

Manche Dinge lassen sich nicht verhandeln.

Dazu zählt, dass die Ukraine ein souveränes

Land in Europa ist – und die Krim

Teil der Ukraine. Hier gibt es keine Kompromisse

weder für die Ukraine selbst noch

für Europa. Wenn wir diesen Präzedenzfall

zulassen, ist die Büchse der Pandora für

andere Annexionen in aller Welt geöffnet.

Wie kann der Konflikt mit Russland

dauerhaft gelöst werden?

Wir brauchen die Unterstützung der EU.

Der Wunsch, nach Europa zurückzukehren,

ist Teil des ukrainischen Selbstverständnisses.

Ein Großteil der Ukrainer fühlt

sich europäisch. Meine Landsleute wollen

nicht mehr wie vor zehn Jahren nach Europa,

weil sie von einem materiell besseren

Leben träumen. Vielmehr schätzt man die

Regeln des Rechtsstaats – nach diesen Regeln

wollen sie hier leben. Das muss Moskau

einfach akzeptieren.

Trotz der Verhandlungen mit Russland

droht immer wieder ein Gaslieferstopp. Wie

soll Ihr Land den Winter überstehen?

»

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 31

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Politik&Weltwirtschaft

»

Wir haben einen Vertrag aus dem Jahr

2009. Der ist aber nicht gerecht ausgestaltet,

denn er schreibt keine Markt-, sondern

Wucherpreise fest. Notfalls haben wir genug

eigenes Gas, um diesen Winter zu

überstehen. Das wäre aber für die Wirtschaft

schwierig, denn wir würden in umfangreichem

Maße mit Gas haushalten

müssen.

Wird die Ukraine wegen der Gaskrise bald

noch mehr Geld brauchen?

Ja, wir werden zusätzliche finanzielle Hilfe

benötigen. Aber das hat im Moment nichts

mit Gas zu tun, sondern mit dem Krieg. In

Donezk und Lugansk steht die Wirtschaft

still, bis dahin trugen diese Regionen etwa

15 Prozent zum Volkseinkommen bei. Der

daraus folgende Finanzbedarf konnte noch

nicht berücksichtigt werden, als die Hilfspakete

zur makroökonomischen Stabilisierung

im Frühjahr geschnürt wurden.

Für dieses und das kommende Jahr hat

»In zehn Jahren

sehe ich mein

Land als

Mitglied der EU«

die Ukraine 30 Milliarden Dollar erhalten.

Wie viel Geld brauchen Sie noch?

Das hängt davon ab, in welchem Ausmaß

die Wirtschaft wirklich schrumpft, wie und

wann das Wachstum wieder anzieht. Im

Moment rechnen wir mit einem Rückgang

von sieben bis acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

Ich denke, unser zusätzlicher

Finanzbedarf wird gravierend sein.

Was erhoffen Sie sich von Deutschland?

Die Deutschen spielen eine große Rolle bei

der Finanzierung der Hilfen. Es gibt zudem

Kreditgarantien für Investitionen und Handelsgeschäfte,

was der Wirtschaft hilft, wieder

auf die Beine zu kommen. Deutsche

Unterstützung brauchen wir bei der Einführung

von EU-Standards in der Verwaltung,

dem Aufbau eines modernen Steuerwesens,

dem Kampf gegen Korruption. Wir

könnten hierbei vom Know-how deutscher

Beamten profitieren. Die Erfahrung bei der

Integration der ehemaligen DDR könnte

uns auch helfen – etwa bei der Neuaufstellung

von Polizei und Justiz.

In Kiew regt sich der Unmut über den

Reform-Stillstand: Gesetze gegen Korrup-

tion wurden geschliffen, die Bürokratie wuchert.

Warum stecken die Reformen fest?

Ich will die Regierung nicht in Schutz nehmen.

Aber wir sind im Moment in unserer

Handlungsfähigkeit eingeschränkt, denn

viele Reformen erfordern die Zustimmung

des Parlaments. Deshalb ist die Wahl am

26. Oktober eine Chance. Wenn das neue

Parlament die Reformen in vollem Maße

unterstützt, wird es vorwärtsgehen.

Im Parlament steht ein Großteil der

Abgeordneten auf dem Lohnzettel von

Oligarchen. Wird sich das jetzt ändern?

Seit dem Maidan vertrauen die Ukrainer

keinen Abgeordneten im Parlament mehr

– egal, ob sie gekauft sind oder nicht. Alle

haben ihre Interessen unter dieser und jener

Regierung durchzudrücken versucht.

Die Oligarchen werden auch das neue Parlament

versuchen zu beeinflussen. Aber

das wird ihnen nicht so gut gelingen wie in

der Vergangenheit. Die meisten Kandidaten

haben keine Geschäftsinteressen, sondern

das Wohl des Landes im Blick. Und sie

haben ein Image zu verlieren.

Fürchten Sie den Erfolg rechtsextremer

Gruppen wie der Partei Swoboda?

Swoboda ist eine parlamentarische Partei

und Teil der Regierungskoalition. Innerhalb

der Partei gibt es verschiedene Strömungen.

Welche Rolle die Partei künftig

spielen wird, wird sich zeigen. Bei den Präsidentschaftswahlen

im Mai konnten wir

sehen, dass die extreme Rechte in der Bevölkerung

keine Unterstützung findet.

Wo sehen Sie die Ukraine in zehn Jahren?

In zehn Jahren sehe ich mein Land als Mitglied

der EU. Bis dahin wird sich die EU viel

schneller geopolitischen Verhältnissen anpassen

als heute. Sie wird stärker aufnahmebereit

sein, ohne dass die Kriterien für

die Aufnahme abgeschwächt werden müssen.

Die Ukraine muss ihre Chance nutzen

und sich rasch EU-Standards unterwerfen.

Wenn wir unsere Hausaufgaben machen,

können wir 2020 den Beitrittsantrag stellen

und ein paar Jahre später beitreten.

Und was ist, wenn die Reformen stecken

bleiben?

Dann würde in unserem Land über viele

Jahre ökonomischer Stillstand herrschen.

Aber ich halte die Chance des EU-Beitritts

für völlig real. Polen war Anfang der Neunzigerjahre

auf einem ähnlichen Entwicklungsniveau

wie die Ukraine heute. Binnen

zehn Jahren waren sie nach einschneidenden

Reformen reif für den Beitritt. Eine solche

Perspektive für den EU-Beitritt benötigen

wir auch.

n

florian.willershausen@wiwo.de | Berlin

TOKIO | Was verraten

Po-Duschen

und Geräuschprinzessinnen

über

eine Nation?

Von Martin Fritz

Geföhnter

Hintern

Angeblich dressieren die

Deutschen ihre Kleinkinder

durch den Töpfchenzwang

besonders rabiat

zur frühen Reinlichkeit.

Diese Fixierung auf die

anale Phase verursachte nach Ansicht

des Denkers Theodor Adorno den autoritären

Charakter der Deutschen, das Dritte

Reich und den Holocaust. Mit diesem

Wissen vom deutschen Ordnungs- und

Sauberkeitswahn beobachte ich seit Jahren

den japanischen Kult um den komfortablen

Stuhlgang und wundere mich

über den Kontrast zu meiner Heimat:

In Japan sind öffentliche Toiletten

grundsätzlich kostenlos und immer erstaunlich

sauber – selbst in Autobahngaststätten

und Bahnhöfen. Aborte zählen

zu Japans bequemsten Orten: Der Deckel

hebt sich von Geisterhand, sobald der

Nutzer nähertritt. Nach der Sitzung folgen

automatisch Spülen und Schließen. Im

Winter wird man mit einer beheizten

Klobrille verwöhnt, im Dunkeln geht ein

mattes Licht an. Standard ist auch die eingebaute

Po-Dusche: Stärke, Temperatur

und Form des Wasserstrahls lassen sich

individuell regeln, anschließend wird

trocken geföhnt. Die japanische Neuinterpretation

der Toilette heißt denn auch

„Washlet“. Praktisch ist auch die Geräuschprinzessin:

Auf Knopfdruck übertönt

ein künstliches Spülgeräusch alle

Notdurftlaute. Die modernsten Schüsseln

säubern sich mit ultraviolettem Licht sogar

selbst. Diese extreme Reinlichkeit müsste

die Deutschen eigentlich begeistern. Aber

Washlet-Hersteller Toto konnte in Europa

bisher nicht viele Einheiten verkaufen.

Denn Adorno ist tot – und Deutschland

offenbar nicht mehr analfixiert.

Martin Fritz ist Korrespondent der

WirtschaftsWoche in Tokio.

FOTO: PRIVAT

32 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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BERLIN INTERN | Aus der Hauptstadt in die Welt.

Internationale Mitarbeiter von Daimler, Siemens und

Co. bekommen tägliche Wirtschaftsnachrichten auf

Englisch. Ein kurzer Werbeblock. Von Henning Krumrey

French Connection

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, DOMINIK BUTZMANN FÜR HANDELSBLATT

Regelmäßige Leser dieser Kolumne

wissen: Anglizismen gibt’s

hier selten. Gerade neulich kam

stattdessen der Geistschreiber

vor, der Helmut Kohls Memoiren formulierte.

Früher war auch schon mal von

einer Sprechmeisterin die Rede.

Aber heute triumphiert das Denglisch,

denn es geht um ein Projekt, das Marktwirtschaft

und Insiderwissen über deutsche

Unternehmen in die englischsprachige,

also in die weite Welt tragen will. Gut, der

Think global, act local Zu Guttenberg (l.)

und Emerson als Doppelausgabe in Berlin

Ort wirft erst mal Fragen auf. Die „Global

Edition“, die internationale Ausgabe des

Handelsblatts, wird ausgerechnet im Französischen

Dom am Gendarmenmarkt präsentiert.

Aber seit die Franzosen den Kampf

gegen die Sprachinvasion von der anderen

Seite des Ärmelkanals verloren haben, zeigt

das Restaurant im Souterrain der ehemaligen

Kirche, dass die Globalisierung eben

auch vor der Grande Nation nicht haltmacht.

Für die Präsentation eines derart weltumspannenden

Projektes ist es zwingend,

als Gastredner einen Deutschen aus Amerika

einzufliegen und einen Amerikaner

aus dem übernächsten Häuserblock herbeizurufen.

Also sprechen Ex-Wirtschaftsund

Verteidigungsminister Karl-Theodor

zu Guttenberg, der inzwischen in New

York eine Beratungs- und Finanzierungsfirma

für Start-ups gegründet hat, und der

amerikanische Botschafter in Berlin, John

B. Emerson.

Der erinnert daran, dass 1,2 Millionen

Amerikaner und Deutsche in Firmen des

jeweils anderen Landes arbeiten. Und

freut sich, dass ihm nun die tägliche Lektüre

erleichtert werde. „It takes me one to

one and a half hour to read it in German.“

Freilich würde nun auch das Training fehlen.

Ebenso wundert sich Guttenberg über

das „strange feeling“, in Berlin eine Rede

auf Englisch zu halten, und empfiehlt

Emerson, doch mal in Washington auf

Deutsch zu sprechen. „That would be a

very short speech“, kräht der dazwischen.

Guttenberg konzentriert sich auf die

politischen Gräben zwischen Europa und

den USA: den Streit um das Freihandelsabkommen

TTIP, die Neuordnung der internationalen

Organisationen, die Sicherheitspartnerschaft

über den Atlantik hinweg.

Und natürlich auf das unterschiedliche Verständnis

von Wirtschaften.

Künftig können Leser rund um den Erdball

etwas über die deutsche Sicht auf die

Welt erfahren. Jeden Mittag um sechs Uhr

New Yorker Zeit (12 Uhr mittags hierzulande)

lässt sich die neue Ausgabe anklicken.

Sie bietet Übersetzungen ausgewählter

Artikel aus dem Handelsblatt, aber auch

der WirtschaftsWoche, der Zeit und des

Berliner Tagesspiegels. Die Digitalversion

empfiehlt sich als „your second opinion on

Europe“ und richtet sich vor allem an die

Mitarbeiter deutscher Unternehmen in aller

Welt. So hat beispielsweise die Daimler AG

20 000 digitale Zugänge gebucht, die für

Führungskräfte und später auch ausgewählte

Kunden freigeschaltet werden.

Handelsblatt-Verleger Dieter von Holtzbrinck

schreibt dem Herausgeber der einzigen

deutschen Wirtschafts-Tageszeitung,

Gabor Steingart, die Vaterschaft zu. „Ich

begnüge mich mit der Rolle des Großvaters.“

Allerdings hatte er schon vor 30, 40

Jahren damit gehadert, dass eine englischsprachige

Ausgabe wegen des aufwendigen

Versands nicht zu finanzieren war.

„Erst durch die Digitalisierung hat sich das

geändert.“ Dem Global-Team bleibt die

Hoffnung, dass Großväter in den ersten

Jahren immer etwas Schönes mitbringen,

wenn sie zu Besuch kommen.

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 33

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Politik&Weltwirtschaft

Knotenpunkt der

Weltwirtschaft

SERIE ATLAS DER WIRTSCHAFTSZENTREN (II) | Deutsche Bank und WirtschaftsWoche haben

sich auf die Suche nach den erfolgreichsten Mittelstandsregionen in Deutschland

begeben. In der Region Rhein-Main finden sich neben Banken und Flughafen vor allem

interessante und innovative Unternehmen in der IT- und Pharmaindustrie.

Die Bahn muss weg, die Bahn

muss weg“ – lauthals skandieren

Hunderte Demonstranten

im Frankfurter Flughafen-Terminal

gegen die vierte Landebahn.

Sie trommeln, rasseln und läuten

mit allem, was sie in die Hände bekommen.

Lärm gegen Lärm. Auf den Plakaten

der Bürgerinitiativen steht ihre Botschaft:

Fluglärm macht krank. Ihr Ziel: Den Flugverkehr

auf der neuen vierten Landebahn

verhindern, Nachtflüge sollen verboten

werden. Das war Anfang 2012.

Wenige Monate später ist auf dem Frankfurter

Römer ein ganz anderes Bild zu sehen.

„Ja zu FRA“ ist da auf den Plakaten zu

lesen, Menschen jubeln den Vertretern von

Fraport, Lufthansa und Condor auf der

Bühne zu. Sie sind für die Landebahn. Immerhin

ist der Flughafen Frankfurt mit

knapp 80 000 Beschäftigten der größte Arbeitgeber

der Region. Auch der Erfolg vieler

Unternehmen in der Region ist mit ihm

verbunden. Es ist kein Wunder, dass die

Menschen in der Main-Metropole so intensiv

um ein Infrastrukturprojekt ringen:

Die internationale Vernetzung ist hier der

entscheidende Standortvorteil. So deutlich

wie sonst nirgends zeigt sich daher gerade

in dieser Region, wie gute Infrastruktur

Wirtschaftswachstum nach sich zieht. Wer

sich die Ursachen des Booms rund um

Frankfurt anschaut, kann viel darüber lernen,

warum es sich lohnen könnte,

deutschlandweit mehr in Infrastruktur zu

investieren – und welche Rolle es dabei

spielt, auch den Rändern einer Region Aufmerksamkeit

zu schenken.

„Für viele Unternehmen wirkt der Flughafen

wie ein Magnet“, sagt Ludger Stüve,

Atlas der Wirtschaftszentren

In sechs Teilen stellen wir in den

kommenden Wochen die Großregionen

vor, denen Deutschland in weiten Teilen

seine Wirtschaftskraft verdankt.

Teil 1: Münsterland-Westfalen

Spitze auch ohne echtes Zentrum

Teil 2: Rhein-Main

Der Flughafen Frankfurt bewegt viel –

aber längst nicht alles

Teil 3: Hamburg

Wo Globalisierung seit Jahrhunderten

Tradition ist

Teil 4: Niederrhein

Drehscheibe zwischen Ruhrgebiet und

den Beneluxstaaten

Teil 5: Schwäbische Alb

Die sprichwörtlichen Tüftler bewegen

sich auf neuen Pfaden

Teil 6: Oberbayern

Idylle mit weltweiter Strahlkraft

Direktor des Regionalverbandes Frankfurt-

Rhein-Main. In einer Clusterstudie ist sein

Institut der Frage nachgegangen, welche

Branchen in der Region besonders stark

sind. Die Wissenschaftler fanden sieben

Branchen, die hier stärker vertreten sind

als im Rest von Deutschland. Demnach hat

Frankfurt nicht nur als Finanzplatz eine

Ausnahmestellung, sondern auch in der

Logistik- und der Pharmabranche, ebenso

im IT-Sektor und der Kreativbranche.

Von der Zentralität Frankfurts profitiert

jedoch nicht nur die Bankenstadt selbst, im

Windschatten haben sich auch einige starke

regionale Zentren entwickelt, bis hin

nach Rheinland-Pfalz und Bayern. „Die

Region hat mit Frankfurt, Wiesbaden,

Darmstadt, Mainz und Aschaffenburg

gleich mehrere urbane Zentren“, sagt Professor

Alexander Ebner, Leiter der Clusterstudie.

Doch die zentrale Bedeutung der

infrastrukturellen Vernetzung hat auch

ihre Kehrseite: Um den Vorteil zu nutzen,

siedeln sich die Unternehmen in der

Rhein-Main-Region stärker als anderswo

bewusst in der Nähe eben dieser Zentren an,

um den Standortvorteil wirklich zu nutzen.

AUFSTREBENDE IT

Auch dem IT-Dienstleister Inforsacom

nutzt die Nähe zu einem globalen Knotenpunkt,

bloß treffen sich an diesem nicht

Autos, Flugzeuge oder Züge – sondern Daten.

In Frankfurt befindet sich der größte

Internet-Knotenpunkt der Welt, für Rechenzentren

macht dies die Gegend zu einem

idealen Standort. Auch Amazon baut

hier derzeit ein Rechenzentrum. „Na klar

wäre das ein super Auftraggeber, da könnten

wir unsere Expertise gut einbringen“,

sagt Rüdiger Rath. Seit 2008 ist er Geschäftsführer

beim IT-Dienstleister Inforsacom,

der ein paar Kilometer südlich der

Stadt in Neu-Isenburg sitzt. Geht es um Datenbanken,

Server und ums Speichern, ist

das Unternehmen mit Rat und Tat zur Stelle.

Jedes Unternehmen, das die Nähe zum

Internet-Knotenpunkt sucht, ist für Rath

ein potenzieller Kunde.

Nicht zuletzt profitiert er aber auch vom

Handelsplatz Frankfurt. „Der Schwerpunkt

unserer Kunden liegt in der Finanzbranche

und im gehobenen Mittelstand“, so Rath.

Gut 100 Millionen Euro setzte das Unter-

»

34 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Mit Unterstützung der Deutschen Bank

Die wichtigsten Mittelstandsbranchen

(Umsatz der Mittelständler aus der Region)

5,8 Mrd. € Finanzdienstleistungen

4,4 Mrd. € Großhandel Ge-/Verbrauchsgüter

3,9 Mrd. € Logistik

3,7 Mrd. € Großhandel Maschinen/Zubehör

3,1 Mrd. € Großhandel Alt- und Reststoffe

Die wichtigsten Städte

in der Region (Einwohnerzahl)

700 000

270 000

200 000

150 000

68 000

Frankfurt am Main

Wiesbaden

Mainz

Darmstadt

Aschaffenburg

Münster

Wirtschaftsregion

Rhein-Main

Verstreute Wirtschaftsmotoren

Interessante Mittelstandsunternehmen und bekannte Großkonzerne in der Region Rhein-Main

Rüsselsheim

Opel

(Automobilbau)

Umsatz 2 :

ca. 11,8 Milliarden Euro

ca. 19000 Mitarbeiter 3

Diez

Heinrich Schwarz

GmbH

(Mineralölvertrieb)

Umsatz 2 :

220 Millionen Euro

60 Mitarbeiter

Das

Familienunternehmen

in dritter Generation

betreibt

Mineralölhandel –

heute mit über

30 Tankstellen, einige in

Kooperation mit Shell.

Offenbach

Yukatel

(Mobilfunk-Großhandel)

Umsatz 2 :

200 Millionen Euro

30 Mitarbeiter

Rhein

RHEINLAND-

PFALZ

Der Mobilfunk-Großhändler beliefert

Geschäftskunden wie die Einzelhandelskette

The Phone House. Zudem vertreibt das

Unternehmen seit Kurzem GPS-Routensysteme.

HESSEN

Frankfurt am Main

MC Metallhandel

(Metall)

Umsatz 2 :

120 Millionen Euro

ca. 20 Mitarbeiter

Der Schrotthändler hat sich

auf Nichteisenmetalle

spezialisiert, wie Bronze,

Messing oder Kupfer.

Main

Aschaffenburg

Redcoon

(Online-Elektronikhandel)

Umsatz 1 :

432 Millionen Euro

ca. 800 Mitarbeiter

Online-Handel mit Unterhaltungselektronik

ist das

Kerngeschäft von Redcoon.

Neben Deutschland ist das

Unternehmen in acht europäischen

Ländern aktiv.

Bad Homburg

Fresenius

(Medizintechnik)

Umsatz 2 :

20,3 Milliarden Euro

170000 Mitarbeiter

BAYERN

BADEN-

WÜRTTEMBERG

1 2012; 2 2013; 3 in Deutschland; Quelle: Deutsche Bank, eigene Recherche

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 35

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Politik&Weltwirtschaft

»

nehmen im vergangenen Jahr um. Inforsacom

ist nur ein Beispiel, für die florierende

IT. Wie wichtig die Branche bereits für

Frankfurt ist, verdeutlicht ein Blick auf ihre

Umsatzzahlen: Mehr als 15 Milliarden Euro

wurden in der Main-Metropole erwirtschaftet.

Nur die Finanzwirtschaft (17 Milliarden

Euro ) und die Logistik (40 Milliarden

Euro) sind noch voraus. Gut 104 000

Beschäftigte arbeiten in der Informationsund

Kommunikationstechnologie.

Für Rath ist denn auch der Internet-Knotenpunkt

nicht das allein entscheidende

Merkmal, das die Region auszeichnet, dazu

gehört auch die Nähe zum Flughafen:

Weil Innovationen in der IT-Branche meist

in Nordamerika aufkommen, reist Rath

zwei- bis dreimal pro Jahr in die USA, um

sich auf den neuesten Stand zu bringen.

APOTHEKE DER NATION

Wichtig ist die Standortfrage auch für Gunther

Niederheide, Geschäftsführer des

Pharmaherstellers Mundipharma, wenn

auch in einem anderen Sinn: Wo er arbeitet,

sind Flughafen und Internet-Knotenpunkt

auf den ersten Blick weit weg. Die

Heimat des Pharmaherstellers ist Limburg

an der Lahn, idyllisch eingebettet in die bewaldeten

Hänge des Westerwaldes. Doch

man kann diese Lage auch ganz anders beschreiben.

„Der Standort liegt für uns optimal

zwischen zwei Flughäfen: Von Frankfurt

aus sind wir schnell bei unseren Geschäftskunden,

von Köln aus bei unseren

Kollegen in Cambridge“, sagt Niederheide.

Um sich gegen die großen Konkurrenten

wie Merck, Fresenius oder Boehringer Ingelheim

zu behaupten, wählte Mundipharma

eine klassische Mittelständler-Strategie:

Spezialisierung. In ihrem Fall sind das

Schmerzen – starke Schmerzen. Fast alle

Produkte des Limburger Mittelständlers

sind verschreibungspflichtig, sie lindern

vor allem die Leiden von Krebspatienten.

Im vergangenen Jahr machte das Unternehmen

273 Millionen Euro Umsatz, bei

einer roten Null als Ergebnis.

Nicht nur in Limburg zeigt sich, wie sehr

ländliche Regionen von der Nähe zu den

Metropolen profitieren. „Viele Beschäftigte

aus den Zentren wohnen im Umland, und

das wiederum profitiert von den hohen

Lohnsteuereinnahmen“, sagt Peter Kaiser,

Wirtschaftsgeograf bei der Strategieberatung

Prognos. Viele kleinere Unternehmer

meiden zudem die Großstädte wegen hoher

Grund- und Personalkosten. Niedrigere

Preise finden sie im Umland, ohne den

Infrastrukturvorteil zu verlieren.

Beseitigt den Schmerz Mundipharma hat sich erfolgreich in der Nische etabliert, doch

Chef Niederheide klagt über die Schwierigkeit, Nachwuchs an die Lahn zu locken

Im Gesamtbild zeigt sich dennoch eine

deutliche Trennung zwischen Zentrum

und Umland, gemessen am nominalen

Bruttoinlandsprodukt. 216 Milliarden Euro

erwirtschaftete die Metropolregion 2012

insgesamt. Dabei lagen Frankfurt mit 55

Milliarden und Wiesbaden mit 14 Milliarden

Euro an der Spitze – ein Vielfaches

mehr als der Odenwaldkreis am unteren

Ende der Tabelle mit nur rund zwei Milliarden

Euro. Es zeigt sich:Das direkte Umland

profitiert von einem starken Zentrum. Sobald

der Abstand aber größer wird, kann

dieser Vorteil sogar in einen Nachteil umschlagen.

Das überstarke Zentrum absorbiert

dann Arbeitsplätze und Wirtschaftskraft

und verhindert so, dass sich starke

Metropolregion wächst

Entwicklung des nominalen BIPs

(in Milliarden Euro)

170

2000 2006 2012

Quelle: Regionalverband Frankfurt-Rhein-Main

220

210

200

190

180

Nebenzentren bilden. Es ist kein Wunder,

dass den starken ländlichen Mittelstandsregionen

wie Ostwestfalen oder Ostschwaben

das dominante Zentrum fehlt.

ZÄHE STRUKTUREN

Erschwerend kommen oft die zähen bürokratischen

Strukturen hinzu. Zwar ist im

Metropolregionsgesetz von 2011 die länderübergreifende

Zusammenarbeit festgeschrieben,

historische Wurzeln reichen bis

ins Jahr 1965 und zum Verband „Untermain“.

Aber es fehlt noch immer die wichtigste

Grundlage: der Zusammenhalt. Probleme

macht der Region ihre große regionale

Ausdehnung, die gleich drei Bundesländer

erfasst – Hessen, Rheinland-Pfalz

Kern gegen Rand

Spitzenreiter und Schlusslicht nach BIP

im Vergleich

Bruttoinlandsprodukt je Einwohner (2012)

Erwerbstätige (2012)

Frankfurt a. M.

Arbeitslosenquote (Sept. 2014)

Kaltmietpreis je Quadratmeter (2014)

Quelle: Empirica, Hessisches Statistisches Landesamt,

Bundesagentur für Arbeit

Odenwaldkreis

78 877 €

23 357 €

651800

37400

7,3%

5,8%

10,89 €

5,89 €

36 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Mit Unterstützung der Deutschen Bank

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, AGENTUR FOCUS/ANDREAS REEG

und Bayern. „Planerisch ist die stark zerschnittene

Zuständigkeitslandschaft ein

Problem – sie deckt sich nicht mit den

Strukturen der Metropolregion“, sagt Kaiser

von Prognos. Diese Erkenntnis bestätigt

auch Wirtschafts- und Politikwissenschaftler

Ebner in seiner Clusterstudie: Der Region

fehle bislang das gemeinsame Verständnis

ihrer wirtschaftlichen Stärken

und sie habe auch keine gemeinsamen

Ziele zur Wirtschaftsentwicklung. Immerhin

gibt es inzwischen eine Initiative zur

länderübergreifenden Wirtschaftsförderung.

Doch auch dort heißt es, sie sei derzeit

die einzige Vertretung, die annähernd

die funktionale Metropolregion darstellt.

„An erster Stelle denken viele Kommunen

immer noch zu stark an sich selbst und

noch zu wenig an regionale Zusammenarbeit“,

klagt Clusterspezialist Stüve. Das führe

so weit, dass sie um den Standort einzelner

Unternehmen konkurrieren. Häufig

wird mit niedrigen Gewerbesteuern um

die Gunst der Unternehmer gebuhlt. Ein

prominentes Beispiel eines Standortwechsels

ist der Umzug der Deutschen Börse

aus der Frankfurter Innenstadt nach Eschborn

im Jahr 2008.

SPIELEND ERFOLGREICH

Doch vielleicht wird die Bedeutung solcher

Faktoren auch überschätzt. Die erfolgreichen

Konzerne können es sich ohnehin

leisten, sich ganz auf sich selbst zu konzentrieren.

Besucher des Unternehmens Crytek

werden von einer vermummten, futuristischen

Soldaten-Attrappe in grauer Uniform

begrüßt, nicht einmal die Augen sind

hinter dem Helm zu erkennen. In den Büroräumen

starrt ein Mitarbeiter auf den

Bildschirm vor sich, dort hält er ein Ma-

216 Milliarden

Euro erwirtschaftete

die Region

im Jahr 2012

schinengewehr in seiner virtuellen Hand.

Vor ihm liegen die zerbombten Ruinen einer

modernen Stadt – die Frankfurter haben

sich auf sogenannte Ego-Shooter spezialisiert,

bei denen sich die Spieler in Ich-

Perspektive durch die Welt ballern. Mit ihren

erfolgreichsten Spielen wie Crysis oder

Far Cry ist das Unternehmen Dauergast auf

den Preisverleihungen der E3, der wichtigsten

Computerspielmesse der Welt. Den

Erfolg hat nicht zuletzt die sogenannte

Cryengine ermöglicht, eine Art Motor für

3-D-Spiele, den das Unternehmen selbst

entwickelt hat. Heute baut es seine Spiele

damit nicht nur selbst, sondern stellt Cryengine

auch anderen Herstellern gegen

eine Lizenzgebühr zur Verfügung.

Avni Yerli bezeichnet sein Unternehmen

als „international ausgerichteten Mittelstand“.

Gemeinsam mit seinen Brüdern

Cevat und Faruk hat er 1999 das Spielehaus

zunächst im oberfränkischen Städtchen

Coburg gegründet. Doch die Softwarebranche

ist eine der internationalsten

überhaupt, die Spitzenkräfte kommen von

überall her. Daher kam schon bald nur

noch ein Standort infrage: Frankfurt, 2006

folgte der Wechsel. Denn in Frankfurt gibt

Millionenspiel Die Brüder Faruk (links) und

Avni Yerli lassen Ego-Shooter ballern

es die wohl höchste Internationalisierung

in ganz Deutschland. „Das wirkt sich positiv

auf die Wettbewerbsbedingungen aus,

auch auf dem Weltmarkt“, erklärt der Wirtschafts-

und Politikwissenschaftler Ebner.

Mittlerweile ist Crytek zu einem der führenden

deutschen Spielehersteller gewachsen.

Heute beschäftigt das Unternehmen

weltweit knapp 600 Mitarbeiter in

acht Studios. Allein in Frankfurt arbeiten

350 Mitarbeiter aus 35 Nationen – auch

wenn das Wachstum nicht gerade linear

abgelaufen ist. Noch am Jahresende 2012

stand ein Fehlbetrag von neun Millionen

Euro. Mit dem Fokus auf kostenlose Online-Spiele

soll jetzt die Wende gelingen.

Geld verdienen die Brüder Yerli dann,

wenn Spieler Zusatzangebote im Spiel kaufen.

„2013 konnten wir 75 Millionen Euro

und einen Gewinn erwirtschaften, der

nach einer Investitionsphase die finanzielle

Wende einleitete“, erklärt Yerli.

Eigentlich würde man ein Unternehmen

wie dieses nicht in Deutschland vermuten.

Die Großen der Branche wie Electronic

Arts, Blizzard oder Rockstar Games sitzen

in den USA. Der Versuchung, umzuziehen,

konnte Yerli bislang jedoch widerstehen. In

Frankfurt findet er alles, was er braucht.

Dank des internationalen Flughafens kann

er alle Außenstellen schnell erreichen. Das

internationale Drehkreuz im Süden der

Stadt, es ist und bleibt das Herzstück der

Erfolgsgeschichte am Main. Unternehmer

wie Reisende schätzen die Bedeutung des

Flughafens enorm. Die Passagierzahlen

sollen bis 2021 von derzeit knapp 60 Millionen

auf bis zu 73 Millionen pro Jahr steigen.

Um solche Massen abzufertigen, plant

Fraport gerade den Bau eines dritten Passagierterminals.

In diesen Wochen wird

das Vorhaben politisch neu debattiert, Protest

formiert sich. „Die Debatte geht an der

Realität vorbei und ist nicht in die Zukunft

gedacht“, sagt Clusterforscher Stüve. Er ist

davon überzeugt, dass Frankfurt den Terminal

braucht – schon allein mit Blick auf

die internationale Konkurrenz.

Derzeit wird in Istanbul ein riesiges internationales

Drehkreuz geplant, das strategisch

günstiger liege als Frankfurt. „Wir

müssen aufpassen, nicht abgehängt zu

werden“, sagt Stüve. So absurd das klingen

mag in der bestangebundenen Region

Deutschlands – Sorgen machen kann man

sich gar nicht früh genug.

n

matthias streit | politik@wiwo.de

Die Inhalte auf diesen Seiten wurden von der

WirtschaftsWoche redaktionell unabhängig erstellt.

37

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Der Nobelpreis an

Jean Tirole zeigt: Europa holt in der

ökonomischen Spitzenforschung gegenüber

den USA auf. Von Bert Losse

Starkes Signal

Auch ein frisch gekürter

Nobelpreisträger

kann sich nicht dagegen

wehren, von interessierter

Seite instrumentalisiert

zu werden. Kurz nachdem

vergangene Woche die Nachricht

über den Ticker lief, dass

der Franzose Jean Tirole auf

den Ökonomen-Olymp steigen

darf, meldete sich der französische

Premierminister Manuel

Valls via Twitter zu Wort.

Die Ehrung für Tirole sei „ein

Nasedrehen für das French

bashing“, zwitscherte der Regierungschef

eines Landes, das

sich selber in wirtschaftlichen

Rankings eher selten an der

Spitze wiederfindet.

In Wahrheit ist Tiroles Kür

eher ein Nasedrehen in Richtung

USA. Erstmals seit 2010

steht wieder ein Europäer auf

dem Treppchen – und zwar

allein. Als der von der schwedischen

Reichsbank ausgelobte

Preis für Wirtschaftswissenschaften

1969 erstmals vergeben

wurde, hatten zwar ein Norweger

(Ragnar Frisch) und ein

Niederländer (Jan Tinbergen)

die Nase vorn. Danach aber folgte

eine geradezu einschüchternde

Reihe von US-Amerikanern,

nur sporadisch unterbrochen

von Europäern und Asiaten. In

den vergangenen drei Jahren etwa

gab es insgesamt sieben

Preisträger – und ALLE kamen

sie aus den Vereinigten Staaten.

Jetzt zeichnete die Königlich-

Schwedische Akademie einen

61-jährigen Franzosen aus – für

seine Analyse von Oligopolen.

Tirole habe „die Mechanismen

zum Verständnis und zur Regulierung

von Sektoren mit nur einigen

mächtigen Unternehmen

aufgeklärt“. Zuvor hatte sich die

Wissenschaft lieber auf Monopolmärkte

oder das – theoretische

– Modell eines vollständigen

Wettbewerbs konzentriert;

in der Realität indes werden viele

Märkte von wenigen großen

Unternehmen dominiert. Tirole

wandte die Spieltheorie auf

Wettbewerbs- und Regulierungsfragen

an. Dank seinen Arbeiten

lässt sich heute zum Beispiel

besser beantworten, wie

Netzentgelte im Telekommunikationssektor

zu gestalten sind

und unter welchen Bedingungen

Fusionen nützlich sein können.

NEUE ZENTREN

Tirole ist wissenschaftlicher Direktor

des Institut d’Économie

Industrielle (IDEI) der Universität

Toulouse und hat dort einen

der weltweit wichtigsten Standorte

für Industrieökonomik mit

aufgebaut. Die Preisvergabe an

ihn ist somit auch ein Indiz, dass

die Übermacht der USA in der

ökonomischen Spitzenforschung

nachlässt und die Europäer

– wenn auch langsam –

aufholen. Nicht nur in Toulouse,

sondern auch in anderen europäischen

Städten sind wirtschaftswissenschaftliche

Hochleistungszentren

entstanden.

Experten nennen hier etwa London,

Oxford, Bonn, Mannheim,

München und Zürich.

Besteht damit nun auch die

Chance, dass der Nobelpreis

mal wieder nach Deutschland

geht? Dies war zuletzt vor 20

Jahren der Fall. Monika Schnitzer,

neue Vorsitzende des Vereins

für Socialpolitik, ist optimistisch:

„Es ist nur eine Frage der

Zeit, bis ein Deutscher den Preis

erhält“, sagt die Wissenschaftlerin,

die rund 3800 Ökonomen

im deutschsprachigen Raum

vertritt. Mal sehen, was Angela

Merkel dann twittert.

EXKLUSIVUMFRAGE

Auf einer Palette

Die bürokratischen Lasten der Wirtschaft nehmen

weiter zu. Zu diesem Ergebnis kommt eine Unternehmerumfrage

für die WirtschaftsWoche.

Kaum ein Versprechen taucht

in Deutschland so regelmäßig

in politischen Programmen auf

wie der Bürokratieabbau. Hier

sind sich die Parteien einig.

Schon seit 2006 gibt es einen

Nationalen Normenkontrollrat,

der die bürokratischen Kosten

neuer Gesetze abschätzen soll.

Und im Koalitionsvertrag von

Union und SPD finden sich

schöne Sätze wie diese: „Wir

wollen Wirtschaft und Bürger

weiter spürbar von unnötiger

Bürokratie entlasten. Gesetze

müssen einfach, verständlich

und zielgenau ausgestaltet werden,

damit Bürokratielasten

vermieden oder so gering wie

möglich gehalten werden.“

Leider nur merken speziell

die mittelständischen Unternehmen

im Lande bisher nicht

viel davon. Die Mehrheit der

Firmenchefs gibt sogar an, ihre

Lasten seien seit Amtsantritt

der großen Koalition weiter gestiegen.

Weitere 40 Prozent sehen

keine Veränderung. Einen

Bürokratieabbau verspüren

exakt:null Prozent (siehe Grafik).

Das hat eine Umfrage der

Wirtschaftsverbände Die

Familienunternehmer-ASU

und Die Jungen Unternehmer-

BJU exklusiv für die Wirtschafts-

Woche ergeben.

Kritik am Arbeitsrecht

Wie bewerten Sie den bürokratischen

Aufwand für Ihr Unternehmen

in den folgenden Bereichen?*

Arbeitsschutz/-recht

Steuern

Sozialversicherung

Buchführung**

Statistiken

Zoll

Umweltschutz

4,2

4,2

4,0

3,9

3,9

3,6

3,3

* 1=gar kein Aufwand, 6 = sehr hoher Aufwand;

** Buchführung/Bilanzrecht; Quelle: ASU/BJU

Die knapp 500 befragten Unternehmenschefs

gaben darin

auch zu Protokoll, in welchen

Bereichen sie staatliche Auflagen

und Papierkram am stärksten

nerven – es sind das komplizierte

Arbeitsrecht und das

kaum noch zu durchdringende

Steuersystem, gefolgt von Vorgaben

der Sozialversicherung.

„Bürokratielasten sind ein

Konjunkturrisiko, da sie eines

der größten Investitionshemmnisse

für Unternehmer darstellen“,

schimpft Lutz Göbel, Präsident

der Familienunternehmer.

„Wenn die große Koalition tatsächlich

etwas für die Wettbewerbsfähigkeit

Deutschlands

tun möchte, könnte sie beim

Thema Bürokratie beginnen.“

Vor allem das Steuersystem sei

für Unternehmer „eine enorme

bürokratische Belastung“, speziell

die Umsatz- und Gewerbesteuer

seien „absolute Bürokratiemonster“.

Unternehmer

Göbel: „Hier muss dringend

vereinfacht werden. Natürlich

ist es unrealistisch, die Steuererklärung

so zu vereinfachen,

dass sie auf einen Bierdeckel

passt. Ich wäre aber schon

glücklich, wenn meine Buchhaltung

auf einer Euro-Palette

Platz finden würde.“

bert.losse@wiwo.de

Noch mehr Lasten

Wie hat sich der Bürokratieaufwand

Ihres Unternehmens seit Amtsantritt

der großen Koalition entwickelt?

gestiegen

kann ich

nicht

beurteilen

Quelle: ASU/BJU

5

55

%

45

gleich geblieben

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

40 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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DEUTSCHE KONJUNKTUR

Konsumpotenzial steigt,

die Kauflaune nicht

Die Wachstumsperspektiven

der Wirtschaft trüben sich ein,

die Exporte lahmen, geopolitische

Krisen sorgen für Unsicherheit

rund um den Globus:

Kein Wunder, dass in diesem

Umfeld nun auch die Konsumenten

ins Grübeln kommen,

die eigentlich in diesem Jahr

der wichtigste Wachstumstreiber

sein sollten.

Zwar erwarten 79 Prozent der

Verbraucher in den kommenden

Monaten für sich selbst ein

steigendes Einkommen und

einen höheren Lebensstandard,

das sind erneut zwei Prozentpunkte

mehr als im Frühjahr.

Und auch die Gruppe jener, die

für unerwartete Ausgaben auf

mindestens 2500 Euro zurückgreifen

können, ist um einen

Punkt auf 28 Prozent gewachsen.

Das Problem ist nur: Die

Bürger wollen ihr hohes Konsumpotenzial

derzeit nicht so

recht in reale Käufe umsetzen.

Der Anteil der Verbraucher, die

zwar entsprechende Konsummöglichkeiten

haben, aber ihr

Geld trotzdem lieber beisammenhalten,

ist aktuell mit 36

Prozent so groß wie nie. Dies hat

eine repräsentative Umfrage des

Ipsos-Instituts für die CreditPlus

Bank ergeben, die der WirtschaftsWoche

exklusiv vorliegt.

Die Forscher befragten insgesamt

2000 Bundesbürger. Vor

allem bei Urlaubsreisen und

beim Möbelkauf wollen die

Konsumenten demnach in den

kommenden Monaten etwas

auf die Bremse treten (siehe

Grafik). Die Zahl der potenziellen

Autokäufer ist zwar gegenüber

dem Frühjahr fast konstant

geblieben, allerdings will

ein deutlich wachsender Anteil

nur einen Gebrauchtwagen erwerben

– aktuell 64 Prozent. Die

Weniger Lust auf Teures

Was die Bürger kaufen wollen*

(in Prozent, gerundet)

25

20

15

10

5

0

2006 2010 2014

* in den kommenden drei Monaten;

Quelle: Ipsos/CreditPlus Bank

19 Möbel

16 Reise

ab 1250€

14 Elektrogerät

ab 500€

5 Auto

1 Motorrad

Zurückhaltung bei teuren Anschaffungen

dürfte nicht zuletzt

auf wachsende Konjunktursorgen

zurückgehen: Im Gefolge

der weltpolitischen Krisen

erwartet mehr als jeder dritte

Bundesbürger eine deutliche

Konjunktureintrübung, weitere

zwölf Prozent sogar eine echte

Krise in Deutschland.

bert.losse@wiwo.de

Bevölkerung gespalten

Wie entwickelt sich die Wirtschaft

angesichts der aktuellen Krisen?

Es werden Aufträge verloren gehen, die

Folgen insgesamt aber kaum spürbar sein

40 %

Die Konjunktur wird sich in Deutschland

und Europa deutlich eintrüben

36 %

Es drohen ein Flächenbrand und eine

Wirtschaftskrise auch in Deutschland

12 %

Es wird ihr weiter prächtig gehen

8%

Rest zu 100%: weiß nicht;

Quelle: Ipsos/CreditPlus Bank

ZEW-Index

bricht ein

Unter den deutschen Finanzmarktexperten

breitet sich zunehmend

Alarmstimmung aus.

Der vom Zentrum für Europäische

Wirtschaftsforschung

(ZEW) ermittelte Index der

Konjunkturerwartungen brach

im Oktober um 10,5 Punkte auf

minus 3,6 Zähler ein. Dies war

der zehnte Rückgang in Folge.

Der Indikator, für den das ZEW

rund 230 Analysten und institutionelle

Anleger befragt, liegt

nun erstmals seit fast zwei

Jahren wieder im negativen Bereich.

Auch die aktuelle Lage

schätzten die Analysten skeptischer

ein als im Vormonat.

Die Bundesregierung hat derweil

auf den stotternden Konjunkturmotor

reagiert und ihre

Wachstumsprognose nach unten

geschraubt. Für 2014 geht

Berlin nur noch von einem

Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts

von 1,2 Prozent aus – statt

der zuvor erhofften 1,8 Prozent.

Volkswirtschaftliche

Gesamtrechnung

Real. Bruttoinlandsprodukt

Privater Konsum

Staatskonsum

Ausrüstungsinvestitionen

Bauinvestitionen

Sonstige Anlagen

Ausfuhren

Einfuhren

Arbeitsmarkt,

Produktion und Preise

Industrieproduktion 1

Auftragseingänge 1

Einzelhandelsumsatz 1

Exporte 2

ifo-Geschäftsklimaindex

Einkaufsmanagerindex

GfK-Konsumklimaindex

Verbraucherpreise 3

Erzeugerpreise 3

Importpreise 3

Arbeitslosenzahl 4

Offene Stellen 4

Beschäftigte 4, 5

2012 2013

Durchschnitt

0,4

0,8

1,0

–4,0

–1,4

3,4

3,2

1,4

2012 2013

Durchschnitt

–0,9

–4,2

0,1

3,3

105,0

46,7

5,9

2,0

1,6

2,1

2896

478

29355

0,1

0,9

0,4

–2,4

–0,2

3,0

0,9

1,5

–0,2

2,5

0,2

–0,2

106,9

50,6

6,5

1,5

–0,1

–2,5

2950

458

29722

II/13 III/13 IV/13 I/14 II/14

Veränderung zum Vorquartal in Prozent

0,8

0,6

0,0

2,3

3,0

0,0

1,4

1,3

Juni

2014

0,4

–2,5

1,1

1,0

109,7

52,0

8,6

1,0

–0,8

–1,2

2913

482

30233

1 Volumen, produzierendes Gewerbe, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 2 nominal, Veränderung zum Vormonat in

Prozent; 3 Veränderung zum Vorjahr in Prozent; 4 in Tausend, saisonbereinigt; 5 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte;

alle Angaben bis auf Vorjahresvergleiche saisonbereinigt; Quelle: Thomson Reuters

0,3

0,7

0,6

–0,5

1,8

0,2

0,7

1,7

Juli

2014

1,6

4,9

–0,9

4,8

108,0

52,4

8,9

0,8

–0,8

–1,7

2902

484

30263

0,5

–0,8

–0,1

2,1

0,7

0,2

1,7

0,7

August

2014

–4,0

–5,7

1,5

–5,8

106,3

51,4

8,9

0,8

–0,8

–1,9

2905

494


0,7

0,8

0,4

2,1

4,1

1,2

0,0

0,5

September

2014





104,7

49,9

8,6

0,8



2918

500


–0,2

0,1

0,1

–0,4

–4,2

0,1

0,9

1,6

Oktober

2014







8,3







Letztes Quartal

zum Vorjahr

in Prozent

0,8

1,0

1,0

2,1

0,7

1,6

2,5

4,1

Letzter Monat

zum Vorjahr

in Prozent

–5,9

–4,2

–0,7

–1,0

–3,1

–2,3

16,9




–1,6

9,7

1,8

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 41

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Der Volkswirt

INTERVIEW Carl Christian von Weizsäcker

DER QUERDENKER

Von Weizsäcker, 76, ist seit 2004 Senior Research

Fellow am Bonner Max-Planck-Institut zur Erforschung

von Gemeinschaftsgütern. Vorher lehrte er

Volkswirtschaft an der Universität Köln. Der Verein

für Socialpolitik zeichnete ihn in diesem Jahr mit

dem Gustav-Stolper-Preis aus, benannt nach dem

Gründer der Zeitschrift „Der deutsche Volkswirt“,

dem Vorläufer der WirtschaftsWoche.

FOTO: FRANK BEER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

42 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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»Die schwarze Null ist falsch«

Der Grandseigneur der deutschen Ökonomenzunft rät zur Umkehr in der deutschen und europäischen

Finanzpolitik: In Zeiten niedriger Zinsen seien nicht weniger, sondern mehr Staatsschulden das Gebot

der Stunde – allerdings nur, wenn das Geld in Investitionen fließt.

Herr von Weizsäcker, die

aktuelle Niedrigzinsphase

wird allgemein auf die Krise in

Europa zurückgeführt. Sie

dagegen behaupten, Zinsen

nahe null seien normal, man

müsse sich daran gewöhnen.

Wie kommen Sie darauf?

Das liegt an der steigenden

Lebenserwartung, die wir überall

auf der Welt sehen. In den

reichen Ländern heißt das: Die

Zeit, in der Menschen nicht

mehr arbeiten, aber konsumieren,

ist innerhalb eines halben

Jahrhunderts von 10 auf 20 Jahre

gestiegen. Um für das Alter vorzusorgen,

sparen die werktätigen

Menschen rund ein Drittel

ihres verfügbaren Einkommens,

wenn wir die Beiträge zu den gesetzlichen

Rentenkassen hinzurechnen.

Auf der anderen Seite

ist aber die Nachfrage des Produktionssektors

nach Kapital

nicht im gleichen Ausmaß gestiegen.

Der Bedarf an Realkapital

ist heute nur noch halb so

groß wie das Vermögen, das die

Menschen halten wollen, um

für ihr Alter oder für ihre Kinder

vorzusorgen. Die Niedrigzinsen

sind also das Ergebnis eines

Überangebots an Sparleistung.

Was bedeutet das für Deutschland?

In Deutschland, dem es vergleichsweise

gut geht, werden

die Gelder auf den Sparbüchern

der Privathaushalte über das

Bankensystem zu 100 Prozent

ins Ausland transferiert, weil es

keine entsprechenden heimischen

Investitionschancen gibt.

Der deutsche Exportüberschuss

ist seit längerer Zeit so

hoch wie die Ersparnisse der

Haushalte.

Wie wirken sich Digitalisierung

und technischer Fortschritt auf

den Kapitalbedarf der Unternehmen

aus?

In der Internet-Wirtschaft brauchen

wir weniger Ladenräume

und Gewerbeimmobilien, das

Geschäft geht ins Netz. Die Kapitalbindung

nimmt damit ab.

Mehr technischer Fortschritt bedeutet:

Im Produktionsprozess

gebundene Anlagen haben eine

kürzere Lebensdauer. Je schneller

der technische Fortschritt voranschreitet,

umso höher ist das

Investitionsrisiko, und umso

kürzer fällt die Periode aus, in

der Unternehmen das eingesetzte

Kapital zurückhaben wollen.

Auch dieser Trend reduziert

die Kapitalnachfrage.

Die Zinsen liegen Ihrer Ansicht

nach also aus strukturellen

Gründen nahe null – und nicht

wegen der ultralockeren Geldpolitik

der Notenbanken?

Die gegenwärtige Politik des

Staatsschuldenabbaus führt dazu,

dass die Zentralbanken die

Zinsen niedrig halten müssen.

Sie können die Zinsen gar nicht

anheben, auch wenn diese

Niedrigzinspolitik mit Problemen

verbunden ist.

Nämlich?

Die Wahrscheinlichkeit von Immobilienblasen

ist viel größer,

wenn die Finanzierungszinsen

sehr niedrig sind. Aber das ist

nur ein vorübergehender

Boom, wie sich in den vergangenen

Jahren gezeigt hat.

Nun gibt es bereits erste Fälle,

in denen Unternehmen

Strafzinsen zahlen müssen,

wenn sie ihr Geld zur Bank

bringen. Wird das bald auch

Privatkunden blühen?

Das halte ich für unwahrscheinlich.

Es hätte ja jeder den Ausweg,

sein Geld unter das Kopfkissen

zu legen.

Hat der Zins unter diesen

Bedingungen seine Lenkungsfunktion

verloren?

Wirtschaft und private Haushalte

reagieren durchaus auf Zinsänderungen.

Aber diese Reaktionen

sind vor allem Portfolio-Entscheidungen.

Sie schlagen sich

daher stark in den Wechselkursen

nieder. Nach allem, was die

EZB angekündigt hat, werden

die Euro-Zinsen für lange Zeit

nahe null liegen. Zugleich macht

sich in den USA ein gewisser

Stimmungswandel in Richtung

steigender Zinsen bemerkbar,

»Staatsschulden

sind nicht per se

immer gut oder

immer schlecht.

Es hängt von der

Situation ab«

was den Dollar gegenüber dem

Euro stärkt. Wenn aber die amerikanische

Notenbank den Aufschwung

der US-Wirtschaft nicht

gefährden und das Defizit in der

Leistungsbilanz verringern will,

braucht sie einen schwachen

Dollar. Dazu passt dann auch in

den USA ein niedriges Zinsniveau.

Es wäre ein Vabanquespiel,

wenn wir in Europa unsere Politik

auf der Hypothese aufbauen

würden, dass die Dollar-Zinsen

auf längere Sicht steigen.

Die EZB begründet ihre lockere

Geldpolitik gerade damit, dass

sie den Ländern im Süden der

Währungsunion auf die Beine

helfen will. Ist dieser Ansatz

Erfolg versprechend?

Wir können zum lieben Gott beten,

dass die Chinesen, die Ostasiaten,

die Russen, die Amerikaner

und Lateinamerikaner

derart viel Nachfrage nach unseren

Produkten entfalten, dass

wir tatsächlich auch im Euro-

Raum einen Exportüberschuss

wie in Deutschland bekommen.

Dann könnte diese Politik aufgehen.

Ob das der Fall sein wird,

liegt nicht in der Hand der EZB.

Was wäre denn die Alternative?

Wenn der einzelne Bürger selbst

entscheiden soll, wie er für sein

Alter vorsorgt, dann muss man

ihm die Möglichkeit geben, sein

Vermögen sicher anzulegen.

Ohne zusätzliche Staatsverschuldung

geht das nicht – und

das müssen wir erst lernen. Der

Staat sollte bei Nullzinsen die

Staatsverschuldung erhöhen,

um auf diese Weise Anlagemöglichkeiten

zu schaffen.

Der Internationale Währungsfonds

(IWF) erhofft sich von

mehr Schulden in Deutschland

eine positive Wirkung für die

ganze Euro-Zone. Zu Recht?

Ja, da ist der IWF völlig im Recht

– und er hat ja den Überblick

über die Weltwirtschaft. Die zusätzliche

Nettoneuverschuldung

in Deutschland stärkt

auch die Nachfrage nach Produkten

aus den schwachen

Euro-Ländern. Sie hilft damit,

deren Probleme zu lösen. Damit

trägt sie dazu bei, den Euro

zu stabilisieren.

Bundesfinanzminister Wolfgang

Schäuble lässt sich nun

aber in diesem Jahr für die

schwarze Null im Haushalt

2015 feiern. Ist das falsch?

Ich glaube, heute ist das ein

Fehler. Staatsschulden sind

nicht per se immer gut oder immer

schlecht. Es hängt von

»

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 43

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Der Volkswirt

»

der Situation ab. Was früher

richtig war, nämlich nicht zu

viel Schulden zu machen oder

besser gar keine, ist heute aus

demografischen Gründen nicht

mehr richtig.

Wie lassen sich gute Schulden

von bösen Schulden unterscheiden?

Ein Indikator ist der Zins, den

der Fiskus bezahlen muss. Der

deutsche Staat etwa zahlt derzeit

real negative Zinsen, und

das ist nicht inflationsbedingt.

Das ist ein starkes Preissignal

dafür, dass höhere Schulden

angezeigt sind, dass sie machund

finanzierbar sind.

Ab wann sind Schulden nicht

mehr tragbar?

Wenn man am Finanzmarkt als

unsicherer Schuldner gilt und

auf seine Staatsanleihen eine

Risikoprämie zahlen muss.

Wenn es so weit ist, wird es

höchste Zeit, die Schulden zurückzufahren.

Griechenland

und andere südeuropäische

Staaten haben eine geradezu

wahnsinnige Politik betrieben.

Sie hätten nach dem Beitritt zur

Euro-Zone ihren Bonus durch

den niedrigeren Kapitalmarktzins

nutzen müssen, den Haushalt

zu konsolidieren. Passiert

ist das genaue Gegenteil.

Würden Sie sagen: Ein Land

wie Japan mit einer rekordverdächtigen

Staatsschuldenquote

von rund 200 Prozent

des Bruttoinlandsprodukts ist

auf einem richtigen Weg?

Japan hatte keine andere Wahl

nach dem Immobilien- und Aktiencrash

vor zwei Jahrzehnten.

Die Alternative wäre eine starke

Abwertung des Yen gewesen.

Das hat aber die Schutzmacht

USA mehr oder weniger verboten.

So musste die Nachfrage bei

praktisch Nullzinsen für den Yen

durch Staatsdefizite aufrechterhalten

werden. Die privaten

Haushalte mussten sich nach

dem Verfall der Immobilienpreise

massiv entschulden und

konsumierten daher zu wenig.

Ist der Gesamtschuldenstand

von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts

(BIP) – wie im

»Deutschland kann durch mehr

Schulden Investitionen ankurbeln«

Maastricht-Vertrag für die

Länder der Euro-Zone als Obergrenze

vereinbart – für Sie

noch eine vernünftige Orientierungsgröße?

Das Maastricht-Kriterium ist inzwischen

überholt. Als es eingeführt

wurde, rechnete man mit

fünf Prozent Zinsen. Bei einer

Schuldenquote von 60 Prozent

hätte die Zinslast rund drei

Prozent vom BIP betragen – was

den damaligen Wachstumsprojektionen

entsprach. Inzwischen

liegt der Zins in den meisten

Euro-Staaten weit unter fünf

Prozent, aber das angestrebte

nominale Wachstum immer

noch bei drei Prozent. Jedoch ist

das tatsächliche Wachstum

minimal und sollte durch Schuldenaufnahme

der soliden Staaten

wie Deutschland stimuliert

werden. Ich halte daher den

Zins und mögliche Risikoprämien

der Staaten für einen besseren

Schuldenindikator.

Glaubt man dem US-Ökonomen

Robert Barro, antizipieren

die Wirtschaftssubjekte die

staatliche Schuldenaufnahme.

Sie rechnen mit steigenden

Steuern und sparen daraufhin

mehr. Dann gibt es keine Nachfrageimpulse.

Abgesehen davon, dass das Verhalten

der Menschen etwas

komplizierter ist:Barro hat, wie

er selbst zugibt, nur recht,

wenn der Zins höher ist als die

Wachstumsrate. Ist er dauerhaft

niedriger, bricht das Barro-

Theorem zusammen.

Neben dem Barro-Theorem lernen

Volkswirtschaftsstudenten

auch, dass eine steigende Kreditaufnahme

private Investitionen

verdrängt, da sie die Zinsen

nach oben treibt. Gibt es

diesen Crowding-out-Effekt in

der Realität auch nicht mehr?

Doch, aber er ist nicht universell

gültig. Er tritt auf, wenn der

Zins tatsächlich die Investitionsbereitschaft

der Unternehmen

senkt. Dann bedeutet umgekehrt

eine Reduzierung der

Staatsschulden, dass mehr Investitionen

im Privatsektor erfolgen,

weil die Zinsen sinken.

In einer solchen Situation befinden

wir uns angesichts des

extrem niedrigen Zinsniveaus

aber nicht. Heute kann man in

Deutschland durch zusätzliche

Staatsschulden die privaten

Investitionen sogar ankurbeln.

Denn die Zinsen steigen dann

nicht, während die höheren

Staatsausgaben die heimische

Gesamtnachfrage erhöhen; darauf

reagieren Unternehmen

mit steigenden Investitionen.

Schulden sind aber immer auch

ein qualitatives Problem. Vernachlässigen

Sie bei Ihrem Plädoyer

für mehr Schulden nicht,

dass der Staat das Geld der

Steuerzahler am liebsten für

konsumptive Zwecke ausgibt?

Die Investitionsquote im Staatshaushalt

ist viel zu gering, das

stimmt. Höhere Schulden machen

vor allem Sinn, wenn sie in

staatliche Investitionen fließen.

Wir dürfen dabei aber nicht den

engen Investitionsbegriff der

Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung

zugrunde legen. Da

zählt ja vereinfacht ausgedrückt

nur das als Investition, was man

anfassen kann. Zu einem weiteren

Investitionsbegriff zählen

auch die Bildungsausgaben. Die

Verbesserung des Bildungswesens

ist für mich ein guter

Grund, Schulden auszuweiten.

Ein Argument gegen Schulden

ist, dass sie zulasten nachfolgender

Generationen gehen,

die morgen die Kredite von

heute abbezahlen müssen...

...ein wichtiger Einwand, den

wir nicht vergessen dürfen! Er

zieht aber bei den aktuell niedrigen

Zinsen nicht. Denn was ist

denn besser: die heutige Politik

ohne neue Schulden und mit

zerfallender Infrastruktur oder

der schuldenfinanzierte Ausbau

der sachlichen und humanen

Infrastruktur? Die steigende

Verschuldung kommt doch

der künftigen Generation explizit

zugute, wenn wir Straßen

und Brücken reparieren und

das Bildungswesen modernisieren.

Das halte ich für zukunftsweisender,

als unter Verweis auf

die Schuldenbremse auf diese

Ausgaben zu verzichten.

Moment. Raten Sie gerade

dazu, die in der Verfassung

verankerte Schuldenbremse

wieder abzuschaffen?

Zumindest beim Bund, ja. Ob

auch bei den Ländern, ist eine

andere Frage.

Schuldenkönige wie Bremen,

Nordrhein-Westfalen und das

Saarland würden sich freuen.

Mag sein. Dass die Politik derartige

Thesen als Freibrief missversteht,

ist eine große Gefahr.

Aber es ist wie immer im Leben

und in der Ökonomie: Eine

radikale Lösung ist falsch. Wir

müssen auch bei den Schulden

Maß und Mitte finden. n

konrad.handschuch@wiwo.de, bert losse

FOTO: FRANK BEER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

44 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Der Volkswirt

DENKFABRIK | Die geplanten Ankäufe gebündelter Kreditforderungen (ABS) durch die

Europäische Zentralbank haben eine heftige Debatte entfacht. Vergangene Woche kritisierte

Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Berenberg Bank, an dieser Stelle ifo-Chef

Hans-Werner Sinn, der die EZB auf dem Weg zur „Bad Bank“ sieht. Hier nun Sinns Replik.

Schlendrian verlängert

Die Kurse stürzen ab,

die Anleger ärgern

sich über Fehlprognosen,

die Euro-

Krise ist noch immer nicht beendet,

und die Nerven liegen

wieder blank. Da können auch

schon mal seriöse Banker ihre

Contenance verlieren.

Dabei hatte sich alles so gut

angelassen. Die Ersparnisse der

Deutschen hatte man jahrelang

in Südeuropa angelegt, wo sie

der Finanzierung maroder Staaten

und windiger Immobilienprojekte

dienten. Eigentlich

wusste man ja um die Gefahren,

aber da alle Banken so handelten,

ging man davon aus, dass

die Europäische Zentralbank

(EZB) im Falle des Falles zu Hilfe

kommen würde.

Und so kam es auch. Um die

Anschlussfinanzierung für notleidende

Finanzanlagen sicherzustellen,

lieferte die EZB den

Banken Südeuropas und Irlands

für eine Billion Euro Sonderkredite

gegen miserable Pfänder

(Target) und gab privaten Investoren

unbegrenzte Schutzversprechen

(OMT). Auch viele

französische, deutsche und britische

Banken sowie amerikanische

Investmentfonds wurden

auf diese Weise mitgerettet.

MEHR ZUM THEMA

Alle Beiträge der Sinn-

Schmieding-Kontroverse

um ABS-Käufe finden

Sie unter wiwo.de/ezb

fen hatte, fanden trotz oder wegen

der Geldhilfen nicht statt. Die zaghaften

Bemühungen in Spanien

und Griechenland reichten nicht,

und in Italien ist so gut wie nichts

passiert. Kein Wunder, dass die

Kapitalflucht aus Italien seit dem

Sommer wieder in vollem Gange

ist, ähnlich wie im Herbst 2011.

Nur Irland ist aus dem Schneider.

Das Land geriet schon 2006

in die Krise, als es noch keine kollektiven

Rettungsaktivitäten gab.

Weil dem Land damals noch keiner

half, schnallte es seinen Gürtel

enger und half sich selbst.

So ist es eben. Öffentliches

Geld senkt den Reformdruck und

verlängert den Schlendrian. Dass

»Unter dem

Deckmantel der

Geldpolitik wird

eine hemmungslose

Bail-out-

Politik betrieben«

es ein Land ermuntern könnte,

schmerzliche Reformen durchzuführen,

die große gesellschaftliche

Gruppen belasten, ist der

gefährliche Trugschluss, auf dem

die Europa-Politik der vergangenen

Jahre basierte.

Da die Medizin nicht half, will

die EZB jetzt die Dosis erhöhen.

So hat sie beschlossen, sogenannte

ABS-Papiere zu kaufen,

die Banken der „Programm-Länder“

der

Euro-Zone durch

eine Bündelung ihrer

Kreditforderungen

zusammenschnüren

dürfen. Dabei will sie

fen, wenn sie tatsächlich solche

Erträge liefern würden. Zum anderen

handelt es sich bei den möglichen

Zinserträgen nicht um Nettobeträge.

Wie jeder private

Investor steht auch die EZB vor einem

Portfolio-Problem, bei dem

es auf den Zinsvergleich zwischen

verschiedenen Anlageformen ankommt.

Wenn sie ein Inflationsziel

anstrebt, steht die Geldmenge

nicht mehr zur Disposition, sondern

nur noch der Weg, auf dem

diese Geldmenge als Kapital in die

Wirtschaft fließt. Insofern hat der

Steuerzahler nur dann etwas von

den ABS-Käufen, wenn sie mehr

Zinserträge liefern, als andere An-

ZU WENIG REFORMEN

Die neue Nervosität der Märkte

und die anhaltend hohe

Arbeitslosigkeit in den Krisenländern

zeigt aber, dass diese

Maßnahmen nur Strohfeuer

entfachten. Preissenkende

Reformen zur Korrektur

der verheerenden

Inflation,

die der Euro in Südeuropa

hervorgeruähnlich

wie bei den Pfändern, die

sie für die Kredite an die Banken

entgegennahm, vor dem Kauf von

Schrottpapieren nicht haltmachen.

Die EZB will auch Papiere

mit einem Rating unterhalb von

BBB- erwerben – Papiere also,

denen von den Ratingagenturen

kein Investment Grade mehr zugebilligt

wird.

Holger Schmieding meint, dabei

würde der Steuerzahler ein

gutes Geschäft machen, weil die

EZB den Finanzministern Zinserträge

auf Geld verschaffen könne,

das sich umsonst herstellen lässt.

Das Argument ist falsch. Zum einen

würden private Anleger diese

Papiere sicher gerne selbst kaulagen

des frisch gedruckten

Geldes es täten.

Im Übrigen sticht das Argument

der Deflationsgefahr, das

Schmieding bemüht, nicht. Die

EZB hat durch den Maastrichter

Vertrag nicht, wie er meint, die

Aufgabe bekommen, die Inflation

auf zwei Prozent zu treiben,

sondern bei null Prozent zu halten.

Die „zwei Prozent“ hat sie

selbst hinzugedichtet. Derzeit

liegt die Kerninflationsrate der

Euro-Zone, bei der Einmaleffekte

wie die Entwicklung von Energiepreisen

herausgerechnet

sind, recht stabil bei etwa 0,8

Prozent. Deshalb kann von einer

Mandatsverletzung wegen einer

Deflation und einem entsprechenden

Handlungsdruck vorläufig

nicht die Rede sein.

Das Deflationsargument ist

vorgeschoben, weil der Maastrichter

Vertrag der EZB nur das

Mandat gegeben hat, für stabile

Preise zu sorgen, nicht aber den

Auftrag, Banken und Staaten zu

retten. Um eine solche Rettung

geht es bei der EZB-Politik aber

nun schon jahrelang. Unter dem

Deckmantel der Geldpolitik wird

eine hemmungslose Bail-out-

Politik betrieben, um bankrotte

Staaten und Banken und mit ihnen

die Vermögen der Anleger

zu schützen, die sich verspekuliert

haben, als sie ihnen ihr

Geld liehen. Die Gefahr dabei ist

nicht nur, dass sich die Kapitalvernichtung

in den südeuropäischen

Krisenländern noch sehr

lange fortsetzt. Sondern auch,

dass die Demokratie unter die

Räder kommt.

Hans-Werner Sinn ist Präsident

des ifo Instituts und Ordinarius

an der Ludwig-Maximilians-

Universität in München.

FOTOS: ROBERT BREMBECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, LAIF/REDUX

46 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Der Tragödie zweiter Teil

KARSTADT | 2009 legte die Warenhauskette die größte Pleite der deutschen

Wirtschaftsgeschichte hin. Fünf Jahre später ist das Handelshaus wieder

ein Sanierungsfall und steht vor tiefen Einschnitten. Die vermeintlichen Retter

entpuppten sich als Blender, frühere Konzerngranden verspielten Ruf und

Vermögen. Wie konnte es so weit kommen? Rekonstruktion eines aufhaltsamen

Abstiegs.

48 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Juni 2009 bis August 2010

Nahtoderfahrungen

Karl-Gerhard Eick steigt auf eine

Leiter, Matthias Graf von Krockow

kommt zu spät, Klaus-Hubert Görg

macht Schluss.

richte und Staatsanwaltschaften über Jahre

hinweg beschäftigen. Vor allem aber wird

damals das Fundament für eine Neuauflage

des Karstadt-Niedergangs gelegt.

Ein Wirtschaftsdrama nimmt seinen

Lauf, das in all seinen Facetten mühelos jeder

Vorabend-Soap Konkurrenz machen

könnte: Da verarmt eine milliardenschwere

Erbin, da entpuppt sich der vermeintliche

Retter des Konzerns als windiger Blender,

ein ehemaliger Vorstandschef wird von

seinen Gläubigern über die Dächer gejagt.

Ein ebenso glamouröser wie geheimnisvoller

Investor betritt die Bühne. Was er mit

Karstadt vorhat – ob er den Laden fusionieren,

filetieren oder sanieren will –, wird

sich bei einer Aufsichtsratssitzung an diesem

Donnerstag entscheiden. Es geht um

Pleite oder Rettung, Scheitern oder Leuchten

– wie so oft bei Karstadt.

Nach dem Insolvenzantrag im Sommer

2009 herrscht auf den Fluren der Essener

Konzernzentrale eine Mischung aus Angst

und Aufbruchstimmung. Eick und der vom

Gericht eingesetzte Insolvenzverwalter

Klaus-Hubert Görg wollen den Konzern als

Ganzes retten. Doch dafür müssen die

Großaktionäre – Quelle-Erbin Madeleine

Schickedanz und das Kölner Bankhaus Sal.

Oppenheim – noch einmal Geld ins Unternehmen

investieren.

Essen, 8. Juni 2009: Applaus brandet auf,

als Karl-Gerhard Eick auf die rote Klappleiter

steigt. Hunderte Karstadt-Mitarbeiter,

die sich im Halbkreis um das Tor vor der

Hauptverwaltung des Konzerns versammelt

haben, schauen auf ihren übermüdeten

Chef. Das Jackett hat er abgelegt, die

Krawatte gelöst. Eick klatscht kurz mit, als

wolle er sich selbst anfeuern, greift dann

zum Megafon. „Wir kämpfen bis zur letzten

Minute“, ruft er den Leuten zu, die trotzig

ihre Plakate schwenken. „Es geht um

56 000 Arbeitsplätze“, steht darauf und

„Das Warenhaus lebt“. Es ist das letzte Aufbäumen.

Am Abend entscheidet die

Bundesregierung, dass es keine Staatshilfen

für den Konzern geben wird: Die größte

Pleite der deutschen Wirtschaftsgeschichte

beginnt.

Wohl niemand ahnt zu diesem Zeitpunkt,

welche Wucht der Arcandor-Crash

entfalten wird. Der Absturz wird Tausende

Mitarbeiter ihre Arbeitsplätze kosten, Ge- »

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 49

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Unternehmen&Märkte

Köln, 11. Juni 2009: Matthias Graf von

Krockow hastet in den Sitzungssaal des

Bankhauses Sal. Oppenheim. Er kommt 20

Minuten zu spät zur Sitzung des Aktionärsausschusses.

Als der bullige Sal.-Oppenheim-Frontmann

seine Entschuldigung

vorbringt, beginnen selbst die unbedarfteren

Teilnehmer der Runde zu ahnen,

wie es nach der Arcandor-Pleite um die

Bank steht: Die Finanzaufsicht BaFin

macht Druck. Am nächsten Tag soll von

Krockow bei der BaFin zum Rapport antreten

und sich zu den Arcandor-Risiken äußern,

vor allem zu den Darlehen der Bank

an Arcandor-Aktionärin Schickedanz.

Dass die Quelle-Erbin die Kredite je zurückzahlen

kann, glaubt wohl keiner der

Anwesenden. Sie habe „wahnsinnig viel“

verloren, barmt Schickedanz in einem Interview

wenige Wochen nach der Krisensitzung

der Bankiers. Sie lebe jetzt von 600

Euro im Monat und bestelle beim Italiener

um die Ecke allenfalls mal eine Pizza.

Dass Sal. Oppenheim die eigenen Probleme

in den Griff bekommt, geschweige

denn in der Lage ist, Geld in die Rettung

von Arcandor zu pumpen, wird immer unwahrscheinlicher.

Der insolvente Konzern

bricht auseinander, und Vorstandschef

Eick wird nicht mehr gebraucht.

Fürth, 20. Oktober 2009: Ein knorriger alter

Herr mit korrekt gebundener Krawatte

und dunklem Anzug betritt das Kasino der

Quelle-Hauptverwaltung. Insolvenzverwalter

Görg ist gekommen, um das Ende

des Versandhauses zu verkünden. „Das ist

eine besonders schlimme Art der Pleite“,

sagt Görg. 7000 Menschen verlieren ihre

Arbeit. Zuvor war auch der letzte Kaufkandidat

abgesprungen, das Aus der Wirtschaftswunder-Ikone

mit ihren bibeldicken

Konsumwälzern ist damit besiegelt.

Gut eine Woche später endet auch in

Köln eine Ära: Eine Bank geht in die Knie.

Nach 220 Jahren verliert Sal. Oppenheim

Karl-Gerhard

Eick

Unter seiner Ägide

taumelte der Handelskonzern

in die Pleite

und brach auseinander

Fazit: Eick kämpfte –

und verlor, Quelle

wurde abgewickelt,

Karstadt verkauft

die Unabhängigkeit und wird zu einem

Anhängsel der Deutschen Bank.

Eine Milliarde Euro investieren die

Frankfurter in die vage Hoffnung, künftig

im Geschäft mit Deutschlands Superreichen

zu reüssieren. Nebenbei übernehmen

sie milliardenschwere Risiken. Im

Hintergrund arbeiten Anwälte bereits an

Klageschriften, die Sprengstoff bergen.

Essen, 23. April 2010: Ein Schicksalstag

für Karstadt: Die Frist für die Abgabe eines

FOTOS: PETER STUMPF FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PICTURE-ALLIANCE/DPA (4), NETZHAUT/HOPPE, DDP IMAGES/SEBASTIAN WILDMANN

Gute Zeiten, Karstadt-Zeiten Ein Überblick über die Komparsen in der Kaufhaus-Soap.

50

Durch die Fusion des ererbten Quelle-Versands

mit Karstadt wird Schickedanz größte Aktionärin

des Konzerns. Nach und nach stockt sie ihre

Anteile auf – vor allem mit Millionenkrediten

von Sal. Oppenheim.

1999

2003

Der frühere Bertelsmann-Chef Middelhoff

wird zum Aufsichtsratsvorsitzenden

des Karstadt-Quelle-Konzerns und

entert wenig später den Chefposten.

Auch er nutzt die Dienste von Esch.

2004

Der Troisdorfer Immobilienentwickler Esch wird

Vermögensberater von Schickedanz.

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Kaufangebotes läuft ab. Nach dem Quelle-

Desaster hat Insolvenzverwalter Görg alle

Kräfte auf die Rettung von Karstadt konzentriert

und 13 Häuser geschlossen. Doch

für die Übernahme der verbleibenden 120

Warenhäuser hat sich bis jetzt kein Investor

gefunden. Sieht wirklich niemand mehr eine

Chance für die Marke? Erst wenige

Stunden vor Ablauf der Frist erhält Görg

ein Angebot. Die deutsch-skandinavische

Beteiligungsgesellschaft Triton will die Kette

übernehmen, fordert von den beiden

wichtigsten Machtpolen im insolventen

Konzern aber Zugeständnisse: Bis zu 5000

Jobs sollen wegfallen, weitere Häuser geschlossen

und die Mieten der verbleibenden

Standorte gesenkt werden. Den Vertretern

der Gewerkschaft Verdi und des Vermieterkonsortiums

Highstreet geht das zu

weit. Wenig später legen die Vermieter ein

eigenes Angebot vor. Zudem taucht ein

neuer Name im Verkaufsprozess auf: Nicolas

Berggruen.

Der verlangt zwar ebenfalls, dass Highstreet

die Mieten senkt, von den Mitarbeitern

fordert er aber keine weiteren Zugeständnisse.

Ein kluger Schachzug, mit dem

sich Berggruen Sympathien bei Gewerkschaften

und Politik sichert. Den Rest erledigt

eine gekonnt inszenierte PR-Strategie,

die den Finanzinvestor und Sohn des

Kunstsammlers Heinz Berggruen als Milliardär

mit Herz inszeniert, der mangels

festen Wohnsitzes in seinem Gulfstream-

Privatjet um den Globus düst, um Unternehmen

vor dem Untergang zu retten.

Im Vergleich zur Lichtgestalt Berggruen

wirkt sein Gegenspieler Alexander Dibelius

wie eine Art Darth Vader des Kapitalismus:

Als Deutschland-Chef der Investmentbank

Goldman Sachs kämpft er aufseiten

des Immobilienkonsortiums Highstreet.

Über Monate feilschen die Rivalen

um Vertragsdetails. Immer wieder stehen

die Verhandlungen vor dem Scheitern. Am

Ende setzt sich Berggruen durch.

September 2010 bis Oktober 2011

Der Neustart

Nicolas Berggruen lässt sich feiern,

Thomas Middelhoff bekommt Besuch,

Andrew Jennings fliegt ein.

Berlin, 3. September 2010: Als Nicolas

Berggruen die sechste Etage des Karstadt-

Hauses am Kurfürstendamm in Berlin betritt,

springen wartende Mitarbeiter auf,

Verkäuferinnen fallen sich in die Arme.

„Herzlich willkommen“ steht auf einem

Transparent. Aus dem hauseigenen Restaurant

wird ein Rollwagen mit Sektgläsern

herangeschoben. Der Investor – Dreitagebart,

lässig aufgeknöpftes weißes Hemd

und Sonnenbrille in der Hand – bedankt

sich artig: „Ich bin irrsinnig glücklich, dass

ich dabei bin.“ Von einem „Tag der Freude“

spricht Arbeitsministerin Ursula von der

Leyen, die zusammen mit Insolvenzverwalter

Görg und der stellvertretenden Vorsitzenden

der Gewerkschaft Verdi, Margret

Mönig-Raane, vor Ort ist. Kurz zuvor hat

das Essener Amtsgericht die Übernahme

durch Berggruen abgesegnet. Karstadt

wechselt zum symbolischen Preis von einem

Euro den Besitzer. Für die Namensund

Markenrechte zahlt Berggruen zusätzlich

fünf Millionen Euro. Ein Angebot wie

aus dem Sommerschlussverkauf. Das Risiko

für den Investor ist minimal.

Mitarbeiter und Gewerkschafter, Politik

und Presse feiern ihn trotzdem als Retter

der Warenhaus-Ikone. Jeder noch so kleine

Aufschwung im Geschäft gilt fortan als

Berggruen-Effekt. Fragen, wie er den maroden

Laden wieder auf Kurs bringen will,

lächelt er weg.

delhoff betreten, habe keine Muße, die

landschaftlichen Reize zu genießen. Sie

sollen Unterlagen des früheren Arcandor-

Chefs sicherstellen. Die Razzia ist Teil eines

Untreue-Verfahrens gegen Middelhoff. Dabei

interessieren sich die Ermittler vor allem

für Boni- und Abfindungszahlungen in

Millionenhöhe, die Middelhoff erhalten

hat. Zudem sammeln sie Belege über seine

vielen Dienstreisen im teuer angemieteten

Privatjet. Die Verdächtigungen seien absurd,

sagen Middelhoffs Anwälte dazu.

Die Ermittlungen sind indes nicht das einzige

Problem des Managers. Insolvenzverwalter

Görg fordert Schadensersatz von dem

Mann, dem er attestiert, „selbst den Staub in

den Ecken des Unternehmens noch zu Liquidität

gemacht“ zu haben. Auf 175 Millionen

Euro Schadensersatz hat er Middelhoff und

weitere Ex-Manager des Konzerns wegen

umstrittener Immobiliengeschäfte verklagt.

Essen, Dezember 2010: Andrew wer?

Selbst Experten sind verblüfft, als sie den

Namen des neuen Karstadt-Chefs hören.

Der Brite Andrew Jennings soll die Führung

übernehmen. Groß gewachsen, sonnengebräunt

und durchtrainiert, ist der

62-Jährige eine vitale Erscheinung – und

bringt Erfahrung mit. Zuletzt war Jennings

bei der Kauhaus-Kette

Woolworth in Südafrika

im Einsatz. „The Chronik

Hurricane“ nannten

sie ihn dort, galt er

doch als Mann, der

wie ein Wirbelwind

durch den Laden fegte

– eigentlich gute Voraussetzungen

für den

Karstadts Niedergang

seit 1999

zeichnen wir unter

wiwo.de/karstadt

und in den App-

Ausgaben nach

Job bei Karstadt. Doch Jennings kennt weder

den deutschen Markt, noch spricht er

die Sprache seiner Mitarbeiter.

Für Berggruen ist das kein Problem:

„Jennings hat alle Voraussetzungen für den

Bielefeld, 7. Oktober 2010: Die Villa liegt

inmitten eines parkähnlichen Areals. Ein

kleiner Bach schlängelt sich durch das Gelände.

Doch die Besucher, die an diesem

Vormittag das Anwesen von Thomas Mid- Job, selbst wenn er nicht Deutsch »

2008

2009

Die Kredite an Schickedanz werden für Sal.-

Oppenheim-Chef von Krockow zum Problem.

Der Kölner Insolvenzverwalter Görg übernimmt das

Kommando in Essen und findet einen Konzern vor,

in dem selbst der „Staub aus den Ecken“ noch zu

Geld gemacht worden

sei. Die Rettung von

Quelle scheitert, Karstadt

wird verkauft.

Karstadt-Chefin Sjöstedt

räumt ihren Posten. „Ich

will lange hierbleiben“,

hatte sie zum Einstand

versprochen. Fünf

Monate später war

sie wieder weg.

2014

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 51

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Unternehmen&Märkte

»

spricht.“ Zudem stellt der Eigentümer

„mehrere Hundert Millionen Euro“ in Aussicht,

um die veralteten Kaufhäuser auf das

Niveau des Konkurrenten Kaufhof zu hieven.

Das Geld will er aus dem laufenden

Geschäft abzwacken. „Und falls wir mehr

brauchen sollten, dann brauchen wir eben

mehr.“ Auf die Frage, ob die zusätzlichen

Mittel dann von ihm kämen, antwortet

Berggruen: „Klar, woher sonst?“

Essen, 8. Juli 2011: Der Andrang ist groß,

die Erwartungen sind riesig. Rund 1000

Karstadt-Beschäftigte strömen in die Kantine

ihrer Hauptverwaltung. Ein halbes

Jahr nach Amtsantritt will Vorstandschef

Jennings seinen Masterplan „Karstadt

2015“ verkünden. Der Brite wünscht zunächst

einen „Guten Morgen“, um dann auf

Englisch fortzufahren: Kundenfreundlicher

müsse Karstadt werden. Die Zahl der

Modemarken soll erweitert, die Elektroabteilungen

dafür verkleinert und das

Online-Geschäft ausgebaut werden. Als

Jennings nach rund einer Stunde endet,

gibt es in der Kantine höflichen Applaus,

mehr nicht. Der angekündigte Orkan hat

sich als laues Lüftchen erwiesen.

November 2011 bis Februar 2014

Die Rückkehr

der Krise

Berggruen blitzt bei Metro ab,

Schickedanz reicht Klage ein,

Jennings streicht Stellen.

Nicolas

Berggruen

Der zuerst

als Retter gefeierte

Investor versprach viel

und hielt wenig

Fazit: Mr. Karstadt

verspielte

seinen Ruf

Düsseldorf, 17. November 2011: René

Benko rauscht durch das Shoppingcenter

Sevens auf der Düsseldorfer Königsallee. In

der Rechten ein Glas Wein, grüßt er hier,

plaudert dort und bestaunt nebenher die

bunte Bühnenshow, mit der an diesem

Abend die Wiedereröffnung der Passage

gefeiert wird. Seinem Immobilienunternehmen

Signa gehört das Haus. Trotzdem

verabschiedet sich der Gastgeber schon

um kurz nach 21 Uhr: Benko hat Wichtigeres

vor in Düsseldorf. Er will den Karstadt-

Konkurrenten Kaufhof kaufen und versucht

das Management des Mutterkonzerns

Metro auf seine Seite zu ziehen.

Und er will seinen Rivalen ausstechen:

Auch Berggruen hat Interesse an Kaufhof.

Doch der Plan des Karstadt-Eigners, „die

beiden großen deutschen Warenhausketten

unter einem Dach“ zu vereinen, liefe

auf den Abbau Tausender Jobs hinaus. Die

Schlagzeilen will sich bei Metro niemand

antun. Schnell steuert der Verkauf daher

auf den 34-jährigen Österreicher zu. Er

wolle investieren und expandieren, statt

Kaufhof-Filialen zu schließen, versichert

Benko.

Am Ende scheitert der Kaufhof-Verkauf

jedoch am Veto des neuen Metro-Chefs

Olaf Koch. Der zweifelt daran, dass Benko

den Kaufpreis von gut zwei Milliarden Euro

stemmen kann. Für den Österreicher hat

der Einsatz dennoch Folgen: Er knüpft

Kontakt zu Berggruen.

Köln, 23. Mai 2012: Quelle-Erbin Schickedanz

will ihr Geld zurück. Vor dem Oberlandesgericht

Köln reicht sie eine Schadensersatzklage

über rekordverdächtige

1,9 Milliarden Euro ein. Die Summe fordert

sie vor allem von Sal. Oppenheim und dem

Troisdorfer Immobilienunternehmer Josef

Esch, ihrem früheren Vermögensberater.

Im Kern geht es dabei um die Frage, ob die

einst reichste Frau Deutschlands im Spiel

um Karstadt nur eine Strohfrau der Bankiers

war. Madeleine als Marionette?

Folgt das Gericht ihrer Version, wären

wohl alle Darlehen, die sie für den Kauf von

Arcandor-Aktien aufnahm, Makulatur. Die

Anwälte von Sal. Oppenheim und Esch widersprechen

denn auch energisch, zumal

sich auch die Staatsanwaltschaft Köln für

den komplexen Fall interessiert und in

mehreren Verfahren dem Beinahe-Zusammenbruch

von Sal. Oppenheim nachspürt.

Die Schickedanz-Klage ist nicht der

einzige Streit, den die neue Sal.-Oppenheim-Spitze

ausfechten muss. Prominente

Kunden wie Maxdata-Gründer Holger

Lampatz und Mitglieder der Schuhdynastie

Deichmann ziehen vor Gericht. Sie

fordern Geld zurück, das sie in Immo-

FOTO: AGENTUR FOCUS/GÖTZ SCHLESER, ACTION PRESS/JAKOB STUDNAR

52 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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ilienfonds gesteckt hatten, die von

Oppenheim und Esch aufgelegt wurden.

Auch Thomas und Cornelie Middelhoff

haben groß investiert, pikanterweise auch

in Oppenheim-Esch-Fonds, denen Karstadt-Häuser

gehören. Mehr als 100 Millionen

Euro haben sich die Middelhoffs dafür

bei der Bank geborgt. Als sie Zins- und Tilgungszahlungen

für ihre Darlehen aussetzen,

reagieren die Banker wie bei Häuslebauern,

die ihre Kreditraten nicht pünktlich

abstottern: Sie frieren die Konten der

Middelhoffs ein. Der Zugriff auf rund 23

Millionen Euro Festgeld wird dem Bielefelder

Power-Paar versperrt.

Essen, 16. Juli 2012: „AJ’s Coffee Updates“

sind ein festes Ritual bei Karstadt. Einmal

im Monat trommelt Kaufhauschef Jennings

die Mitarbeiter der Zentrale im Foyer

zusammen, um sie bei einem Kaffee über

die neuesten Entwicklungen des Geschäfts

zu informieren. Diesmal serviert er den

Mitarbeitern eine Hiobsbotschaft: 2000 der

rund 18 000 Vollzeitstellen fallen weg. Das

Wetter habe nicht mitgespielt, Strukturen

und Prozesse müssten angepasst werden,

begründet er den Stellenabbau. Im Klartext:Die

Krise ist zurück.

Jennings Strategie, das Sortiment um

hippe Modemarken zu erweitern, zündet

nicht, der Umbau der Filialen stockt. „Statt

Personalabbau muss dringend mehr Geld

in die Modernisierung der Filialen, die Sortimentsstruktur

und in Beschäftigte investiert

werden“, fordert Verdi, „hier ist auch

der Eigentümer in der Pflicht.“ Knapp zwei

Jahre nach der gefeierten Übernahme ist

Berggruen in den Niederungen des deutschen

Handelsgeschäfts angekommen.

Berichte, er wolle die Sporthäuser und die

Premiumhäuser des Unternehmens mit

dem Flaggschiff KaDeWe verkaufen, dementiert

er. Er denke nicht an Verkäufe,

Karstadt bereite ihm „sehr große Freude“.

Berlin, 22. Dezember 2012: Kurz vor dem

Weihnachtsfest geht Immobilienkönig

Benko auf Einkaufstour. Vom bisherigen

Karstadt-Vermieter Highstreet übernimmt

er das KaDeWe und 16 weitere Karstadt-

Immobilien für 1,1 Milliarden Euro.

Als Co-Finanzier ist der israelische Diamantenmilliardär

Beny Steinmetz mit von

der Partie. Auch sonst blitzt und blinkt es

im Umfeld von Benkos Immobilienkonzern

Signa. Der griechische Reeder und

Kunstsammler George Economou und der

frühere Porsche-Chef Wendelin Wiedeking

zählen zu den Investoren, Österreichs Ex-

Bundeskanzler Alfred Gusenbauer ziert

den Signa-Beirat. Beobachter rätseln, was

der Österreicher vorhat. Denn beim

zentralen Mieter der Häuser laufen die

Geschäfte nach wie vor schlecht. Spätestens

als Karstadt-Chef Jennings dem Unternehmen

im Mai eine „Tarifpause“ verordnet

und wenig später ankündigt, das

Unternehmen zum Jahresende zu verlassen,

ist klar, wie ernst die Lage bei Karstadt

ist. Die Umsätze erodieren in ähnlichem

Tempo wie die Glaubwürdigkeit

des Eigentümers.

Essen, 16. September 2013: Allen früheren

Treueschwüren zum Trotz verkauft

Berggruen die Mehrheit am operativen

Geschäft der Sport- und Premiumhäuser an

Benko. Geld bekommt er nicht, dafür verspricht

Benko, 300 Millionen Euro zu investieren.

Die Beschäftigten sind alarmiert.

Daran ändert auch ein Brief von Berggruen

nichts. „Niemand muss sich Sorgen machen“,

schreibt er darin an seine „lieben

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“. Die

klassischen Warenhäuser „bleiben vollständig

im Besitz von Berggruen Holdings“.

Schließlich „sehe ich mich hier in einer

besonderen Verantwortung“, er sei sich „absolut

sicher: Gemeinsam schaffen wir es“.

März 2014 bis heute

Das Endspiel

beginnt

Schickedanz sagt aus, Eva-Lotta

Sjöstedt schmeißt hin, Middelhoff

springt raus, Benko greift ein.

Köln, 13. März 2014: „Die Zeugin Schickedanz

bitte auf Saal 210“, schallt es über den

Gerichtsflur. Wenig später betritt eine zierliche

Frau mit brauner Tasche und grauem

Kostüm den Verhandlungsraum im Kölner

Landgericht. „Geboren am 20. Oktober

1943“, „Beruf Hausfrau“, beginnt Schickedanz

mit zittriger Stimme ihre Aussage im

Strafprozess um den Niedergang von Sal.

Oppenheim. Angeklagt sind ihr ehemaliger

Vermögensberater Esch sowie Graf

Krockow und drei weitere frühere Top-

Banker. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen

Untreue beziehungsweise Beihilfe dazu

vor, was die Angeklagten bestreiten. Schickedanz

soll als Zeugin Licht ins Dunkel

des Falls bringen und Details zu jenem

mysteriösen Kredit beisteuern, mit dem sie

einst ihr Arcandor-Engagement aufstockte.

Doch die Quelle-Erbin tut sich schwer.

„Das kann ich nicht beschwören“, „den »

Andrew Jennings

Mit hippen Modemarken

wollte der Warenhausveteran

jüngere Kunden

gewinnen – und vergraulte

die Stammkäufer

Fazit: Jennings

Sanierungskonzept

erwies sich als Flop

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 53

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Unternehmen&Märkte

»

genauen Zeitpunkt weiß ich nicht“, „das

sollten Sie besser meinen Mann fragen“,

lauten ihre Standardantworten.

Es entsteht das Bild einer in Geschäftsdingen

überforderten Frau, die Papiere

blanko unterschrieb und den Beratern in

ihrer Umgebung blind vertraute. Doch wie

glaubhaft ist ihre Darstellung? Auch für

Schickedanz steht viel auf dem Spiel, und

als naives Opfer hat sie weitaus bessere

Chancen, mit ihrer parallel laufenden Milliardenklage

gegen die Bank zu punkten

denn als toughe Businesslady.

Wie ein Gegenentwurf zur verschüchterten

Hausfrau aus Fürth tritt Thomas Middelhoff

vor Gericht auf. Ein siegesgewisses

Lächeln umspielt die Lippen, während er –

wie im Untreue-Prozess vor dem Essener

Landgericht – den Ausführungen seines

Anwalts lauscht:Flüge im Privatjet? Das sei

keine Geldverschwendung, sondern berufliche

Notwendigkeit gewesen, erklärt der

Jurist. Und das Pendeln per Hubschrauber

vom Familienquartier in Bielefeld nach Essen?

Absolut sinnvoll, eine Baustelle am

Kamener Kreuz hätte den Konzernchef

sonst stundenlang aufgehalten.

René Benko

Der neue Karstadt-

Eigner verordnet

dem Unternehmen

einen rigiden

Sparkurs

Fazit: Sanierungskünstler

oder

Totengräber?

Benkos Rolle ist

noch offen

Essen, 7. Juli 2014: Schon wieder ein Abgang

bei Karstadt: Eva-Lotta Sjöstedt

schmeißt hin. Kaum fünf Monate hat es

Jennings Nachfolgerin an der Spitze des

Konzerns ausgehalten, bevor sie feststellt,

„dass die Voraussetzungen für den von mir

angestrebten Weg nicht mehr gegeben

sind“. Danach geht es Schlag auf Schlag: Im

österreichischen Magazin „Format“ bestätigt

Signa-Chef Benko, „dass wir zu Hilfe

gerufen wurden, um Berggruen als Gesellschafter

abzulösen.“ Das Gefeilsche um die

Vertragsdetails zieht sich bis Mitte August

hin, dann steht fest, dass die Ära Berggruen

Geschichte ist. Für den symbolischen Preis

von einem Euro wechselt Karstadt den Besitzer.

Finanziell hat sich das Karstadt-Manöver

für Berggruen trotzdem gelohnt. Allein

für die Nutzung der Namensrechte hat

seine Holding jährlich Millionenbeträge

vom Unternehmen kassiert. Die versprochenen

Investitionen sind nie geflossen.

Nun soll Benko retten, was zu retten ist.

Unklar bleibt, was ihn zu dem Schritt treibt.

Fürchtet er um den Wert seiner Immobilien,

sollte Karstadt erneut in eine Insolvenz

taumeln, oder wittert er ein gutes Geschäft?

Selbst Karstadt-Veteran Middelhoff

schaltet sich in die Spekulationen ein. Er

gehe davon aus, dass Karstadt jetzt Standorte

schließen werde und es später zu der

lange diskutierten Fusion mit Kaufhof

kommen dürfte. Benko sei ein Immobilieninvestor,

„er interessiert sich vor allem

für die Grundstücke“, sagt Middelhoff.

Dabei hat der frühere Arcandor-Chef eigentlich

ganz andere Sorgen. Seine Gläubiger

jagen ihn, lassen selbst seine Piaget-

Uhr pfänden. Sein ehemaliger Geschäftspartner

Roland Berger zwingt ihn zum Offenbarungseid.

Um bei dem Termin nicht

fotografiert zu werden, türmt Middelhoff

hollywoodreif: „Ich bin wie die Katze übers

Dach“, berichtete er später nicht ohne

Stolz. „Ich musste drei Meter tief auf eine

Garage springen und dann noch einmal

drei Meter auf die Straße.“

Ganz genau weiß wohl niemand, wessen

finanzielle Situation brenzliger ist: die von

Middelhoff oder die seines früheren Unternehmens.

Essen, 11. September 2014: Die Bilder erinnern

an das große Warenhausfinale vor

fünf Jahren. Wieder warten vor den Karstadt-Standorten

Kamerateams und Übertragungswagen,

wieder bangen die Mitarbeiter

einer Entscheidung entgegen. Als

der Aufsichtsrat zur ersten Sitzung unter

dem neuen Eigentümer zusammentritt,

stimmt Aufsichtsratschef Stephan Fanderl,

der neue starke Mann bei Karstadt, die

Runde auf eine Radikalsanierung ein. Was

bleibt ihm auch übrig: Wenn die Geschäfte

weiterlaufen wie bisher, sind die finanziellen

Mittel des Unternehmens spätestens

im März 2016 aufgebraucht.

In einem ersten Schritt soll Karstadt über

200 Millionen Euro einsparen, mittelfristig

noch viel mehr. Stellenstreichungen scheinen

damit unausweichlich. Im Raum steht

auch die Aufgabe von bis zu 30 der 83 Warenhäuser.

Das Problem dabei: Schließungen

außerhalb einer Insolvenz seien extrem

teuer, sagt Otto Christian Lindemann,

Sanierungsexperte der Unternehmensberatung

Ebner Stolz.

Acht Stunden debattieren die Aufsichtsräte

hinter verschlossenen Türen über das Rettungskonzept,

bevor sie sich vertagen. Erst

diesen Donnerstag wollen sie konkrete

Entscheidungen treffen.

Dann geht die Endlos-Soap um Karstadt

in die nächste Runde. Grablegung oder

Wiederauferstehung? Der Titel der nächsten

Staffel steht noch nicht fest.

n

henryk.hielscher@wiwo.de

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/APA

54 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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»Aufpreis für Gefühl«

INTERVIEW | Kevin Roberts Der Chef des Werbeagenturriesen Saatchi &

Saatchi sagt den Tod von Facebook voraus, trimmt seine Mitarbeiter auf

Turbotempo – und versendet handschriftliche E-Mails.

Unter Giganten

Die größten Werbe-Holdings der Welt

(in Milliarden Dollar)

1. WPP, London (u.a. JWT, Ogilvy, Y&R, Grey)

2. Omnicom, New York (u.a. BBDO, DDB, TBWA)

14,6

Quelle: WPP

17,3

3. Publicis, Paris (u.a. Saatchi & Saatchi, Leo Burnett,

Vivaki, Bartle Bogle Hegarty)

9,2

4. Interpublic Group, New York (u.a. McCann, Lowe, FCB)

7,1

5. Dentsu/Aegis,Tokio (u.a. Dentsu, Carat, McGarry Bowen)

5,2

Mr. Roberts...

...Kevin bitte.

Okay, also Kevin, wie fühlt sich das an,

mit einem Maschinengewehr auf offener

Bühne einen Getränkeautomaten zu

Schrott zu schießen?

(lacht) Business ist ein Bloodsport – im

Ernst: Das war bei einem hochkarätigen

Dinner mit 56 kanadischen Pepsi-Abfüllern

in der Zeit der giftigen Debatte über das

Freihandelsabkommen mit den USA. Ich

war für den Freihandel, und Pepsi hatte gerade

zum allerersten Mal Coca-Cola in Kanada

beim Marktanteil überholt. Das Fernsehen

wollte beim Dinner drehen, da konnte

ich der Gelegenheit nicht widerstehen...

...und haben was gemacht?

Während meiner Rede brachten auf ein

Stichwort Helfer einen Automaten unseres

Konkurrenten Coca-Cola auf die Bühne.

Daraufhin griff ich unter das Rednerpult,

holte ein Maschinengewehr hervor und

habe das verdammte Ding zu Klump geschossen.

Die Damen in ihren langen Kleidern

warfen sich zu Boden und kreischten,

die Männer standen da und waren völlig

entgeistert – und das lief dann zur besten

Sendezeit im Fernsehen.

Eine Maschinengewehrsalve inmitten des

Publikums?

Ehrlich gesagt, ich hatte den Coca-Cola-

Automaten vorher mit kleinen Sprengladungen

gespickt und in Wirklichkeit mit

Gummipatronen geschossen.

Bei Saatchi & Saatchi beziehungsweise

Ihrem französischen Mutterkonzern

Publicis ging der Schuss in anderer Hinsicht

nach hinten los. Die geplante

Fusion mit Ihrem Konkurrenten Omnicom

scheiterte im Frühjahr kläglich. Was nun?

Ja, wir wollten wirklich gern mit Omnicom

zusammengehen. Wir dachten, diese Fusion

unter Gleichen würde einen unaufhaltsamen

Spieler schaffen, der in dieser neuen

Welt der Größe und Skaleneffekte mitspielt.

Zusammen wären wir weltweit mit

Abstand die Nummer eins geworden. Aber

am Ende haben wir auch emotional nicht

alle Beteiligten vor den Altar schleppen

können.

Warum ist Größe in der Werbebranche so

wichtig, obwohl auch kleinere unabhängige

Agenturen wie Heimat große Erfolge

erzielen?

Weil sich die Kräfteverhältnisse im Medien-

und Werbegeschäft weltweit komplett

neu justieren. Um uns herum konsolidieren

die großen Medienkonzerne ihr

Geschäft, dazu kommen die neuen Riesen

wie Google, Facebook und Instagram.

Wie können Saatchi & Saatchi und

Publicis da mithalten?

Da wir das Problem der geringen Größe

nun nicht mithilfe einer Fusion lösen können,

ist unsere Antwort: Geschwindigkeit.

Wir müssen in allem noch viel schneller

werden. Wenn wir schon nicht die Größten

sind, dann müssen wir die Schnellsten

sein, die Flexibelsten.

Wenn man die bisher eher mauen Zahlen

2014 sieht, ist es damit bei Saatchi &

Saatchi offenbar nicht weit her, oder?

Wir sind gut unterwegs, aber nicht großartig.

Weltweit bin ich durchaus zufrieden,

wir haben beispielsweise den Etat des weltgrößten

Handelskonzerns Walmart oder

für das Smartphone von Amazon gewonnen.

Wo hapert es?

Im Europa-Geschäft. Es ist uns bis heute

nicht gelungen, in allen fünf wichtigen

Märkten gleichzeitig gut zu laufen. In

England läuft es sehr gut. In Deutschland,

wo Christian Rätsch seit einem Jahr das

Geschäft verantwortet, haben wir das

beste Jahr unserer Geschichte, wir gewinnen

hier sehr viele gute Kunden und

verlieren keine. Und kreativ klappt es so

gut, dass ich damit rechne, dass Saatchi &

Saatchi im kommenden Jahr wieder unter

den Top Fünf der kreativsten deutschen

Agenturen landet. Unser Italien-Ableger

ist vermutlich der erfolgreichste im gesamten

Netzwerk. Aber in Frankreich und

Spanien, da hakt es, zu einem wichtigen

Teil wegen des schwierigen wirtschaftlichen

Umfelds.

FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

56 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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IDEEN-ZÜCHTER

Roberts, 64, ist seit 1997 CEO von Saatchi &

Saatchi. Frühere Stationen des Engländers

sind Procter & Gamble und Pepsi. 2004 veröffentlichte

er mit „Lovemarks“ eine Theorie

über Marken. 2015 steigt Roberts zum Executive

Chairman der Saatchi Fallon Group auf

und soll als „Head Coach“ der Publicis-Gruppe

die Top-Führungskräfte auf Trab bringen.

Wo sehen Sie in dieser Situation Ihre

wichtigste Aufgabe?

Es geht darum, unsere 45 000 Mitarbeiter

in der gesamten Gruppe sowie unsere Führungskräfte

dazu zu bringen, unternehmerischer

zu denken und zu handeln. Unterm

Strich sind wir in der gesamten Gruppe

noch nicht so modern, fortschrittlich und

schnell, wie ich mir das wünsche. Wir

müssen vier Dinge in die richtige Balance

bringen: IQ plus EQ plus TQ plus BQ.

Was soll das denn bedeuten?

Wir brauchen, was unsere Kampagnen angeht,

einen hohen IQ, will heißen Intelligenzquotienten.

Das klappt schon ganz

gut, Saatchi & Saatchi war immer schon

intellektuell anspruchsvoll und smart.

Dann brauchen wir einen hohen EQ, also

Emotionalen Quotienten. Auch der ist gut,

bei der Kreativität waren wir stets unter

den Besten.

Und was sollen TQ und BQ?

Dass wir hohe Technologische Intelligenz

brauchen und bloody quick werden

müssen, also verdammt schnell. An beidem

hapert es. Aber wir arbeiten daran.

Deshalb haben wir etwa in Berlin die technologiegetriebene

Agentur Zweimaleins

übernommen und verschmelzen sie mit

unserem Berliner Ableger zu Saatchi &

Saatchi Pro. Von hier aus wollen wir auch

andere europäische Märkte bearbeiten.

Müssen Sie nicht fürchten, dass Konzerne

sich immer mehr Big Data bedienen,

sprich der Daten, die Internet-Konzerne

aus den Spuren der Nutzer im Web aufbereiten,

und damit jeden Konsumentenwunsch

maßgeschneidert bedienen? Damit

würden Werbeagenturen zweitrangig.

Das glauben leider auch zu viele Werbekunden.

Dabei ist Big Data nichts weiter als

ein Ermöglicher, ein Mittel zum Zweck.»

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 57

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»

»Ohne

die richtige

Idee und

Verständnis

für Kunden

verpufft

jede Kampagne«

»Wir brauchen hohe Technologische

Intelligenz. Und wir

müssen bloody quick sein –

verdammt schnell«

Aber ohne die richtige Idee

und ohne tiefes Verständnis für

die Wünsche und Gefühle der

Konsumenten verpufft jede

Kampagne. Deshalb sind auch

schlichte Markenkonzepte tot.

Um nachhaltig Erfolg zu haben,

reicht es nicht mehr, bloß gute

Qualität zu liefern, authentisch

zu sein und den richtigen Preis

zu fordern. Das tun viele. Gewinnen

werden die Marken, die es

schaffen, Loyalität jenseits jeglicher

Vernunft zu erzeugen, die sich mit den

Menschen verbinden, denen sich Kunden

anschließen und als Teil einer Gemeinschaft

Gleichgesinnter fühlen, weniger als

Konsumenten eines Produkts. Marken,

denen das gelingt, nenne ich Lovemarks.

Klingt reichlich blumig – wie machen Sie

denn aus einer Windel eine „Lovemark“?

Windeln sind ein gutes Beispiel. Es geht

hier künftig weniger darum, dass eine Windel

das Kind trocken hält. Im Zentrum

muss stehen, dass das Kind gut und lange

schläft, dass es sich gut entwickelt, dass

auch seine Eltern gut schlafen können. Sie

glauben, dass ein Kind, das gut schläft,

auch schlauer wird. Also sind sie bereit, einen

Aufpreis für eine Marke zu bezahlen,

die ihnen dieses Gefühl gibt.

Wie werden Sie dieses Feeling verbreiten,

in traditionellen Anzeigen, Fernsehen, in

sozialen Netzwerken, via PC oder mobil?

Für mich gibt es die Unterscheidung zwischen

traditionellen, digitalen und neuen

Medien nicht mehr. Es ist alles eins. Wir

sind Screenagers, das heißt, jeder von uns

arbeitet und lebt mit Bildschirmen. Ich habe

aufgehört, mir Zeitungen als Papierausgaben

zu kaufen. Ich lade mir jeden Tag

die „Times“ und die „Daily Mail“ herunter.

Dagegen lese ich mehr Zeitschriften als

früher. Ich möchte das Layout sehen, die

Fotos, ich möchte das Papier fühlen und

will es riechen. Ich mag es, dass ein Redakteur

mir im Wochen- oder Monatsrhythmus

die Welt sortiert. Bei Zeitungen ist es

mir egal, wie ich die Nachrichten bekomme

– schickt sie mir einfach auf den Bildschirm.

Keine Zukunft für die gedruckte Zeitung?

Nein. Die ist vorbei. Das englische Wort für

Zeitung, Newspaper, besteht aus den Begriffen

News, also Nachrichten, und Paper,

Papier. Papier ist nicht mehr wichtig. Die

Nachrichten selbst sind entscheidend. Das

sehen viele Leser so, deshalb sind „Times“

und „Daily Mail“ online auch gespickt mit

Werbung. Und zwar mit maßgeschneiderter

Werbung, weil die wissen, wer ich bin.

Davon profitieren auch die Verlage, wenn

die Werbung passender und lebendiger

wird, wenn sie Videos verwendet. Auf dem

kleinen Schirm verschwinden die Grenzen

zwischen den Mediengattungen.

Aber in der Online-Welt saugen Konzerne

wie Google doch das meiste Werbegeld

an. Wenn die eigene Werbeagenturen aufbauen,

können Sie langfristig einpacken?

Da muss ich widersprechen. Google probiert

es ja längst, sie haben viele Agenturleute

eingestellt und werben Mitarbeiter

auch bei uns ab. Aber sie haben zu wenig

Emotionalität, also EQ. Ich habe mich mit

Google-Leuten in New York unterhalten,

dort rennen jede Menge Computerfreaks

herum. Die haben hohe technische Intelligenz,

TQ, aber wenig Gefühl, EQ.

Beruhigt Sie das ?

Ein Stück weit schon, denn man muss diese

Balance aus allen vier Eigenschaften hinbekommen,

sonst hat man keinen nachhaltigen

Erfolg. Vielleicht gibt es Google deshalb

ja in drei Jahren gar nicht mehr. Das gilt

auch für andere Plattformen – ich glaube etwa,

dass es Facebook in drei Jahren nicht

mehr geben wird. Meine Kinder sind zwar

noch auf Facebook, aber sie nutzen längst

schon zwei, drei weitere Netzwerke, weil ihnen

Facebook zu konservativ ist.

Wer geht schon gern in dieselbe

Bar wie sein eigener Vater?

Müssten Sie umgekehrt nicht

viel mehr Geld in Technologie

sowie in Datengewinnung und

-analyse stecken?

Nein, Technik allein ist nicht die

Lösung. Wir müssen vor allem

weiter in Ideen investieren: Ideen,

Ideen, Ideen. Das ist unser Kern.

Werbeagenturen gelingt es bis

heute als einzigen Unternehmen,

die nötige Kultur zu schaffen, um

Ideen zu entwickeln, die Menschen berühren

und sie mit Produkten eins werden

lassen. Ideen sind fragile Gebilde. Sie werden

schnell getötet. Um eine Kultur zu

schaffen, in denen sie gedeihen können,

müssen Sie Ihren Mitarbeitern vier Dinge

bieten: Responsibility, Learning, Recognition,

Joy – also Verantwortung, Weiterbildung,

Anerkennung und Freude. Das

schafft Google nicht.

Stimmt es, dass Sie Ihre E-Mails noch immer

handschriftlich beantworten und Ihre

Schreiben dazu extra einscannen lassen?

Schauen Sie mal, da vorn ist mein Schreibtisch:

Ja, es stimmt.

Warum der Aufwand?

Es geht um Personalisierung. Man muss

die Technik nutzen. Aber die Technik darf

mich nicht benutzen. Wenn ich Ihnen per

Hand schreibe, dann wissen Sie, dass die

Nachricht von mir kommt. Mein Traum für

die Zukunft ist, dass wir die menschlichste

digitale Agentur werden.

n

peter.steinkirchner@wiwo.de

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

58 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Putsch in Mannheim

BILFINGER | Die Krise des ehemaligen Baukonzerns ist jetzt

auch die Krise des Großaktionärs Cevian. Der schwedische

Finanzinvestor muss den MDax-Konzern jetzt neu erfinden.

30.06.2014

83,28 €

Cevian vor einem Scherbenhaufen. Der erfolgsverwöhnte

Investor droht erstmals mit

einem Projekt spektakulär zu scheitern.

Fehlende Konzepte für eine strategische

Neuausrichtung machen Bilfinger zur

Dauerbaustelle. Fortschritte sind erst zu erwarten,

wenn die Führungsprobleme behoben

und die Konflikte mit alten Seilschaften

gelöst sind.

Um einen Kurswechsel zu erzwingen,

haben die Investoren brutalstmöglich die

Aufstellung verändert: Nach nur drei Jahren

im Amt musste im August Bilfinger-

Vorstandschef Roland Koch gehen. Anfang

Oktober trat Aufsichtsratschef Bernhard

Walter von seinem Amt zurück. Am Montag

vergangener Woche wurde bekannt,

dass auch Finanzvorstand Joachim Müller

seinen Hut nehmen muss.

Bis vor Kurzem galt für den schwedischen

Finanzinvestor Cevian der

Spruch des römischen Feldherrn

Gaius Julius Caesar nach der Schlacht von

Zela: „Veni, vidi, vici“ – ich kam, sah und

siegte. Mit seiner Beteiligung am Versicherer

Skandia etwa konnte Cevian seinen Kapitaleinsatz

zwischen dem Einstieg 2004

und dem Ausstieg 2006 verdoppeln. Beim

Kranbauer Demag Cranes, bei der Assekuranz

Münchener Rück und beim Lastwagenbauer

Volvo kauften die Anlageprofis

ebenfalls größere Aktienpakete günstig ein,

Harter Hund

Der ehemalige Metro-Manager Cordes

soll Bilfinger-Chefaufseher werden

und gemeinsam mit dem Vorstand den

Verfall des Aktienkurses stoppen

erstritten erfolgreiche Korrekturen an der

Strategie – und verabschiedeten sich dann

mit ordentlichen Gewinnen.

Bei Bilfinger, dem zum Industrie- und

Kraftwerksdienstleister mutierten ehemaligen

Baukonzern aus Mannheim, fällt die

Zwischenbilanz des 2002 gegründeten Finanzinvestors

hingegen negativ aus: Drei

Jahre nach dem Einstieg bei Bilfinger steht

VIELE BAUSTELLEN

Dem Putsch in Mannheim vorausgegangen

waren drei Gewinnwarnungen – verursacht

vor allem durch Probleme in der Kraftwerkssparte

und durch verfehlte Geschäftsziele,

die Koch „ambitioniert“ nannte, die

in Wahrheit aber eher unrealistisch waren

(WirtschaftsWoche 31/2014). Der Auftragsmangel

der in Oberhausen und Dortmund

ansässigen Kraftwerkssparte hatte die erste

Gewinnwarnung Ende Juni ausgelöst, bis

zu 300 der bisher 1100 Power-Mitarbeiter

müssen mit der Kündigung rechnen.

Probleme gab es auch mit dem Strategieprogramm

Best, das eigentlich die „konzerninterne

Vernetzung“ der 500 Bilfinger-

Einzelunternehmen verbessern und für

„verstärktes Cross-Selling“ sorgen soll. Der

Aufbau einer dafür geschaffenen Auftragsdatenbank

kostete bisher vor allem viel

Geld – ob sie jemals mehr Aufträge bringt,

weiß niemand. Für viel Frust sorgt das sogenannte

Excellence-Programm. Gedacht

„zur Steigerung der Effizienz und Wettbewerbsfähigkeit“,

werden dabei 1250 Jobs

abgebaut, überwiegend in Deutschland.

Die vielen Baustellen haben den Kurs

der im MDax notierten Bilfinger-Aktie auf

Talfahrt geschickt. Notierte sie im April

noch bei fast 93 Euro, wird sie inzwischen

nur noch für etwa 46 Euro gehandelt.

13.10.2014

46,16 €

»

FOTO: LAIF/HANS CHRISTIAN PLAMBECK

60 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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»

Nun zieht Cevian die Reißleine. Die Investorengesellschaft

mit Sitz in Stockholm

und Büros in London und Pfäffikon bei Zürich

hat ihren Bilfinger-Anteil auf über 25

Prozent erhöht und entsendet den früheren

Metro-Chef und heutigen Cevian-Partner

Eckhard Cordes in den Aufsichtsrat.

Unerwartet kommt das harte Durchgreifen

von Cevian nicht: Alte Seilschaften um

den bisherigen Aufsichtsratsvorsitzenden

Walter hatten Cevian-Vertreter Jens Tischendorf

im Aufsichtsrat immer wieder

ins Leere laufen lassen. „Walter kam nicht

damit klar, dass Bilfinger plötzlich einen

einflussreichen Aktionär hatte“, erzählt ein

Bilfinger-Aufsichtsrat.

Alter Kämpe Bilfinger-Chef Bodner

verzichtet auf den Aufsichtsratsvorsitz

NACH GUTSHERRENART

Kein Wunder: Bis zum Cevian-Einstieg waren

die Aktien breit gestreut, die Anteilseigner

hatten wenig zu melden, die Aufsichtsräte

entschieden nach Gutsherrenart. Der

von Walter an die Unternehmensspitze gehievte

Roland Koch war auf diese Weise

unantastbar, Kritik an dem zum Jungmanager

aufgestiegenen früheren hessischen

Ministerpräsidenten galt als tabu.

Tischendorf akzeptierte das nicht und

forderte „mehr Benchmark und tiefere

Analysen des Unternehmens“, bezeugt ein

Aufsichtsrat. Cevians eigene Analysen und

die daraus entwickelten strategischen Konsequenzen

sollten im Aufsichtsrat präsentiert

und diskutiert werden. Walter habe

solche Vorstöße jedoch erfolgreich abgeblockt:

Tischendorf durfte seine Analysen

und Vorschläge nur inoffiziell, nach Ende

der regulären Aufsichtsratssitzung, präsentieren

– eine Aussprache darüber war nicht

vorgesehen. Abwehrend „wie bei einer

feindlichen Übernahme“ sei die Grundhaltung

der Bilfinger-Altvorderen gegenüber

Tischendorf gewesen, moniert ein Aufseher

aus dem Arbeitnehmerlager.

Wenn Cordes nun tatsächlich den Aufsichtsratsvorsitz

übernimmt, dürfte es mit

der Blockadehaltung schnell vorbei sein.

Der ehemalige Daimler- und Metro-Manager

gilt als harter Hund. Insider erwarten,

dass er mit den beharrenden Kräften aus

der Vergangenheit den Showdown suchen

wird. Die erste Runde dabei hat er mit Bodners

Verzicht auf den Posten des Aufsichtsratsvorsitzenden

für sich entschieden.

Eigentlich war dem Koch-Vorgänger das

Amt des Chefaufsehers so gut wie versprochen.

Zwölf Jahre lang, von 1999 bis 2011,

hatte der Bauingenieur aus Österreich Bilfinger

geführt und durch Dutzende von Zukäufen

zu einem Dienstleistungskonzern

umgebaut. Nachdem er Koch in die Vorstandsaufgaben

eingearbeitet hatte, wurde

Wenn Bodner die

Brocken hinwirft,

hätte Cevian ein

neues Problem

Bodner nach zwei Jahren Karenzzeit 2013

planmäßig in den Aufsichtsrat gewählt. Als

nun Koch das Handtuch warf, übernahm

Bodner vorübergehend noch einmal das

Ruder – und soll bleiben, bis ein Nachfolger

gefunden ist, der auch Cevian zusagt.

Da Bodner der Weg an die Aufsichtsratsspitze

jetzt verwehrt ist, könnte er allerdings

aus Trotz die Brocken hinwerfen, anstatt

wie geplant bis Ende Mai das schlingernde

Bilfinger-Schiff zu steuern, spekuliert

man in der Konzernzentrale. Cevian

hätte dann ein neues Problem: Der Investor

braucht den alten Kämpen noch ein

paar Monate. „Das wäre das nächste Unglück

im derzeitigen Bilfinger-Chaos“,

fürchtet ein Aufsichtsrat.

Zumal die Suche nach einem neuen Vorstandschef

schwierig werden könnte. Noch

ist nicht ausgemacht, welches Profil der

künftige Bilfinger-Chef haben muss. Wenn

Cevian möglichst schnell einzelne Bilfinger-Bereiche

sanieren und verkaufen will,

um die eigenen Verluste in Grenzen zu halten,

wäre ein Experte für Unternehmensübernahmen

und -verkäufe gefragt. Dann

könnte ein alter Kumpel von Cordes aus

Daimler-Zeiten mit einem Anruf rechnen:

Alexander Dibelius. Der frühere Deutschland-Chef

der Investmentbank Goldman

Sachs hatte dem Stuttgarter Autokonzern

geholfen, den Bushersteller Kässbohrer

und den US-Autokonzern Chrysler zu

übernehmen. Auch in der Baubranche

kennt Dibelius sich aus.

MIT SICH SELBST BESCHÄFTIGT

Will Cevian das Sammelsurium von rund

500 Unternehmen enger zusammenführen

und wieder auf Kurs bringen, dann „muss

der Neue vor allem das Vertrauen der

Mannschaft zurückgewinnen“, sagt ein Bilfinger-Top-Manager:

„Wegen zu vieler Umstrukturierungsprogramme

beschäftigt die

Belegschaft sich seit zwei Jahren gezwungenermaßen

viel zu viel mit sich selbst.“

Helfen könnte vor allem der frühere Bilfinger-Manager

Thomas Töpfer, der einst

das Geschäftsfeld Industrieservice von 60

Millionen Euro auf vier Milliarden Euro

Umsatz hievte – bis Koch den Neben-König

schasste und damit begann, die Struktur

des profitablen Geschäftszweiges zu zerschlagen.

Seit August ist Töpfer Vorstandschef

der SAG-Group im hessischen Langen.

Ob er zurückgehen würde zu Bilfinger?

Ein Weggefährte will das nicht ausschließen:

„Töpfer ist immer für Überraschungen

gut.“

n

harald.schumacher@wiwo.de

FOTO: CARO/ZENSEN

62 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Zeugnistag für Europas Banken

FINANZKRISE | Ein umfassender Stresstest soll Sparern und Steuerzahlern in Europa künftig teure

Überraschungen ersparen. Klappt das? Die zehn wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

Die Stunde der Wahrheit rückt näher.

Mehr als zehn Monate lang haben

Wirtschaftsprüfer im Auftrag der

Europäischen Zentralbank (EZB) die 128

bedeutendsten Kreditinstitute der Währungsunion

nach Altlasten und Kapitallücken

durchforstet, davon 24 Banken aus

Deutschland. Am Sonntag werden die Ergebnisse

verkündet, wobei für die Banken

viel auf dem Spiel steht, denn nicht alle

werden bestehen: Die Durchfaller müssen

ihre Bilanzen rasch nachbessern, sonst

droht ihnen die Abwicklung.

Im Fokus bei der bislang größten finanziellen

Sicherheitsübung aller Zeiten stehen

Anlageportfolios, die die Aufseher als

besonders riskant oder zu wenig transparent

einstufen. Dazu gehören Schiffs-, Immobilien-

oder Staatskredite sowie Derivate,

also komplizierte Geldwetten auf die

Kursentwicklung von Aktien, Rohstoffen

oder Währungen. Sind die Positionen nach

Ansicht der EZB zu optimistisch bewertet,

müssen die Banken sie nach unten korrigieren.

Doch das ist nicht alles: Zusätzlich

zum Bilanz-Check unterzieht die Aufsicht

ihre Prüflinge auch einem großen Stresstest,

bei dem untersucht wird, wie sich die

Bilanz in einem Krisenszenario entwickelt.

Damit will die EZB marode Banken identifizieren

und heraussieben.

GROSSE AUFRÄUMAKTION

Sabine Lautenschläger, Ex-Vizepräsidentin

der Deutschen Bundesbank und inzwischen

EZB-Direktoriumsmitglied sowie Vize-Chefin

der neuen Bankenaufsicht, will

die „Chance zum Aufräumen“ in den

Bankbilanzen nutzen. Tatsächlich ist beim

Stresstest nicht nur Strenge, sondern auch

Fingerspitzengefühl gefragt: Ist die EZB zu

streng und lässt eine Bank nach der anderen

durchrasseln, wären gefährliche Verwerfungen

an den Finanzmärkten die Folge.

Prüft sie zu lasch, wäre ihr Ruf dahin

und das Misstrauen gegenüber den Banken

wieder da.

Was den Druck auf die EZB noch verstärkt:

Der Stresstest ist auch Bewährungsprobe

für die Notenbank in ihrer neuen

Zusatzrolle als oberste Aufpasserin. Denn

sie übernimmt ab 4. November die zentrale

Aufsicht über die wichtigsten Finanzhäuser

der Währungsunion. Daher will

sich die EZB keine Altlasten aus dem

Verantwortungsbereich der bisher zuständigen

nationalen Behörden unterjubeln

lassen.

Bundesbank-Vorstand Andreas Dombret

lobt den Test schon vor der Veröffentlichung

der Resultate: Die Übung sei ein Erfolg,

weil die europäischen Banken ihre Bilanzen

vorsorglich mit rund 200 Milliarden

Euro gestärkt hätten. „Das Bankensystem

ist dadurch heute schon sicherer“, behauptet

der Bundesbanker. Wirklich? Die WirtschaftsWoche

beantwortet die zehn wichtigsten

Fragen zum Stresstest.

1Wann fällt eine Bank

durch?

Die Prüfer der EZB haben zunächst die

Qualität der Aktiva-Positionen in den Bilanzen

zum Stichtag 31. Dezember 2013

gecheckt. Wo stecken verborgene Risiken,

wo müssen Bewertungen von Krediten

korrigiert werden? Auf dieser Qualitätsprüfung

baut der Stresstest auf, dem zwei Szenarien

zugrunde gelegt sind: ein Basisszenario

und ein Stressszenario. Für Ersteres

ist die erwartete wirtschaftliche Entwicklung

in der Euro-Zone Grundlage. Im

Stressszenario wird ein drei Jahre anhaltender

Konjunktureinbruch mit steigender

64 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Arbeitslosigkeit, einem Börsencrash und

purzelnden Immobilienpreisen simuliert.

Bestanden hat eine Bank, wenn sie im

Basisszenario eine Kernkapitalquote von

mindestens acht Prozent aufweist. Diese

Latte muss jeweils am Ende der betrachteten

Jahre 2014, 2015 und 2016 gehalten

werden. Um das Krisenszenario zu überstehen,

darf die Kapitalquote bis Ende 2016

nicht unter die Schwelle von 5,5 Prozent

sinken. Schafft eine Bank das nicht, ist sie

durchgefallen.

2

Was

passiert, wenn eine

Bank durchfällt?

Banken, die den Test nicht bestehen, müssen

der EZB innerhalb von zwei Wochen einen

Plan vorlegen, wie sie die Kapitallöcher

stopfen wollen. Innerhalb von sechs Monaten

müssen sie Kapital aufnehmen, um Lücken

aus dem neutralen Szenario zu schließen.

Neun Monate Zeit bleibt ihnen, um

Löcher aus dem Krisenszenario zu stopfen.

3

Was passiert, wenn eine

Bank nicht genügend

Kapital aufnehmen kann?

Ist eine Bank nicht in der Lage, in dem vorgegebenen

Zeitraum den Forderungen der

EZB entsprechend ihre Eigenkapitalquote

zu erhöhen, empfehlen die Bankenaufseher

die Abwicklung. Über die Abwicklung

entscheidet aber nicht die Zentralbank allein,

sondern ein politisch besetztes Gremium

aus Vertretern von EU-Kommission,

nationalen Aufsehern und Beobachtern

der EZB.

4

Wie

werden marode

Banken abgewickelt?

Eine Bank abzuwickeln kostet Geld: Die Bilanzreste

müssen in eine Bad Bank verlagert

werden, damit der eventuell noch gesunde

Teil des abgewickelten Instituts getrennt

davon weiterleben kann. Beide

brauchen frisches Kapital, um ihren Be-

Mehr Transparenz

Europas Zentralbank

durchleuchtet

die Bilanzen der

Geschäftsbanken

trieb getrennt voneinander fortführen zu

können.

5

Wer

zahlt, wenn eine

Bank abgewickelt wird?

Eigentlich sollen Stresstest und gemeinsame

Bankenaufsicht dafür sorgen, dass für

Rettungsaktionen kein Steuergeld mehr in

den Finanzsektor fließen muss. Deshalb

sollen die Banken in den kommenden Jahren

einen gemeinsamen Rettungstopf auffüllen,

um bei Notfällen ihre Abwicklung

selbst schultern zu können. Weil dieser

Topf aber erst ab 2016 zur Verfügung steht,

können auch nach dem Stresstest noch öffentliche

Geldspritzen für Banken fällig

werden. Nach Darstellung der EZB aber

nur ausnahmsweise, um Gefahren für

Volkswirtschaft und Finanzsystem abzuwehren.

Staatshilfen hätten die Konsequenz, dass

begünstigte Banken Geschäftsteile stilllegen

müssten, um den Vorteil gegenüber

Konkurrenten auszugleichen. Erste Quelle

für Kapitalspritzen nach dem Stresstest soll

daher laut EZB der Privatsektor sein. Im

Klartext: Zur Kasse gebeten werden Aktionäre

oder Gläubiger der betroffenen Banken.

Doch selbst wenn die Institute in erster

Linie auf ihre Eigentümer zurückgreifen,

um Kapitallücken zu stopfen, wird das

nicht immer ohne öffentliches Geld möglich

sein. Viele am Stresstest teilnehmende

Banken gehören dem Staat, etwa die deutschen

Landesbanken HSH Nordbank oder

Nord/LB, an denen die Bundesländer und

die von Städten und Gemeinden finanzierten

Sparkassen beteiligt sind. Ausgerechnet

diese beiden Institute gehören zu den

Wackelkandidaten.

6

Welche Folgen hat es

für andere Banken,

wenn ein Institut durchfällt?

Viele kleine Banken haben sich zu Institutsgruppen

zusammengeschlossen: Die

zahlreichen deutschen Volks- und Raiffeisenbanken

etwa sind zu klein, um vom

Stresstest direkt erfasst zu werden. Ihr großes

Zentralinstitut, die DZ Bank, gehört

aber zu den Prüflingen. Bekommen die

Zentralinstitute solcher Bankengruppen

Probleme, müssten deren Eigentümer

Geld nachschießen – im Fall der Raiffeisenbanken

also die lokalen Institute. Sie

haben darum schon vor dem Stresstest das

Kapital der DZ Bank um fast 1,5 Milliarden

Euro aufgestockt.

»

FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 65

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Unternehmen&Märkte

»

Weil Banken untereinander Geschäftsbeziehungen

pflegen, beobachten sie genau,

wie sich die Bonität der Branchenkollegen

entwickelt. Wer beim Stresstest Probleme

bekommt, muss damit rechnen, von

Geschäftspartnern gemieden zu werden

und sich auf anderen Wegen mit Geld zu

versorgen. Die Investmentbanker wittern

darin ein lukratives Geschäft: Sie wollen

von Übernahmen profitieren oder gegen

hohe Gebühren Kapitalerhöhungen bei

Wackelkandidaten und Durchfallern organisieren.

Schon während des Stresstests

haben sie sich darum angeschaut, welche

Konkurrenten kippen könnten.

7

Wie

aussagekräftig

sind die Ergebnisse?

Je nach Land und je nach Geschäftsmodell

der Bank haben die Annahmen in dem

Stresstestszenario unterschiedliche Wirkung

auf die Kapitalquote. Sparkassen-

Präsident Georg Fahrenschon etwa kritisiert,

die Annahmen im Stresstest seien

bisweilen „etwas willkürlich“, etwa bei der

Entwicklung von Immobilienpreisen. Im

Stresstestszenario geht die EZB von einem

Verfall der Immobilienpreise um fünf Prozent

in Italien und Spanien und um 15 Prozent

in Deutschland aus. In Deutschland

würden Immobilien aber sehr konservativ

finanziert, hält Fahrenschon dagegen. Die

Auswirkung sinkender Immobilienpreise

auf deutsche Bankbilanzen dürften darum

weniger schwerwiegend sein als etwa auf

spanische.

Clemens Fuest, Finanzexperte und Präsident

des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung

(ZEW) übt dagegen Kritik

an den Banken. Denen wirft er vor, beim

Stresstest zu tricksen, indem sie ihre Bilanzsummen

schneller schrumpfen ließen

als das Eigenkapital. Auf diese Weise verbesserten

zwar viele Institute ihre Kapitalquoten

auch schon für 2013, der absolute

Betrag des Eigenkapitals habe sich dabei

aber nicht erhöht.

8

Wo

drückt die EZB ein

Auge zu?

Manchen Sorgenkindern unter den Banken

gewährt die EZB eine Sonderbehandlung.

Das gilt für Häuser, die bereits verstaatlicht

wurden oder die sich in Abwicklung

befinden. Eine Vorzugsbehandlung

genießt wohl die angeschlagene französisch-belgische

Bank Dexia, die möglicherweise

von einem Teil der Prüfung verschont

bleiben wird: Für sie soll das Stressszenario

entfallen. Dexia hat Staatsgarantien

in Höhe von 85 Milliarden Euro erhalten,

und warnte schon vor Monaten davor,

dass sie den Stresstest möglicherweise

nicht bestehen würde.

Die portugiesische Banco Espirito Santo,

die eigentlich zum Kreis der Prüflinge gehört,

wurde ganz vom Test ausgeschlossen.

Die Bank wurde im Sommer wegen einer

drohenden Pleite abgewickelt und in eine

Bad Bank und das Nachfolgeinstitut Novo

Banco aufgespalten. Novo Banco ist nicht

mehr in die Prüfung einbezogen worden.

9

Was

knapp schafft?

passiert, wenn

eine Bank den Test nur

Aus Sicht der EZB gibt es nur schwarz oder

weiß, also bestanden oder nicht bestanden.

Wenn Banken die Testhürden nur

knapp schaffen, hat das keine unmittelbaren

Konsequenzen. Investoren auf den

Finanzmärkten werden allerdings genauer

hinschauen, wenn eine Bank die Latte

nur knapp überspringt. Durchfaller, die bereits

im neutralen Testszenario Probleme

offenbaren, müssen damit rechnen, von

den Märkten abgestraft zu werden. Banken,

deren Kapitaldecke erst im Krisenmodus

bedenklich dünn wird, dürften im

Urteil der Investoren mehr Gnade finden.

Schließlich bleibt ihnen noch eine Galgenfrist

bis zur nächsten Krise, in der sie einen

größeren Sicherheitsabstand zur offiziellen

Kapitalhürde aufbauen können. Wackelkandidaten,

die nur knapp bestehen, werden

ihre Kapitaldecke nach dem Stresstest

im eigenen Interesse aufstocken, auch

wenn die Aufsichtsregeln sie nicht dazu

zwingen.

10

Was ändert sich mit

der EZB als oberste

Bankenaufseherin?

Anfang November geht die Aufsicht über

die wichtigsten Banken im Euro-Raum von

den nationalen Behörden auf die EZB über.

Wegen ihrer neuen Doppelrolle als Notenbank

und oberste Bankenaufsicht steckt sie

allerdings in einem Dilemma: „Aus geldpolitischer

Sicht hat sie ein Interesse, dass

die Geschäftsbanken mehr Kredite vergeben,

um die stotternde Konjunktur anzukurbeln“,

sagt Klaus-Peter Feld vom Institut

der Wirtschaftsprüfer in Deutschland. Dagegen

sei die EZB als Aufseherin eher an

einem Abbau von Geschäften und Risikokrediten

interessiert.

Deutsche Banken haben zudem die

Sorge, dass auf die Besonderheiten der

Branche hierzulande keine Rücksicht

mehr genommen wird. Das betrifft die

öffentlich-rechtlichen Landesbanken, aber

auch die genossenschaftlichen Banken im

Eigentum ihrer Kunden, deren Zentralinstitut

DZ Bank künftig von der EZB

überwacht wird.

n

angela.hennersdorf@wiwo.de | Frankfurt,

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

Meilensteine des größten Banken-Checks aller Zeiten

2013 2014 2015

November

Die Europäische

Zentralbank

startet mit

einer Risikoanalyse

und

Bilanzprüfung

der wichtigsten

Banken in der

Euro-Zone

Februar

Die Aufsicht legt

eine Untergrenze

von 5,5 Prozent

Kernkapital für

den Krisentest

fest und 8,0 Prozent

für das neutrale

Basisszenario

26. Oktober

Ergebnisse des

Stresstests von

128 Banken werden

veröffentlicht,

einige sind seit

November 2013

bereits untergegangen

4. November

EZB übernimmt

die Oberaufsicht

über die wichtigsten

Banken der

Euro-Zone

Mitte November

Durchfaller legen

ihre Pläne vor, wie

sie Kapitallücken

stopfen werden

Ende April

Kapitallücken

aus dem Bilanz-

Check und dem

neutralen Szenario

des Stresstests

müssen

aufgefüllt sein

Ende Juli

Kapitallücken

aus dem Krisenszenario

des

Stresstests

müssen geschlossen

sein

Quelle: EZB, eigene Recherche

66 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Cyberfallen gegen böse Jungs

DATENSICHERHEIT | IT-Konzerne drängen in das neue Milliardengeschäft mit Spionageabwehr-Centern.

Doch Unternehmen sind vorsichtig, weil sie nicht wissen, welchem Anbieter sie trauen können.

Die Szene erinnert an die Ballerei in

einem Computerspiel. Doch das

Bombardement, das die sieben

Männer auf der leicht gekrümmten Monitorwand

verfolgen, ist echt. Alle paar Zehntelsekunden

steigen irgendwo auf der

Weltkarte stilisierte Flugobjekte mit farbigem

Kometenschweif auf, meist von chinesischem,

russischem oder US-amerikanischem

Boden. Sekunden später schlagen

sie ein – in einem PC, einem IT-Netzwerk

oder einem Smartphone, irgendwo zwischen

Flensburg und Garmisch-Partenkirchen,

Aachen und Frankfurt an der Oder.

Holger Jusak ist entspannt, trotz des rasenden

Stakkatos der Angreifer auf der Monitorwand.

„Es ist Peacetime“, sagt der gelernte

Telekommunikationsinformatiker –

will heißen: Richtiger Krieg im Cyberspace

sieht anders aus.

Der 29-Jährige ist einer von sieben Spezialisten,

die hier, im hermetisch abgeriegelten

sogenannten Cyber Defense Zentrum

der Deutschen Telekom in der Konzernzentrale

in Bonn, Tag und Nacht Hackern

und Internet-Banden auflauern. Dazu

haben sie Sensoren und Fallen im Cyberspace

installiert. Obwohl Jusak und seine

Kollegen jedes Mal, wenn ein Kometenschweif

auftaucht, einen Angriff abfangen,

haben sie im Moment keinen Grund zur

Panik. Mit 5000 registrierten Attacken, die

sie in den vergangenen 24 Stunden parierten,

sei heute ein vergleichsweise „friedlicher

Tag“. Von den meisten Angriffen sei

keine Gefahr ausgegangen.

Die Botschaft, die die sieben Cyberabfangjäger

aussenden, ist eindeutig: Gerne

wären sie und ihr Arbeitgeber der Schutzpatron

der deutschen Wirtschaft. Denn sie

bieten Unternehmen an, Attacken von Hackern

und Spionen früher zu erkennen und

so Datendiebstähle zu verhindern. Dazu

stockt die Telekom ihre im April formierte

Eingreiftruppe um Jusak und Kollegen um

neun weitere Experten auf. In der Endstufe

könnten es deutlich mehr werden, wenn

Aufträge von Unternehmen reinkommen.

Der Umzug in einen größeren Raum soll

noch in diesem Herbst stattfinden.

BRISANTE GESCHÄFTSIDEE

Cyber Defense Center wie bei dem Ex-Monopolisten

vom Rhein sind der große Zukunftsmarkt,

mit dem IT- und Telekommunikationskonzerne

den Sicherheitsverantwortlichen

in den Unternehmen unter die

Arme greifen wollen. Der US-Marktforscher

Gartner prophezeit ein Milliardengeschäft

mit zweistelligen Zuwachsraten. Da

FOTO: PR/TELEKOM

Großangriff auf die Telekom

Spezialisten im Cyber Defense Center

durchleuchten das Internet nach

Spionage- und Hackerattacken

68 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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gilt es, sich frühzeitig zu positionieren. Ob

IT-Riesen wie IBM, Hewlett-Packard und

Atos oder Telekommunikationskonzerne

wie AT&T, Verizon, Orange (ehemals:

France Télécom) und die britische BT – allesamt

bauen sie Cyberabwehreinheiten

auf und bieten sich IT-Verantwortlichen als

Datensheriffs an.

Doch die Geschäftsidee birgt Brisanz.

Denn die Unternehmen sollen den Betrieb

ihres gesamten Firmendatennetzes sowie

ihrer Rechenzentren in fremde Hände legen

und darauf vertrauen, dass diese nicht

Schindluder mit den sensiblen Daten treiben.

Mehr noch: Seitdem bekannt wurde,

dass US-IT-Konzerne mit dem amerikanischen

Geheimdienst NSA zusammenarbeiten,

wächst der Argwohn gegenüber

Anbietern jenseits des Atlantiks. Auch deshalb

schrecken IT-Chefs davor zurück, externe

Überwachungstrupps in die Firmenrechner

hineinschauen zu lassen. Gerade

zehn Prozent der Unternehmen planen

laut einer Umfrage der Unternehmensberatung

Pierre Audoin Consultants (PAC)

den Einsatz eines Cyber Defense Centers.

Dabei sind Cyberabwehrspezialisten aus

Sicht von Experten wie PAC viel professioneller

und schneller als die meist nicht so

gut ausgestatteten IT-Sicherheitsabteilungen

in Unternehmen. Denn ein Großteil

der Investitionen der Firmen fließt nach

wie vor in traditionelle Schutzvorkehrungen

wie Firewalls und Virenschutzprogramme.

„Viele Unternehmen glauben, sie

seien dadurch gut gewappnet“, warnt Mathieu

Poujol, Fachmann für Cybersicherheit

bei PAC. „Doch das ist ein Trugschluss.“

MONATELANG UNENTDECKT

Eine bisher kaum beachtete Folge dieses

Trugschlusses: Angreifer bleiben viel zu

lange unentdeckt. Das zeigt der jüngste Bedrohungsbericht

des kalifornischen IT-Sicherheitsanbieters

Fireeye. Danach kommen

Unternehmen Datendieben erst nach

durchschnittlich 229 Tagen auf die Spur.

In diese Lücke stoßen die neuen Cyberdetektive.

Sie durchleuchten unablässig

mit intelligenten Analyseverfahren den riesigen

Datenstrom, der tagtäglich bei Managern

und Mitarbeitern ein- und ausgeht.

Zudem suchen sie nach Hinweisen, die auf

einen Cyberangriff schließen lassen, und

spüren Schad- und Spionageprogramme

im Idealfall auf, bevor sie ins Unternehmensnetzwerk

eindringen.

Die Deutsche Telekom etwa stöbert sogar

nach Diskussionsbeiträgen in sozialen

Netzwerken, die auf neue Angriffsmuster

schließen lassen. „Das Gebot der Stunde

heißt Früherkennung“, sagt Thomas

Tschersich, Leiter Group Security Service

bei der Deutschen Telekom. „Denn selten

sind die Angreifer beim ersten Versuch erfolgreich.“

Dass die meisten Unternehmen den Verlockungen

der Anbieter noch nicht folgen,

liegt an der fehlenden Transparenz der

selbst ernannten Datenschützer. Denn wie

beim Cloud Computing, bei dem Unternehmen

mit Software aus dem Internet

arbeiten und so ihre Daten nach draußen

geben, ist auch bei den Cyber Defense

Centern die große Frage: Welche Spezialisten

in welchen Ländern analysieren die

unternehmensinternen Daten, wenn die

Frühwarnsysteme Alarm schlagen?

Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik

(BSI) will hier Klarheit

schaffen und ein Zertifikat an IT-Unternehmen

vergeben, die Sicherheitsdienstleistungen

als Komplettservice anbieten.

»

Bits im Cyberhaufen

Wie Cyber Defense Center gefährliche Spionageprogramme aufspüren

ANGRIFF

Firewall

Verbindung zum System

Volle Systemkontrolle

Ein Hacker sendet

eine E-Mail mit

infiziertem Anhang

Der Empfänger öffnet den

Anhang, und die Schadsoftware

installiert sich automatisch

selbst

Der infizierte Computer baut eine

Verbindung zum Angreifer auf

(Verbindungen von innen nach außen

werden von gängigen Firewalls erlaubt)

Der Angreifer übernimmt die Kontrolle

über andere interne IT-Systeme und kann

mit allen Dokumenten und Programmen des

Opfers arbeiten (kopieren, ändern, löschen)

ABWEHR

Verdächtige E-Mails werden

in eine Quarantänebox umgeleitet,

um Schadsoftware

bereits während der Zustellung

abzufangen

In den Firewalls werden

laufend neue Regeln

eingepflegt, die die

Kommunikation mit

den Tätern blockieren

Datenanalysten untersuchen

die verwendete Schadsoftware

und entwickeln Suchmuster,

um andere infizierte

Systeme zu finden

Beim Zugriff auf den Rechner

hinterlassen die Täter Spuren in

Logdaten, die im Cyber Defense

Center automatisch ausgewertet

werden und Alarme auslösen

Quelle: Deutsche Telekom

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 69

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Unternehmen&Märkte

»

Derzeit erstellt die Behörde einen

Kriterienkatalog. Dabei spielen

auch die Vertrauenswürdigkeit

der eingesetzten Mitarbeiter

und Analyseprogramme sowie

der Standort eine wichtige Rolle.

Denn auch ausländische Anbieter

wollen mit deutschen Unternehmen

ins Geschäft kommen

und errichten Cyber Defense Center

gezielt in Deutschland:

n Hewlett-Packard will zu seinen weltweit

acht IT-Sicherheitszentren im Dezember in

der Deutschland-Zentrale in Böblingen ein

weiteres eröffnen, das exklusiv in Deutschland

arbeiten soll.

n Der europäische Luftfahrt- und Rüstungskonzern

Airbus öffnet seine drei Cyber

Defense Center in Ottobrunn bei München,

im walisischen Newport und in der

französischen Hauptstadt Paris verstärkt

für deutsche Unternehmen.

n Der japanische Telekommunikationskonzern

NTT, der bis 2005 Minderheitsgesellschafter

beim Düsseldorf Mobilfunker

E-Plus war, kehrte mit dem Geschäftsbereich

Cybersecurity wieder nach Deutschland

zurück. Mit zwei Centern in München

und Frankfurt (von weltweit insgesamt 16)

gehört NTT zu den Anbietern, die besonders

stark um Neukunden in Deutschland

kämpfen. „Die Nachfrage nach unseren

Cyberabwehrlösungen war noch nie so

groß“, sagt Frank Brandenburg, der für

Zentraleuropa zuständige Bereichsleiter

bei NTT Com Security.

JAPANISCHE OFFENSIVE

Wer bei den Japanern anklopft, darf NTT-

Manager Brandenburg nicht verraten. Nur

so viel will er sagen: Das ein oder andere

Dax-Unternehmen gehöre zur Stammkundschaft.

„Wir verkaufen Vertraulichkeit“,

sagt Brandenburg. „Referenzkunden

gibt es deshalb nicht.“

Für Unternehmen, die sich dem Betreiber

eines Cyber Defense Centers verschreiben,

geht es um viel Geld. Verträge, die

NTT in Deutschland aushandelte, umfassen

laut Manager Brandenburg Summen

von zehn Millionen Euro und mehr. Auf

über 1000 Seiten wird jedes Detail festgelegt.

In einem sensiblen Bereich wie der

Cyberabwehr gehen IT-Chefs kein Risiko

ein. Selbst die Expertise der eingesetzten

Spezialisten wird genau definiert. Die Unternehmen

verlangen sogar, dass nur ein

fest eingespieltes und sicherheitsüberprüftes

Team Zugriff auf die Datenströme hat.

Jeder muss sich, so eine der Vorgaben,

Video

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie ein Video

über das Cyber

Defense Center

Lieber aus Europa

94%

94%

90%

85%

71%

70%

55%

streng an die deutschen Datenschutzgesetze

halten.

Trotzdem sind Konzerne, die

die Abwehr von Cyberangriffen

bereits ausgelagert haben, nicht

vor Datendiebstahl gefeit. Das

musste die US-Warenhauskette

Target leidvoll erfahren, die im

vergangenen Weihnachtsgeschäft

Opfer eines groß angelegten Cyberangriffs

wurde. Hackern gelang es, zwischen

dem 27. November und dem 15. Dezember

2013 insgesamt 70 Millionen Kundendaten

und 40 Millionen EC- und Kreditkartendaten

zu stehlen.

Dabei hätte der größte Datendiebstahl in

der Geschichte der USA leicht verhindert

werden können, wenn die Sicherheitschefs

dem ersten Alarm nachgegangen wären.

Bereits am 30. November, also wenige Tage

nach dem ersten erfolgreichen Angriff, gingen

beim Security-Team des IT-Dienstleisters

Fireeye im indischen Bangalore die

ersten Hinweise auf gefährliche Schadsoftware

ein, die umgehend an das von Target

Unternehmen, die ihre IT und deren Sicherheit

auslagern, erwarten von den Anbietern, dass

diese...

...nach europäischen Gesetzen

arbeiten

...auch strategisch beraten

können

...spezifische Anforderungen der

Branche kennen

...zertifizierte Lösungen anbieten

...Sicherheits-Audits anbieten

...Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft bieten

...alles aus einer Hand bieten können

48% ...Kompetenzen und Referenzen beim Cloud

Computing aufweisen

Quelle: Pierre Audoin Consultants

aufgebaute Security Operation Center in

der Konzernzentrale in Minneapolis weitergeleitet

wurden.

Die vor Ort tätigen Abwehrspezialisten

nahmen die Hinweise aber nicht ernst. Erst

drei Wochen später, als die Hacker schon

110 Millionen Kundendaten gestohlen hatten,

wurde der Datendiebstahl entdeckt

und die Sicherheitslücke geschlossen.

Kein Wunder, dass High-Tech-Unternehmen,

die besonders im Fokus der Spione

stehen, deshalb nichts von der Auslagerung

ihrer IT-Sicherheit wissen wollen. So

legt Guus Dekkers, Chief Information Officer

der Airbus Group, größten Wert darauf,

dass die Cyberabwehr zentraler Bestandteil

des Konzerns bleibt. Selbst als

jüngst der Konzernvorstand alle Geschäftsbereiche

der Airbus-Rüstungs- und

-Raumfahrtsparte auf den Prüfstand stellte,

gab es bei der Sicherheit keine Abstriche.

Cyber Defense gehört weiter zum

Kerngeschäft. „Die bösen Jungs müssen

draußen bleiben“, sagt Dekkers, der als eigener

Kunde nutzt, was andere Unternehmen

als Dienstleistung kaufen sollen.

AIRBUS SPERRT WEB-SEITEN

Airbus hat nach Meinung von Experten eines

der sichersten Cyberabwehrprogramme

entwickelt, die es derzeit in Europa gibt.

Diesem Hochsicherheitsanspruch müssen

sich alle 150 000 Airbus-Mitarbeiter sowie

die 100 000 externen Mitarbeiter in der Zulieferindustrie

unterwerfen.

„85 Prozent der Angriffe zielen auf die

PCs der Mitarbeiter“, sagt Airbus-Manager

Dekkers. Ständig finden die Spezialisten

des konzerneigenen Airbus Cyber Defense

Centers dort Internet-Seiten, die mit Schadprogrammen

infiziert sind. Die werden sofort

und vollautomatisch gesperrt. Um die

Kontrolle über die PCs nicht zu verlieren,

haben die Cyberdetektive sogar das World

Wide Web limitiert. Airbus-Mitarbeiter dürfen

nur noch auf 10 000 ausgesuchten und

freigeschalteten Internet-Seiten surfen.

Hinzu kommt ein scharfer Check des Datenverkehrs.

„In Echtzeit überprüfen wir,

ob eingehende E-Mail ein Spionageprogramm

enthalten“, sagt Dekkers. Allein dadurch

würde bei Airbus jeden Monat

90-mal Schadsoftware entdeckt.

Besonders perfide Angreifer schaffen es

trotzdem, diese erste Sicherheitsstufe zu

überwinden. Das seien zwar nur 0,1 Prozent,

sagt Dekkers, „aber die sind unser

größtes Problem“. Deren Ziel sei, nicht nur

in den Besitz geheimer Dokumente zu gelangen.

Schnüffler dieser Spezies versuchten

auch, tiefer in die IT-Systeme einzudringen

und eine Komponente so zu manipulieren,

dass sie „in den nächsten Jahren

als Zugang weiter benutzt werden kann“.

Wie viel das den Airbus-Konzern kostet,

will Dekkers nicht verraten. Aber ein mittlerer

zweistelliger Millionenbetrag komme

da schon jedes Jahr zusammen. Denn bei

der Cyberabwehr ist es nicht mit einer Einmal-Investition

getan, es muss permanent

nachgelegt werden. „Für jedes erfolgreiche

Verteidigungsverfahren entwickeln die Hacker

ein Gegenmittel“, sagt Dekkers. „Das

ist wie ein Hase-und-Igel-Rennen.“ n

juergen.berke@wiwo.de

70 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Grund zur

Klage

UNICREDIT | Die Prozesse mit früheren

Aktionären der HypoVereinsbank haben

sich zur Justizposse entwickelt – und

zum Milliardenrisiko.

FOTO: DDO IMAGES/CAMERA PRESS

Helmut Krenek will es wissen. Deshalb

hat der Vorsitzende der Fünften

Kammer für Handelssachen am

Landgericht München Anfang September

einen Beschluss formuliert. In dem zwölfseitigen

Schreiben, das der WirtschaftsWoche

vorliegt, beauftragt er zwei Wirtschaftsprüfer,

ein Gutachten zu verfassen. Das soll

klären, was die österreichische Bank Austria

am 25. Oktober 2006 wert war.

Die Frage hat weit mehr als historische

Bedeutung. Sie entscheidet den Ausgang

eines der langwierigsten Prozesse um angeblich

benachteiligte Aktionäre. Seit 2008

klagen Ex-Anteilseigner der Münchner HypoVereinsbank

gegen UniCredit. Sie halten

die Abfindung für zu niedrig, die die italienische

Großbank ihnen damals für ihre Aktien

zahlte. Mit Kreneks Beschluss kommt

wieder Bewegung ins Verfahren. UniCredit

drohen Belastungen in Milliardenhöhe.

RUNTERGERECHNET?

Zur Erinnerung: Im Juni 2005 hatte die

Mailänder Bank die angeschlagene HVB

übernommen. Den Preis von rund 15 Milliarden

Euro zahlte sie in eigenen Aktien. Im

Oktober 2006 kaufte UniCredit der HVB für

13 Milliarden Euro ihre Mehrheit an der

Bank Austria ab. Wegen ihrer starken Präsenz

in Osteuropa galt die als Perle der

HVB. UniCredit hält den Kaufpreis für korrekt

und fair ermittelt, die Kläger für bewusst

heruntergerechnet. Ein höherer

Wert der Bank Austria hätte auch den Wert

der HVB gesteigert. Und den Aktionären

damit eine höhere Abfindung beschert.

Um den Wert der Bank Austria und damit

eine höhere Abfindung streiten frühere

Aktionäre um den britischen Hedgefonds

Polygon und UniCredit auch in Wien. Und

zwar heftig. Formell haben beide Verfahren

nichts miteinander zu tun – doch die

Juristen schauen sehr interessiert auf die

Fortschritte im Nachbarland.

Lange schien es, als könne sich Richter

Krenek von österreichischen Erkenntnissen

inspirieren lassen. Anfang 2009 einigten

sich Polygon und UniCredit auf ein

„beschleunigtes Verfahren“. Ein unabhängiger

Schiedsrichter sollte innerhalb eines

halben Jahres ein Ergebnis finden.

Im Oktober 2009 machte sich der in Österreich

bekannte Wirtschaftsprüfer Fritz

Kleiner ans Werk. Und das entweder unge-

13 Milliarden Euro

zahlte UniCredit 2006

für die Bank Austria. War

das viel zu wenig?

schickt oder schlicht parteiisch, wie Unterlagen

zeigen, die der WirtschaftsWoche

vorliegen. So fragte er einen als Sachverständigen

in Betracht kommenden US-

Professor schon bei der Kontaktaufnahme

nach dessen Einschätzung. Als der sich auf

die Seite UniCredits schlug, bekam er den

Auftrag. Dass er die Meinung schon vorher

ausgeforscht hatte, verschwieg Kleiner.

Da er zudem die Einsicht in die Akten

verweigerte, wollte Polygon Kleiner ab Mai

2010 absetzen, hatte damit aber erst im

April 2011 Erfolg. Sein Verhalten lasse „Unvoreingenommenheit

und Offenheit mitunter

deutlich vermissen“, begründete das

Soll mehr Geld rausrücken UniCredit-Chef

Federico Ghizzoni

Handelsgericht Wien die Abberufung mit

ungewöhnlich klaren Worten.

Kleiners Nachfolger Christoph Herbst

baute trotz der Fehler seines Vorgängers

auf dessen Erkenntnissen und dem Gutachten

des US-Professors auf. Der Verfassungsrichter

kam im Januar 2012 zu dem

Ergebnis, dass UniCredit einen kleinen

Aufschlag auf die Abfindung zahlen sollte.

Das war Polygon zu wenig. Der Hedgefonds

wittert mittlerweile eine große Justizverschwörung.

Bewaffnet mit einem mehr

als 100-seitigen Gutachten des Kölner Professors

Martin Henssler, verklagte er alle

beteiligten Schiedsrichter auf Schadensersatz.

Ohne Erfolg: Der Oberste Gerichtshof

Österreichs wies die Klage ab.

Polygon feuert weiter aus allen Rohren.

Ein neues Gutachten zeigt, dass die obersten

österreichischen Richter nur für diesen

Fall Jahrzehnte geltende Rechtsprechung

geändert haben. Der Hedgefonds hat die

Schiedsrichter wegen Betrugs angezeigt,

ihren Spruch angefochten. Bald soll der

Prozess vor dem regulären Gericht wieder

anlaufen, der während des Schiedsverfahrens

pausierte. Ein Ende ist nicht absehbar.

Dagegen will Richter Krenek in München

die Sache endlich vom Tisch haben.

Seine Fragen an die Gutachter sind detailliert

und unbequem für die Bank. So will er

wissen, warum die Bank Austria 2006 ein

Ergebnis von 3,1 Milliarden Euro erzielte,

UniCredit bei der Bewertung aber nur von

1,7 Milliarden ausging. Schnelle Antworten

wird er nicht bekommen. Die Gutachter

dürften mindestens ein Jahr brauchen. n

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 71

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Spezial | Logistik

»Wir wollen für unseren

Aufwand bezahlt werden«

INTERVIEW | David Abney und Kurt Kuehn Der neue Vorstandschef des Logistikriesen UPS und sein

Finanzvorstand wollen in Europa den grenzüberschreitenden Online-Handel vorantreiben.

Beinahe unbemerkt betritt David Abney

den Raum. Mit heiserer Stimme und hochgezogenen

Augenbrauen wirkt Abney, seit

September Vorstandschef des nach der

Deutschen Post größten Logistikkonzerns

der Welt, kaum wie der typische amerikanische

Unternehmenschef. Er ist nicht laut,

wirkt nicht wie ein Verkaufstalent – ganz im

Gegensatz zu seinem Finanzvorstand Kurt

Kuehn, der Abney zu seinem ersten Interview

mit europäischen Journalisten begleitet.

Doch er kennt UPS so gut wie seine

Sakkotasche: Seine Karriere begann vor

40 Jahren, als er als Student Pakete verlud.

Mr. Abney, Mr. Kuehn, Verbraucher lieben

kostenfreie Lieferungen. Manche bestellen

selbst einen einzelnen Stift etwa bei

Amazon und der ist am nächsten Tag bei

ihnen. Die Konsumenten finden das super,

aber was halten Sie davon? Kann sich das

für die Anbieter wirklich rechnen?

Kuehn: Nun, Internet-Händler bieten Verbrauchern

kostenlose Lieferungen an, um

damit den E-Commerce anzukurbeln. Und

einige Versender lernen gerade, dass es

sich für sie nicht immer lohnt, Waren zu

beliebig niedrigen Preisen anzubieten. Wir

jedenfalls sind bis jetzt noch nicht so verzweifelt,

dass wir auf die Idee gekommen

wären, unseren Geschäftskunden kostenlose

Lieferungen anzubieten (lacht).

Abney: Was wir allerdings an Gratislieferungen

mögen, ist, dass der Verbraucher

sie für kostenlos hält, obwohl die Kosten

womöglich längst indirekt im Preis eingerechnet

sind. Der scheinbare Gratisversand

könnte ihn dazu bringen, mehr zu bestellen.

Das ist natürlich gut für uns. Und

Amazon ist ein sehr großer Kunde von uns.

Trotzdem haben Amazon und die anderen

Internet-Händler UPS nicht nur genützt.

Ihr Gewinn je Paket ist in den vergangenen

Quartalen gesunken. Mit einem Gewinn

von 4,61 Dollar je Aktie sind Sie deshalb

deutlich unter Ihrem Jahresziel von

ursprünglich mindestens 4,85 Dollar

geblieben. Wie wollen Sie das stoppen?

Kuehn: Wir haben sehr schnelles Wachstum

beim Internet-Handel erlebt. Gleichzeitig

hat sich der Anteil der Sendungen an

Privatkunden im Vergleich zu denen zwischen

Geschäftspartnern erhöht. Letztere

sind typischerweise größere und schwerere

Pakete, die mehr Gewinn bringen. Wir

setzen deshalb auf Automatisierung, um

DER ZUPACKENDE

Abney, 58, hat sich vom Paketverlader zum

Verantwortlichen für die internationalen

Aktivitäten und schließlich zum Vorstand

hochgearbeitet. Als UPS-Chef berät er US-

Präsident Obama bei Exportfragen.

»

FOTO: KEYSTONE/DOMINIQUE ECKEN

72 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Spezial | Logistik

»

DER SMARTE

Kuehn, 59, startete 1977 als Fahrer bei

UPS. Der Yale-Absolvent begleitete 1999

den Börsengang von UPS, der als der

größte des 20. Jahrhunderts gilt. Heute ist

Kuehn Finanzvorstand.

Online-Handel wird global

Durchschnittliche jährliche Wachstumsrate

(in Prozent)

Grenzübergreifender

Internet-Handel

Internet-Handel

Globales

Wirtschaftswachstum

Quelle: eMarketer

Handel

3,7

5,8

16,5

26,6

unsere Kosten zu senken, damit wir

auch da wirklich profitabel sein können.

Wie wollen Sie das auch beim Privatkundengeschäft

schaffen?

Kuehn: Eine der großen Änderungen ist,

dass wir im kommenden Jahr in den USA

das sogenannte dimensionale Gewicht

einführen werden.

Was muss man sich darunter vorstellen?

Abney: Vor allem die neueren Internet-

Versender übersehen häufig, dass nicht

ausgenutzter Platz in Kartons uns sehr viel

Geld kostet. Wenn sie für den Versand nur

nach dem Gewicht des Paketes bezahlen

und nicht nach dessen Größe, spielt das für

sie wahrscheinlich keine so große Rolle.

Aber die Kartons füllen unsere Flugzeuge

und unsere Container und nehmen dort

Platz weg. Wir wollen für den Aufwand

bezahlt werden, den wir haben. Deshalb

führen wir die neue Preisberechnung ein.

Kuehn: Und die Nachhaltigkeit ist hier

auch wichtig: Kleinere Pakete bedeuten

weniger Papierverbrauch, weniger Flüge

und weniger Lastwagen. Wir hoffen, dass

wir dadurch auch das Verhalten unserer

Kunden ändern können. Aber das wird

wohl noch ein paar Jahre dauern.

Denken Sie darüber nach, auch in Europa

die Preismodelle in den nächsten Jahren

zu verändern?

Kuehn: Nein, die großen Veränderungen

kommen erst mal in den USA.

Mittlerweile schickt Amazon eigene Lieferwagen

auf die Straßen und fängt an, in

San Francisco, Los Angeles und New York,

aber auch in Frankreich eigene Logistikstrukturen

aufzubauen. Sehen Sie das als

Bedrohung?

Kuehn: Wir glauben nicht, dass Amazon in

die Lieferbranche einsteigen will. Sie sind

nur entschlossen, ihre Produkte schnell

zum Kunden zu bringen. In den Ländern

und Regionen, wo wir eine starke Präsenz

haben und auch auf das Privatkundengeschäft

ausgerichtet sind – wie in den USA –,

bauen wir unser Netzwerk sehr schnell

weiter aus. In anderen Ländern wie zum

Beispiel Frankreich, wo wir nicht so eine

große Präsenz im Privatkundengeschäft

haben, würden wir nicht so starke Geschäftsbeziehungen

zu Amazon suchen.

Abney: Nichtsdestotrotz ist Amazon auch

in Europa für uns ein Kunde, mit dem wir

schnell weiter wachsen; wir sind ein wichtiger

Pfeiler in Amazons Netzwerk.

Im vergangenen Jahr hat Ihnen die Europäische

Kommission einen Strich durch

den Kauf des niederländischen Paketverteilers

TNT gemacht, durch den UPS in

Europa seine Präsenz hätte immens steigern

können. Versuchen Sie einen neuen

Anlauf in vergleichbarer Größenordnung?

Abney: Wir sind mit der Entscheidung der

Europäischen Kommission nicht einverstanden

und zweifeln auch an den Fakten,

die in der Begründung genannt wurden.

Deshalb haben wir Einspruch gegen das

Urteil eingelegt. Aber auch unabhängig davon

wachsen wir in Europa extrem schnell.

Allein im ersten Halbjahr 2014 haben wir in

Europa 15 Prozent mehr Pakete grenzüberschreitend

ausgeliefert, in Deutschland

war das Wachstum sogar noch stärker.

Denken Sie an weitere Zukäufe? Auch mit

einer ähnlich großen Präsenz wie TNT?

Abney: Wir haben im vergangenen Jahr im

Bereich Health Care drei kleinere Akquisitionen

getätigt. Und wir halten weiter nach

Möglichkeiten für Zukäufe Ausschau – allerdings

nicht unbedingt in der Größenordnung

von TNT. Einfach, weil es davon

nicht so viele gibt.

Besonders in Deutschland sind Ihre

Konkurrenten wie die Deutsche Post oder

Hermes im Privatkundengeschäft sehr

stark. Spielt dieser Teil des Geschäfts für

Sie keine so große Rolle?

Abney: Doch natürlich, für uns sind sowohl

das End- wie das Geschäftskundensegment

in Deutschland sehr wichtig. Als

wir 1976 in Deutschland starteten, war das

unser erster Markt außerhalb des amerikanischen

Kontinents. Natürlich sind wir traditionell

eher auf die Lieferungen von Geschäftskunde

zu Geschäftskunde spezialisiert.

Aber unser Privatkundengeschäft hat

sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu

einem wichtigen Teil unserer Aktivitäten

entwickelt. Vor allem glauben wir an

Wachstumschancen bei internationalen

Sendungen. Der grenzübergreifende Internet-Handel

soll bis 2020 immerhin sieben

Mal so schnell ansteigen wie das weltweite

Wirtschaftswachstum. Und wir wollen diese

Revolution des Handels steuern.

Wie denn?

Abney: Wir haben mittlerweile in allen bedeutenden

Ländern Europas Paketshops,

unsere UPS Access Points, wo Kunden ihre

Pakete abgeben und abholen können. Wir

FOTO: BLOOMBERG NEWS/ANDREW HARRER

74 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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haben gerade erst angekündigt, dass wir

auch Italien und Polen in unser Netzwerk

aufnehmen wollen. Und in Deutschland,

wo wir damit erst im Mai 2013 gestartet

sind, haben wir mittlerweile mehr als 2750

Access Points.

Kuehn: Insgesamt werden wir in Europa in

den nächsten drei bis fünf Jahren rund eine

Milliarde Dollar in den Ausbau unserer Kapazitäten

investieren.

In Deutschland haben Sie sich mit Hermes,

DPD und GLS zusammengeschlossen, um

eine Paketbox auf den Markt zu bringen.

Die Deutsche Post hatte kurz zuvor ähnliche

Pläne angekündigt...

Abney: Ja, aber wir gehen davon aus, dass

eine offene Lösung, die mehr als nur einem

Paketdienst offensteht, den Kundenwünschen

besser entspricht und sich deshalb

auch am Markt durchsetzen wird.

Sie haben kürzlich das auf grenzüberschreitenden

Online-Handel spezialisierte

US-Unternehmen i-Parcel gekauft. Was

erwarten Sie sich von diesem Deal?

Kuehn: i-Parcel ermöglicht Anbietern in

den USA und in Großbritannien, mit ihren

Web-Sites auch Kunden in 100 weiteren

Märkten zu erreichen und ihre Produkte

dorthin zu verschiffen. Zum Beispiel indem

sie die Internet-Seiten entsprechend

für internationale Kunden ausbauen und

indem sie ein Netzwerk für den günstigen

und nicht dringlichen Transport aufbauen.

Mit der Zeit werden wir den Service mit

Sicherheit auf weitere Länder ausbreiten.

In den USA haben Sie seit vergangenem

Jahr insgesamt 60 Filialen mit 3-D-

Druckern ausgestattet, mit denen Kunden

vor Ort kleine Plastikteile ausdrucken

können. Was erwarten Sie sich davon?

Abney: Ich habe gerade erst eine der Filialen

besucht, um mir das selbst anzugucken.

Wir können mit dem 3-D-Druck so

viel mehr machen, als mir selbst klar war.

Zum Beispiel?

Abney: Manche Unternehmenskunden

nutzen den Drucker, um Prototypen von

eigenen Produkten auszudrucken, die sie

dann an einen Fabrikanten geben. Oder Ersatzteile:

Statt sich diese umständlich beim

Hersteller zu besorgen, drucken sie sie einfach

in unserer Filiale. Wir haben zum Beispiel

einen verstellbaren Schraubenschlüssel

gedruckt, der sich für unterschiedliche

Schraubengrößen einstellen lässt. Und das

dauert nur ein paar Stunden. Das Verfahren

eignet sich natürlich nicht für Massenproduktionen.

Aber wenn ein Hersteller oder

Verarbeiter nur einige kleine Teile braucht,

ergibt das durchaus Sinn. Wir sehen ein

ordentliches Potenzial und wollen das Projekt

jetzt auf 100 Filialen ausweiten.

Kuehn: Wir sind jedenfalls davon überzeugt,

dass der 3-D-Druck einen größeren

Einfluss auf Transportprozesse und die

Branche haben wird als Lieferdrohnen, obwohl

die im Moment zehnmal so viel öffentliche

Aufmerksamkeit bekommen.

Die Deutsche Post hat gerade ein Pilotprojekt

gestartet, bei dem eine Paketdrohne

Medikamente auf die Nordseeinsel

Juist liefert. Hat UPS etwa keine

Drohnenpläne?

Abney: Wir beobachten diese Technologie

schon eine Weile. Aber es gibt noch einige

Hindernisse wie die ungeklärten Fragen

hinsichtlich der Flugsicherheit und der Privatsphäre.

Nicht jeder sieht es gern, wenn

so ein Ding direkt vor seiner Haustür landet

oder über seinem Garten schwebt,

oder? Ich denke nicht, dass der Stift, über

den wir am Anfang gesprochen haben,

bald von einer Drohne geliefert wird. »

jacqueline.goebel@wiwo.de

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Spezial | Logistik

Am Haken Die Gewinne des Hamburger

Hafens sind wegen Ukraine-Krise und

Handelsembargo gesunken

Länger liegen,

weniger laden

HANDEL | Terroristen, Ebola, politische Sanktionen – die Vielzahl

der Krisen schlägt auf das Geschäft der Logistiker durch.

Seit 34 Jahren kennt er das Land, trotzdem

traut sich Henning Schnaars

heute nicht mehr, alleine mit dem

Auto durch Libyen zu fahren. Zu gefährlich,

sagt der Spediteur, wegen der Entführungen.

Ohne seine libyschen Mitarbeiter

will sich Schnaars deshalb nicht mehr im

Land fortbewegen.

Schnaars ist oberster Spediteur des Bremer

Logistikunternehmens Carl Ungewitter.

Das Familienunternehmen mit 60 Mitarbeitern

hat sich seit den Achtzigerjahren

auf Libyen spezialisiert. Und genauso lange

reist Schnaars, ein Mittfünfziger mit

grau-braunem Bart, durch die Städte und

Wüsten des nordafrikanischen Staates.

Doch seit 2011, seit dem arabischen

Frühling und dem Tod des Diktators Muammar

al-Gaddafi, bekämpfen sich in den

Straßen der Städte immer wieder verfeindete

Gruppen: erst die Regimeanhänger

und die Aufständischen und jetzt verschiedene

Rebellengruppen untereinander. „Ich

habe seit 2011 in Libyen immer damit ge-

lebt, dass ich Schüsse gehört habe, während

ich dort war“, sagt Schnaars unbeeindruckt,

der trotzdem jedes Jahr mehrfach

nach Libyen flog. „Da zieht man sich dann

besser ins Hotel zurück.“

Andere sind vorsichtiger: Der US-Logistikriese

UPS, nach der Deutschen Post der

größte seiner Art weltweit, hat im Juni seine

Tätigkeiten in Libyen komplett eingestellt.

Und auch Mittelständler wie die Schweizer

Spedition Militzer und Münch haben ihre

Mitarbeiter abgezogen. Ungewitter hingegen

bleibt.

STARKE RÜCKGÄNGE

Unruhen in Libyen und dem Jemen, Ebola

in Guinea und Sierra Leone, die Attacken

der Terrorgruppe „Islamischer Staat“, die

weiter schwelende Krise zwischen Russland

und der Ukraine – es rumort kräftig in

der Welt. Und die Wirtschaft bekommt die

Folgen zu spüren. Vor allem die Speditionsunternehmen,

die sich auf einen der

Krisenherde spezialisiert haben. Das gilt

für die Spedition Carl Ungewitter. Oder

auch den Hamburger Hafen.

Denn für Deutschlands größten Hafen

ist Russland der zweitwichtigste Handelspartner

nach China. 32 wöchentliche

Schiffsverbindungen gibt es zwischen

Hamburg und Russland. Der Betreiber des

Hafens, die Hamburger Hafen und Logistik

(HHLA), betreibt zudem in der ukrainischen

Hafenstadt Odessa am Schwarzen

Meer ein Terminal. Da wundert es nicht,

dass das Ergebnis nach Steuern der HHLA

im ersten Halbjahr des Jahres um 5,5 Prozent

auf 41 Millionen Euro gesunken ist.

Grund für die immer schwächer werdenden

Handelsströme sind nicht allein

Sanktionen und Embargos. Eine große Rolle

spielt die Psychologie. „Die Krisen schüren

Unsicherheit“, sagt Raimund Klinkner,

Vorstandsvorsitzender des Branchenverbands

Bundesvereinigung Logistik (BVL)

in Bremen.

Konzerne weltweit lassen Investitionen

ruhen oder wenden sich von bestimmten

Regionen ganz ab. Das treffe auch die Logistikbranche.

„Die Erwartungen für zukünftige

Geschäfte sind bei den deutschen

Logistikern um 14 Prozent gesunken“, sagt

Klinkner mit Blick auf den Logistik-Indikator,

mit dem die BVL gemeinsam mit dem

Kieler Institut für Weltwirtschaft die Stimmung

bei den deutschen Logistikern ermittelt.

„In Krisenzeiten wird grundsätzlich

immer weniger investiert. Das ist auch

ein psychologischer Effekt“, sagt Christian

Kille, Logistik-Professor an der Hochschule

Würzburg.

Die Spedition Militzer und Münch

(M&M) kämpft mit dieser Verunsicherung

gleich an zwei Fronten. Denn das Unternehmen

mit Sitz im schweizerischen St.

Gallen ist Spezialist für Russland- und

Nordafrika-Transporte. Erst im vergangenen

Jahr musste die Spedition ihr Büro im

Nordirak schließen, in diesem Jahr wurde

die Präsenz in Libyen dichtgemacht. Doch

es ist vor allem die Ukraine-Krise, die das

Unternehmen beunruhigt. „Russland ist

eine unserer Säulen“, erklärt Deutschland-

Chef Sven-Boris Brunner.

Etwa 2800 Mitarbeiter sind für die Spedition

tätig, die im Jahr etwa 450 Millionen

Euro Umsatz erzielt. Nur etwa 300 Beschäftigte

arbeiten in Deutschland – in Russland

mehr als 1000. Zwar sei der Umsatz dort aktuell

noch stabil. Doch die Ukraine-Krise

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

76 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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76,5

Milliarden Euro betrug

2013 das Handelsvolumen

zwischen Russland und

Deutschland

verzögere Investitionen in den russischen

Markt und verderbe die Konsumlaune, sagt

Brunner: „Gerade bei den Transporten aus

der Automobilindustrie oder im Maschinenbau

verzeichnen wir deutliche Auftragsrückgänge.“

Wo die Aufträge nicht wegbrechen,

hemmt die Bürokratie, die durch die Sanktionspolitik

entstanden ist: Die russische

Regierung habe zwar ganz klar Zollnummern

von Warengruppen benannt, die unter

dem Embargo stehen. Doch die EU-

Sanktionen seien wesentlich unbestimmter.

Viele Exporteure wenden sich deshalb

an das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle

in Eschborn, um Ausnahmegenehmigungen

zu erhalten.

Trotz Überstunden kommen die Beamten

dort den Anfragen kaum mehr hinterher.

Zwischen August und September habe

sich die Zahl der Anfragen verfünffacht, teilt

das Amt mit. Und auch die Zollprüfungen

vor Ort verlangsamen die Auslieferungen.

Statt der üblichen fünf Tage müsse man

deshalb mit acht bis zehn Tagen Lieferzeit

bis nach Russland rechnen, sagt Brunner.

Nicht viel anders läuft es in Westafrika,

wo die Menschen derzeit verzweifelt versuchen,

die weitere Ausbreitung der Ebola-

Seuche zu verhindern. Dort sorgen nun

rigide Sicherheitsvorschriften für Verzögerungen:

Jedes Schiff, jedes Crewmitglied

müsse sich in den Häfen der Elfenbeinküste

einer ärztlichen Untersuchung

unterziehen, sagt Rainer Horn, Sprecher

der Hamburger Reederei Hapag Lloyd.

Doch die Inspektoren schaffen nicht mehr

als zwei Containerschiffe am Tag abzufertigen.

„Wir haben dort zwar keine eigenen

Schiffe im Einsatz. Aber mit gecharterten

Schiffen laufen wir die Häfen weiterhin an“,

sagt Horn. Hapag Lloyd verlangt daher extra

eine „Inspektionsgebühr“ von 250 bis

350 US-Dollar je Container von seinen

Kunden, um die Mehrkosten für die Wartezeiten

abzudecken. Doch immerhin schlügen

die Krisen bislang noch nicht auf den

Umsatz durch, da das Transportvolumen

in die betroffenen Regionen nur sehr gering

sei, sagt Horn. Und die Schiffe können

immer noch ausweichen, wenn ein Hafen

in einer der Katastrophenregionen nicht

mehr sicher ist.

Henning Schnaars kann das nicht. Das

Libyen-Geschäft macht fast die Hälfte des

Umsatzes der Spedition Ungewitter aus.

Als der Krieg 2011 ausbrach, musste das

Unternehmen Kurzarbeit anordnen. Und

seit in den Straßen von Tripolis und Benghasi

wieder geschossen wird, seien die

Aufträge in Libyen eingebrochen.

Infrastrukturprojekte seien auf Eis gelegt,

deshalb komme auch weniger Fracht

ins Land. „Das größte Problem ist dann,

dass man die Schiffe nicht voll auslasten

kann“, beklagt Schnaars. Immerhin einen

Lichtblick gibt es für den Spediteur: Ungewitters

wichtigster Auftraggeber, die libysche

Ölindustrie, produziere weiter. n

jacqueline.goebel@wiwo.de

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Technik&Wissen

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MOBILITÄT | Carsharing liegt im Trend und hat den

gewissen Ökochic. Jetzt steigen mit Audi, Volvo, Opel und

Toyota weitere große Hersteller in das Geschäft

ein. Doch profitieren auch die Städte und die Umwelt?

Mit Vollgas aus der Nische

Wie sich Carsharing in Deutschland

entwickelt (in Tausend)

1000

800

700

600

500

400

300

200

100

0

Registrierte Nutzer

Carsharing-Fahrzeuge

1999 2014*

* Stand September 2014, sonst jeweils 1. Januar;

Quelle: Bundesverband Carsharing

18

16

14

12

10

8

6

4

2

0

Auf drei Rädern Toyota startet Carsharing

mit ungewöhnlichen Elektromobilen

in der französischen Stadt Grenoble

Schon die schrille

grüne Farbe des

Dreirades mit

Dach ist ein Hingucker.

Doch spätestens

wenn sich das Gefährt namens

i-Road von Toyota wie ein Motorrad in die

Kurve legt und dabei immer bedrohlicher

neigt, schauen alle Passanten im französischen

Grenoble hin.

Die Bewohner der Universitätsstadt werden

sich an die zweisitzige Kreuzung zwischen

Motorrad und Auto gewöhnen müssen.

Denn Toyota ist mit dem i-Road gekommen,

um zu bleiben. Der weltgrößte

Autohersteller testet hier seit Anfang Oktober

sein neues Carsharing-Angebot mit 70

der ungewöhnlichen Wägelchen einschließlich

einiger vierrädriger Varianten,

voll vernetzt mit dem lokalen Nahverkehr.

Der i-Road soll die Lücke zwischen Auto

und Fahrrad füllen. Mit seinem Wendekreis

von nur drei Metern – gelenkt wird

mit dem dicken Hinterrad – und einer Breite

von 85 Zentimetern wieselt der moderne

Kabinenroller durch jede Gasse der Altstadt

von Grenoble. Und pustet dabei keine

Abgase in die Luft, denn für den Schwung

sorgen zwei elektrische Radnabenmotoren

mit drei PS (zwei Kilowatt). Eine Akkuladung

reicht für etwa 50 Kilometer.

Toyota zählt damit wie Audi, Opel und

Volvo eher zu den Späteinsteigern in das

Geschäft mit den geteilten Autos. Die Konzerne

treffen auf Platzhirsche wie Flinkster

von der Deutschen Bahn, Car2Go vom

Stuttgarter Daimler-Konzern oder Drive-

Now vom Münchner Konkurrenten BMW.

Aber auch Volkswagen, Ford sowie Peugeot

und Citroën fehlen nicht:Praktisch alle

großen Hersteller mischen mit – manche

wie Daimler und BMW sehr ernsthaft, andere

wie VW oder der französische PSA-

Konzern etwas halbherzig. Die Autobauer,

so der Eindruck, haben die einst grüne Idee

des Autoteilens für ihre Zwecke gekapert.

Schon melden sich die ersten Zweifler, die

fragen: Führt Carsharing wirklich zu weniger

Autoverkehr, weil die Nutzer bewusster

entscheiden, wann sie ein Fahrzeug brauchen?

Oder legen sie jetzt auch kürzeste

Strecken mit dem Pkw zurück, statt in Bus

und Bahn einzusteigen? Sind die knappen

Parkplätze in unseren Städten bald mit den

Mietautos zugepflastert?

Die Absicht der Autohersteller ist klar.

Sie setzen auf einen Markt, der gerade

boomt, und wollen sich ein möglichst großes

Stück vom Kuchen abschneiden. Der

Bundesverband Carsharing registrierte

vor wenigen Tagen den millionsten Nutzer

in Deutschland. Und der Run geht weiter.

Die Unternehmensberatung Roland Berger

erwartet, dass das Geschäft mit den geteilten

Autos bis 2020 um jährlich 30 Prozent

auf bis zu 5,6 Milliarden Euro Umsatz

wachsen wird.

Einer der wichtigsten Gründe für den

Boom: Noch nie war Carsharing dank

Smartphones so einfach wie heute. Auf

dem Handy sieht der Kunde, wo welche

Fahrzeuge stehen. Er kann sie reservieren,

bei Flinkster und Car2Go demnächst sogar

mit dem Telefon aufschließen, bei Mu von

Peugeot lässt sich vom Rad bis zum Transporter

einfach alles teilen.

Immer neue Angebote sollen Kunden

locken. Derzeit können sie zwischen

zwei prinzipiellen Formen des Carsharings

FOTO: PR

78 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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wählen: Bei den stationären Angeboten

wie Flinkster, dem größten Carsharing-

Anbieter Deutschlands, müssen Kunden

im Voraus ein Auto buchen, es an einer

Station abholen und dort in der Regel auch

wieder abgeben. Die Preise sind relativ

niedrig, nur unangemeldetes Überziehen

der Leihzeit ist schmerzhaft teuer. Bei Free-

Floating-Angeboten, wie die Branche sie

mehr schlecht als recht gedenglischt

nennt, etwa von Car2Go und DriveNow,

sind die Fahrzeuge quer über eine Stadt

wie Köln oder Berlin verteilt. Der Kunde

sieht auf seinem Smartphone, wo ein Fahrzeug

in seiner Nähe verfügbar ist, öffnet es

mit Chipkarte oder Handy, steigt ein und

stellt es später einfach wieder im Stadtgebiet

ab. Die Flexibilität ist komfortabel, kostet

aber zusätzlich (siehe Tabelle Seite 80).

Wer sich als Nachzügler im Markt behaupten

will, muss sich von der Konkurrenz

klar abheben. So wie es

Toyota mit seinen witzigen

Fahrzeugen in Grenoble versucht.

Volvo beispielsweise will

ab 2016 ein Angebot organisieren,

bei dem die Kunden der

Schwedenmarke untereinander

ihre Fahrzeuge tauschen.

„Wenn ich auf Reisen bin und

mein Volvo würde etwa auf dem

Parkplatz am Flughafen stehen,

online

Eine Übersicht aller

deutschen Carsharing-

Dienste mit Suchfunktion

finden Sie unter

wiwo.de/carsharing

warum soll ich ihn dann nicht per

Smartphone an ausgewählte Nutzer verleihen

können?“, deutet Konzernchef Hakan

Samuelsson die Richtung des Angebots an.

Ein vergleichbares Carsharing-Konzept

unter dem Namen „Audi unite“

bietet der Autohersteller aus Ingolstadt

an. Bis zu fünf Personen

können sich für ein oder

zwei Jahre ein Auto teilen – vom

kleinen A1 bis zum Supersportwagen

R8. Die Nutzer organisieren

sich über das Smartphone.

Per App kann jeder das

Fahrzeug reservieren und feststellen,

wo das Auto steht –

»

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 79

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Technik&Wissen

»

und wie viel Benzin noch im Tank ist.

Die Audi-Art des Teilens kostet monatlich

pro Person je nach Modell zwischen 160

und 970 Euro. Der Betrag schließt Steuern,

Versicherung, Service, monatliche Reinigung

und Reifenwechsel ein. Audi-Chef

Rupert Stadler hofft: „So generieren wir

komplett neue Zielgruppen für bestimmte

Produktgattungen.“ Ähnliches plant auch

Opel für die eigene Kundschaft.

Angesichts der vielen neuen Angebote

reagieren nun auch die etablierten Firmen.

Daimlers Car2Go und DriveNow von BMW

erlauben ab sofort, mit den Autos aus der

Flotte von Köln ins etwa 40 Kilometer entfernte

Düsseldorf zu fahren. Interessant ist

das vor allem für Pendler im Rheinland, die

das Gefährt dann in der Nachbarstadt stehen

lassen können. Bislang war der Fuhrpark

von Car2Go mit den zweisitzigen

Smarts – auch elektrischen – auf Stadtfahrten

ausgerichtet. In Berlin und Hamburg

wird Car2Go nun auch größere B-Klasse-

Modelle von Mercedes anbieten, um langstreckentauglich

zu werden.

JUNGE LEUTE IM KAUFSTREIK

Daimler und die Deutsche Bahn wollen zudem

ihre Dienste spätestens Anfang 2015

verknüpfen – sobald bei beiden Anbietern

die Miete und das Öffnen der Autos per

Smartphone funktioniert. Egal, ob Flinkster

oder Car2Go, die eigenen Kunden können

dann auch beim Kooperationspartner

ins Auto steigen. Die beiden Firmen sind

dann mit mehr als 6600 Fahrzeugen in fast

Car2Go und

Flinkster bieten

bald mit 6600

Autos die größte

Flotte an

allen größeren deutschen Städten vertreten.

Von einer solchen Flotte können andere

nur träumen. Denn neben den großen

tummeln sich viele kleine Anbieter auf

dem Markt, etwa Töchter von Stadtwerken

wie flow>k, dem neuen Carsharing-Angebot

für Osnabrück, das Car2Go zum Verwechseln

ähnelt.

Die Gründe, warum das Carsharing-Angebot

so stark wächst, sind vielfältig: Vor allem

in Großstädten verlieren junge Menschen

offenbar die Lust am Auto. Das

Kraftfahrtbundesamt registriert beispielsweise

immer weniger Neuwagenkäufer im

Alter von 18 bis 29 Jahren: 1999 leisteten

sich noch mehr als 14 Prozent dieser Bevölkerungsgruppe

ein neues Fahrzeug,

2009 waren es nur noch sieben Prozent, im

Jahr 2013 stagniert die Zahl bei 6,6 Prozent.

Die Vertreter des IT-Branchenverbands

Bitkom glauben, dass die Altersgruppe sich

ein Leben ohne Internet und Handy nicht

mehr vorstellen kann – eines ohne Auto

sehr wohl. Schließlich steht ein Pkw im

Schnitt pro Tag mehr als 23 Stunden am

Straßenrand herum, er muss in die Werkstatt,

kostet Versicherung und braucht

neue Reifen. Das schicke Smartphone aber

ist immer zum Angeben mit dabei.

Einen weiteren Trend sieht Andreas Huber,

Geschäftsführer der deutschen Abteilung

des Club of Rome: „Unsere Statussymbole

wandeln sich: weg vom Besitzen hin

zur Freiheit des Benutzens.“ Er hofft daher,

dass „wir ganz einfach weniger konsumieren“,

weil es nicht mehr wichtig sei, etwas

wie ein Auto zu besitzen, solange wir Zugriff

auf ein Fahrzeug haben.

Aus dieser Haltung ist die Carsharing-

Idee ursprünglich entstanden. Sie nahm in

den Achtzigerjahren in Deutschland richtig

Fahrt auf. Ein geteiltes Auto ersetzt, so

hat der Bundesverband Carsharing ermittelt,

immerhin bis zu zehn Autos. Doch es

ist das Verdienst von Car2Go, dem Pionier

des flexiblen Autoteilens, das Carsharing

aus der Ökoecke, der Nische für Weltverbesserer,

herausgeholt und für ein breiteres

Publikum attraktiv gemacht zu haben.

STREIT UNTER EXPERTEN

Gerät damit nun die einst grüne Idee in die

Hände der Autohersteller, nachdem fast alle

großen im Geschäft sind? Die Konzerne

haben natürlich ganz andere Ziele als die

Anbieter der ersten Stunde: Sie wollen

neue Geschäftsfelder erschließen und vor

allem junge Kunden irgendwann doch

noch zum Kauf eines Autos bewegen.

Flexibilität kostet Geld

Es gibt 150 Carsharing-Anbieter in Deutschland. Was ausgewählte Anbieter leisten und kosten

Anbieter

Zahl der Fahrzeuge Verbreitung

Fahrzeugtypen Carsharing-Typ Kosten pro km

Sonstige Kosten

Flinkster (Dt. Bahn)

mehr als 3100

140 Städte

viele

stationär

18–20 Cent

1500 Euro SB* bei Unfall

Stadtmobil

2000

100 Städte

25 verschiedene

stationär

ab 18 Cent

regional verschieden

Cambio

mehr als 1000

15 Städte

viele

stationär

ab 23 Cent

1000 Euro SB bei Unfall

Book-n-drive

450

Rhein-Main-Gebiet

Smart, Seat Mii, Ibiza

stationär

ab 17 Cent

keine

Citeecar

450

4 Städte

Kia Rio

stationär

24 Cent

1000 Euro SB bei Unfall

Angebote der Fahrzeughersteller

Car2Go (Daimler)

3500

7 Städte

Smart, Smart e-Drive

flexibel

29 Cent pro Minute

500 Euro SB bei Unfall

DriveNow (BMW)

2360

5 Großstädte

BMW 1er, X1, Mini

flexibel

ab 24 Cent pro Minute

750 Euro SB bei Unfall

Quicar (VW)

200

Hannover

VW Golf

stationär

20 Cent

1000 Euro SB bei Unfall

Ford Carsharing

70

30 Städte

Ford Ka, Fiesta, Focus

stationär

19–21 Cent

1500 Euro SB bei Unfall

Mu (Peugeot) keine Angabe deutschlandweit

* SB = Selbstbeteiligung; Quelle: eigene Recherchen, AMS

alle Peugeot-Modelle

stationär bei Händlern

ab 33 Cent

keine Angaben

FOTO: PR

80 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Da kommt der Streit um die Nachhaltigkeit

des Carsharings , der gerade aufflammt,

eher ungelegen. Bei Angeboten

wie denen von Car2Go und DriveNow, so

die These einer im September erschienenen

Studie des Berliner Beratungsunternehmens

Civity, „handelt es sich um einen

Hype“. „Die leisten keinen Beitrag zur Entlastung

des Verkehrs in Ballungsräumen“,

findet Stefan Weigele, Mitgründer von Civity

und Autor der Untersuchung.

Seinen Analysen zufolge wird ein Leihwagen

beispielsweise in Berlin durchschnittlich

rund 62 Minuten am Tag gefahren

– kaum mehr als ein Fahrzeug im Privatbesitz.

Im bundesweiten Durchschnitt

seien die Nutzungszeiten sogar noch geringer,

sagt Weigele: Car2Go erreiche eine

tägliche Auslastung von 54 Minuten,

DriveNow von 58 Minuten.

Carsharing werde zudem für vergleichsweise

geringe Entfernungen genutzt. In Berlin

im Schnitt für Strecken von 5,8 Kilometern.

Die Folgerung der Studien-Autoren:

Das seien Distanzen, die sich auch mit Bus,

Bahn oder Rad zurücklegen ließen. Die Angebote

trügen damit nicht zur Entlastung

des Verkehrs in den Innenstädten bei.

Klar, dass die Betroffenen wenig erbaut

sind: „Die Daten der Studie stimmen nicht

mit unseren überein“, heißt es bei Car2Go.

Ihre Fahrzeuge würden im Schnitt viel häufiger,

nämlich sechs- bis achtmal am Tag

ausgeliehen, eine Miete dauere zwischen

20 Minuten und 40 Minuten. In Deutschland

führen die Fahrzeuge im Durchschnitt

mindestens 150 Minuten am Tag.

Woher kommen die unterschiedlichen

Zahlen? Weigele und seine Mitarbeiter haben

bei ihrer Analyse nicht mit den Carsharing-Anbietern

zusammengearbeitet,

sondern die Daten über die Internet-Seiten

der Anbieter ermittelt und dort erfasst, ob

und wohin sich die Fahrzeuge bewegen.

Die Verantwortlichen bei Car2Go zumindest

zweifeln die Methode an.

KOMBINIERT ZUM ZIEL

Was ist nun richtig? Für angreifbar hält

Wiebke Zimmer vom Berliner Öko-Institut

die Civity-Studie vor allem in einem Punkt.

„Die Untersuchung liefert zwar eine Art

Bestandsaufnahme, aber keine Vorhernachher-Analyse“,

sagt die Verkehrsexpertin,

die im Auftrag des Bundesumweltministeriums

ebenfalls das flexible Carsharing

am Beispiel von Car2Go untersucht.

Aber gerade das ist vor allem für die Städte

interessant: Die wollen wissen, ob sich das

Verkehrsverhalten der Nutzer nachhaltig

Alles erhältlich Beim Peugeot-Carsharing Mu gibt’s vom Rad bis zum Transporter fast alles

ändert. „Das untersuchen wir in einer auf

drei Jahre angelegten Studie“, sagt Zimmer.

Die Ergebnisse liegen im Jahr 2016 vor.

Dann bestätigen sich womöglich die Erfahrungen

von Cambio, einem Anbieter

stationsgebundener Autos: „Drei von vier

Cambio-Kunden, die vorher Zugriff auf ein

eigenes Auto hatten, haben sich von diesem

getrennt“, sagt Geschäftsführer Joachim

Schwarz.

Verkehrsplaner in Bremen und München

erwarten, dass durch 1000 Carsharing-Au-

INNOVATIONSPREIS

Ideen gesucht

WirtschaftsWoche, Accenture,

EnBW und Evonik

suchen wieder Deutschlands

innovativste Unternehmen:

Vergeben wird

der Deutsche Innovationspreis

an Start-ups, Mittelständler und

Konzerne aller Branchen. Bewerben

Sie sich bis 15. November mit Ihren

Ideen – vom Produkt übers Geschäftsmodell

bis zur Dienstleistung. Alle Infos:

www.der-deutsche-innovationspreis.de

tos 3000 bis 6000 Stellplätze frei werden.

Der Grund: Die Nutzer schaffen ihren

Zweitwagen oder gar Erstwagen ab und

kombinieren die Leihfahrzeuge mit öffentlichem

Nahverkehr und Fahrrad. „Am öffentlichen

Nahverkehr führt kein Weg vorbei,

um ein umweltfreundliches Mobilitätsverhalten

zu erreichen“, weiß auch Zimmer.

Solange allerdings die Fahrgäste den Bus

oder die U-Bahn in Ballungsräumen wie

Berlin oder im Rheinland während der Stoßzeiten

eher als Massentransport empfinden,

wird das nicht klappen. „Lieber stehe ich im

Leihauto alleine im Stau als zusammen mit

Hunderten von Leuten in Zug oder Straßenbahn,

die mich anhusten oder laut telefonieren“,

sagt ein Car2Go-Nutzer aus Köln.

Das große Problem der neuen Mobilitätswelt

bleibt aber, dass sich die Verkehrsträger

nur schwer verknüpfen lassen. Reisende

können nicht komfortabel vergleichen,

ob sie am besten mit dem Auto, mit

der U-Bahn, mit dem Taxi oder vielleicht

mit einer Mitfahrgelegenheit zu ihrem Ziel

kommen – erst recht nicht, wenn sie verschiedene

Verkehrsträger auf längeren

Strecken miteinander kombinieren. Was

geht schneller, was ist günstiger?

Genau das sollen jetzt neue Apps wie

Moovel von Daimler bundesweit oder

Switchh der Hamburger Hochbahn in der

Hansestadt beantworten. Und das will

auch Toyota in Grenoble herausfinden. Die

Elektrovehikel sind per Smartphone in den

öffentlichen Nahverkehr eingebunden. n

juergen.rees@wiwo.de

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 81

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Technik&Wissen

Die Mafia besiegen

ROHSTOFFE | Ein kanarischer Unternehmer setzt im Kampf gegen

illegale Müllexporte auf die Marktkräfte – und soziales Handeln.

Die Geschichte von David Bustabad

ist auch die vom Kampf eines

Sohnes gegen die Zweifel

seines Vaters. Denn als der heute

40-Jährige aus dem Örtchen Arico

auf der spanischen Kanareninsel

Teneriffa seinen Vater davon überzeugen

wollte, das elterliche Sägewerk

Grüne Pioniere

Alle Teile der

Serie finden Sie im

Internet unter

wiwo.de/pioniere

um einen Recyclingbetrieb für

gebrauchte Holzpaletten zu erweitern,

winkte der Senior ab.

„Zu risikoreich fand er die

Idee, zu schlecht die Geschäftsaussichten“,

erzählt Bustabad

junior. Also zog er das Palettenrecycling

nach dem Betriebswirtschaftsund

Managementstudium an der Universität

in Santa Cruz de Tenerife kurzerhand

mit einem anderen Investor hoch. „Das hat

das Verhältnis mit meinem Vater nicht unbedingt

verbessert“, so der Unternehmer.

Wohl aber seinen Weg in die grüne Wirtschaft

vorgezeichnet, der über Palettenrecycling

und Ökolandwirtschaft 2012 in

der Gründung eines weiteren Müllverwertungsunternehmens

mündete: des

Elektroschrott-Recyclers E-Waste. Und was

Bustabad da am Südostfuß des ehemaligen

Kanarenvulkans Teide in Sichtweite der

Küste aufgebaut hat, ist eines der wohl effizientesten

und vermutlich auch eines der

profitabelsten Elektroschrott-Recyclingunternehmen

Europas.

Nur gerade einmal zwei Jahre nach dem

Start verwertet E-Waste ein Viertel des gesamten

Elektroschrotts, der auf den Kanaren

anfällt. Zuvor wurden Kühl- und Klimageräte,

Mikrowellen, Fernseher und

sonstiger Technikmüll entweder aufs spanische

Festland verschifft, gelangten als

illegaler Müllexport auf die riesigen

Schrotthalden Afrikas – oder landeten irgendwo

im Hinterland oder an den Stadträndern

der Insel. Nicht nur auf Teneriffa.

Jüngst erst zählten spanische Umweltschützer

landesweit auf wilden Müllkippen

rund eine halbe Million Kühlschränke.

Für Bustabad, einen passionierten Surfer,

der mit wallendem Lockenkopf und

Vollbart aber genauso gut als Bergführer

durchginge, ist der Schrott in der Landschaft

– natürlich – ein ökologisches Problem:

„Ein nicht ordentlich entsorgter

Fernseher kann bis zu 80 000 Liter

Grundwasser kontaminieren.“

Aber er ist auch eine immense ökonomische

Verschwendung. Denn

längst lassen sich die in den Maschinen

verbauten Rohstoffe wieder profitabel

weiterverkaufen. Wenn sie denn

Händchen für die Umwelt Unternehmer

Bustabad kam vom Landbau zum Recycling

sortenrein aufbereitet sind. Seine

Kunden sind Stiftungen wie

Ecolec, die in Spanien für die

Gerätehersteller die Entsorgung

übernehmen, und Unternehmen,

die an den Rohstoffen interessiert

sind, die er durch das

Recyceln gewinnt; darunter Aluminium,

Silber, Stahl und Kupfer.

Und so zerlegen in den 10 000 Quadratmeter

großen grau-orange gestrichenen

Hallen am Rand der Mülldeponie von

Arico inzwischen gut 30 Mitarbeiter mehr

als 100 verschiedene Gerätetypen in ihre

Bestandteile, darunter alleine 320 000

Kühlschränke im Jahr. Bustabads Truppe

neutralisiert mit modernster Technik giftige

Kühl- und Schmiermittel und bereitet

die wertvollen Rohstoffe im Schrott für den

Weiterverkauf auf. Im Fall von Kühlschränken,

sagt der Ökounternehmer, seien immerhin

etwa 80 Prozent der gewonnenen

Materialien wiederverkäufliche Wertstoffe.

Das ist zwar nur ein winziger Teil jener

nach Schätzungen rund 50 Millionen Tonnen

Elektromüll, den die Industriestaaten

jährlich weltweit produzieren. Aber es ist

die Blaupause für einen prosperierenden

Wirtschaftszweig.

FAST 35 PROZENT UMSATZRENDITE

Schließlich ist das Geschäft für E-Waste

hoch profitabel – bei knapp vier Millionen

Euro Jahresumsatz blieb für den grünen

Pionier vergangenes Jahr ein Nachsteuergewinn

von 1,3 Millionen Euro – und der

Beweis, wie symbiotisch sich Umweltschutz

und ökonomischer Erfolg ergänzen

können. Und soziales Unternehmertum,

denn der Multiunternehmer belässt es

nicht bei der umwelt- und ressourcenschonenden

Aufarbeitung von alter Elektrik.

Sein Geschäftsmodell sieht vor, viele

Auszubildende zu beschäftigen und dass

40 Prozent der Mitarbeiter behinderte oder

benachteiligte Menschen sind, etwa Langzeitarbeitslose.

Parallel dazu betreibt

Bustabads Umweltstiftung Recicla Ökoaufklärung:

Direktorin Carlota Cruz organisiert

etwa Führungen für rund 30 000 Besucher

der Fabrik pro Jahr: „Sie sollen erfahren, wie

Giftstoffe neutralisiert werden, statt in Afrika,

Asien oder Lateinamerika auf illegalen

Halden zu landen.“

Daneben schleust Bustabad Dutzende

Studenten als Praktikanten durch die Abteilungen,

um seine Idee weiterzutragen,

auch über die Kanaren hinaus. In den

kommenden Jahren will er beispielsweise

E-Waste Lateinamerika aufbauen.

Auch deshalb hat Bustabad viele nationale

und internationale Preise bekommen,

darunter eine Auszeichnung der englischen

Organisation European Business

Awards. 2012 zeichnete ihn zudem der

mittlerweile auf den Thron aufgerückte damalige

spanische Kronprinz Felipe mit

dem spanischen Erfinderpreis aus.

Trotzdem war der Start von E-Waste alles

andere als ein Selbstläufer: Von der ersten

Idee 2008 bis zum Start der Schrottverwertung

vergingen rund vier Jahre zäher Investorensuche.

„Die Kanaren sind kein idealer

Ort für Unternehmen wie unseres“, sagt

Bustabad und ergänzt: „Es ist ein Kampf

gegen viele Interessen.“ Was er nicht sagt:

Die spanischen Inseln, nur ein paar Hun-

FOTOS: JESÚS BILBAO, GETTY IMAGES (2)

82 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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dert Kilometer vor der Küste von Marokko

und Westsahara gelegen, gelten als großer

Umschlagplatz für illegale Müllexporte

nach Afrika.

Statt bei privaten Investoren wurde der

Recycling-Unternehmer mit seiner Geschäftsidee

daher bei Förderfonds der Europäischen

Union fündig. Weiteres Geld

für den Aufbau der neun Millionen Euro

teuren High-Tech-Anlage im Hinterland

der Touristeninsel stammt aus staatlich

geförderten Krediten. Das Geld steckte

Bustabad in Technik des österreichischen

Herstellers Untha Shredding Technology

und der italienischen Ventilazione Industriale.

Mit deren Hilfe fängt E-Waste die

Gase in den alten Geräten – etwa umweltschädliche

Fluorchlorkohlenwasserstoffe

(FCKW) – auf und recycelt sie. Die Technik

erlaubt etwa, die FCKW zu 99,8 Prozent zu

neutralisieren und in ungefährliche Salze

umzuwandeln, versichert der Spanier.

Inzwischen stehen in den Hallen bei

Arico auf fünf verschiedenen Recycling-

Linien komplexe Fließband-, Neutralisierungs-

und Schredderanlagen. Ein normaler

Kühlschrank beispielsweise ist in

gerade einmal einer Minute zerlegt und

sortenrein entsorgt. Die zurückgewonnenen

Materialien, aufs Kleinste zerstückelt,

sauber eingetütet oder in Kartons gepackt,

verkauft E-Waste an Wertstoffhändler weiter.

„Diese Geschwindigkeit und Effizienz

machen uns so profitabel“, sagt Bustabad.

NOCH REICHLICH KAPAZITÄT

Auch deshalb glaubt der Unternehmer,

dass sein Vorbild auf lange Sicht auch der

„Müll-Mafia“, wie er sie nennt, das Geschäft

abgraben könnte. Der Spanier will mit seinen

Kampagnen, in seiner Stiftung und an

Unis und Businessschulen zeigen, dass Recyceln

das bessere Geschäft ist: „Wenn die

Zahlen und die rechtlichen Grundlagen

stimmen, werden mehr und mehr Firmen

in das Geschäft investieren und die Kriminalität

in diesem Sektor verdrängen.“

Bustabad selbst sieht sich für wachsende

Nachfrage jedenfalls gerüstet. Derzeit laufe

die Anlage im Zwei-Schicht-Betrieb, „aber

wir könnten locker auch drei fahren“.

Selbst die eigene Familie, erzählt der

grüne Pionier augenzwinkernd, spannt er

ein: „Eines der ersten Worte, das meine

drei Kinder gelernt haben, war ,Recycling‘.“

Und auch der Vater habe inzwischen eingelenkt

und dem Sohn zugestanden, „dass

man mit Umweltbewusstsein sehr wohl

Geld verdienen kann“.

n

stefanie müller | Madrid, technik@wiwo.de

Mobile Modescanner

HANDEL | Was trägt die denn da? Neue Apps wollen es verraten.

Doch manchmal liefern sie überraschende Kaufempfehlungen.

Yvonne Tesch will ein Problem lösen,

das jeder kennt: Beim Bummel durch

die Stadt fällt der Blick auf einen Passanten

oder ein Plakat, und man denkt:„Die

Jacke, den Mantel, die Schuhe will ich auch

haben – wo aber bekomme ich sie her?“

Geht es nach der 34-jährigen Informatikerin

aus Berlin, soll auf solche Fragen künftig das

Smartphone die Antwort liefern.

Tesch hat mit ihrem Unternehmen Code

is the new black eine Handy-App entwickelt,

die so etwas werden soll wie das Shazam

für Mode. Bei dem beliebten Musikerkennungsprogramm

reicht es, das Telefon

kurz vor das Radio zu halten, damit die

Software das Lied identifiziert. Teschs App

Inspo soll Kleidungsstücke anhand von

Handyfotos erkennen, die Nutzer vom gesuchten

Stück schießen. Augenblicke später

schlägt die Software ihnen dann passende

Kleider, Shirts oder Hosen aus Online-Shops

vor.

Mit dem Internet-Handel kennt sich die

blonde Berlinerin aus. Die von ihr gegründete

Firma Maryme setzte mit Preisvergleichsportalen

2012 rund 40 Millionen

Euro um. Doch um an den Erfolg anzuknüpfen,

muss Inspo digital nachahmen,

woran auch schon mancher Mensch beim

Einkaufsbummel scheitert: Kleidung verlässlich

zu erkennen oder zumindest sehr

ähnliche Produkte auseinanderzuhalten.

OPTISCHE VERFÜHRUNG

Trotzdem gibt sich Tesch selbstbewusst:

„Wenn wir einen Artikel in der Datenbank

haben, finden wir ihn“, sagt sie. Dafür greift

das Programm auf Fotos von zehn Millionen

Kleidungsstücken aus 600 Online-Shops zurück;

darunter Händler wie Asos, Zara, Urban

Outfitters oder Net-A-Porter. Letztlich

ist die perfekte Trefferquote ohnehin nicht

ihr Ziel. Stattdessen soll die Auswahl möglichst

ähnlicher Stücke zum Kauf reizen.

Je besser die optische Verführung klappt,

desto besser ist das auch für Tesch. Denn

für jeden vermittelten Kunden erhält sie

zwischen 10 und 30 Cent Provision.

Das Handy als Treibmittel für lukrative

Geschäfte – darauf hofft nicht bloß die Berlinerin.

Für die gesamte Modebranche

wird das Smartphone als Einkaufsberater

Shazam für Mode Shopping-Programme

fürs Handy sollen den Einkauf erleichtern

immer wichtiger. Nach Schätzungen vom

Bundesverband Digitale Wirtschaft werden

die Deutschen dieses Jahr Waren im

Wert von 5,1 Milliarden Euro via Handy

oder Tablet bestellen.

Da liegt die Idee nahe, das Telefon in eine

visuelle Suchmaschine zu verwandeln.

Eine Vielzahl von Unternehmern versucht

genau das. So auch Daniela Cecilio: „Ich

finde es oft schwierig, in Worten zu beschreiben,

was ich sehe“, sagt die Brasilianerin.

Sie gründete in London das Start-up

Asap54, das ebenfalls eine App zur Modesuche

per Bilderkennung anbietet. Sie konkurriert

mit Diensten wie Cortexica, Snap

Fashion, Slyce, Picalike oder Fashwell. Große

Unternehmen wie Adidas, Amazon

oder Ebay experimentieren ebenfalls mit

Shopping per Bilderkennung.

Und auch Zalando hat seit Sommer eine

Fotosuche in seine App integriert. „Bilderkennung

wird bei der Suche eine wichtige

Rolle spielen“, sagt Daniel Schneider, der

»

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 83

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Technik&Wissen

PRAXISTEST

Suchmaschinen

mit Sehfehlern

Was die mobilen Modeberater mit

ihrer Bilderkennung leisten – und

wo es noch klemmt.

ASAP54

Start: Februar 2014

Angebot: 1,5 Millionen

Produkte von Harrods,

J.Crew oder Topshop in der Datenbank

Nutzung: 500 000 Downloads der App,

350 000 hochgeladene Bilder

Bewertung: Liefert bei Kleidung in einigen

Fällen gute Treffer, oft aber erst

weiter hinten in der Ergebnisliste. Doch

selbst bei einfarbigen Hemden oder

T-Shirts extreme Abweichungen, wie

Karomuster oder Aufdruck eines reitenden

Cowboys. Scannt auch Schuhe –

hat aber Probleme, die richtige Marke

zu erkennen. Bietet die Möglichkeit,

sich durch Stylisten beraten zu lassen.

INSPO

Start: Oktober 2014

Angebot: 10 Millionen

Produkte von 600 Händlern

in der Datenbank

Bewertung: Derzeit nur für Damenmode

optimiert. Zielgruppe sind modebewusste

„Fashionistas“. Die App liefert

teilweise eine gute Auswahl ähnlicher

Kleidungsstücke, in einigen Fällen aber

auch Ausreißer. Das größere Produktangebot

führt noch nicht zu einer besseren

Trefferquote. Gelegentlich längere

Ladezeiten und Aussetzer.

ZALANDO

Start: August 2014

Angebot: 100 000 Produkte

in der Datenbank

Nutzung: Mehrere Hundert Fotos werden

pro Tag hochgeladen

Bewertung: Für klare Farben, Formen

und Muster liefert die App oft passende

Vorschläge – etwa bei einem schwarzweiß

gestreiften Männerpullover. Warum

aber beim grün-weiß gestreiften

Frauenpulli weder Muster noch Farbe

der Vorschläge passen, ist ebenso unklar

wie die blauen und schwarzen Angebote

beim olivgrünen Test-T-Shirt.

»

beim deutschen Shopping-Portal verantwortet,

wie sich Kunden im virtuellen

Klamottenladen bewegen. Mit den ersten

Testergebnissen ist Schneider zufrieden.

Mehrere Hundert Bilder laden Kunden

dort täglich hoch. Besonders wichtig: Wer

die Bildersuche nutzt, kauft im Schnitt

häufiger etwas als andere Kunden.

Noch stammt die Erkennungssoftware

vom Londoner Start-up Cortexica, das nun

auch für die größte US-Warenhauskette

Macy’s die Identifikationstechnik liefert.

„Irgendwann stellt sich auch die Frage, ob

wir die Technik selbst entwickeln“, sagt Zalando-Manager

Schneider. Erst einmal will

der Online-Händler den Erkennungsdienst

internationalisieren. Der Test soll im Oktober

starten.

Und noch eine Erweiterung folgt bald:

Die App soll dann auch Schuhe erkennen.

Das ist keineswegs trivial.

Denn die schrägen Blickwinkel

erschweren die

Identifikation.

Dabei ist es schon bei

frontal aufgenommenen

Kleidungsfotos für die Entwickler

schwer genug, auf

eine hohe Erkennungsrate

zu kommen. Das zeigt der

Praxistest von Asap54, Inspo

und Zalando.

Zwar schlugen die bei rund einem Dutzend

getesteter Kleidungsstücke teils recht

ähnliche Stücke vor. Doch mitunter waren

die empfohlenen Alternativen optisch

auch sehr skurril (siehe App-Kasten links).

TAGELANG AM FILTER GEFEILT

„Es hat noch keiner ein System entwickelt,

das menschlichem Sehen halbwegs entspricht“,

sagt Daniel Raschke. Der Gründer

des Hamburger Unternehmens Picalike arbeitet

seit 2012 an einer Art Mode-Shazam.

Seine Technologie setzen neben Otto auch

andere Online-Shops ein. Und er hat zig

Anrufe von seiner Mutter bekommen, die

ihn empört darauf hinweisen wollte, dass

wieder jemand seine Idee geklaut habe.

„Doch richtig gut macht es niemand“, sagt

Raschke. Selbst Amazons Produkterkennung

Firefly, mit der das eigene Smartphone

punkten soll, erkennt zwar Bücher,

aber versagt bei Kleidung.

Das hat im Wesentlichen drei Gründe:

n Erster Knackpunkt ist die Qualität der

Bilder selbst. Je nach Licht variiert der

Farbeindruck stark. Nicht immer ist die

Kleidung gut erkennbar oder ist klar, welches

Stück der Kunde eigentlich sucht,

Selbst der

Riese Amazon

stößt an

seine Grenzen

wenn er eine Person komplett fotografiert.

Um die Ergebnisse zu verbessern, kann der

Nutzer bei den meisten Apps den Bildausschnitt

einschränken oder Produktkategorien

vorwählen.

n Die zweite Schwierigkeit ist die Verfügbarkeit

der Ware. Solange sich nicht genau

das gleiche Kleid in der Datenbank findet,

liefert auch ein noch so guter Algorithmus

keine exakten Treffer. „Das ist gerade bei

schnell wechselnden Sortimenten in der

Mode ein Problem“, sagt Schneider.

Deshalb streben die Anbieter gar nicht

an, nur identische Produkte vorzuschlagen,

sondern möglichst ähnliche. Doch der

Grat ist schmal. Tesch hat mit ihren Technikern

tagelang an den Filtern gefeilt. Waren

sie zu streng, gab es keine Resultate. Sind

die Treffer zu weit von der Vorlage weg,

wären die Nutzer genauso frustriert.

n Das dritte Problem:

Ähnlichkeit ist höchst subjektiv.

Entscheidend ist daher,

herauszufinden, was

genau der Kunde sucht.

Ein T-Shirt mit ähnlichem

Aufdruck oder mit ähnlicher

Farbe? Zählt beim

Kleid der gleiche Schnitt

oder das gleiche Muster?

„Bei Handtaschen ist Frauen

meist die Form wichtiger

als die Farbe“, sagt Picalike-Gründer

Raschke. Nicht aber, wenn die Tasche zu

weinroten Schuhen passen muss.

Auch deshalb hat der Hamburger Unternehmer

gerade seine Software weiterentwickelt.

Im Unterschied zu üblichen Empfehlungen,

die auf dem Kauf- und Klickverhalten

anderer Nutzer basieren, arbeitet

Raschkes Vorschlagsmaschine optisch und

lernt nun mit: Je nachdem, ob der Nutzer

Empfehlungen folgt, die eher in der Form

oder der Farbe dem ursprünglichen Stück

entsprechen, passt die Software weitere

Vorschläge an. Ein richtiger Ansatz, glaubt

auch Zalando-Manager Schneider: „Die

Suche wird in Zukunft interaktiver.“

Und das unterscheidet übrigens die visuellen

Modeführer auch vom vermeintlichen

Vorbild Shazam. „Der Vergleich hinkt

ohnehin“, findet Raschke. Denn das Musikprogramm

erkenne Lieder nur in der Originalversion

wirklich gut.

Doch schon wenn der Interpret live

singt, versagt die App total. Da arbeiten die

Modescanner mit ihren flexibleren Erkennungssystemen

– trotz gelegentlicher Ausreißer

– mittlerweile weit verlässlicher. n

oliver.voss@wiwo.de

84 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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VALLEY TALK | Ein Hanseat behauptet sich im

umkämpften Geschäft mit High-Tech-Konferenzen –

mit einem einfachen Erfolgsrezept.

Von Matthias Hohensee

Der Leidenschaft folgen

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Wer sich im Markt der High-

Tech-Konferenzen durchsetzen

will, muss als Gründer

nicht nur risikobereit sein,

sondern auch etwas verrückt. Der Wettbewerb

ist brutal. Im Silicon Valley jagt eine

Konferenz die nächste. Das Überangebot

macht es den Veranstaltern nicht nur

schwer, zahlungskräftige Teilnehmer und

Sponsoren zu finden. Sondern auch genügend

interessante Redner zu buchen.

Denn sie konkurrieren mit den Delegationen

aus aller Welt, die nahezu täglich

durchs High-Tech-Tal reisen. Sie alle wollen

vor Ort wichtige Vordenker treffen und

verstehen, wie das Silicon Valley tickt.

Harald Neidhardt hat den Sprung trotzdem

gewagt. Und hat mit seiner Mlove Konferenz,

die im Silicon Valley, aber auch in

Deutschland und Spanien stattfindet, ein

eigenes Format für High-Tech-Konferenzen

etabliert. Die Teilnehmer begegnen tatsächlich

interessanten und sehr verschiedenen

Persönlichkeiten aus der Technologiebranche

vom Apple-Veteran über den

frischgebackenen Mini-Satellitennetzbetreiber

bis hin zur Catering-Chefin, die

Start-ups mit gesunder Kost versorgt.

Vor knapp zehn Jahren war Neidhardt

noch Marketingchef und Mitgründer von

Smaato, einem Start-up zur Vermarktung

mobiler Online-Werbung. Dann entschied

er sich für seine Passion. „Ich mochte, gute

Technologiekonferenzen zu besuchen, dort

interessante Leute zu treffen und mit ihnen

über die Zukunft zu reden“, erinnert sich

der 48-Jährige.

Seiner Meinung nach gab es eine Marktlücke.

Bei vielen Veranstaltungen klafften

der Kenntnisstand und die Akzeptanz der

Teilnehmer für technische Entwicklungen

zu sehr auseinander. „Die einen stellten infrage,

ob sie ein Smartphone überhaupt

brauchen“, sagt der gebürtige Hamburger.

„Die anderen redeten schon davon, wie

sie es mit Gedanken steuern könnten.“

Neidhart wählte ein Konferenzformat,

bei dem die Redner nicht nur stur präsentieren,

sondern selber Teil des Publikums

sind und sich so auch weiterbilden können.

Das erleichterte das Buchen von Rednern.

„Es ist eine gute Gelegenheit, auch andere

Ideen aufzunehmen und zu diskutieren“,

sagt Internet-Veteran und Mlove-Fan Brad

Templeton von der Singularity-Universität

im Silicon Valley, der als Experte für selbstfahrende

Fahrzeuge gilt.

LIEBER KOCH ALS MANAGER

Neidhart beherzigte zudem eine wichtige

Erkenntnis aus mehreren Jahren Aufenthalt

in den USA. Das Wichtigste an guten Konferenzen

sind oft nicht unbedingt die Vorträge,

sondern das Networking am Rande. Bei

seinen Veranstaltungen wählt der Hanseat

daher etwas abgelegene Orte wie die kalifornische

Küstenstadt Monterey oder in

Deutschland das Ostsee-Ressort Weissenhaus,

wo die Teilnehmer nicht versucht

sind, schon am frühen Nachmittag zurück

zur Arbeit zufahren. Und er hat trotz aller

Versuchungen zu expandieren die Regel

beherzigt, eher kleiner, dafür aber exklusiv

zu bleiben. Die vier Konferenzen pro Jahr

betreuen nur er und eine Assistentin. Vor

Ort heuert er ein Produktionsteam an.

Die meiste Zeit verbringt er immer noch

damit, interessante Präsentatoren zu suchen.

Neidharts Erfahrung – er muss die

Leidenschaft in den Leuten wecken. Besonders

stolz ist er auf Gene Keenan. Der arbeitete

in den Achtziger- und Neunzigerjahren

als Leibkoch für die Rockband „Grateful

Dead“. Eigentlich sollte er einen Vortrag

über Mobilmarketing halten. Doch die Präsentation

verwandelte sich schließlich in

einen Live-Workshop über das Zubereiten

von Desserts. Das Publikum war begeistert.

Neidhart erhielt wenige Wochen später eine

E-Mail von Keenan. Er hatte seinen Job gewechselt,

weil ihm während der Konferenz

eins klar geworden war: wie wichtig ihm

wahre Leidenschaft für eine Sache ist.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 85

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Management&Erfolg

Sieg der Provinz

CEO DES JAHRES | Ralph Dommermuth, Gründer und Vorstandschef des

IT-Konzerns United Internet aus Montabaur, und Wolf Schumacher, CEO der Aareal

Bank aus Wiesbaden, sind Deutschlands erfolgreichste Vorstandsvorsitzende 2014.

Der eine setzt Milliarden Euro

um mit Internet- und Mobilfunkverträgen,

Bausätzen für

Web-Sites und dem Vermieten

von Speicherplatz im Datennetz.

Weiß nach eigenem Bekunden aber

nicht, auf welchen Banken sein Finanzchef

die Unternehmenskonten führt. Der andere

macht Geld aus dem Geld anderer, setzt

dabei vor allem auf Immobiliengeschäfte:

Auf den ersten Blick verbindet Ralph Dommermuth,

Selfmade-Milliardär, Gründer,

Vorstandschef und Mehrheitseigner des

IT-Konzerns United Internet, und den promovierten

Juristen Wolf Schumacher,

oberster Manager der Aareal Bank, nicht

viel. Dennoch haben der 50-jährige Westerwälder

und der 56-jährige Freiburger eines

gemeinsam: Sie sind derzeit Deutschlands

erfolgreichste CEOs.

Kein Chef eines börsennotierten Unternehmens

mit mehr als zwei Milliarden Euro

Umsatz war 2013 erfolgreicher als Dommermuth.

Der 50-Jährige, der 1988 als Ein-

Mann-Bude mit geliehenen Möbeln als

Marketingdienstleister für IT-Unternehmen

startete und innerhalb von knapp drei Jahrzehnten

einen IT-Konzern mit 7000 Mitarbeitern,

knapp 2,7 Milliarden Euro Umsatz

und einem Börsenwert aufbaute, der inzwischen

größer ist als der der Lufthansa, ließ

dabei 89 Prozent aller Großunternehmen

hinter sich – darunter auch Dax-Granden

wie Ex-Linde-CEO Wolfgang Reitzle, BMW-

Chef Norbert Reithofer oder Post-Boss

Frank Appel (siehe Tabelle Seite 88).

Aareal-Chef Schumacher setzte sich im

Mittelstand durch, knapp vor Vorjahressieger

Brian Sullivan, CEO des TV-Bezahlsenders

Sky Deutschland (siehe Tabelle Seite 90).

METHODE

Frei von Effekten

Wie der Obermatt-Index

die Leistung der CEOs misst.

TRANSPARENT

Ins Ergebnis fließen

zu gleichen Teilen die

Entwicklung von Gewinn,

Umsatz und Börsenperformance

eines Unternehmens

von einem Geschäftsjahr zum nächsten

ein. Das operative Geschäft wird gemessen

anhand der Veränderung des

Gewinns vor Zinsen, Steuern, Abschreibungen

und Amortisierungen (organisches

Ebitda), ist somit frei von Effekten

aus Fusionen oder Akquisitionen.

Die Aktienrendite wird um Aktiensplits,

Kapitalausgaben und Dividendenzahlungen

bereinigt.

VERGLEICHBAR

Die Platzierung ergibt sich aus dem

Vergleich zu direkten Konkurrenten

und Unternehmen mit ähnlichen Geschäftszyklen.

Die Zusammensetzung

der Vergleichsgruppen aus bis zu 100

Unternehmen wird regelmäßig überprüft

und bei Bedarf angepasst.

FAIR

Dank der Indexierung ist das Ergebnis

unabhängig von volatilen Faktoren

wie Konjunkturzyklen oder Rohstoffpreisen.

„Prominente Namen sind keine Garantie

für Top-Performance“, sagt Hermann

Stern, Gründer und CEO des Schweizer Finanzdienstleisters

Obermatt, dessen

gleichnamiger Index die Basis für das CEO-

Ranking der WirtschaftsWoche ist. „Die bekanntesten

und größten Unternehmen

müssen nicht immer die besten sein.“

Stern misst den Erfolg der Unternehmen

anhand der Entwicklung von Umsatz, Gewinn

und Aktienkurs und setzt sie mit der

Performance vergleichbarer Unternehmen

in Relation (siehe Kasten). „So ist ein branchenübergreifender

Vergleich möglich.“

BIEDER, ABER ERFOLGREICH

Fragt man nach den Gründen für den

Erfolg, finden sich bei allen Unterschieden

durchaus Gemeinsamkeiten zwischen

den Siegern: Beide setzen weitestgehend

auf solide, fast biedere Geschäftsmodelle,

die sie von ihren Zentralen in Montabaur

und Wiesbaden abseits der Metropolen

München, Frankfurt oder Hamburg

steuern. Bauten durch Management mit

Augenmaß das bestehende Geschäft

und ihre Markenstärke weiter aus. Erschlossen

durch die Übernahme von Wettbewerbern

neue Geschäftsfelder und verbesserten

so ihre Marktposition. Der Lohn

für beide Unternehmen 2013: die jeweils

besten Ergebnisse ihrer Unternehmensgeschichte.

„Wir blicken auf ein sehr erfolgreiches

Jahr zurück“, kommentieren Dommermuth

und Schumacher ihre Zahlen für

2013 fast gleichlautend. „Und mit unseren

Investitionen haben wir die Basis für künftiges

Wachstum weiter verbreitert.“

manfred.engeser@wiwo.de

FOTO: OSTKREUZ/MAURICE WEISS

86 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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RALPH DOMMERMUTH

Unternehmen: United Internet

Strategie: Trends massenmarkttauglich machen

Ergebnis: 13,9 Millionen Kunden, +25 Prozent

Gewinn, +88 Prozent Aktienkurs

RALPH DOMMERMUTH

Mal Biedermann,

mal Brandstifter

Mannsgroße Mauszeiger, riesige

Router, ein Fensterputzer an einem

überdimensionierten Bildschirm.

Und überall gut gelaunte Menschen, die

durch Callcenter gehen, durch Lagerhallen

fahren oder Kunden zu Hause besuchen.

„Alles auf einen Mausklick, schnelles DSL,

tolle Handys“, beschreibt eine Stimme aus

dem Off Bausteine der Firmenphilosophie

in dem 50 Sekunden langen TV- und Online-Spot.

„Bei 1&1 dreht sich alles nur um

eins – um Sie.“

Eine Botschaft, so simpel wie effektiv, so

bieder wie erfolgreich: Fast 300 000 Kunden

schlossen in den ersten drei Monaten

2013 neue Verträge bei 1&1, davon allein

50 000 für einen DSL-Anschluss – während

die Konkurrenz damals in diesem Segment

Kunden verlor.

„Dass wir gegen den Markttrend gewachsen

sind, hat mich schon stolz gemacht“,

sagt United-Internet-CEO Ralph

Dommermuth. „Wir wollten die Menschen

mit klaren Botschaften dort abholen, wo

sie sich an Winterabenden mit hoher

Wahrscheinlichkeit aufhielten – am Computer

oder vor dem Fernseher. Nach dem

erfolgreichen Start war in 2013 schon früh

klar: Das Jahr läuft wie geplant.“

Der Blick auf die Zahlen gibt ihm recht:

Knapp 1,1 Millionen neue Verträge schlossen

Kunden 2013 ab, im Vergleich zum

»

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 87

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Management&Erfolg

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Dax-Granden abgeschlagen

Die erfolgreichsten CEOs börsennotierter Großunternehmen 1

Rang

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20

CEO

Ralph Dommermuth

Christoph Vilanek

Thomas Ebeling

Rüdiger Kapitza

Gerold Linzbach

Claus-Dietrich Lahrs

Jürg Oleas

Thomas Olemotz

Ralf Dieter

Marcelino Fernández

Verdes

Volker Kronseder

Eckard Heidloff

Dietmar Meister

Bernd Scheifele

Wolfgang Reitzle 3

Elmar Degenhart

Frank Appel

Georg Müller

René Obermann 4

Bill McDermott

Jim Hageman Snabe 3

Unternehmen

United Internet

Freenet

ProSiebenSat.1

DMG Mori Seiki

Heidelberger Druck

Hugo Boss

GEA

Bechtle

Dürr

Hochtief

Krones

Wincor Nixdorf

Generali Deutschland

HeidelbergCement

Linde

Continental

Deutsche Post

MVV Energie

Deutsche Telekom

SAP

»Abschließend

vertraue ich lieber

meinem Bauch statt

Zahlenkolonnen«

Vorjahr setzte der Konzern mit knapp

2,66 Milliarden Euro elf Prozent mehr um,

der Gewinn kletterte um knapp 25 Prozent

auf 407 Millionen Euro, der Aktienkurs um

88 Prozent, der Gewinn pro Aktie um 50

Prozent. Rekord: So gut wie 2013 beendete

United Internet noch kein Geschäftsjahr.

„Unser Tagesgeschäft ist gut planbar, das

bringt mich nicht mehr um den Schlaf“, erklärt

Dommermuth die Logik seines Abonnentengeschäfts.

„Wichtig ist, zum Jahresbeginn

gut zu starten. Denn je später wir

neue Abonnenten gewinnen, umso weniger

Umsatz bringen sie fürs laufende Jahr.“

Natürlich würde Dommermuth seine

Rekordzahlen nie allein auf den Aufschwung

in einem Segment und eine gelungene

Kampagne zu Jahresbeginn zurückführen,

„das wäre naiv“. Und Dommermuth

ist nichts weniger als das. Steckt

hinter der scheinbar biederen Fassade und

den wenig glamourösen Geschäften doch

ein knallhart kalkulierender Unternehmer,

der neben den SAP-Gründern zu den wenigen

erfolgreichen Selfmade-Unternehmer

Deutschlands im IT-Business zählt –

weil er das Management-Einmaleins meisterhaft

beherrscht – mal als Biedermann,

mal als Brandstifter.

Dass der Erfolg 2013 schon so früh absehbar

war, liegt nicht zuletzt an der soliden

Arbeit der Vorjahre: Laut Marktforschungsunternehmen

YouGov kennen knapp 90

Prozent der Deutschen 1&1 als DSL- und

Mobilfunkanbieter, auch in Sachen Kundenzufriedenheit

belegt das Unternehmen Spitzenplätze.

13,5 Millionen Kunden waren

Ende 2013 mit einer der elf Marken des

Konzerns vertraglich verbunden. Dommermuths

schlichtes, aber bestechendes Erfolgskonzept:

„Trends erkennen, Produkte

massenmarktfähig machen, Tarife realistisch

kalkulieren.“

ZWISCHEN 50 UND 50 000 FUSS

Das gilt auch für Übernahmen – seine

jüngsten Investments wie den Kauf des

Netzbetreibers Versatel für gut eine Milliarde

Euro oder seinen Einstieg in die umstrittene

Start-up-Schmiede Rocket Internet für

435 Millionen Euro wie die des spanischen

Wettbewerbers Arsys: Um das ohnehin starke

Auslandsgeschäft – United Internet ist in

elf Ländern aktiv – weiter auszubauen, blätterte

Dommermuth für den Web-Hoster

und Cloud-Computing-Anbieter mit

150000 Kunden und 40 Millionen Euro Umsatz

im August 2013 rund 140 Millionen Euro

hin. „Ich wollte den Deal unbedingt“, erinnert

sich Dommermuth, der aus seiner

Abneigung gegen Folienhörigkeit und

PowerPoint-Fetischismus mancher Manager

keinen Hehl macht. „Wenn ich eine ausbaubare

Marktposition sehe, lasse ich mich

gerne von einer klaren Strategie und einem

intensiven Gespräch überzeugen. Wenn alles

stimmt, vertraue ich abschließend lieber

meinem Bauch statt umfangreichen Studien

mit ellenlange Zahlenkolonnen, die eine

Scheingenauigkeit vermitteln.“

Genauso, wie er „mal in 50 000 Fuß Höhe,

mal in 50“ unterwegs ist – je nachdem,

ob er gerade die nächste Übernahme verhandelt

oder das Design einer Web-Site

verabschiedet. „Da hole ich schon mal den

Kuli raus“, sagt Dommermuth. „Als Manager

sollte man nicht nur die großen Linien

kennen, sondern auch mit dem Tagesgeschäft

vertraut sein.“ Er selbst kümmert

sich bis heute mit Leidenschaft ums Marketing.

„Jede Kampagne geht über meinen

Tisch.“

Sein nachhaltigster Marketing-Coup: die

Finanzierung des ersten deutschen Teams

beim legendären Admiral’s Cup. Dass es

damals zum Sieg nicht reichte, hat Dommermuth

nie gewurmt. „Wir haben uns damit

in der Öffentlichkeit nachhaltig als se-

Gesamtwertung

2

1 Unternehmen mit mehr als zwei Milliarden Euro Umsatz; 2 die Zahl zeigt an, wie viel Prozent seiner Wettbewerber das

Unternehmen 2013 geschlagen hat; 3 bis 31.12.2013; 4 bis Mai 2014; Quelle: Obermatt

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Gewinnentwicklung

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Aktienkursentwicklung

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Umsatzentwicklung

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Etwa mit der Homepage zum Selberbauen

für Kleinstunternehmer – Dommermuths

Anspruch: so einfach zu bedienen

wie Facebook. Mehr als 500 000 Abonnenten

hat er davon überzeugt. Oder mit mobilen

Internet-Zugängen, seit Sommer

2010 im Portfolio – als Dommermuth den

scheinbar ausgereizten Markt mit einer

Flatrate für alle Netze aufmischte. Heute ist

das Produkt Standard bei allen Wettbewerbern,

mit zwei Millionen Kunden schreibt

Dommermuth seit Ende 2013 auch hier

schwarze Zahlen. „Man muss schon Geduld

mitbringen“, sagt er, „auch die besten

Ideen machen sich nie sofort bezahlt.“

88 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: KLAUS WEDDIG FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

riöses Unternehmen bekannt gemacht und

uns intern als Team gestärkt“, rechtfertigt er

die Millionen Euro, die er von 2005 bis 2007

in das Projekt steckte. „Vor allem lag der

Wert der Berichterstattung sehr deutlich

über unserem finanziellen Engagement.“

Auf die Idee, einen Fußballclub aus seiner

Westerwälder Heimat mit seinen Millionen

in die Bundesliga zu hieven oder das Firmenlogo

auf einen Formel-1-Wagen zu pappen,

würde er allerdings nie kommen. „Das

wäre mir zu beliebig“, sagt Dommermuth,

der Firmenwagen bevorzugt gebraucht

kauft. Der sich nicht zu schade ist, im Vorbeigehen

einen ungenutzten Drucker oder

das Licht in einem Konferenzraum auszuschalten.

Der seit mehr als 20 Jahren seine

Meetings am gleichen Tisch abhält und sein

Büro mit Gastgeschenken und unspektakulärer

Kunst schmückt. Und sich freut, wenn

sein Finanzvorstand seinen Hinweis auf ein

Loch im 15 Jahre alten Büroteppich mit dem

Satz kontert:„Dann setz dich doch auf einen

anderen Stuhl, dann siehst du’s nicht.“

Der aber privat italienische Sportwagen

fährt, zu Hause teure Kunst an die Wände

hängt und sich gerade eine neue Segelyacht

gegönnt hat. Und vor ein paar Jahren

vier Vorständen je einen Ferrari aus der

Privatschatulle bezahlt hat, Schenkungssteuer

inklusive. Der Grund: Eine Wette –

United Internet hatte erstmals mehr als 100

Millionen Mark Gewinn gemacht.

AUF NEUEN BEINEN

Ob es 2014 wieder Anlass für so spektakuläre

Prämien gibt, bleibt abzuwarten. Denn

Dommermuth ist dabei, sein Geschäft auf

neue Beine zu stellen: Nachdem im Juni

sein Versuch gescheitert war, exklusiven

Zugriff auf 30 Prozent der Mobilfunknetzkapazitäten

des fusionierten Konkurrenten

Telefónica und E-Plus zu bekommen (siehe

WirtschaftsWoche 36/2014), schlug

Dommermuth etwas später bei Versatel zu.

Und wurde durch die Übernahme vom

Mieter zum Eigentümer von Netzinfrastruktur.

Der Preis: knapp eine Milliarde

Euro. Damit nahm Dommermuth en passent

auch Telekom-Chef Tim Höttges den

Wind aus den Segeln – der hatte den Konkurrenten

ob des fehlenden eigenen Netzes

lauthals als Trittbrettfahrer beschimpft.

Vorerst kümmert sich Dommermuth um

die nächste DSL-Kampagne. „Denn wichtiger

als der spektakuläre Effekt“, sagt er, „ist

die Pflege unseres soliden Fundaments –

ich will das hier schließlich noch lange machen.“

WOLF SCHUMACHER

Hart, aber

herzlich

Mal geht er mit wilden Bewegungen

voll aus sich raus, mal scheint er

bei einem Solo still in sich versunken

zu sein, meist aber hält er seine Mitstreiter

mit seinem präzisen Spiel im Takt.

Ganz vorne steht Keith Richards selten,

überlässt die Show meist Bandleader Mick

Jagger. Stets aber vermittelt der legendäre

Gitarrist der Rolling Stones auf den Fotos

an den Wänden des Büros von Wolf Schumacher

den Eindruck, das Geschehen auf

der Bühne voll im Griff zu haben: Vier Bewegungsstudien

des Altrockers, aufgenommen

bei einem Konzert, zieren den

Arbeitsplatz des Aareal-Bank-Chefs, der

das Autoradio schon mal auf laut dreht,

wenn ein Song der britischen Rocktruppe

gespielt wird.

„Der Mann fasziniert mich, weil er über

Jahrzehnte seiner Musik treu geblieben ist

und die Band um die Ikone Mick Jagger aus

der zweiten Reihe tief geprägt hat“, sagt

Banker Schumacher, der selbst auf diese

Rollenteilung zwischen Kapitän und Maschinist

setzt. „Ich brauche Mitarbeiter, die

auf ihrem Gebiet besser sind als ich.“

WOLF

SCHUMACHER

Unternehmen:

Aareal Bank

Strategie:

Krisensichere Immobilien

Ergebnis: 527 Millionen

Euro Zinsüberschuss

+ 83 Prozent Aktienkurs

So wie bei der Übernahme des Konkurrenten

Corealcredit Bank Ende 2013, als

Schumacher seinem Finanzchef Hermann

Merkens weitgehend freie Hand bei den

Detailverhandlungen ließ – während er

selbst sich darauf konzentrierte, im Hintergrund

die Fäden in der Hand zu halten und

eine konstruktive Gesprächsatmosphäre zu

gewährleisten. Schließlich war die Situation

auch deshalb brisant, weil der damalige

Corealcredit-Chef früher mal Schumachers

Vorgesetzter war.

Dass er ansonsten weder dem großen

Auftritt abgeneigt ist noch an mangelndem

Selbstbewusstsein leidet, zeigen seine öffentlichen

Auftritte, die der promovierte

Jurist mit den markanten dunklen Augenbrauen

über der randlosen Brille gern mit

durchdringender Stimme und kräftigem

Händedruck inszeniert. Jüngst etwa auf

dem Sommerfest der Aareal Bank in Hessens

Hauptstadt, als er dem sonst so beherrschenden

Bass von Ehrengast und

Landesvater Volker Bouffier Paroli bot.

Jenseits des roten Teppichs pflegt Schumacher

das Bild des bodenständigen, zupackenden

Machers, der trotz Macht und

Geld auf dem Teppich bleibt. Lädt zum Abschied

die Pförtnerin in sein Büro, als die

nach fast 30 Jahren den Dienst quittiert. Erzählt

unaufgefordert, wie er auf Spaziergängen

versucht, Forellen mit bloßer Hand

aus dem Bach zu fischen. Verliert er ein

manfred.engeser@wiwo.de »

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 89

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Management&Erfolg

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Tennismatch, „verschafft er seinem Ärger

schon mal lautstark Luft“, wie es von einem

heißt, der das schon mal aus nächster

Nähe erleben durfte.

Hart, aber herzlich: Schumachers mitunter

hemdsärmelige Signale an die durch

Finanz- und Euro-Krise nachhaltig verunsicherten

Kunden und Mitarbeiter sind

wohlkalkuliert: Hier, so die Botschaft, herrschen

Solidität und Bodenständigkeit. Und

eben keiner der Pleitebanker, die den Bezug

zur Realität verloren und mit teuren

Exzessen das Finanzsystem an den Abgrund

gebracht haben. Die Geldhäusern

vorstehen, deren Erträge schrumpfen und

deren Aktienkurse im Keller gelandet sind,

weil sie wegen strengerer Aufsichtsregeln

Geschäftsteile abstoßen müssen. Und die

jetzt wegen expansiver Geldpolitik der Europäischen

Zentralbank unter dem niedrigen

Zinsniveau leiden.

Ganz anders Schumachers Aareal Bank:

Neben der professionellen Rhetorik ihres

Chefs profitiert das im MDax gelistete

Geldinstitut von seinem konservativen Geschäftsmodell.

Im Gegensatz zu den Großbanken

verzichtet die Aareal Bank auf Filialen,

auch vom Investmentbanking hat

sie stets die Finger gelassen. Stattdessen

Ausgerechnet ein Banker

Die erfolgreichsten CEOs börsennotierter Mittelständler 1

Rang

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CEO

Wolf Schumacher

Brian Sullivan

Klaus Weinmann

Adrian von Hammerstein

Helmut Leube

Jürgen Zeschky

Lothar Schäfer

Hartmut Müller

Philip von dem Bussche

Marten Keil

Dietmar Bichler

Klaus-Peter Schulenberg

Dieter Holzer

Heinz-Jürgen Bertram

Markus Flik

Joachim Kreuzburg

Werner Deggim

Constantin Alsheimer

Udo Müller

Gregor Schulz

Unternehmen

Aareal Bank

Sky Deutschland

Cancom

Kabel Deutschland

Deutz

Nordex

Adler Modemärkte

Grammer

KWS Saat

CropEnergies

Bertrandt

CTS Eventim

Tom Tailor

Symrise

Homag

Sartorius Stedim

Norma

Mainova

Ströer

Biotest

»Ich brauche Mitarbeiter,

die auf

ihrem Gebiet besser

sind als ich«

konzentriert sich das Unternehmen, das

bewusst nicht in der Frankfurter Bankencity

residiert, sondern im beschaulichen

Wiesbaden im Schatten des Kurhauses seine

Zentrale hat, auf Gewerbeimmobilien.

Leiht ihr Geld Investoren, die Bürocenter,

Hotels, Shoppingmalls oder große Wohnanlagen

kaufen. In dieser Nische schlägt

sich die kleine Aareal Bank derzeit deutlich

besser als die großen Konkurrenten wie

Deutsche Bank oder Commerzbank.

Die Frankfurter Platzhirsche hatte Schumacher

schon nach dem Studium gemieden:

Nach seiner Jura-Promotion an der Uni

Hamburg kam er auf Vermittlung eines Tenniskumpels

als Trainee zur Bayerischen Hypotheken-

und Wechselbank. Der Immobilienbranche

sollte er treu bleiben. „Als Chef

Gesamtwertung

2

1 börsennotierte Unternehmen mit einem Umsatz zwischen 400 Millionen und 2 Milliarden Euro;

2 die Zahl zeigt an, wie viel Prozent seiner Wettbewerber das Unternehmen 2013 geschlagen hat; Quelle: Obermatt

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Gewinnentwicklung

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einer Immobilienbank“, sagt Schumacher,

„kann ich jeden Tag sehen, welche nützlichen

Objekte wir finanzieren.“

Anders als bei den Konkurrenten, die unter

der Situation leiden, spielt der Aareal

Bank der anhaltende Niedrigzins in die Karten,

hat er doch einen Immobilienboom

ausgelöst. So lassen Investoren ihr Geld

derzeit lieber in Betongold fließen als in wenig

rentable Finanzanlagen. Wegen der

starken Nachfrage nach Gewerbeimmobilien

kann Immobilienspezialist Aareal hohe

Zinszahlungen von seinen Schuldnern verlangen

und sich die lukrativsten und sichersten

Investitionsprojekte aussuchen.

Die Folge: Der für Banken lebenswichtige

Zinsüberschuss stieg bei Aareal Bank 2013

um acht Prozent auf 527 Millionen Euro.

ZWEITES STANDBEIN

Der Erfolg ist nicht nur der günstigen Marktlage

zu verdanken, sondern auch den Weichenstellungen

Schumachers. Er sorgt seit

seinem Amtsantritt 2005 für Vorsicht bei der

Kreditvergabe. Damals ächzte die Aareal

unter Abschreibungen auf ostdeutsche Immobilien,

weil die hohen Erwartungen des

Wendebooms verpufft waren. Unter dem

jetzigen Chef lässt die Bank nun die Finger

von riskanten Neubauten und konzentriert

sich auf fertiggestellte Objekte, die bereits

vermietet sind. Zudem hat Schumacher das

internationale Geschäft ausgebaut, was

nicht nur neue Verdienstmöglichkeiten eröffnet,

sondern auch die Risiken unter geografischen

Gesichtspunkten besser verteilt.

Um nicht nur von der Kreditvergabe abhängig

zu sein, baut Schumacher bewusst

auf ein zweites Standbein: Die Aareal Bank

arbeitet auch als IT-Anbieter für die

Wohnungswirtschaft und verwaltet als

Hausbank deren Geschäftskonten. Damit

bunkern Großvermieter vor allem ihre

Mietkautionen bei der Aareal Bank, was

das Liquiditätspolster stabilisiert und die

Abhängigkeit vom volatilen Kapitalmarkt

reduziert. Schumachers Credo: „Wir müssen

nach vorne schauen.“

Die 300 Millionen Euro schwere stille

Einlage des Bankenrettungsfonds Soffin,

die während der Finanzkrise vorsorglich in

Anspruch genommen wurde, will er so

schnell wie möglich zurückzahlen. Das

Geld dafür ist da, nur die Genehmigung der

Bankenaufsicht BaFin fehlt – dafür muss

die Bank wohl noch den großen Stresstest

der Europäischen Zentralbank bestehen.

Nervös macht ihn das nicht. „Unsere Kapitalausstattung

ist sehr solide.“

n

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

90 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

»Ich bin Mike, und Sie

können mich kaufen!«

ALTERNATIVE ANLAGEN | Studenten und Sportler statt Gold oder Aktien: Wie Anleger

in Menschen investieren, was für sie dabei herausspringt. Und warum Menschen sich

überhaupt als Investment anbieten.

Paragraf 6.1: Drei Mal wöchentlich haben

sexuelle Handlungen zu erfolgen.

Paragraf 7.2.1: Das Paar wird täglich Zähne

putzen und Zahnseide benutzen.

Paragraf 11.1: Das Paar wird die Aktionäre

einen Monat vor einem geplanten Ende der

Beziehung informieren.

Aus dem Beziehungsvertrag von Michael Merrill

Auf fünf Seiten haben Michael

Merrill und Marijke Dixon beschrieben,

wie sie ihre Beziehung

führen wollen. Das wirkt

wie ein skurriler Ehevertrag.

Dahinter steckt aber noch viel mehr: Denn

Merrill musste den Vertrag und somit auch

seine Beziehung zu Marijke genehmigen

lassen – von seinen Aktionären.

Nicht Aktionäre seines Unternehmens,

sondern „seine“ Aktionäre im Wortsinn bekamen

hier ein besonderes Stimmrecht.

Mike Merrill hat im Januar 2008 Aktien ausgegeben

– Anteile an sich selbst, die er über

eine eigene Börsenplattform im Internet

handeln lässt. Rund 2000 Personen besitzen

ihn jetzt. Mit großer Mehrheit stimmten

sie dem Beziehungsvertrag mit seiner

Freundin zu. Der gilt noch bis Juni 2015,

soll dann aber erneuert werden.

Bis zu 100 000 Aktien kann Merrill ausgeben,

jede hatte ursprünglich einen Dollar

Nennwert. Bisher hat er gut 7000 Aktien an

Aktionäre verkauft, „je nach Nachfrage“ erhöht

er das Kapital – sprich: die Anzahl der

ausgegebenen Aktien. Sein persönlicher

Börsenwert liegt aktuell bei rund 26 000

Euro. In der Spitze war Merrill umgerechnet

über 100 000 Euro wert. Nachdem er

Vertrauens-Index

Aktienkurs von Softwaredesigner Merrill

(Börsenwert: 33 290 Dollar)

Jan

2009

Quelle: Kmikeym.com

Jul

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sich und seine Aktie 2013 in einer US-Talkshow

präsentiert hatte, rissen sich neue Aktionäre

um seine Anteilsscheine, das Interesse

flaute anschließend aber wieder ab.

Der 37-jährige Merrill lebt in Portland im

Nordwesten der USA. Die Zentrale des

Sportartikelvermarkters Nike ist gleich um

die Ecke, die Zwei-Millionen-Metropole im

Bundesstaat Oregon gilt als eines der kreativsten

und innovativsten Zentren der USA.

Merrill, gelernter Softwaredesigner, treibt

hier seine eigene Finanzinnovation voran.

Aus dem simplen Schuldschein, der in den

USA als „I owe you“ bezeichnet wird („Ich

schulde dir“) machte Merrill ein „I own

you“ – „Ich besitze dich“. Bis auf eine Lebensversicherung

über 100 000 Dollar bietet

er seinen Anlegern keine Sicherheiten.

„Sie müssen mir vertrauen.“

Um dieses Vertrauen zu erhalten, setzt er

auf totale Transparenz, bis hin zum Informations-Overkill:

Wöchentlich schreibt er

Aktionären, wie viele Schritte er gelaufen

ist, wie viele E-Mails er verschickt hat. Er

postet Videos, kommentiert auf Facebook

und Twitter. Und kümmert sich um sein

Äußeres, will als Börsen-Mann auch entsprechend

etwas hermachen: „Ich habe

mittlerweile ein schlechtes Gewissen,

wenn ich ohne Krawatte aus dem Haus gehe“,

sagt er. „Ich bin doch Mike Merrill, börsennotiert.

Da bin ich es meinen Inhabern

schuldig, auch so aufzutreten.“

2013 ließ er seine Aktionäre darüber abstimmen,

ob er seinen sicheren Job bei einer

Softwarefirma behalten oder sich mit

einem eigenen Projekt selbstständig machen

sollte. Seine Aktionäre stimmten für

die Selbstständigkeit. „Ich hatte wirklich

Angst!“, erinnert sich Merrill. „Aber rückblickend

war es die richtige Entscheidung“,

sagt er. „Vielleicht hätte ich sie ohne den

Druck meiner Aktionäre gar nicht oder

nicht so schnell durchgezogen.“ Einzig ein

Arbeitskollege seiner alten Firma habe gegen

die Selbstständigkeit gestimmt. „Er

wollte nicht, dass ich ihn allein im Büro zurücklasse.“

Mit seiner neuen Firma Chroma

konnte Merrill sich schon einen Auftrag

von Nike sichern. Er verdiene mittlerweile

genauso viel wie im vorherigen Job. Als

Gründer hofft er natürlich, mit seinem Unternehmen

reich zu werden.

BILDUNG BRINGT RENDITE

Das Problem ist oft beschrieben: „Heute

bekommt ein Anleger, weil die Zinsen so

weit unten sind, keine weitgehend risikolose

Rendite mehr. Deshalb muss er spekulieren

und hohe Renditen suchen“, sagt der

berühmte Investor Marc Faber. Auf die-

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FOTO: JACLYN CAMPANARO FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

92 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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13 %

Aktionär Dave Hayden

937 Aktien = 4441 Dollar

68 %

im Streubesitz

4830 Aktien = 22 894 Dollar

9 %

Aktionär Aaron P.

606 Aktien = 2872 Dollar

5 %

Aktionär Douglas Stewart

329 Aktien = 1559 Dollar

5 %

Aktionär Greg Borenstein

321 Aktien = 1521 Dollar

Mein Leben als Aktie Rund 2000

Aktionäre bestimmen das Leben

von Mike Merrill, mit einer Stimme

pro Aktie: Soll er angestellt bleiben

oder eine Firma gründen, darf er

in Mexiko oder auf Hawaii urlauben

– und was ist mit der Freundin?

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 93

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Geld&Börse

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ser Suche werden Anleger auch jenseits

der klassischen Anlageklassen – Aktien,

Gold, Immobilien – fündig: Sie investieren

direkt in Menschen. Vor allem in den USA

gibt es zunehmend Projekte, die solche Investments

möglich machen sollen.

Die exotische und riskante Variante sind

Investitionen in Sportler oder Pokerspieler.

Wer hier einsteigt, fährt hohes Risiko in einem

unregulierten Markt und im Fall des

Scheiterns auch ohne Chance, sein Geld

wiederzusehen. Der Pokerprofi, in den der

Anleger investiert hat, kann viel gewinnen

– aber, logisch, schnell alles verlieren.

Sicherer ist die Alternative, Geld in Bildung

zu stecken. Bildung bringt Rendite,

konstatierten in der abgelaufenen Woche

die führenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute

und forderten Bildungsinvestitionen

anstelle von Konjunkturprogrammen:

„Hohe Renditen wirft beispielsweise

die frühkindliche Erziehung ab“,

heißt es im aktuellen Herbstgutachten.

Rendite nicht nur für die Volkswirtschaft,

sondern auch für den Einzelnen: „Besser

als in Ihre Ausbildung und in die Ihrer Kinder

können Sie nicht investieren“, sagt der

Ex-Unternehmensberater Daniel Stelter,

der den Thinktank Beyond the Obvious

betreibt, „wegen der weltweiten Überalterung

werden gut ausgebildete Fachleute in

der Welt gesucht sein und gut verdienen.“

Wer darüber hinausgehen will, kann

heute auch Anteile an fremden Studenten

erwerben. Mit Daten wie den Abschluss-

38 500 Dollar warb Matthew Kulp

bei Investoren ein – sie erhalten dafür zehn Jahre

lang sechs Prozent seiner Einnahmen

und Einstellungsquoten von Universitäten

und dem heutigen Einkommen früherer

Absolventen lassen sich die zu erwartenden

Renditen gut planen. Etwa mithilfe der

Daten des Internet-Dienstes Payscale, der

Gehaltsumfragen erhebt. Wer zum Beispiel

2013 am Georgia Institute of Technology

im Bachelor studierte, verdiente in 20 Berufsjahren

nach dem Abschluss durchschnittlich

zwölf Prozent mehr als junge

Amerikaner ohne Studienabschluss. Die

OECD kommt für Deutschland auf 13 Prozent

Überrendite von männlichen Absolventen.

Frauen mit Abschluss verdienten

allerdings nur 8,5 Prozent mehr als ihre Altersgenossinnen.

EIGENKAPITAL FÜR STUDENTEN

Nobelpreisträger Milton Friedman skizzierte

bereits 1955 das Szenario, direkt Eigenkapital

in Menschen zu investieren. So

könne allen Einkommensgruppen der gleiche

Zugang zu Bildung gewährt werden.

Unternehmen wie Upstart und Pave in

den USA, Lumni in den USA und Lateinamerika

und studienaktie.org in der

Schweiz haben die Vision verwirklicht. Sie

bieten Plattformen, über die Anleger in

Studenten und Gründer investieren und

teilweise als Mentoren agieren können.

Upstart wurde von ehemaligen Google-

Mitarbeitern im Silicon Valley gegründet.

Als Investor holten sie auch Google-Verwaltungsratschef

Eric Schmidt an Bord.

Der Markt ist riesig: Ende Juni hatten Studenten

in den USA rund 1,3 Billionen Dollar

an Studienkrediten aufgenommen.

Upstart will eine Alternative zu den herkömmlichen

Bankkrediten bieten. Firmenchef

Dave Girouard meldete im September

via Twitter, sein Unternehmen habe in fünf

Monaten bereits über 1000 Kredite an Studenten

und Gründer vergeben.

Der 24-jährige Matthew Kulp war unter

den ersten Studenten, die sich über Upstart

Kapital von externen Investoren besorgten

– wie Friedman es vor knapp 60 Jahren beschrieben

hatte. 38 500 Dollar warb er ein.

Jetzt, nach Abschluss seines Designstudiums,

muss er über maximal zehn Jahre

jährlich gut sechs Prozent seines Einkommens

an die Investoren zahlen; eine Art

Humandividende. In Chile, das zur Zeit der

Militärdiktatur bis 1990 eine stark von

Friedman und seinen Chicago Boys beeinflusste

Wirtschaftspolitik betrieb, startete

Lumni bereits vor Jahren ein ähnliches

Konzept.

Fehlschlag Investoren finanzierten Tennisspieler

Haas, mussten später klagen

Durchblick Pokerass Heitmann plant einen

Fonds, der in Profispieler investiert

GUTE NOTE BRINGT GUTES RATING

Wie auf einer Roadshow, bei der Unternehmen

institutionelle Investoren überzeugen,

ihre Aktien zu zeichnen, musste sich

Kulp den Investoren stellen. „Ich habe

Hunderte E-Mails geschrieben und Skype-

Gespräche geführt“, erinnert sich Kulp. Seine

Geldgeber agieren nun auch als Mentoren

und gaben ihm schon unternehmerische

Impulse: Mit zwei Partnern bastelte er

eine eigene App, die er auch Risikokapitalgebern

von Google präsentierte, sagt Kulp.

„Shortwave“ soll es Nutzern möglich machen,

Nachrichten via Bluetooth zu verschicken.

Upstart vergab an Matthew Kulp anhand

seiner Universität (Rhode Island School of

Design), seiner Noten („meist Einsen“, sagt

Kulp) und seiner bisherigen Arbeitsstellen

das bestmögliche Rating. Nach aktuellen

Daten von Upstart entspräche das einer

Ausfallwahrscheinlichkeit unter 0,1 Pro-

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FOTOS: GETTY IMAGES/FINNEY, CORBIS/GIRON, CORBIS/ICON SPORTS/GLUSKOTER

94 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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zent. Und das, obwohl er einen Studienkredit

von 27 000 Dollar auf der Seite der

Verbindlichkeiten stehen hatte. „Mit meinem

Upstart-Kapital habe ich erst mal

einen dicken Batzen meiner Schulden

zurückgezahlt“, sagt Kulp in bester Manier

eines Finanzvorstands einer Börsengesellschaft

– nach dem Motto: Fremdverschuldung

runter, Eigenkapitalquote rauf.

Mittlerweile hat Upstart sein Modell

leicht umgestellt, Anleger bekommen keine

Einkommensanteile mehr, sondern einen

Festzins. Bisher können nur qualifizierte

US-Investoren in die Gründer und

Studenten auf Upstart investieren – Privatpersonen

müssen zum Beispiel ein jährliches

Bruttoeinkommen von 200 000 Dollar

vorweisen können. Der Wettbewerber

Pave will künftig auch Kleinanlegern ein

Investment ermöglichen.

In der Schweiz gibt es mit studien

aktie.org ein ähnliches Modell. Dort wird

den Investoren gar eine „dreifache Rendite“

versprochen – Zinseinnahmen, persönliche

Kontakte und das gute Gefühl, sich für

einen Mitmenschen engagiert zu haben.

Klingt gut, aber für die meisten Geldgeber

zählten nur harte Dollar, sagt Designer

Kulp. Zehn seiner Investoren hatten angegeben,

ihn als Mentor begleiten zu wollen.

„Kontakt halte ich aber nur zu vier, und nur

zwei sind wirklich hilfreich“, sagt Kulp.

VERTRAG NICHT SITTENWIDRIG

Wichtiger für Kulp: Sobald seine Investoren

15 Prozent Rendite auf ihr eingesetztes

Kapital erzielt haben, endet der Vertrag,

unabhängig von der ursprünglich vereinbarten

Laufzeit. „Der Vertrag, mit dem einzelne

Rechte an der Leistungsfähigkeit und

den Eigenschaften des Menschen übertragen

werden, ist bei einem Investment in

Personen zentral“, sagt der Finanzmarktethiker

und Banker Eberhard Schnebel,

Lehrbeauftragter an der Goethe-Universität

Frankfurt. Wie schnell es bei Verträgen

zu Unstimmigkeiten kommen kann, zeigt

der Fall des Tennisprofis Tommy Haas.

Der hatte sich seine Tennisausbildung

bei Startrainer Nick Bollettieri in Florida

von 15 Investoren finanzieren lassen. Dazu

wurde 1990 die Tosa GmbH gegründet. Die

Investoren schossen je 50 000 D-Mark zu,

darunter auch „Focus“-Gründer Helmut

Markwort. Bis zum Jahr 2004 sollten die

Geldgeber 15 Prozent der Einnahmen von

Haas bekommen. Als der den Durchbruch

schaffte und Millionen verdiente, blieben

die Zahlungen aber aus. Haas’ Anwalt erklärte

gar, der Vertrag sei sittenwidrig.

Gold-Köpfchen Footballer Davis kassierte

vier Millionen Dollar; jetzt können Anleger

ihn als Aktie an der Börse Fantex kaufen

Markwort und Co. klagten und gewannen –

Haas musste ihnen über 500 000 Euro auszahlen.

US-Milliardär Mark Cuban will Bildung

fördern, deshalb investiert auch er in Upstart,

„und weil ich hoffe, dass es profitabel

sein wird“. Cuban, der auf dem Höhepunkt

der Internet-Euphorie das Web-Radio

Broadcast.com für gigantische 5,7 Milliarden

Dollar an Yahoo verkaufte, ist Besitzer

der Dallas Mavericks, für die der deutsche

Dirk Nowitzki seit Jahren spielt. Von Aktien

auf einzelne Sportler, wie sie Anleger auf

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113-Kilo-Aktie

Kurs von Football-Profi Davis

(Börsenwert: 2,74 Millionen Dollar)

Mai Juni Juli

Quelle: Fantex

Aug Sep Okt

2014

12,5

11,5

10,5

9,5

8,5

7,5

6,5

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 95

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Geld&Börse

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der US-Handelsplattform Fantex kaufen

können, hält Cuban nichts: „Unternehmen

können über Generationen profitabel wirtschaften,

dafür gibt es in Deutschland viele

Beispiele“, sagt er. „Spieler aber müssen irgendwann

in Rente gehen.“

Fantex ist bei der US-Aufsicht SEC registriert,

aber noch nicht in allen Bundesstaaten

als Börse zugelassen. Bislang notieren

dort die Aktien von zwei Football-Spielern:

Vernon Davis (San Francisco 49ers) und EJ

Manuel (Buffalo Bills). Wer in die Athleten

investiert, spekuliert mit hohem Risiko.

Fantex warnt im Börsenprospekt von Davis:

„Nur wer verkraftet, seinen gesamten

Einsatz zu verlieren, sollte überlegen zu investieren.“

Spielbälle von Trainern und Funktionären,

mit Wetten auf ihren individuellen Erfolg

könnten Anleger nur verlieren. „Ich überlege

die ganze Zeit schon, wie man solche

Aktien shorten kann“, sagt Cuban. Damit

würde er auf fallende Kurse der Profis wetten.

Tatsächlich hätte Cuban damit einen

Haufen Geld verdienen können: EJ Manuel

wurde vor Wochen nach zwei schlechten

Spielen auf die Bank gesetzt, seine Aktie fiel

bis Anfang Oktober um fast 70 Prozent.

Was die Spielerperformance angeht, ist

Jonathan Thomas etwas optimistischer als

Milliardär Cuban. Thomas schätzt für den

britischen Versicherer Lloyd’s das Risiko

ab, sobald sich Sportler versichern wollen,

die eigentlich aufgrund von Verletzungen

40 Millionen Dollar wird Footballer Vernon Davis

in seiner Karriere kassieren, schätzt die Börse Fantex

Elaine Ou, die selbst in der Finanzbranche

arbeitet, kaufte sich im Sommer für 100

Dollar Aktien von Davis. Kein Betrag, der

sie bei einem Totalverlust ruiniert, aber:

„Mein Geld sehe ich wohl nicht wieder“,

sagt sie. Macht nichts, die Football-Aktie

sei eben Spielerei, „wie im Kasino“.

Davis hatte zehn Prozent seiner künftigen

Einnahmen verkauft, für vier Millionen

Dollar. Sein Markenwert liegt damit bei 40

Millionen Dollar. Aktionärin Elaine Ou besitzt

damit aber keine direkten Anteile an

Davis. Die Spieleraktien gelten als Beteiligungen

an Fantex – ein juristisch komplizierter

Umweg, ohne den sich Spieler nicht

an die Börse hätten bringen lassen.

Immerhin: Im August zahlte Fantex 70

Cent Dividende pro Aktie. Milliardär Cuban

sagt, letztlich seien Sportler immer nur

keine Police mehr bekommen. „Profis haben

meist eine Phase von drei Jahren, in

der sie ihren Zenit erreichen“, sagt Thomas.

Wer den Zeitraum erwischt, könnte auch

auf Fantex gute Renditen einfahren. Denn

die Leistung bestimmt den Aktienkurs. Vernon

Davis gehört mit 30 Jahren allerdings

schon zu den Football-Oldies. Börsen-

Mann Mike Merrill schreckt das nicht ab.

Sobald Fantex in Oregon zugelassen ist,

will er sich bei Sportlern einkaufen. Diversifizierung

nennt man das wohl.

RISIKEN BEIM POKER STREUEN

In der Pokerszene beteiligen sich professionelle

Spieler schon ganz selbstverständlich

an Konkurrenten. „Ein Investment in Menschen

fängt damit an, dass Freunde den

Kumpel beim ersten Turnier mit ein paar

Euro unterstützen“, sagt der Pokerprofi Jan

Heitmann, der heute Managementseminare

bei Unternehmen abhält, „und das geht

bis zum Profi, der sich sechsstellige Summen

absichern lässt.“ Wer keine Anteile an

möglichen Gewinnen verkaufe, setze sich

zu großen Schwankungen aus, sagt Heitmann.

Denn bei rund 10 000 Dollar Turnier-Startgeld

komme man als Profi bei

zehn Turnieren im Jahr schon auf 100 000

Dollar Kosten. „Die meisten Profis spielen

aber 60 bis 100 Turniere im Jahr.“

TRAUMHAFTE 3000 PROZENT

Also geben die Spieler Anteile ab. Ein

Handschlag kurz vor Turnierstart besiegelt,

dass der Investor für sein Geld zum Beispiel

drei Prozent der Gewinne erhält. Investoren

sind meist andere Profis. Heitmann

berichtet aber auch von einigen Privatleuten,

die bei großen Turnieren aktiv in

Spieler investieren. Etwa 20 bis 30 Prozent

des benötigten Startgelds der Profis seien

verkaufte Anteile, schätzt Heitmann. Und

die können Traumrenditen bringen: „Gewinnt

man ein Turnier, schafft man schon

mal 3000 Prozent.“ Dazwischen müsse

man aber Durststrecken von bis zu 40 Turnieren

ohne Preisgeld überstehen.

Und wie schafft man es als Privatanleger,

an den Traumrenditen teilzuhaben? „Wer

keine Ahnung von Poker hat, sollte die Finger

von diesem Investment lassen“, sagt

Heitmann. Er denkt jetzt darüber nach,

einen Fonds für Privatanleger aufzulegen.

Der könne in eine größere Anzahl von

Spielern gleichzeitig investieren und so Risiken

streuen. Wenn die Spieler des Fonds

viele kleine Turniere mit niedrigen Gewinnen

spielen würden, ließe sich eine konstante

Rendite ohne hohe Schwankung erzielen.

„Ich vermute, dass sich solch ein

Fonds sogar leichter steuern lässt als ein

klassischer Aktienfonds.“

Wo Menschen sich handeln lassen

Handelsplatz

Kmikeym.com

Fantex.com

Upstart.com, Pave.com

Studienaktie.org

Chipmeup.com

Quelle: Handelsplattformen

Investment

Aktien des Softwaredesigners Mike Merrill

Aktien von Football-Spielern

Finanzierung von Studenten und Gründern

Investments in Studenten in der Schweiz

Anteile an Turnier-Gewinnen von

professionellen Pokerspielern

Richtet sich an...

Privatanleger weltweit, 5 US-Cent Gebühr für

jede Transaktion

Privatanleger in einzelnen Staaten der USA

qualifizierte US-Anleger, unter anderem mit

Einkommen > 200000 Dollar/Jahr

Privatanleger ab 1000 Euro

Kenner der Pokerszene weltweit, Mini-

Investments sind möglich

Einschätzung

soziales Experiment, spekulativ Erträge

möglich

hohes Risiko, keine direkte Beteiligung an

den Spielern, sondern indirekt über Fantex

nur für Profis mit langem Atem und tiefen

Taschen

Finanzierung läuft trotz des Konkurses einer

Partnergesellschaft; direkter Kontakt zu

Studenten möglich

hohes Risiko, extreme Renditen sind möglich

– aber auch ein Totalverlust

FOTOS: BLOOMBERG, PHOTOSHOT, PRIVAT

96 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Bis aufs Hemd Designer Kulp zahlte mit

Investorengeldern seinen Studienkredit ab

Geldregen Google-Größe Schmidt pumpte

Geld in die Bildungskredit-Plattform Upstart

Glücksbringer Nowitzki-Brötchengeber

Cuban (vorne) mag keine Sportleraktien

Was die Finanzaufsicht BaFin dazu sagen

würde, hat Heitmann noch nicht geprüft

– juristisch bewegen sich viele Humankapital-Investments

auf sehr dünnem

Eis. Auch Mike Merrill weiß das. Der Softwareentwickler

betreibt seine Plattform

ohne Genehmigung der Aufsicht SEC.

„Falls die Aufsicht mein Projekt für rechtswidrig

hält, argumentiere ich, dass es Kunst

ist“, sagt Merrill und grinst. Blickt dann

aber doch leicht verunsichert ins Leere.

Finanzmarkt-Ethiker Schnebel hält einen

unbestimmten Besitz an einer Person wie

Merrill zudem für sittenwidrig. Ab wann

beginnen hier Sklaverei oder moderner

Menschenhandel? Könnten Merrills Aktionäre

zum Beispiel fordern, dass er eine Niere

verkauft? „Solche Bereiche müssen ganz

klar von diesen Investmentverträgen ausgeschlossen

werden“, sagt Schnebel.

„Natürlich steht über allen diesbezüglichen

Überlegungen auch die Beschränkung

des Grundgesetzes, dass kein Mensch

zu einem bloßen Objekt gemacht werden

darf“, sagt Albrecht von Breitenbuch, Anwalt

bei der Kanzlei Orrick in Berlin.

„Selbst wenn es jemand wollte, könnte er

sich nicht als ,Sklave‘ verkaufen.“ Laut

deutschem Börsengesetz kann eine natürliche

Person auch gar nicht an einer Börse

gehandelt werden. „Man müsste neben der

Person zunächst ein Wirtschaftsgut identifizieren,

an dem die Investoren teilhaben

sollen, etwa Rechte an Erfindungen der

Person“, sagt von Breitenbuch.

Von Sklaverei und Menschenhandel will

Douglas Stewart nichts wissen. „Ich habe

ursprünglich zur Unterhaltung ein paar

Aktien gekauft“, sagt der Kanadier, der fünf

Prozent an Mike Merrill hält. „Je länger

man aber investiert ist, desto stärker wird

die Verbindung zur anderen Person. Ich

würde sagen, dass sich zwischen Mike und

mir eine freundschaftliche Beziehung entwickelt

hat“, sagt Stewart, der in diese

Freundschaft mittlerweile 1559 Dollar investiert

hat.

Er erwarte, dass künftig mehr Menschen

es Merrill nachmachen und Aktien von

sich ausgeben werden. „Wir suchen doch

jetzt schon täglich Rat bei Freunden und

Familie“, sagt er, „da liegt der nächste

Schritt, andere Menschen per Stimmrecht

eingreifen zu lassen, doch nahe.“

DRUCK DER INVESTOREN

Manu Gupta vom Risikokapitalgeber Lakestar

bewertet täglich das Potenzial von

Gründern und ihren Unternehmen.

„Wenn wir investieren, dann immer, weil

wir an die Personen glauben“, sagt Gupta.

Aber Personen unabhängig von

ihrem Unternehmen an die Börse

zu bringen hält er für keine gute

Idee. Zwar könnten wir heute

das Risiko einer solchen Investition

durch Daten aus den sozialen

Medien und anderen Quellen

deutlich besser berechnen als

früher. Dieser Aspekt fasziniert

Videos

In unseren App-

Ausgaben sehen

Sie Football-Profi

Davis und

Designer Kulp

Gupta auch an Upstart. Aber: „Im Leben

gibt es eben Situationen, in denen wir unsere

Versprechen nicht einhalten können“,

sagt er. Wer als Privatanleger trotzdem investieren

wolle, solle das nur bis zu einer

bestimmte Grenze dürfen, um mögliche

Verluste einzudämmen.

Aber können Investoren nicht auch zur

Last werden? Designer Kulp, der jedes Jahr

sechs Prozent seines Einkommens an Kreditgeber

überweist, gibt sich gelassen: „Es

tut nicht weh, ich versuche mir vorzustellen,

dass es eine Einkommensteuer ist, die

ich zahlen muss.“ Eine langfristige Geldanlage

will er trotzdem nicht sein: „Natürlich

würde ich gerne eine Goldmine entdecken,

um binnen eines Jahres alle Investoren

auszahlen zu können.“

Ans Auszahlen denkt Mike Merrill in

Portland dagegen noch lange nicht. „Ich

würde ich mich aber an einen Großaktionär

verkaufen lassen“, sagt er und rutscht

aufgeregt auf seinem Stuhl hin und her. Er

plant auch, Verkaufsoptionen auszugeben,

mit denen Anleger auf einen sinkenden

Merrill-Kurs wetten könnten: „Technisch

sehr kompliziert, aber machbar“,

sagt er. „Ich könnte mir sogar vorstellen,

mich von der Börsen

nehmen zu lassen“, sagt Merrill,

schränkt dann aber doch ein:

„Vorausgesetzt, das Angebot

stimmt, für die Aktionäre.“ Und

für ihn wohl auch.

n

sebastian.kirsch@wiwo.de

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 97

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Geld&Börse

Genau hinschauen

BÖRSE | Indexfonds, die den Dax oder den Euro Stoxx abbilden, bewegen

Kurse nach starrem Muster. Anleger können das ausnutzen.

kaufen, eröffnet Anlegern Chancen. Sie

können Aktien kaufen, bevor die ETFs

dies tun müssen.

Die Gelegenheit dazu bietet sich immer

dann, wenn ein Index neu verändert wird.

Beim Dax und Euro Stoxx ist dies jedes Jahr

im Spätsommer der Fall. Dann steigen einzelne

Aktien aus diesen Indizes ab, andere

rücken nach. So rückte Nokia im September

in den Euro Stoxx 50 auf. Zugleich

schafften der Gabelstaplerhersteller Kion

und der Immobilienkonzern Deutsche Annington

den Aufstieg in den MDax; das

Medienunternehmen ProSiebenSat.1 Media

verpasste knapp die Aufnahme in den

Dax 30, bleibt aber heißer Kandidat für

2015 (siehe Kasten Seite 100).

Auf den ersten Blick ist Laurence Douglas

(„Larry“) Fink der mächtigste

Aktionär Deutschlands: Seine Manager

kontrollieren mehr Firmenanteile als

jede Großbank, jeder Ölscheich und jede

Beteiligungsgesellschaft. Rund sechs Prozent

aller Dax-Aktien liegen beim New Yorker

Investmentmanager Blackrock, den

Fink 1988 mit Partnern gegründet hat und

bis heute leitet. Bei vielen Dax-Gesellschaften

ist Blackrock der größte Anteilseigner,

so etwa bei BASF, E.On und Siemens.

Doch Finks Macht ist nur geliehen. Die

Aktienpakete hält Blackrock im Auftrag privater

und institutioneller Investoren, die

ihr Geld in Exchange Traded Funds (ETFs)

angelegt haben. ETFs sind börsengehandelte

Indexfonds, die einfach die Kursentwicklung

von Indizes wie Dax oder Euro

Stoxx abbilden.

Vielen Fondsmanagern gelingt es ohnehin

nicht, besser abzuschneiden als der Index,

an dem sie sich orientieren. ETFs sparen

sich die hoch bezahlten Fondsmanager.

Sie sind deshalb besonders günstig

und zunehmend beliebt. Mehr als jede

fünfte Dax-Aktie befindet sich inzwischen

im Besitz der ETFs – und Blackrock ist hier

Weltmarktführer.

So beeindruckend die Masse ist, die Indexfonds

an den Börsen auf die Waage

Einträgliches Flimmern und Rauschen

Kommt die Aktie von ProSiebenSat.1 Media

in den Dax, müssen Indexfonds kaufen

bringen – viele Freiheiten oder gar Macht

haben die Riesen nicht. Blackrock und Co.

handeln nach starren Regeln, sie müssen

Investoren genau die Wertentwicklung des

jeweiligen Index liefern. Das geschieht entweder

synthetisch, durch komplizierte Derivate-Geschäfte

(Swaps), oder indem

Fonds die im Index enthaltenen Aktien

kaufen. Seit Ausbruch der Finanzkrise sind

synthetische Indexfonds auf dem Rückzug

(siehe Grafik Seite 101 links). Anleger trauen

den Kunstprodukten nicht, sie wollen,

dass die Fonds Aktien halten, auf die sie

etwa bei Bankenpleiten Zugriff haben.

Dass Indexfonds an Boden gewinnen

und zudem immer mehr Aktien direkt

Anleger können

auf Gewinne von

Dax-Kandidaten

spekulieren

AUF DEN LETZTEN DRÜCKER

Wer in den Dax will, muss beim Handelsumsatz

auf dem elektronischen Xetra-

System und beim Börsenwert der Aktien,

die nicht in festen Händen sind, mindestens

jeweils zu den Top 35 in Deutschland

zählen.

Die beiden Kriterien werden recht

streng angewendet. Es lässt sich also bereits

lange vorher absehen, welche Aktien

die Indexfonds am Stichtag kaufen müssen

und welche sie abstoßen werden.

Obendrein wird die Anpassung im Voraus

angekündigt. Der Arbeitskreis, der für die

Berechnung des Dax zuständig ist, gibt seine

Entscheidungen zwei bis drei Wochen

bekannt, bevor die neue Formel erstmals

angewandt wird.

Die Indexfonds müssen jedoch warten,

bis der Aufstieg eines neuen Werts in den

Leitindex tatsächlich wirksam wird. „Wir

kaufen diese Aktie exakt zu dem Termin,

an dem die Neuberechnung des Dax in

Kraft tritt und nicht früher“, sagt der Blackrock-Manager

Peter Scharl. Am Stichtag

dann fluten Blackrock und Co. die Märkte

mit Kauforders. Auf einen Schlag müssen

die Indexfonds riesige Aktienpakete kaufen.

Der Run auf die Aufsteiger treibt die

Kurse in die Höhe.

Doch wann genau passiert dies? Schließlich

sind die Entwicklungen lange im Voraus

abzusehen. Lohnt es sich, auf die kursbewegenden

Effekte zu spekulieren? Haben

Privatanleger dabei eine Chance gegenüber

professionellen Arbitrageuren, die

sich auf den Märkten tummeln?

Aktienstrategen der Landesbank Baden-

Württemberg (LBBW) in Stuttgart haben

dies überprüft. Sie nahmen sich den Euro

Stoxx 50 vor und untersuchten, wie sich die

Aufnahme neuer Aktien auf den Handel

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FOTO: MAURITIUS/IMAGEBROKER/GOERLICH

98 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

AKTIENINDIZES

Früher kaufen

Termine der nächsten Indexanpassungen,

Kandidaten für den

Auf- und Abstieg.

EURO STOXX 50

Basis für die Aufnahmeentscheidung

sind die Schlusskurse am 28. August

2015. Wirksam wird die Anpassung am

21. September.

n Die derzeit aussichtsreichsten Aufstiegskandidaten

sind Continental und

der französische Mischkonzern Safran.

n Abstiegskandidaten sind die französische

Handelskette Carrefour und RWE.

DAX

In Sachen Dax tagt der Arbeitskreis der

Deutschen Börse das nächste Mal am

3. September 2015. Die Entscheidung

wird, wie bei allen deutschen Indizes,

am selben Abend nach 22 Uhr bekannt

gegeben. Wirksam würde eine Änderung

am 21. September.

n Heißester Kandidat für den Dax ist

ProSiebenSat.1 Media. Chancen könnte

auch Airbus haben. Die Aktie wird bisher

größtenteils in Paris gehandelt, es

wandert jedoch immer mehr Umsatz

nach Frankfurt ab, sodass ein Aufstieg

langfristig möglich ist.

n Abstiegskandidaten sind K+S und

Lanxess, insbesondere auch wegen ihrer

miesen Kursentwicklung.

MDAX

n Zum MDax tagt der Arbeitskreis der

Börse am 4. März 2015. Wirksam würde

eine Anpassung am 23. März.

n Ein Kandidat für eine Neuaufnahme

ist Staplerbauer Jungheinrich.

n Sky Deutschland könnte nach einer

möglichen Übernahme aus dem MDax

fliegen, auch Rhön-Klinikum wackelt.

SDAX

n Hier tagt der Arbeitskreis der Börse

am 3. Dezember 2014. Wirksam

wird eine eventuelle Anpassung am

22. Dezember.

n Kandidat für eine Neuaufnahme ist

Börsenneuling Zalando.

n Abstiegskandidaten sind Tiefbau-

Spezialist Bauer und Online-Reifenhändler

Delticom.

»

mit diesen Werten auswirkt; die Analyse

reicht von 2000 bis 2012. Im Gegensatz

zum Dax, wo die Aufnahmekriterien bis

vor einigen Jahren noch recht weich waren,

ist das Regelwerk beim Euro Stoxx seit

jeher recht strikt. Er eignet sich daher besser

für eine Langzeit-Untersuchung als der

Dax.

„Nach unseren Erfahrungen beginnen

Investoren ungefähr einen Monat vor dem

Ankündigungstermin zu prüfen, welche

Aktien aufsteigen könnten und welche den

Euro Stoxx 50 verlassen müssen. Dann laufen

bei den Analysten die ersten Anfragen

von Fondsmanagern ein“, berichtet Analyst

Uwe Streich von der LBBW. Ungefähr zu

diesem Zeitpunkt setzen die Aktien, die

später in den Euro Stoxx aufgenommen

wurden, zum Höhenflug an: In den vier

Wochen vor der Ankündigung ist die Wertentwicklung

im Mittel um mehr als drei

Prozentpunkte besser als bei den Aktien,

die bereits im Euro Stoxx enthalten sind.

Nach dem Ankündigungstermin gibt es

meist einen kleinen Rückschlag. Dann

aber setzt sich die überdurchschnittliche

Wertentwicklung fort: Die Newcomer laufen

nochmals gut zwei Prozentpunkte besser

als der Markt, bis die Neuberechnung

des Euro Stoxx 50 endgültig wirksam wird.

Alles in allem verzeichnen die Aufsteiger in

den sechs bis sieben Wochen vor dem

Stichtag eine Wertentwicklung, die im

Schnitt um rund fünf Prozentpunkte höher

liegt als bei den Euro-Stoxx-Aktien.

Steigt die Börse, können Anleger, die

rechtzeitig die neuen Euro-Stoxx-Werte

kaufen, binnen kurzer Zeit überdurchschnittliche

Kursgewinne erzielen. Sie

müssen dabei keineswegs überstürzt handeln.

„Der Löwenanteil der Outperformance

findet auf den letzten Drücker statt“,

Felsenfester Dax-Investor Blackrock-

Chef Fink mischt am deutschen Aktienmarkt

kräftig mit

berichtet Streich. Noch am Tag vor der Anpassung

des Index klettern die Kurse der

Aufsteiger – im Schnitt ist ihre Wertentwicklung

1,6 Prozentpunkte besser als bei

den Altwerten im Euro Stoxx.

„Die Ergebnisse unserer Untersuchung

lassen sich der Tendenz nach auf den Dax

übertragen“, sagt Streich. Vorsicht geboten

ist freilich beim MDax und SDax: Dort gelten

auch heute noch viel weichere Kriterien

als beim Dax. Selbst Profis können

kaum vorhersehen, welche Entscheidungen

die Arbeitskreise der Börse bei den Nebenwerte-Indizes

treffen.

„Auch Privatanleger können versuchen,

auf Kursgewinne von Euro-Stoxx- oder Dax-

Kandidaten zu spekulieren“, sagt Streich.

Sie sollten jedoch bedenken, dass die Ergebnisse

der LBBW-Studie Durchschnittswerte

sind – im Einzelfall kann die Performance

der Aktien ganz anders aussehen.

TRITTBRETTFAHRER

Weltweit haben Investoren 2,1 Billionen

Euro in Indexfonds angelegt. Die zunehmend

gewichtigere Rolle der nach starren

Regeln investierenden Fonds beeinträchtigt

womöglich massiv das Funktionieren

der Finanzmärkte. Manager von ETFs machen

sich keine Gedanken, wie gut einzelne

Aktien sind. Börsen können aber nur effizient

Kapital verteilen, wenn Anleger sich

ein eigenes Urteil bilden, welche Wertpapiere

ein Investment lohnen und welche

nicht. „ETFs tragen ein gewisses zerstörerisches

Element in sich“, sagt Tobias Basse,

Analyst bei der Nord/LB in Hannover.

Aktive Investoren sollten sorgfältig die

aktuelle Geschäftslage und die künftigen

Entwicklungschancen der Gesellschaften

analysieren, denen sie ihr gutes Geld anvertrauen.

Kein Anleger ist jedoch allwissend,

jeder hat spezielle Kenntnisse und

Erfahrungen. Im Zusammenspiel der Investoren

werden die verfügbaren Informationen

am effizientesten verarbeitet – so

lautet ein Credo der Kapitalmarkttheorie.

An diesem Prozess aber sind die passiven

Indexfonds nicht beteiligt. Niemand prüft,

wie gut Aktien sind – es reicht, dass sie im

Index sind. „Indexfonds tragen nicht zur effizienten

Verarbeitung von Informationen

über Aktien bei. Sie sind Trittbrettfahrer, die

kostenlos die Vorleistung der aktiven Investoren

in Anspruch nehmen“, sagt Basse von

der Nord/LB. Dies war alles kein Problem,

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA/ROBICHON

100 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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Immer mehr Indexfonds kaufen Aktien direkt

Anzahl und Volumina synthetischer und nicht synthetischer ETFs1

Anzahl der ETFs

900

Anzahl synthetischer

ETFs

1 Exchange Traded Funds (börsennotierte Indexfonds); 2 Fonds, die den Index über Anleihen und Derivate nachbilden;

3 Fonds, die Indexaktien direkt kaufen; Quelle: Deutsche Bank, Bloomberg, Reuters

Investiertes Volumen (in Mrd. Euro)

400

800

350

700

Volumina synthetischer

300

600

ETFs

250

500

Volumina nicht

200

400 synthetischer ETFs

150

300

Anzahl nicht

200

synthetischer ETFs 3

100

100

50

0

2007 08 09 10 11 12 13 2014

0

Amerikaner ganz vorn

Indexfonds-Anbieter Blackrock ist bei Weitem

der größte Finanzinvestor im Dax (gehaltene

Aktien in Milliarden Dollar)

58,5

29,2

21,4

16,1

15,1

14,5

13,0

11,2

10,7

10,3

Quelle: Ipreo, Stand: 31.12.2013

Blackrock

Norges Bank

Capital Group

Deka

Lyxor

The Vanguard Group

Deutsche Asset & Wealth Management

Allianz Global Investors Europe

State Street Global

Union Investment

solange Indexfonds eine kleine Minderheit

unter den Anlegern bildeten. Doch der

Markt der ETFs wächst weiter.

Und sie sind nicht die einzigen Investoren,

die zu bequem sind, sich eine eigene

Meinung zu bilden. „Auch die aktiv gemanagten

Fonds orientieren sich vielfach an

Indizes wie dem Dax“, sagt Christian Jasperneite,

Chief Investment Officer bei der

Hamburger Privatbank Warburg. Bis zu 70

Prozent der institutionellen Investoren

richten ihre Anlageentscheidungen offenbar

weitgehend an Börsenindizes aus. Dies

lässt sich daran ablesen, dass die Wertentwicklung

von Dax-Fonds meist nur geringfügig

vom Leitindex abweicht; der sogenannte

Tracking Error beträgt häufig nur

zwei bis drei Prozent. „Wenn nur noch passive

Anleger in den Dax investieren würden,

könnten die Aktienmärkte nicht mehr

richtig funktionieren“, räumt Andreas Pohlmann

ein, der bei der DekaBank für das

Geschäft mit ETFs verantwortlich ist.

Fatal ist, dass nicht nur Indexfonds die

Börsen aushebeln. Zu den Trittbrettfahrern,

die sich auf die aktiven Anleger im

Dax stützen, gehören zu großen Teilen

auch die Dark Pools – nicht regulierte Handelsplattformen,

auf die ein immer größerer

Teil des Aktienhandels abwandert. Bei

Dax-Werten entfällt heute rund die Hälfte

des Handelsvolumens auf intransparente

Deals jenseits der Börsen. In diesem Dunkelreich

orientieren sich Akteure an den

Aktienkursen, die sich auf Xetra bilden.

„Auch die Dark Pools sind in bestimmter

Weise Free Rider“, sagt Analyst Basse.

Wenn die Börsen aber immer schlechter

funktionieren, dann bekommen Investoren

Oberwasser, die ihr Portfolio selbst zu-

sammenstellen. Gerade weil die Effizienz

an den Börsen bislang so hoch war, gelang

es aktiv gemanagten Fonds selten, besser

zu sein als die Märkte. Doch dies könnte

sich jetzt gründlich ändern. „Je stärker die

Effizienz an den Märkten schrumpft, desto

größer werden die Chancen von aktiven

Investoren, eine bessere Wertentwicklung

zu erzielen als Indexfonds“, sagt Analyst

Basse von der Nord/LB.

Womöglich ist bei der Geldanlage deshalb

ein neues Denken angesagt: Investments

in Indexfonds reduzieren und das

Geld stattdessen in aktiv gemanagte Fonds

stecken. Eine Abweichung (Tracking Error)

gegenüber dem Dax von mehr als drei Prozent

signalisiert, dass der Manager autonom

handelt – auch wenn er längst nicht so

viel anzulegen hat wie Larry Fink. n

günter heismann | geld@wiwo.de

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Geld&Börse | Barron’s

Jetzt klappt es

AKTIEN | Nach 20 Prozent Kursverlust in diesem Jahr ist die Aktie

des weltgrößten Elektronikkonzerns Samsung reif für die Wende

Cochran, sei weitaus breiter aufgestellt als

das von Nokia oder Blackberry.

Trotzdem: Fakt ist, Samsung steht im

Handymarkt derzeit von zwei Seiten massiv

unter Druck: im oberen Preissegment

durch Apple, im unteren durch chinesische

Hersteller. Die Einführung von Apples

iPhone 6 mit größerem Display schafft

neue Konkurrenz für Samsungs Highend-

Geräte Galaxy S5 und Note 4, die bisher

von ihrem im Vergleich zum iPhone 5

größeren Bildschirmen profitierten. Samsungs

Smartphones und Tablets laufen mit

dem Betriebssystem Android von Google,

das den Handyherstellern weniger Flexibilität

gibt als Apples iOS.

Aktien sind historisch teuer? Mag

sein, aber nicht diese: Samsung,

der größte Elektronikhersteller

der Welt, wurde noch vor wenigen

Monaten als Wachablösung für Apple

in der Konsumenten- und Anlegergunst

gefeiert. Doch die Aktie des südkoreanischen

Konzerns, der neben trendigen

Handys vor allem Tablet-PCs, Chips und

Großbild-TV-Geräte herstellt, kostet an der

Börse nur noch den achtfachen Gewinn

des laufenden Geschäftsjahres; rechnet

man die reich gefüllte Bargeldkasse hinein

sowie einige firmeneigene Investmentportfolios

im Wert von umgerechnet 60

Milliarden Dollar, liegt das Kurs-Gewinn-

Verhältnis (KGV) gar nur bei fünf. Der Kurs

der Aktie ist 2014 um fast 20 Prozent gefallen

und markierte Anfang Oktober, nach

der Veröffentlichung neuerlich enttäuschender

Ergebnisse für das dritte Quartal,

ein 52-Wochen-Tief.

Samsung ist noch immer ein Koloss, mit

einem Jahresumsatz von 200 Milliarden

Dollar – das nach Umsatz größte Technologieunternehmen

weltweit. Mit 15 Prozent

Anteil am koreanischen Leitindex Kospi ist

Samsung zudem das Index-Schwergewicht

dort – und eines der größten Unternehmen

in den meisten multinationalen Schwellenländer-Indizes.

Koreanische Aktien generell haben in

den vergangenen Jahren enttäuscht; seit

2010 konnten sie in Summe keine Kursgewinne

mehr erzielen. Das durchschnittliche

KGV an Koreas Börse liegt bei rund

zwölf, auf historisch tiefem Niveau. Die

Risiken einer Investition in koreanische

Unternehmen wurden kürzlich wieder offensichtlich,

als Hyundai im Seouler Nobelviertel

Kangnam ein fast 80000 Quadratmeter

großes Grundstück für zehn Milliarden

Dollar erwarb, um dort seinen neuen Firmensitz

zu errichten. Das war das Dreifache

des geschätzten Wertes der Liegenschaft.

Der dubiose Abschluss warf etliche Fragen

in Sachen Korruption auf und schickte die

Hyundai-Aktie auf Talfahrt.

Samsung ist bei den Anlegern seit geraumer

Zeit in Ungnade, weil die Gewinne in

der Handysparte, dem größten Geschäftszweig,

eingebrochen sind. Das gab Anlass

zu Befürchtungen, das Unternehmen

könnte das nächste große Opfer in einem

brutalen Markt werden, der schon frühere

Schwergewichte wie Nokia und

Motorola zerzaust hat.

Doch das ist ein Trugschluss.

„Es ist absurd, Samsung mit Nokia,

Blackberry oder Motorola zu

vergleichen“, sagt Shaun Cochran,

der beim Investmenthaus

CLSA in Seoul den Bereich Research

leitet. „Samsung erfindet

sich immer wieder neu.“ Das

Handyportfolio von Samsung, so

Die beste

Geschichte aus

der aktuellen

Ausgabe von

dem führenden

amerikanischen

Magazin für

Geldanleger.

ERHOLUNG WIE BEI APPLE

Aus einem anderen Blickwinkel erinnert

Samsung aber in vielerlei Hinsicht an

Apple vor etwa einem Jahr. Auch die Apple-

Aktie war 2013 kurzzeitig auf unter 60

Dollar gerutscht und notierte damals nur

zu einem KGV von zehn, nach Abzug der

üppigen Barmittel sogar nur bei 6,5. Investor

Carl Icahn und andere gewiefte Geldmanager

deckten sich zu diesen Kursen in

großem Stil mit Apple-Aktien ein. Inzwischen

notieren sie wieder bei rund 100

Dollar. Samsung hat vielleicht nicht ganz

so viel Potenzial, aber manche Profi-Anleger

sehen 50 Prozent Kursgewinn in den

kommenden zwölf Monaten durchaus als

realistisch an.

2013 war Samsung mit einem Marktanteil

von über 30 Prozent noch immer der

mit Abstand größte Handyhersteller der

Welt und der größte und profitabelste Speicherchiphersteller.

Mit 40 Prozent Marktanteil

bei Speicherchips (DRAM) ist Samsung

Marktführer in einem lukrativen Oligopol,

zu dem noch Micron und Hynix

zählen. Samsung ist auch ein führender

Hersteller von Festkörperspeichern, die in

immer mehr Anwendungsbereichen traditionelle

Festplatten ersetzen. Und schließlich

ist Samsung der weltweit führende

Hersteller von Bildschirmen und bei TV-

Geräten die Nummer eins am Weltmarkt.

Die nächste große Innovation bei

Samsung ist schon in Vorbereitung:

faltbare Handys aus Plastik

statt Glas in der bei mobilen Endgeräten

führenden OLED-Displaytechnologie.

„Allein die Halbleitersparte

und die Barmittel sind mehr

wert, als der ganze Konzern zurzeit

an der Börse kostet“, sagt

Mark Newman, Analyst beim

ILLUSTRATION: TOM MACKINGER

102 Nr. 43 20.10.14 WirtschaftsWoche

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Brokerhaus Bernstein Research, „die Anleger

bekommen den Rest geschenkt, darunter

den weltweit größten Handyhersteller,

den führenden Displayhersteller sowie den

größten und profitabelsten TV-Hersteller.“

Rob Taylor, Manager des Oakmark International

Fund, ergänzt, Samsung sei „in allen

seinen wichtigeren Märkten entweder die

Nummer eins oder zwei“. Langfristig habe

das Management das Unternehmen gut für

die Verteidigung und den weiteren Ausbau

seiner Marktposition vorbereitet.

Auch im zyklischen Speicherchipgeschäft

scheint sich das Blatt zu wenden:

Nach acht Milliarden Dollar 2014 werden

für 2015 schon zehn Milliarden Dollar Gewinn

vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen

erwartet. Das dicke Bargeldpolster

sollte also weiter wachsen.

HOFFEN AUF DIE AKTIVISTEN

Hoffnung auf eine mögliche Bodenbildung

speist sich auch aus der Bewertung der Aktie:

Samsung wird mit fünf Prozent Abschlag

zum Buchwert (Wert der Anlagen,

Maschinen, Immobilien und anderer Aktiva

in der Bilanz) gehandelt, ein Niveau, auf

dem die Aktie früher meist drehte. Samsung

ist noch mit 50 Prozent des Jahresumsatzes

bewertet – zum Vergleich: Apple

kostet den zweieinhalbfachen Umsatz.

Und es ist durchaus vorstellbar, dass ein

aktivistischer Investor auf den Plan tritt

und das Unternehmen zu einer Erhöhung

der Dividende und Aktienrückkäufen

drängt – so wie Icahn es bei Apple getan

hat. Auch Apple hatte sich lange geziert,

seine Aktionäre über Dividenden oder Aktienrückkäufe

an seine Cash-Töpfe zu lassen.

Allerdings dürfte sich ein familiengeführtes

koreanisches Unternehmen nicht

so leicht unter Druck setzen lassen. Der in

Südkorea mächtige Lee-Clan, der die Firma

kontrolliert, wird einen Aktivisten

kaum so bereitwillig umarmen, wie Apple

es mit Icahn getan hat.

Ein Handicap: Der Lee-Clan, der das

Samsung-Imperium kontrolliert, dürfte

angesichts des anstehenden Generationenwechsels

in der Haupteignerfamilie

zunächst wenig Interesse an steigenden

Aktienkursen haben. Denn der zuletzt

meist niedrige Kurs drückt die Erbschaftsteuer,

wenn der vom Konzernpatriarchen

Lee Kun-hee gehaltene Drei-Prozent-Anteil

an dessen Kinder übertragen

wird. Dies könnte mit ein Grund sein für

die knausrige Dividende und die fehlenden

Aktienrückkäufe; Samsung hat in den

letzten Jahren weniger als zehn Prozent

des Nettogewinns an seine Aktionäre ausgeschüttet.

Die ernste Erkrankung von Konzernchef

Lee Kun-hee, der seit einem schweren

Herzinfarkt im Mai dieses Jahres im Krankenhaus

behandelt wird, hat die Nachfolgespekulationen

wieder angeheizt. Aus

dem Unternehmen heißt es, er befinde sich

„auf einem stetigen Weg der Besserung“.

Im Fall seines Todes kämen der Familie höhere

Ausschüttungen aus ihrer Konzernbeteiligung

sehr zustatten, speziell angesichts

des exorbitant hohen koreanischen Erbschaftsteuersatzes

von rund 50 Prozent.

Lees Erben stünde somit eine Rechnung

über vier Milliarden Dollar vom Staat ins

Haus, zahlbar innerhalb von fünf Jahren. In

diesem Fall würde eine höhere Dividende

das Familienbudget auffüllen und verhindern,

dass größere Teile des Samsung-Imperiums

verkauft werden müssen.

So oder so: Die Familie Lee scheint bereits

intensiv am Umbau des komplexen

Firmenkonglomerats zu arbeiten. Zwei

Börsengänge werden in den nächsten Monaten

erwartet. Geplant ist unter anderem

der Verkauf von Beteiligungen an der von

der Familie beherrschten Holding-Gesellschaft

Cheil Industries, die mit 19 Prozent

an der Samsung Life Insurance beteiligt ist.

Diese wiederum hält 7,6 Prozent an Samsung

Electronics und ist damit der größte

Einzelaktionär.

Operativ ist die prioritäre Aufgabe für

Samsung, die Handysparte wieder auf Vordermann

zu bringen. In den letzten Jahren

haben sich Samsung und Apple den Gewinn

im globalen Handymarkt mehr oder

weniger brüderlich geteilt. Aber derzeit

verlagern sich die Gewinnflüsse zusehends

zu Apple. Samsung will Geräte im niedrigen

und mittleren Preissegment auf den

Markt bringen und so der Konkurrenz

durch Billighersteller aus China und anderen

Billiglohnländern etwas Wind aus den

Segeln nehmen. Vorteile für Samsung sind

die starke Marktstellung bei Handykomponenten

und im globalen Vertrieb.

„Die Hardware ist bereits führend, aber

Samsung muss vor allem bei der Software

noch viel besser werden“, sagte der Technologie-Guru

Walt Mossberg kürzlich im

US-Fernsehsender CNBC. Das Unternehmen,

meinte er, habe zu viele Handymodelle.

Samsung baue individuelle Geräte

für jeden Netzbetreiber in allen möglichen

Märkten, während Apple seine Geräte

für den Konsumenten baue. Weil diese

die Geräte nachfragen, müssen die Betreiber

dann wohl oder übel mit Apple zurechtkommen.

FURORE MIT FALTBAREN HANDYS

Wesentliche Verbesserungen der Software

der Android-Handys sind nicht so leicht

umsetzbar, aber Samsung könnte schon

2016 mit faltbaren Handys Furore machen.

Bei den Speicherchips wiederum ist Samsungs

führende Stellung unangefochten.

Kürzlich veröffentlichte das Unternehmen

Pläne für den Bau einer neuen Halbleiterfabrik

in Südkorea. Die Baukosten der Anlage,

die 2018 fertiggestellt werden soll,

werden auf umgerechnet 14 Milliarden US-

Dollar geschätzt. Diese Pläne unterstreichen

die Finanzkraft und die unbezwingbare

Marktmacht des Unternehmens in

diesem Segment.

Es ist absurd, Samsung mit gefallenen

Riesen wie Nokia zu vergleichen

Unterdessen nehmen die Analysten ihre

Gewinnschätzungen noch weiter zurück.

Die aktuelle Konsensschätzung für 2015

liegt bei 133000 koreanischen Won je Aktie

(97 Euro), nach 200000 Won noch zu Anfang

dieses Jahres. Das dürfte, bei aller Wertschätzung

für die Zurückhaltung der sonst

notorisch optimistischen Analysten, dann

doch zu negativ sein. Solange sich im

Handygeschäft der Gewinn nicht in Luft auflöst,

dürfte der Gewinn je Aktie die Schwelle

von 150000 Won nicht unterschreiten.

Apple überwand 2013 sein Kurstief, als

die Gewinnprognosen der Analysten zum

letzten Mal drastisch nach unten korrigiert

worden waren. Dieser Punkt könnte bei

Samsung schon bald erreicht sein. Vielleicht

brauchen die Anleger noch ein wenig

mehr Geduld. Aber die Aktien erscheinen

vielversprechend, speziell in Anbetracht

der führenden Marke, der festungsgleichen

Bilanz, der nach wie vor guten Gewinnlage

und einer beherrschenden Familie,

die sich früher oder später mit den übrigen

Aktionären verbünden wird.

n

andrew bary | geld@wiwo.de

WirtschaftsWoche 20.10.2014 Nr. 43 103

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Geld&Börse | Steuern und Recht

BANKGEHEIMNIS

Oasen unter

Druck

PRIVATE KRANKENVERSICHERUNG

Teurer Tarifwechsel

Auch eine medizinische Momentaufnahme kann den Risikozuschlag erhöhen.

Privatversicherte sollten sich ihre Arztrechnungen

genau ansehen. Wollen sie später etwa in einen

günstigeren Versicherungstarif wechseln,

wertet ihr Krankenversicherer frühere Diagnosen

aus und nutzt dazu auch die Rechnungen. Sind

dort Vorerkrankungen vermerkt, kalkulieren

Versicherer daraus einen Risikozuschlag, der

die Kassenprämie erhöht. Ein Kunde der Allianz

Krankenversicherung wollte im Ruhestand

in einen Tarif mit geringerer Selbstbeteiligung

wechseln. Im neuen Tarif sollte er einen Risikozuschlag

von 90 Prozent auf seinen neuen Monatsbeitrag

von 376 Euro zahlen. Den Aufschlag

begründet der Versicherer unter anderem mit einer

Verengung der Nierenarterien, die das Krankheitsrisiko

des Versicherten erhöhe. Tatsächlich

hatte ein Radiologe dem Versicherten auf einer

Rechnung eine solche zu einem Grad von 50 Prozent

attestiert. Medizinisch wird dieser Prozentsatz

so gedeutet, dass kein krankhafter Befund

vorliegt. Dies attestierte auch der behandelnde

Arzt. Der Bluthochdruck des Patienten wäre

demnach nicht auf eine Verengung der Arterie

zurückzuführen, die die Niere versorgt. Dazu

müsste die Verengung mindestens 80 Prozent betragen.

Von der medizinischen Momentaufnahme

lässt sich die Allianz nicht beirren. In ihre

Software gibt sie Diagnosen ohne Prozentangabe

ein und zieht beim Risikozuschlag Erfahrungen

mit dem Krankheitsbild heran. Risikozuschläge

sollten künftige Beitragssteigerungen für die Versichertengemeinschaft

verringern, so die Allianz.

Die Staaten der Europäischen

Union sind finanziell klamm.

Deshalb erhöhen sie den Druck

auf Kapitalanleger, die versuchen,

ihr Geld vor dem Fiskus

zu verstecken. Die EU-Finanzminister

haben sich darauf geeinigt,

dass Banken ab 2017 die

Daten der Anleger zu Kapitalerträgen

wie Zins-, Dividendenund

Wertpapiergewinnen an

die Finanzämter des jeweiligen

Wohnsitzlandes melden. Der

Fiskus soll zudem auch Informationen

über Mieterträge sowie

Stiftungen, Treuhandgesellschaften

und Versicherungen

bekommen. Darauf hatten sich

67 Staaten bereits im Frühjahr

unter dem Dach der Organisation

für Wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung

(OECD) geeinigt. „Länder wie

die Schweiz und Luxemburg

hatten durch die sogenannten

Fatca-Gesetze gegenüber den

USA ihr Bankgeheimnis aufgegeben.

Sie konnten die Transparenz

deshalb den EU-Nachbarn

kaum verweigern“, sagt Joachim

Borggräfe, Steuerrechtsexperte

in der Kanzlei Castle Law. Er

erwartet, dass die Zusammenarbeit

vieler Staaten jetzt noch

verbliebene Steueroasen wie

Singapur und Hongkong unter

Druck setzt, sich dem Informationsaustausch

anzuschließen.

RECHT EINFACH | Wildwechsel

Kreuzendes Wild ist im Straßenverkehr

gefährlich. Wenn

es kracht, zeigen viele Richter

Verständnis für Autofahrer.

§

Wildschwein. Ein Süddeutscher

bretterte mit seinem

Auto durchs Schwabenland.

Plötzlich sah er auf der

Fahrbahn ein totes Wildschwein,

konnte aber nicht mehr ausweichen

und überfuhr den Kadaver.

Die 970 Euro Reparaturkosten

wollte seine Teilkasko nicht zahlen,

weil das Überfahren eines

leblosen Tieres nicht versichert sei.

Das sahen die Richter anders. Versichert

sei ein „Zusammenstoß“ mit

Haarwild. Ob sich das Tier bewege

oder nicht, sei egal (Landgericht

Stuttgart, 5 S 244/06).

Bambi. Eine Münchnerin fuhr in einer

Herbstnacht mit ihrer Freundin

durch Oberbayern. Als sie am rechten

Straßenrand ein Reh sah, zog

sie das Auto nach links und landete

im Unterholz. „Grob fahrlässig“,

urteilte die Versicherung und weigerte

sich, den Schaden von 4545

Euro zu begleichen. Vor Gericht

bekam die Autofahrerin recht.

Nach Ansicht der Juristen wollte

die Münchnerin einen Wildunfall

vermeiden und ihre Beifahrerin

schützen. Das könne kaum grob

fahrlässig genannt werden (Amtsgericht

München, Oberlandesgericht

Koblenz, 10 U 1415/05).

Eichhörnchen. Eine Autofahrerin

bremste, als ein Eichhörnchen

über die Straße lief. Der Fahrer

des hinter ihr befindlichen Pkws

fuhr auf. Als dessen Versicherer

der Tierliebhaberin nur 60 Prozent

des Schadens zahlen wollte,

war ihr das zu wenig. Vor Gericht

bekam sie 75 Prozent, weil der

Hintermann ausreichend Abstand

halten müsse. Die Bremsakrobatin

sei aber nicht unschuldig. Sie

habe aus einem „verkehrsfremden

Grund“ gebremst (Amtsgericht

München, 331 C 16026/13).

FOTO: GETTY IMAGES, MAURITIUS/LINKE, PR

104 Nr. 43 20.10.2014 WirtschaftsWoche

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GELDANLAGE

Rosige Aussichten für schwarze Fonds

Manchen Star unter den Investmentfonds

konnten deutsche

Anleger nicht kaufen, weil mit

der Steuererklärung ein böses

Erwachen folgte: Waren die

Fonds hierzulande nicht offiziell

zugelassen und haben sie

ihre Steuerdaten nicht so transparent

veröffentlicht, wie es der

Fiskus wünschte, wurden sie als

„schwarze Fonds“ strafbesteuert.

Die Praxis hat jetzt der Europäische

Gerichtshof gekippt.

Da die Strafe vor allem ausländische

Fonds betraf, so die

Richter, verstößt sie gegen die

Kapitalverkehrsfreiheit der Europäischen

Union. Geklagt hatte

ein Ehepaar aus Essen, das

zwischen 2003 und 2008 in belgische

Investmentfonds investiert

hatte, die das Finanzamt

als intransparent einstufte. Es

setzte unter anderem jährlich

sechs Prozent des letzten Rücknahmepreises

als steuerpflichtig

an. Die Kläger sollten Erträge

in Höhe von 246 000 Euro versteuern.

Sie wiesen anhand öffentlicher

Daten des Fonds

nach, dass sie nur 71000 Euro

verdient hatten. Der EuGH entschied,

Steuerzahler müssten

auch bei intransparenten Auslandsfonds

die tatsächliche Höhe

ihrer Einkünfte nachweisen

können. „Jetzt müssen deutsche

Gerichte in dem konkreten

KREDITFINANZIERTE BETEILIGUNG

Klare Grenze für Zinskosten

Ein privater Anleger hatte einen

Kredit aufgenommen, um sich

an einer GmbH zu beteiligen.

Im Jahr 2001 verkaufte er die

Beteiligung. Da er beim Kauf

mehr bezahlt hatte, als er beim

Verkauf der Anteile erlöste,

konnte er den Kredit nicht voll

tilgen und zahlte weiterhin Zinsen.

Für die Jahre 2005 bis 2008

konnte er diesen Zinsaufwand

als nachträgliche Werbungskosten

von seinen Einkünften aus

Kapitalvermögen abziehen.

Doch ab dem Jahr 2009 verbot

SCHNELLGERICHT

GESCHWINDIGKEITSBEGRENZUNG IM SOMMER

§

Gilt eine Geschwindigkeitsbegrenzung, wird sie

nicht dadurch aufgehoben, dass unter dem elektronisch

gesteuerten Verkehrszeichen mit der

Höchstgeschwindigkeit 80 Stundenkilometer noch

ein Zusatzschild mit Schneeflocke angebracht ist.

Also gilt auch im Sommer: langsam fahren (Oberlandesgerichts

Hamm, 1 RBs 125/14).

KAMPFHUNDE MÜSSEN BILLIGER WERDEN

§

Eine Kommune darf nicht 2000 Euro Hundesteuer

für einen als Kampfhund geltenden Rottweiler

verlangen, wenn der normale Steuertarif

nur 75 Euro beträgt (Bundesverwaltungsgericht,

9 C 8.13).

ihm das Finanzamt den Abzug.

Damals wurde die Abgeltungsteuer

eingeführt. Und damit

hat der Gesetzgeber für private

Kapitalerträge den Abzug der

tatsächlich entstandenen Werbungskosten

ausgeschlossen.

Er gestattet nur noch den Abzug

des Sparer-Pauschbetrags in

Höhe von 801 Euro oder 1602

Euro für Verheiratete. Die Richter

am Bundesfinanzhof haben

daran nichts auszusetzen und

auch keine verfassungsrechtlichen

Bedenken (VIII R 53/12).

Fall entscheiden, wie die Besteuerung

anhand von eigens

vorbereiteten Unterlagen der

Anleger erfolgen kann“, sagt

Markus Hammer, Partner bei

PwC. Unklar sei, ob Anleger, die

für schwarze Fonds Steuern

zahlten, nachträglich ihre Steuerlast

noch reduzieren könnten.

„Häufig gab es intransparente

Fonds in Schweizer Depots. Bei

Selbstanzeigen wählte man daher

einen hohen Sicherheitszuschlag

und schätzte Erträge

sehr hoch. Das Urteil könnte

zukünftig die Selbstanzeige

leichter und billiger machen“,

sagt Oliver Schultze, Steuerberater

aus Pinneberg.

FIRMENFAHRZEUG

Steuerfreie

Heimfahrt

Nutzt ein Unternehmer den