Gründerinnen im Handwerk

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Gründerinnen im Handwerk


„Es mag wohl schwierig sein,

aber damit nehme ich es auf.“

(Andrea Reinold, Schreinermeisterin)

In allen Bereichen des Handwerks

sind inzwischen Frauen anzutreffen

und tragen maßgeblich zum wirtschaftlichen

Erfolg der Betriebe

bei: als selbstständige Betriebsinhaberin,

mitarbeitende Unternehmerfrau,

angestellte Gesellin oder

Auszubildende. Fast 27 Prozent aller

neuen Auszubildenden im Handwerk

sind heute weiblich und mehr

als 20 Prozent der Meisterprüfungen

werden von Frauen abgelegt.

In den vergangenen 20 Jahren hat

sich der Frauenanteil bei den bestandenen

Meisterprüfungen fast

verdoppelt. Und auch der Schritt

in die Selbstständigkeit wird im

Handwerk immer öfter von Frauen

gegangen: Jeder vierte Gründer im

Handwerk ist inzwischen weiblich.

Trotzdem ist das Gründungspotenzial

der Frauen bei weitem nicht

ausgeschöpft. Die Gründe hierfür

sind vielfältig: Neben fehlender

finanzieller Ausstattung oder bürokratischen

Hemmnissen sehen viele

Frauen die Vereinbarkeit von Familie

und selbstständiger Tätigkeit leider

immer noch als unüberwindbare

Hürde an. Daher sind Initiativen

wie das „Gründerinnenjahr 2011“

der Handwerkskammer Freiburg

wichtig um Frauen bei ihren Gründungsideen

Mut zu machen und

sie in der Orientierungsphase, bei

der Beschaffung von Informationen

oder in der Weiterbildung aktiv zu

unterstützen.

(Kerstin Andreae MdB)

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Interview mit

Iva Jauss

Wie war ihre erste Reaktion auf unsere

Anfrage, selbstständige Handwerkerinnen

zu porträtieren?

Ich war von Anfang an begeistert. Mit Handwerkern,

Welchen Effekt möchten Sie damit beim Betrachter

bewirken?

Es sollen keine reinen Dokumentarbilder sein. Ich

wollte die Frauen nicht nur als Handwerkerinnen

Was bleibt bei Ihnen hängen von dieser Produktion?

Für mich war es eine absolut wertvolle Arbeit. Wenn

ich das, was ich in der Zusammenarbeit mit den

geschweige denn Handwerkerinnen, hatte ich bisher

zeigen, sondern als Persönlichkeiten. Als Menschen,

Frauen gespürt habe, in nur einem Wort ausdrü-

noch nicht zusammengearbeitet. Neugierig war ich vor

die der Betrachter besser kennlernt. Eine kleine In-

cken müsste, dann wäre es „Lebensfreude“. Über

allem darauf, die Frauen persönlich kennen zu lernen.

szenierung, die aber viel Freiraum für die Gedanken

den ganzen Prozess hinweg konnte ich unglaubliche

der Betrachter lässt.

Lebensfreude spüren, bei jeder einzelnen. Das war

begeisternd. Diese Frauen lieben ihren Beruf. Das

Was steckt hinter der Idee, drei Bilder in

hat es mir auch leicht gemacht, mit genau der glei-

einem zu vereinen?

Was war die größte Herausforderung bei der

chen Begeisterung an diese Ausstellung heranzu-

In einem ersten Gespräch über die Konzeption einer

Aufnahme der Porträts?

gehen. Ich freue mich auch sehr darüber, dass sich

solchen Ausstellung kam mir spontan der Gedan-

Die Frauen müssen einem vertrauen. Porträtaufnah-

alle Frauen in ihren Bildern wiedererkennen können.

ke, dass ein Bild zu wenig ist. Ich wollte vielmehr in

men zu machen ist ein sehr intimer Prozess. Deshalb

Form eines so genannten Fotoessays eine kleine Ge-

war es mir wichtig, vor den eigentlichen Shootings Ge-

schichte über diese Frauen erzählen. Dafür habe ich

spräche zu führen, um sich einander kennenzulernen.

// Die aus Bulgarien

den Bildern einen konzeptionellen Rahmen gegeben.

In diese Vorgespräche gehe ich völlig ohne konkrete

stammende Porträtfoto-

Das linke Bild integriert immer biografische Aspekte

Vorstellungen. Wenn dann Vertrauen da ist und die

grafin lebt seit 2002 in

der Frauen, das mittlere Bild stellt deren Persönlich-

Frauen über sich und ihr Leben erzählen, dann entwi-

der Nähe von Freiburg.

keiten ins Zentrum, und das rechte Bild deren Arbeit.

ckeln sich vor meinem inneren Auge die ersten Bilder.

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Christiane

Hollnberger

Die Glasermeisterin führt gemeinsam mit ihrem Mann einen

Fensterbaubetrieb in vierter Generation. Inzwischen sitzt sie

viel im Büro und vermisst manches Mal die praktische Seite

ihres Handwerks.

// Viele können sich anfangs gar

nicht vorstellen, dass ich Ober -

meisterin bin. Sie halten mich für

eine Mitarbeiterin der Kammer

oder des Landesinnungsverbandes

– bis sie mich dann kennen lernen.

Handwerk sein: Für Christiane

Hollnberger die berufliche Erfüllung.

Mit den Händen zu arbeiten

macht ihr schon als Kind Spaß,

wenn sie in der Werkstatt hilft die

Fenster zu streichen. Der Berufswunsch

ist früh klar. Genauso wie

der Weg in den elterlichen Betrieb.

Frau sein: Vorbehalte begegnen ihr

von Beginn an. Sie sieht sich in einer

anderen Beweispflicht als die männlichen

Kollegen. Akzeptanz erfahre

man als Frau erst nach erbrachter

Leistung. Vorbild sein: Mehr jungen

Frauen auf Augenhöhe zu zeigen,

was im Handwerk alles möglich ist,

das wünscht sie sich. Persönlich ist

sie froh, den Schritt ins Handwerk

und die Selbstständigkeit gewagt

zu haben, auch wenn es schwierige

Phasen zu überstehen galt.

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Susanne

Schwenninger

// Auch wenn es mal schmutzig wird.

Danach kommt immer das Schöne, und

dann ist es einfach nur das Glück

für mich.

Die Malermeisterin führt ihren Betrieb in dritter Generation.

Ein reiner Bürojob wäre überhaupt nichts für sie gewesen.

Handwerk sein: Schon früh packt Vorbild sein: Nicht jeder jungen Frau

Susanne Schwenninger im väterlichen

Betrieb mit an. Anfangs noch fehlen, Malerin zu werden. Aber sie

kann sie ruhigen Gewissens emp-

mit wenig Begeisterung, findet sie liebt ihre Arbeit, die sie als hart und

bald Gefallen daran und entdeckt lohnenswert beschreibt. Sie ist stolz

für sich die Faszination, mit Händen auf das, was sie leistet. Und eines

und Farben kreativ zu werken. Frau macht Sie auch klar: Die Arbeit besteht

nicht nur aus Baustelle. Büro,

sein: Den dummen Sprüchen der

männlichen Kollegen in den 80er Akquise und Gespräche mit den

Jahren sieht sie sich als junge Frau Kunden sind für sie mindestens

oft wehrlos ausgesetzt. Nach der genauso wichtig. Gerade hierbei

Übernahme drückt sie dem Betrieb könne so manche Frau ihre Stärken

ihren eigenen Stempel auf. Mehr ausspielen.

Privatkunden, kleinere Baustellen

– alles eine Frage der Organisation.

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Andrea

Reinold

// Ob Mann oder Frau, auch im Hand -

werk ist es ganz einfach: Du machst

deine Arbeit gut oder nicht.“

Die Schreinermeisterin entscheidet sich 1986 für den Besuch

der Meisterschule. Sie möchte ihren eigenen Betrieb gründen.

Handwerk sein: 1977 ergibt sich für Vorbild sein: Sie zeigt sehr gerne, dass

Andrea Reinold die Gelegenheit, in es auch anders geht. Im Umgang mit

Freiburg das Berufsgrundbildungsjahr

Holz zu belegen. Angetrieben junge Frauen mit Freude an prakti-

dem Kunden und den Kollegen. Für

durch den Wunsch, kreativ, aber scher und kreativer Arbeit lohne es

auch praktisch zu arbeiten. Sie liebt sich auf jeden Fall, ein Handwerk zu

ihre Arbeit, auch wenn ihr anfangs erlernen. Auch sie kannte Momente

das männlich dominierte Umfeld der Unsicherheit. Heute ist sie sich

nicht nur Freude bereitet. Frau sein: ihrer Erfahrung bewusst und kann

Es ist der direkte Kontakt zu ihren sagen: Ich hab’s drauf!

Kunden, der ihre Arbeit für sie so

lohnenswert macht. Nicht selten

trifft sie dabei auf Kundinnen, die

es schätzen, gerade mit ihr als Frau

gemeinsam Ideen zu entwickeln.

Seite 11


Renate

Wölfle

Die Graveurmeisterin eröffnet 1970 ihr eigenes Geschäft.

Das Handwerk erlernt sie in dritter Generation. Auch wenn sie

heute nicht mehr arbeiten müsste, ein Leben ohne ihr Handwerk

ist für sie unvorstellbar.

// Es gab keinen Tag, an dem ich

nicht gerne ins Geschäft gegangen

bin. Das ist auch heute noch so. Ich

gehe zwar nicht mehr jeden Tag, aber

immer gerne.

Handwerk sein: Eigentlich möchte

Renate Wölfle technische Zeichnerin

werden. Es ist der Vater, der sie

überzeugt, in seine Fußstapfen zu

treten. 1953 geht sie bei ihm in die

Lehre, mit ruhiger Hand, aber ganz

ohne Tochterbonus. Bis heute bereut

sie es keine Sekunde, auf den

väterlichen Rat gehört zu haben.

Frau sein: Allein unter Männern wird

ihr schnell bewusst: Um als Frau anerkannt

zu werden, musst du immer

noch ein kleines bisschen besser

sein. Auf der anderen Seite schätzt

sie die Zusammenarbeit mit ihren

männlichen Kollegen; und über viele

glückliche Jahre weiß sie den eigenen

Mann an ihrer Seite. Aber wenn

jemand ins Geschäft kommt und

nach dem Chef fragt, sieht sie rot.

Vorbild sein: Ein schlechtes Vorbild

könne sie nicht gewesen sein, führe

sie doch gemeinsam mit ihrem

Sohn seit 1999 das Geschäft. Die

Vorstellung, jungen Frauen ein Beispiel

zu sein, gefällt ihr.

Seite 13


Sandra und

Nadine Kiefer

Die Diplomingenieurin Sandra Kiefer und ihre Schwester

Nadine, mit Bachelor in Betriebswirtschaft, übernehmen den

elterlichen Betrieb in dritter Generation. Beide reizt die Fortführung

der Familiengeschichte.

// Wenn du als Frau deine fachlichen

Kenntnisse erst einmal bewiesen hast,

hast du beim Kunden einen gröSSeren

Stein im Brett als jemals ein Mann.

Handwerk sein: Auch wenn sie über

keine handwerkliche Ausbildung im

klassischen Sinne verfügen, Sandra

und Nadine Kiefer leben das Handwerk.

Beide entscheiden sich unabhängig

voneinander für den Einstieg

in den elterlichen Betrieb. Ganz zur

Freude ihrer Eltern, auf deren Unterstützung

sie immer zählen können.

Frau sein: Auch wenn sie Töchter

sind, der Namenszusatz der Firma

`& Sohn´ wird bleiben. Sie möchten

das Überraschungsmoment, als junge

Frauen vor den Kunden zu treten,

gar nicht missen. Vorbild sein: Eine

Rolle, die beide Schwestern für sich

annehmen. Sie möchten Mut machen,

es ihnen gleich zu tun und in

der Nachfolge bereits existierender

Betriebe eine Chance zu sehen. Davon

gebe es in den nächsten Jahren

schließlich zu Genüge.

Seite 15


Cordula

Lehrmann

Die Schneidermeisterin entscheidet sich schon früh für das

Handwerk. Ausschlaggebend für ihre Berufswahl sind weniger

die guten Zeugnisnoten, als vielmehr die Überzeugung, das zu

lernen, was sie wirklich will.

// Ich habe mit vierzehn genau

das gefunden, was ich heute noch

mache, was ich genauso wieder

machen würde und wobei ich mich

so entfalten kann, wie ich mir das

immer Vorgestellt habe.

Handwerk sein: Als ihre Handarbeitslehrerin

von der Idee erfährt,

dass sie Schneiderin werden möchte,

schlägt diese die Hände über

dem Kopf zusammen. Aber Cordula

Lehrmann hat ein Ziel: kreativ und

handwerklich tätig zu sein. Frau

sein: Dass sie mit 23 Jahren, auf

ihrem Weg in die Selbstständigkeit,

bei der Bank ihren Mann als Sicherheit

angeben muss, ärgert sie maßlos.

Sie setzt sich zum Ziel, für ihren

nächsten Kredit diese Hilfe nicht

mehr zu brauchen. Zehn Jahre später

baut sie ihr Geschäft aus. Sie bekommt

das Geld – nach Vorlage ihrer

Bilanzen. Vorbild sein: Für den Tag,

an dem sie sich aus ihrem Geschäft

zurückziehe, freue sie sich eine

ihrer ehemaligen Auszubildenden

als Nachfolgerin gefunden zu haben.

Insgesamt bildet sie im Laufe

der Jahre rund dreißig Auszubildende

aus. Sie gibt diesen mehr mit auf

dem Weg, als allein die Kunst des

Schneiderns.

Seite 17


Gisèle

Fiand

Die Friseurmeisterin eröffnet 2006 ihren eigenen Laden. Ihr

Konzept: Ein schöner Raum, viel Zeit für den Kunden, eine

kleine Insel der Ruhe.

// Haare schneiden ist für mich wie

Meditation. Es hilft mir, mein

inneres Gleichgewicht zu halten.

Handwerk sein: Schon als kleines

Kind schneidet Gisèle Fiand ihren

Barbies die Haare. Mit dem Abitur

in der Tasche und gegen den Willen

ihrer Eltern beginnt sie 1986 die

Ausbildung zur Friseurin. Frau sein:

Es sind ihre zwei Lieben, die manchmal

zur Zerreißprobe werden. Die

zu ihren Kindern und die zu ihrem

Handwerk. Mit vierzig, ihre beiden

Kinder sind sechs und drei Jahre alt,

weiß sie: jetzt oder nie. Sie möchte

endlich ihren eigenen Laden. Ihre

Kinder haben die Möglichkeit viel

draußen zu spielen, es gibt Nachbarn

die helfen, innerhalb von fünf

Minuten ist sie zu Hause. Sie weiß:

Nur so ist es ihr möglich das Geschäft

aufzubauen. Vorbild sein: Sie

möchte ein Vorbild sein in ihrem

Handwerk. Vieles betrachtet sie mit

Sorge. Aber auch mit der Hoffnung,

dass ihr Handwerk, wie sie es vorlebt,

auch in Zukunft seinen Platz

behauptet. Wenn die Kinder groß

sind möchte sie wieder ausbilden,

gerne auch eines der beiden.

Seite 19


Tanja

Knöfel

// Die Kunden suchen sich mich aus,

weil sie die Geschäftsidee gut

finden und weil sie sich bei einer

Frau gut aufgehoben fühlen.

Die Zweiradmechanikermeisterin eröffnet 2006 ihre mobile

Werkstatt. Sind Terminkalender und Handy in der Tasche, ist

sie immer bereit, den nächsten Auftrag anzunehmen.

Handwerk sein: Als ihr Roller schneller

fahren soll, als der Vater es zulässt und Mutter in einem zu sein, ist

offener und direkter. Selbstständig

und die Jungs nicht bereit sind, mit für sie eine konzeptionelle Herausforderung.

Sie ist stolz darauf, ihre

ihr an Motoren zu schrauben, entscheidet

sich Tanja Knöfel, die Sache eigene familientaugliche Idee entwickelt

zu haben. Darin kommen

selbst in die Hand zu nehmen. Dass

ihre Zukunft im Handwerk liegt, auch drei Wochen Sommerurlaub

wusste sie schon immer. Frau sein: mit der Tochter vor. Vorbild sein: Eine

Auch wenn sie weiß, dass viele ihrer Rolle, in der sie sich wohl fühlt. Um

Kolleginnen bis heute zu kämpfen Handwerk zeigen zu können, müsse

haben, sieht sie sich während ihrer man Handwerk leben. Sie tut es.

Ausbildung keinen Problemen gegenüber.

Unter Jungs zu sein habe

auch Vorteile, schließlich seien diese

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Handwerkskammer Freiburg

Bismarckallee 6

79098 Freiburg

Telefon: 0761 21800 0

Telefax: 0761 21800 333

info@hwk-freiburg.de

www.hwk-freiburg.de

Bilder: Iva Jauss

Texte: Martin Düpper

Layout und Gestaltung: werbeagentur aufwind GmbH

Erschienen im Rahmen des Gründerinnenjahres 2011

Initiiert von:

Unterstützt von:

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