Earnest & Algernon: Geheimsache

livingbox

Geheimsache


E

A


GEHEIMSACHE


INHALT

6

Editoral

Elisabeth Helena

Jacobs-Jahrreiß &

Christian Jacobs

8

Was ist heute noch

subversiv?

Robert Misik

14

Der subversive Doppeltitel

Konstantin Adamopoulos

23

Wer durch mein Leben will

muss durch mein Zimmer

Odilo Weber

30

Campaigning for Change

Subversive Aktion

Andreas Graf von

Bernstorff

38

Prometheische Projekte

Ein Gespräch mit dem

Philosophen

Armen Avanessian

Ludwig Engel

45

Figuration

Ayzit Bostan

62

25 Jahre Friedliche

Revolution

Die subversive Kraft der

Menschenrechte

Roland Jahn

66

Subversive Reproduction

A new approach to teach and

learn entrepreneurship

Sylvain Bureau &

Pierre Tectin

74

Jenseits von Subversion

und Sozialdarwinismus

Für eine neue Bewegung der

Befreiung (von) der Arbeit

Michael Hirsch

81

Leipzig!

Mischa Kuball

106

Strategische Subversion:

Wofür? – Wogegen?

Franz Liebl

112

Hollywoodschaukel oder

der Garten des Anderen

Hans-Georg Wegner

114

Subversion ist ein Fluidum

Nina Gühlstorff

118

Performance as technology

of other-worlding

a conversation with

Alexander Baczyński-Jenkins

Kina Deimel

126

Subversion ist auch nicht

mehr das, was sie einmal war

Wolfgang Müller

134

Autoporträt

GeburtshelferIN Zensur –

Warum ich nicht Verleger

werden wollte und es

dann doch geworden bin

Christoph Links

138

Subversion als Keim

für Innovation?

Melanie Torney

139

Partizipation als subversive

Kunstform

Urbane Künste Ruhr und

die Neudefinition von

Kunst im urbanen Raum

Katja Aßmann

142

Algernon’s Truth

Ingo Arend

144

WAHNMOCHING

Die Münchenseite

146

Horoskop

Die astrologischen

Konstellationen der

kommenden Monate

Alexander Graf von Schlieffen

SpotlightS

150

154

E&A goes out

154

Autoren & Künstler

Impressum

BUNBURY

160

162

5


7

THOUGHTS FOR THE DAY

tor

1863 Begeisterung

im Londoner Underground. erste U-Bahn der Welt

126 Jahre später friedlichen Revolution DDR. Gebete

haben Staat erschüttert

Kerzen in den Händen

und dafür braucht ein Mensch beide Hände

tragen und schützen .

Subversive Strategien gestalten

Wie kann der Mensch heute noch subversiv handeln?

In österreichischen Schulen wird jetzt schon das Erstellen von „Spickzetteln“

Widerständigkeit und Rebellischsein

Produktivkräfte

Entrepreneurship ist wahre Subversion in der

Ökonomie

Geheimsache

Ihre Ja Ja & Ja


ASiST

heute

n Ch

subV

rsiV?


T: Robert Misik

9

„Sei kreativ, mach’

nicht mit, unterminiere das

Hergebrachte.“

Diese Forderung kann man heute schon in Stellenanzeigen

lesen. Schlechte Zeiten für das Subversive.

In seinem Film „Die fetten Jahre sind vorbei“

lässt der österreichische Regisseur Hans Weingartner

einen seiner Protagonisten sagen: „Was

früher subversiv war, kannst du heute im Laden

kaufen.“ Subversivität ist, so gesehen, eine große Selbsttäuschung.

Das eigensinnige Subjekt glaubt, etwas Widerständiges

zu tun, und tappt doch immer wieder nur in die

Falle der Systemstabilisierung und Affirmation. Führe dem

kapitalistischen System rebellische Energien zu – und es

verwandelt sie in einen Trend, mit dem sich gute Geschäfte

machen lassen. Widerstands-Communities werden in Lifestyle-Communities

verwandelt, provokante Kunst in den

dernier crie und das Nietenarmband der Punks gibt es

vierzig Jahre später bei H&M zu kaufen. Und all das vollzieht

sich in immer rasanterem Rhythmus. Jahrzehnte dauert

es nicht mehr: Was heute die Subkultur rockt, ist in

der nächsten Saison schon auf den Brettern der großen

Staatstheater. Oder anders gesagt: Hochkultur ist die Subkultur

von gestern, die erfolgreich geworden ist.

All das gilt natürlich zunächst und vor allem

für das Kraftfeld aus Konsumkultur, Kunst

und Gegenkultur. Blicken wir einen Augenblick

zurück, in eine Zeit, in der die Welt

noch in Ordnung war, also ordentlich sortiert. Eine Welt,

in der Konformismus und Nonkonformismus noch klar

unterscheidbar waren.

Gegen die Unfreiheit, die Konventionen,

den gesellschaftlichen Druck von Spießertum

und dem bloß Üblichen, dem

bloßen „das macht man eben so“, dem

„das gehört sich so“ rebellierten Bohémiens, Halbstarke,

Hippies, Aussteiger, Punks. Man hat davon ein bestimmtes

Bild im Kopf: das der uniformierten, formatierten

Gesellschaft der Ähnlichen in ihren Reihenhäusern. Mama

hat Lockenwickler auf dem Kopf, Papa ist sehr darauf

bedacht, dass die Nachbarn nicht schief schauen, und

alle haben die gleichen Gardinen vor den Fenstern. Dagegen

war man. Und irgendwie verstanden sich alle diese

Bewegungen und Subkulturen als links oder progressiv,

und sei es nur halb bewusst. Die, die das bewusster taten,

legten sich eine Theorie zurecht. Dass der Kapitalismus

die Welt gleichförmig mache, dass er den Menschen ihre

Kreativität und den Dingen ihre Authentizität austreibe.

Dass also Hippies und Alternativkultur oder Gegenkultur

so etwas wie Freiheitsrevolten und antikapitalistische

Revolten zugleich seien. Diese Kritik hatte bestimmt für


Geheimsache #8

10

einige Phasen der gesellschaftlichen Entwicklung

Wichtiges und Richtiges zu sagen, war

zugleich aber immer auch ein kulturpessimistisches

linkes Vorurteil, das deshalb paradoxe

Trugschlüsse nach sich zog. Etwa den Glauben,

mit dem Etablieren einer alternativen Gegenkultur

würde den Homogenisierungstendenzen

des Kapitalismus Widerstand geleistet – während

in der Realität die Gegenkulturen von Hippies

bis Punk dem Konsumkapitalismus nur

neue Energien zuführten. Man fühlte sich dissident, war

aber auch nur eine Marktnische und Zielgruppe. Deshalb

ist, wie die kanadischen Autoren Joseph Heath und Andrew

Potter schrieben, die gegenkulturelle Politik „in den letzten

vierzig Jahren eine der wichtigsten Triebkräfte des

Konsumkapitalismus gewesen“. Schließlich seien es die

Nonkonformisten, nicht die Konformisten, „die an der

Konsumschraube drehen“. Denn: „Wenn die Konsumenten

bloß Konformisten wären, dann würden sie sich allesamt

das Gleiche kaufen und damit glücklich und zufrieden

sein.“ Es ist dieses Paradoxon, das den Philosophen Peter

Sloterdijk zu dem Aperçu veranlasste: „Alle Wege der

Achtundsechziger führen in den Supermarkt.“ Dass der

Kapitalismus die Welt eintöniger mache, und im

Umkehrschluss die kreativen Energien, die die Welt bunter

machen, subversiv seien, ist ein sehr fragwürdiges

Postulat, bestenfalls eine jener Überzeugungen, die wahr

und falsch zugleich sind. Das ließe sich schon an der

Basiseinheit des kapitalistischen Wirtschaftens ersehen,

der Ware nämlich. Die lässt sich schließlich, wie wir alle

wissen, dann am besten verkaufen, wenn sie sich von

anderen Waren unterscheidet – und nicht, wenn sie allen

anderen Waren gleicht. Selbst objektiv ununterscheidbare

Waren müssen unterscheidbar gehalten werden, ein Imperativ,

der Werbe- und Marketingagenturen und Branding-

Experten ein schönes fixes Einkommen garantiert. Heute

darf jeder sein Ding machen, ja, es wird sogar von ihm

gefordert. Jeder darf anders sein als der andere, soll seinen

persönlichen Stil entwickeln, der ihn von anderen

unterscheidet und mit kleinen Peer-Groups ihm Ähnlicher

im Gegenzug verbindet, zu sogenannten Lebensstil-

Gemeinschaften, die auch nichts anderes sind als Marktnischen

und Zielgruppen. So ist es heute wirklich schwierig

geworden, unkonventionell zu sein, weil jeder doch

auf seine Art unkonventionell ist. Das Freiheitsgefühl, das

so entsteht, na, mit dem können mächtige ökonomische

Gruppen prima leben.

An den Orten, an denen auf raffiniertere

Weise über „Systemkritik“ nachgedacht

wird, ist deshalb schon vor einigen Jahren

die Frage nach den Möglichkeiten

von Subversion das große Thema geworden – auch wenn

es im leise melancholischen, selbstreflexiv ironischen

Ton besprochen wird. Je nach Anlass ist man entweder

der Meinung Slavoj Žižeks, dass in der Postmoderne „der

Exzess der Überschreitung seine Schockwirkung“ verliert

und völlig integriert wird. Oder man ist der gegensätzlichen

Meinung Slavoj Žižeks, dass es nämlich keineswegs

so ist, „dass der Kapitalismus die endlose Fähigkeit

besäße, alle Sonderwünsche zu integrieren und ihnen

die subversive Spitze zu nehmen.“

Aber wir wollen etwas systematischer

an die Sache

herangehen, nicht zuletzt

deswegen, weil Subversion

ja ein schillernder, überdeterminierter

und deshalb auch unpräziser Begriff ist,

der nur scheinbar immer dasselbe meint,

aber doch in den unterschiedlichen Themenfeldern

eine andere Bedeutung

annimmt:

Der Saboteur, der während eines Streiks in

einem Telekommunikationsunternehmen

die Leitungen lahmlegt, ist auf andere,

offensichtlichere Weise subversiv als der

Polit-Aktivist, der eine Straßenblockade organisiert. Dieser

wiederum auf völlig andere Weise als der Theaterprovokateur,

der das Bürgertum schockt oder der Punk, der sich

eine Sicherheitsnadel durch die Wange rammt. Ist, wer eine

theatralische Attac-Straßenaktion macht, schon subversiv?

Ist es ein Hausbesetzer? Und was wird mit den Hausbesetzern,

die subversive Kulturinstitutionen wie die Rote

Flora in Hamburg etablieren? Was ist, wenn zwanzig Jahre

später das Vibrierende der Gegenkultur wichtiger Bestandteil

angesagter Stadtquartiere geworden ist? Was ist, wenn

das große Andere der Kommerzkultur zum Element der

kapitalistischen Immobilienentwicklung wird? Vereinfacht

ausgedrückt: Wenn die Rebellion nur der erste Schritt in

Richtung Gentrifizierung ist?

Überhaupt: Ist irgendeine Art von

unbestimmtem „Dagegensein“ schon

subversiv?

Zum Kernverständnis von Subversion gehört

jedenfalls, dass man nicht nur innerhalb einer

bestehenden Ordnung eine positive Alternative

entwickeln will, oder der Ordnung den

Rücken zukehrt und ihr ein „ich scheiß’ auf dich“ zuruft,

sondern dass diese Ordnung als solche unterspült und

untergraben werden soll. Subversion ist tatsächlich etwas

anderes als bloße „Opposition“ oder sich „Verweigern“. Zu

den Vorstellungsreihen, die das Wort Subversion evoziert,

gehören Begriffe wie „Auflösung“ oder „Zersetzung“

untrennbar dazu. Und das sind wohl nicht zufällig Begriffe,

die der militärischen Terminologie entnommen sind.

Die Begriffsgeschichte politischer Subversivität

ist jedenfalls seit vielen Jahrzehnten

schon geprägt von einem stetigen Abarbeiten

an dem Umstand, dass, was wie

Subversion erscheint, immer auch in neue Verhärtungen

und Konformismen umschlagen kann. Vor hundert Jahren

hätte man noch jeden Arbeiter, der sich in einer „proletarischen

Organisation“ engagiert, als Subversiven bezeichnet.

Der Gewerkschafter, der eine Gegenmacht im Betrieb

aufbaut, der Aktivist, der sich in einer „proletarischen

Kampfpartei“ engagiert, wäre wie selbstverständlich als

Subversiver durchgegangen. Bloß erwies sich, dass alle

diese Institutionen dazu neigen, ihre Mitglieder zu disziplinieren,

dass die Organisationen, wenn sie an Bedeutung

gewinnen, selbst zu Agenturen der Anpassung und des

Kompromisses mit den Verhältnissen werden können. Dem-


Was ist heute noch subversiv?

11

gegenüber wurde ein Konzept „proletarischer Subversion“

entwickelt, das sich gerade dadurch auszeichnen sollte,

dass es den Eigensinn der Subjekte gegen die Homogenisierung

des Apparates hochhielt. Dieser Sinn von „echter“

Subversivität wurde von so unterschiedlichen Geistesströmungen

wie den „Situationisten“ oder den italienischen

Theoretikern der „Arbeiterautonomie“ betont.

Viel Strahlkraft in die „Arbeiterklasse“ hinein

hatten diese Theorien nicht (sieht man

von wenigen historischen Augenblicken

nach 1968 ff. ab), dafür umso mehr in

die Theorie- und Kunst-Communities. An die waren diese

Theorien auch besonders leicht anschlussfähig. Der

„Schock“, der „andere Blick“ durch radikale Intervention

und theatralische Protestformen, all das ist etwas, wofür

die Kunst immer ein waches Sensorium hat. Der „Eigensinn“

des widerständigen Subjektes ist etwas, was mit dem

Idealtypus des Künstlersubjektes durchaus leicht in Übereinstimmung

zu bringen ist – zumal in einer Epoche, die

den Individualismus zu

einem Element ihrer

Leitideologie macht.

Aber

hier

sind

wir

schon an dem Punkt,

an dem der Kurzschluss

vorprogrammiert

ist: Denn was

wird denn aus der

Subversion, wenn

eines ihrer Hauptmotive

im breiten Strom

des Zeitgeistes

schwimmt? Wenn

Autonomie als Individualismus

selbst von

den Hochglanzmagazinen

propagiert

wird? Wenn, was als andere alternative Lebensform

erscheint, auch nicht viel anders ist als die allgemein als

erstrebenswert betrachtete Lebensform der „individuellen

Selbstverwirklichung“?

Die Figur des originellen, provozierenden

und rebellischen Künstlers, der sich vielleicht

sogar aus der Gesellschaft, zumindest

aber aus dem Mainstream absentiert,

sich womöglich sogar aufopfert, ganz gewiss jedenfalls

nicht von berechnendem

Materialismus angetrieben

ist, diese Figur als Idealtypus

reicht ja schon seit dem

19. Jahrhundert bis in unsere

Gegenwart. Nur hat die

Dichotomie, diese Figur der

„konformistischen und spießbürgerlichen

Bourgeoisie

[entgegenzustellen], ausgedient“,

wie das der französische

Denker Pierre-Michel

Menger formulierte. Fantasie, Kreativität, Improvisationskunst,

ja, auch Anarchie, alles Charakteristika der Künstlerkompetenz,

die man früher als Antipoden zum Krämergeist

der Geschäftswelt betrachtet hätte, sind im

neoliberalen Kapitalismus zu Tugenden geworden, die

man vom kleinsten Angestellten und prekärsten Zuarbeiter

erwartet. Schon vor zwanzig Jahren konnte man in

Stellenanzeigen von Spezialmaschinenherstellern Sätze

wie diese lesen: „Wir erwarten eine positive Unruhe in

Form von neuen Gedanken und Wegen sowie Spaß an

dieser mehr auf Kooperation angelegten Aufgabe“.

In österreichischen Schulen wird heute bereits

standardmäßig – und durchaus folgerichtig –

die Erstellung und Benutzung von „Schummelzetteln“

(Spickzetteln), gelehrt, also das Umgehen

autoritärer Normen. Es ist längst bekannt, dass

Widerständigkeit und Rebellischsein die größten Produktivkräfte

überhaupt sind, da sie eigensinnige Individuen

hervorbringen, die in der Lage sind, für jedes Problem eine

Lösung zu finden. Und

gerade solche Individuen

braucht man in

Unternehmen mit flachen

Hierarchien, in

denen Beschäftigte

nicht nur acht Stunden

täglich ihre bloße

Arbeitskraft investieren,

sondern all ihren

Grips, ihre Emotionen,

ihre Leidenschaft und

Kreativität.Heißt

das,

dass

Subversion

heute überhaupt

nicht mehr

möglich ist? Nein,

nicht unbedingt.

Ohnehin gilt das oben Gesagte nur für den paradoxen

Raum der entwickelten kapitalistischen Staaten des

Westens, in denen kaum mehr festzustellen ist, wo der

Ort der Macht ist, da in ihnen die Macht eher eine Struktur

ist. Hier verliert sich verortbare Macht in eine Struktur,

die sehr geschickt darin ist, Widerstand ins Leere

laufen zu lassen, ja, ihn sich sogar nutzbar zu machen.

In Gesellschaften wie Russland oder wie Syrien, sieht

das schon ganz anders aus. Die Brüder Arash und Arman

Riahi haben in ihrem wunderschönen Film „Everyday

Rebellion“ gezeigt, wie hier kleine, kreative Aktionen schon

die Macht herausfordern können.

Dazu ein Beispiel: Regimegegner haben

Hunderte von Tischtennisbällen mit dem

Wort „Freiheit“ beschrieben, und diese

eine abschüssige Straße vor dem Regierungspalast

herunterkullern lassen, was die Geheimpolizisten,

die jedem einzelnen Ball nachliefen, gehörig ins

Schwitzen brachte. Doch hier wie in unseren Breiten sind

subversive Strategien nichts mehr, was die Subversiven im

Geheimen aushecken, sondern letzten Endes immer sub-


Geheimsache #8

12

versive Kommunikationsstrategien, Eingriffe in öffentliche

Diskurse oder Nicht-Diskurse, oft Bild-Strategien, kleine

Steinchen, die man ins Wasser wirft und von denen man

hofft, sie mögen ihre Kreise ziehen – in Social Media etwa.

Subversion, von der niemand erfährt, findet nicht statt. Das

Subversivste ist ohnehin, Geheimes ans Licht der Öffentlichkeit

zu zerren, siehe die Enthüllungen von Edward Snowden

oder die Wikileaks-Aufdeckungen von Julian Assange.

In den seltensten Fällen wird die herrschende Ordnung

als solche tangiert, in den meisten Fällen ist höchstens zu

erwarten, dass zwar die Zustimmung zu ihr erodiert, aber

nicht die Funktionsfähigkeit der Institutionen.

Gleichzeitig gilt aber natürlich auch: Wenn

„Dissidenz flüchtig ist“, wie das die Berliner

Theoretikerin Katja Diefenbach formulierte,

und wenn der heute formulierte

Widerspruch morgen schon ein Geschäft sein kann, dann

macht das den Widerspruch trotzdem nicht belanglos oder

unnötig, sondern lässt eher Selbstreflexion und stetige

Selbstbefragung als empfehlenswert erscheinen.

Ob der schwammige „Subversions“-

Begriff überhaupt noch taugt? Und

was sind die langfristigen, positiven

Folgen davon? Über all das kann man

mit Recht diskutieren. Womöglich war „Subversion“ ohnehin

immer ein etwas romantischer Begriff. Getragen von

der Vorstellung, es könne eine Abkürzung zur Verbesserung

der Welt geben: Man unterminiert die Ordnung mit ein paar

geschickten Handgriffen, und schon zerbröselt sie von selbst

– ganz ohne die Mühen der Ebene, des Bündnisse Schmiedens

in einer Opposition, ganz ohne den langweiligen Kampf

um gesellschaftliche Mehrheiten. Letzterer wurde als Sache

fader Reformisten angesehen, während die Subversion als

die Heldentat der Revolutionäre geadelt wurde.

Was wenn die faden Reformisten die

eigentlichen Helden sind?


Der

subve

rsiVe

Dopp

eltitel


T: Konstantin Adamopoulos

15

Zum Vorspann etwas

aus dem Berufsalltag der

Rahmenbedingungen

„Mir ist es wichtig zu unterscheiden, in welchem Rahmen ich

mich mit Kunst beschäftige. Es ist etwas anderes, ob es

privat oder geschäftlich ist. Privat habe ich mir mein Umfeld

selbst geschaffen und kann mich jeden Tag in einer anderen

Ecke aufhalten, die ich selbst auswähle. Das ist beruflich nur

bedingt möglich. Ich habe mich einmal für ein Unternehmen

entschieden und damit die Rahmenbedingungen akzeptiert.

Diese kann ich zwar beeinflussen, aber viel weniger als mein

privates Umfeld. Zur Kunst: Im Unternehmen kann ich mich

natürlich mit Kunst auseinandersetzen. Wie ich das mache,

wird allerdings maßgeblich von den Rahmenbedingungen

vorgegeben: von den Kollegen, dem Stellenwert von Kunst

bei uns im Haus, meiner Position im Haus, unserer Diskussionskultur

etc. Privat verzichte ich gerne einmal bewusst auf

festen Boden. Beruflich ist das nur eingeschränkt möglich.

Sowohl unser Geschäftsmodell als auch unsere Unternehmenskultur

sind von Sicherheit geprägt. Das muss ich zunächst

akzeptieren. Und von da aus schau’ ich, was ich bewegen kann.“

Ein Bronnbacher Stipendiat


a) Für die Organisation

ist das Individuum

subversiv

b) Die Organisation

ist für das Individuum

subversiV

Bewegen sich subversive Kräfte im Grenzbereich zur umstürzlerischen

Täuschung, oder schillert ihr Reiz gerade im

schwerelosen Angebot zur Alternative?

Sarah Vanhee bietet seit einem Jahr

regelmäßig eine 15-minütige „Lecture

for everyone“ an, und zwar bevorzugt

unangekündigt in den Organisationen,

in denen Business Meetings auf der Tagesordnung

stehen. Dabei soll möglichst nur eine gastgebende

Person, die den Zugang ermöglicht, vorher davon

wissen. Zur gewünschten subversiven Wirkung, die

dieser Vortrag aktuell in Verbindung mit dem HAU,

dem Hebbel-Theater in Berlin aufkommen lässt,

gehört also eine gewisse Diskretion. In der Geschäftswelt,

wo sich alles lieber strukturiert und durchgetaktet

gibt, erscheint die intervenierende Aktion porös und

spontan. Wer mag sich schon, ohne dass sein eigenes

Team und die übergeordneten Hierarchien eingeweiht

sind, einen Harlekin und Bürgerschreck in eine berufliche

Sitzung einladen? Da wo Interventionen nur ungern Überraschungen

bieten dürfen, stattdessen Übereinkunft und

Sicherheit hochgestellte Alltagswerte verkörpern, wirkt

eine nur Insidern bekannte belgische Kunst-Aktivistin als

Person und Gegenüber nicht so fantastisch wie vielleicht

Marina Abramović, ein Star, der sich mit „The Artist is Present“

2010 im New Yorker Museum of Modern Art als

Königin ihrer Profession ausstellte.

1 Sarah Vanhee bietet sich

eher als schlichte Arbeiterin in

sozialen Fragen an, wie es

Joseph Beuys etwa in seinem

Vortrag mit dem Titel „Jeder

Mensch ein Künstler – Auf dem

Weg zur Freiheitsgestalt des

sozialen Organismus“ 1978 in

Achberg vorgab. Die junge Performancekünstlerin

bricht das

Thema „Kunst im Unternehmen“

zunächst auf alltägliche Gedanken herunter: Wie wichtig

ist mir eigentlich meine Arbeit? Karriere? Geld? … Wie

messe ich mich mit anderen? Dabei irritiert die Künstlerin

in ihrem künstlerischen Sosein mit diesen spröden Tatsachen,

doch ihre zugewandte und freundliche Art lässt die

Abwehrreaktionen schmelzen. Ihre Kunst brilliert nicht mit

dem Glamoureffekt, der in der Geschäftswelt vielleicht

ankommen könnte. Ihre Präsenz gleitet vielmehr unter

dem Radar der globalen Wirtschaftskennzahlen hindurch.

Den zweifelnden Gatekeeper ritualisierter Allzeit-voran-

Meetings beruhigen im eigens eingerichteten Blog unter


DER SUBVERSIVE DOPPELTITEL

17

www.lectureforeveryone.be sanfte Teilnehmerkommentare

wie „We all need to be pushed out of our orbit of thoughts

sometimes, it makes the world more interesting.“ Dazu

fallen mir zwei Thesen ein: Das Subversive benötigt Identität.

Subversion aktiviert Identifikation.

Wie also lautet die Definition?

Eine subversiv tätige Person bewirkt den

Wandel einer erstarrten Situation, das Aufbrechen

zu neuen Möglichkeiten. Ziel wäre

Verjüngung statt Vergreisung.

Zwischen diesen Polen leben wir,

mal mehr hierhin, mal mehr dorthin gezogen.

Eine subversiv berührte Identität

gerät in Bewegung, weil ihre Identität

als Frage angesprochen wurde. Dabei

bleibt die Subversion als solche nahezu

unbemerkt. Identität kommt vom lateinischen

„idem“ für „dasselbe“ oder „derselbe“,

im Sinne von: Sie ist mit sich selbst

vollkommen gleich. Eine Persönlichkeit

mit Identität kultiviert in sich eine Instanz,

auf deren Grundlage Entscheidungen

mehr Tiefe und weitere Perspektiven

aufnehmen. Subversiv gegenüber einem

Unternehmen erscheinen nun einzelne

Personen, deren Taten und Gedanken

eine sich wiederholende Vorgabe oder

ein festes Gefüge der Organisation aus

dem Status quo in Bewegung bringen. Die Selbstzensur

im Kopf mag solche Störgedanken schon im Einzelnen

vereiteln, darin sind wir artige Kinder unserer Zeit. Das

Wegschlagen verkrusteter Teile wird zu einer Angelegenheit,

die man besser externen Beratern überlässt. Die

Unternehmensidentität wirkt damit selbst subversiv.

Doch noch einmal zurück zur klassischen

Richtung der Subversion: Mit absurden

Weihnachtszipfelmützen auf dem Kopf

verschenkten im real existierenden Sozialismus

der Achtzigerjahre Studenten Damenbinden einzeln

an Passantinnen, um dafür von den aufgebrachten

Arbeiterstaatsschützern als Störenfriede der öffentlichen

Ordnung für ein paar Tage eingelocht zu werden. Blieben

doch diese immer raren Utensilien zur Körperpflege meist

den Parteibonzen vorbehalten und waren somit zum Symbol

für Privilegien und ungerechte Verteilung geworden.

Der zarte Lohn für diese kabarettistischen Robin-Hood-

Aktionen war das dankbare Winken der Bevölkerung den

abgeführten Zipfelmützen für das vorgeführte Heilsversprechen

einer kommenden Konsumwelt.

Zu a)

Spätestens in den Sechziger- und Siebzigerjahren

bekam der Begriff Subversion im

Westen den schicken Beigeschmack, eine

kluge Alternative zu sein. Der überwiegende

Teil der intellektuellen Eliten glaubte nicht an physische

Gewalt zur Wandlung der attestierten Herrschaftsbedingungen.

Gegen den wirtschaftlichen Boom und die konservative

Medienmacht im Westen erschien nur eine versteckte

Rhetorik zielführend. Rudi Dutschke erklärte in

seinen posthum veröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen

das praktische Vorgehen: Zu den Maidemonstrationen für

bessere Arbeitsbedingungen beispielsweise sollten möglichst

viele Eltern mit Kindern als Teilnehmer gewonnen

werden. Diese würden dort dann schon die brutale Gewalt

der „Ordnungskräfte“ am eigenen Leib erfahren. In Folge

dieser subversiven Strategie würden die konsumtrunkenen

Westbürger aufmerksam auf die kapitalistischen Bedingungen

außerhalb ihrer neugewonnenen

Komfortzone. Vielfältige Eigenbewegungen

der Individuen gegen

die erkannte Allianz von Staat und

privaten Wirtschaftsinteressen waren

also das Ziel der damaligen westlichen

Subversion als Strategie. Umgekehrt

sah die Organisation der Rechtschaffenen

sich durch Individualität solcher

Art bedroht. Heute ist diese Furcht vor

subversiven Elementen kaum mehr

vorstellbar.Die vermeintliche

Wahlfreiheit zwischen

gesellschaftlicher

Auseinandersetzungskultur

und Konsumfreiheit

wurde früh von manch genialer Werbung

begleitet: 1968 im Afri-Cola-

Rausch: „Sexy-mini-super-flower-pop-op-cola – alles ist

in AFRI-COLA!“ Diese Erweiterung des Partybewusstseins

sollte die als strikt erlebten Gesellschaftsnormen, wenn

nicht negieren, dann doch überwinden helfen. Das so

erweiterte Konsumbewusstsein vernebelte allerdings

auch das konkrete Ziel der Subversion nach stärkerem

Wachbewusstsein.

Zu b)

Zunehmend dreht sich die ursprünglich emanzipatorisch

verstandene Strategie der Subversion

des bürgerlichen Einzelnen gegenüber

dem Staat im wirtschaftlichen Alltag

um. Die individuelle Bereitschaft zur emanzipierten Teilhabe

und selbstbewussten Mitverantwortung der Angestellten

dient heute vornehmlich der erwarteten Profitmaximierung,

statt den Sinn für selbst gesteckte Ziele zu stärken.

Auf jeder Ebene und in jeder Position

machen wir uns heute in Organisationen

selbst gehörigen Druck. Angesichts der

uns permanent vorgehaltenen Kennzahlen

über unsere eigene Relevanz, die aus dem Marktgeschehen

abgeleitet sind und damit objektiv erscheinen,

erleben wir die systemischen Ziele identisch mit unseren

eigenen. Die Führungsebene verlagert das Unternehmensziel,

den Wunsch des Kunden zu erfüllen und damit

den Profit zu maximieren, in die Hand jedes einzelnen

Mitarbeiters, der dieses Ziel zu seinem eigenen, persönlichen

erhöht. Die indirekte Führung in Unternehmen ver-


Geheimsache #8

18

feinert sich geradewegs zur psychologischen Methode.

Die Ansprüche und Ziele des Human-Resources-Managements

werden durch die Architektur der Arbeitsumgebung

und die allgegenwärtige Feedback-Kultur des Unternehmens

vom Mitarbeiter derart verinnerlicht, dass er sich

mehr und mehr im Sinne des Kapitalismus selbst steuert.

Hat die Subversion ihre Richtung geändert?

Zumindest setzt das Individuum nun seine

tiefsten Kräfte frei, um die eigenen

Erwartungen für die systemisch erfahrenen

Umstände zu befriedigen. Das Assessment Center

sitzt permanent in uns zu Gericht. „Work Hard – Play Hard“

(2011), dieser Dokumentarfilm von Carmen Losmann nimmt

uns schwellenlos in die schöne neue Designwelt für optimiertes

Tätigsein mit. Die vorgeführte Heilswelt der neuen

Arbeit lässt das Publikum stutzen. Kürzlich ist der lesenswerte

Reader zum Film mit Essays samt Reaktionen aus

dem Berateralltag erschienen. Der Anspruch zur freudigen

Selbständigkeit verkehrt sich zur All-inclusive-Knechtschaft,

die zum Privileg verklärt wird nach dem Motto „Lieber so

als anders.“ Unterschwellig wie noch nie gleiten wir in die

schöne neue Welt der Arbeit: 2.0, 3.0, 4.0 … Wie die

Individuen im Liberalismus zu „Wohlstand“ und „Erfolg“

verdonnert sind, hatte Michel Foucault 1980 die „Subjektivierung

der Wahrheit“ genannt. 2 Und die Kunst nimmt

den sanften Weg?

Subversion und Individualität

In gesellschaftlichen Systemen kann zwischen

Kunst, Politik und Wirtschaft ein subversives

Spiel herrschen, produktiv oder destruktiv. Solch

eine ungezügelte Aussicht mag manche ermatten,

sich und andere lieber in folgenloser Mittellage zu

wiegen, um sich aus der historisch kurzen Selbstbestimmung

in der Nischenexistenz geschmeidig zur schnurrenden

Hauskatze am wärmenden Ofen der Unterhaltungsfinanzierung

zu veredeln (siehe Fußnote 1). Individualität

aufrechtzuerhalten, erscheint aussichtslos unter dem Schutzangebot

des Systems, das der Soziologe Ralf Dahrendorf

schon in den Sechzigerjahren anprangerte. Selbst die vielfach

Privilegierten erleben sich unter wachsendem Zwang

als unselbständige Lemminge, als eingepferchte Funktionsgehilfen.

Die ehemals umstülpenden Ansprüche werden

von ihnen überführt in Angst um die eigenen, privaten Privilegien

in ziselierter Alternativlosigkeit.

Dem liberalen Herrschaftsforscher Dahrendorf

war die Gesellschaft allein schon

deshalb ein Dorn im Auge, weil deren

Sanktionen den geburtsbedingten Persönlichkeitsversuch

des Einzelnen zu löschen trachten.

Dahrendorf empfand daher den Konflikt als „eine hervorragende,

schöpferische Kraft“. Mit dieser Haltung hielt er

sich zehn Jahre lang in der Position des leitenden Direktors

der London School of Economics and Political Science

(LSE) und danach ebenso lange als Rektor des St. Antony’s

College in Oxford. 3 Der später geadelte Sir Ralf erkannte

sich als Teil einer elitären Minderheit im täglichen Kampf

gegen die Versuchungen der Unfreiheit. Seine privilegierte

Position nutzte Dahrendorf daher auch dafür, sich für

das Grundeinkommen als „Bürgergeld“ einzusetzen.

Der Mensch ist das Wesen, das sich jeden

Tag aus Freiheit eigene und neue Ziele

stecken kann. Organisationen verfolgen

etwas konträr Wirkendes, sie wollen vorausplanen

und versprechen Sicherheit. Innovatives stört

unkalkulierbar den mechanistischen Ablauf und wird daher

als Gewürz und zur Färbung lieber extern zugekauft. Also

steht das kreative Individuum den Rahmenbedingungen

konstitutiv bestärkend gegenüber. Der Zusammenhang

zwischen Systemdruck und Verlust der Freiheit bleibt weiterhin

bestehen. Das Individuelle des Menschen spiegelt

sich heute geradezu in seiner Fähigkeit zur Subversion.

Wenn meine individuelle Aufgabe zur Selbsterkenntnis

allerdings die Frage nach dem allgemein Menschlichen

verliert, verkrümme ich mich narzisstisch. Die Fähigkeit

des Einzelnen zum selbst ermächtigten Handeln entschwindet

an der Systemlogik vorbei, anstatt mit dieser in den

Kampf zu treten. Ist das Spiel damit aussichtslos geworden?

Ist die Subversion zur bloßen Vermeidungshaltung

degeneriert angesichts der Übermacht des Systems? Oder

zeigt sich gerade in der vom System unabhängigen Handlungslogik

wirkliche Freiheit, die sich nicht mehr in der

bloßen Reaktion auf das System legitimiert?

Mit dem Maultier unterwegs in

öffentlichen Angelegenheiten

Der Konzeptkünstler Merlin Bauer setzt in

seinen performanceähnlichen Aufführungen

die inszenatorische Praxis im öffentlichen

Raum um. Er führt mit dem Straßentheater

eine alte künstlerische Form vor – und setzt

von vornherein auf die subversive Kraft der schwachen,

man könnte sagen, hilflosen Geste.

Mit dem Maultier durch Köln – in öffentlichen

Angelegenheiten unterwegs“ führt

das Publikum von Station zu Station und


lässt zum Beispiel vor deren Augen eine

riesige Zeichnung auf der Kölner Domplatte anfertigen.

Dort, wo normalerweise die Touristen den Pastellkunsthandwerkern

ein paar Cent hinwerfen, verweist diese monumentale

Kreidedarstellung bis zum nächsten Regen auf die

Finanzströme einer Public-private-Partnership zwischen

kommunalen und privaten Banken und der Stadtverwaltung.

Zusätzlich gewinnt der Künstler professionelle Chorsänger

dafür, vor Kirchenportalen Schimpflieder gegen die Verquickung

von städtischen Betrieben und Privatinteressen zu

intonieren. Im weiteren Verlauf der Tour provoziert sein Alter

Ego „Berlin Mauer“ als Hauptstadtrepräsentant mit einer

Schmährede die erwürdige Bronzestatue des Kölner Ex-

Bürgermeisters und Altkanzlers Konrad Adenauer, dessen

Nachkommen bis heute die Kölner Geschicke leiten.

Schon für seinen Karnevalswagen und dessen

Teilnahme im offiziellen Kölner Rosenmontagszug

2010 aktivierte der Künstler gern Publikumsperspektiven,

z. B. bei den Verantwortlichen

des 1. FC Köln und dessen Fans mit dem Slogan „Ihr

seid Künstler und wir nicht!“ Das Karnevaleske der Aktion

gegen den voreiligen Abriss und Neubau des Kölner Schauspielhauses

konnte ein befreiendes Bild des Umsturzes gegen

die Obrigkeit im öffentlichen Leben der Stadt aufzeigen.


DER SUBVERSIVE DOPPELTITEL

19

Zum Abschluss seines intervenierenden Streifzugs

mit dem Maultier durch die Gemeinde

lässt er im September 2012 zum Abschied

der erfolgreichen und doch von der Obrigkeit

geschassten Schauspielintendantin an die Fahnenstange

auf dem Offenbachplatz noch ein Banner hissen:

„Employee of the Year“, als Zitat aus der aktuellen griechischen

Protestbewegung. „Mit dem Maultier durch Köln –

In öffentlichen Angelegenheiten unterwegs“ hat das Format

eines Evergreens.

Vom Glauben an die Unfreiheit frei werden,

heißt frei werden.“ 4 Es bleibt die

Frage, wie wir Neuem Gehör verschaffen

– zunächst in uns – und wie wir dann

tatsächliche Veränderungen anbahnen, gerade dann, wenn

individuelle Impulse der Systemlogik zu widersprechen

scheinen. 5 „Aber Abhängigkeit hebt Selbstständigkeit, hebt

Freiheit nicht auf. Sie bestimmt nicht das Wesen …“ 6

Abspann

Um seine Strategie zu ändern, verlässt nach

dem offiziellen Verbot der Rheinischen Zeitung

für Politik, Handel und Gewerbe in

Köln deren Chefredakteur Karl Marx 1843

die Stadt in Richtung Paris: „Man muss jede Sphäre der

deutschen Gesellschaft als die partie honteuse [den Schandfleck]

der deutschen Gesellschaft schildern, man muss

diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen,

dass man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt!“ 7


1 Abramović erliegt

aktuell mit ihrem Werbefilm

für adidas der subversiven

Umarmung durch

das Unternehmen. Adidas

bietet ausgewählten Kulturtreibenden

die Mittel,

eine selbst gewählte

Geschichte in einem Filmspot

zu erzählen. Als

anerkannte Großmeisterin

der Kunst hat sie alle

Freiheiten und verfängt

sich in der Leistungssportästhetik

ihres gastgebenden

Verführers.

2 Siehe dazu Foucault,

Michel, Die Regierung der

Lebenden. Vorlesungen am

Collège de France 1979–

1980, Berlin 2014; und

Riechermann, Cord, in der

Frankfurter Allgemeinen

Sonntagszeitung vom

13. Juli 2014, „Die Macht

allein macht es auch

nicht.“

3 Ralfs Vater Gustaf

Dahrendorf hatte 1933 noch

eigensinnig gegen das

Ermächtigungsgesetz

gestimmt und damit seine

Inhaftierung und anschließende

Arbeitslosigkeit

sehenden Auges in Kauf

genommen. Bei den Dahrendorfs

hat also die antiautoritäre

Fackelübergabe

zwischen Vater und Sohn

geklappt. – Meinen Kindern

und möglichen Enkelkindern

übergebe ich durch mein

Leben auch eine Fackel.

Wird sie mehr Statusbestätigung

oder doch auch

Lichtbringer sein?

4 Buber, Martin, Ich

und Du, Heidelberg 1883,

zit. nach Reclams Universal-Bibliothek,

Stuttgart

2008

5 „Wenn es der Tragödie

gelingt, das Geheimnis des

menschlichen Schreckens

tief auszuloten, und der

Zuschauer von ‚dem heiligen

Schrecken‘ erfasst

wird, kann Läuterung, die

sich daraus ergibt, als

innere Umkehr, als geistige

Erhebung verstanden werden.

[…] Diese Sicht der Dinge

zeigt uns, dass nur die

geistige Umkehr und Verwandlung

es gewissen Formen

menschlicher Tragik

erlauben, in Schönheit

überzugehen.“ In: Cheng,

Francois, Fünf Meditationen

über die Schönheit, Verlag

C. H. Beck, München 2008

6 Schelling, Friedrich

W. J., Über das Wesen der

menschlichen Freiheit,

zit. nach Reclams Universal-Bibliothek,

Stuttgart

1986. Am Ende des Büchleins

heißt es noch: „Das

Band unserer Persönlichkeit

ist der Geist. Und

wenn nur die werktätige

Verbindung beider Prinzipien

schaffend und

erzeugend werden kann, so

ist die Begeisterung im

eigentlichen Sinn das

wirksame Prinzip jeder

erzeugenden und bildenden

Kunst oder Wissenschaft.“

7 Marx, Karl; Engels,

Friedrich, Werke, Diez

Verlag, Bd. 1, Berlin 1956,

S. 381


Our Future

is Co Created

Xin Chen

CEO

@HeroBakery

The World’s First Address of NextGeneration #ChinaGermany


Menschen werden sich

auch künftig treffen,

um Gemeinschaft und

Identität zu finden,

Sich auszutauschen und

weiterzubilden.

Hiskia Wiesner

Leiterin Kongresse & Tagungen

Leipzig Tourismus und Marketing GmbH


WER

DURCH

MEIN

LEBEN

WILL

MUSS

DuRCH

MEIN

ZIMMER


Geheimsache #8

24

Erster Brief

Mit sozialistischen GruSS

(Aus Ramturs Nachlass) 1

Lieber Herr Kollege Direktor!

Heute will ich Ihnen schreiben.

Ich bin Herr Ramtur aus der Dreherei

und möchte Ihnen einen Vorschlag

unterbreiten: Schicken sie mir bitte

jeden Monat mein Gehalt zu. Ich

möchte ein Jahr lang nicht arbeiten.

Viele Grüße

Kollege Ramtur

Erste Antwort

Lieber Kollege Ramtur!

Ich habe Ihren Brief bekommen.

Was soll aus unserer Fabrik

werden,wenn alle so denken, wie Sie?

Kommen Sie sofort zur Arbeit.

Kollege Direktor

2

…Was geschah, nachdem sie

die Schule verlassen hatten?

Sie waren damals fünfzehn,

stimmt's?

Ich war fünfzehn, ging in

Berlin auf eine ganz normale

Oberschule und machte nach

der zwölften Klasse mein

Abitur. Ich war in einer neuen

Stadt, besuchte eine normale

Schule, wo es Jungen und

Mädchen gab, wo man

abends nach Hause ging und

eine eigene Meinung haben

konnte. Das war noch vor

dem Mauerbau, als die Leute

nach Westberlin ins Kino

gingen. Für mich war das

alles unglaublich.

Zweiter Brief

Liebe Kollege Direktor!

Ich möchte Ihnen noch einen Vorschlag

machen. Wenn ich ein Jahr nicht arbeite,

hat die Fabrik einen Verlust von 2376

Stunden. Das sind genau 99 Tage. Ein

Jahr hat 52 Sonnabende und 52 Sonntage.

Wenn ich im folgenden Jahr jeden Sonnabend

und Sonntag 24 Stunden arbeite, haben

Sie dazu noch einen Gewinn von 120 Stunden,

die ich dem Betrieb schenke.

Herzlich

Kollege Ramtur

Das hatten sie noch nie gemacht?

Bis dahin nicht. Das war mir

einfach nicht möglich

gewesen. Aber dann fuhr ich

eine Zeitlang rüber nach

Westberlin.

War das etwas völlig Neues für sie?

Zweite Antwort

Lieber Kollege Ramtur!

Das geht alles nicht. Auch ich möchte

manchmal nicht arbeiten und muss

morgens im Bett weinen. Ich habe auch

nicht mehr viel Geduld mit ihnen.

Kollege Direktor

Überschnitt sich das mit ihren

literarischen Interessen?

Aber sicher.

Ich hatte schon in der

Kadettenschule ein

wenig geschrieben.

War das eine Art Flucht oder

ein Mittel, um sich ein wenig

zu distanzieren?


T: Thomas Brasch, zusammengestellt

von Odilo Weber

25

Dritter Brief

Lieber Kollege Direktor!

Ich möchte mich mit meiner Frau

unterhalten über

a) meine Frau

b) mich

c) unsere Ehe

d) Kunst und Fernsehen

e) Haushalt, Reparaturen,

Neuanschaffungen

f) unsere Kinder

(Zustand und Perspektive)

g) das Leben, Qualifizierung,

Weiterbildung

Da ich bisher um 17 Uhr nach Hause kam,

und keine Konzentration hatte,

brauche ich für die genaue Analysierung

der Probleme ein Jahr.

Ich bitte Sie, das einzusehen.

Kollege Ramtur

Dritte Antwort

Kollege Ramtur!

Sie kommen jetzt schon acht Wochen

nicht zur Arbeit. Das habe ich gemeldet.

Sie werden Bescheid bekommen.

Sie haben mich dazu gezwungen.

Vierter Brief

Herr Direktor!

Ich bin jetzt für 15 Monate in einer

verschlossenen Weberei tätig.

Hiermit teile ich Ihnen mit,

daß sich eine Fortführung

unseres Briefwechsels damit erübrigt.

Herr Ramtur 57382

1 „Mit sozialistischem Gruß“,

entnommen dem Band:

Thomas Brasch, „Vor den Vätern

sterben die Söhne“, Rotbuch,

Berlin 1977, S. 88 – 90

2 Thomas Brasch,

„Ich merke mich nur im Chaos.

Interviews 1976–2001“,

(hg. von Martina Hanf),

Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2009,

S. 44 – 85, zitiert aus

einem Interview mit

Thomas Hoernigk, Eberhard Knödler-

Bunte und Lienhard Wawrzyn

Richtig. Diesen Aspekt hatte

es für mich. Ich hatte mir auf

der Kadettenschule – was

mir letztendlich nicht half –

in den Kopf gesetzt, Schriftsteller

zu werden, weil ich

dachte, daß ihnen dann ein

Licht aufgehen und sie mich

rausschmeißen würden. Also

schrieb ich ein paar

Geschichten, Gedichte,

Stücke und so weiter.

Erhielten sie dafür Anerkennung?

Von den Kadetten schon, von

den Offizieren weniger. Es war

ein Versuch. Eigentlich fing ich

mit dem Schreiben an, damit

sie mich rauswarfen, aber

dann erzählten sie mir,

Schriftsteller zu werden, sei

eine ehrenwerte Beschäftigung,

die auch in der Volksarmee

ihren Platz hätte. Man

könnte Kurzgeschichten für

die Armeezeitung schreiben

oder Glossen und solche

Sachen. Sie mussten mich

also nicht rauswerfen, wenn

ich Schriftsteller würde. Außerdem

tischten sie mir noch ein

Argument auf. Schreiben

könne man nicht lernen – was

stimmt – Schreiben verlange

eine intensive Beziehung zum

Leben, auch das ist theoretisch

sicher richtig. Dann

gaben sie mir Gorkis Biographie

zu lesen. Gorki hat nicht

studiert, seine Universität war

die Straße. Das war ihre

ideologische Rechtfertigung,

mich nicht rauszuwerfen. Ich

mußte also andere Wege

probieren, indem ich beispielsweise

Waffen vorschriftswidrig

benutzte oder nach dem

Wecken im Bett liegenblieb

oder mich einfach weigerte,

Schulaufgaben zu machen,

aber nichts davon half …

• • •


Geheimsache #8

26

ZWISCHEN DEN BILDERN ENTZÜNDEN DIE

NERVENSÄGEN 3

einander aufreibend die Sehnsucht nach

dem roten Wahnsinn. Zwischen den Bildern

klaffen die schweigenden Löcher aufgetan

zum großen Fall zurück in den Schoß. Das

ist Theater und kein Vorhang senkt sich

über der mächtig behaarten Votze.

In den Bildern Männer und Frauen oder

Männer gegen Frauen hetzten einander wie

Tiere im Fell reiben einander wie Tiere

im Fell bis endlich endlich eines aufschreit

und fällt. Da liegt es auf den

glattgehobelten Brettern und kratzt an den

Wachsflecken und sagt endlich nichts mehr.

Zwischen den Bildern will ich leben, wenn

die Hauptpersonen Atem holen zum nächsten

Schlag zum nächsten Satz, zwischen

den Bildern will ich meine Fratze sehen

am geschlossenen Vorhang, versteckt vor

den weißen Ingenieuren, zwischen den

Bildern mein Stück in dem nichts mehr

geschieht.

... sie müssen verstehen, dass

ein Teil meiner Altersgenossen

Westberlin besuchte. Allerdings

aus anderen Gründen als ich.

Sie kauften sich meistens keine

Bücher, sondern Jeans und

Nylonjacken, die gerade „in“

waren. Um 1960 liefen in der

Schule plötzlich alle mit

Nylonjacken herum. Später dann

schritt die FDJ gegen unsere

neuen Parkas und Kappen ein.

Sie schickten Sicherheitsgruppen

der FDJ, die dann vor der

Schule standen und uns die

Jacken wieder wegnahmen. An

ihnen würde das Blut der

Vietnamesen kleben, sagten sie

– was durchaus richtig gewesen

sein mag. Trotzdem wird ein

Prozess in Gang gesetzt, den

ich für problematisch halte: Als

Reaktion auf solche Dinge fängt

man nämlich an, reaktionär zu

werden. Ich habe zum Beispiel

gedacht: „Was gehen uns die

Vietnamesen an, du Arschloch.

Gib mir einfach meine Jacke

zurück!“

Könnten sie das noch ein

wenig genauer ausführen?

Das ist ein wichtiger Punkt.

3 Aus dem Band: Thomas Brasch,

„Wer durch mein Leben will,

muss durch mein Zimmer“, Gedichte

aus dem Nachlaß, (hg. von Fritz

J. Raddatz; Katharina Thalbach),

Suhrkamp, Frankfurt a. M.

2002, S. 118

4 „Der Schlag gegen den Kopf des

Ochsen“ und „Mit sozialistischem

Gruß“, entnommen dem Band:

Thomas Brasch, „Vor den Vätern

sterben die Söhne“, Rotbuch,

Berlin 1977, S. 71 f.

Nun, wenn die Regierung, die

herrschende Macht, auf alles

Anspruch erhebt, was mit Marxismus

zu tun hat oder was angeblich

„revolutionär“ ist, dann ist der

einzige Weg meiner Generation

– die natürlich gegen die existierende

Macht beziehungsweise

gegen Autorität im allgemeinen

rebelliert –,, darauf zu reagieren,

indem sie in kindlichen Starrsinn

zurückfällt. Und weil Westberlin zu

war und die Studenten damals –

sie erinnern sich sicher noch an die

Studentengeneration mit den

kurzen Haaren und den Stehkragen

– mehr oder weniger reaktionär

waren, ahmten wir sie einfach nach.

Was dazu führte, dass wir ihr reaktionäres

Gehabe zu unserer Form

der Revolte machten.


Wer durch mein Leben will muss durch mein Zimmer

27

Der Schlag gegen den Kopf des Ochsen 4

Ramtur lehnte am Spänewagen und wartet, daß

sein Herz zu schlagen aufhört. Sein Kopf

liegt auf seinem Arm, über dem Rand des

Wagens, zwischen den Spänen. Seine Augen

sind geschlossen. Er ist sicher, daß er

tot sein wird, bevor die Frühschicht zu

Ende ist. Er steht zwischen zwei Karusselldrehbänken.

Er ist 65 Jahre alt. Er hat den

Amnestierten angesehen, als die Dreher auf

ihn wiesen und sagten: Bis eine Fräsbank

frei ist, mußt du mit dem da Dreck räumen.

Der wird dir erzählen, daß er Generalfeldmarschall

Göring geohrfeigt hat, daß die

australische Polizei seinen Sohn erschossen

hat, weil er in die DDR zurückwollte, daß

er eine Lampe mit Buntpapier umwickelt und

vor den Bildschirm stellt, damit er farbfernsehen

kann, daß er beim Zirkus Sarrasani

war und Verbesserungsvorschläge an

die UNO schickt. Aber der glaubt sich

selber nichts. Der ist schon lange reif für

die Gummizelle. Die geballten Fäuste des

Amnestierten in den Hosentaschen. Sie

werden mich aus der ​Halle tragen. Sie werden

mein Fahrrad in den Dreck schmeißen. Sie

werden mein Foto aus der Kaderakte nehmen

und ans schwarze Brett hinter den Schleifscheiben

hängen. Er hält seine Schaufel mit

seinen Schenkeln zwischen seinen Beinen. Er

hört das Pochen in seinem Fleisch und das

Echo aus seinen Kniekehlen. Er hat das

Surren gehört, als der Schraubstock durch

die Luft flog, bevor er ihm gegen den

Brustkorb schlug. Wie der Amnestierte abgewinkt

hat, als die Fräser ihm anboten,

seine Maschine einzurichten: Kann ich

selber. Du lernst auch noch, dich anzupassen.

Ich laß mich nicht zum Kuli machen

wie ihr. Ein Jahr Bewährung, und dann habt

ihr mich in diesem Stall zum letzten Mal

gesehen. Wie die Fräser dastanden und dem

Amnestierten zusahen: Der Dorn läuft in die

falsche Richtung, gleich wird ihm der

Schraubstock um die Ohren krachen. Wie er

den Amnestierten von der Maschine weggerissen

hatte, als der Schraubstock aus der

Halterung flog und durch die Luft. Das

Surren des Stahls in der Luft, der Schlag

gegen den Kopf des Ochsen. Der Fall in den

Spänehaufen. Vierzig Jahre, ein Auge aus

Glas, und die Facharbeiter schreien. Dreckräumer,

Knastologenkumpel. Wie er abgewinkt

hatte, als der Meister ihn fragte, ob er

sich verletzt habe. Wie der Amnestierte ihn

hochzog. Aber das Summen in der Luft und

die geballten Fäuste des Amnestierten, als

die Fräser über die Geschichten lachten. Er

weiß jetzt, daß er mit dem Sterben fertig

ist, bevor die Sirene heult.

... wie haben Sie und Ihre

Freunde sich in dieser Haltung

unterstützt? Haben Sie sich

zusammengeschlossen und

Musik gehört? Sind Sie

zusammen ins Kino gegangen?

Ja, wir haben zusammen

Bänder aufgenommen und

solche Sachen. Ich hatte zum

Beispiel nicht das Geld, um

mir Westsachen zu kaufen,

aber ich habe in den Ferien

immer in der Fabrik gearbeitet

und mir genug für ein

Tonbandgerät zusammengespart.

Dann habe ich Schallplatten

ausgeliehen von

Freunden, die Geld hatten,

um sich im Westen welche zu

besorgen, und Bänder

zusammengestellt. Aus

solchen scheinbar unbedeutenden

Anlässen entstehen

wie von selbst fest organisierte

Gruppen. In Polen zum

Beispiel gibt es eine weit

verbreitete Platten-Subkultur.

Illegale Buchhändler haben

verbotene Platten unter dem

Tresen, die sie für vierzig oder

fünfzig Zloty an Leute

verleihen, und die nehmen

sie zu Hause auf Tonband auf.

Nahm diese gegenseitige

Unterstützung auch politische

Formen an? Was nicht heißen

soll, daß das, was Sie gerade

erzählt haben, unpolitisch ist.


Geheimsache #8

28

Im gleichen Moment 5

… Wenn er hier, in Mantel und Stiefeln,

auf dem Heimweg befindlich, den Arm

leicht gebeugt auf dem Rücken, zu den

Sternen aufschaut …

… Wenn sie dort ein Lid schiebt aufs

andere wegen der Sonne, das Buch auf den

Knien, angelehnt an die Rückwand der

Bank …

haben beide den gleichen Gedanken:

Wir sehen uns nie, weil die, die

dazwischen, einander nicht kennen.

MEIN VOLK IST FREI. JETZT KANN ES TUN 6

was es mit sich tun läßt.

Stoß es aus seinen bunten Schuhn

Gib’ ihm den Rest.

Thomas Brasch wurde am 19. Februar

1945 in Westow/Yorkshire (England)

als Sohn jüdischer Emigranten geboren.

1946 siedelte die Familie nach

Deutschland in die sowjetische

Besatzungszone. 1968 wurde er wegen

„staatsfeindlicher Hetze“ zu 27

Monaten Haft verurteilt. Sein

Vater, ein hoher SED-Funktionär,

hatte ihn bei der Stasi angezeigt.

Im Dezember 1976 wird ihm zusammen

mit seiner Lebensgefährtin Katharina

Thalbach eine „einmalige

Ausreise zwecks Übersiedlung aus

der DDR“ gestattet. Er veröffentlichte

zahlreiche Lyrikbände, Prosa

und Theaterstücke. Außerdem drei

Kinofilme. Am 3.November 2001 verstarb

Thomas Brasch in Berlin.

Natürlich nicht. Unpolitisch ist

es nur am Anfang. Sie wissen

ja – oder vielleicht wissen sie

hier drüben auch nichts

davon –, daß es eine

berühmte Demonstration gab,

die sogenannte „Hippie-

Demonstration“ in Leipzig,

1966, nach der bei einem

internationalen Fußballspiel

zwischen dreißig- und

vierzigtausend Leute mitmachten.

Das betrifft genau

das, worüber wir diskutiert

haben. Es passierte so: In

praktisch jedem Bezirk gibt

es Leute, die sich wegen

dieser Schallplattengeschichte

in einer festen Gruppe

organisiert haben. Wie eine

Partei. In Dresden oder im

Kreis X, Y oder Z kennt jeder,

der in dieser illegalen Gruppe

ist, andere Leute. Sie arbeiten

nach dem Prinzip „Fünf“, das

heißt, jeder kennt fünf Leute

und jeder dieser fünf kennt

wiederum fünf andere Leute,

und durch diese Organisationsweise

– Sie können sich

vorstellen, wie effektiv diese

Flüsterpropaganda funktionierte

– kam 1966, nach dem

Fußballspiel zwischen Ungarn

und der DDR, der Aufruf für

die Demonstration zustande.

Die dann auch stattfand. Die

Regierung war darauf gar

nicht vorbereitet.

Was für eine Demonstration

war das?

5 Thomas Brasch, „Wer durch mein

Leben will, muss durch mein

Zimmer“, Gedichte aus dem Nachlaß,

(hg. von Fritz J. Raddatz;

Katharina Thalbach), Suhrkamp,

Frankfurt a. M. 2002, S. 127

6 Thomas Brasch, „Wer durch mein

Leben will, muss durch mein

Zimmer“, Gedichte aus dem Nachlaß,

(hg. von Fritz J. Raddatz;

Katharina Thalbach) Suhrkamp,

Frankfurt a. M. 2002, S. 96

Gegen die Unterdrückung der

Jugend! Nieder mit der

Mauer! Im Grunde genommen

kam alles auf dem Tisch.


29

Fritz Raddatz, Auszug aus der Grabrede

auf dem Dorotheenstädtischen

friedhof, Berlin-Mitte, 2001

„Thomas Brasch war Haut. In der Haut, so

sagt man, nistet die Seele des Menschen.

Er hat seine Haut über diese Welt

gespannt, und die Welt zerbarst. Und

seine Haut zerriß. Er wirkte ja ungebärdig,

und dabei war es eine zärtliche

Ungebärdigkeit. Er wußte als hochentwickelter

Künstler, daß Kunst das Gehärtetete

sein muss. Unter dem Gehärteten,

unter dem Unerbittlichen des Kunstgesetzes

lag aber seine Bittlichkeit.

Immer, wenn Sie genau lesen, ob in Stücken,

in Prosa, vielleicht ganz besonders

in der Lyrik, werden Sie finden

eine Gebärde des Flehentlichen. Sabre

nennt man in Israel die dort Geborenen.

Sabre ist die Kakteenfrucht: außen stachelig

und innen süß und saftig. Thomas

Brasch, nicht dort geboren, war gleichwohl

ein Sabre. Er hat uns eine Welt

vorgeführt, vor der er die Menschen

warnt. Gleichwohl hat er gesagt, sie

möge nicht so sein. Das war der Impetus

des Werks von Thomas Brasch. Deswegen

konnte er Freund sein, deswegen konnte

er die Menschen streicheln, übrigens

nicht nur mit dem Wort, sondern veritabel

streicheln. Eine Umarmung mit Thomas

Brasch war immer gleichzeitig die Umarmung

mit einem großen Stück Traurigkeit.

Diese seltsame Wechselwirkung zwischen

Traurigkeit, Trotz und Zärtlichkeit war,

was für mich den Menschen Thomas Brasch

ausmachte und was sein Werk prägte ...“


Die Gedichte entstammen dem Band:

Thomas Brasch, „Wer durch mein

Leben will, muss durch mein Zimmer“,

Gedichte aus dem Nachlaß, (hg.

von Fritz J. Raddatz; Katharina

Thalbach), Suhrkamp, Frankfurt a.

M. 2002

DAS INTERVIEW ENTSTAMMT DEM BAND:

Thomas Brasch, „Ich merke mich

nur im Chaos. Interviews

1976 – 2001“, (hg. von Martina Hanf),

Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2009

Beim Durchblättern deiner

Bücher ist immer wieder der

Begriff der Haut aufgetaucht.

Ich habe das zuerst überhaupt

nicht gemerkt. Man

fängt an obsessionell zu

werden, ohne daß man es ja

merkt. Irgendjemand hat mich

das mal gefragt, ich habe mir

dann eine Theorie zurechtgelegt,

ob die ehrlich ist, weiß

ich nicht. Sicher ist dieses

Material Haut ja das, was

einerseits mich einschließt

oder hinter dem ich mich

verkleide. Auf der anderen

Seite ist es das Material, was

mich von der Welt trennt und

gleichzeitig mit ihr in Berührung

bringt. Es ist mein

Äußerstes und das Äußerste,

an das Welt kommt. Das

Ritzen von Haut oder etwas

geht einem unter die Haut,

heißt ja, dass die Haut das

Material ist. Was mich in

Berührung bringt mit allem,

was außen ist, und vielleicht

hat es für mich, zu einem

ganz besonderen Zeitpunkt,

beides am besten wiedergegeben.

Auf der einen Seite

das Eingeschlossensein in die

eigene Hülle oder Verkleidung

oder Verpackung, wo

ich manchmal jemand ganz

anderes sein will und eine

andere Verpackung, eine

andere Verkleidung oder gar

keine haben will. Auf der

andern Seite ist es das Organ

oder das Material. Wo die

Welt dich verletzt, ich glaube,

beides ist es.

Erzählungen:

„Der Schlag gegen den Kopf des

Ochsen“ und „Mit sozialistischem

Gruß“, entnommen dem Band:

Thomas Brasch, „Vor den Vätern

sterben die Söhne“, Rotbuch,

Berlin 1977


CAmpAi

for C

30

T:

Andreas

Graf

von

Bernstorff

Die klassischen Medien, also Zeitungen, Radio und Fernsehen

haben sich entkoppelt von den sozialen Institutionen,

denen sie seit Erfindung der Druckpresse und vor allem

im 19. und 20. Jahrhundert einmal ihre Entstehung verdankten:

von den religiösen und sozialen Bewegungen, den

politischen Parteien, Regierungen, Gewerkschaften, Arbeitgeberverbänden

und Genossenschaften. Entkoppelt heißt:

Sie sind nicht mehr eigentlich die Medien, durch die etwas


gning

hAnge

hindurch von A(uftraggeber) zu B(eobachter) vermittelt wird.

Sie sind heute Verkäufer von Informationen, Nachrichten

und Bildern in eigener Regie. Sie bewirtschaften als profitorientierte

Unternehmen einen Aufmerksamkeitsmarkt

und nutzen oder kreieren sogar Erregungspotenziale. Der

Titel eines Publizistik-Sammelbandes lautet deshalb auch:

„Wie die Medien die Welt erschaffen und wie die Menschen

darin leben“ (1998).


Geheimsache #8

32

Heute hat ein durchschnittlich ausgestatteter

Journalist an jedem Arbeitstag bis

zu Beginn seiner Mittagspause an die tausend

Meldungen auf dem Bildschirm. Wie

sollen wir ihn für unser Anliegen interessieren? Am besten

sprechen wir ihn persönlich an. Zuweilen nützt die sorgfältigste

Einplanung von Nachrichtenfaktoren für unsere

Botschaft nichts. Es gibt zwar Minimalbedingungen für

gelingende Kommunikation, aber keine Erfolgsgarantie.

Medienarbeit ist mehr denn je Beziehungsarbeit nach dem

Motto: Ich kenne jemanden, der mir vertraut, der mein

Anliegen teilt und mich unterstützt. Wenn ein Medium kein

Medium mehr ist, sondern ein Unternehmen, muss ich

mich mit jemandem aus dem Unternehmen verbünden.

Natürlich reichen aber Sympathie und gemeinsames Anliegen

nicht aus. Kein guter Journalist lässt sich für die Verbreitung

von Botschaften Anderer einspannen. Wir müssen

neue Information liefern, unser Anliegen gestalten, ihm

ein Narrativ geben, Stories anbieten, die Dramaturgie vorhalten,

kurz: eine Kampagne planen. Cross Media mit Text,

Sprache, Bildern für alle Medienarten. Ohne Kampagnenplan

lässt sich ein gesellschaftliches Veränderungsprojekt

heute nicht aussichtsreich umsetzen.

In die Medien, die die „Welt erschaffen“, müssen

wir als Veränderer eindringen, offen und erkannt

oder unerkannt und subversiv.

Kampagnen

Kampagnen sind Eingriffe in Politik, Gesellschaft,

Unternehmen oder Marktgeschehen.

Ihr Ziel ist Veränderung – beobachtbar,

messbar oder wenigstens gefühlt, was man

übrigens auch messen kann. Überall, wo es um Veränderung

geht – Image, Marketing, Mobilisierung von Unterstützern

und Spendern, Erschließung neuer Kunden- und

Käuferkreise, Aktivierung von Belegschaften oder ganzen

Bevölkerungsgruppen, Change-Prozesse – überall da kann

man Campaigning Tools einsetzen oder sogar ganze Projekte

und Prozesse als Kampagne fahren.

Campaigning for Change, Kampagne als

Instrument von Veränderung ist bisher

besonders gut entwickelt in zwei

Bereichen. Erstens in der Arbeit der

NGOs (Non Government Organizations), die auf eine Veränderung

im G(overnment)-Bereich abzielt, und zweitens

den politischen Wahlkämpfen, die auf einen Austausch

der G-Leitung, der Regierung abzielen. Beiden gemeinsam

ist das Ziel der Verhaltensänderung oder Änderung

der Verhältnisse in der Exekutive, der Unternehmensleitung,

Verbandsspitze o.ä., also in einem vorab definierten

oder einem zuweilen erst während der laufenden Kampagne

zu bestimmenden Zielsystem. Einem Zielsystem

mit Steuerungsfunktion.

Der Akteur, der Campaigner mit seinem

Auftraggeber, ist im etablierten System

zunächst nicht vorgesehen, geschweige

denn gefragt. Er steht erst mal vor dem

Zaun, durch den er schreit(et). Wie einst Gerhard Schröder,

der nachmalige deutsche Bundeskanzler in jungen Jahren

am Tor des Bundeskanzleramtes rüttelte. Obwohl er nicht

vorgesehen ist, kann er im Zielsystem – dort, wo die Veränderung

stattfinden soll – nachhaltige oder bescheidener

ausgedrückt: dauerhafte Wirkung entfalten. Dazu muss er

sein Bezugssystem, den Kommunikationsraum, in dem er

arbeitet und den er bespielen will, festlegen; er muss die

Subsysteme, die Mitspieler oder Stakeholder definieren,

deuten und auf dem Spielfeld richtig anordnen sowie sich

selbst in eine günstige Ausgangsposition begeben. Das

heißt heute häufig Power Analyse.

Das zweite hochprofessionelle Instrumentarium

für Kampagnen wird seit Jahrzehnten

in US-amerikanischen Wahlkämpfen

und deshalb weltweit

vorbildgebend entwickelt. Hier werden alle Formen der

empirischen Sozialforschung bemüht und alle medialen

Kanäle bespielt; nicht primär, um Gegner und Zweifler

zu überzeugen, sondern um die eigene Anhängerschaft

zu mobilisieren.

Beiden Formen ist noch gemeinsam, dass

sie zunächst keine Macht entfalten (können),

sondern nur Einfluss ausüben, Einfluss

ohne den Einsatz formeller Machtinstrumente.

Kampagnen sind „Feldzüge um die öffentliche

Meinung“, wie überhaupt die ursprüngliche militärische

Wortbedeutung immer wieder hilfreich ist. Campus ist das

Feld, die Campagna, später die Kampagne, der Feldzug:

Bewegung in Raum und Zeit auf ein (Eroberungs-)Ziel hin.

Die Kampagne hat folglich Anfang und Ende und ist nicht

etwas, das man alle Tage, immer, tut.

Warum Kampagnen?

Schauen wir uns Niklas Luhmanns Themenkarrieren

an. Er benennt vier Phasen: die

Latenz-, die Durchbruchs-, Mode- und

schließlich Ablebephase. In der ersten Phase

„schläft“ das Thema, nur wenige Spezialisten befassen

sich damit; dann kommt es zum Durchbruch in die Öffentlichkeit,

es ist in aller Munde (Mode). Wir können dennoch

sicher sein, dass das Thema zwar nicht stirbt, aber „ablebt“.

Jetzt ist es scheintot. Es kann wiederbelebt werden, was

schwer ist, aber bisweilen gelingt.

Man kann kein Thema, keine Kampagne

auf Dauer stellen. Also muss die Kampagne

einen definierten, kurz bemessenen,

Zeitraum haben, oder, wenn das

Vorhaben dafür zu groß ist, in kurze Campaigning-Abschnitte

zerlegt werden, für die man mit viel Aufmerksamkeit

rechnen kann. Günstig sind hier verschiedene Stories unter

gemeinsamem Motto. Überhaupt sind Geschichten, Stories,

nach den Bildern und Symbolen in der Kampagnenarbeit

die wichtigsten emotionalen Anker.

Kampagnen arbeiten mit symbolischer Konfrontation.

An die Stelle von Waffen treten

Bilder, Symbole, Handlungsfiguren. Ein tragendes

Element des Campaigning ist das

Zeugnisablegen (bearing witness). Die Akteure begeben

sich an den Ort der Tat (der Untat, den Tatort) beispielsweise

ein industrielles Abwasserrohr oder ein Feld mit

gentechnisch verändertem Mais. Sie künden vor Ort von


Subversion I

Greenpeace will einen stinkenden

Fabrikschlot mit einem Banner

dekorieren. Das Fabrikgelände ist

abgesperrt und von Werkschutz bewacht.

Wie kommen wir hinein? Unerkannt.

Wir nennen uns „Friedemann Grün –

Rohrleitungsbau“, so steht’s auf dem

VW-Bus, eine Klempnerwerkstatt

vortäuschend. „Hohe Brücke 1 2000

Hamburg 11“. Das ist die richtige

Adresse. Ein gefälschter Passierschein

enthält den Vermerk „Dieses Dokument

berechtigt nicht zum Betreten des

Geländes“. Kleiner gedruckt als der

Rest, aber nicht unlesbar und auch

nicht auf der Rückseite. Wenn die

Werkschützer es bemerken, dann war es

unser Pech. Wenn sie es nicht bemerken,

sind wir vor Strafverfolgung wegen

Hausfriedensbruchs geschützt. Sie

merken es erst, als das Banner hängt.

Und das wird weithin bemerkt.

Begründung

Anders kommen wir nicht hin

(auf den Kamin).

Quelle

Bernstorff, Andreas Graf von, Einführung

in das Campaigning, Carl-Auer-Verlag,

Heidelberg 2012, S. 19 f.


35

Subversion II

Am 3. Dezember 2004, dem

20. Jahrestag des Chemieunfalls

von Bhopal, Indien,

meldet der Deutschlandfunk

mehrmals am Vormittag:

Dow Chemical als Eigentümer

der Verursacherfirma Union

Carbide wolle sich zu

seiner Pflicht bekennen und

werde zwölf Milliarden

US-Dollar an die Familien

der mehr als 3.000 Toten

und 120.000 Verletzten von

Bhopal auszahlen: „Ich bin

sehr glücklich, dass ich

heute mitteilen kann, dass

Dow erstmals die volle

Verantwortung für die Katastrophe

in Bhopal übernimmt.

[…] Wir haben

beschlossen, Union Carbide

zu liquidieren, diesen

Albtraum für die Welt, der

Dow Kopfschmerzen bereitet“,

habe Dow-Sprecher Jude

Finisterra der britischen

BBC gesagt. Es folgt ein

Dementi, und „Jude Finisterrra“

stellt sich als

Yes Man Andy Bichlbaum

heraus. In der Zwischenzeit

ist der Wert von Dow Chemical

an der Börse um circa

zwei Milliarden Dollar

gesunken. Immer wieder

lancieren die Yes Men

derartige Fakes.

Begründung

Wenn die großen Medien unsere

Forderung nicht bringen

wollen, dann verabreichen wir

sie eben als Meldung mit

höchstem Nachrichtenwert:

überraschend, aktuell, von

globaler Bedeutung etc.

Quelle

www.theyesmen.org/hijinks/

bbcbhopal


Geheimsache #8

36

dem Unrecht, indem sie die Medien mobilisieren; sie legen

Hand an, um das Unrecht (ab) zu wenden. Sie verstopfen

das Abwasserrohr oder pflügen den Maisacker um. Das

ist schon stellvertretendes Handeln, sie tun, was die Verantwortlichen

ihrer Meinung nach tun sollten. Entscheidend

bei all dem ist nicht, dass gehandelt wird, sondern,

dass das Handeln gezeigt und gesehen, kommuniziert

wird. In der Regel zielen Kampagnen auf eine bestimmte

Lösung an einem einzigen Ort der Veränderung (= Zielsystem).

Campaigner sagen nicht: Das könnte oder sollte

anders sein, sondern: So muss es sein.

Was braucht man dazu?

Voraussetzungen für den wirksamen Einsatz

von Kampagnen sind mindestens

drei Menschen mit Veränderungswillen,

Mut, Phantasie und Planungsdisziplin. Drei

Menschen können mit einem quasi Null-Budget durch

Aufsehen erregende Aktionen und Öffentlichkeitsarbeit

vieles verhindern oder erreichen. Eine Bundesbehörde

kann unter Einsatz einiger Millionen Euro in einem halben

Jahr ein paar Tausend Leute dazu bringen, anders als zuvor

bei der Liebe Kondome zu benutzen. „Gib Aids keine Chance“

unter anderem mit dem Slogan: „Ich hab immer einen

Gummi dabei – meinen Schwanz vergess’ ich ja auch

nicht“, ist ein gutes Beispiel. Leider sind die meisten Regierungs-

und Behördenkampagnen sonst aber schlecht

gemacht und wirkungslos.

Zur Standardausstattung jeder Kampagnenarbeit

gehören: Slogans und auch Logos als

kleinste Kommunikationseinheiten, eine kurze

Problemerklärung, ein kurzer Medientext

auf maximal einer Seite (wie eine Presseerklärung), dazu

mehrseitige Hintergrundberichte, oft Fact Sheet oder Digest

genannt, mit Zitaten und Nachweisen in Fußnoten. Sie

dienen dem Kompetenznachweis der Akteure.

Günstig sind Fallstudien, die am Beispiel

lebender Personen oder Wesen das

Anliegen der Kampagne anschaulich

und nachvollziehbar machen. Hiermit

kommen wir dem häufig geäußerten Wunsch der Medien

nach Protagonisten und Stories nach. Solche Elemente

werden heutzutage auf YouTube-tauglichen Filmchen in

Szene gesetzt und haben in etlichen Fällen eine rasende

Verbreitung gefunden. In derselben Form müssen auch

Kurzinterviews (Soundbites und Videoclips) und Statements

der Verantwortlichen verfügbar sein. Denn es geht nicht

um das Handeln selbst, sondern um das sichtbar und

bekannt Machen des Handelns.

Die Planung

Die Gedankenführung bei der Kampagnenplanung

beginnt bei einer großen Idee,

dem Anliegen, und leitet dann zur Bestimmung

der Relevanz des Themas für ein

Bezugssystem über (alle Deutschen, die Jugend von Mannheim,

die Mitarbeiter am Standort X, alle Führungskräfte

eines Konzerns oder auch die ganze Welt). Das ist der

Kommunikationsraum, den man zu bespielen plant.

Die nun folgende Festlegung von Ziel und

Zielsystem führt dorthin, wo die Veränderung

stattfinden soll, also in die Geschäftsführung,

den Aufsichtsrat, das Bundesministerium

X, die Gewerkschaftszentrale Y und gelingt

realistisch erst durch das Bestimmen der Faktoren Zeitrahmen

und Ressourcen. Dazu gehören Personal, Arbeitszeit,

Budget, nutzbare Expertise, Social Media Reichweite,

Autos, Schiffe …

Nach der Entwicklung von Slogan und Ziel

werden die geeigneten Elemente und

Handlungsformen bestimmt und in eine

räumliche und zeitliche Ordnung gebracht.

Nur so gelingt es, die Kampagne als strategische (Konflikt-)Inszenierung

zu führen, mit kalkulierten Eskalationsstufen,

Höhepunkten und Ausstiegsszenarien. Dabei ist

auf größtmögliche Wiedererkennbarkeit zu achten.

Beschränkung auf das Wesentliche

Die Arbeit der Zuspitzung folgt dem Gebot

der Reduktion: Dazu gehört, dass immer

dieselbe Person spricht. Sie ist das Gesicht

der Kampagne, sie verkündet immer den

gleichen Slogan, verknüpft mit immer den gleichen Bildern

und Symbolen, immer der gleichen Erklärung, der

gleichen Forderung an immer dieselbe Adresse.

Der Maßnahmenplan einer Kampagne als

Feldzug um die öffentliche Meinung ist

jetzt entwickelbar. Wir tragen die Einzelmaßnahmen

auf eine Zeitleiste ein, die

nicht länger als sechs Monate dauern sollte. Und wenn

die Kampagne etwas länger braucht, ihr Ziel nicht erreicht

oder wiederholt werden muss, dann geben wir noch einmal

ein paar Monate zu, aber nicht mehr.

Unter dem Reduktionszwang wirksamer

Kommunikation stehend, kann es schon

passieren, dass eine Kampagne von außen

etwas unterkomplex, etwas simpel wirkt.

Die echte Gestaltungskraft von Kampagnen entfaltet sich

in der Regel aber gar nicht vor den Augen der Öffentlichkeit,

obwohl sie durch die Öffentlichkeitswirkung erst

ermöglicht wird. Ein Beispiel: Umweltschützer belagern

den Bundestag mit Massen von böse blickenden (gentechnisch

veränderten) Maiskolbenmodellen. Die Botschaft

ist: „keine Gentechnik“. Drinnen im Bundestag findet eine

hoch differenzierte Debatte über eine komplexe Regelung

zur Kennzeichnungspflicht für gentechnisch veränderte

Organismen statt. Diese haben die Umweltschützer über

ihre Lobbyisten genau verfolgt und längst beeinflusst. Der

Druck der Straße aber hat den Diskurs im Parlament erst

ermöglich oder hat ihn erzwungen. Das ist das Mandat

der Zivilgesellschaft: Defizitkommunikation.


Subversion III

Am 11. Dezember 2013 hat Shell in Berlin zum Science Slam eingeladen.

Junge Wissenschaftler/-innen präsentieren ihre Ideen zum Thema

erneuerbare Energien. Die Shell AG möchte so die öffentliche Meinung

positiv beeinflussen, um ein günstiges Bild von der eigenen gesellschaftlichen

Verantwortung (CSR = Corporate Social Responsibility)

zu zeichnen. Dieser Plan geht nicht auf. Es melden sich nämlich zwei

junge Männer mit einer neuartigen Technologie zur Neutralisierung

von CO2-Emissionen aus Autos. Während sie auf der Bühne ihre Wundermaschine

starten, ergießt sich eine Öl-ähnliche, zähe braune Flüssigkeit

über ihre weißen Hemden, und sie klagen laut „Oweiowei, wie

konnte das passieren …“ Interessant ist der aufbrausende Jubel im

Saal.

Autor solcher Aktionen ist die Gruppe Peng! Collective für Subversionsberatung

und Humanistische Rechtsauslegung sowie Praktische Protestforschung

Begründung

Kleine Sünden (Greenwashing) strafen wir sofort.

Quelle

www.slamshell.com


T: LUDWIG ENGEL 38

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Prometheische Projekte 39

Ein Gespräch mit dem Philosophen Armen Avanessian über

die Aktualität subversiver Gesten, die transformatorische

Kraft des Akzelerationalismus und die Bedeutung spekulativer

Praxis für unsere Städte

Letztes Weihnachten bekam ich ein dünnes

Bändchen aus dem Merve-Verlag geschenkt,

auf dessen blau angeschnittenem Cover in

verlagstypischer Schlichtheit stand: „#Akzeleration

– Armen Avanessian (Hg.)“. Ich kann mich nicht

mehr genau daran erinnern, warum ich mich darüber

freute. Vielleicht hatte ich schon davon gelesen, vielleicht

gefiel mir einfach auch nur das Versprechen des Titels,

vielleicht hatte meine Mutter mir schon davon erzählt,

who knows. Auf jeden Fall sind Bücher zu Weihnachten

ja grundsätzlich ein gutes Geschenk, da sie eine ernsthafte

Chance haben, gleich in den nächsten Tagen gelesen

zu werden. In „#Akzeleration“ fand ich dann gleich

im Vorwort von Armen Avanessian diese Sätze: „Die Perspektive

des Akzelerationalismus zielt auf die Zukunft.

Aber vielleicht nicht nur … als ein Zurück in die Zukunft,

sondern als ein Zurück aus der Zukunft. Denn die Gegenwart

erhält nur dann ihre Kontingenz und Offenheit (zurück),

wenn sie von einer erst zu entwerfenden Zukunft aus in

den Blick genommen werden kann.“ 1 Das haute mich

um. Wir hatten vor ein paar Jahren unserem Büro den

etwas platten (aber ernstgemeinten) Untertitel „office

from a better future“ hinzugefügt, und hier kam nun ein

Philosoph und rief mit dem Akzelerationalismus einen

wohlklingenden Flügel einer noch wohlklingenderen

philosophischen Richtung („Spekulativer Realismus“, my

god!) auf, der unserer Arbeit einen hoffentlich postbloch’schen,

auf jeden Fall linken, intellektuellen Überoder

zumindest Unterbau liefern könnte. Noch vor dem

Lesen des ersten Essays war ich schon Akzelerationist.

Nach den ersten Seiten legte sich dann die

Aufregung etwas. Mein nur mäßig philosophisch

geschulter Kopf fühlte sich an

Sprachduktus und Neomarxismus einer

unregelmäßigen Lektüre der New Left Review und eine

kurzzeitige Obsession mit Frederic Jamesons „Archeologies

of the Future“ erinnert. In Sachen Gegenwartsanalyse

blieb bei mir von den Essays und dem Akzelerationalistischen

Manifest lediglich hängen, dass sich die immer

weiter beschleunigenden globalen (Kapital-)Märkte zunehmend

destabilisieren und damit die Krise zum Dauerzustand

werden würde. Dem kapitalistischen System ist aber

nicht zu entkommen, denn ein Außerhalb gibt es in diesem

System nicht mehr, sodass jeglicher intellektueller Eskapismus

und jeder Versuch der Entschleunigung ein gleichermaßen

systemstabilisierendes Moment und persönliches

Scheitern mit sich bringt. Da der Akzelerationalismus

nach eigenen Regeln beschleunige und sich den technischen

Fortschritt zu eigen mache, würde so die Technologie

dem kapitalistischen System nicht einfach überlassen

werden. Ja, denkt man. NSA usw., wüssten wir mehr über

Technik, wäre schon noch etwas zu gewinnen. Aber dann?

Was tun? Hier musste ich dann doch bis ganz zum Schluss

warten, bis sich Avanessian wieder selbst zu Wort meldete

und von seinen linken Denkkollegen statt einer systemstabilisierenden

Beschleunigung der Systemkritik eine

handelnde Rolle, die Akzeleration des gesellschaftlichen,

techno-sozialen Körpers als gestaltendes Projekt einfordert:

„Sie [die Kritik, Anm. d. V.] ermahnt uns, die konkreten

Probleme anzupacken, und nicht einer Vorstellung von

Fortschritt nachzuhängen, die sich doch längst als Hirngespinst

erwiesen habe. Sie warnt uns davor, in Utopismus

zu verfallen oder uns in Spekulationen darüber zu ergehen,

wie eine ganz andere Zukunft aussehen könnte. Dabei liegt

die Gefahr in Wahrheit eher darin, dass wir das Bild, das

die Kritik uns zeigt, wenn sie der Gegenwart den Spiegel

vorhält, mit der Zukunft verwechseln – nicht anders als

die allgegenwärtige Finanzspekulation, die den Wert der

Gegenstände, von allem und jedem, kalkuliert, indem sie

Vergangenheit quantifiziert und das Ergebnis auf die Zukunft

überträgt. In beiden Fällen ist die Möglichkeit nicht vorgesehen,

von einer anderen Zukunft aus auf eine kontingente

Gegenwart zu(rück)zugreifen. Dazu bedürfte es der (abduktiven)

Herstellung – also nicht der ästhetischen Imagination,

sondern der tatsächlichen Produktion (poiesis) – einer

Zukunft, die es ermöglicht, unsere Gegenwart anders zu

verstehen und sie damit zu einer anderen zu machen.“ 2

Ende April traf ich Armen Avanessian in seiner

Wohnung an der Torstraße in Berlin Mitte,

um mit ihm darüber zu sprechen, wie sich

diese poiesis dort auswirken könne, wo ich

mit meinen Kollegen im „office from a better future“ forsche:

in der Stadt, im Gebauten. Das Stichwort dazu lieferte

mit dem Thema „Subversion“ Earnest & Algernon.

Denn was wäre subversiver als ein linkes Überholen des

Systems? Gerade nicht im Denken, sondern im Handeln?

1 Avanessian, Armen, #Akzereleration,

Merve Verlag, Berlin 2013, S. 15

2 Avanessian, #Akzeleration 2013, S. 74


Geheimsache #8

40

Ludwig Engel

(L. E.)

In unserem Gespräch soll

es grob um Subversion und

Stadt gehen. Deshalb vielleicht

zuerst die allgemeine

Frage, ob Subversion

heute noch gestaltende,

transformatorische Kraft

hat?

Armen Avanassian

(A. A.)

Subversion, die Idee einer

Unterwanderung, einer

Umkehrung, eines Umstülpens

oder einer Transgression,

ist

eine strukturalistische

Phantasie

in einem

Denkuniversum, das vom

Gedanken der Opposition

geprägt ist. Doch

diese Opposition

erfüllt

heute nur

noch eine

Alibi-Funktion,

die unter

unglaublichem

Verschleiß an

intellektueller

und praktischer

Produktivkraft

genau das nicht

leistet, was sie propagiert.

Diese übersteigerten

oszillierenden Gesten

zwischen manischer Subversionsrhetorik

und Melancholie

halte ich einfach

für unfruchtbar.

L. E.

Wie sollen wir dann das

Projekt einer gesellschaftlichen

Transformation

angehen? Sollen wir

überhaupt …?

A. A.

Ich arbeite mit dem Akzelerationalismus

an einem

nichtoppositionellen

Denkmodell, an einer

transformativen Praxis,

die nicht von einer Umkehrung

des Gegenwärtigen

träumt oder den Phantasien

eines Freiraums in einem

Transgression

bedeutet Überschreitung

oder Übertretung.

Strukturalismus

ist eine wissenschaftliche Forschungsmethode,

die nach unbewussten, universalen

Denkprinzipien sucht. Anliegen

neuen Außen nachhängt.

Pate stehen dafür auch

frühere politische Theoretiker

wie etwa Marx – als

erster Akzelerationalist.

Denn Marx war derjenige,

der mit den ausgefeiltesten

wissenschaftlichen

Methoden und dem größtmöglichen

Wissen über den

Stand der maschinellen

Technologie eine exakte

politische Gegenwartsanalyse

versucht hat, eine

politische Ökonomie,

um darauf

basierend Szenarien

zu entwerfen.

Nebenbei hat er

der Strukturalisten ist es, bestimmte

Äußerungssysteme wie Sprachen,

Künste oder Schriften auf jene Ordnungs-

und Organisationsstrukturen

zurückzuführen, die Kommunikation erst

übrigens mit viel Hohn

und Spot gegen die

Anarcho-Radikalisten,

die

ständig naiv

von Subversion

sprachen,

polemisiert.

Der Akzelerationalismus

ist hingegen

ein

prometheisches

Projekt, das darüber

möglich machen und die die Grundlage

für die Erzeugung von Sinn bilden.

funktioniert, dass es

sich unterschiedliche

Wissenspraktiken ansieht

und weitertransformiert.

Einem solchen prometheischen

Projekt kann es

nicht um eine Subversion

gehen, aber sehr wohl

darum, was Subversion

eigentlich bezwecken will,

nämlich transformative,

emanzipatorische

und

im emphatischen

Sinne

produktive,

d. h. Neues

ermöglichende

Effekte.

L. E.

Was wären denn diese

produktiven Effekte?

A. A.

Diese subversiven und

transgressiven, diese

ästhetisierten und situationistischen

Gesten sind

das ständige Benzin für

den Antriebsmotor unseres

Kapitalismus. Den kann man

nicht damit heilen, dass

man ihm noch mehr Ästhetisierung

einspritzt, noch

mehr Sensibilität, noch

mehr Erfahrungsreichtum

und noch mehr Wahrnehmungsreize.

Dagegen will

ich ein rationalistisches

Kalkül setzen und wegkommen

von diesem ästhetischen

Modell, das uns

in einen passiven Modus

zwingt. Ich will positive

Effekte erzeugen, die ich

in ein rekursives, transformatives

und emanzipatorisches

Denken einbinden

kann.

L. E.

Ist das nicht die Aufgabe

der Kunst in modernen

Gesellschaften? Brüche

aktivieren, Emanzipationsprozesse

anschieben?

Transformation gesellschaftsfähig

machen?

A. A.

Die Kunst heute entspricht

großteils dem ästhetischen

Geist des Kapitalismus.

Das Kunstsystem formt

gerade ein ästhetisches

Regime und hat dazu beigetragen,

dass unser Kapitalismus

so jubilatorisch,

so

Prometheus

Titan in der griechischen Mythologie,

brachte den Menschen

gegen den Willen der Götter das

wunderbar funktioniert

und eine

allumfassende

reelle Subsumtion

produziert

hat. Innerhalb

dieser gibt es

kein subversives

Handeln. Was sich

einmal so genannt hat,

ist systemnotwendigerweise

völlig eingepreist. Ich

versuche in allem, was

ich mache, dagegen anzudenken.

Darauf zielt der

Akzelerationalismus, und

das interessiert mich an

der Denk- und Urteilsform

der Abduktion.

Feuer. Übersetzt heißt Prometheus

„der Vordenker“.


PROMETHEISCHE PROJEKTE

41

Abduktion?

L. E.

A. A.

Ja, Abduktion als Alternative

zu Deduktion und

Induktion. Wenn ich zum

Beispiel ein Buch schreibe,

darf am Ende nicht

das herauskommen, was ich

vorher als Arbeitshypothese

hineingelegt habe –

auch wenn das eigentlich

die Art zu arbeiten ist,

auf die mich die Universität

getrimmt hat. Aber

die Methode entwickelt

sich erst beim Schreiben.

Während man schreibt,

verändert man sich und

damit die Art und Weise,

wie man denkt. Der Prozess

ist mit dem fertigen

Buch nicht abgeschlossen,

denn das Geschriebene

diffundiert in andere

Bereiche, affiziert und

steckt an und produziert

etwas nicht Vorhergesehenes.

In der Abduktion

ist das angelegt. Deshalb

scheint mir dieses Denkmodell

symptomatisch für

eine bestimmte Aufbruchsbewegung,

die aus dem

Ungenügen eines gegenwärtigen

Handlungsparadigma

heraus entstanden ist.

L. E.

Als Stadtforscher interessiert

mich, wie sich der

Akzelerationalismus ins

Urbane einschreiben

könnte. Wenn ich deinen

Gedanken folge, haben

heutige informelle Taktiken

des Intervenierens

und Bauens im städtischen

Umfeld ihren subversiven

Impetus ja schon verloren.

A. A.

Warum schaffen wir es

nicht, diese Praktiken

aus der Kritik zu befreien

und ihnen einen emanzipatorischen

Twist zu

geben? Vielleicht können

wir das eher, wenn wir

uns nicht ständig Gedankenspielen

über die Subversion

hingeben. Diejenigen,

die sagen, sie

handeln subversiv, wollen

ja nicht unbedingt etwas

anderes als ich. Es

bleibt nur die Frage, wie

man Veränderung herstellt.

Der Akzelerationalismus

ist ja auch eine

linke Theorie. Beim Akzelerationalismus

geht es

nicht darum, dass man

sich einordnet, reproduziert.

Was wäre denn zum

Beispiel ein abduktives

Bauen? Was wäre ein Bauen,

das nicht einfach

unter bestimmten allgemeinen

Zwängen und konkreten

Anlässen Kompromisse

sucht? Was aus

einer Zweierlogik

ausbricht? Ich

glaube

nicht, dass

es über politische

Pamphlete

geht,

und ich glaube

nicht, dass es

über geniale

Einfälle formensprachlicher

Natur

geht. Das sind alles

ästhetische Ideen und

Praktiken. Jedem Architekten

und Aktivisten ist

doch heute klar, dass es

ein Zusammenspiel zwischen

lokal und global

geben muss. Aber wie das

zu denken ist, wie eine

altermoderne Architektur

aussehen

könnte, die

nicht

einem

Situationismus

ist im urbanen Kontext eng

mit der Idee verknüpft, die

Stadt als Spektakel zu

modernistischen

Universalismus,

der über

alles Partikulare

drüber

fährt, gehorcht,

aber eben auch

nicht einem weinerlichen,

sich nichts

zutrauenden und politisch

kraftlosen und tatsächlich

alles andere als

begreifen. Die Situationisten

unternahmen sogenannte

subversiven Partikularismus

gehorcht, kurz: Wie

diese Architektur aussehen

würde, das müssen

andere herausfinden bzw.

die entsprechenden

Arbeitsformen entwickeln.

L. E.

Waren die Situationisten

mit ihrer Idee der Stadt

als Spektakel, also mit

ihrer Taktik vom Umdeuten

des urbanen Raumes durch

zielloses Umherstreifen

auf dem Weg zu einem, wie

du es nennst, abduktiven

Bauen?

dérives – ziellose Wanderungen

durch die Stadt, um

sie dadurch auf neue Art zu

erleben. In diesem Sinne

A. A.

Die Umdeutung des

Raumes, die die Situationisten,

Baudelaire

und frühere

betrieben haben,

ist das, was sich

heute verwirklicht

hat. Städte

sind heute

Orte der Erlebnis-Stilisierung,

der

Reizkultur.

Klaus Wowereit ist

in diesem Sinne ein

absolut zeitgemäßer Bürgermeister

für Berlin als

ästhetisierte Erlebnisstadt.

Hier geht es gar

nicht um die Situationisten

oder irgendwelche

Architekten, die

bauen oder nicht

bauen, sondern es

herrscht eine

sind die Situationisten Wegbereiter

der Perfomance Art.

Gouvernementalität

ist ein vom französischen Philosophen

Michel Foucault geschaffener Begriff

zur Bezeichnung des für moderne

Gesellschaften charakteristischen

Zusammenwirkens von staatlichen

Formen des Regierens und Techniken

der Selbstregierung von Individuen.

von oben verordnete

Kulturalisierung

des Städtischen.

Eine gouvernementalisierte

Er setzt sich zusammen aus den französischen

Worten gouverner (regieren)

und mentalité (Denkweise).

Gentrifizierung

mittels eines allumfassenden

ästhetischen

Regimes.

L. E.

Subversive Taktiken des

Urbanen wären somit auch


Geheimsache #8

42

nur Benzin für den

Antriebsmotor des Kapitalismus.

Wie schützt sich

denn der Akzelerationalismus

vor dieser Usurpation?

A. A.

Es geht nicht darum, sich

zu schützen, sondern es

geht darum, sich hineinzuwerfen

und zu manipulieren

und sich, die Welt und das

Allgemeine zu verändern.

Und das ist nicht mit

existenzialistischem

Pathos gesprochen, sondern

es geht für mich um den

fortwährenden Wandel, der

aber gesteuert werden

muss. Im urbanen Kontext

wäre deshalb für mich die

Frage, ob man das, was man

mit subversiven Interventionen

bezwecken möchte,

nicht eher über eine

Poetisierung hervorbringen

kann. Also das Hervorbringen

von Räumen im antiken

griechischen Verständnis

von poiesis – ganz anders,

als wir es heute verwenden.

Wir verwenden heute

Poetik quasi als Gegensatz

von Praxis. Für die Griechen

war aber die poiesis

eine bestimmte Form von

Praxis im Sinne eines

Herstellens von Wahrheit,

das sich unterscheidet vom

bloßen Machen. Und meine

Frage ist demzufolge die

nach einem poetischen

Denken und Handeln, das

sich von der ästhetischen

Trennung von Denken und

Tun löst: Was wäre eine

dementsprechende rationale

Imagination? Was wäre

diese poetische Praxis

nicht als eine Poetisierung,

sondern wirklich als

eine Hervorbringungspraxis?

Was wäre eine Hervorbringungspraxis,

in der es

wirklich um Produktion, um

das Herstellen eines Wahrheitsraumes

geht, in dem

es Veränderungen, Transformationen

gibt, der sich

selbst verändert, der

aktiv transformiert?

L. E.

Aber vermag nicht genau

das die Subversion?

A. A.

In der Kunst

und Kunsttheorie

und in der

Universität

wird das kritische,

subversive

und ästhetische

Ideal hochgehalten.

Das ist dort gelebte

Praxis: Sei kritisch, und

kreativ, entfalte dich

selbst. Das wird allen

eingetrichtert. Jeder

Künstler hat das nach

spätestens drei Wochen an

der Kunsthochschule drauf.

Jeder Akademiker muss auch

kritisch sein und macht

schon in der zweiten

Seminarsitzung im ersten

Semester den Mund auf und

opponiert. Wenn dann einer

wie ich kommt und gegen

die Kritik und für den

Akzelerationalismus

spricht, dann werde ich

gleich als Krypto-Faschist

gebrandmarkt, unkritisch

und apokalyptisch, weil

ich angeblich den Kapitalismus

noch beschleunige.

So stellt sich das innerhalb

des ästhetischen

Regimes eines Denkens dar,

dem nur das Werkzeug der

Kritik zur Verfügung

steht und dem alles

andere als unkritisch

vorkommen muss. Ich

glaube aber einfach nur

nicht an die kritische

Subversion, sondern

manipuliere und transformiere

lieber. Für

mich persönlich hat das

definitiv mehr Emanzipatorisches

als Kritik oder

Subversion. Es setzt Energien

bei mir frei, und ich

bin produktiver. Das kann

man natürlich wieder kapitalistisch

verformen, aber

definitiv ist das nicht

subversiv. Emanzipatorisches

Denken muss ein

ebensolches Handeln implizieren

und kann nicht auf

der Ebene der Reflexion

bleiben. Was wäre denn,

wenn ich in

einem subversiven

Akt versuchen

würde,

meine akademischen

Kollegen

von irgendetwas

mittels ganz

ausgefeilter

Reflexionen zu überzeugen?

Wovon überhaupt? Dass sie

sich alle abduktiv transformieren

sollen? Die

würden mich anschauen, als

ob ich noch verrückter

wäre, als sie ohnehin

schon glauben.


„Kunst legt sich nicht

in das für sie gemachte

bett; sie macht sich

davon, sobald man sie

beim namen nennt.

am liebsten wahrt sie

das inkognito. sie zeigt

sich im besten

licht, wenn sie ihren

namen vergisst.”

Jean Dubuffet

Französischer Künstler und Erfinder des Konzeptes der Art-Brut

Collection de l’Art Brut


AYZIT BOSTAN FIGURATION

© Ayzit Bostan und Fabian Frinzel


25 JAHRE FriedliChe

ReVolUTIOn

Die suBVersiVe KRAft

der MensChenreChte

„Die Deutsche Demokratische Republik ist ein sozialistischer

Staat der Arbeiter und Bauern. Sie ist die politische Organisation

der Werktätigen in Stadt und Land unter der Führung

der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei.“

So lautete Artikel 1 der Verfassung der DDR,

eines Landes, das es nicht mehr gibt. Im

Herbst 1989 hatten die „Werktätigen“ endlich

genug davon, unter der „Führung der

Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei“

zu leben. Sie gingen auf die Straße und verlangten das,

was in einer Demokratie üblich ist: freie Wahlen, Presseund

Meinungsfreiheit, Versammlungsfreiheit, die Möglichkeit,

Parteien zu gründen, und vor allem auch Reisefreiheit.

Das Volk erkämpfte sich seine Rechte, und

nach 40 Jahren an der Macht war das

Ende für die SED, die herrschende Sozialistische

Einheitspartei Deutschlands,

gekommen. Mit der Öffnung der Mauer am 9. November

1989 begann das sehr rasche Ende der SED-Herrschaft.

Innerhalb von vier Monaten war ihr mächtigstes Instrument,

„Schwert und Schild“ der Partei, das Ministerium

für Staatssicherheit, entmachtet und abgewickelt, befanden

sich alle seine Akten unter Kontrolle der Bürger. Was

das Volk wirklich von der Partei hielt, zeigte es bei den

ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März 1990. Von

99,94 Prozent der Wählerstimmen bei der letzten Wahl

1986 sank die Zustimmung auf 16,4 Prozent ab, trotz der

Umbenennung der SED in PDS (Partei des Demokratischen

Sozialismus). Drei Monate später hielt die D-Mark

Einzug in die DDR und drei weitere Monate später auch

die Bundesrepublik. In weniger als 11 Monaten war das

Land verschwunden.

Vom Ende her betrachtet, beim entfernten

Blick auf den rasanten Verfall eines Landes,

fragt man sich, wieso die DDR nicht

schon viel früher kollabierte, warum die

Mauer nicht schon viel eher verschwand. Wieso sich 17

Millionen Menschen damit abgefunden hatten, in einem

Land zu leben, das ihre fundamentalen Menschenrechte

einschränkte oder sie ihnen gar verweigerte. Je länger

das alles zurückliegt, desto unverständlicher wird es, die

Realität dieser Zeit zu begreifen.


T: Roland Jahn

63

Die Macht der Sozialistischen Einheitspartei

beruhte auf der Beschränkung und

Beschneidung von Menschenrechten, auf

Einschüchterung und Repression und

immer wieder auch auf tödlicher Gewalt. Die Toten an der

Mauer, die Toten des Aufstands vom 17. Juni, die Toten in

den Arbeitslagern und Gefängnissen – sie waren massives

Zeugnis der Bereitschaft, die eigene Macht mit allen Mitteln

zu sichern. Sie waren somit auch erfolgreiches Mittel

der Abschreckung und deutliche Aufforderung zur Anpassung

an das Geforderte.

Für die meisten Menschen in der DDR waren

diese brutalen Methoden nicht täglich spürbar.

Wer der Aufforderung zur Anpassung an

das Geforderte folgte, der vermied es nicht

nur, die härtesten Konsequenzen aus unerwünschtem Verhalten

am eigenen Leibe zu spüren. Für das eigene Überleben

in der Diktatur war es auch hilfreich, Mauer, Stacheldraht

und politische Häftlinge weitgehend auszublenden

und sich an die verlangte Gefolgschaft im Alltag zu gewöhnen.

Der Alltag in der SED-Diktatur, er verlangte von den

Menschen ein Leben in vorgezeichneten Bahnen. Sofern

diese Bahnen eingehalten wurden, konnte man halbwegs

problemlos sein Leben leben. Eine Kindheit und Jugend

begleitet von der Mitgliedschaft in den staatlichen Organisationen

Junge Pioniere und Freie Deutsche Jugend (FDJ)

sicherte die Möglichkeit auf einen Studienplatz. Das Mitlaufen

bei den immer wiederkehrenden Paraden einen

angenehmen Arbeitsalltag. Das Hinaushängen der Fahne

an den geforderten Tagen die Ruhe im Plattenbau.

Das Erscheinen zu den Wahlen, die mit „Zettel falten“

ausreichend beschrieben waren, war ein besonders

überwachtes und kontrolliertes Zugeständnis

der Menschen in der DDR an die Macht im Staat.

Schließlich „legitimierte“ es die Inszenierung der

SED in der „demokratischen“ Republik.

Das Leben in einer Diktatur, es stellt

besondere Anforderungen an das

Menschsein. Seine Individualität

selbstbestimmt zu leben und zivilgesellschaftliches

Engagement ohne Staat zu

betreiben, das allein ist schon unter den Bedingungen

einer Diktatur subversiv. Wenn eine bestehende

Ordnung die Grundlagen des Zusammenlebens,

die Achtung der Menschenrechte

einschränkt, liegt es in der Logik eines solchen

Regimes, dass das Normale zum Außergewöhnlichen

wird, das politisch bekämpft werden muss,

weil es das System der Diktatur in Frage stellt.

Das spiegelte sich im Sprachgebrauch der Herrschenden

in der DDR wider. Diejenigen, die für

die Achtung der Menschenrechte eintraten, betrieben

„ideologische Diversion“, sie waren „feindlichnegative

Gruppierungen“, sie arbeiteten den „Feinden

des Sozialismus“ in die Hände.

Strategien der Selbstbehauptung und

damit der Subversion im Sinne des

Kampfes für die Menschenrechte

zu entwickeln, war nicht einfach.

Der Spielraum war oft eng. Mein eigenes Leben

verlief eine gute Weile lang in jenen Bahnen, die

die Partei von ihren Bürgern verlangte. Als Schüler

war ich bei den Jungen Pionieren und in der

FDJ. Das Verlangte zu tun, war im Empfinden jener

Zeit nicht einmal eine Zumutung, sondern es war

das, was für alle galt. Die Kritik am Staat, an seiner Engstirnigkeit,

an der Gängelung der Menschen wuchs, aber

als junger Mensch wollte ich aus meinem Leben etwas

machen. Ich wollte studieren. Ein Studium aber verlangte

ein hohes Maß an Anpassung. Immer wieder machte ich

Kompromisse, um mein Ziel zu erreichen. Erfolgreich. Bis

ich Anfang 1977, im dritten Semester, wegen meiner

Kritik an der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann

von der Uni geworfen wurde.

Befreit vom Druck, mich für mein Studium

anpassen zu müssen, wollte ich meinen Protest

gegen die Unterdrückung der Meinungsfreiheit

bei einer Parade zum 1. Mai zeigen.

Aber wie konnte ich mich dabei vor Verfolgung schützen?

Am 1. Mai trugen die „Werktätigen“ die Losungen der SED

durch die Straßen: „Vorwärts mit dem Programm des IX.

Parteitags!“ Ein Schild, auf dem ein Protest gegen die Unterdrückung

der Meinungsfreiheit zu lesen war, wäre ein sehr

wahrscheinlicher Verhaftungsgrund gewesen. So kam mir

die Idee, mich mit einem unbeschriebenen Plakat unter die

SED-Parolen zu mischen. Wegen nichts konnte man mich


Geheimsache #8

64

auch nicht für etwas zur Verantwortung ziehen. Weil nun aber

jeder auf seinen Plakaten die langfristig festgelegten Losungen

der SED durch die Stadt zu tragen hatte, konnte das leere

Plakat eine ganz eigene Wirkung entfalten. Und so geschah

es auch. Das nackte Plakat wurde zu einer kleinen Botschaft,

mein Protest gelang ohne weitere Zwischenfälle.

Sich innerhalb der Regeln Freiräume zu

suchen, um gegen die Verhältnisse aktiv zu

wirken, wurde zu einer Art Sport für mich

und meine Freunde in Jena. Als die polnische

Gewerkschaft Solidarność 1981 zu einer Massenbewegung

wurde, kaufte ich jede Menge kleiner polnischer

Papierfähnchen. Die Solidarität mit dem polnischen „Brudervolk“

war eine gern genutzte, offizielle Parole der DDR-

Staatsführung. Sie nun auf so ein Fähnchen zu schreiben,

so glaubte ich, konnte der Staat doch wohl nicht ahnden.

Wie sollten sie sich gegen ihre eigenen Worte wenden?

Ich wollte sie mit ihren eigenen Waffen schlagen. Eine

ganze Weile ging auch das gut, obwohl die DDR die

Solidarność zu einer „konterrevolutionären Gruppierung“

erklärt hatte. Doch dann wurde mir eines dieser Fähnchen

am Fahrrad zum Verhängnis. Die Stasi verhaftete mich

wegen „Missachtung staatlicher Symbole“. Die deutschpolnische

Freundschaft hatte mich nicht vor dem Zugriff

des SED-Staates bewahrt.

Als ich während der U-Haft meine

Entlassung aus meiner Arbeitsstelle

vor einem Arbeitsgericht anfechten

wollte, wurde mir völlig klar,

wie ein System funktioniert, das Menschenrechte

und Rechtsstaatlichkeit nicht achtet. Und dass meine

kleinen Strategien der Subversion eben doch

auch naiv waren, weil sie im Grunde davon ausgingen,

dass DDR-Recht und -Gesetz für alle galten,

egal wie eingeschränkt sie formuliert waren. Denn

auch nach DDR-Gesetzen durfte ein Untersuchungshäftling

eigentlich nicht von seinem Arbeitgeber entlassen

werden, bis nicht ein Urteil in der Anklagesache gesprochen

war. Doch der Richter entschied gegen mich. Und mein

Stasi-Vernehmer sagte mir siegesgewiss lächelnd nach dem

Urteilsspruch: „Sehen Sie Herr Jahn, es kommt nicht darauf

an, wer Recht hat, sondern wer die Macht hat.“

Das hat mein Vertrauen in die Kraft der Subversion

dennoch nicht erschüttert. So deutlich

vermittelt zu bekommen, dass Unrecht

von Staats wegen begangen wurde, hat die

Notwendigkeit dagegen anzugehen, weiter begründet.

m

Juni 1983 wurde ich dann gegen meinen

Willen aus der DDR geworfen und

landete in West-Berlin. Meine Kontakte

zu den Freunden hinter der Mauer, aber

auch zu bereits ausgereisten und ausgebürgerten Freunden

im Westen intensivierten sich. So entstand ein sehr

lebendiges Informationsnetzwerk zwischen Ost und West,

das auf eine neue Art zu einer Quelle der Subversion der

Verhältnisse in der DDR wurde. Es war der besonderen

Situation des geteilten Deutschlands zu verdanken, dass

die Unterdrückung der Meinungsfreiheit in der DDR durch

die Berichterstattung in den Medien der Bundesrepublik

stetig und dauerhaft konterkariert wurde. ARD und ZDF

(bis in die Mitte der Achtzigerjahre gab es noch keine

Privatsender) waren in Sachen Informationsversorgung

der DDR quasi subversive Medien. Sie sendeten Nachrichten,

Unterhaltung und Informationen aus einem anderen

Deutschland und immer wieder auch andere Informationen

aus und über die DDR. Gegen diesen steten Strom

an journalistisch vielfältigen, kritischen und streitbaren

Informationen konnte die DDR nur mit Propaganda und

Verboten angehen, die jedoch ihre Wirkung mit jedem

Jahrzehnt ihrer Existenz verloren. Einzig die Bevölkerung

der Region Dresden war von diesem Informationsfluss

technisch abgeschnitten. Im „Tal der Ahnungslosen“ konnten

die Antennen die terrestrischen Fernsehwellen nicht

mehr wirklich einfangen.

Als am 9. Oktober 1989 in Leipzig 70.000

Menschen bei der Montags-Demo auf die

Straße gingen, waren es die leicht verwackelten

Videoaufnahmen auf grobkörnigem

VHS-Material, die den Mut der Menschen dokumentierten.

Es waren zwei kühne Aktivisten, Aram Radomski und Siegbert

Schefke, die sich an jenem Abend auf einen

Kirchturm geschlichen hatten, um diese verbotenen

Aufnahmen zu machen. Es war ein beherzter Pfarrer,

der ihnen den Turm aufschloss. Mutige Politiker

und Diplomaten hatten dafür gesorgt, dass die

Kamera in die DDR geschmuggelt worden war. Ein

kühner Spiegel-Korrespondent hatte das gedrehte

Material schließlich von Leipzig über Ost-Berlin

heimlich nach Berlin-Charlottenburg gebracht, wo

es im Sender Freies Berlin einen Tag später via

Tagesschau und andere Nachrichtensendungen

verbreitet wurde.

Diese Bilder im West-Fernsehen wurden

zum Signal für den Rest der DDR. Der

Mut der Bürger war stärker als die Macht

der Partei. Es war ein Signal dafür, dass

man die Angst vor den Folgen des eigenen Handelns verloren

hatte. Die Angst, das war der Kitt der Diktatur. Als

sie verschwand, wie es überwältigend auf der Straße

demonstriert wurde, da verloren die Mächtigen die Kontrolle

über die Menschen.

Das ist für mich die zentrale Erkenntnis, die

die Erinnerung an die Friedliche Revolution

so wichtig macht: Diktatur ist überwindbar.

Die bestehenden Verhältnisse zu verändern,

wenn ihre Ignoranz gegen die Menschenrechte es

notwendig macht, kann gelingen. Selbst wenn es lange

dauert, bis es soweit ist. Viele kleine Schritte, viele kleine

Subversionen ergeben irgendwann den Durchbruch, einen

Wandel ohne Gewalt, eine Friedliche Revolution.


SuBve

rsive

Reprod

uction

O

o

A new approach to teach and

learn entrepreneurship


T: Sylvain Bureau & Pierre Tectin

67

Introduction

A large part of the American entrepreneurial elite studied

at top Universities: Larry Page (Google), Jerry Yank (Yahoo!)

and Peter Thiel (Paypal) were at Stanford; Richard Stallman

(GNU), Bill Gates (Microsoft), Mark Zuckerberg (Facebook)

and Salman Khan (Khan University) were at Harvard; Jeff

Bezos (Amazon) was at Princeton; Pierre Omidyar (Ebay)

was at Tufts and so on and so forth. Instead of reproducing

society through traditional careers, these entrepreneurs

develop subversive projects which challenge rules and

values related to privacy, propriety rights, education or

commerce. We define this double process as the subversive

reproduction: the reproduction of an elite which subverts

our society to create new social dynamics. After a brief

overview of the subversive dynamics of entrepreneurship,

we explain how we try to support the process of subver sive

reproduction at the oldest Business School in the world,

ESCP Europe.

What is subversion?

“That which comes into the world to disturb

nothing deserves neither respect nor patience.”

(René Char, 1948)

In old French, the word subvertisseoir designates

the person who overthrows; in other words,

someone who destroys the established order.

More generally, we can define subversion as an

interplay between three actors: some activists, a system

and the masses. In this game, the activists intend to destroy

a system using efficient techniques. Eventually, the subversive

activities provoke various scandals among public

opinion. In the 20th century, the term was used in a variety

of historical contexts: the Cold War, decolonization,

May ‘68 in France, the sexual revolution, or avant-garde

artistic movements.

Subversion: from art to

entrepreneurship

The word subversion is largely diffused in the

art world and barely used in the business

world. This situation is quite surprising regarding

the subversive potential of each context.

We have listed below three necessary conditions and one

sufficient condition for art and entrepreneurship to be

subversive:


Geheimsache #8

68

Many entrepreneurs use the media not only to challenge

competitors but also to explain how their business

changes the world. They tend to generate cleavages

within society, with some people strongly in favour or

against them (which is propitious to launch a buzz).

Peter Thiel and Larry Flint are typical examples of these

Larry Flint, Vice meets Larry Flint

Drawn by Pierre Tectin


SuBversive Reproduction

69

Conditions

Art

Entrepreneurship

Not totally autonomous

New representations

and emotional perceptions

Behavioural impact beyond

own field

Weakly connected

to society

Frequently

Occasionally

Firmly connected

to society

Frequently

Typically

Activism Frequently Occasionally

Dynamics

Triad of actors

Artist, institution,

masses

Intent to destroy Frequently Occasionally

Action with limited

Frequently

Frequently

resources

Scandals Frequently Occasionally

Table 1: Subversion in art and entrepreneurship

Entrepreneur, established

firms/ institutions, clients

Based on this comparison, it seems that the

potential for subversion is high in the two

contexts. Both creative artists and entrepreneurs

tend to alter and transgress many

operating rules of a field so as to change the status quo.

Among artists, this is especially true in the case of groundbreaking

ideas that challenge contemporary conventions.

The Situationists International (SI), for instance,

developed a radical critical outlook with a

form of juxtaposition of Rimbaud’s search

to “change life” and Marx’s wish to “transform

the world”1. In this perspective, the members of SI,

called Situs, wanted to impact events and participate in

the transformation of the Real. According to them, life is

a series of fortuitous situations that are for the greatest

majority so indistinguishable and so dull that they give off

a perfect impression of resemblance. When that is not the

case, when finally a situation gets a little out of the ordinary,

then these rare captivating situations withhold and

progressively limit the rest of life. To overcome this dilemma,

Situs put forward an efficient technique of construction

of situations, whose purpose was to disrupt everyday

life. This technique involved the construction of “moments”

of life that generated new desires and new emotions through

a play on events and the collective organization of a unified

atmosphere. These situations were subversive by definition,

and scandalous: shouting out that “God is dead” in

a cathedral, for example. By doing so, they challenged the

system (e.g. the Catholic Church) and created a cleavage

between those who were against these attacks and those

who were in favor. The Russian art movement Voïna and

the Chinese artist Ai Weiwei are contemporary examples

of activism in art. Similarly, the entrepreneur engaging in

creative destruction must be prepared to take on the role

of the diverging figure.

Entrepreneurial

subversion: illustrations

In the 1960s, entrepreneurs illegally developed

private radio stations in the United Kingdom.

The State’s authority was challenged with extremely

limited resources. Each party attempted

to seduce the population, and the famous Caroline Radio

was particularly successful in that endeavor, contributing

to the legitimization of rock-and-roll and to new forms of

radio broadcasting.

In the mid-70s, Larry Flynt founded Hustler magazine.

At that time, Playboy was the dominant

actor in an industry which had made significant

changes to increase its respectability. In 1976,

for instance, the very religious presidential candidate Jimmy

Carter agreed to do an interview with this erotic magazine.

Hustler’s editorial policy was deliberately on the

opposite end of Playboy’s: instead of seeking the approval

of institutions, Hustler proclaimed its independence

and flaunted its image as unapologetically pornographic.

Everything in Hustler’s story evokes the idea of subversion.

The context brought together three actors: a system

(Puritan values and American obscenity laws), the masses

(American citizens), and a group of activists (the Hustler

start-up). Their message was radical in nature and sought

to destroy the puritan morals of the time. Twisting the spirit

behind the First Amendment to the American Constitution

that guaranties freedom of expression, Larry Flynt

defended his right to publish pornography as a form of

expression and demanded the abolition of censorship.

Finally, despite depending on resources that were extremely

limited at first, the magazine provoked such scandals

and high-publicity trials that it was soon known across

the country and financially very lucrative.


Geheimsache #8

A

famous example is also The Free Software

Movement, whose leader, Richard

Stallman, has been trying to provide free

and open access to software source

codes since the early 1980’s. Stallman’s core beliefs are

best summed up in this sentence of his 1985 Manifesto:

“Proprietary modifications will not be allowed.”2

Thus, this project challenges one of the central

founding blocks of capitalism: intellectual property

rights.Worth mentioning are also the

American entrepreneurs who

are Libertarians and whose

ambition is to destroy the

power of the State, or at least to limit it significantly. Peter

Thiel, for instance, who founded Paypal in the late 1990’s

with the initial objective to create a private international

currency that would undermine the State’s monopoly on

issuing money. This project was met with great hostility

and led to several lawsuits, preventing it from attaining

its original goal. Nevertheless, it now generates extremely

high revenues that reach several billion dollars.

In these examples, there is more than just a

competition between economic players. There

are some subversive dynamics initiated by entrepreneurs

trying to diffuse their innovations.

Learning subversion in a Business

School?

If entrepreneurs challenge the status quo, break

the rules, and subvert systems; as a professor

at ESCP Europe, how can I teach such a thing?

The problem I have to answer this question is

that I am teaching in top ranked programs at ESCP Europe.

I am not in a garage somewhere planning to change

the world. I am part of the most established business

schools in Europe. I am part of this system of reproduction

described by Pierre Bourdieu.

Trying to solve the dilemma, I started to explore

the art scene and the theories about art.

This approach is not unusual. Art-based learning

in business schools is a common practice.

Art is used as an illustration for case studies. Art is

also used as an analogy to develop business skills through

an instrumental perspective: art can help to leverage your

leadership or your creativity through practicing theater for

example. All of that makes a lot of sense but there is one

thing missing when people use art for business purposes:

subversion. Subversion in art is a common practice. You

can find many texts and references about art and subversion.

If we want to develop analogies and metaphors with

art in education; we should consider that very key aspect.

Eventually, I started to collaborate with Pierre Tectin, an

artist working in squats in Paris and its suburbs; a sort of

subversive artist doing weird things according to a guy

like me. Eventually, after some (situationist) drifts, we developed

an experiment: Improbable.

Improbable is a creative method to learn and

experience entrepreneurship through art.

Courses do not only take place in classrooms

but also in museums, studios and other unusual

spaces. Participants do not only have to write business

plans but are also asked to create (subversive) artistic

prototypes. Key resources are not only

investors but also artists and encounters

of all sorts. Conceived as a 4-day workshop,

Improbable creates an extreme

setting with no pre-assigned artefacts

and routines, no hierarchy in teams, a

diversity of the participants’ backgrounds,

a highly compressed time frame

and total freedom to choose the form and content of

the final output.

Improbable: a dialogical pedagogy

To enable the students to let go of their preconceptions

and create, we designed various

heteropias and developed a dialogical

pedagogy. According to Michel Foucault, contrary

to utopias, heterotopias are physical spaces but they

are spaces where you can rethink about the world as if you

were outside it. To explore, imagine and challenge the status

quos, our students have to experience new roles, time

and spaces. During Improbable, participants work at night,

discuss with people in the streets, collect garbage, barter

various material and immaterial objects… They do a list of

things that they never do or that they never even imagine

they could do in a professional environment. Thus, traditional

business schools students act as entrepreneurial apprentices

taking a transitory role such as that of an artist

within a transitory environment such as La Cartonnerie (one

of the studios where these workshops take place in Paris).

Although ephemeral, these experiences generated intense

feelings in so far as it involved a disruption in the form of

the challenging task of ‘having to let go’ of a ‘stable state’

in order to ‘move to’ a new one.

Moreover, during the process, we continuously

support (contradictory)

dialogues of all sorts: dialogues

between students and the academic

team, but also among students, between students and

unknown people in the street… This process enables what

Michael Bakhtin names the dialogical process which is key

to challenge the taken for granted.

Among the 300 people who attended the

last opening exhibition, there were some

recognized artists and curators. They were

quite amazed by the quality of the work

as well as the presentations and discussions they had

with the students.

Improbable and its subversive outputs

70

The works of art created by the students challenged

the perceived status quo in different

ways. These physical outputs seem to help

students to explicit their vision of the world;


SuBversive Reproduction

71

entrepreneurs who challenge the status quo and are

“ideal characters” for TV shows. Far from only being

mediatised heroes, these entrepreneurs know very well

how political activism can be integrated into their

(subversive) marketing strategies.

Peter Thiel, Has America lost its ability to dream big? (CNN)

Drawn by Pierre Tectin


Geheimsache #8

72

Illustrations

for the work of art

Illustrations

for the events

Finance Group: two juxtaposed

videos presenting

parallel realities of the

world of finance. One

showing the time/space

disconnections of dominant

market finance from the

real world entrepreneurs,

and another recording the

entrepreneurial aspects of

this video-development

process itself during the

Improbable workshop.

Finance Group: creation of

an event to raise awareness

about Crowdfunding.

To do so, students organized

a live event and a

conference of entrepreneurs

involved in Crowdfunding,

including an open

debate on the value of

this emergent domain in

addressing inherent inefficiencies

of traditional

finance.

Entrepreneurial Festival

Group: a yellow jacket was

given to audience members

who had to wear it and

pass it onto each other.

Through this process,

unexpected discussions and

interactions were developed

on the day of the

exhibition opening.

Entrepreneurial Festival

Group: a ‘Human Shaker

Experience’ was designed

to develop new ways of

networking to enable

improbable encounters

during an event; instead

of a traditional cocktail

where people tend to engage

with people they already

know and within hierarchical

limits.

TABLE 2: Examples from

Improbable 2012, Paris

in other words, to form their own ideologies.

starting with these artistic productions, students

develop entrepreneurial projects which go far

beyond the art world. This detour in art makes

them not only practice creation but also helps

them realize better what they want to fight for/

against and why.

Beyond these examples, Improbable

was described by the students as

an intense and memorable experience

in itself. A moment of emancipation,

about doing things in life that you don’t know you

can do. Improbable is not only a tool, an instrument, a detour.

Art cannot be just a detour. Art is also valuable in itself in

this context. Improbable might be very useful because it

seems a priori useless to ask business school students to

create a contemporary piece of art.

Conclusion: from subversion to a

subversive reproduction

ESCP Europe offers more and more programmes

addressing subversion. By deviating techniques

designed by the Situationists (e.g. the drift

described by Guy-Ernest Debord) or concepts

like heterotopias (e.g. Foucault), we

try to infuse these subversive dynamics.

Even though Improbable is an

on-going research project related to

several topics (subversion, leadership,

effectuation, informal practices

in entrepreneurship, dialogism,

enactment…), we still know very little

about these questions and more

needs to be done to assess the

impacts and understand the dynamics

of such workshops. At least, we know what we would

like to achieve. We hope that these methods help to disrupt

the infinite reproduction of our elites. We hope that these

programs help to create new territories where people from

various social and cultural backgrounds can become actors

and play, invent, work with more capabilities than today. We

hope that we won’t reproduce an elite but support a subversive

reproduction…


www.improbable.strikingly.com


Related publications of the authors

Bureau, Sylvain (2014) “Piracy as an avant-garde deviance: how do entrepreneurial

pirates contribute to the wealth or misery of nations?”, International Journal

of Entrepreneurship and Small Business, to be published

Bureau, Sylvain & Zander, Ivo (2014) “Entrepreneurship as an Art of Suver sion”,

Scandinavian Journal of Management, Vol. 30, n°1, pp. 124-133

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Becoming: Insights from the Entrepreneurial Processes”, OLAP, Roma, Italy, June

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Verzat, Caroline; O’Shea, Noreen; Bureau, Sylvain (2014) “Apprendre à entreprendre

en équipe, le rôle du leadership distribué”, 5èmes Journées Georges Doriot, Rabat,

Maroc, May 15-16

Bureau, Sylvain; Tectin, Pierre; Bruno, Christophe (2014) “Does the education

system reproduce an elite who subverts our society? The case of a subversive

reproduction within a European Business School”, AoMo, Copenhaguen, Aug. 28-31

Bureau, Sylvain (2013) “Entrepreneurship as a Subversive Activity: How Can

Entrepreneurs Destroy in the Process of Creative Destruction?”, M@n@gement,

Vol. 16, n°3, pp. 204-237

Bureau, Sylvain (2013) “Une expérimentation Improbable pour désapprendre”,

Revue Internationale de Psychosociologie et de gestion des Comportements Organisationnels,

Vol. 19, n°47

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court chemin pour apprendre à entreprendre ? ”, Revue Française de Gestion,

Vol. 38, n°223, pp. 181-200

Bureau, Sylvain; Tectin, Pierre (2012) “Improbable”, ouvrage collectif sur

l’exposition Improbable, Paris

Bureau, Sylvain; Koufaris, Marios (2012) “How to Teach Effectuation: The

situationist Dérive as a Solution?”, Academy of Management, Boston, MA., Aug. 3-7

Bureau, Sylvain (2012) “Bringing the Informal Economy into the Classroom:

A Barter Experiment”, Symposium Aesthetic Marketplaces in Informal Economies:

An Artifactual Experience, Ed. S. Sarasvathy, Academy of Management, Boston, MA.,

Aug. 3-7

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A Détournement”, European Group of Organization Studies, Gothenburg, Sweden,

June 6-9


JeNseits

von Sub

Für eine neue Bewegung

der Befrei-

Ver

ung (von) der Arbeit

sionund

SoziaL

darWin

ismus

74


T: Michael Hirsch

Kapitalismus als Subversionsmaschine

Die Frage nach der Emanzipation ist die

nach einem fortschrittlichen Zusammenhang

von vier Elementen des Sozialen:

von Subjektbildung und subjektivem

Begehren, der Gewalt von Staat und Ökonomie

über unser Leben, dem Befreiungspotenzial und

den Organisationsformen sozialer Bewegungen

und sozialen Ideen. Die Frage ist bis heute offen,

und zwar ebenso auf der intellektuell-kulturellen

wie auf der politischen und individuellen Ebene.

Wir sind in den letzten zwei Jahrzehnten Zeugen

des Niedergangs von gewerkschaftlicher und sozialdemokratischer

Organisationsmacht und ihrer

strategischen Intelligenz gewesen; Zeugen vom

Verlust eines allgemeinen politischen Fortschrittsprojekts

der Linken bereits auf der intellektuellen

Ebene und der Herausbildung neuer Subjektivitätsformen,

welche sich in der Zeit weniger

als emanzipatorisch als vielmehr dem post-fordistischen

Arbeitsregime und seinen Zwängen angepasst

erweisen.

Die Figur der Subversion ist ein Symptom

für diese mehrfache Krise

des Emanzipationsgedankens; für eine

Krise des politischen, politökonomischen

und kulturellen Freiheitsgedankens zugleich. Konnte die

kulturelle Linke noch eine Zeitlang davon träumen, dass

Subversion eine machtvolle Figur nicht nur des Ausdrucks

individuellen Freiheitsstrebens, sondern auch der effektiven

emanzipatorischen Umwandlung der herrschenden

wirtschaftlichen und staatlichen Systeme, ihrer Konformitätszwänge

und ihres Machtpotenzials sein könnte, so

zeigt sich seit knapp zwei Jahrzehnten: Der zeitgenössische

Kapitalismus selbst ist der absolute Meister der Subversion.

Er eignet sich alle gegen ihn gerichteten Wünsche

und Energien an, programmiert sie um und unterwirft sie

seinen Zwecken. So hat er es geschafft, im Verbund mit

dem neoliberalen Staat die Arbeitsverhältnisse in einer

Weise zu deregulieren, dass zuletzt die ökonomische Herrschaft,

das Kommando zunehmend in den Subjekten selbst

verankert und die Fremdzwänge zunehmend in Selbstzwänge

überführt wurden. Er hat es geschafft, den Kampf

gegen kapitalistische Lohnarbeit und Entfremdung immer

mehr umzufunktionieren in einen Imperativ der Selbstverwertung

des Subjekts und der sozialen Entsolidarisierung.

Der sogenannte Arbeitskraftunternehmer scheint mittlerweile

bereit zur freiwilligen Selbstausbeutung. Dies war

schon Maurizio Lazzaratos These in seinem Beitrag „Immaterielle

Arbeit“ in dem Buch „Umherschweifende Produzenten.

Immaterielle Arbeit und Subversion“, das 1998 in

Deutschland erschien. Der Befund lautet: Der zeitgenössische

Kapitalismus ist die gerissenste Maschine zur kreativen

Aneignung aller gegen ihn gerichteten Bestrebungen.

Resignative Leitideologie

An diesem Stand der Dinge hat sich bis

heute nichts geändert. Seitdem sind einige

schlaue soziologische Veröffentlichungen

hinzugekommen, welche diese Thesen

en détail entfalten. Die bekanntesten sind „Der neue

Geist des Kapitalismus“ von Luc Boltanski und Ève Chiapello;

„Das erschöpfte Selbst. Depression und Gesellschaft

in der Gegenwart“ von Alain Ehrenberg; „Das unternehmerische

Selbst. Zur Soziologie einer Subjektivierungsform“

von Ulrich Bröckling. Alle

diese Bücher sind Teil und Symptom

einer resignativen gesellschaftlich-kulturellen

Grundstimmung;

einer Gesellschaft,

die zur Gestaltung der Geschichte

nicht mehr die Phantasie hat,

sondern ihre Kraft aufzehrt in

der Anpassung an die als naturgegeben

erscheinende Evolution

von Kapital, Ökonomie und

Technologie. Unsere Gegenwart

hat einige Züge der Spätphase

der DDR, in der allen Beobachtern

das herrschende System

als unveränderlich erschien,

während es innerlich unmerklich

zerfiel. Und in der den einzelnen

Subjekten mangels Alternative

kleine subversive Gesten und

Ausbrüche aus dem erlaubten Korridor des Normalen wie

das höchste der Gefühle in Sachen Freiheit erschien. Denn

Subversion ist ein Zeichen von Schwäche. Wenn wir der

Ansicht sind, dass die herrschenden Lebensbedingungen

uns weder auf der individuellen noch auf der kollektiven

Ebene Raum für autonome Neugestaltungen lassen, dann

trösten wir uns mit kleinen Gesten des Widerstands. Dann

geht es fast nur noch um die subjektiven Effekte der (vermeintlichen)

Unterwanderung eines herrschenden Regimes.

Wenn alle, auch die Herrschenden selbst,

zunehmend nur noch Getriebene einer

als übermächtig und unbeherrschbar

empfundenen Struktur sind; wenn

sowohl die kollektive Handlungsfähigkeit als auch die

individuellen Alternativen zu den bestehenden Formen

des Arbeitens und Wirtschaftens kleiner werden, dann

bemächtigt sich eine tiefe Resignation der Menschen.

Dann bleibt nur noch der Trost kleiner Praktiken der Verweigerung.

Subversion ist die Leitideologie einer unfreien

Gesellschaftsordnung. Sie sagt: Ich kann nichts machen,

mir bleibt nichts anderes übrig, als so zu handeln wie ich

handle, wie wir alle handeln; es ist letztlich gar nicht ich

selbst, der hier handelt, sondern das herrschende Regime

der Arbeitsorganisation und Regulierung des Sozialen. Die

Subversion erzeugt einen imaginären Abstand zum eigenen

Tun. Sie verbirgt die Tatsache, dass unter den bestehenden

Bedingungen die Einzelnen immer mehr zu Mitläufern

werden, in den Schulen und Hochschulen, in den

Familien, in den Parteien und Gewerkschaften, in Behörden,

Betrieben und Unternehmen.

Die Ausnahme als Normalzustand

75

Wenn die Ausnahme zum Normalzustand

wird; wenn die Herausforderungen an

Einzelne und Kollektive chronisch

immer ein wenig über deren Kapazität


Geheimsache #8

zu Leistung und Problemlösung liegen – dann leben die

Menschen im Neoliberalismus. Man kann diesen Herrschaftstyp

so definieren: Die Menschen gewöhnen sich

zunehmend an irreguläre Zustände und Anforderungen.

Die Krise in Permanenz ist unser Lebensgefühl geworden.

Das ist keine besonders originelle Einsicht mehr. Indessen

ist es intellektuell von großer Bedeutung, sich die Folgen

dieser Konstellation vor Augen zu führen. Sie liegen zunächst

einmal auf der Ebene der Lebensformen und Gewohnheiten,

im privaten wie im beruflichen Umfeld gleichermaßen.

Und sie liegen auf der Ebene der Frage nach demjenigen

Menschentyp, der sich in solch einer Situation durchsetzen

kann. Wenn die Kämpfe ums Überleben heftiger werden,

dann wird sich ein ganz bestimmter Menschentyp durchsetzen:

ein vitaler Typ von Mensch, der sich der Situation

des permanenten Kampfes ums Dasein anpassen kann.

Es gehört nicht viel Scharfsinn dazu zu sehen, dass dies

ein durchsetzungsstarker, aber nicht gerade besonnener,

nachdenklicher, rücksichtsvoller, um die zukünftigen Bedingungen

der sozialen, kulturellen und ökologischen Reproduktion

der Gesellschaft besorgter Menschentyp sein wird.

Die soziale, kulturelle und ökologische Qualität der Praxis

ist für ihn kein Kriterium. Er ist nur darum besorgt, dass

es „so weiter“ geht wie bisher. Von Walter Benjamin stammt

der schöne Satz: „Daß es ‚so weiter‘ geht, ist die Katastrophe.“

Dass das Weiter-So möglicherweise nicht nur in

eine Katastrophe führt, sondern bereits der Anfang einer

Katastrophe sein könnte – diese Möglichkeit existiert im

Bewusstsein des neoliberalen Kraftmenschen nicht. Der

praktische Sozialdarwinist ist viel zu sehr mit dem Kampf

ums Überleben beschäftigt. Seine ganze Kraft wird von

der Anstrengung aufgezehrt, die es kostet, dafür zu sorgen,

dass es erst einmal „so weiter“ geht. Die neuen Eliten im

Staat und in der Wirtschaft, in Schulen und Hochschulen,

im sozialen wie im kulturellen Bereich – sie sind kampfbereite

Sozialdarwinisten. Sie sind die Klonkrieger des

Neoliberalismus.

Irreguläre Arbeitsbedingungen

– freiwillige Mehrarbeit

Wir leben heute in einer Dystopie. Ihr

Merkmal ist die allgemeine Über-Identifikation

des Subjekts mit seiner

Arbeit. Sie entspricht der Schließung

des gesellschaftlichen Zukunftshorizonts. Es handelt sich

dabei nicht nur um ein Regime der allgemeinen erzwungenen

Mehrarbeit und der wachsenden Ungleichheiten

von Einkommen und Anerkennung,

sondern eben auch um

eines der extremen libidinösen

Besetzung von Arbeit. Waren bis

vor kurzem die normalen Arbeitszeiten

und Arbeitsanforderungen

noch an einer tariflich vereinbarten

und an einem hypothetischen

Gesellschaftsvertrag abgelesenen

Norm orientiert, so scheint

die neue Norm eben die zur

Regel gewordene Ausnahme geworden zu sein: permanente

Mehrarbeit, Überstunden, Deregulierungen und

Intensivierungen der Arbeit in allen möglichen Formen.

Die neue Arbeitsnorm in den avancierten Professionssystemen

der Wirtschaft, aber auch der Kultur ist auf einer

prinzipiellen Ebene irregulär. Es gibt nunmehr nicht mehr

da und dort Abweichungen von der Norm; die Abweichung

ist zur neuen Norm geworden. Man kann sich kaum noch

auf einen geltenden Standard berufen, um sie zu kritisieren

und gegebenenfalls zu verändern.

Das aber bedeutet, dass sich der klassische

Gesellschaftsvertrag aufgelöst hat. Er war

um das Normalarbeitsverhältnis herum

organisiert – letztlich um die Idee einer

normativ aufgeladenen Grenze zwischen Arbeit und Nichtarbeit,

mit einer klaren Fortschrittsachse: als fortschrittlich

galt – analog zur Steigerung wirtschaftlicher Produktivität

– das Ziel der Verringerung der Gesamtarbeitsmenge und

entsprechend das Ziel der Verringerung und sozial gerechten

Verteilung von Arbeitszeiten und Arbeitsarten (1.); das

Ziel der möglichst egalitären Verteilung von Löhnen und

Gehältern (2.); schließlich das Ziel der möglichst weitgehenden

Mitbestimmung oder demokratischen Verfügung

der Arbeitenden über die Prozesse ihrer Produktion und

Zusammenarbeit (3.).

Neue Regelungen – gegen die

Überidentifikation mit der Arbeit

Wenn dieser Gesellschaftsvertrag aufgegeben

wird und (implizit) durch

einen der permanenten Steigerung

von wirtschaftlicher Produktivität

ohne die Perspektive der „Vermeidung nutzloser Arbeit“

(Karl Marx) ersetzt wird, dann ist die Folge die Implosion

des Arbeitsprozesses in die Gesellschaft: die Kolonialisierung

der Lebenswelt durch die Imperative wirtschaftlicher

Rationalität. Dies ist wiederum auch kein sonderlich

neuer Gedanke. Aber er wird aktuell und wichtig

dadurch, dass wir verstehen, dass die „Norm der Abweichung“

ein ästhetisch-kreatives Paradigma in die Prozesse

wirtschaftlicher Arbeit einführt. Damit aber wird die

Grenze zwischen Freiheit und Notwendigkeit verwischt:

Die erzwungene Über-Identifikation mit der Arbeit bedeutet

auf der Ebene der Subjekte und ihrer psychischen

Ökonomie eben die libidinöse Besetzung der (Mehr-)

Arbeit. Anstelle der klassischen Differenz zwischen Freiheit

und Notwendigkeit oder Freiheit und Zwang tritt

eine neue Anweisung, ein neues gesellschaftliches Über-

Ich: Das wollen, was ich muss!

Eine solche Ordnung kann eigentlich nicht

subversiv unterwandert werden. Wie sollte

man von einer Norm abweichen, die selbst

irregulär ist? Sie kann letztlich nur durch

die Aufrichtung einer neuen Norm transformiert werden.

Subversion läuft leer wegen der systematischen affirmativen

Besetzung des herrschenden Systems durch die

eigene Arbeit. Produktiv im Sinne der Erzeugung einer

kritischen inneren Distanz zum herrschenden System sind

subversive Strategien nur in politischen Systemen wie

dem der DDR. Hier gibt es eine offiziell herrschende Doktrin,

die aber im Alltag überall kreativ unterwandert und

angeeignet wird. Nicht so in der heutigen Gesellschaft,

wo die Subjekte mit all ihren Energien und Eigenheiten

in das Wirtschaftssystem (sowohl als Produzenten wie

76


JENSEITS VON SUBVERSION UND SOZIALDARWINISMUS

77

als Konsumenten) eingesogen werden. Für uns kommt

deswegen alles darauf an, neue Regeln des Sozialen,

neue Regeln der Arbeit aufzustellen: neue Definitionen

des Normalen.

Ein neuer Gesellschaftsvertrag

Der Widerstand gegen die Kontrollgesellschaften,

von denen zeitgenössische

Unternehmen wohl der Prototyp sind, hat

sich in den letzten 20 Jahren als völlig

wirkungslos herausgestellt. Er wird zerrieben im neuen

deregulierten Arbeitsregime der Individualisierung und

der Steuerung weniger

über kollektive

Normen als über

individuelle Leistungsanreize.

Man

wird daraus folgern

müssen, dass dies

ohne neue Formen

der kollektiven Organisation

der Arbeitenden

auch so bleiben

wird. Ohne eine

neue, fundamentale

Artikulation der Interessen

der Beschäftigten

an sozialer

Sicherheit, ausreichendem

Einkommen

und guten

Arbeitsbedingungen

wird es weder sozialen

Frieden noch

individuelle Zufriedenheit, noch gute Arbeit auch im Sinne

langfristiger wirtschaftlicher und gesellschaftlicher

Entwicklungsziele geben. Ziel sind mithin neue soziale

Vereinbarungen über die Normalitäten der Arbeitswelt.

An die Stelle irregulärer Arbeitsverhältnisse

und erzwungener Identifikationen mit

vorgegebenen Produktions- und Unternehmenszielen

wird ein neuer Gesellschaftsvertrag

treten müssen, der die Lebenswelt und die

Wünsche der Beschäftigten ebenso wie die sozialen, ökologischen

und kulturellen Entwicklungsziele der Gesellschaft

berücksichtigt. Formen der unternehmerischen Organisation

und der Arbeitsorganisation, die das missachten, werden

verschwinden müssen. Das Leiden der Einzelnen an

den Verhältnissen, die sie durch ihr Handeln reproduzieren

– es darf nicht privat bleiben. Die Sehnsucht der Einzelnen

nach Emanzipation und Sinn darf nicht individuell bleiben;

das darf sich nicht in kleinen subversiven Praktiken und

Zeichen von zweifelhafter Effektivität erschöpfen. Es muss

die Schwelle der Kollektivität überschreiten und in kollektiven

Neuschöpfungen von Regeln über das Normale und

das Unnormale, das Nützliche und das Schädliche, das

Gute und das Schlechte Form annehmen. Ob die Subjekte

solcher Neuschöpfungen kleinere Zusammenschlüsse in

Betrieben oder Berufsgruppen oder größere gewerkschaftliche

Organisationen oder demokratische nationale Kollektive

sein werden, kann erst einmal dahingestellt bleiben.

Weniger arbeiten – besser leben

In der Zeit, die es dauern wird, bis solche kollektiven

fortschrittlichen Verbindungen entstehen,

werden die Einzelnen sich in der Tat in

subversiven Übungen und ihrer Darstellung

betätigen müssen. Die Hauptoperation wird der Widerstand

gegen die Mehrarbeit sein; die Verweigerung gegenüber

dem Imperativ der Überidentifikation mit der Erwerbsarbeit.

Weniger tun und arbeiten, als es eigentlich heute

„normal“ ist, das wäre die subversive Geste par excellence.

Es wäre die Grundthese einer neuen Avantgarde. Und

dabei geht es nicht darum, individuell als heroische Ausnahme

zu erscheinen, sondern eher darum, ein anderes

Modell, einen anderen Maßstab des Normalen zu behaupten.

Das Unnormale, das Irreguläre sind diese Verhältnisse

hier, und wir richten ein anderes Modell des Normalen

auf, indem wir jetzt schon nach einer Norm leben, von der

wir hoffen, dass sie in Zukunft für alle gilt. Damit tun wir

zweierlei. Zum einen versuchen wir, als Einzelne jetzt schon

so zu leben, wie es eigentlich richtig wäre. Zum anderen

stellen wir damit ein allgemeines Modell auf. Die bloß

negative Funktion des Subversiven versucht der Avantgardist

der Zukunft zu überwinden in einer Bejahung, die

allgemeine Gültigkeit beansprucht. Die Fortschrittshoffnung

der Emanzipationsidee jenseits bloßer Subversion

lautet: Dass Arbeit (in ihren verschiedenen Formen als

Erwerbsarbeit, familiäre und soziale Sorgearbeit, Gemeinwesenarbeit

und politisches Engagement, kulturelle und

Bildungsarbeit) einmal Teil eines guten Lebens für alle

sein wird – und nicht mehr das Symptom einer schlechten,

einer ungesunden Überschätzung des Wertes der

Erwerbsarbeit.


EARNEST & ALGERNON #8 SUBVERSION 104

Geheimsache #8

104

Leipzig!

kein Warten mehr,

kein Moment der Geduld,

freie Sicht auf die Welt,

kein Systemzwang,

Bilder einer Stadt,

Bilder eines Auges,

Stadt ohne Angst,

kein zwanghafter Blick,

keine Blickdoktrin,

freie Menschen,

freie Welt?

eine Stadt mit Mut,

1989?

Leipzig!

Der von Mischa Kuball entwickelte Beitrag „Leipzig!“ für Earnest & Algernon ist ein

performativ überarbeiteter Gedanke zur ehemaligen DDR mit Auszügen aus dem handgemachten

Künstlerbuch „Mischa Kuball, Leipzig!“, Juni Verlag, Mönchengladbach 1990 in

einer Auflage von 16 Exemplaren.


StRAte

gische

SubV

ersion:

WofUr?

–Woge

gen?


T: Franz Liebl

107

Versteht man Subversion ganz allgemein

als ein Vorgehen, welches die Regeln und

Mechanismen eines Systems so nutzt, dass

sie sich gegen das System selbst wenden,

so lässt sich diese Denkfigur sicherlich bis in die Antike

zurückverfolgen. Doch selbst, wenn der Betrachtungshorizont

auf die letzten Jahrzehnte begrenzt wird, zeigt sich

ein bemerkenswerter, auch verschlungener, Karrierepfad

der Subversion. Daniels (2014) resümiert, dass sich der

Terminus „Subversion“ über diese Periode hinweg erheblich

in seinen Konnotationen verändert habe. Während

damit ursprünglich destruktive Aktionen bezeichnet worden

seien, habe sich das Bedeutungsspektrum mit den Sechzigerjahren

ins Positive gewandelt; und diese Entwicklung

habe sich bis heute fortgesetzt: „Subversion wurde nun

als politischer, strategischer, künstlerischer und programmatischer

Begriff benutzt. … ehemals subversive künstlerische

Strategien des Détournement, der Appropriation

und des Culture Jamming [sind nunmehr] zu universellen

Kulturtechniken der Massenmedien geworden.“ Mit anderen

Worten, der Diskreditierung folgte eine Art emanzipativer

Schub, der in eine Begeisterung darüber mündete,

dass heute jeder alles subvertiert; aber auch gepaart mit

der Enttäuschung darüber, dass Subversion zum Produktivfaktor

insbesondere in Marketingkontexten geworden ist

(z. B. Frank 1997; Heath/Potter 2005; Doll 2008).

Damit einher geht die Multiplikation von

Begrifflichkeiten, die Subversives bezeichnen,

etwa „Hacking“. Im Kielwasser

unserer Metapher bzw. des Neologismus

„Cultural Hacking“ zur Bezeichnung subversiver Strategien

kultureller Innovation (Liebl 2001; Düllo/Liebl 2005) folgte

beispielsweise eine Begriffswelle von „Bindestrich-

Hackings“, die bis in die jüngste Zeit anhielt: Reality

Hacking, Ikea-Hacking, Gender Hacking, Design Hacking,

Urban Hacking, Planet Hacking, Biohacking und so weiter

und so fort (Liebl/Düllo 2014). In dem Maße, wie alles

und jedes gehackt werden konnte und schließlich auch

gehackt wurde, geriet jedoch der Grundgedanke immer

weiter aus dem Blickfeld. Das primäre Interesse, das uns

zum Begriff bzw. zur Denkfigur des „Cultural Hacking“

geführt hatte, war im Rückgriff auf Groys und de Certeau

die Frage nach der Innovation sowie den damit verbundenen

Praktiken und Strategien. Hierzu gehören insbesondere

(künstlerische) Positionen, welche etablierte Konfliktlinien

bzw. Oppositionen ignorieren und mit komplexeren

Zugriffen operieren – vorzufinden etwa bei Dunne + Raby,

Human Beans und einer Reihe anderer Künstler und Designer.

Sie alle lassen ein bestimmtes Grundmuster erkennen:

Zweifellos kritisch in der Diagnose herrschender

Bedingungen, sind sie aber dennoch bereit, mit Unternehmen

zu kooperieren, dabei in den Mitteln subversiv

und spielerisch, teils auch parasitär und viral vorgehend.

Es existiert also ein wesentlicher – und oftmals nicht verstandener

– Unterschied zum Komplex des sogenannten

„Culture Jamming“ und der „Kommunikationsguerilla“, welche

sich noch an althergebrachten Konfliktlinien abarbeiten:

Es geht nicht darum, lediglich Kritik zu formulieren,

Widerstand zu leisten oder den Gegner bloßzustellen,

sondern das Ziel besteht in der Schaffung einer Innovation.

Die Rolle von Subversion sehen wir daher nicht als

Ziel, sondern als Mittel – genauer gesagt, als gegebenenfalls

nützliches Mittel – zur Realisierung notwendiger oder

wünschenswerter Innovationen.

Die Quantität von Subversionen schlug um

in eine veränderte Qualität: Ist Subversion

mit einem Mal ubiquitär und alltäglich,

wird ihre Mechanik nicht nur leichter

durchschaubar, sondern auch Teil der Erwartungshaltung

des Publikums: „Nun unterwandert und überrascht uns

mal schön …“ An solch einer Messlatte können Akteure

nur scheitern, wenn die „Drehung an der Détournement-

Schraube“ (Edlinger 2006) häufig genug vollzogen wurde.

Und schließlich existiert insbesondere im Kulturbetrieb

– namentlich im Bereich der Bildenden Kunst, der Architektur

und der Darstellenden Künste – eine neuartige

Rhetorik der „Intervention“, die vorwiegend als pure Behauptung

einer Subversion operiert. Mit Schäfer/Bernhard

(2008) lässt sich folglich feststellen: „Subversion erweist

sich oft mehr als Zuschreibung denn als Effekt.“ Und Hiller/Kerber/Borries/Wegner/Wenzel

(2012) kommen zu

dem Resümee, dass es sich bei „Intervention“ um einen

„überverwendeten, aber unterbestimmten“ Begriff handelt.

Von dieser Inflationierung und Banalisierung

der Begriffswolke Subversion – Intervention

– Hacking sind Managementwissenschaft

und -praxis weitgehend unberührt

geblieben. Gleichwohl lauert das Thema Subversion in diesen

Bereichen unausgesprochen an allen Ecken und Enden.

Es war vor allem Mintzberg (1994), der ins Bewusstsein

gerückt hat, wie wenig die ursprünglich geplanten Strategien

von Unternehmen mit den letztendlich realisierten zu

tun haben. Umgehend deutete die Beraterzunft diese

Be obachtung als ein „Implementierungsproblem“; dass

nämlich angeblich subversive Mitarbeiter im Mittelmanagement

es verhindern würden, dass für sie unliebsame, weil

unbequeme Strategien umgesetzt würden. So genanntes

„Change Management“ wurde zur präferierten Sozialtechnologie

der Überwindung solcher Implementierungswiderstände

gegen Strategien, sofern nicht ohnehin die martialische

Rhetorik aus dem Business Process Re-engineering

Verwendung fand; angefangen von der „Implementierung

mit harter Hand“ bis hin zu Slogans des Typs „strike hard,

cut deep“. Insofern herrscht – ob absichtlich oder nicht –

mit diesem Generalverdacht gegen das Mittelmanagement

als „subversives Element“ ein Subversionsverständnis vor,

das aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts datiert.

Gleichzeitig spiegelt sich hierin der Gedanke der asymmetrischen

Kriegsführung wider, den man bei de Certeau

(1980) als modus operandi zwischen Strategen und (subversiven)

Taktikern beschrieben findet. Allerdings mit dem

feinen Unterschied, dass beide Parteien sich in ein und

derselben Organisation befinden, von deren Erfolg sie existenziell

abhängig sind. Angesichts dieser unübersichtlichen

Gemengelage stellt sich die Frage: Warum und zu welchem

Ende braucht es also Subversion in Führungskontexten?

Und was ist eigentlich das strategische Problem, für das

Subversion eine Lösung sein kann?

Um sich einer Beantwortung dieser Frage

zu nähern, lohnt eine genauere Betrachtung

des Phänomens emergenter Strategien.

Die Lesart, die gemeinhin Mintzbergs


Geheimsache #8

Beobachtungen unterlegt wird, lässt sich folgendermaßen

charakterisieren: Strategie ist das, was im Nachhinein als

Strategie ausgegeben wird. Natürlich ist eine solche Schlaumeierei

nicht ganz verkehrt, aber als strategischer Nihilismus

– ja, gar Zynismus – nicht hilfreich, wenn eine

Organisation an strategischer Handlungsfähigkeit dazugewinnen

will. Für Mintzbergs Beobachtungen bietet sich

indes eine alternative Lesart an, die man wie folgt beschreiben

könnte: Emergente Strategien verkörpern keineswegs

nur Störfeuer, um in böswilliger Weise strategische Intentionen

zu Fall zu bringen. Im Gegenteil, so legen Mintzbergs

Ausführungen und Beispiele nahe, befinden sich

darunter häufig unerwartete, gute Ideen aus dem Kreis

der Mitarbeiter oder überraschende Umfeldentwicklungen,

aus denen wichtige Opportunitäten und „strategische

Fenster“ erwachsen. Sie unrealisiert zu lassen, wäre unklug,

ja gar fahrlässig. Die Frage ist also nicht, wie derartige

Unterwanderungen intendierter Strategien zu vermeiden

wären, sondern im Gegenteil, wie solch „emergentes Strategisieren“

(emergent strategizing) in einer Organisation

kultiviert – d. h. stimuliert, kanalisiert und wertgeschätzt

– werden kann. Dies stellt einen zentralen Aspekt dessen

dar, was wir bereits in Earnest & Algernon, Heft 2/2012

(„Laugh & Cry“), als „Strategische Mobilisierung“ beschrieben

haben. Daraus resultiert ein verändertes Verständnis

von Strategischem Management, das nicht mehr aus dem

ebenso technokratischen wie anfälligen Hintereinander

von Planung und Umsetzung besteht, sondern als ein

Ineinandergreifen von emergenter Strategisierung und

strategischer Mobilisierung verstanden werden kann (siehe

hierzu ausführlich Liebl/Düllo 2014).

Wenn also in einem solchen prozessorientierten

Strategieverständnis Subversion

überhaupt eine zielführende

Funktion einnehmen kann, dann wohl

primär die, die Aktivitäten emergenter Strategisierung zu

stimulieren bzw. zu mobilisieren. Was dann, paradox genug,

eine „Subversion von oben“ wäre, welche die Führungsaufgabe,

einen angemessenen Strategieprozess aufzusetzen,

erfüllt. Wie aber ist so etwas vorstellbar, wenn Subversion

von oben offenbar gerade nicht bedeuten soll, mit

„harter Hand, gepaart mit Hinterlist“ gegen den Willen der

Mitarbeiter intendierte Strategien durchzusetzen? Wo also

gerade nicht das Bonmot gilt: „Subversion ist Schnellbeton“

(Schäfer/Bernhard 2008)? Und die Subversion nicht

gegen etwas, sondern für etwas operiert? Das heißt: Ähnlich

wie im Kontext des Hacking stellt ein strategischer

Zugang zu Subversion die Zielsetzung der Innovation in

den Vordergrund. Überträgt man Barthes’ (1971, 127)

Diktum, dass die beste Subversion darin bestehe, die

Codes zu entstellen, auf den Strategieprozess, so bedeutet

das beispielsweise, diesen Prozess gerade nicht als

strategisch zu markieren. Aber warum sollte man das tun,

wo doch das Attribut „strategisch“ so gerne verwendet

wird, um Nichtigkeiten zu adeln? Erstens genau deshalb.

Denn mit der (Zwangs-)Rekrutierung von Mitarbeitern zu

angeblichen Strategieworkshops und -klausurtagungen,

deren Ergebnisse in der Wahrnehmung der Teilnehmer

ebenso unstrategisch ausfallen wie folgenlos bleiben, wird

in Organisationen nicht nur Zeit vergeudet, sondern auch

unnötig Frustration erzeugt. Sinnfällig ist die Vermeidung

des Etiketts „strategisch“ für Strategieprozesse zudem,

wenn die Organisation bereits eine mehr oder weniger

lange Leidensgeschichte durch erfolglose (Strategie-)Beratungsprojekte

oder strategisch verbrämte Kostensenkungsrunden

hinter sich gebracht hat. Mit anderen Worten, wenn

also niemand mehr unterhalb der Geschäftsleitung das

Wort Strategie hören mag, aber die Organisation gleichzeitig

nichts dringender braucht als die emergenten Strategiebeiträge

aus dem Kreis der Mitarbeiterschaft.

Bei Voigt (2003) findet sich für einen derartigen

Fall die folgende Form der Subversion

beschrieben: Es sei nämlich unter solchen

Voraussetzungen nicht gleich wieder

ein sogenanntes „Strategie-Projekt“ aufzusetzen, sondern

der konkrete Leidensdruck an der operativen Basis zum

Ausgangspunkt zu nehmen und die Verbesserungsvorschläge

der betroffenen Abteilungen so zu orchestrieren,

dass eine strategische Neuausrichtung daraus resultiert.

Ganz im Sinne von Porter (1996), der die detailgenaue

Abstimmung der Prozesse als wesentlich für die Wettbewerbsfähigkeit

des Geschäftsmodells als Ganzes ansieht:

„The correct answer is that everything matters.“ Voigt schildert,

wie in dem von ihm betrachteten Fall eine unschuldig

klingende, weil scheinbar operative Fragestellung –

Wie optimieren wir als Handelsunternehmen die Arbeit

unseres Vertriebs-Call-Centers? – als Hebel für eine strategische

Neukonfiguration genutzt wurde. Voraussetzung

hierfür ist, den „archimedischen Punkt“ in Form einer

geeigneten Fragestellung zu finden. Dies ist dann gegeben,

wenn sich in dem betreffenden Unternehmensbereich

der komplette Satz verdrängter bzw. unerkannter strategischer

Fragen wie in einem Hologramm abbildet. Im Fall

des betreffenden Unternehmens waren das Fragen des

Typs: Wie segmentieren wir unsere Kundenbasis? Wie

gestalten wir unser Beziehungsmarketing? Müssen wir

das Kundenportfolio bereinigen? Müssen Konditionenpolitik

und Lieferrhythmen neu überdacht werden? Welche

Anreizstruktur soll im Vertrieb herrschen? All diese Fragen

waren in den Call-Center-Operationen implizit oder explizit

miteinander verknüpft. Die betrachteten, scheinbar

operativen Problemlagen der Call-Center-Agenten wirkten

wie ein loser Faden, anhand dessen sich nach und nach

ein gordischer Knoten auflösen ließ. Strategische Subversion

bedeutet insofern nicht die Unterwanderung des

Systems, sondern das Aushebeln der Systemblockade.

Porter (1996) schreibt über die Quintessenz

von Strategie: „The essence of strategy is

choosing what not to do.“ Da ist es nur

konsequent, bei strategischer Subversion

nicht von Strategie zu reden.


108


Literatur

Barthes, Roland, Sade, Fourier, Loyola, Paris 1971

Daniels, Donna, Subversion als Strategie heute?, in: Landwehr, Dominik (Hg.),

Political Interventions, Zürich 2014

de Certeau, Michel, L’invention du quotidien: 1. arts de faire, Paris 1980

Doll, Martin, Für eine Subversion der Subversion: Über die Widersprüche eines

politischen Individualismus, in: Ernst, Thomas; Cantó, Patricia Gozalbez; Richter,

Sebastian; Sennewald, Patricia; Tieke, Julia (Hg.), Zum Verhältnis von Politik

und Ästhetik in der Gegenwart, Bielefeld 2008, S. 47–68

Düllo, Thomas; Liebl, Franz (Hg.), Cultural Hacking: Kunst des Strategischen

Handelns, Wien 2005

Edlinger, Thomas, Alphabet des Abfalls: C – wie Comme des Garçons, in: The Gap,

#072, Dezember 2006/Jänner 2007, S. 24

Frank, Thomas, The Conquest of Cool: Business Culture, Counterculture, and the

Rise of Hip Consumerism, Chicago, IL 1997

Groys, Boris, Über das Neue – Versuch einer Kulturökonomie, München 1992

Heath, Joseph; Potter, Andrew, The Rebel Sell: How the Counterculture Became

Consumer Culture, Chichester 2005

Hiller, Christian; Kerber, Daniel; Borries, Friedrich von; Wegner, Friederike;

Wenzel, Anna-Lena (HG.), Glossar der Interventionen: Annäherung an einen überverwendeten,

aber unterbestimmten Begriff, Berlin 2012

Liebl, Franz, Wege aus der Retro-Schleife, in: brand eins, Vol. 3, #09, November,

2001, S. 110–111

Liebl, Franz, Mobilisierung: Strategische Nutzung emotionaler Ressourcen; in:

earnest & Algernon, #2: “Laugh & Cry”, 2012, S. 134–136

Liebl, Franz; Düllo, Thomas, Strategie als Kultivierung (erscheint 2014)

Mintzberg, Henry, The Rise and Fall of Strategic Planning, New York 1994

Porter, Michael E., What Is Strategy?, in: Harvard Business Review, Vol. 74, #6,

1996, S. 61–78

Schäfer, Mirko Tobias; Bernhard, Hans, Subversion ist Schnellbeton! Zur Ambivalenz

des “Subversiven” in Medienproduktionen, in: Ernst, Thomas; Cantó, Patricia

Gozalbez; Richter, Sebastian; Sennewald, Patricia; Tieke, Julia (Hg.),

SUBversionen: Zum Verhältnis von Politik und Ästhetik in der Gegenwart, Bielefeld

2008, S. 69–87

Voigt, Thorsten, Just implement it? Strategische Kräfte im Unternehmen mobilisieren,

Berlin 2003


weitblick

statt

fernsehen

Juliane Stiegele

Utopia Toolbox


HoLLyWOOdschAu

kel oDEr der GA

Rten des AnDEren

T: Hans-Georg Wegner

Das Gegenteil von Macht ist ja

nicht Ohnmacht. Sondern?

Das Gegenteil von Autoritätshörigkeit ist ja

nicht Selbstbestimmtheit. Oder?

Das Gegenteil von Hierarchie ist ja

nicht Freiheit. Sicher?

Aber was ist dann das Gegenteil von all dem,

was wir mit Macht verbinden?

Es wird den Ostdeutschen ja gerne bescheinigt,

sie seien a) autoritätshörig, hätten b)

eine Vorliebe für autoritäre Strukturen, also

strenge Hierarchien, und c) bewunderten

Menschen mit Macht. Woher diese Wessi-Meinung über

die Ostdeutschen kommt, ist klar: Sie waren es ja nicht

anders gewohnt im Osten, wo ein straff organisierter Parteiapparat

das Leben der Staatsbürger bis in jedes Alltagsdetail

hinein geplant und geregelt hatte. Selbstbestimmung

kam in dieser Diktatur der Avantgarde, wie sich

die DDR-Führung auch gerne bezeichnete, offiziell nicht

vor. Das Ich sollte sich im Wir verwirklichen. Der Blick

über die Mauer aus westlicher Sicht hinein in den DDR-

Zoo ergab dann logisch, dass diese Fremdbestimmtheit,

unter der die DDR-Bürger scheinbar so sehr litten, zu

enorm hohem Druck geführt hätte, der sich dann in der

Wende 1989 entlud und zur befreienden Sprengung der

Grenzen hinein in die Wessi-Freiheit führte. Das Mythen-

Muster dieser Geschichtssicht erfüllt sich wunderbar: Eine

privilegierte, machtvolle Elite beutet die Bevölkerung aus,

knechtet sie so lange, bis sie es nicht mehr aushält, die

Sklaven rebellieren und jagen die Unterdrücker zum Teufel.

Doch dieser Mythos trifft auf das, was während der

Wende vorging, leider nicht zu.


Hollywoodschaukel oder der Garten des anderen

113

Ich kann an dieser Stelle natürlich nicht die absolute

Wahrheit über die Wende erzählen. Niemand

kann das, klar. Und auch klar: „Den Ostdeutschen“

gibt es nicht. Aber meiner Meinung

nach stimmt das Klischee über das Verhältnis der Ostdeutschen

zur Macht nicht. Ich möchte hier eine subjektive These

zur Erklärung vorlegen.

Die Wirtschaft der DDR war geprägt von

Volkseigenen Betrieben, den berühmten

VEB’s. Die Idee dahinter ist eigentlich

bestechend: Wenn der Arbeiter weiß,

dass er nicht für den Besitzer des Betriebes arbeitet,

sondern dass er selbst der Besitzer ist, arbeitet er für

sich selbst und identifiziert sich viel mehr mit der Arbeit,

wird also produktiver. Da man aber aus ideologischen

Gründen nicht gewillt war, jeden Arbeiter zugleich zum

Unternehmer zu machen – also sowohl an der Verantwortung

wie auch am Risiko und am Gewinn zu beteiligen

– war diese schöne Idee zum Scheitern verurteilt.

Die unternehmerische Leitung behielt nach wie vor

die Partei, und damit blieb das Machtverhältnis das

für den Arbeiter gewohnte: „Die da oben“ sagen, was

gemacht wird, und ich führe es aus.

Da die unternehmerischen Qualitäten

der DDR-Eliten allerdings nicht besonders

groß waren und auch solch ein

Wirtschaftssystem zunächst völlig unerprobt,

tat sich an unerwarteter Stelle der Himmel des

selbstbestimmten Arbeitens auf: Ging das Material zu

Ende, das für den eigentlichen Zweck des Betriebes

nötig gewesen wäre, begann man mit dem noch verfügbaren

Material andere Dinge zu produzieren. Zum

Beispiel Hollywoodschaukeln für den Garten des Anderen.

Niemand langweilt sich gerne bei der Arbeit.

Absoluter Machtanspruch kann nicht

gelingen. Es wird immer unerreichbare

Nischen geben. In diesen Nischen entwickelt

sich dann Freiheit, ja Anarchie.

Insofern können Hierarchien für den Arbeitnehmer auch

etwas sehr Verlockendes haben. Dass die Ostdeutschen

sich so sehr nach Autorität sehnen, hat mehr damit zu tun,

dass sie im Schatten dieser Autorität ihre Freiräume finden

und lieben, in denen sie selbstbestimmt ihren Bedürfnissen

nachgehen können. Es hat nichts damit zu tun, dass

sie sich nach autoritären Ansagen sehnen würden. Macht

wird sehr gerne unterlaufen. Die Erfahrung des Ostens mit

Macht ist die, dass Machtansprüche nur zum Schein bedient

und in der Praxis einfach unterlaufen werden.

Entsprechend wurde der Bereich des Privaten

so wichtig. Das Private stand für den Einzelnen

absolut im Zentrum des Lebens. Nicht,

wie so gerne geglaubt wird, „weil es ja nix

anderes gab, womit man sich beschäftigen konnte“, sondern

weil das Private einerseits den Geschmack der Rebellion

gegen den autoritären Anspruch des Allgemeinwohls

hatte, andererseits, weil – geben wir es zu – das Private

einfach das ist, worum es geht im Leben. Es hatte noch

nicht den Beigeschmack des Peinlichen, Kleinlichen, der

ihm im heutigen Wirtschaftsleben anhaftet. Heute ist das

Private nur als Statussymbol (Kinder) oder zur Rekreation

der Arbeitskraft erlaubt („Quality-Time“).

Wenn man genauer hinschaut, war es

auch der Bereich des Privaten, der

1989 den entscheidenden Boost zur

Wende gab. Die Ostdeutschen wollten

besseres Essen, schönere Urlaube, komfortablere Autos

etc. Die Zahl der wahren Rebellen, die wirklich gesellschaftliche

Freiheit wollten, war verhältnismäßig klein. Sie

wurden zuletzt schwer enttäuscht von der Entwicklung

der sogenannten Revolution von 1989. Ihre Ideen und

Gedanken hätten das Zeug zu einer wirklichen Revolution

gehabt, an der weder Ost noch West gesteigertes Interesse

zeigten.

Die Wende war das Produkt des expansiven

Privatbereichs der Ostdeutschen, nicht

das einer politischen Revolte. Im Schatten

des großen Wir, inmitten der volkseigenen

Produktionsmittel, vor allem total gegen den Anspruch

der SED, hat sich in der DDR ein faszinierendes Biotop

des Privaten ausgebreitet, dessen Sinnerfahrung stärker

wirkte als die öffentlich propagierte Ansicht, dass die Welt

den Sozialismus braucht, um menschlicher zu werden.

Wenn der Ostdeutsche sich heute nach

mächtigen Hierarchien sehnen sollte,

dann in der Regel deshalb, weil er

geschult ist, diese zu unterlaufen und

sich darin seine Freiräume zu suchen. Und wenn er nostalgisch

sein sollte, dann deshalb, weil er dem riesigen

Bereich des privaten Lebens nachtrauert, den er exzessiv

beackern durfte. Für beides steht die Hollywoodschaukel:

Sie wurde in der Schlosserei des Volkseigenen Chemiekombinates

Bitterfeld gebaut und wurde schaukelnd genossen

beim Grillen mit einem in der Filmfabrik Wolfen

gebauten Grill. Eingeladen waren Freunde, von denen

man ein paar Sack Zement und Steine für die neu zu bauende

Datsche erwartete, vorausgesetzt, man konnte den

Bitterfelder Kollegen überreden, eine weitere Hollywood-

Schaukel zu bauen, für die er dann einen super Grill Marke

Eigenbau bekommen würde.


SubVer

sion

iST ein

FlUid

uM

Ich habe den Eindruck, dass diese Epoche ein Verlangen

hat zu trennen, ein Verlangen nach Apartheid. Wir werden

uns damit auseinandersetzen müssen, was Teilen bedeutet.

Achille Mbeme


T: Nina Gühlstorff 115

Meine Herkunft

Meine Lehrer waren Achtundsechziger,

und ich habe von Ihnen alle kritischen

Instrumente an die Hand bekommen,

um die Gesellschaft, die Kunstproduktion

und – dann später im Studium der Theaterregie –

Inszenierungen und Texte zu analysieren. Ich bin, wie viele

meiner Generation, bestens ausgebildet „subversives“ Theater

zu machen, einen Text gegen den Strich zu lesen und

sein gesellschaftskritisches Potenzial herauszuarbeiten.

Nach der Ausbildung dachten wir: Es

muss doch möglich sein, die Gesellschaft

mittels Theater auf neue Gedanken

zu bringen!

Aber es kam anders: Unsere subversiven

Strategien wurden als Attitüde gelesen.

Wir stellten fest, dass die rebellische

Pose auf der Bühne Teil des Marktes ist.

Sie fand in der Arena statt und hatte einfach nichts zu

tun mit der Wirklichkeit. Wir mussten feststellen, dass

die Dekonstruktion des bürgerlichen Stückekanons als

Event rezipiert wurde. Bis heute ist es so: Manche feiern

das Hinterfragen des Bekannten, andere regen sich darüber

auf und kehren dem Theater den Rücken zu. Rebellion

gehört zum Geschäft, und das aufregende Infragestellen

des Repertoires steigert den Marktwert der

Regisseure. Zu politischen oder gesellschaftlich relevanten

Auseinandersetzungen im Publikum führt der Aufstand

jedenfalls äußerst selten. Ein weiteres Problem tat sich

bei subversiven Aufführungen auf: Sie waren ziemlich

elitäre Veranstaltungen. Der Zugang zur Gruppe der Theatergänger

ist begrenzt. Die Besucher müssen nicht nur

das Geld für einen Theaterbesuch übrig haben, sondern

auch die Sozialisation, die sie überhaupt dazu veranlasst,

ins Theater zu gehen, die Zeit, die literarische Vorbildung

– ach, einfach das Selbstverständnis, Bürger oder Bürgerin

zu sein.

Uns dämmerte es: Die nächste Theaterrevolution

musste nicht auf der Bühne stattfinden,

sondern im Foyer oder gleich auf

der Straße. Die Herausforderung heute ist

doch, dass wir in einer heterogenen Gesellschaft eine

heterogene Gemeinschaft sein können – mit dem Mut zur

komplexen Ausdifferenziertheit, aber in einem gemeinsamen

Lebensraum. Dafür muss man sich treffen, reden,

hören, live, in ungesicherten Kontexten und nicht im abgeschirmten

Kunstkontext des Theatersaals.

Jedenfalls reicht es nicht mehr aus, die Klassiker

noch einmal neu zu lesen und dem

immer gleichen Publikum anzubieten. Subversive

Strategien sind wie ein Fluidum und

ändern sich mit der Zeit.

Der dritte Weg – Ein Projekt anlässlich

des 20-jährigen Mauerfalls

Der Dritte Weg, Eine theatrale

Demonstration, Jena 2009

Ein in dieser Hinsicht entscheidender Versuch

war „Der dritte Weg“: Ausgehend von Interviews

mit DDR-Oppositionellen, die über

ihren Antrieb berichteten, sich für Veränderung

einzusetzen, die ihren „dritten Weg“ zwischen den

zwei Systemen beschrieben, entstand eine theatrale

Demonstration, ein dokumentarisches Theaterstück im

öffentlichen Raum.

Lothar Probst, Politikwissenschaftler an der

Universität Bremen, sieht in dem Aufbruch

von 1989 die Merkmale jener Bürgergesellschaft,

von der heute so viel die Rede ist:

„Zivilcourage, Initiative, Spontanität. Engagement, Lust am

politischen Handeln, Übernahme von Verantwortung, Selbstorganisation

– diese Eigenschaften, die in der Diskussion

über die Bürgergesellschaft jetzt so oft beschworen werden,

haben damals das politische Geschehen geprägt.“

Diese Lebenshaltung machten wir am Beispiel sichtbar:

Ausgehend von der Stadtkirche, dem Ort der Montagsdemonstrationen

in Jena, initiierten wir einen Marsch in die

Stadt. Was zunächst als Spaziergang begann, bei dem das

Publikum nur unbeschriftete Plakate trug, verwandelte sich

in eine Demonstration. Am Ende des Abends wurden die

Banner mit Inhalten versehen, und das Publikum wie bei

einer echten Demonstration von der Polizei durch die Innenstadt

bis zum Theaterhaus eskortiert. Kunst? Re-Enactment

einer historischen Situation? Eine reale Demo? Die Grenzen

hatten sich verschoben. Abschluss des Abends bildeten

Work-Shops zu gegenwärtigen Formen zivilen Ungehorsams.

Mitglieder der Piratenpartei waren zu Gast, die das

Publikum darin schulten, sich unerkannt im Internet zu

bewegen. Sitzblockade-Techniken wurden geübt. Thema

dieses Abends war ohne Zweifel politische Subversion –

aber war dieser Abend selbst subversiv?

1986 fand auf dem „Platz der Kosmonauten“

das 1. Spontane Jenaer Open-Air-Frühstück

statt, eine Gruppe junger, langhaariger Oppositioneller

verlegte ihr Frühstück an einem

Sonntag auf einen öffentlichen Platz, ein paar Wolf-Biermann-Lieder

wurden gesungen. Der Staat reagierte mit

Verhaftungen und Repressalien. Das 2. Open-Air-Frühstück,

veranstaltet im Herbst 2010 im Vorfeld unseres Projekts

an gleicher Stelle, war ein nettes Picknick. Subversion ist

zeitgebunden.


Geheimsache #8

116

„Was ich mir damals gewünscht habe? … Äh … was haben

wir denn auf diese Flugblätter gedruckt? … Freiheit

wahrscheinlich … Irgendwas zwischen Jesus und Bakunin!

… Auf jeden Fall keine Wiedervereinigung!“

SCHWARZWEISS –

Projekt am Theater Dessau

Wer in Dessau aus dem Zug steigt,

kann sich entscheiden: Der Westausgang

führt Richtung Bauhaus

in ein modernes Univiertel. In der

Nähe sitzt das Umweltbundesamt in einem tollen Neubau.

Oder man nimmt den Ostausgang: vorbei an einem der

größten Theaterbauten der Nazis, dem Anhaltischen Theater

Dessau, ins Stadtzentrum, das hauptsächlich aus

tristen Wohnblocks und einer Rathauspassage mit den

üblichen austauschbaren Einkaufslandschaften besteht.

2005 ist in der Gewahrsamszelle der Dessauer

Polizei ein Mann zu Tode gekommen. Die

Umstände sind bis heute nur unbefriedigend

aufgeklärt. Der Mann hieß Oury Jalloh, seine

Biografie klingt geläufig: Er kam aus Sierra Leone, sein

Asylverfahren wurde abgelehnt, er lebte im Duldungsstatus

und wurde wegen Drogendelikten angeklagt. Eine Story

also, die in meinem Segment der Gesellschaft eine klare

Haltung hervorruft: Wie konnte das nur passieren! Eine

Schande – oder wie es einer der Polizisten, die wir interviewten,

formulierte: Die „Zelle ist das Herz des Staates“.

Darin darf so etwas nicht passieren, weil es das gesamte

Gewaltmonopol des Staates in Frage stellt.

Von diesem Fall ausgehend entwickelten

wir gemeinsam mit dem Künstlerpaar

Annette Schemmel und Paul Huf einen

Parcours im öffentlichen Raum. Er begann

im Stadtpark, führte durch die Dessauer Moschee, in das

von Afrikanern genutzte Call-Center, über eine Turnhalle bis

auf einen öffentlichen Platz in der Nähe der Rathauspassage.

So wurde der Stadtraum im Zuge der Stadtbegehung

– wie in Jena – selbst zur Bühne, das Publikum zu Akteuren:

Zu Beginn bekam jeder der Teilnehmer anstelle eines Programmheftes

ein Kostüm, das aus scheinbar afrikanischem

Stoff geschneidert zum Träger einer Botschaft und zum

Diskussionsangebot wurde. Annette Schemmel und Paul

Huf hatten, einer west-afrikanischen Tradition folgend, einen

narrativen Stoff entworfen, der Aspekte des Falls Oury Jalloh

beleuchtete. So markiert gingen die Zuschauer durch

den bekannten Stadtraum, bewegten sich an Orten, die sie

normalerweise nicht aufsuchen würden, und Passanten, die

normalerweise nicht ins Theater gehen würden, wurden zu

Zeugen des Theatergeschehens. Was der öffentliche Raum

hier bewirkte, war eine Egalisierung der Zuschauer. Ob man

nun da war, weil man ins Theater wollte, ob man zufällig

Zeuge wurde oder sich aus Neugier eingeschlichen hatte:

Es bildete sich eine verschworene Gemeinschaft, eine

Gemeinschaft mit ganz unterschiedlichen Haltungen. Jedem

in Dessau, wie sehr er auch versuchen mochte, das Thema

SCHWARZWEISS, Stadtbegehung, Dessau 2011

zu vermeiden, fiel die Publikumsprozession auf. Sie wurde

zu einem Zug gegen das Vergessen. Nicht zuletzt deshalb

war auch die Polizei bei jeder Vorstellung anwesend: Weil

dieser Zug sich angreifbar gemacht hatte, verletzlich war.

Teilhabe

Ohne dass wir in „gated communities“

leben, werden die mentalen Mauern zwischen

einzelnen Bevölkerungsgruppen

immer größer. Wir vernetzen uns im Internet

mit Gleichgesinnten und können damit unsere Peer-

Group immer genauer ausdifferenzieren. Ziel der Web-

Analyse ist es letztlich immer, sich selbst mit Ähnlichen zu

vernetzen. Amazon bietet uns die Produkte an, die uns

gefallen, Facebook schlägt uns Freunde vor, die gut zu uns

passen. Kurz, wir lernen immer nur uns selbst kennen. Subversion

könnte heute heißen, für die Dauer eines Abends

Gemeinschaften herzustellen, die sich sonst nicht begegnet

wären, die aber auf diese Weise ins Gespräch kommen.

Wenn es keine gemeinsam genutzten Räume mehr gibt,

entsolidarisiert sich eine Gesellschaft. Die neue Subversion

begreift sich also als Abweichung von der vorherrschenden

Norm, setzt sich selbst aber wieder ein normatives Ziel.

Insofern war das 2. Jenaer Open-Air-Frühstück

vielleicht nicht mehr subversiv in seinem ursprünglichen

Verständnis, aber auch hier wurde eine

neue Gemeinschaft erschaffen: Wir kamen mit

Unbekannten ins Gespräch, die Stadt wurde zur Bühne und

damit wurde die Bühne wieder zu einem Ort der neuen

Subversivität.


Dokumentation

SCHWARZWEISS – Eine theatrale Stadtbegehung

des Anhaltischen Theaters Dessau um

den Fall Oury Jalloh, Textem Verlag,

Hamburg 2012


Performance

as technology of

other-worlding

118

A conversation with

Alexander

Baczyński-Jenkins

It was in the very final phase of my research for this issue’s

guiding topic – subversion – that I travelled to Basel Art Week

this year. At the centre of this event there is Art Basel, one of

the world’s most important fairs for showing and, above all,

for selling contemporary art. Against this background, I wasn’t

expecting to encounter much

that would have proved to

be fruitful from the perspective

of subversive practices.

At the same time, however,

I wasn’t disposed to join in

the sense of resignation that

art has lost all its subversive

potential in favour of becoming

a commodity like any


T: Kina Deimel

119

other. Indeed, many of the works presented at the show stands

appeared as subjects to the primacy of complaisance and

salability in terms of format, to an aesthetics that often drifted

towards the realm of decoration. But despite the difficulties

that many young artists face in this overwhelmingly commercialized

art world, the context in Basel left, if not opened up

a space for some subversive experiments.

During my stay in Basel my attention was drawn to the work

of Alexander

Baczyński-Jenkins,

a young British-

Polish artist one

of whose cho-

reographies was

enacted as

part of this year’s

performance

project at LISTE.

Concurrently

taking place to Art

Basel every

year since its

inauguration

in 1996, LISTE

brands itself as

“the world’s most

important fair

for young and

emerging art,” a complement to the established artistic positions

that Art Basel presents. Though this might sound promising

in terms of subversion, much of what was presented

ultimately revealed a reproduction of the very same logic that

dominated the mass-attracting partner event. I interviewed

Alexander about the ideas behind his work, about what it

means to present performance work in such a context, the

reasons for his decision for this processual form of expression,

and about the platform that LISTE provides for his work.

Maybe, what’s left to be subversive in such contexts lies in

the engagement with what we tend to consider as the banal,

the most fundamental and simple elements, encounters and

experiences of everyday life.


- and Frank?

- I’ve never been to San Sebastian, Irun, Hendaye, Biarritz,

Bayonne, I don’t know how to pronounce the names

- she’s a basic bitch

Dedication Schwester Schwester, Basel LISTE 2014. Alexander Baczyński-Jenkins,

in collaboration with and performed by: Karl Fagerlund, Zachariah Fletcher, Imma Mess


- but having a coke with you is definitely even more fun

than going to all those places

- having a coke with you is even more fun than …

- being sick to my stomach on meth in east block …


Geheimsache #8

122

Kina Deimel

(K. D.)

To begin maybe, could you

say a few words about your

work in general? What are

you mainly concerned with,

what kind of questions

trigger your artistic

practice, and why do you

choose performance – a

relatively young and experimental

artistic field

– as a means of expression?

Alexander Baczyński-

Jenkins (A. B.-J.)

I make choreographies.

There is this track by

Throbbing Gristle that I

love, probably their most

famous track, which is

called Discipline. Genesis

P-Orridge wilds out on the

commands: “I want discipline!

I need some discipline

in here! We need

some discipline!” Genesis

trips on these words and

h/er voice is in overkill…

h/er voice is in total

excess,

what’s

so

strong

about

what’s

happening

is

that s/

he’s

undoing the command

through the voice, through

its affect. S/he’s taking

discipline and fucking

with it, putting it in

motion, letting it fill

with desire and un-disciplining

it. So it’s about

un-disciplining as a practice

and how to do through

affect and affection. In

Desire in Language, Julia

Kristeva writes about

un-disciplining as play, a

poetic practice and experience

– escaping that

attempt to close things

down and make them seem

stable. I choose performance

because it is the

medium of emergence and

contingency, and I also

like the instance of the

gathering. I like to think

of performance as an

ubiquitous technology of

other-worlding. I am particularly

interested with

the other-worlding that

happens in the everyday

through desire, play,

friendship, love. You

re-imagine, you make a

shared fantasy, it produces

a space between you

and affects you… it’s the

capacity of bodies in

alliance to make poetic,

un-disciplined experiences;

the pleasure of

being together and performing

with/for one another.

To perform as making

anOther present.

K. D.

How does Dedication Schwester

Schwester, a poetry

recital and choreography

performed by three rollerbladers,

fit into your

practice? Was it commissioned

by LISTE or why did

you decide to do the

performance there?

A. B.-J.

As a kind of urban choreography,

it has a lot to

do with my previous project

Yet, see him through

my eyes. I lived in Beirut

for a year, to take

part in the Home Workspace

Program with Ashkal

Alwan. In Lebanon, due to

the law of “sexual acts

against nature” – a colonial

hangover – homosexual

sex is illegal and so

you have these old cinemas

that screen straight

erotica/porn, but are

actually cruising places

for men who have sex with

men. Just before I arrived,

two such cinemas

were raided by the

police. As part of the

X-apartments project,

Matthias Lilienthal’s

curatorial format to

develop site-specific

performance works around

the private/public, I

began to look into queer

presences and the Arab

celluloid screen. This

largely amounted to

Egyptian cinema as comparatively

speaking, for

the Arabic-speaking film

industry, Hollywood is

the Cairo of the West.

What came out of the

research was a collection

of scenes from Egyptian

cinema that represent

non-hetero-normative

narratives. The resulting

work was a 30-minute

montage that was then

screened on a loop for

four days in a cruising

cinema in Beirut’s

district of Bourj Hammoud.

In the cine-performance

Yet, see him

through my eyes, the

screen of the cinema,

usually operating in

straight-drag, performs

itself - the queer

desires that are acted on

in the audience are given

their cinematic luminous

presence.

Dedication Schwester

Schwester was commissioned

by LISTE, but the concept

also came out of my

research in Beirut. I

lived right next to the

Corniche – the sea front,

which is

one of

the few

public

spaces in

Beirut.

It's

popular

with

rollerbladers,

and is

also a

cruising

area. I

started

roller-


PErformance as technology of other-Worlding

123

blading there. At the same

time, I was looking into

queer love in Arabic

literature, of which there

is a lot of material. I

came across this medieval

study of love practices by

Ahmad Al-Tifashi – The

Delight of Hearts or What

you will not find in any

book – with one chapter

dedicated to poetry written

on men loving men.

While getting into rollerblading

and reading poetry,

the complicity between

these became

apparent. I started working

with the idea of a

rollerblade poetry practice.

K. D.

Can you specify what you

mean with complicity,

especially with regards to

the poems you selected for

the performance? One of

them is Frank O’Hara’s

Having a Coke With You…

A. B.-J.

For the iteration in

Basel, the poets we sampled

from included Frank

O’Hara, Eileen Myles and

Langston Hughes. The chosen

poems orbit around

desire/pleasure/love. What

I really connect with in

Frank O’Hara’s work is how

he made sure to take

poetry off any pedestal

and include it as part of

everydayness. Frank

O’Hara’s poetry isn’t

sheltered from the mundane,

but in it and

through it. He doesn’t

make a distinction between

the banal experience and

high art, the pursued

marvelous experience can

be just having a coke with

someone that you feel for.

In making the poetry into

a conversation, a joint

practice, how the text is

owned and lived by the

performers is really

important. The piece is a

collaboration with Karl

Fagerlund, Zachariah Fletcher

and Imma Mess. The

poetry functions as a

shared pretext for a

meeting. I choreograph the

conditions for hanging out

together, but it is really

about how the performers

engage with

that – hanging

out on

rollerblades

with each

other and

the text as

a way to

have fun

and take

pleasure

– this is

where the

piece happens.

There

is both a

strong

choreographic

framing

and an

out-of-controlness

in how they move

through that, live it.

It’s therefore as much

about the poetry as how

they play with it.

K. D.

And what about the relationship

to your audience?

Within this constellation

you describe, how do you

see the viewer’s role?

A. B.-J.

I like to think of

audience as an implicated

voyeur. Jean Rouch spoke

about the role of the

camera participating in

the rituals he filmed as

cine-trance, the observing

camera is a catalyst – the

ritual would have happened

anyway, but the camera’s

attention makes the performers

go further into

it. A gathering of bodies

with a directed attention

often heightens an experience,

both for the

performers and for the

audience. This context of

people doing something

together amplifies sensation…

And then there is

the dimension of making a

public experience of performances

that might usually

be invisible.

K. D.

I know that

you rehearsed

the

performance

in front of

some friends

at Dalston

Square in

London

shortly

before

coming to

Basel. What

was different

there

and in Basel

at Theodorkirchsplatz?

A. B.-J.

We rehearsed in various

places in London: Dalston

Square, Hyde Park, the

skate park at South Bank,

outside a shopping mall

next to Russell Square and

in my flat. The sharing of

the practice with friends

is part of the work both

because of the dialogue

this generates and also

because it provides the

opportunity to practice

how to keep the performance

intimate and lucid,

to practice keeping the

performance as a practice.

I liked that the performance

in Basel happened

outside a church.

K. D.

Was that your idea? What

did you like so much about

that setting?

A. B.-J.

The location was proposed

by Fabian Schoeneich, the

curator of LISTE, and my


eaction was – yes let’s

take this to church. To

unpack that: when you say,

"I’m going to take that to

church", it either means

that you’re going to

school it, or, when you

really like someone or

something, as an expression

of conviction. The

second meaning is what

interests me. Church is

both the old power that

did and does a lot of

damage and that represents

ideas that really need to

go and at the same time it

stands for what’s still

relevant: conviction and

love. I don’t agree with

conservative Christian

morals, but I respect the

sense of acting on a set

of beliefs with the idea

that they can have an

efficacy. The combination

of profanation and conviction

is why I think Christian

aesthetics have been

appropriated a lot in

queerings and camp. And

then Stuart Hall says

about critical practice:

“You have to be a pessimist

intellectually and an

optimist with your will.”

I would say being an optimist

with your will is

being a believer. Not in

the protestant neo-liberal

individualist sense – if

you work hard enough you

can make it – but as an

affirmative ethics: small

acts matter.

K. D.

Considering its taking

place simultaneously to

Art Basel, one of the

world’s biggest and most

important fairs for showing

and selling contemporary

art: What kind

of platform does LISTE

provide for you as a

young, emerging artist?

And what does it mean

to present a processual

and ephe meral work in

such a context?

A. B.-J.

LISTE has a history of

showing strong new directions

in performance. Like

any respected platform, as

a young artist it gives

your work visibility and

gives cultural capital to

what you are doing. It’s

not that I seek institutional

validation, but as

the way things are now, it

gives one's work a wider

reach.

There is an infatuation of

the art world with performance,

and a definite

surge in the commercial

art world’s interest.

What’s not clear is how

performance will challenge

that economy and its modes

of circulation. The question

is: Will it re-order

ways of thinking, presenting,

and owning art?


T: Wolfgang Müller

127

Der Begriff der Subversion kommt aus dem Lateinischen, subversor

bedeutet „Umstürzer“ und bezieht sich allgemein auf

Vorgänge, Bestrebungen oder Darstellungen, welche die bestehende

soziale Ordnung, also Autoritäten, gesellschaftliche

Zugehörigkeiten und Hierarchien, Ausbeutung von Gruppen,

Machtkonzentrationen und so weiter in Frage stellen, irritieren

bzw. verändern wollen.

Subversion als Gegenmacht

Claudia Reichert aka Wanda:

Destabilisierungsstrategien und

Raumöffnungen.

Auf der unerquicklichen Suche nach einem

Wohnraum stößt die DDR-Bürgerin Claudia

Reichardt Anfang der Achtzigerjahre

in Dresden auf eine dreistöckige alte Villa.

Diese wird „Villa Marie“ genannt, ist umgeben von Streuobstwiesen

und liegt malerisch am Ufer der Elbe. Es be ginnt

eine Liebesgeschichte, die gleichzeitig zur Lebens- und

Kunstgeschichte ihrer Entdeckerin wird. Fasziniert untersucht

Claudia Reichardt alias Wanda die Historie des

Hauses, sie lernt Bewohner, Orte und Zeiten kennen, die

mit diesem verbunden sind oder waren. Im Jahr 1982 zieht

sie in die „Villa Marie“ und eröffnet 1986 dort eine Galerie

namens „fotogen“, aus der sich eine unabhängige Galerie

entwickelt. Keine professionelle, kommerziell orientierte

Galerie in der DDR, weder ein staatlich organisierter Kunsthandel,

noch eine vom Staat anerkannte Privatgalerie. Das

unabhängige, undefinierte, souveräne Territorium wächst,

und wird von Wanda gegen alle Widerstände verteidigt.

Irgendwann wird die

marode Villa vom alten

Eigentümer der Stadt

Dresden geschenkt. Nun

kleben die Behörden

regelmäßig Räumungsbefehle

an die Türen –

kein Bewohner der Villa

nimmt das ernst. Aus

den Hausbewohnern werden so unvermittelt Hausbesetzer.

Bei Elbehochwasser werden die Bewohner einschließlich

der Galeristin mit dem Hubschrauber der Nationalen Volksarmee

in Sicherheit gebracht. Wandas Galerie „fotogen“

wird in der Folge zu einer Attraktion in der DDR. Auch

Kunstinteressierte aus der BRD kommen regelmäßig zu

Wandas Ausstellungen, wie beispielsweise der Kurator

Eckart Gillen aus Karlsruhe. Mehr als zwanzig Jahre später

wird er zusammen mit Stephanie Barron aus Los Angeles

zum Kurator der Ausstellung „Kunst und Kalter Krieg. Deutsche

Positionen 1945–1989 Art of Two Germanys / Cold

War Cultures“, die im LACMA Los Angeles, dem Deutschen

Historischen Museum Berlin (2009/2010) und im Germanischen

Nationalmuseum Nürnberg zu sehen ist.


Geheimsache #8

Den DDR-Behörden werden die Ausstellungsaktivitäten

von Wanda irgendwann

unheimlich. Sie verlangen von der Galeristin

eine Liste der Vernissage-Gäste – im

Voraus. Artig schreibt Wanda die Namen von zwanzig Personen

auf – allesamt Vertreter des offiziellen Kulturlebens

von Dresden und als solche sowieso dienstlich tätig. Ein

von den Behörden übermitteltes Ausstellungsverbot kontert

Wanda mit der Aktion „Die Galerie bleibt während der

128

abstoßend – und zieht doch zugleich ein bis dato unbekanntes

Publikum magisch an.

Wie sich seine Stimme entwickelt hat,

erläutert John Lydon alias Johnny

Rotten in einem Interview mit dem

Berliner Stadtmagazin TIP 15/2012:

„Wir wollten unter gar keinen Umständen in den [katholischen

Knaben] Chor. […] Die Älteren warnten uns. Wir

haben dann instinktiv gelernt, dieser Institution zu begegnen;

und zwar, indem wir lernten, nicht

zu singen. Oder nicht richtig. Denn wenn

du singen konntest, kamst du in den

Chor. Warst du im Chor, hatte der Priester

Zugriff auf dich.“

Er habe sich nie erlaubt, zum

Opfer zu werden, sagt John

Lydon und weiter: „Genau

darauf aber spekulierten

die Priester, das war eine Schande.“

Übersetzt bedeutet das: Sie lernten,

schrill und abstoßend zu singen, um sich

vor den sexuellen Übergriffen von Autoritäten

zu schützen.

Subversion als Dynamisierung

Öffnungszeit geschlossen“. Als der Galeriebetrieb am Ende

doch noch verboten wird, stellt Wanda keine Bilder oder

Skulpturen aus – stattdessen präsentiert sie hundert diverse

Gerüche auf verschiedenen Stoffen in verschiedensten

Flakons: „Es stinkt – wir riechen – wir stinken – es riecht.“

Dass der Staatssicherheitsdienst der DDR

zeitgleich ein Archiv mit Geruchsproben

Tausender politisch verdächtiger Personen

in Einweckgläsern angelegt hat, wird

beliebtes Thema von SPIEGEL-TV-Reportagen ab Sommer

1990. Mit diesem Archiv kann der Begriff des „Schnüffelstaates“

besonders anschaulich verbildlicht werden.

Später sagt Wanda, dass Beuys’ Idee eines

erweiterten Kunstbegriffes sie zur Idee einer

Geruchsausstellung angeregt habe. Die

Geschichte der „Villa Marie“ endet 1990.

Aus dem Westen kommend, übernehmen Immobilienspekulanten

und Glücksritter des Geldes das Terrain.

Subversion als Aggression

Johnny Rotten aka John Lydon:

Destruktion und Raumexpansion

Im Jahr 1977 veröffentlichen die Sex Pistols aus

England ihr legendäres Album „Never Mind The

Bollocks“ – und bereiten damit den Weg zur

Popularisierung von Punk vor. Der quäkendnervenzerreibende

schrille Gesang von Johnny Rotten,

Sänger dieser Punkband, wird zum Markenzeichen. Sein

Gesang will offensichtlich niemanden gefallen, er wirkt

Kannibalistische Integration und

Mainstream. Stefan Marquardt,

Sascha Lobo und Gerald Hörhan:

Punkköche und Punkbörsianer.

Worte wie Subversion, Subkultur und

Punk erfuhren nach 1990, den Jahrzehnten

der Auflösung von Ost- und

Westblock, eine radikale Umwertung.

Sie entledigten sich ihrer negativen Konnotation und

entwickelten sich zu positiv aufgeladenen Begriffen. Nun

kündeten sie von der

Dynamik des Kapitalismus

und dessen unbegrenzter

Wandlungsfähigkeit.

Die verkündete

Alternativlosigkeit des

kapitalistischen Systems

bewies sich durch seine

Integrationskraft, die

selbst vor Ausdrücken

wie „Punk“ und „Subversion“

nicht haltmachte.

Punk ist gegenwärtig

positiv konnotiert.

Im Jahr 2008

warb die Autofirma

Honda

mit dem Slogan

„Vernunft ist der neue

Punk“. Gemeint ist Rationalität,

kombiniert mit der

Art von Freiheit, Grenzüberschreitung und Dynamisierung,

für die der Begriff Punk aktuell steht. Die Deutsche Bahn

lockte 2010 ihre Fahrgäste mit einem Menü, welches, so


Subversion ist auch nicht mehr das, was sie einmal war

129

die Speisekarte, ein „Punk-Koch“ zubereitet habe. In den

Achtzigerjahren hätte eine solche Ankündigung die Restaurantgäste

mit Sicherheit zur panischen Flucht aus dem

Speisewagen veranlasst. Der DB-Punk-Koch Stefan Marquardt

kochte vier Jahre später, im Jahr 2014 gemeinsam

mit dem CSU-Kandidaten Christian Ebele, in dessen Familien-Gasthof

Eberle unter dem Motto : „Der Koch und der

Kandidat – Politik mit Geschmack“. Ein Investmentbanker

namens Gerald Hörhan aus Österreich tritt mit sogenannter

Irokesenfrisur in TV-Talkshows auf und wird von den

Fahrradtour zu Nicos Grab.

Links: Wolfgang Müller; Rechts: Akwiratékha;

Auf den T-Shirts ein Satz in Kanien’keha-Sprache:

„Ich kenne keine Tabus.“

Medien als Investment-Punk bezeichnet, ähnliches gilt für

den Journalisten und Werbetexter Sascha Lobo. Eher

gewöhnlich gekleidet, sticht sein rotgefärbter, sogenannter

Irokese hervor, der zu seinem Markenzeichen wurde.

Für die von heftigen Protesten der lokalen

Bevölkerung wegen Korruption und sozialen

Missständen begleitete Fußballweltmeisterschaft

in Brasilien wirbt im Juni des Jahres

2014 ein überdimensionales Plakat am Potsdamer Platz

in Berlin. Zu sehen ist der Kopf eines jubelnden Mannes,

welcher einen Fußballfan darstellen soll. Als Frisur trägt

er einen schwarz-rot-goldenen, in den deutschen Nationalfarben

gefärbten, sogenannten Irokesenschnitt …

Irritierte Subversion

Modern Colonial Primitives or what? Mazahuacholoskatopunks,

Indiopunks. Sphärenschwingungen

und Grenzmanöver.

Während die Begriffe Punk und Subkultur

heute in der eurozentrischen

weißen Welt allgemeine Wertschätzung

erlangt haben, verschwindet

dieser Respekt schlagartig, sobald es sich um nichtweiße

Punks handelt, beispielsweise um amerikanische

Erstbewohner. Von „Entwurzelung“ ist dann die Rede und

vom „Verleugnen der Herkunft“. Als Diagnose gilt: Identitätslosigkeit.

Die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) untertitelt

am 26. März 2010, Nr. 71, ein Foto auf

ihrer Titelseite mit folgendem Satz: „Immer

mehr Stadtindianer in Mexiko“. Zu sehen

sind drei junge Männer mit sogenannter Irokesenfrisur,

eine davon grün gefärbt. Sie tragen nietenverzierte Lederjacken,

T-Shirts und Bluejeans. Weiter heißt es: „Manche

der jungen Indigenen, die in die Hauptstadt Mexikos ziehen,

verleugnen ihre Herkunft und übernehmen die Verhaltens-

und Konsumgewohnheiten urbaner Subkultur. Oft

genug versuchen sie so, der rassistischen Diskriminierung

zu entkommen.“ Der Fotograf Federico Gama habe nun

das Leben „entwurzelter Stadtindianer“ dokumentiert.

Die neuen jungen Stadtbewohner werden

als „Mazahuacholoskatopunks“ bezeichnet.

Ein weiterer Grund, warum sie ihre Dörfer

verlassen, wird im Folgenden geschildert:

„… weil das städtische Leben fernab jeglicher sozialen

Kontrolle seine Reize entfaltet: Ob Piercings, ungenierter

Sex, Drogenkonsum oder eine punkige Frisur – alles ist

möglich und damit erlaubt, was im Dorf verboten oder

schlicht undenkbar war.“

Diese Beschreibung eines reizvollen urbanen

Lebens passt genauso auf die europäischen

und nordamerikanischen weißen

Punks vom Ende der Siebzigerjahre, die

ebenfalls oft aus kleinen Dörfern der ländlich-konservativen

Provinz kommend, sich in Richtung der Metropolen, nach

London, (West)-Berlin oder New York bewegten. Auch für

sie wäre die Erklärung zutreffend: „Ob Piercings, ungenierter

Sex, Drogenkonsum oder eine punkige Frisur –

alles ist möglich und damit erlaubt, was im Dorf verboten

oder schlicht undenkbar war.“ Von „Entwurzelung“ wäre

dann allerdings wohl nicht die Rede gewesen, vielleicht

eher von „Dekadenz“.

(Re)Konstruktion als Subversion

und Gestaltung?

Die transatlantische Spiegelschule –

Melancholie und Exotismus. Die Sehnsucht nach

Präsenz. Akwiratékha Martin, Nico und der Autor.


130

Im Jahr

2002 fliege

ich

von Berlin

nach Island. In Reykjavík

mache ich die

Bekanntschaft mit

Akwiratékha Martin.

Sein Wohnort ist das

Kahnawa:ke Mohawk-

Territory. Akwiratékha

ist Besucher in

Island wie ich. Im

Gespräch entdecken

wir unsere gemeinsame

Faszination für

Nico, alias Christa

Paeffgen, der in

Lübbenau an der

Spree aufgewachsenen

Sängerin von

Velvet Underground. Die von Andy Warhol produzierte Band

wird heute zusammen mit den Stooges von Iggy Pop als

die bedeutendste Prä-Punkband bezeichnet. Akwiratékha

interessiert sich für Nicos letztes Konzert im Westberliner

Planetarium 1988, und ich erzähle ihm davon aus

meiner Erinnerung. Wenn er mal Lust

habe, nach Berlin zu kommen, könnten

wir dort gemeinsam das Grab von Nico

besuchen.Akwiratékha fliegt vier

Jahre später über den

Atlantik. Zusammen

radeln wir zu Nicos

Grab im Forst Berlin-Grunewald, hinter

dem Teufelssee, auf dem Friedhof der

Namenlosen in einer Waldlichtung der

Havel. Akwiratékha pflückt einige Efeublätter

an Nicos Grab, übersetzt den

von ihr gesungenen Velvet-Underground-Klassiker „All

Tomorrows Parties“ in die Sprache der Mohawk, ins

Kanien’kéha, und singt ihn.

Drei Jahre später verabreden wir uns im

Kahnawà:ke Mohawk Territory, einer Siedlung

am Südufer des St. Lorenz-Stroms

gegenüber Montreal. Akwiratékha erwirbt

ein elektrisches Harmonium, übersetzt und singt weitere

Songs von Nico auf Kanien’kéha – einer Sprache, die heute

nur noch etwa zweitausend überwiegend ältere Menschen

beherrschen. Aber auch eine Sprache, die seit einigen

Jahren wieder zunehmend jüngere Menschen erlernen.

Die Selbstbezeichnung der Mohawk ist Kanien’kehá:ka.

Die Sprache der Kanien’kehá:ka nennt sich Kanien’kéha.

Mohawk sind also Kanien’kehá:ka, die die Kanien’kéha

sprechen. Viele Kanien’kehá:ka sprechen Englisch, sind

englischsprachig in einem französisch(sprachig) dominierten

Umfeld aufgewachsen. Die deutsche Sprache heißt auf

Kanien’kéha: Tehotinontsistokerón:te raotiwén:na. Die Deutschen

werden genannt: Tehotinontsistokerón:te. Wörtlich

übersetzt: Quadratköpfe.

Learning Mohawk in fifty-five minutes; Wísk

niwáhsen wísk nikahseriiè:take kanien’kéha

wa’katéweienste, übersetzt: Mohawk lernen

in 55 Minuten.

Die Stimmen sollen den Raum öffnen für

eine transatlantische Spiegelschule, die

Raumsynergien erfahren lässt. Der Lernprozess

ist schmerzhaft. Das Büffeln der

Lektionen wird qualvoll, der Unterricht zur Marter.

Die transatlantische Spiegelschule kennt den

Schmerz, aber sie spürt ihn nicht.

Die transatlantische Spiegelschule kennt keinen

Schmerz, sie spürt ihn.

Die transatlantische Spiegelschule kennt den Schmerz,

sie spürt ihn.

Die transatlantische Spiegelschule kennt den Schmerz,

aber sie spürt ihn nicht.

Die transatlantische Spiegelschule spürt den Schmerz,

aber sie kennt ihn nicht.


Buch

Reichardt, Claudia,

Die Galerie bleibt während der

Öffnungszeit geschlossen,

102 Seiten, Abbildungen,

Martin Schmitz Verlag, Berlin 2010

CD

Müller, Wolfgang,

„Séance Vocibus Avium“

& „Wísk niwáhsen wísk

nikahseriiè:take kanien’kéha

wa’katéweienste“ oder

"Learning Mohawk in fifty-five

minutes", 2 CD-Box & 112 S.

Booklet. Intermedium, Belleville

Verlag, München 2012


I’ll be your mirror

I’ll be your mirror,

Ich werde dein Spiegel,

Satátken enká:ton,

Reflect what you are

Der zeigt, was du bist

Ienhsatátken ó:nen

In case you don’t know

Falls du es nicht weißt,

iah tehsatatienté:ri

I’ll be the wind

Ich werde der Wind

Ówera enká:ton

The rain and the sunset

Regen und Abendrot

Ohné:ka tánon’ karáhkwa

The light on your door

Das Licht an deiner Tür

Sahnhóha tenkhswáthe’te

To show that you’re home

Das zeigt, du bist da

Nó:nen ienséhsewe.

When you think the night

has seen your mind

Wenn du denkst, die Nacht

kommt,

überwältigt dich

Nó:nen íhsehre

tetisa’nikonhrà:karas

That inside you’re twisted

and unkind

Dass du verquer und dass

du lieblos bist

Tánon’ io’táksen serià:ne

Let me stand to show that

you are blind

Lass mich dann ertragen,

dich blind – zu sehen

Tó: konna’tón:hahs tsi

tehseron’wé:kon

Please put down your hands

Senke deine Hand

Tóhsa satatkonhsáhseht

‘cause I see you

weil ich dich seh’

né: tsi kón:kens


I’ll find it hard

Es fällt mir schwer

Wakentorà:se

To believe you don’t know

Zu glauben, dass du nicht

weißt,

Aontakéhtahkwe tsi

That beauty you are

Wie schön du nur bist

Iah tesaterièn:tare

But if you don’t

Aber falls nicht

Tsi sonkwe’tí:io

Let me be your eyes

Lass mich dein Auge sein

Tó: sakà:ra ká:ton

A hand to your darkness

Eine Hand in deinem Dunkel

Tenkonhswathè:ten

So you won’t be afraid

so dass du dich nicht fürchtest

ne tóhsa aonsasáhteron’ne

the night has seen your

mind

die Nacht hat deinen Geist

gesehen

tetisa’nikonhrà:karas

That you’re twisted and

unkind,

Dass du verquer und lieblos

bist

Tánon’ io’táksen serià:ne

Please put down your hands

Bitte senk die Hand

Tóhsa satatkonhsáhseht

Cause I see you

Weil ich dich seh’

Né: tsi kón:kens

I’ll be your mirror

Ich werde dein Spiegel

Satátken enká:ton

Reflect what you are

Der zeigt, was du bist

Ienhsatátken ó:nen

When you think

Wenn du glaubst,

Nó:nen íhsehre


AUTOPORTRät

134

Geburtshelferin Zensur –

Warum ich nicht Verleger

werden wollte und es

dann doch geworden bin *

* Erschienen als Beitrag für:

„Ausgerechnet Bücher. 31 verlegerische

Selbstporträts“, hg.

von Rita Galli, Ch. Links Verlag,

Berlin 1998

Eigentlich wollte ich nie

Verleger werden. Das Beispiel

meiner Eltern

schreckte zu sehr. Im Monat

meiner Geburt, im September

1954, begann mein Vater als

frisch diplomierter Germanist

im Verlag Volk und

Welt Berlin, als Lektor zu

arbeiten. In meiner Kindheit

sah ich ihn vergleichsweise

wenig, und

wenn, dann in Begleitung

von Autoren, Fotografen

oder Gestaltern. Ob sie

Bobrowski, Hochhuth oder

Frisch hießen, interessierte

mich wenig. Meine Mutter,

zunächst Deutschlehrerin,

wechselte bald auch

ins Verlagsgeschäft und

landete im Philosophie-Lektorat

des Deutschen Verlages

der Wissenschaften. Die

Gespräche am Familientisch

lassen sich erahnen. Mit

dieser Welt, die einen

Menschen so ganz mit Haut

und Haaren fraß, daß Arbeit

und Privatleben nicht mehr

auseinanderzuhalten waren,

wollte ich nun wirklich

nichts zu tun haben. Außerdem

galt es, etwas Eigenes

zu finden, das sich erkennbar

von den vorgezeichneten

Familienwegen absetzte. In

den frühen siebziger Jahren

entbrannte mein Interesse

für Lateinamerika. Nach dem

Tod von Che und dem gescheiterten

Umgestaltungsversuch

in Chile

empörte mich das

Wüten der südamerikanischen

Militärs.

Emotional

gestärkt wurde ich

dabei durch die

Auftritte der

exilierten Musiker

beim alljährlichen

„Festival des

politischen Liedes“

in Ost-Berlin,

an dem ich

begeistert mitarbeitete. So

entstand mein Wunsch,

Lateinamerikanist zu werden

und etwas gegen die Ungerechtigkeit

in diesem Teil

der Welt zu unternehmen. Da

die wenigen Studienplätze

für dieses Fach in der DDR

bereits alle vergeben

waren, entschloß ich mich,

in Berlin Philosophie zu

studieren und parallel dazu

in Leipzig eine Zweitausbildung

am dortigen Lateinamerika-Seminar

aufzunehmen.

Hier konnte ich mich

auch politisch relativ

identisch bewegen, denn die

Vorgänge in Lateinamerika

waren nicht mit derart

vielen Tabus blockiert wie

etwa die Kulturpolitik der

DDR oder die Entwicklung in

den anderen osteuropäischen

Ländern. Doch meine unbewußte

Flucht vor den erstarrten

Verhältnissen zu

Hause in ferne abenteuerliche

Welten wurde relativ

bald auf den Boden der

Realitäten zurückgeholt.

Nachdem ich 1980 mit der

„Berliner Zeitung“ als

Lateinamerika-Redakteur

angefangen hatte, war ich

schnell in die Zwänge des

journalistischen Alltags

eingebunden und hatte auf

alle taktischen Winkelzüge

der Partei- und Staatspresse

Rücksicht zu nehmen.


T: Christoph Links

135

Diese machten auch vor

entfernten Kontinenten

nicht halt, galt es doch

allerorten, die außenwirtschaftlichen

Interessen der

angeschlagenen DDR-Wirtschaft

zu fördern. So

wurden monatelang kritische

Artikel über die argentinischen

Militärs auf Eis

gelegt, wenn die Hoffnung

auf den Verkauf von zwei

Hafenkränen für Buenos

Aires bestand. Den Einengungen

der Tagespresse

versuchte ich nun, durch

Buchprojekte zu entkommen,

denn Verlage wurden bekanntlich

an einer längeren

Leine als die Tagespresse

geführt. Während die erste

Publikation „Contras contra

Nicaragua“ im Berliner

Dietz-Verlag 1985 problemlos

über die Bühne ging,

gab es beim zweiten Buch

über die politische Geschichte

Mittelamerikas

schon spürbar Ärger. Wie

ich im Vorfeld der Veröffentlichung

erfuhr, mußte

jedes Buchmanuskript in der

DDR, das sich mit einem

außenpolitischen Thema

beschäftigte, zunächst von

einer Fachabteilung des

Zentralkomitees der SED

oder des Außenministeriums

begutachtet werden. Erst

wenn diese Prüfung positiv

ausgefallen war, gab es die

erforderliche Druckgenehmigung

des Kulturministeriums,

ohne die kein Buch

veröffentlicht werden

durfte, nicht mal Goethe

oder Shakespeare. Im konkreten

Fall mißfiel dem

Zensor in „Sechsmal Mittelamerika

– Konflikte einer

Region“ eine Passage über

die direkte Demokratie im

revolutionären Nicaragua,

wo sich jeden Monat ein

Regierungsvertreter oder

Parteifunktionär öffentlich

den kritischen

Fragen der Bevölkerung

stellt und dies auch

vom Fernsehen übertragen

wurde. Da die

Altherrenriege des

SED-Politbüros schon

längst nicht mehr

irgendwelche Fragen an

sich heran ließ, sollte

nun auch nicht über

derartige Vorgänge in

anderen Ländern berichtet

werden. Die eigene

Bevölkerung hätte ja

auf dumme Gedanken

kommen können. Also mußte

ich die entsprechende

Stelle umschreiben. Derart

frustriert, sann ich nach

Möglichkeiten, dieses

Procedere zu umgehen und

träumte von einem unabhängigen

Sachbuch-Verlag, in

dem ich ungestört veröffentlichen

konnte, was ich

tatsächlich dachte. Auch

meinen Freunden, denen es

mit ihren kritischen Texten

ähnlich ging, wollte ich

ein entsprechendes Podium

bieten. Der Weg dorthin

schien allerdings unendlich

weit. Doch die Staatssicherheit

stand mir auf ihre

Weise hilfreich zur Seite.

1986 beschloß sie, mich als

politischen Redakteur aus

der „Berliner Zeitung“ zu

entfernen, da meine anhaltenden

Kontakte zum Rudi-

Bahro-Kreis mich als „Träger

revisionistischen

Gedankengutes“ ausweisen

würden. Um öffentlichen

Ärger zu vermeiden, suchte

man nach einem möglichst

unspektakulären Abgang und

delegierte mich zu einem

Promotionsstudium der

Lateinamerikanistik, unter

der Voraussetzung, daß ich

niemals in die Redaktion

zurückkehren würde. Da mir

jedoch nichts an einer

reinen Wissenschaftskarriere

lag, versuchte ich,

einen Betrieb vom Modell

einer „außerplanmäßigen

Aspirantur“ zu überzeugen,

um mit dem praktischen

Berufsleben verbunden zu

bleiben. Danach wurde man

zwei bis drei Monate im

Jahr bezahlt freigestellt,

um die Dissertation voranzubringen,

arbeitete ansonsten

aber normal. Auf

eine solche Variante ließ

sich der Aufbau-Verlag ein,

da Verleger Elmar Faber zu

diesem Zeitpunkt dringend

einen Assistenten der

Geschäftsleitung suchte.

(Der vorige hatte wegen

fortgesetzter

Trunkenheit

am Schreibtisch

gerade

den Verlag

verlassen.)

So war ich

nun doch in

einem Verlag

gelandet,

wenn auch in

einem rein

belletristischen.

Hier

lernte ich

von der Pieke

auf, durchlief

die verschiedenen

Abteilungen des Hauses und

hospitierte in Setzereien

wie Druckereien. Meinen

Sachbuchambitionen zeigte

man jedoch stets die kalte

Schulter. Das zugeteilte

Papier reichte nicht einmal,

um Christa Wolf oder

Christoph Hein ausreichend

zu drucken. Was wollte ich

da mit der ohnehin politisch

schwierigen Zeitgeschichte?

Anfang 1989

stellte ich daraufhin den

Antrag an das DDR-Kulturministerium

zur Gründung

eines von Parteien und


politischen Organisationen

unabhängigen Sachbuchverlages,

der ein eigenes Papierkontingent

und entsprechende

Druckereikapazitäten

erhalten sollte, die damals

von der staatlichen Plankommission

zugeteilt werden

mußten. Ohne sogenannten

Bilanzanteil funktionierte

nämlich gar nichts. Obwohl

mich alle wegen dieser

Windmühlen-Kämpfe nur

mitleidig belächelten,

wurde ich immerhin zum

Gespräch beim Leiter der

Hauptverwaltung Verlage und

Buchhandel gebeten. Dort

allerdings verkündete man

mir scheinheilig, daß

dieser Initiative

grundsätzlich

nichts im Wege

stehe, nur leider

fehle es an Kontingent

und Kapazität.

Die sozialistische

Planwirtschaft sei

mit ihren 78 Verlagen

völlig ausbilanziert

und würde

beim besten Willen

keinen weiteren

mehr verkraften.

Von der Gefahr

„unkontrollierten Agierens“

war natürlich keine Rede.

Es dauerte nur noch wenige

Monate, bis die verknöcherten

Verhältnisse zu wanken

begannen. Am 18. Oktober

1989 mußte der für

die Pressezensur

zuständige ZK-Sekretär

Joachim

Herrmann gemeinsam

mit Erich Honecker

und Wirtschaftschef

Günter Mittag

abdanken. Am 4.

November 1989 fand

in Berlin die

größte unabhängige

Demonstration der

DDR-Geschichte

statt, deren zentrale

Forderung

Presse- und Versammlungsfreiheit

war. Am 9. November

fiel die Mauer

und drei Wochen

später, am 1. Dezember

1989, die Zensur. Fortan

sollte es keine Druckgenehmigungen

mehr geben. Nachdem

ich in den Wochen zuvor

mehr Zeit auf Demonstrationen

und in Kirchen als an

meiner fast vollendeten

Doktorarbeit über das

Theoriekonzept der Sandinisten

verbracht hatte –

sie erschien zwei Jahre

später als Buch unter dem

Titel „Sandinismus – Ein

Versuch mittelamerikanischer

Emanzipation“ in

einem kleinen Kölner Verlag

–, entschloß ich mich an

jenem 1. Dezember, sofort

einen Antrag für einen

zeitgeschichtlichen

Sachbuchverlag

zu stellen.

Die Geschichte des

eigenen Landes war

mir plötzlich viel

näher als das

ferne Lateinamerika,

in das ich

mich so viele

Jahre geflüchtet

hatte. Doch die

zuständige Verlagsabteilung

im

Kulturministerium

befand sich bereits in

Auflösung und erteilte

keine Lizenzen mehr. Sie

würden ab 1. Januar 1990

generell nicht mehr gebraucht,

hieß es. Was also

136

lag näher, als am 5. Januar

1990 beim Notar eine Verlags-GmbH

zu gründen, auch

wenn noch völlig unklar

war, wie das Unternehmen

künftig finanziert werden

sollte, denn außer einigen

gesparten Honoraren besaß

ich nichts. Die Aufbruchstimmung

im

Land war

aber so

groß, daß

sich nach

den ersten

Zeitungsberichten

über

unsere

Gründung

spontan

völlig

unbekannte

Menschen aus

verschiedenen

Bezirken

der DDR

meldeten,

die mit einer Einlage als

stille Teilhaber das Projekt

fördern wollten. Lange

genug waren wichtige historische

Themen tabuisiert

gewesen, hatte es an einer

kritischen Aufarbeitung

gemangelt.

So fand ich mich plötzlich

im eigenen Verlag wieder,

also an einer Stelle, die

ich immer umgehen wollte.

Nicht nur das. Auch meine

Frau Christina arbeitete

nach anfänglicher Tätigkeit

als Slawistik-Dozentin

inzwischen als Lektorin in

einem Verlag, und zwar bei

„Volk und Welt“, den mein

Vater Ende der siebziger

Jahre in Richtung Leipzig

verlassen hatte, weil er

dort die Leitung der Verlagsgruppe

Insel/Kiepenheuer

übernahm. Was also erklären

meine beiden Töchter

kategorisch? Niemals wollen

sie in einem Verlag arbeiten,

denn dann hätten ihre

Kinder wieder Eltern, die

selten greifbar sind und am

Abendbrottisch womöglich

nur über das eine reden.


Eine Sinn-stiftende

Unternehmenskultur und

Wert-volles Wirtschaften

bilden das Fundament

für überdurchschnittlichen

Erfolg.

Christine Kienhöfer

Vorsitzende des Verwaltungsrates

Felss Holding GmbH


Subversion als Keim

für Innovation?

138

T: Melanie Torney

Ich bin Designerin. Das

Thema Innovation ist für

mich also zwangsläufig von

großem Interesse. Bestehendes

zu hinterfragen, zu

verändern und zu verbessern,

um daraus etwas

Neues zu erschaffen,

gehört zum Selbstverständnis

meines Berufes. Die

Frage ist, wie man neue,

unpopuläre Wege gehen und

dabei trotzdem erfolgreich

sein kann. In meinem Buch

„Innovation durch Subversion“

habe ich mich mit

Menschen beschäftigt,

denen das gelungen ist.

Menschen wie die Modeschöpferin

Vivienne Westwood

oder die Band Einstürzende

Neubauten. Sie

haben durch eine Verkehrung

der Ordnung, durch

Zweckentfremdung und

Umnutzung von Funktionen

oder Materialien Neues

entstehen lassen. Subversion

steht hier für ein

großes dynamisches und

positives Potenzial. Auch

Designer können sich Dekodierung

zunutze machen, um

neue Wege zu gehen und

einem starren Diktat zu

trotzen. Das Thema Subversion

hat mich inspiriert

und die Edition ANFANG

ENDE angeregt, deren Mitbegründerin

ich bin.

Dahinter steht die Idee,

Design für eine moderne

Trauerkultur anzubieten,

aber auch das Bedürfnis,

Kritik an bestehenden

Produkten der Trauerkommunikation

hinsichtlich

Symbolik, Materialität,

Produktionstechniken und

Weiterverarbeitung zu

üben. Und darüber hinaus:

Einen Diskurs zu den

tabuisierten Themen Tod

und Trauer in die Öffentlichkeit

zu tragen. Mir

geht es darum, historischtraditionelle

Symbole

sowie Rituale neu zu

interpretieren und dem

heutigen Zeitgeist gemäß

neu zu gestalten. Das

heißt konkret, dass ich

die lebensbejahende Philosophie

der Hospizbewegung

aufgreife und Trauernde in

den Prozess bewusst

miteinbeziehe. Transparente

Produktionswege sind

mir dabei ebenso wichtig

wie Nachhaltigkeit, Regionalität

und eine faire

Zusammenarbeit mit unseren

Partnern.


BUCH

Torney, Melanie,

Innovation durch

Subversion, LIT-

Verlag, Köln 2008

(= Kölner Internationale

Schriften zum

Design)


Partizipation als

subversive Kunstform

139

T: Katja ASSmann

Urbane

Künste Ruhr

und die

Neudefinition

von

Kunst im

urbanen

Raum

Kunst im öffentlichen Raum

markiert oftmals den Endpunkt

einer gesellschaftlichen

Entwicklung. Revolutionen

erreichen ihren

Höhepunkt mit dem Sturz

alter Denkmale und enden

mit dem Errichten von

neuen – als Ausdruck einer

Erstarrung der Verhältnisse.

Die Kunstorganisation

Urbane Künste Ruhr

unterläuft bewusst diese

Bedeutung von Kunst im

öffentlichen Raum, indem

sie den Begriff als

öffentliche Kunst neu

definiert. Im Vordergrund

steht das Prozesshafte,

oftmals Performative und

Partizipative. Das Ruhrgebiet

bietet hierfür ein

besonders geeignetes

Arbeitsfeld, da unterschiedlichste

Formen des

Wandels – und insbesondere

des Wandels durch Kultur

– hier bereits mit wechselndem

Erfolg erprobt

Gabriela Oberkofler, BRUGGELKRAXE

wurden. Bei sowohl zeitlich

wie auch räumlich

ausgedehnten Projekten wie

„DAS DETROIT-PROJEKT“

(2013–14) oder „A40|B1 –

Die Schönheit der großen

Straße“ (2010/2013–14)

entwickeln Künstler und

Künstlerinnen sowie Kunstkollektive

gemeinsam mit

der Bevölkerung vor Ort

ihre Arbeiten. Thema des

„DETROIT-PROJEKTES“ ist

die Entwicklung einer

postindustriellen Zukunft

der Stadt Bochum nach der

Schließung des Opel-Werkes

durch künstlerische Interventionen.

„A40|B1 – Die

Schönheit der großen Straße“

erforscht Lebensbedingungen

in unmittelbarer

Nähe der das Ruhrgebiet

prägenden Stadtautobahnen,

fördert und inszeniert die

Nutzung von durch die

automobile Infrastruktur

entstandenen urbanen Unorten.

Oftmals bleibt kein

Artefakt dieser Arbeit

nach Abschluss der Projekte

zurück. Nachhaltigkeit

entsteht hier durch

die aktive Teilnahme der

Bevölkerung, insbesondere

auch von gelegentlich als

„kulturfern“ bezeichneten

Gruppen. Sie entsteht auch

durch die Implementierung

neuer Ideen und Bilder vom

eigenen Lebensumfeld in

die Stadtgesellschaft des

Ruhrgebietes. Der Begriff

von der Kulturmetropole

Ruhr erhält so eine neue

Bedeutung jenseits von

Opernhäusern, Museen und

Festivals – als eine

Region, in der kulturelle

Prozesse langfristig als

Möglichkeit des Wandels

und der selbstbestimmten

Veränderung in der gesamten

Bevölkerung aktiv sind.


Algernon’s Truth

T: Ingo Arend

142

„Wir müssen in einer Sprache

sprechen, die Hass unter den

Massen sät, Ekel denjenigen

gegenüber, die nicht mit

uns über-

einstimmen“.

Was Wladi- mir Iljitsch

Lenin einst seinen Bolschewiki

einschärfte,

prägte lan- ge das Bild

von Subversion. Bei der Vokabel

denkt man an die klandestine

Wühlarbeit revolutionärer Zellen:

In düsteren Katakomben bereiten

Männer mit Bomben und Bärten

den Staatsumsturz vor. Wo man

von „Subversion“ sprach, lag ein

Hauch von Sarajewo in der Luft.


Das verführerisch schillernde

Wort Subversion

hat heute ideologischen

Rost angesetzt. Die sozialen

Fronten von heute sind

unübersichtlich geworden.

Subversive Arbeit findet

da nur noch mühsam ihren

Ansatzpunkt. Schon Gilles

Deleuze vermochte es nicht

mehr, den „Windungen der

Schlange“ zu folgen. So

lautlos, wie dieses Reptil

durch das Gelände mäandert,

camoufliere sich Macht in

den subtilen Kontrollgesellschaften

der Gegenwart.

Die Akzelerationisten haben

deswegen die Subversions-

Segel gestrichen. Diese

neue Philosophie-Bewegung

will den Kapitalismus nicht

mehr unterwandern, sondern

beschleunigen. Ganz in die

Mottenkiste der Revolutionsgeschichte

gehört die

Subversion freilich noch

nicht.

Auf dem Höhepunkt der Gezi-

Kämpfe in der Türkei legten

die RedHacker in der Türkei

das Netz von Staatsbank,

AK-Partei und des größten

Mobilfunkanbieters lahm.

Ausgerechnet im friedlichen

Linz startete vor ein

paar Jahren eine Subversiv-

Messe für Gegenkultur und

Widerstandstechnologie. Um

dem widerstandsunerfahrenen

Publikum einen „niederschwelligen

Zugang“ zu Idee

und Praxis der Subversion

bieten, konnte man sich

Radio-Störsender basteln,

im Guerilla-Gardening üben

oder von den Sizzy Boys

lernen, wie man falsche

Bärte klebt. Wie Subversion

gründlich schiefgehen kann,

zeigte dagegen der deutsche

Verfassungsschutz, als er

die rassistische Mörderbande

des „Nationalsozialistischen

Untergrunds“( NSU)

„unterwanderte“.

Doch was lässt sich mit

derlei

Techniken

eigentlich

noch

ausrichten,

wenn sie

längst

zur

Produktivkräften

der

globalen

Kulturindustrie

avanciert

sind? Die trainiert die

Generation Praktikum im

Guerilla-Marketing und ruft

ihnen mit zynischer Vernunft

„Sei der Revolutionär

Deiner selbst!“ zu. Das

Berliner Designerkollektiv

anschlaege verdient seine

Brötchen mit einer Rebel

Academy. Auf deren Lehrplan

stehen so subversive Praktiken

wie der Barrikadenbau,

die Einrichtung einer

Volxküche oder die Anleitung,

wie man mit Videobotschaften

eine Revolution

anzettelt. Zwei US-Nerds

haben ihre neueste Software,

mit denen sich Dateiversionen

verwalten lassen,

Subversion genannt.

143

Natürlich gibt es verblüffende

Beispiele für die

Soft-Power-Subversion.

Die DDR-Opposition unterlief

ihre real existierende

Gerontokratie mit

dem Rückzug in den Alltag

und in ästhetische Nischen

unendlich wirksamer als

mit Bombenwerfen und Sabotage.

Und die britische

Rebel Clown Army stellt

die Sicherheitskräfte mit

Wasserpistolen, Staubwedel

und Pappnasen womöglich

überzeugender bloß

als der Schwarze Block das

Schweinesystem mit Chaostagen.

Aber selbst die

letzte große Subversion,

der Punk, firmiert heute

als Label der Modeindustrie.

Da bleibt nur noch die

höchste Form der Subversion

– das scharfe Denken.

Dieser „Wirbelsturm, der

alle herkömmlichen Wegweiser

umweht“ (Hannah Arendt)

schien schon den alten

Athenern so gefährlich,

dass sie Sokrates, seinen

hervorragendsten Entfacher,

zum Tode verurteilten.


Wahnmoching 144

1844

2 Tote, über 100 Verletze

und fast 150 Festnahmen,

weil der Bierpreis erhöht

werden soll. In München regt

sich Widerstand, wenn es um

existenzielle Fragen geht.

1893 — 1909

Franziska von Reventlow

lebt zwischen 1893 und 1909

in Schwabing und ist bis

heute eine der schillerndsten

Figuren des Münchner

Undergrounds. Sie prägt

den Begriff „Wahnmoching“,

praktiziert die freie Liebe

und ist eine der ersten

Frauen, die in Deutschland

für ihre Unabhängigkeit

eintritt. 1910 übersiedelt

sie auf den Monte Verità,

das europäische Zentrum für

eine Welt von Übermorgen.

Presseball, München 1968

1900 — 1902

Etwa zur selben Zeit lebt

Lenin in München! 1900

bis 1902 wohnt Wladimir

Iljitsch Uljanow unter dem

Namen Meyer in der Kaiserstraße

53 – illegal. In

München entsteht die erste

gesamtrussische Zeitung:

Iskra. Lenin liebt Spaziergänge

im Englischen Garten.

PARTEI DER SPAZIERGÄNGER.

Und eigentlich ist die

Räterepublik das Fundament

des Freistaats Bayern.

ERINNERN.

Citta 2000, München 1970

1896

Der Simplicissimus ist eine

satirische Wochenzeitschrift,

die von 1896 an

fast 50 Jahre lang in München

publiziert wird und

bis heute weltweites Ansehen

genießt. Die Bulldogge,

die britische, von Thomas

Theodor Heine ist ihr Markenzeichen.

1882 — 1948

Herbert Achternbusch und

Christoph Schlingensief

bewundern Karl Valentin. Er

ist der erste deutschsprachige

POPKÜNSTLER: 1882

bis 1948.

HANS UND SOPHIE SCHOLL,

1943:

FLUGBLÄTTER

BRINGEN DEN TOD.


Wahnmoching – DIe MÜNCHENSEITE

145

1957

1957 stellt die Künstlergruppe

S.P.U.R. im Pavillon

des Alten Botanischen

Gartens aus.

1959

1959 wird die Gruppe zur

Repräsentanz der Situationistischen

Internationale.

ENTTRÜMMERER DER WELT.

Dieter Kunzelmann ist das

Gehirn.

1962

1962 kommt es in der Feilitzschstraße

1 in Schwabing

zu einer viertägigen

Straßenschlacht. Einige

meinen bis heute, dass die

Schwabinger Krawalle der

Beginn der 68er-Bewegung

sind.

ANDREAS BAADER

WAR AUCH DABEI.

1963 — 1966

Subversive Aktion… 1963

bis 1966 in München… liefert

maßgebliche Impulse

in die Subkultur der APO…

Adorno… Freud… Horkheimer…

Marcuse… Marx… Reich…

Situationisten:

Straßentheater, Derivé…

1966

Uschi Obermaier und die

Kommune 1: SEX SYMBOL

Blinky Palermo 1966 in der

Galerie Friedrich und Dahlem,

München

BIG APPLE DISKOTHEK

BERLIN MÜNCHEN

„A HARD DAYS NIGHT“ von

den Beatles ist in München

sofort beliebt.

Hauptbahnhof, München 1973

1976

Zu dieser Zeit studiert

Wim Wenders in München, er

schreibt. Ist im Gefängnis,

dreht wunderbare Filme und

zieht 1976 nach Berlin.

Monopteros im Englischen

Garten:

KIFFEN IN MÜNCHEN

Klaus Lemke porträtiert

in hinreißenden Filmen

die Außenseiter.

Er ist der König von Schwabing.

Rainer Werner Fassbinder,

der in München beerdigt

ist, bewundert ihn.

Das Grab erkennt jeder an

der roten Rose.

Joachim Lottmann … Bei mir

war Liebeskummer immer

besonders schlimm …

1976

Werkstattkino e.V.: Trash,

Monster-Movies, Siebziger-

Sex-Streifen, Dokus sowie

Experimentalfilme in der

Tradition des undependent

film center. Jährlich: Kurzfilmfest

Bunter Hund.

1981

Andreas Dorau und sein

Lied: „FRED VOM JUPITER“.

THOMAS MEINECKE: Hellblau

2010

Florian Süssmayr, Teilnehmer

der Punkbewegung, Fußballer

und ab 2010 ein vom Kunstmarkt

entdeckter Maler

www.suessmayr.de

Puerto Giesing… leider Geschichte

und wo bleibt der

Underground?

BergWolf Late Night

Restaurant… Glück Auf…

Favoritbar… Unaufgeregt…

Room Lothringer 13…

entfernte Gedanken…

www.diehonigpumpe.de

Stadtteilhonig und Beuys

feiern

2014

Milla Club hier am

14.11.2014, das Konzert von

Mutter „Texte und Musik“

Goldene Bar … von hier kann

es wieder losgehen …


Horoskop

146

T: Alexander Graf von Schlieffen

Die astrologischen

Konstellationen der

kommenden Monate

Der Begriff Subversion bezieht sich

auf Vorgänge, Bestrebungen oder

Darstellungen, welche die bestehende

soziale Ordnung

(Autoritäten, gesellschaftliche

Zugehörigkeiten

und Hierarchien,

Ausbeutung

von Gruppen, Machtkonzentrationen

usw.) in Frage stellen bzw. verändern

wollen. *

* Quelle: Wikipedia


Horoskop

147

Wie ist es denn, wenn

wir in einer Zeit, in

der wir das Bedürfnis

haben, das Leben aus

uns heraus zu gestalten,

uns auf die natürlichen

Zeitzyklen des

Universums beziehen und

sie, entgegen der eingebildeten

Omnipotenz

des eigenen Handelns,

in unsere Entscheidungsfindungen

miteinbeziehen?

Jeder Planet entspricht

einer Wesenskraft, und

die sich verändernden

Beziehungen der verschiedenen

Himmelskörper

unseres Universums

zueinander beschreiben

die Energiemuster der

jeweiligen Zeit.

Mars symbolisiert das

Handeln, die Tatkraft

und auch die Aggression.

Er lief einige

Monate lang durch das

Zeichen der Waage, in

dem er sehr schwach

ist. Mars möchte seinem

Naturell gemäß handeln,

bevor die bleierne

Schwere des Gedankens

seine Spannkraft lähmt.

Er betrachtet und beurteilt

das Resultat nach

der Tat, das entspricht

seinem Charakter. Dann

erst blickt er weiter

und reflektiert unter

Umständen sogar.

Das Zeichen Waage aber

steht für das Einbeziehen

des Standpunktes

eines Gegenübers.

Dadurch wird der Handlungsimpuls

gebremst.

Seine Energie wird

nicht durch Tätigkeit

kanalisiert, sondern

sie bleibt im Kopf. Die

folglich nicht ausgelebte

Aggression beherrscht

das Denken und

auch das Fühlen und

Wahrnehmen. Aus aggressiven

Denkstrukturen

werden dann Systeme

entwickelt, deren Ursprung

die Verdrängung

des nicht Ausgelebten

ist.

In den zurückliegenden

Monaten sind in der

politischen Welt Dinge

geschehen, die uns in

einen Zustand der Wut,

Fassungslosigkeit und

Verzweiflung versetzt

haben, ob in der Ukraine,

in Venezuela oder

im Gaza-Streifen, um

nur einige zu nennen.

Die Verzweiflung resultierte

vor allem aus

dem Gefühl heraus, dass

bei jedem Einschreiten

die totale Eskalation

zu befürchten ist,

die sich zur empfundenen

Wut disproportional

verhält.

Am 26.07.2014 wandert

Mars in das Zeichen des

Skorpion, wo er bis zum

13.09. bleibt. Skorpion

steht für strategische

Machtergreifung.

Wenn man die

Macht ergreifen will,

ist es wenig geschickt,

das offensichtlich zu

tun, sonst könnte der

Noch-Machtinhaber seinem

Nichteinverständnis

Ausdruck verleihen.

Also bedeutet die Konstellation

Mars im Skorpion

die verborgene,

aber zielstrebige Art,

seinen Willen zu behaupten.

Das Thema ist

Kontrolle oder Macht.

So manch ein Politiker

wird versuchen, sich

diese Energie zunutze

zu machen. Motto: Mit

Zähigkeit kommt man zum

Ziel.

Diese Energien können

im persönlichen

Leben zu Klärungsprozessen

genutzt werden,

wenn man seiner eigenen

Wahrheit auf der Spur

sein möchte, was auch

immer diese sei. Falls

man die Wahrheit verdrängen

möchte, dann

könnte es besonders um

den 25.08. herum zu

zähen Machtkämpfen mit

dem eigenen Innenleben

und seinen unbewusst in

die unmittelbare Umwelt

projizierten Statthaltern

kommen.

Vom 13.09. geht Mars

bis zum 26.10. in das

Zeichen Schütze. Aussichtsreiche

Perspektiven

stimulieren die

Handlungsimpulse, gern

wird Gegenwart schon

mit Zukunft verwechselt.

Um den 08.10.

könnte die Euphorie gar

so ansteigen, dass weit

über das Ziel hinaus

geschossen wird, bevor

man überhaupt richtig

angefangen hat.

Das ändert sich schlagartig,

wenn Mars ab dem

26.10. in das Zeichen

Steinbock läuft. Jetzt

zählen Resultate, und

die Kraft soll dosiert

im Dienst langfristiger

Ziele eingesetzt

werden. Wer allerdings

am 11.11. zu verbohrt

zu Werke geht, könnte

dabei auf Granit stoßen.

Zwei Tage später

empfiehlt es sich, auf

seine innere Zentrierung

zu achten, sonst

könnten einen abrupt

auftretende Handlungsimpulse

jäh vom Weg

abbringen. Am 01.12.

zeigen sich die ersten

Früchte harter Arbeit.

Bereits vier Tage später

wandert Mars in den

Wassermann, dem Zeichen,

in dem sich die

instinktiven Triebkräfte

in größter Erdferne

befinden, also geradezu

abgekuppelt sind.

Das ist nicht immer so

einfach, denn es ist ja

ganz hilfreich, seinen


Geheimsache #8

148

Feind verorten zu können.

Das alles geschieht vor

dem Hintergrund langfristiger

planetarischer

Zyklen, die zum

Teil bereits seit zwei

Jahren das große Panorama

thematisch spiegeln.

Hier steht der Planet

Jupiter traditionell

für Glück, Sinn, Wachstum

und Perspektive. Am

16.07. wechselte er in

das Zeichen Löwe, nachdem

er zuvor etwa zwei

Jahre durch den Krebs

gelaufen ist. Im Zeichen

Krebs stand die

erfüllte Zukunft in

unmittelbarem Zusammenhang

mit dem Aufgreifen

liegengebliebener Themen

aus der Vergangenheit.

Mit ihnen konnte

aber aussichtsreich und

beseelt abgeschlossen

werden, was beste

Startbedingung für das

Morgen bot.

Nun, im Löwen, geht es

darum, die Konsequenzen

aus den inneren

Versöhnungen zu ziehen

und selbsttätig das

große Glück zu schaffen.

Diese Chance ist

gekoppelt an gigantische

Hoffnungen, die

vor allem dann berechtigt

sind, wenn die

Vorhaben oder Projekte

einer Herzensangelegenheit

entsprechen.

Nur was authentisch

ist, hat Erfolg. Bei

lediglich großen Versprechungen

überdreht

diese Energie

die Selbsteinschätzung

und bläht das Ego wie

einen Luftballon auf.

Das kann besonders in

der Wirtschaft und in

der Politik so manchen

selbsternannten Heilsbringer

hervorrufen.

Saturn steht für Realitätsbeherrschung,

für

Ordnung und Struktur.

Er durchläuft das Zeichen

Skorpion, in dem

es um die Bedingungen

für gemeinsame Investitionen

geht. Das bedeutet

auch eine bremsende

Gegenenergie zum

Aufbruch verheißenden

Jupiter. Diese Konstellation

eignet sich

hervorragend dazu, um

Klarheit in gegenseitige

Verstrickungen zu

bringen. Dazu gehört

die wirtschaftliche

und psychologische Bestandsaufnahme

der eigenen

Bindungsmuster.

Ab 2015 wandert Saturn

in den Schützen, und

dann geht es innerhalb

der Bündnisse um das

Konkretisieren der gemeinsamen

Wege in die

Zukunft.

Pluto steht für das

Vertrauen oder die Kontrolle.

Er steht im

Zeichen des Steinbocks.

Da bestimmen Regelwerke

die Bindungen, ob

persönlicher, politischer

oder vor allem

wirtschaftlicher Art.

Reglementierung bedeutet

Kontrolle, aber

auch Verlust von Freiheit

und Vertrauen. Das

nimmt den meisten Prozessen

etwas an spielerischer

Leichtigkeit.

Wer die Regeln nicht

einhält, der fliegt

raus. Eine geeignete

Zeit, um Ordnung zu

schaffen.

Diesen etwas rigiden

Energiemustern stehen

nun noch zwei ganz

andersartige entgegen.

Veränderung und Umbrüche

symbolisiert der

Planet Uranus. Er steht

im durchsetzungsbetonten

Zeichen Widder, das

heißt, „er“ ist sehr

ungeduldig und impulsiv,

vor allem dann,

wenn man „ihn“ an seinen

Vorhaben hindert.

Das geschieht vor allem

durch Pluto. Der

sich gegenseitig ausschließende

Winkel in

ihrer Konstellation

bewirkt maximale Spannung.

Veränderung und

Neuanfang vertragen

sich nicht mit zunehmender

Kontrolle durch

Reglementierungen. Die

Auswirkungen dieser

Konstellation kann man

seit 2012 weltweit beobachten.

Einen Ausweg

gibt es nicht, aber man

kann ein Verständnis

dafür entwickeln, warum

es zu diesen Extremen

im weltpolitischen

wie persönlichen

Leben gekommen ist. Ab

der zweiten Jahreshälfte

ergeben sich für die

Zeit danach die Konsequenzen

und ermöglichen

eine Art Neustart 2015.

Damit das alles

nicht ganz

so unmenschlich

wird, gibt es

noch Neptun.

Er ist in seinem

eigenen

Zeichen Fische

stark und symbolisiert

die

Wirklichkeit jenseits

der gesellschaftlich

normierten und zur Zeit

diskutierten Übereinkünfte

über das, was

wir Realität nennen

wollen – eine Wirklichkeit

jenseits der Simulation,

die viel größer

sein kann, als all das,

was wir begreifen und

erfassen können. Allein

die Bereitschaft der

Akzeptanz, dass es so

sein könnte, verändert

bereits das Bewusstsein.


Spotlights 150

LITERATUR

Srecko Horvat,

Nach dem Ende der

Geschichte – Vom

arabischen

Frühling zur Occupy-

Bewegung,

Laika, Hamburg 2013

In Interviews befragt der

junge kroatische Philosoph

Srecko Horvat intelligent

die Größen des Geistes, um

herauszufinden, ob es eine

tragfähige Alternative zum

Kapitalismus gibt und wir

die Welt nicht insgesamt

neu und damit besser ordnen

können.

Anonymus,

Deep Web – DIE DUNKLE

SEITE DES INTERNETS,

Blumenbar, München

2014

„Wir müssen uns fragen, warum

wir im echten Leben die

Tür hinter uns schließen,

wenn wir auf die Toilette

gehen. Und warum wir das

im Internet nicht tun“,

schreibt Anonymus auf den

letzten Seiten seines faszinierenden

Berichtes über

die sogenannte dunkle Seite

des Internets: deep web

oder darknet. Ein exzellente

Einführung in die Bedeutung

des Internets, sowohl

der hellen als auch der

dunklen Seite.

P.M.,

Manetti lesen oder

vom guten Leben,

Edition Nautilus,

Hamburg 2012

Wenn jemand wissen möchte,

wie eine gelungene Zukunft

aussehen könnte, kann er

diesen Roman lesen und das

sogar mit viel Freude,

da er einfach gute Laune

macht. Die Lösung für eine

bessere Welt lauert überall.

Ken Goffman & Dan Joy,

Counterculture through

the ages. Villard Books,

New York 2005

Ist das Buch über die Geschichte

der Subkultur. Neben

einer guten Definition,

was „counterculture“ im 21.

Jahrhundert und über die

Jahrtausende ist, erfahren

wir viel über Menschen, die

die Welt maßgeblich beeinflusst

haben.

Bertram Weisshaar (Hg.),

Spaziergangswissenschaft

in Praxis.

Jovis, Berlin 2013

Der Spaziergang gehört

sicher seit der Situationistischen

Internationale

zu den

subversiven Praktiken

von Stadt- und Landaneignung.

Lucius

Burckhardt begründete

eine Wissenschaft

des Spaziergangs und

Bertram Weisshaar

sammelt in seinem

klugen Buch Theorie

und Praxis. Unbedingt

gehend lesen.

Louis Aragon,

Pariser Landleben.

Rogner & Bernhard,

München 1969

Die Phantasie und den Traum

in die Moderne gerettet. Was

für ein Vergnügen Paris so

zu begehen. Tatsächlich ein

Reiseführer für viele Städte

der Welt, wenn ich mir die

Mysterien erschließen will.

FILM

Henrike Sandner,

Dolce vita in der DDR

(2013)

Inspiriert von Fellinis

Film „Schiff der Träume“

mietet Kristian Wegscheider

1986 das Boot „Weltfrieden“,

um mit etwa 200

Verrückten eine Reise von

Dresden in die Sächsische

Schweiz zu unternehmen. Auf

dem Schiff wird in Kostümen

das dolce vita gefeiert.

Selbstverständlich fand die

Bootsfahrt unter genauer

Beobachtung der Staatssicherheit

statt. Der Film

von Henrike Sandner ist

eine poetische Würdigung

einer ganz und gar phantastischen

Aktion.

Renzo Martens,

Episode III: Enjoy Poverty

(2008)

Spektakuläre Bilder aus der

sogenannten Dritten Welt,

Bilder von unvorstellbarer

Armut und grenzenlosem

Leid

zirkulieren in

unserer Gesellschaft

mit dem

vermeintlichen

Anliegen, Impulse

für eine

Veränderung der

bestehenden

Verhältnisse zu

setzen. In den

meisten Fällen jedoch sind

sie wenig mehr als eine

lukrative Einkommensquelle

für Fotografen aus entwickelten

Ländern. Was aber,

wenn die Subjekte jener

Bilder sich diese Mechanismen

zunutze machen, die

Logik der Zahlungsflüsse

verkehren und die Prekarität

ihrer Verhältnisse

selbst als Einkommensquelle

nutzen?

Pier Paolo Pasolini,

Teorema – Geometrie der

Liebe (1968)

Das bürgerliche Leben

versucht, durch klare

Regeln zu überleben. Pasolini

zeigt, dass das Leben

so nicht zu halten ist und

dass in der Sexualität eine

große transformatorische


Spotlights

151

Kraft steckt. Und nebenbei

beginnt der Film mit einer

unternehmerischen Alternative

und deren Risiko.

Pasolini unbedingt wieder

sehen.

Harun Farocki,

Ein neues Produkt (2012)

In der Dokumentation eines

zunächst banal erscheinenden

Brainstorm-

Meetings werden wir Zeuge,

wie Unternehmensberater

der Hamburger

Agentur Quickborner

Team

unter Verwendung

religiös

besetzter

Begriffe

wie Sinn

und Ewigkeit

neue Entwürfe

für Büroinneneinrichtungskonzepte

entwickeln.

Wo ein geradezu

esoterisches

Gedankenkonstrukt

zu entstehen

erscheint,

die Vision

eines anderen

Lebensentwurfs,

lässt

die Sachlichkeit, mit der

Harun Farocki das Geschehen

kommentarlos festhält, uns

mit einem Gefühl von Bedeutungslosigkeit

zurück.

Anton Corbijn,

Control

(2007)

Der Film vom Meisterfotografen

zeigt das wunderbare

und tragische Leben des Ian

Curtis. Er war der Kopf der

ikonografischen Punkband

Joy Division und beendete

sein Leben am Abend vor

der ersten Amerikatournee.

Bilder und Musik laden zum

Fest im Underground ein.

DIGITALES

Antoni Abad,

megafone.net

(2004 – laufend)

Ob politische Flüchtlinge,

Personen mit eingeschränkter

Mobilität, illegale

Einwanderer, Prostituierte

oder Berufsgruppen wie Taxifahrer

und Motorradkuriere:

Antonio Abads Projekt

fungiert als Sprachrohr

für soziale Gruppen, deren

Existenz

und Realitäten

oftmals

von

Stereotypen

überlagert,

wenn nicht

vollständig

ignoriert

werden. Wo

vorherrschende

gesellschaftliche,

politische,

wirtschaftliche

und

kulturelle

Strukturen

sie an den

Rand unserer

Gesellschaft

drängen,

bietet megafone.net diesen

Gruppen durch die Veröffentlichung

alltäglicher

Audio-, Video- und Fotoaufnahmen

einen Raum.

www.megafone.net

sub-bavaria

sub-bavaria, ein bayerisches

Underground-Wiki.

Menschen in der ganzen Welt

denken immer wieder, Bayern

ist schön und die Welt

ist in Ordnung. Erfreulicherweise

gibt es auch das

Leben am Rande der Gesellschaft

oder auch das Leben

im Underground. Bayern

kommt weiter.

www.sub-bavaria.de

Chaos Computer Club

„Der Chaos Computer Club

e. V. (CCC)

ist die

größte europäische

Hackervereinigung

und seit

über dreißig

Jahren

Vermittler

im Spannungsfeld

technischer

und sozialer

Entwicklungen. Die Aktivitäten

des Clubs reichen

von technischer Forschung

und Erkundung am Rande des

Technologieuniversums über

Kampagnen, Veranstaltungen,

Politikberatung, Pressemitteilungen

und Publikationen

bis zum Betrieb von

Anonymisierungsdiensten und

Kommunikationsmitteln …“

www.ccc.de

Alain Bieber,

rebel:art

(2004)

Wenn wir die besonderen

Aktionen und Ideen finden

wollen, die unsere Welt in

den Städten und auf dem

Land humaner, lebenswerter,

kreativer und widerständiger

machen, dann haben wir

hier eine der besten Seiten

im www. Gratulation Alain

Bieber.

www.rebelart.net

ALLTÄGLICHE PRAKTIKEN

Paul Huf,

You have to be as cool as

Alain Delon

Seit 2009 arbeitet der

Berliner Künstler Paul Huf

mit unbegleiteten minderjährigen

Flüchtlingen, die

nach München kommen. Sein

Ansatz, den Jugendlichen

grundlegende Kenntnisse der


Geheimsache #8

Fotografie zu vermitteln

und das Medium zu nutzen,

ihre eigenen Stärken zu

porträtieren und zu entdecken,

unterläuft dominante

Logiken, nach denen Bilder

solcher Flüchtlinge Hilflosigkeit

und Ohnmacht vermitteln

sollen. Die entstehenden

Arbeiten schaffen

Räume und öffnen Möglichkeiten,

die übliche Opfer-

Helfer-Dualität zu überwinden

und an unseren Sinn für

Solidarität zu appellieren,

nicht für Mitleid.

Liam Barrington-Bush,

Constructive Subversion:

A Guide to Organizational

Change (2013)

Gibt es eine Möglichkeit,

sich in die hierarchischen

Strukturen traditioneller

Organisationen zu hacken

und sie durch Raum für mehr

Autonomie und Demokratie

zu ersetzen? „Maybe, maybe

not“ – vielleicht, vielleicht

nicht, meint Aktivist

und Autor Liam Barrington-Bush.

Wo wir aber

ansetzen könnten, und warum

wir es versuchen sollten –

das erläutert er in seinem

Online-Handbuch: www.

roarmag.org/2013/12/

constructive-subversive-guide-change

Atelier für Sonderaufgaben

1999 gründeten die

Zwillinge Frank und

Patrik Riklin das

„Atelier für Sonderaufgaben.“

Seitdem

sorgen sie mit spektakulären

Interventionen für die Auseinandersetzung

mit gesellschaftlich

relevanten Inhalten.

Meist groß und frech.

www.sonderaufgaben.ch

go.stop.act!

Städten, und damit unserer

Gesellschaft muss unbedingt

in kreativer Form neues Leben

eingehaucht werden, und

wen die Stadtgärten schon

nicht mehr wirklich bezaubern,

findet hier Material

für unendlich viel Spaß in

der Stadt, mit sich und der

Gemeinschaft.

www.go-stop-act.de

Berliner Unterwelten E.V.

Ganz praktisch und immer

aufregend hinab in unserer

Hauptstadt. Unzählige

Touren der ganz besonderen

Art führen in die Unterwelt

Berlins und lassen besondere

und vergangene Ereignisse

wieder sehr lebendig

werden. „Innen wie Außen“

(Goethe) sind diese Touren

immer Reisen in unsere kollektiven

und individuellen

Seelenräume.

www.berliner-unterwelten.de

MUSIK

Erik Satie

3 Sonneries de la Rose

+ Croix (1892)

Marlene Dietrich

Lili Marleen

Elvis Presley

Jailhouse Rock 1957

The Beatles

“Help”, live

1965

Sex Pistols

God Save The Queen

1976/77

Heroes / Helden

Christiane F

David Bowie

1978/79

Prince

Purple Rain 1984

Amy Winehouse

Rehab

Tom Waits

Long Way Home

Antony & The Johnsons

The Life and Death of

Marina Abramovic 2011

Michael Nyma

Panzerkreuzer Potemkin 2013

Mutter

Text und Musik 2014

VERANSTALTUNGEN

Subversive Festival

Ist in diesem Jahr leider

schon vorbei und findet

erfreulicherweise jedes

Jahr in Zagreb statt. Neben

einem Filmfestival finden

Vorträge, Diskussionen,

etc. statt. Und es versammeln

sich die Denker und

Akteure der subversiven

Weltsicht.

www.subversivefestival.com

Leipzigparcours

Genau wenn sich der Mauerfall

und der Erfolg der

friedlichen Revolution zum

25-sten Mal jähren (09.-

11.10.2014), gehen der

Künstler Paul Huf und der

Kulturarchitekt Christian

Jacobs 3 Tage zu Fuß durch

Leipzig und begegnen Menschen

und Orten, die das

Subversive und vielleicht

Zukünftige leben. Gehen Sie

mit.

www.earnestalgernon.de/

goesout

Jugendkultur

Freetekno ist die subversive

Form der Techno- und

Raverszene. Teknivals

werden kurzfristig, anonym

und unangemeldet über

das Internet bzw. Flyer

kommuniziert und dann

ist mehrtägige Party. Die

schnellen Beats, bewusstseinserweiternden

Drogen

und ritualisierten Tänze

versetzen in Hypnose. Ganz

ähnlich den traditionellen

Stammesriten von Urkulturen.

www.freetekno.de


E&A goes out im

Herbst 2014

154

Unsere Kulturereignisse tragen im

Wesentlichen dazu bei, dass das

Alltägliche neu erlebt werden kann

und wir den Alltag als Ausgangspunkt

für die Revolution verstehen.

Wenn wir jetzt mit der | Revolution:

nachhaltiger und struktureller

Wandel | beginnen, erhalten wir die

Chance, im Paradies

zu leben.

Stadtparcours Leipzig

„Vom Nutzen des

subversiven Lebens“

Datum: 09.–11.10.2014

Ort: Leipzig

Kulturbegleiter: Paul

Huf und Christian Jacobs

Vor 25 Jahren beendete eine

friedliche Revolution die

Herrschaft der SED, und die

DDR war in Auflösung. Ein

zentraler Ort für die

Entstehung der friedlichen

Revolution war die Nikolaikirche

in Leipzig. Wir

werden uns auf unserem Weg

durch Leipzig auch an

diesem historischen Ort

wiederfinden und uns mit

den Praktiken der friedlichen

Revolution auseinandersetzen.

2.5 Tage

gehen wir zu Fuß kreuz

und quer durch Leipzig

und begegnen Menschen

und Institutionen, die

am Rande des Mainstreams

auf unterschiedlichste

Art und

Weise das andere Leben

ausprobieren, experimentieren

und realisieren.

Für uns steht

die Auseinandersetzung

mit subversiven Praktiken

und Strategien

im Mittelpunkt des

Parcours. Wir leben

selbst auf der Straße

und in einfachen

Verhältnisse und

dennoch wird es schön.

Wer mitgeht, kommt

weiter.


155

Architekturpassage

Biennale di Venezia

Datum: 13.–15.11.2014

Ort: Venedig

Kulturbegleiter: Kina

Deimel und Christian

Jacobs

Die Architekturbiennale

in Venedig hat von ihrem

diesjährigen Leiter Rem

Koolhaas gleich 3 Themen

bekommen, mit denen wir

auf wunderbare Weise spielen

können und die wir auf

unsere jeweilige Arbeitsund

Lebenssituation anwenden

werden. Im Rahmen der

„Fundamentals“ beschäftigt

er sich mit den Basiselementen

der Architektur und

konzentriert sie auf das

Wesentlichste. Was sind die

Wurzeln und wesentliche

Elemente unserer Arbeit?

Worauf kommt es an?

Mit dem Thema „Absorbing

Modernity 1914–2014“ hat

Rem Koolhaas zum ersten

Mal allen Länderpavillons

das gleiche Thema gestellt.

65 Länder zeigen, was ihre

Moderne ausmacht und wie

sie sich in der Architektur

manifestiert. Alltägliche,

besondere, unglaubliche

und verzaubernde Weltsichten

werden erlebbar.

Wie sieht Ihre

Moderne aus? Wie

kann sie sichtbar

werden?

Und auf dem Arsenale-Gelände

begegnen

wir in „Monditalia“

dem Land Italien

und seiner Entwicklung

in Architekturprojekten,

Filmen, Tanz und

weiteren kulturellen

Praktiken. So

wird Italien in

seiner Besonderheit

sichtbar, und

gleichzeitig dient

es uns als Spiegel

einer Welt in

der in zunehmendem

Chaos immer wieder Neues

und Schönes entstehen kann.

Welche „Schönheit“ verwirklichen

Sie?

Wir erkunden die Themen anhand

ausgewählter Projekte

und dem Besuch von Pavillons,

und wir sprechen mit

Repräsentanten. Gemeinsam

entwickeln wir Ideen, wie

wir das Erkundete für unseren

Alltag nützlich machen.

Was fremd ist, wird hilfreich

werden.

Strategieparcours 2014

Datum: 31.10.–01.11.2014

Ort: Jakobsweg

Kulturbegleiter:

Christian Jacobs

Den frühen und frischen

November werden wir nutzen,

um uns auf dem Weg zum

Jakobsweg die guten Inspirationen

für das Jahr 2015

zu ergehen. Die Jahres- und

Strategieplanungen, die

ja vor allen Dingen immer

auch Lebensplanungen sind,

bereiten unsere Zukunft in

bestimmter Weise vor. Wir

werden in ganz individueller

und persönlicher Art

die Jahresplanung für 2015

vorbereiten und für uns die

Welt gestalten, die wir

erleben wollen. In diesem

Jahr werden wir das mit

der besonderen Perspektive

auf den Nutzen „subversiver

Strategien und Methoden“

verstärken, derer wir

einige auf dem Weg finden

werden.

In einem kleinen Kreis

von Führungsverantwortlichen

gehen wir gemeinsam

schweigend, sprechend und

genießend 2 Tage zu Fuß

vom Kloster Wessobrunn bis

Lechbruck, der alten Flößerstadt,

auf dem Weg, der

bis nach Santiago de Compostela

führt.

Organisation

Wenn Sie an einem Parcours

oder der Passage teilnehmen

wollen, melden Sie sich

einfach bei uns. Sie erhalten

dann sehr gerne die

Informationen, die Sie sich

wünschen.

Gerne unterstützen wir Sie

auch bei der Reiseplanung.

Bitte wenden Sie sich diesbezüglich

an Kina Deimel,

T +49 89 / 21 21 84 12

events@earnestalgernon.de


Autoren & KÜNSTLER 156

Konstantin

Adamopoulos

ist Kunsthistoriker, ​Kulturvermittler

und Coach.

Sein Schwerpunkt liegt im

Bereich Kunst und Unternehmen.

Seit 2005 leitet er

als freiberuflicher Kurator

das Bronnbacher Stipendium

– Kulturelle Kompetenz

für künftige Führungskräfte

des Kulturkreises der

deutschen Wirtschaft an der

Universität Mannheim. Er​

unterrichtet regelmäßig als

Dozent zum Thema Kunst und

Gesellschaft. 2013 war er

als Curator in Residency des

Goethe-Instituts in

Detroit/Michigan.

Ingo Arend

studierte Politik, Geschichte

und Publizistik in Bonn

und Köln. Seit 1990 arbeitet

er als Kulturjournalist

und Essayist für Bildende

Kunst, Literatur und Politisches

Feuilleton. Von 1996

bis 2010 war er Kulturredakteur

der Wochenzeitung

Freitag, von 2007 bis 2009

ihr Redaktionsleiter. Seit

2010 arbeitet er wieder als

freier Kritiker für Hörfunk

und Print. Seit rund zehn

Jahren beschäftigt Arend

sich mit Kunst, Kultur und

Geschichte der Türkei. 2010

war er Mitbegründer des

Literaturfestivals DilDile.

Er lebt in Berlin.

Katja ASSmann

ist Architektin und Kuratorin

und hat seit Anfang

2012 die künstlerische Leitung

von Urbane Künste Ruhr

inne. Zuvor war sie Leiterin

des Programmbereichs

Stadt der Möglichkeiten

der Kulturhauptstadt Europas

RUHR.2010 und verantwortete

dort alle Projekte

im Bereich Bildende Kunst,

Architektur und Städtebau.

Gleichzeitig arbeitete sie

als Projektleiterin und

später als Geschäftsführerin

für die Landesinitiative

StadtBauKultur NRW. Als

freie Kulturmanagerin hat

Aßmann außerdem zahlreiche

Ausstellungen, u.a. im

Lehmbruck Museum Duisburg

und in Kooperation mit dem

MoMA New York und dem Vitra

Design Museum Weil am Rhein

organisiert und kuratiert.

Armen Avanessian

ist in Deutschland sowohl

mit eigenen Schriften als

auch als Herausgeber einer

Buchreihe im Merve Verlag

hervorgetreten, die sich

Texten aus dem Umkreis des

Spekulativen Realismus und

Akzelerationismus widmet.

Nach dem Studium der Philosophie,

Politikwissenschaft

und Literaturwissenschaft

in Wien, Paris und Bielefeld

arbeitete er einige

Jahre als freier Journalist,

Redakteur und im

Verlagswesen in Paris und

London. Seit 2007 arbeitet

Avanessian am Peter Szondi-

Institut für Allgemeine und

Vergleichende Literaturwissenschaft

der Freien Universität

Berlin.

www.spekulative-poetik.de

Alexander

Baczyński-Jenkins

is a Polish-British artist

who makes choreographies.

With a background in dance

and performance, he appropriates

and mutates everyday

practices of desire. His

work is inclined towards a

sense of queer fantasy. He

currently lives in London.

Andreas Graf

von Bernstorff

lebt und arbeitet als

selbständiger Berater und

Dozent für Campaigning und

Strategische Kommunikation

in Heidelberg. Nach dem

Studium der Geschichte und

der Politikwissenschaft

arbeitete er als Lehrer,

Journalist, Landtagsabgeordneter

und Parlamentarischer

Berater für die Grünen

in Baden-Württemberg.

Von 1989 bis 2005 führte er

internationale und globale

Kampagnen für Greenpeace.

www.bernstorff-camp.de

Ayzit Bostan

lebt und arbeitet in München.

Sie ist Designerin,

Künstlerin und Professorin

für Produktdesign an der

Kunsthochschule in Kassel.

Ihre nicht kommerziellen,

aber tragbaren, minimalistisch

und zugleich komplexen

Kreationen zeigt Ayzit

Bostan mit Vorliebe in

Ausstellungen, Performances


157

und Installationen. Damit

bewegt sie sich an der an

der Schnittstelle zwischen

Design und Kunst. Neben

ihrer eigenen Kollektion

entwirft sie Taschen für

das junge Label PB 0110 von

Philipp Bree.

Sylvain Bureau

holds a PhD in Management

Science and is an Associate

Professor at ESCP

Europe and Ecole Polytechnique.

His research and

classes focus on entrepreneurship,

mingling various

disciplines like Humanities

and Art. For several

years, he has been developing

innovative experiments

to teach entrepreneurship.

One of the main

projects is Improbable,

which helps to experience

and learn entrepreneurial

practices through art

practices. Sylvain is also

co-founder of United Donations,

a crowdfunding

platform for recurring

donations.

Kina Deimel

aufgewachsen in Deutschland

und Frankreich, studierte

an der Zeppelin Universität

in Friedrichshafen

Kultur- und Kommunikationsmanagement

und absolvierte

anschließend einen Master

in Kunstgeschichte am

University College London.

Während des Studiums legte

sie Ihren Schwerpunkt auf

die Schnittstelle zwischen

Kunst und Wirtschaft und

sammelte Arbeitserfahrungen

in Ländern wie Spanien,

Argentinien und den USA.

Seit März 2012 ist sie als

Projektleiterin an der Entwicklung

des „cultural companions“

Earnest & Algernon

beteiligt und für die

Redaktion des gleichnamigen

Magazins verantwortlich.

Ludwig Engel

lebt und arbeitet als Zukunfts-

und Stadtforscher

in Berlin. Seit 2006 übernimmt

er Lehrtätigkeiten

an verschiedenen Institutionen,

aktuell an der

Universität der Künste

Berlin im Bereich strategische

Zukunftsplanung und

an der Technischen Universität

Berlin im Bereich

Stadtentwicklung/-planung,

urbane Zukünfte. Von 2005

bis 2011 war Engel Mitarbeiter

des Daimler AG Think

Tanks für Zukunftsfragen,

seit 2012 ist er Partner

im Büro raumtaktik – office

from a better future.

Sein Arbeitsschwerpunkt

liegt in der Entwicklung

von Zukunftsszenarien und

strategischen Handlungsempfehlungen,

insbesondere im

urbanen Kontext.

www.ludwigengel.net

Fabian Frinzel

absolvierte nach seiner

Fotografenausbildung in

der Oberpfalz zunächst ein

Studium an der Staatlichen

Fachakademie für Fotodesign

München. Es folgten

ein Master in Fine Arts an

der Züricher Hochschule der

Künste, verschiedene Assistenzen

und freie Projekte.

Heute lebt und arbeitet

er als freier Fotograf in

München.

Nina Gühlstorff

studierte an der Bayerischen

Theaterakademie

August Everding Musik- und

Sprechtheaterregie und

lebt heute in Weimar. Neben

ihrer Tätigkeit als

Musiktheaterregisseurin

hat sie sich in den letzten

Jahren immer mehr auf

Stückentwicklungen auf

Basis von dokumentarischem

Material spezialisiert.

Ihre Schwerpunkte sind die

Themenkomplexe Migration,

DDR-Geschichte und Postkolonialismus.

Für die Projekte

„SCHWARZWEISS“ (2011)

und „Die Verdammten dieser

Erde“ (2013) am Anhaltischen

Theater Dessau erhielt

sie Reisestipendien

des Goethe-Instituts in den

Senegal bzw. nach Namibia.

Dr. Michael Hirsch

ist Philosoph und Politikwissenschaftler.

Er lebt

als freier Autor und Dozent

in München und ist als

Privatdozent für Politische

Theorie und Ideengeschichte

an der Universität Siegen

tätig. Als Autor beschäftigt

Hirsch sich vor allem

mit Ideen für eine fortschrittliche

Überwindung

der Arbeitsgesellschaft,

wie wir sie kennen, für

eine Neuordnung der Geschlechterverhältnisse

und für Kulturideen eines

gelungenen Lebens. Zuletzt

erschienen seine Publikationen

„Warum wir eine

andere Gesellschaft brauchen“

(Louisoder, 2013) und


Geheimsache #8

158

„Utopien des Überflusses.

Über künstlerische Arbeit

und Bildung in den Zeiten

der Krise“ (Franz Steiner

Verlag, 2014).

Christian Jacobs

geboren im Ruhrgebiet, lebt

mit seiner Frau und den

vier Kindern in München,

Venedig und unterwegs.

Geschäftsführender Gesellschafter

der J&P GmbH und

damit beschäftigt, Organisationen

mit strategischer

und kultureller Mobilisierung

dabei zu unterstützen,

erfolgreich zu sein. Gründet

gemeinsam mit seiner

Frau Earnest & Algernon,

einen „cultural companion“,

der an der Gestaltung einer

nächsten Gesellschaft arbeitet.

Elisabeth Helena

Jacobs-JahrreiSS

geschäftsführende Gesellschafterin

der J&P GmbH,

hat Rechtswissenschaften,

Japanologie und Französisch

studiert. Sie berät den

Mittelstand und ausgewählte

Konzerne bei der Besetzung

von Führungskräften

und Spezialisten sowie der

Entwicklung nachhaltiger

HR-Prozesse. Sie ist lösungsfokussierter

Coach und

begleitet erfahrene Führungskräfte

in persönlichen

Wechselsituationen und ihrer

Führungsrolle. Mutter,

Köchin und Erfinderin des

GehWegs. Lebt und arbeitet

mit Christian Jacobs und

ihren vier Kindern in München

und Venedig.

Roland Jahn

ist seit 2011 Bundesbeauftragter

für die Stasi-

Unterlagen. Aufgewachsen

in der DDR wurde Jahn 1977

nach seiner Kritik an der

Ausbürgerung Wolf Biermanns

vom Studium exmatrikuliert.

Er protestierte

weiter gegen fehlende

Meinungsfreiheit und die

zunehmende Militarisierung.

1983 wurde er von der Stasi

gegen seinen Willen aus der

DDR geworfen. Von West-

Berlin aus hielt er Kontakt

zur DDR-Opposition und

berichtete als Journalist

in ARD und ZDF über Menschenrechtsverletzungen

und

Umweltzerstörung in der DDR

sowie später über den Vereinigungsprozess

und viele

weitere Themen.

Mischa Kuball

arbeitet seit 1984 als

Künstler im öffentlichen

und institutionellen Raum.

Mit Hilfe des Mediums Licht

– in Installationen und

Fotografie – erforscht er

architektonische Räume und

deren soziale und politische

Diskurse. Er reflektiert

die unterschiedlichen

Facetten, von kulturellen

Sozialstrukturen bis hin zu

architektonischen Eingriffen,

die den Wahrzeichencharakter

und den architekturgeschichtlichen

Kontext

betonen oder neu kodieren.

Seit 2007 ist Mischa Kuball

Professor an der Kunsthochschule

für Medien, Köln.

Dort gründete er auch das

-1/MinusEins Experimentallabor.

Er lebt und arbeitet

in Düsseldorf.

www.mischakuball.com

ProF. Dr. Franz Liebl

geb. 1960, Dipl.-Kfm.,

Dr. oec. publ., Dr. rer

pol. habil., Professor für

Strategisches Marketing an

der Universität der Künste

Berlin. Vorher von 1994

bis 1998 Inhaber des Lehrstuhls

für Allgemeine und

Quantitative Betriebswirtschaftslehre

an der Universität

Witten/Herdecke und

sodann bis 2005 dort Inhaber

des Aral Stiftungslehrstuhls

für Strategisches

Marketing. Forschungs- und

Beratungsschwerpunkte:

Strategisches Management,

Issue-Management,

Geschäftsmodell-Innovation

sowie Marketing unter Bedingungen

gesellschaftlicher

Individualisierung.

Letzte Bücher: „Cultural

Hacking: Kunst des Strategischen

Handelns“ (2005),

„Strategie als Kultivierung“

(im Erscheinen; beide

Bücher zusammen mit Thomas

Düllo).

Robert Misik

lebt als Publizist und

Sachbuchautor in Wien. Er

schreibt für eine Vielzahl

deutschsprachiger Tageszeitungen

und Zeitschriften.

Zu seinen Buchveröffentlichungen

gehören u. a.

„Genial dagegen. Kritisches

Denken von Marx bis Michael

Moore“ (Aufbau-Verlag,

2005) und „Halbe Freiheit.

Warum Freiheit und Gleichheit

zusammen gehören“


Autoren & KÜNSTLER

159

(Suhrkamp-Verlag, 2012).

Träger des österreichischen

Staatspreises für Kulturpublizistik.

Wolfgang Müller

lebt und arbeitet als

Künstler, Musiker und Autor

in Berlin. Er ist Mitbegründer

der Künstlergruppe

Die Tödliche Doris und

prägte mit der Herausgabe

des Manifests „Geniale

Dilletanten“ (Merve Verlag,

1981) den Begriff für die

subkulturelle Kulturszene

Westberlins. Für sein

Audiowerk „Séance Vocibus

Avium“ erhielt er 2009 den

Karl-Sczuka-Preis. Neben

diversen Lehraufträgen, unter

anderem in Österreich,

Island und Deutschland, war

er 2001/2002 an der Hochschule

für bildende Künste

Hamburg Professor für

experimentelle Plastik. Im

vergangenen Jahr erschien

sein aktuelles Buch „Subkultur

Westberlin 1979–

1989. Freizeit“ (Philo Fine

Arts, 2013).

www.die-toedliche-doris.de

Alexander Graf

von Schlieffen

studierte Malerei an der

Kunstakademie Düsseldorf

bei Prof. A. R. Penck

mit dem Schwerpunkt Porträt.

Nach Ausstellungen in

Deutschland und der Schweiz

begann er sich 1991 zusätzlich

der Astrologie zu

widmen. Seit 1996 bildet er

Astrologen europaweit aus,

seit 2001 ist er Dozent

am Liz Greene Centre for

Psychological Astrology in

London. Neben zahlreichen

Veröffentlichungen schrieb

er die Horoskope für die

deutsche Ausgabe der Vanity

Fair und ist Hausastrologe

der Freundin. Zuletzt

erschien sein Buch „When

chimpanzees dream astrology“

(CPA Press, 2004).

www.schlieffen-astrologie.de

www.schlieffen.eu

Pierre Tectin

is an artist who lives and

works in Paris. By using

collages of drawings and

objects, he tries to define

new meanings as visual haïkus.

After having studied

design and art, he expanded

his practice through organising

exhibitions, working

on editions and through

creating artistic workspaces.

Melanie Torney

arbeitet als selbständige

Diplom-Designerin mit

Schwerpunkt in den Bereichen

Corporate Design,

Unternehmenskommunikation,

Informationsdesign sowie

Buch- und Magazingestaltung.

Zudem hat sie sich

auf Designprodukte für eine

moderne Trauerkultur spezialisiert

und ist Mitbegründerin

der „Edition

ANFANG ENDE“. Die Edition

entwickelt, produziert und

vertreibt hochwertige Trauerkarten,

die nach eigenen

Wünschen gestaltet werden

können, edle Kondolenzkarten

exklusiv für Geschäftskunden

sowie maßgeschneiderte

Papeterieprodukte und

hochwertige Kunstfotografien.

www.torney-design.de

Odilo Weber

lebt, schreibt und hört in

Köln und Münster.

Hans-Georg Wegner

ist seit der Spielzeit

2013/2014 Operndirektor am

Deutschen Nationaltheater

Weimar. Aufgewachsen in

einem Pfarrhaus in Wolfen,

Sachsen-Anhalt, studierte

er nach der Wende in Erlangen

und Berlin. 2000 ging

er zunächst als Dramaturg

an die Semperoper Dresden,

ab 2007 als Chefdramaturg

an das Theater Bremen. Von

2010 bis 2012 war er Künstlerischer

Geschäftsführer

am Theater Bremen. Diverse

Lehrtätigkeiten, unter

anderem an der Technischen

Universität Dresden und der

Hochschule für Musik Franz

Liszt Weimar, ermöglichten

ihm darüber hinaus, sein

Wissen und seine Begeisterung

für das Musiktheater

an Studierende weiterzugeben.


EARNEST

&ALGERNOn

Herausgeber Elisabeth Jacobs-Jahrreiß und

Christian Jacobs

Redaktion Kina Deimel, Christian Jacobs und

Benjamin Maierhofer

Lektorat Katrin Pollems-Braunfels

Creative Director Mirko Borsche

Design Gian Gisiger, Marius Jopen,

Florian Mecklenburg, Sophie Schultz

Illustrationen Gian Gisiger

Druck und Verarbeitung DruckVerlag Kettler

Umschlagpapier Gmund, Cement Grey

Papier Inhalt Gmund, Blocker

Schneider & Söhne, LuxoMagic

Spinnenpapier

Anschrift der Redaktion

Königinstr. 11a RGB, 80539 München

Tel +49 89 / 21 21 84 0

Fax +49 89 / 21 21 84 50

www.earnestalgernon.de

www.facebook.com/EarnestAlgernon

Email: kontakt@earnestalgernon.de

Copyrights

Anonymous, Deep Web – Die dunkle Seite des Internets, Blumenbar, Berlin 2014

S. 33: D.Vennemann/Greenpeace

S. 33: Greenpeace

S. 34: Courtesy of The Yes Men

S. 36: Peng! Collective

S. 115: Joachim Dette

S. 116: Paul Huf

S. 133: Picture Press

S. 139: Urbane Künste Ruhr und MAP Markus Ambach Projekte

S. 144, 145: Dimitri Soulas, www.dimitrisoulas.com

Autorenbilder

Roland Jahn: Ronny Rozum, Katja Aßmann: Roman Mensing,

Mischa Kuball: Yun Lee, Düsseldorf, Wolfgang Müller: Malte Ludwigs

Diese Ausgabe ist ein Kunstwerk, entstanden in Kooperation zwischen der J&P

GmbH, dem Bureau Mirko Borsche und den beteiligten Künstler/-innen und

Autor/-innen.


BUNBURY

How to become a friend of our companion

Earnest & Algernon hat sich zu einem „cultural companion“ entwickelt, der

sich aktiv an der kulturellen Mobilisierung unserer Gesellschaft beteiligt.

Wir machen Aktionen, begleiten auf Architektur- und Kunstpassagen und gehen

unsere spektakulären Parcours. Und wir bleiben unserem Anfang treu und

machen unser Magazin. Mittlerweile erscheint die 8. Ausgabe, die 9. folgt

noch vor Weihnachten und wird das Thema der Postindustriellen Zeit behandeln.

Unseren Werten Innovation Leidenschaft Qualität bleiben wir auch

treu, die haben uns schließlich unsere Leser zugeschrieben.

Jetzt können Sie companion werden!

# Anstatt unser Magazin im ausgewählten Handel für 14 Euro zu erwerben,

werden Sie Abonnent und zahlen jährlich 56 Euro für 2 Ausgaben und

2 Spezialausgaben.

# Sie werden Förder-Abonnent und zahlen als Schüler und Student, was Sie

können und wollen. Und so machen Sie das auch, wenn Sie kein Schüler

und Student sind, geben nur eben ein bisschen mehr.

# Sie übernehmen die Patenschaft für einen Beitrag und werden dann auch

in diesem Zusammenhang erwähnt. Die Höhe der Investition für eine

Patenschaft richtet sich immer nach den konkreten Erwartungen der

Autor/-innen bzw. Künstler/-innen.

# Sie machen uns noch deutlicher, wie sehr Sie uns mögen, und unterstützen

uns mit Ihrem cultural statement in einer Ausgabe. Das bekommen Sie

schon ab 2.500 Euro und wir beraten gerne Ihren starken Auftritt.

# Sie möchten eine Ausgabe für sich personalisieren und Ihren Stakeholdern

eine Freude machen, dann sprechen Sie mit uns, und wir haben

viele Ideen, wie das gehen kann.

Und Sie können natürlich auch Bunbury werden und damit an der gesamten

kulturellen Mobilisierung teilhaben. Dann sprechen Sie bitte persönlich mit

Christian Jacobs: +49 89 / 21 21 84 70

Die Bunburys freuen sich auf jeden Fall auf Sie!

Earnest & Algernon proudly presents the Bunburys:

Guido Dermann, Livingpage Münster E&A Webseite

Gmund Papier

Gunnar Kettler, DruckVerlag Kettler E&A Druck und Verarbeitung

Jens Petershagen, Petershagen Kommunikation Gründerunterstützung

Pater Georg Maria Roers

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