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uniklinikum.regensburg.de

POM 15

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ATIENTINNENORIENTIERTE

iEDIZINERINNENAUSBILDUNG


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Jahrbuch für Patientlnnen-Orientierte

Medizinerinnenausbildung

es nicht leicht.

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Vereinte


Vorwort

POM 75

Jahrbuch für Patienttnnen-Orientierte

© Mabuse Verlag GmbH

Kasseler Straße 1 a

D-60486 Frankfurt/Main

Tel. 069/97 074071

Fax: 069/70 41 52

http-.//www.oeko-net.de/Mabuse/

Herausgeber

Die Berliner Anamnesetutorlnnen

Medizinerinnenausbildung

Redaktion

Gunda Siemssen, Henning Borchert, Tillmann Jacobi, Jan Schildmann

Anschrift

PO/W 15 c/o Gunda Siemssen

Stewardstr. 17 . 14169 Berlin

e-mail: borchert@charite.de

Erscheinungsweise

Jährlich mit wechselnder Redaktion

Druck

F. M,-Druck GmbH. Karben

Das ist Rekord: von den letzten drei POMs kommen zwei aus derselben Stadt, aus Berlin.

Wie kommt's? Vielleicht liegt es daran, daß hier viele Anamnesegruppen laufen. Dazu

kommt, daß die Tutoren schon seit einigen „Generationen" aktiv sind, was sich in den Extras

niederschlägt - als Stichworte seien nur bezahlte Tutorenstellen erwähnt und die Organisation

von Tutorentrainings. Seit Winter 1997 gibt es auch die erste Homepage (siehe

Seite 147) für Anamnesegruppen im Internet auf dem Server des Klinikums Virchow-

Charite. Sie soll zur besseren Kommunikation beitragen und zur besseren Koordination

der über 25 Städte in Deutschland, Österreich und Schweiz, die studentische Anamnesegruppen

anbieten.

Vielleicht ist es damit also nur konsequent, daß tatsachlich wir jetzt hier im Computerraum

sitzen. So kommt es, daß wir mit technischen, ästhetischen, stilistischen Problemen in

Texten und Layout ringen und trotz allem Spaß dabei haben, denn: wir glauben, daß es

wieder mal ein gutes POM geworden ist. Gut heißt dabei, daß viele verschiedene Anamnesler

und Städte mitgemacht haben und damit eine vielfältige Palette von Beiträgen ermöglichten

Hier schon einmal herzlichen Dank an alle dafür.

Wir haben für dieses POM eine Figur ins Leben gerufen, die Euch, die Leserinnen und

Leser auf dem Weg durch die diversen Städte begleitet. Dieser POM-Fritz läuft übrigens

auch am oberen Buchrand entlang, wenn Ihr das POM wie ein Daumenkino durchblättert.

Hoffentlich bleibt Ihr beim vielen Blättern aber auch bei Berichten (im ersten Teil) oder Artikeln

(im zweiten Teil) hängen, die Euch anregen, inspirieren, informieren, interessieren.,.

Wir würden uns darüber freuen, ebenso über jede Form von Kommentar oder anderem

„Feed-back". (Um eventueller Kritik zuvorzukommen: Dieses Buch ist auch für Frauen gedacht,

auch wenn an einigen Stellen das „...Innen" fehlt.}

Ursprünglich sollte unser Supervisor in Berlin, PD Gerhard Danzer, ein Vorwort schreiben.

Doch weil man so etwas erst macht, „wenn man in Rente ist", wurde ein Artikel daraus

(siehe Seite 97), der einen tiefsinnigen Einstieg ermöglicht in die Materie, bei der es hier

geht: um Patientlnnen-Orientierte Medizinerinnenausbildung und-tätigkeit.

Geschafft und ziemlich glücklich:

ISBN 3-929106-49-3

ISSN 1435-540X

Printed in Gerrnany

Alle Rechte vorbehalten

Berlin zu Ostern 1998


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Inhaltsverzeichnis

Artikel

Anamnesegruppen: Ein Unterrichtsmittel, im Medizinstudium Sinn zu finden? 42

Die Angst vor dem ersten Satz 49

Berichte

Berlin: Geht die Psychosomatik in Berlin den Bach hinunter?

Marburg; Sexualanarnnese - Kein Problem?!

Ulm: „Neuer Wind in den Ulmer Anamnesegruppen"

Innsbruck: Gruppe zur Begleitung/Betreuung chronisch Kranker

Innsbruck: Möglichkeiten der Implikation praktischer Erfahrungen mit HIV - positiven

und AIDS - Patientinnen in die Anarnnesegruppenarbeil

Innsbruck: Essen Verdauen Wiederkäuen, .. Balintgruppe ?

Würzburg; Vernetzung der Anamnesegruppen: Das Angebot der Deutschen Balint-

Gesellschaft

Bern; „Qualität der Lehre in der Medizin"

Tübingen: „Die Realität ist die beste Abwehr" oder: Supervidieren geht über Studieren

Hamburg: Anamnesegruppen im Hamburg

Lübeck: Bericht aus Lübeck

Berlin: Ein paar Berliner Bonbons

10

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22

25

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36

37

40

Der Gang durch das Haus 52

Kein Platz für Aggression? 56

Depressionen und Krebs 66

Tutorenaufgaben 73

Die Kunst der Unterlassung 81

Der Patient in der Anamnesegruppe: Das ..einmalige Objekt" 85

Noch Fragen? 89

Typisch Tutor... 93

Anthropologische Aspekte der Sorge und Fürsorge 97

Die gleichen Probleme wie vor 25 Jahren - und keine Besserung in Sicht? 111

Medien, Werte, Risiken: Drei Stichworte und ihre Wirkung auf die Arzt-Patienten- 117

Beziehung

Gedanken zu einem Workshop Sexualanamnese 123

Was können sie, die Anamnesler, nun aber „besser" als viele ihrer Kommilitonin- 128

nen?

„The Making Of..." oder Wie mache ich eine Anamnesegruppe? 134

Evaiuations-Fragebogen 144

Danke 145

Statt einer Adressenliste 146


P&tit ?5

Herzlich Willkommen

bei unserer Deutschlandreise, sie startet, wie sollte es anders sein, in Berlin. Jede/r

Reiselustige ist eingeladen zu einer Fahrt durch 12 Anamneslerstädte, von Nord

nach Süd, Von Ost nach West.

In jeder der zwölf Städte, aus denen Berichte kamen, gibt es spannendes zu erleben,

interessantes zu hören, oder man kann einfach mal wieder jemanden vom

letzten Maitreffen besuchen. Also, schnallt euren gedanklichen Rucksack und

kommt mit!

Alle Reiseuntustigen können einfach die umrandeten Kästen überlesen, für

alle anderen hält jeder „Bahnhof neue Routen und Ziele parat.

POM Fritz ist also unterwegs und versucht im Gewühl des Bahnhof Zoo die

richtige U-Bahn nach Steglitz zu erwischen. Eigentlich wollte er schon seit

heute Mittag in Richtung Marburg unterwegs sein, aber beim Frühstück hat

er in der Zeitung diese kleine Nachricht über die Schließung der Psychosomatik

am Klinikum gelesen. Die Dramatik der Situation erfassend denkt er

sofort an Streiks, Unterschriftenlisten, Belagerungen, Entführungen von

Professoren, Demos, Plakate,.... schließlich kann man das ja nicht einfach

so hinnehmen!


Geht die Psychosomatik in Berlin den Bach hinunter?

Geht die Psychosomatik in Berlin den Bach hinunter?

Von Tillmann Jacobi, Berlin

Erst schien es so, als sei es ein generelles

Solidaritätsbezeugungen von Innen

Problem, der Psychosomatik (aus dem Klinikum), und von Außen

ihre Anerkennung zu erhalten im (z.B. bei einer deutschlandweiten

Weülauf mit Gesundheitsreform, Kostendeckung

usw. Dann stellte sich

heraus, daß es vielmehr darauf ankommt,

Proteste-Faxaktion) für die Abteilung

waren sicherlich meist ehrlich gemeint

und auch ganz nett. Doch unterm

ob man die Zeichen der Zeit Strich hilft gutmütiges bzw. naiv-

sieht, erkennt und frühzeitig entsprechend

handelt, Der Abteilung für Psychosomatische

Medizin im Klinikum

abwartendes Verhalten nicht, wenn

eine aggressivere, zumindest offensivere

Vorgehensweise notwendig ist.

Steglitz der Freien Universität (FU) in Aber können Psychosomatiker aggressiv

Berlin ist das ganz offensichtlich mißlungen,

oder kämpferisch sein?

denn am Jahresende 1997

waren die 13 Betten der Station endgültig

Zwar ist in der ganzen Stadt die Kli-

weg. Dem vorausgegangen war nikbettenstreichung immer noch in

ein halbes Jahr zähes Ringen mit dem

Klinikumsvorstand, welches allerdings

die Hilflosigkeit des Abteilungsleiters

Prof. H.-H. Studt gegenüber der Realität

vollem Gange, im Jahre 1997 wurden

insgesamt rund 2000 (zweitausend!)

Stationsplätze abgebaut. Und 1998

geht es munter weiter mit dem Ge-

mehr als einmal offensichtlich sundschrumpfen. Sicherlich trifft es

machte. Viele Chancen für Unterstützung

wurden verpasst, da man zu sehr

dabei fast alle Disziplinen irgendwo an

ihren empfindlichen Stellen, jedoch ist

auf freundliche Worte und Appelle auf diese komplette Abräumung einer

der eigenen Seite setzte, sowie auf Abteilung eher ungewöhnlich. Nicht

unverbindliche und damit wertlose nur, daß damit ein bestimmtes Patientenkollektiv

Versprechungen auf der anderen. Die

seiner Chance auf Therapie,

und ideologisch fast seiner „Existenzberechtigung"

Virchow-Charite richtete kurz vor La-

beraubt wurde - denschluß (1996) noch zusätzliche

die Weiterbildung zum Facharzt für Betten ein, die der internistischpsychosomatischen

Psychotherapie in Berlin ist durch die

Schließung in hohem Maße vermindert.

Und der (noch!) Pflichtkurs Psychosomatik

im Medizinstudium an der

FU wird von nun an wohl überwiegend

Versorgung die-

nen. Beachte: die Bettenstreichung bei

der Steglitzer Abteilung für Psychosomatik

lag nicht unbedingt an der Qualität

der Behandlung, denn die FU

an der Tafel stattfinden oder per Diskussion

konnte sich ohne weiteres mit

von Lehrvideos, die die eigene Virchow-Charite messen. Es haperte

Erfahrung natürlich nicht ersetzen also anscheinend an der Flexibilität -

können.

mag das vielleicht damit zusammenhängen,

daß Steglitz stark klassischanalytisch

Doch zeigte es sich, daß die Psychosomatik

aber nicht in ganz Berlin insgesamt

oder gezielt plattgemacht wurde:

orientiert ist?! Doch für die

heutige Situation gilt: wer zu langsam

guckt, der geht als erster. Schade ei-

die Abteilung des Klinikums gentlich.

„Na, da ist wohl wirklich nichts mehr zu retten, aber vielleicht können

mich die Marburger ja wieder ein bißchen aufmuntern". Immer noch

deprimiert (was sein Immunsystem dazu sagt, lest Ihr auf Seite 66)

kommt er in Marburg an, die erhoffte Ablenkung ist in Sicht: Ein Sexualanamneseworkshop

ist geplant. Mit gemischten Gefühlen macht

er sich auf den Weg...

Gute Gelegenheit, vorher nochmal bei Prof. Schüffei, der gerade an

seinem neuen Buch schreibt (siehe Seite 42).


Sexualanamnese - kein Problem!? 15

Sexualanamnese • kein Problem!?

Ein Experiment

Von Kathrin Oüen, Marburg

Angeregt durch eine AG zum Thema males" Anamnesegespräch. Das

„HIV und Sexualanamnese" beim nächste Mai herrschte dann anfängliche

letzten Maitreffen entstand die Idee,

Verunsicherung: „Ach so, das

etwas Ähnliches mit einer regulären Rollenspiel war noch gar nicht? Oh-"

Anamnesegruppe auszuprobieren und

dort Themen wie Sexualität, AIDS und

Anamnese aufzugreifen. Da ein Gespräch

mit einem/einer Patientin für

uns als Grundlage nicht denkbar war,

schlugen wir unserer Gruppe, die damals

bereits fast ein Semester zusammen

gearbeitet hatte, ein Rollenspiel

Wir teilten die Gruppe in zwei Hälften.

Eine sollte sich eine Patientinnenbiographie

ausdenken, dfe andere sich

mit der Rolle des Arztes / der Ärztin

auseinandersetzen. Vorgegeben hatten

wir nur die Situation: Erstgespräch

mit jemandem, der/die einen HIV-Test

zum Thema Sexualanamnese machen möchte.

vor. Die Begeisterung war groß, kein

Einwände, keine Befürchtungen. Bei Die Patientingruppe konnte gerade

der nächsten Gruppensitzung waren

ganze vier von acht Teilnehmerinnen

anwesend. Nanu? Grippewelle? Klausurtermine?

noch davon abgehalten werden, den

Fall eines AIP, der sich versehentlich

an einer Kanüle infiziert hat, zu konstruieren.

Aber dann stand der Sexualanamnese

nichts mehr im Weg.

Spontan entschlossen wir uns, das

Rollenspiel zu verschieben, „damit alle

etwas davon haben", und organisierten

für diesmal doch noch ein „nor-

Das Rollenspiel selbst schien vor allem

der „Patientin" viel Spaß zu machen.

Im Nachgespräch wurde allerdings

bald klar, wie schwierig es - trotz gefühl, Grenzen und „fremdem" Sexualverhalten

wiederholter gegenteiliger Beteuerungen

hätte mehr Raum ge-

- ist, selbst (also in der „eigenen

Rolle") über Sexualverhalten und -

braucht.

Praktiken zu sprechen. Selbst biologiebuchfähige

Begriffe wie Oralverkehr

zu benennen erwies sich als schwierig.

Die Fragen, um die das Nachgespräch

kreiste, waren „Wieviel darf ich

fragen? Wieviel sollte ich einfach als

Information weitergeben (z. B. Übertragungsrisiken

bei HIV)? Wie vermeide

ich peinlichen Situationen?" - wobei

vieles offen blieb, etwa was „peinlich"

ist und für wen peinlich oder was der

Preis eines solchen „Vermeidens" sein

könnte. Für eine Klärung dieser Fragen

war die Zeit zu kurz, und die Auseinandersetzung

Das Experiment „Rollenspiel zur Sexualanamnese"

hatten wir aber für geglückt

- es hat Spaß gemacht, Tabuthemen

wenigstens einmal angekratzt

und viele Fragen aufgeworfen, die eine

weitere Auseinandersetzung erfordern

aber auch ermöglichen; - z. B.

darüber, wie ich Patientinnen erklären

soll, daß sie unbefangen und ohne

„Peinlichkeiten" über ihr Sexualleben

erzählen können, so sie es möchten,

wenn ich selbst nicht einmal das Wort

„Analverkehr" über die Lippen bringe

ohne rot zu werden...

mit eigenem Scham-

Nachdenklich denkt er auf dem Rückweg zum Bahnhof, daß er sowas

auch mal organisieren will. Um sich ein paar Ideen dafür zu holen

blättert er auf Seite 123. Motiviert nimmt er den nächsten Zug

nach Süden, Richtung Ulm, Max hat doch gesagt, die hätten so viele

neue interessante Strategien umgesetzt, und der muß es ja wissen,

schließlich schreibt er gerade seine Doktorarbeit über Anamnesejjruppen.

„Ah, da steht er ja schon am Bahnhof, wie nett!"


.Neuer Wind in den Ulmer Anamnesegruppen"

„Neuer Wind in den Ulmer Anamnesegruppen'

von Dietmar Max Burger, Ulm

Neuer Professor, vielfältige

Werbung

für Anamnesegruppen, über 50

Anamnesegruppenteilnehmerinnen,

über 40 Leute auf den Nachrücklisten,

Fortgeschrittenen-Anamnesegruppe,

Evaluation derUimer Anamnesegruppen

mit Fragebögen, „Tutorlnnenbüro",

Ausdehnung der Anamnesegruppen

auf mehr Fachbereiche (Neurologie,

Dermatologie, Gynäkologie,

etc...), Scheinvergabe und „Casebook".

Dies sind eine Reihe neuer

Ideen, die wir als Tutorlnnen nun endlich

verwirklichen konnten, um die

Anamnese- gruppen attraktiver und

effektiver zu gestalten, Interesse gefunden

an unseren Ulmer Impulsen,

dann viel Spaß beim folgenden Artikel.

Seit Sommer 1997 sind an der Uni

Ulm die Abteilungen für Psychotherapie

und Psychosomatische

Medizin

unter einem Dach vereint, so daß seit

dem WS 97/98 Prof. H. Kachele für die

Anamnesegruppen zuständig ist.

Durch seine tatkräftige Unterstützung

konnten wir einiges bewegen; zum

einen hat die Studienkommission zwei

weitere Tutorlnnenstellen genehmigt,

die erforderlich sind, aufgrund derhohen

Anzahl der Teilnehmer- Innen an

den Anamnesegruppen. Zum anderen

haben wir Tutoren jetzt einen Studentlnnennraum

(„Tutor- Innenbüro") mit

PC und Telefon. Hier soll nicht nur gearbeitet,

sondern auch gefeiert werden!

Im WS 1997/98 gab es vier Anfängerinnengruppen

{vorrangig Erstsemestlerlnnen)

mit jeweils etwa zehn

Studentinnen und eine Fortgeschrittenengruppe

(3. bis 9. Semester) mit

zehn Teilnehmenden. Neun Tutor- Innen

betreuen jeweils zu zweit eine

oder mehrere Gruppen.

Die große Teilnehmerinnenzahl ist auf

unsere vielfältige Werbung für die

Teilnahme an einer Anamnese- gruppe

zurückzuführen: in der Erstsemestereinführung,

durch Artikel in der

Erstsemesterzeitung, durch empfehlende

Ansagen im Hörsaal durch Professorinnen

und letztlich durch Aushänge

vor den Hörsälen und am

Fachschaftsbüro (z.B.„70 Gründe für

die Teilnahme an einer Anamnesegruppe");

hier hängen auch am ersten

Tag des Semesters die Listen für die

Mo.-,Di.-,Mi.-,Do.- und Fortgeschrittenengruppe

aus, jeweils etwa 10 Plätze

und zusätzlich ungefähr 8 Nachrückplätze

pro Gruppe. Die Einführung von

Nachrücklisten hat sich insofern bewährt,

als immer wieder Leute von einer

Gruppe abspringen. Durch einen

Rundbrief an die Professorinnen und

an den Studiendekan mit der Bitte um

Unterstützung bei der Durchführung

der Anamnesegruppen ist es uns gelungen,

weitere Abteilungen für die

Intensivierung der Anamnese-

Schulung zu gewinnen. Dies bedeutet,

daß die Anamnesegruppen nicht mehr

wie bislang nur in der Inneren Medizin

stattfinden, sondern je nach Interesse

der Teilnehmenden auf andere Fachbereiche

(Neuro, Derma, Ortho,

Gyn, Pädiatrie etc..) ausgedehnt

werden können. Diese Erweiterung

der Krankheitsbilder fand bereits großen

Anklang unter den Studierenden.

Von jeder Abteilung wird uns ein/-e

Perm15

Stations-bzw. Oberarzt/ärztin zugeteilt,

mit dem/der die Durchführung koordiniert

wird.

Anamnesegruppe für Fortgeschrittene,

was heißt das? Hieran nehmen

Studentinnen teil, die schon in einer

Anamnesegruppewaren und die bereit

sind, sich mit „schwierigen" Patientinnen

auseinanderzusetzen. Während in

den Anfängergruppen jeweils derjenige,

der das Gespräch geführt hat, einen

Patienten für denjenigen sucht,

der beim nächsten Mal das Gespräch

führt, suchen in der Fortgeschrittenen-

Gruppe die Tutorlnnen die Patientinnen

aus und zwar nach bestimmten

Kriterien. Wir fragen z.B. auf Station

nach, bei welchen Patientinnen es besonders

schwierig ist, eine Anamnese

zu erheben. Das sind dann u. a. Patientinnen,

die entweder äußerst

schweigsam oder überaus redselig

sind. Problematisch sind auch Anamnesegespräche

mit Patientinnen mit

schwerwiegenden Krankheiten und

äußerlich erkennbaren Krankheitszeichen:

So wurde bei einer Parkinson-

Patientin mit extremem Tremor und

Sprechstörungen dem Anamneseerhebenden

klar, wie anstrengend und

schwierig Anamnese manchmal sein

10 11


„Neuer Wind in den Ulmer Anamnesegruppen"

PÖM15

kann und wie wichtig es doch ist, sich

jetzt schon mit Einfühlungsvermögen

und Geduld darin zu üben,

Evaluation der Ulmer Anamnesegruppen:

Im Rahmen meiner Dissertationsarbeit

mit dem Thema: „Die Effektivität

der Ulmer Anamnesegruppen"

werden von den Anamnesegruppenteilnehmerinnen

jeweils zu Beginn

und am Ende des Semesters eigens

dafür entwickelte Fragebögen ausgefüllt.

Dabei interessiert vor allem, ob

sich die Erwartungen und Wünsche

der Teilnehmerinnen erfüllen, und inwiefern

sich durch die Teilnahme an

einer Anamnesegruppe die Einstellungen

im Hinblick auf die Arzt-Patient-

Beziehung ändern. Ferner sind die

Fragebögen auch ein wichtiges Feedback

für die Tutorlnnen, weil auch die

Arbeit der Tutorlnnen darin beurteilt

wird. (Wer sich für die Fragebögen

interessiert, kann sich bei mir gerne

melden,}

Wozu ein „Casebook"? Die eigentliche

Idee eine Art von Logbuch einzuführen,

war die, daß während der vielen

Treffen der Gruppen zum Teil hilfreiche

Diskussionen und wertvolle

Gedanken aufkommen, die zu einem

späteren Zeitpunkt wieder sehr nützlich

sein könnten. Ein Protokollheft

wollten wir nicht, weil das viele von

vorn- herein abschreckt. So entwarfen

wir ein gebundenes Buch, indem die

wesentlichen Erkenntnisse eines

Anamnesegruppentreffens jeweils von

einem/einer anderen Teilnehmer/-in

eingetragen werden. Zu den im Casebook

einheitlich vorgegebenen Stichpunkten

(Datum, Patient/-in, Fachgebiet,

Gesprächsführer/-in; jetztige Beschwerden,

Eigen-, Familien-' Sozialanamnese

und Nachgespräch) soll

Wichtiges wiedergegeben und „Aha"-

Effekte festgehalten werden. Bei konsequenter

Führung liegt am Ende des

Semesters ein Kompendium mit allen

Patientlnnengespächen und den daraus

gewonnen Erkenntnissen vor. Das

Casebook wird am Semesterende vervielfältigt,

so daß jede/-r auf die Eintragungen

zurückgreifen kann, Bei regelmäßiger

Teilnahme wird die erste

Seite von einem beigelegten SCHEIN

geschmückt, offiziell von der Abteilung

ausgestellt (!), der neben dem Casebook

als handfeste Erinnerung an die

Zeit in der Anamnesegruppe dienen

soll.

: j.

Voll motiviert will er jetzt mal das nähere Ausland und seine Anamnesetätigkeiten

erkunden, was läge da näher, als nach Innsbruck zu

trampen? „Wenn ich an Ärzte denke, fallen mir immer nur Prof.

Brinkmann und George Clooney ein", lacht sein Fahrer, und es entspinnt

sich ein spannendes Gespräch über Ärzte und Medien (auf

Seite 117).

In Innsbruck angekommen, liest er das Programm: „Uff, das hört sich

nach schwerer Kost an, aber gespannt bin ich trotzdem, wie die

Gruppen mit chronisch Kranken und AIDS Patientinnen laufen."

12 13


Gruppe zur Begleitung/Betreuung chronisch Kranker

Gruppe zur Begleitung/Betreuung chronisch Kranker

Von Christine Mussner- Seeber, Innsbruck

Zu Beginn des WS 97/98 fanden sich

Mitglieder ehemaliger studentischer

Anamnesegruppen der Universität

Innsbruck zu einer neuartigen Gruppe

zusammen mit dem Lehrveranstaltungstitel

"Begleitung/Betreuung chronisch

Kranker". Dieses vorläufig einsemestrige

Projekt wurde unter die

Leitung von Herrn Dr. Thiel, Herrn Dr.

Libal und Frau Mag. Mumelter gestellt.

Die Ziele

sind wie folgt definiert:

dieser Lehrveranstaltung

das Verständnis für die Situation chronisch

Kranker zu fördern

die Besonderheiten im Umgang mit

chronisch Kranken zu reflektieren

einen besseren Einblick in das psychosoziale

Umfeld von Krankheit bzw.

der ärztlichen Tätigkeit zu ermöglichen.

Jedes Mitglied dieser Gruppe war in

den letzen zwei Semestern über die

studentische Anamnesegruppe häufig

mit Patienten in Kontakt gekommen

14

und hatte daher schon praktische Erfahrungen

mit Erstgesprächen. Da

einmalige Gespräche nur ein momentanes

Zeitfenster vom körperlichen

und seelischen Zustand eines Patienten

vermitteln, in der späteren ärztlichen

Tätigkeit aber Langzeitbetreuung

gefordert ist, spiegeln diese nur unzureichend

die objektive und subjektive

Wirklichkeit, sei es jene des Arztes als

auch jene des Patienten, wieder. Es

war allen von uns ein Anliegen, die

Auswirkungen eines Anamnesegesprächs

auf den weiteren Krankheitsverlauf,

die Entwicklung einer Beziehung

zwischen Gesprächsführenden

und Patienten und die persönlichen

Reaktionen auf einen reellen Stressor

zu verfolgen und zu hinterfragen. Um

unsere psychologischen Vorerfahrungen

und Basiskenntnisse auf einen

gemeinsamen Nenner zu bringen,

wurden in einem ersten Treffen theoretische

Grundlagen der Arzt-

Patienten Beziehung vermittelt. Besonderes

Augenmerk legten unsere

Betreuer auf das Bewußtwerden von

Übertragung - Gegenübertragungsmechanismen

zwischen Arzt und Patient,

auf die spezielle Situation chronisch

Kranker und deren Umfeld, den Umgang

mit extremen emotionalen Belastungssituationen

und auf eigene

Wunschvorstellungen, der zumeist

äußerst unscharf konturierten Identität

eines Studenten in der hierarchischen

Rollenverteilung des medizinischen

Systems. Folgende Stationen hatten

sich zur Mitarbeit bereit erklärt, wobei

die Zuordnung auf eigenen Wunsch

erfolgte: HNO, Kinderonkologie, Orthopädie,

Hämatologie, Neuro-

Rehabilitation, Neuro-Chirurgie und

Neuro-lntensiv.

Der nächste Schritt bestand darin, mit

Station und Patient in Kontakt zu treten.

Organisatorische Schwierigkeiten

ergaben sich frühzeitig und bestanden

in mangelnder Kooperationsbereitschaft

und Verständnis von ärztlicher

Seite, schlecht vorbereiteten bzw. unmotivierten

oder verschollenen Patienten

und im Zuge der heutigen Krankenhauspolitik

nicht prognostisch faßbaren

Dauer der stationären Betreuung.

Die Anzahl der geführten Gespräche

erwies sich als sehr unterschiedlich.

Unabhängig davon mangelte

es in den Supervisionssitzungen

nicht an Gesprächsstoff. Die sich aus

den Gesprächen ergebenen Schwie-

PCTW15

rigkeiten, sprich ablehnende Haltung

des Patienten, persönliche Differenzen

zwischen mehreren Gesprächsführenden,

ethische Konflikte und manch anderes

wurden in der Runde diskutiert.

Durch fachliche Kompetenz und persönliche

Erfahrung der Supervisoren

wurden in der Gruppe praktische Lösungsmöglichkeiten

erarbeitetet. Ein

Widerstand im Gespräch oder in der

Beziehung zu einem Patienten, der für

den Gesprächsführenden unüberwindbar

ist, weil er nicht bewußt gemacht

werden kann und welcher nur

durch die Kenntnis der persönlichen

Beziehungs-

und Umfeldstruktur erklärbar

ist, erweist sich für einen geschulten,externen

Beobachter ala ein

durchaus lösbares Problem.

Die Kenntnis einer guten Gesprächsführung,

welche zwar nicht Teil des

Studienplans, jedoch eine der primären

Forderungen bei Beginn der Ausübung

der ärztlichen Tätigkeit und

Grundlage jeder Diagnostik ist, birgt

schlußendlich auch die Möglichkeit der

therapeutischen Nutzung in sich. In

Anbetracht der Tatsache ist der Besuch

einer Lehrveranstaltung mit diesem

Ziel jedem Medizinstudenten zu

empfehlen.

15


Erfahrungen mit HIV - positiven und AIDS - Patientinnen in Anamnesegruppen

Möglichkeiten der Implikation praktischer

Erfahrungen mit HIV - positiven und

AIDS - Patientinnen in die Anamnesegruppenarbeit

Von Birgit Mumelter, Innsbruck

Vor einiger Zeit kam ein 40jähriger

Mann zu uns auf die AIDS - Ambulanz.

Er erzählte, er sei von seinem

Hausarzt zum Internisten geschickt

worden, weil er in kürzester Zeit 17 kg

abgenommen habe. Außerdem leide

er unter Kopfschmerzen, Diarrhöe,

Übelkeit,

Nachtschweiß,

Schluckbeschwerden,

geschwollenen

Lymphknoten und könne sich nicht

mehr so konzentrieren wie früher. Der

Internist habe trotz einer steten Verschlechterung

seines Zustandes und

zahlreicher Überweisungen zu diversen

Spezialistinnen erst nach zwei

Monaten einen HIV - Test veranlaßt,

der positiv ausgefallen sei. Die durchgeführten

Untersuchungen

bedingen

in der Folge eine sofortige stationäre

Aufnahme, weil eine Pneumozystis -

carinii - Pneumonie, HIV - Kachexie

und eine Toxoplasmose des Gehirns

{also drei AIDS - definierende Erkrankungen)

festgestellt wurden.

Eine 35jährige Patientin, die erst seit

zwei Wochen weiß, daß sie HIV - positiv

ist, muß zwecks Operation eines

invasiven Zervixkarzinoms von der

AIDS - Station auf eine andere Abteilung

verlegt werden. Dort bekommt

sie, obwohl keine Klassepatientin, ein

Einzelzimmer und ein eigenes WC zugewiesen,

das - für alle sichtbar - mit

ihrem Namen und dem Hinweis, es

dürfe ausschließlich von dieser Patientin

benutzt werden, beschriftet ist,

obwohl dafür keine medizinische Indikation

vorliegt. Als die Patientin wieder

auf die AIDS - Station zurückkommt,

ist sie in einem sehr schlechten psychischen

Zustand.

Wir Mitarbeiterinnen der AIDS - Abteilung

(ich arbeite dort als verantwortliche

Psychologin) haben mit Fallen

wie den beiden oben dargestellten leben

gelernt; sie sind leider die Regel

und nicht die Ausnahme: Ärztinnen

wie auch Krankenpflegepersonal fühlen

sich durch HIV - positive bzw.

AIDS - kranke Patientinnen oft emotional

überfordert, stellen sich dem

aber nicht und diskriminieren die Betroffenen

in der Folge, wenn auch

meistens unbewußt. Diese Diskriminierung

kann sich in einer dem eigentlichen

Wissensstand nicht entsprechenden

langwierigen Diagnoseermittlung

ausdrücken, die den Patienten

im ersten Fallbeispiel in Lebensgefahr

gebracht hat. Sie kann aber

auch subtiler und versteckter erfolgen,

etwa indem Abteilungsangehörige

oder niedergelassene Ärztinnen Patientinnen

selbst behandeln wollen und

ihnen daher davon abraten, die AIDS

- Abteilung oder Schwerpunktpraxen

aufzusuchen, was zur Folge hat, daß

die Patientinnen medizinisch unzureichend

versorgt werden. Außerdem

erleben wir immer wieder, daß positive

HIV - Testergebnisse per Telefon mitgeteilt

werden, Operationen bei HIV -

positiven bzw. AIDS - Patientinnen

aus medizinisch nicht nachvollziehbaren

Gründen abgesagt oder verschoben

werden und psychische Erkrankungen,

obwohl offensichtlich, nicht

ernsthaft behandelt und als „Theater"

P CMC 15

abgetan werden. Und wie oft hatte ich

schon das Gefühl, daß sich so manche

Ärztinnen insgeheim denken, daß

es vor allem Fixerinnen und Schwule

ja auch nicht anders verdient hätten

und an allem selbst schuld seien. Geschlechtsspezifische

Diskriminierung

zeigt sich z.B. dadurch, daß krankheitsbedingte

Symptome bei HIV - positiven

Frauen überdurchschnittlich

häufig als Anzeichen einer Depression,

Überarbeitung oder Streß gedeutet

werden; Gewichtsverlust wird oft nicht

beachtet oder häufig sogar als vorteilhaft

bewertet. Broschüren, die erklären,

wie man sich bei lesbischem Sex

vor einer Infektion schützen kann, sind

oft nicht vorhanden oder nur schwer

zugänglich. Zudem kommt es immer

wieder vor, daß Frauen durch Schuldgefühle

unter Druck gesetzt und zu

Sterilisation oder Abtreibung überredet

werden.

Menschen, die HIV - positiv oder

AIDS - krank sind, stellen für ihre Umgebung

eine besondere Herausforderung

dar, denn sie konfrontieren durch

ihre Erkrankung mit Tabuthemen wie

Homo- und Bisexualität, eigenen

Ohnmachtsgefühlen gegenüber einer

unheilbaren Erkrankung, Süchten, Tod

16 17


und vielem mehr, was sie gleichzeitig

anziehend und geheimnisvoll und im

Gegenzug abstoßend und beängstigend

macht.

Anamnesegruppen, die die Möglichkeit

haben, mit HIV - positiven bzw. AIDS

- Patientinnen zu arbeiten, möchte ich

als Bestärkung und Arbeitsauftrag folgende

Überlegungen mitgeben:

AIDS ist eine Erkrankung, die eine besonders

gute und effiziente Zusammenarbeit

zwischen Berufsgruppen

und Institutionen erfordert, um die optimale

Betreuung der Patientinnen zu

gewährleisten. Anamnesegruppen

können ihren Beitrag dazu leisten, indem

sie ihre Gruppen mehr als bisher

für Psychologinnen, Krankenpflegeschülerinnen

etc. öffnen, um gegenseitige

Hernmschwellen schon während

des Studiums abzubauen und

Interdisziplinärst von Anfang an zu

üben. Es wäre wünschenswert, daß

Anamnesegruppen vermehrt Informationsvernetzung

mit Einrichtungen wie

der Hospizgemeinschaft oder den

Homosexuelleninitiativen betreiben,

um Anamnesegruppenteilnehmerlnnen

praxisrelevante Fortbildungen

auch zu Themen zu eröffnen, die in

der Gruppenarbeit zu kurz kommen.

Wenn eine Frau über Ausfluß und

Juckreiz im Vaginalbereich klagt, wird

der/die Gynäkologe/in leicht eine vulvovaginale

Candida - Infektion diagnostizieren

und behandeln können, er/sie

wird der Patientin aber kaum in den

Mund sehen, um nach oralen HIV -

Symptomen wie Soor oder Herpes zu

suchen. AIDS ist eine medizinisch

komplexe Erkrankung, deren Entdekkung

und Bekämpfung biopsychosoziales

Verständnis voraussetzt (i). In

Anamnesegruppen wird diese ganzheitliche

Denkweise hervorragend

trainiert und dieser Umstand legitimiert

die Forderung nach einer besseren

Einbindung dieser Inhalte in den bestehenden

Lehrplan.

Institutionen, die Menschen mit HIV

betreuen, erleben oft eine außerordentlich

hohe Mitarbeiterinnenfluktuation.

Nach wie vor muß also darauf

aufmerksam gemacht werden, daß

Menschen in Helferinnenberufen unbedingt

lernen müssen, sich ihre

Grenzen und Schwierigkeiten einzugestehen

und aufzuarbeiten, um ein

Burn - out zu vermeiden. In Anamnesegruppen

wird die Reflexionsfähigkeit

der Teilnehmerinnen nicht zuletzt auch

durch die Supervisionen stark unterstützt.

Nach wie vor wird die Schweigepflicht

während der Medizinerlnnenausbildüng

zuwenig besprochen und geübt,

was zur Folge hat, daß in der Praxis -

trotz der potentiellen strafrechtlichen

Konsequenzen - erschreckend oft

leichtfertig mit ihr umgegangen wird.

Gerade AIDS ist eine Erkrankung, die

den Sinn der ärztlichen Schweigepflicht

besonders vor Augen führt, weil

ihre Mißachtung schreckliche Folgen

für die Betroffenen haben kann. Die

Anamnesegruppen könnten dieses

Thema daher verstärkt in der Gruppenarbeit

aufgreifen und zum Inhalt

von Fortbildungen machen.

AIDS - Präventionsmaßnahmen, die

Frauen auffordern, auf den Kondomgebrauch

beim Sex mit einem Mann

zu bestehen, ignorieren das Machtgefalle

zwischen Männern und Frauen.

Frauenspezifische HIV - Symptome

wurden lange nicht in die entsprechende

Klassifikation aufgenommen,

was in einigen Ländern dazu führte,

daß Frauen ihre ihnen zustehenden

Versicherungsleistungen nicht in Anspruch

nehmen konnten. Diese Beispiele

sollen zeigen, daß Anamnesegruppen

sich bewußt sein sollten, daß

der Umgang mit Krankheit immer auch

gesellschaftliche Phänomene widerspiegelt

und entsprechend thematisiert

gehört. Das könnte ein Anstoß sein,

vermehrt reine Männer- oder Frauenanamnesegruppen

zu gründen, um

diesen Aspekten mehr Raum zu bieten.

Anamnesegruppenabende mit HIV -

positiven bzw. AIDS - Patientinnen

bieten nicht zuletzt für die Anamnesegruppenteitnehmerlnnen

selbst die

Möglichkeit, mehr über HIV zu erfahren.

Oft kommen durch solche Anamnesegruppengespräche

bei den Teilnehmerinnen

Informationsmängel zutage.

Die Tutorlnnen sollten sich deshalb

gut vorbereiten und die Gelegenheit

einer peer - group - education in

diesem Rahmen wahrnehmen. Wenn

dies eine Überforderung darstellt,

könnten die Tutorlnnen sich z. B. mit

der AIDS - Hilfe in Verbindung setzen,

um den Gruppenmitgliedern umfangreiche

Unterlagen zur Verfügung stellen

zu können.

18

19


Essen Verdauen Wiederkäuen Balintgruppe ?

POW ?5

Essen Verdauen Wiederkäuen Balintgruppe ?

Von Christine Mussner - Seeber & Iris Huber, Innsbruck

Im Sommerseinester 1997 wurde uns

in der fortgeschrittenen studentischen

Anamnesegruppe die freudige Botschaft

verkündet: Fortsetzung folgt! Dr.

Thiel, Dr. Libal, Mag. Mumelter gründeten

eine Gruppe zur Betreuung/Begleitung

chronisch Kranker;

Anamnesegrüppler bevorzugt! Offen

für Neues wagten wir uns zürn ersten

Treffen. Um in der Praxis bestehen zu

können, wappneten uns unsere Betreuer

mit einem Theoriegerüst: In einem

vierstündigen Gespräch wurden

wir mit folgenden Themen konfrontiert:

• die Situation von chronisch Kranken

• die Reaktionen des sozialen Umfelds

• unsere Rollen, Erwartungen und

Ängste.

Anschließend wurden die Claims abgesteckt.

Der nächste Schritt bestand

darin, mit Station und Patient in Kontakt

zu treten. Hier lagen für einige von

unseren Kommilitonen so manche

Stolpersteine im Weg: Keine geeigneten

Patienten, vom Arzt „überzeugte"

Patienten, unerreichbare Götter in

Weiß, skeptisches Stationspersonai.

Letztendlich konnte sich jeder mit Gesprächen

Sättigen...rülps...vom

konstitutionellen

Typ und von der Kostzusammesetzung

abhängig, variierte die

Verdauung: Dem einen bekam es gut,

der andere hatte länger daran zu kauen.

Manch einer plagte sich mit Sodbrennen

bis zum nächsten Gruppentreffen,

wo es durch Supervision behandelt

wurde. Die erste Runde des

Abends wird einer Reflexion zur eigenen

Patientenbeziehung gewidmet...

wiederkäuen... Aufkommende Probleme

werden in der Runde diskutiert und

- wenn möglich - gelöst. Einen guten

Beitrag dazu leisten Erfahrung, Kompetenz

und praktischen Tips der Betreuer.

Auf diese Art und Weise erleichtert,

sind wir bereit für unsere

nächsten Patientenbesuche. Mahlzeit!

Uns. Christine und Iris, munden diese

Menüs sehr und wir können es für andere

Universitätsspeisekarten heiß

empfehlen.

Nach all den spannenden Diskussionen in Innsbruck denkt POM

Fritz mal wieder, wie schade es doch ist, daß man so wenig von den

anderen mitbekommt. Es wäre doch gut wenn die ganze Anamnesegruppenlandschaft

besser vernetzt wäre. Neulich hat er doch über

einen Freund von der Schwester eines Bekannten erfahren, daß es

in Lübeck Gruppen gibt, die überhaupt keinen „Außenkontakt" haben,

(Seite 37). „Gab es da nicht so ein Angebot von der Balint -

Gesellschaft 7 " In Würzburg soll es jemanden geben der sich damit

auskennt...

20

21


Vernetzung der Anamnesegruppen

Vernetzung der Anamnesegruppen:

Das Angebot der Deutschen Balint-Gesellschaft

Von Clemens Hofinger, Würzburg

Seit einiger Zeit bestehen für Anamnesegruppen

verschiedene Unterstützungsangebote

der Deutschen Balint-

Gesellschaft. Da viele wahrscheinlich

noch nicht so recht wissen, was sie

damit anfangen sollen, möchte ich hier

einen kurzen Überblick geben.

Die Balint-Gesellschaft ist sozusagen

der Dachverband der Balint-Gruppen,

die mittlerweile überall in Deutschland

arbeiten. Zielsetzung dieser Gruppen

ist es, im kollegialen Gespräch die Beziehung

eines teilnehmenden Arztes

zu einem seiner Patienten zu beleuchten.

Darin stehen Balint-Gruppen

den Anamnesegruppen recht nahe;

der wesentliche Unterschied liegt darin,

daß die übrigen Teilnehmer den

Patienten nicht "live" erleben, sondern

nur durch die Schilderung des vorstellenden

Arztes. Assoziationen,

Rollenspiel, Identifikation, Phantasie

sind daher als Arbeitstechniken ebenso

wichtig wie das genaue Zuhören

und Zusehen. (Mehr darüber, einschließlich

Literaturliste, unter

http://www.rauchzeichen.de/haltenhof)

Auf einer Studientagung, die im Herbst

1995 in Würzburg stattfand, hatte ich

gemeinsam mit anderen Anamnes'lern

die Möglichkeit, die Arbeit der Balint-

Gruppen hautnah kennenzulernen. Wir

alle erhielten dabei wichtige Anstöße;

ich konnte sogar einen Fall aus meiner

Gruppe vorstellen, was für mich sehr

hilfreich war. Die Organisatoren der

Tagung wiederum waren sehr interessiert

an den Erfahrungen aus den

Anamnesegruppen und suchten mit

uns nach Wegen, unsere Arbeit zu

unterstützen. Natürlich mag das Ziel,

mehr Studenten für die Balint-Gruppen

zu interessieren, dabei eine Rolle gespielt

haben. Dennoch waren wir erstaunt

von der Offenheit und Bereitschaft,

mit der uns die Verantwortlichen

entgegenkamen.

Folgendes wurde konkret vereinbart:

• Das Sekretariat der Balint-

Gesellschaft kann von den Anamnesegruppen

als zentrale Adreßverwaltung

und Postverteilerstelle

genützt werden. Rundbriefe aller

Art müssen also nur noch in einfacher

Ausführung an die untenstehende

Adresse gesandt werden

und werden von dort aus in Umlauf

gebracht - freilich manchmal unter

Beigabe der ein oder anderen

"Werbeblättchen". Neben der Senkung

von Zeit- und Kostenaufwand

schien uns vor allem vorteilhaft,

daß die Adreßkartei über Jahre

hinweg an einer allen bekannten

Stelle geführt werden kann - vorausgesetzt,

daß aus allen Städten

die korrekten Anschriften dorthin

gemeldet werden.

• Die Balint-Geseüschaft hilft bei der

Suche nach "Fachkräften" vor Ort,

wenn solche gebraucht werden - z.

B. für die Supervision oder zur Mitwirkung

beim Tutoren-Training oder

Maitreffen. Falls ein "Honorar" fällig

wird, kann evtl. ein Zuschuß gewährt

werden (Anfragen sind

ebenfalls an das Sekretariat zu

richten).

• Einmal im Jahr - so planten wir

damals - könnte ein Fortbildungsseminar

speziell für Tutoren stattfinden,

in dem z. B. neue Arbeitsmethoden

erlernt werden oder Problemfälle

in anderem Rahmen

nachbesprochen werden können.

Gedacht war, daß eben gerade

auch die Tutoren einmal etwas "für

sich tun" könnten, neuen Schwung

tanken - und v. a. mit Tutoren anderer

Städte in Kontakt kommen.

Der Referent für das gewählte

Thema könnte vorn der Balint-

Gesellschaft gestellt, die Organisation

z. T. übernommen werden.

Leider war der erste Anlauf zu diesem

Wochenende ein Fehischlag - zunächst

mangels Anmeldungen, dann

mangels Referent, dann wegen der zu

engen zeitlichen Nähe zum Maitreffen.

Trotzdem wäre es schade, wenn der

Gedanke ganz verloren geht. Vielleicht

findet ja jemand Lust und Zeit, gemeinsam

mit den Balint-Leuten so etwas

auf die Beine zu steilen - Kontakt

auch hier: Sekretariat.

22 23


Vernetzung der Anamnesegruppen

Es sei noch einmal betont: dies alles

sind Angebote, die von uns keinerlei

So, und nun noch die versprochene

Anschrift:

Gegenleistung fordern. Es geht nicht

darum, die Anamnesegruppen zu institutionalisieren

Sekretariat der Deutschen Balint-

oder inhaltlich an die Gesellschaft

Balint-Arbeit anzugleichen. Doch jedes

Angebot erlischt irgendwann, wenn die

Nachfrage ausbleibt - deshalb liegt es

Dr. med. Heide Otten

Appelweg 21

29342 Wienhausen

an uns, ob wir etwas daraus machen.

Durch Zufall belauscht er an der Bahnhofstränke in Würzburg seine

Nachbarn und stellt fest, daß diese aus Berlin kommen, auch Anamnesler

sind und auf dem Weg nach Bern zu einem Kongreß. Das

wirft natürlich eine Menge Fragen auf, die nicht alle so leicht zu klären

sind (vielleicht aber auf Seite 89?). Kurz entschlossen fährt er mit

nach Bern:

„Qualität der Lehre in der Medizin"

Vorgestellt auf dem 4. Europäischen Kongress zur Verbesserung der Lehre in der

Medizin vom 4. - 6. September 1997 in der Universität Bern

Von Garsten Schwarz, Berlin

In Zeiten der Kürzungen von Studienplätzen

und Lehrstühlen ist für uns

penarbeit als einen obligaten Kurs im

Medizinstudium zu etablieren.

Medizinstudenten wohl kaum Land in

Sicht für bessere Ausbildungsmöglichkeiten.

Jeder Einzelne paddelt um sein

nacktes Überleben und versucht nur

die ihm in den Weg gestellten Schikanen

möglichst unverletzt zu überwinden.

Mit der Intention, dieser Art des

Studierens etwas entgegen zu wirken,

bieten wir seit einigen Jahren Anamnesegruppen

als freiwilligen Kurs an.

Auch hier war es eine studentische

Initiative, die diese Idee verwirklicht

hat; nämlich das Training einer in der

Medizin bedeutenden Aufgabe anzubieten.

Aufgrund des Verhältnisses

Auf der Suche nach Möglichkeiten zur

Durchführung dieses Vorhabens stießen

wir auf den Kongress „Qualität der

Lehre in der Medizin". Nichts lag uns

nun näher, ais an diesem Kongress

teilzunehmen und einen Bericht der

Anamnesegruppen dort vorstellen zu

können. Gesagt-getan. Das Abstract,

das Dietke und ich erstellten, wurde

vom Kongresskomitee in Bern angenommen

und wir durften ein Poster zur

Veröffentlichung auf dem Berner Kongress

entwickeln. Pünktlich einen Tag

vor der Abfahrt nach Bern wurde das

zwischen Teilnehmern und Tutoren Poster fertig und am 3.September

können die Anamnesegruppen leider

nur für eine begrenzte Anzahl von

Studenten angeboten werden. Unser

Ziel ist es somit, die Anamnesegrup-

konnte der Zug in die Schweiz abfahren.

In Bern empfing mich eine Stadt

mit äußerst freundlichen und zuvorkommenden

Menschen. Die Begrüßung

auf dem Kongress war sehr

24

25


o

„Qualität der Lehre in der Medizin"

t s

herzlich und vor allem persönlich - eine

gute Atmosphäre, um mit anderen

Kongressteilnehmern ins Gespräch zu

kommen. Den ersten Kontakt fand ich

zu einer Ärztin aus Münster. Deswegen

erwähnenswert, weil sie mir gleich

erzählte, als ich ihr das Stichwort

Anamnesegruppe gab, daß die Anamnesegruppen

in Münster bereits im

Rahmenplan etabliert seien. Bereits

jetzt hatte sich die Teilnahme an dem

Kongress gelohnt!

Der „echte" Kongressbeginn fand am

nächsten Tag mit den Vorträgen der

Teilnehmer statt. Viele Vorträge zu

den bereits reformierten Studiengängen

aus fast allen teilnehmenden Ländern

- bis auf Deutschland! - fanden

interessierte Zuhörer und kräftigen

Beifall. Leider mußte ich feststellen,

daß in Berlin noch viel Wasser die Havel

hinunterfließen wird, bis hier ähnliche

Zustände erreicht werden können.

Insgesamt sind die Universitäten - zum

Beispiel in den USA - viel besser

strukturiert und die Dozenten motivierter,

interessierter und integrierter.

Initiativen zur Verbesserung der Lehre

gehen nicht nur von Studenten aus,

sondern primär von den Dozenten. In

Deutschland ist dies wohl eher vice

versa. Dementsprechend waren auf

diesem Kongress eher mehr Studenten

aus Deutschland anzutreffen, die

unter anderem zum Problem Orientierten

Lernen (POL) Vorträge gehalten

haben. Eine der interessantesten

Studien (Tutorenausbildung im Rahmen

des Medizindidaktischen Pilotprojektes

Düsseldorf; Dr. Hofer) kam

aus Düsseldorf. Sie evaluierten in einem

Pilotprojekt die Fähigkeiten (u.a.

Engagement im Unterricht, Umgang

mit Teilnehmerfragen und fachliche

Qulifikation) von Tutoren und Dozenten

im Vergleich aus der Sicht des

Studenten. Interessanterweise schnitten

die ausgebildeten Tutoren besser

als die Dozenten ab. Die Ergebnisse

sind namentlich an der Universität

ausgehängt worden mit dem Erfolg,

daß die Dozenten motiviert wurden,

sich anzustrengen. In folgenden Tests

konnten sie sich verbessern. Eine

Schweizer Studie (How much time do

physicians and other academic professionals

spend on clinical Service,

research and education, particularly

undergraduate, in a swiss university

teaching hospital; Prof.Bloch) beschäftigte

sich ebenfalls mit unseren

geliebten Dozenten und wollte herausfinden,

wieviel Zeit für die Lehre auf-

' gebracht wird. Die durchschnittliche

Arbeitszeit betrug 14 Stunden, von

denen 9:08 Stunden für klinische Arbeit,

2:18 Stunden für verschiedene

Lehrtätigkeiten und 1:01 Stunden für

Forschung. Nur 2,2% (20 Minuten) der

täglichen Arbeit wurde für Studentenunterricht

genutzt. Eine Studie, die

hierzulande wohl ähnliche Ergebnisse

erzielen würde. Die Schweizer sind

jetzt jedenfalls aufgefordert ihre

Struktur zu ändern und haben wohl

auch schon Konzepte aufgestellt.

Als der eigentliche Höhepunkt des

Berner Kongresses entpuppte sich ein

äußerst kreativer Workshop über

„Evaluating Students' Performance in

a PBL Curricufum: Issues and Practice".

Allein die unterschiedlichen Herkunftsländer

(USA, Korea, Holland,

Belgien, Schweiz, Deutschland, Österreich

und England) der Teilnehmer

ließen einen interessanten Austausch

erwarten.

Im ersten Teil dieser Veranstaltung

sind die Teilnehmenden der Frage

nachgegangen, warum Studenten beurteilt

bzw. bewertet werden. Die 7

folgenden Aussagen sind als Ergebnis

formuliert worden:

1) zur Überprüfung der konstanten

Zunahme an Kompetenz des Studenten,

um die Abschlußprüfung zu

bestehen

2) zur Überprüfung der Wirksamkeit

und Effizienz der Kurse

3) um den Studenten Feedback hinsichtlich

ihrer Fortschritte zu geben

4) um der Fakultät Feedback zu geben

5) um Studenten zur Arbeit zu motivieren

G) um Erfolge zwischen Universitäten

vergleichen zu können

7} für soziale Anpassung

Im zweiten Teil sollte aktiv ein Programm

erstellt werden zu drei grundsätzlichen

Fragen:

1) Welche Fähigkeiten sollen von einem

Medizinstudenten geprüft

werden?

2) Welche Testformate sollen verwandt

werden?

3) Welche Strategien müssen designed

werden, um die Ausführung

dieser „idealen" Prüfungsschemata

zu verwirklichen?

26 27


Die Teilnehmer wurden in 3 Gruppen

aufgeteilt, um die Fragen zu bearbeiten.

Die unterschiedlichen Herkunftsländer

wurden berücksichtigt und auf

die Gruppen fast gleichmaßig aufgeteilt.

Die drei Ergebnisse wurden der

Gesamtheit vorgestellt und anschließend

diskutiert. Im folgenden sind die

übereinstimmenden Punkte aufgeführt:

zu 1} a) Fertigkeiten des Medizinstudenten

b) Problemlösungsfähigkeiten

des Medizinstudenten

c) Wissen

d) (Einstellung)

Die Bottom-up Strategie ist genau das,

was uns zur Zeit als Möglichkeit 'zur

Verfügung steht. Somit sind wieder

einmal die Studenten gefordert, sich

um eine Verbesserung ihrer Ausbildung

zu kümmern. Der Schweizer

Kongress verabschiedete sich mit einer

Roundtable-Veranstaltung der

Hauptreferenten und Workshopleiter.

Hier sollten zusammenfassend und

auch richtungsweisend inhaltliche

Schwerpunkte diskutiert werden. Zur

Diskussion standen drei These-

Antithese Paare, die im Folgenden

dargestellt sind:

Frontalvorlesung und „ex cathedra"

Fallvorstellung bleiben die primären

Unterrichtsformen in der Medizin.

versus

Mediengestütztem, eigenständigem

Lernen wird in der medizinischen

Aus-, Weiter- und Fortbildung

eine immer größere Bedeutung

zukommen.

Prüfungen müssen gleichzeitig

selektiven, summativen und formativen

Zwecken dienen.

versus

Prüfungen können nicht gleichzei-

Die Wiedergabe dieser Diskussion

würde hier sicherlich den Rahmen

sprengen, und so überlasse ich dem

Leser selbst, sich für die jeweiligen

Thesen bzw. Antithesen zu entscheiden.

Diese Veranstaltung war auch

gleichzeitig das Ende des Kongresses.

Selten zuvor habe ich eine so nette

Verabschiedung unter Menschen gesehen

wie auf diesem Kongress. Eine

harmonische Atmosphäre, die sich

durch den ganzen Kongress hindurchgezogen

hat. Sicherlich auch ein Verdienst

der Schweizer Kongressveranstalter,

die zusätzlich hervorragende

Gastgeber waren.

zu 2) a) Praktisch

b) OSCE (Objective structured

clinical examination)

c) Offene Fragen

zu 3) a) Vernetztes Arbeiten in und

außerhalb der Universität

Thesen - Antithesen

l. Die Lehrfreiheit der Professoren ist

eine zentrale Voraussetzung für

die universitäre Ausbildungsquali-

tig gleichzeitig selektiven, summativen

und formativen Zwecken dienen.

Nun ging nach drei Tagen schließlich

eine wunderschöne Zeit zu Ende und

ich verließ diese mir sehr herzlich begegnete

Stadt nur sehr ungern, aber

mit sehr viel neuen Eindrücken, neuer

Motivation und dem Glauben an das

(Austausch!)

b) Neue Modelle kreieren und

tät.

versus

Gute auch in schlechten Zeiten.

nutzen im Rahmen von Total

Quality Management (TQM)

and Benchmarking (den Besten

als Vorbild nehmen)

c) Bottom-up strategy (Im

Rahmen einer Studenteni-

Ein koordiniertes und integriertes

Curriculum ist eine zentrale Voraussetzung

für eine berufliche

Ausbildung.

nitiative, z.B. Projekttutorien

organisieren)

28

29


„Die Realität ist die beste Abwehr"

„Wow, wenn nur ein Bruchteil der vorgestellten Projekte tatsächlich

irgendwann einmal im Lehrplan zu finden sein wird, dann könnte das

Studium vielleicht richtig Spaß machen. Aber ob das was wird?

Wenn ich da an den Artikel von Henning auf Seite 111 denke,

dann...na ja.'"

Schließlich denkt er daß es doch irgendwie eine nette Idee ist, mal

wieder in Tübingen bei Edgar und Konsorten einzukehren, der ist

aber schon mit Anette verabredet. Letztendlich landen alle drei in einer

Tübinger Studentenkneipe und die beiden berichten von ihrer

Supervisionsgruppe.

Zu diesem Thema hat sich auch Jan S. aus B. Gedanken gemacht

(guck doch mal auf Seite 73).

„Die Realität ist die beste Abwehr" oder: Supervidieren

geht über Studieren

von Anette Schneider und Edgar Thimm, Tübingen

Als wir vor ca. zwei Jahren als Tutorlnnenneulinge

zur ersten Supervisionsstunde

gingen, war uns schon etwas

mulmig zumute. Obgleich dieses

Angebot der Abteilung für Psychoanalyse,

Psychotherapie und Psychosomatik

seit Jahren von den Tutorlnnen

genutzt wird, wußten wir in unserer

Zeit als studentische Teilnehmerinnen

einer Anamnesegruppe so gut

wie nichts diesbezüglich - es wude

auch nichts darüber gesprochen. Aber

das sollte nun anders werden!

Auf dem Weg ins Institut in der Altstadt,

in dem die Supervision stattfindet,

gingen uns noch ein paar lose

Gedanken durch den Kopf: „Supervision,

was heißt das denn gleich nochmal?";

„Übervoller Stundenplan und

jetzt auch das noch!"; „Bringt das denn

was?"; „ Ich bin mal gespannt auf die

Tutorlnnen meiner eigenen Ex-

Gruppe, die auch dabei sein werden";....

Der Raum war vorbereitet, es standen

elf Stühle im Kreis. Also auf jeden Fall

das vertraute Setting, wie in der

Anamnesegruppe. Unser Supervisor

stellte sich zuerst als Psychologe und

Mediziner vor, der getreu seiner Ausbildung

und der Ausrichtung des Tübinger

Instituts auf den Grundlagen

der Psychoanalyse mit uns arbeiten

würde. Was das zu bedeuten hatte,

konnten wahrscheinlich nur einzelne

von uns einordnen. Danach erzählten

wir Studierenden noch etwas über

uns: da gab es die „alten Erfahrenen",

die selbstbewußten und zweifelnden

Anfänger. Unsere persönliche Vorstellung

sollte dann auch Thema der

ersten Stunde sein, da die Gruppen

erst eine Woche später begannen. Diverse

Fragen tauchten dabei auf:

Kann ich das überhaupt? ; Wie haben

PöMJS

sich die Tutorlnnen zusammengefunden?;

Wie lief die Einteilung der Studierenden

in die Gruppen? und Warum

waren bei unserem Vortreffen die

erfahrenen Tutorlnnen nicht dabei?

Dann wurde es aber bald ein wenig

konkreter, als die Frage eines Neulings:

„Kann ich das überhaupt?" von

Erfahreneren zu einem vorwurfsvollen:

„Du kannst das vermutlich nicht!" umgekehrt

wurde, womit die Zweifel über

die Qualität von Anamnesegruppen

geäußert wurden, deren Tutorlnnen

entweder kein Tutorlnnentraining gemacht

oder nicht einmal an einer

Anamnesegruppe selbst teilgenommen

hatten - wie dies in unserem

Zehnerkreis der Fall war. Diese direkte

Konfrontation forderte uns alle gewaltig

- den Supervisor eingeschlossen.

Und das gleich zu Beginn, wo wir uns

gegenseitig nur zum Teil kannten.

Doch wurde auch einiges klar, wie die

Sache in der Vorbereitung gelaufen

war und wir konnten uns auf ein zukünftiges

kontroverses Arbeiten „freuen".

Die gute Mischung unterschiedlichster

Charaktere belebte die Gruppe

sichtlich.

Nicht alles aus den vergangenen zwei

Jahren ist uns noch vollständig präsent,

doch wollen wir im Weiteren

30

31


„Die Realität ist die beste Abwehr"

PöW 15

einen Überblick geben, sowie ein paar

Beispiele nennen, die unsere Supervisionsarbeit

darstellen mögen.

Derzeit gibt es drei Anamnesegruppen,

also sechs Tutorlnnen, die sich

alle zwei Wochen Montag abends von

19:00 - 20:30 Uhr treffen. Je nach

Dringlichkeit können dann ein oder

zwei Tutorenpaare einen Patienten,

eine Patientin oder ihre Gruppe vorstellen.

Wichtig dabei ist die regelmäßige

Teilnahme aller, denn die Supervisionsgruppe

muß. - ähnlich wie die

Anamnesegruppe - zusammenwachsen

und Vertrauen fassen. Unbeständige

Gruppen machen offenes und

intensives Arbeiten fast unmöglich.

Auch und gerade bei der Supervision

wird auf vorige Sitzungen zurückgegriffen.

Die Studierenden der anderen

Anamnesegruppen sind einigermaßen

bekannt und gruppendynamische Prozesse

werden so besser verstanden.

Natürlich gab es aber auch in unseren

Supervisionsgruppen immer wieder

das Phänomen, daß Tutorlnnen nicht

teilnahmen oder unregelmäßig erschienen.

Erklärungsansätze wurden

viele angeboten: ist dieses Fernbleiben

eine Angst vor Konfrontation und

Kritik? Könnten nicht eigene Zweifel

über einen ungünstigen Verlauf der

Gruppe bekräftigt werden? Da gibt es

ja auch die „älteren" und „erfahreneren"

Tutorlnnen und einen wirklich

kompetenten Supervisor. Der Schritt

hinaus also aus der sicheren „peergroup",

die selbst geleitet wird, in eine

Gruppe, die alles hinterfragt, reflektiert

und gegebenfalls kritisiert. Immer wieder

wurden Zeitmangel, Studienstreß

oder wichtige, unumstößliche Termine

als Grund angeführt. Tatsachen also,

die jeder von uns kennt. Die darauf

bezogene Intervention unseres Supervisors

:"Die Realität ist die beste Abwehr!"

macht wahrscheinlich heute

noch einigen Kopfzerbrechen.

Inhaltlich beschäftigt sich die Supervision

- wie oben schon angedeutet -

schwerpunktmäßig entweder mit Patientinnen-

oder mit Gruppenvorstellungen,

Das Tutorlnnenpaar stellt in ei-

.nem 15- 20 minütigen freien Vortrag

den Fall vor, danach folgen die Gedanken

und Eindrücke der anderen,

was in die Diskussion überleitet, wie

wir sie aus dem Nachgespräch der

Anamnesegruppe kennen.

Exemplarisch soll eine der vielen Patientinnenvorstellungen

zur Verdeutlichung

beitragen: Frau M., Mitte 70,

leicht gehbehindert, jedoch aktiv und

geistig sehr rege, kam wegen unerträglichen

Juckreizes in die Hautklinik.

Diese Symptomatik begann nach einem

Autounfall vor ca. zwei Jahren.

Wir erfuhren

in dem 40 Minuten langen

Anamnesegespräch u.a. auch

vom Tod ihres ältesten Sohnes vor

einigen Jahren: vor den Augen seiner

Mutter wurde dieser von einem LKW

langsam überrollt. Auf die Frage, wie

sie mit diesem Schicksalsschlag fertiggeworden

sei, antwortete sie mit

einem damals verfaßten Gedicht, welches

sie in der Gruppe vortrug und mit

einem scheinbar zufriedenen und stolzen

Lächeln beendete.

Wie sich im Nachgespräch herausstellte,

waren diese beiden Gegebenheiten

der eindrucksvollste Teil des

Gespächs. Die sehr detailierte und

recht brutale Beschreibung, wie ihr

Sohn umkam, löste tiefe Traurigkeit in

der Gruppe aus. Dagegen wurde das

Gedicht zwar als erstaunlich

, doch

eher unpassend empfunden - denn es

gab (zumindest der Gruppe) keinen

Trost.

In der Supervision wurde mit Hilfe dieser

Schilderung ein Zusammenhang

zwischen den beiden Verkehrsunfällen

hergestellt: als möglicher Auslöser für

den unerträglichen Juckreiz, das

selbstzerstörerische Aufkratzen

und

das „sich in der eigenen Haut nicht

mehr Wohlfühlen", kommt also der unverarbeitete

Tod des Sohnes in Betracht,

der durch den eigenen Autounfall

erneut ins Gedächtnis gerufen

wurde. Die schwer zu ertragende Tatsache,

daß sie, die „alte" Mutter -

wenn auch verletzt - ihren Unfall

überlebt hat, und ihr Sohn „in der Blüte

seines Lebens" sterben mußte, machen

Fragen nach dem „Warum?" und

nach unbewußten Schuldgefühlen der

Mutter nachvollziehbar.

Als wirkliche Bereicherung empfanden

wir auch die Einführung und Klärung

neuer, meist psychoanalytischer Termini:

Übertragung, Gegenübertragung,

Phallische Reaktion, Konversionsneurose,

Hysterie, Abwehrmechanismus,

um nur einige zu nennen. Diese wurden

von unserem Supervisor sehr dosiert,

und jeweils der Zusammensetzung

unserer Gruppe angepaßt, eingeführt.

Die Verständlichkeit blieb

oberstes Gebot, so daß sich nicht einzelne

durch ihr Vokabular abgrenzen

32

33


.Die Realität ist die beste Abwehr"

PGM 1 5

konnten oder andere ausgeschlossen

wurden. Von Zeit zu Zeit stellte er

auch Erklärungsmodelle für p$ychosomatische

Erkrankungen vor oder

machte auf Ansätze einer notwendigen

psychotherapeutischen Begleitung

vorgestellter Patientinnen aufmerksam.

Nicht zuletzt erfüllt die Supervision

auch eine wichtige Schutzfunktion:

Schutz und Rückhalt einerseits für die

Tutorlnnen durch die Bearbeitung

gruppendynamischer Prozesse und

konkrete interventionsvorschläge von

Seiten der Supervisionsgruppe oder

des Supervisors. Denn wer kennt es

nicht, daß eine Gruppe bestimmte

Themen stets ausklammert, daß ein

aggresives Klima aufkommt oder aber,

daß die Gruppe sich verkleinert und

zusammenzubrechen droht.

34

Schutz und Sicherheit anderseits auch

für die Patientinnen, die Interviewerinnen

und die ganze Gruppe, da auftretende

Probleme besser verstanden

und Ergebnisse gegebenenfalls nach

einer Supervision in die Gruppe zurückgetragen

werden können, Oft gelingt

es dann, dem Gefühl Einzelner,

nicht verstanden zu werden, entgegenzuwirken.

Auch überhöhte Ansprüche

und Erwartungen der Teilnehmerinnen,

z.B. an das selbst geführte Patientinnengespräch,

das oft mit Enttäuschungen

verbunden ist, können

besser aufgefangen werden. Abwehrmechanismen

und Widerstände der

Gruppenteilnehmerinnen werden reflektiert.

Diese können in der Gruppe

angesprochen werden oder aber gezielt

unbenannt bleiben, wenn deren

Aufrechterhaltung notwendig erscheint.

Nach knapp zwei Jahren haben wir

uns mittlerweile gut mit unserer Rolle

als Tutorln identifiziert - nicht zuletzt

dank der zahlreichen Supervisionen.

So dachten wir schon bei der Übernahme

unserer zweiten Gruppe, daß

mit unserer damaligen Erfahrung wohl

alles wie am Schnürchen laufen müsse.

Das stimmte dann freilich nur z.T.:

die Aufregung vor den Sitzungen - sowohl

der Anamnesegruppe, als auch

der Supervision - war weitestgehend

weg. Wir hatten auch erfahren, daß

begangene Fehler zwar schmerzlich

sein können, aber selten unkorrigierbar

bleiben. Doch verleiteten uns die

gemachten Erfahrungen eins ums andere

Mal dazu, der Gruppe einen

Schritt vorauszueilen. Sei es, daß wir

ihnen selbsterdachte Deutungen überstülpten

oder sie zur Bearbeitung uns

wichtig erscheinender Themen „zwingen"

wollten. Je länger wir diese Rolle

nun ausfüllen, desto geduldiger werden

wir, mit dem Wissen im Hintergrund:

jede Gruppe entwickelt ihre eigene

Dynamik.

Abschließend möchten wir noch betonen,

daß ohne Supervision die Anamnesegruppen

in Tübingen nicht vorsteflbar

wären. Mit der Zeit wurde sie -

für uns jedenfalls - zur fruchtbarsten

Lehrveranstaltung im Fach Humanmedizin.

Keine Stunde möchten wir

M

Mft

Völlig erschöpft steigt POM Fritz in den nächsten IGE nach Norden.

Auf dem Programm steht noch Homburg, daß zumindest wegen des

gelungenen „Generationswechsels" bei der Tutorenfamilie einen Besuch

wert ist. Kurz nach Darmstadt ist er auch schon eingeschlafen.

„Main, Moin men Deerns un min Jungs, we von ne IGE Crew Klaus

Stortebecker verabschieden uns, hevvt ne bannige Tied an ne Waterkant

in Haamburch. We wüern uns freien wenn se wedder mit us

fahrn." Na ja denkt sich Pommi eigentlich wollte ich ja direkt zurück

nach Berlin, aber wenn ich schon mal in der Hansestadt bin, könnte

man ja mal anamnesegruppentechnisch nach dem Rechten sehen.

Die Anamnesegruppen scheinen hier im großen Stil reanimiert worden

sein.

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l


POW1S

Von Iris Kachle, Hamburg

Anamnesegruppen in Hamburg

Es gab sie schon einmal - doch inzwischen

ist keiner von den ersten Teilnehmerinnen

mehr dabei. Nach ein

paar Semestern Pause, in denen das

Bestehende verschwand fanden sich

Tutorinnen zusammen, um Anamnesegruppen

auch in Hamburg wieder zu

etablieren. Wie auch bei den früheren

Gruppen, erklärte sich zunächst nur

die Hautklinik dazu bereit, uns Patientinnen

zu vermitteln. Die Räume stellte

uns die Medizinische Psychologie zur

Verfügung ebenso die Supervisorrinnen.

Da nun keiner eine Vorstellung,

geschweige denn Ausbildung zum/zur

Tutorln hatte, organisierten wir den

Ablauf wie folgt: Die Aufgaben der

Tutorinnen waren zunächst darauf beschränkt,

das Organisatorische am

Anfang des Semesters zu erklären.

Nach jedem Anarnnesegesprach, in

dem wir neben den medizinischen Inhalten

versuchen den Schwerpunkt

auf die Erhebung der Sozial - und Familienanamnese

zu legen, haben wir

die Möglichkeit uns innerhalb der

Gruppe über den Ablauf des Gesprächs

und die wahrgenommenen

Eindrücke kritisch zu unterhalten. In

der Supervision reden wir dann in der

ganzen Gruppe über die zwei vorangegangenen

Anamnesen. Das ermöglichte

allen Mitgliedern eine ausführliche,

professionell geleitete Nachbesprechung.

So haben wir vor drei Semestern

mit drei kleinen Gruppen (a 5

- 8 Teilnehmerinnen) angefangen. Als

nächsten Schritt haben wir uns dann

letztes Semester vorgenommen, in

Kontakt zu anderen Kliniken zu kommen.

Mit Unterstützung des Studiendekans

und einer Professorin der Medizinischen

Psychologie sind wir dieser

Erweiterung nähergekommen: Im

nächsten Semester werden wir dann

auch Patientinnen aus anderen Fachrichtungen

sehen können, was eine

willkommene Abwechslung zu den

Hautpa-tientlnnen darstellen wird. Ein

weiteres Ziel ist es, eventuell eine Art

Tutorlnnen-Training zu ermöglichen,

um ,,Neulingen" den Schritt zur Anleitung

zu erleichtern.

Eigentlich hat er jetzt schon genug von Fischsuppe und Matjes mit

Bratkartoffeln, aber in Lübeck mit den Anamneslern, die er über die

Homepage kennengelernt hat, live zu ehalten, ein Besuch bei den

Buddenbrooks, und nicht zuletzt die Aussicht auf das gute Marzipan

lassen ihn dann doch den Bummelzug über Bargteheide, Ahrensburg

und Bad Oldesloe nehmen. Irgendwie ist das platte Land hier oben ja

doch ganz abwechslungsreich: Kühe, Schafe, Kühe, Schafe, Kühe,

Vogelscheuche.,.

Bericht aus Lübeck

Von Sonja Pfäffle, Martin Petersen und Tilo Kiesse, Lübeck

Nur durch Zufall und über Kontakte

durch die neue Homepage der Anamnesegruppe

haben wir vom POM erfahren.

Wir, das sind Sonja, Martin

und Tilo - Tutoren der Lübecker

Anamnesegruppen. Womit wir gleich

bei unserem Hauptproblem wären, seit

zwei Jahren haben wir kaum noch

Verbindung mit anderen Anamnesegruppen

in Deutschland. Mit diesem

Artikel hoffen wir wieder mehr Kontakte

zu knüpfen und wollen Euch

deshalb kurz über unsere Gruppen

berichten.

Anamnesegruppen gibt es in Lübeck

seit 1994. Angefangen hat es erst mit

einer Gruppe, spater entstanden dann

noch zwei weitere mit wechselnder

Mitgliederzahl. Etwas Spezielles in

Lübeck ist die Schirmherrschaft durch

die Klinik für Psychiatrie (oder ist das

gar nicht speziell, sondern überall so

?). Es gab in der Anfangszeit häufig

Probleme mit der „Freigabe" der Patientinnen

durch einige Stationsärztinnen

für unsere Gespräche, fanden

diese doch in einem separaten Raum

außerhalb der Stationen

hörten oft das Argument:

statt. Wir

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36


Bericht aus Lübeck

„Was ist, wenn etwas passiert? Wer

trägt die Verantwortung?" Um das

Konzept der Anamnesegruppen nicht

ganz zu verlieren und z.B. einen

AlP'ler zugeteilt zu bekommen (das

war wirklich ernsthaft im Gespräch,

von Seiten der Professoren !!), entschieden

wir uns, das Angebot der

Schirmherrschaft durch den Klinikleiter

für Psychiatrie anzunehmen. Er

„bürgte" für die „Sicherheit" der Gruppen

und so hatte alles seine bürokratische

Ordnung in der kleinen Uni Lübeck....

Anderseits stellt uns die Klinik für

Psychiatrie und die Abteilung Psychosomatik

der Inneren auch Supervisorinnen,

die sich mit jeweils einer Gruppe

regelmäßig alle vierzehn Tage treffen.

Dort können dann alle Probleme angesprochen

werden, die so bei Anamnesen

„anfallen" und in den Nachgesprächen

der Gruppen ungelöst blieben. Es

ist ein Treffen für die ganze Gruppe und

nicht nur für die Tutoren.

Zur Zeit gibt es drei Gruppen mit 5-10

Teilnehmerinnen pro Gruppe. Jede

Gruppe entscheidet für sich, was primär

das Ziel eines Gespräches mit Patientinnen

sein soll. Mal liegt der Schwer-

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punkt bei der klinischen Anamnese mit

genauen Fragen zu Symptomen, Verlauf

etc. ohne natürlich den Menschen

als Ganzes zu vergessen; mal konzentriert

sich eine Gruppe mehr auf das

soziale Umfeld und hinterfragt die Lebensgeschichte.

Wir sind drei von fünf „do it yourself

Tutoren, die alle niemals auf Tutorentreffen

waren. Die „alten" Tutorenlnnen

sind nach und nach ausgeschieden und

wir neuen haben dann versucht die

Anamnesegruppen „am Leben zu halten".

Das machen wir jetzt zwei Jahre

lang und brauchen dringend einmal ein

paar Kontakte nach draußen. Leider

haben wir es in der Vergangenheit nicht

geschafft, zu den verschiedenen Treffen

zu fahren und damit den Anschluß

verloren. Das Maitreffen in Marburg

wird ein neuer Anfang sein.

Was in Lübeck auffällt, ist eine abnehmende

Teilnehmerinnenzahl der Gruppen.

Das Interesse an Anamnesegruppen

scheint in den Semestern nicht

sehr hoch, was uns etwas nachdenklich

stimmt. Vor allem die Kliniker machen

sich rar, ganz im Gegensatz zu den

Vorklinikern. So kommt es vor, daß in

einigen Gruppen zwei Klinikerinnen mit

P6W 15

acht Vorklinikern zusammenarbeiten.

Dabei sollte mensch ja eigentlich glauben,

gerade die Kliniker könnten ein

Vielleicht kann die neue Homepage der

Anamnesegruppen ein Platz für Diskussionen

und Austausch solcher und anderer

umfassendes Anamnesetraining gebrauchennächst

Fragen werden. Wir werden dem-

unsere e-mail -Adresse dortveröffentlichen.

Machen wir etwas falsch ???? Wie sieht

es denn in den anderen Unis aus ? In

Berlin bekommen nicht mal alle Interessierten

Wir freuen uns auf eure Post!

ein Platz in den Gruppen und es

gibt Wartelisten, zumindest war das vor

3 Jahren so.

Postanschrift: Martin Petersen, Schwartauer Allee 4, 23554 Lübeck

Tel: 0451/473785

Jetzt hat es zwar leider nicht mit dem versprochenen Tutorentraining

Lübeck und Köln geklappt, aber dafür gibt es zum Thema den Artikel

„Tips mit Grips" auf Seite 134, und zum Thema „Unterlassung" auf

Seite 81.

Am schönsten ist es ja doch zuhause, und die Sehnsucht nach Europas

größter Baustelle, nach Großstadtluft, Döner und Currywurst,

treiben ihn schließlich dazu gen Heimat zu trudeln. Kaum dem U-

Bahnschacht entstiegen vernimmt er schon die ersten Beschimpfungen,

die in eine nichtendenwollende Haßtirade münden. Adressat ist

ein gewisser Bill Gates, der es sich seit Beginn der ROM Arbeit immer

mehr mit Henning verscherzt hat. Wie man mit der Wut umgehen

kann brüllt Seite 56. Schließlich hatte der Computer doch noch

erbarmen mit Henning und spuckte nicht nur „Berliner Bonbons"

sondern noch jede Menge spannender Artikel aus. POM Fritz ist froh

endlich ins Fett zu kommen um sich in aller Ruhe die Artikel im

zweiten Teil des POM's zu Gemüte zu führen.

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Ein paar Berliner Bonbons

POTK 15

Ein paar Berliner Bonbons

Von Tillmann Jacobi, Berlin

Berlin: große Stadt, drei (bzw. zwei)

Universitätsklinika, viele Krankenhäuser

von alter oder top-moderner

Ausstattung, mehrere Schwerpunktstationen...

Im Grunde ein Traum für

Medizinstudenten oder Anmnesegruppen.

Beim Wechsel aus dem kleinen

Homburg hierher war ich persönlich

ganz baff, was es noch so alles gibt

oder geben kann, die Anamnesegruppenarbeit

zu ergänzen. Im Nachhinein

denke ich, nicht bloß in großen Städten

mildem schnelleren Puls, sondern

überall, wenn man die Beteiligten nur

aktiviert, Die meisten Institutionen sind

sehr kooperativ und hilfsbereit. In Berlin

sind so regelmäßig Gruppen zu

Gast in einer Abteilung für Naturheilkunde

im Krankenhaus Moabit, in der

mit „alternativen" Methoden und Erkenntnissen

gearbeitet wird, z.B. diätische

Maßnahmen u.a.. Im Auguste-

Viktoria-Krankenhaus im Süden Berlins

befindet sich ein Schwerpunkt für

HIV/AIDS, im Jüdischen Krankenhaus

für Suchtpatienten, insbesondere Alkoholiker.

Auch wenn die Thematik in

beiden Bereichen sensibel zu handhaben

ist und viele Tabus gestreift werden,

zeigen sich die Mitarbeiter dort

sehr vertrauensvoll und lassen uns

Gruppe machen, ohne daß ein Arzt

dabei sein will oder muß.

Ein wichtiger weiterer Pluspunkt: Fortbildungen,

etwa ein bis zweimal pro

Semester. Wir -können uns relativ

spontan Seminare bei Spezialisten

organisieren, die meist kostenfrei von

ihrer Arbeit erzählen oder uns auch

konkrete Anleitung für Problemthemen

geben, z.B. Sexualanamnese,

Schmerztherapie, Suchtproblematik.

Es hat sich gezeigt, daß es den Dozenten

gar nicht so wichtig ist, wer

Anamnesegruppentutoren überhaupt

sind und was sie genau machen, sondern

daß es akzeptiert wird, wenn sich

einfach „etwa 10 Studenten, die etwas

zu einem Thema lernen und erfahren

wollen" anmelden. Der Wille und das

Interesse, noch neben dem Studienalltag

etwas zu erfahren, reichen als

Argument, dazu muß man sich nicht

als Tutor ausweisen. Bestimmt auch in

anderen Städten, oder?!!

ARTIKEL

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Anamnesegruppen: Ein Unterrichtsmittel, im Medizinstudium Sinn zu finden?

Anamnesegruppen: Ein Unterrichtsmittel,

im Medizinstudium Sinn zu finden?

- Eine Retroperspektive ihrer fast dreißigjährigen Eigenanamnese *

' Basierend auf einem Vortrag, der am 15.1.1998 in der Abteilung Psychotherapie

und Psychosomatik der Universität Ulm gehalten wurde. Auf deren homepage ist

der gesamte Text enthalten.

Von Wolfram Schüffei, Marburg, ehemals Ulm

Am 2. Januar 1967 wurde in Ulm das Zentrum für Innere Medizin und Kinderheilkunde

eröffnet. Es bestand seitens der Inneren Medizin aus drei Abteilungen, nämlich

der Abteilung Innere Medizin/Hämatologie, der Abteilung Innere

Medizin/Endokrinologie

und der Abteilung Innere Medizin/Psychosornatik und Psychotherapie.

Diese letzte sollte abweichend von den beiden anderen Abteilungen durch

zwei Professoren gemeinsam geführt werden; Der eine war der damals in

Deutschland als psychosomatischer Internist ausgewiesene Gießener Polikliniker

Thure von Uexküll, der andere war der wesentlich jüngere, aber aufgrund seiner

Anorexie-Forschungen bereits damals ebenfalls sehr bekannte und soeben erwähnte

Helmut Thomä, Psychiater, Neurologe und Psychoanalytiker.

Meine Arbeit in Ulm nahm ich am 2. Januar 1968 auf, indem ich wissenschaftlicher

Assistent des Zentrums für Innere Medizin und Kinderheilkunde wurde, dort meine

internistische Weiterbildung begann und parallel hierzu meine psychotherapeutische

Weiterbildung aufnahm. Sehr schnell merkte ich, daß sich die Atmosphäre des

klinischen Alltags in der Tat sehr deutlich von dem abhob, was ich in den bisherigen

Universitätskliniken erlebt hatte. Die damaligen Ulmer Assistenten beschreiben diese

Atmosphäre in ihren Treffen noch heute als eine Aufbruchstimmung. Man sah

sich vor die Herausforderung gestellt, Medizin neu zu praktizieren.

Interdisziplinarität zugunsten besserer Patientenversorgung

Schon vor dreißig Jahren war immer deutlicher geworden, wie die Spezialisierung in

der Medizin überhandnahm. Gleichzeitig drohte die Allgemeinmedizin zu verkümmern.

Die größte Herausforderung war nunmehr, die Interdisziplinarität so einzuüben,

daß sie sich in der Patientenversorgung widerspiegelte. Der drohenden Spezialisierung

sollte weiterhin entgegengewirkt werden, daß Allgemeinmediziner auf

den Stationen arbeiteten und umgekehrt Stationsärzte in den Praxen tätig wurden.

Wir wußten damals gar nicht so recht, was Psychosomatik eigentlich ist. Es gab

zwar Bücher hierüber, aber wenig Praxis; am wenigsten ein Anschauungsmodell,

wie Psychosomatik innerhalb eines 350-Betten-Hauses zu integrieren ist. Selbst

erfahrene Hausärzte, wie der damals sehr bekannte Häußler hätten bei der Versorgung

des einzelnen Patienten nicht gewußt, wie sie aus der Psychosomatik den

Uexküllschen Situationskreis mit der damals aufkeimenden Balintschen Selbsterfahrung

und mit Adlerscher Interviewtechnik (heute in den Anamnesegruppen geübt)

so zu einem Ganzen integrieren, daß alles vor naiven Fragen standhielt. Diese

wurden gestellt, wenn uns aus Leiden kommend der Internist, Diabetologe und

Psychosomatiker JJ. Groen (Emeritus der Universität Jerusalem) besuchte.

Zu dieser Zeit (1968) kamen auch die ersten Studenten nach Ulm und machten

unter anderem auch ihre Famulaturen. Sie erzählten teilweise von meinen Patienten

Dinge, die ich als Stationsarzt nicht im Entferntesten wußte. Neugierig gemacht,

einigte ich mich mit ihnen auf regelmäßige Patientenbesprechungen in der Woche.

Bei jeder Falldiskussion ergab sich eine Vielzahl von Beobachtungen, die sich z.T.

widersprachen. Um das zu vermeiden, einigten wir uns darauf, daß im Gesamtkreis

der Studenten und mir jeweils ein Patient nach dem Adlerschen Muster untersucht

werden sollte. Danach trafen wir uns zu einer Nachbesprechung und wiederum

traten die vielen Widersprüche auf. In den bisherigen Fallbesprechungen hatten wir

immer versucht, schließlich eine Mehrheitsentscheidung herbeizuführen, um endlich

zur Diagnose zu kommen.

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Die weiteren Entwicklungen ab 1976/77: Marburg, Heidelberg, Ascona

- und dann ins Deutschsprachige zurück

Hier kam mir der entscheidende Einfalt: Ich dachte an meine eigenen Erfahrungen

als Student, die ich Anfang der 60er Jahre in Famulaturen in einer Londoner Medica!

School (Royal Free Medical School) gesammelt hatte. Mir war dort aufgefallen,

wie die Dozenten immer wieder sehr intensiv die Studenten nach ihren Beobachtungen

gefragt hatten und es dann der Gruppe selber überließen, sich ein endgültiges

Bild zu machen. Aufgefallen war mir hierbei, daß es für diese englischen Dozenten

viel weniger ein Richtig- oder Falschurteil gab, sondern viel häufiger die

Frage gestellt wurde, „Unter welchen Umständen kam es zu Ihrem Eindruck?" Noch

heute bin ich davon beeindruckt, wie auf diese Weise eigene Stärken wie Schwächen

für mich deutlich wurden. Wie sich nachfolgend die Möglichkeiten boten, hieraus

Konsequenzen zu entwickeln.

Auch die Ulmer Studenten waren hiervon angetan. Wir beschlossen, regelmäßige

wöchentliche Treffen herbeizuführen. Bald kam aus dem Kreis der famulierenden

Studenten die Frage, ob nicht auch Studenten an den Treffen teilnehmen könnten,

die jetzt im Pflegepraktikum seien? Es sei doch beeindruckend, so war das Argument,

was diese aus ihrer pflegerischen Sicht zu den Patienten zu sagen hätten.

Nach einer geraumen Zeit des ZÖgerns stimmte ich mit dem Vorbehalt zu, daß es

ein Experiment bleiben müsse. - Schon nach kurzer Zeit merkte ich, daß die Studenten

recht hatten: Sie ergänzten sich vorzüglich in ihren Sichtweisen.

Das war die Geburtsstunde der Anamnesegruppen: Kliniker und Vorkliniker trafen

sich, um in einer gemeinsamen Gruppe wöchentlich bei einem Patienten nach dem

Modell von Engel-Adler das Erstgespräch zu führen.

Diese Entwicklung spielte sich im Wintersemester 1969/70 ab. Sie sprach sich auf

den anderen Stationen des Zentrums für Innere Medizin und Kinderheilkunde herum.

Die Nachfragen zu Gruppenplätzen wuchsen. Da die Gruppen aber zu diesem

Zeitpunkt einen akademisch qualifizierten Leiter brauchten, mußten Mitarbeiter und

Mitarbeiterinnen gewonnen werden.

Es gab einen weiteren, entscheidenden Entwicklungsabschnitt: 1976/77, nachdem

ich einen Ruf auf den Marburger Psychosomatik-Lehrstuhl angenommen hatte, versuchten

die ehemaligen Ulmer, nunmehr Marburger Studenten UN Egle und Aegidius

Schneider die Anamnesegruppen nach Marburg zu verpflanzen. Der Not, aber

auch einer inneren Überzeugung gehorchend, sagten wir, daß die Gruppenleitung

nicht automatisch durch den Graduierten erfolgen müsse. Sie könne auch durch

den studentischen Tutor ausgeübt werden. So geschah es: Von jetzt an waren die

Studenten die Leiter der Anamnesegruppen. Die Anamnesegruppen wurden also

auch durch Gleichrangige geleitet. - Bereits in der Zwischenzeit war es zu einem

internationalen Austausch dadurch gekommen, daß die Anamnesegruppenteilnehmer

von Boris und Wilma Luban-Plozza eingeladen ab 1974 an den Balinttagen von

Ascona teilnahmen. Hier trafen sie auf Studenten anderer Fakultäten, zunächst auf

diejenigen von Heidelberg. Anfang der 80er Jahre wurde das Konzept einer breiteren

Öffentlichkeit vorgestellt (Schüffei, 1983; Schüffei, Egle, Schneider, 1983),

Außerhalb Ulms wurde die Anamnesegruppenentwicklung zunächst in Heidelberg

aufgenommen und dort in eigenständiger Weise bearbeitet. Ebenfalls Anfang der

80er Jahre wurde ein Durchbruch erreicht, als etwa zeitgleich in Erlangen durch T.

Loew und in Bonn durch V. Köllner die Gruppenarbeit eingerichtet wurde. 1987 kam

es nach eigenständiger Entwicklungsarbeit zu einer Übernahme in Wien, der bald

darauf die beiden anderen österreichischen Universitäten Graz und Innsbruck folgten.

Die auch späterhin erfolgende Weiterentwicklung dieser gelegentlich als

„Selbsthilfegruppe von Studentinnen und Studenten 1 apostrophierten Vorgehensweise

kann man bei regelmäßig stattfindenden Mai-Treffen in Marburg erleben. Hier

treffen sich die Tutoren der Anamnesegruppen, die nunmehr an etwa 25 deutschsprachigen

Universitäten etabliert sind.

Wie bei den Internationalen Balinttreffen, die alljährlich im Frühjahr in Ascona stattfinden,

so wird auch bei den eben erwähnten Mai-Treffen in Marburg der jeweilige

45

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t s

Entwicklungsprozeß wohlwollend kritisch geprüft und mit neuen Lernkonzepten erweitert

(Schüffei, Pauli, 1996). In dem Aachener Balintkooperationsmodell wird diese

Aufgabe unter dem Leitwort „Training cum Research" fortgesetzt (Petzold, Altmeyer,

1996). Auf diese Weise wurde über drei Jahrzehnte ein Ausbildungskonzept

für deutschsprachige Studenten entwickelt, Elemente patientenzentrierter Medizin

an drei verschiedenen Orten überregional kennenzulernen und sich anzueignen.

Hierbei verfolgen die Studenten ein dreifaches Arbeits-/Lernziei:

Die Studenten nutzen die Anamnesegruppe als Möglichkeit, ihre jeweils eigene bejrufl/che

Sozialisation zu reflektieren. Dies tun sie in dreifacher Form.

Sie führen das Gespräch mit dem körperlich Kranken in der Absicht, eine Gesamtdiagnose

(Balint) zu stellen. Dies geschieht unter Bezugnahme auf das biopsycho-soziale

Modell im Rahmen eines intsraktionszentrierten Ansatzes.

• Sie führen das Gespräch in der Gegenwart ihrer Mitstudenten, d.h. der Gruppe

der Peers, die als Team wahrgenommen und aufgrund ihrer unterschiedlichenli

Beiträge als Flauen und Männer, als Vorkliniker und Kliniker wie als Persönlich-,

keiten wachsend geschätzt werden.

• Sie führen das Gespräch mit dem Bewußtsein, daß die Situation, d.h. der eigene

Ausbildungsstand, die Praxis, die Klinik des Patienten, die nächste Supervision

und nicht zuletzt die Auswahl des Patienten durch den Stationsarzt das jeweilige

Bild der Krankheit Qines Menschen bestimmt. __ |

Arbeits-/Lernziele der Anamnesegruppen (Schüffei, Ulm, 1998}

Wie Anamnesegruppen und Reformuniversitäten voneinander profitieren

können

Medizinstudentinnen machen heute noch sehr viel stärker als vor nahezu dreißig

Jahren die Erfahrung, daß die Spezialisierung überhand genommen hat. Den an

den Reformuniversitäten von MacMaster, Beer Sheva und in Maastricht, etwas

später in Newcastle (Großbritannien!) aber auch in New South-Wales (Australien)

gemachten Erfahrungen scheinen an Deutschland bisher spurlos mit Ausnahme

von Herdecke/Witten und eines geplanten reformierten Studienganges an der Charite

in Berlin vorbeigegangen zu sein. Dagegen werden die Maastricht-Erfahrungen

in den Niederlanden zunehmend von den anderen sechs medizinischen Fakultäten

übernommen und selbst das traditioneile Leiden und die Medical Schools in Großbritannien

schlössen sich an. Bei uns kam es dagegen zu dem unsäglichen Streit,

ob die psychosozialen Fächer noch Pflichtfächer bleiben und die Allgemeinmedizin

in ihrer Eigenständigkeit erhalten bleibt.

Das hat die Anamnesegruppenbewegung eher gestärkt. Im Laufe der Jahrzehnte

sahen die Studenten hier, d.h. auf diesem Feld der bewußten Reflexion ihrer eigenen

Sozialisation die Möglichkeit einer eigenständigen Betätigung. Regelmäßig höre

ich während der Mai-Treffen Formulierungen wie die, daß erst durch die Arbeit in

den Anamnesegruppen dem Medizinstudium ein Sinn zuwuchs. Anläßlich dieses

Vertrages berichtete mir der ehemalige Rektor der Universität Ulm, H. Baitsch über

das Treffen des zweiten Medizinerjahrganges von Ulm, das kurz zuvor anläßlich

des 20. Jahrestages ihres Staatsexamens abgelaufen war. Unter den wenigen ausgesprochen

positiven Erinnerungen an die Ausbildungszeit nahm die Arbeit mit der

Anamnese und der Anamnesegruppe einen vorderen Platz ein.

Es ist erstaunlich zu sehen, wie sich eine studentische Initiative über nahezu drei

Jahrzehnte nicht nur gehalten sondern weiterentwickelt hat. Unseres Wissens handelt

es sich zumindest im deutschsprachigen Raum um ein einmaliges Phänomen

unter Medizinstudenten. Wodurch wird diese Entwicklung bewirkt?

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Anamnesegrüppler sind vielfach im Ausland gewesen, und haben u.a. auch die

Reformuniversitäten kennengelernt. Ich stelle mir vor, daß sie besonders geeignet

sind, die ausländischen Erfahrungen kritisch zu überprüfen, um dann zu sehen, wie

der matrixgesteuerte Unterricht der obengenannten Reformuniversitäten in der Vorreiterrolle

von MacMaster in Deutschland übernommen werden könnte. Auf deren

Erfahrungen sollte nicht nur zurückgegriffen werden. Vielmehr sollte gesehen werden,

daß in Anamnesegruppen unter sozial-affektiven Gesichtspunkten ein Ma-

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Anamnesegruppen: Ein Unterrichtsmittel, im Medizinstudium Sinn zu finden?

trixsystem bereits praktiziert wird. So könnte ich mir vorstellen, daß die Mitglieder

einer Anamnesegruppe wesentlich besser als die Studenten mancher englischöder

holländischsprachigen Reformuniversität darauf vorbereitet sind, sich auf die

sozial-affektiven Prozesse einzulassen, die im Laufe einer mehrjährigen Betreuung

etwa einer Familie auftreten. Hierbei könnte auf einen „Anamnesegrüppler" zurückgegriffen

werden, die im oben beschriebenen Sinne mehrjährig an Anamnesegruppenarbeit

teilnehmen. Es wäre vorsteilbar, daß die Mentorenfunktion solcher Gruppen

von Studenten aus Anamnesegruppen übernommen wird. Denkbar wäre auch,

daß Anamnesegrüppler themenbezogene Arbeitsgruppen bilden und in einem interdisziplinären

Sinne bestimmte Problembereiche bearbeiten und gleichzeitig ihre

Sozialisation reflektieren, Der Vorteil eines solchen Vorgehens (vergl. Schüffei,

Köllner, Falk, 1999) wäre, daß wir auf diese Weise in unserem Kulturbereich Gewachsenes

heranzögen, das wir mit wichtigen Reformansätzen des Auslandes verbinden

könnten. Hierdurch ergäbe sich die Möglichkeit zu einer wesentlich höheren

Flexibilität für dringend benötigte Experimente im Bereich der medizinischen Ausbildung.

Anamnesegruppen würden aktiv an der Reform des Gesundheitswesens

teilnehmen und damit der Aufforderung nachkommen, diese Gesundheitsreform

nicht als ökonomische sondern als kulturelle Aufgabe zu sehen.

Von Tillmann Jacobi, Berlin

Die Angst vor dem ersten Satz

Mann, jetzt sitze ich hier, der Patient ist auf dem Weg hierher und alle sind ganz

nervös. Wir kennen uns ja kaum und jetzt soll ich ein gutes Interview machen, während

alle anderen nur zuschauen. Das ist das erste Mal, daß ich auf so eine Art mit

einem Kranken zu tun habe. Und dabei kann ich ja noch gar nichts. Womöglich erzählt

dieser Patient von irgendeiner Krankheit oder Untersuchungen, von denen ich

noch nie etwas gehört habe. Wie peinlich wäre das, ich habe ja wenigstens noch

zuhause einen Zettel gemacht mit den wichtigsten Fragen, die ich auf jeden Fall

stellen muß oder will, Doch jetzt kommt mir der Zettel wie ein Fremdkörper vor und

viel zu groß. Soll ich eigentlich mitschreiben, wenn mir der Patient etwas erzählt?

Ich werde mir doch unmöglich alles merken können. Hmm, aber das stört wieder

den Kontakt, oder?

?s

Literatur:

- Petzold E.R., S. Altmeyer: Balintarbeit im Krankenhaus, Krankenhausarzt 69,

5, 220-227, 1996

- Schüffei W. (Hrsg.): Sprechen mit Kranken: Erfahrungen studentischer Anamnesegruppen:

Urban & Schwarzenberg, München 1983

- Schüffei W., H. Pauli: Ausbildung zum Arzt; in: Th. von Uexküll (Hrsg.): Psychosomatische

Medizin, 5. Aufl., Urban & Schwarzenberg, München 1996

- Schüffei W., U. Egle, Ae. Schneider: Studenten sprechen mit Kranken. Anamnesegruppen

als Ausbildungsform. MMW 39: 845-848, 1983

, Schüffei, W., V. Köllner, C. Falk (Hrsg.): Wege der Anamnesegruppen: Praxis

und Theorie; voraus. Erscheinung Frühjahr 1999

Hoffentlich ist er oder sie nicht zu schlimm krank oder gar entstellt. Ich glaube, das

würde mich durcheinanderbringen. Ich wüßte dann gar nicht, was ich zuerst sagen

sollte. Überhaupt, wie mache ich eigentlich den Anfang? Sage ich meinen Namen?

Vorname und/oder Nachname? Klingt das nicht zu formal? Schließlich bin ich bloß

Student. Und dann?

„Guten Abend, vielen Dank, daß Sie da sind. Wie geht es Ihnen?". Ist vielleicht eine

Spur zu verbindlich. „Hallo, können Sie mir erklären, warum Sie hier sind 7 ". Öh je,

das klingt wie ein Vorwurf. Also: „Erzählen Sie mal, was Sie ins Krankenhaus gebracht

hat", Das wäre ja fast wie ein Gespräch auf der Parkbank: erzählen Sie mal.

Und wenn es ein Spaßvogel ist, würde er womöglich antworten: „ein Krankenwagen".

Na, ja.

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Die Angst vor dem ersten Satz

Verflixt nochmal! Warum muß ich denn dieses erste Mal machen? Die Tutoren haben

doch viel mehr Ahnung als ich oder als wir, die könnten es uns doch einmal

zeigen, wie es „richtig" geht! Statt dessen einfach ein Sprung ins kalte Wasser. Und

wenn ich nicht mehr weiter weiß? Wenn ich gleich am Anfang die Kurve nicht kriege?

Dann bekomme ich vielleicht zack!, eine Diagnose hingeknallt und fertig ist die

Sache - dann habe ich nicht nur die Krankheit nicht herausbekommen, sondern

werde dafür noch fast zwei Stunden lang durch die Mangel gedreht von der Gruppe.

Ich fühle mich viel zu sehr beobachtet, womöglich ist das doch eher ein Psychokurs,

bei dem die Studenten durchleuchtet werden, fachlich und menschlich, wie

soll man sich denn da entspannen und auf ein Gespräch konzentrieren?

POW15

Oh! Draußen sind Schritte zu hören - sie kommen, Unruhe in unserem Raum. Da

geht die Tür auf, der Patient kommt herein - hmm, wirkt ja ganz gut dran und sympathisch,

geht gleich auf mich zu. Und nun?!

„Guten Abend, schönen Dank, daß Sie hier sind. Ich heiße Robert Wechter und

werde mit Ihnen das Gespräch führen. Bitte nehmen Sie hier Platz. Wie geht es Ihnen?"...

(Uff, na also, geschafft!)

Das dauert aber ganz schön lange, bis der Patient da ist. Vielleicht hat er ja auch

kurzfristig abgesagt, keine Lust. Kommen die Patienten eigentlich freiwillig hierher?

Wenn der Patient nicht mitmacht, dann ist die Sache sowieso gegessen. Überhaupt

kommt mir dieser Rahmen hier auf einmal ganz schön künstlich vor - der Patient

erwartet etwas von mir, was ich ihm nicht geben kann. Oder vielleicht erwartet er

auch gar nichts, denn er weiß ja, daß ich für ihn nichts tun kann oder werde, sondern

ihn eigentlich nur benutze. Wie unfair. Würde ich denn als Patient bei so etwas

mitmachen? Muß ich ihm also noch besser sagen, wie nett das ist, wenn er kommt

und sich zur Verfügung stellt? Muß ich ihm erst erklären, wie die ganze Sache hier

abläuft, „Wissen Sie, worum es hier geht?". Aber ich weiß ja auch kaum, was hier

passieren soll oder was alles passieren kann. Schrecklich unsicher das alles!

Und ich darf auf keinen Fall unsouverän wirken, nicht vor dem Patienten und nicht

vor der Gruppe. Also besser ganz sachlich: „Wie lange sind Sie schon hier?". Als

Einstieg etwas abrupt, doch damit erfahre ich ja wirklich nur reine Fakten und gewinne

erst einmal Zeit. Oder so; „Mit weichen Beschwerden sind Sie hergekommen?".

Das habe ich in einem Buch gelesen, ist sicherlich korrekt und gut, auch

wenn dann unter Umständen die ganze Masse von Befunden in einem Schwung

auf mich einprasselt. Also wie denn jetzt?

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Der Gang durch das Haus

Der Gang durch das Haus

Ein Tip zur Anamneseerhebung

Von Tillmann Jacobi, Berlin

„Uff, da kommt jetzt eine Menge auf mich zu. 1

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Ich möchte es nennen; der Gang durch das Haus:

Stelle Dir vor, Du gehst durch ein Haus oder eine große Wohnung. Sicherlich ist es

günstig, wenn es wie Dein echtes, eigenes Zuhause ist. Es gibt eine ganze Anzahl

von Räumen, möglicherweise auch ein paar Treppen und einen Balkon. Diesen

Räumen lassen sich nun ohne größere Schwierigkeiten Eigenschaften, Fragen, Tätigkeiten

usw. zuordnen, die direkte Verwandtschaft mit der Anamnese haben. Besonders

angenehm, wenn auch die Reihenfolge einigermaßen dem entsprechen

kann, was man von einer klinischen Orientierung auch erwartet.

So begann zumindest bei mir selbst die erste Erfahrung mit einer Patientenanamnese.

Mitschreiben ist umständlich und störend, doch wie anders ist es möglich,

nicht nur eine gewisse Struktur in ein Anamnesegespräch zu bringen, sondern auch

eine umfassende Informationsgewinnung zu erreichen, bei der die Daten und Fakten

ebenso Platz haben, wie die individuellen persönlichen, menschlichen Aspekte?

Die Teilnahme an der Anamnesegruppe half deutlich, diese Probleme bewußter

und deutlicher zu machen, auch wenn leider keine „fertigen Lösungen" dafür geboten

werden konnten. Die üblichen Lehrbücher über klinische Untersuchungen

sind sicherlich sehr schön geschrieben und vermitteln, was alles „drin sein sollte",

doch irn Endeffekt bleibt dann doch nur der Griff zum Fragebogen - damit nichts

Wichtiges vergessen wird.

Die Berufserfahrungen und -zwänge, also die Routine, werden dann endgültig von

einem verlangen, sich ein brauchbares Schema zusammenzubasteln, wie man die

Anamnese ökonomisch und vielleicht auch persönlich zufriedenstellend gestalten

kann oder darf. Doch das ist sicherlich auch von vielen Zufällen abhängig.

Als Beispiel gehe ich jetzt hier durch mein imaginäres Haus und schreibe zu den

einzelnen Stationen, was sich dabei ergibt. Natürlich ist es ein recht krankheitsunspezifisches

Konzept, jedoch schon einmal ein gewisses Gerüst für einen allgemeinen

Status.

Keller

• Vorraum: was sind aktuelle Beschwerden, was hat Patient „nach unten gebracht"

• Werkzeugkeller: Alter, Größe, Gewicht (Veränderungen?), Unfälle, Verletzungen,

Op., Beruf

• Treppenstufen: Belastbarkeit, Sport, Gelenke, Wirbelsäule, Beine dick, regelm.

Schmerzen

Küche:

• Ernährung (Regelmäßigkeit), Appetit,

• Unverträglichkeiten oder Abneigungen (z.B. Fleisch)

Auf der Suche danach, wie eine praktische und vielleicht auch sachgerechte Systematik

in einem Erstgespräch zu finden ist, fand ich unvermittelt „Hilfe" bei den

alten Griechen, die in ihrer Redekunst ein bildhaftes Schema benutzten. Es ist für

die Anamneseerhebung zwar auch keine völlige Lösung der Probleme, aber für

mich war und ist es bis heute eine Unterstützung für Hirn und Wahrnehmung.

Bad:

Stuhlgang, Wasserlassen,

Medikamente: mind. eine Handvoll explizit nachfragen: 1) Schmerzmittel,

2) Schlafmittel, 3) Beruhigungsmittel, 4) Abführmittel, 5) Hormone (Pille)

Impfungen

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Der Gang durch das Haus

• Penicillinallergie

• Dusche: Temperaturempfindung, Hautprobleme, Selbstuntersuchung Mammae,

• sonst. Gyn.: Menarche wann, Menses regelmäßig usw. oder sonstige Probleme

Kinderzimmer:

• Kinderkrankheiten (explizit Mumps, Masern, Röteln, Diphterie, Scharlach,

Keuchhusten...)

• selbst Kinder, Kinderwunsch,

• Früh-/Fehlgeburten (wie viele Schwangerschaften)

• Sport/Leistungssport

• Freizeitbeschäftigungen, Urlaube

Briefkasten:

• wann letzter Arztbesuch, frühere Arztadressen, alte Befunde (v. a, Röntgenbilder,

EKG)

• Haben wir auch nichts vergessen?

Baikon:

• Rauchen & Alkohol (immer: wieviel, wie lange, zu welchen Gelegenheiten),

• Husten

• Allergien z.B. Pollen, Tiere, Hausstaub, Medikamente usw.

• Immunstatus, HIV

ArbeitszimjTier:

• Beruf, evtl. finanzielle Situation,

• Ohren/Augen (Brille),

• Schilddrüse

Schlafzimmer:

• Einschlafen, Durchschlafen, Erholung durch Schlaf.

• flach liegen,

• Nykturie,

• Sexualität (Verhütung, evtl. Frequenz; Probleme, Zufriedenheit)

• Ev. Träume

Wohnzimmer:

• wie Wohnsituation

• Familie: Eltern, Geschwister, v.a. eine Handvoll: 1) Hochdruck 2) Diabetes,

3) Schlaganfall, 4) Krebs 5) psych, Erkrankungen

54

55


Kein Platz für Aggression?

Von Tillmann Jacobi, Berlin

Kein Platz für Aggression?

»

Atmosphäre einstellen können. Wenn dies nicht schnell genug gelingt, dann wächst

die Chance erheblich, daß es zu Verstimmungen und Konflikten kommt, Die Probleme,

die also möglichst früh überwunden werden müssen, betreffen vor allem vier

Aspekte. Diese können benannt werden mit: dem Problem der Identität, dem der

Bedürfnisse, dem Problem der Macht und dem der Intimität.

ts

Eigentlich könnten Anamnesegruppen völlig entspannt laufen, denn sie sind

zwanglos, freiwillig, studentisch, ohne Prüfungsdruck usw. Dennoch gibt es auch

hier nicht nur Harmonie und ständig gute Laune, was natürlich seine wichtigen und

guten Seiten hat, aber manchmal die gemeinsame Arbeit empfindlich stören kann.

Von daher ist es wichtig, von den Auseinandersetzungen die Quellen und möglichen

Hintergründe zu kennen und zu erkennen. Dann ist ihre Kraft eher nutzbar für

spannende, interessante Gruppentreffen.

Dieser Artikel will und kann nicht all die verschiedenen Möglichkeiten aufzählen,

wodurch Spannungen in einer Gruppe entstehen oder gar vollständig erklärbar

werden. Jedoch sollen hier ein paar der wesentlichen inneren und äußeren Einflüsse

zusammengefaßt und einige Entgegnungsmöglichkeiten beschrieben werden.

Zunächst ein wenig „theoretischen" Hintergrund, der stark vereinfacht allgemeine

Gruppenprobleme darstellt. Wer das nicht will oder braucht, möge bitte diesen Abschnitt

überspringen und direkt bei „Wer auf wen?" einsteigen.

Gruppe und Individuum

Eine Gruppe, die neu zusammenkommt, hat anfangs vor allem damit zu tun, in einigen

wesentlichen Bereichen ein Arrangement oder einen Kompromiß für die Beteiligten

einzurichten. Dies gilt praktisch für alle möglichen Formen von Gruppen, sei

es ein Sportlerteam» eine Lerngruppe, ein Verein, eine Selbsthilfegruppe, eine Skatrunde,

oder eine Arbeitsgemeinschaft. Diese Dynamik ist sozusagen alltäglich, also

nicht irgendwie spezifisch für Anamnesegruppen. Auch hier soll sich möglichst bald

ein Gemeinschaftsgefühl und eine dazu noch angenehme oder auch produktive

Bei jedem der Anwesenden läuft in den ersten Minuten oder den ersten Begegnungen

eine Reihe verschiedener Fragen ab:

• „Wer oder was kann/darf/soll ich in der Gruppe sein?" (Identität),

• „Was sind die Ziele der Gruppe, und sind das denn auch meine eigenen?" (Bedürfnis),

• „Wer beansprucht Lenker- oder Führungsrollen? Wer hat definierte oder unausgesprochene

Autorität? Akzeptiere ich das, oder will ich selbst mehr beeinflussen?"

(Macht),

• „Wie offen kann ich sein, was darf ich von mir persönlich preisgeben? Kann ich

den anderen vertrauen, oder muß ich mich verstellen?" (Intimität).

(Quelle: s.u.")

Wenn ein bestimmtes Gleichgewicht hergestellt ist, dann läuft das System häufig

mit nur geringen Veränderungen über längere Zeit hinweg. Die Kommunikation reduziert

sich womöglich teilweise nur noch auf Gesten, die durch die Hierarchie gesteuert

sind. Ein Problem ist dann häufig, wenn jemand Neues in diese Gemeinschaft

integriert werden soll und möglicherweise die gewohnte Struktur in Frage

stellt. Der Prozeß der Fragen beginnt also eventuell von neuem. Dabei zeigte sich,

daß oft das „Konservative" - zunächst - die Oberhand behält („Wer später kommt

hat unrecht"). Schließlich hat man sich recht aufwendig die Dinge und das Gruppenverhalten

so arrangiert, wie es nun (einigermaßen) praktikabel erscheint. Doch

die neuen Anstöße bleiben nicht völlig ohne Folgen, und früher oder später pendelt

sich ein neues Gleichgewicht ein. Dieser Punkt, das Aufnehmen von Neuen, ist in

den laufenden Anamnesegruppen innerhalb eines Semesters eher die Ausnahme,

56 57


Kein Platz für Aggression?

doch häufig zu finden unter den Tutoren, deren Gemeinschaft sich unter Umständen

von Semester zu Semester ändert.

Doch nun zurück zur Anamnesegruppe selbst.

pon is

der) und der Gruppe als Ganzes (die Gruppenbiographie}. Abgesehen davon gibt

es natürlich z.B. noch förderliche oder störende Rahmenbedingungen (z.B. Raumgroße

und -klima, Komplikationen mit Patientenbesorgung usw.), die allerdings hier

nicht weiter beachtet werden sollen und deswegen in diesem Kreismodell fehlen.

Eine Anamnesegruppe findet sich „zufällig" zusammen, d.h. man hat sich die anderen

Teilnehmenden nicht vorher ausgesucht. Angesichts einer derart durcheinandergewürfelten

Gemeinschaft reagieren die meisten zunächst mit einem vorsichtigen,

diplomatischen, wenn nicht gar überfreundlichen Verhalten („bloß nicht zu

schnell anecken, lieber erst einmal die Charaktere der anderen beobachten; Gemeinsamkeiten

finden usw."). Im Laufe kurzer Zeit sind dann aber die ersten Territorien

abgesteckt, die ersten kleinen Bündnisse geschlossen... Bahn frei für die ersten

Konflikte:

Wer auf wen?

Das Gebilde Anamnesegruppe ist durch verschiedene Dinge recht kompliziert. Es

dürfte hier aber angemessen sein, die relevanten „Parteien" vereinfachend auf

sechs zu reduzieren. Um es ein wenig überschaubarer zu machen, folgende Grafik:

Patient

Gruppe

Krankheit

Interviewer

"black

bo x"

Tutoren

In der Mitte treffen alle Beteiligten zusammen

und sind miteinander verbunden.

Unter der „black box" kann man die

vielfältigen Bedingungen verstehen, die

außerhalb des offensichtlichen Geschehens

sind, aber einen direkten Einfluß auf

die Gruppe ausüben. Sie sind bei allen

Beteiligten des Kreises zu finden, und so

- — ~ . _ u m f a ß t dieser Bereich also z.B. die einzelnen

persönlichen Bedürfnisse, Biographien und Erinnerungen der Individuen (also

von Interviewer, Patient, Tutoren, Teilnehmenden, jeweils unabhängig voneinan-

Vor allem die „black box" ist also für Überraschungen gut und häufig nur schwer zu

„öffnen". Doch es ist allein schon wichtig, ihre Existenz zu kennen und zu beachten,

um in heißen Diskussionsphasen den Überblick wieder zu erlangen bzw. Anhaltspunkte

für die Ursachen von starken Reaktionen zu bekommen.

Im folgenden stichwortartig verschiedene Konstellationen für „Angriffe", wenn die

Gruppe mal richtig arn Kochen ist:

1) Gruppe versus Interviewer:

Gespräch wird destruktiv kritisiert, der Interviewer „in die Pfanne gehauen". Natürlich

kann es sein, daß das Gespräch wirklich schlecht gelaufen ist, doch ist

der Grund dafür nicht immer nur allein der Interviewer.

2) Interviewer versus Patient:

Um sich zu verteidigen, kann der Interviewer sich selbst kleinmachen, damit der

Gruppe „die Kehle zeigen" und auf Verschonung hoffen. Oder er kann auf dem

Patienten herumhacken {„so spröde, so wenig gesprächig, nicht kooperativ"

usw.) in der Hoffnung, Verbündete dafür zu finden.

3) Gruppe versus Patient:

Vielleicht steigt die Gruppe tatsächlich darauf ein und verschiebt damit also die

Kritik am Interviewer auf den Patienten - statt Verständnis bricht ein Ärger aus,

evtl. auch noch umgeleitet auf andere Institutionen (Krankenhaus, Ärzte, die mal

versagt haben, Familie des Patienten usw.).

58

59


POVttS

4) Interviewer bzw. Gruppe versus Tutoren:

Protest gegen die scheinbare Verweigerung der Tutoren, ihr „Wissen und Können"

zur Verfügung zu stellen. Die Tutoren halten sich angeblich zu sehr zurück

und bringen nicht genug bei.

5) Interviewer und/oder Gruppe versus Krankheit:

Als Buhmann wird etwas Abstrakteres herangenommen, so daß man niemandem

direkt weh tun muß, aber die Anspannung/Erregung/Betroffenheit ein Ventil

findet. Das ist nicht unbedingt verkehrt, manchmal sogar recht interessant -

auch als Anstoß durch die Tutoren („warum sind manche Krankheiten so brutal").

6) Patient versus Krankheit:

Ist im Grunde ja völlig normal, dennoch glücklich, wenn dies in der Anamnesegruppe

offensichtlich werden kann und damit auch zu diskutieren,

7) Patient versus Interviewer oder Gruppe:

Eher selten richtig offensiv, doch im Sinne einer Übertragung wertvoll und sehr

spannend, da eventuell ein anderer Konflikt darin geäußert wird (z.B. Verhältnis

zur Krankheit, Medizin, sozialem Umfeld usw.). Wenn Patient mit der Gruppe

ein Krankheitsquiz spielt, („Ihr werdet nicht darauf kommen, was ich spezielles

habe"), dann sorgt das auch für Zündstoff.

8) Tutoren versus Interviewer oder Gruppe:

Sollte nach Möglichkeit natürlich nicht unkontrolliert geschehen, ebenso:

9) Tutoren versus Patient oder Krankheit

(falls es passiert, dann ist hoffentlich der Co-Tutor noch bei der Sache!)

„Cracks" u.a.), offensichtliche Themen werden totgeschwiegen und zensiert,

Eindrücke und Kommentare zurückgehalten (aus Ehrgeiz den anderen nicht

gegönnt usw.) und vieles mehr. Die Frage taucht in der Gruppe auf, ob es sich

überhaupt lohne weiterzumachen...

Auf welche Arten nun kann sich die Anspannung oder der Ärger äußern, was sind

Kennzeichen davon, und welche Techniken werden in der Gruppe oft angewandt?

Einige Beispiele:

a) Unpünktlich kommen; unentschuldigt fernbleiben; andere Unzuverlässigkeiten

(z.B. beim Protokoll schreiben, Patienten besorgen usw.);

b) Teilnehmende nicht aussprechen lassen; fachliche Dinge „abfragen" (ein beliebtes

und wirkungsvolles Spiel!) oder auf andere Art bloßstellen; große Forderungen

direkt an Tutoren richten und Beschwerden äußern, wenn diese nicht direkt

erfüllt werden; Tutoren „erpressen"; falsche Schuldzuweisungen gestalten;

Kritik am Rahmen der Veranstaltung („Blitz" ist doof, Anamnesegruppe dauert

viel zu lange usw.).

c) Andererseits aber auch: unmotiviertes „Lob" (z.B. „tolles Gespräch,'alles gut")

und damit Oberflächlichkeit und Ersticken von konstruktiver Kritik, absichtliches

Schweigen.

Zu bemerken ist, daß es also mindestens zwei Ausdrucksformen gibt: direkte, offene

Kritik {bei b), oder aber passiven Widerstand und Verweigerung (siehe bei a:

dem Rahmen; siehe bei c: dem Inhalt).

10) Gruppe versus Gruppe:

Einzelne, „nervende" Gruppenmitglieder werden angemacht, Schüchterne werden

übergangen, manche reißen dominant die Macht _ an sich (Vielredner,

60

bi


Kein Platz für Aggression?

Mögliche Ursachen und Lösungsannäherungen

An Ursachen für Spannungen und Ärger in der Anamnesegruppe gibt es viele. Hier

werden jetzt nur zwei beschrieben, die aber recht zentral sind:

Unsicherheit: Bei allen Beteiligten vorhanden, denn wer ist schon fachlich und von

der Erfahrung her „gut genug"? Lauter fremde Leute in der Gruppe, ein echter Patient,

eine ungewohnte Situation, Erinnerung an Prüfung usw. Die Gruppe ist evtl.

verwirrt, da die Tutoren nicht so viel erklären wie gedacht, sie wirken damit womöglich

unheimlich und allzu beobachtend. Die Tutoren können z.B. eingeschüchtert

werden und ihrerseits streng reagieren bei sehr forsch auftretenden Teilnehmenden,

die viele Forderungen stellen. Oder durch welche, die die ersten Sitzungen

lang immer nur schweigen. Und natürlich, wenn die Gruppe bedrohlich schrumpft

und man den Fehler „natürlich" bei sich selbst sucht. Doch mit steigender Erfahrung

über mehrere Semester nimmt die Unsicherheit ab. Viele „Probleme" sind dann

nicht mehr dramatisch, die Möglichkeiten und Grenzen einer Gruppe werden besser

und schneller einschätzbar. Das ist sehr bedeutend, denn die Unsicherheit/ Verunsicherung

oder der Ärger hängt unter anderem zusammen mit den

Erwartungen: Diese sind zu Anfang meist recht unterschiedlich bei Tutoren und

Gruppe. Dadurch gibt es viel Potential für Enttäuschungen auf beiden Seiten. Manche

Teilnehmer bekommen schnell den Eindruck, daß dieser „Kurs" ihnen „nichts

bringen" kann, da nichts konkretes beigebracht wird. Die Tutoren ihrerseits hoffen

anfangs auf eine Gruppe, die sich dem Angebot voll öffnen möge und werden enttäuscht,

wenn sich das nicht erfüllt: einige Teilnehmer hören auf, andere bleiben,

aber fahren voll auf der klinischen Schiene. Die Einteilung der Grüpplinge in „örgano"

und „Psycho" durch die Tutoren hat sich zwar teilweise eingebürgert, ist allerdings

nicht nur schlimm vereinfachend, sondern auch geradezu verurteilend. Selbst

wenn etwas mehr „Psycho" in der Medizin wünschenswert sei - eine Anamnesegruppe

voller „Psychos" ist nicht nur unvollständig und einseitig, sondern auch einfach

auf Dauer unerträglich!

62

POWttS

Sicherlich ist es nützlich, als Tutor regelmäßig neu über die einzelnen Teilnehmer

und ihre Motive für Anamnesegruppe nachzudenken, Damit kommt man dem Inhalt

der „black box" eventuell etwas mehr auf die Schliche. Dann ist auch besser zu entscheiden,

in welchen Punkten man die eigenen Bedürfnisse etwas zurückstellen

sollte, oder ab wann das zuviel wird, die Gruppe also die Tutoren erpreßt („wenn Ihr

das nicht so macht wie wir das wollen, dann kommen wir nicht mehr"). Schon allein

deswegen ist eine Supervision und ein Kontakt mit den anderen Tutoren sinnvoll

und notwendig. Oft zeigt sich dann, daß Abwarten die beste Vorgehensweise ist -

die Gruppe reguliert sich schon, was man natürlich behutsam unterstützen kann

und soll; z.B. wird auch ein schweigsamer Teilnehmer früher oder später aktiv werden,

es geht nicht darum, ihn dazu zu drängeln, sondern ihm den geeigneten Raum

dafür zu schaffen.

Bei akuten Aggressionen an einem Anamneseabend kann überlegt werden, z.B.

strukturell zu intervenieren (z.B. Redebegrenzung bei Vielrednern), oder den Interviewer

einmal für einige Minuten aus der Diskussion herauszunehmen, wenn er

unter starken Druck gerät. Das wirkt vielleicht ziemlich invasiv und autoritär, doch

kann es nach meiner Erfahrung ebenso wichtig wie nützlich sein - und erfolgreich.

Bedeutend ist jederzeit, den Einfluß des Patienten und der Krankheit auf die Gruppe

zu überdenken und zu problematisieren, notfalls auch mit etwas provozierenden

Kommentaren (hat sich der Patient hier nur mal auskotzen wollen?, was hat er hier

in die Gruppe gebracht oder bringen „müssen"?; warum reagiert gerade Ihr darauf

so heftig, wie mag es anderen Leuten gehen?). Es soll besser „laut" zugehen, als

gar nicht. Wenn sich keiner traut, den Stimmungen oder Launen Luft zu machen,

dann ist es dringend notwendig, etwas nachzuhelfen - denn sonst geht der Druck

wahrscheinlich früher oder später in falsche Richtung. Unter anderem deswegen

sind zwei Tutoren pro Gruppe sinnvoll: wenn der eine auch mal mitagieren kann,

achtet der andere mehr von außen auf die Dynamik und spiegelt sie zurück. Dadurch

entsteht die Möglichkeit, daß Anspannungen und Reaktionen nicht ausufern

und destruktiv werden müssen. Vielmehr können sie den einzelnen Teilnehmenden

selbst, afs auch die Gruppe als Team eher weiterbringen. Wenn diese Vorgehensweise

am Ende des Semesters nur eine Handvoll (oder noch weniger) Teilnehmende

überzeugt hat, dann ist ein großer Erfolg gelungen. Dann hat auch die Angst vor

der vermeintlichen „Aggression" einen Großteil ihres Schreckens verloren.

63


Kein Platz für Aggression?

Anhang:

„Die Tutoren stehen ja schon über den Dingen, oder?"

- Ein weiteres Beispiel aus Berlin

Was hier noch nicht besprochen wurde ist das Verhältnis der Tutoren untereinander

und ihrer eventuellen Aggressionen. Nicht nur zwischen den beiden, die miteinander

eine Gruppe betreuen, sondern zwischen der Gesamtheit der Tutorlnnen an

einem Ort. Die Tutoren kennen sich schon alle ein bißchen aus mit Gruppendynamik

mit typischen Konfliktsituationen, Wo bleiben aber vielleicht die eigenen Konkurrenzgedanken,

Vergleiche und Bewertungen gegenüber den Kolleginnen, mit

denen man das Projekt Anamnesegruppen vertritt? Auf der einen Seite zieht man

doch irgendwie am gleichen Strang, dem „Projekt". Auf der anderen Seite ist es

vielleicht unangenehm, wenn ein Problem von Nähe und Distanz dann besonders

spürbar die Kontraste aufzeigt: die Tutoren sind insgesamt eine Gruppe, doch

macht jeder ganz individuell bzw. als Tutoren-Pärchen eine „eigene" Gruppe mit

eigenem Konzept, Anspruch, Wunsch und vielleicht sogar auch unterschiedlichem

Ziel. Die Situation in Berlin ist vermutlich schwieriger als in anderen Städten, da nun

über mehrere Semester lang acht bis neun Anamnesegruppen existieren, das heißt

auch: 16 bis 18 Tutorlnnen. Da wir auch noch an den verschiedenen Klinika studieren

ist die Gelegenheit für Begegnungen eher selten. Die Supervision war zudem

auch noch auf zwei Supervisoren aufgeteilt, also sah man sich manchmal bloß zum

Einteilungstreffen zu Semesterbeginn. Der Versuch, ein regelmäßiges „Plenum" im

Semester einzurichten, für Austausch oder auch für Fortbitdung wollte nicht richtig

klappen, sondern verstärkte eher noch manchen Mißmut (ein Zusatztermin, nochmal

eine weiter Weg durch die halbe Stadt etc.). Vielleicht war es nur ein Zufall,

aber möglicherweise hing es damit zusammen: zum Sommersemester 1997 bekamen

wir nur die Mühe die Gruppen mit ausreichend Teilnehmerinnen gefüllt. Normalerweise

hatte es pro Semester weit über 100 Anmeldungen gegeben, so daß

per Losverfahren die Plätze verteilt werden mußten. Ich zumindest wurde an eine

Frage einer früheren Tutorin gemahnt, die meinte, ob denn die Anamnesegruppen

selbst überhaupt „gut" laufen können, wenn das übergeordnete System nicht gut

läuft. Dieser Gedanke war hier schwer zu beweisen oder zu widerlegen,- doch er

t s

im Endeffekt kam es soweit, daß wir eine einmalige Extra-Supervisionsstunde bei

einem Ex-Supervisor machten, die zum Thema allein die schwierige und verhärtete

Konstellation unter den Tutoren hatte. Einige der wichtigsten Gründe kamen zur

Sprache, und die Bereitschaft zu konstruktiverem und toleranterem Umgang mit

Differenzen untereinander wurde formuliert. Natürlich löste sich nicht alles umgehend

in Wohlgefallen auf, jedoch hat sich seither das Klima gebessert und die Anmeldezahlen

sind auch wieder auf früherem Niveau angelangt. Auch wenn durch

die Tutorentätigkeit die Erfahrung mit Gruppen wächst, haben wir diese Hilfestellung

von außen gebraucht.

(*} aus: R.Kirsten/J.Müller-Schwarz; „Gruppen Training. Ein Übungsbuch mit 59

Psycho-Spielen, Trainingsaufgaben und Tests", Rowohlt-Verlag

wirkte plausibel.

64

65


O

Depressionen und Krebs

Von Daniel Dürr, Tübingen

Depressionen und Krebs

Da Depression in den Kulturen vieler Länder schon Jahrhunderte lang nicht als reine

Krankheit verstanden wurde, sondern als Teil einer Persönlichkeit bis hin zur

»Lebensquelle des Genies« verstanden wurde, fällt es uns nicht leicht, Depression

als reine Krankheit zu begreifen. Zudem scheuen wir uns vor den Gedanken, Depression

möglicherweise einmal als eine Krankheit des Gehirns, des Kopfes, akzeptieren

zu müssen.

Einleitung

Seit nicht so langer Zeit wird wieder umfassender an Depressionen insbesondere

im Zusammenhang mit Krebs geforscht. Man hofft neue somalische Ursachen für

das Verständnis von Depressionen zu finden. Eine Möglichkeit wie Depression und

Krebs zusammenhängen können, wurde beim Brustkrebs schon länger untersucht.

So litten Frauen, die bei Brustkrebs eine Mutation im BRCA1 oder BRCA2-Gen

aufwiesen, alle an einer großen Depression im Gegensatz zu anderen an Brustkrebs

erkrankten Frauen. Doch dies ist nur ein kleines Beispiel für eine genetische

Komponente, die vermutlich nicht ausreichen wird, Depressionen ausreichend auf

den Grund zu kommen. Depression beeinflussen die Therapie eines Patienten. In

welchem Maße und durch welche Weise ist noch unklar. Ansätze wurden gefunden,

indem Afferenzen des LPS (Lymphatischen Systems) gefunden wurden (siehe

Abb.1). Die klassische Vorstellung, daß das LPS eigenständig gänzlich unabhängig

vom ZNS arbeite, wird zum Beispiel widerlegt durch Nervenfasern, die zu

Lymphknoten führten (Guillemin R., Cohn M., Melnechuk T. 1985).

Diese efferenten sympathischen Nervenphasern können bei Durchtrennung eine

Stimulation oder Hemmung der Immunreaktion bewirken. Neu entdeckte Afferenzen

wie der von stimulierten lymphoiden Zellen produzierte GIF (glucocorticoid increasing

factor), der die Glucokortikoidausschüttung erhöht und damit über die hemmende

Wirkung des Cortisols einen negativen Regelkreis schließt, geben Anlaß,

ein noch weitreichenderes System von Afferenzen zu proklamieren.

Vielleicht ist gerade dadurch dieses Gebiet wieder interessant geworden und beschäftigt

die Wissen seh äfft.

Schwierigkeiten

Ich möchte nun kurz auf die Schwierigkeiten eingehen, die bei der Forschung über

Depressionen auftreten. Am besten lassen sie sich darstellen, indem verschiedene

spontane Assoziationen zu Depression und Tumor aufgelistet und verglichen werden.

Um etwas konkreter zu werden, nehme ich eine Brainstormingnotiz einer

Gruppe von acht verschieden naturwissenschaftlich tätigen Studenten (siehe Tabelle)

zum Beispiel.

Depression

Lebensunlust

kein Spaß

Selbstmord

keine Farben mehr sehen, alles dunkel

Melancholie

in einem Loch stecken

Schmerzen

in sich versinken

Tumor/Krebs

Geschwulst

Krankheit

Schmerz

Tumorgene

Chemotherapie

Tod

verfressen werden

Angst

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67


Depressionen und Krebs

Sicherlich sieht so ein Brainstorming individuell verschieden aus, aber es werden

sich vermutlich trotzdem folgenden Beobachtungen machen lassen. Die Ausdrücke

zu den beiden Stichworten stammen häufig aus verschiedenen Sprachbereichen.

So finden wir bei dem Stichwort Depression vermehrt Termini, die aus dem philosophischen

oder lebensnahen Bereich stammen, im Gegensatz zu Tumor und Krebs,

bei denen eine biologische, verhaltenstheoretische Sprache vorherrscht. Auch ist es

in diesem Fall typisch, daß Krankheit unter dem Stichwort Depression nicht zu finden

ist. Doch hier genau befinden wir uns an der Stelle, wo die Problematik beginnt,

In unserem Sprachgebrauch und Gefühl fällt es uns schwer Depression als eine

Krankheit anzuerkennen. Gründe mögen darin liegen, daß wir bei dem Versuch

Depression mit Krankheit zu verbinden, auf eine Krankheit des Gehirns schließen

müßten und nun davor zurückschrecken, denn wer möchte schon gerne im Kopf

krank sein? Auch wenn noch nicht klar ist, ob bei der Suche nach Ursachen für die

Depression immer ein rein naturwissenschaftlicher Grund gefunden werden kann,

so stehen "dieser Suche oft traditionelle und kulturell verankerte Vorstellungen im

Wege.

Doch was genau wurde mit Depression bisher ausgedrückt ? In der Umgangssprache

ist es ein Sammelbegriff geworden für Gefühlszustände, die sich individuell

verschieden mit motivationslos, introvertiert, spaßlos, lebensmüde umschreiben

lassen. Dies ist sicher keine befriedigende Antwort für eine Definition.

Die Definition

(maior depression und minor depression) gebraucht. Dort ist eine Depression als

ein mindestens zwei Wochen anhaltendes Stimmungs-, Motivations- und Lebenstief

definiert, bei der eine bestimmte Anzahl charakteristischer Zustände, die in einer

Liste vordefiniert sind, vorhanden sein müssen. Daneben würden und werden zum

Teil immer noch unterschiedliche Untersuchungsinstrumente, wie DSMIII, DSMII,

MMPI (Minnesota Multiphasic Personality Inventory) oder HAMD (Hamilton Depression

Skala) für die Diagnose von Depression genutzt. Diese gleichzeitige Nutzung

verschiedener Diagnoseinstrumente ist eine der Hauptschwierigkeiten bei der Metaanalyse

bisheriger Studien,

Der Stand

Es ist deshalb notwendig geworden, verschiedene ältere Studien auszuwerten, um

einen Ansatzpunkt und vor allem einen Überblick über die bisher gemachten Beobachtungen

zu bekommen. Diese Aufgabe stellte sich Prof. H.J. Staab und stellte die

Ergebnisse seiner und anderer Kollegen zusammen mit M. Ludwig in dem Büchlein

Depression bei Turnorpatienten zum 2. Salzburger Symposium zur Lebensqualität

chronisch Kranker (1992) zusammen. Die aus seinem Beitrag der Literaturforschung

entstandenen Ergebnisse sind in Abbildung 2 graphisch zusammengefaßt.

Die darin gezeigten Prävalenzfaktoren sind zwar kritisch zu bewerten, da sie zum

einen aus unterschiedlichen Patientenkollektiven und zum anderen unterschiedliche

Diagnoseinstrumente zugrunde legen, aber zeigen dennoch ein beachtliches Spektrum,

in dem Depression eine Rolle spielen kann.

In der Fachsprache der Medizin wurde bis jetzt auch sehr oft eine individuelle Charakterisierung

dieses Begriffes benutzt. Die wenigen klassisch definierten Begriffe,

wie endogene, reaktive und larvierte Depression erhielten von verschiedenen Doktoren

diagnostiziert auch verschiedene Bedeutungen - ein Phänomen, das bis heute

auch bei anderen Krankheiten bekannt ist. Erst nach der Einführung eines einheitlichen

Disease Manual (DSM) und der Forderung, Depressionen nach diesem zu

charakterisieren, werden jetzt größtenteils einheitliche Definitionen im DSM III

Auf die einzelnen Punkten werde ich nun noch etwas genauer eingehen. Um den

Rahmen dieses Artikels nicht zu sprengen, verzichte ich auf die Verweise zu den

unterschiedlichen Statistiken. Diese können in eben erwähntem Büchlein Depression

bei Tumorpatienten von H.-J. STAAB und M.LUDWIG nachvollzogen werden.

68

69


Q

LEISTUNGSFÄHIGKEIT

Die Leistungsfähigkeit wird mit dem Karnofsky-lndex, ein Prozentmaß für die Mobilität

und Arbeitsfähigkeit eines Patienten, bestimmt. Je bettlägrigenein Patient zum

Beispiel im Verlauf seiner Krankheit wird, desto häufiger neigt er auch zu Depression.

Die Korrelation des Karnofsky-lndex zu Depression ist besonders deutlich.

VORAUSGEHENDE DEPRESSIONEN

Ein Beispiel dafür ist die Beobachtung, daß Patienten, die früher einmal an Depressionen

litten und vermutlich schon erschöpfte Coping-Möglichkeiten haben, bei einer

Krebserkrankung eher wieder eine Depression bekommen.

SCHMERZ

Bei chronischen Schmerzen stellt sich oft ein circulus vitiosus ein. Dieser besteht

darin, daß. Schmerz zu erheblich größerer Prävalenz von Depressionen führt, die

Depression die Schmerztoleranz herunter setzt und für weitere Schmerzen sorgt,

Schmerz ist aus diesem Gründe auch ein Grund, der den Patient in den Suizid

führt.

TUMOR TYP

Bei Tumorpatienten findet man eine höhere Inzidenz von Depressionen. Tumorindizierte

Hyperkalzämie und Hypercortisolismus zeigen hohe Prävalenz für Depressionen.

Auch weitere noch nicht biochemisch nachvollziehbare durch Tumore produzierte

und endokrin abgegebene Substanzen, die das ZNS betreffen, wie Endorphine

und Enkcephaline, stehen im Verdacht Einfluß auf Depressionen auszuüben,

HIRNTUMOR

Psychiatrische Veränderungen durch Hirntumoren sind bekannt aber noch nicht

verstanden. So geht einer Hirnmetastase eine Depression oft zeitlich voraus. Intrakraniale

Druckveränderungen infolge eines Tumors sorgen wiederum für eine erhöhte

Prävalenz, ist aber mit der vorher beschriebenen Beobachtung bis jetzt noch

nicht in Zusammenhang zu bringen oder zu verstehen.

KACHEXIE

Kachexie (Ausgezehrtheit) ist oft Folge im Endstadium eines Krebses und führt

ebenfalls zu einer Erhöhung der Depressionsprävalenz bei diesen Patienten. Auch

hier stellt sich die Frage, ob es nicht eine Reihe rein körperlicher Substanzen sind,

die diese verursachen.

THERAPIE

Patienten mit invasiver Chemo- und Radiotherapie oder Patiente mit operativen

Verstümmelungen haben ebenso eine erhöhte Prävalenz für Depression.

VERSTÜMMELUNG IM GESICHTSBEREICH

Diese Folge der Therapie ist hier gesondert aufgeführt, da sie durch die teils gravierenden

Einschnitte in der Persönlichkeitswahrnehmung des Patienten eine besonders

hohe Zahl der Depressionen nach sich zieht.

ARZNEIMITTEL

Einflüsse der Arzneimittel auf die Psyche sind sehr vielschichtig. Von depressionsfördernden

Anteilen einer Medikarnenteneinsteflung bis hin zu noch nicht geahnten

Auswirkungen von Kombinationen herkömmlicher Medikamente in Zusammenhang

mit Krebs und Depression. So weiß man von einer erhöhten Depressionsrate bei

Patienten mit kombinierter Behandlung von dem Glukokortikoid Medroxyprogesteronacetat

und dem Aromatasehemmer Aminogluthetimid. Auch Vincaalkaloide, wie

Vincristin und Vinblastin, schwache MAO-Inhibitoren, wie Decarbazin und Procarbazin,

Alpha- und Gamma-lnterferone und das Enzym L-Asparaginase haben die

Fähigkeit die Depressionshäufigkeit zu erhöhen.

Zusammenfassung

Depression und Krebs hat viele Schnittstellen, von denen wenige schon genauer

untersucht sind. Gerade im Zusammenspiel von Afferenzen und Efferenzen des

Lymphatischen Systems könnte der Einfluß der Depression eine wichtige Rode

auch in der Krebstherapie bekommen. Wenn Depressionen das LPS negativ be-

70

71


15

einflussen, ist es wichtig zu verstehen, wie sie zustande kommt, um einen geeigneten

Therapieansatz zum einen für die Depression und daraus folgend zur Thera-

Tutorenaufgaben

pie von Krebs zu finden.

Von Jan Schildmann, Berlin

Abbildung 2

Verstümmelungen

im Gesichtsbereich

Therapie

Arzneimittel

Welche Motivationen stecken hinter dem Engagement in Anamnesegruppen, mit

welchen Aufgaben müssen sich Anamnesegruppentutoren auseinandersetzen , wo

ist die Grenze zwischen erwünschtem Einbringen und Belastung der Teilnehmer

durch das Überschreiten von Grenzen bei persönlicheren Themen?

Kachexie

Vorausgehende

Depression

Diese und andere Fragen sind eine Auswahl von Themen die häufiger in Treffen

und Supervisionen der Berliner Anamnesegruppentutoren zur Sprache kommen

und im folgenden Artikel näher beschrieben werden.

circulua vltlosus

Schmerz

Gemeinsam ist den Themen unter anderem, daß Sie von den Einzelnen unter-

Hirntumo

Tumortyp

Leistungsfähigkeit

schiedlich bearbeitet werden, Außerdem beschränken sie sich nicht auf die Tutorenarbeit,

sondern stellen eher grundsätzliche Spannungsfelder dar, die in der Zusammenarbeit

zwischen Menschen auftauchen, z. B. bei der Arbeit mit den Patienten.

Literatur

- KASCHKA, W.P.(1993) Wechselbeziehungen zwischen Psyche,, neuroendokhnem

System und immunsystem. PsychoimmunologiB als Bindeglied zwischen Depression

und Kreüs In Staab, H.-J. und Ludwig M. Depressionen bei Krebs S.1-7

Thieme Verlag Stuttgart

- STAAB. H.-J, (1993) Tumorbehandlung a/s Prädikator der Depression; In Staab,

H.-J, und Ludwig M. Depressionen bei Krebs S.16-28 Thieme Verlag Stuttgart

- SCHWARZ, R. (1996) Angst und Depression bei Krebskranken: in Onkologe

72

(1996) 2:582-592 Springer

- BESEDQWSKY, H.O., A. DEL REY, E. SORKIN, C. Dinareilo Imfrtunregulstory feedback

between interleukin-1 and glucocohcoid hormones. Science 233 (1986)

652-654

Motivation

Die banal klingende Frage, was denn die Arbeit als Anamnesegruppentutorln „

bringe", brachte uns im Rahmen eines Tutorentrainings auf die Schwierigkeit unsere

Motivation für die Arbeit in Anamnesegruppene klar zu formulieren, dies spiegelt

vielleicht auch die Erfahrung von manchen Außenstehenden wieder, für die Anamnesegruppe

bisweilen als diffuser und etwas eigenbrödlerischer Klüngel erscheinen

muß. Es ist nicht Sinn diese Textes eine inhaltliche Antwort zu finden, die für die

Einzelnen wohl ohnehin unterschiedlich ausfallen dürfte, sondern vielmehr mögliche

Gründe für diese Unsicherheit zu beschreiben.

73


Tutorenaufgaben

Schon in der Diskussion mit Kommilitonen wird häufig klar, daß Anamnesegruppen

als Teil einer Patientenorientierten Medizin die den allgemein akzeptierten Boden

einer hochtechnisierten Medizin mit einer fast ausschließlich naturwissenschaftlichen

Betrachtungsweise des Menschen verläßt, skeptisch bewertet wird. Auch

wenn seitens der Patienten häufig über eine „seelenlosen Medizin" geklagt wird ist

es unüblich in einer Anamnese den vorgedruckten Ablauf zu verlassen und über die

soziale Situation oder gar Emotionen zu sprechen ganz abgesehen davon, daß

trotz aller Beteuerung um die Bedeutung einer guten Anamnese während der Ausbildung,

im Klinikalltag das Patientengespräch keinen hohen Stellen- oder vielleicht

besser Ziffernwert besitzt. Auch in der Anamnesegruppenarbeit selbst ist es häufig

schwierig den vielleicht im U-Kurs angeeigneten Horizont zu erweitern und z.B. die

Bedeutung der eigenen Gefühle im Arzt - Patientengespräch zu erkennen was bei

der Skepsis gegenüber dem „Blitz" relativ häufig klar wird.

Für Unsicherheit sorgt auch die Art des Lernens, die nicht wie sonst im lehrbuchmäßigen

abhaken, sondern eher im Sammeln von Erfahrungen besteht. Dies kann

sowohl die erste Anamnese eines Teilnehmenden sein, als auch das Gefühl von

Verantwortung beim Leiten einer Gruppe, dabei gibt es nur bedingt Techniken, die

relativ leicht zu erlernen sind wie z. B. das Stellen von offenen Fragen oder das Zurückgeben

von an die Tutoren adressierte Fragen in die Runde.'Vor allem vollzieht

sich jedoch ein Prozeß von vielen Einzelerfahrungen abhängig von dem was sich

durch die Anamnesegespräche ergibt bzw. was die Gruppe daraus macht, in dessen

Verlauf Teilnehmer wie Tutoren das Rüstzeug bekommen mit neuen Anforderungen

besser umgehen zu können.

Dieser Prozeß hat letztlich kein Ende; allerdings stehen Studenten im Vergleich

zum erfahrenen Arzt noch am Anfang dieses Prozesses in dessen Verlauf sich die

Klarheit bezüglich der Motivation und des Handelns erst entwickelt.

POW, 15

Klarer, aber nicht weniger schwer herauszuarbeiten ist ein anderes Motiv für ein

Tutorenengagement beziehungsweise grundsätzlich für den Einsatz in den sogenannten

helfenden Berufen. Das Thema Macht, um das es auch beim Marburger

Maitreffen 1997 ging ist aus verschiedenen Gründen schwierig anzugehen. Da ist

zum einen natürlich die überwiegend negative Besetzung des Begriffs, was ein

Brainstorming zu der Frage „was assoziierst Du mit Macht" schnell zeigte. Zum anderen

spielt der Machtfaktor aber auch in jeder zwischenmenschlichen Auseinandersetzung

eine Rolle, was bei den Diskussionen in den Gruppen über dieses

Thema sich z. t. ungewollt anschaulich bestätigte.

In der Anamnesegruppe wird dieses Thema manchmal angesprochen, wenn es um

die Beziehungsebene zwischen Patient und Anamneseführenden geht. Im Nachgespräch

spielt es bisweilen eine Rolle wenn eine Diskussion nicht mehr dem Austausch

von Argumenten sondern dem Aufpfropfen von eigenen Überzeugungen

dient und damit destruktiv und unbefriedigend für die Beteiligten wird. Unter den

Tutoren oder zwischen Tutoren und Gruppe kann es natürlich ebenfalls zu Machtkämpfen

kommen, so z.B. bei der stets frustrierenden Erfahrung, daß die Teilnehmer

genau um das Thema einen großen Bogen machen, das von Tutorenseite immer

wieder versucht wird anzusprechen. Auch in der Zusammenarbeit unter den

Tutoren kann es zu Konkurrenzsituationen kommen, beispielsweise wenn von eine

Seite versucht ein Konzept durchzuziehen oder bei den Teilnehmern um Zustimmung

für die eigene. Linie geworben wird, anstatt sich mit dem /der Cotutor(in) zu

verständigen. Wie eingangs bereits erwähnt sind solche Vorgänge natürlich auch

auf andere Bereiche menschlicher Zusammenarbeit, z. B. die Zusammenarbeit auf

Station, übertragbar.

Zumindest in Berlin und Österreich gibt es auch den finanziellen Anreiz eine Tutorenstelle

zu übernehmen, was nicht zuletzt auch die Frage nach der Qualifikation

aufwirft. In Berlin gab es diesbezüglich eine Diskussion, ob eine Art Kriterienkatalog

für zukünftige Tuloren eingeführt werden soll, was hinsichtlich einer Qualitätssicherung

von einem Teil der Tutoren gewünscht wurde. Andererseits gab es Bedenken

angesichts des Mangels an Tutoren und Tutorentrainings solche Hindernisse Leu-

74

75


Tutorenaufgaben

ten in den Weg zu stellen, die gerne eine Gruppe übernehmen möchten. Überdies

weist ein Erfahrungsbericht der Grazer (s. ROM 1996) auf die Problematik hin, daß

atiein das Erfüllen von Kriterien nicht den/die „gute(n) Tutor(in)" ausmacht was darauf

hindeutet , daß es scheinbar schwer festzulegen ist, was denn die/den geeigneten

Tutor(in) ausmacht. Wir einigten uns schließlich darauf, daß Tutorenarbeit

nach einsemestriger Teilnahme an einer Gruppe, bei empfohlener Teilnahme am

Tutorentraining und Supervision möglich ist,

Handeln

Die Möglichkeiten, die das Anamnesegesprä'ch als Diskussionsgrundlage bietet

sind vielschichtig. Studierende-Patienten-Verhältnis, die Krankheit , die Formulierung

bestimmter Fragen im Anamnesegespräch

Egal welche Themen nun zur

Sprache kommen, es ist letztendlich immer eine Auswahl aus dem Angebot, das ein

Gespräch bietet, die sich bewußt oder auch nicht in Abhängigkeit von Patient,

Gruppe und Tutoren ergibt. Dabei stellt sich für die Tutoren die Frage, welche Möglichkeit

es gibt zu agieren. Was also sind die Aufgaben der Tutoren und welche

Schwierigkeiten bringen diese mit sich ? Während die organisatorischen Aufgaben

relativ klar aber auch beschränkt sind, kommt man bei der Frage, was denn inhaltlich

geleistet werden kann, auf einige Schwierigkeiten, die ansatzweise dargelegt

werden.

Zunächst stehen wir vor dem Problem, daß es wenige Vorbilder für unsere Tutorenarbeit

gibt. Kein Physiologietutor beispielsweise muß sich Gedanken über das

Erscheinen der Gruppe machen, auch ist die Rollenverteilung durch den zu vermittelnden

Wissensvorsprung klar, während es in der Anamnesegruppe, im Vergleich

zu einem Praktikumspiatz Herz-Kreislauf beispielsweise, schon schwierig scheint

Lernziele klar zu umreißen. Gerade weil es auch Anspruch der Anamnesegruppen

lung im Fach Medizin zu lösen ergeben sich für Anamnesegruppen besondere Situationen.

Auch oder gerade Anamnesegruppe kann nicht existieren ohne das Erscheinen von

genügend Teilnehmern oder das Engagement in der Gruppe. Es gibt nicht wenige

Beispiele wo dies zumindest zeitweise nicht vorhanden zu sein scheint und so stehen

wir schnell vor der Frage wie verbindliche Regeln geschaffen werden ohne

Gefahr zu laufen die Gruppe in einen starren Rahmen zu zwängen.

Gerade zu Beginn der Anamnesegruppe treffen häufig Menschen mit ganz unterschiedlichen

Erwartungen aufeinander. Dabei stellt z. B. die Tatsache, daß auf der

einen Seite die Eigeninitiative der Teilnehmer gefordert wird auf der anderen Seite

die Tutoren aber auch bestimmte Vorstellungen haben die bewußt oder unbewußt

vorgegeben werden bisweilen eine Belastung für die Gruppe dar .Dies sei an der

Blitz-Diskussion aufgezeigt, die häufig zu Beginn des Semesters auftaucht und einen

Punkt markiert an dem Tutoren plötzlich ganz unnachgiebig werden können

und von der vorher eventuell so betonten Möglichkeit Anamnesegruppe ganz offen

zu gestalten nicht mehr viel übrig zu sein scheint.

Auch die Tatsache das im Verlauf der Anamnesegespräche kein Lehrbuchkatalog

abgehakt wird, sondern die Diskussionen häufig eher neue Fragen aufwerfen und

schon gar nicht irgendwelche Patentrezepte für die verschiedenen Fragestellungen

entwickelt werden können sorgt, da ungewohnt, bisweilen für Unzufriedenheit, die

wenn möglich konstruktiv verarbeitet werden soll.

Ist dann schließlich die Diskussion im Gange kommt es nicht selten zum einstudierten

Muster, daß Tutoren nach ihren Meinungen oder Lösungsvorschlägen gefragt

werden. Dabei ist es sicherlich weder sinnig in eine Art laissez faire Prinzip zu

flüchten und darauf zu verweisen, daß die Tutorenmeinung keine Rolle spielt {,aber

gleichzeitig dann doch unbewußt versucht wird den Tenor der Gruppe zu lenken),

andererseits ist auch zu bedenken wie sich die eigene Wortmeldung auf den Diskussionsverlauf

auswirkt, zumal mit manchem Frage-Antwort-Spiel auch versucht

ist mit dem Konzept von peer-group-tearning und Inhalten die außerhalb des Lehrplans

stehen sich wenigstens ein Stück weit von der traditionellen Wissensvermittt

s

76 77


Tutorenaufgaben

werden zu scheint Kompetenzen zu klären, worauf beide im Studialltag erprobte

Seiten nur allzu leicht anspringen. Wie auch immer die Tutoren sich verhalten, Sie

sind wohl nie neutral bezüglich des Diskussionsprozeß in Anamnesegruppen, sondern

zumindest zu Beginn, bedingt durch die sonstigen Lehrveranstaltungserfahrungen,

eher in einer exponierten Stellung.

Zu erwähnen ist auch die Ausbildung der Tutoren . Wird in den Tutorentraininqs

durch das learning by doing einerseits die Möglichkeit geboten sich als Tutor auszuprobieren

und feedback zu bekommen und andererseits sich inhaltlich mit

Schwerpunktthemen wie Sterben oder der Sexualanamnese auseinanderzusetzen

scheint es abgesehen von der begleitenden Supervision wenig Elemente zu geben

sich mit Problemen auseinanderzusetzen, die dadurch entstehen, daß sich in

Anamnesegruppen (zumindest zu Beginn) Menschen mit ganz unterschiedlichen

Ansprüchen an die Anamnese treffen. Ein Grund könnte sein, daß unter den Tutoren

, die sich bei einem Training treffen viele Diskussionspunkte schon vorab geklärt

zu sein scheinen- Sicherlich ist es fraglich inwieweit völlig unterschiedliche

Einstellungen zur Medizin in einer Anamnesegruppe integriert ^werden können andererseits

sorgen ja gerade Meinungsunterschiede für die Diskussion und möglicherweise

auch für ein Weiterkommen der Anamnesegruppen insgesamt. Zumindest

wenn der Anspruch besteht das Konzept weiterzutragen und man sich nicht

darauf beschränkt z.B. beim Abspringen von Teilnehmern oder beim allmählichen

abbröckeln einer Gruppe darauf zu verweisen , daß es für Anamnesegruppen eben

„besondere Medizinstudenten braucht kann es sinnvoll sein eigene festgefahrene

Vorstellungen kritisch zu überprüfen.

Einbringen

Die Anamnesegruppe lebt vom feedback der beobachtenden Vorgänge. Wie wichtig

diese Tatsache für die Teilnehmer ist, zeigt sich häufig schon zu Beginn, wenn

gleichzeitig der Wunsch nach einer sachlich fairen Kritik, aber auch die Furcht vor

persönlich verletzender Kritik zur Sprache kommt. So stehen die Tutoren auch vor

PCWt 15

der Frage, wie es denn zu schaffen ist, eine Atmosphäre aufzubauen, in der einerseits

das persönliche Einbringen in der Diskussion gefördert, andererseits aber

auch die unterschiedlichen Grenzen der Einzelnen respektiert werden.

Strukturell wird in Berlin zumindest darauf geachtet, daß keine Cliquen sich geschlossen

wieder in der Anamnesegruppe wiederfinden und auch Bekannte von

Tutoren besser an einer anderen Gruppe teilnehmen. Auch auf die Parität bezüglich

der Geschlechterverteilung, sowohl beim Tutorenpaar, als auch bei den Teilnehmern

wird soweit möglich geachtet. Das diese „Berliner Vorstellungen" in anderen

Städten wieder ganz anders gehandhabt werden zeigt, daß sich offensichtlich allgemein

darüber Gedanken gemacht wird, aber unterschiedliche Schlüsse daraus

gezogen werden.

Auch bezüglich der laufenden Anamnesegruppen gibt es unterschiedliche Ansichten

darüber, wie ein möglichst konstruktives Arbeitsklima geschaffen wird. Findet

zumindest in Berlin üblicherweise in allen Gruppen eine Art Kennenlerntreffen statt,

schwören die einen darüber hinaus auf die Kneipenrunde nach dem Nachgespräch,

während andere einwenden, daß es unter Umständen besser für die Diskussion ist

unvoreingenommen zu sein und nicht zuviel privat voneinander zu wissen, zumal es

einigen Tutoren auch schon mal mulmig wird sich plötzlich in einer Art Vertrauensposition

für private Probleme gegenüber Teilnehmenden wiederzufinden. Natürlich

findet man diese Thematik von persönlicher Beziehung und Abgrenzung auch

im Arzt/Student-Patient Verhältnis oder auch innerhalb der Tutorengruppe wieder.

Im Gespräch drückt sich das Thema bekanntermaßen darin aus, daß bestimmte

Themen im Anamnesegespräch nicht angesprochen werden. Im Nachgespräch

wird dann drauf hingewiesen, man wolle die Privatsphäre der Patienten nicht aufwirbeln,

obgleich sich manchmal angesichts der Angebote der Patienten und der

Reaktion der Anamneseführenden die Frage stellt, für welche Seite es denn nun

aufwühlender wäre, über Ängste im Zusammenhang mit der Krebskrankheit beispielsweise

zu sprechen. Auch im Nachgespräch scheint es dann oft einen unausgesprochenen

Pakt zu geben das Thema auf sich beruhen zu lassen was Tutoren

78 79


Tutorenaufgaben

P0W1S

nicht selten ganz schön unruhig machen kann, liegt doch das Gefühl in der Luft,

daß entscheidendes gerade ausgelassen wird, vielleicht aber eben auch dadurch

geschützt wird.

Gerade in solchen Situationen kann es dann auch besonders schwer sein, geeignete

Worte für ein Feedback zu bekommen. Und nicht selten wirkt,sich die Aufforderung

des Anamneseführenden „nun kritisiert mich mal" angesichts unausgesprochener

Spannungen eher lähmend als förderlich aus. Immerhin scheint es verschiedene

Ebenen der Kritik zu geben, die abhängig von den Themen und auch

von den Möglichkeiten der Gruppe angegangen werden können. So ist es relativ

leichter, technische Dinge wie die Art der Fragen oder die Vollständigkeit der Fragen

zu analysieren; schwieriger wird es, wenn es um schwerer faßbare, häufig auf

einem Gefühl beruhenden Dinge geht, z.B. um eine eher kühle Reaktion auf eine

den Patienten offensichtlich beschäftigende Situation. Diese Art von Feedback ist

näher an die Persönlichkeit des Einzelnen geknüpft, damit auch schwieriger anzunehmen

und braucht in jedem Falle eine Art Grundvertrauen auf Basis des „den/die

Andere{n) verstehen wollen „zwischen den Beteiligten.

Wie eingangs erwähnt sind die aufgeführten Punkte eine Auswahl von Themen, die

so oder ähnlich häufiger diskutiert und unterschiedlich beurteilt werden. Mag es auf

den ersten Blick so erscheinen, daß die Unklarheiten und Schwierigkeiten ein Negativum

in der Anamnesegruppenarbeit darstellen erscheint mir gerade in einem

Studium ,in dem häufig allzu glatt und kritiklos Wissen vermittelt und angeeignet

wird, die Auseinandersetzung mit solchen Fragen für einen persönlichen Reifeprozeß

förderlich. Einer Patienten Orientierten Medizin, die mehr will, als Menschen auf

einer mechanistischen Ebene zu verstehen und behandeln, wie dies bis jetzt zumindest

überwiegend geschieht, kann dies nur dienlich sein.

Die Kunst der Unterlassung -

ein paar Nebengedanken zum „Anspruch" in Anamnesegruppen

Von Tillmann Jacobi, Berlin

Eine „anspruchsvolle" Anamnesegruppe oder „anspruchsvolle" Tutoren, was bedeutet

das?

Wer hat hier an wen Ansprüche 7 Und wozu 9 Die zweischneidige Bedeutung des

Wortes liegt auf der Hand; einerseits schimmert ein Stolz durch, daß anscheinend

alle miteinander „ernsthaft und kompetent diskutieren und ehrgeizig dazulernen

(können)" oder so ähnlich. Auf der anderen Seite ist Leistungsstress auf beiden

Seiten latent oder offensichtlich und damit evtl. ein anstrengender (Stör-)faktor.

Was meinen andere Disziplinen zum „Anspruch"?

Im §194 BGB {Zivilrecht) heißt es: „Anspruch ist das Recht, von jemandem ein Tun

oder ein Unterlassen zu verlangen". Der zweite Halbsatz trifft möglicherweise einen

wichtigen Punkt, was die Tätigkeit als Tutor in einer Anamnesegruppe angeht: es

mag sein, daß das Unterlassen der tatsächliche Anspruch einer Gruppe an ihren

Tutor ist - auch wenn sie dies selbst gar nicht bewußt „weiß" oder von sich aus einfordert.

Vielmehr sind die Erwartungen einer Gruppe tatsächlich zu Beginn des Semesters

oft überwiegend auf ein „Tun" der Tutoren ausgerichtet („jetzt bringt uns

mal bei, wie Anamnese gemacht wird"). Doch was würde es der Gruppe bringen,

wenn ein regelrechter Kurs stattfände mit „richtig" und „falsch", mit der Lizenz zur

perfekten Anamnese nach der regelmäßigen und erfolgreichen Teilnahme? Vermutlich

würde es Frust bringen, da dieser Anspruches unerfüllbar ist, ebenso wie

die Utopie, einfach per Gegenstandskatalog lernen zu können, wie man mit Menschen

und mit sich selbst umgeht. In einer Anamnesegruppe werden die Grenzen

des augenblicklichen persönlichen Horizonts oft den Teilnehmenden bewußter ge-

80

•81


Die Kunst der Unterlassung

macht. Eine solche erschütternde Erkenntnis kann natürlich eine erschrockene

„Flucht" auslösen. Oder aber, sie entwickelt und fördert eine Motivation, sich gemeinschaftlich

in einer Atmosphäre ohne autoritären Leistungsdruck oder Konkurrenzkampf

einer eigenen Verbesserung wenigstens anzunähern. Dieser Moment

der intuitiven Entscheidung für diesen Versuch - oder gegen ihn - bestimmt vor allem

darüber, wie sich die Gruppe als Ganzes verhält und wie ihre Entwicklung über

ein oder sogar zwei Semester verlaufen kann.

Daraus folgt noch eine weitere Problematik. Ein Satz, der sie ausdrückt könnte heißen;

„Die Gruppe begrenzt sich selbst in ihren Möglichkeiten". Er bedeutet, daß

man als Tulor eigentlich nur einen sehr geringen unmittelbaren Einfluß auf die

Gruppe hat. Wenn das „Niveau" oder die Bereitschaft und Offenheit für bestimmte

Ansichten oder Verhaltensweisen nicht vorhanden, oder nur sehr gering ausgeprägt

sind, dann wird sich das auch durch ein paar gemeinsame Stunden nicht auf einmal

völlig umkehren. Der Gruppe etwas aufzwingen zu wollen ist somit kaum möglich,

sie mit vielen Worten und Argumenten überzeugen zu wollen, ist der verkehrte

Weg. Dies würde nun auch passieren, wenn ein Tutor tatsächlich eine, mehr oder

minder „vorbildliche" Anamnese vormachen würde, ein „Tun". Damit würde die Palette

der Möglichkeiten für jeden einzelnen Teilnehmer begrenzt und zerstört, es

würde nicht mehr darum gehen, den eigenen Stil zu suchen, sondern einem

scheinbaren Vorbild nachzumachen. Die Tutoren unterlassen es also, einen sozusagen

„meßbaren Beweis ihrer unwiderruflichen Kompetenz" zu präsentieren. Statt

dessen können sie darauf schauen, bei den Einzelnen und der Gruppe eine Neugierde

zu stiften und diese am Leben zu erhalten durch Fragen, weniger durch

„Antworten". Diese Fragen können Themen aufschließen, die im Medizinalltag oft

kaum Beachtung finden, aber eine Bedeutung und teilweise großen Einfluß haben,

z.B. wie ist der Patient als Mensch, wie bin ich selbst als Mensch/ Student/ (zukünftiger)

Arzt bzw. Ärztin usw. Durch solche Fragen und Überlegungen findet sozusagen

ein langsames Aufdehnen der Horizonte und Gewohnheiten in der Gruppe

statt, um neuen, vielleicht offeneren Wahrnehmungen Raum zu bieten. Diese veränderte

Wahrnehmung nun wird sich langfristig auf die Anamneseerhebung auswirken,

und auch auf das Verhalten im professionellen Umgang mit Patienten.

Im Idealfall machen sich die Tutoren im Verlaufe der gemeinsamen Zeit mit der

Gruppe sozusagen selbst „überflüssig". Dies ist allein schon viel verlangt, bedeutet

eine große Geduld und Bescheidenheit, sowie eine Zuversicht, daß sich die Gruppenmitglieder

tatsächlich durch sich selbst am besten „entwickeln". Wenn dies

stockt oder überhaupt nicht klappt, dann ist eine maßvoll aktive Funktion der Tutoren

hilfreich. Denn tatsächlich gibt es immer ein Thema, über das man diskutieren

kann, auch wenn die Anamnese selbst scheinbar zu wenig hergab, oder „perfekt"

und rund erschien. Die Tutoren sind dann etwas erfahrener, nach diesem „Thema

hinter dem Thema" zu suchen, es aufzuspüren. Doch muß ein Tutor sich hier einigermaßen

über die eigenen Wünsche/Ziele und damit auch Forderungen an die

Gruppe klar sein, denn sonst wird er versuchen, vor allem seine persönlichen Interessen

durchzusetzen, Tutoren sind schließlich auch nicht völlig wertfrei und tolerant,

wie es vielleicht manchmal scheint, sondern haben zuweilen recht ausgeprägte

Ansprüche an die Teilnehmenden. Dies kann anspornen, birgt aber auch

kritisches Potential für Enttäuschung und Konflikte in sich. Es heißt also, als Tutor

zum Teil die eigenen Bedürfnisse zugunsten der Gruppe ausklammern oder „unterlassen"

zu können.

Wie sehr oder wie konsequent sollen sich Tutoren aber heraushalten, auch außerhalb

der Anamnesegruppe und ihrem zweistündigen Beisammensein? Wieviel „Abstinenz"

ist notwendig und gut, wo beginnt es verkrampft zu werden? Für manche

ist es üblich, fast notwendig, nach dem Anamnesegruppenabend noch mit den Teilnehmenden

in einer Kneipe die Veranstaltung ausklingen zu lassen. Manche Tutoren

vermeiden oder verhindern aktiv möglichst allzu privaten Gespräche oder Kontakte.

Sicherlich hat jeder Stil seine Berechtigung und seine Gründe. Wie unangenehm

waren zum Beispiel die Erfahrungen, Studienkollegen aus dem eigenen Semester

in der Gruppe sitzen zu haben, oder noch schlimmer, als eine gute Bekannte

des Mit-Tutors mit teilnahm und die schwierige Vermischung von Privatleben

und Gruppen-„Arbeit" gegen ihn ausspielte. Allerdings ist eine zu große Distanzierung

nicht angemessen, wirkt oft übertrieben, lächerlich oder arrogant, möglicherweise

sogar bedrohlich. Dann könnte es passieren, daß reaktiv darauf der formale

Anspruch der Gruppe steigt: wer so kühl und berechnend wirkt, entspricht dem

82

83


Die Kunst der Unterlassung

üblichen „Vorbild" im Studium und soll deswegen vor allem rein fachlich etwas bieten

können. Damit geraten dann die Tutoren unter Druck, in einen selbst verursachten

Zwang zu „lehren" oder, schlimmer: zu unterhalten. Die Teilnehmer können

sich wie sonst gewohnt zurücklehnen und erwarten, passiv-konsumierend zu „lernen".

Unter diesen Umständen kann die ursprüngliche Aufgabe und Funktion der

Anamnesegruppe kaum mehr erreicht und erfüllt werden.

Von Tillmann Jacobi, Berlin

Der Patient in der Anamnesegruppe:

Das „einmalige Objekt"

Wie erwähnt, ist der Einfluß von den Tutoren auf die Grüpplinge mit Argumenten

(also auch „Forderungen"; „jetzt begreift doch endlich mal, wie wichtig das ist!") eher

gering. Es geht somit vor allem darum, nicht zu stören, was aus den Teilnehmenden

selbst zu entwickein ist, es kommt darauf an, dieses ungeahnte und ungewohnte

Potential innerhalb der Gruppe den einzelnen Teilnehmenden selbst und

damit der Gruppe insgesamt nahezubringen. Durch zuviel Aktion, Vorgaben oder

etwa Bewertungen von Seiten der-Tutoren würde diese Chance des Lernens und

Erfahrens vermindert, wenn nicht gar unterbunden. Das Unterlassen von Unnötigem

und Vorschnellen also ist schätzungsweise eines der wichtigsten und bedeutendsten

Ziele als Tutor, aber auch eine seiner schwierigsten und tatsächlich anspruchsvollsten

Aufgaben.

Manchmal beschweren sich die Teilnehmer aus der Anamnesegruppe, daß der Patient

oder die Patient nur „benutzt" werde und der Kontrast so groß sei zwischen

dem, was wir als Gruppe bekommen und dem, was wir geben bzw. nicht geben

können. Diese Unruhe hat dazu geführt, daß in manchen Städten zusätzliche Aktivitäten

eingerichtet wurden, z.B. ein Patientenfragebogen, den der/diejenige nach

dem Interview in Ruhe ausfüllen und in einem Nachgespräch mit den Tutoren am

nächsten Tag ein weiteres Feed-Back geben konnte - oder auch Kritik loswerden

(siehe Homburg/Saar, Bericht im POM Nr. 14). Und wenn ich mich recht erinnere,

dann wurde anderswo sogar ein Patient einige Wochen später ein weiteres Mal in

die Gruppe eingeladen - kurz vor seiner Entlassung, um zu erfahren, was in der

Zwischenzeit geschehen war (die Stadt ist mir leider gerade nicht bekannt). Aber

wieviel Verantwortung muß sein?

In den meisten Fällen verhält es sich wohl so, daß ein Patient praktisch nichts von

einer Anamnesegruppe erwartet, keine Therapie und keine Hilfe, vielleicht noch

nicht einmal besondere Fürsorge. Die (Abend-) Veranstaltung könnte eine Abwechslung

sein zu dem monotonen, dumpfen Krankenhausalltag, und Studenten

hilft man gerne. In den kurzen Gesprächen auf dem Rückweg vom Anamnesegruppenraum

zur Station ist häufig eine gewisse Verwunderung des Patienten über die

Veranstaltung zu spüren. Es wird durchaus bemerkt, daß der Parameter Zeit an

diesem Abend ein anderer ist als im üblichen Medizinbetrieb, und daß die Aufmerksamkeit

beim Zuhören einen besonderen Stellenwert hat. Möglicherweise sind aber

auch gerade die Patienten, die - freiwillig wohlgemerkt - einer Veranstaltung für

Studenten zustimmen, gerade dafür offen und empfänglich. Natürlich kann die Art

ihrer jeweiligen Krankheit eine wichtige Rolle spielen; ohne besondere Absicht oder

84 85


Der Patient in der Anamnesegruppe: Das „einmalige Objekt"

Planung haben und hatten wir bisher oft ein deutliches Überwiegen von chronisch

Kranken und Krebspatienten.

So vermischen sich bei einigen Patienten anscheinend verschiedene Gefühle miteinander:

auf der einen Seite ein gewisser Stolz darüber, sich zur Verfügung gestellt

zu haben und soviel Dankbarkeit dafür entgegengebracht zu bekommen, auf

der anderen Seite aber auch eine persönliche Erleichterung und einen überraschenden,

unerwarteten Gewinn aus der Veranstaltung. Ich denke es ist so oder

ähnlich, denn auffällig viele Patienten bedankten sich bei uns zum Abschied, offenbar

nicht floskelhaft oder mechanisch, sondern aus einem Gefühl heraus. Warum

also die permanente oder zumindest latente Sorge bei uns, der Patient oder die Patientin

könnte von der Gruppe ungerecht ausgenutzt werden?

Der Patient (er-)kennt und spürt häufig seine Autorität, denn in der Anamnesegruppe

ist er selbst der „Experte" für seine Krankheit und ist davor bewahrt, durch körperliche

Untersuchung oder technische Apparate in eine unmündige Rolle gedrängt

zu werden. Der Interviewer wirkt im allgemeinen selten souverän, sondern eher

nervös oder gar mitleiderregend. So ist die Furcht vor einem Seelenstriptease vermutlich

mehr auf der Studentenseite zu suchen aufgrund eigener Unsicherheit bei

Tabuthemen, als auf der Seite des Befragten, der sich meist besser „wehren" kann,

als es zunächst erscheint. Die Gefahr ist also gering, durch ein einziges Anamnesegespräch

plötzlich „irreparable seelische Wunden" bei dem Patienten aufzureißen

und ihn damit gebrochen und alleingelassen wieder zurückzuschicken. Was natürlich

Verwirrung stiften kann ist die Situation, wenn es emotional „akut" wird, also der

Patient beispielsweise zu weinen beginnt. Die Gruppe ist betroffen, zunächst überfordert,

kann aber bald bemerken, daß die Situation trotzdem nicht eskaliert, sondern

sich auch wieder auflöst. Eine unglaubliche Chance, denn im normalen Arbeitsbetrieb

ist dafür kein Raum, und selbst erfahrene Kliniker stehen manchmal

angesichts eines solchen intimen Anpralls recht hilflos und ratlos da.

Es gab bisher in meinen Gruppen dennoch manchmal, ausnahmsweise, Anlaß., den

Patient nochmals aufzusuchen. Ein paarmal war es nur die reine Neugier über den

86

pon t s

weiteren Verlauf von Diagnostik und Therapie. Ein weiteres Mal, als für mich das

Interview derart unglücklich und distanzlos geriet, daß ich als Tutor fürchtete, die

Patientin könnte sich tatsächlich „verletzt" fühlen. Weil auf dem Weg zurück zur

Station meine Befangenheit darüber, der eigene Ärger über den Grüppling zu groß

war, geschah das erst am nächsten Tag, zum Glück mit beruhigendem Ergebnis.

In zwei anderen Fällen kam nach dem Anamneseabend ein Kontakt mit dem Stationsarzt

zustande: eine Patientin hatte ihre kranke Mutter zuhause versorgt. Plötzlich

mußte sie nun selbst ins Krankenhaus und litt sehr darunter, daß die Pflege der

Mutter durch die Restfamilie wahrscheinlich nicht ausreichend sei. Dazu kam noch,

daß diese Frau nach der Primärdiagnostik schon seit mehreren Tagen ohne irgendwelche

weiteren Maßnahmen auf der gynäkologischen Station war, sich subjektiv

gesund fühlte und sich fragte, ob sie nicht „Ausgang" kriegen könne. Auf der

Visite traue sie sich nicht, dieses Problem (oder eher Bedürfnis!) anzusprechen.

Nach dem letzten „Blitz" des Abends war von der Gruppe der Beschluß gefaßt, zumindest

einmal nachzufragen. Leider zeigten sich die Doks nicht besonders verständnisvoll

für das Anliegen, doch der Versuch war es sicherlich wert gewesen.

Die andere, etwa 55-jährige Patientin lebte anscheinend schon länger unter recht

bedrückenden familiären Verhältnissen. Die Details, die sie beschrieb und ihre

Stimmungen dabei, führten uns auch diesmal dazu, eine Rückkoppelung mit ihren

Behandlern auf der Innere-Station zu versuchen. Hier war das Echo positiv, produktiv,

geradezu dankbar: die Patientin galt seit der Aufnahme als „schwierig" und

in anstrengender Weise „verschlossen" (!). Jedoch hatte sich bisher anscheinend

noch keine Gelegenheit ergeben, diesen Zustand zu ändern - die Patientin selbst

verhielt sich ebenfalls passiv. Es mag seltsam erscheinen, daß sie sich in einem

solchen Zustand für eine Studentengruppe bereit erklärte, doch aus irgendeinem

Grund heraus hatte sie es getan - für uns und vielleicht auch für sich selbst. Natürlich

konnte ihr Problem dennoch nicht einfach behoben werden, aber die Verantwortlichen

waren sensibilisiert, um eine wichtige Information reicher und deutlich

motiviert, der Sache nachzugehen und soweit wie möglich zu unterstützen. Und wo

war dabei die Schweigepflicht geblieben? Sie ist ja sowieso ein etwas heikles

87


Der Patient in der Anamnesegruppe: Das „einmalige Objekt"

P6W 15

Thema. Damit auch die Anamnesegruppe zu belasten, mag vielleicht übertrieben

erscheinen, denn im Klinikalltag wird mit ihr oft auch einigermaßen leger umgegangen.

Was ist schon dabei, denn ein Patient unterwirft sich bei Aufnahme im Krankenhaus

sowieso insgesamt einer Welt mit eigenen Gesetzen, in der Hoffnung und

dem Vertrauen, daß alles nur zum Guten verwendet werde - die objektiven Fakten

ebenso wie die persönlichen, privaten Informationen. So schien es uns hier in der

Anamnesegruppe auch gerechtfertigt, diese Pflicht zur Wahrung der Privatsphäre

der Patientinnen insofern zu durchbrechen, indem wir ohne besondere Zustimmung

der Betroffenen nur den Hinweis auf das Thema und nichts konkretes weitergaben.

Natürlich sind das eher Ausnahmen. Es sollte nicht vergessen werden zu erwähnen,

daß es manche Patienten offensichtlich auch genießen, die beruhigende Unverbindlichkeit

in der Gruppe geradezu gezielt dazu zu benutzen, sich einmal richtig

auszuschütten, mit Lust über das Gesundheits- und Arztesystem herzuziehen, oder

sich als tapferes Opfer zu produzieren. Welche Freude scheint es zu bereiten, die

erschrockenen und verschüchterten Gesichter der angehenden Ärztinnen und Ärzte

zu sehen und den Eindruck zu bekommen, man habe - „endlich einmal" - an einer

entscheidenden Stelle durch das eigene Schicksal einen Anstoß zur Verbesserung

der Zustande in Krankenhaus und Gesundheitssystem bewirkt.

Insgesamt gesehen ist wohl die Feststellung gerechtfertigt, daß der Schutz des Patienten

ausreichend gewährleistet sein dürfte, wenn in den seltenen Ausnahmefällen

z.B. von Tutorenseite aus eingegriffen wird. Auf der Grundlage dieser Sicherheit

sollte die Vorstellung für die Beteiligten zu akzeptieren sein, daß die Einmaligkeit

der Begegnung auch für den Patienten etwas Einmaliges, also: Einzigartiges bedeuten

kann.

Noch Fragen?

{Versuch zur Anregung einer Diskussion über

Möglichkeiten und Unmöglichkeiten einer Frage)

Von Amelie Kreuz, Berlin

Es gilt zu lernen, mittels der Anamnese schnell, aber dennoch erschöpfend relevante

Information über den Patienten und seine Krankheit in Erfahrung zu bringen.

Im Studium allgemein ist der Anspruch, viele Fakten zu lernen. Beide Aufgaben

stellten mich vor die Schwierigkeit, zum einen Information zu bekommen zum anderen

zu integrieren.

In diesem Text möchte ich das Thema „die Frage" als das bis dahin für mich stets

wichtigste Eroberungs- und Integrierungsinstrument für Erkenntnisse angesehen,

kurz anreißen. Es begann mich seit Studienbeginn und der damit verbundenen Informationsschwemme

immer wieder zu beschäftigen, verstärkt aber erst seit meiner

ersten Begegnung mit Anamnesegruppen, und schließlich wurde es als Instrument

seither sogar in Frage gestellt.

Als Kind soll ich sehr viel gefragt haben. Als Jugendliche kann ich mich gut erinnern

viel gefragt zu haben, und zwar oft ganz bewußt. Ich habe viel Zuwendung über

Frage-Antwort-Dialoge bekommen, habe mein Akzeptieren einer Hierarchie über

Fragen mitgeteilt und habe auch oft für mich unübersichtliche Situationen durch

Fragen strukturiert, Das ist sicherlich nichts Ungewöhnliches. Es mag aber mehr

Gründe, andere Motivationen für das Stellen einer Frage.ganz unabhängig von ihrer

praktischen Funktion eine Information zu bekommen geben, über die es sich vielleicht

nachzudenken lohnt.

08


Noch Fragen?

Fragen ermöglichen es, Information zielgerichtet und rasch zu sammeln. Dabei ist

allerdings für jede Frage ein gewisses Vorwissen Voraussetzung. Jeder Frage geht

ein Gedanke voraus, eine Vermutung und/oder Vorstellung darüber, wie die Antwort

lauten könnte. Man fragt nach etwas. Dadurch nimmt jede Frage die Antwort bis zu

einem gewissen Grad vorweg, wenn auch unterschiedlich ausgeprägt. Daraus folgt

zum einen, daß Fragen begrenzen. Die Zahl der anschließend möglichen Mitteilungen

wird damit endlich. Teils durch gerichtetes Antworten wird der Antwortende,

teils durch gerichtetes Zuhören wird der Fragende in seinen Kommunikationsmöglichkeiten,

wenn nicht sogar in seiner Kommunikationspotenz, eingeschränkt. Mit

Einschränkung der Kommunikationsmöglichkeit meine ich die Festlegung der direkten

Inhaltsebene des Austausches durch den fragenden Zuhörer. Mit Einschränkung

der Kommunikationspotenz meine ich die Festlegung der Form des Austausches.

Aus meiner Sicht gibt es keine offenen Fragen, lediglich offenere.

Zum anderen sind Fragen so gesehen mindestens so aufschlußreich über den Fragenden,

wie Antworten über den Beantworter, Vielleicht sind sie sogar zuverlässiger

aufschlußreich, denn schließlich ist es mit einer Frage zu „lügen" ungleich

schwieriger, als mit einer Antwort.

Die eben erwähnte Beschränkung durch die Frage ist dabei mehr als erwünscht.

Sie ist der Faktor, durch den die Beschleunigung des Informationsflusses bewerkstelligt

werden könnte. Das ist es jedenfalls, was sich ein Arzt in der Notaufnahme

oder auf Station verspricht. Wer fragt, der möchte vor allem schnell wissen bzw,

bestätigt werden. Da sich aber die Erfahrungshorizonte des Fragenden und des

Antwortenden in den seltensten Fällen decken, wird eine Beschleunigung letztlich

oft verhindert. Ich stelle mir das so vor, das der Fragende in eine Richtung versteht,

der Antwortende aber in eine andere. Bis sich alle Richtungen und nach einer Frage

v.a. auch alle Richtungsmißverständnisse ebenso aus dem Gesamtbild des Patienten

heraus erklären und also ihren Platz gefunden haben, hat man den begehrten

Zeitvorsprung längst verloren.

Bei einem Arzt hatte ich Gelegenheit Anamnesen zu hören, in denen seitens des

Arztes nicht eine einzige Frage gestellt wurde. Er hörte heraus und erreichte durch

sein Verständnis einen hohen Grad an Diskretion und Vertrauenswürdigkeit, was

die Patienten wiederum mit direkteren Mitteilungen quittierten.

Zugespitzt könnte ich also zusammenfassend sagen: fragend erfährt man das, was

man sowieso schon weiß.

Ich meine die Form Frage-Antwort ist eine minimalisierte Form von Dialog und zwar

sowohl mit anderen Menschen, als auch mit sich selbst oder der Welt. Sie legt einen

auf das Schritt-für-Schritt-Denken fest, beschränkt also auch das Zeit- und Logikmuster

der Gedanken. Zudem erscheint mir die Gefahr, die Inhaltsebene überzubewerten

bei keiner anderen Dialogform so selbstverständlich („ich habe sie/ihn

doch extra gefragt und er/sie hat darauf doch geantwortet...!"). Wie wenig aber die

Fragen zu den jeweiligen Antworten passen und umgekehrt, wird nur in Ausnahmefällen

unmittelbar offensichtlich und deshalb meist gar nicht bemerkt.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf die Fragen an die Welt zurückkommen

und zwar im Rahmen des Beispiels Studium.

Fragen verschwinden meiner Erfahrung nach unter Bergen von unbeantworteten,

liegengebliebenen Fragen. Das gilt auch für Fragen, die einem von anderen gestellt

wurden. Sie können die eigenen verschütten. Ebenso verschwinden sie unter Bergen

von Antworten auf ungestellte Fragen. Irgendwann hat man vor lauter Antworten

keine Fragen mehr.

Wer Fragen hat und nicht bloß stellt, der hatte Zeit. Fragen sind die Früchte der

Gedankenbäume. Ohne Integration, Wachstum und Reifung läßt sich viel Wissen

wälzen ohne, daß das weite Feld der Medizin weiter urbar gemacht, vom Rande

aus zunehmend aufgepflügt wird. Und an einem neuen Ort mitten drin in einem

weiten Feld, wie die Medizin, läßt mich auch keine Frage beginnen zu pflügen, sondern

Erfahrungen. Bestenfalls, also nur dann, wenn ich die Frage angehe, führt sie

90

91


Noch Fragen?

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mich an den neuen Ort und erweitert das durch Erfahrungen initiierte neue Gebiet

von Interesse.

Kurz, da in den meisten Fällen und gerade auch in Arzt-Patient-Gesprächen die

Erfahrungshorizonte zu verschieden sind, als das die minimalisierte Dialogform

Frage-Antwort geeignet sein dürfte, meine ich, daß andere Formen des Gesprächs

entwickelt werden sollten, Ausnahme sind Notfallsituationen, in denen allerdings

sogar durch direktive Fragen (ja/nein als Antwortmöglichkeit) die Situation zu klären

ist.

Bezüglich des Studiums würde ich allemal mehr die Erfahrung, als zu allem Überfluß

auch noch zu den Fragen dissynchron gegebene Antworten in den Mittelpunkt

der Lern- und Lehrmethoden rücken.

Von Tillmann Jacobi, Berlin

Typisch Tutor...

Es wäre verfehlt, eine Definition für das Können eines Tutors zu erfinden, Es gibt

keinen Gegenstandskatalog, der theoretisch und praktisch erfüllt sein soll oder

kann, damit die „Kompetenz Tutor" ausreichend oder zumindest wahrscheinlich

vorhanden ist. Jedoch gibt es einige Standards an Fragen über Wahrnehmung und

Beobachtungen, die eine hilfreiche Basis bilden können, wenn man eine Gruppe

neu übernimmt. Diese Fragen oder Sichtweisen hat man selbst erfahren als

„Grüppling" und allmählich intuitiv oder ganz bewußt verinnerlicht, sofern sie nicht

schon durch andere Erfahrungen {Pflegepraktika, Famulaturen, Nebenjob/Zivildienst

im Gesundheitswesen) genährt wurden. Ein Tutorentraining leistet

auch häufig gute Dienste, selbst wenn es sicherlich nicht unbedingt sein muß und .

keine Garantie für gutes Gelingen sein kann. Die semesterbegleitende Supervision

allerdings ist fast grundsätzlich als essentiell anzusehen.

/ /

Im Folgenden findet Ihr etwa 48 mehr oder weniger allgemeine Diskussionsanstöße.

Sie sind in 5 Kategorien „eingeteilt", aber nicht, um sie voneinander zu trennen,

sondern um sie hier übersichtlicher zu machen. An jedem Anamnesegruppenabend

kann ein gewisser Cocktail von Fragen zur Sprache kommen, Viel Spaß beim

durchlesen, besprechen und: reichlich erweitern!

1) Rahmen etc.

• Wie hat sich der Blitz verändert?

• Wie waren Begrüßung und Abschied vorn Patient 7

• Spieit das Geschlechterverhältnis eine Rolle (Interviewer-Patient, Gruppe)?

• Wann gab oder gibt es Pausen?

• Wenn es viele Themen gibt - sollen wir uns auf eines konzentrieren?

• Wie ist das Zeitempfinden bei Gespräch und Diskussion? Wie lang waren/sind

sie objektiv?

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Typisch Tutor.

2) Patient

• Warum entfernen wir uns bei der Diskussion so auffällig vom Patienten und

der Krankheit?

• Wirkte das Verhalten des Patienten „adäquat" zur Schwere der Krankheit?

• In welchen Bereichen wirkte es „schief (z.B. Alter/Aussehen, Sprache, Berufswahl...)?

• Welche Stimmung hat er ausgedrückt?

• Welches sind mögliche Ressourcen des Patienten in der jetzigen Krankheitssituation

(Familie, Krankenhaus, Therapieverfahren, Arbeitgeber, Religion.,.)

• Mit wem kann der Patient reden?

• Was ist vermutlich das größte Problem des Patienten mit dieser Krankheit

(körperlich, geistig, gesellschaftlich-sozial, ästhetisch, Einschränkungen im

Alltag.,.)? Welches Hauptziel ergibt sich dadurch für ihn? (z.B. gesund werden/Schmerzintensität

mildern/wieder mobil werden usw.).

• Wie hat der Patient auf die Gruppe reagiert? Was hat er mit der Gruppe gemacht?

Hat er sie eventuell bewußt „benutzt"?

» Warum ist der Patient gleich mit der Diagnose herausgeplatzt und versuchte

mit seiner fachlichen (Pseudo-)kompetenz zu glänzen? Oder warum hielt er

sie zurück?

• Welche Krankheitstheorie hat der Patient selbst? Welche wurde ihm bisher

nahegelegt?

• Wie mag der Patient sein, als es oder wenn es ihm richtig schlecht ging oder

gehl?

• Was für ein Mensch war der Patient (vermutlich) vor der Krankheit?

• Wie mag er wohl sein : als gesellschaftliches/soziales/geschlechtliches... Individuum?

• Wie könntet ihr mit ihm auf Station oder als Hausarzt wahrscheinlich arbeiten?

• Könnte es Probleme geben, wenn wir ihn jetzt nochmal treffen würden?

• Wenn Emotionen beim Patienten fehlten: will er nicht? kann er nicht? „darf

er nicht?

3) Gespräch

• Welche Fragearten wurden benutzt {geschlossene/offene/suggestive Fragen)?

Effekte? Hing das mit dem Verhalten des Patienten und dem Verlauf

des Gespräches zusammen?

• Wurden wichtige biographische Ereignisse angedeutet oder angesprochen?

Bedeutung?

• Wie verhielten sich Interviewer und Patient zueinander in Körperhaltung/Gesten/Stimme?

• Wer war aktiver und warum?

• Welche Signalworte tauchten im Gespräch auf oder fehlten bzw. wurden nur

umschrieben (z.B. Angst, Tod, Sexualität, Krebs, Metastasen)? Von wem

und wie wurden sie ausgesprochen?

• Belastungsfaktoren im Interview (z.B. junger Patient, schwere Krankheit,

Sprachprobleme, Emotionen z.B. Weinen..,)?

• Welche inneren oder äußeren Grenzen könnten hinderlich sein? (oder waren

hier im Gespräch)

• Welche Fragen wurden nicht gestellt, obwohl sie nahelagen? Warum?

• Welche Informationen oder FaKten wurden also nicht erfasst 9

• Wurden im Gespräch „Grenzen überschritten"? (Praktisch nie!)

• Wo gab es schwierige Momente im Anamnesegespräch (Einschnitte, Veränderungen)?

• Wurde der Patient durch bestimmte Fragen irritiert, überfordert o.a.?

• Oder der/die Interviewerin? (z.B. Fremdwörter. Diagnosen usw.)

4) Gruppe

• Wie wäre es der Gruppe anstelle des Interviewers gegangen?

• Was hat der Gruppe an der Anamnese (erhebung) gefallen?

• Was fehlte Euch? (Fakten oder Reaktionen o.a.)

• Wenn Gruppe oder Interviewer stark auf Patient reagierte: an wen erinnert er

Euch?

• Wie geht es der Gruppe gerade?

• Wie geht die Gruppe mit dem Interviewer um? Gründe?

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Typisch Tutor...

5) et cetera

• Ist so jemand der „ideale" Patient? (was ist das eigentlich?!)

• Wie mag es dem Patienten jetzt gerade gehen, wieder zurück auf Station?

Denkt er noch über uns nach, oder hat er uns gleich vergessen?

• Wie mag sein Umfeld mit der Veränderung/Einschränkung des Patienten

umgehen? Was wurde schon alles unternommen, was wurde eventuell unterlassen

an Maßnahmen, die eine Arrangement mit der Krankheit erleichtern

könnten?

• Haben wir „alles" vom Patienten gesehen, oder nur die „Spitze des Eisberges"?

Woran kann das liegen? Ist es schlimm, wenn man von einem Patienten

nicht „alles" weiß?

• Sind Vergleiche zu den bisherigen Stunden möglich (Gemeinsamkeiten/Kontraste)?

• Was ist gerade das Thema? Steckt noch etwas anderes dahinter (z.B. starke

Emotion? Ärger, Enttäuschung, Unsicherheit, Scham, Rivalität, Trauer, Betroffenheit,

Ekel, Überraschung, Interesse, Flirt...)?

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Anthropologische Aspekte der Sorge und Fürsorge

Von Gerhard Ganzer, Berlin

Wenn wir uns mit dem Thema der Sorge und der Fürsorge beschäftigen, wird es

notwendig sein, etwas weiter auszuholen. Denn wenn wir verstehen wollen, was

das Wesen von Sorge und Fürsorge ausmacht, müssen wir zuerst klären, in welchen

Zusammenhängen des menschlichen Daseins diese Begriffe auftauchen und

welche Beziehungen des einzelnen Menschen zu sich selbst, zu seiner Umwelt und

zu seinen Mitmenschen damit gemeint sind. Dabei werden wir sehen, daß das

Thema der Sorge und der Fürsorge Fragen und Bereiche der Philosophie wie auch

der Anthropologie und der Tiefenpsychologie berührt.

Das Phänomen der Sorge und der Fürsorge - so wie wir es weiterhin behandeln -

gibt es nur bei uns Menschen. Wohl "sorgen" und kümmern sich auch Tiere, etwa

um ihren Nahrungsvorrat oder um ihre Behausung. Auch treffen wir bei Tieren eine

gewisse Form von Fürsorglichkeit an; man denke nur an die Aufzucht ihrer Brut.

Doch sowohl die Sorge wie auch die Fürsorge im Tierreich unterscheidet sich

grundlegend von dem, was bei uns Menschen damit gemeint werden kann. Es wird

daher notwendig sein, einige spezifische Eigenschaften von uns Menschen aufzuzählen,

um im Gegensatz zur Tierwelt zu verdeutlichen, was Sorge und Fürsorge

für den Horno sapiens bedeuten.

Ferner ist das Phänomen der Sorge und der Fürsorge angesiedelt zwischen dem

Einzelnen und seiner Mitwelt. Es scheint daher sinnvoll, neben einer Abgrenzung

des Menschen von den übrigen Tieren auch die möglichen Beziehungen von uns

Menschen zueinander und zu uns selbst genauer zu untersuchen. Dafür aber ist es

notwendig, eine kurze Beschreibung sowohl des Individuums wie auch seiner Relationen

zur Welt zu liefern. Bei der Beantwortung der Fragen, wie denn wir Menschen

im Gegensatz zu Tieren und unsere Beziehungen zur Welt und zum Kosmos

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96 97


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Anthropologische Aspekte der Sorge und Fürsorge

beschaffen sind, greifen wir im folgenden auf diesbezügliche philosophische Modelle

und Überlegungen von Hegel, Heidegger, Sartre und anderen zurück.

Ais erstes und gewichtiges Merkmal eines Menschen, das von Heidegger in Sein

und Zeit (1927} als Existenzial - als wesentliches Merkmal des Menschen überhaupt

- beschrieben wurde, kann das weltoffene "Existieren", das "tn-der-Welt-Sein"

bezeichnet werden. Alles, was die Welt zu bieten hat, Materielles, Natürliches, Geistiges,

die Mitmenschen, Kulturelles etc., kann von uns Menschen erkannt, verstanden,

begriffen, erfaßt, gebraucht usf. werden.

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POW 15

Geist macht die exponierte Stellung des Menschen im Kosmos aus, er bewirkt des

Menschen "existentielle Entbundenheit vom Organischen, seine Freiheit, Ablösbarkeit

- oder doch die seines Daseinszentrums - von dem Bann, von dem Druck, von

der Abhängigkeit vom Organischen, vom 'Leben'" (Scheler). Gleichzeitig läßt uns

diese Entbundenheit erst in eine Situation geraten, in der wir unsere Beziehungen

zum Organischen und zum ganzen Kosmos zwar freier als die Tiere gestalten können,

dafür aber auch Verantwortung übernehmen und Konsequenzen ziehen müssen.

Immer schon begegnet uns Menschen Welt, Der erste Atemzug, der erste Blick, der

erste Schritt - das Individuum atmet, erblickt, betritt eine Welt, "in" der es existiert.

Menschliches Sein oder "Dasein" bedeutet ganz wesentlich "In-der-Welt-Sein". Anders

als das Tier zeichnet uns Menschen eine sogenannte "Weltoffenheit" aus. Das

bedeutet, daß wir nicht nur in einer streng definierten "Umwelt" leben, sondern potentiell

das ganze Universum begreifen und zu unserem Lebensraum erklären können.

Als Individuum ist der Mensch Ganzes, als Dasein, das in der Welt lebt, ist der

Mensch Teil; er nimmt eine "Stellung im Kosmos" (Max Scheler) ein. Aufgrund dieser

"Teir-habe am und dieser Stellung zum Kosmos muß der Mensch über sich

selbst hinaus fragen, um sich im Verhältnis zum Ganzen in seiner wahren Proportion

zu erkennen. Die Beziehungen zu diesem Ganzen sind nicht - wie beim Tier -

festgelegt, sondern können mehr oder minder frei gestaltet werden.

Im Gegensatz zu belebter und unbelebter Natur und zur gesamten übrigen Welt

haftet dem Menschen ein "Hiatus" an, der es ihm überhaupt erst ermöglicht, über

sich hinaus zu fragen und sich zu sich und zur Welt in Bezug zu setzen, Dieses

Vermögen, zu reflektieren, ein Bewußtsein auszubilden, einen Standpunkt einzunehmen,

intentional zu sein, sich frei zu setzen, sich und der Welt Sinn und Bedeutung

zu verleihen und diese als Symbol oder Sprache auszudrücken, wird gemeinhin

als Geist bezeichnet.

Anders als das Tier, das in einer "Umwelt" lebt, existiert der Mensch aufgrund seiner

geistigen Fähigkeiten in einer "Welt". Als geistiges Wesen ist er dauernd zur

Welt hin geöffnet, "weltoffen' 1 , Als Träger des "personalen Geistes" wächst der

Mensch in eine Welt, in einen Raum des "objektiven" und des "objektivierten Geistes"

(Hartmann) hinein. Diese geistige oder auch "gelichtete" Welt (Heidegger), an

deren Gestaltung Generationen von Menschen beteiligt waren, wird als "kulturelle"

Welt der natürlichen Welt entgegengesetzt. Ohne menschliche Existenz mangelte

es an "Lichtung", es gäbe keine "gelichtete", erkannte oder sinnhafte Welt, Das

Auftauchen des Menschen im Kosmos bedeutete das Ende der Weltnacht.

Das "In-der-Welt-Sein" des Menschen bedeutet auch, daß jeder Einzelne in einem

spezifischen Raum lebt, und zwar fundamental unterschieden von der Statik oder

Dynamik eines Gegenstandes im Raum. Für alle nicht-menschlichen Objekte gelten

lediglich die Gesetze der Geometrie, für den Menschen gibt es außerdem den ganz

eigenen, subjektiven Raum.

So konstituiert sich je nach Gestimmtheit, Offenheit, Expansivität, Mut, Wachheit,

Vorwissen und Bildung des Betreffenden - für jeden Menschen neu und andauernd

wechselnd - der Raum um ihn als ein subjektiver und "hodologischer" (K.Lewin).

Der Raum unterscheidet sich in seiner Weite und Fülle von Individuum zu Individuum,

aber auch - bezogen auf ein Individuum - von Tag zu Tag. Bisweilen verändert

dieser individuelle Raum seine Dimensionen auch schlagartig, beispielsweise, wenn

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99


Anthropologische Aspekte der Sorge und Fürsorge

Schmerz die Aufmerksamkeit und Expansivität eines Menschen auf die Ausmaße

seiner kleinen Zehe schrumpfen läßt.

Anaiog zum Raum lebt jeder Mensch auch in seiner sehr eigenen "hodologischen"

Zeit. Dies mag zunächst befremdlich klingen, denn wir sind gewohnt, den öffentlichen

und intersubjektiven Charakter zu Zeit zu betonen. Sie ist als eine Summe von

Jetzt-Punkten datierbar, für jeden Menschen mit einigermaßen gutem Willen die

gleiche oder zumindest vergleichbar, ein öffentliches "Hab und Gut", auf das "man"

sich geeinigt hat und zu dem in Relation zu leben wir gewohnt sind.

Die Zeit ist auf den Menschen bezogen, sie stellt ein Phänomen dar, das erst mit

dem Menschen in die Welt kam.und das nur er mißt und erkennt. Gleichzeitig

mischt sich jedoch die Zeit in alle Verhältnisse des Menschen zur Welt und haftet

dann auch an leblosen, materiellen Dingen.

Die Zeit jedoch, die jeder von uns "hat" und die wir auf ganz eigene Art erleben, definieren

und füllen, unterscheidet sich merklich von der öffentlichen und gemessenen

Zeit. Die Zeit liegt nicht wie ein Gegenstand vor uns. Kein Ding und auch kein

außerhalb unserer Person ablaufender Prozeß, in den wir ein- oder aussteigen

könnten, ist also die Zeit, Sie ist vielmehr die Art und Weise, wie wir unser Dasein

"zeitigen" und leben - und damit sind wir selbst unsere ganz individuelle, unvergleichliche,

"hodologische" Zeit. Diese erleben wir nicht als eine Aneinanderreihung

von Jetzt-Punkten, sondern vielmehr als Spanne oder Dauer, als träge dahinfließende

oder uns davonlaufende Zeit, als lange zurückliegend oder auch als weit in

die Zukunft reichend.

Die Zukunft ist die zeitliche Dimension, die dem Menschen Freiheit, Entwicklung,

Veränderung, Metamorphose und Glück verheißt. Wer seinen eigenen Entwurf wagt

und gestaltet, wer seine persönliche und kollektive Geschichte kennt und wer seine

Zukunft als Raum der Entwicklung, der Metamorphose und - wie Rilke es ausdrückte

- des "drängenden Auftrags nach Verwandlung" begreift, scheint sich am

— pon t s

ehesten dem anzunähern, was wir im weiteren Verlauf noch als "Sorge um uns

selbst" bezeichnen werden.

Ähnlichen Einfluß auf das In-der-Welt-Sein des Individuums wie seine Räumlichkeit

und seine Zeitlichkeit nimmt seine Stimmung respektive seine Befindlichkeit- Jeder

von uns erwacht morgens mit einer je eigenen Stimmung, die von vielerlei Faktoren,

von Träumen, Erwartungen, Erlebnissen, Begegnungen usf. geprägt und beeinflußt

wird. Unsere Befindlichkeit, die sich aus vielen derartigen momentanen Stimmungen

und darüber hinaus aus Gewesenem, aus Charakter und Biographie zusammensetzt,

zieht sich oftmals wie ein immer wiederkehrendes Motiv oder Thema

durch einen Tag, eine Woche, ein Jahr oder auch ein ganzes Leben. Wie der

Schußfaden in ein Gewebe, so ist die jeweilige Stimmung in den Ablauf unserer

Existenz verwoben und bestimmt maßgeblich deren Muster, Tönung und Farben.

Manche Stimmungen, etwa die Hoffnung, die Zuversicht, der Humor oder die Liebe,

ermöglichen einen umfassenden und reichen Weltkontakt. Sie weiten das In-der-

Welt-Sein des Menschen und bewirken, daß er sich den anderen gegenüber überhaupt

fürsorgend einstellen kann. Ärger, Angst, Melancholie, Wut, Haß oder Langeweile,

die man auch als Verstimmungen bezeichnen kann, reduzieren die Intensität

des Weltkontakts und treiben das Individuum in den Schmollwinkel der Einsamkeit,

des Rückzugs und des Verstummens. Solche Verstimmungen oder Affekte

gehen oft jahrelang (psycho-J somalischen Erkrankungen voraus oder mit ihnen

einher. Sie müssen daher als weit in körperliche Sphären hinein wirkende, pathogenetische

Faktoren ersten Ranges verstanden werden.

Stimmungen auch sind verantwortlich dafür, ob und wie wir uns zur Welt hingezogen

fühlen, besonders zum interessantesten "Objekt", dem der Mensch in seinem

In-der-Welt-Sein begegnet: zum Anderen, zum Mitmenschen. Im mitmenschlichen

Nexus, im Kontakt zur Sozietät erst wird der Mensch zum Menschen, reift unsere

Existenz zu einer humanen, zu einer kooperativen und kommunikativen Daseinsform.

Die einzelne Person gibt es nur im Kontakt mit anderen Personen. Der biologische,

soziale, sprachliche, kulturelle Nexus, der von anderen Personen "ver-

100 101


Anthropologische Aspekte der Sorge und Fürsorge

körpert", gestaltet und getragen wird, ermöglicht erst die Ausbildung, Prägung und

Fixierung von Person-Kernen sowie die Entwicklung und Weitung der Person. Ohne

die Existenz personaler Anderer, ohne Das dialogische Prinzip (M.Buber) eines Du

gäbe es kein Ich. Das Individuum findet sich je schon in der Rolle des Mitmenschen

- oder es findet sich nicht! Nur schwerlich können wir für uns die Rolle des Mitmenschen

ausschlagen oder leugnen, da wir ja jede unserer menschlichen Leistungen

und sogar unsere organische Existenz anderen zu verdanken haben, in deren

Kontext wir hineingeboren wurden und mit deren Muster wir verwoben sind.

Den anderen als Mitmenschen, als Meinesgleichen, die Welt als Mitwelt zu erleben,

ist ein ursprünglicher Akt. in ein Wir, in eine Gemeinschaft, in einen Kommunikationszusammenhang

werden wir hineingeboren, und nur mit Hilfe dieses Zusammenhangs

glückt unsere Individuation.

Nur die belebte Natur kennt das Phänomen des Fremden. Unbelebtes kann sich

nicht von anderem Unbelebten unterscheiden, keinem Stein gelingt die Abgrenzung

zum Nachbarstein oder zum Regentropfen, der ihn trifft. Einzeller hingegen vermögen

bereits zwischen "eigen" und "fremd" zu differenzieren und sind in der Lage,

adäquat und aktiv darauf zu reagieren.

Auch der Mensch verfügt über diese Fähigkeit, Eigenes von Fremden zu differenzieren,

das andere und den anderen in Gegensatz zum Selbst zu setzen. Sartre

beschreibt diesen Prozeß als "Nichtung": Das andere, die Welt, die Natur, die Dinge,

die Mitmenschen sind das "Nicht-Ich". Im menschlichen Immunsystem findet

diese ontologische Tatsache ihre biologische Antwort und Ausgestaltung.

Im Unterschied nun zur Natur, zu den Dingen und Sachen sind die anderen Menschen

dadurch ausgezeichnet, daß sie von derselben Seinsart, in derselben Weise

da sind wie ich selbst. Unbeschadet dessen, daß sie andere sind, sind sie doch

Meinesgleichen. Dies ist auch der Grund dafür, von einem "Verhältnis" im eigentlichen

Sinne des Wortes in Bezug von einem Menschen zu einem anderen Menschen

sprechen zu können. Nur im zwischenmenschlichen Bereich ist ein gegenseitiges

"Verhalten" auf gleichem Form- und Gestaltniveau möglich. Sorge um sich

und Fürsorge um den anderen sind daher im Bereich des menschlichen Daseins

anders geartet wie beispielsweise die "Sorge um die Natur".

Im Verhältnis zu anderen Menschen begegnet mir der andere als Subjekt und als

Objekt, als Mittelpunkt seiner Welt, an deren Peripherie ich angesiedelt werde, und

als "Gegenstand" an der Peripherie meiner Welt, deren Mittelpunkt ich bin. Als "alter

ego" verbindet mich mit dem anderen eine basale Vertrautheit - er ist "meinesgleichen".

Als Zentrum seiner Welt, seiner Freiheit bleibt mir der andere immer letztlich

unerreichbar und fremd - nie wird er "wie ich" sein, und nie werde ich seine Welt mit

seinen Augen sehen und erleben können. Vertrautheit und Fremdheit, Symbiose

und Einsamkeit sind die Pole, zwischen die das Verhältnis der Menschen zueinander

gespannt ist.

Sehr erhellend hat bereits Hegel dieses Verhältnis der Menschen untereinander

beschrieben. In seinem Buch Phanomenologie des Geistes (1806/07) gibt es ein

seit jeher viel beachtetes Kapitel mit dem Titel "Herr und Knecht". Hegel sagt darin,

daß bei der Begegnung zweier "Selbstbewußtseine" immer ein Kampf um die

Überlegenheit stattfindet. Wenn Menschen einander begegnen, stellt sich immer die

Frage, wer Herr und wer Knecht sein soll. Mit anderen Worten: Jedes Selbstbewußtsein

will sich selbst als Subjekt definieren; um das zu ermöglichen, soll der andere

oder müssen die anderen Objekte sein. In allen geschichtlichen und sozialen

Situationen erkennt Hegel das untergründige Ringen der Menschen um Überlegenheit.

Zum Herrn wird jener, der die Macht und Unabhängigkeit höher ansetzt als das

Leben. Der Knecht jedoch "wählt" das Überleben um jeden Preis, und das führt ihn

in ein Sklavendasein. Aber Hegel weiß auch schon, daß kein Mensch die Unterjochung

leicht erträgt. Daher träumt der Sklave immer von Herrschaft, und wenn es

die Verhältnisse erlauben, revoltiert er und entmachtet seine Unterdrücker. Man

sieht, daß in Hegel sein Fortsetzer und Widersacher Marx bereits angelegt ist.

Aber Hegel ist nicht nur der Diagnostiker des ubiquitären Willens zur Macht in der

Menschengemeinschaft. Er beschreibt auch die Möglichkeit, daß die Selbstbe-

102 103


PGM l'S

wußtseine einander akzeptieren und sich solidarisieren. Da das menschliche Selbst

etwas sehr Fragiles ist, benötigt es dringend diese Unterstützung durch ein Du. Hegel

formuliert sogar: "Das Sein des Selbstbewußtseins liegt in der Anerkennung

durch ein anderes Selbstbewußtsein." Dieses Verhältnis nennen wir Achtung,

Wohlwollen oder gar Liebe. Nach Hegel gedeiht der Mensch nur in dieser Atmosphäre

der wechselseitigen Bejahung, und es macht das Glück und Unglück seines

Lebens aus, ob er derlei in ausreichendem Maße findet.

Das ist eine sehr moderne Erkenntnis, die z.B. durch die Tiefenpsychologie vielfach

bestätigt wird. Schon das Kleinkind benötigt für sein Wachsen und Werden die

schier uneingeschränkte mütterliche Zuwendung, die Anerkennung in höchstem

Maße ist. Später im Leben gelten ähnliche Bedingungen. Menschen, die nicht mehr

an Bejahung durch ein Du glauben, erkranken physisch oder psychisch und Können

auch einem Wahn anheimfallen.

Aber warum ist wechselseitige Bejahung im Menschenleben so schwierig und so

selten? Auch hier weiß Hegel bereits Bescheid. In seinem genannten Werk postuliert

er, daß auf "der Ebene der Begierde" jedes Selbstbewußtsein "auf den Tod des

anderen Selbstbewußtseins" auszugehen pflegt. Anders ausgedrückt: Wenn uns

Begierde und Angst antreiben, kommen wir erst zur Ruhe, wenn der Mitmensch

sich in eine Objektrolle fügt und uns "zur Verfügung steht". Gelingt es uns aber, ihm

liebend zu begegnen, dann wollen wir nicht die Auslöschung seiner Freiheit und

seines Bewußtseins. Wir können neben ihm frei sein und auch ihm die Freiheit

gönnen.

Sartre, der diese Ausführungen Hegels trefflich benützt, bringt diese Einsichten unter

in seiner berühmten Analyse des "Blicks". Er erörtert, was geschieht, wenn ein

Mensch allein in der Landschaft ist. Dann überblickt er nämlich alle Dinge und Gegebenheiten

und ist "souveränes Bewußtsein", Kreuzt aber ein Mitmensch auf, der

ihn auch anblickt, dann wird man auf die "Conditio humana" zurückgeworfen und ist

eben Subjekt und Objekt zugleich. Das erträgt man nur, wenn man eine gewisse

Stärke in sich fühlt. Je schwächer der Mensch ist, umso radikaler will er nur Subjekt

(und das heißt fast "gottähnlich 1 ') sein. In jedem Menschen steckt nach Sartre das

bewußte oder unbewußte Verlangen, Gott zu werden - und das ist nun einmal zum

Scheitern verurteilt.

Aber wiederum kann man korrigierend sagen, daß es auch die Möglichkeit des "liebenden

Blicks" gibt. Da wird nicht via Anschauen und Beobachten um Herrschaft

gekämpft, sondern man faßt den anderen ins Auge, um sein Wohl und seine Entwicklung

anzustreben. Nicolai Hartmann hat diesen Gesichtspunkt in seiner "Ethik"

(1926) lichtvoll erörtert. Die große Frage ist die, wie man die Menschen dazu anleitet,

mit einem liebenden Blick in die Welt zu schauen. Derlei fehlt uns an allen Ekken

und Enden.

Man sieht also, daß das Verhältnis Mensch und Mitmensch viel komplexer ist, als

man zunächst meint. Auch Martin Buber hat in verschiedenen Schriften ("Ich und

Du"; "Zwiesprache"; "Das Problem des Menschen") diese Problematik geistvoll diskutiert.

Er ist der Meinung, daß der Mensch nur insofern Mensch ist, als er ein "dialogisches

Leben" führt. Nur in der Zwiesprache wächst der Mensch zur Menschlichkeit

heran. Hört die Kommunikation auf, dann zerfällt das "Menschliche". Zwischen

Ich und Du wird demnach die Substanz des Menschendaseins konstelliert. Wären

wir dialogfähiger, dann könnten wir möglicherweise die Menschenwelt in Ordnung

bringen.

Man lehrt uns zu wenig hinsichtlich der Wichtigkeit dieses Anthropinons, d.h. des

Wesensmerkmals des Menschen. Wir wissen eventuell, wie wir uns ernähren und

physisch pflegen sollen; aber daß geordnete und gute menschliche Beziehungen so

unentbehrlich sind wie der Sauerstoff zum Atmen, wird uns nicht beigebracht. Deshalb

jagen wir äußeren Gütern nach und vernachlässigen die Beziehungswelt, die

die wahre Heimat des Menschen ist.

Gewiß ist hieran auch unser Gesellschaftssystem mit der dazugehörigen Ideologie

schuldig. Wir huldigen dem "Kampf aller gegen alle" und denken, daß trotzdem eine

soziale Harmonie Zustandekommen soll. Das ist wahrscheinlich ein schrecklicher

105


Anthropologische Aspekte der Sorge und Fürsorge

Irrtum. Soll jemals eine intakte Menschenwelt entstehen, dann müssen Kommunikation

und Kooperation der Leitstern jeglichen Handelns werden. Fast alle Utopien

zeichnen einen solchen Zustand, und wenn sie auch manchmal etwas verstiegen

anmuten, haben sie tendenziell recht, wenn sie diese Zielrichtung angeben.

Auch für die Selbstentfaltung brauchen wir immer den Mitmenschen als Helfer,

Partner und "Gefährten unserer Entwicklung". Manche Phänomenologen betonen

sogar, daß jedes Werden des Menschen ein "Mit-Werden" (E.Minkowski) ist. Nehme

ich nicht den anderen oder die anderen auf meinem Wege mit, dann sind meine

eigenen Bestrebungen zur Sterilität und zum Scheitern verurteilt. Fürwahr: Dasein

ist Mit-Sein, und das in einem Grade, wie es sich der Laienverstand kaum träumen

läßt.

Die Tatsache also, daß es andere gibt, kann von uns Menschen im Sinne des

Kampfes um Dominanz und Herrschaft über die anderen oder aber im Sinne der

Fürsorge um die anderen beantwortet werden. Letztere Haltung bedeutet, sich gegenseitig

im Prozeß der Selbstwerdung zu unterstützen, ohne dem anderen die

Last und die Bürde der Individuation abzunehmen. Eine solche Haltung ist eng mit

der Haltung der Sorge um sich selbst verknüpft; beide bedingen und steigern sich

gegenseitig. Was aber bedeuten diese beiden Begriffe nun vor dem Hintergrund

dessen, was bisher ausgeführt wurde?

Viel beachtet wurde Heideggers These, daß wir das Daseins des Menschen zunächst

und zumeist in der kümmerlichen Form des Man-selbst-Seins vorfinden. Der

Mensch lebt überall im Kollektiv; und die Gesellschaft sowie die Gemeinschaften

sozialisieren ihn so vollständig, daß er nur auf mühevollen Wegen zum Bewußtsein

seiner Individualität gelangt. Nach Heideggers elitärer Auffassung sind ein Großteil

der Menschen fast komplett eingeebnet und nivelliert. Sie denken, was man denkt;

sie fühlen, was man fühlt; sie handeln, wie man handelt; und sie verachten die

Masse, wie man als Massenmitglied die Masse zu verachten pflegt. Primär kann

niemand dem Schicksal des Man-selbst-Seins entrinnen.

Heidegger betont nachdrücklich, daß es unsere Aufgabe ist, ein eigentliches Selbst

zu werden. Wir müssen uns auf den Weg zur Entdeckung unseres Ich-selbst-Seins

begeben. Aber wie wird man Individualität im eigentlichen Sinne des Wortes?

Nach Heidegger bedarf es eines Aktes der Losreißung aus der Alltäglichkeit, wenn

man das Selbstsein anstrebt. Dazu sind die vorhin schon erwähnten Stimmungen

wesentlich. Stimmung wurde ja vorhin schon definiert als eine Form der Welterschließung

und des Weltkontakts. Merkwürdigerweise ist es nun die Grundstimmung

der Angst, die das Eingeschläfertsein in der Massenexistenz durchbricht und

uns zum Selbstsein aufruft. Denn die Angst ist ein "Schwindel der Freiheit", ein "Zurückweichen

des Seienden im Ganzen", ein "Hineingehaltensein in das Nichts". Wer

den Mut zur Angst hat, erfährt, daß er grundsätzlich ganz auf sich selbst gestellt ist.

In den fundamentalen Fragen des Daseins bleiben wir allein. Auch in der Selbstschöpfung

unserer Persönlichkeit können uns andere dies und das vermitteln, aber

wenn wir nicht selbst das Entscheidende tun, bleibt unsere Person oder unsere

Einmaligkeit "ungeboren".

Nur die zum Bewußtsein ihrer Eigenständigkeit und Eigentlichkeit erwachte Person

hat nach Heidegger eine authentische Seins-, Welt- und Lebenserfahrung. Wer mit

dem Kollektiv denkt, bewegt sich in Schablonen, Klisches, Vorurteilen und Banalitäten,

Er klammert auch die "Grenzsituationen" des Daseins aus, nämlich Angst,

Tod, Scheitern, Schuld, Einsamkeit und Authentizität.

Nur innerhalb dieses echten und eigentlichen Ich-selbst-Seins weisen wir Menschen

nach Heidegger das auf, was wir "Sorge" (um uns selbst) nennen. Dieser

Begriff meint nun nicht, daß der Mensch per se immer Sorgen hat - was zwar auch

nicht ganz falsch ist. Nach unserem Philosophen jedoch wird damit im Bereich der

"hodologischen Zeit" die Zukunftsorientierung des Daseins anvisiert. Der Mensch

lebt, wenn er sich um sich sorgt, weitgehend in der Dimension der Zukunft. Immer

ist er sich selbst voraus, existiert in Plänen, Entwürfen, Wünschen, Hoffnungen und

Befürchtungen. Menschsein heißt: Fast permanent mit einem Großteil der seelischen

Energien "zukünftig" zu sein.

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Anthropologische Aspekte der Sorge und Fürsorge

Heidegger legt den Akzent auf die Zukünftigkeit der Zeit. Denn nur aus der Zukunft,

die sich ein Mensch gibt oder entwirft, kann man seine Gegenwart und seine Vergangenheit

verstehen. Darin liegt auch ein Spielraum der Freiheit. Unsere Vergangenheit

ist abgetan und festgelegt; sie determiniert auch in hohem Maße unsere

Gegenwart. Aber da der Mensch für die Zukunft offen ist, kann er durch mehr oder

minder "freie Entwürfe" dem Gegenwärtigen und Vergangenen jeweils einen für ihn

passenden Sinn geben. Aus der gestaltbaren Zukunft und der Sorge darum erwachsen

alle Sinnmögtichkeiten des Daseins, erwächst die Dimension von Sinn

überhaupt und erwächst die Möglichkeit des Ich-selbst-Werdens.

Ausgehend von dieser Beschreibung der Sorge können wir nun auch besser verstehen,

was Heidegger mit dem Begriff der Fürsorge meint. Heidegger unterscheidet

bei der Fürsorge eine "vorausspringende" und eine "einspringende" Form, Die

vorausspringende Fürsorge versucht, dem Mitmenschen die Voraussetzungen zu

vermitteln, den Prozeß des Ich-selbst-Werdens bei sich ins Auge zu fassen und zu

realisieren. Diese Form der Fürsorge beläßt den anderen in seiner Aufgabe, ein

Einzelner und ein unverwechselbares Individuum zu werden.

Im Gegensatz dazu wird bei der einspringenden Form der Fürsorge der andere

meist dieser Aufgabe enthoben, Statt dessen findet ein oftmals umfängliches Programm

der Verwöhnung statt, das den Mitmenschen eher daran hindert, den Prozeß

der Individuation für sich zu wagen und in Angriff zu nehmen. Die einspringende

Fürsorge führt zwar fast immer zu rascher Beruhigung und Minderung von Angst

und Unsicherheit des Gegenüber; gleichzeitig beläßt sie ihn aber im Status des

Man-selbst-Seins, im Status des uneigentlichen Existierens und in einer gewissen

Form der Abhängigkeit.

Die Tugend der Fürsorge darf nicht verwechselt werden mit der Untugend des

"Verfallen-Seins" an Dinge oder an andere Menschen. Vorrangig in sogenannt

"helfenden Berufen" kennen wir mannigfache Versuchungssituationen, in denen wir

die Sorge um unsere eigene Individuation hinter der dann oftmals einspringenden

Fürsorge für andere zurückstellen.

Das entscheidende Kriterium für diese Verwechselung ist eine Abnahme an Freiheit

und Autonomie sowie eine Zunahme an Abhängigkeit des Fürsorgenden. Diese

Form des Verfallen-Seins führt nach Heidegger unweigerlich zur "Uneigentlichkeit"

der eigenen Existenz und damit erneut zum Man-selbst-Sein. Das eigentliche

Selbstsein gibt es nur um den Preis von Angst und Vereinsamung. Es besteht nicht

im billigen "Nein", sondern im mühsamen Aufbruch zum ureigensten Wesen. Diese

Form der Existenz aber widerspricht der Form der einspringenden Fürsorge für andere,

die zum Surrogat der eigenen Entwicklung wird.

Sowohl die Sorge um das eigene Ich-selbst-Werden wie auch die vorausspringende

Fürsorge um die anderen gipfelt nach Heidegger in der sogenannten Transzendenz-

Heidegger versteht darunter die Fähigkeit des Menschen, seinen Status quo

immer wieder zu überschreiten und zu verändern. Erst in der Veränderung, in der

andauernden Metamorphose und Entwicklung, im stetigen Werden, das dem statischen

Sein entgegengesetzt ist, verwirklicht sich der Mensch eigentlich und lebt er

seinem innersten Wesen gemäß.

Die Transzendenz des eigenen Daseins ist auch die beste Voraussetzung dafür,

sich nicht nur konkreten anderen Mitmenschen, sondern auch dem gesamten "Experiment

Menschheit", der ganzen Kultur, der Natur und dem Kosmos gegenüber

"vorausspringend" fürsorglich einzustellen und zu verhalten. Ein Mensch, der dauernd

bemüht ist, seinen eigenen Wert zu steigern, kann gar nicht anders, als mit

"liebendem Blick" auch den Wert seiner Mitmenschen und seiner ihn umgebenden

Welt zu steigern oder zumindest zu erhalten. Wertsteigerung, Sorge und vorausspringende

Fürsorge können als synonyme Begriffe gebraucht werden.

Diesen Facetten und Aspekten der Sorge und der Fürsorge werden wir demnach

nur dann gerecht, wenn wir Menschen uns und unser Leben dem beschwerlichen

Prozeß der Individuation und des Einzelner-Werdens verschreiben und diesen

f5

108 109


Anthropologische Aspekte der Sorge und Fürsorge

Prozeß auch unseren Mitmenschen zumuten. Seit Jahrtausenden wird dieses Ziel

des Einzelner-Werdens von Philosophen, Künstlern und Wissenschaftlern formuliert

und angestrebt. Nietzsche wollte das "Herdentier" in uns überwinden, Heidegger

das "Man-selbst-Sein" gegen die Segnungen des "Ich-selbst-Sein" eintauschen.

Beide verbanden mit der Geburt des Individuums die Vorstellung der seelischgeistigen

Reife und Souveränität sowie der Eigentlichkeit des Seins.

Die gleichen Probleme wie vor 25 Jahren

- und keine Besserung in Sicht?

Von Henning Borchert, Berlin

POTtt t S

Fehlen dem Einzelnen die Freiräume künstlerischer und spielerischer Lebensgestaltung

und nähert er seine Existenz auf Dauer dem dumpf-monotonen Rhythmus

von Maschinen oder Institutionen an, läuft er Gefahr, seine Individualität zu verlieren

und an Leib und Seele ernsthaft zu erkranken. Nur wer seinem individuellen

Wesen Ausdruck verleiht und die Spanne seines Daseins dem "Programm" der Lebenskunst

widmet, sorgt tatsächlich um sich und wirkt als überzeugendes Modell,

das sich guten Gewissens der vorausspringenden Fürsorge um andere zuwenden

kann.

Bis vor einiger Zeit hatte ich das Gefühl, die Mißstände, die in der medizinischen

Ausbildung und Praxis sichtbar sind, würden in neuerer Zeit von immer mehr Leuten

erkannt bzw. wären erst in letzter Zeit entstanden; daher hoffte ich, daß sich die

Erkenntnis dieser Mißstände mit dem Nachrücken einer jungen, (zumindest teilweise)

engagierten Generation von Ärztinnen mit einem deutlicheren Problembewußtsein

allgemein durchsetzen würde und sich die Zustände in den nächsten Jahren

bessern könnten. Öffentliche Diskussionen und Entwicklungen wie der Reformstudiengang

Medizin bestärkten mich in diesem Gefühl.

Als ein überzeugendes Beispiel für diese Form von Sorge um die eigene Person,

die eng mit dem Werden und der Entwicklung der eigenen wie auch fremder Existenzen

verschwistert war, galt und gilt Goethe, von dem schon Nietzsche bewundernd

in Götzendämmerung meinte:

Er löste sich nicht vom Leben ab, er stellte sich hinein; er war

nicht verzagt und nahm so viel als möglich auf sich, über

sich, in sich. Was er wollte, das war Totalität; er bekämpfte

das Auseinander von Vernunft, Sinnlichkeit, Gefühl, Wille

... er disciplinirte sich zur Ganzheit, er schuf sich,

Dann fielen mir drei etwa 25 Jahre alte Artikel in die Hände, die meine Hoffnung auf

eine baldige Verbesserung deutlich dämpften... (s. u.)

Die Lektüre der Artikel zeigt, daß die sehr viele der oben angesprochenen Probleme

schon vor 25 Jahren erkennbar waren, teilweise sind es exakt die gleichen wie

heute. Auch bei den Forderungen, die von den Autoren bzw. deren Interviewpartnern

gestellt wurden, ergibt sich eine erstaunliche (und frustrierende) Übereinstimmung

mit aktuellen Forderungen.

Natürlich hat sich auch einiges geändert; diverse Änderungen der Approbationsordnung

sind nicht spurlos an der medizinischen Ausbildung vorübergegangen... Aber

alles in ailem hat sich bedrückend wenig verändert oder gar verbessert.

Der Autor betreut uns seit einigen Jahren als Superviso^

110


Die gleichen Probleme wie vor 25 Jahren - und keine Besserung in Sicht?

Probleme der ärztlichen Ausbildung und der ärztlichen Tätigkeit

Im gesamten medizinischen Betrieb gibt es damals wie heute vieles, das dringend

verbessert werden müßte. An einigen Beispielen möchte ich die Stagnation in der

Entwicklung verdeutlichen.

Dabei fallen mir als Medizinstudent natürlich in erster Linie Mängel an der derzeitigen

Medizinerinnenausbildung auf (wobei Anamnesegruppen ein Versuch sind, einige

dieser Mängel des "offiziellen" Ausbildungssystems durch "private" studentische

Aktivität auszugleichen).

Auch der Krankheitsbegriff ist durchaus fragwürdig. Nach vorherrschender wissenschaftlicher

Auffassung ist Krankheit "eine Störung im normalen Körpergeschehen,

eine Störung, die man glaubt, allein mit naturwissenschaftlichen Kategorien

erfassen zu können, (...) ein naturhaftes Ereignis und Geschehen, das losgelöst ist

von soziokulturellen Einflüssen - und losgelöst vom Patienten." 1

Professor Begemann dazu: "Wir werden uns in der Zukunft nicht nur mit den Naturwissenschaften

in der Medizin begnügen können. (...) Ich glaube, wir können uns

nicht mehr damit begnügen, die Krankheiten des Menschen nur auf der Ebene des

Körperlichen zu untersuchen. Die menschliche Existenz spielt sich in sehr verschiedenen

Bereichen ab, in körperlichen, in psychischen und in sozialen." 3

Schon Art und Weise der Ausbildung und die Auswahl der zukünftigen Ärztinnen

zeigt, worin der Sinn der Ausbildung liegt: "Als solches seien hier nur die Tatsachen

genannt, (...) daß der größte Teil des Lehrstoffes Faktenwissen ist und die

Studenten dadurch an der Entwicklung eigenständigen Denkens hindert, (.,,) daß

schließlich der Numerus clausus verbunden mit den derzeitigen Auswahlkriterien u.

a. auch die Auswirkung haben könnte, anpassungsfähige und zur Reflexion ihrer

gesellschaftlichen Rolle weniger bereite Abiturienten bevorzugt Eingang ins Medizinstudium

finden zu lassen: Die Funktion der medizinischen Ausbildung besteht u.

a. in einer beinahe fehlerfreien Anpassung an die derzeitige soziale Rolle des Arztes.

(..,}'"

Dabei bleibt vieles von dem, was junge Menschen dazu bewegen kann, diese Ausbildung

zu machen, auf der Stecke, zum Beispiel"(...) die Einstellung vieler Abiturienten,

anderen helfen zu wollen, die in der Wahl des Studienfaches Medizin häufig

eine spezifische Sicht der späteren Berufspraxis bestimmt: unmittelbare Sorge

des Menschen um den Menschen. (...) 'Aber während des Studiums schwinden

diese fürsorglichen Empfindungen mehr und mehr, und am Ende stellt sich der Mediziner

als jemand dar, der sich so selten wie niemand sonst unter den Studentengruppen

sorgenvolle Gedanken um andere Menschen macht.' (Aus einer Arbeit der

Gießener Psychosomatischen Universitätsklinik)" 1

Der vorherrschende Krankheitsbegriff führt auch zu einer Entfremdung vom Patienten.

"Phänomenalistisch bestätigt sich dies im Jargon der Klinik: 'Der Magen auf

Station A und Zimmer B'." ' Damit ist möglich, das der Kranke als "Objekt, Mittel

und als unerwünscht" erscheint: "Objekt naturwissenschaftlicher Forschung und

entsprechender Therapie, Mittel zur Selbsterhaltung von Ärzten und der Gewinnsteigerung

der Pharmaindustrie, und unerwünscht des Produktionsausfalls und

staatlicher Aufwendungen wegen, die er verursacht. (...) !

Wer die Verhältnisse in Krankenhäusern kennt, weiß, "daß unser Krankenhaus eigentlich

nicht auf den Patienten zugeschnitten ist, sondern auf die ärztlichen Funktionen."

3

Ein möglicher Lösungsansatz dieser Problematik: "Ich bin der Ansicht, daß wir in

der Medizin zu neuen Interaktionsmöglichkeiten zwischen Arzt und Patient kommen

müssen. Die Patienten wünschen von ihren Ärzten mehr als bisher auch im

medizinischen Aktionsfeld als gleichberechtigte Partner anerkannt zu werden." 3

(Dies ist ein Punkt, der auch in Anamnesegruppen eine wichtige Rolle spielt!)

112

113


Die gleichen Probleme wie vor 25 Jahren - und keine Besserung in Sicht?

Die mangelhafte Verzahnung von Theorie und Praxis machen ein problem- und

patientinnenorientiertes Lernen (POL- und Anamnesegruppen!) schwer, wenn nicht

unmöglich, "77 Prozent der Studenten beklagten mangelnden Praxisbezug ihrer

Ausbildung, rund 47 Prozent die fehlende Studienplanung. (...) Vor allem verstärkte

Integration der Studenten in den Krankenhausbetrieb wäre für die Befragten die effektivste

Methode, um 'in den ersten klinischen Semestern zum Lernen zu motivieren'."

2

gefragt. Etwa zwei Drittel der Interviewten meinten: 'Keiner würde etwas unternehmen,

weil alle befürchten, daß der Chefarzt es übelnehmen könnte.'" 2

Dabei ist zu bedenken: "Hierarchische Strukturen innerhalb des ärztlichen Berufes

sind meines Erachtens inkonsequent (...). Die explosionsartige Wissensvermehrung

innerhalb der naturwissenschaftlichen Medizin (...) ist hierarchischen Gliederungen

der Ärzte kaum mehr vereinbar." 3

15

Die starke Verschulung der Ausbildung führt zu vielen Problemen, wie der

Schwierigkeit der freien Einteilung des eigenen Studiums (mit der Möglichkeit, Interessenschwerpunkte

zu setzen oder "nebenbei" Geld zu verdienen). "Das Medizinstudium

muß als äußerst reglementiertes Studium angesehen werden. (...) Die

Ausarbeitung von regelrechten Stundenplänen für jede Sernesterstufe, die verbindlich

sind und keine Wahlmöglichkeiten offenlassen, ist an vieien medizinischen Fakultäten

üblich," 1

Die Beurteilung von Professorinnen in der akademischen Öffentlichkeit wird eher

nach ihren Publikationen und Forschungen erfolgen als nach ihrer Leistung in der

Lehre, und sie können ihr Einkommen durch die Behandlung von Privatpatientinnen

vervielfachen, während ihr Professorinnengehalt unabhängig von der Qualität ihrer

Lehre gezahlt wird; aus diesen Gründen wird sich ihre Aufmerksamkeit eher NICHT

auf die Lehre richten. "Wissenschaftliche Leistung wird im allgemeinen höher bewertet

als die eigentliche ärztliche Tätigkeit." 3

Es ist erschreckend, daß sich anscheinend in 25 Jahren in vielen Bereichen nichts

verändert hat! Jetzt bin ich nicht mehr ganz so optimistisch, was eine baldige Verbesserung

der Zustände angeht.,,

Allerdings ist für mich noch unklar, was für Konsequenzen man daraus ziehen

kann. Soll man eigene Anstrengungen zur Verbesserung der Situation verstärken,

oder hat man sowieso keine Chance, wirklich etwas zu verändern, und man kann

genau so gut gleich resignieren und mit einer "Augen-zu-und-durch"-Einstellung den

Weg des geringsten Widerstandes gehen, sich "dem System" anpassen und hoffen,

daß man möglichst bald eine eigene Praxis hat, wo man natürlich "alles viel besser

machen" wird?

Oder überdenkt man seinen Berufswunsch noch einmal gründlich und sucht nach

Perspektiven außerhalb des medizinischen Bereiches?

Die stark ausgeprägte Hierarchie im Krankenhaus (Chefarzt - Oberarzt - Stationsarzt

- Assistenzarzt - ÄiPlerln) führt, besonders im Zusammenhang mit der

Konkurrenzsituation unter den "Gleichgestellten", zu einem unangenehmen und unproduktiven

Arbeitsklima und zur Vertuschung von Fehlern: "'Was würde Ihrer Meinung

nach geschehen, wenn dem Chefarzt ein schwerer Fehler passiert?' so wurde

Als Schlußwort ein Zitat aus dem Artikel 1: "Die Bemerkungen zur Flexibilität des

Studiengangs sollen nicht etwaigem Pessimismus Vorschub leisten; sie sollen vielmehr

helfen, auch die Schwierigkeiten einzuschätzen, die nach kritischer Reflexion

der Berufsperspektive dem Einzelnen beim Einlösen der Ergebnisse seiner Überlegungen

entstehen. (...) Resignation und Anpassung sind der schlechteste

Ausweg: 'Eine Übermacht der Verhältnisse ins Feld zu führen, wenn es darum geht

114

115


Die gleichen Probleme wie vor 25 Jahren - und keine Besserung in Sicht?

Positionen zu überdenken, bedeutet, die Tradition der Aufklärung, aus der ja die

moderne Medizin selbst hervorging, zu verlassen.' (Mitscherlich et at.}"

Medien, Werte, Risiken: Drei Stichworte und ihre Wirkung

auf die Arzt-Patienten-Beziehung

/s

Von Gabriele Blome, Berlin

Artikel 1: "Medizinische Ausbildung - Soziale Wissenschaft Medizin?" von Eberhard

Zimmermann, erschienen in der Zeitschrift "analysen", Ausgabe Juli 1972, herausgegeben

von der Bundesanstalt für Arbeit, Nürnberg

Artikel 2: "Mangelhafte Ausbildung der Medizinstudenten / Im Ernstfall "böhmische

Dörfer" von Martin Urban in der Süddeutschen Zeitung vom 17./18. Februar 1973.

(An der Freien Universität Berlin wurden "angehende Medizinalassistenten" nach

ihrer Meinung über ihre Ausbildung befragt; der Autor stellt einige Ergebnisse dieser

Umfrage vor.)

Artikel 3: "Der Patient - mehr als nur ein medizinischer Fall / Wege zur Emanzipation

im Krankenhaus"; SZ-Gespräch mit dem Präsidenten der deutschen Gesellschaft

für Innere Medizin Herbert Begemann von Wilhelm Girstenbrey in der Süddeutschen

Zeitung vom 27. April 1973

Das naturwissenschaftliche Medizinsystem gerät seit Jahren immer mehr in die Kritik

der Öffentlichkeit. Die klassische Medizin ist verschrien als "Apparatemedizin",

als "stumme Medizin". Viele Menschen sind mit dem System und den Ärzten unzufrieden,

und immer häufiger wenden sich enttäuschte Patienten hin zu Alternativmedizin-Methoden,

die wiederum zum größten Teil von der Schulmedizin als

Scharlatanerie denunziert werden.

Die Medizin geht jeden Menschen an, und vielleicht ist gerade das der Grund, weshalb

die Öffentlichkeit so anhaltend und auch ungehalten über Zu- und Umstände

im System Medizin diskutiert. Die Macht der Ärzte gründet auf dem Wissen, das sie

über den menschlichen Körper haben. Der Kranke - und potentiell ist jeder Mensch

ein Kranker - fühlt sich diesem Wissen und Nicht-Wissen weitgehend ausgeliefert,

weshalb er auf jeden Mißstand, jeden Fehler, der in den Medien oder in seinem sozialen

Umfeld zur Sprache kommt, verunsichert und negativ reagiert.

Trotz dieser Einsicht erscheint es paradox, daß in einer Zeit, in der viele früher unheilbare

Krankheiten therapierbar werden, die öffentliche Meinung das System der

Medizin derartig negativ kritisiert. Es stellt sich die Frage, wo die Gründe für diese

Kritik liegen?

• Medien

Die Massenmedien, vornweg Tageszeitungen und das Fernsehen, etablieren mit

ihrer Berichterstattung über Medizinerpfusch (falsch amputierte Gliedmaßen; über

Patienten, die offensichtlich im Recht sind, aber im Rechtsstreit gegen das syn-

116

117


Medien, Werte, Risiken

dikatähnliche Medizinsystem nicht einmal zu ihrer kleinen Invalidenrente kommen,

etc.) einerseits, und mit ihren den Ärztestand heroisierenden und emotionalisierenden

Arztserien andererseits, ein zwiespältiges Bild über den Berufssland Arzt in der

Bevölkerung.

Im Falle der Serien wird der Mythos von der Allmacht der Ärzte unterstützt. Ärzte

erscheinen zumeist als immer einfühlsame, gutgelaunte Übermenschen, die das

Wohl ihrer Patienten über das eigene Leben stellen - bis hin zur Selbstaufgabe und

Gefährdung der eigenen sozialen Bindungen. Schwarze Schafe unter den Ärzten

werden kollegial moralisierend zurückgeführt auf den Rechten Pfad ärztlicher Ethik,

In den Fernseh-Märchen dürfen die Götter in Weiß wieder in den Olymp aufsteigen,

was wiederum die Diskrepanz zürn realen Krankenhaus-Aufenthalt und Arztbesuch

für das Publikum spürbar macht. Indem der Zuschauer die märchenhaften Arztserien

konsumiert, wird ihm vor Augen geführt, was dem leibhaftigen Arzt, dem er in

seiner Realität begegnet, an der Erfüllung seines Traumbildes fehlt, Diese Haltung,

diesen Vorwurf nimmt er mit in die Praxis.

Auf dem Nachbarprogramm stehen die Ärzte dagegen als Wölfe im weißen Kittel

da. Die Ärzteschaft wird als geldgierig, inkompetent, arrogant und korrupt dargestellt.

Ein Mediziner deckt die Unfähigkeit des anderen; sogar vor Gericht schrecken

sie nicht vor einem Meineid zurück. Das Schicksal ihrer Patienten ist ihnen vollkommen

egal. Sie sind scheinbar unfähig, ihr eigenes Versagen einzugestehen,

oder gar zu bedauern.

Das Bild des Arztes in den Medien, vor allem im Fernsehen, erscheint als äußerst

zwiespältig. Einerseits schürt es irrationale Erwartungshaltungen, andererseits nährt

es ungerechtfertigtes Mißtrauen. Der Arzt muß sich in seinem Alltag aufklärerisch

mit solchen Projektionen auseinandersetzen. Sie beeinflussen nachhaltig die Vertrauens-Beziehung

zwischen Arzt und Patient und können sie stören.

• Werte

Die Beziehung zwischen Arzt und Patient hat sich geändert und ist noch im Wandel

begriffen. Patienten sehen ihre Ärzte heute kritischer, sind ungeduldiger geworden.

Wo noch bis vor wenigen Jahren die Worte des Arztes wie eine Offenbarung hingenommen

wurden, verschriebene Medikamente ohne Nachfrage eingenommen, sehen

sich Ärzte heute häufiger mit Fragen und Zweifeln an der Behandlung konfrontiert,

treten selbstbewußte Patienten auf und verlangen, daß eine bestimmte Art der

Untersuchung bei ihnen durchgeführt wird. Viele Patienten wollen mehr über ihre

Krankheiten wissen, sie sind anspruchsvoller. Die Medien stützen durch informierende

Beiträge das neue Selbstbewußtsein der Patienten gegenüber dem Arzt. Ein

Schlagwort der letzten Jahre, das diese Entwicklung erklärbar macht, lautete Wertewandel.

Werte und Wertewandel sind Begriffe aus den Konzeptionen der Soziaiwissenschaft:

Lutz (1992) beschreibt Werte als inividuell verinnerlichte Konzepte, als hierarchisch

geordnete Systeme von langfristig stabilen Dispositionen und Überzeugungen, die

identitätsstabilisierend wirken. Als Konzepte des Wünschbaren steuern Werte als

Führungsgrößen, neben anderen Faktoren, das menschliche Verhalten. Wertewandel

bedeutet eine Veränderung im individuellen und/oder kollektiv geteilten Wertesystem,

Diese Veränderung kann erfolgen durch die Aufnahme neuer Werte, durch

eine Verschiebung der Rangordnung innerhalb des Wertesystems oder durch den

Zerfall von Werten.

Klages (1984) macht in den Forschungen zum aktuellen Wertewandel zwei große

Wertegruppen aus: 1. Selbstzwang- und Kontrollwerte (Pflicht- und Akzeptanzwerte)

und 2. Selbstentfaltungswerte, wobei die Selbstentfaltungswerte stärker werden,

während Selbstzwang- und Kontrollwerte in der deutschen Bevölkerung abnehmen.

/5

Durch den Wandel von Pflicht- und Akzeptanzwerten hin zu Selbstenfaltungswerten,

wird der Radius dessen, was den einzelnen betrifft, immer weiter gezogen.

118

119


Medien, Werte, Risiken

Formale Autoritätsansprüche werden dagegen abgelehnt. Der einzelne will insgesamt

Subjekt seines Handelns sein, verbunden mit einer höheren Anspruchshaltung

gegenüber Politikern und Institutionen.

Bezogen auf das System der Medizin, bedeutet der Wertewandel den Verfall der

etablierten Autorität Arzt und neue Ansprüche und Erwartungen der Patienten an

den sie behandelnden Arzt und das Gesundheitssystem. Das Interesse, genauer

über die eigene Krankheit informiert zu sein - und nicht wie bisher die Behandlung

der Krankheit passiv in die Hände des Arztes zu legen - wird weiter steigen.

Die Ärzte sind gefordert, diesem Wandel ihrer Patienten entgegenzukommen, indem

sie ihre Patienten stärker in die Behandlung miteinbeziehen, gemeinsam mit

ihnen Entscheidungen treffen, ihre Patienten aufklären, die Krankheitsdefinitionen

ihrer Patienten ernstnehmen und ihnen insgesamt die "Verantwortungsrolle" eines

aktiven Patienten anbieten. Die Rollen von Arzt und Patient müssen überdacht und

zum Teil neudefiniert werden.

Ein Problem in bezug auf den Wertewandel sehe ich in der konservativen Haltung

des Systems. Hier findet die grassierende Unzufriedenheit der Patienten mit ihren

Ärzten eine ihrer Ursachen:

Da sich zwar das Wertesystem vieler Menschen gewandelt hat, das System der

medizinischen Betreuung und das Verhalten der Mediziner im Umgang mit Patienten

sich aber vielfach (noch) nicht daran angepaßt hat, kommt es zu Erwartungsenttäuschungen

auf Seiten der Patienten. Sie fühlen sich nicht ernstgenommen,

nicht miteinbezogen in die Behandlung, übergangen oder sogar entmündigt. Ein

Angebot der Ärzte, dem Patienten eine aktive "Verantwortungsrolle" zuzugestehen,

fehlt weitgehend. Das gilt besonders für die Ärzte, bei denen der Wertewandel nicht

"gezündet" hat, die stark auf ihre Autorität pochen und Fragen von Seiten des Patienten

als Einmischung oder Anzweifeln ihrer Professionalität ablehnen.

pon t s

Risiken

Unter dem Titel Die Risikogesellschaft erschien 1986 das Buch des Autors Ulrich

Beck. Es beschreibt die Undurchschaubarkeit und Unsicherheit einer technisierten

Umwelt, die nicht mehr kalkulierbare {Umwelt)-Risiken produziert. Eine Hungersnot

etwa, war zu früheren Zeiten für jeden am eigenen Leibe erfahrbar. Die heutigen

Gefahren der zivilisierten Welt sind dagegen vielfach nicht mehr faßbar. Sie werden

der Bevölkerung medial vermittelt, dringen mit den Fernseh-Nachrichten in die

Wohnzimmer ein. Der einzelne steht ihnen hilflos gegenüber. Zumeist betreffen sie

uns nicht unmittelbar, bleiben abstrakt. Entweder werden sie dann verdrängt und

verharmlost, oder sie erscheinen um so bedrohlicher, weil sich der Mensch nicht vor

ihnen zu schützen vermag. Der Reaktorunfall in Tschernobyl etwa, kann als die Industriestaaten

traumatisierendes Ereignis gelten. In ihm manifestierte sich die nicht

beeinflußbare, nicht erfahrbare Gefährdung der Erdbevölkerung durch moderne

Technologien, die keine Grenzen kennt, keine Bevölkerungsgruppe schont.

Beck beschreibt die Reaktionen einer irritierten Gesellschaft, die teils im Umdenken

begriffen ist, teils noch ideologisch der Industriegesellschaft verhaftet. Ziele und

Ideale der industrie-gesellschaflichen Epoche der Moderne bröckeln dahin. Die

Menschen werden aus über-kommenen Lebensformen und Selbstverständlichkeiten

freigesetzt.

Der Glaube an wissenschaftliche Erkenntnis gerät dabei ins Zwielicht der Öffentlichen

Meinung, wird demystifiziert, und trotzdem behält das wissenschaftliche Urteil

das Wahrheitsmonopol: "Solange Risiken wissenschaftlich nicht anerkannt sind,

"existieren" sie nicht - jedenfalls nicht rechtlich, medizinisch, technologisch und sozial,

werden also auch nicht behindert, behandelt, entschädigt", schreibt Beck.

Bezogen auf das System der Medizin wird klar, daß der Autoritätsverlust der Wissenschaft

sich auch auf das Verhältnis zwischen Arzt und Patient auswirkt. Patienten

werden mißtrauischer gegenüber Therapieformen, sie zweifeln die Wirksamkeit

von Medikamenten an, oder fürchten unvorhersehbare Nebenwirkungen. Arzneimittelskandale

wie z.B. Kontergan, die Diskussion über zu viele unnötige Rönt-

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Medien, Werte, Risiken

genbestrahlungen, Zahnfüllstoffe, die giftiges Quecksilber enthalten usw., besorgen

und beschäftigen die Öffentlichkeit.

Patienteninitiativen, wie z.B. Elterngruppen, die das Recht im Krankenhaus bei ihren

Kindern bleiben zu dürfen, erstritten, greifen in das Medizin-System ein und gestalten

es mit. Selbsthilfegruppen sorgen für Aufklärung über bestimmte Krankheiten

und ihre Therapie-möglichkeiten. Hier läßt sich die Bestrebung der Erkrankten

erkennen, sich Expertenwissen anzueignen, selbst aktiv zu werden und mit einem

neuen Selbstbewußtsein Rechte gegenüber den Ärzten und dem System einzufordern.

Gedanken zu einem Workshop Sexualanamnese

Von Gunda Siemßen, Berlin

„...Es wird nachgerade Zeit, daß wenigstens die deutschen Arbeiter sich gewöhnen,

von Dingen, die sie täglich oder nächtlich selbst treiben, von natürlichen, unentbehrlichen

und äußerst vergnüglichen Dingen ... unbefangen zu sprechen..." (Friedrich

Engels)

Für den Arzt bedeutet diese Entwicklung die teilweise Einbuße des Vertrauensvorschusses,

den er bisher genoß. Je mehr der Arzt die vorhandenen Grenzen der

Medizin ignoriert, das mögliche Versagen der Medizin und die immer vorhandene

Unsicherheit der Diagnose tabuisiert, um so eher riskiert er das Vertrauen des Patienten

zu verlieren und um so ineffektiver wird die Behandlung. Denn, je selbstherrlicher

Ärzte die Fragen und Befürchtungen ihrer Patienten übergehen, desto wahrscheinlicher

wird die A/on-Compliance des Patienten. Die Aufklärung und Information

des Patienten wird zur Festigung der Vertrauens-Beziehung von Arzt und Patient

immer wichtiger und noch notwendiger als bisher.

Klar, „drüber reden" ist nicht einfach (siehe Kathrin's Artikel aus Marburg). Aber

warum?

Liegt es an dem mangelhaften Wortschatz, der zwar für Witze und Andeutungen

reicht, für ein richtiges Gespräch aber unangemessen scheint? Haben wir uns Gedanken

darüber gemacht, für die Bilder im Kopf und unsere Bedürfnisse und Gedanken

eine sprachliche Ausdrucksmöglichkeit zu finden? Schließlich haben die

meisten auch nie so richtig gelernt, über Sexualität anders als in den täglichen Mittagstalkshows

zu sprechen.

Wenn wir es dann doch versuchen wird es leicht schwammig, es geht meist um die

sexuelle Norm, von der niemand so recht weiß, wie sie aussehen soll- Vergleiche

gibt es praktisch nur mit den Medien, nicht in der Realität. Sprechen wir nun über

Sexualität, müssen wir doch mit jedem konkreten Satz fürchten, uns zu „outen" und

nicht der Norm des Zuhörers zu entsprechen.

Die Freiheit der autodidaktischen Herangehensweise bringt auch die Unsicherheit

im Gespräch.

Da wir immer involviert sind, gibt es praktisch keine wirklich theoretische Ebene, ein

innerer Vergleich wird nicht ausbleiben, und ein falsches Wort trifft direkt ins

122

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Gedanken zu einem Workshop Sexualanamnese

Schwarze, schließlich geht es um den Moment größtmöglicher Intimität, laut

Fremdwörterbuch also um ein vertrautes, intimes Verhältnis, eine vertrauliche Angelegenheit.

Diese Liste von Gründen läßt sich sicher fortsetzen und erweitern.

Bleibt die Frage nach der Notwendigkeit dieser Gespräche, vor allem für Anamnesegruppen,

wenn es sich doch um eine so vertrauliche, also private Angelegenheit

handelt. Es läßt sich nicht leugnen, daß das Thema Sexualanamnese nicht nur für

Gynäkologen, Urologen und Sexualtherapeuten eine Rolle spielt. Zahlreiche Statistiken

belegen daß das Bedürfnis über Sexualität zu sprechen, in Allgemeinarztpraxen

von Seiten der Patientinnen sehr groß ist, die Bereitschaft von ärztlicher Seite

jedoch um ein erschreckend vielfaches niedriger.

Aber sind Anamnesegruppen wirklich der geeignete Ort, oder welche Möglichkeiten

können sie bieten? Dürfen wir mit „echten Patientinnen" üben?

Da es sich in der Regel um einmalige Anamnesegruppentreffen handelt, ist es sicher

oft unangemessen, die Sexualanamnese einzubinden, trotzdem läßt sich

überlegen, wie man das Angebot machen kann und ob es möglich ist, mit einem /r

Patientin mehrmalige Treffen auszumachen.

Um diesem Problem beizukommen braucht es sicherlich mehr als einen Workshop,

dennoch:

Ideen für einen Workshop zur Sexualanamnese

2. Rollenspiele: mögliche Themen wären z.B. Verschreiben eines Medikaments mit

Impotenz als Nebenwirkung oder ein Kinderwunschpaar in der Sprechstunde etc.

Das macht allerdings nur Sinn wenn die Teilnehmerinnen bereit sind, sich wirk-

Ijch zu engagieren und sich dabei auch auf „Glatteisflächen" begeben wollen.

3. Fallbeispiele aus der Sexualberatung besprechen.

4. Es gibt viele interessante Statistiken und Interaktionstheorien zu dem Thema.

(Institute für Sexualmedizin)

Anhang

Inhalt und Gliederung einer Sexualanamnese

in Anlehnung an Buddeberg

Anfangsphase

• Klärung möglicher anderer oder zusätzlicher Beschwerden

• Orientierung über die Lebensmotivation (Beruf, Ehe- oder Partnerschaftsdauer,

Kinder, soziale Belastungen)

• Eröffnungsfrage: Wie sind Sie mit Ihrem Sexualleben zufrieden?

Der Patient soll hier die Möglichkeit haben, die sexuellen Schwierigkeiten mit seinen

Worten zu formulieren. Der Arzt erhält einen ersten Eindruck über Hemmungen und

Widerstände des Patienten.

!. Das Assoziationsspiel: Alle versuchen möglichst viele (eventuell zwei Gruppen im

Wettstreit) Synonyme für Wörter wie Beischlaf, Geschlechtsorgane, ... zu finden.

Ist auch ganz gut um die Hemmungen am Anfang zu lösen:

124

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Gedanken zu einem Workshop Sexualanamnese

Mittelphase: Augenblicklicher Zustand der sexuellen Schwierigkeiten

nicht gestörte und gestörte Bereiche der Paarbeziehung

Exploration der sexuellen Interaktion anhand des letzten Geschlechtsverkers

(Atmosphäre bei der Annäherung, verbale und averbale Kommunikation, Empfindungen,

Phantasien, Störungen in der sexuellen Körperreaktion, Antikonzeption,

Hemmungen, Ängste, Ekelgefühle, Normvorstellungen, Tabus, religiöse

Skrupel, Vermeidungsverhalten)

Einstellung zur Masturbation, oralem Sex, außerehelichen Beziehungen

Auswirkungen der sexuellen Störung auf die Partnerschaft

erste hetero- und homosexuelle Erfahrungen

sexuelle Erfahrungen und Schwierigkeiten mit anderen Partnern

Abschlußphase

Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen durch den Arzt

erste Beurteilung der augenblicklichen Störung und deren Entstehung

Motivierung für weitere Einzel- und Paargespräche

15

Entstehung der sexuellen Schwierigkeiten

Literatur

sexuelle Beziehung vor Auftreten der Störung

Lebenssituation und Paarbeziehung beim erstmaligen Auftreten der sexuellen

Störungen

Dauer der Störung

Auslösende Faktoren

Reaktion beider Partner auf die Störung

die Aufrechterhaitung oder Zunahme der sexuellen Symptomatik begünstigende

Faktoren

bisherige Versuche des Paares, das sexuelle Problem zu lösen :

Sexuelle Entwicklung beider Partner

sexuelle Atmosphäre im Elternhaus (Tabus, verführerisches Verhalten)

Beziehung der Eltern zueinander

sexuelle Kindheitserlebnisse (Doktorspiele, Masturbation, traumatisierende Erfahrungen)

sexuelle Aufklärung

- Amendt, G.: Das Sex Buch, Aufklärung für Jugendliche und junge Erwachsene,

Efephantenpress, Berlin 1993

- Arentewicz, G. und Schmidt, G.: Sexuell gestörte Beziehungen - Konzept und

Technik der Paartherapie, Enke Verlag Stuttgart 1993

- Aresin, L. und Günther, E. (Hrsg.): Sexualmedizin Ein Leitfaden für Medizin

Studenten. VEB Verlag Volk und Gesundheit Berlin 1983

- Bancroft, J.: Grundlagen und Probleme menschlicher Sexualität, Enke Verlag

Stuttgart 1985

Belfield, T. & Garrioch, D,B. u.a.: Handbuch der sexuellen Aufklärung, Ullstein,

Frankfurt/M., Berlin 1991

Buddeberg, C.; Sexualberatung, Enke Verlag Stuttgart 1983

Kockott, G.(Hrsg.). Sexuelle Störungen

Urban und Schwarzenberg 1977

Verhaltensanalyse und -modifikation,

Sigusch, V.(Hrsg): Sexuelle Störungen und ihre Behandlung, Thieme Verlag

Stuttgart 1996

126

127


Was können sie, die Anamnesler, nun aber „besser"?

Was können sie, die Anamnesler, nun aber

„besser" als viele ihrer Kommilitoninnen?

Von Tillmann Jacobi, Berlin

Es kommt nicht von ungefähr, daß Professoren und Dozenten das Projekt Anamnesegruppen

unterstützen und dafür werben, wenn sie das Konzept einmal kennengelernt

haben. Bald ist klar, daß diese Tätigkeit ihren ernsten und ernsthaften Hintergrund

hat - so locker und studentisch sie auch organisiert sein mag. Denn durch

Anamnesegruppen wird eine Lücke zu schließen versucht, welche die Universitäten

bis auf absehbare Zeit hin kaum füllen können, womöglich sogar in manchem auch

kaum füllen wollen.

Zwar wird in den Anamnesegruppen nicht gelehrt, wie man „die perfekte" Anamnese

macht, was im übrigen sowieso ein.praktisch unerreichbares Ziel ist. Doch hier

wird sichtbar gemacht was es bedeutet, einen menschlichen Umgang von (angehenden)

„Körperspezialisten" mit „Körper-Betroffenen" zu versuchen. Es ist ein wesentlicher,

wenn nicht gar der zentrale Aspekt in der Medizin und findet in der

Anamnesegruppe statt auf einer Stufe, die noch keine Verpflichtung zur Professionalität

und Verantwortung fordert. Dadurch werden nebenbei auch die Grenzen der

apparativen und pharmakologischen Medizin angesprochen bzw. die Unvoilkommenheit,

wenn man sich bei der ärztlichen Tätigkeit ausschließlich auf diese beiden

Zweige berufen wollte.

Somit sind Anamnesegruppen ein Gegenpol zur Soziaiisation, die im üblichen Studium

vermittelt wird und die von Hierarchie, Autorität und scheinbar objektiver Naturwissenschaftlichkeit

geprägt ist. Das heißt: Anamnesegruppe zu machen bedeutet

nicht unbedingt ein besonderes Wissen oder besonderes und meßbares

Können, sondern vor allem eine besondere Einsteilung.

128

POWt /5

Natürlich werden dadurch auch bestimmte Kompetenzen erweitert, was insofern

auffällt, da diese Kompetenzen an sich scheinbar banal sind bzw. selbstverständlich

sein sollten. Tatsächlich aber fehlen sie im heutigen normalen Curriculum praktisch,

z.B, Kritikfähigkeit und Diskussionsgeschick schulen, sich in Zweiergesprächen und

in Gruppen orientieren und formulieren können, persönliche Erfahrungen mit Kolleginnen

austauschen und reflektieren, selbständig und auch kollegial arbeiten können,

frühzeitig Eigenverantwortung und Verantwortung für Patienten übernehmen,

Verhaltensweisen und Reaktionen auf Tabuthemen kennenlernen sowie den Umgang

damit, eigene Unsicherheiten (menschlich und fachlich) erkennen und möglichst

auch bearbeiten (Suchen nach Lösungsstrategien), eigenes Verhalten und

Fühlen unter Stress erfahren und durch Beobachtung durch eine wohlwollende

Gruppe rückgemeldet bekommen... uvm.

Wofür sind solche Kompetenzen denn wichtig? Wenn man mit Menschen zu tun

haben soll, und dann auch noch mit welchen, die sich in relativen oder absoluten

Extremsituationen (ihrer Krankheit) befinden, wenn es um Begreifen der inneren

Vorgänge geht oder darum, wie man mit hektischen Familienmitgliedern oder auch

genervten Kolleginnen umgeht, dann helfen vor allem drei Dinge weiter: Erfahrung,

Erfahrung und Erfahrung. Und zwar erstens; Erfahrung im fachlichen Sinne, die ein

rational-klinisches Denken ermöglichen soll, damit adäquate Diagnostik und Therapie

eingeleitet bzw. durchgeführt werden. Zweitens dann die Erfahrung mit Situationen,

den daran Beteiligten und möglichen Hintergründen von Reaktionen und Aktionen/Verhaltensweisen

- etwa welche, die den „Prozess Gesundung" hemmen

können. Und schließlich (wenn auch nicht zuletzt) die Erfahrung mit sich selbst, mit

den eigenen Stärken oder Schwächen, Vorlieben oder Ängsten, welche bedeutsam

das Verhalten als Arzt oder Ärztin beeinflussen und die eigene Stabilität bestimmen.

Der erste Teil dieser Erfahrungen soll theoretisch durch die Kurse, Vorlesungen

usw. des Studiums vermittelt werden.

Der zweite durch die relativ ausgedehnte Verpflichtung zur Teilnahme am Stationsalltag

in Pflegepraktika und Famulaturen.

129


Was können sie, die Anamnesler, nun aber „besser"?

Der dritte?? Fehlt, oder wird eher zufällig und nebenbei angesprochen mit der

Hoffnung, es werde sich schon von selber regeln (schließlich ist man Akademiker!}.

Die Anamnesegruppen sind natürlich keine vollständiger Ersatz dafür, daß dieser

Mangel ausgeglichen wird, sie können das nicht komplett leisten. Doch ist in ihnen

für die Teilnehmenden eine Chance gegeben, sich im Rahmen der eigenen Bereitschaft

vorwärts zu bewegen. So ist es möglich, auf der einen Seite sensibilisiert zu

werden für sich und für die Zwischentöne im Umgang mit Kranken und anderen

Menschen, auf der anderen Seite souveräner zu werden, was emotionale Störfaktoren

angeht und Kritik an angeblich äußeren Sachzwänge und festgefahrenen hierarchisch-autoritäre

Strukturen des Medizinsystems. Die Unzufriedenheit über die

Mängel der Ausbildung wird damit also nicht bloß ausgesprochen sondern aktiv angegangen,

die Kritik an den Zuständen wird gewendet in den Spaß daran, die Dinge

selbst besser organisieren zu können, auf eigene, interessante und lehrreiche Weise.

So gehört eine ausgeprägte Neugierde auf Menschen und auf sich selbst zu

den wichtigen Eigenschaften von vielen Anamneslern, sowie ein Mut dazu, sich

durch die studentische Anamnesegruppe etwas aus der Unmündigkeit im Medizinstudium

herauszubewegen.

Und noch mehr: Ein paar Vorschläge für Variationen und Erweiterungen der Anamnesegruppenarbeit:

Man kann neben den „psycho-sozialen" Aspekten durchaus auch konkreteren

„Lern"-Stoff mit in die Anamnesegruppe bringen, also Informationen, die in theoretischen

Lehrbüchern oft zu kurz kommen (z.B. Kosten-Nutzen-Überlegungen bei

Diagnostik und Therapie). Dies kann als Teil einer üblichen Sitzung geschehen oder

als gesonderter Themenabend ohne Patient. Allerdings läuft das dann evtl. auf zusätzliche,

womöglich echte Arbeit für die Tutoren hinaus. Also Vorsicht, daß kein

„Kurs" daraus wird, in dem übergroße klinische Kompetenz bewiesen werden muß.

So gelten die drei Vorschläge hier eher für „Fortgeschrittene", die z.B. schon ein

gemeinsames Anamnesegruppensemester hinter sich haben und unterscheiden

(können) zwischen reinem Lernen einerseits und Erfahren andererseits.

Dann kann man z.B. einmal gemeinsam „Treffer- oder Ausschlußfragen"

ts

sammeln

und darstellen, wenn sie diagnostisch relevant sein können (z.B. Bauchweh - vor

dem Essen oder nach dem Essen?). Die Zielsetzung solcher Fragen ist weniger

zwischenmenschlich sondern eher künisch-differentialdiagnostisch, was ohne professionellen

Dozenten vielleicht etwas schwieriger wird, aber nicht unmöglich sein

muß. Aber warum nicht schon jetzt mal ausprobieren? (vgl. POL-Gruppen)

Das Aufschreiben von den Informationen, die man im Gespräch erhalten hat kann

man auch systematisch üben - indirekt geschieht dies ja über die Anfertigung von

Protokollen, welche man dazu etwa in einer Sitzung einmal diskutieren könnte.

Oder man begutachtet einmal den Anamnesebogen des Krankenhauses, in dem

die Gruppe stattfindet.

Und nicht zuletzt wäre es auch durchaus möglich zu üben, die gewonnenen Daten

mündlich so darzustellen, daß man möglichst auch bei einer Chefvisite bestehen

würde. Dies wird kaum irgendwo oder irgendwann im Studium richtig problematisiert,

aber es wird später unbedingt gebraucht. So könnte ein kleines Training vermutlich

einigen Stress beim Einstieg in PJ oder AiP mildern. Da ein Konzept für eine

solche Darstellung leider in Büchern fehlt (oder?!), hier ein Vorschlag:

Du hast fünf Sätze zur Verfügung und insgesamt maximal 50 Sekunden.

Erster Satz: Beschwerden und Diagnose (wer - was - wann - wie)

Zweiter Satz: relevante Vorerkrankungen, Risikofaktoren etc.

Dritter Satz: Diagnostik

Vierter Satz: bisherige Therapie und aktueller Zustand

Fünfter Satz: weiteres Vorgehen

130


Was können sie, die Anamnesler, nun aber „besser"?

Ein Beispiel:

Ich stelle vor Frau S., 49-jährige Patientin, kam zur Aufnahme wegen eines Rezidivs

eines Ovarialcarcinoms mit multiplen Metastasen ins kleine Becken, Rectum,

Blasenwand , Dünndarm und Omentum majus. Zustand nach Abort 1974 und Sectio

1975. Sonstige gynäkologische Vorgeschichte ist frei, erste Diagnose des Ovarialtumors

1991, damals festgestellt ein bilaterales, hochdifferenziertes, papilläres

Zystadenocarcinom des Ovars im Stadium G1. Hysterektomie & beidseitige Adnexektomie,

nachfolgend sechs Zyklen Chemotherapie und anschließend noch abdominelle

Nachbestrahiung wegen histologisch gesicherter Ovarial- und Peritonealcarcinose,

bis keine Tumorabsiedlungen mehr feststellbar waren. Seit April diesen

Jahres Anstieg der Tumormarker CA 125 von 23 U/ml auf über 120 U/ml. Die

Patientin fühlt sich gut, ist jetzt hier zur weiteren Abklärung und gegebenenfalls erneuten

Op.

auf. deswegen neben den üblichen Gruppen noch eine Anamnesegruppe zu bilden,

die nur vier oder fünf Wochen dauert, sich dafür aber zweimal wöchentlich trifft. Ob

das geht, was dann passiert, ist noch nicht abzuschätzen. Würde damit die Anarnnesegruppe

zum anstrengenden „Leistungskurs 1 '? Oder wird sie kompakter, da ein

intensiveres und schnelleres Entwickeln möglich ist 9 Vielleicht wird das den Teilnehmenden

entgegenkommen, vielleicht wird es eine Überforderung für alle Beteiligten

darstellen. Wie ist das eigentlich überhaupt mit dem Zeitfaktor in den Gruppen?

Welche Intervalle zwischen den Sitzungen sind gut oder notwendig, damit sich

das Erfahrene gesetzt hat usw.?

Mal sehen, ob wir diese Idee wirklich ausprobieren können, ob sich genug Interessenten

für eine solche Gruppe finden und wie es damit laufen wird. Die Erfahrungen

werden wenn möglich im nächsten ROM oder auf der Homepage veröffentlicht.

Und/oder schreibt uns/ruft an, wenn Ihr neugierig geworden seid und es schneller

erfahren wollt.

Wie gesagt, wenn die Gruppe nicht schon begriffen hat, worum es in Anamnesegruppe

geht, dann sind solche Ergänzungen eventuell sehr störend und könnten die

eigentliche Zielsetzung „untergraben". Auf keinen Fall sollte es so ablaufen, daß mit

dem so Erlernten der Herausforderung ausgewichen wird, sich dem folgenden Problem

zu stellen: den Patient als besonderen Menschen zu betrachten, der vom

Umfeld und der Krankheit beeinflußt wird und seinerseits markante, individuelle Dynamiken

bei mir, beim Interviewer und bei der Gruppe in Gang bringt.

Außerdem als Idee:

Die Turbo-Gruppe

In Berlin werden wir im Sommersemester 1998 eventuell einen Versuch starten, der

mehr der Notwendigkeit als der Planung entspringt: da manche Tutoren bereits im

PJ sind und für ein Tertial ins Ausland wechseln werden, können sie nur für das

halbe Semester zur Verfügung stehen. Der Bedarf an Tutoren ist groß, da Anamnesegruppen

hier sehr populär sind mit oft über 100 Anmeldungen. Die Idee tauchte

132

133


„The Making Of..." oder Wie mache ich eine Anamnesegruppe?

„The Making Of..." oder

Wie mache ich eine Anamnesegruppe?

Werbung

PöTfi ?5

Von Tillmann Jacobi, Berlin

Die folgenden „Listen" können vielleicht dazu beitragen, die Tätigkeit von und mit

Anamnesegruppen zu erleichtern und Schwierigkeiten bei Aufbau und Durchführung

zu verhindern. Sie enthalten Anregungen, an die man erfahrungsgemäß denken

sollte. Diese Zusammenstellung kann noch erweitert werden, z.B. um Punkte

(etwa: „Einrichtung von Tutorenstellen", „Evaluation", „Erste Hilfe für Tutoren bei

schwierigen Gruppen" usw.), die wichtig sind, aber zum Redaktionsschluß dieses

ROM leider nicht mehr fertig wurden - Infos also bei Bedarf direkt bei uns.

Dazu wäre es sehr interessant, noch weitere Ergänzungen aus anderen Städten mit

hineinzunehmen - z.B. für ein späteres POM oder als Beitrag auf der Homepage.

Deswegen: schreibt bitte Eure Meinung, Eure Ideen usw., z.B. an mich privat oder

per e-mail (siehe Homepage).

Tillmann Jacobi c/o Brigitte Jacobi

Erikastraße 28

66424 Homburg/Saar

• Vorlesungsverzeichnis (Kontakt-Telefonnummer)

• Erstsemesterzeitung

• Studentenzeitung

• Internet (Uni-Homepage)

• EinführungsveranstaltungenM/oriesungen (Ansagen)

• Aushängein Fachschaft, Bibliothek, Mensa, Cafe, Hörsälen, Imma-büro...

• Evtl. Stationsärzte von den Stationen, von denen die Patienten kommen mit einbinden,

z.B. Werbung in Klopfkursen, Vorlesung,..

• Unter Umständen auch Dok. oder Prof. als „Schirmherr/-dame" auf Einteilungstreff

einladen

• Im Semester in Gruppen ansagen und evtl. als öffentlichen Aushang: Fahrgemeinschaft

zum Maitreffen

• Fortbildungsveranstaltungen offen für alle Tutoren und Teilnehmenden

• Genügend Aushänge gemacht

Vorstellungsveranstaltung

> Ort und Zeit eindeutig, evtl. abpassen mit Pflichtveranstaltungen der verschiedenen

Semester

Freier Hörsaal, gut zu finden (auch für Studienortwechsler und Anfänger)

Pünktlich anfangen

Evtl. „Schirmherren" oder ,,-dame" mit einladen (z.B. Supervisor oder Dok. von

Stationen, die mitmachen; Unterstreichen der Wichtigkeit einer guten und ausführlichen

Anamnese)

Evtl. kurz „Geschichte" der Anamnesegruppen beschreiben (Uexkuell, Schüffei

usw.)

134

Peer-learning erklären (Studenten für Studenten; keine Dozenten)

Ablauf nur ganz kurz (gut ist möglicher Verweis auf Information im Vorlesungsverzeichnis,

135


„The Making Of..." oder Wie mache ich eine Anamnesegruppe?

• als Folie auflegen -> spart viele Worte)

• Klar und deutlich: freiwillige Veranstaltung, kein Schein am Ende, trotzdem gewisse

Verbindlichkeit (regelmäßig), kein Klinikkurs/Lehrkurs, keine Untersuchung,

keine Kittel, keine Differentialdiagnose, kein Leistungskurs usw. (auch

wenn man das dreimal sagt kommt es trotzdem kaum vollständig an; viele wollen

es trotz der „Vorwarnungen" mal ausprobieren wo sie ja extra schon mal da

sind)

• Dennoch Bitte aussprechen, keine Plätze unnötig zu blockieren, falls Warteliste

vorhanden

• Möglichst keine Bekannten, keine Pärchen, keine WGs in selbe Gruppe (erklären,

warum: es ist spannender, wenn man mit lauter „neuen Bekannten" arbeitet;

keine Cliquen schon vorher)

• Termine, Kliniken und Tutoren kurz vorstellen

• Anmeldezettel schreiben lassen mit: Name, Adresse, Tel, Nr., Semester,

Wunschtermin und Atternativterrnin

• Vorher nochma! (!) fragen, ob noch etwas unklar geblieben ist

Gruppeneinteilung mit Alternativtermin

• Überlegen, ob Fremdanmeldungen akzeptieren oder nicht

• Vorrang für Studis, die bereits einmal teilgenommen haben (sie sind und bleiben

sicher dabei, Chance für spateres Tutorentraining/Gruppenbetreuung ist groß)

• Möglichst ausgewogenes Geschlechterverhältnis, verschiedene Semester (Vorklinik/Klinik)

• Pünktlich aufhören

• Evtl. zentrale Kontakttelefonnummer hinterlassen bzw. nochmals Verweis auf

Vorlesungs-verzeichnis usw.

• Tutoren treffen sich mit ihrer Gruppe vor/im Hörsaal und machen Ort, Zeit für

„Kennenlern-Abend" aus, Telefonnummern!

• Evtl. abmachen, wer was zu Essen, Knabbern, Trinken mitbringt usw.

136

• Tutoren treffen sich nochmal kurz zur Nachbesprechung, evtl. Warteliste aufstellen

und koordinieren, wer sie hat; ersten Supervisionstermin vereinbaren,

andere Termine

Kennenlernabend (zwei Tutoren und ihre Gruppe)

• Spiele zum Namen kennenlernen und merken (z.B. Tim „Tiger", Gabi „Gummibaum"

o.a.)

• Sich gegenseitig vorstellen per Interview (rel. aufwendig, aber gute Übung: es

bilden sich Pärchen, die sich im Stillen etwa 20 Minuten unterhalten und dann

den Befragten mit eigenen Worten den anderen vorstellen; die Tutoren machen

dabei übrigens auch mit!)

gemeinsames Kochen oder Knabbern

Zusammentragen, was evtl. alles in eine Anamnese gehört (gehören kann)

dies evtl. als Plakat,, vor der ersten Anamnese dann bei Bedarf nochmal ausbreiten

Nochmals klarstellen, wo die (weiten) Grenzen der Anamnesegruppe liegen und

Mißverständnisse möglichst beseitigen (kein Untersuchungskurs, nur 1 Patientin

pro Termin, Lernziel nicht Differentialdiagnostik und Krankenakte lesen usw.)

Teilnehmerinnen, die sich daraufhin nicht mehr auf Anamnesegruppe einlassen

wollen den Ausstieg nicht zu peinlich machen

Eventuelle Dynamiken andeuten {Konflikte, Frust möglich, aber auszuhalten;

nicht gleich entmutigen lassen in der Gruppe), Funktion der Tutoren eher nur am

Rande erwähnen

Wichtige Regeln erklären:

Rahmen (Zeit, Ort, Dauer; Patientenbesorgung z.B. anfangs machen das die

Tutoren, dann auch abwechselnd die Teilnehmenden usw.)

nur ein Interviewer (auch wenn man evtl. noch eine offene Fragerunde anschließen

kann)

137


„The Making Of..." oder Wie mache ich eine Anamnesegruppe?

• Tutoren machen keine Anamnese vor

• es geht nicht um (diagnostische) Leistung; deswegen auch kein Nachschlagen in

Büchern während der Gruppe

• Blitz erklären und evtl. ausprobieren {eventuellen Widerstand gelassen nehmen!)

• Protokoll erklären (Variationsmöglichkeiten z.B. Mitschrift, Gedächtnisprotokoll)

• Betonen: Verbindlichkeit, Pünktlichkeit, Schweigepflicht (gegenüber Patientin

und Gruppe)

• Abmeldungen und Absagen bitte frühzeitig und persönlich

• Gruppenregeln: - jeder spricht für sich selbst (nicht: „wir sollten", sondern:

„ich will!")

• Störungen haben Vorrang (z.B. Raumtemperatur, das eigene Befinden, der Diskussionsablauf,

der Umgang miteinander usw.)

• evtl. noch ein weiteres Namensspiel (zur Wiederholung)

• häufig zwischendrin Raum lassen für Fragen

« (typ. z.B.: wozu Blitz und Protokoll? Warum nur ein Interviewer? Warum so viel

Zeit?)

• Zettel mit Erwartungen und Befürchtungen an/vor Anamnesegruppe aufschreiben

lassen und gemischt (anonym) vorlesen lassen (die Tutoren machen dabei

mit). Kurze Diskussion darüber. Oft überwiegt zu Anfang die Nervosität und das

ungewohnte Setting der Anamnesegruppen - diese nicht allzu sehr beruhigen,

sondern nutzen für Spannung und Motivation.

• Zum ersten Mal die „drei Jobs" für den ersten Anamneseabend verteilen (Interview,

Protokoll, evtl. Patientin (mit-) besorgen - zunächst mit einem der Tutoren

zusammen; damit evtl. abwarten, bis ein paar Termine vorbei sind)

• Ort und Zeit für erste Anamnese ausmachen

• Telefonliste aufschreiben (oder schon austeilen)

> Inhalt Dauer des Kennenlernabends nicht übertreiben (günstig sind 1,5 Stunden

maximal), da vieles noch offen und relativ unverbindlich ist. Außerdem ist die

Nervosität (lauter fremde Leute! usw.) erst einmal abzubauen, die Infos und

„Fakten" folgen. Stabile Strukturvorgaben {pünktliches Beginnen und Beenden

von Treffen) erleichtert im allgemeinen die gemeinsame „Arbeit" (direkt von Anfang

an).

Patienten besorgen

PGW 15

• Möglichst zunächst über Stationärztin einen Vorschlag einholen, sonst über

Schwester/Pfleger

• denen das Projekt evtl. kurz erklären (ähnlich wie Aufklären Patient, s.u.)

• Kriterien: kann Patient laufen, sprechen, so lange sitzen usw.

• Komplikationen durch z.B. Untersuchungen, Besuche, Infusionen, Schmerzen.,.

• Wird Temperatur, Luft usw. im Anamneseraum ok sein

'

• Evtl. bereithalten Taschentücher, Glas Wasser

• Hat Patient bereits Erfahrungen mit Gruppen/Vorlesungen etc. Womöglich sogar

zu viel, so daß ein eingeübtes Programm ablaufen wird?

Aufklären Patient:

Gruppengröße, keine körperliche Untersuchung, Dauer, freiwillige Veranstaltung,

Extra Hörsaal o.a., verschiedene Semester, nur eine/einer übt das Gespräch,

evtl. Schweigepflicht erwähnen, große Hilfe für uns, Uhrzeit klarmachen und

Verbindlichkeit „ich hole Sie dann ab und bringe Sie wieder zurück", evtl. beim

Abholen Patient im Schwesternzimmer abmelden

Patientin holen

evtl. Krankenakte mitnehmen, ist Patient ausreichend angezogen, Aufklärung

teilweise wiederholen, small talk ohne (!) Krankengeschichten-Infos {denn das

verändert häufig das Anamnesegespräch), fragen nach Nervosität (Hinweis:

Studentin noch viel nervöser), Ansprechen, daß Gesprächsabbruch jederzeit

möglich, evtl. Diagnose nicht gleich verraten.

138

139


„The Making Of..." oder Wie mache ich eine Anamnesegruppe?

Patientin zurückbringen

unbedingt begleiten, nicht alleine gehen lassen (Motto „ich finde schon zurück";

das ist kein Jux, sondern verbindlich, denn wir haften für den Patient, bis er wieder

auf Station ist!},

Gelegenheit für Feed-Back: was war an Veranstaltung ungewöhnlich, was angenehm

oder unangenehm, was hat Studentin gut oder nicht so gut gefragt, betonen,

daß die Gruppe freiwillig und besonders engagiert läuft („so spät

abends"},die Hilfe unterstreichen und nochmal bedanken, evtl. noch (vorsichtige)

Zusatzfragen/-infos; überlegen, ob jetzt doch evtl. doch noch Krankenakte mitnehmen

Insgesamt Aspekte Patienten:

Verschiedene Krankheitsbilder/Fachrichtungen oder Konzentration auf eine

Verschiedene Altersstufen, Schweregrade Erkrankungen (nicht bloß Krebs...)

Möglichst ausgewogenes Geschlechterverhältnis

Evtl. am Ende des Semesters noch einen kleinen Brief/Blumenstrauß/ Semesterbericht

o.a. an die Stationen, die Patienten zur Verfügung gestellt haben

• Blitz durcheinander oder reihum

Blitz

• dreimal: 1x zu Anfang, 1x nachdem Patient gegangen, 1x am Ende des Abends

• freies Erzählen oder nur drei Sätze oder nur drei Worte...

Variationen:

• Bilder malen, Tierblitz, Farbenblitz, Geschmacksblitz, Symbole

• Blitz aufschreiben und selbst lesen oder von anderem vorlesen lassen (eignet

sich vor allem, wenn das Patienten-zurückbringen etwas dauert!)

140

Die erste Sitzung

• als Tutoren pünktlich da sein und auch Pünktlichkeit einfordern

• wie immer: nochmals nachfragen, ob etwas unklar geblieben ist

• allerdings Beginn des Interviews auch nicht allzu sehr verschleppen

• Ruhe verbreiten, wenn die Grüpplinge alle mehr oder weniger angespannt sind

• Tutoren sitzen sich möglichst gegenüber (besserer Blickkontakt; es ist besser

möglich, evtl. schwierige Stimmung im Blitz zu beeinflussen, d.h. der eine gibt

einen Impuls, der andere faßt dann nach oder ändert)

• ggf. Plakat vom Kennenlernabend mit möglichen Anamnesefragen noch einmal

ausbreiten (aber nicht als Pflichtkatalogl)

Blitz klappt oft noch nicht (gut), Zeit lassen wenigstens bis zweite oder dritte Sitzung

ersten Interviewer immer wieder etwas mit Blicken ermutigen

auch in der Zeit, in der Patient geholt wird

Interview geht evtl. nur sehr kurz, hier aber besser noch keine offene Fragenrunde

usw.

Möglichst die gesamte Diskussionszeit wirklich ausschöpfen, ohne dabei selbst

gequält auf die Uhr zu schauen (egal ob „wann ist es endlich zuende" oder „warum

geht die Zeit so schnell um, wir können gar nicht alles besprechen"), nicht

länger und nicht kürzer machen

Gespräche mit Co-Tutor

mögl. nach jedem Gruppentreffen, wenigstens 10 Minuten

was war gut, was nicht so

unausgesprochene Wirkung vom heutigen Patient auf Gruppe

welche Grüpplinge sind „schwierig" (gewesen), z.B. sehr still, sehr laut, sehr fordernd

etc.

wie ging es Dir mit mir als Co-tutor (Verständigung, Verhalten usw.)

haben wir sehr oft oder sehr selten eingegriffen und warum


„The Making Of..." oder Wie mache ich eine Anamnesegruppe?

• wie wird es wohl von der Gruppe aus weitergehen beim nächsten Mal

• gab oder gibt es Unzufriedenheiten (vgl. „Kein Raum für Aggression" in diesem

POM)

• könnte das Thema für kommende Supervision sein

• möchten wir ein Thema von heute noch etwas verstärkt „fördern", also nochmal

aufgreifen

• welche Grüpplinge werden evti. aufhören (ein bis zwei ist Durchschnitt)

• wie sehen die Bedürfnisse und Forderungen der Gruppe aus, wie unsere eigenen

• gab es (schwierige) markante Szenen in der Diskussion {Kritik, Abwehr...)

• können oder müssen wir ein paar strukturelle Dinge ändern (Blitz, Zeit, Station,

Patient besorgen, Protokoll usw.), wobei warten wir noch ab

• evtl. hilft für sich selbst zusätzlich ein stichwortartiges Aufschreiben von Eindrükken

des jeweiligen abends; Verbindungen zu früheren Terminen und Themen

können dann eher hergestellt werden, Veränderungspläne für das nächste Treffen

nicht so leicht vergessen,

• Kontraste zwischen eigenem Wahrnehmen und Protokoll werden deutlicher usw.

• z.B. Essen machen

Letztes Treffen

• spätestens jetzt POM vorstellen, Maitreffen und sonstiges

• Werbung für Tutorentraining

• Nachfrage, ob noch ein weiteres Semester Teilnahme

PGM ?5

• evtl. noch mehr über Tutorenrolle erzählen, Supervision, Organisation usw.

Evaluation

Wir haben in Berlin eine Evaluation durchgeführt; den Fragebogen drucken wir auf

der folgenden Seite ab. Für Fragen hierzu stehen wir gerne zur Verfügung.

Halbzeittreffen

Selbsterfahrung ?!

• zusammen treffen und/oder Kochen

• kleine Zwischenbilanz (z.B. Erwartungs-/Befürchtungszettel vom Kennenlernabend

ansehen, nochmal machen usw.)

• weiteren Ablauf überlegen (welche Teilnehmerinnen wollen nochmal eine

Anamnese machen, ab wann kommen evtl. Klausuren in die Quere, Vorschlag

Themenabend ohne Patient usw.)

• Eventuell Themenabend ohne Patient (z.B. Tod, Angst, Hemmungen, Hypochondrie)

überlegen und einplanen (die Teilnehmenden gestalten selbst!!)

• Protokolle einmal durchgehen

• uvm.

„ Spreche ich nur für mich,

wenn ich sage, daß ich

für mich selbst noch

immer ein Gegenstand

unerschöpflicher und faszinierender

Spannung

Zu sein Scheine?

Ein fortgesetzt ausbrechender

Vulkan?"

(Virginia Woolf)

142

143


Wlntersemsster 199 G/97

Bitte bewerten Sie die folgenden Aspekte dieses Kurses. Markieren Sie Ihre Einschätzung auf der

Skala durch Ausfüllen eines Quadrates zu Jeder Vorgabe. Dies kann immer nur eine pauschale

Beurteilung sein; wichtig ist'lhre spontane Einschätzung.

Wie beurteilen Sie in diesem Kurs ... ^ ~..*V.Nf

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die Vollständigkeit der Inhalte

die Verwendbarkeit des angebotenen Sloffes in Bezug auf das

spätere ärztliche Handeln?

die Möglichkeit, praktisch zu arbeiten?

die Möglichkeit der inhaltlichen Mitgestaltung des Kurses?

die räumliche Situation?

das didaktische Konzept?

, daß es keinen „Dozenten" gab?

die Ansprechbarkeil der Tutoren?

die Kompetenz der Tutoren?

die Koordination zwischen den Tutoren?

das Engagement derTuforen?

die Vermiiflung von Problemlösefähigkeit?

die Förderung selbständigen Arbeiters?

Ihren persönlichen Lernzuwachs?

Ihre eigene Motivation?

die Arbeitsatmosphäre?

Erlaubte Ihnen die Arbeitsatmosphäre, sich in die Gruppenarbeit

einzubringen?

Halten Sie den „Blitz" für sinnvoll?

Sind durch den „Blitz" Stimmungsschwankungen vor und nach dem

Gespräch deutlich geworden?

Halten Sie Protokolle für sinnvoll?

War der zeitliche Rahmen angepaßt?

War die Gruppengröße angepaßt?

Haben sie schon einmal an einer Anamnesegruppe teilgenommen?

Würden Sie noch einmal an einer Anamnesegruppe teilnehmen? ....

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Das vergangene Sernester war mein

. Sernester.

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U ja

Q ja

Q nein

Q nein

Gunda, Jan und Tillmann zollen

Henning tiefen Respekt für seinen

heroischen Kampf mit dem Computer,

und dafür, daß er ROM Fritz

das Laufen beibrachte

den

Autoren

ganz

herzlich, daß

alle versprochenen

Artikel

tatsächlich

pünktlich

der

eintra-

hier

fen

gesamten

ClPom-

Mannschaft

für ihre Unterstützung

den Berliner Supervisoren: Dr.

Ganzer, Dr. Keller, Dr. Köpp;

Danke

P6W 15

den Berliner Protektoren für Tutarenstellen:

Prof. Offermann. Prof.

Klapp & Hr. Danz

dem Mabuse-Verlag und Wolfrad

Bode

• der Berliner

Vereinte

der

AG,

Medi

Collage, der

Ärztekammer,

Krankenversicherung

Fachschafts

initiative

Medizin

der HU Berlin

und der OE

der FU Berlin

für die großzügige finanzielle

Unterstützung

Bitte benutzen Sie die Rückseite für Kommentare und Anmerkungen zu tp*ii*Hcn Aspeklen. Vielen Dankl

145


Mabuse-Verlag Wissenschaft

Mabuse Reihe Wissenschaft

In der Reihe Mabuse-Verlag Wissenschaft veröffentlichen wir interessante

wissenschaftliche Arbeiten und Dissertationen aus den Gebieten:

• Kranken- und Altenpflege

• Frauen und Gesundheit

• Sexualität, Verhütung, Schwangerschaft

• Geschichte der Medizin

• Medizinsoziologie

• Psychotherapie, Psychiatrie

und zu anderen Themen aus dem Bereich Gesundheit und Politik:

In unserer Wissenschaftsreihe geben wir Autorinnen und Autoren die

Möglichkeit, ihre Arbeiten der Öffentlichkeit vorzustellen.

Wir bieten Ihnen individuelle verlegerische Betreuung vom Lektorat

bis zum Vertrieb.

Unser Angebot in Kürze:

• Satz und Qualitätsdruck

• Einführung als Autorin/Autor

• Bekanntmachung Ihrer Arbeit durch Aufnahme in den wichtigsten

Verzeichnissen des Buchhandeis und des (inter)nationalen

Bibliothekswesens

• gezielter Versand von Rezensionsexemplaren

• Ankündigung in Dr. med. Mabuse und anderen zielgruppenbezogenen

Medien

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unserer Fachbuchhandlung für Pflege und Medizin

(Gesamtauflage 190000 Expl.)

• Vorstellung im Buchhandel, auf der Frankfurter Buchmesse

und auf Tagungen.

Bitte fordern Sie unser Informationsmaterial Reihe Wissenschaft an.

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Die Neugestaltung der kassenärztlichen Vergütung zwischen Gesundheitsstrukturgesetz

und "dritter" Stufe der Gesundheitsreform

Reihe Wissenschaft, Band 37

323 Seiten, 48 DM, 350 ÖS, 46 SFr

ISBN 3-929106-42-6

Alexandra Manzei

Hirntod, Herztod, ganz tot?

Von der Macht der Medizin und der Bedeutung der Sterblichkeit für das Leben

Peihe Wissenschaft, Band 36

114 Seiten, 27 DM, 197ÖS,27SFr

ISBN 3-929106-46-9

Michael Bohne

Die Pille für den Mann und die Vasektomie in der Medizin

Reihe Wissenschaft, Band 33

94 Seiten, 25 DM, 182 ÖS, 25 SFr

ISBN 3-929 W6-35-5

Mabuse-Veflag f Kasseler Str. 1a, 60486 Frankfurt am Main

Tel.: 069-&7 07 40 72, Fax: 70 41 52, www.oeko-net.de/mabuse/


Dietrich Pe'mert, Stefanie Esan

Mabuse-Verlag

Leseprobe:

Diese Nacht erlabte ich unklar, voller Verwirrung und

ohne Einblick in das, was wirklich geschah. Es war

kalt, ich fror und mein linkes Bein zitterte. Irgendwann

tctnzten mir Schnee/locken ins (laicht. Eine männliche

Stimme sprach mich freundlich an und duzte mich.

Warum sagte sie du? kh fragte: Wer bist du? und faßte

in ein bärtiges Gesicht. Ich bin Rolf, dein Sohn.

Aus dem Gleichgewicht - Die Geschichte eines Schlaganfails

Ein Betroffener und seine i-'hysiotherapeutin schildern in diesem fluch in bewegender

Weise Vorzeichen. Verlauf und folgen eines Schlaganfalls und auch den Prozeß

der Rehabilitation. Dabei ist es Dielrieh Feinen gelungen, das Krlelne eindrücklich

darzustellen: frühe An/eichen, der erste Schlagantall, Krankenhausautemhalte, nochmaliger

Infarkt, Keha-Klinik, Krankengymnastik. Stefanie Esan leistet eine einfühlsame

medizinische Einordnung seiner Eindrücke.

Der gut lesbare Erfahrungsbericht der Kieler Autoren ist für Betroffene, Angehörige,

Pflegende und Therapeuten/innen gleichermaßen geeignet, um in medizinischer und

psychologischer Hinsieht ein üet'eies Verständnis für Priiventionsmögtichkeiten und

lieilungschanecn dieser weit verbreiteten Eikrankung /u entwickeln.

Die Stiftung Deutsche Schlagaiifall-Hilfe empfiehlt allen am Thema interessierten

Menschen diesen Band - er gibt Mut, einen persönlichen Weg zur Bewältigung

der Erkrankung zu suchen und zu finden.

152 Seiten, 24,80DM, 181 ÖS, 24,80SFr, ISBN 3-929106-44-2

Dietrich Peincrt ist Mitglied der Selbsthilfe-Gruppe für Schlagantall-Betroffene in Kiel.

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Mabuse-Verlag

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Klaus Dörner (Hrsg.)

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Kranken

Nach „Holocaust":

Erkennen -Trauern - Begegnen

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Hilde Steppe (Hrsg.)

Krankenpflege im

Nationalsozialismus

3., korrigierte Auflage, 2505.

zahlt. Graphiken u. Fotos

3?,80 DM. 276 05, 36,80 SFi

ISBN 3-925499-35-Q

Eckhard Heesch (Hrsg.)

Heilkunst in unheilvoller Zeit

Beitrage zur Geschichte der Medizin

im Nationalsozialismus

184 S., 29,80 DM.218 OS. 21,80 SFr

ISBN 3-925499-57-1

B. Bromberger, H. Mausbach.

K.-L). Thomarn

Medizin, Faschismus und

Widerstand

352 S., rahle. Schrift- und Fotoöuk.

28,80DM, 210 ÖS, 28,80 SFr

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Dorothee Roer, Dieter Henkel (Hrsg.)

Psychiatrie irri Faschismus

Die Anstalt Hadamar 1933-1945

2, Auflage, 400 S.

53 DM, 38? ÖS. 50 SFr

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Horst Seithe, Frauke Hagemann

Das Deutsche Rote Kreuz im

Dritten Reich (1933-1939)

Mit einem Abriß seiner Geschichte

in der Weimarer Republik

280S.. 48 DM, 37505. 49,40SFt

ISBN 3-925499-B9-S

Lars Endrik Sievert

Naturheilkunde und Medizinethik

im Nationalsozialismus

Reiht WJsse/iicAoft, Band 28

277 S, 53 DM, 387 ÖS, 50 SFr

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G. Baader, U. Schultz (Hrsg.]

Medizin und Nationalsozialismus

Tabuisiertp Vergangenheit -

Ungebrochene Tradition?

4. Auflage. 254 S.

29,80 DM, 218 ÖS, 29,80 SF'

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Isidor Kaminer

Psychiatrie im Nationalsozialismus

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350 S., 53 DM, 387 ÖS, 50 SFr

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Hilde Steppe

den Kranken zum Tröste und dem

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Zur Geschichte der jüdischen Krankenpflege

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400 S., geb. 68 DM. 496 05, 64 SFi

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kort. 1BDM, 350 ÖS, 46 SF:

ISBN3-92910Ö-36-1

S. Fahrenbach. A.Thom (Hrsg.)

Der Arzt als „Gesundheitsführer"

Ärztliches Wirken zwischen

Ressourcenerschließung und

humanitärer Hilfe im 2. Weltkrieg

200 5., 29,80 DM. 233 ÖS, 31 SFr

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Walter Wuttke (Hrsg.)

Volk und Gesundheit

Heilen und Vernichten im

Nationalsozialismus

(Ausstellungskatalog)

Format DIN A4, 250 S.,

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Heike Bernhardt

Anstaltspsychiatrie und

„Euthanasie" in Pommern

1933 bis 1945

Die Krankenmorde an Kindern und

Erwachsenen am Beispiel der

Landesheilanstalt Ueckermünde

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ISBN 3-925499-91-l

Thomas Koch

Zwangssterilisation im

Dritten Reich

Das Beispiel der Umversitäts-

Frauenklinik Göttingen

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ISBN 3-925499-9G-2

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Die Geschichte der Kinder- und

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Pffttt 15

Statt einer Adressenliste

Wer hat Euch das alles eingebrockt?

Vernetzung ist ein oft strapazierter Ausdruck unter den Anamnesegruppen, die angesichts

der ständigen Fluktuation manchmal darunter leiden, allenfalls beim jährlichen

Maitreffen mit Gleichgesinnten den Austausch pflegen zu können. Doch nun

soll alles Leid ein Ende haben, denn ein Häuflein unermüdlicher hat sich wieder

einmal aufgerafft, um Verbindungen aufzubauen. Dank der Balintgesellschaft besteht

ein Verteiler für Infos, die per Post versandt werden. Infos hierzu gibt der Artikel

von Clemens (S. 22). Wesentlich aktueller und außerdem „interaktiv" (also vor

ein paar Jahren wollte ich mir solche Ausdrücke ja auch nicht antun, aber es ist halt

doch so praktisch und außerdem kann man anders in Hennings Umfeld auch

schwer bestehen) ist das Medium Computer mit der Homepage auf der, wenn Ihr es

denn wollt, bald für jede Stadt ein Ansprechpartner aufgeführt wird. Die Adresse

lautet

Gunda, unsere Quotenfrau, möchte sich bei ihren Eltern und bei Svenja bedanken!

Danke,

Viele Grüße auch an Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews.

Henning, der Papa von Anamnese-Homepage und POM Fritz, zur Zeit ein Arm in

Gips, doch wieder heiß auf Klettern und Motorrad faahn. Hass auf Bill Gates, überlastete

Server, manuelle Texteinrückungen, etc? Dank an die unverwüstlichen Cl-

Pom-tutoren und Sisters of Mercy. Siehe auch:

http://www.charite.de/students/studis/henning/home.htm

Jan, die einzige Blondine von uns Fantastischen Vieren, stand mit seiner Kritik an

Gundas Sprüchen allein auf weiter Flur, hat in dieser Zeit trotzdem gelernt sich am

Telefon mit vollem Namen zu melden (Dank Henning) und einigt sich letztendlich

sogar mit Tillmann auf das Vorwort. Gute Prognose.

http://www.charite.de/students/anamn6se.htm

Tillmann, gerade ins PJ gestolpert und trotzdem kaum nervöser. Ich danke allen

Anamnesegruppentutorlnnen und den Teilnehmenden. Besonderen, persönlichen

Dank außerdem an Anette & Andreas (Homburg), Volker (Dresden), Stefanie B.,

Tanja S. und Gesa W. (Berlin), ohne die meine Beiträge und vieles andere nicht

zustande gekommen wären. Dank auch an meine Mutter.

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