POM 15

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Gruppe zur Begleitung/Betreuung chronisch Kranker

Gruppe zur Begleitung/Betreuung chronisch Kranker

Von Christine Mussner- Seeber, Innsbruck

Zu Beginn des WS 97/98 fanden sich

Mitglieder ehemaliger studentischer

Anamnesegruppen der Universität

Innsbruck zu einer neuartigen Gruppe

zusammen mit dem Lehrveranstaltungstitel

"Begleitung/Betreuung chronisch

Kranker". Dieses vorläufig einsemestrige

Projekt wurde unter die

Leitung von Herrn Dr. Thiel, Herrn Dr.

Libal und Frau Mag. Mumelter gestellt.

Die Ziele

sind wie folgt definiert:

dieser Lehrveranstaltung

das Verständnis für die Situation chronisch

Kranker zu fördern

die Besonderheiten im Umgang mit

chronisch Kranken zu reflektieren

einen besseren Einblick in das psychosoziale

Umfeld von Krankheit bzw.

der ärztlichen Tätigkeit zu ermöglichen.

Jedes Mitglied dieser Gruppe war in

den letzen zwei Semestern über die

studentische Anamnesegruppe häufig

mit Patienten in Kontakt gekommen

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und hatte daher schon praktische Erfahrungen

mit Erstgesprächen. Da

einmalige Gespräche nur ein momentanes

Zeitfenster vom körperlichen

und seelischen Zustand eines Patienten

vermitteln, in der späteren ärztlichen

Tätigkeit aber Langzeitbetreuung

gefordert ist, spiegeln diese nur unzureichend

die objektive und subjektive

Wirklichkeit, sei es jene des Arztes als

auch jene des Patienten, wieder. Es

war allen von uns ein Anliegen, die

Auswirkungen eines Anamnesegesprächs

auf den weiteren Krankheitsverlauf,

die Entwicklung einer Beziehung

zwischen Gesprächsführenden

und Patienten und die persönlichen

Reaktionen auf einen reellen Stressor

zu verfolgen und zu hinterfragen. Um

unsere psychologischen Vorerfahrungen

und Basiskenntnisse auf einen

gemeinsamen Nenner zu bringen,

wurden in einem ersten Treffen theoretische

Grundlagen der Arzt-

Patienten Beziehung vermittelt. Besonderes

Augenmerk legten unsere

Betreuer auf das Bewußtwerden von

Übertragung - Gegenübertragungsmechanismen

zwischen Arzt und Patient,

auf die spezielle Situation chronisch

Kranker und deren Umfeld, den Umgang

mit extremen emotionalen Belastungssituationen

und auf eigene

Wunschvorstellungen, der zumeist

äußerst unscharf konturierten Identität

eines Studenten in der hierarchischen

Rollenverteilung des medizinischen

Systems. Folgende Stationen hatten

sich zur Mitarbeit bereit erklärt, wobei

die Zuordnung auf eigenen Wunsch

erfolgte: HNO, Kinderonkologie, Orthopädie,

Hämatologie, Neuro-

Rehabilitation, Neuro-Chirurgie und

Neuro-lntensiv.

Der nächste Schritt bestand darin, mit

Station und Patient in Kontakt zu treten.

Organisatorische Schwierigkeiten

ergaben sich frühzeitig und bestanden

in mangelnder Kooperationsbereitschaft

und Verständnis von ärztlicher

Seite, schlecht vorbereiteten bzw. unmotivierten

oder verschollenen Patienten

und im Zuge der heutigen Krankenhauspolitik

nicht prognostisch faßbaren

Dauer der stationären Betreuung.

Die Anzahl der geführten Gespräche

erwies sich als sehr unterschiedlich.

Unabhängig davon mangelte

es in den Supervisionssitzungen

nicht an Gesprächsstoff. Die sich aus

den Gesprächen ergebenen Schwie-

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rigkeiten, sprich ablehnende Haltung

des Patienten, persönliche Differenzen

zwischen mehreren Gesprächsführenden,

ethische Konflikte und manch anderes

wurden in der Runde diskutiert.

Durch fachliche Kompetenz und persönliche

Erfahrung der Supervisoren

wurden in der Gruppe praktische Lösungsmöglichkeiten

erarbeitetet. Ein

Widerstand im Gespräch oder in der

Beziehung zu einem Patienten, der für

den Gesprächsführenden unüberwindbar

ist, weil er nicht bewußt gemacht

werden kann und welcher nur

durch die Kenntnis der persönlichen

Beziehungs-

und Umfeldstruktur erklärbar

ist, erweist sich für einen geschulten,externen

Beobachter ala ein

durchaus lösbares Problem.

Die Kenntnis einer guten Gesprächsführung,

welche zwar nicht Teil des

Studienplans, jedoch eine der primären

Forderungen bei Beginn der Ausübung

der ärztlichen Tätigkeit und

Grundlage jeder Diagnostik ist, birgt

schlußendlich auch die Möglichkeit der

therapeutischen Nutzung in sich. In

Anbetracht der Tatsache ist der Besuch

einer Lehrveranstaltung mit diesem

Ziel jedem Medizinstudenten zu

empfehlen.

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