POM 15

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POM 15

„Die Realität ist die beste Abwehr"

PöW 15

einen Überblick geben, sowie ein paar

Beispiele nennen, die unsere Supervisionsarbeit

darstellen mögen.

Derzeit gibt es drei Anamnesegruppen,

also sechs Tutorlnnen, die sich

alle zwei Wochen Montag abends von

19:00 - 20:30 Uhr treffen. Je nach

Dringlichkeit können dann ein oder

zwei Tutorenpaare einen Patienten,

eine Patientin oder ihre Gruppe vorstellen.

Wichtig dabei ist die regelmäßige

Teilnahme aller, denn die Supervisionsgruppe

muß. - ähnlich wie die

Anamnesegruppe - zusammenwachsen

und Vertrauen fassen. Unbeständige

Gruppen machen offenes und

intensives Arbeiten fast unmöglich.

Auch und gerade bei der Supervision

wird auf vorige Sitzungen zurückgegriffen.

Die Studierenden der anderen

Anamnesegruppen sind einigermaßen

bekannt und gruppendynamische Prozesse

werden so besser verstanden.

Natürlich gab es aber auch in unseren

Supervisionsgruppen immer wieder

das Phänomen, daß Tutorlnnen nicht

teilnahmen oder unregelmäßig erschienen.

Erklärungsansätze wurden

viele angeboten: ist dieses Fernbleiben

eine Angst vor Konfrontation und

Kritik? Könnten nicht eigene Zweifel

über einen ungünstigen Verlauf der

Gruppe bekräftigt werden? Da gibt es

ja auch die „älteren" und „erfahreneren"

Tutorlnnen und einen wirklich

kompetenten Supervisor. Der Schritt

hinaus also aus der sicheren „peergroup",

die selbst geleitet wird, in eine

Gruppe, die alles hinterfragt, reflektiert

und gegebenfalls kritisiert. Immer wieder

wurden Zeitmangel, Studienstreß

oder wichtige, unumstößliche Termine

als Grund angeführt. Tatsachen also,

die jeder von uns kennt. Die darauf

bezogene Intervention unseres Supervisors

:"Die Realität ist die beste Abwehr!"

macht wahrscheinlich heute

noch einigen Kopfzerbrechen.

Inhaltlich beschäftigt sich die Supervision

- wie oben schon angedeutet -

schwerpunktmäßig entweder mit Patientinnen-

oder mit Gruppenvorstellungen,

Das Tutorlnnenpaar stellt in ei-

.nem 15- 20 minütigen freien Vortrag

den Fall vor, danach folgen die Gedanken

und Eindrücke der anderen,

was in die Diskussion überleitet, wie

wir sie aus dem Nachgespräch der

Anamnesegruppe kennen.

Exemplarisch soll eine der vielen Patientinnenvorstellungen

zur Verdeutlichung

beitragen: Frau M., Mitte 70,

leicht gehbehindert, jedoch aktiv und

geistig sehr rege, kam wegen unerträglichen

Juckreizes in die Hautklinik.

Diese Symptomatik begann nach einem

Autounfall vor ca. zwei Jahren.

Wir erfuhren

in dem 40 Minuten langen

Anamnesegespräch u.a. auch

vom Tod ihres ältesten Sohnes vor

einigen Jahren: vor den Augen seiner

Mutter wurde dieser von einem LKW

langsam überrollt. Auf die Frage, wie

sie mit diesem Schicksalsschlag fertiggeworden

sei, antwortete sie mit

einem damals verfaßten Gedicht, welches

sie in der Gruppe vortrug und mit

einem scheinbar zufriedenen und stolzen

Lächeln beendete.

Wie sich im Nachgespräch herausstellte,

waren diese beiden Gegebenheiten

der eindrucksvollste Teil des

Gespächs. Die sehr detailierte und

recht brutale Beschreibung, wie ihr

Sohn umkam, löste tiefe Traurigkeit in

der Gruppe aus. Dagegen wurde das

Gedicht zwar als erstaunlich

, doch

eher unpassend empfunden - denn es

gab (zumindest der Gruppe) keinen

Trost.

In der Supervision wurde mit Hilfe dieser

Schilderung ein Zusammenhang

zwischen den beiden Verkehrsunfällen

hergestellt: als möglicher Auslöser für

den unerträglichen Juckreiz, das

selbstzerstörerische Aufkratzen

und

das „sich in der eigenen Haut nicht

mehr Wohlfühlen", kommt also der unverarbeitete

Tod des Sohnes in Betracht,

der durch den eigenen Autounfall

erneut ins Gedächtnis gerufen

wurde. Die schwer zu ertragende Tatsache,

daß sie, die „alte" Mutter -

wenn auch verletzt - ihren Unfall

überlebt hat, und ihr Sohn „in der Blüte

seines Lebens" sterben mußte, machen

Fragen nach dem „Warum?" und

nach unbewußten Schuldgefühlen der

Mutter nachvollziehbar.

Als wirkliche Bereicherung empfanden

wir auch die Einführung und Klärung

neuer, meist psychoanalytischer Termini:

Übertragung, Gegenübertragung,

Phallische Reaktion, Konversionsneurose,

Hysterie, Abwehrmechanismus,

um nur einige zu nennen. Diese wurden

von unserem Supervisor sehr dosiert,

und jeweils der Zusammensetzung

unserer Gruppe angepaßt, eingeführt.

Die Verständlichkeit blieb

oberstes Gebot, so daß sich nicht einzelne

durch ihr Vokabular abgrenzen

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