POM 15

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Anamnesegruppen: Ein Unterrichtsmittel, im Medizinstudium Sinn zu finden?

Anamnesegruppen: Ein Unterrichtsmittel,

im Medizinstudium Sinn zu finden?

- Eine Retroperspektive ihrer fast dreißigjährigen Eigenanamnese *

' Basierend auf einem Vortrag, der am 15.1.1998 in der Abteilung Psychotherapie

und Psychosomatik der Universität Ulm gehalten wurde. Auf deren homepage ist

der gesamte Text enthalten.

Von Wolfram Schüffei, Marburg, ehemals Ulm

Am 2. Januar 1967 wurde in Ulm das Zentrum für Innere Medizin und Kinderheilkunde

eröffnet. Es bestand seitens der Inneren Medizin aus drei Abteilungen, nämlich

der Abteilung Innere Medizin/Hämatologie, der Abteilung Innere

Medizin/Endokrinologie

und der Abteilung Innere Medizin/Psychosornatik und Psychotherapie.

Diese letzte sollte abweichend von den beiden anderen Abteilungen durch

zwei Professoren gemeinsam geführt werden; Der eine war der damals in

Deutschland als psychosomatischer Internist ausgewiesene Gießener Polikliniker

Thure von Uexküll, der andere war der wesentlich jüngere, aber aufgrund seiner

Anorexie-Forschungen bereits damals ebenfalls sehr bekannte und soeben erwähnte

Helmut Thomä, Psychiater, Neurologe und Psychoanalytiker.

Meine Arbeit in Ulm nahm ich am 2. Januar 1968 auf, indem ich wissenschaftlicher

Assistent des Zentrums für Innere Medizin und Kinderheilkunde wurde, dort meine

internistische Weiterbildung begann und parallel hierzu meine psychotherapeutische

Weiterbildung aufnahm. Sehr schnell merkte ich, daß sich die Atmosphäre des

klinischen Alltags in der Tat sehr deutlich von dem abhob, was ich in den bisherigen

Universitätskliniken erlebt hatte. Die damaligen Ulmer Assistenten beschreiben diese

Atmosphäre in ihren Treffen noch heute als eine Aufbruchstimmung. Man sah

sich vor die Herausforderung gestellt, Medizin neu zu praktizieren.

Interdisziplinarität zugunsten besserer Patientenversorgung

Schon vor dreißig Jahren war immer deutlicher geworden, wie die Spezialisierung in

der Medizin überhandnahm. Gleichzeitig drohte die Allgemeinmedizin zu verkümmern.

Die größte Herausforderung war nunmehr, die Interdisziplinarität so einzuüben,

daß sie sich in der Patientenversorgung widerspiegelte. Der drohenden Spezialisierung

sollte weiterhin entgegengewirkt werden, daß Allgemeinmediziner auf

den Stationen arbeiteten und umgekehrt Stationsärzte in den Praxen tätig wurden.

Wir wußten damals gar nicht so recht, was Psychosomatik eigentlich ist. Es gab

zwar Bücher hierüber, aber wenig Praxis; am wenigsten ein Anschauungsmodell,

wie Psychosomatik innerhalb eines 350-Betten-Hauses zu integrieren ist. Selbst

erfahrene Hausärzte, wie der damals sehr bekannte Häußler hätten bei der Versorgung

des einzelnen Patienten nicht gewußt, wie sie aus der Psychosomatik den

Uexküllschen Situationskreis mit der damals aufkeimenden Balintschen Selbsterfahrung

und mit Adlerscher Interviewtechnik (heute in den Anamnesegruppen geübt)

so zu einem Ganzen integrieren, daß alles vor naiven Fragen standhielt. Diese

wurden gestellt, wenn uns aus Leiden kommend der Internist, Diabetologe und

Psychosomatiker JJ. Groen (Emeritus der Universität Jerusalem) besuchte.

Zu dieser Zeit (1968) kamen auch die ersten Studenten nach Ulm und machten

unter anderem auch ihre Famulaturen. Sie erzählten teilweise von meinen Patienten

Dinge, die ich als Stationsarzt nicht im Entferntesten wußte. Neugierig gemacht,

einigte ich mich mit ihnen auf regelmäßige Patientenbesprechungen in der Woche.

Bei jeder Falldiskussion ergab sich eine Vielzahl von Beobachtungen, die sich z.T.

widersprachen. Um das zu vermeiden, einigten wir uns darauf, daß im Gesamtkreis

der Studenten und mir jeweils ein Patient nach dem Adlerschen Muster untersucht

werden sollte. Danach trafen wir uns zu einer Nachbesprechung und wiederum

traten die vielen Widersprüche auf. In den bisherigen Fallbesprechungen hatten wir

immer versucht, schließlich eine Mehrheitsentscheidung herbeizuführen, um endlich

zur Diagnose zu kommen.

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