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Die weiteren Entwicklungen ab 1976/77: Marburg, Heidelberg, Ascona

- und dann ins Deutschsprachige zurück

Hier kam mir der entscheidende Einfalt: Ich dachte an meine eigenen Erfahrungen

als Student, die ich Anfang der 60er Jahre in Famulaturen in einer Londoner Medica!

School (Royal Free Medical School) gesammelt hatte. Mir war dort aufgefallen,

wie die Dozenten immer wieder sehr intensiv die Studenten nach ihren Beobachtungen

gefragt hatten und es dann der Gruppe selber überließen, sich ein endgültiges

Bild zu machen. Aufgefallen war mir hierbei, daß es für diese englischen Dozenten

viel weniger ein Richtig- oder Falschurteil gab, sondern viel häufiger die

Frage gestellt wurde, „Unter welchen Umständen kam es zu Ihrem Eindruck?" Noch

heute bin ich davon beeindruckt, wie auf diese Weise eigene Stärken wie Schwächen

für mich deutlich wurden. Wie sich nachfolgend die Möglichkeiten boten, hieraus

Konsequenzen zu entwickeln.

Auch die Ulmer Studenten waren hiervon angetan. Wir beschlossen, regelmäßige

wöchentliche Treffen herbeizuführen. Bald kam aus dem Kreis der famulierenden

Studenten die Frage, ob nicht auch Studenten an den Treffen teilnehmen könnten,

die jetzt im Pflegepraktikum seien? Es sei doch beeindruckend, so war das Argument,

was diese aus ihrer pflegerischen Sicht zu den Patienten zu sagen hätten.

Nach einer geraumen Zeit des ZÖgerns stimmte ich mit dem Vorbehalt zu, daß es

ein Experiment bleiben müsse. - Schon nach kurzer Zeit merkte ich, daß die Studenten

recht hatten: Sie ergänzten sich vorzüglich in ihren Sichtweisen.

Das war die Geburtsstunde der Anamnesegruppen: Kliniker und Vorkliniker trafen

sich, um in einer gemeinsamen Gruppe wöchentlich bei einem Patienten nach dem

Modell von Engel-Adler das Erstgespräch zu führen.

Diese Entwicklung spielte sich im Wintersemester 1969/70 ab. Sie sprach sich auf

den anderen Stationen des Zentrums für Innere Medizin und Kinderheilkunde herum.

Die Nachfragen zu Gruppenplätzen wuchsen. Da die Gruppen aber zu diesem

Zeitpunkt einen akademisch qualifizierten Leiter brauchten, mußten Mitarbeiter und

Mitarbeiterinnen gewonnen werden.

Es gab einen weiteren, entscheidenden Entwicklungsabschnitt: 1976/77, nachdem

ich einen Ruf auf den Marburger Psychosomatik-Lehrstuhl angenommen hatte, versuchten

die ehemaligen Ulmer, nunmehr Marburger Studenten UN Egle und Aegidius

Schneider die Anamnesegruppen nach Marburg zu verpflanzen. Der Not, aber

auch einer inneren Überzeugung gehorchend, sagten wir, daß die Gruppenleitung

nicht automatisch durch den Graduierten erfolgen müsse. Sie könne auch durch

den studentischen Tutor ausgeübt werden. So geschah es: Von jetzt an waren die

Studenten die Leiter der Anamnesegruppen. Die Anamnesegruppen wurden also

auch durch Gleichrangige geleitet. - Bereits in der Zwischenzeit war es zu einem

internationalen Austausch dadurch gekommen, daß die Anamnesegruppenteilnehmer

von Boris und Wilma Luban-Plozza eingeladen ab 1974 an den Balinttagen von

Ascona teilnahmen. Hier trafen sie auf Studenten anderer Fakultäten, zunächst auf

diejenigen von Heidelberg. Anfang der 80er Jahre wurde das Konzept einer breiteren

Öffentlichkeit vorgestellt (Schüffei, 1983; Schüffei, Egle, Schneider, 1983),

Außerhalb Ulms wurde die Anamnesegruppenentwicklung zunächst in Heidelberg

aufgenommen und dort in eigenständiger Weise bearbeitet. Ebenfalls Anfang der

80er Jahre wurde ein Durchbruch erreicht, als etwa zeitgleich in Erlangen durch T.

Loew und in Bonn durch V. Köllner die Gruppenarbeit eingerichtet wurde. 1987 kam

es nach eigenständiger Entwicklungsarbeit zu einer Übernahme in Wien, der bald

darauf die beiden anderen österreichischen Universitäten Graz und Innsbruck folgten.

Die auch späterhin erfolgende Weiterentwicklung dieser gelegentlich als

„Selbsthilfegruppe von Studentinnen und Studenten 1 apostrophierten Vorgehensweise

kann man bei regelmäßig stattfindenden Mai-Treffen in Marburg erleben. Hier

treffen sich die Tutoren der Anamnesegruppen, die nunmehr an etwa 25 deutschsprachigen

Universitäten etabliert sind.

Wie bei den Internationalen Balinttreffen, die alljährlich im Frühjahr in Ascona stattfinden,

so wird auch bei den eben erwähnten Mai-Treffen in Marburg der jeweilige

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