POM 15

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Entwicklungsprozeß wohlwollend kritisch geprüft und mit neuen Lernkonzepten erweitert

(Schüffei, Pauli, 1996). In dem Aachener Balintkooperationsmodell wird diese

Aufgabe unter dem Leitwort „Training cum Research" fortgesetzt (Petzold, Altmeyer,

1996). Auf diese Weise wurde über drei Jahrzehnte ein Ausbildungskonzept

für deutschsprachige Studenten entwickelt, Elemente patientenzentrierter Medizin

an drei verschiedenen Orten überregional kennenzulernen und sich anzueignen.

Hierbei verfolgen die Studenten ein dreifaches Arbeits-/Lernziei:

Die Studenten nutzen die Anamnesegruppe als Möglichkeit, ihre jeweils eigene bejrufl/che

Sozialisation zu reflektieren. Dies tun sie in dreifacher Form.

Sie führen das Gespräch mit dem körperlich Kranken in der Absicht, eine Gesamtdiagnose

(Balint) zu stellen. Dies geschieht unter Bezugnahme auf das biopsycho-soziale

Modell im Rahmen eines intsraktionszentrierten Ansatzes.

• Sie führen das Gespräch in der Gegenwart ihrer Mitstudenten, d.h. der Gruppe

der Peers, die als Team wahrgenommen und aufgrund ihrer unterschiedlichenli

Beiträge als Flauen und Männer, als Vorkliniker und Kliniker wie als Persönlich-,

keiten wachsend geschätzt werden.

• Sie führen das Gespräch mit dem Bewußtsein, daß die Situation, d.h. der eigene

Ausbildungsstand, die Praxis, die Klinik des Patienten, die nächste Supervision

und nicht zuletzt die Auswahl des Patienten durch den Stationsarzt das jeweilige

Bild der Krankheit Qines Menschen bestimmt. __ |

Arbeits-/Lernziele der Anamnesegruppen (Schüffei, Ulm, 1998}

Wie Anamnesegruppen und Reformuniversitäten voneinander profitieren

können

Medizinstudentinnen machen heute noch sehr viel stärker als vor nahezu dreißig

Jahren die Erfahrung, daß die Spezialisierung überhand genommen hat. Den an

den Reformuniversitäten von MacMaster, Beer Sheva und in Maastricht, etwas

später in Newcastle (Großbritannien!) aber auch in New South-Wales (Australien)

gemachten Erfahrungen scheinen an Deutschland bisher spurlos mit Ausnahme

von Herdecke/Witten und eines geplanten reformierten Studienganges an der Charite

in Berlin vorbeigegangen zu sein. Dagegen werden die Maastricht-Erfahrungen

in den Niederlanden zunehmend von den anderen sechs medizinischen Fakultäten

übernommen und selbst das traditioneile Leiden und die Medical Schools in Großbritannien

schlössen sich an. Bei uns kam es dagegen zu dem unsäglichen Streit,

ob die psychosozialen Fächer noch Pflichtfächer bleiben und die Allgemeinmedizin

in ihrer Eigenständigkeit erhalten bleibt.

Das hat die Anamnesegruppenbewegung eher gestärkt. Im Laufe der Jahrzehnte

sahen die Studenten hier, d.h. auf diesem Feld der bewußten Reflexion ihrer eigenen

Sozialisation die Möglichkeit einer eigenständigen Betätigung. Regelmäßig höre

ich während der Mai-Treffen Formulierungen wie die, daß erst durch die Arbeit in

den Anamnesegruppen dem Medizinstudium ein Sinn zuwuchs. Anläßlich dieses

Vertrages berichtete mir der ehemalige Rektor der Universität Ulm, H. Baitsch über

das Treffen des zweiten Medizinerjahrganges von Ulm, das kurz zuvor anläßlich

des 20. Jahrestages ihres Staatsexamens abgelaufen war. Unter den wenigen ausgesprochen

positiven Erinnerungen an die Ausbildungszeit nahm die Arbeit mit der

Anamnese und der Anamnesegruppe einen vorderen Platz ein.

Es ist erstaunlich zu sehen, wie sich eine studentische Initiative über nahezu drei

Jahrzehnte nicht nur gehalten sondern weiterentwickelt hat. Unseres Wissens handelt

es sich zumindest im deutschsprachigen Raum um ein einmaliges Phänomen

unter Medizinstudenten. Wodurch wird diese Entwicklung bewirkt?

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Anamnesegrüppler sind vielfach im Ausland gewesen, und haben u.a. auch die

Reformuniversitäten kennengelernt. Ich stelle mir vor, daß sie besonders geeignet

sind, die ausländischen Erfahrungen kritisch zu überprüfen, um dann zu sehen, wie

der matrixgesteuerte Unterricht der obengenannten Reformuniversitäten in der Vorreiterrolle

von MacMaster in Deutschland übernommen werden könnte. Auf deren

Erfahrungen sollte nicht nur zurückgegriffen werden. Vielmehr sollte gesehen werden,

daß in Anamnesegruppen unter sozial-affektiven Gesichtspunkten ein Ma-

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