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Anamnesegruppen: Ein Unterrichtsmittel, im Medizinstudium Sinn zu finden?

trixsystem bereits praktiziert wird. So könnte ich mir vorstellen, daß die Mitglieder

einer Anamnesegruppe wesentlich besser als die Studenten mancher englischöder

holländischsprachigen Reformuniversität darauf vorbereitet sind, sich auf die

sozial-affektiven Prozesse einzulassen, die im Laufe einer mehrjährigen Betreuung

etwa einer Familie auftreten. Hierbei könnte auf einen „Anamnesegrüppler" zurückgegriffen

werden, die im oben beschriebenen Sinne mehrjährig an Anamnesegruppenarbeit

teilnehmen. Es wäre vorsteilbar, daß die Mentorenfunktion solcher Gruppen

von Studenten aus Anamnesegruppen übernommen wird. Denkbar wäre auch,

daß Anamnesegrüppler themenbezogene Arbeitsgruppen bilden und in einem interdisziplinären

Sinne bestimmte Problembereiche bearbeiten und gleichzeitig ihre

Sozialisation reflektieren, Der Vorteil eines solchen Vorgehens (vergl. Schüffei,

Köllner, Falk, 1999) wäre, daß wir auf diese Weise in unserem Kulturbereich Gewachsenes

heranzögen, das wir mit wichtigen Reformansätzen des Auslandes verbinden

könnten. Hierdurch ergäbe sich die Möglichkeit zu einer wesentlich höheren

Flexibilität für dringend benötigte Experimente im Bereich der medizinischen Ausbildung.

Anamnesegruppen würden aktiv an der Reform des Gesundheitswesens

teilnehmen und damit der Aufforderung nachkommen, diese Gesundheitsreform

nicht als ökonomische sondern als kulturelle Aufgabe zu sehen.

Von Tillmann Jacobi, Berlin

Die Angst vor dem ersten Satz

Mann, jetzt sitze ich hier, der Patient ist auf dem Weg hierher und alle sind ganz

nervös. Wir kennen uns ja kaum und jetzt soll ich ein gutes Interview machen, während

alle anderen nur zuschauen. Das ist das erste Mal, daß ich auf so eine Art mit

einem Kranken zu tun habe. Und dabei kann ich ja noch gar nichts. Womöglich erzählt

dieser Patient von irgendeiner Krankheit oder Untersuchungen, von denen ich

noch nie etwas gehört habe. Wie peinlich wäre das, ich habe ja wenigstens noch

zuhause einen Zettel gemacht mit den wichtigsten Fragen, die ich auf jeden Fall

stellen muß oder will, Doch jetzt kommt mir der Zettel wie ein Fremdkörper vor und

viel zu groß. Soll ich eigentlich mitschreiben, wenn mir der Patient etwas erzählt?

Ich werde mir doch unmöglich alles merken können. Hmm, aber das stört wieder

den Kontakt, oder?

?s

Literatur:

- Petzold E.R., S. Altmeyer: Balintarbeit im Krankenhaus, Krankenhausarzt 69,

5, 220-227, 1996

- Schüffei W. (Hrsg.): Sprechen mit Kranken: Erfahrungen studentischer Anamnesegruppen:

Urban & Schwarzenberg, München 1983

- Schüffei W., H. Pauli: Ausbildung zum Arzt; in: Th. von Uexküll (Hrsg.): Psychosomatische

Medizin, 5. Aufl., Urban & Schwarzenberg, München 1996

- Schüffei W., U. Egle, Ae. Schneider: Studenten sprechen mit Kranken. Anamnesegruppen

als Ausbildungsform. MMW 39: 845-848, 1983

, Schüffei, W., V. Köllner, C. Falk (Hrsg.): Wege der Anamnesegruppen: Praxis

und Theorie; voraus. Erscheinung Frühjahr 1999

Hoffentlich ist er oder sie nicht zu schlimm krank oder gar entstellt. Ich glaube, das

würde mich durcheinanderbringen. Ich wüßte dann gar nicht, was ich zuerst sagen

sollte. Überhaupt, wie mache ich eigentlich den Anfang? Sage ich meinen Namen?

Vorname und/oder Nachname? Klingt das nicht zu formal? Schließlich bin ich bloß

Student. Und dann?

„Guten Abend, vielen Dank, daß Sie da sind. Wie geht es Ihnen?". Ist vielleicht eine

Spur zu verbindlich. „Hallo, können Sie mir erklären, warum Sie hier sind 7 ". Öh je,

das klingt wie ein Vorwurf. Also: „Erzählen Sie mal, was Sie ins Krankenhaus gebracht

hat", Das wäre ja fast wie ein Gespräch auf der Parkbank: erzählen Sie mal.

Und wenn es ein Spaßvogel ist, würde er womöglich antworten: „ein Krankenwagen".

Na, ja.

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