POM 15

uniklinikum.regensburg.de

POM 15

Kein Platz für Aggression?

Von Tillmann Jacobi, Berlin

Kein Platz für Aggression?

»

Atmosphäre einstellen können. Wenn dies nicht schnell genug gelingt, dann wächst

die Chance erheblich, daß es zu Verstimmungen und Konflikten kommt, Die Probleme,

die also möglichst früh überwunden werden müssen, betreffen vor allem vier

Aspekte. Diese können benannt werden mit: dem Problem der Identität, dem der

Bedürfnisse, dem Problem der Macht und dem der Intimität.

ts

Eigentlich könnten Anamnesegruppen völlig entspannt laufen, denn sie sind

zwanglos, freiwillig, studentisch, ohne Prüfungsdruck usw. Dennoch gibt es auch

hier nicht nur Harmonie und ständig gute Laune, was natürlich seine wichtigen und

guten Seiten hat, aber manchmal die gemeinsame Arbeit empfindlich stören kann.

Von daher ist es wichtig, von den Auseinandersetzungen die Quellen und möglichen

Hintergründe zu kennen und zu erkennen. Dann ist ihre Kraft eher nutzbar für

spannende, interessante Gruppentreffen.

Dieser Artikel will und kann nicht all die verschiedenen Möglichkeiten aufzählen,

wodurch Spannungen in einer Gruppe entstehen oder gar vollständig erklärbar

werden. Jedoch sollen hier ein paar der wesentlichen inneren und äußeren Einflüsse

zusammengefaßt und einige Entgegnungsmöglichkeiten beschrieben werden.

Zunächst ein wenig „theoretischen" Hintergrund, der stark vereinfacht allgemeine

Gruppenprobleme darstellt. Wer das nicht will oder braucht, möge bitte diesen Abschnitt

überspringen und direkt bei „Wer auf wen?" einsteigen.

Gruppe und Individuum

Eine Gruppe, die neu zusammenkommt, hat anfangs vor allem damit zu tun, in einigen

wesentlichen Bereichen ein Arrangement oder einen Kompromiß für die Beteiligten

einzurichten. Dies gilt praktisch für alle möglichen Formen von Gruppen, sei

es ein Sportlerteam» eine Lerngruppe, ein Verein, eine Selbsthilfegruppe, eine Skatrunde,

oder eine Arbeitsgemeinschaft. Diese Dynamik ist sozusagen alltäglich, also

nicht irgendwie spezifisch für Anamnesegruppen. Auch hier soll sich möglichst bald

ein Gemeinschaftsgefühl und eine dazu noch angenehme oder auch produktive

Bei jedem der Anwesenden läuft in den ersten Minuten oder den ersten Begegnungen

eine Reihe verschiedener Fragen ab:

• „Wer oder was kann/darf/soll ich in der Gruppe sein?" (Identität),

• „Was sind die Ziele der Gruppe, und sind das denn auch meine eigenen?" (Bedürfnis),

• „Wer beansprucht Lenker- oder Führungsrollen? Wer hat definierte oder unausgesprochene

Autorität? Akzeptiere ich das, oder will ich selbst mehr beeinflussen?"

(Macht),

• „Wie offen kann ich sein, was darf ich von mir persönlich preisgeben? Kann ich

den anderen vertrauen, oder muß ich mich verstellen?" (Intimität).

(Quelle: s.u.")

Wenn ein bestimmtes Gleichgewicht hergestellt ist, dann läuft das System häufig

mit nur geringen Veränderungen über längere Zeit hinweg. Die Kommunikation reduziert

sich womöglich teilweise nur noch auf Gesten, die durch die Hierarchie gesteuert

sind. Ein Problem ist dann häufig, wenn jemand Neues in diese Gemeinschaft

integriert werden soll und möglicherweise die gewohnte Struktur in Frage

stellt. Der Prozeß der Fragen beginnt also eventuell von neuem. Dabei zeigte sich,

daß oft das „Konservative" - zunächst - die Oberhand behält („Wer später kommt

hat unrecht"). Schließlich hat man sich recht aufwendig die Dinge und das Gruppenverhalten

so arrangiert, wie es nun (einigermaßen) praktikabel erscheint. Doch

die neuen Anstöße bleiben nicht völlig ohne Folgen, und früher oder später pendelt

sich ein neues Gleichgewicht ein. Dieser Punkt, das Aufnehmen von Neuen, ist in

den laufenden Anamnesegruppen innerhalb eines Semesters eher die Ausnahme,

56 57

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine