POM 15

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POM 15

Kein Platz für Aggression?

Mögliche Ursachen und Lösungsannäherungen

An Ursachen für Spannungen und Ärger in der Anamnesegruppe gibt es viele. Hier

werden jetzt nur zwei beschrieben, die aber recht zentral sind:

Unsicherheit: Bei allen Beteiligten vorhanden, denn wer ist schon fachlich und von

der Erfahrung her „gut genug"? Lauter fremde Leute in der Gruppe, ein echter Patient,

eine ungewohnte Situation, Erinnerung an Prüfung usw. Die Gruppe ist evtl.

verwirrt, da die Tutoren nicht so viel erklären wie gedacht, sie wirken damit womöglich

unheimlich und allzu beobachtend. Die Tutoren können z.B. eingeschüchtert

werden und ihrerseits streng reagieren bei sehr forsch auftretenden Teilnehmenden,

die viele Forderungen stellen. Oder durch welche, die die ersten Sitzungen

lang immer nur schweigen. Und natürlich, wenn die Gruppe bedrohlich schrumpft

und man den Fehler „natürlich" bei sich selbst sucht. Doch mit steigender Erfahrung

über mehrere Semester nimmt die Unsicherheit ab. Viele „Probleme" sind dann

nicht mehr dramatisch, die Möglichkeiten und Grenzen einer Gruppe werden besser

und schneller einschätzbar. Das ist sehr bedeutend, denn die Unsicherheit/ Verunsicherung

oder der Ärger hängt unter anderem zusammen mit den

Erwartungen: Diese sind zu Anfang meist recht unterschiedlich bei Tutoren und

Gruppe. Dadurch gibt es viel Potential für Enttäuschungen auf beiden Seiten. Manche

Teilnehmer bekommen schnell den Eindruck, daß dieser „Kurs" ihnen „nichts

bringen" kann, da nichts konkretes beigebracht wird. Die Tutoren ihrerseits hoffen

anfangs auf eine Gruppe, die sich dem Angebot voll öffnen möge und werden enttäuscht,

wenn sich das nicht erfüllt: einige Teilnehmer hören auf, andere bleiben,

aber fahren voll auf der klinischen Schiene. Die Einteilung der Grüpplinge in „örgano"

und „Psycho" durch die Tutoren hat sich zwar teilweise eingebürgert, ist allerdings

nicht nur schlimm vereinfachend, sondern auch geradezu verurteilend. Selbst

wenn etwas mehr „Psycho" in der Medizin wünschenswert sei - eine Anamnesegruppe

voller „Psychos" ist nicht nur unvollständig und einseitig, sondern auch einfach

auf Dauer unerträglich!

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POWttS

Sicherlich ist es nützlich, als Tutor regelmäßig neu über die einzelnen Teilnehmer

und ihre Motive für Anamnesegruppe nachzudenken, Damit kommt man dem Inhalt

der „black box" eventuell etwas mehr auf die Schliche. Dann ist auch besser zu entscheiden,

in welchen Punkten man die eigenen Bedürfnisse etwas zurückstellen

sollte, oder ab wann das zuviel wird, die Gruppe also die Tutoren erpreßt („wenn Ihr

das nicht so macht wie wir das wollen, dann kommen wir nicht mehr"). Schon allein

deswegen ist eine Supervision und ein Kontakt mit den anderen Tutoren sinnvoll

und notwendig. Oft zeigt sich dann, daß Abwarten die beste Vorgehensweise ist -

die Gruppe reguliert sich schon, was man natürlich behutsam unterstützen kann

und soll; z.B. wird auch ein schweigsamer Teilnehmer früher oder später aktiv werden,

es geht nicht darum, ihn dazu zu drängeln, sondern ihm den geeigneten Raum

dafür zu schaffen.

Bei akuten Aggressionen an einem Anamneseabend kann überlegt werden, z.B.

strukturell zu intervenieren (z.B. Redebegrenzung bei Vielrednern), oder den Interviewer

einmal für einige Minuten aus der Diskussion herauszunehmen, wenn er

unter starken Druck gerät. Das wirkt vielleicht ziemlich invasiv und autoritär, doch

kann es nach meiner Erfahrung ebenso wichtig wie nützlich sein - und erfolgreich.

Bedeutend ist jederzeit, den Einfluß des Patienten und der Krankheit auf die Gruppe

zu überdenken und zu problematisieren, notfalls auch mit etwas provozierenden

Kommentaren (hat sich der Patient hier nur mal auskotzen wollen?, was hat er hier

in die Gruppe gebracht oder bringen „müssen"?; warum reagiert gerade Ihr darauf

so heftig, wie mag es anderen Leuten gehen?). Es soll besser „laut" zugehen, als

gar nicht. Wenn sich keiner traut, den Stimmungen oder Launen Luft zu machen,

dann ist es dringend notwendig, etwas nachzuhelfen - denn sonst geht der Druck

wahrscheinlich früher oder später in falsche Richtung. Unter anderem deswegen

sind zwei Tutoren pro Gruppe sinnvoll: wenn der eine auch mal mitagieren kann,

achtet der andere mehr von außen auf die Dynamik und spiegelt sie zurück. Dadurch

entsteht die Möglichkeit, daß Anspannungen und Reaktionen nicht ausufern

und destruktiv werden müssen. Vielmehr können sie den einzelnen Teilnehmenden

selbst, afs auch die Gruppe als Team eher weiterbringen. Wenn diese Vorgehensweise

am Ende des Semesters nur eine Handvoll (oder noch weniger) Teilnehmende

überzeugt hat, dann ist ein großer Erfolg gelungen. Dann hat auch die Angst vor

der vermeintlichen „Aggression" einen Großteil ihres Schreckens verloren.

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