POM 15

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POM 15

Tutorenaufgaben

Schon in der Diskussion mit Kommilitonen wird häufig klar, daß Anamnesegruppen

als Teil einer Patientenorientierten Medizin die den allgemein akzeptierten Boden

einer hochtechnisierten Medizin mit einer fast ausschließlich naturwissenschaftlichen

Betrachtungsweise des Menschen verläßt, skeptisch bewertet wird. Auch

wenn seitens der Patienten häufig über eine „seelenlosen Medizin" geklagt wird ist

es unüblich in einer Anamnese den vorgedruckten Ablauf zu verlassen und über die

soziale Situation oder gar Emotionen zu sprechen ganz abgesehen davon, daß

trotz aller Beteuerung um die Bedeutung einer guten Anamnese während der Ausbildung,

im Klinikalltag das Patientengespräch keinen hohen Stellen- oder vielleicht

besser Ziffernwert besitzt. Auch in der Anamnesegruppenarbeit selbst ist es häufig

schwierig den vielleicht im U-Kurs angeeigneten Horizont zu erweitern und z.B. die

Bedeutung der eigenen Gefühle im Arzt - Patientengespräch zu erkennen was bei

der Skepsis gegenüber dem „Blitz" relativ häufig klar wird.

Für Unsicherheit sorgt auch die Art des Lernens, die nicht wie sonst im lehrbuchmäßigen

abhaken, sondern eher im Sammeln von Erfahrungen besteht. Dies kann

sowohl die erste Anamnese eines Teilnehmenden sein, als auch das Gefühl von

Verantwortung beim Leiten einer Gruppe, dabei gibt es nur bedingt Techniken, die

relativ leicht zu erlernen sind wie z. B. das Stellen von offenen Fragen oder das Zurückgeben

von an die Tutoren adressierte Fragen in die Runde.'Vor allem vollzieht

sich jedoch ein Prozeß von vielen Einzelerfahrungen abhängig von dem was sich

durch die Anamnesegespräche ergibt bzw. was die Gruppe daraus macht, in dessen

Verlauf Teilnehmer wie Tutoren das Rüstzeug bekommen mit neuen Anforderungen

besser umgehen zu können.

Dieser Prozeß hat letztlich kein Ende; allerdings stehen Studenten im Vergleich

zum erfahrenen Arzt noch am Anfang dieses Prozesses in dessen Verlauf sich die

Klarheit bezüglich der Motivation und des Handelns erst entwickelt.

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Klarer, aber nicht weniger schwer herauszuarbeiten ist ein anderes Motiv für ein

Tutorenengagement beziehungsweise grundsätzlich für den Einsatz in den sogenannten

helfenden Berufen. Das Thema Macht, um das es auch beim Marburger

Maitreffen 1997 ging ist aus verschiedenen Gründen schwierig anzugehen. Da ist

zum einen natürlich die überwiegend negative Besetzung des Begriffs, was ein

Brainstorming zu der Frage „was assoziierst Du mit Macht" schnell zeigte. Zum anderen

spielt der Machtfaktor aber auch in jeder zwischenmenschlichen Auseinandersetzung

eine Rolle, was bei den Diskussionen in den Gruppen über dieses

Thema sich z. t. ungewollt anschaulich bestätigte.

In der Anamnesegruppe wird dieses Thema manchmal angesprochen, wenn es um

die Beziehungsebene zwischen Patient und Anamneseführenden geht. Im Nachgespräch

spielt es bisweilen eine Rolle wenn eine Diskussion nicht mehr dem Austausch

von Argumenten sondern dem Aufpfropfen von eigenen Überzeugungen

dient und damit destruktiv und unbefriedigend für die Beteiligten wird. Unter den

Tutoren oder zwischen Tutoren und Gruppe kann es natürlich ebenfalls zu Machtkämpfen

kommen, so z.B. bei der stets frustrierenden Erfahrung, daß die Teilnehmer

genau um das Thema einen großen Bogen machen, das von Tutorenseite immer

wieder versucht wird anzusprechen. Auch in der Zusammenarbeit unter den

Tutoren kann es zu Konkurrenzsituationen kommen, beispielsweise wenn von eine

Seite versucht ein Konzept durchzuziehen oder bei den Teilnehmern um Zustimmung

für die eigene. Linie geworben wird, anstatt sich mit dem /der Cotutor(in) zu

verständigen. Wie eingangs bereits erwähnt sind solche Vorgänge natürlich auch

auf andere Bereiche menschlicher Zusammenarbeit, z. B. die Zusammenarbeit auf

Station, übertragbar.

Zumindest in Berlin und Österreich gibt es auch den finanziellen Anreiz eine Tutorenstelle

zu übernehmen, was nicht zuletzt auch die Frage nach der Qualifikation

aufwirft. In Berlin gab es diesbezüglich eine Diskussion, ob eine Art Kriterienkatalog

für zukünftige Tuloren eingeführt werden soll, was hinsichtlich einer Qualitätssicherung

von einem Teil der Tutoren gewünscht wurde. Andererseits gab es Bedenken

angesichts des Mangels an Tutoren und Tutorentrainings solche Hindernisse Leu-

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