POM 15

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POM 15

Die Kunst der Unterlassung

üblichen „Vorbild" im Studium und soll deswegen vor allem rein fachlich etwas bieten

können. Damit geraten dann die Tutoren unter Druck, in einen selbst verursachten

Zwang zu „lehren" oder, schlimmer: zu unterhalten. Die Teilnehmer können

sich wie sonst gewohnt zurücklehnen und erwarten, passiv-konsumierend zu „lernen".

Unter diesen Umständen kann die ursprüngliche Aufgabe und Funktion der

Anamnesegruppe kaum mehr erreicht und erfüllt werden.

Von Tillmann Jacobi, Berlin

Der Patient in der Anamnesegruppe:

Das „einmalige Objekt"

Wie erwähnt, ist der Einfluß von den Tutoren auf die Grüpplinge mit Argumenten

(also auch „Forderungen"; „jetzt begreift doch endlich mal, wie wichtig das ist!") eher

gering. Es geht somit vor allem darum, nicht zu stören, was aus den Teilnehmenden

selbst zu entwickein ist, es kommt darauf an, dieses ungeahnte und ungewohnte

Potential innerhalb der Gruppe den einzelnen Teilnehmenden selbst und

damit der Gruppe insgesamt nahezubringen. Durch zuviel Aktion, Vorgaben oder

etwa Bewertungen von Seiten der-Tutoren würde diese Chance des Lernens und

Erfahrens vermindert, wenn nicht gar unterbunden. Das Unterlassen von Unnötigem

und Vorschnellen also ist schätzungsweise eines der wichtigsten und bedeutendsten

Ziele als Tutor, aber auch eine seiner schwierigsten und tatsächlich anspruchsvollsten

Aufgaben.

Manchmal beschweren sich die Teilnehmer aus der Anamnesegruppe, daß der Patient

oder die Patient nur „benutzt" werde und der Kontrast so groß sei zwischen

dem, was wir als Gruppe bekommen und dem, was wir geben bzw. nicht geben

können. Diese Unruhe hat dazu geführt, daß in manchen Städten zusätzliche Aktivitäten

eingerichtet wurden, z.B. ein Patientenfragebogen, den der/diejenige nach

dem Interview in Ruhe ausfüllen und in einem Nachgespräch mit den Tutoren am

nächsten Tag ein weiteres Feed-Back geben konnte - oder auch Kritik loswerden

(siehe Homburg/Saar, Bericht im POM Nr. 14). Und wenn ich mich recht erinnere,

dann wurde anderswo sogar ein Patient einige Wochen später ein weiteres Mal in

die Gruppe eingeladen - kurz vor seiner Entlassung, um zu erfahren, was in der

Zwischenzeit geschehen war (die Stadt ist mir leider gerade nicht bekannt). Aber

wieviel Verantwortung muß sein?

In den meisten Fällen verhält es sich wohl so, daß ein Patient praktisch nichts von

einer Anamnesegruppe erwartet, keine Therapie und keine Hilfe, vielleicht noch

nicht einmal besondere Fürsorge. Die (Abend-) Veranstaltung könnte eine Abwechslung

sein zu dem monotonen, dumpfen Krankenhausalltag, und Studenten

hilft man gerne. In den kurzen Gesprächen auf dem Rückweg vom Anamnesegruppenraum

zur Station ist häufig eine gewisse Verwunderung des Patienten über die

Veranstaltung zu spüren. Es wird durchaus bemerkt, daß der Parameter Zeit an

diesem Abend ein anderer ist als im üblichen Medizinbetrieb, und daß die Aufmerksamkeit

beim Zuhören einen besonderen Stellenwert hat. Möglicherweise sind aber

auch gerade die Patienten, die - freiwillig wohlgemerkt - einer Veranstaltung für

Studenten zustimmen, gerade dafür offen und empfänglich. Natürlich kann die Art

ihrer jeweiligen Krankheit eine wichtige Rolle spielen; ohne besondere Absicht oder

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