POM 15

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Noch Fragen?

Fragen ermöglichen es, Information zielgerichtet und rasch zu sammeln. Dabei ist

allerdings für jede Frage ein gewisses Vorwissen Voraussetzung. Jeder Frage geht

ein Gedanke voraus, eine Vermutung und/oder Vorstellung darüber, wie die Antwort

lauten könnte. Man fragt nach etwas. Dadurch nimmt jede Frage die Antwort bis zu

einem gewissen Grad vorweg, wenn auch unterschiedlich ausgeprägt. Daraus folgt

zum einen, daß Fragen begrenzen. Die Zahl der anschließend möglichen Mitteilungen

wird damit endlich. Teils durch gerichtetes Antworten wird der Antwortende,

teils durch gerichtetes Zuhören wird der Fragende in seinen Kommunikationsmöglichkeiten,

wenn nicht sogar in seiner Kommunikationspotenz, eingeschränkt. Mit

Einschränkung der Kommunikationsmöglichkeit meine ich die Festlegung der direkten

Inhaltsebene des Austausches durch den fragenden Zuhörer. Mit Einschränkung

der Kommunikationspotenz meine ich die Festlegung der Form des Austausches.

Aus meiner Sicht gibt es keine offenen Fragen, lediglich offenere.

Zum anderen sind Fragen so gesehen mindestens so aufschlußreich über den Fragenden,

wie Antworten über den Beantworter, Vielleicht sind sie sogar zuverlässiger

aufschlußreich, denn schließlich ist es mit einer Frage zu „lügen" ungleich

schwieriger, als mit einer Antwort.

Die eben erwähnte Beschränkung durch die Frage ist dabei mehr als erwünscht.

Sie ist der Faktor, durch den die Beschleunigung des Informationsflusses bewerkstelligt

werden könnte. Das ist es jedenfalls, was sich ein Arzt in der Notaufnahme

oder auf Station verspricht. Wer fragt, der möchte vor allem schnell wissen bzw,

bestätigt werden. Da sich aber die Erfahrungshorizonte des Fragenden und des

Antwortenden in den seltensten Fällen decken, wird eine Beschleunigung letztlich

oft verhindert. Ich stelle mir das so vor, das der Fragende in eine Richtung versteht,

der Antwortende aber in eine andere. Bis sich alle Richtungen und nach einer Frage

v.a. auch alle Richtungsmißverständnisse ebenso aus dem Gesamtbild des Patienten

heraus erklären und also ihren Platz gefunden haben, hat man den begehrten

Zeitvorsprung längst verloren.

Bei einem Arzt hatte ich Gelegenheit Anamnesen zu hören, in denen seitens des

Arztes nicht eine einzige Frage gestellt wurde. Er hörte heraus und erreichte durch

sein Verständnis einen hohen Grad an Diskretion und Vertrauenswürdigkeit, was

die Patienten wiederum mit direkteren Mitteilungen quittierten.

Zugespitzt könnte ich also zusammenfassend sagen: fragend erfährt man das, was

man sowieso schon weiß.

Ich meine die Form Frage-Antwort ist eine minimalisierte Form von Dialog und zwar

sowohl mit anderen Menschen, als auch mit sich selbst oder der Welt. Sie legt einen

auf das Schritt-für-Schritt-Denken fest, beschränkt also auch das Zeit- und Logikmuster

der Gedanken. Zudem erscheint mir die Gefahr, die Inhaltsebene überzubewerten

bei keiner anderen Dialogform so selbstverständlich („ich habe sie/ihn

doch extra gefragt und er/sie hat darauf doch geantwortet...!"). Wie wenig aber die

Fragen zu den jeweiligen Antworten passen und umgekehrt, wird nur in Ausnahmefällen

unmittelbar offensichtlich und deshalb meist gar nicht bemerkt.

Ich möchte an dieser Stelle noch einmal auf die Fragen an die Welt zurückkommen

und zwar im Rahmen des Beispiels Studium.

Fragen verschwinden meiner Erfahrung nach unter Bergen von unbeantworteten,

liegengebliebenen Fragen. Das gilt auch für Fragen, die einem von anderen gestellt

wurden. Sie können die eigenen verschütten. Ebenso verschwinden sie unter Bergen

von Antworten auf ungestellte Fragen. Irgendwann hat man vor lauter Antworten

keine Fragen mehr.

Wer Fragen hat und nicht bloß stellt, der hatte Zeit. Fragen sind die Früchte der

Gedankenbäume. Ohne Integration, Wachstum und Reifung läßt sich viel Wissen

wälzen ohne, daß das weite Feld der Medizin weiter urbar gemacht, vom Rande

aus zunehmend aufgepflügt wird. Und an einem neuen Ort mitten drin in einem

weiten Feld, wie die Medizin, läßt mich auch keine Frage beginnen zu pflügen, sondern

Erfahrungen. Bestenfalls, also nur dann, wenn ich die Frage angehe, führt sie

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