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Anthropologische Aspekte der Sorge und Fürsorge

beschaffen sind, greifen wir im folgenden auf diesbezügliche philosophische Modelle

und Überlegungen von Hegel, Heidegger, Sartre und anderen zurück.

Ais erstes und gewichtiges Merkmal eines Menschen, das von Heidegger in Sein

und Zeit (1927} als Existenzial - als wesentliches Merkmal des Menschen überhaupt

- beschrieben wurde, kann das weltoffene "Existieren", das "tn-der-Welt-Sein"

bezeichnet werden. Alles, was die Welt zu bieten hat, Materielles, Natürliches, Geistiges,

die Mitmenschen, Kulturelles etc., kann von uns Menschen erkannt, verstanden,

begriffen, erfaßt, gebraucht usf. werden.

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Geist macht die exponierte Stellung des Menschen im Kosmos aus, er bewirkt des

Menschen "existentielle Entbundenheit vom Organischen, seine Freiheit, Ablösbarkeit

- oder doch die seines Daseinszentrums - von dem Bann, von dem Druck, von

der Abhängigkeit vom Organischen, vom 'Leben'" (Scheler). Gleichzeitig läßt uns

diese Entbundenheit erst in eine Situation geraten, in der wir unsere Beziehungen

zum Organischen und zum ganzen Kosmos zwar freier als die Tiere gestalten können,

dafür aber auch Verantwortung übernehmen und Konsequenzen ziehen müssen.

Immer schon begegnet uns Menschen Welt, Der erste Atemzug, der erste Blick, der

erste Schritt - das Individuum atmet, erblickt, betritt eine Welt, "in" der es existiert.

Menschliches Sein oder "Dasein" bedeutet ganz wesentlich "In-der-Welt-Sein". Anders

als das Tier zeichnet uns Menschen eine sogenannte "Weltoffenheit" aus. Das

bedeutet, daß wir nicht nur in einer streng definierten "Umwelt" leben, sondern potentiell

das ganze Universum begreifen und zu unserem Lebensraum erklären können.

Als Individuum ist der Mensch Ganzes, als Dasein, das in der Welt lebt, ist der

Mensch Teil; er nimmt eine "Stellung im Kosmos" (Max Scheler) ein. Aufgrund dieser

"Teir-habe am und dieser Stellung zum Kosmos muß der Mensch über sich

selbst hinaus fragen, um sich im Verhältnis zum Ganzen in seiner wahren Proportion

zu erkennen. Die Beziehungen zu diesem Ganzen sind nicht - wie beim Tier -

festgelegt, sondern können mehr oder minder frei gestaltet werden.

Im Gegensatz zu belebter und unbelebter Natur und zur gesamten übrigen Welt

haftet dem Menschen ein "Hiatus" an, der es ihm überhaupt erst ermöglicht, über

sich hinaus zu fragen und sich zu sich und zur Welt in Bezug zu setzen, Dieses

Vermögen, zu reflektieren, ein Bewußtsein auszubilden, einen Standpunkt einzunehmen,

intentional zu sein, sich frei zu setzen, sich und der Welt Sinn und Bedeutung

zu verleihen und diese als Symbol oder Sprache auszudrücken, wird gemeinhin

als Geist bezeichnet.

Anders als das Tier, das in einer "Umwelt" lebt, existiert der Mensch aufgrund seiner

geistigen Fähigkeiten in einer "Welt". Als geistiges Wesen ist er dauernd zur

Welt hin geöffnet, "weltoffen' 1 , Als Träger des "personalen Geistes" wächst der

Mensch in eine Welt, in einen Raum des "objektiven" und des "objektivierten Geistes"

(Hartmann) hinein. Diese geistige oder auch "gelichtete" Welt (Heidegger), an

deren Gestaltung Generationen von Menschen beteiligt waren, wird als "kulturelle"

Welt der natürlichen Welt entgegengesetzt. Ohne menschliche Existenz mangelte

es an "Lichtung", es gäbe keine "gelichtete", erkannte oder sinnhafte Welt, Das

Auftauchen des Menschen im Kosmos bedeutete das Ende der Weltnacht.

Das "In-der-Welt-Sein" des Menschen bedeutet auch, daß jeder Einzelne in einem

spezifischen Raum lebt, und zwar fundamental unterschieden von der Statik oder

Dynamik eines Gegenstandes im Raum. Für alle nicht-menschlichen Objekte gelten

lediglich die Gesetze der Geometrie, für den Menschen gibt es außerdem den ganz

eigenen, subjektiven Raum.

So konstituiert sich je nach Gestimmtheit, Offenheit, Expansivität, Mut, Wachheit,

Vorwissen und Bildung des Betreffenden - für jeden Menschen neu und andauernd

wechselnd - der Raum um ihn als ein subjektiver und "hodologischer" (K.Lewin).

Der Raum unterscheidet sich in seiner Weite und Fülle von Individuum zu Individuum,

aber auch - bezogen auf ein Individuum - von Tag zu Tag. Bisweilen verändert

dieser individuelle Raum seine Dimensionen auch schlagartig, beispielsweise, wenn

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