POM 15

uniklinikum.regensburg.de

POM 15

Anthropologische Aspekte der Sorge und Fürsorge

Schmerz die Aufmerksamkeit und Expansivität eines Menschen auf die Ausmaße

seiner kleinen Zehe schrumpfen läßt.

Anaiog zum Raum lebt jeder Mensch auch in seiner sehr eigenen "hodologischen"

Zeit. Dies mag zunächst befremdlich klingen, denn wir sind gewohnt, den öffentlichen

und intersubjektiven Charakter zu Zeit zu betonen. Sie ist als eine Summe von

Jetzt-Punkten datierbar, für jeden Menschen mit einigermaßen gutem Willen die

gleiche oder zumindest vergleichbar, ein öffentliches "Hab und Gut", auf das "man"

sich geeinigt hat und zu dem in Relation zu leben wir gewohnt sind.

Die Zeit ist auf den Menschen bezogen, sie stellt ein Phänomen dar, das erst mit

dem Menschen in die Welt kam.und das nur er mißt und erkennt. Gleichzeitig

mischt sich jedoch die Zeit in alle Verhältnisse des Menschen zur Welt und haftet

dann auch an leblosen, materiellen Dingen.

Die Zeit jedoch, die jeder von uns "hat" und die wir auf ganz eigene Art erleben, definieren

und füllen, unterscheidet sich merklich von der öffentlichen und gemessenen

Zeit. Die Zeit liegt nicht wie ein Gegenstand vor uns. Kein Ding und auch kein

außerhalb unserer Person ablaufender Prozeß, in den wir ein- oder aussteigen

könnten, ist also die Zeit, Sie ist vielmehr die Art und Weise, wie wir unser Dasein

"zeitigen" und leben - und damit sind wir selbst unsere ganz individuelle, unvergleichliche,

"hodologische" Zeit. Diese erleben wir nicht als eine Aneinanderreihung

von Jetzt-Punkten, sondern vielmehr als Spanne oder Dauer, als träge dahinfließende

oder uns davonlaufende Zeit, als lange zurückliegend oder auch als weit in

die Zukunft reichend.

Die Zukunft ist die zeitliche Dimension, die dem Menschen Freiheit, Entwicklung,

Veränderung, Metamorphose und Glück verheißt. Wer seinen eigenen Entwurf wagt

und gestaltet, wer seine persönliche und kollektive Geschichte kennt und wer seine

Zukunft als Raum der Entwicklung, der Metamorphose und - wie Rilke es ausdrückte

- des "drängenden Auftrags nach Verwandlung" begreift, scheint sich am

— pon t s

ehesten dem anzunähern, was wir im weiteren Verlauf noch als "Sorge um uns

selbst" bezeichnen werden.

Ähnlichen Einfluß auf das In-der-Welt-Sein des Individuums wie seine Räumlichkeit

und seine Zeitlichkeit nimmt seine Stimmung respektive seine Befindlichkeit- Jeder

von uns erwacht morgens mit einer je eigenen Stimmung, die von vielerlei Faktoren,

von Träumen, Erwartungen, Erlebnissen, Begegnungen usf. geprägt und beeinflußt

wird. Unsere Befindlichkeit, die sich aus vielen derartigen momentanen Stimmungen

und darüber hinaus aus Gewesenem, aus Charakter und Biographie zusammensetzt,

zieht sich oftmals wie ein immer wiederkehrendes Motiv oder Thema

durch einen Tag, eine Woche, ein Jahr oder auch ein ganzes Leben. Wie der

Schußfaden in ein Gewebe, so ist die jeweilige Stimmung in den Ablauf unserer

Existenz verwoben und bestimmt maßgeblich deren Muster, Tönung und Farben.

Manche Stimmungen, etwa die Hoffnung, die Zuversicht, der Humor oder die Liebe,

ermöglichen einen umfassenden und reichen Weltkontakt. Sie weiten das In-der-

Welt-Sein des Menschen und bewirken, daß er sich den anderen gegenüber überhaupt

fürsorgend einstellen kann. Ärger, Angst, Melancholie, Wut, Haß oder Langeweile,

die man auch als Verstimmungen bezeichnen kann, reduzieren die Intensität

des Weltkontakts und treiben das Individuum in den Schmollwinkel der Einsamkeit,

des Rückzugs und des Verstummens. Solche Verstimmungen oder Affekte

gehen oft jahrelang (psycho-J somalischen Erkrankungen voraus oder mit ihnen

einher. Sie müssen daher als weit in körperliche Sphären hinein wirkende, pathogenetische

Faktoren ersten Ranges verstanden werden.

Stimmungen auch sind verantwortlich dafür, ob und wie wir uns zur Welt hingezogen

fühlen, besonders zum interessantesten "Objekt", dem der Mensch in seinem

In-der-Welt-Sein begegnet: zum Anderen, zum Mitmenschen. Im mitmenschlichen

Nexus, im Kontakt zur Sozietät erst wird der Mensch zum Menschen, reift unsere

Existenz zu einer humanen, zu einer kooperativen und kommunikativen Daseinsform.

Die einzelne Person gibt es nur im Kontakt mit anderen Personen. Der biologische,

soziale, sprachliche, kulturelle Nexus, der von anderen Personen "ver-

100 101