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Anthropologische Aspekte der Sorge und Fürsorge

körpert", gestaltet und getragen wird, ermöglicht erst die Ausbildung, Prägung und

Fixierung von Person-Kernen sowie die Entwicklung und Weitung der Person. Ohne

die Existenz personaler Anderer, ohne Das dialogische Prinzip (M.Buber) eines Du

gäbe es kein Ich. Das Individuum findet sich je schon in der Rolle des Mitmenschen

- oder es findet sich nicht! Nur schwerlich können wir für uns die Rolle des Mitmenschen

ausschlagen oder leugnen, da wir ja jede unserer menschlichen Leistungen

und sogar unsere organische Existenz anderen zu verdanken haben, in deren

Kontext wir hineingeboren wurden und mit deren Muster wir verwoben sind.

Den anderen als Mitmenschen, als Meinesgleichen, die Welt als Mitwelt zu erleben,

ist ein ursprünglicher Akt. in ein Wir, in eine Gemeinschaft, in einen Kommunikationszusammenhang

werden wir hineingeboren, und nur mit Hilfe dieses Zusammenhangs

glückt unsere Individuation.

Nur die belebte Natur kennt das Phänomen des Fremden. Unbelebtes kann sich

nicht von anderem Unbelebten unterscheiden, keinem Stein gelingt die Abgrenzung

zum Nachbarstein oder zum Regentropfen, der ihn trifft. Einzeller hingegen vermögen

bereits zwischen "eigen" und "fremd" zu differenzieren und sind in der Lage,

adäquat und aktiv darauf zu reagieren.

Auch der Mensch verfügt über diese Fähigkeit, Eigenes von Fremden zu differenzieren,

das andere und den anderen in Gegensatz zum Selbst zu setzen. Sartre

beschreibt diesen Prozeß als "Nichtung": Das andere, die Welt, die Natur, die Dinge,

die Mitmenschen sind das "Nicht-Ich". Im menschlichen Immunsystem findet

diese ontologische Tatsache ihre biologische Antwort und Ausgestaltung.

Im Unterschied nun zur Natur, zu den Dingen und Sachen sind die anderen Menschen

dadurch ausgezeichnet, daß sie von derselben Seinsart, in derselben Weise

da sind wie ich selbst. Unbeschadet dessen, daß sie andere sind, sind sie doch

Meinesgleichen. Dies ist auch der Grund dafür, von einem "Verhältnis" im eigentlichen

Sinne des Wortes in Bezug von einem Menschen zu einem anderen Menschen

sprechen zu können. Nur im zwischenmenschlichen Bereich ist ein gegenseitiges

"Verhalten" auf gleichem Form- und Gestaltniveau möglich. Sorge um sich

und Fürsorge um den anderen sind daher im Bereich des menschlichen Daseins

anders geartet wie beispielsweise die "Sorge um die Natur".

Im Verhältnis zu anderen Menschen begegnet mir der andere als Subjekt und als

Objekt, als Mittelpunkt seiner Welt, an deren Peripherie ich angesiedelt werde, und

als "Gegenstand" an der Peripherie meiner Welt, deren Mittelpunkt ich bin. Als "alter

ego" verbindet mich mit dem anderen eine basale Vertrautheit - er ist "meinesgleichen".

Als Zentrum seiner Welt, seiner Freiheit bleibt mir der andere immer letztlich

unerreichbar und fremd - nie wird er "wie ich" sein, und nie werde ich seine Welt mit

seinen Augen sehen und erleben können. Vertrautheit und Fremdheit, Symbiose

und Einsamkeit sind die Pole, zwischen die das Verhältnis der Menschen zueinander

gespannt ist.

Sehr erhellend hat bereits Hegel dieses Verhältnis der Menschen untereinander

beschrieben. In seinem Buch Phanomenologie des Geistes (1806/07) gibt es ein

seit jeher viel beachtetes Kapitel mit dem Titel "Herr und Knecht". Hegel sagt darin,

daß bei der Begegnung zweier "Selbstbewußtseine" immer ein Kampf um die

Überlegenheit stattfindet. Wenn Menschen einander begegnen, stellt sich immer die

Frage, wer Herr und wer Knecht sein soll. Mit anderen Worten: Jedes Selbstbewußtsein

will sich selbst als Subjekt definieren; um das zu ermöglichen, soll der andere

oder müssen die anderen Objekte sein. In allen geschichtlichen und sozialen

Situationen erkennt Hegel das untergründige Ringen der Menschen um Überlegenheit.

Zum Herrn wird jener, der die Macht und Unabhängigkeit höher ansetzt als das

Leben. Der Knecht jedoch "wählt" das Überleben um jeden Preis, und das führt ihn

in ein Sklavendasein. Aber Hegel weiß auch schon, daß kein Mensch die Unterjochung

leicht erträgt. Daher träumt der Sklave immer von Herrschaft, und wenn es

die Verhältnisse erlauben, revoltiert er und entmachtet seine Unterdrücker. Man

sieht, daß in Hegel sein Fortsetzer und Widersacher Marx bereits angelegt ist.

Aber Hegel ist nicht nur der Diagnostiker des ubiquitären Willens zur Macht in der

Menschengemeinschaft. Er beschreibt auch die Möglichkeit, daß die Selbstbe-

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