POM 15

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PGM l'S

wußtseine einander akzeptieren und sich solidarisieren. Da das menschliche Selbst

etwas sehr Fragiles ist, benötigt es dringend diese Unterstützung durch ein Du. Hegel

formuliert sogar: "Das Sein des Selbstbewußtseins liegt in der Anerkennung

durch ein anderes Selbstbewußtsein." Dieses Verhältnis nennen wir Achtung,

Wohlwollen oder gar Liebe. Nach Hegel gedeiht der Mensch nur in dieser Atmosphäre

der wechselseitigen Bejahung, und es macht das Glück und Unglück seines

Lebens aus, ob er derlei in ausreichendem Maße findet.

Das ist eine sehr moderne Erkenntnis, die z.B. durch die Tiefenpsychologie vielfach

bestätigt wird. Schon das Kleinkind benötigt für sein Wachsen und Werden die

schier uneingeschränkte mütterliche Zuwendung, die Anerkennung in höchstem

Maße ist. Später im Leben gelten ähnliche Bedingungen. Menschen, die nicht mehr

an Bejahung durch ein Du glauben, erkranken physisch oder psychisch und Können

auch einem Wahn anheimfallen.

Aber warum ist wechselseitige Bejahung im Menschenleben so schwierig und so

selten? Auch hier weiß Hegel bereits Bescheid. In seinem genannten Werk postuliert

er, daß auf "der Ebene der Begierde" jedes Selbstbewußtsein "auf den Tod des

anderen Selbstbewußtseins" auszugehen pflegt. Anders ausgedrückt: Wenn uns

Begierde und Angst antreiben, kommen wir erst zur Ruhe, wenn der Mitmensch

sich in eine Objektrolle fügt und uns "zur Verfügung steht". Gelingt es uns aber, ihm

liebend zu begegnen, dann wollen wir nicht die Auslöschung seiner Freiheit und

seines Bewußtseins. Wir können neben ihm frei sein und auch ihm die Freiheit

gönnen.

Sartre, der diese Ausführungen Hegels trefflich benützt, bringt diese Einsichten unter

in seiner berühmten Analyse des "Blicks". Er erörtert, was geschieht, wenn ein

Mensch allein in der Landschaft ist. Dann überblickt er nämlich alle Dinge und Gegebenheiten

und ist "souveränes Bewußtsein", Kreuzt aber ein Mitmensch auf, der

ihn auch anblickt, dann wird man auf die "Conditio humana" zurückgeworfen und ist

eben Subjekt und Objekt zugleich. Das erträgt man nur, wenn man eine gewisse

Stärke in sich fühlt. Je schwächer der Mensch ist, umso radikaler will er nur Subjekt

(und das heißt fast "gottähnlich 1 ') sein. In jedem Menschen steckt nach Sartre das

bewußte oder unbewußte Verlangen, Gott zu werden - und das ist nun einmal zum

Scheitern verurteilt.

Aber wiederum kann man korrigierend sagen, daß es auch die Möglichkeit des "liebenden

Blicks" gibt. Da wird nicht via Anschauen und Beobachten um Herrschaft

gekämpft, sondern man faßt den anderen ins Auge, um sein Wohl und seine Entwicklung

anzustreben. Nicolai Hartmann hat diesen Gesichtspunkt in seiner "Ethik"

(1926) lichtvoll erörtert. Die große Frage ist die, wie man die Menschen dazu anleitet,

mit einem liebenden Blick in die Welt zu schauen. Derlei fehlt uns an allen Ekken

und Enden.

Man sieht also, daß das Verhältnis Mensch und Mitmensch viel komplexer ist, als

man zunächst meint. Auch Martin Buber hat in verschiedenen Schriften ("Ich und

Du"; "Zwiesprache"; "Das Problem des Menschen") diese Problematik geistvoll diskutiert.

Er ist der Meinung, daß der Mensch nur insofern Mensch ist, als er ein "dialogisches

Leben" führt. Nur in der Zwiesprache wächst der Mensch zur Menschlichkeit

heran. Hört die Kommunikation auf, dann zerfällt das "Menschliche". Zwischen

Ich und Du wird demnach die Substanz des Menschendaseins konstelliert. Wären

wir dialogfähiger, dann könnten wir möglicherweise die Menschenwelt in Ordnung

bringen.

Man lehrt uns zu wenig hinsichtlich der Wichtigkeit dieses Anthropinons, d.h. des

Wesensmerkmals des Menschen. Wir wissen eventuell, wie wir uns ernähren und

physisch pflegen sollen; aber daß geordnete und gute menschliche Beziehungen so

unentbehrlich sind wie der Sauerstoff zum Atmen, wird uns nicht beigebracht. Deshalb

jagen wir äußeren Gütern nach und vernachlässigen die Beziehungswelt, die

die wahre Heimat des Menschen ist.

Gewiß ist hieran auch unser Gesellschaftssystem mit der dazugehörigen Ideologie

schuldig. Wir huldigen dem "Kampf aller gegen alle" und denken, daß trotzdem eine

soziale Harmonie Zustandekommen soll. Das ist wahrscheinlich ein schrecklicher

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