POM 15

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Anthropologische Aspekte der Sorge und Fürsorge

Irrtum. Soll jemals eine intakte Menschenwelt entstehen, dann müssen Kommunikation

und Kooperation der Leitstern jeglichen Handelns werden. Fast alle Utopien

zeichnen einen solchen Zustand, und wenn sie auch manchmal etwas verstiegen

anmuten, haben sie tendenziell recht, wenn sie diese Zielrichtung angeben.

Auch für die Selbstentfaltung brauchen wir immer den Mitmenschen als Helfer,

Partner und "Gefährten unserer Entwicklung". Manche Phänomenologen betonen

sogar, daß jedes Werden des Menschen ein "Mit-Werden" (E.Minkowski) ist. Nehme

ich nicht den anderen oder die anderen auf meinem Wege mit, dann sind meine

eigenen Bestrebungen zur Sterilität und zum Scheitern verurteilt. Fürwahr: Dasein

ist Mit-Sein, und das in einem Grade, wie es sich der Laienverstand kaum träumen

läßt.

Die Tatsache also, daß es andere gibt, kann von uns Menschen im Sinne des

Kampfes um Dominanz und Herrschaft über die anderen oder aber im Sinne der

Fürsorge um die anderen beantwortet werden. Letztere Haltung bedeutet, sich gegenseitig

im Prozeß der Selbstwerdung zu unterstützen, ohne dem anderen die

Last und die Bürde der Individuation abzunehmen. Eine solche Haltung ist eng mit

der Haltung der Sorge um sich selbst verknüpft; beide bedingen und steigern sich

gegenseitig. Was aber bedeuten diese beiden Begriffe nun vor dem Hintergrund

dessen, was bisher ausgeführt wurde?

Viel beachtet wurde Heideggers These, daß wir das Daseins des Menschen zunächst

und zumeist in der kümmerlichen Form des Man-selbst-Seins vorfinden. Der

Mensch lebt überall im Kollektiv; und die Gesellschaft sowie die Gemeinschaften

sozialisieren ihn so vollständig, daß er nur auf mühevollen Wegen zum Bewußtsein

seiner Individualität gelangt. Nach Heideggers elitärer Auffassung sind ein Großteil

der Menschen fast komplett eingeebnet und nivelliert. Sie denken, was man denkt;

sie fühlen, was man fühlt; sie handeln, wie man handelt; und sie verachten die

Masse, wie man als Massenmitglied die Masse zu verachten pflegt. Primär kann

niemand dem Schicksal des Man-selbst-Seins entrinnen.

Heidegger betont nachdrücklich, daß es unsere Aufgabe ist, ein eigentliches Selbst

zu werden. Wir müssen uns auf den Weg zur Entdeckung unseres Ich-selbst-Seins

begeben. Aber wie wird man Individualität im eigentlichen Sinne des Wortes?

Nach Heidegger bedarf es eines Aktes der Losreißung aus der Alltäglichkeit, wenn

man das Selbstsein anstrebt. Dazu sind die vorhin schon erwähnten Stimmungen

wesentlich. Stimmung wurde ja vorhin schon definiert als eine Form der Welterschließung

und des Weltkontakts. Merkwürdigerweise ist es nun die Grundstimmung

der Angst, die das Eingeschläfertsein in der Massenexistenz durchbricht und

uns zum Selbstsein aufruft. Denn die Angst ist ein "Schwindel der Freiheit", ein "Zurückweichen

des Seienden im Ganzen", ein "Hineingehaltensein in das Nichts". Wer

den Mut zur Angst hat, erfährt, daß er grundsätzlich ganz auf sich selbst gestellt ist.

In den fundamentalen Fragen des Daseins bleiben wir allein. Auch in der Selbstschöpfung

unserer Persönlichkeit können uns andere dies und das vermitteln, aber

wenn wir nicht selbst das Entscheidende tun, bleibt unsere Person oder unsere

Einmaligkeit "ungeboren".

Nur die zum Bewußtsein ihrer Eigenständigkeit und Eigentlichkeit erwachte Person

hat nach Heidegger eine authentische Seins-, Welt- und Lebenserfahrung. Wer mit

dem Kollektiv denkt, bewegt sich in Schablonen, Klisches, Vorurteilen und Banalitäten,

Er klammert auch die "Grenzsituationen" des Daseins aus, nämlich Angst,

Tod, Scheitern, Schuld, Einsamkeit und Authentizität.

Nur innerhalb dieses echten und eigentlichen Ich-selbst-Seins weisen wir Menschen

nach Heidegger das auf, was wir "Sorge" (um uns selbst) nennen. Dieser

Begriff meint nun nicht, daß der Mensch per se immer Sorgen hat - was zwar auch

nicht ganz falsch ist. Nach unserem Philosophen jedoch wird damit im Bereich der

"hodologischen Zeit" die Zukunftsorientierung des Daseins anvisiert. Der Mensch

lebt, wenn er sich um sich sorgt, weitgehend in der Dimension der Zukunft. Immer

ist er sich selbst voraus, existiert in Plänen, Entwürfen, Wünschen, Hoffnungen und

Befürchtungen. Menschsein heißt: Fast permanent mit einem Großteil der seelischen

Energien "zukünftig" zu sein.

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