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Anthropologische Aspekte der Sorge und Fürsorge

Heidegger legt den Akzent auf die Zukünftigkeit der Zeit. Denn nur aus der Zukunft,

die sich ein Mensch gibt oder entwirft, kann man seine Gegenwart und seine Vergangenheit

verstehen. Darin liegt auch ein Spielraum der Freiheit. Unsere Vergangenheit

ist abgetan und festgelegt; sie determiniert auch in hohem Maße unsere

Gegenwart. Aber da der Mensch für die Zukunft offen ist, kann er durch mehr oder

minder "freie Entwürfe" dem Gegenwärtigen und Vergangenen jeweils einen für ihn

passenden Sinn geben. Aus der gestaltbaren Zukunft und der Sorge darum erwachsen

alle Sinnmögtichkeiten des Daseins, erwächst die Dimension von Sinn

überhaupt und erwächst die Möglichkeit des Ich-selbst-Werdens.

Ausgehend von dieser Beschreibung der Sorge können wir nun auch besser verstehen,

was Heidegger mit dem Begriff der Fürsorge meint. Heidegger unterscheidet

bei der Fürsorge eine "vorausspringende" und eine "einspringende" Form, Die

vorausspringende Fürsorge versucht, dem Mitmenschen die Voraussetzungen zu

vermitteln, den Prozeß des Ich-selbst-Werdens bei sich ins Auge zu fassen und zu

realisieren. Diese Form der Fürsorge beläßt den anderen in seiner Aufgabe, ein

Einzelner und ein unverwechselbares Individuum zu werden.

Im Gegensatz dazu wird bei der einspringenden Form der Fürsorge der andere

meist dieser Aufgabe enthoben, Statt dessen findet ein oftmals umfängliches Programm

der Verwöhnung statt, das den Mitmenschen eher daran hindert, den Prozeß

der Individuation für sich zu wagen und in Angriff zu nehmen. Die einspringende

Fürsorge führt zwar fast immer zu rascher Beruhigung und Minderung von Angst

und Unsicherheit des Gegenüber; gleichzeitig beläßt sie ihn aber im Status des

Man-selbst-Seins, im Status des uneigentlichen Existierens und in einer gewissen

Form der Abhängigkeit.

Die Tugend der Fürsorge darf nicht verwechselt werden mit der Untugend des

"Verfallen-Seins" an Dinge oder an andere Menschen. Vorrangig in sogenannt

"helfenden Berufen" kennen wir mannigfache Versuchungssituationen, in denen wir

die Sorge um unsere eigene Individuation hinter der dann oftmals einspringenden

Fürsorge für andere zurückstellen.

Das entscheidende Kriterium für diese Verwechselung ist eine Abnahme an Freiheit

und Autonomie sowie eine Zunahme an Abhängigkeit des Fürsorgenden. Diese

Form des Verfallen-Seins führt nach Heidegger unweigerlich zur "Uneigentlichkeit"

der eigenen Existenz und damit erneut zum Man-selbst-Sein. Das eigentliche

Selbstsein gibt es nur um den Preis von Angst und Vereinsamung. Es besteht nicht

im billigen "Nein", sondern im mühsamen Aufbruch zum ureigensten Wesen. Diese

Form der Existenz aber widerspricht der Form der einspringenden Fürsorge für andere,

die zum Surrogat der eigenen Entwicklung wird.

Sowohl die Sorge um das eigene Ich-selbst-Werden wie auch die vorausspringende

Fürsorge um die anderen gipfelt nach Heidegger in der sogenannten Transzendenz-

Heidegger versteht darunter die Fähigkeit des Menschen, seinen Status quo

immer wieder zu überschreiten und zu verändern. Erst in der Veränderung, in der

andauernden Metamorphose und Entwicklung, im stetigen Werden, das dem statischen

Sein entgegengesetzt ist, verwirklicht sich der Mensch eigentlich und lebt er

seinem innersten Wesen gemäß.

Die Transzendenz des eigenen Daseins ist auch die beste Voraussetzung dafür,

sich nicht nur konkreten anderen Mitmenschen, sondern auch dem gesamten "Experiment

Menschheit", der ganzen Kultur, der Natur und dem Kosmos gegenüber

"vorausspringend" fürsorglich einzustellen und zu verhalten. Ein Mensch, der dauernd

bemüht ist, seinen eigenen Wert zu steigern, kann gar nicht anders, als mit

"liebendem Blick" auch den Wert seiner Mitmenschen und seiner ihn umgebenden

Welt zu steigern oder zumindest zu erhalten. Wertsteigerung, Sorge und vorausspringende

Fürsorge können als synonyme Begriffe gebraucht werden.

Diesen Facetten und Aspekten der Sorge und der Fürsorge werden wir demnach

nur dann gerecht, wenn wir Menschen uns und unser Leben dem beschwerlichen

Prozeß der Individuation und des Einzelner-Werdens verschreiben und diesen

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