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Anthropologische Aspekte der Sorge und Fürsorge

Prozeß auch unseren Mitmenschen zumuten. Seit Jahrtausenden wird dieses Ziel

des Einzelner-Werdens von Philosophen, Künstlern und Wissenschaftlern formuliert

und angestrebt. Nietzsche wollte das "Herdentier" in uns überwinden, Heidegger

das "Man-selbst-Sein" gegen die Segnungen des "Ich-selbst-Sein" eintauschen.

Beide verbanden mit der Geburt des Individuums die Vorstellung der seelischgeistigen

Reife und Souveränität sowie der Eigentlichkeit des Seins.

Die gleichen Probleme wie vor 25 Jahren

- und keine Besserung in Sicht?

Von Henning Borchert, Berlin

POTtt t S

Fehlen dem Einzelnen die Freiräume künstlerischer und spielerischer Lebensgestaltung

und nähert er seine Existenz auf Dauer dem dumpf-monotonen Rhythmus

von Maschinen oder Institutionen an, läuft er Gefahr, seine Individualität zu verlieren

und an Leib und Seele ernsthaft zu erkranken. Nur wer seinem individuellen

Wesen Ausdruck verleiht und die Spanne seines Daseins dem "Programm" der Lebenskunst

widmet, sorgt tatsächlich um sich und wirkt als überzeugendes Modell,

das sich guten Gewissens der vorausspringenden Fürsorge um andere zuwenden

kann.

Bis vor einiger Zeit hatte ich das Gefühl, die Mißstände, die in der medizinischen

Ausbildung und Praxis sichtbar sind, würden in neuerer Zeit von immer mehr Leuten

erkannt bzw. wären erst in letzter Zeit entstanden; daher hoffte ich, daß sich die

Erkenntnis dieser Mißstände mit dem Nachrücken einer jungen, (zumindest teilweise)

engagierten Generation von Ärztinnen mit einem deutlicheren Problembewußtsein

allgemein durchsetzen würde und sich die Zustände in den nächsten Jahren

bessern könnten. Öffentliche Diskussionen und Entwicklungen wie der Reformstudiengang

Medizin bestärkten mich in diesem Gefühl.

Als ein überzeugendes Beispiel für diese Form von Sorge um die eigene Person,

die eng mit dem Werden und der Entwicklung der eigenen wie auch fremder Existenzen

verschwistert war, galt und gilt Goethe, von dem schon Nietzsche bewundernd

in Götzendämmerung meinte:

Er löste sich nicht vom Leben ab, er stellte sich hinein; er war

nicht verzagt und nahm so viel als möglich auf sich, über

sich, in sich. Was er wollte, das war Totalität; er bekämpfte

das Auseinander von Vernunft, Sinnlichkeit, Gefühl, Wille

... er disciplinirte sich zur Ganzheit, er schuf sich,

Dann fielen mir drei etwa 25 Jahre alte Artikel in die Hände, die meine Hoffnung auf

eine baldige Verbesserung deutlich dämpften... (s. u.)

Die Lektüre der Artikel zeigt, daß die sehr viele der oben angesprochenen Probleme

schon vor 25 Jahren erkennbar waren, teilweise sind es exakt die gleichen wie

heute. Auch bei den Forderungen, die von den Autoren bzw. deren Interviewpartnern

gestellt wurden, ergibt sich eine erstaunliche (und frustrierende) Übereinstimmung

mit aktuellen Forderungen.

Natürlich hat sich auch einiges geändert; diverse Änderungen der Approbationsordnung

sind nicht spurlos an der medizinischen Ausbildung vorübergegangen... Aber

alles in ailem hat sich bedrückend wenig verändert oder gar verbessert.

Der Autor betreut uns seit einigen Jahren als Superviso^

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