POM 15

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Medien, Werte, Risiken

dikatähnliche Medizinsystem nicht einmal zu ihrer kleinen Invalidenrente kommen,

etc.) einerseits, und mit ihren den Ärztestand heroisierenden und emotionalisierenden

Arztserien andererseits, ein zwiespältiges Bild über den Berufssland Arzt in der

Bevölkerung.

Im Falle der Serien wird der Mythos von der Allmacht der Ärzte unterstützt. Ärzte

erscheinen zumeist als immer einfühlsame, gutgelaunte Übermenschen, die das

Wohl ihrer Patienten über das eigene Leben stellen - bis hin zur Selbstaufgabe und

Gefährdung der eigenen sozialen Bindungen. Schwarze Schafe unter den Ärzten

werden kollegial moralisierend zurückgeführt auf den Rechten Pfad ärztlicher Ethik,

In den Fernseh-Märchen dürfen die Götter in Weiß wieder in den Olymp aufsteigen,

was wiederum die Diskrepanz zürn realen Krankenhaus-Aufenthalt und Arztbesuch

für das Publikum spürbar macht. Indem der Zuschauer die märchenhaften Arztserien

konsumiert, wird ihm vor Augen geführt, was dem leibhaftigen Arzt, dem er in

seiner Realität begegnet, an der Erfüllung seines Traumbildes fehlt, Diese Haltung,

diesen Vorwurf nimmt er mit in die Praxis.

Auf dem Nachbarprogramm stehen die Ärzte dagegen als Wölfe im weißen Kittel

da. Die Ärzteschaft wird als geldgierig, inkompetent, arrogant und korrupt dargestellt.

Ein Mediziner deckt die Unfähigkeit des anderen; sogar vor Gericht schrecken

sie nicht vor einem Meineid zurück. Das Schicksal ihrer Patienten ist ihnen vollkommen

egal. Sie sind scheinbar unfähig, ihr eigenes Versagen einzugestehen,

oder gar zu bedauern.

Das Bild des Arztes in den Medien, vor allem im Fernsehen, erscheint als äußerst

zwiespältig. Einerseits schürt es irrationale Erwartungshaltungen, andererseits nährt

es ungerechtfertigtes Mißtrauen. Der Arzt muß sich in seinem Alltag aufklärerisch

mit solchen Projektionen auseinandersetzen. Sie beeinflussen nachhaltig die Vertrauens-Beziehung

zwischen Arzt und Patient und können sie stören.

• Werte

Die Beziehung zwischen Arzt und Patient hat sich geändert und ist noch im Wandel

begriffen. Patienten sehen ihre Ärzte heute kritischer, sind ungeduldiger geworden.

Wo noch bis vor wenigen Jahren die Worte des Arztes wie eine Offenbarung hingenommen

wurden, verschriebene Medikamente ohne Nachfrage eingenommen, sehen

sich Ärzte heute häufiger mit Fragen und Zweifeln an der Behandlung konfrontiert,

treten selbstbewußte Patienten auf und verlangen, daß eine bestimmte Art der

Untersuchung bei ihnen durchgeführt wird. Viele Patienten wollen mehr über ihre

Krankheiten wissen, sie sind anspruchsvoller. Die Medien stützen durch informierende

Beiträge das neue Selbstbewußtsein der Patienten gegenüber dem Arzt. Ein

Schlagwort der letzten Jahre, das diese Entwicklung erklärbar macht, lautete Wertewandel.

Werte und Wertewandel sind Begriffe aus den Konzeptionen der Soziaiwissenschaft:

Lutz (1992) beschreibt Werte als inividuell verinnerlichte Konzepte, als hierarchisch

geordnete Systeme von langfristig stabilen Dispositionen und Überzeugungen, die

identitätsstabilisierend wirken. Als Konzepte des Wünschbaren steuern Werte als

Führungsgrößen, neben anderen Faktoren, das menschliche Verhalten. Wertewandel

bedeutet eine Veränderung im individuellen und/oder kollektiv geteilten Wertesystem,

Diese Veränderung kann erfolgen durch die Aufnahme neuer Werte, durch

eine Verschiebung der Rangordnung innerhalb des Wertesystems oder durch den

Zerfall von Werten.

Klages (1984) macht in den Forschungen zum aktuellen Wertewandel zwei große

Wertegruppen aus: 1. Selbstzwang- und Kontrollwerte (Pflicht- und Akzeptanzwerte)

und 2. Selbstentfaltungswerte, wobei die Selbstentfaltungswerte stärker werden,

während Selbstzwang- und Kontrollwerte in der deutschen Bevölkerung abnehmen.

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Durch den Wandel von Pflicht- und Akzeptanzwerten hin zu Selbstenfaltungswerten,

wird der Radius dessen, was den einzelnen betrifft, immer weiter gezogen.

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