POM 15

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POM 15

Medien, Werte, Risiken

Formale Autoritätsansprüche werden dagegen abgelehnt. Der einzelne will insgesamt

Subjekt seines Handelns sein, verbunden mit einer höheren Anspruchshaltung

gegenüber Politikern und Institutionen.

Bezogen auf das System der Medizin, bedeutet der Wertewandel den Verfall der

etablierten Autorität Arzt und neue Ansprüche und Erwartungen der Patienten an

den sie behandelnden Arzt und das Gesundheitssystem. Das Interesse, genauer

über die eigene Krankheit informiert zu sein - und nicht wie bisher die Behandlung

der Krankheit passiv in die Hände des Arztes zu legen - wird weiter steigen.

Die Ärzte sind gefordert, diesem Wandel ihrer Patienten entgegenzukommen, indem

sie ihre Patienten stärker in die Behandlung miteinbeziehen, gemeinsam mit

ihnen Entscheidungen treffen, ihre Patienten aufklären, die Krankheitsdefinitionen

ihrer Patienten ernstnehmen und ihnen insgesamt die "Verantwortungsrolle" eines

aktiven Patienten anbieten. Die Rollen von Arzt und Patient müssen überdacht und

zum Teil neudefiniert werden.

Ein Problem in bezug auf den Wertewandel sehe ich in der konservativen Haltung

des Systems. Hier findet die grassierende Unzufriedenheit der Patienten mit ihren

Ärzten eine ihrer Ursachen:

Da sich zwar das Wertesystem vieler Menschen gewandelt hat, das System der

medizinischen Betreuung und das Verhalten der Mediziner im Umgang mit Patienten

sich aber vielfach (noch) nicht daran angepaßt hat, kommt es zu Erwartungsenttäuschungen

auf Seiten der Patienten. Sie fühlen sich nicht ernstgenommen,

nicht miteinbezogen in die Behandlung, übergangen oder sogar entmündigt. Ein

Angebot der Ärzte, dem Patienten eine aktive "Verantwortungsrolle" zuzugestehen,

fehlt weitgehend. Das gilt besonders für die Ärzte, bei denen der Wertewandel nicht

"gezündet" hat, die stark auf ihre Autorität pochen und Fragen von Seiten des Patienten

als Einmischung oder Anzweifeln ihrer Professionalität ablehnen.

pon t s

Risiken

Unter dem Titel Die Risikogesellschaft erschien 1986 das Buch des Autors Ulrich

Beck. Es beschreibt die Undurchschaubarkeit und Unsicherheit einer technisierten

Umwelt, die nicht mehr kalkulierbare {Umwelt)-Risiken produziert. Eine Hungersnot

etwa, war zu früheren Zeiten für jeden am eigenen Leibe erfahrbar. Die heutigen

Gefahren der zivilisierten Welt sind dagegen vielfach nicht mehr faßbar. Sie werden

der Bevölkerung medial vermittelt, dringen mit den Fernseh-Nachrichten in die

Wohnzimmer ein. Der einzelne steht ihnen hilflos gegenüber. Zumeist betreffen sie

uns nicht unmittelbar, bleiben abstrakt. Entweder werden sie dann verdrängt und

verharmlost, oder sie erscheinen um so bedrohlicher, weil sich der Mensch nicht vor

ihnen zu schützen vermag. Der Reaktorunfall in Tschernobyl etwa, kann als die Industriestaaten

traumatisierendes Ereignis gelten. In ihm manifestierte sich die nicht

beeinflußbare, nicht erfahrbare Gefährdung der Erdbevölkerung durch moderne

Technologien, die keine Grenzen kennt, keine Bevölkerungsgruppe schont.

Beck beschreibt die Reaktionen einer irritierten Gesellschaft, die teils im Umdenken

begriffen ist, teils noch ideologisch der Industriegesellschaft verhaftet. Ziele und

Ideale der industrie-gesellschaflichen Epoche der Moderne bröckeln dahin. Die

Menschen werden aus über-kommenen Lebensformen und Selbstverständlichkeiten

freigesetzt.

Der Glaube an wissenschaftliche Erkenntnis gerät dabei ins Zwielicht der Öffentlichen

Meinung, wird demystifiziert, und trotzdem behält das wissenschaftliche Urteil

das Wahrheitsmonopol: "Solange Risiken wissenschaftlich nicht anerkannt sind,

"existieren" sie nicht - jedenfalls nicht rechtlich, medizinisch, technologisch und sozial,

werden also auch nicht behindert, behandelt, entschädigt", schreibt Beck.

Bezogen auf das System der Medizin wird klar, daß der Autoritätsverlust der Wissenschaft

sich auch auf das Verhältnis zwischen Arzt und Patient auswirkt. Patienten

werden mißtrauischer gegenüber Therapieformen, sie zweifeln die Wirksamkeit

von Medikamenten an, oder fürchten unvorhersehbare Nebenwirkungen. Arzneimittelskandale

wie z.B. Kontergan, die Diskussion über zu viele unnötige Rönt-

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