Regenbogenfamilien - wenn Eltern lesbisch, schwul, bi- oder ...

vogel.luis10

Regenbogenfamilien - wenn Eltern lesbisch, schwul, bi- oder ...

Regenbogenfamilien

Regenbogenfamilien

wenn Eltern lesbisch, schwul, bi- oder transsexuell sind

Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen

Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport

Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und Frauen


Regenbogenfamilien

Wenn Eltern lesbisch, schwul, bi- oder transsexuell sind

Impressum

Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und Frauen,

Oranienstr. 106, 10969 Berlin

Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport,

Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen,

Beuthstr. 6–8, 10117 Berlin

www.sensjs.berlin.de/gleichgeschlechtliche

Redaktion: Gabriele Kämper, Lela Lähnemann

Gestaltung: Kerstin Bigalke

Fotos: Christiane Pausch, Berlin; Landesarchiv Berlin (Seite 10)

Druck: Oktober-Druck

1. Auflage: 3000, 2001

V.i.S.d.P.: Rita Herrmanns

Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport

Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und Frauen


Vorwort

Die Familie ist wieder ein beachtetes Thema in Politik und Öffentlichkeit.

Eine neue Wertedebatte und nicht zuletzt die Kontroversen zum Lebenspartnerschaftsgesetz

für gleichgeschlechtliche Paare haben zu neuem familienpolitischen

Nachdenken angeregt. Dazu beigetragen haben auch die

Diskussion über gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen des Geburtenrückgangs

und die beunruhigende Armut insbesondere kinderreicher

Familien.

Familien sollen den Kindern Geborgenheit und Orientierung geben und so

die Grundlage für eine stabile persönliche Entwicklung schaffen. Der Staat

hat dabei die Aufgabe, Familien zu fördern und bei der Wahrnehmung

ihrer Erziehungsverantwortung zu unterstützen.

Die Lebensformen, in denen Kinder aufwachsen, haben sich verändert:

In Berlin leben heute ca. 55 % der Kinder und Jugendlichen bis zum Alter

von 18 Jahren bei ihren beiden verheirateten Eltern, ca. 45 % leben in

anderen Familien- und Lebensformen, sei dies mit allein erziehenden

Elternteilen, bei nicht verheirateten leiblichen Eltern, in Stief- oder Pflegefamilien

oder in Einrichtungen der öffentlichen Erziehungshilfe sowie

bei freien Trägern der Erziehungshilfe.

liche und gesellschaftliche Anerkennung lesbischer und schwuler Paare gestärkt.

Auch für homosexuelle Eltern sind damit Erleichterungen für den

Alltag und mehr gesellschaftliche Wahrnehmung zu erwarten. Langfristiges

Ziel ist die rechtliche Gleichbehandlung aller Kinder unabhängig von der

Lebensform ihrer Eltern.

Mit unserer Broschüre wollen wir dazu beitragen, dass Familien homosexueller

Eltern gleichberechtigt mit anderen Familienformen wahrgenommen

werden. Es geht darum, sie zu fördern und Diskriminierungen abzubauen,

die Lesben und Schwule und auch deren Kinder leider immer noch erleben.

Die Senatsverwaltungen Schule, Jugend und Sport und Arbeit, Soziales

und Frauen haben im September 2000 in Kooperation mit dem Sonntagsclub

e.V. auf einer Fachveranstaltung die Lebenssituation sogenannter

Regenbogenfamilien“ beleuchtet. Daran anknüpfend werden in den Beiträgen

dieses Heftes Fragen erörtert, die für diese Familien ebenso bedeutend

sind wie für Fachleute in der Bildungs-, Familien-, Kinder- und Jugendarbeit.

Entstanden ist ein reicher Fundus an interessanten Beiträgen, die das

Thema beleuchten.

Mit der vorliegenden Broschüre möchten wir das Augenmerk auf Familien

richten, in denen ein Elternteil lesbisch, schwul, bi- oder transsexuell ist.

Für manche Kinder gehören zu ihrer Familie zwei Väter oder zwei Mütter,

die in einer gleichgeschlechtlichen Partnerschaft leben. Mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz,

das am 1. August 2001 in Kraft trat, wird die recht-

Klaus Böger

Senator für Schule, Jugend und Sport

Gabriele Schöttler

Senatorin für Arbeit, Soziales und Frauen

6

7


Inhalt

Gabriele Schöttler, Senatorin für Arbeit, Soziales und Frauen

Zunehmende Akzeptanz –

Wege zu demokratischen Familienstrukturen ............................................................... 11

Frank Ebel, Staatssekretär für Jugend und Sport

Kein Kind darf diskriminiert werden ................................................................................. 17

Politische Statements .............................................................................................................. 23

Halina Bendkowski, Berliner FrauenFraktion

Silke Burmeister, Co-Mutter

Ulrike Herpich-Behrens, Jugendstadträtin Schöneberg

Søren Laursen, Dänische Lesben- und Schwulenorganisation (LBL)

Ida Schillen, Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD)

Cornelia Burgert, Lela Lähnemann

Kinderwunsch – Wunschkinder.

Ethische Kontroversen um Insemination und Adoption ........................................... 31

Gabriele Kämper

Familien-Aufbruch mit Zukunft? Erfinden gleichgeschlechtliche Paare die

demokratische Familie? ........................................................................................................... 39

Töchter und Söhne aus Regenbogenfamilien

Seid nicht so feige! Aufforderung an die Eltern ........................................................... 47

Thomas Hofsäss

Zur aktuellen Situation von Regenbogenfamilien.

Ergebnisse einer Umfrage ...................................................................................................... 51

Barbara Drinck

„Da waren schon ganz komische Blicke“.

Portraits von Regenbogenfamilien..................................................................................... 59

Susanne von Puttkamer

Was bringt das Lebenspartnerschaftsgesetz für Regenbogenfamilien?............ 75

Anhang

Joseph Russo

„Schule hat begonnen“ – Hinweise für Eltern ................................................................ 87

Annegret Böhmer

„Meine Oma ist lesbisch!“ – ein Unterrichtsbeispiel ................................................... 91

Dokumentation:

Einladung zur Fachveranstaltung am 30.9.2000................................................... 94

Einladung für Töchter und Söhne ............................................................................... 99

Pressemitteilung ................................................................................................................ 100

Fragebogen ............................................................................................................................ 102

Literatur ...................................................................................................................................... 108

Adressen und websites ........................................................................................................... 109

Veröffentlichungen des Fachbereichs für gleichgeschlechtliche Lebensweisen ... 111

8

9


Gabriele Schöttler

Zunehmende Akzeptanz –

Wege zu demokratischen Familienstrukturen 1

Gabriele Schöttler

Regenbogenfamilien – was für ein schönes und schillerndes Wort, und was

für ein schönes und traditionsreiches Symbol. Diejenigen aus dem Ostteil

der Stadt werden noch wissen, dass sich die aufständischen Bauern des

16. Jahrhunderts unter der Regenbogenfahne versammelten, um für ihr

irdisches Heil zu kämpfen. Und die ersten politischen Bewegungen, die

nicht die eine Wahrheit, sondern das Recht jedes Einzelnen auf ihre Fahnen

schrieben, taten dies ebenso im Zeichen des Regenbogens. Eine ermutigende

Tradition, die sowohl auf das Hier und Jetzt politischer Kämpfe als

auch auf die Vielfalt menschlicher Lebensentwürfe hinweist und sich dem

Diktat des allein Seligmachenden verweigert.

Was vor wenigen Jahren noch Unverständnis, Kopfschütteln und Abwehr

bewirkt hätte, ist heute zu einem Teil des normalen politischen Geschäfts

geworden: die Gesellschaft hat zur Kenntnis genommen, dass es lesbische

Mütter und schwule Väter gibt, dass Eltern ihr Geschlecht verändern oder

sich mit Menschen mal des einen, mal des anderen Geschlechts zusammentun.

Im Zuge der enormen Veränderungen, denen das System Familie

ausgesetzt ist, ist dies eine unter vielen – wenn auch eine, die immer noch

Ängste und moralische Ablehnung hervorruft.

Die Soziologie spricht heute von Patchworkfamilien und meint damit, dass

Familie sich immer weniger und immer weniger dauerhaft als klassische

Konstellation eines Ehepaares mit leiblichen Kindern darstellt. Die Allein-

11


Gabriele Schöttler

erziehenden, die wechselnden Partnerschaften der Eltern, das Eingewöhnen

neuer Familienmitglieder in die Familie und die Trennung von einem

Elternteil oder von liebgewonnenen Stiefeltern und -geschwistern – das

sind einige Aspekte, die die heutige Familiensituation beschreiben. Gleichgeschlechtliche

Elternschaft oder anderer gender trouble in der Familie sind

zwar nur eine Facette dieser Entwicklung, allerdings eine, die die Gemüter

ganz besonders bewegt.

Die Sorge um die Familie ist ja ein beliebtes Thema, bei dem praktischerweise

jede und jeder Expertenstatus hat – was auch und vor allem in der

Politik gilt. Gern wird dabei die klassische Familie idealisiert, ohne zur

Kenntnis zu nehmen, dass es diese erstens historisch erst sehr kurze Zeit

gibt, dass sie zweitens in dieser Zeit nur in einem bestimmten bürgerlichen

Teil der Gesellschaft gelebt wurde, und dass sie drittens in den kriegsbewegten

Zeiten des letzten Jahrhunderts immer wieder auseinandergerissen

wurde. Ideal und Realität der Familie klafften also auch in der Vergangenheit

weit auseinander. Dazu kommt, und das ist das wichtigste Argument,

dass Familie neben Geborgenheit und Sicherheit immer auch ein Ort von

Gewalt, Einschüchterung, Hierarchie und Zwang gewesen ist. Nur mühsam

ist es Frauen gelungen, sich eine rechtliche Gleichstellung in der Familie zu

erkämpfen, nur langsam wächst die Einsicht, dass Gewalt gegen Kinder in

jeder Form in der Familie nichts zu suchen hat. Angesichts dieser Realitäten

bleibt von der Idealisierung der klassischen Familie nicht viel übrig – ein

Grund mehr, den realen Familien, und damit auch den Regenbogenfamilien,

tatkräftig bei der Lösung ihrer Probleme unter die Arme zu greifen.

Ganz ohne Frage ist Familie nach wie vor der richtige Ort, an dem Kinder

aufwachsen und wo sie Geborgenheit und Unterstützung finden. Die Frage

ist nur, welche Art von Familie! Wer konsequent das Wohl des Kindes in

den Vordergrund rückt, der wird nicht nach der Struktur, sondern nach

der Qualität der Familie gucken. Ja, Kinder brauchen Sicherheit und

Beständigkeit, aber ausschlaggebend dafür ist nicht der Trauschein, sondern

das Verantwortungsgefühl der Eltern. Ja, Kinder brauchen liebevolle

Bezugspersonen, aber das garantiert nicht die herkömmliche Geschlechterordnung,

sondern die Bereitschaft, sich dem Kind und seinen Bedürfnissen

zuzuwenden. Langsam setzt sich die vernünftige Auffassung durch:

Familie ist da, wo Kinder sind. Für die Vernunft ist es ein sehr kleiner

Schritt, dem hinzuzufügen: Familie ist auch da, wo Kinder bei lesbischen,

schwulen, bisexuellen oder transsexuellen Eltern sind.

Leider sind viele nach wie vor nicht bereit, diesen vernünftigen Schritt zu

gehen. Es gibt zahlreiche Untersuchungen, die das Aufwachsen von Kindern

in Regenbogenfamilien zum Gegenstand haben. Sie alle kommen zu

dem Schluss, dass Kinder in diesen Familien ebenso gut aufwachsen wie in

anderen Familien. Teilweise besagen die Ergebnisse sogar, dass diese Kinder

toleranter und reflektierter sind als Gleichaltrige, was auf die frühe

Auseinandersetzung mit der Situation des Andersseins zurückgeführt wird.

Von schwulen Vätern wird berichtet, dass sie sich deutlich mehr als heterosexuelle

Väter um ihre Kinder kümmern, auch im Trennungsfall. Die Kinder

von Lesben zeichnen sich anderen Untersuchungen zufolge als emotional

besonders stabil aus. Es steht also außer Frage, dass homosexuelle

Eltern gute Eltern sind und dass damit die Homosexualität der Eltern dem

Kindeswohl keineswegs abträglich ist. Auch ein weiteres zähes Vorurteil aus

der Mottenkiste homophober Bedenkenträger konnte ausgeräumt werden:

die Kinder gleichgeschlechtlicher Eltern werden nicht häufiger und nicht

seltener schwul oder lesbisch als andere Kinder auch.

Angesichts dieser Befunde ist es mehr als bedauerlich, dass gleichgeschlechtlichen

Eltern nach wie vor die vollen Rechte als Eltern vorenthalten

werden. Ich setze darauf, dass die Erfahrungen mit dem zukünftigen

Rechtsinstitut der Eingetragenen Partnerschaft und dem darin vorgesehenen

sogenannten kleinen Sorgerecht den Weg ebnen werden für künftige

Reformschritte.

Wenn wir uns als Frauenverwaltung an dieser Tagung beteiligen, dann aus

der Erkenntnis heraus, dass gleichgeschlechtliche Elternschaft rein zahlenmäßig

in erster Linie lesbische Elternschaft meint. Sei es, dass Kinder aus

früheren heterosexuellen Beziehungen stammen, sei es der gemeinsame

oder individuelle Entschluss zu künstlicher Befruchtung oder die Entscheidung

für ein Pflegekind – es sind in erster Linie Lesben, die diese

Familienform leben.

12

13


Gabriele Schöttler

Ein zweiter Grund für unser Engagement als Frauenverwaltung hat mit der

vielfach diagnostizierten Krise der Familie zu tun. Ich möchte behaupten,

dass der so oft gehörten Klage um den Zerfall der Familie auch eine Reihe

deutlich positiver Entwicklungen entgegensteht. Dazu gehören für mich

ein wachsendes partnerschaftliches Verständnis von Familie, in der jedes

Familienmitglied gleichermaßen Respekt und Fürsorge genießt. Eltern verstehen

Erziehung zunehmend als Verpflichtung gegenüber dem Kind, und

weniger als ein Recht, das zur Not mit Gewalt durchgesetzt wird. In Familien

wird diskutiert, Kinder werden ernstgenommen, Konflikte friedfertig

gelöst. Frauen fordern die Mitarbeit der Väter und zugleich ihr Recht auf

Berufstätigkeit ein. Die neuen Gesetze der Bundesregierung sowohl zur

gewaltfreien Erziehung wie zur Elternzeit unterstützen ein solches Familienmodell.

Es ist eine spannende Frage, ob in gleichgeschlechtlichen Familien

die Auseinandersetzungen um die Familien- und die Erziehungsarbeit,

um die Arbeitsteilung, die Kinderbetreuung und die Erwerbsarbeit zu

anderen, zu gleichberechtigteren und demokratischeren Lösungen führen.

Dinge, die immer wichtiger werden angesichts der Pluralisierung der

Lebensformen einerseits und der anhaltenden Gewalttätigkeiten gegenüber

Menschen, die als anders oder fremd abgestempelt werden, andererseits. Es

wäre schön, wenn alle Eltern ihren Kindern ein solches Rüstzeug an praktizierter

Toleranz mit auf den Weg geben würden!

Die klassische Familie ist in ihrer Tradition und Struktur autoritär und

patriarchalisch geprägt. Die Entwicklung hin zu einem gleichberechtigten

Miteinander ist von vielen Kämpfen und Widerständen, aber auch von

einfallsreichen Lösungen und rechtlichen Fortschritten begleitet. Diese

Tagung will auch erörtern, ob gleichgeschlechtliche Elternschaft, die ja

weit weniger den traditionellen Geschlechterrollen innerhalb der Familie

und den daraus resultierenden Konflikten verhaftet ist, einen eigenständigen

Beitrag zu einer modernen und demokratischen Familie leisten kann.

Kinder und Jugendliche in den Regenbogenfamilien lernen früh, dass das

Anderssein wichtiger Teil einer geliebten Person ist. Zugleich erfahren sie,

dass die Umwelt dem oft feindlich oder verständnislos gegenübersteht und

vor allem nichts damit zu tun haben will. Vielleicht werden sie gehänselt

oder misstrauisch betrachtet, ob sie auch „so“ sind. Manchmal haben sie

Wut auf ihre Eltern, weil die nicht so sind wie alle anderen, manchmal sind

sie stolz darauf. Sie erfahren, dass es Vorurteile und pauschale Abwertungen

gibt, die mit der konkreten Realität, die sie ja kennen, nichts zu tun

haben. Sie lernen, dass es nicht nur einen Weg gibt, der richtig ist, denn

ihre Eltern gehen ja einen, der nicht der der Mehrheit ist. Sie lernen also

1 Begrüßungsrede zur Fachveranstaltung „Regenbogenfamilien“ am 30. September 2000.

14

15


Frank Ebel

Kein Kind darf diskriminiert werden 1

Ich begrüße Sie und euch herzlich zur Fachveranstaltung „Regenbogenfamilien

wenn Eltern lesbisch, schwul, bi- oder transsexuell sind“. Ich freue

mich, dass Sie aus Berlin, aus dem Umland und sogar aus weiter entfernt

liegenden Bundesländern hierher gekommen sind und dass wir in diesem

Saal eine bunte Mischung aus Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen

sind. Wie Sie sehen, spreche ich hier vor einem bunten Hintergrund, der

Regenbogenfahne. Die Farben von rot bis lila stehen für Kräfte, die Menschen

brauchen: von einer stabilen Basis über die Sexualität, Herz und Verstand

bis zur geistigen oder ethischen Orientierung. Die Regenbogenfahne

ist als Symbol der lesbisch-schwulen Emanzipationsbewegung bekannt –

deshalb haben wir für diese Veranstaltung den Titel „Regenbogenfamilien

erfunden.

Frank Ebel

Ich kann Ihnen und euch nun nicht allen an der Nasenspitze ansehen, in

welcher Lebensform Sie leben: ob Sie mit einem oder mehreren Erwachsenen

in einem Haushalt leben, ob Sie Kinder haben, ob Sie diese jeden Tag

oder nur an den Wochenenden betreuen – wie bei Ihnen zu Hause die

Arbeit geteilt wird, worum es Streit gibt, oder: welche Menschen für Sie

noch zu Ihrer Familie gehören, weil Sie eine enge Beziehung zu ihnen

haben. Jedenfalls nehme ich an – und das ist auch mein erster Eindruck

heute früh –, dass viele von Ihnen anders leben als in einer Vater-Mutter-

Kind-Familie mit verheirateten Eltern. Die Vielfalt von Familien, die bunt

ist wie der Regenbogen, umfasst auch heterosexuelle nicht-verheiratete

Eltern, Adoptiv- und Stiefeltern, allein-erziehende schwule Väter, Lesben-

17


Frank Ebel

paare mit Kindern, homosexuelle Pflegeeltern und so genannte „Patchwork-

oder Fortsetzungsfamilien“.

Wir wissen alle – und ihr Kinder wisst das wahrscheinlich am besten –,

dass Kinder Menschen brauchen, die sie lieben, denen sie vertrauen, bei

denen sie sich sicher und geborgen fühlen; und dafür kommt es nicht auf

das Geschlecht der Eltern an oder darauf, welche Lebensform sie für sich

gewählt haben. Wir wissen auch, dass Sie es nicht immer leicht haben,

wenn Ihre Lebensform nicht der Norm entspricht.

Die Norm der „traditionellen Ehe und Familie“ wird gerade in den letzten

Monaten in der Debatte um den Gesetzentwurf der Regierungskoalition

zur eingetragenen Lebenspartnerschaft wieder heraufbeschworen und ich

bedauere, dass damit erneut eine Abwertung gleichgeschlechtlicher

Lebensformen einher geht. Ich finde es nur zu verständlich, dass viele

homosexuelle Eltern vorsichtig sind, wem gegenüber sie sich offen zeigen,

weil sie für sich und für die Kinder Diskriminierungen befürchten oder

diese erfahren haben.

„Familie ist, wo Kinder sind“ ist schon seit Beginn der 90er Jahre die klare

Aussage der Berliner Familienpolitik und jetzt auch der Bundesregierung.

Das heißt selbstverständlich auch, dass zwei Frauen mit Kindern eine

Familie sind, zwei schwule Männer, die ein Pflegekind betreuen, oder drei

Erwachsene, die gemeinsam für Kinder sorgen. Obwohl dieses Thema

inzwischen in Fernsehserien vorkommt und bekannte Lesben und Schwule

Kinder haben – wir hatten Patrick Lindner und Melissa Etheridge in der

Einladung erwähnt 2 –, fehlen bisher Möglichkeiten der rechtlichen Absicherung

gleichgeschlechtlicher Familienformen. Dies kann für das Leben

Ihrer Familien und für das Wohl der Kinder dramatische Auswirkungen

haben. So hat vor wenigen Wochen das Oberlandesgericht Hamm entschieden,

dass eine lesbische Co-Mutter, die 5 Jahre lang den durch Insemination

gezeugten Sohn ihrer Partnerin mit erzogen hatte, nach der

Trennung von der Partnerin keinerlei Umgangsrecht hat, weil sie nicht mit

dem Kind verwandt ist. 3 Es fehlt auch noch weitgehend die gesellschaftliche

Akzeptanz, z. B. ein selbstverständlicher Umgang in Schule und Kindertagesstätte

damit, dass manche Kinder homosexuelle Eltern haben.

Der Fachbereich für gleichgeschlechtliche Lebensweisen in der Senatsverwaltung

macht seit 1991 die Öffentlichkeit auf das Thema und den rechtlichen

Handlungsbedarf aufmerksam: durch Veranstaltungen über lesbische

Mütter und schwule Väter – z.B. zum Internationalen Jahr der

Familie 1994 und über Lesben und Schwule als Pflegeeltern 1996. Zur

Reform des Kindschaftsrechts 1997 wurde ein Diskussionspapier in den

Rechtsausschuss des Bundestages eingebracht. Um Sicherheit für Ihre

Familien zu schaffen, stehen jedoch weitere Reformen aus. Im Lebenspartnerschaftsgesetz

für gleichgeschlechtliche Paare ist ein „kleines Sorgerecht“

vorgesehen. Ich setze mich als Staatssekretär für Jugend dafür ein, dass Berlin

dieses Gesetz im Bundesrat unterstützt. Gleichzeitig hoffe ich, dass es

nach der Anhörung im Rechtsausschuss, die letzte Woche stattfand, noch

Nachbesserungen gibt, da die meisten Experten auch die Öffnung der

Stiefelternadoption für möglich hielten.

Berlin hat 1999 Leitlinien für eine kinder- und jugendfreundliche Stadt

beschlossen. Ziel ist es, in allen Politik- und Planungsbereichen mit zu

bedenken, wie sie sich für Kinder, Jugendliche und Familien auswirken.

Soweit angebracht, müssen geschlechtsspezifische Kriterien angelegt werden

und alle Dienste, Angebote und Regularien sollen regelmäßig und

systematisch überprüft werden anhand realer Lebensbedingungen und

-formen. Hier sind ausdrücklich auch Einelternfamilien, Wohngemeinschaften,

alternative Lebensformen und der Aspekt der Multikulturalität

genannt. Berlin fühlt sich in besonderem Maße der UN-Kinderrechtskonvention

von 1989 verpflichtet, in dem es in Artikel 2 heißt: „Die Vertragsstaaten

achten die in diesem Übereinkommen festgelegten Rechte und gewährleisten

sie jedem ihrer Hoheitsgewalt unterstehenden Kind ohne jede

Diskriminierung, unabhängig von der Rasse, der Hautfarbe, dem Geschlecht,

der Sprache, der Religion, der politischen oder sonstigen Anschauung, der

nationalen, ethischen oder sozialen Herkunft, des Vermögens, einer Behinderung,

der Geburt oder des sonstigen Status des Kindes, seiner Eltern oder

seines Vormunds.“

Ich sehe diese Veranstaltung heute als einen Beitrag zu mehr Kinder- und

Familienfreundlichkeit in Berlin und ich gebe zu, dass wir wenig Übung

18

19


Frank Ebel

darin haben, Fachveranstaltungen zu organisieren, die Kinder, Jugendliche

und Erwachsene gleichermaßen ansprechen. Andere europäische Länder

haben Kinderfreundlichkeit mehr in ihren Alltag integriert – vielleicht

wird der Vertreter aus Kopenhagen etwas dazu sagen – und ich hoffe, dass

wir mit dieser Veranstaltung ein gutes Beispiel geben.

Ich möchte mich bei allen bedanken, die zur Vorbereitung und zum Gelingen

der Veranstaltung beigetragen haben und noch beitragen: bei den

Referentinnen und Referenten, die die Arbeitsgruppen leiten, den Gästen

und der Moderatorin, die heute Nachmittag auf dem Podium sprechen

werden, den Erzieherinnen, die die Kinder betreuen, den Mitarbeiterinnen

und Mitarbeitern des Sonntagsclubs und der Feuerwache, die für die Organisation

und das leibliche Wohl sorgen, bei den Vertreterinnen und Vertretern

der Elterngruppen, die seit einem Jahr an der Planung mitgewirkt

haben, bei den Mitarbeiterinnen der beiden Senatsverwaltungen und nicht

zuletzt bei der Gebärdendolmetscherin und dem Gebärdendolmetscher.

Ihnen und euch allen wünsche ich einen sehr schönen Tag, einen fruchtbaren

Erfahrungsaustausch und heute Nachmittag eine Diskussion, die

Mut macht und Perspektiven öffnet!

Nach Trennung keine Rechte am Kind für homosexuellen Partner

Hamm (dpa) – Eine homosexuelle Frau hat nach der Trennung von ihrer

Partnerin kein Recht auf Umgang mit dem künstlich gezeugten Kind, das

beide als gemeinsamen Nachwuchs ansahen. Das geht aus einem am Dienstag

bekannt gewordenen Beschluss des Oberlandesgerichts Hamm hervor

(Az.: 11 UF 22/004).

Das Gericht hatte den Fall zweier lesbischer Frauen verhandelt, die sich nach

ihrer Trennung über das Umgangsrecht zu dem inzwischen fünf Jahre alten

Jungen stritten. Sie hatten elf Jahre als lesbisches Paar zusammen gelebt und

sich ihren Wunsch nach einem gemeinsamen Kind dadurch erfüllt, dass eine

von ihnen sich in Holland künstlich befruchten ließ. Nach ihrer Trennung

blieb das Kind bei der leiblichen Mutter, die ihrer ehemaligen Partnerin jedes

Zusammentreffen mit dem Sohn verweigerte. Deren Versuch, dies gerichtlich

zu erzwingen, blieb erfolglos.

Die OLG-Richter erklärten, die Partnerin habe zu dem Kind keinerlei rechtliche

Beziehung. Sie sei mit ihm weder verwandt noch verschwägert und wie

eine Fremde zu behandeln. Auch die frühere Beziehung zu Mutter und Kind

verleihe ihr keine Rechte. Dass sie es gewesen sei, die vor der Trennung das

Kind in erster Linie versorgt habe und dass der Junge eine enge Bindung zu

ihr habe und den Umgang mit ihr wünsche, sei rechtlich ohne Bedeutung.

5. Sept 00

1 Rede des Staatssekretärs für Jugend und Sport auf der Fachveranstaltung „Regenbogenfamilien“ am

30.9.2000. Frank Ebel ist seit 25.6.2001 Staatssekretär für Wirtschaft und Technologie.

2 Faksimile der Einladung siehe Anhang Seite 94ff.

3 Siehe Kasten diese Seite oben.

4 Fundstelle auch: NJW 2000, S. 2684 –5.

20

21


Politische Statements 1

Halina Bendkowski:

„We are here, we are queer, get used to it, so ist

es eben, ob manche sich das wünschen oder

nicht, wir sind da und wir müssen die Politik

verändern.“

Halina Bendkowski, Berliner FrauenFraktion

In den letzten zwei Jahren habe ich den Eindruck, dass sich in der Debatte

zur Gleichstellung von Lesben und Schwulen die Politikerinnen und Politiker

plötzlich alle berufen fühlen, unsere Probleme zu verschärfen. Sie

bringen Ideologie und religiöse Wahnvorstellungen über Familie in die

Debatte, die es eigentlich erschweren, dass die Situation für Lesben und

Schwule, die in sogenannten Patchworkfamilien leben, endlich verbessert

wird. Das jetzige Gesetz ist ein großer Schritt für die Bundesrepublik, doch

wir müssen über den Tag hinaus denken und weiterhin die politische Lobbyarbeit

für die volle Gleichberechtigung und für die Rechte der Kinder

und ihrer Eltern organisieren.

Die Unterstützung unserer Freundinnen und Freunde, die nicht lesbisch

oder schwul sind, lässt sehr zu wünschen übrig. Sie wollen zwar gern tolerant

sein und lieben die Buntheit der Lesben und Schwulen, aber für den grauen

Alltag der Lesben und Schwulen, was gleiche Rechte betrifft, interessieren sie

sich nicht. Dabei sind die Rechte das Entscheidende für die Gleichheit.

Auch das private Hantieren mit allerlei Verträgen kann das nicht ersetzen.

23


Politische Statements

Silke Burmeister:

„Was wir vertraglich regeln könnten,

kann ein jedes Gericht wieder aushebeln,

z.B. beim Sorgerecht“

gentum, wie es alle anderen Familien auch bekommen. Wir mögen uns ja

von anderen unterscheiden, aber unsere Kinder unterscheiden sich von den

anderen Kindern durch gar nichts. Und deshalb gibt es überhaupt keinen

vernünftigen und erst recht keinen verfassungsgemäßen Grund, sie zu

benachteiligen. Man bräuchte uns nur mit Stiefeltern gleichzusetzen, dann

wären alle diese Ungerechtigkeiten beseitigt.

Silke Burmeister, Co-Mutter, zwei Kinder 2

Als wir dann die Kinder hatten, hat meine Freundin Erziehungsurlaub

genommen und ich habe das Geld verdient. Also habe ich meine Kinder in

meiner Steuererklärung angegeben. Doch sie wurden nicht berücksichtigt.

Mein Widerspruch auch nicht. Ich habe dagegen geklagt und jetzt in der

ersten Instanz verloren. Nun gehen wir vors Bundesfinanzgericht. Wenn

wir gewinnen, bin ich froh, wenn wir verlieren, gehen wir vor das Bundesverfassungsgericht.

Ich habe eine halbe Stelle und ernähre meine vierköpfige

Familie davon. Das kostet wirklich Geld, und es gibt überhaupt keinen

vernünftigen Grund, dass mir der steuerliche Haushaltsfreibetrag

vorenthalten wird.

Das zweite ist der kinderbezogene Ortszuschlag im öffentlichen Dienst,

der bei uns 500 DM im Monat ausmacht. Den habe ich beantragt, der

wurde abgelehnt. Ich habe dagegen geklagt und in der ersten Instanz

gewonnen. Das Land Hamburg ist aber in Revision gegangen und so sehen

wir uns jetzt vorm Bundesarbeitsgericht. 3 Ich arbeite Teilzeit, um auch für

meine Kinder da zu sein. Ich ernähre vier Leute. Aber mein Arbeitgeber

und das Finanzamt behandeln mich, als sei ich alleinstehend. Das bringt

uns finanziell tatsächlich an den Rand der Belastungsfähigkeit. Mein Problem

ist nicht, mit den Kindern durch die Gegend zu gehen – mein Problem

ist meine Steuererklärung oder eine Förderung für unser Wohnei-

Ulrike Herpich-Behrens:

„Kinder brauchen immer Erwachsene, die sie

schützen, die sie lieben, die für sie sorgen.

Für uns sind das manchmal auch schwule und

lesbische Pflegeeltern.“

Ulrike Herpich-Behrens,

Stadträtin für Schule, Jugend und Sport, Berlin-Schöneberg 4

Die Lebensrealität von Kindern, von Eltern und von erwachsenen Menschen

in einer Stadt wie Berlin besteht nicht ausschließlich aus Vater-Mutter-Kind-Familien.

Die Zunahme von Einelternfamilien, von Patchwork-

Familien aller Art signalisiert ja, dass sich viel verändert hat. Wenn wir

sagen, Familie ist da, wo Kinder sind, dann müssen wir sehen, wie die

Lebenssituation ist, was die Kinder brauchen.

Im Jugendamt Schöneberg vermitteln wir seit einigen Jahren mit zunehmender

Selbstverständlichkeit Pflegekinder zu lesbischen oder schwulen

Paaren. Mitte der 80er Jahre waren wir damit wohl die ersten. Daraus

haben sich inzwischen sieben Pflegestellen entwickelt, zwei schwule Paare

24

25


Politische Statements

und fünf lesbische, von insgesamt etwa 90 Pflegestellen. Anfangs gab es im

Jugendamt auch Diskussionen und Vorbehalte, ob nicht ein Kind zum

Aufwachsen beide Geschlechter bräuchte. Doch das hat sich durch Informationen

und durchweg positive Erfahrungen inzwischen geändert. Es ist

sogar so, dass Kinder aus besonders schwierigen Situationen in diese Pflegestellen

vermittelt werden, weil lesbische und schwule Paare, die sich für

Pflegekinder entscheiden, sich offensichtlich sehr intensiv mit pädagogischen

Fragen auseinandersetzen.

Ida Schillen:

„Das gemeinsame Adoptionsrecht ist die

Messlatte für die Gleichberechtigung von

Lesben und Schwulen, wir setzen uns für

eine Zukunft ohne Familien zweiter

Klasse ein.“

Søren Laursen:

„Die Rechte schwuler und lesbischer Eltern sind

für mich Rechte für Kinder. Unsere Kinder müssen

dieselben Rechte haben wie ihre Spielkameraden.“

Søren Laursen, Dänische Lesben- und Schwulenorganisation (LBL) 5

Unsere Kinder sollen dieselben Rechte haben wie andere Kinder. Mit dieser

Einstellung haben wir es in Dänemark relativ weit gebracht. Mit dieser

Argumentation ist es gelungen, die Stiefkindadoption zu bekommen. 6

Es war schwer für die Politiker zu vertreten, dass Kinder verschieden

behandelt werden sollen. Es ist schwer, so zu argumentieren. Wir haben

aber nicht alles. Auch Dänemark ist kein lesbischer und schwuler Bundesstaat.

Die Politiker denken über Familien sehr konservativ, sie denken, dass

nur eine Vater-Mutter-Kind-Familie eine richtige Familie ist, und alle

anderen sind B-Familien, die sie nicht wollen. Deshalb sind sie immer wieder

gegen uns.

Ida Schillen, Lesben- und Schwulenverband Deutschland 7

Mit der aktuellen Form des Lebenspartnerschaftsgesetzes werden wir die

Gleichberechtigung der Regenbogenfamilie nicht erreichen. Wir haben

lediglich das kleine Sorgerecht, das einige Probleme löst, aber nicht die existenziellen

Probleme, die in jeder anderen, heterosexuellen Familie auch

auftreten, das sind vornehmlich materielle Probleme. Es gibt zwei gravierende

Problembereiche, zum einen die nicht ausreichende Mobilisierung

seitens der Lesben- und Schwulenverbände für das Thema Familie, die

nicht ausreichende Mobilisierung seitens der betroffenen Initiativen, der

Familien- und Kinderverbände und der Frauenpolitikerinnen. Zum anderen

sind es die Abgründe unausgesprochener Unterstellungen, Befürchtungen

und Urängste, die mit diesem Thema verbunden sind. Damit meine

ich erstens eine Art patriarchaler Urangst, dass der heterosexuelle Mann als

Sexual- und Sozialwesen überflüssig werden könnte, die immer wieder von

hochrangigen Männern genannt wird. Diese Verlustangst zeigt sich in dem

irrationalen Argument, dass den Heterofamilien etwas weggenommen

würde, wenn die Homofamilien die gleichen Rechte bekämen. Über diese

Ängste müssen wir reden.

Obwohl es uns um Rechte und nicht um Sexualität geht, schwingt als weitere

Befürchtung immer die absurde Unterstellung mit, dass schwule

Sexualität stets auch pädophile Neigungen beinhalte und deshalb Kinder

26

27


Politische Statements

in solchen Beziehungen besonders gefährdet seien. Aus diesem Grunde

scheuen viele unserer schwulen Kollegen das Thema Familie, aber auch das

müssen wir offensiv angehen.

Die dritte Linie ist die so genannte Weltanschauung, die von SPD wie

CDU gleichermaßen hartnäckig vertreten wird, dass der Staat allein die

Verbindung von Mann und Frau zu schützen habe, und dass dem gegenüber

alle anderen, womit Lesben und Schwule gemeint sind, ungleich

behandelt werden sollen. Ungleich meint dabei schlechter. Man sitzt diesen

Menschen gegenüber und in einer frappierenden Offenheit sagen die:

„Ja, wir wollen, dass Sie als Lesben und Schwule ungleich behandelt werden.

Wir finden das nicht schlimm, sondern wir wollen die Ungleichbehandlung.

Wir wollen die Gleichberechtigung nicht. Das ist unsere Weltanschauung,

darüber können wir nicht diskutieren.“

«Hamburger Ehe»:

Lesbisches Paar erstritt Ortszuschlag für Kinder

Das Bundesarbeitsgericht hat sich erstmals mit der Klage eines lesbischen Paares

mit Kindern auf Ortszuschlag beschäftigt. Kurz vor der Verhandlung vor dem

höchsten deutschen Arbeitsgericht in Erfurt am 28.06.01 lenkte der Arbeitgeber

aber ein und gestand der Klägerin aus Hamburg den erhöhten Ortszuschlag

wegen des Unterhalts für die beiden leiblichen Kinder ihrer Lebensgefährtin zu.

Nach einer Anhörung vor dem sechsten Senat einigten sich die Parteien außergerichtlich.

Sachverhalt

Die «Hamburger Ehe» machte es möglich: Burmeister und ihre Lebensgefährtin

Petra Ruf ließen ihre Partnerschaft eintragen, als der Senat der Hansestadt 1999

ein damals einmaliges Gesetz erließ, dass Schwulen und Lesben erlaubt, ihre

Beziehung bei einem Standesamt registrieren zu lassen. Die Kinder Anna und

Jakob waren 1996 und 1998 nach einer künstlichen Befruchtung geboren worden.

Öffentlicher Arbeitgeber sieht „sittliche Verpflichtung“

Diese «Hamburger Ehe» der beiden Frauen sei für den Arbeitgeber, ein Landeskrankenhaus,

Zeichen für eine sittliche Verpflichtung zum Kindesunterhalt,

erklärte der Anwalt der Gegenpartei. Darum werde der Zuschlag künftig gezahlt.

Für einen öffentlichen Arbeitgeber sei das nach der Gesetzesinitiative des Senats

nur konsequent.

Erstinstanzlicher Erfolg für Klägerin

Die EDV-Fachkraft Silke Burmeister hat mit der Einigung einen Kompromiss

geschlossen, denn sie hatte auch auf Zuschläge für die Jahre vor ihrer „Ehe“ mit

Petra Ruf geklagt und vor dem Hamburger Arbeitsgericht Recht bekommen.

Die arbeitsrechtliche Einigung auf Grund der «Hamburger Ehe» könne auch für

andere Bundesländer ein Modell sein, sagte ihre Anwältin Birgit Schlichtig.

Arbeitgeber hatte mit mangelnder Rechtspflicht zu Unterhalt argumentiert

Der Arbeitgeber war in einer Sprungrevision direkt vor das BAG gezogen. Im

Gegensatz zu der vom Grundgesetz besonders geschützten Ehe und Familie

bestehe in einer gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaft keine Verpflichtung

zu Unterhaltszahlungen, hatte er damals argumentiert. Und moralische Ansprüche

dürften nicht zu Lasten des Arbeitgebers gehen.

Internetredaktion Verlag C. H. Beck, 28. Juni 2001 (dpa).

1 Textauszüge aus der Podiumsdiskussion „Regenbogen oder Aschenputtel – Naht eine Zukunft ohne Familien

zweiter Klasse?“ am 30.9. 2000.

2 Silke Burmeister ist Ansprechpartnerin der im November 2000 gegründeten INITIATIVE LESBISCH-

SCHWULER ELTERN (ILSE) Adresse siehe Anhang.

3 Zum weiteren Verlauf des Arbeitsgerichtsprozesses siehe Kasten diese Seite oben.

4 Ulrike Herpich-Behrens ist seit dem 1.4. 2001 Leiterin des Landesjugendamts Berlin.

5 LBL= Landsforeningen for bösser og lesboske – Forbundet af 1948 – Landesverband für Schwule und Lesben

– Verband von 1948.

6 In Dänemark gibt es seit 1989 die eingetragene Lebenspartnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare und

seit 1.1. 2000 die Möglichkeit, das Kind eines gleichgeschlechtlichen Partners/ einer gleichgeschlechtlichen

Partnerin zu adoptieren ( im heterosexuellen Bereich als Stiefelternadoption bekannt).

7 Ida Schillen ist seit dem 13.7. 2001 Erste Stellvertreterin des Oberbürgermeisters und Senatorin für

Jugend, Kultur, Schule und Sport der Hansestadt Rostock.

28

29


Cornelia Burgert, Lela Lähnemann

Kinderwunsch – Wunschkinder

Insemination und Adoption eröffnen ein Feld ethischer Kontroversen 1

Nach den USA, den Niederlanden und den skandinavischen Ländern gibt

es auch in der Bundesrepublik Deutschland eine zunehmende Zahl lesbischer

Frauen, die sich ihren Kinderwunsch durch Insemination erfüllen.

Die meisten planen das Kind innerhalb einer festen Partnerschaft. Die

Samenspenden bekommen sie aus dem näheren oder weiteren Bekanntenkreis

oder von einer Samenbank im Ausland. Dabei entscheiden sich die

meisten, aber nicht alle, für einen Yes-Spender, dessen Identität das Kind

im Alter von 16 Jahren erfahren kann. In seltenen Fällen planen, zeugen

und erziehen Lesben und Schwule gemeinsam ein Kind. Wenige Lesben

und Schwule haben als Einzelperson ein Kind aus dem Ausland adoptiert

– dies auch meist mit der Unterstützung einer Partnerin bzw. eines Partners,

mit der/dem sie die Erziehungsverantwortung teilen.

Lela Lähnemann

Lesben und Schwule, die sich ihren Kinderwunsch durch Insemination

oder Adoption erfüllen wollen, sind schon bei den ersten Überlegungen

und Planungen mit ethischen Fragen konfrontiert, die häufig sehr emotional

diskutiert werden.

Einige zentrale Fragen werden im Folgenden erörtert:

Muss ein Kind wissen, wer sein biologischer Vater ist?

Gemäß der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen von 1989 hat

31


Cornalia Bugert, Lela Lähnemann

ein Kind „soweit möglich, das Recht, seine Eltern zu kennen und von

ihnen betreut zu werden.“ 2 Dazu einige Stimmen aus der Diskussion, die

deutlich machen, wie sehr der eigene Standpunkt von lebensgeschichtlichen

Erfahrungen geprägt ist:

Stephan 3 , 37 Jahre, wuchs bei Adoptiveltern auf: „Ich habe mich noch nie

dafür interessiert, wer meine leiblichen Eltern waren.“

Elke, 32 Jahre, eine durch Insemination gezeugte siebenjährige Tochter:

„Als meine Tochter vier Jahre alt war, wollte sie unbedingt wissen, wer ihr

Vater ist. Damals waren in ihrem Kinderladen die Väter sehr präsent und sie

wollte unbedingt auch einen Papa haben. Ich habe dann ein Treffen mit dem

Samenspender arrangiert, obwohl ich das ursprünglich nicht vor hatte. Seitdem

ist meine Tochter beruhigt, auch wenn sie ihn selten sieht. Es ist inzwischen

kein großes Thema mehr für sie.“

Annette, 29 Jahre, mit ihrer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen: „Für

mich ist es ein Problem, dass mir meine Mutter keine Auskunft über meinen

Vater geben konnte oder wollte. Ich zerbreche nicht daran, aber es ist für mich

ein Lebensthema.“

Isabella, 31 Jahre, Mutter zweier durch Insemination mit anonymer

Samenspende gezeugten zweijährigen Töchter: „Ich werde meinen Kindern

die Wahrheit sagen, und die Wahrheit ist, dass ich nicht weiß, wer ihr biologischer

Vater ist.“

In einer Diskussion zwischen Lesben und Schwulen um die Frage der Anonymität

des Samenspenders ging es um den „richtigen“ – d. h. den politisch

und moralisch korrekten – Weg zu einer Familie. Konsens war, dass

es diesen nicht gibt, sondern dass jede/jeder auf Grund der eigenen Biographie

bestimmte Entscheidungen trifft, die zu einem anderen Zeitpunkt

im Leben vielleicht anders getroffen worden wären. Die Reflexion der eigenen

Position und Entscheidung und die Bereitschaft, diese auch den Kindern

später klar zu vermitteln, erschien allen wichtig. Eine Orientierung

könnte sein, dass bei bestimmten Entscheidungen den zukünftigen Eltern

plausibel erscheint, dass die Kinder später als zunehmend mündig wer-

dende Erwachsene diese billigen werden. 4 Es soll vor allem keine Lügen

und Geheimnisse geben!

Angesichts der Nichtzulassung von Lesben und alleinstehenden Frauen zur

heterologen Insemination 5 in der Bundesrepublik Deutschland entstehen

und bestehen für Lesben mit Kinderwunsch Schwierigkeiten, Risiken und

Ängste: Es ist durchaus nicht einfach, durch private Kontakte einen

Samenspender zu finden. Verbunden damit sind gesundheitliche Risiken

(HIV/Aids, Erbkrankheiten), die größer sind als bei einer kontrollierten

Samenspende von einer Samenbank. Unsicherheiten auf Grund nicht

getroffener bzw. rechtlich nicht möglicher vertraglicher Absprachen führen

zu psychischen Belastungen. Bei Samenspenden von einer ausländischen

Samenbank entstehen hohe Kosten, zeitliche Belastungen (z. B. wiederholte

Reisen in die Niederlande zur Zeit des Eisprungs) und ebenfalls psychologischer

Stress und Befürchtungen, etwas Verbotenes zu tun.

Für Lesben und Schwule kann ein unerfüllter Kinderwunsch wie für

kinderlose Heterosexuelle eine starke psychische Belastung darstellen: Lesben,

die trotz häufiger Inseminationsversuche nicht schwanger werden,

Schwule, die keine Partnerin zur Realisierung biologischer Elternschaft finden,

brauchen möglicherweise ebenso psychologische Unterstützung wie

unerwünscht kinderlose heterosexuelle Frauen und Männer.

Braucht ein Kind zumindest einen (sozialen) Vater und

eine (soziale) Mutter?

Dies ist eine psychologische Frage, die ebenfalls sehr emotional diskutiert

wird. Untersuchungen zeigen, dass sich Kinder in Zwei-Väter- oder Zwei-

Mütterfamilien nicht anders entwickeln als Kinder heterosexueller Eltern:

Im Geschlechtsrollenverhalten, der Entwicklung ihrer sexuellen Orientierung

und der sozialen Integration unterscheiden sich die Kinder nicht voneinander.

6 In der Praxis sind diese Familien allerdings immer wieder damit

konfrontiert, dass ihr Familienleben mit klassischen Familien- und Rollenkonzepten

verglichen wird. Sie gestalten ihren Familienalltag mehr oder

weniger in Anlehnung oder in Abgrenzung zu diesen Konzepten: z.B. hal-

32

33


Cornalia Bugert, Lela Lähnemann

ten manche es für wichtig, dass zwei erwachsene Bezugspersonen vorhanden

sind; andere halten einen gewissen Kontakt zu männlichen Bezugspersonen

für unerlässlich. Co-Mütter stellen fest, dass sie für die Kinder eine

andere Rolle spielen als die leiblichen Mütter, ohne jedoch dabei eine klassische

Vaterrolle einzunehmen.

Lesbische Mütter und schwule Väter sorgen meist dafür, dass ihre Kinder

viele verschiedene erwachsene Bezugspersonen haben. Väter decken nicht

automatisch andere Bedürfnisse ab als Mütter. Von Bedeutung ist, was

Kindern über das andere Geschlecht vermittelt wird. Kinder suchen sich

männliche und weibliche Bezugspersonen, die Eltern können sie dabei

unterstützen. Ein gesellschaftliches und pädagogisches Problem ist es,

wenn die Nicht-Anwesenheit eines Vaters immer wieder als Defizit vermittelt

wird.

Zitat aus einer Kindersendung eines öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders,

März 2001:

Der Moderator fragt den siebenjährigen Thomas zum Thema Umweltschutz:

„Wenn dein Papa das Auto wäscht, soll er das auf der Straße

oder in der Waschanlage machen?“

Thomas: „Wir haben kein Auto“ (etwas leiser): „Wir haben keinen Papa“.

Moderator: „Oh, das ist aber schade!“

– ohne Kommentar –

Sollen Lesben- und Schwulenpaare gemeinsam Kinder adoptieren

können?

„In der Bundesrepublik Deutschland können Ehepaare ein Kind gemeinsam

adoptieren. Wer nicht verheiratet ist, kann ein Kind allein annehmen

(BGB §1741).“

Es ist für Lesben und Schwule möglich, ein Kind als Einzelperson zu adoptieren.

In der Praxis ist dies allerdings bisher ein seltener Fall. Auf ein in

Deutschland zur Adoption frei gegebenes Kind kommen zehn adoptions-

willige Ehepaare – eine Vermittlung dieser Kinder an alleinstehende und

gleichgeschlechtliche Paare ist nicht zu erwarten. Auch die Vermittlung

von Auslandsadoptionen ist bisher eher eine Ausnahme. Wenn Lesben oder

Schwule ein Kind über eine internationale Organisation aus dem Ausland

adoptieren wollen, fordert diese Organisation bei der Adoptionsvermittlungsstelle

am Wohnort des Bewerbers/ der Bewerberin einen Sozialbericht

über dessen Eignung an. Einige Adoptionsvermittlungsstellen sind inzwischen

aufgeschlossen für die Bewerbungen von adoptionswilligen Lesben

und Schwulen.

Lesben und Schwule, die ein Kind aus dem Ausland adoptieren wollen,

sehen sich – wie Heterosexuelle auch – mit der Frage konfrontiert, ob Auslandsadoptionen

einen Handel mit Kindern provozieren. Dem gegenüber

steht das Wissen, dass weltweit Millionen Kinder ohne Eltern in Heimen

oder auf der Straße aufwachsen. Internationale Adoptionsvermittlungsstellen

bemühen sich um strenge Kriterien.

Zusätzlich müssen sich adoptionswillige Lesben und Schwule mit der

Frage auseinander setzen, wie viel „Anderssein“ und damit Minderheitenstatus

und mögliche Diskriminierung sie ihren Kindern zumuten können.

Rolf Bach, Leiter der gemeinsamen zentralen Adoptionsstelle der

norddeutschen Länder:

„Wir haben in Hamburg schon bei mehreren Lesben, die Kinder aus

dem Ausland aufnehmen wollten, deren Eignung für die Adoption

festgestellt. Als zwei Lesben aus einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein

ein dunkelhäutiges Kind adoptieren wollten, haben wir ihnen

geraten, genau zu überlegen, ob das soziale Umfeld diese Entscheidung

akzeptieren und das Kind unterstützen würde, oder ob sie in einer solchen

Familienkonstellation nicht besser in einer Großstadt leben, in der

Multikulturalität und Vielfalt von Lebensformen weitgehend akzeptiert

sind.“

34

35


Cornalia Bugert, Lela Lähnemann

Auch in der Frage, ob es gleichgeschlechtlichen Paaren ermöglicht werden

soll, gemeinsam ein Kind anzunehmen, geht es um das Kindeswohl. Im

Einzelfall kann es bedeuten, dass zwei voll verantwortliche erwachsene

Bezugspersonen besser für ein Kind sorgen können als eine und die

gemeinsame Adoption deshalb dem Kindeswohl dient. Wenn sich Adoptionsvermittlungsstellen,

Politiker/innen und der Gesetzgeber mehr mit der

Eignung von Lesben und Schwulenpaaren als Adoptiveltern auseinandersetzen

wollen, können sie inzwischen auf Erfahrungen mit Lesben und

Schwulen als Pflegeeltern 7 und auf Erfahrungen aus anderen Ländern

zurückgreifen: Ein gemeinsames Adoptionsrecht haben gleichgeschlechtliche

Paare in den Niederlanden und in einigen Staaten der USA und Kanadas.

In Dänemark ist seit 2000 die Stiefkindadoption möglich, wodurch

insbesondere die Familiensituation von Inseminationskindern rechtlich

abgesichert werden kann.

Cornelia Burgert ist Diplomsozialpädagogin und Mitarbeiterin des Feministischen

Frauen Gesundheits Zentrums Berlin. Sie berät dort seit 1990 Lesben

mit Kinderwunsch.

Lela Lähnemann ist Diplompädagogin und Leiterin des Fachbereichs für gleichgeschlechtliche

Lebensweisen der Senatsverwaltung Schule, Jugend und Sport,

Berlin.

1 Ergebnisse der gleichnamigen Arbeitsgruppe bei der Fachveranstaltung „Regenbogenfamilien“ am

30.09.2000 unter Leitung von Ulrike Hempel, Jugendnetzwerk Lambda und den beiden Autorinnen.

2 Übereinkommen über die Rechte des Kindes, für Deutschland in Kraft getreten am 05.04.1992,

Artikel 7 (1).

3 Namen sind geändert.

4 S. Uwe Sielert: „Wenn Kinder von Schwulen und Lesben erzogen werden“ in: Rundbrief Nr. 3/2000 der

gemeinsamen zentralen Adoptionsstelle der Länder Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein

5 D.h. mit Sperma von einem Spender, der nicht der Ehemann oder Partner der Frau ist.

6 Deutschsprachige Rezeptionen amerikanischer Forschungsergebnisse in: Helmut Kentler: Leihväter, Reinbek

1989. Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation Nr. 16, Lela Lähnemann: „Lesben und Schwule

mit Kindern, Kinder homosexueller Eltern“, Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport, Berlin, 1997.

Ministerium für Frauen, Jugend, Familie und Gesundheit des Landes Nordrhein-Westfalen: „Lesben –

Schwule – Kinder“, Düsseldorf, 2000. Prof. Dr. Dr. Dr. Wassilios E. Fthenakis: Gleichgeschlechtliche

Lebensgemeinschaften und kindliche Entwicklung, in: Basedow, Jürgen; Hopt, Klaus J.; Kötz, Hein und

Dopffel, Peter (Hrsg.): Die Rechtsstellung gleichgeschlechtlicher Lebensgemeinschaften“, Max-Plank-

Institut für ausländisches und internationales Privatrecht, Beiträge zum ausländischen und internationalen

Privatrecht 70, Mohr Siebeck 2000.

7 Siehe: Cordula de la Camp: Zwei Pflegemütter für Bianca, 2001.

36

37


Gabriele Kämper

Familien-Aufbruch mit Zukunft?

Erfinden gleichgeschlechtliche Paare die demokratische Familie? 1

Gabriele Kämper

Die Familie ist in der Krise und in der Diskussion. Veränderungen im Arbeitsleben,

in der Organisation des Zusammenlebens mit Kindern und im

Rollenverständnis von Frauen und Männern einerseits, feststellbare Probleme

von Kindern und Jugendlichen wie Gewalttätigkeit, Orientierungslosigkeit

und Drogensüchte andererseits führen immer wieder zu einer

Diskussion über die Aufgaben, die Bedeutung und die Förderung von

Familie. Dem staatlich geförderten Ideal der Familie mit männlichem

Ernährer und weiblicher Hausfrau steht die zunehmend plurale Realität

von Familie entgegen, gekennzeichnet vor allem durch die Forderung von

Frauen, am Erwerbsleben teilzuhaben. Kinderbetreuungssysteme wie auch

staatliche Förderung hinken diesen Forderungen hinterher. So wird heftig

darüber diskutiert, was Familie leisten kann, soll und muss. Neben der

neu aufgekommenen Debatte um niedrige Geburtenzahlen bleibt die

grundsätzliche Frage, wie Familie aussehen kann, um den Ansprüchen von

Menschen verschiedenen Alters und Geschlechts gerecht zu werden. Die

gerechte Verteilung von Macht und Ressourcen innerhalb der Familie, die

Aufteilung von Erwerbs-, Reproduktions- und Erziehungsarbeit, der Anspruch

auf Selbstentfaltung aller Familienmitglieder und eine Familienkultur,

die auf gegenseitigem Respekt und dem friedlichen Austragen von

Konflikten beruht – all das sind Erwartungen an Familie, denen ein patriarchalisches

und autoritäres Familienmodell, das auf geschlechtlicher

Arbeitsteilung und Rollenzuschreibungen basiert, nicht gerecht wird.

39


Gabriele Kämper

Die Auseinandersetzung um Familie und innerhalb der Familie ist vor

allem ein geschlechterpolitisches Feld, auf dem die Aufgaben, Rechte und

Pflichten sowie die Machtpotentiale von Männern und Frauen verhandelt

werden. In Familien mit gleichgeschlechtlichen Eltern fällt die automatische

Rollenaufteilung weg – notwendigerweise entsteht ein Aushandlungsprozess

darüber, wie die Familie sich organisieren will. Familien mit gleichgeschlechtlichen

Elternteilen stehen also vor der Chance und auch der

Notwendigkeit, andere als die tradierten Formen und Konflikte zu leben,

Rollenzuweisungen aufzubrechen, Macht und Kompetenzen in der Familie

nicht geschlechtsrollentypisch zu verteilen. Damit können sie Formen

einer demokratischen Familie einüben, die für ein verändertes Familienbild

und -leben insgesamt hilfreich sein können.

Das Aufbrechen von Geschlechterrollen und das Aushandeln von Arbeitsverteilung

und anderen Fragen des Zusammenlebens kann Kindern ein

offenes und vielfältiges Rollenangebot bieten und es kann das selbstverständliche

Erlernen demokratischer Umgangsformen unterstützen. Damit

kann die in der Regel innerhalb der Familie immer wieder neu reproduzierte

geschlechtsstereotype Arbeitsteilung im Erwerbs-, Haushalts- und

emotionalen Bereich aufgehoben werden. Mädchen und Jungen ist somit

erlaubt, freier von Einschränkungen durch Geschlechtsrollenstereotype

aufzuwachsen.

Ausgehend von den Erfahrungen gleichgeschlechtlicher, bi- und transsexueller

Eltern soll diskutiert werden, inwieweit der Alltag in den Regenbogenfamilien

tatsächlich demokratischer gelebt wird als in herkömmlichen

Familien. Die vielfältige Ausgestaltung der Regenbogenfamilien, die von

der Einelternfamilie über das Zusammenleben eines Elternteils mit Kindern

und Partner/in bis hin zum gemeinsamen Aufziehen eines in der Partnerschaft

geborenen Inseminationskindes reicht, bestätigt zunächst die

Ausgangsthese, dass in Regenbogenfamilien keine Rollenverteilung selbstverständlich

ist und sich „wie von allein“ versteht. Die große Vielfalt der

möglichen Elternpositionen verbietet genauso den Entwurf einer idealen

Grundstruktur für diese Familien. Allgemein akzeptiert wird der Anspruch,

dass die Familienstruktur möglichst allen Beteiligten gerecht werden

soll. Grundlegend für ein demokratisches Miteinander der erwachse-

nen Mitglieder der Familie ist deren Rechtsgleichheit, die den Eltern in

Regenbogenfamilien jedoch weitgehend vorenthalten ist. Demokratie ist

also nicht nur als internes Organisationsprinzip, sondern auch als eine von

der Gesellschaft bzw. dem Gesetz vorgegebene Ausgangsbasis zu verstehen

und zu thematisieren. Durch die gesetzliche Ungleichheit gleichgeschlechtlicher

Elternpaare gegenüber heterosexuellen Elternpaaren bestimmt der

Staat zum Teil entscheidend über das Innenleben der Regenbogenfamilien

mit, denen damit nicht nur Rechte, sondern auch Gestaltungsmöglichkeiten

entzogen werden. Diese Ungleichbehandlung wirkt sich zum Teil

auch in der finanziellen Behandlung seitens des Staates aus, (s. Beitrag

Silke Burmeister) wodurch eine unmittelbare Benachteiligung der Kinder

in diesen Familien gegeben ist. Gerade die Ungleichbehandlung von Kindern

wird jedoch als unannehmbar und mit dem Grundgesetz nicht vereinbar

erachtet.

Ein weiterer in die Familien hineinragender Umstand ist ein teilweise als

diskriminierend wahrgenommenes gesellschaftliches Umfeld, das Wahrnehmungen

und Wertungen nach einer heterosexuellen Matrix vornimmt

und entsprechend auf Regenbogenfamilien reagiert. Wenn beispielsweise

in Schulen oder Kitas ignoriert wird, dass ein Co-Vater gleichermaßen Verantwortung

für seine Kinder trägt, und diesem keine elterliche Autorität

zuerkannt wird, dann spielt das auch in der innerfamiliären Positionierung

und Aufgabenverteilung eine Rolle. Die gesetzliche Anerkennung gemeinsamer

Elternschaft ist auch in diesem Fall das geeignete Instrument, der

gemeinsamen elterlichen Verantwortung auch in den Außenbeziehungen

der Familie zu Recht und Ausdruck zu verhelfen.

Die Diskussion innerfamiliärer Strukturen und Entscheidungsprozesse bestätigte,

dass der Wegfall der selbstverständlichen Rollenerwartungen des

zweigeschlechtlichen Familienmodells zu einem gleichwertigen Miteinander

der Partnerinnen bzw. Partner führt, unabhängig davon, in welcher

Intensität sich diese als gemeinsame Eltern verstehen. Der Grundsatz, jedes

Familienmitglied als Individuum mit eigenen, gerechtfertigten Interessen zu

respektieren und auf dieser Basis die Familienorganisation auszuhandeln,

bestimmt die Herangehensweise in den Familien. Das schließt nicht aus, dass

als Ergebnis eines solchen Prozesses ein scheinbar traditionelles Familien-

40

41


Gabriele Kämper

modell steht, bei dem eine Partnerin den Lebensunterhalt für die Kinder

und ihre Partnerin verdient, während diese sich um die Hausarbeit und die

Erziehung kümmert. Die Zufriedenheit mit den jeweils gewählten Familienformen

wurde allgemein als sehr groß angegeben, wobei die Gleichwertigkeit

der Partner/innen und ihrer jeweiligen Interessen wie auch die potentielle

Veränderbarkeit des praktizierten Modells hervorgehoben wurden.

Eine entscheidende Funktion für den familiären Alltag und die Organisation

der Familie kommt darüber hinaus dem Geld zu. Regenbogenfamilien

sind gegenüber gesetzlich anerkannten Familienformen ökonomisch oft

erheblich benachteiligt. So werden z.T. erhebliche Unterhaltsleistungen

vom Finanzamt nicht anerkannt und bei der Steuerfestsetzung nicht

berücksichtigt; kindergebundene Ortszuschläge nicht gezahlt, die Förderung

des Wohneigentums, eine der wichtigsten Säulen der Familienförderung,

den Regenbogenfamilien vorenthalten. Der Staat verweigert damit

den Kindern, die in einer Regenbogenfamilie aufwachsen, wichtige Förderungen,

die für andere Kinder selbstverständlich sind. Die Nichtanerkennung

der Regenbogenfamilien und der von ihnen geleisteten Erziehungsarbeit

führt zu finanzieller Benachteiligung und damit zu einer

ungerechtfertigten Ungleichbehandlung, deren Opfer in erster Linie die

Kinder als die eigentlichen Adressaten staatlicher Familienförderung sind.

Aber auch die Eltern und der familiäre Alltag können von finanziellen Sorgen

erheblich belastet werden. Wie andere gesetzliche Formen der Nichtanerkennung

gleichgeschlechtlicher Elternschaft spielt auch das Fehlen der

gegenseitigen Altersabsicherung im Rahmen der gesetzlichen Rente eine

bedeutende Rolle bei der Frage der Familienorganisation. In der Praxis

bedeutet z.B. die Aufgabe der Erwerbsarbeit zu Zwecken der Kindererziehung

für einen nichtleiblichen Elternteil, auf jede Form der Altersvorsorge

für diese Zeit zu verzichten. Diese Problematik findet durch das Lebenspartnerschaftsgesetz

nur zu Teilen und unbefriedigende Abhilfe.

Aufgrund der großen Bandbreite möglicher Familienformen erscheint eine

Rechtsgleichheit analog und ausschließlich zur Elternschaft in der Ehe

nicht unbedingt opportun. Gefragt ist ein gesetzlicher Rahmen, der als

erstes Kriterium die Gleichbehandlung aller Kinder unabhängig von der

Art der Elternschaft gewährleistet. Zum zweiten muss Erziehungsverant-

wortung und -arbeit ebenfalls unabhängig von der Art der Elternschaft

anerkannt werden. Das bedeutet die Anerkennung nichtleiblicher Elternschaft,

also die Regelung des Verwandtschaftsverhältnisses, und die Öffnung

aller familienpolitischen Leistungen auch für Eltern, die in Regenbogenfamilien

Verantwortung übernehmen. Regenbogenfamilie bedeutet

oft, dass familiäre Verantwortung ohne verwandtschaftliche Beziehung

(und Verpflichtung!) übernommen wird – ein Phänomen, das historisch

nicht neu ist, im Zuge der zunehmenden Verrechtlichung von Familie

jedoch zu ungeregelten, ungesicherten und gesetzlich diskriminierten Verhältnissen

führt. Die Praxis vieler Regenbogenfamilien, über die engere

Familie hinaus ein dichtes Netz an großfamiliären Beziehungen zu pflegen,

das sich nicht nur auf die Herkunftsfamilien bezieht, führte auch zu der

Diskussion, inwieweit Familienformen über die Ein- oder Zweielternfamilie

hinaus rechtliche Anerkennung finden sollten. Trotz der Komplexität,

die solche Überlegungen aufwerfen, stellt sich die Frage, inwieweit nicht

tatsächlich verantwortliche Beziehungen, die zunehmend außerhalb verwandtschaftlicher

Netze entstehen, familienpolitischen Regelungsbedarf

aufwerfen. Diese Frage zielt allerdings über Regenbogenfamilien hinaus

und spielt auch für herkömmliche Familien und deren Tendenz zur Patchworkfamilie

eine Rolle.

Ein weiterer interessanter Aspekt schwuler, lesbischer, bi- und transsexueller

Elternschaft verweist auf die lebensgeschichtlichen Erfahrungen der

Eltern selbst. Diese Eltern haben in der Regel, gezwungen durch die

Umstände ihres Coming-Outs, gelernt, sich in Bezug auf die Gesellschaft,

bzw. auf die Gruppe als anders wahrzunehmen. Dieser Prozess, vor allem,

wenn er bereits in der Pubertät einsetzt, führt meistens zu starken Erschütterungen

der Selbstwahrnehmung, zu Zweifeln, Ängsten und schließlich zu

Selbstannahme und Respekt vor der eigenen Lebensform. Auch wenn die

gesellschaftlichen Umstände des Coming-Outs Jugendlicher in den letzten

Jahren und Jahrzehnten einfacher geworden sind, bleibt dieser Prozess dennoch

einer, der eine stärkere kritische und selbstreflexive Wahrnehmung

erfordert als allgemein üblich. Ohne diese Prozesse pauschal zu bewerten,

kann dennoch vermutet werden, dass darin besondere Potentiale für Kommunikations-

und Konfliktbereitschaft gründen können, die für eine

demokratische Ausgestaltung des intimen Raums Familie erforderlich sind.

42

43


Gabriele Kämper

Der Familienalltag in den Regenbogenfamilien, so lässt sich abschließend

zusammenfassen, ist von einem hohen Grad an gegenseitigem Verständnis

und Respekt und der Bereitschaft zu einem gleichberechtigten Aushandeln

unterschiedlicher Interessen geprägt. Nicht der Nachvollzug vorgegebener

Rollen, sondern die Akzeptanz von Verschiedenheit und die Übernahme

von Verantwortung bestimmen das familiäre Miteinander. Regenbogenfamilien

sind starken Belastungen ausgesetzt. Dazu gehören vor allem die

beträchtlichen rechtlichen, ökonomischen und oft auch sozialen Diskriminierungen

sowie die Rechtlosigkeit untereinander, gegenüber Dritten und

gegenüber dem Staat. Es ist daher besonders beachtlich, dass gleichgeschlechtliche,

bi- und transsexuelle Eltern trotzdem partnerschaftliche und

demokratische Familienmodelle leben, die häufig von ausgesprochener

Reflexions- und Kommunikationsbereitschaft, Zuverlässigkeit und Gewaltfreiheit

geprägt sind.

Gabriele Kämper ist Literaturwissenschaftlerin und Referentin für Öffentlichkeitsarbeit

Frauenpolitik der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und

Frauen, Berlin.

1 Ergebnisse der gleichnamigen Arbeitsgruppe bei der Fachveranstaltung „Regenbogenfamilien“ am

30.09.2000 unter Leitung von Jana Tzschorn, Elterngruppe „Love makes a family“ und der Autorin.

44

45


Töchter und Söhne von Lesben und Schwulen

Seid nicht so feige!

Aufforderung an die Eltern 1

In einer sehr lebendigen und offenen Diskussion sprachen elf- bis neunzehnjährige

Mädchen und Jungen über ihre Erfahrungen. Beteiligt waren

ein Mädchen und sieben Jungen; drei von ihnen haben eine lesbische Mutter,

zwei schwule Väter; einer lebt in einer Jugend-Wohngemeinschaft mit

einem schwulen Erzieher und einer nahm einfach aus Interesse teil. Sie

kamen zu folgenden Ergebnissen:

Vor allem fehlt den Jugendlichen der Austausch mit anderen Jugendlichen,

die in der gleichen Situation sind wie sie. Übereinstimmend sagen alle,

dass sie Schwierigkeiten haben, Kontakt zu anderen Jugendlichen aufzunehmen,

die auch homosexuelle Eltern haben, da sie nicht wissen, wie sie

diesen herstellen können. Kontakt besteht zwar teilweise durch die Eltern,

die Freundschaften zu anderen homosexuellen Eltern aufgebaut haben,

aber im direkten Lebensumfeld, wie zum Beispiel der Schule, fehlen Austauschmöglichkeiten.

Dort fühlen sich alle alleine mit ihrer Problematik.

Sie haben das Gefühl, die Einzigen an ihrer Schule und im Freundinnenkreis

zu sein, die homosexuelle Eltern haben. Dieses Gefühl hat sich so tief

eingegraben, dass es ihnen kaum vorstellbar erscheint, dass auch andere

Jugendliche, z.B. an der Schule, homosexuelle Eltern haben. 2

Die Jugendlichen haben Probleme damit, dass in der Schule Homosexualität

noch immer kaum thematisiert wird. Sie sehen sich in der Rolle der

„AufklärerInnen“ gegenüber Freundinnen und Freunden. Hier fühlen sie

sich auch von ihren Eltern wenig unterstützt und sie sind wütend über die

47


Töchter und Söhne von Lesben und Schwulen

„Feigheit“ ihrer Eltern. Credo der Diskussion war, dass sie sich wünschen,

dass ihre Eltern offensiver mit ihrer Homosexualität umgehen, sich offener

im Familienkreis, in der Schule und in der gesamten Umwelt zeigen. So hätten

sie auch selbst die Möglichkeit, offener über ihre Familie zu reden und

sich mit anderen darüber auseinander zu setzen. Auch könnten sie dann

leichter erkennen, welche Jugendlichen in der gleichen Situation sind.

Mit Problemen und Vorurteilen, die ihnen entgegenschlagen, gehen sie

offensiv um. Die Jugendlichen meinen, dass die meisten Vorurteile – vorwiegend

von Gleichaltrigen in der Schule – auf Grund von Unwissenheit

bestehen. Sie haben keine Lust, ständig Homosexualität zu erklären und

wünschen sich, dass viel mehr Aufklärung durch die Erwachsenen geschieht.

Statements der Jugendlichen:

Was uns ärgert:

– dass ich nicht mit allen Jugendlichen über meine Probleme und mein

Leben reden kann.

– dass ich nicht mit meinem Vater und meinen Großeltern über

meine Probleme reden kann.

– dass ich für meine Omi lügen muss, weil sie nicht will (es ihr peinlich

ist), dass ihre Freunde davon erfahren.

– dass mein Vater sich nie mit der Freundin von meiner Mutter bekannt

machen will.

– dass meine Mutter sich manchmal mir gegenüber zickig benimmt, wenn

sie bei ihrer Freundin ist.

– Ich find’s dumm von meiner Mutter und ihrer Freundin, dass es ihnen

peinlich ist und sie sich nicht trauen, einen Regenbogenaufkleber auf das

Auto zu kleben. Sie haben Angst, dass es von Nazis oder anderen demoliert

wird.

Was wir uns wünschen:

– dass das Privatleben von jedem Menschen akzeptiert wird!

– dass jeder Mensch gleiche Rechte und Pflichten hat, egal in welcher

Situation.

– dass die Lesben und Schwulen akzeptiert werden und nicht mehr kritisiert

werden.

– dass man überall und mit jedem über Schwule und Lesben reden kann!

Dass es normal wird, homosexuell zu sein.

– ich würde es gerecht finden, wenn auch Homosexuelle heiraten dürften.

– ein schwuler Bundeskanzler / eine lesbische Bundeskanzlerin.

– dass es einen Bezirk für Homosexuelle in Berlin gibt, so wie in Las Vegas.

– dass in Deutschland besser mit Homosexuellen umgegangen wird.

– dass Homosexualität in allen Medien als „normal“ dargestellt wird.

– ein Antidiskriminierungsgesetz.

– dass es neben dem bereits existierenden Bundestag noch einen zweiten

homosexuellen Bundestag gibt, der diesen kontrolliert und korrigiert.

1 Ergebnisse der Arbeitsgruppe „Echt krass oder mega-cool ? wenn Eltern andersrum sind – eine Gruppe für

Töchter und Söhne ab ca. 10 Jahren“ auf der Fachveranstaltung Regenbogenfamilien am 30.9.2000. Die

Leitung der AG hatten Ingrid Schellhorn und Andreas Ketterl. Die Einladung zu dieser AG, die über die

lesbisch-schwulen Medien, aber auch über Medien und Einrichtungen der Jugendhilfe verbreitet wurde,

ist im Anhang Seite 99 dokumentiert.

2 In den USA gibt es eine Jugendorganisation „Colage = Children of Lesbians and Gays Everywhere“

(Adresse und website siehe Anhang).

48

49


Thomas Hofsäss

Thomas Hofsäss

Zur aktuellen Situation von Regenbogenfamilien

Ergebnisse einer Umfrage

Anlässlich der Fachtagung „Regenbogenfamilien“ wurden die Teilnehmerinnen

und Teilnehmer gebeten, einen 3-seitigen Fragebogen zu ihrer

Lebens- und Familiensituation, Erfahrungen, Problemen und Wünschen

auszufüllen. Ziel der Umfrage war es, heraus zu finden, welches die zentralen

Themen und Probleme von Familien sind, in denen mindestens ein

Elternteil sich als lesbisch, schwul, bisexuell oder transsexuell kennzeichnet,

und ggf. Folgerungen für das staatliche Handeln daraus ab zu leiten. 1

Bei ca. 120 Besucherinnen und Besuchern betrug der Rücklauf 54 Fragebögen,

also 45%. Ein Teil der Tagungsteilnehmer/innen waren pädagogische

Fachkräfte und Vertreter/innen aus Politik und Verwaltung, die sich

nicht an der Umfrage beteiligten. 16 Fragebögen wurden darüber hinaus

von Eltern eingereicht, die nicht die Fachtagung besucht haben, aber am

Inhalt des Fragebogens interessiert waren. Die Ergebnisse dieser Fragebögen

werden bei der Auswertung nicht gesondert ausgewiesen.

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer: Zusammensetzung

Es konnten somit insgesamt 70 Fragebögen ausgewertet werden 2 . Geantwortet

haben 59 Frauen und 12 Männer im Alter von 20 bis 60 Jahren. 3

Es beteiligten sich: 24 Mütter (davon eine Adoptivmutter und 5, die

gleichzeitig Co-Mütter sind), 18 weitere Co-Mütter, 7 Pflegemütter, 4

Väter, 4 Pflegeväter und ein Co-Vater. 13 Personen nannten keine eigene

51


Thomas Hofsäss

Elternrolle, sondern antworteten als Lesben (6) und Schwule (2) mit Kinderwunsch

oder aus anderen Gründen Interessierte (5).

Die meisten befragten Eltern (51 von insgesamt 58 Eltern) leben mit den

Kindern in einem Haushalt; darunter sind 27 Ein-Kind-Familien; 15 Familien

mit zwei Kindern; 6 mit drei und 3 mit vier Kindern.

Das heißt:

Homosexuelle Elternschaft ist vor allem ein Frauen- /Lesbenthema.

Zusammensetzung der Teilnehmer/innen

aus anderen Gründen interessiert

Schwule mit Kinderwunsch

Vater

Co-Vater

Pflegevater

Lesben mit Kinderwunsch

Pflegemütter

1%

6%

6%

3%

8%

7%

Die Auswertung der Fragen 3, 6, 9 und 10 zeigt, dass Kindererziehung

auch in gleichgeschlechtlichen Familienkonstellationen überwiegend von

Frauen realisiert wird und die Fragestellung nach einer realen künftigen

Familiengründung auch deutlich ein frauenbezogenes Thema ist. Erziehungsarbeit

in sogenannten Regenbogenfamilien ist nach der vorliegenden

Befragung vor allem Frauenarbeit. Familienkonstellationen, in denen sich

10%

34%

25%

Mütter

Co-Mütter

ein gelebter Alltag eines Lesben- und eines Schwulenpaares mit gemeinsamen

Kindern zeigen könnte, sind bei der Befragung nicht ermittelt worden.

Auch wenn die Zahl der schwulen Väter, Co-väter und Pfegeväter

vergleichsweise gering ist, ist deren besondere Situation nicht zu vernachlässigen.

Motive

Als Motive für den Besuch der Veranstaltung wurden (bei möglichen

Mehrfachnennungen) genannt: „Anregungen für Fragen im Alltag“ (50%);

„Informationen wegen eines eigenen Kinderwunsches erfragen“ (52,9%),

„sich politisch einsetzen“ (51,4%) und „andere Eltern in einer ähnlichen

Situation kennenlernen“ (41,4%).

Die regelmäßige Teilnahme an einer Elterngruppe können 16% der Befragten

bejahen; 84% verneinen diese Frage. Die Bereitschaft für ein ausführliches

persönliches Interview über die Lebens- und Familiensituation wird

von 64% (46) der Befragten ausgedrückt.

Das heißt:

Es gibt ein großes Bedürfnis nach Kontakt und Austausch.

Der Kreis der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Fachtagung, nämlich

überwiegend aktuelle und zukünftige Mütter und Väter, die sich einer

Familienkonstellation zuschreiben lassen, die sich als „Regenbogenfamilie“

kennzeichnen lässt, wurde nur zu einem kleinen Teil über die bestehenden

Elterngruppen gewonnen. Insofern war es für eine Mehrzahl der Teilnehmerinnen

und Teilnehmer eine erste Möglichkeit, mit anderen Familien

vergleichbarer Konstellationen zusammenzukommen. Das Bedürfnis nach

Information und Austausch konnte als wesentliches Teilziel der Veranstaltung

erreicht werden. Der hohe Anteil derjenigen, die im Anschluss an

diese Befragung zu einem ausführlichen Interview bereit waren, zeigt, dass

ein hohes Mitteilungsbedürfnis über die eigene Lebens- und Familiensituation

besteht, dem offensichtlich bisher durch öffentliche Angebote

nicht hinreichend begegnet wird. Zugleich weist diese Bereitschaft auf ein

52

53


Thomas Hofsäss

Interesse hin, die Öffentlichkeit engagiert über die eigene besondere Situation

zu informieren.

Erziehung in gemeinsamer Verantwortung

Zur Erziehungsrolle wird gesagt, dass sich der überwiegende Teil der

befragten Eltern versteht als „mit gleichgeschlechtlichem Partner/in erziehend“

(37 Nennungen), weniger als „unterstützend erziehend“ (9 Nennungen);

alleinerziehend sind acht der befragten Eltern.

Das heißt:

Erziehungsarbeit ist Teil der gleichgeschlechtlichen Partnerschaft.

In Bezug auf eine Hierarchisierung von Erziehungsverantwortlichkeit zeigt

sich, dass – unabhängig von der rechtlichen Stellung zum Kind – bei Paargemeinschaften

die Erziehungsarbeit als gemeinsame Arbeit und somit

auch als Teil der Partnerschaft gesehen und mitverantwortet wird. Das

Familienleben ist somit substantieller Bestandteil der Partnerschaft. Dies

korrespondiert mit einer gleichberechtigten Aufgabenteilung im Alltag,

und zwar auch in den Konstellationen, die nicht über ein gemeinsames

Pflegekindverhältnis auch rechtlich so definiert sind.

Soziales Umfeld und Diskriminierungsrisiko

Auf die Frage „Wer ist in Ihrem sozialen Umfeld bzw. dem der Kinder über

Ihre gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung bzw. Ihre Transsexualität

informiert?“ gaben 35 Eltern an, dass alle aus dem sozialen Umfeld informiert

sind; bei 22 Befragten sind Einige informiert, und zwar zumeist

Freundinnen/Freunde und Verwandte, an nächster Stelle werden Nachbarn

und Arbeitskolleginnen und -kollegen genannt, erst danach: Kindertagesstätte,

Schule, Sportverein u.s.w. Dabei haben 36 Frauen und alle

9 Männer mit dem „Outen“ im sozialen Umfeld überwiegend gute Erfahrungen

gemacht, vierzehn Frauen geben teils gute, teils schlechte Erfahrungen

an.

Zur Diskriminierung der Kinder im Alltag äußern sich 47 der befragten

Eltern. Von den erfolgten 47 Nennungen werden bei 32 Nennungen

(68,1%) keine einschlägigen Diskriminierungen vermutet, bei 15 Nennungen

(31,9%) schon. Dabei beziehen sich 21,1% auf Kinder von Lesben

und 66,7% auf Kinder von Schwulen. In elf Antworten werden Probleme

durch Erzieher/innen und Lehrer/innen benannt, die zur Diskriminierung

beitragen.

Als Beispiele von Diskriminierungshandlungen werden genannt:

„Nachdem die Grundschullehrerin erklärt hatte, wie tolerant sie sei, fielen

die Worte: „wir haben auch Eltern mit anderen Krankheiten, wir haben

auch Alkoholikerfamilien.“

„Ich vermute, dass die Klassenlehrerin aufgrund dieses Wissens das Kind

anders behandelt.“

„Abgelehnt vom Kindergarten, weil wir als lesbische Mütter auftauchten.“

„Als ich wegen einer Krankheit nicht zum Elternsprechtag konnte, wurde

meiner Freundin trotz Vorlage einer Vollmacht nur widerwillig und unvollständig

Auskunft über die schulischen Leistungen unseres Kindes

erteilt“.

„Kind schämt sich in der Schule seines Vaters, es wird getuschelt und beleidigt“.

„Durch Vorurteile von Eltern anderer Kinder in der Schule“. 5

Das heißt:

Es ist für lesbische und schwule Eltern eine Herausforderung, im sozialen

Umfeld der Kinder „offen“ zu sein.

Das Familienleben kennzeichnet sich, im Unterschied zu einer kinderlosen

Partnerschaft, durch eine Vielzahl familienbedingter sozialer Kontakte

zu Institutionen wie Schule, Kindertagesstätte, Gesundheitsdienste. Auch

außerinstitutionelle Kind-Kind-Kontakte, Kontakt zu Anverwandten,

Nachbarn u.s.w.. sorgen für ein soziales Netz, das zuerst in keinem Kontext

zur gleichgeschlechtlichen Orientierung der Eltern steht. Die gegenseitige

Wahrnehmung der Erwachsenen im sozialen Umfeld des Kindes

führt jedoch in aller Regel dazu, dass ein Verhaltensprofil hinsichtlich der

eigenen Rolle der gleichgeschlechtlichen Elternschaft erarbeitet werden

54

55


Thomas Hofsäss

muss, und zwar unabhängig davon, ob das gewünscht wird oder nicht.

Dies dokumentiert sich darin, dass tatsächlich beim überwiegenden Teil

der Befragten das soziale Umfeld teilweise bis vollständig über die gleichgeschlechtliche

Orientierung der Eltern informiert ist. Mit diesem

„Outen“ gegenüber dem sozialen Umfeld werden überwiegend positive

Erfahrungen verbunden. Insgesamt gehen Frauen offensiver auf ihr Umfeld

zu; Männer antizipieren gesellschaftliche Vorurteile gegenüber der

Doppelrolle als männlicher Erzieher und schwuler Mann. Der Diskriminierungsdruck

gegenüber schwulen Vätern kann tendenziell als deutlich

höher eingeschätzt werden.

Gewünschte rechtliche Absicherungen

Anzahl der Nennungen (n-147)

36

21

19

9

32

20

10

Rechtliche Absicherung

Vertragl. Regelungen

Kl. Sorgerecht

Gemeinsames Sorgerecht

Stiefelternadoption

Gem. Adoptionsrecht

Heterol. Insemination

Weitere Wünsche

Die gewünschten rechtlichen Absicherungen beziehen sich vor allem auf

das volle gemeinsame Sorgerecht (71,4%) und das gemeinsame Adoptionsrecht

(65,7%), die sogenannte Stiefelternadoption (40%) und allgemein

bessere vertragliche Regelungen (40%). Das kleine Sorgerecht wird

von 22,9% für relevant gehalten und die Möglichkeit der heterologen Insemination

und Nutzung von Samenbanken fordern 20%. Zwei Teilnehmerinnen

wünschen sich „die Möglichkeit, das Erbmaterial der einen Eizelle

mit der anderen Eizelle zu verbinden.

Das heißt:

Zur rechtlichen Absicherung der Lebensform „gleichgeschlechtliches Paar

mit Kind/ern“ besteht noch ein erheblicher Handlungs- und Reformbedarf.

Dr. Thomas Hofsäss ist Professor für Erziehungswissenschaft am Institut für

Behindertenpädagogik der Universität Hamburg und hat mehrere Schriften

zum Themenbereich „Homosexualität und Erziehung/ Jugendhilfe“ veröffentlicht.

1 Der Fragebogen findet sich im Anhang Seite 100.

2 Ein Fragebogen wurde von 2 Personen – einem Großelternpaar! – ausgefüllt, die Gesamtzahl der Antworten

betrug also 71.

3 Die Frage nach dem Geschlecht führte zu Kritik an der Fragestellung, da auf einer Veranstaltung, die sich

auch an Transsexuelle richtet und den Anspruch vertritt, keine Zuschreibungen an die Geschlechtszugehörigkeit

zu knüpfen, eine solche Kategorisierung von einzelnen Teilnehmenden nicht erwartet wurde.

Beabsichtigt war mit dieser Frage heraus zu finden, ob sich der Eindruck bestätigt, dass homosexuelle

Elternschaft überwiegend ein Frauen/Lesbenthema ist und welche Unterschiede es zwischen der Situation

lesbischer Mütter und schwuler Väter gibt. Insofern war ggf. die soziale Selbstdefinition (gender) als weiblich

oder männlich gefragt.

4 Weitere Beispiele bzw. ausführliche Schilderungen finden sich im Kapitel „Da waren schon ganz komische

Blicke“ – Portraits von Regenbogenfamilien, Seite 59.

56

57


Barbara Drinck

„Da waren schon ganz komische Blicke“

Portraits von Regenbogenfamilien

Im Rahmen der Umfrage zur aktuellen Situation von Regenbogenfamilien

ergab sich die Möglichkeit, Interviewpartnerinnen und -partner zu gewinnen,

die bereit waren, aus ihrem Familienalltag zu berichten. Einige Familien

wurden ausführlich interviewt. Auszüge aus den Interviews werden

nachfolgend dokumentiert. Die Namen wurden geändert, Daten z.T. anonymisiert.

Für die Familienportraits wurden sechs Beispiele ausgewählt. Sie skizzieren

verschiedene Konstellationen des Zusammenlebens von Familien mit

gleichgeschlechtlich orientierten Eltern. Die in Anführungszeichen gesetzten

Aussagen sind Originalaussagen der Befragten. Die kursiv gedruckten

Berichte in den eingeschobenen Rahmen beziehen sich auf die Erfahrungen

der Kinder.

Juliane: „Die Berufstätigkeit spielt eine andere Rolle, wenn man für Kinder

verantwortlich ist“

Juliane lebt seit drei Jahren mit einer Mutter von zwei Kindern zusammen.

Diese wohnen jedoch beim Vater, nachdem ihm das Sorgerecht zugesprochen

wurde. Juliane erlebt nun die Wochenenden und Ferien mit den Kindern

ihrer Freundin und ebenso die langen Strecken dazwischen, in denen

sie ihre Partnerin „ganz für sich alleine hat“. Trotzdem hat sich durch dieses

Zusammenleben mit den Kindern, für die sie sich mitverantwortlich

fühlt, einiges geändert. Sie beschreibt die Veränderung so: Als sie mit

59


Barbara Drinck

zwanzig Jahren ihr Coming Out hatte, „war das so, dass es überhaupt noch

keine Diskussion über Kinder in schwul-lesbischen Beziehungen gab. Die

Entscheidung, lesbisch zu leben, war irgendwie gleichzeitig eine Entscheidung

gegen Familie. Erst als ich dann so dreißig war und sozusagen die

biologische Uhr getickt hat, wurde es dann eben zum Thema.“ Jetzt ist es

ihr Thema, „weil meine Lebensgefährtin zwei Kinder hat“. Ihre jetzige

Lebensweise schließt an ihre eigenen Wünsche an, mit Kindern zu leben.

In der Beziehung, die sie zu den Kindern ihrer Lebenspartnerin hat, empfindet

sie sich „überhaupt nicht als Co-Mutter. Ich habe ein eher distanziertes

Verhältnis zu ihnen, das hängt ein bisschen damit zusammen, dass

ich den Vater kenne. Aber trotzdem glaube ich auch, das wird nie so eng.

Also ich sehe mich nicht als Elternteil im engeren Sinn, ich bin nicht so

emotional nah dran. Das heisst nicht, dass ich sie nicht gerne mag, aber die

beiden haben einfach andere emotionale Prioritäten. Ich glaube, ich bin

wichtig für sie gerade als jemand, der Verantwortung trägt, aber distanzierter

ist als die Eltern.“

Was ihr seither auffällt, ist, dass viele Lesben ihres Alters sich nur in gleichaltrigen

Gruppen aufhalten. Der lesbische Lebensstil neigt so ein bisschen

zu solcher „ewigen Adoleszenz. Und ich glaube, das hat ganz viel damit zu

tun, dass die meisten keine Kinder haben, dass man deswegen so ewig und

drei Tage in irgendwelchen Berufsgeschichten rumhampeln kann.“ Seitdem

sie die finanzielle Belastung, die sich u.a. aus der Unterhaltszahlung

für die Kinder ergibt, bei ihrer Freundin erlebt, „hat sich etwas verändert.

Kinder zu haben sehe ich viel weniger unter dem Aspekt der Selbstverwirklichung,

als mehr unter dem Aspekt, zuständig zu sein, um Kohle ranzuschaffen.

Ich meine, es ist in dem Moment, wo zwei Kinder da sind, einfach

eine wahnsinnige Stange Kosten, die im Monat anfällt. Ich glaube,

dass die Berufstätigkeit und wie man sie ausübt, eine ganz andere Rolle

spielt, wenn man Kinder hat oder wenn man für Kinder verantwortlich

ist.“ Daher ist es für sie nicht einzusehen, warum gleichgeschlechtliche

Elternpaare, die gleiche Kosten für ihre Kinder haben, dennoch steuerlich

und in anderer Weise finanziell schlechter gestellt werden als heterosexuelle

Paare.

Juliane: Ich habe den Eindruck, dass die Kinder das eher als Bereicherung

empfinden, dass sie eine lesbische Mutter haben. Für sie war wichtig, dass

wir symbolisch geheiratet haben. Wichtig ist ihnen nicht, ob ich ein Mann

oder eine Frau bin, aber wichtig ist, inwiefern die Beziehung stabil ist.

Für den Jungen ist es schwieriger, mit der Homosexualität umzugehen. Er

fühlt sich damit manchmal unwohl, denn es könnte auch sein, dass er

vielleicht schwul ist. Er möchte auf keinen Fall von anderen in Richtung

schwul“ geschoben werden.

Rüdiger: Meine Eltern haben die absolut spitzenmäßige Großelternrolle

Rüdiger ist Pflegevater von einem Jungen. „Ja, das ging dann eine ganze

Weile hin und her in meinem Kopf. Und ich ... bin dann irgendwann morgens

aufgewacht und hab gesagt: so, jetzt. Und dann bin ich erst zum

Arbeitskreis zur Förderung von Pflegekindern gegangen, hab’ da mal so

einen Informationsabend für Möchtegern-Pflegeeltern mitgemacht und

dann bin ich zum Jugendamt gegangen und habe einen Antrag gestellt.

Also, ich war nun der erste schwule Mann im Bezirk, da waren sie etwas

unbeholfen und unbedarft zum Teil, aber offen, sehr offen. Ich fühlte mich

überprüft wie jeder andere Pflegestellenbewerber auch.“ Dass er schwul ist,

hatte er erwähnt. Nach der Überprüfung, die positiv verlief, gestaltete sich

die Vermittlung eines Kindes zunächst schwierig. Aber ein Jahr nach

Antragsstellung bekam er einen Pflegesohn, der nun acht Jahre alt ist. Einfach

war es anfangs nicht, denn der 3 1/2 jährige Philipp war in der ersten

Zeit in einem sehr problematischen Zustand: „Er war ganz und gar verwahrlost,

rein äußerlich und innerlich noch viel mehr. Also völlig verlaust

und verfilzt. Naja, ich meine, die haben ihn im Heim schon ein bisschen

hergerichtet, aber er sprach kein Wort, lallte nur so vor sich hin und rannte

dann wieder ziellos durch dieses Heim.“ Rüdiger hatte in der ersten Zeit

kaum eine durchschlafene Nacht, weil der Junge nachts Alpträume hatte,

schrie und wimmerte. Nach der ersten schweren Zeit hat sich der Junge gut

entwickelt.

60

61


Barbara Drinck

Rüdiger ist alleinerziehender Pflegevater. Gerne würde er diese Aufgabe

mit einem Partner teilen. „Dann würde ich am liebsten noch ein oder zwei

Kinder zu mir nehmen; weil man sich zu zweit besser entlasten kann und

weil es eine rigorose Lebensumstellung ist, Kinder im Hause zu haben. Ob

sie nun adoptiert oder in Pflege genommen oder selbst produziert sind, ist

dabei völlig nebensächlich. Aber es stellt das ganze Leben um und es verändert

unter Umständen – also gerade für schwule Männer – den Freundeskreis.“

Rüdigers Eltern unterstützen ihn als Pflegevater: „Die haben die absolut

spitzenmäßige Großelternrolle. Sie haben gesehen, dass ich die Sache mit

100%igem Einsatz angegangen bin, und da hatte ich schon ihre Unterstützung.

Also vor allem von meiner Mutter, die hat mir oft den Rücken

frei gehalten. Mein Vater war eher zurückhaltend, aber Philipp nimmt ihn

anständig mit in Beschlag und das lässt er sich schon gefallen, also ich sage

mal, wenn Philipp auf ihn zugeht, dann macht er das schon.“

Rüdiger wünscht sich mehr gesellschaftliche und rechtliche Anerkennung

für Lesben und Schwule, die Verantwortung für Kinder übernehmen:

„Letztlich wird negiert, dass es Tausende lesbische und schwule Eltern

schon längst gibt in diesem Land. Und die werden einfach mal so unter

den Tisch gekehrt, so, als müsse man drüber nachdenken, ob Schwule oder

Lesben Eltern werden dürfen. Dabei sind es so viele schon ... Ich denke,

dass vielmehr geguckt werden muss: was passiert mit den Kindern. Also ich

meine diese Diskriminierung, die da passiert, die passiert ja nicht nur den

Eltern, sondern die passiert ja auch den Kindern. Und was haben die Kinder

damit zu tun? Die können nichts dafür, wo sie hineingeboren werden.

Also sollte man denen doch denselben Status geben wie in allen anderen

Familien... Ob man nun eine Ehe schließt oder nicht finde ich, ist egal, es

sollten die Kinder erst mal gesichert sein.“

Philipp (dem Pflegesohn) ist natürlich schon früh bewusst geworden, dass

„andere Familiensysteme anders aussehen und dass es fast überall eine

Mutter gibt. Öfter mal keinen Vater, aber keine Mutter gibt es eben seltener.

Er vertritt es nach außen hin, wenn er gefragt wird, vertritt er das

ganz klar mit: Mutter gibt es bei uns nicht. ’Ne Mutter haben wir nicht.

Und damit diskutiert er das auch nicht und erklärt das auch nicht weiter.

Das haben die Leute gefälligst zur Kenntnis zu nehmen. Und die meisten,

so wie er das sagt, fragen dann auch nicht mehr danach.

Manchmal fragt Philipp seinen Pflegevater, warum er denn nicht die Kinderfrau

heiraten wolle. Inzwischen habe er wohl verstanden, dass Rüdiger

lieber einen Mann als Partner haben möchte. „Irgendwie muss er das

schon geschnallt haben, wenn dann mal hier jemand schläft, das sind

Männer und nicht Frauen. Dass er dann jeden Mann fragt: „schläfst du

heute hier?“ und manche Männer, heterosexuelle Freunde von mir, sind

dann ziemlich perplex. Aber ansonsten ist es für ihn kein Thema, es ist ja

auch nach außen hin nicht so sichtbar, weil ich alleinerziehend bin, also

das impliziert nicht unbedingt, dass ich schwul sein muss.“

Maria und Hannah: Da waren schon ganz komische Blicke

Maria und Hannah kennen sich seit über 15 Jahren. Damals hatten sie eine

„kleine Beziehung und das ging dann so ein Jahr.“ Hannah lebte noch mit

einem Mann zusammen. Zu Maria hielt sie die nächsten zehn Jahre weiter

„freundschaftlichen Kontakt, und hat „in der Zwischenzeit auch die Kinder

bekommen“. Vor fünf Jahren begannen große Probleme mit ihrem

Partner. Gründe waren vor allem, dass er kaum noch zu Hause war und

sich ausschließlich um seine Firma kümmerte. Hannah fühlte sich von

Beruf und Haushalt und der Verantwortung für die Kinder völlig überfordert,

alleine gelassen und wurde ernsthaft krank. Beide gingen zu einer

Paartherapie, „weil es ja schließlich auch um die Kinder ging.“ Dennoch

entschlossen sie sich zur Trennung und der Vater zog aus.

Nach der Trennung lebten die alten Gefühle zwischen Hannah und Maria

wieder auf. Sie wollten zusammenleben, aber anfangs konnte Maria sich

„das mit den Kindern überhaupt nicht vorstellen. Klar, Kinder. Ich habe

Kinder unheimlich gern, aber mit einer Frau und Kindern? Ja, und dann

hat sie mir die Pistole auf die Brust gesetzt – sie wollte, dass ich mehr an

ihrem Leben teilnehme – und da musste ich ja.“

62

63


Barbara Drinck

Maria hat heute eine „gleichwertige Beziehung zu den Kindern, d.h. dass

die Kinder sie akzeptieren, sie ernst nehmen oder sie auch tolerieren. Ich

brauche mir keine Sorgen zu machen, sie haben Maria sehr, sehr gern. Und

es ist auch für mich eine totale Erleichterung,“ berichtet Hannah. Vater

und Mutter haben zwar nie offen über die lesbische Beziehung von Hannah

und Maria gesprochen, aber er hat sich auch nie negativ dazu

geäußert. Familienfeste mit den Kindern werden inzwischen gemeinsam

gefeiert. „Die Kinder haben schon eine sehr enge Bindung an den Vater.

Wir möchten ihn auch nicht ausschließen. Der letzte Geburtstag mit ihm,

das war für mich ein so schönes Erlebnis. Wir haben uns zwar nicht

geküsst und umarmt, aber es hat uns allen gefallen,“ sagt Maria. Der Vater

ist heute immer noch beruflich sehr eingebunden und sieht seine Kinder

daher nur jedes zweite Wochenende.

Nach fast vier Jahren, die Hannah nun mit Maria zusammenlebt, kann sie

viele Unterschiede ihrer jetzigen Lebensform zu der vorherigen mit ihrem

Partner erkennen. Es beginnt schon bei der Aufgabenverteilung innerhalb

der Familie. „Also eigentlich geht es mit Maria immer so Hand in Hand.

Das Gute ist, jede sieht einfach, was zu tun ist. Einkaufen oder Kinder

abholen.“ „Was das Handwerkliche angeht, bin ich fitter,“ sagt Maria, „ich

habe die Bude total renoviert.“ „Aber, ob man das, was Maria tut, den

männlichen Part nennen kann, bezweifle ich,“ sagt Hannah. „Es ist nicht

so etwas Typisches, wie ich in der Heterobeziehung erlebt habe. Der Unterschied

ist, dass der Mann arbeiten ging und nach zwölf bis dreizehn Stunden

nach Hause kam und fix und fertig war. Ich hatte eigentlich eine Doppelbelastung:

Beruf und Kinder. Ich musste mich um die ganze

Organisation kümmern, alles was so eben drum herum war, wenn die Kinder

krank waren. Also das sind so Sachen, das hat sich einfach verändert.

So vieles ist selbstverständlicher: Maria tut Dinge und erkennt einfach

Arbeiten, das finde ich sehr angenehm. Manchmal übernimmt sie zu viel.

Das ist es, was ich gar nicht kannte: Sie sagt oft, ich soll mich hinsetzen

und sie will dann hier aufräumen.“

rumgegangen, sondern habe es nur meinen engsten Freundinnen erzählt.

Da habe ich lange, lange gebraucht. Ich hatte immer Skrupel und Ängste,

dass sie mich verlassen und sie mich nicht mehr mögen. ... Ich bin auch

sehr moralisch, sehr katholisch erzogen. Da ist das nicht erlaubt...Ja, da ist

es der Satan oder so.“ Wo Hannah Freundinnen oder Kolleginnen und

ihren Schwestern von ihrer Liebesbeziehung zu Maria erzählt hat, hat sie

dann damit nur gute Erfahrungen gemacht: „Sie (meine Schwester) meinte

so zu mir, wenn du ’ne Frau liebst, ist es auch o.k... Ja, für sie war das o.k.“

Gut war es für Hannah auch, im Sonntagsclub andere Mütter in ähnlichen

Situationen kennen zu lernen.

Nur im Hort gab es von den anderen Müttern Berührungsängste: „Anfangs

war es erst mal komisch. Die anderen Mütter guckten, als ich die Kinder

alleine abgeholt habe. Sie dachten sicher: Das kann nicht einfach nur ‘ne

Freundin sein. Die Erzieherinnen haben sich ziemlich schnell an mich

gewöhnt, also die waren immer nett und freundlich. Aber die anderen

Mütter, da waren schon ganz komische Blicke. Doch jetzt nach der langen

Zeit, nehmen sie mich so wie ich bin und mittlerweile tausche ich schon

ein paar Worte mit ihnen aus.“ Hannah ergänzt lachend: „Und zu mir

sagen sie dann immer: Ach Mensch, was Maria alles für dich macht. Du

hast es gut. Da kommt manchmal schon Neid auf.“

Für Paul (8 Jahre) und Lotte (6 Jahre) gehören zur Familie: Mama und

Papa, sie beide, Maria und „Muffel“, das Meerschweinchen. Sie fragen

manchmal, ob Hannah und Maria sich lieben und heiraten wollen.

„Dann sagen wir ja, wir lieben uns ... und heiraten? Das kann man hier

ja gar nicht.“ Dann erklärt Paul, dass in einem anderen Land zwei

Frauen heiraten können. Paul erzählt seinen Freunden, dass Maria

Mamas Freundin ist. „Der erzählt, dass wir zusammen im Bett schlafen.

Ja, der hat keine Probleme damit, das zu erzählen. Man hat nicht das

Gefühl, dass er sich schämt oder ... das zurückhalten muss.“

Im Freundschafts- und Verwandtenkreis wissen einige, aber nicht alle über

ihre Beziehung bescheid. Hannah: „Na ja, ich habe mich sehr sehr schwer

getan, das kund zu tun. Also überhaupt, ich bin jetzt nicht mit ’ner Fahne

64

65


Barbara Drinck

Frank und Matthias: Die Kinder und Jugendlichen gehen sehr unterschiedlich

damit um, dass sie bei einem schwulen Elternpaar leben.

Frank und Matthias führen seit über zwanzig Jahren eine feste Beziehung.

Vor einigen Jahren lasen sie in einer Annonce, dass Sozialpädagogen für die

Betreuung von fremduntergebrachten Kindern und Jugendlichen gesucht

werden. Es wurde in der Anzeige darauf hingewiesen, dass sich auch gleichgeschlechtliche

Paare dort bewerben könnten. Frank und Matthias wohnten

zum damaligen Zeitpunkt in verschiedenen Wohnungen. „Also mein

Freund in seiner Wohnung und ich in meiner Wohnung, allein am Sonntag,

da sind wir unabhängig voneinander auf diese Anzeige gestoßen und

haben uns Gedanken darüber gemacht. Bei mir kam dieser Wunsch wieder

hoch, diese Vorstellung, auch mit Kindern zusammen zu leben. Offensichtlich

auch bei meinem Freund.“ Sie mieteten gemeinsam ein Haus an,

das Jugendamt kam zur Begutachtung, ihre Qualifikation wurde geprüft

„und natürlich wurde erst einmal geguckt, wie zwei Männer mit den Kindern

zusammen leben wollen.“ „Wir haben auf einen Schlag drei Dinge

verändert: Wir sind zusammengezogen, haben begonnen, unseren Wunsch

nach Kindern zu verwirklichen und sind Arbeitskollegen geworden. Das

führte anfangs zu einigen Schwierigkeiten in unserer Beziehung. Ich bin

dann später als Betreuer wieder ausgestiegen und arbeite außerhalb, wohne

aber selbstverständlich mit den Kindern in der Erzieherwohngruppe weiter

zusammen, bin also involviert in alles, was bei uns zu Hause passiert.“ sagt

Matthias. In den letzten Jahren sind vor allem Jugendliche mit problematischen

Vorgeschichten zu ihnen gekommen. Ihre Betreuung erforderte

größten Einsatz. Die meisten von ihnen sind schon wieder ausgezogen,

weil sie volljährig geworden sind. Zur Zeit wohnen jüngere Kinder bei beiden,

die auch länger dort bleiben können. Frank und Matthias hätten vor

der Behörde ihre Bewährung bestanden, daher bekämen sie jetzt auch jüngere

Kinder mit weniger Problemen.

Frank glaubt, es war eine gute Voraussetzung für ihn und seinen Freund,

dass sie Kinder wollten, denn das ist die Bedingung für diese „Familienarbeit“,

aber „ich denke, man kann es nicht vorplanen. Man kann sich vorher

nicht hinsetzen und alles durchspielen, was passieren kann, sondern

man sollte sich das Schlimmste, was man sich vorstellen kann, auch noch

vorstellen. Es gibt einen Unterschied zwischen einer Pflegefamilie und

einer Erzieherwohngruppe, wir bekommen die besonders schwierigen oder

besonders auffälligen oder psychotischen und aggressiven Kinder, alle sind

stark verhaltensauffällig. Wenn man eine heile Familie sucht, ist dies nicht

die richtige Form.“ Aber beide fühlen sich dennoch sehr wohl: Und auch

wenn sie manchmal am liebsten fortlaufen und alles hinter sich lassen

möchten, versöhnt es sie immer wieder, wenn die ganze Familie zusammen

frühstückt und den gemeinsamen Sonntag plant, wenn sie gemeinsame

Feste mit den Kindern und den eigenen Eltern – den Großeltern – feiern

können und wenn sie sehen, dass ihre Kinder von Tag zu Tag glücklicher

und selbstbewusster werden.

Mit den Nachbarn haben sie als „Männerpaar mit Kindern“ vorwiegend

gute Erfahrungen gemacht. „Die waren total neugierig und haben über den

Zaun geguckt; wir konnten auf die Leute zugehen und so hat es viel

gebracht, dass wir was erzählt haben. Die wollten wissen, weshalb wir

schwul sind und Kinder haben und wie das überhaupt geht, weil sie dachten,

dass dies unmöglich wäre.“ Frank und Matthias haben mehrmals erlebt,

dass sich Außenstehende beim Jugendamt gemeldet haben mit dem

Hinweis, dass es doch nicht angehen könnte, dass Kinder und Jugendliche

bei Schwulen untergebracht werden; denn da könne man ja „zwei und zwei

zusammenzählen“ (es wird unterstellt, dass schwule Männer Kinder sexuell

missbrauchen würden). Sie wurden dann z.T. nochmals überprüft, gingen

aber zunehmend selbst in die Offensive, indem sie die Unbegründetheit der

„Hinweise“ aufklären konnten. „Und das war ein Schlüsselerlebnis, dass wir

aufgrund dieser Auseinandersetzung mit dieser Öffentlichkeit auch gelernt

haben, dass es gar nicht ganz so schlimm ist.“

Die Kinder und Jugendlichen gehen sehr unterschiedlich damit um, dass

sie bei einem schwulen Elternpaar leben: Einer der Älteren drückte seine

Ambivalenz dadurch aus, dass er den sexuellen Aspekt austesten wollte:

„Also wenn wir aus dem Bad kamen, dann stand er da und hatte nichts

angezogen und wollte irgendwas fragen. Dann mussten wir erst mal sagen,

dass er was anziehen sollte.“ Für ihn war es ganz wichtig, dieses Thema,

die Homosexualität, das sozusagen anzugehen. Und so hat er es auch geschafft,

für sich mit unserem Schwulsein umzugehen.

66

67


Barbara Drinck

Es gab Probleme, als einer der Jungen in der Schule ausgegrenzt wurde,

weil er „bei Schwulen wohnt“. Glücklicherweise hat seine Lehrerin den

beiden Männern davon berichtet und Matthias setzte sich für den Jungen

ein. Er stellte sich sogar vor die Klasse und gab „eine Nachhilfestunde über

homosexuelle Lebensweisen“.

Es kommt auch vor, dass die Kinder mit festen Vorstellungen von einer Mutter

und einem Vater in die Familie kommen. Dem entsprechen die beiden

nicht. „Ich will diesen Klischees gar nicht entsprechen. Ich glaube, dass Kinder

auch mehrere Bezugspersonen gleichwertig nebeneinander haben können.

Manchmal denke ich sogar, also wenn wir mehrere sind, ist es sogar

besser: ihre eigenen Eltern, die zwar z.Zt. nicht für sie sorgen, aber trotzdem

ihre Eltern sind und wir beide. Das muss nicht das typische Rollenmodell

sein, das wir ihnen vorspielen. Das muss nicht die typische Mama oder

der typische Papa sein. Da kann man der erwachsene Freund sein. Das ist

dann eben nicht das herkömmlichen Familienmodell! Kinder suchen sich

ihre Vertrauenspartner. Das sind nicht immer die Mutter oder der Vater.“

Beate: Es war mein größter Horror nach der Trennung, dass ich die Kinder

verliere

Beate lernte vor fünf Jahren eine Frau kennen, „die drei Kinder hat. Und

für mich war es klar, entweder ich mache das mit den Kindern oder ich

lasse die Beziehung. Ich bin wirklich mit beiden Beinen voll hinein

gesprungen.“ Heute sagt sie, sie hätte besser hinsehen und in Ruhe in die

Beziehung hinein wachsen sollen, denn sie sind jetzt wieder getrennt. Dennoch

ist es ihr Ziel, auch nach der Trennung für die Kinder eine Kontinuität

zu wahren. „Es war klar, ich bin den Kindern sehr wichtig und sie

sind mir sehr wichtig. Es war mein größter Horror nach der Trennung,

dass ich die Kinder verliere. Die Mutter und ich wollten sogar eine Familienstruktur

aufrechterhalten, ohne dass wir beide eine Beziehung haben.

Aber das ist irgendwie in die Hose gegangen.“ Im letzten Jahr konnten die

Frauen kaum noch miteinander sprechen, „wie es jetzt ist und was wir

eigentlich wollen. Und es ging jetzt nur noch über Verletzungen.“

In den vier Jahren, in denen Beate mit ihrer Freundin und deren drei Kindern

zusammenlebte, hat sie eine feste Vertrauensbasis zu den Kindern aufgebaut.

„Ich glaube, ich habe da mehr Gespräche mit ihnen als ihre Mutter

geführt. Mit den Mädchen habe ich über Dinge sprechen können, über

die Mütter und Töchter nicht miteinander reden können.“ Sie haben

zusammen die Kinder gegen diskriminierende Äußerungen verteidigt, die

ihnen in der Schule begegnet sind. Aber irgendwann hat sie erkannt, dass

sie „in dieses Mutter-Syndrom gefallen“ ist, „nämlich: Ich tue nie genug!

Ich gebe nie genug Aufmerksamkeit, nie genug Liebe und so.“ Sie fühlte

sich von Anfang an wie eine zweite Mutter „oder die Co-Mutter. Also wir

haben das nie irgendwo verschwiegen. Ich habe immer gesagt, ich bin halt

die zweite Mutter oder die Co-Mutter oder wie auch immer. Wenn die das

nicht verstanden haben, dann haben wir denen das eben erklärt und die

anderen haben sich auch nicht getraut, etwas zu sagen.“ Heute ist es ihr

„klar, dass die leibliche Mutter einen ganz anderen Stellenwert hat. Also so

lieb, wie die Kinder mich haben und ich sie habe, die Mutter ist die Mutter.

Das ist nun so, dass ich mich irgendwie langsam dran gewöhnen muss,

von diesem Co-Mutter-Denken runterzukommen.“

Die Beziehung zu ihrer Freundin sei daran zerbrochen, dass auch wenn sie

ein „gutes Gespann mit den Kindern waren und sehr selten über die Erziehung

gestritten haben, sie da aber nicht mehr rausgekommen“ sind. „Egal,

ob wir im Bett lagen oder ob wir gefrühstückt haben oder was wir gemacht

haben, wir haben immer über die Kinder gesprochen. Und unsere Beziehung

ist total zu kurz gekommen.“

Heute haben diese Kinder bei ihr immer „einen Platz. Ich bin keine, die so

was Halbes machen kann. Ich könnte nicht so auf Abstand bleiben und ab

und zu mal Eis essen gehen.“ Sie hat zwar heute Angst vor einer neuen

Beziehung, in der wieder Kinder sind, aber „wenn ich jetzt eine Frau kennen

lernen würde, und wir sind ein paar Jahre zusammen und sie hat einen

Kinderwunsch, dann kann ich mir durchaus vorstellen, gemeinsam noch

mal ein Kind zu bekommen.“ Denn sie hat es kennen- und lieben gelernt,

Kinder in ihrem Leben zu haben, für sie zu sorgen und Verantwortung zu

tragen. Es war „ein sehr schönes Gefühl.“

68

69


Barbara Drinck

Als Steffie 7 Jahre alt war, wollten die Jungen in der Grundschule sie küssen

und anfassen. Sie wollte das nicht. Da hat sie sich vor die Klasse

gestellt und gesagt „Ich bin Lesbe, und lasst mich gefälligst in Ruhe!“ Zum

Muttertag hat sie für ihre Mutter eine Doppelaxt gemalt und dann zur

Lehrerin gesagt: Weißt du, was das ist? Das ist ein Lesbenzeichen!“ Die

Lehrerin konnte damit nicht umgehen und hat „Psst, psst, nicht so laut!“

zu Steffie gesagt. Steffie kam in einen inneren Konflikt, weil sie die Lehrerin

sehr mochte, aber natürlich auch ihre lesbische Mutter. Die Mutter

und Co-Mutter haben dann ein Gespräch mit der Lehrerin geführt. Die

beteuerte, dass sie tolerant sei und kein Problem damit habe. Die Mütter

schlugen vor, das Thema im Unterricht zu behandeln. Die Lehrerin wich

aus: Sexualkunde sei in der Klasse noch nicht dran, sie müsse erst mit dem

Direktor sprechen und eine Lehrer-Eltern-Konferenz einberufen. Zum

Abschied sagte die Lehrerin: „Wissen Sie, wir haben auch Eltern mit anderen

Krankheiten. Wir haben auch Alkoholiker-Familien.“ Heute auf dem

Gymnasium fand Steffie heraus, dass eine ihrer Klassenkameradinnen

auch lesbische Eltern hat.

Als Tom zur Oberschule kam, trug seine Mutter ihre Lebenspartnerin als

zweite Erziehungsberechtigte auf dem Anmeldeformular ein. Der Direktor

sprach sie darauf an: „Übrigens, wir haben auch eine lesbische Kollegin.

Wenn Tom Probleme in der Klasse bekommen sollte wegen seiner lesbischen

Mutter, können Sie sich sofort an mich wenden. Wir haben das

Thema gerade in der Lehrerkonferenz behandelt.“

Karin und Anne: Der Gedanke, ein gemeinsames Kind zu bekommen, ließ

uns beide nicht los

Karin und Anne sind seit über zehn Jahren ein Paar. Ihr Kinderwunsch

bestand schon lange: Vor acht Jahren hatte Karin das erste Mal darüber

gesprochen. Beide haben danach viel über lesbische Mutterschaft gelesen

und mit anderen diskutiert. Aber ihre Partnerin Anne wollte zu dieser Zeit

keine Kinder. Deshalb gab Karin ihren Wunsch auf, auch weil ihr Mitte

der Neunziger klar war: „Ich will nicht alleinerziehend sein!“ Doch der

Gedanke, ein gemeinsames Kind zu bekommen, ließ beide nicht los. Und

dann nach drei Jahren brachte Anne selbst das Thema wieder auf den

Tisch: Jetzt könnte sie sich das doch vorstellen. Sie überlegten, wer von

beiden schwanger werden sollte. Anne wollte gern ein Kind haben, konnte

sich eine Schwangerschaft für sich aber nicht so gut vorstellen, während es

für Karin schon immer ein originäres Bedürfnis gewesen war, Schwangerschaft

und Geburt zu erleben.

Nun standen sie vor dem Problem, wie sie an einen Samenspender kommen

konnten. Sie wollten keinen anonymen Spender, sondern einen Mann, der

einverstanden war, biologischer Vater zu werden, ohne Ansprüche an das

Kind und die Mutter zu stellen. Es gab eine Reihe von heterosexuellen

Männern, die sich gerne dazu bereit erklärten. Sie verstanden die Situation

und wollten sie unterstützen. Jedoch wurde die Realisierung von deren

Frauen verhindert, denn die waren völlig dagegen. Da es auch keine

schwulen Männer im Bekanntenkreis gab, die sich unter diesen Bedingungen

vorstellen konnten zu spenden, entschieden sich die beiden für eine

Insemination mit Hilfe einer Samenbank. „Ich hatte mir parallel Prospekte

von holländischen Instituten schicken lassen“, berichtet Karin. Es kam für

sie nur ein Institut in Frage, das auch Sperma verschickt. Sie sind dort hingefahren

und haben sich „so einen Gefriertopf mitgenommen und danach

noch zweimal etwas schicken lassen. Im Juni haben wir uns entschieden,

dass Karin das Kind austragen sollte. Dann haben wir im September das

erste Mal inseminiert, und schon im November war sie schwanger.“

Doch das ganze Prozedere der Insemination war nicht einfach. „Wir haben

pro Zyklus dreimal inseminiert. Anne fand es schade, dass sie keine hatte,

70

71


Barbara Drinck

mit der sie darüber reden konnte, wie es ihr dabei ging.“ Die ganze Zeit

der Schwangerschaft sei sie damit allein gewesen und erst als das Kind da

war, wurde über die Rollen geredet, die beide dann einnehmen wollten.

„Doch alles, was davor liegt, die Produktion von diesem Wurm, blieb jeder

selbst überlassen“, klagt sie. Deshalb müsse es Foren geben, wo sich

Frauen, die inseminiert haben und die Co-Mütter treffen könnten – ob die

Kinder nun mit Vater, ohne Vater, mit bekanntem oder anonymem Spender

gezeugt wurden. Karin glaubt sogar, dass die Probleme, die Väter

haben, wenn das erste Kind auf die Welt kommt oder sogar schon vorher,

während ihre Frauen schwanger sind, bei Lesben nicht grundlegend andere

sind. Ihre Erfahrung sagt ihr, dass Co-Mütter ähnliche Konflikte mit der

Schwangerschaft der Partnerin, der Geburt und der Situation mit dem

Säugling durchleben wie Väter. Manche Co-Mütter bekommen auch

„Panik vor Familie“ und ihrer Verantwortung, auch sie haben Ängste nach

der Geburt, wenn sie Sexualität wieder entdecken. Der Unterschied zu

heterosexuellen Paaren bestehe vielleicht nur im Umgang mit diesen Problemen,

meint Karin, aber nicht in der Situation selbst.

Auch der Alltag der lesbischen Eltern scheint dem von heterosexuellen Paaren

ähnlicher zu werden, wenn ein Kind in die Familie kommt. So ist es

auch bei den beiden, denn seit Anne wieder voll arbeitet, ist Karin tagsüber

meistens mit dem Baby zu Hause. Doch beide sagen, dass sie nicht mit

Geschlechtsrollenstereotypen zu kämpfen haben. Karin ist selbständig und

kann sich ihre Arbeit anders einteilen als Anne. Sie fühlt sich, wenn sie

mehr mit dem Baby zu Hause ist, nicht gleich schlecht. „Ich denke jetzt

viel pragmatischer als früher und gehe selbstverständlicher in eine Aufgabe,

die ich mit einem Mann nicht ausführen würde.“ Sie denkt heute „unverkrampft“

über ihre politischen Vorstellungen und findet einen Weg, mit

den reproduktiven Leistungen für die Familie umzugehen, ohne sich ausgenutzt

zu fühlen. Da beide ihre Aufgaben für die Familie fair einteilen

und nicht auf Kosten der anderen leben, sieht sie keine Probleme in der

momentanen „Schieflage der Aufgabenverteilung“.

Holland bei Annes Eltern einen Halt gemacht und haben ihnen alles

erzählt: Was wir vorhaben und wo wir hinfahren. Sie waren sehr interessiert.

Natürlich kam ihnen alles erst ein bisschen komisch vor, aber heute

vertreten sie gegenüber der ganzen Verwandtschaft, dass ihr Enkel ein einwandfreier

Enkel ist.“ Von den Tanten bekommt er viele Geschenke und in

allen Wohnzimmern steht sein Foto. Mein Vater ist völlig beglückt. Ich

denke, Väter von Lesben haben es auch einfacher, weil es keinen Mann

gibt, der ihnen die Tochter wegnimmt. Und der Erbe erscheint als direkter

Nachfolger!“.

Der kleine Sohn ist nun fast ein Jahr alt und besucht drei Nachmittage

in der Woche einen Tagesvater. Dieser lebt mit seinem Freund und zwei

Pflegekindern zusammen. Die ganze Familie liebt den kleinen Boris „und

er liebt Peter und die Kinder. Und mein Eindruck ist, dass er ausgeglichen

ist und dass es ihm gut geht.“ Spätestens als klar war, dass es ein Junge

wird, überlegten Anne und Karin: „das Kind braucht eine männliche

Bezugsperson.“ Und als sie den Tagesvater fanden, waren sie froh. Heute

hoffen sie, dass der Kontakt zwischen ihm und dem Jungen weiter bestehen

bleiben wird, auch über die Zeit der Pflege hinaus.

Den biologischen Vater kann Boris kennen lernen, wenn er sechzehn ist.

„Erst hieß es, wir könnten uns aussuchen, ob der Vater anonym bleiben

soll. Aber das wollten wir auf keinen Fall. Der Vater hat bis heute schon

zwei eheliche und insgesamt sechs durch Insemination gezeugte Kinder.“

Dr. Barbara Drinck, M.A. in Erziehungswissenschaft und Diplom-Psychologin,

ist in der empirischen und qualitativen Sozialforschung tätig, z.Zt. führt

sie eine Studie über den Wandel in den Vorstellungen von Vaterschaft durch.

Die Verwandtschaft von Anne und Karin ist über den neuen Nachwuchs

sehr begeistert. „Mein Vater und seine Frau, Annes Eltern und Geschwister

– für die war das überhaupt kein Problem. Wir haben auf der Fahrt nach

72

73


Susanne v. Puttkamer

Was bringt das Lebenspartnerschaftsgesetz für

Regenbogenfamilien?

Mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz (LPartG), das am 01.08.2001 in

Kraft getreten ist, erhalten lesbische und schwule Paare die Möglichkeit,

ihre Partnerschaft auf eine rechtliche Grundlage zu stellen. 1 An die Begründung

der Lebenspartnerschaft knüpft das Gesetz auch automatisch

Rechtsfolgen, die die Kinder in einer Regenbogenfamilie – hier verstanden

als gleichgeschlechtliches Paar mit Kind/ern – betreffen. Diese ergeben sich

z.T. aus speziellen Normen im Lebenspartnerschaftsgesetz (LPartG), zum

großen Teil werden jedoch bestehende Regelungen im Bürgerlichen Gesetzbuch

und anderen Gesetzen auf diese Familienform erstreckt.

Im folgenden werden die wichtigsten Rechtsfolgen dargestellt. Dabei wird

eingegangen auf die Punkte:

– Verwandtschaftsverhältnisse in der Regenbogenfamilie

– Sorgerecht

– Umgangsrecht

– Verbleibensanordnung bei Tod des leiblichen Elternteils

– Unterhalt

– Erbrecht

Elternzeit/Erziehungsgeld

– Krankenversicherung

Ein kurzer Blick soll auf das Lebenspartnerschaftsergänzungsgesetz

geworfen werden, das sich derzeit im Vermittlungsverfahren zwischen Bundesrat

und Bundestag befindet, nachdem der Bundesrat die Zustimmung

verweigert hat. Abschließend wird ein kurzes Resümee gezogen.

74

75


Susanne v. Puttkamer

Verwandtschaftsverhältnisse in der Regenbogenfamilie

In § 11 LPartG wird bestimmt, dass ein Lebenspartner als Familienangehöriger

des anderen Lebenspartners gilt. Die Verwandten des einen Lebenspartners

(hierzu gehören auch die Kinder) gelten als mit dem anderen

Lebenspartner verschwägert. Rechtsfolgen der Schwägerschaft sind u.a.

Zeugnisverweigerungsrechte im Zivil- und Strafprozess.

Bedeutsam ist hier auch § 16 Bundessozialhilfegesetz. Sofern für das Kind

in einer Lebenspartnerschaft Sozialhilfe beansprucht wird, gilt folgende

Vermutung:

„Lebt ein Hilfesuchender in Haushaltsgemeinschaft mit Verwandten

oder Verschwägerten, so wird vermutet, dass er von ihnen Leistungen

zum Lebensunterhalt erhält, soweit dies nach ihrem Einkommen und

Vermögen erwartet werden kann“.

Selbst nach Aufhebung der Lebenspartnerschaft besteht die Schwägerschaft

zum Kind des Partners fort. Für Regenbogenfamilien, in denen ein Elternteil

ausländischer Herkunft ist, gilt: Ausländische Lebenspartner/innen

von Deutschen und von in Deutschland lebenden Ausländerinnen und

Ausländern bekommen ein eigenständiges Nachzugsrecht. 2

Sorgerecht

In § 9 LPartG sind die sorgerechtlichen Befugnisse des Lebenspartners

geregelt:

„Führt der allein sorgeberechtigte Elternteil eine Lebenspartnerschaft,

hat sein Lebenspartner im Einvernehmen mit dem sorgeberechtigten

Elternteil die Befugnis zur Mitentscheidung in Angelegenheiten des täglichen

Lebens des Kindes. ...

Die Befugnisse nach Absatz 1 bestehen nicht, wenn die Lebenspartner

nicht nur vorübergehend getrennt leben.“

Der Lebenspartner erhält somit das sogenannte „kleine Sorgerecht“, das

die Angelegenheiten des täglichen Lebens umfasst. Für die Frage, was zu

den Angelegenheiten des täglichen Lebens gehört, findet sich eine Begriffsdefinition

in § 1687 Satz 3 BGB:

„Entscheidungen in Angelegenheiten des täglichen Lebens sind in der

Regel solche, die häufig vorkommen und die keine schwer abzuändernden

Auswirkungen auf die Entwicklung des Kindes haben“.

Hierunter fallen etwa Fragen des Schulalltags (z.B. Unterschriften bei

Zeugnissen, Entschuldigungen, Ausflügen, nicht: Entscheidung über

Schulwechsel), medizinische Versorgung, Schlafenszeit, Fernsehkonsum,

Freizeitgestaltung (Vereine, Sport, Diskobesuche), Freundeskreis. Im Bereich

der Vermögenssorge gehört dazu auch das Taschengeld sowie die

Verwaltung kleinerer Geldgeschenke. Für die genannten Bereiche hat der

Lebenspartner die tatsächliche Sorge sowie die Befugnis zur rechtlichen Vertretung.

Dass das Sorgerecht des Lebenspartners „im Einvernehmen“ mit dem leiblichen

Elternteil ausgeübt wird, bedeutet nicht, dass dieser willkürlich

bestimmen kann, ob im Einzelfall das Recht besteht oder nicht. Vielmehr

müssen sich beide bei Meinungsverschiedenheiten einigen. Bestehen fortwährend

Streitigkeiten, so kann nach § 9 Abs. 3 LPartG der leibliche

Elternteil einen Antrag auf Einschränkung oder Ausschluss des Sorgerechts

des Lebenspartners stellen. Das Gericht entscheidet hierbei nach dem Kriterium

des Kindeswohls.

In Notfällen besteht ein alleiniges Handlungsrecht des Lebenspartners

(etwa bei Unfällen).

Kritik:

Dass das kleine Sorgerecht des Lebenspartners nur bei alleiniger elterlicher

Sorge gilt, ist eine unnötige Einschränkung. Der leibliche Elternteil in der

Regenbogenfamilie hat ja auch bei gemeinsamer elterlicher Sorge die

Befugnis zur alleinigen Entscheidung in Angelegenheiten des täglichen

Lebens. Hier entstünde also ohnehin keine sorgerechtliche Konkurrenz

zum außerhalb lebenden zweiten sorgeberechtigten Elternteil.

Das automatische Erlöschen des Sorgerechts bei dauerndem Getrenntleben

ist in solchen Fällen nicht sinnvoll, in denen die Kinder nach der Trennung

beim nicht leiblichen Elternteil (dem Stiefelternteil) verbleiben.

76

77


Susanne v. Puttkamer

Umgangsrecht

Eine aus Sicht der Kinder wichtige Regelung ist die Erweiterung des Kreises

der Umgangsberechtigten auf den Lebenspartner.

§ 1685 BGB lautet zukünftig:

„Großeltern und Geschwister haben ein Recht auf Umgang mit dem

Kind, wenn dieser dem Wohl des Kindes dient.

Gleiches gilt für den Ehegatten oder früheren Ehegatten sowie den Lebenspartner

oder früheren Lebenspartner eines Elternteils, der mit dem

Kind längere Zeit in häuslicher Gemeinschaft gelebt hat...“.

Damit sind die gleichgeschlechtlichen Partner, die eine Lebenspartnerschaft

geschlossen haben, den übrigen verheirateten Stiefeltern gleichgestellt,

die seit der Kindschaftsrechtsreform von 1998 ein Umgangsrecht

haben.

Für Anträge auf Gewährung des Umgangsrechts ist das Familiengericht

zuständig.

Kritik

Aus Sicht der Kinder ist es nicht konsequent, das Umgangsrecht von Stiefelternteilen

nach wie vor an den Status als Ehegatten bzw. Lebenspartner

zu knüpfen.

Für Kinder macht es keinen Unterschied, ob eine Partnerschaft des Elternteils

mit oder ohne Trauschein/eingetragener Lebenspartnerschaft zerbricht.

Diese Lücke im Gesetz dürfte auch in Zukunft zu problematischen

Entscheidungen führen, wie sie etwa das Oberlandesgericht Hamm getroffen

hat. Dort ging es um ein lesbisches Paar, bei dem die nichtleibliche

Mutter nach 11 Jahren Partnerschaft um ein Umgangsrecht für den fünfjährigen

Sohn stritt. Das Gericht lehnte ein Umgangsrecht ab, obwohl

das Kind von ihr in erster Linie versorgt worden war, eine enge Bindung

zu ihr hatte und den Umgang mit ihr wünschte (OLG Hamm AZ 11 UF

22/00). 3

Verbleibensanordnung bei Tod des leiblichen Elternteils

Stirbt der leibliche Elternteil in einer Stieffamilie oder wird ihm das Sorgerecht

entzogen, wird in der Regel dem anderen leiblichen Elternteil die

elterliche Sorge übertragen, bzw. er übt diese alleine aus, wenn zuvor ein

gemeinsames Sorgerecht bestand. Für solche Fälle wurde mit der Kindschaftsrechtsreform

§ 1682 BGB (Schutz der Stieffamilie) geschaffen, der

künftig auch auf Kinder in eingetragenen Lebenspartnerschaften anzuwenden

ist:

„Hat das Kind seit längerer Zeit in einem Haushalt mit einem Elternteil

und dessen Lebenspartner oder dessen Ehegatten gelebt und will der

andere Elternteil, der ... den Aufenthalt des Kindes nunmehr allein bestimmen

kann, das Kind von dem Ehegatten oder Lebenspartner wegnehmen,

so kann das Familiengericht ... anordnen, daß das Kind bei

dem Ehegatten oder Lebenspartner verbleibt, wenn und solange das

Kindeswohl durch die Wegnahme gefährdet würde.“

Das Familiengericht wird tätig auf Antrag des Stiefelternteils, aber auch

von Amts wegen, wenn eine Kindeswohlgefährdung droht.

Tipp:

Der leibliche Elternteil sollte in einer Verfügung für den Todesfall den

Lebenspartner zum Vormund des Kindes bestimmen. 4 Das Gericht berücksichtigt

dies bei der Kindeswohlentscheidung.

Unterhalt

Zwischen den Lebenspartnern besteht eine Unterhaltspflicht (§ 5 LPartG),

die durch Verweis auf das BGB noch näher definiert wird.

„Die Lebenspartner sind einander zum angemessenen Unterhalt verpflichtet.“

§ 1360 a BGB gilt entsprechend:

„Der angemessene Unterhalt der Familie umfaßt alles, was nach den

Verhältnissen der Ehegatten erforderlich ist, um die Kosten des Haushalts

zu bestreiten und die persönlichen Bedürfnisse der Ehegatten und

der gemeinsamen unterhaltsberechtigten Kinder zu befriedigen“.

78

79


Susanne v. Puttkamer

Hieraus wird deutlich, dass für einseitige Kinder im Rahmen des Familienunterhalts

keine Unterhaltspflicht des Lebenspartners besteht.

Für den Fall, dass die Lebenspartnerschaft aufgehoben wird, gibt es eine

Regelung über nachpartnerschaftlichen Unterhalt (§ 16 LPartG):

„Kann ein Lebenspartner nach der Aufhebung der Lebenspartnerschaft

nicht selbst für seinen Unterhalt sorgen, kann er vom anderen Lebenspartner

den nach den Lebensverhältnissen während der Lebenspartnerschaft

angemessenen Unterhalt verlangen, soweit und solange von ihm

eine Erwerbstätigkeit, insbesondere wegen seines Alters oder wegen

Krankheiten oder anderer Gebrechen, nicht erwartet werden kann“.

Nachpartnerschaftlicher Unterhalt wegen der Betreuung von Kindern ist

nicht vorgesehen.

Kritik:

Dies ist insoweit konsequent, als ja keine Möglichkeit der Lebenspartner

besteht, gemeinschaftlich Eltern zu sein. Eine Adoptionsmöglichkeit für

beide gemeinsam ist nicht vorgesehen. Auch kann ein Lebenspartner nicht

das leibliche Kind seines Partners adoptieren. Im Einzelfall könnte jedoch

ein nachpartnerschaftlicher Unterhaltsanspruch wegen Kinderbetreuung

über den allgemeinen Wortlaut („..soweit und solange von ihm eine

Erwerbstätigkeit...nicht erwartet werden kann...) hergeleitet werden.

Tipp:

Dies kann zu Ungerechtigkeiten führen, insbesondere für den Fall, dass der

leibliche Elternteil in einer Lebenspartnerschaft zuerst verstirbt. Der Teil

seines Vermögens, der vom überlebenden Lebenspartner geerbt wird, geht

nach dessen Tod nicht automatisch an das Kind, sondern an seine leiblichen

Verwandten. Regenbogenfamilien sollten sich deshalb auch künftig

nicht auf das gesetzliche Erbrecht verlassen, sondern ein Testament machen

oder einen Erbvertrag schließen.

Elternzeit (früher: Erziehungsurlaub)/Erziehungsgeld

Das Bundeserziehungsgeldgesetz ist nunmehr auch auf Kinder des Lebenspartners

anzuwenden (geändert durch Artikel 3, § 47 LPartG). Künftig

besteht somit auch ein Anspruch auf Elternzeit für ein Kind des Lebenspartners,

wenn der Berechtigte mit dem Kind in einem Haushalt lebt und

es selbst betreuen oder erziehen möchte (§ 15 Absatz 1 Nr. 1 b Bundeserziehungsgeldgesetz).

Gleiches gilt für den Anspruch auf Erziehungsgeld

(§ 1 Absatz 3 Nr. 2 Bundeserziehungsgeldgesetz), wobei allerdings künftig

dann auch das Einkommen beider Lebenspartner zu berücksichtigen ist

(§ 6 Absatz 3 Satz 1).

Erbrecht

Mit der Lebenspartnerschaft wird ein gesetzliches Erbrecht zwischen den

Lebenspartnern begründet, das dem zwischen Ehegatten entspricht (vgl.

§ 10 LPartG). Auch Pflichtteilsansprüche entstehen. Dieses Erbrecht hat

mittelbar Auswirkungen auf das Erbrecht der Kinder eines der Lebenspartner,

da deren Anteil am Erbe ihres leiblichen Elternteils sich entsprechend

vermindert.

Krankenversicherung/Pflegeversicherung

Art. 3, § 52 LPartG besagt, dass künftig auch die Lebenspartner von der

Familienversicherung gemäß § 10 Absatz 1 Satz 1 Sozialgesetzbuch (Fünftes

Buch) umfasst werden. Kinder des Lebenspartners gelten als Stiefkinder,

die ebenfalls mitversichert sind (§ 10 Absatz 4 Satz 3). Gleiches gilt

laut Art. 3, § 56 LPartG für die Pflegeversicherung (§ 1 Absatz 6 Satz 3

Sozialgesetzbuch (Elftes Buch).

Zwischen den Kindern und dem Lebenspartner, der nicht der leibliche

Elternteil ist, gibt es jedoch auch künftig kein gesetzliches Erbrecht.

80

81


Susanne v. Puttkamer

Lebenspartnerschaftsergänzungsgesetz 5

Zahlreiche geplante weitere Gesetzesänderungen (unter anderem die Regelungen

für das Verfahren vor dem Standesamt) wurden in einem eigenständigen

Gesetz verabschiedet, das jedoch noch nicht zum 01.08.01 in

Kraft tritt, da es sich noch im Vermittlungsausschussverfahren des Bundesrates

befindet. Geplant sind u.a. folgende Regelungen, die für Regenbogenfamilien

relevant sein können:

• Der Anspruch auf Unterhaltsvorschuss gemäß dem Unterhaltsvorschussgesetz

soll künftig nicht nur mit Eheschließung des berechtigten Elternteils,

sondern auch mit der Begründung einer Lebenspartnerschaft

enden. Die maximale Anspruchszeit von sechs Jahren kann sich dadurch

verkürzen.

• Lebenspartner sollen bei der Erbschafts- und Schenkungssteuer in die

günstigste Steuerklasse I eingruppiert werden (§ 16 ErbStG). Sie erhalten

ebenso wie Ehegatten einen Freibetrag in Höhe von 600.000 DM. Nicht

ausdrücklich geregelt ist allerdings, ob die einseitigen Kinder eines Lebenspartners

künftig unter den Begriff des „Stiefkindes“ fallen, so dass

die Steuerklasse II für sie gilt. Hiervon kann aber wohl ausgegangen werden.

• Bei der Einkommenssteuer ist u.a. vorgesehen, dass Unterhaltsleistungen

des einen Lebenspartners an den anderen bis zu einer Höhe von max.

40.000 DM als erbracht gelten und damit als Sonderausgaben abgezogen

werden können. Zulässig ist das jedoch höchstens bis zur Hälfte des Differenzbetrages

zwischen den beiden Einkommen der Lebenspartner. Im

Grunde entspricht diese Konstruktion dem Institut des begrenzten Realsplittings,

wie es bei Ehegatten nach der Scheidung möglich ist.

• Der Haushaltsfreibetrag gem. §32 Abs.7 EStG soll für Lebenspartner

ausgeschlossen werden.

Resümee und Perspektiven

Es ist zu begrüßen, dass das faktische Zusammenleben von Kindern und

Erwachsenen in einer Regenbogenfamilie auf eine rechtliche Grundlage

gestellt wird. Die Beteiligung an der elterlichen Sorge entspricht häufig der

tatsächlichen Erziehungsleistung und den finanziellen Zuwendungen, die

innerhalb dieser Familienform erbracht werden. Die rechtliche Anerkennung

kann helfen, auch eine größere gesellschaftliche Würdigung zu erreichen.

Außerdem erleichtert sie den Alltag von Stief- und Co-eltern, die

nicht mehr in jedem Einzelfall ihre Befugnisse nachweisen müssen.

Eine völlige Gleichstellung und Gleichbehandlung von Kindern in Familien

mit gleichgeschlechtlichen Elternteilen mit den Kindern heterosexueller

Eltern ist mit dem Gesetz noch nicht erreicht. So fehlt es etwa an den

Möglichkeiten der Stiefelternadoption und der gemeinsamen Annahme

eines Kindes durch gleichgeschlechtliche Paare. Zu erwägen ist auch, nach

dem englischen Vorbild der „parental responsibility“, ein Institut der elterlichen

Sorge zu schaffen, das nicht an die Paarbeziehung der erwachsenen

Bezugspersonen und an die biologische Elternschaft anknüpft, sondern an

die tatsächlichen Bindungen zwischen dem Kind und den erwachsenen

Bezugspersonen. Bei der Weiterentwicklung des Kindschafts- und Familienrechts

sollte der Staat seine Fürsorgepflicht auch dadurch wahrnehmen,

dass bei Eheschließungen, Scheidungen und dem Eintragen und Aufheben

von Lebenspartnerschaften das Vorhandensein von einseitigen Kindern

erfasst wird und Vereinbarungen über die Betreuung abgefragt werden.

Dr. Susanne von Puttkamer ist Rechtsanwältin mit Schwerpunkt Familienrecht

in Kirchzarten, Baden-Württemberg. Sie hat promoviert über „Stieffamilien

und Sorgerecht in Deutschland und England“ und arbeitet für die

Bundesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen Stieffamilien.

1 Gesetz zur Beendigung der Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen: Lebenspartnerschaftsgesetz

vom 16. Februar 2001, BGBl. I , Seite 266.

2 § 27a AuslG (geändert durch Artikel 3, §11 LPartG ) unter Verweis auf § 23 AuslG.

3 Siehe Kasten S. 21.

4 Ein Muster für eine solche Verfügung findet sich in: Streib, Uli ( Hrsg.): Das lesbisch-schwule Babybuch,

Berlin 1996, S.113.

5 Gesetz zur Ergänzung des Lebenspartnerschaftsgesetzes und anderer Gesetze, vom Bundestag beschlossen

am 10.11.2000. BT- drs.14/4545 sowie 4550&4878.

82

83


Anhang


Anhang

Joseph Russo

„Schule hat begonnen“

Hinweise für Eltern 1

Ein schwuler Vater und Leiter einer Grundschule wendet sich mit einigen

Anregungen und Ratschlägen an Eltern/Aktivisten, die sich aktiv dafür

einsetzen möchten, dass die Schule für ihre Kinder zu einer positiven

Erfahrung wird:

1. Für die meisten von uns hat es Jahre gedauert, bis wir mit unserer eigenen

sexuellen Orientierung klargekommen sind. Einige von uns arbeiten

immer noch daran. Auch die Schulen (d.h. Schulverwaltung und

Lehrer/innen) brauchen Zeit, um sich zu informieren und mit Familien,

wie wir es sind, vertraut zu werden.

2. Nehmen Sie so weit wie möglich am schulischen Leben Ihres Kindes

teil. Je öfter die Menschen Sie sehen und mit Ihnen zusammenarbeiten,

desto entspannter können sie mit Ihnen umgehen – und umgekehrt.

Nehmen Sie an Elternversammlungen teil, an Schulfeiern und sonstigen

schulischen Veranstaltungen.

3. Wir müssen selbst unsere besten Fürsprecher sein. Verlassen Sie sich

nicht darauf, dass andere auf die Belange unserer Familien eingehen.

Weisen Sie jedoch andererseits eine ernstgemeinte Unterstützung durch

andere nicht zurück und bilden Sie, wo immer dies möglich ist, Koalitionen,

damit unsere Unterstützungsbasis wächst.

4. Im Laufe der Zeit müssen unsere Kinder lernen, ihre besten Fürsprecher

zu sein. Wir können nicht – und wollen das auch nicht – in der Schule

oder in der Wohngegend stets an der Seite unserer Kinder sein. Wir

haben die hauptsächliche Vorbildfunktion für unsere Kinder, wenn es

darum geht, für unsere Belange einzutreten. Achten Sie darauf, wie Sie

87


Titel

Anhang

schwierige Situationen meistern, und sprechen Sie mit Ihren Kindern

darüber. Unsere Kinder müssen selbst bestimmen, ob und wann sie sich

Freunden und anderen gegenüber „öffnen“, was ihre Familien betrifft.

5. Bei der Anmeldung für eine neue Schule, oder wenn Ihr Kind einen

neuen Lehrer/eine neue Lehrerin bekommt, vereinbaren Sie ein Gespräch

mit dem Lehrer/der Lehrerin und dem/der Schulleiter/in und sprechen

Sie mit ihnen über Ihre Anliegen und Erwartungen. Dann kommt es

nicht zu unerwarteten bzw. unangenehmen Situationen für Ihr Kind.

6. Schweigen ist nicht immer Gold. Es kann auch schädlich sein. Wenn

man in Schulkreisen kein Vokabular dafür kennt, wie unsere Familien

beschrieben werden können, kann das zu Peinlichkeiten in der Schule

führen. Wir müssen einen Sprachgebrauch entwickeln, der nicht nur

aufklärt, sondern unsere Familien stärkt. Verwenden Sie Wörter wie:

schwul/lesbisch“, „Partner/Liebhaber/Lebenspartner“, „Michaels anderer

Vater“, „Coming-out“, usw. Die Schulen müssen sich mit Begriffen vertraut

machen und mit diesen umzugehen lernen, die unsere Familien in

ihrer ganzen Vielfalt widerspiegeln.

7. Geben Sie den Lehrkräften bzw. der Schulverwaltung einfache Ratschläge,

wie auf Ihre Belange eingegangen werden kann. Hierbei können

Referenzlisten und Namen von Organisationen eine Methode sein, die

keine einschüchternde Wirkung hat.

8. Bedanken Sie sich mit einer kleinen Notiz oder mündlich mit einem

einfachen „Danke schön“, wenn auf Ihre Belange eingegangen wird. Ein

persönlicher Kontakt von Mensch zu Mensch ist häufig die wirksamste

Methode, einen Wandel herbeizuführen.

9. Es ist wichtig, gut über die Lehrpläne der Schule Bescheid zu wissen,

sowohl generell als auch im Detail. Wie wird mit anderen Gruppen, z.B.

unterschiedlichen kulturellen und ethnischen „Minderheiten“ in der

Schule umgegangen? Was steht in den Lehrplänen der Grundschulen

über Familien? Was wird im Sozial- und Sexualkunde-Unterricht über

Schwule und Lesben gelehrt? Sehen Sie in der Bibliothek nach, ob es

Bücher gibt, in denen positiv und richtig über Familien mit einem

schwulen oder lesbischen Familienvorstand berichtet wird, über

schwule/lesbische Jugendliche usw. Sind die Bücher auf einem aktuellen

Stand? Werden sie viel verliehen, oder werden sie an schwer zugänglichen

Orten aufbewahrt?

10. Die Schule ist ein Mikrokosmos der Gesellschaft. Schulen sind konservative

Institutionen und ändern sich nur langsam. Bringen Sie die

nötige Geduld auf. Bleiben Sie stehen, wenn vor Ihnen eine rote

Ampel aufleuchtet, blicken Sie nach beiden Seiten und setzen Sie Ihren

Weg dann langsam fort.

Ihnen allen ein wunderbares Schuljahr!

1 Gay & lesbian parents coalition international – Network (heute: family pride) Herbst 1996, Übersetzung

mit freundlicher Genehmigung der Redaktion durch Senatskanzlei Berlin, Doris Kortmann.

88

89


Anhang

Annegret Böhmer

Meine Oma ist lesbisch!

Eine Unterrichtseinheit 1

Die folgende Geschichte (aufgeschrieben von A. Böhmer) kann in Grundschulen

in verschiedenen Klassenstufen und Fächern eingesetzt werden,

z.B. bei der Behandlung der Themen „Familie, Lebensformen“.

Ich habe eine tolle Oma. Etwas ungewöhnlich. Meine Oma Ruth und

Clara sind beide ungefähr 60 Jahre alt. Sie sind ein altes Ehepaar,

eigentlich sogar wirklich ein Liebespaar. Sie lachen ganz viel miteinander

und nehmen sich andauernd in den Arm. Mehr als meine Eltern.

Sie haben sich damals kennengelernt, da waren sie ungefähr 30 Jahre

alt. Ruths jüngste Tochter Betty war damals fünf Jahre alt. Clara kam

aus einer anderen Stadt nach Berlin und fand für ihren damals vierjährigen

Sohn Markus einen Platz in dem Kinderladen, in dem auch

Ruth ihre Tochter hatte. Sie erzählen heute gern über die 70er Jahre in

Berlin. Sie haben damals viel Zeit miteinander verbracht, sich ineinander

verliebt und sind dann zusammengezogen. Ruth mußte sich

noch von ihrem Mann trennen. Der war deshalb wohl sehr traurig.

Clara war sowieso allein mit Markus.

Meine Oma Ruth hat drei Kinder und schon fünf Enkelkinder. Klara

hat ein Kind und ein Enkelkind. Wir alle sind immer viel zusammen.

Sogar der Opa, der Ex-Mann von Ruth, ist oft dabei. Der hatte zwischendurch

mal eine neue Frau, aber die ist wieder weg. Wenn ich meinen

Freunden davon erzähle, gucken sie oft ganz erstaunt oder blöd,

aber irgendwie ist alles so stinknormal bei meiner Oma. Zu Oma sage

ich Oma und zu Clara sage ich Clara.

Stefanie, 13 Jahre

91


Anhang

Aufgabenvorschläge:

Erzählt oder erfindet Geschichten von Familien, in denen Schwule und

Lesben leben. Wie stellt ihr Euch das vor?

Stell Dir vor, Deine Eltern würden sich trennen:

Wie wäre es für Dich, wenn Deine Mutter mit einer Frau ankäme?

Wie wäre es für Dich, wenn Dein Vater mit einem Mann ankäme?

Annegret Böhmer, Diplom-Psychologin, ist Professorin für Religionspädagogik

an der Evangelischen Fachhochschule Berlin und Psychologische Psychotherapeutin.

1 Unterrichtseinheit aus: Die Fundgrube zur Sexualerziehung, Hrsg. Lothar Staeck, Cornelsen Scriptor,

Berlin 2001. Wir danken dem Verlag für die freundliche Genehmigung zum Abdruck.

92

93


Anhang

Einladung zur Fachveranstaltung

Regenbogenfamilien

wenn Eltern lesbisch, schwul,

bi- oder transsexuell sind

Die Lebensformen, in denen Eltern mit

ihren Kindern leben, sind vielfältig und

bunt wie ein Regenbogen.

Es gibt heterosexuelle Eltern und Stiefeltern,

schwule Väter, lesbische Mütter,

gleichgeschlechtliche Pflegeeltern. Kinder

erleben, dass ihr Vater zur Frau wird, oder

dass ihre Mutter einmal mit einem Mann

und ein anderes Mal mit einer Frau zusammen

ist. Familienformen sind historischem

Wandel unterworfen und von kulturellen

Traditionen bestimmt. Die eine

Norm, in die sich alle pressen lassen, gibt

es nicht – aber es gibt Vorurteile, Ängste

und Vorbehalte denen gegenüber, die nicht

wie die Mehrheit der Gesellschaft leben.

Kinder brauchen Menschen, die sie lieben,

denen sie vertrauen, bei denen sie

sich sicher und geborgen fühlen, ganz

gleich, welche Lebensformen ihre Eltern

für sich gewählt haben. Wissenschaftliche

Erkenntnisse belegen, dass sich Kinder

mit homosexuellen Eltern nicht anders

entwickeln als Kinder heterosexueller

Eltern. Gute Erfahrungen gibt es mit

Lesben und Schwulen als Pflegeeltern.

Das Europäische Parlament hat 1994 eine

Entschließung zur Gleichberechtigung

von Lesben und Schwulen in der

Europäischen Union verabschiedet, die

empfiehlt, das Recht von Lesben und

Schwulen auf Elternschaft oder Adoption

und Erziehung von Kindern nicht mehr

zu beschneiden. Die Medien berichten

gern und oft wohlwollend über homosexuelle

Eltern: Über den schwulen Schlagersänger

Patrick Lindner als Adoptivvater,

die lesbische Rocksängerin Melissa

Etheridge als rechtlich anerkannte

(Stief)mutter der durch Insemination

gezeugten Kinder ihrer Partnerin; Kinder

homosexueller Eltern werden in Radiound

Fernsehsendungen interviewt.

Die Bundesregierung will in dieser Legislaturperiode

ein Gesetz verabschieden, das

die Benachteiligung homosexueller Partnerschaften

beseitigen soll. Dabei weckt

das Thema Elternschaft besonders viele

Emotionen. Zwar setzt sich die Definition

„Familie ist da, wo Kinder sind“ allmählich

in der Landes- und Bundespolitik

durch, doch Befürchtungen um den

Bestand traditioneller Ehen und Familien

scheinen dem Interesse an der rechtlichen

Absicherung der Lebensform gleichgeschlechtlicher

Paare mit Kindern entge-

genzustehen. Dabei können Familien mit

zwei Müttern oder zwei Vätern möglicherweise

sogar neue Impulse für eine

gerechtere und egalitäre Verteilung von

Berufs- und Familienarbeit geben.

Die Veranstaltung soll über die Situation

lesbischer, schwuler, bi- und transsexueller

Eltern und ihrer Kinder informieren,

einen Austausch ermöglichen und aufzeigen,

welche rechtlichen und gesellschaftlichen

Veränderungen nötig sind, um die

Akzeptanz und Gleichbehandlung der

verschiedenen Familien- und Lebensformen

zu erreichen.

Eingeladen sind:

Eltern, Co-Eltern und Pflegeeltern verschiedener

kultureller Herkunft und

sexueller Orientierung, Töchter und

Söhne von 0‒20 Jahren sowie sonstige

Angehörige

• Fachkräfte aus Jugendhilfe, Schule,

Familienhilfe und Familiengerichten

• Vertreter/innen aus Politik und Verwaltung

• Projekte, die mit Kindern und Eltern zu

tun haben

• sowie alle Interessierten

mit Unterstützung von:

• Gesprächskreis lesbischer Pflegemütter

• Gesprächskreis schwuler Pflegeväter

• Gruppe „Lesbische Mütter, Co-Mütter

und Interessierte“

• Love makes a family – LesBiSchwule

Eltern und

PartnerInnen

• Queer and Kids – Vermittlung und

Beratung für

Lesben und Schwule mit Kinderwunsch

Informationen:

Senatsverwaltung für Schule, Jugend und

Sport,

Beuthstraße 6–8,10117 Berlin

Fachbereich für gleichgeschlechtliche

Lebensweisen,

Lela Lähnemann, Telefon: 030/9026-5606

Fax: 030/9026-5008

e-mail: gleichgeschlechtliche@sensjs.verwalt-berlin.de

94 95


Anhang

10.00 Eröffnungsveranstaltung

für Erwachsene und Kinder

Begrüßung

Frank Ebel, Staatssekretär für Jugend

und Sport

Gabriele Schöttler, Senatorin für Arbeit, Soziales und Frauen

„Mein Kind? Was ist eigentlich eine

Familie?“ Szenische Annäherungen

11.00 Arbeitsgruppen

mit AG 1: Immer nur die zweite Geige spielen?

Mittags- Erfahrungsaustausch und Entwicklungspause

perspektiven von Co-Eltern

Moderation: Cordula de la Camp,

Gesprächskreis lesbischer Pflegemütter

Matthias Schreckenbach, Dozent für Sozialpädagogik

AG 2: Rechtsfreie Familien?

Möglichkeiten und Grenzen, die gleichgeschlechtliche Partnerschaft

mit Kindern rechtlich abzusichern

Moderation: Seyran Ate∫, Rechtsanwältin

Thomas Staudacher, Rechtsanwalt

AG 3: Kinderwunsch – Wunschkinder

Insemination und Adoption eröffnen ein Feld ethischer Kontroversen

Moderation: Ulrike Hempel, LAMBDA

Cornelia Burgert, FFGZ

AG 4: Familien-Aufbruch mit Zukunft?

Erfinden gleichgeschlechtliche Paare die demokratische Familie?

Moderation: Gabriele Kämper,

Senatsverwaltung Arbeit, Soziales und Frauen

Jana Tzschorn, Love makes a family

AG 5: Wie sag’ ich’s meinem Kinde?

Das Coming-out gegenüber den Kindern und deren Umfeld.

Moderation: Ilona Radandt, Sonntagsclub

Ivo Stephan, Gruppe schwuler Pflegeväter

AG 6: Echt krass oder mega cool?

Wenn Eltern andersrum sind – eine Gruppe für Töchter und

Söhne ab etwa 10 Jahren

Moderation: Ingrid Schellhorn, Gruppe lesbischer Mütter und

Co-Mütter

Andreas Ketterl

15.00 Kaffeepause

15.30 Podiums- und Plenumsdiskussion

Regenbogen oder Aschenputtel –

Naht eine Zukunft ohne Familien zweiter

Klasse?

Ulrike Herpich-Behrens, Stadträtin für Schule, Jugend und Sport,

Schöneberg

Søren Laursen, Dänische Lesben- und

Schwulenorganisation LBL

Ida Schillen, Lesben- und Schwulenverband Deutschland

Silke Burmeister, Co-Mutter, Hamburg

NN, Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und

Jugend

NN, Bundesministerium für Justiz

Moderation:

Halina Bendkowski, Berliner FrauenFraktion

17.30 Ende der Veranstaltung

11‒17.30 Kinderbetreuung in zwei Gruppen

(0‒5 Jahre, ab 6 Jahre)

96

97


Anhang

Senatsverwaltung für

Schule, Jugend und Sport

Einladung

Meine Mutter ist lesbisch – Dein Vater ist schwul

Echt krass oder mega cool?

Wie geht es Dir damit, dass Deine Eltern schwul, lesbisch, bi oder transsexuell

sind?

Am 30. September gibt es für Euch eine Jugendgruppe, in der Ihr Euch

austauschen könnt.

Wir freuen uns auf Euch!

Ingrid und Andreas

Fachveranstaltung

Regenbogenfamilienwenn Eltern lesbisch, schwul, bi- oder transsexuell sind.

30. September 2000, 10.00–17.00 Uhr in der Alten Feuerwache,

Axel-Springer-Straße 40/41 in Berlin-Kreuzberg (Eingang Oranienstraße)

U6 Kochstraße, U2 Spittelmarkt, Bus 129, 240

Informationen unter Tel.: 90 26 56 06 oder 90 26 56 15

99


Anhang

Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport

und

Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales und Frauen

Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Pressemitteilung

29. Sept. 2000

Regenbogenfamilien fordern Anerkennung –

Senatsverwaltungen laden Eltern und Fachleute zu Veranstaltung ein

Wenn Eltern lesbisch, schwul, bi- oder transsexuell sind, ist dies eine

besondere Familiensituation. Die Senatsverwaltungen für Arbeit, Soziales

und Frauen und für Schule, Jugend und Sport laden deshalb Eltern und

Fachleute zu einer Veranstaltung am 30. September 2000, von 10.00 Uhr

bis 17.30 Uhr, in die Alte Feuerwache in Berlin-Kreuzberg ein.

Die Senatorin für Arbeit, Soziales und Frauen, Gabriele Schöttler, sagte

dazu heute auf einer Pressekonferenz: „Regenbogenfamilien gehören zur

Vielfalt heutiger Lebensformen, denn Familie ist da, wo Kinder sind. Das

Verantwortungsgefühl für Kinder ist in der Regel bei gleichgeschlechtlichen

Elternpaaren sehr hoch ausgeprägt. Wir brauchen in unserer Gesellschaft

ein gleichberechtigtes Miteinander der unterschiedlichen Arten von

Familie. Um dies zu erreichen müssen wir uns für ein Klima der Toleranz

und Akzeptanz einsetzen. Das nutzt vor allem auch Kindern aus Regenbogenfamilien.“

nerschaft sieht ein kleines Sorgerecht vor. Dies begrüße ich ausdrücklich.

Wir werden über weitere Möglichkeiten der rechtlichen Absicherung

gleichgeschlechtlicher Paare mit Kindern diskutieren.“

Aus Dänemark berichtete ein Vertreter der dänischen Lesben- und Schwulenorganisation,

Søren Laursen: „Bei uns gibt es seit 1989 die eingetragene

Partnerschaft für lesbische und schwule Paare und seit 1999 die Möglichkeit

der Stiefelternadoption. Bisher haben sich in Dänemark 5000 Lesben

und Schwule das Ja-Wort gegeben. Wir haben damit gute Erfahrungen

gemacht und heterosexuelle Ehepaare haben deshalb keine Nachteile.“

Der Staatssekretär für Jugend und Sport, Frank Ebel, führte weiter aus:

„In Berlin leben ca. 20.000 Eltern, die lesbisch, schwul, bi- oder transsexuell

sind. Viele homosexuelle Eltern scheuen sich noch vor einem

Coming-out, weil sie befürchten müssen, dass ihre Kinder diskriminiert

werden. Der Gesetzentwurf des Bundes für eine eingetragene Lebenspart-

100

101


Anhang

Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport

In Kooperation mit:

Universität Hamburg

UHH, FB 06, Institut 5

Prof. Dr. Thomas Hofsäss

Sedanstr. 19, 20146 Hamburg

Fragebogen zur aktuellen Situation von „Regenbogenfamilien

1. Mit wem besuchen Sie diese Veranstaltung?

(Mehrfachnennungen möglich)

❑ Ich bin alleine hier

❑ Mit Partnerin / Partner

❑ Mit einem zweiten Elternteil bzw. Co-Elternteil

❑ Mit Kindern

❑ Mit Freundinnen/Freunden

Fragebogen

Liebe Eltern und zukünftige Eltern!

Die Senatsverwaltung für Schule, Jugend und Sport möchte Anhaltspunkte

darüber gewinnen, wie Sie mit Ihrer aktuellen Situation als „Regenbogenfamilie“

klar kommen. Deshalb möchten wir Sie darum bitten, den beiliegenden

Fragebogen auszufüllen. Fragen, die Sie nicht beantworten möchten,

können Sie überspringen.

Bitte geben Sie den Bogen bis zum Veranstaltungsende in der vorgesehenen

Box ab oder senden ihn bis 15.11.2000 an den Auswerter der Befragung

(siehe Kopf Universität Hamburg).

Die Befragung wird nach wissenschaftlichen Kriterien ausgewertet. Die

Ergebnisse der Befragung werden in einer Dokumentation der Tagung

Anfang 2001 veröffentlicht; diese Dokumentation erhalten Sie als Teilnehmer/in

der Tagung kostenfrei.

Vielen Dank!

2. Weshalb besuchen Sie diese Veranstaltung?

(Mehrfachnennungen möglich)

❑ Ich will mich allgemein informieren.

❑ Ich will mich informieren, weil ich selbst ein Kind haben / mit

Kindern leben will.

❑ Ich möchte andere Eltern in ähnlicher Situation kennen lernen.

❑ Ich erwarte Anregungen für Fragen, die sich im Alltag stellen.

❑ Ich möchte mich politisch für die Rechte von Regenbogenfamilien

einsetzen.

❑ Weitere Gründe:

3. Ihr Geschlecht:

❑ weiblich

❑ männlich

4. Ihr Alter:

5. Ihr Herkunftsort:

❑ Berlin

❑ Anderer Ort, und zwar:

102

103


Anhang

6. Welche Rolle haben Sie in Ihrer Familie?

(Mehrfachnennungen möglich)

❑ Mutter

❑ Co-Mutter

❑ Pflegemutter

❑ Vater

❑ Co-Vater

❑ Pflegevater

7. Wie verstehen Sie Ihre Erziehungsrolle?

❑ Allein erziehend

❑ Mit gleichgeschlechtlichem Partner/in erziehend

❑ Unterstützend in der Erziehung

❑ Sonstiges:

8. Für welche Kinder übernehmen Sie Erziehungsverantwortung?

❑ 1. Kind; Alter / ❑ Mädchen / ❑ Junge

❑ 2. Kind; Alter / ❑ Mädchen / ❑ Junge

❑ 3. Kind; Alter / ❑ Mädchen / ❑ Junge

❑ 4. Kind; Alter / ❑ Mädchen / ❑ Junge

❑ 5. Kind; Alter / ❑ Mädchen / ❑ Junge

❑ 6. Kind; Alter / ❑ Mädchen / ❑ Junge

9. Leben Sie mit den Kindern in einem Haushalt?

❑ Ja, mit Kindern (bitte Anzahl angeben)

❑ Nein

❑ Zeitweise

10. Nehmen oder nahmen Sie regelmäßig an einer Elterngruppe teil,

die sich vorrangig mit Regenbogenfamilien beschäftigt?

❑ Ja

❑ Nein

❑ Zeitweise

11. Wer ist in Ihrem sozialen Umfeld und in dem der Kinder über

Ihre gleichgeschlechtliche sexuelle Orientierung bzw. über Ihre

Transsexualität informiert?

❑ Niemand

❑ Einige, und zwar:

12. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, wenn Sie sich in ihrem

sozialen Umfeld „outen“?

❑ Überwiegend gute Erfahrungen

❑ Überwiegend schlechte Erfahrungen

❑ Teils gute, teils schlechte Erfahrungen

❑ Wenn Sie möchten, können Sie hierzu ein kurzes Beispiel schildern:

13. Haben Sie den Eindruck, dass Ihre Kinder aufgrund Ihrer gleichgeschlechtlichen

Orientierung im Alltag diskriminiert werden?

❑ Nein

❑ Ja, und zwar:

14. Gab es in der Kindertagesstätte oder in der Schule mit den Erzieher/innen

bzw. Lehrern/ Lehrerinnen Probleme, die auf die gleichgeschlechtliche

Elternschaft/Orientierung zurückzuführen sind?

❑ Nein

❑ Ja, und zwar:

104

105


Anhang

15. Welche rechtlichen Absicherungen wünschen Sie sich für Ihre

Familiensituation?

❑ Bessere vertragliche Regelungen (Vollmachten für Schule,

Arztbesuche u.a.)

❑ Kleines Sorgerecht (verbindliche Mitentscheidung der gleichgeschlechtlichen

Partnerin/des Partners in Angelegenheiten des

täglichen Lebens)

❑ Volles gemeinsames Sorgerecht

❑ Stiefelternadoption

❑ Gemeinsames Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare

❑ Möglichkeiten der heterologen Insemination und Nutzung von

Samenbanken

❑ Weitere Wünsche:

16. Würden Sie sich für ein ausführlicheres persönliches Interview zur

Verfügung stellen, welches streng vertraulich bearbeitet wird?

❑ Nein

❑ Ja, Name

Anschrift

Telefonnummer

Email

Vielen Dank für Ihre Mitarbeit!

106

107


Anhang

Literatur

Adressen und websites

für Erwachsene

Gerd Büntzly, (Hrsg.): Schwule Väter,

Berlin 1988

Cordula de la Camp: Zwei Pflegemütter

für Bianca. Interviews mit lesbischen

Pflegemüttern und schwulen Pflegevätern,

LitVerlag, erscheint 2001

Lela Lähnemann: Lesben und Schwule

mit Kindern – Kinder homosexueller

Eltern; Nr. 16 in der Reihe „Dokumente

lesbisch-schwuler Emanzipation“,

Berlin, 1997, Bezug über die

Senatsverwaltung für Schule, Jugend

und Sport, Adresse s.u.

Udo Rauchfleisch: Alternative Familienformen,

Göttingen 1997

Sabine Riewenherm: Die Wunschgeneration.

Basiswissen zur Fortpflanzungsmedizin.

Berlin 2001

Birgit Sasse: Ganz normale Mütter –

Lesbische Frauen und ihre Kinder,

Frankfurt am Main 1995

Uli Streib (Hrsg.): Von nun an nannten

sie sich Mütter, Berlin, 1991

Uli Streib (Hrsg.): Das lesbisch-schwule

Babybuch, Berlin 1996

Sheila Oritz Taylor: 300 Kaninchen, zwei

Frauen und ein Erdbeben (Roman),

Berlin 1996

für Kinder

Robbie H. Harris, Michael Emberley:

Total normal – Was Du schon immer

über Sex wissen wolltest, Frankfurt/M.

1995

Sylvia Pah, Joke Schat: Zusammengehören.

Ruhnmark 1994

Michel Trembley: Der Mann in Papis

Bett, Berlin 1990

Michael Willhoite: Papas Freund,

Berlin 1994

für Jugendliche

A. M. Homes: Jack (Roman: Jack’s Vater

ist schwul), Arena 1997

Nina Schindler: Väter und Sohn,

München 2000

Arbeitskreis zur Förderung von

Pflegekindern e.V.

Geisbergstraße 30, 10777 Berlin

Telefon 030/ 211 10 67

AK-Pflegekinder@t-online.de

Balance Familienplanungszentrum

(zu Kinderwunsch und Paarberatung)

Mauritiuskirchstr. 3, 10365 Berlin,

Telefon 030/5536792

balance@fpz-berlin.de, www.fpz-berlin.de

Colage-children of lesbians and gays

everywhere

2300 market St.Box 165,

San Francisco, CA 94114, USA,

director@colage.org, www.colage.org

Familien- und Erziehungsberatungsstellen

(zu allen Partnerschafts-, Familien- und

Erziehungsfragen) in Berlin in allen Bezirken,

Adressen und weitere Informationen

zu allen familienfördernden und – unterstützenden

Maßnahmen in:

Ratgeber für Familien in Berlin, Hrsg.:

Senatsverwaltung für Schule, Jugend und

Sport, Landesjugendamt Berlin 2001,

erhältlich in den Bürgerberatungsstellen

aller Bezirksämter.

www.sensjs.berlin.de/familienratgeber

Family pride coalition

PO Box 34337

San diego, CA 92163, USA,

Telefon -001/619-296-0199,

pride@familypride.org,

www.familypride.org

Feministisches Frauengesundheitszentrum

(zu: Kinderwunsch)

Bamberger Str. 52, 10777 Berlin

Telefon 030/213 95 97

ffgzberlin@snafu.de

ILSE im LSVD –

Initiative lesbisch-schwuler Eltern im Lesben-

und Schwulenverband Deutschland,

Katzbachstr. 5, 10965 Berlin

ilse@lsvd.de

Telefon 040/766 42 06 (Silke Burmeister)

Telefon 0419/ 28 59 42 (Andrea Kasten)

„Love makes a family“

LesBiSchwule Eltern und PartnerInnen,

c.o. Schwulenberatung

Mommsenstr. 45, 10624 Berlin

Telefon 030/ 497 66 354 (Jana Tzschorn)

Pfliz – Pflege- und Adoptiveltern im

Zentrum gGmbH

Bereich MOBILE Fortbildung

Cordula de la Camp

Roennebergerstr. 13, 12161 Berlin

Telefon 030/ 859 47 01

pfliz@uminfo.de

108

109


Anhang

Veröffentlichungen des Fachbereichs

für gleichgeschlechtliche Lebensweisen

Dokumente lesbisch-schwuler Emanzipation

PRO FAMILIA Bundesverband

Stresemannallee 3, 60596 Frankfurt/Main

Telefon 069/ 639003

mit 155 Beratungsstellen in allen

Bundesländern

info@profamilia.de

www.profamilia.de

Queer and Kids

Vermittlung und Beratung für Lesben

und Schwule mit Kinderwunsch

Bänschstr. 49, 10247 Berlin

Telefon 030/89090343

info@queerandkids.de

www.queerandkids.de

Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales

und Frauen

Öffentlichkeitsarbeit Frauenpolitik

Oranienstr. 106, 10969 Berlin

Gabriele.Kaemper@senarbsozfrau.

verwalt-berlin.de

Sonntagsclub e.V.

mit den Gruppen: Schwule Pflegeväter

und Lesbische Mütter, Co-Mütter und

Interessierte

Greifenhagener Str. 28, 10437 Berlin

Telefon 030/4497590

info@sonntagsclub.de

www.sonntags-club.de

Nr. 1

Nr. 2

Nr. 3

Nr. 4

Nr. 5

Nr. 6

Information, Integration, Konfrontation,

Homosexuelle Aufklärung

in Jugendfreizeitheimen und

Schulklassen

Aspekte lesbischer und schwuler

Emanzipation in Kommunalverwaltungen

Gewalt gegen Schwule- Die Opfer

schweigen. Perspektiven für vertrauensbildende

Maßnahmen zwischen

Schwulen und Polizei

Geschichte und Perspektiven von

Lesben und Schwulen in den

neuen Bundesländern

Gründung gemeinnütziger Vereine

Gewalt gegen Schwule- Gewalt

gegen Lesben. Ursachenforschung

und Handlungsperspektiven im

internationalen Vergleich

Nr. 13 Tod in der Lebensgemeinschaft

Nr. 14 Wie aufgeklärt ist die Verwaltung?

Lesben/Schwule und öffentliche

Verwaltung

Nr. 15 Opfer Täter Angebote

Gewalt gegen Schwule und Lesben

Nr. 16 Lesben und Schwule mit Kindern.

Kinder homosexueller Eltern

Nr. 17 Anti-Diskriminierungsgesetz für

Berlin?!

Nr. 18 Mietrecht für lesbische und

schwule Lebensgemeinschaften

Nr. 19 Lebenswelten von Migrantinnen

und Migranten in Berlin

• Jugendgewalt gegen Schwule

Eine Studie zu psychosozialen Faktoren

bei Tätern, 1994

Senatsverwaltung für Schule, Jugend

und Sport

Fachbereich für gleichgeschlechtliche

Lebensweisen

Beuthstr. 6-8, 10117 Berlin

Telefon 030/ 9026-7

gleichgeschlechtliche@sensjs.

verwalt-berlin.de

www.sensjs.berlin.de/gleichgeschlechtliche

Nr. 7

Nr. 8

Nr. 9

Lesbische Mädchen. (K)ein Thema

für die Jugendarbeit?

Pädagogischer Kongreß „Lebensformen

und Sexualität“

Lesben. Schwule. Partnerschaften

Nr. 10 Lesben und Schwule im Gesundheitswesen

Nr. 11 Homosexualität als politischer

Asylgrund

Nr. 12 Der homosexuellen NS-Opfer

gedenken (DENKSCHRIFT)

• Sie liebt sie. Er liebt ihn.

Eine Studie zur psychosozialen Lage junger

Lesben, Schwuler und Bisexueller in

Berlin, 1999

• 10 Jahre Fachbereich für gleichgeschlechtliche

Lebensweisen 1989-1999

Die Schriften 1 – 6 sowie 9, 11, 12, 15

und 18 sowie die beiden Studien sind

vergriffen und können nur noch im

Internet unter

www.sensjs.berlin.de/gleichgeschlechtliche

aufgerufen werden.

110

111

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine