Ein unerwartetes Geschenk für Elisa

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Ein unerwartetes Geschenk für Elisa

Sandra Lentsch & Julia Sloboda

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Ein unerwartetes Geschenk für Elisa

Elisa dachte darüber nach, was sie sich zu Weihnachten wünschen könnte. Nach dem

Läuten machte sich das kleine Mädchen auf den Weg nach Hause. In Gedanken versunken

trottete sie die Straße entlang. Auf einmal hörte sie ein leises Wimmern. Am Straßenrand,

mitten im Schnee, saß eine kleine verlassene Katze. Elisa nahm das zitternde Tier

vorsichtig in den Arm und hatte sofort Mitgefühl mit ihm. Jetzt wusste sie, was sie sich zu

Weihnachten wünschte. Genau diese Katze.

Sie beschloss, die Katze mit nach Hause zu nehmen. In demselben Moment saßen ihre

Eltern Francesca und Antonio besorgt zu Hause. Sie befürchteten, ihrer Tochter könnte

etwas zugestoßen sein. Doch plötzlich öffnete sich die Haustür. Francesca fiel ein Stein

vom Herzen. Doch als sie ihre Tochter sah, blieb sie wie angewurzelt stehen. Elisa stand

mit der kleinen Katze im Arm vor ihr. „Was macht diese Katze hier im Haus? Bring sie

sofort weg von hier!“, war das Erste, das Francesca in diesem Moment einfiel. „Aber diese

Katze ist doch so süß! Sie ist das Einzige, was ich mir zu Weihnachten wünsche! Sieh sie dir

doch mal an“, antwortete Elisa mit Tränen in den Augen. Doch Antonio und Francesca

waren einer Meinung. Sie wollten diese Katze nicht in ihrem Haus haben. „Gib uns sofort

die Katze! Du weißt ja nicht, ob sie Krankheiten hat!“, sagte ihre Mutter „Außerdem

könnte sie auch jemandem gehören. Woher hast du sie überhaupt?“, fügte ihr Vater hinzu.

„Von der Straße neben der Schule. Sie saß ganz verlassen am Straßenrand. Sie gehört

sicher niemandem“, versicherte Elisa ihren Eltern. „ Ich habe sogar schon einen Namen für

sie. Ich will sie Dana nennen!“, fügte sie schluchzend hinzu.

Doch Francesca und Antonio ließen sich von ihrer Meinung nicht abbringen. Elisa konnte

nicht verstehen, wie ihre Eltern so kaltherzig zu diesem zuckersüßen Tier sein konnten. Sie

setzte die Katze auf den Boden, lief in ihr Zimmer und verschloss die Tür. Antonio nahm

das Tier und brachte es an die Stelle, an der es seine Tochter gefunden hatte. Natürlich

hatte er Mitleid, aber er wusste, dass seine Frau keine Tiere im Haus wollte. Er hoffte, der

wahre Besitzer des kleinen Kätzchens würde es finden und mit nach Hause nehmen.

Elisa verließ an diesem Tag ihr Zimmer nicht mehr. Erst am nächsten Morgen, als ihre

Eltern bereits zur Arbeit gefahren waren, kam sie heraus. Mit verweinten Augen nahm sie

ihr Jausenbrot und ihre Schultasche und ging zur Schule. Doch plötzlich hörte sie an der

gleichen Stelle wie am Vortag ein leises Wimmern. Es war Dana. Statt der Tränen formte

sich nun ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Elisa nahm das zitternde Kätzchen, putzte den

Schnee ab und wickelte es in ihren gestrickten Schal. Da ihr Haus nicht weit weg von der

Schule war, lief Elisa nochmals zurück. Dort angekommen, holte sie eine Schüssel Milch

und eine große Schachtel aus dem Keller. Sie packte die Katze in eine Decke und legte sie

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in die Schachtel. Daneben stellte sie die Milch. Doch plötzlich dachte sie an ihre Mutter.

„Was würde sie sagen? Wie würde sie reagieren, wenn sie jetzt die Katze sehen würde?“

Diese Gedanken gingen ihr durch den Kopf. Da hatte Elisa eine Idee. „Ich werde meine

Zimmer verschließen, und wenn Mama fragt, sage ich einfach, dass ich Geschenke bastle,

da jetzt doch bald Weihnachten ist“, dachte sie. „Du musst mir dabei helfen“, sagte sie zu

Dana, „du musst den ganzen Tag schön brav sein. Dann verspreche ich dir, dass ich ganz

viel mit dir spielen werde.“

Glücklich lief sie nun zur Schule.

Elisa hatte keine ruhige Minute. Die Lehrerin ermahnte sie einige Male, doch auch das war

ihr egal. Ihre Gedanken drehten sich nur um die Katze. Sie konnte das Ende des Unterrichts

kaum erwarten. Da war es dann plötzlich, die Schulglocke läutete. Elisa sprang auf und

lief, ohne ihre Jacke anzuziehen, nach Hause. Ganz ohne Atem kam sie daheim an. Hastig

sperrte sie die Tür zu und rannte in ihr Zimmer. Sie erschrak, weil sie keine Geräusche

hörte. Ganz leise schlich sie zur Kiste. Erleichtert atmete sie auf. Die kleine Katze lag

eingerollt auf der Decke und schlief. Ein Lächeln breitete sich auf Elisas Gesicht aus. Sie

nahm das kleine Kätzchen heraus und streichelte es vorsichtig. Das Mädchen freute sich,

weil Dana endlich zu zittern aufgehört hatte. Danach blickte sie auf die Tasse mit der

Milch. Elisa war erleichtert, da sie merkte, dass das Kätzchen ganz alleine getrunken

hatte. Sie holte etwas zu essen aus dem Kühlschrank und fütterte sie mit Wurst.

Einige Zeit später hörte sie ihre Mutter. Elisa erschrak. Schnell packte sie die Katze wieder

in ihre Kiste, stellte sie in den Kasten, verschloss das Zimmer und lief in die Küche zu ihrer

Mutter. Sie hatte große Mühe, nichts zu verraten. Nach dem Abendessen ging sie sofort

wieder in ihr Zimmer. „Was machst du denn so heimlich in deinem Zimmer?“, fragte der

Vater neugierig. Prompt fiel Elisa eine passende Antwort ein. Sie sagte, dass sie noch

Weihnachtsgeschenke machen müsse, da es ja nur noch wenige Wochen bis zum großen

Fest seien. So verging die ganze nächste Woche und die Mutter bemerkte die Katze nicht.

Am dritten Adventsonntag sagte Francesca zu ihrer Tochter: „Wir wollen Oma und Opa

besuchen fahren und kommen sicher erst spät zurück. Magst du mitkommen?“ Doch Elisa

blieb zu Hause. Sie holte die Katze aus ihrem Zimmer und nahm sie mit in die Küche.

Sie stellte den Adventkranz auf den Wohnzimmertisch, holte das Kätzchen aus der Küche

und die beiden machten es sich auf der Couch gemütlich. Elisa wurde müde und schlief

ein. In der Zwischenzeit spielte Dana am Boden mit einem Wollknäuel. Stunden vergingen

und die Kerze am Adventkranz wurde immer kleiner. Schließlich war sie so klein, dass die

Zweige neben der Kerze Feuer fingen. Sekunden später brannte der gesamte Kranz und

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auch die Decke, die auf dem Tisch lag, brannte.

Dana bemerkte das Feuer und krabbelte aus Angst auf Aurora. Nach wenigen Minuten

brannten auch die Vorhänge, der Teppich und Teile der Möbel. Elisa wachte auf. Sie

erschrak und fing an zu schreien. Dann packte sie das Kätzchen und rannte aus dem

Wohnzimmer. Mit Tränen lief sie aus dem Haus zur Nachbarin. Diese rief die Feuerwehr

und versuchte, das Mädchen zu beruhigen. Gleichzeitig mit der Feuerwehr kamen auch

Francesca und Antonio zu Hause an. Francesca wurde panisch, als sie sah, dass die

Feuerwehr vor ihrem Haus stehen blieb. Sie weinte und schrie nach ihrer Tochter.

Währenddessen rannten die Feuerwehrmänner in das brennende Haus. Antonio lief ihnen

nach, um verzweifelt nach seiner Tochter zu suchen.

Doch in der Zwischenzeit kam die Nachbarin aus der Tür und trug das Mädchen und ihre

Katze hinaus. Francesca weinte vor Freude, als sie ihre Tochter sah. Sie lief ihr entgegen

und umarmte sie. Kurze Zeit später kam ein Feuerwehrmann aus dem rauchenden Haus

und teilte der Mutter mit, dass zum Glück nur das Wohnzimmer beschädigt war. Als der

erste Schock überwunden war, sah sie erst das Kätzchen in den Armen ihrer Tochter.

Obwohl sie glücklich darüber war, dass Dana Elisa gerettet hatte, wollte sie die Katze

trotzdem nicht behalten. „Wir haben keine Zeit für ein Kätzchen. Außerdem brauchen wir

Futter für es und zum Tierarzt müssen wir dann auch“, sagte sie entschlossen zu ihrer

Tochter.

„Aber ich möchte das Kätzchen behalten. Es hat mich doch gerettet“, weinte die Kleine.

Doch Francesca blieb bei ihrer Meinung. Als ihr Mann aus dem Haus kam und seine Tochter

sah, weinte er Freudentränen. Er lief zu Elisa und drückte sie fest. Das Mädchen erzählte

ihrem Vater die Geschichte und er verstand, dass seine Tochter das Kätzchen behalten

wollte. „Sie ist doch wirklich lieb“, sagte er zu seiner Frau. „Außerdem müssen wir

dankbar sein. Denn ohne die Katze hätten wir vielleicht unsere Tochter nicht mehr“, fügte

er hinzu. „Das ist mir doch klar. Aber wir können Dana trotzdem nicht behalten“,

antwortete Francesca stur. „Wir wissen nicht, woher die Katze kommt“, fügte sie hinzu.

„Aber sie hat doch die ganzen letzten Wochen bei mir gelebt, sie hat keine Krankheiten.

Und das Futter ist ja auch nicht so teuer. Ich hab` es bis jetzt mit meinem Taschengeld

bezahlt, und das werde ich auch weiterhin machen“, warf Elisa ein. Doch ihre Mutter ließ

nicht mit sich reden. Sie bestand darauf, dass die Katze aus dem Haus kommt.

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Während dieser Diskussion kam ein Feuerwehrmann und teilte der Familie mit, dass sie

wieder ins Haus könnten und dass keine Gefahr mehr bestehen würde. „Es sind nur die

Wohnzimmermöbel zerstört. Ihre Tochter hatte großes Glück!“, sagte er zu Francesca und

Antonio.

Die drei gingen ins Haus, doch Francesca bestand darauf, dass ihr Mann die Katze sofort

aus dem Haus brachte. Elisa rannte in ihr Zimmer und weinte sich in den Schlaf.

Währenddessen diskutierten Antonio und Francesca in der Küche und Dana spielte neben

ihnen. „Schau sie dir doch an!“, meinte Antonio. „Ich weiß, dass sie süß ist, doch ich

möchte keine Katze in unserem Haus. Ende der Diskussion! Morgen bringst du sie weg von

hier!“, erwiderte Francesca. Ohne ein weiteres Wort zu wechseln, gingen sie zu Bett. Für

Dana sollte es die letzte Nacht in Elisa‘s Bett sein.

Es war Montagmorgen. Elisa ging ganz verweint zur Schule. Seit gestern Abend hatte sie

kein Wort mit ihrer Mutter gesprochen. Nachdem Elisa aus dem Haus war, packte Antonio

das Kätzchen in eine Schachtel und machte sich auf den Weg ins Tierheim. Es brach ihm

fast das Herz, wenn er an seine Tochter dachte. Doch so sehr er sich auch bemühte, er

schaffte es nicht, seine Frau zu überreden. Die ganze nächste Woche verlief sehr traurig.

Antonio konnte das Leid seiner Tochter gar nicht mit ansehen und auch Francesca bekam

Schuldgefühle.

Jeden Abend lag Elisa im Bett und weinte. Die ganze Woche über aß sie fast nichts.

Francesca machte sich große Sorgen um sie.

Das Mädchen dachte an nichts anderes, als an die Katze. Jedem, der sie nach ihrem

Weihnachtswunsch fragte, sagte sie: „Ich wünsche mir gar nichts. Ich hätte mir nur das

Kätzchen gewünscht.“

Nun war der Nachmittag des 24. Dezember gekommen und bei Elisa war nichts von

Weihnachtsfreude zu merken. Sie wollte Weihnachten heuer sogar ausfallen lassen. Doch

das wollte Francesca nicht zulassen. Während Antonio mit seiner Tochter rodeln war,

beschloss sie, ins Tierheim zu fahren und die kleine Katze für ihre Tochter zurückzuholen.

Wie durch ein Wunder war Dana noch dort.

Sie packte das Kätzchen und fuhr nach Hause. Sie war allein. Schnell begann, sie den

Christbaum zu schmücken, denn das durfte Elisa natürlich nicht sehen. Hastig holte sie

noch die Geschenke aus dem Versteck und legte sie unter den Baum. Doch das schönste

Geschenk für Elisa fehlte noch. Sie holte eine rote Schleife und band sie Dana um den Hals.

Sie setze sie in eine Kiste und stellte sie hinter den Christbaum. Plötzlich hörte sie

jemanden an der Tür. Schnell versperrte sie die Wohnzimmertür. Elisa war so traurig, dass

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sie nicht einmal bemerkte, dass die Wohnzimmertür verschlossen und das Christkind da

gewesen war.

Die drei bereiteten sich für die Kirche vor. Danach kamen Oma und Opa zu Besuch. Elisa

wollte auf das Abendessen verzichten und ging in ihr Zimmer. Nach dem Essen ging die

ganze Familie zur Bescherung ins Wohnzimmer. „Komm doch auch Elisa. Wir wollen doch

Weihnachten feiern“, rief Antonio. Nach langem hin und her willigte Elisa ein.

Gelangweilt setzte sie sich auf die Wohnzimmercouch. Sie hatte nicht einmal Lust, die

vielen Geschenke unter dem Christbaum auszupacken. Doch plötzlich bewegte sich etwas

hinter dem Christbaum. Überrascht schaute sie zu ihrer Mutter und diese lächelte froh

zurück. Elisa wusste sofort worum es ging. Sie eilte zu der Kiste. Und da lag sie. Ihre Katze

Dana. Freudentränen rannen ihr über die Wangen. Sie nahm das Kätzchen und drückte es

ganz fest. Anschließend lief sie zu ihren Eltern und umarmte sie. Das war das schönste

Geschenk, das sie je bekommen hatte.

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