Nr. 14 - Das Sophien

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Nr. 14 - Das Sophien

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Der Sackpfeifer

Die Zeitschrift für unser Klinikum 1/2012 Ausgabe 14

SONDERBEILAGE:

Heft zum Herausnehmen!

Themen im Heft:

Chefarztwechsel in der Frauenklinik

Eröffnung NONPain-Unit


Inhalt

Überblick

Portrait

Chefarztwechsel - Dr. Jörg Herrmann folgt Dr. Grauel 2

Weimarer Frauenklinik setzt neuen Kurs 4

Sonderheft

1912 bis 1950

1950 bis 1974

1975 bis 1990

1990 bis 1998

1998 bis 2012

100 Jahre Kinderklinik Weimar

Der Name der Kinderklinik im Wandel der Zeit ........... 4

Wie alles begann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5

Inflation, Zweiter Weltkrieg und ihre Folgen ............. 6

Eine dunkle Seite – die Aktion T4 und das Feodoraheim .... 6

Vom Belegarzt- zum Chefarztsystem ................... 7

Dr. Eltz: Pionier und Modernisierer .................... 8

Zwischen Frauenmilcheinkauf und Milchküche ........... 9

Kinderheilkunde zu Zeiten des geteilten Deutschlands. .... 10

Die Geburtsstunde der Kinderpoliklinik ................ 11

Bildgebende Diagnostik in der Kinderklinik Weimar. ...... 12

Bettenbelegung in Folge des medizinischen Fortschritts. ... 13

Geschichten aus dem Alltag der Kinderklinik. ........... 14

Besuchszeiten im Wandel .......................... 15

Zwischen politischer Wende und Umzugskartons. ........ 16

So vollenden wir gemeinsam die Einheit ............... 17

Bombendrohung gegen die Kinderklinik ............... 18

Von Masern und Mumps zu Allergie und seelischer Störung . 19

Die Schwestern und ihre Ausbildung .................. 20

Feierstunden ................................... 21

Das neue Gewand ............................... 22

Zu Gast in Weimar – Hilfe im globalen Horizont ......... 24

Bedeutung von Ökonomisierung und demographischem

Faktor für die Kinder- und Jugendmedizin .............. 25

Aktuelle Herausforderungen ........................ 26

Ausblick....................................... 27

Aktuelle Daten 2012 ............................. 28

Seiten 2-6

Seite 4

Seite 25

Medizin aktuell

Information

Presse

Hilfe bei Inkontinenz und Beckenbodensenkung 7

Eröffnung NONPain-Unit 8

Im Spiegel der Presse 12

Seiten 8-11

Impressum

Herausgeber: Sophien- und Hufeland-Klinikum gGmbH Weimar, Henry-van-de-Velde-Straße 2, 99425 Weimar, Tel.: 03643 / 57-0, Fax: 03643 / 57-2002

Redaktion: Doreen Päsel, Rektor Axel Kramme, Tomas Kallenbach, Prof. Dr. Reinhard Fünfstück, Dieter Erler

Fotonachweis: Thomas Müller, Weimar

Das Impressum ist im Sonderheft abgedruckt.

Gestaltung, Satz, Produktion: www.blackfrog-design.de, Robin Dietrich & Anja Knopf GbR; Druck: Buch- und Kunstdruckerei Kessler GmbH, Weimar

Patienten und Mitarbeiter erhalten den »Sackpfeifer« kostenfrei. Der Abopreis im Einzelbezug beträgt bei bis zu 4 Ausgaben 12,– Euro/Jahr (inkl.

7% Mwst. und Versandkosten). Artikel, die mit Namen oder Initialen des Verfassers gekennzeichnet sind, stellen nicht zwingend die Meinung der

Redaktion dar. Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck nur nach vorheriger Genehmigung der Redaktion. Auszugsweise Veröffentlichungen sind gegen die

Zusendung von drei Belegexemplaren möglich. Für unverlangt eingesandte Manuskripte wird keine Haftung übernommen. Einsender von Beiträgen

erklären sich mit der redaktionellen Bearbeitung einverstanden. Beiträge aus anderen Arbeitskreisen werden gern angenommen.


Editorial

Kleine geistliche Besinnung

Freundeskreise

1

von Rektor Axel Kramme

Meine Tochter ist überglücklich. Nicht etwa,

weil sie mich zum Vater hat, nein, sie hat uns

Eltern die Erlaubnis abgerungen, sich bei Facebook

anmelden zu können.

Jetzt hat sie schon sechzig Freunde hinzugefügt,

sagt sie stolz. Wow, staune ich, sechzig

Freunde, da bleibt ja für den Einzelnen von dir

nicht viel übrig, oder? Das verstehst du nicht,

sagt sie, und sie hat Recht: Ich verstehe es

nicht, frage mich nur dreierlei:

Wann hat der Mensch die meisten Freunde?

Wahrscheinlich, wenn es ihm gut geht und

er/sie erfolgreich, jung, schön, dynamisch ist,

oder, wie ein Patient mir sagte, wenn er Kies

hat. Ohne Moos nichts los, auch mit den sogenannten

Freunden nicht. Wann sind Freunde

rar? Wenn du Hilfe brauchst, allein bist,

Mist gebaut hast oder jemandem etwas schuldig

geblieben bist. Was kann man mit Freunden

teilen? Beinahe alles, vor allem aber die

Dinge, die das Leben schön und schwierig

machen: Erinnerungen, Erlebnisse, Freude,

Sorgen, Ängste, Lasten. Freunde helfen eben

auch Lasten tragen. Ohne dabei zum Packesel

zu werden, tragen sie mit dir, was im Leben

eben auch schwer und schwierig sein kann.

Ich las eine Umfrage zum Thema „Was ist

Freundschaft?“. Da wurde von einem sechsjährigen

Jungen erzählt, der zu einem Hausnachbarn

ging, dem vor Kurzem seine Frau

verstorben war. Hinterher fragte die Mutter,

was der Junge denn dem Nachbarn gesagt

hätte. „Ich habe nichts gesagt“, war die Antwort,

„ich habe ihm nur beim Weinen geholfen“.

Im Neuen Testament der Bibel sagt der Apostel

Paulus einen schönen Satz zu seinen

Freunden: er trage des anderen Last. So werdet

ihr das Gesetz Christi erfüllen (Galater 6,

2). Und das Gesetz Christ erfüllen wir, indem

wir – wie Gott für uns – auch füreinander da

und Freunde und Freundinnen sind: In der Familie,

in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz,

im Krankenhaus und – von mir aus auch – bei

Facebook.

Apropos Facebook. Ich habe mich auch angemeldet.

Schon um ein bisschen die Kontrolle

zu behalten, mit wem meine Tochter da alles

„befreundet“ ist. Sie ist empört und will mich

jetzt aus ihrer Freundesliste entfernen. Das

kommt davon, sagt meine Frau. Und sie hat

Recht. Wie immer.

Rektor Axel Kramme,

Krankenhausseelsorger

Ehrensache

Hohe Auszeichnung für den Ärztlichen Direktor

Mit der »Dr. Ludwig Pfeiffer-Medaille« wurde

Prof. Dr. med. Reinhard Fünfstück im Juni

2012 von der Landesärztekammer Thüringen

ausgezeichnet. Die Geschäftsleitung des

Weimarer Klinikums gratulierte ihm zu dieser

hohen Würdigung, die seit dem Jahr 1997 für

besondere Verdienste um das Ansehen der

Ärzteschaft im Freistaat vergeben wird. Der

Präsident der Landesärztekammer Thüringen,

Herr Dr. med. Mathias Wesser, verlieh Prof.

Fünfstück die Medaille für seine Erfolge um die

Förderung der Fort- und Weiterbildung und für

seine zahlreichen berufspolitischen Aktivitäten.

Dazu gehören die jährlich in Weimar stattfin-

denden Intensivkurse für Diabetologie, Nephrologie

und Hypertensiologie der Deutschen

Hochdruckliga. Darüber hinaus engagiert sich

der Weimarer Mediziner in zahlreichen Verbänden

wie beispielsweise als Vorstandsmitglied

der Gesellschaft für Innere Medizin Thüringens

e.V.. In Zusammenarbeit mit dem Landesverband

Thüringen des Deutschen Diabetiker Bundes

setzt er sich für eine verbesserte Lebensqualität

von Patienten mit Diabetes ein.

Prof. Dr. med. Fünfstück ist Chefarzt der Klinik

für Innere Medizin I und seit dem Jahr 2007

Ärztlicher Direktor des Klinikums Weimar.

Prof. Dr. med. Reinhard Fünfstück


Portrait

Chefarztwechsel in der Klinik für Gynäkologie und

Geburtshilfe – „Am Ende bleibt Dankbarkeit und großer Respekt“

unseren Patientinnen und für das Klinikum in

Weimar dankten ihm die Geschäftsführung

und die Kollegen zur Verabschiedung im Januar

2012. Herr Dr. med. Grauel hat mit Beginn

des Jahres die Leitung der Klinik für Gynäkologie

und Geburtshilfe in Sondershausen

am dortigen DRK-Krankenhaus übernommen.

Scheidender und neuer Chefarzt (v.li.):

Dr. med. Bernd-Michael Grauel und Nachfolger

Dr. med. Jörg Herrmann

Laudator, Kollege und Freund des scheidenden

Chefarztes: Herr Prof. Dr. med. Seidel

Ehrengäste: Weimars Oberbürgermeister,

Stefan Wolf und die Aufsichtsratsvorsitzende

des Klinikums Dipl.-oec. Petra Hegt

2

von Doreen Päsel,

Referentin für Öffentlichkeitsarbeit

Dr. med. Bernd-Michael Grauel ist mit 22

Jahren Dienstzeit einer der längstgedienten

Chefärzte des Weimarer Klinikums. In dieser

Zeit hat er mit großem Engagement die Klinik

für Gynäkologie und Geburtshilfe, insbesondere

in den 90er Jahren und den Jahren

nach unserer Fusion, mit neuen, teils unkonventionellen

und kreativen Ideen entwickelt.

Unter seiner Leitung gelang es, dass die geburtshilfliche

Abteilung – mit durchschnittlich

ca. 1.350 Geburten jährlich – zu einer der

größten und nachgefragtesten Geburtskliniken

in Thüringen avancierte. Die Gynäkologie

war seinerzeit eine der ersten Kliniken in

Thüringen, welche die komplexe »Wertheim

Operation« erfolgreich praktizierte und durch

die jährlich stattfindenden Wertheim-Kongresse

über die Grenzen von Weimar hinaus

zu einem guten Ruf gelangte. Nicht zuletzt

legt die Etablierung unseres Beckenbodenzentrums

Zeugnis der Leistungen des Chefarztes

Dr. med. Grauel ab.

Mit dem Beginn des Jahres 2012 endete nun

die Etappe gemeinsamer Zusammenarbeit.

Für die Erfolge und den geleisteten Dienst an

Hubertus Jaeger, Geschäftsführer der Sophienund

Hufeland-Klinikum gGmbH, erklärte in

seiner Rede, dass es kein Geheimnis sei, dass

die Erwartungen des Krankenhausträgers auf

der einen und die Erwartungen des Chefarztes

auf der anderen Seite aus dem Dienstverhältnis

in der letzten Zeit nicht mehr vollumfänglich

deckungsgleich waren:

„[...] unter dem harten Wettbewerbsdruck,

dem sich Krankenhäuser und deren verantwortliche

Protogonisten ausgesetzt sehen,

durchaus eine risikobelastete Situation. Gemeinsam

haben wir kollegial geprägt nach Lösungen

gesucht. Letztendlich konnten wir einen

guten Konsens darin finden, dass sich

unsere Wege trennen werden. Dies allein ist ja

nicht außergewöhnlich oder gar ehrenrührig.

Außergewöhnlich indes ist aber die Art und

Weise, wie wir miteinander umgegangen sind.

Wir haben diesen Weg beschritten, ohne uns

zu überwerfen oder uns gar gegenseitig zu

diffamieren. Die freundschaftliche Verbundenheit

und der gegenseitige Respekt haben sich

als sehr belastbar erwiesen.“, so Jaeger weiter.

Am Ende bleibt Dankbarkeit und großer

Respekt für den geleisteten Dienst.

Dies zeigte sich auch im Erscheinen vieler Kollegen

und Mitarbeiter, die Chefarzt Dr. med.

Grauel ihre Glückwünsche zum Abschied und

Neubeginn in Sondershausen persönlich zustellten.

Unter den zahlreichen Gästen der Veranstaltung

konnten ehemalige Kollegen, Vertreter

der Stadt, der Krankenkassen und des medizinischen

Dienstes, Vertreter der Kirchgemeinde,

niedergelassene Kollegen, Aufsichtsratsmitglieder,

Chefarztkollegen sowie weitere Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter des Hauses begrüßt

werden. Die Laudatio hielt der Chefarztkollege

und gute Freund von Dr. med. Grauel, Prof. Dr.

med. Egbert Johannes Seidel. Dieser leitet erfolgreich

das Zentrum für Physikalische und Rehabilitative

Medizin am Weimarer Sophien- und

Hufeland-Klinikum. In seiner Laudatio zeichnete

er den beruflichen Werdegang Grauels nach.


3

Glückwünsche und Dank zum Abschied...

Auszüge aus der Laudatio:

[…] „Nach dem Abitur 1971 in Erfurt, wo

Du auch geboren wurdest, hast Du das Studium

der Humanmedizin an der Universität

Leipzig aufgenommen.

Das Studium wurde nach dem Physikum an

der Medizinischen Akademie Erfurt fortgesetzt

und 1976 mit der Approbation als Arzt

beendet. […] 1982 erfolgte nach bestandener

Prüfung die Anerkennung als Facharzt für

Gynäkologie und Geburtshilfe. Die Promotion

mit dem Thema: Fibrin-Ablagerungen in

der übertragenen Kaninchenplazenta und deren

Beeinflussbarkeit durch Thrombin-Inhibitoren

und Thrombozytenaggregationshemmer

konntest Du 1983 erfolgreich verteidigen.

Von 1982 bis 1987 warst Du als leitender

Kreißsaalarzt an der Hochschule Erfurt tätig.

[…] 1987 folgte Dein Entschluss die Hochschule

zu verlassen und Du wurdest mit 34

Jahren als Chefarzt der gynäkologisch-geburtshilflichen

Abteilung an das Kreiskrankenhaus

nach Bad Frankenhausen berufen.

Dort wählte man Dich zum stellvertretenden

Ärztlichen Direktor und später zum amtierenden

Ärztlichen Direktor. 1989 wurden

einige Chefarztstellen in Thüringen vakant.

So verpflichtete Dich der Ärztliche Direktor

Prof. Harald Schmechel per Handschlag

ab 1.4.1990 als Chefarzt der Frauenklinik

der Hufeland-Kliniken GmbH. […] Die Kollegialität

und Freundschaft der anderen Chefärzte

hat uns in hohem Maße geholfen, die

schwierigen Jahre der Umwandlung des Gesundheitswesens

an unserem Klinikum mitzugestalten.

[…] Es waren spannende Jahre, von Helios

und Rhön umworben, versuchten wir als Klinik

einen eigenen Weg zu finden. […] Zehn

Geschäftsführer und vier Ärztliche Direktoren

hast Du in dieser Zeit erlebt. […] Mit

dem Zusammenschluss der beiden Krankenhäuser

in Weimar übernahmst Du 1998 die

Chefarztposition der Klinik für Gynäkologie

und Geburtshilfe am Sophien- und Hufeland-Klinikum

mit 60 Betten und ca. 4.500

Behandlungen und 1.370 Geburten pro Jahr.

Gleichzeitig wurde weiterhin die volle Weiterbildungsermächtigung

genehmigt und ein

Lehrauftrag der Universität Jena für die Gynäkologie

und Geburtshilfe bis heute erteilt.

Seit 2004 besteht ein Perinatal-Zentrum sowie

ein Zentrum für Beckenboden- und Inkontinenzchirurgie

an der Klinik.

[…] Die Patientin stand immer im Mittelpunkt

Deines ärztlichen Handelns, Deine ganzheitliche

Betrachtungsweise war beispielgebend

für viele Weiterbildungsassistenten. Du warst

nicht der versessene Operateur, sondern das

Wohl Deiner Patientinnen lag Dir über den

stationären Aufenthalt hinaus am Herzen. Aus

diesem Grunde hast Du Dich von 2000 bis

2006 zusätzlich dem Studium der ayurvedischen

Medizin gewidmet.

[…] Du hast mit der konsequenten Entwicklung

der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe

zu einer der leistungsstärksten Kliniken in

Thüringen in den letzten 22 Jahren aber auch

eine enorme Ausdauer demonstriert. Eine Ausdauer,

welche Dir viele nicht zutrauen würden,

welche Dich nicht auf dem Rad oder auf dem

Wanderweg begleitet haben.

[…] Es (das Radfahren, Anmerkung der Redaktion)

war und ist für Dich Entspannung

und Stressabbau. Diese eindrucksvolle Entwicklung

der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe

war jedoch nur möglich durch den

engagierten Einsatz und die Mitarbeit der Ärzte,

Hebammen und Schwestern Deiner Klinik.

[…] Für Deine neuen Aufgaben und vor allem

die geplanten interessanten Vorhaben

als Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und

Geburtshilfe des Krankenhauses Sonderhausen

und als nunmehr dienstältester Chefarzt

Deines Fachgebietes in Thüringen, wünsche

ich, auch im Namen Deiner Mitarbeiter und

der MitarbeiterInnen unseres Klinikums, Dir,

Deiner Frau und Deiner Familie alles erdenklich

Gute. Man sagt heute häufig, Reisende

soll man nicht aufhalten. Ich hätte Dich gerne

aufgehalten!“

Grauel verabschiedete sich aus Weimar mit

einer großzügigen Privatspende für das Kinderhaus

Geist Weimar und das Franziskanerkloster

Dettelbach. Er erhielt wiederum ein

Geschenk von seinen Kollegen: Sie sorgten

dafür, dass sich der passionierte Radwanderer

nie „verfransen“ solle und statteten ihn

mit einem Navigationsgerät für das Rad aus.

...erhielt Chefarzt Dr. med. Grauel (hier neben

seiner Frau Bärbel) unter anderem auch vom

Superintendent Henrich Herbst (re.).

... vom ärztlichen Direktor a. D. Dr. med. Robiller

und Chefarzt a. D. Dr. med. Jalinski (re.)

... überbrachten auch Prof. Dr. Seidel sowie

weitere Chefarztkollegen a. D. Prof. Dr. med.

Schmechel und Dr. Basler.

Abbild und Original: Die Ahnengalerie ist

nun um eine Chefarztpersönlichkeit reicher.


Portrait

Frauenklinik setzt neuen Kurs

Dr. med. Jörg Herrmann folgt Dr. med. Bernd-Michael Grauel

„Mit dem Vertrauen in Ihre Persönlichkeit und

Ihre fachliche Eignung müssen Sie in den nächsten

Jahren die großen Erwartungen erfüllen, die

wir in Sie setzen. Ich bin da jedoch ganz zuversichtlich.“

Mit diesen Worten seiner Begrüßungsansprache

hieß der Geschäftsführer Hubertus

Jaeger den neuen Amtsinhaber herzlich

willkommen. „Ich vertraue Ihnen heute die ärztliche

Leitung der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe

an und bitte Sie, verantwortungsvoll

und immer die Interessen der Patientinnen und

die unseres Klinikums wahrend, das Fachgebiet

und die Klinik weiterzuentwickeln und eine beständige

hohe Leistungsfähigkeit zu realisieren.

Bauen Sie dabei bitte auf die guten Traditionen

der Klinik auf. Ganz besonders möchte ich Ihnen

auch das Wohl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

ans Herz legen. Sie sind das wichtigste

`Kapital´, was wir haben und ich kann Ihnen versichern,

Sie übernehmen eine Super-Truppe!“,

so Jaeger weiter. Der Ärztliche Direktor, Prof.

Dr. med. Reinhard Fünfstück, schloss sich den

Glückwünschen an und war sich sicher, dass mit

der Person und dem Arzt Herrmann eine gute

Wahl getroffen worden ist.

Rektor Axel Kramme segnete den neuen

Chefarzt mit dem Bibelspruch aus dem

ersten Petrusbrief 4;10 ein.

Laudator des neuen Chefarztes Prof. Dr.

med. Ekkehard Schleussner aus Jena

Traf die Entscheidung für den Neuen mit:

Aufsichtsratsmitglied und Minister a. D. Dr.

Frank Michael Pietzsch

4

von Doreen Päsel,

Referentin für Öffentlichkeitsarbeit

Herr Dr. med. Jörg Herrmann ist seit dem

01. Januar 2012 der neue Chefarzt der Klinik

für Gynäkologie und Geburtshilfe am Sophienund

Hufeland-Klinikum in Weimar. Er trat die

Nachfolge für Chefarzt Dr. med. Bernd-Michael

Grauel an, der nach 22 verdienstvollen Jahren

mit Glück- und Segenswünschen nach Sondershausen

verabschiedet wurde. Wie stets bei

solchen Anlässen gab das Klinikum in Weimar

einen festlichen Empfang zur Amtsübergabe.

Dieser fand am 11. Januar 2012 im Beisein von

Kollegen, Familie und geladenen Gästen statt.

Die Laudatio hielt sein langjähriger Freund,

Lehrer und Kollege Prof. Dr. med. Ekkehard

Schleussner aus Jena. Die Einsegnung in das

Amt als Chefarzt übernahm Herr Pfarrer Rektor

Axel Kramme.

Herr Dr. med. Herrmann wurde am 27. November

1972 als Sohn einer Ärztin und eines

Journalisten in Erfurt geboren und hat in Jena

Medizin studiert. Seit Januar 2001 war er an

der Universitäts-Frauenklinik in Jena tätig – zunächst

unter Prof. Schneider und Prof. Seewald,

später unter Prof. Hillemenns, Prof. Runnebaum

und Prof. Schleussner. Hier leitete er zuletzt

als Oberarzt die Ambulanz mit den Spezialsprechstunden

und den Bereich ambulantes

Operieren. Sein besonderes Interesse gilt der

Diagnostik und Therapie von Krebsvorstufen

und Frühstadien genitaler Karzinome der Frau.

Nach seiner Facharztausbildung und erfolgreicher

Promotion zu einem onkologischen Thema

suchte sich Jörg Herrmann neue fachliche Herausforderungen

und wurde von PD (Privatdozent)

Dr. med. Wolfgang Starker in das Teilgebiet

der gynäkologischen Endokrinologie und

Reproduktionsmedizin eingeführt.

Unter Herrn Dr. med. Starkers Leitung verantwortete

er die In-Vito-Fertilisationsabteilung

(künstliche Befruchtung bei Kinderwunsch) und

erlangte im Jahr 2009 die Teilgebietsanerkennung

»Spezielle gynäkologische Endokrinologie

und Reproduktionsmedizin«. Im April 2010

folgte er dem Ruf als Chefarzt der Klinik für

Gynäkologie und Geburtshilfe am Robert-Koch-

Krankenhaus nach Apolda. Diese Position hatte

er bis zu seinem Wechsel an das Weimarer Klinikum

19 Monate lang erfolgreich ausgefüllt.

Während dieser Tätigkeit in Apolda konnten er

und sein Team der Frauenklinik zu deutlich mehr

Patientinnen und zu neuem Ruf verhelfen.


5

In seiner Antrittsrede kündigte der neue Chefarzt

einen klaren Kurs nach vorn an: „Auch

wenn wir Ärzte nicht wollen, dass es jemandem

schlecht geht, werden wir es wohl nicht

immer abwenden können. Dass es keinem Patienten

schlecht geht, dafür stehen wir jeden

Tag ein. Die Bekanntschaft vieler Ärzte, derer

wir uns erfreuen und deren Zahl wir stetig vergrößern

wollen, sichert uns das Privileg vieler

Diagnosen. Wir wollen all unsere Kraft, unsere

Empathie und unser medizinisches Wissen

und Können zum Wohle unserer Patientinnen

einsetzen. Damit werden wir den Erfolg unserer

Klinik festigen und weiter ausbauen.“

Dies ist nur möglich, so Herrmann, durch eine

enge Zusammenarbeit mit anderen Fachabteilungen

des Hauses, insbesondere der Klinik für

Kinder- und Jugendmedizin, sowie mit den niedergelassenen

Gynäkologen und Hebammen.

Enge Kooperation wie zum Universitätsklinikum

in Jena und der Charité in Berlin sollen

weiter ausgebaut werden.

Zukünftig könnte gemeinsam mit der Klinik für

Radiologie und Nuklearmedizin die Therapie

mit hochfokussiertem Ultraschall als Ergänzung

zum bisherigen Spektrum etabliert werden.

Zu seinen weiteren Vorhaben im Bereich

der Geburtshilfe gehören regelmäßige Fortbildungen

für Ärzte und Hebammen und interne

Fortbildungen zu geburtshilflichen Themen. Er

legt, genau wie sein Vorgänger, besonders großen

Wert auf eine familienorientierte, sanfte

und ganzheitliche Geburtshilfe. Die Sicherheit

von Mutter und Kind sowie die Prävention geburtshilflicher

Notfälle haben für den Gynäkologen

oberste Priorität.

Hier, aber auch im Bereich der Gynäkologie sei

dies mit dem Ziel verbunden, die Belastungen

der Patientinnen, die durch eine OP entstehen,

zu verringern, den stationären Aufenthalt zu

verkürzen und bei gleichzeitig verbessertem

kosmetischen Ergebnis die Komplikationen zu

senken. Weiterhin sollen die Abläufe bei den

Sprechstunden optimiert werden und so kürzere

Wartezeiten und eine zeitnahe Terminvergabe

erfolgen.

Im Einzelnen betrifft dies die gynäkologische

Onkochirurgie, die Beckenbodenrekonstruktion

und die Inkontinenzchirurgie. Auch die endoskopische

Myom- und Endometriosechirurgie

zählt fortan zu den Spezialitäten der Klinik.

Der Experte Dr. med. Herrmann möchte, aufgrund

seiner umfangreichen Erfahrungen und

der Expertise in allen Verfahren der operativen

Behandlung von Myomen, die herausragende

Stellung der Frauenklinik in der Region weiter

ausbauen. Durch die Etablierung neuer innovativer

OP-Verfahren könne bei Patientinnen

mit gutartigen (z.B. Myomen) als auch mit

bösartigen (z.B. Zervixkarzinom) Erkrankungen

der Uterus und die Fertilität erhalten bleiben.

Sein umfangreiches Schwerpunktwissen gibt

Herr Herrmann seit Jahren an andere Kollegen

weiter. Daher war es für ihn selbstverständlich,

auch zukünftig diverse OP-Trainingskurse für

externe Operateure anzubieten und die Klinik

für Gynäkologie und Geburtshilfe zu einem

Trainingszentrum für minimal-invasive Operationsverfahren

aufzubauen.

Dem neuen Chefarzt folgten weitere Ärzte an

die Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe

nach Weimar. Unter ihnen ist Herr Dr. med.

Ivaylo Georgiev (kein Bild), ebenfalls Experte auf

dem Gebiet minimal-invasiver OP-Verfahren,

mit dem Dr. med. Herrmann seit vielen Jahren

zusammenarbeitet und eng befreundet ist.

Glückwünsche von der Aufsichtsratsvorsitzenden

Dipl.-oec. Petra Hegt

Heißen ihren neuen Chef willkommen:

Oberärztin Martina Brenner (2. v. li.) und

Dr. med. Anja Rühling (Mitte)

Dr. med. Herrmanns besondere Schwerpunkte

sind die minimal-invasiven endoskopischen

Verfahren inklusive »Single-Port-Verfahren« in

allen Bereichen der gynäkologischen Chirurgie.

Für ein Chronikfoto positionierten sich (v. li.): H. Jaeger (Geschäftsführer), Dr. B.-M.Grauel (Chefarzt),

Dr. J. Herrmann (Chefarzt), T. Kallenbach (Prokurist) und Prof. Dr. R. Fünfstück (Ärztlicher Direktor)


Portrait

Interview mit dem neuen Chefarzt

der Frauenklinik – Dr. med. Jörg Herrmann …

Chefarzt Dr. med. Jörg Herrmann

Mountainbiking gehört zu den sportlichen

Interessen des Chefarztes.

Die Freizeit verbringt der Chefarzt mit

seiner Familie (hier mit Sohn Clemens im

Hallenbad).

6

… was verstehen Sie unter moderner

Geburtshilfe?

Moderne Geburtshilfe muss individuell sein

und sowohl auf die medizinischen Belange

der Schwangeren und des Kindes eingehen,

als auch auf die Wünsche und Vorstellungen

der werdenden Eltern.

Moderne Geburtshilfe orientiert sich immer

an den neuesten medizinischen Erkenntnissen

und erfolgt gemäß den Leitlinien der

Fachgesellschaft. Sie bezieht aber auch, wenn

gewünscht, komplementär-medizinische Ansätze

und alternative Methoden mit ein und

bietet eine private Atmosphäre, um die Geburt

so zu einem individuellem Erlebnis für

die Schwangere und deren Partner werden zu

lassen – bei höchstmöglicher Sicherheit für

Mutter und Kind.

Es ist heutzutage sehr modern und es gilt als

wichtigstes Qualitätskriterium in der Geburtshilfe

eine möglichst niedrige Sectiorate vorzuweisen.

Diese hat unsere Klinik auch, jedoch

nicht um jeden Preis. Es gibt eine Vielzahl an

Frauen, die den Wunsch äußern, von vorherein

einen Kaiserschnitt zu erhalten. Hier erfolgt in

einem persönlichen Gespräch eine individuelle

Aufklärung über die Vor- und Nachteile des

Kaiserschnittes, keinesfalls aber versuchen wir

den Frauen diesen Wunsch auszureden und

sie von einer sogenannten Spontangeburt zu

überzeugen. Im Umkehrschluss schöpfen wir

bei Frauen, die ihr Kind auf normalem Weg

bekommen möchten, alle technischen Möglichkeiten

und all unser Wissen und Können

aus, um einen unnötigen Kaiserschnitt möglichst

zu vermeiden, ohne die Gesundheit von

Mutter und Kind zu irgend einem Zeitpunkt

des Geburtsverlaufs aufs Spiel zu setzen. Das

Vorgehen hat bereits jetzt dazu geführt, dass

wir im Vergleich mit anderen großen Kliniken

eine relativ niedrige Kaiserschnittrate haben.

Moderne Geburtshilfe umfasst aber auch unserer

ganzheitliches Betreuungskonzept vor

der Geburt im Rahmen unserer Sprechstunden

und auch nach der Geburt im Rahmen unserer

Wochenstation und unserer Familienappartements.

Eine nur medizinisch-technisch ausgerichtete

Geburtshilfe und eine nur alternativ

ausgerichtete Geburtshilfe halte ich nicht für

zeitgemäß und nicht für modern. Da die Geburt

per se ein natürlicher Vorgang ist, die,

wenn alles normal verläuft, ohne Arzt auskommen

würde, ist die eigentliche Kunst der

Geburtshilfe, Gefahren zu erkennen und abzuwenden,

bevor Sie für Mutter und Kind relevant

werden.

… warum sind Sie Gynäkologe und Geburtshelfer

geworden?

Im Rahmen meiner studentischen Ausbildung

habe ich das Fach zunächst durch Famulaturen

kennengelernt und auch eine Doktorarbeit mit

einem gynäkologisch-onkologischen operativen

Thema begonnen. Durch direkten Kontakt

mit dem Fach bekam ich einen Einblick in die

Vielfalt dieser beiden Teilbereiche Gynäkologie

und Geburtshilfe und kam zu dem Schluss,

dass selbst bei Spezialisierung – wie in jedem

anderen Teilbereich der Medizin auch – trotzdem

eine hohe Vielfalt gewahrt bleibt. Man

hat zum einen die beiden Teilgebiete Gynäkologie

und Geburtshilfe und auch innerhalb dieser

beiden Gebiete unterschiedliche Aspekte.

Die Geburtshilfe z.B. teilt sich auf in Pränataldiagnostik

mit Ultraschalldiagnostik, Doppleruntersuchungen

sowie invasiven Verfahren

und in die klassische Geburtshilfe mit all ihrer

Vielfalt. In der Gynäkologie kann man sowohl

eher operativ als auch eher internistisch endokrinologisch

tätig sein und es gibt ein sehr

breites Spektrum an Krankheitsbildern, die hier

behandelt werden. Diese Vielfalt am Fach, die

Freude an der Zusammenarbeit mit den Patientinnen

und nicht zuletzt mein erster Lehrer

Herr Prof. Dr. med. Achim Schneider (jetzt Charité)

haben dazu geführt, dass ich mich letztendlich

entschlossen habe, Gynäkologe und

Geburtshelfer zu werden, was ich auch bisher

niemals bereut habe.

... was hat Sie dazu bewogen, nach Weimar

zu wechseln?

In der Zeit in Apolda konnte ich Erfahrungen

mit dem „Chefarztsein“ sammeln und nicht

ganz ohne Stolz kann ich sagen, dass wir es

geschafft haben, in relativ kurzer Zeit die Klinik

in Apolda (wie man so schön sagt) zu einer

sehr gut laufenden Klinik zu bringen. Das Sophien-

und Hufeland-Klinikum in Weimar und

die Stadt Weimar selbst sind sehr attraktiv.

Das Weimarer Klinikum ist auch eine deutlich

größere Klinik, mit vielmehr Gestaltungsmöglichkeiten

für einen Chefarzt. Für mich bot sich

die Chance, etwas Großes anzupacken und es

macht bis jetzt sehr viel Freude.


FESTSCHRIFT

zum 100-jährigen Bestehen

der Kinderklinik Weimar

1912 - 2012


1912 bis 1950

1950 bis 1974

1975 bis 1990

1990 bis 1998

1998 bis 2012

Inhaltsverzeichnis

Der Name der Kinderklinik im Wandel der Zeit ............. 4

Wie alles begann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .5

Inflation, Zweiter Weltkrieg und ihre Folgen ............... 6

Eine dunkle Seite – die Aktion T4 und das Feodoraheim ...... 6

Vom Belegarzt- zum Chefarztsystem ..................... 7

Dr. Eltz: Pionier und Modernisierer ...................... 8

Zwischen Frauenmilcheinkauf und Milchküche ............. 9

Kinderheilkunde zu Zeiten des geteilten Deutschlands....... 10

Die Geburtsstunde der Kinderpoliklinik .................. 11

Bildgebende Diagnostik in der Kinderklinik Weimar......... 12

Bettenbelegung in Folge des medizinischen Fortschritts...... 13

Geschichten aus dem Alltag der Kinderklinik.............. 14

Besuchszeiten im Wandel ............................ 15

Zwischen politischer Wende und Umzugskartons........... 16

So vollenden wir gemeinsam die Einheit ................. 17

Bombendrohung gegen die Kinderklinik ................. 18

Von Masern und Mumps zu Allergie und seelischer Störung .. 19

Die Schwestern und ihre Ausbildung .................... 20

Feierstunden ..................................... 21

Das neue Gewand ................................. 22

Zu Gast in Weimar – Hilfe im globalen Horizont ........... 24

Bedeutung von Ökonomisierung und demographischem

Faktor für die Kinder- und Jugendmedizin ................ 25

Aktuelle Herausforderungen .......................... 26

Ausblick. ........................................ 27

Aktuelle Daten 2012 ............................... 28

Festschrift

zum 100-jährigen Bestehen

der Kinderklinik Weimar

Impressum

Herausgeber: Sophien- und Hufeland-Klinikum gGmbH, Henry-van-de-Velde-Straße 2, 99425 Weimar, Tel.: 03643 / 57-0, Fax: 03643 / 57-2002;

Redaktionsleitung: Doreen Päsel

Fotonachweis: Thomas Müller, Weimar: Mantelbild, Mantelinnenseite, S. 9 (teilw.), S. 12-13 (teilw.), S. 19-21 (teilw.), S. 23 (teilw.), S. 25, S. 26 (teilw.),

S. 27-28; Foto Falke, Erfurt: S. 22 (teilw.); City Color Munschke, Weimar: S. 17 (teilw.); Chronik „50 Jahre Haus der Kinderklinik Weimar 1912-1962“: S. 5

(teilw.), S. 7 (teilw.); Chronik „80 Jahre Kinderklinik Weimar 1912-1992“: S. 7 (teilw.), S. 14 (teilw.); Stadtarchiv Weimar, Sign.: StadtA Weimar, 60 10-5/20

Foto, 1920: S.4 (teilw.), Sign.: StadtA Weimar, 60 10-5/20 Foto (Repro) o. J.: S.5 unten (teilw.), Sign.: StadtA Weimar, 60 10-5/42 Bd 1 Foto (1945): S. 6;

Stadtarchiv Weimar, „Thüringer Landeszeitung 19.10.1991 Seite 1“: S.18; Thüringer Landeszeitung 11.07.1991: S. 16-17 (teilw.); Zeitung „Das Volk“

26.09.1970: S. 8 (teilw.); Fotolia.de - by-studio busse/yankushev: S. 1; Sandra Uhlitzsch: sandruschka. Raum für Gestaltung, Weimar: S. 15 (teilw.); www.

royaltyguide.nl/families/wettin/saxemeiningen2.htm, 28.02.2012 S. 4 (teilw.); www.kiggs.de: S. 19 (teilw.); www.wikipedia.de Haus Ithaka, Am Horn,

Weimar, Author:Mazbln, Aufnahmedatum: 26.06.2010: S.7 (teilw.); Sophien- und Hufeland-Klinikum gGmbH, Weimar: S. 19 (teilw.), S. 26 (teilw.); andere

Quellen: privat

Quellennachweis: Stadtarchiv Weimar, 88-456 „Hundert Jahre des Patriotischen Instituts der Frauenvereine im Großherzogtum Sachsen. Festschrift“: S. 5;

„Weimar-Chronik III“ Stadtgeschichte in Daten, Gitta Günther, Tradition und Gegenwart - Weimarer Schriften, Hrsg. Stadtmuseum Weimar 1990: S.5; Chronik

„50 Jahre Haus der Kinderklinik Weimar 1912-1962“; Chronik „80 Jahre Kinderklinik Weimar 1912-1992“; Ernst Klee: Was sie taten – was sie wurden.

Ärzte, Juristen und andere Beteiligte am Kranken- oder Judenmord. Fischer Tagebuchverlag GmbH Frankfurt am Main, September 1986, Thüringisches

Hauptstaatsarchiv Weimar, NS-Archiv des MFS EVZ II 66 Akte 20 und Akte 6: S. 6

Gestaltung, Satz, Produktion: blackfrog design - Robin Dietrich & Anja Knopf GbR, Weimar

Druck: Buch- und Kunstdruckerei Kessler GmbH, Weimar

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2

Prof. Dr. med. habil. Eckart Gottschalk

und Chefarzt Dr. Thomas Rusche

Liebe Leserinnen und Leser,

welch ein bedeutendes und glückliches Ereignis,

dass die Kinderklinik Weimar nun schon hundert

Jahre besteht, was nur wenige Kliniken dieser

Art von sich behaupten können. Vor hundert

Jahren waren kranke Kinder noch vorzugsweise

in Kliniken oder Abteilungen der Inneren Medizin

untergebracht, wenn sie überhaupt stationär

behandelt wurden. Weimar kann mithin sehr

stolz auf diese großartige Tradition sein. Ich gratuliere

herzlich zu diesem Jubiläum.

Die hundertjährige Geschichte der renommierten

Klinik beschreibt den langen und letztlich

sehr erfolgreichen Weg, den die Pädiatrie als

Fach bis zu ihrem heutigen modernen, nach

neuesten wissenschaftlich-medizinischen Erkenntnissen

ausgerichteten Stand gegangen ist.

So unterschiedlich die einzelnen Zeitetappen

auf diesem Weg im Hinblick auf diagnostische

und therapeutische Möglichkeiten ausfallen, immer

stand die aufopferungs- und liebevolle Fürsorge

für das kranke Kind im Vordergrund.

Bis heute fühle ich mich dieser Klinik, nachdem

ich in ihrer Mitte nach dem Erreichen der

Altersgrenze noch sechs Jahre eine überaus

befriedigende Tätigkeit als Kinderchirurg ausüben

konnte, eng verbunden. Immerhin sind

dies von den 100 Jahren gute 34 Jahre, eine

lange Zeitspanne, in der ich es mit drei Chefärzten

in bester Kollegialität zu tun hatte. Dies

waren Dr. Eltz, der leider allzu früh verstorbene

und mir schon aus seiner Erfurter Zeit bekannte

Dr. Scholz und es ist nunmehr Dr. Rusche.

In den letzten Jahrzehnten des verflossenen

Jahrhunderts bin ich von Zeit zu Zeit in der Klinik

gewesen, um als Kinderchirurg beratend

zur Seite zu stehen und bei gegebener Indikation

die Kinder zur Operation zu übernehmen.

Wir haben sie dann nach geglücktem Eingriff

oftmals wieder zur weiteren Betreuung in die

Klinik zurück gegeben. So war es nur ein folgerichtiger

Schritt, nach dem Ende meiner aktiven

Erfurter Zeit in die mir so vertraute, wenn

gleich nunmehr baulich modern gestaltete,

neue Klinik an anderem Standort zu wechseln,

um im Kreis der pädiatrischen Kollegen meiner

kinderchirurgischen Arbeit nachzugehen. Chirurgie

und Anästhesiologie unter demselben

Dach boten hierfür zugleich ideale Bedingungen.

Diese Zeit hat mir das Gefühl vermittelt,

wie gut die Kinderchirurgie bei aller Selbstständigkeit

des Faches im Kreis der Pädiatrie

aufgehoben ist. Der tägliche fachliche Dialog

ist nützlich für alle Seiten.

So möchte ich in dankbarer Erinnerung meine

Zeiten in der Kinderklinik Weimar nicht missen.

Ich wünsche der Klinik auf ihrem weiteren

Weg in die Zukunft, über Jahrzehnte hinweg,

viele Erfolge, immer eine gute Solidarität, ein

hohes Ansehen, Aufgeschlossenheit gegenüber

allem Neuen und jenes harmonische Miteinander

der Ärzte und Schwestern, das bisher diese

Klinik in bester Weise ausgezeichnet hat. Auf

dem festen Fundament der vergangenen hundert

Jahre lässt sich weiter vortrefflich bauen.

Dies alles zum Wohle der anvertrauten Kinder,

die wie in Vergangenheit und Gegenwart, so

auch in nächster und ferner Zukunft dieser Klinik

Leben und Gesundheit verdanken.

Prof. Dr. med. habil. Eckart Gottschalk


3

Vorwort

Wir blicken heute auf die erfolgreiche 100-jährige

Geschichte unserer Kinderklinik zurück,

mit Respekt für die Aufbauarbeit und die Ausgestaltung,

die unsere Vorgänger geleistet haben,

mit Dank für die sich daraus ergebenden

Chancen für Weiterentwicklungen und mit Freude

über eine heute gut strukturierte und moderne

Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Sophien-

und Hufeland-Klinikum, mit Bedeutung

für Weimar und die umliegende Region.

Es war ein langer Weg von der im Jahr 1912

gegründeten Feodora-Kleinkinderbewahranstalt

bis zur medizinischen stationären Klinik

in ihrer heutigen Form. Dieser Weg zeigt,

dass jeder Abschnitt ein Kind seiner Zeit, ein

Spiegel der jeweiligen Anforderungen und

gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ist.

Als äußeres Merkmal verweisen darauf beispielsweise

die zahlreichen Namensänderungen,

die sich im Laufe des Jahrhunderts

zählen lassen. Nur eines blieb immer gleich:

„Porta patet, cor magis“, was bedeutet,

die Tür soll immer für kranke Kinder geöffnet

sein, noch weiter geöffnete Herzen mögen

sie empfangen. Dieser Leitsatz trägt sich

durch die bestehenden Chroniken, hat heute

ebenso Gültigkeit wie zuvor und gibt den

Kurs an für hoffentlich viele weitere erfolgreiche

Jahre unserer Traditionseinrichtung.

Im nun vergangenen Jahrhundert, so schätzen

wir, sind zwischen 250 000 und 300 000

Kinder und Jugendliche in Weimar am Jakobskirchhof

und am jetzigen Standort Henry-van-de-Velde-Straße

gut behandelt und

betreut worden. Eine Zahl, die stolz macht

und welche die Bedeutung der Kinderklinik

für die Weltkulturstadt unterstreicht. Ursprünglich

gegründet auf Initiative von Großherzogin

Maria Pawlowna diente die Einrichtung

der Förderung, Pflege und Versorgung

von sozial schlechter gestellten Kleinkindern.

Im Laufe der Jahrzehnte erweiterte sich die

Zielsetzung. Die Weimarer Institution sollte

den Ansprüchen von Kindern und Jugendlichen,

unabhängig von Alter und Herkunft,

auf bestmögliche medizinische, psychologische,

pädagogische und soziale Betreuung in

einer gesundheitsfördernden Atmosphäre gerecht

werden.

Gerade in den letzten 20 Jahren galt es viele

Herausforderungen für eine moderne Pädiatrie

zu meistern: die politische Wende, die demografische

Entwicklung und die damit ver-

bundenen gesunkenen Geburtenzahlen sowie

ein gewandelter Gesundheitsmarkt haben

ihre Spuren hinterlassen. Heute verfügt die

Klinik noch über 35 Betten und gliedert sich

in die Stationen Neonatologie, Allgemeine

Pädiatrie und Psychosomatische Erkrankungen

des Kindes- und Jugendalters. Jedes Jahr

werden dort mehr als 2000 kleine Patienten

stationär betreut und über 5000 ambulante

Untersuchungen vorgenommen.

Die Behandlung von Säuglingen, Frühgeborenen,

Kindern und Jugendlichen bindet dafür

viele Ressourcen und erfordert rund um die

Uhr den Sachverstand eines multiprofessionellen

Teams, modernste technische Ausstattung

sowie angemessene und kindgerechte

Räumlichkeiten. Weil die moderne Kinderheilkunde

familienorientiert ist, werden Angehörige

– Eltern, Geschwister und andere

wichtige Bezugspersonen – in den Behandlungsablauf

integriert.

Viele dieser Entwicklungen, die unsere Einrichtung

durchlaufen hat, können mit der vorliegenden

Chronik ein wenig nachvollzogen

werden.

Unsere Chronik ist das Ergebnis und Zeugnis

von viel Arbeit. Sie können ein Stück vom

zusammengefassten Schatz an Wissen erfahren,

die unsere Mitarbeiter über Jahre bewahrt,

archiviert und für diese nun bereits

dritte Chronik zusammengetragen haben.

Herzlichen Dank an alle, die hierbei mitgeholfen

haben.

Hubertus Jaeger

Geschäftsführer der Sophien- und Hufeland-

Klinikum gGmbH

Hubertus Jaeger, Geschäftsführer


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Feodoraheim 1920

Der Name der Kinderklinik im Wandel der Zeit

1912 »Feodora-Kleinkinderbewahranstalt«

1920 »Feodora-Säuglings- und Kinderheim«

1937 »Feodorakinderkrankenhaus«

1939 »Feodora-Kinderkrankenhaus, Säuglingspflegeanstalt und Kinderheim«

1941 »Feodora-Kinderkrankenhaus und Kindererholungsheim«

1948 »Kreis-Kinderkrankenhaus«

1953 »Kinderklinik der Städtischen Krankenanstalten und Polikliniken Weimar«

1977 »Kinderklinik der Kliniken – Polikliniken Weimar«

1991 »Kinderklinik der Hufeland-Kliniken Weimar GmbH«

1998 »Klinik für Kinder- und Jugendmedizin« der Sophien- und Hufeland-Klinikum gGmbH

1912

1920-1952 – Weimar ist Landeshauptstadt von Thüringen

1945 – Luftangriffe der Alliierten auf die Weimarer Innenst

1919 – die „Weimarer Republik“ wird ausgerufen

1937 – Errichtung Konzentrationslager Buchenwald

1918 – Novemberrevolution zwingt den letzten Großherzog zur Abdankung

1920

1930 1940 1950

1960


1912 bis 1950

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Wie alles begann …

Im Jahr 1857 ließ die Großherzogin Maria Pawlowna in unmittelbarer Nähe der Weimarer Jakobskirche

eine Kinderbewahranstalt errichten. Dieses Gebäude blieb bis zum Jahr 1911 bestehen. Das Patriotische

Institut der Frauenvereine, welchem die Großherzogin Feodora als Obervorsteherin vorstand,

ließ an dem selben Platz mit finanzieller Unterstützung des Großherzogs, von Stiftungen und dem Roten

Kreuz ein Fürsorgeheim errichten. Dieses diente als Kinderbewahranstalt, Kinderheim, Säuglingsheim,

Fürsorgestelle und Milchküche. Jenes Haus sollte für die Säuglings- und Jugendfürsorge als Vorbild

und Mittelpunkt dienen und eine Stätte für die Ausbildung von Kinderpflegerinnen sein.

Mit der Fertigstellung erfolgte die feierliche Einweihung am 10. April 1912. Das Kinderkrankenhaus

erhielt den Namen der Großherzogin Feodora (*1890,†1972), die mit dem Großherzog Wilhelm

Ernst, dem Urenkel von Maria Pawlowna, verheiratet war. Großherzogin Feodora war eine

Prinzessin aus dem Hause Sachsen-Meiningen, welche direkt nach ihrer Hochzeit die Säuglingsfürsorge

persönlich in ganz besondere Obhut und Pflege nahm. Herr Dr. Haberstolz übernahm die Betreuung

der Kinder.

Die »Weimarische Zeitung« berichtet in ihrer Ausgabe vom 12. April 1912: „Gestern Nachmittag

fand zur Eröffnung des den Namen der Großherzogin Feodora tragenden Kinderheimes in den Sälen

der als Teil dieses gemeinnützigen Instituts neu erbauten Kinderbewahranstalt ein Weihakt statt, zu

dem aus Mangel an Raum nur eine beschränkte Anzahl von Gästen geladen war.“ … „Kurz vor Beginn

der Feier verlas Frau Oberhofmeister Exzellenz von Eichel ein Schreiben der Großherzogin Feodora,

welches allen denen, die zum Gelingen des schönen Werkes beigetragen, den wärmsten Dank der

Landesfürstin aussprach und zur Feier des Tages eine Spende von 10.000 Mark bekannt gab. Als kurz

nach halb vier Großherzogin Feodora das Heim betrat, intonierte Lehrer Hartung auf dem Harmonium

ein Choralvorspiel. Die Großherzogin nahm im Saale, wo sich die Vorstandsdamen des Frauenvereins

und die Aufsichtsdamen der Anstalt nebst den im Heim stationierten Pflegeschwestern und Gästen

aufgestellt hatten, mit den Hofdamen der Begleitung auf dem bereitstehenden Sessel Platz.“ …

„Später unterhielt sich die Frau Großherzogin einige Zeit mit den Vorstandsdamen des Frauenvereins

und wandte sich den Unterführungen von Stadtbaumeister Lehrmann und dem Arzt des Heimes, Dr.

Haberstolz, bei der Besichtigung der Einrichtung zu.“

Zunächst hieß das Haus »Feodora-Kleinkinderbewahranstalt«, kurze Zeit später »Feodora-Säuglingsund

Kinderheim«. Die Leitung übernahm der Weimarer Hauptfrauenverein, der im Jahr 1916 auch Eigentümer

wurde. Entsprechend den Bedürfnissen der damaligen Zeit erfüllte das Feodoraheim Funktionen,

die nach heutigem Verständnis mit Sozialpädiatrie vergleichbar sind. So nahm das Heim

hauptsächlich schwächliche und kränkliche Kinder aus sozial schlecht gestellten Familien auf. Parallel

existierte seit 1910 in Weimar die erste ärztlich geleitete Säuglingsfürsorgestelle, welche sehr bald in

das Feodoraheim verlagert wurde und dort bis 1926 verblieb. Zu Beginn waren im ersten Obergeschoss

des Heimes etwa 30 Säuglinge untergebracht, im Erdgeschoss etwa die gleiche Zahl von

Kleinkindern. Die Pfleglinge verblieben im Krankheitsfall im Feodoraheim und wurden von einer

Schwester aus dem Sophienhaus nach ärztlicher Anweisung behandelt. Im Erdgeschoss des Westflügels

befand sich die Kinderbewahranstalt. Sie entsprach in etwa einem Kindergarten und nahm bis zu

100 Kinder tagsüber auf. Auch hier war für eine ärztliche Betreuung gesorgt. Ab den 20er Jahren des

letzten Jahrhunderts wurden in zunehmendem Maße auch kranke Kinder aufgenommen, womit sich

die ursprüngliche Funktion des Hauses zu verändern begann. Ab 1926 erfolgte der Aufbau des Ostflügels

mit Errichtung eines Speisesaales und darüber gelegener großer Terrasse. Um auch Schwesternschülerinnen

unterzubringen, stockte man später auch den Westflügel auf.

1920

1927

1927

adt

1970 1980 1990

2000 2012


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Große Kirchgasse – Jakobsstraße 1945

(diese Straße befand sich ca. 50m Luftlinie

von der Kinderklinik entfernt)

Inflation, Zweiter Weltkrieg und ihre Folgen

Durch die galoppierende Inflation war das damalige Feodoraheim in große finanzielle Schwierigkeiten

gekommen, die zur Übernahme durch den Landkreis führten. Die Schwierigkeiten dieser

Zeit gehen auch aus Notizen hervor, die dem Stadtarchiv Weimar entnommen sind:

1919 Mai 1923

für Säuglinge 2,20 Mark 8395 Mark

für Kleinkinder 1,50 Mark 5724 Mark

Tägliche Unterbringungskosten zwischen

1919 und Mai 1923

Im Jahre 1923 bemühte sich der Stadtdirektor, das Feodoraheim zu einem zentralen Säuglingsheim

für Apolda, Weimar und Jena zu machen, da es von der Weimarer Bevölkerung bei einer Kapazität

von 40 Säuglingen nur mit zehn bis 15 Säuglingen belegt war. Dieses Vorhaben zerschlug sich

jedoch. In der Zeit davor kamen auch Säuglinge aus anderen Gegenden Deutschlands in das Feodoraheim.

Subventionen für das Haus stammten aus dem Ausland, aus der thüringischen Industrie

und der Landwirtschaft.

Eine dunkle Seite – die Aktion T4 und das Feodoraheim

In den ersten Kriegsjahren blieb das Gebäude zunächst äußerlich verschont. Der schwere Bombenangriff

vom 9. Februar 1945 auf das Weimarer Zentrum beschädigte das Haus aber derart, dass es

Die Aktion T4 wurde von den Nationalsozialisten

ins Leben gerufen, um sogenanntes

„lebensunwertes“ Leben auszumerzen. Ab

Anfang 1940 wurden tausende psychisch

Kranke, geistig und körperlich Behinderte,

Taubstumme, Blinde, Tuberkuloseerkrankte,

Fürsorgezöglinge, Arbeitsinvalide und

Altersheimbewohner in speziell dafür erschaffenen

Tötungseinrichtungen umgebracht.

Für Kinder und Jugendliche wurden

die sogenannten »Kinderfachabteilungen«

etabliert, von denen die Einrichtung in

Stadtroda für die Kinderklinik Weimar die

nächstgelegene war. Aus den Quellen des

thüringischen Hauptstaatsarchivs Weimar

sind bislang zwei Patientengeschichten zu

ermitteln, von denen wir eine im ehrenden

Gedenken an die Opfer der Euthanasie an

dieser Stelle veröffentlichen wollen.

Peter Z. wird am 9.6.1932 in Saarbrücken geboren.

Er ist bis zum 30.11.1939 wegen Schwächezustand

nach Diphtherie im Stadtkrankenhaus

Weimar und danach Patient der Kinderklinik. Er

erholte sich langsam und ist außerdem Bettnässer.

Im Allgemeinen ließ er sich gut leiten, bekäme

jedoch ab und zu jähzornige Anfälle. Da

er kurz zuvor einen Tobsuchtsanfall bekommen

hatte, sah sich der Anstaltsarzt der Kinderklinik

veranlasst, ihn zur „weiteren Beobachtung“

nach Stadtroda zu überweisen. Am 23.4.1940

wird Peter in Stadtroda aufgenommen. Am

27.5.1940 erfolgt wiederum die Begutachtung

durch Dr. Margarete Hielscher - Oberärztin der

Kinderfachabteilung in Stadtroda. Peter macht

Angaben zu seiner Person und zu seiner Familie.

Er nennt den Namen seiner Schwester und gibt

an, dass er wegen des Krieges erst seit kurzem

aus Saarbrücken nach Weimar gekommen ist. Er

weiß, dass er Diphtherie gehabt hat und Keuchhusten.

Er ist zwei Jahre zur Schule gegangen,

nicht sitzengeblieben, kann aber noch nicht lesen,

schreiben oder rechnen. Im Krankenhaus

habe er einmal getobt, weil man ihn nicht hat

aufstehen lassen. Er sei doch gesund gewesen.

Die psychologische Testung von Peter vom

15.5.1940 diagnostiziert bei einem Lebensalter

von sieben Jahren und elf Monaten ein Intelligenzalter

von sechs Jahren. Peter kann von

eins bis neun zählen, beherrscht jedoch nicht die

Grundrechenarten und kann nicht lesen. Gebeten,

den Unterschied zwischen Korb und Kiste

zu erklären, antwortet er: „Korb ist ein Korb.“ Er

wird gefragt, was die SS, die SA und der BDM ist.

1920-1952 – Weimar ist Landeshauptstadt von Thüringen

1945 – Luftangriffe der Alliierten auf die Weimarer Innenst

1919 – die „Weimarer Republik“ wird ausgerufen

1937 – Errichtung Konzentrationslager Buchenwald

1918 – Novemberrevolution zwingt den letzten Großherzog zur Abdankung

1930

1940

1912 1920 1950

1960


1912 bis 1950

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völlig geräumt werden musste. Patienten und Schwestern wurden im »Haus Ithaka« (am Horn), dem

Haus des Dichters Ernst von Wildenbruch, vorübergehend untergebracht.

Vom Belegarzt- zum Chefarztsystem

In den Jahren 1929 bis 1950 wurde ein Teil der Patienten von Belegärzten betreut, unter anderem

von den Kinderärzten Dr. Hergth und Dr. Heinz Lemke, dem Erfinder der »Humana-Milch«. Ärztlicher

Leiter des Hauses und Nachfolger von Dr. Haberstolz war Dr. med. Robert Eberle bis 1940.

In der Zeit von 1940 bis 1950 hatte die Kinderärztin Frau Dr. von Schlotheim die ärztliche Leitung

des Kinderkrankenhauses. Die Bettenzahl betrug damals 110, verteilt auf drei Stationen. Erschwerend

wirkte sich das Fehlen eines Labors aus, das erst im Jahr 1949 bescheiden eingerichtet, aber sieben

Jahre später erweitert und modernisiert wurde. Notwendige Untersuchungen mussten zuvor im Sophienhaus

(heute Trierer Straße 2a) vorgenommen werden. Ähnliches gilt für die Röntgendiagnostik,

zu der die Patienten in die Poliklinik Süd (heute Steubenstraße) transportiert wurden. Das bedeutete

eine große Belastung und einen erheblichen Zeitaufwand für das Pflegepersonal, da die Kinder entweder

mit dem Kinderwagen oder dem Krankenwagen befördert werden mussten.

Die Besetzung des Personals im Allgemeinen blieb in den 40er und 50er Jahren unverändert. Durch

Arztwechsel und durch Hinzukommen der verbesserten Behandlungsmöglichkeiten und -methoden,

wie beispielsweise die Einführung des Penicillins und der Bluttransfusionen, mussten besonders die

Stationsschwestern eine Menge Mehrarbeit bewältigen. Sämtliche Injektionen wurden von einer Stationsschwester

oder von einer gewissenhaften Examensschülerin verabreicht. Außerdem gab es damals

noch keine Arztsekretärin im Hause. Das Schreiben der Anamnesen und der Krankheitsverläufe

war Aufgabe der Stationsschwester. Sie hatte ihr Privatzimmer inmitten der Station, so dass sie sofort

und jederzeit erreichbar war. Mit der Umwandlung des Belegarztsystems zum Chefarztsystem im Jahre

1950 kam auch eine Vereinheitlichung

Lediglich bei der Frage nach der HJ vermutet er,

dass es sich um ein Pferd handelt. Die psychologische

Testung beinhaltet Fragen nach Wochentagen,

Weihnachten, Hitler, dem Führer, dem

Krieg und dem Westwall. Auf die Frage „Wer

führt Krieg?“ sagt Peter: „Die Soldaten mit den

Pferden machen Krieg. In die Häuser schmeißen

sie Bomben mit Fliegern. Da knallt es, geht

das Haus zusammen, alles kaputt, Teller, Tassen,

Spielzeug, alles kaputt.“

Peter stirbt zwölf Tage nach der Begutachtung.

Sein Tod wird am 8.6.1940 vom leitenden Arzt

an den Oberbürgermeister der Stadt Weimar mit

der Bitte um Benachrichtigung der Angehörigen

mitgeteilt. Zu diesem Zeitpunkt ist im Pflegebericht

noch nichts über eine Verschlechterung seines

Zustandes zu lesen. Peter ist nachts jedoch

„immer unsauber mit Urin“.

aller Belange im Kreis-Kinderkrankenhaus.

Dadurch trat auch für die Arbeit der

Schwestern eine Erleichterung ein: zweckmäßige

Krankengeschichten und -kurven

wurden eingeführt, die völlig unübersichtliche

Aufbewahrung der Krankengeschichten

und -kurven (sie wurden gesondert

geschichtet) wurde umgestaltet und ein Archiv

für Krankengeschichten neu eingerichtet.

Die Gewinnung von Assistenzärzten

stieß zunächst auf Schwierigkeiten. Es

dauerte ein halbes Jahr, bis der amtierende

Chefarzt Dr. Eltz einen Assistenten zur Mitarbeit

gewinnen konnte. Im Laufe der Jahre

kamen jedoch immer mehr Kollegen, so

dass derzeit neben dem Chefarzt auch ein

Oberarzt und vier Assistenzärzte die Klinik

ärztlich betreuten.

Haus Ithaka, Am Horn 25, heute

1923

adt

1970 1980 1990

2000 2012


8

Die Ära Eltz: Arzt, Pionier und

Modernisierer

Dr. Eltz während der Untersuchung eines Kindes

Im Jahr 1950 übernahm Dr. Erich Eltz (*1907,

†1984), Facharzt für Kinderheilkunde und

Innere Medizin, als Chefarzt die Leitung der

Kinderklinik. Sein Augenmerk galt der Verbesserung

der Krankheitsdokumentation und der

Errichtung eines Archivs. 1953 konnte er das

Obergeschoss des Westflügels zu einer Kinderstation

ausbauen. Die Bettenzahl des Hauses

wurde entsprechend den Anforderungen der

damaligen Zeit auf 173 erweitert.

Der Chefarzt baute mit den vorhandenen

Möglichkeiten die Frühgeborenenstation aus

und ließ 1960 eine zentrale Sauerstoffanlage

installieren. Der Haupteingang erhielt eine

Pförtnerloge, in welcher im selben Jahr die

„antiquierte Telefonanlage“ durch eine moderne

ersetzt wurde. Diese neue Anlage wurde

trotz großer Störanfälligkeit bis 1991(!) genutzt.

Ab dem Jahr 1962 hatte die erneuerte

Wäscherei im Keller des Westflügels monatlich

10 000 kg Wäsche zu verarbeiten. Ein Jahr

darauf gelang es, von der Volksbildung eine

Lehrerin für den Unterricht kranker Kinder,

deren Verweildauer nicht selten beträchtlich

war, zu erhalten. Wiederum nur ein Jahr später

konnte eine Kindergärtnerin eingestellt werden.

Im Jahr 1966 wurde im Kellergeschoss

eine Ambulanz insbesondere für die Nachsorge

stationär behandelter Kinder errichtet. Sie

wurde drei Jahre später räumlich erweitert.

Im Dezember 1974 ging Dr. Eltz nach fast 25

schweren, aber erfolgreichen Jahren ärztlicher

Tätigkeit in den Ruhestand. Seine Praxis für

Kinderheilkunde in der Falkstraße in Weimar

führte er bis 1984 weiter.

Das Volk“ 26.09.1970

1912 1920 1930 1940

1950

1961 – Erric

196


1950 bis 1974

9

Zwischen Frauenmilcheinkauf und Milchküche

Chefarzt Dr. Eltz hatte sich sehr für die Errichtung

einer Frauenmilchsammelstelle eingesetzt,

die im Jahr 1954 ihre Tätigkeit aufnahm. Bis

zum 31.12.1991 wurden hier 158 472 Liter,

dieser besonders für Frühgeborene und kranke

Säuglinge lebenswichtigen Nahrung, von Spenderinnen

gesammelt. Die Muttermilch wurde

nur zum Teil in Weimar verbraucht, beträchtliche

Mengen erhielten Kinderabteilungen in anderen

Städten.

Damals wie heute wird jede Wöchnerin ermutigt,

ihr Neugeborenes zu stillen. Muttermilch ist die

ideale Nahrung für ein Neugeborenes und an

alle Bedürfnisse des Kindes angepasst. Neben

allen bekannten Vorteilen fördert das Stillen zudem

die Bindung zwischen Mutter und Kind.

Über die Jahre kamen immer mehr muttermilchadaptierte

Säuglingsnahrungen auf den

Markt und immer mehr Frauenmilchsammelstellen

wurden daher nicht mehr benötigt.

Nach der Sanierung 1992 befand sich auch die

Frauenmilchsammelstelle der Stadt Weimar im

Haus der Kinderklinik, als Teil der Milchküche.

Zuvor war sie im Gesundheitsamt, Erfurter Straße,

und in der Kinderpoliklinik am Rollplatz angesiedelt.

Die Mütter wurden in den meisten

Fällen bereits auf der Wochenstation als mögliche

Spenderinnen ausgesucht. Die überschüssige

Milch wurde von den Mitarbeitern der Sammelstelle

zu Hause abgeholt und in

entsprechenden Flaschen bei 100 °C fünf Minuten

gekocht und somit haltbar gemacht. Entweder

wurde die Milch auf Rezept an bedürftige

Kinder ausgegeben oder in die umliegenden

Kinderkliniken und Wochenstationen

ausgeliefert. Vor allem Frühgeborene, Kinder

mit Gedeihstörung oder Neugeborene der

Geburtskliniken wurden mit der gespendeten

Frauenmilch versorgt. Die Spenderinnen erhielten

elf Mark pro Liter Muttermilch. Im

Zuge der Benzinknappheit mussten die Mütter

die Milch selbst in der Sammelstelle abgeben.

Mitte der neunziger Jahre wurde der Frauenmilcheinkauf

eingestellt.

Und heute? Seit 1998 befindet sich nun eine

Milchküche auf der neonatologischen Station

der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Henry-van-de-Velde-Straße

2. Hier wird durch Frau

Ursula Götting, die bereits seit 1974 in der zentralen

Milchküche und Sammelstelle arbeitet,

jegliche Säuglingsnahrung hergestellt, die im

Sophien- und Hufeland-Klinikum benötigt wird.

Neben der Kinderklinik sind dies die Klinik für

Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, die Station Geburtshilfe

der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe

oder auch andere Stationen, auf denen

Mütter mit ihrem Kind als Begleitperson

stationär aufgenommen sind. Nicht nur Muttermilch

wird hier verarbeitet, sondern auch Flaschenmilch,

Breie, Diätnahrungen, Sonderkost

und spezielle Tees. Ratschläge zur Zubereitung

der Nahrung und zur Ernährung stillender Mütter

werden von den Eltern gerne angenommen.

Unterstützt werden Wöchnerinnen durch unsere

erfahrenen Schwestern und Stillberaterinnen,

die verschiedene Stillhilfen und unter anderem

auch Akupunktur anbieten. Auf der

geburtshilflichen Station steht den Müttern ein

separates Stillzimmer zur Verfügung; auf der

Neonatologie besteht die Möglichkeit für die

Mutter, als Begleitperson mit aufgenommen zu

werden und so den Kontakt zu ihrem kranken

Neugeborenen zu intensivieren.

2012

2012

1980

htung der innerdeutschen Grenze

0 1970

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1987 Oberarzt Otto, Oberärztin Dr. Peters

und Chefarzt Dr. Scholz (v.l.n.r.)

Kinderheilkunde zu Zeiten des geteilten Deutschlands

Ab Februar 1975 übernahm Dr. Eckhard Scholz die Leitung der Kinderklinik. Während seiner gesamten

Dienstzeit genoss er sowohl als hervorragender Kinderarzt als auch als loyaler Chefarzt ein hohes

Ansehen bei den Patienten, deren Eltern und den Kollegen.

Bei seiner Amtseinführung fand der neue Chefarzt einen Stab erfahrener Fach- und Assistenzärzte

vor sowie eine fähige Schwesternschaft. Wie jedem Chefarzt in der ehemaligen DDR oblag es auch

ihm, die Mitarbeiter im Sinne des sozialistischen Staates zu führen. Diese Aufgabe war delikat, musste

doch teilweise in intime und private Angelegenheiten der Schwestern und Ärzte eingegriffen werden.

Für den Arzt war es ein schmaler Grat zwischen eigener Integrität und Erwartungen seiner Vorgesetzten.

1975

1975

Zugleich musste Dr. Scholz mit Betroffenheit die teilweise haarsträubenden Mängel im Inneren des

Hauses zur Kenntnis nehmen – defekte Fußböden, vernachlässigte Wände, Putzschäden, undichte

Dachrinnen, verstopfte Ableitungen und eine desolate Heizung – das Dilemma so vieler Krankenhäuser

in der ehemaligen DDR. Im Rahmen der Modernisierung der Kinderklinik am Jakobskirchhof

und auch des Klinikneubaus an der Sackpfeife plante er gemeinsam mit den Architekten die

Räumlichkeiten der Klinik neu, die den damaligen besonderen Bedürfnissen der kleinen Patienten

gerecht werden sollten.

Chefarzt Dr. Scholz war maßgeblich an der Gründung des »Pädiatrischen Zentrums« beteiligt und

übernahm in diesem die Dispensaire-Betreuung (Nachsorge) der Kinder mit Nierenerkrankungen.

In den Jahren 1977/78 erhielten alle Stationen neue Sauerstoffleitungen. Vier Jahre später konnte ein

zentraler Kompressor in Betrieb genommen werden. Dies war insbesondere für die Neonatologie von

Bedeutung, die ihre Früh- und kranken Neugeborenen nun endlich vollständig mit Sauerstoff-Luftgemischen

über Mischbatterien versorgen konnten. Das besondere Interesse der ersten Oberärztin des

Hauses, Frau Dr. med. Sieglinde Peters, galt den Früh- und kranken Neugeborenen der Station Neonatologie.

Zum Angebot der intensivmedizinischen Betreuung und Behandlung gehörte auch eine Nachsorgesprechstunde

für Risikokinder.

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1960


1975 bis 1990

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Oberarzt Jürgen Otto arbeitete jahrzehntelang als pädiatrischer Konsilarzt für die Entbindungsstation

im Sophienhaus. Im Jahr 1972 beteiligte er sich an der Erstellung der vorläufigen

Rahmenhygieneordnung, die sich den Bedürfnissen der Pädiatrie anpassen musste.

Im selben Jahr zogen die Schwestern aus dem Mansardentrakt aus, wo sie kleine Räume

bewohnten. Dadurch konnten nach und nach eine Klinikfürsorgerin (1979), die Kindergärtnerin,

die Lehrschwestern, die Verwaltung und auch Ärzte Räume erhalten.

Die Bettenzahl von 173 hatte sich bereits Mitte der siebziger Jahre als nicht mehr bedarfsgerecht

erwiesen. Bis zum Jahr 1982 konnte sie mit Zustimmung der Behörden

auf 130 reduziert werden. Auch diese Zahl blieb in den folgenden Jahren meist

zu hoch. In der Kinderklinik wurden Elektroenzephalogramme von einer Funktionsschwester

abgeleitet und durch die inzwischen entsprechend qualifizierte Ärztin

Bärbel Grabolle ausgewertet. Damit entfielen die bis dahin notwendigen Fahrten

nach Erfurt und die mitunter langen Wartezeiten. Ein weiterer Gewinn für

unsere Patienten war die Etablierung der klinischen Psychologie mit Frau Diplom-Psychologin

Dagmar Materne, ebenfalls im Jahr 1980. Drei Jahre später

wechselte die Kinderneuropsychiaterin Dr. Reinhild Seitz von der Universitäts-Kinderklinik

Jena in die Kinderklinik nach Weimar. Damit erhielt die Behandlung entwicklungsverzögerter

und anfallskranker Kinder einen deutlichen Aufschwung und die EEG-Diagnostik konnte

weiter verbessert werden. Perspektivisch sollte eine Abteilung für Kinder-Neuro-Psychiatrie entstehen.

Die Geburtsstunde der Kinderpoliklinik

Im Jahr 1976 wurden in den Räumen des Hauses am Rollplatz Nr. 10 vier Praxisräume für ambulante

Kinderärzte eingerichtet – die Kinderpoliklinik war entstanden. In Weimar arbeiteten zu dieser Zeit

sechs Kinderärzte ambulant. Sie alle waren aus der Kinderklinik hervorgegangen. Die Nachbarschaft

und der gute persönliche Kontakt waren Grundlagen für die Bildung des Pädiatrischen Zentrums Weimar

im November 1977. Es hatte die enge Zusammenarbeit klinisch und ambulant tätiger Kinderärzte

unter einer Leitung zum Ziel. Die diagnostischen Möglichkeiten wurden gemeinsam genutzt. Klinikärzte

richteten danach in der Kinderpoliklinik Sondersprechstunden für Nieren- und Lungenkrankheiten,

Anfallsleiden und Entwicklungsstörungen sowie für die Nachbetreuung von Risikoneugeborenen ein.

Sie entlasteten und ergänzten damit die Grundbetreuung, in die ja auch die Versorgung von bis zu 25

Kinderkrippen sowie die Mütterberatung integriert waren. Im Gegenzug beteiligten sich drei bis vier

ambulante Kinderärzte an Diensten in der Klinik.

Für das Stellen eines Ausreiseantrages aus

der DDR musste sich eine Krankenschwester

rechtfertigen. Die Folge war das Zurückziehen

ihres Ausreiseantrages, um

eine arbeitsrechtliche Eskalation zu vermeiden.

Diese Erinnerungen sind der

Schwester auch heute noch so gegenwärtig,

dass Sie die schriftliche Vorladung zum

Gespräch beim Ärztlichen Direktor unter

Teilnahme eines Mitarbeiters der Staatssicherheit

archivierte.

Ab den beginnenden 80er Jahren etablierten sich zahlreiche Spezialambulanzen, die Kindern mit besonderen

Problemen helfen konnten (Dr. Roscher, Dr. Junghans, Dr. Otto, Oberärztin Dr. Peters). Außenstellen

der Poliklinik waren in der Nähe des Bahnhofs (damals Leninstraße, jetzt Carl-August-Allee)

und ab 1984 im Neubaugebiet in Weimar-West mit anfänglich zwei Kinderärzten zu finden.

Zum 31.12.1990 ging aus der Poliklinik die Gemeinschaftspraxis Am Rollplatz hervor. Die Ärzte Frau

Dr. Monika Niehaus, Frau Dr. Sigrun Dünnebeil, Bärbel Grabolle und Herr Dr. Rainer Thiem wagten den

Schritt in die Freiberuflichkeit. Weitere Niederlassungen von Kinderärzten in Weimar folgten. Der guten

Zusammenarbeit zwischen ambulantem und stationärem Bereich tat diese Änderung keinen Abbruch.

1982

1989 – Wiedervereinigung Deutschlands

1980

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Bildgebende Diagnostik in der 80er Jahren

Bildgebende Diagnostik in der Kinderklinik Weimar

1980er

2012

Im Jahr 1980 war es nach langen Bemühungen gelungen, ein neues Röntgengerät der Firma

»VEB TuR Dresden« zu erhalten. Es bestand aus einem Flachblendentisch mit schwimmender

Platte und einem Stativ. Die Röntgendiagnostik der Kinder wurde damit, und besonders auch

durch die Anschaffung einer atemphasengesteuerten Schaltung, verbessert. Zuvor war ein ziemlich

aufwendiger Umbau der alten Röntgenabteilung erfolgt. Zehn Jahre später (1990) erhielt

die Weimarer Hufeland-Kliniken GmbH ihren ersten Computertomographen (CT), der auch für

die pädiatrischen Patienten einen enormen diagnostischen Fortschritt darstellte. Mittlerweile

wird eine CT jedoch aufgrund ihrer relativ hohen Strahlenbelastung im Kindesalter nur selten

angewandt. Mit dem Wegfall der hauseigenen Röntgenabteilung nach der baulichen Sanierung

im Jahr 1992 wurden erneut Patiententransporte zum Röntgen erforderlich.

Die Sonographie ist die heutzutage mit Abstand am häufigsten durchgeführte bildgebende Diagnostik

in der Kinder- und Jugendmedizin (umgangssprachlich: Ultraschall). Aber das ist noch

nicht seit langem so. In der Kinderklinik in Weimar wurden Kinder mittels Ultraschall erstmals in

den 80er Jahren untersucht. Mit den damaligen Messsonden konnte nur eine punktförmige Darstellung

(A-Bild-Sonographie) erfolgen, die zur Abschätzung der Größe des Hirnwasserraums

verwendet wurde. Dieses Verfahren war deshalb in der Anfangszeit von untergeordneter Bedeutung.

Erst ab 1988 begann mit der Sonographieausbildung der Weimarer Kinderärztin Ursula

Feig die Ära der B-Bild-Sonographie, d.h. der nun zweidimensionalen Darstellung von Organen

des Bauchraumes, der Schilddrüse sowie von Gehirn und Hüften beim Säugling. Anfangs wurden

die kleinen Patienten aufgrund der räumlichen Trennung der Kinderklinik (Jakobskirchhof) vom

Hauptgebäude der Hufeland-Kliniken Weimar GmbH (Rosenthalstraße 70) noch ein- bis zweimal

pro Woche zur Untersuchung in die Rosenthalstraße gebracht, bis im Jahr 1990 die Kinderklinik

das erste eigene Ultraschallgerät erhielt. Erfolgten in diesem Jahr noch ca. 330 Sonographien,

waren es drei Jahre später bereits mehr als 1000 und seit 1998 ca. 1500 Untersuchungen (stationäre

und ambulante Fälle) pro Jahr.

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1960


1975 bis 1990

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Ohne Röntgenstrahlen kommt hingegen die Magnetresonanztomographie (MRT) aus, die außerdem

noch eine bessere bildliche Auflösung als die CT bietet und seit der Inbetriebnahme des Klinikumneubaus

im Jahr 1998 vor Ort verfügbar ist. Allerdings dauert so eine Untersuchung auch

deutlich länger, so dass für kleine Kinder – die sich längere Zeit nicht bewegen dürfen – nahezu

immer eine Narkose benötigt wird. Zur Darstellung von Kopf und Gehirn ist die MRT bei Kindern

im Alter ab dem ersten Jahr die mit Abstand am häufigsten angewandte bildgebende Methode.

Mit Chefarzt Dr. Thomas Rusche hielt schließlich im Jahr 1999 auch die Echokardiographie, der

Ultraschall vom Herzen, Einzug in die Kinderklinik in Weimar. Seit 2010 verfügt unsere Klinik für

Kinder- und Jugendmedizin über zwei eigene Sonographiegeräte, davon ein kleines zur raschen

bettseitigen Diagnostik auf den Stationen und ein hochmodern ausgestattetes Gerät inklusive

Doppler- und Duplexsonographie in der pädiatrischen Funktionsabteilung.

Neben der Versorgung der stationären Patienten werden im Rahmen von Spezialambulanzen sowohl

Echokardiographien als auch Sonographien von Bauch, Kopf, Nasennebenhöhlen, Schilddrüse

und Halsweichteilen, Brustkorb sowie Gelenken angefertigt. So ist es heute bei vielen Kindern und

Jugendlichen möglich, mit Hilfe dieser aussagekräftigen, rasch verfügbaren, nicht schmerzhaften

und nebenwirkungsfreien Untersuchung schnell zu einer sicheren Diagnose zu gelangen, ohne belastende

diagnostische Methoden anwenden zu müssen.

2012

Werden heute andere bildgebende Verfahren notwendig, die nicht wie die Sonographie von Hand

des Kinderarztes gemacht werden können, arbeitet die Klinik eng mit den Kollegen der Klinik für

Radiologie und Nuklearmedizin zusammen. Zu den Verfahren gehört beispielsweise das Röntgenbild,

welches bei Knochenbrüchen, Lungenentzündung oder auch bei verschluckten metallischen

Fremdkörpern die Untersuchungsmethode der ersten Wahl bleibt.

Bettenbelegung in Folge des Medizinischen Fortschritts

Mit den immer besser werdenden medizinischen

Möglichkeiten in den vergangenen 50 Jahren

änderte sich sowohl das Spektrum der stationär

zu behandelnden Patienten, die durchschnittliche

Verweildauer und damit zwangsläufig auch

die Anzahl der notwendigen Betten:

gemeinpädiatrischen Bereich durchschnittlich

3,7 Tage stationär betreut (Patienten der Station

für Psychosomatik des Kinder- und Jugendalters

25 Tage). Die Anzahl der behandelten Patienten

(ohne Psychosomatik) entspricht mit 1659 in

etwa der von 1982.

Im Jahr 1962 hatte die Weimarer Kinderklinik

eine Kapazität von für heute unglaublichen 173

Betten. Die durchschnittliche Verweildauer der

Patienten lag bei ebenfalls unglaublichen 40 Tagen.

Zwanzig Jahre später (1982) lagen die Patienten

noch durchschnittlich 23 Tage im Krankenhaus,

erforderlich waren 123 Betten. Im Jahr

1990 betrug die Verweildauer bei etwa gleicher

Bettenzahl noch 16,4 Tage. Heute werden bei einer

Kapazität von 35 Betten die Patienten im all-

1980

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1989 – Wiedervereinigung Deutschlands 2004 – Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek

1999 – „Europäische Kulturhauptstadt“

1996 – Bauhausbauten in die UNESO aufgenommen

2012


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Geschichten aus dem Alltag der Kinderklinik

1983

Bis in die siebziger Jahre unterlagen Tages- und Wochenabläufe wie tägliche Visiten, Besuchsregelungen

und Arztauskunftszeiten strengen Richtlinien, die in Plänen fixiert wurden und genau

einzuhalten waren. Generalstabsmäßig fand der Bettwäschewechsel aller Betten an einem festen

Tag der Woche statt. Brauchten die Schwestern an einem anderen Tag der Woche Wäsche,

teilte (wenn möglich) die Stationsschwester diese zu. Zu den Pflichten der Schwestern gehörte

das tägliche Legen von Baumwollwindeln, von denen drei Windeln zu einer Windelpackung gelegt

wurden. Andere Aufgaben bestanden darin, Spritzen und Kanülen aufzubereiten und sorgfältig

auf Widerhaken zu prüfen sowie Tupfer vorzubereiten und Wattestäbchen zu drehen. Fiel

die Stationshilfe aus oder hatte frei, war das Reinigen der Flure und Zimmer mit Schrubber und

Scheuerlappen ebenfalls von den Schwestern zu erledigen.

Im Unterschied zu heute fielen die Visiten in den alleinigen Aufgabenbereich der Stationsschwester

und des Stationsarztes. Die Ausführung aller medizinischen und pflegerischen Verordnungen

lag in den Händen der beauftragten Schwester. Nach der Kurvenvisite teilte sie der Zimmerschwester

die getroffenen Entscheidungen mit. Eintragungen in der Patientenkurve waren

nur der Stationsschwester oder ihrer Vertretung erlaubt.

Der Ablauf einer Arztauskunft zu DDR-Zeiten lässt sich wie folgt beschreiben: An der Stationstür

stand der Stationsarzt mit dem Kurvenwagen vor etwa 20 Angehörigen. Dahinter bildete sich

eine Schlange, ähnlich der vor dem Konsum oder der HO (Handelsorganisation), wenn es besondere

Dinge gab. Folglich konnten auch andere Elternpaare die Krankengeschichte sowie Befunde

über das fremde Kind mit anhören; ein Verständnis von ärztlicher Schweigepflicht, wie es heute

unvorstellbar wäre.

1980

Keiner der damals tätigen Mitarbeiter hat das Scenario der Koksanlieferung vergessen: ein Kipper

fuhr heran; wenn der Fahrer freundlich war, hupte er. Das war das Startsignal für die Schwestern

und Ärzte der Neonatologie sowie der Station 2, in die Zimmer zu stürzen und schnellstens alle

Fenster zu schließen. Nur wenig später ertönte ein lautes, zischend-schabendes Geräusch, das

ankündigte, dass der Koks vor das Haus rutschte. Im gleichen Moment stieg eine dichte Staubwolke

an den Fenstern vorbei bis zum Dach empor. Der Heizungskeller selbst ähnelte einer schaurigen

Abteilung der Unterwelt. Die Heizer hatten eine schwere, staubreiche und wenig motivierende

Arbeit zu verrichten.

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1960


1975 bis 1990

15

Besuchszeiten im Wandel

Die Aufnahme von Kindern gestaltete sich sehr nüchtern: Es war üblich, dass die Eltern ihr Kind

den Schwestern vor der Station übergaben ohne bei der nachfolgenden Untersuchung anwesend

sein zu dürfen. Die Eltern konnten ihr Kind erst wieder zur Besuchszeit sehen.

Diese war, wie in anderen Krankenhäusern der DDR auch, jeden Mittwoch und Sonntag. Die strengen

und kurzen Besuchszeiten bis zu den achtziger Jahren hatten zur Folge, dass sich die kleinen

Patienten an die Kinderkrankenschwestern gewöhnten, die gerade bei langen Liegezeiten so für sie

zur Bezugsperson und manchmal auch zum Mutterersatz wurden.

Auf der Neonatologie (Station für Früh- und kranke Neugeborene) präsentierte man die Frühchen

den Eltern an den Fensterscheiben: Die Eltern standen vor dem damaligen Klinikgebäude und

blickten auf die Fenster im Hochparterre der Neonatologie. Hinter den fast immer rußverschmierten

Fenstern bekamen die Eltern ihr Neugeborenes gezeigt. In den Wintermonaten erschwerte das zeitige

Dunkelwerden die Sicht zusätzlich. Ab den 80er Jahren war es neben den etwas gelockerten

Besuchsregelungen möglich, dass Wöchnerinnen durch einen hausinternen Fahrdienst von der Geburtsklinik

zur Kinderklinik gefahren wurden, um ihr Kind zu stillen.

1985

Im Jahr 1979 wurde die tägliche Besuchszeit, nicht ohne einige Bedenken seitens der Ärzte und

Schwestern, eingeführt. Eltern konnten ihre Kinder in der Zeit von 15 bis 18 Uhr sehen. Es kam

nun regelmäßig zu einem Besucheransturm, denn nicht nur die Eltern, sondern auch Großeltern,

Tanten und Onkel wollten ihrem kranken Anverwandten beistehen. Dies war problematisch, da

größere Kinder derzeit zu fünft, Kinder im Krabbelalter mindestens zu viert im Zimmer lagen. Die

belastendende Situation äußerte sich z.B. darin, dass die Kinder danach sehr erschöpft waren oder

Fieber bekamen. Bedingt durch die Mehrbettunterbringung und die damit verbundene räumliche

Enge versuchte das Klinikpersonal daher die Besucheranzahl pro Patient einzugrenzen.

Zunehmend musste das Klinikpersonal die Wünsche der Eltern nach Mitaufnahme in das Krankenhaus

berücksichtigen (siehe auch Seite 26). Dies war schwierig, da die Räumlichkeiten der Kinderklinik

dafür nicht ausgelegt waren. Lediglich einer Mutter konnte es erlaubt werden, bei ihrem

kranken Kind zu übernachten. Diese neuen Entwicklungen veränderten den Verantwortungsbereich

der Pflegekräfte und Ärzte. Eltern wollten als kompetente Partner betrachtet werden.

Für die Klinikmitarbeiter war diese Situation sehr

ungewohnt. Sie mussten sich umstellen und lernen,

Tätigkeiten zu delegieren, Eltern anzuleiten

oder auch Eltern zu trösten. Die Ärzte und

Schwestern erkannten jedoch recht schnell, dass

die Anwesenheit einer vertrauten Person für das

kranke Kind förderlich war und den Klinikalltag

nicht durcheinander brachte.

Mit der politischen Wende konnten letztendlich

die Besuchszeiten auf Station an die tatsächlichen

Bedürfnisse angepasst werden. Den Eltern war es

nun möglich, auch vormittags das kranke Kind zu

trösten oder bis nach dem Abendbrot zu bleiben.

1989 – Wiedervereinigung Deutschlands

1980

1970 1990 2000 2012


16

1988 1992

Zwischen politischer Wende und Umzugskartons

Die Wendezeit brachte für die Kinderklinik – wie in sämtlichen anderen Lebensbereichen auch –

enorme Veränderungen mit sich. Im Gegensatz zu vielen anderen Krankenhäusern, an denen Personalwechsel

vorgenommen wurden, die zur Entmachtung systemtreuer Kader führten und wo

mitunter medizinische Kapazitäten verschwanden, blieb die Kinderklinik am Jakobskirchhof in Weimar

weitestgehend von personellen Veränderungen unberührt.

1991

1991

1992

Zum Wohl der Mitarbeiter und der Patienten änderten sich vor allem die Arbeitsbedingungen. Das

Windeln legen und Kanülen auf Widerhaken prüfen wurde durch die Einführung von Einwegwindeln

und Einmalkanülen abgelöst. Zusätzlich standen zunehmend mehr hoch potente Medikamente

und Infusionslösungen zur Verfügung. Die Sonographie, später auch die Computertomographie

eröffneten ebenso neue diagnostische Möglichkeiten wie die schnellere und umfangreichere Labordiagnostik.

In der Neonatologie hielten bessere Behandlungstechniken wie adaptierte Beatmungsgeräte

und Beatmungsmodi, das Surfactant (besondere Substanz aus der Rinderlunge, die

ein Zusammenfallen der Lungenbläschen bei Frühgeborenen verhindert) oder speziell adaptierte

Milchnahrungen Einzug. Die Hygienevorschriften erfuhren Veränderungen, in deren Folge Eltern

beispielsweise nun ihre zu früh geborenen Kinder besuchen konnten. Diese fast schon revolutionären

therapeutischen Fortschritte und Veränderungen im hygienischen Regime führten zu einer Verkürzung

der Verweildauer. Hinzu kam der nach 1990 einsetzende Geburtenknick, der als erstes die

Kinderklinik erreichte. In Folge wurde die Bettenzahl reduziert und die Stationen 4 und 5 aufgegeben,

die im sogenannten Anbau untergebracht waren.

Die Auswirkungen des sinkenden Patientenaufkommens waren auch in der Personalbesetzung

sichtbar geworden. Die Zahl der Mitarbeiter nahm ab, weil Stellen nach Weggang oder Erreichen

des Rentenalters nicht wieder besetzt wurden. Kündigungen konnten in all den Jahren vermieden

werden. Die Betreuungszeit für die Patienten blieb knapp bemessen. Zwar wurden schwesterliche

Tätigkeiten, wie Zimmer und Station putzen oder das Desinfizieren der Betten von entlassenen Patienten,

von externen Kräften übernommen. Die Einführung der Zimmerbereichspflege und die damit

verbundenen wachsenden forensischen Zwänge führten zu einem bis heute zunehmenden Dokumentationsumfang.

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1960


1990 bis 1998

17

Die Klinikleitung konzentrierte sich nun wieder darauf, einen lang ersehnten Wunsch umzusetzen: den

Umbau und die grundlegende Renovierung. Die ersten Pläne für einen großzügigen Anbau westlich

neben dem Haupthaus entstanden bereits in den fünfziger Jahren. Im Jahr 1961 wurde ein Konzept

für einen Neubau der Kinderklinik am Rande der Stadt ausgearbeitet, in den Jahren 1978 bis 1980

war ein Krankenhausneubau mit Rettungsstelle im Bereich der Rosenthalstraße 70 ernsthaft erwogen

worden. Eine Zuteilung von Räumen aus dem kommunalen Wohnungsneubau in der Jakobstraße war

ab dem Jahr 1988 vorgesehen. Alle Pläne scheiterten an den fehlenden ökonomischen Potenzen.

Im Juni 1991 kam auch hier die Wende. Die komplette Kinderklinik wurde in die Hufeland-Kliniken

GmbH in die Rosenthalstraße Nr. 70 ausgelagert und somit Baufreiheit für den Umbau geschaffen.

Als Ergebnis entstand in der alten Hülle eine funktionell und strukturell modernisierte Kinderklinik.

Mit dem Einbau eines Fahrstuhles und der Umstellung der Heizung von Kohle auf Gas wurden viele

frühere Problemquellen behoben. In die Renovierung war der Anbau nicht mehr einbezogen worden.

Ein weiterer Wehrmutstropfen war die nun ausgelagerte Röntgenabteilung. Bei Bedarf war eine Fahrt

in die Hufeland-Kliniken mit der Fahrbereitschaft erforderlich geworden.

Mit dem Umzug zurück in das Gebäude am Jakobskirchhof im April 1992 wurde erstmalig eine neue

Station für Psychosomatik des Kindes- und Jugendalters räumlich etabliert. Zwar musste dafür das

„Wohnzimmer“ (die Bibliothek und der Besprechungsraum der Ärzte) weichen, damit wurde aber

auch die Betreuung unserer Patienten deutlich verbessert und Weichen für eine breitere Ausrichtung

und Zukunftssicherung der Kinderklinik gestellt.

Interview mit Tomas Kallenbach, Prokurist:

Welche Auswirkungen hatte die politische

Wende für das Gebäude am »Jakobskirchhof«?

Das ehemalige Kinderkrankenhaus der Stadt

Weimar befand sich 1990 in einem extrem

schlechten Bauzustand. Dies war jedoch kein

Alleinstellungsmerkmal, sondern galt für alle

Objekte der Weimarer Krankenhäuser. Umso

bezeichnender kann im Rückblick empfunden

werden, dass gerade dieses Objekt als erstes

saniert wurde. Der besondere Stellenwert einer

Klinik für Kinder wird dadurch deutlich.

Gibt es eine persönliche Beziehung zu

dieser Sanierung?

Ja – war es doch schließlich die erste Baumaßnahme

in Weimar, die ich führen durfte. Für deren

Umsetzung gewannen wir mit der Wende

neue bauliche, technische und medizintechnische

Möglichkeiten. In enger Abstimmung mit

dem damaligen Chefarzt der Klinik, Herrn Dr.

Scholz, und vielen Ärzten und Schwestern wurde

eine moderne Klinik in einem historischen

Gebäude entworfen. Tatkraft, Beharrlichkeit

und das besondere Einfühlungsvermögen eines

guten Pädiaters – all das brachte der Chefarzt

in das Projekt ein – waren eine gute Voraussetzung

für eine erfolgreiche Sanierung. Trotz des

Mottos „Wer gar zu viel bedenkt, wird wenig

leisten.“ oder gerade deswegen, wurde die

Kinderklinik geliebtes Domizil von Patienten

und Personal für die Jahre bis zum Umzug in

das neue Klinikum.

Hat die „neue Zeit“ auch zu technischen

Innovationen in Weimar geführt?

Mit dem damaligen Maßstab gemessen, waren

es sehr wohl technische Innovationen, die zum

Beispiel in Form von Beatmungsgeräten, Überwachungsmonitoren

und Ultraschallgeräten

für die pädiatrische Fachabteilung

durch das damalige städtische Klinikum

angeschafft wurden. Aber auch hier ist mir

ein scholzsches Zitat in Erinnerung geblieben:

„Zuerst gilt der Blick dem Patienten

und erst an zweiter Stelle den Anzeigeinstrumenten

der medizinischen Apparate.“.

Welche Auswirkungen hatte diese

frühzeitige Sanierung von Gebäude

und Technik?

Es wurde damit der Grundstein für die heute

in drei Bereiche gegliederte, gut etablierte

stadtnahe Weimarer Kinderklinik gelegt.

Trotz der bereits zu diesem Zeitpunkt entwickelten

Idee eines Krankenhausneubaus

war es eine der wichtigsten Entscheidungen

für den Fortbestand einer Kinderklinik

in Weimar auf hohem Niveau.

2004 – Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek

1989 – Wiedervereinigung Deutschlands

1999 – „Europäische Kulturhauptstadt“

1996 – Bauhausbauten in die UNESO aufgenommen

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Zeitungsartikel vom 19.10.1991 in der

Thüringer Landeszeitung

BOMBENDROHUNG GEGEN DIE KINDERKLINIK

Während der Wendezeit kam es wiederholt zu

Bombendrohungen gegen Kliniken. Auch die

Weimarer Kinderklinik musste mehrfach evakuiert

werden. Glücklicherweise verschlechterte

sich der Zustand unserer kleinen Patienten

währenddessen nicht. Gehfähige Kinder und

Jugendliche wurden aufgeteilt und in Bussen,

Krankenwagen oder Feuerwehrautos in umliegende

Kliniken gebracht. Die Frühgeborenen

und kranken Neugeborenen wurden in den Inkubatoren

und junge Säuglinge in den üblichen

Transportschalen oder rasch zusammengesuchten

Wäschekörben transportiert.

Während der Evakuierung trat einmal der Fall

ein, dass (fast) ein Säugling verloren ging. Eine

Ärztin berichtet: „Nach der Entwarnung und

Rückkehr aller Kinder fehlte noch unser `Joppelchen´,

welcher dann aber doch noch friedlich

in seinem Korb schlafend im Apoldaer Krankenhaus

wiedergefunden wurde.“ Die Kinder verarbeiteten

die aufregenden Erlebnisse unter

anderem in Aufsätzen im Rahmen des schon

damals stattfindenden Klinikunterrichts.

Bei den Durchsuchungen der Kliniken durch die

Polizei wurde zu keiner Zeit ein Brandsatz oder

etwas Gefährliches gefunden. Bei der bislang

letzten Drohung im Jahr 1991 beschlossen deshalb

der Chefarzt und die diensthabende Ärztin,

auf eine Evakuierung zu verzichten und

das gesamte Gebäude der Kinderklinik selbst

zu kontrollieren. Diese Entscheidung bereuten

sie im Nachhinein, da die Anspannung in dieser

Nacht kaum auszuhalten war.

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1990 bis 1998

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Von Masern und Mumps zu Allergie und seelischer Störung

War früher von Kinderkrankheiten die Rede, ging es um Tuberkulose, Masern, Scharlach und andere

Infektionskrankheiten. Bis heute ist ein deutlicher Rückgang in der Häufigkeit dieser klassischen

Kinderkrankheiten zu verzeichnen. Dazu haben sowohl die Fortschritte in der Medizin und der

Pharmakologie als auch gesellschaftliche Veränderungen (z.B. der Ernährungszustand) beigetragen.

In den vergangenen zwei bis drei Jahrzehnten sind andere Störungen wie beispielsweise Neurodermitis,

Bronchitis, Heuschnupfen in den Vordergrund getreten. In zunehmendem Maße spielen

in der Klinik seelische Erkrankungen eine Rolle. Diese Aussagen werden durch eine Studie (KIGGS)

des Robert-Koch-Instituts bestätigt.

Ihr Ergebnis zeigt, dass der Sozialstatus die gesundheitliche Entwicklung beeinflusst. Vor allem Kinder

aus sozial schwachen Familien leiden unter erhöhten Gesundheitsrisiken. Die KIGGS-Daten

verdeutlichten ebenfalls, dass ein erheblicher Anteil betroffener Kinder und Jugendlicher mit seelischen

Störungen nicht in adäquater Behandlung ist. Unsere Station für Psychosomatik und Psychotherapie

will sich diesen neuen Anforderungen mit qualifizierten Strukturen in der Diagnostik

und Behandlung stellen.

Dank des bereits angedeuteten medizinischen Fortschritts können unsere kleinen Patienten sowohl

ambulant als auch stationär effektiver behandelt werden. Die stationären Aufnahmen erfolgen,

wenn überhaupt, erst spät im Krankheitsverlauf. Die Entlassungen aus der stationären Behandlung

sind bereits vor der vollständigen Genesung möglich. Zudem werden schwerstbehinderte Patienten

nicht mehr als Dauerlieger im Krankenhaus betreut, sondern in entsprechenden Pflegeeinrichtungen.

Letztendlich verbleiben auf Station in erster Linie Patienten, die mit hohem Aufwand betreut

werden müssen. Für die Ärzte und das Pflegepersonal bedeutet diese Entwicklung eine enorme

Verdichtung der Arbeitsintensität.

Aktuelle Herausforderungen

(KIGGS-Studie):

■■

■■

■■

■■

■■

Bei zwölf Prozent der Mädchen und

18 Prozent der Jungen fanden sich

Hinweise auf Verhaltensauffälligkeiten

und emotionale Probleme.

Jedes zehnte Kind zeigt Angst.

Jedes zwanzigste Kind weist Symptome

einer depressiven Störung auf.

Im Alter von 17 Jahren wurden

Symptome einer Essstörung bei jedem

dritten Mädchen und jedem

achten Jungen erfasst.

15 Prozent der Kinder haben Übergewicht.

Seit dem Jahr 2002 gibt es in unserer Klinik die Kinder- und

Jugendseelsorge. So ist es möglich, den Kindern und Jugendlichen

etwas von dem Trost, der Lebensfreude, der Kraft,

der Geduld und der Phantasie des christlichen Glaubens zu

vermitteln.

Verschiedene Formen der Seelsorge, die je nach Alter und

Krankheit des Kindes oder Jugendlichen besonders geeignet

sind, kommen dabei in Betracht. Von großer Bedeutung sind

die Gespräche mit Groß und Klein. Gemeinsame Unternehmungen,

Vorleserunden und Spiele schaffen Vertrauen

und geben die Möglichkeit, die Kinder und Jugendlichen in

verschiedenen Situationen kennen zu lernen. Auch unsere

Gottesbeziehung basiert ja auf dem Gegenüber von Gott und

Mensch. Die Erfahrung ist wichtig: da ist jemand für mich da.

So schenkt der Segen Gottes jedem Kind Schutz, unabhängig

von seinem Verhalten, seinen Erfolgen und seiner Krankheit.

Die Ergotherapie wurde im Jahr 1994 auf Initiative von

Frau Dr. Reinhild Seitz, die als Neuropsychiaterin am Haus

arbeitete, in das Behandlungskonzept der Kinderklinik

aufgenommen.

Kinder- und Jugendseelsorge: Dr. Eveline Trowitzsch mit Patienten der Kinderklinik (2008)

2004 – Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek

1989 – Wiedervereinigung Deutschlands

1999 – „Europäische Kulturhauptstadt“

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1996 – Bauhausbauten in die UNESO aufgenommen

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1986

Die Schwestern und ihre Ausbildung

Die Kinderkrankenschwestern stehen dem Arzt nicht nur hilfreich zur Seite, sie pflegen, behandeln

selbst und sind letztendlich Bezugsperson für die Kinder. Ihre Ausbildung, die auf einer langen Tradition

gründet, stellt daher einen wichtigen Baustein in der Behandlung kranker Kinder in Weimar dar:

1986

2012

1912 Errichtung einer Ausbildungsstätte für Säuglingspflegerinnen am Feodora-Säuglingsund

Kinderheim

1917 Die Säuglings- und Schwesternschule startete als eine der ersten in Deutschland.

1923 Gemeinsam gründen die beiden Träger, Sophienhaus und Feodora-Heim, eine Säuglingsund

Kinderschwesternschule mit 2-jähriger Ausbildung. Sie bestand bis in die Kriegsjahre

fort.

1950 wurden erwachsene Frauen in einem 26-wöchigen Lehrgang zur Säuglings- und

Kinderpflegerin ausgebildet.

1953 Die Ausbildung zum Facharbeiter für Kinderkrankenpflege für Mädchen ab 15 Jahren ist

Voraussetzung für den späteren Besuch einer Fachschule mit Weiterbildung zur Kinderkrankenschwester.

1955 Die erste Klasse für Säuglings- und Kinderkrankenschwestern wurde an der Medizinischen

Fachschule Weimar ausgebildet.

1961 fand die Schwesternausbildung an der Betriebsberufsschule der Krankenanstalten-

Polikliniken statt.

1974-93 gibt es die 3-jährige Ausbildung zur Kinderkrankenschwester an der Medizinischen Fachschule.

Drei Lehrschwestern, später Dipl.-Medizinpädagogen, waren für die praktische

Ausbildung verantwortlich.

Zu allen Zeiten waren der Chefarzt und seine ärztlichen Mitarbeiter an der Ausbildung von Kinderkrankenschwestern

wie auch an ihrer Weiterbildung beteiligt. Schon 1962 war ein besonderer Unterrichtsraum

in der Klinik vorhanden, der die notwendige Praxisnähe der theoretischen Ausbildung

erlaubte.

Seit dem Jahr 1985 sind die Schwestern selbst ein Stück weit zu Ausbilderinnen geworden: Sie leiteten

regelmäßig Abendkurse für werdende Mütter. Inhalt der Kurse war (ist) neben dem Stillen und der

Versorgung des Säuglings auch dessen spätere Ernährung. Darüber hinaus informieren die Pflegekräfte

die Eltern über die Notwendigkeit von Impfungen.

1912 1920 1930 1940 1950

1960


F E i e

r s t

u n

21

d e n

1978

Im Gegensatz zu anderen Kliniken zeichnete

sich die Kinderklinik schon immer durch eine

geringe Personalfluktuation aus. Alle Mitarbeiter

– vom Chefarzt bis zur Milchküchenmitarbeiterin

– fühlten sich der Klinik und den

Kollegen verbunden. Das Zusammengehörigkeitsgefühl

zeigte sich neben der kollegialen

Zusammenarbeit im Dienst auch in legendären

Feiern nach getaner Arbeit. Faschingsparty

in der Schwanseebadgaststätte, gemeinsame

Wanderungen und Brigadeausflüge (inklusive

des Führens eines Brigadetagebuchs), gegenseitige

Einladungen zu Hochzeitsfeiern, Weihnachtsfeiern

im altehrwürdigen Speisesaal oder

organisierte Brigadetreffen förderten letztlich

den Zusammenhalt der Abteilung. Die Tradition,

zu feiern, wird auch am neuen Standort gepflegt:

jährliche Stationsausflüge, »Männertouren«

und »Damenausflüge« oder Organisation

von Symposien mit anschließendem gemütlichem

Beisammensein, Begrüßung und spezielle

Verabschiedungsprogramme für Kollegen.

Einige dieser Veranstaltungen verdienen das

Prädikat „legendär“ und sorgen für gemeinsamen

Gesprächsstoff – über Jahre!

Beispiel dafür ist eine Frauentagsfeier, bei der

die Männer alle Frauen der Klinik (von der Putzfrau

bis zu den Ärztinnen) zu einem opulenten

Brunch einluden, sie verwöhnten und bedienten.

Zu hören war: „Herr Ober...arzt bitte noch mal

eine Tasse Kaffee!“. Der Chefarzt las kurzweilige

Texte und der Musiktherapeut umrandete das

Ereignis musikalisch. Die Männertagsfeier gestalteten

die Frauen mit Gedichten, Liedern und

Bauchtanz-Vorstellungen. Ein Highlight war eine

Weihnachtsfeier mit dem Motto »Die Kinderklinik

sucht den Superstar«. In der dabei genutzten

Lokalität wurde der Wirt von anderen anwesenden

Gästen danach wirklich gefragt, ob „diese

Truppe“ hier in Zukunft noch öfter auftrete, da

sie das nicht verpassen wollten.

Eine Auswahl an privaten Fotoerinnerungen.

Selbst nach dem Ruhestand wird der Kontakt

untereinander fortgeführt und beim jährlichen

Treffen zur Weihnachtszeit Erinnerungen und

Neuigkeiten ausgetauscht.

Außerdem finden gemeinsame Feierlichkeiten

mit unseren Patienten statt. So gibt es das jährliche

Frühchen-Treffen, welches liebevoll von

den Schwestern der Neonatologie als Gartenfest

im Sommer vorbereitet wird und ein Ort

des Wiedersehens für Eltern, die Kinder und die

Schwestern und Ärzte ist. Natürlich sind auch

die Feste im Jahresverlauf wie Fasching und

Weihnachten immer ein Grund, mit den Patienten

und auch den Kindern der Mitarbeiter

zusammenzukommen.

2004

2008

2010

2012

1970 1980 1990

2000 2012


22

2000

Das neue Gewand

Der Umzug der Kinderklinik vom Jakobskirchhof in das neu erbaute Sophien- und Hufeland-Klinikum

war für die meisten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinderklinik ein einschneidendes Erlebnis.

Es galt, sich möglichst schnell aus der familiären und vertrauten Umgebung zu lösen und

die Versorgung der kranken Kinder und Jugendlichen im neuen Klinikum mit nur noch 41 Betten

(seit dem Jahr 2012: 35 Betten) neu zu organisieren. Im Gegensatz zu den meisten Erwachsenenabteilungen,

die durch die Co-Existenz von Hufeland-Klinikum und Sophienhaus in Weimar doppelt

vorhanden waren, brauchte sich die Kinderklinik nicht mit den Schwierigkeiten der Neuformierung

eines Teams auseinanderzusetzen. Der Umzug an die Henry-van-de-Velde-Straße Nr. 2 brachte vor

allem für die Patienten gravierende Vorteile:

1. Verfügbarkeit aller medizinisch-technischen Einrichtungen im Haus ohne Transportwege

und längere Wartezeiten

2. Neue lichtdurchflutete Räume mit klarer Trennung zwischen Patientenseite und

Versorgungsseite auf den Stationen

3. Nähe zu allen verfügbaren Konsiliarärzten

4. Mitaufnahme der Eltern

Chefarzt Dr. Scholz (ca.1997)

Tief betroffen mussten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinderklinik im Jahr 1998 zur

Kenntnis nehmen, dass ihr Chefarzt Dr. Eckhard Scholz schwer erkrankt war. Nur wenige Wochen

nach dem Umzug in das neue Klinikum erlag er am 19. November 1998 seinem Leiden. Die Beisetzung

fand unter großer Anteilnahme der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinderklinik sowie

vieler Patienten und deren Angehörigen statt. Nach dem frühen Tod von Dr. Scholz führte der

Leitende Oberarzt Dr. Lutz Hempel die Klinik kommissarisch bis September 1999 weiter.

1912 1920 1930 1940 1950

1960


1998 bis 2012

23

Am 1. Oktober 1999 trat Dr. Thomas Rusche die Nachfolge von Dr. Scholz als Chefarzt der Klinik

für Kinder- und Jugendmedizin an. Er hatte sich bei seinem beruflichen Werdegang umfangreiche

Kenntnisse in allgemeiner Pädiatrie, Neonatologie, Kinderkardiologie und Ultraschalldiagnostik angeeignet.

Dr. Rusche fand bei seiner Dienstübernahme hoch motivierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter

in einem gut funktionierenden Klinikbetrieb vor und konnte gemeinsam mit seinen anderen

Chefarztkollegen und der Geschäftsleitung die weitere Modernisierung der Kinderklinik vorantreiben.

Die größte Herausforderung dabei war, durch anhaltende Argumentation und Überzeugungsarbeit

darauf hinzuwirken, dass alle am Klinikum stationär aufgenommenen Kinder und Jugendlichen

in den Räumen der Kinderklinik untergebracht werden (außer HNO-Patienten). Dies war ein

wichtiger Schritt bei der Akzeptanz der besonderen Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen

während der Krankenhausbehandlung. So kam es, dass bald nach der Jahrtausendwende zunächst

die allgemein- und viszeralchirurgisch behandelten Kinder und Jugendlichen, später auch die unfallchirurgisch-orthopädisch

behandelten in der Kinderklinik lagen und seitdem dort bettseitig von

den Fachärzten der jeweiligen Fachdisziplinen betreut werden.

Wichtig für die Konsolidierung und den Ausbau des Leistungsprofils der Kinderklinik war, nach

dem Wechsel von Oberarzt Dr. Lutz Hempel auf die Chefarztstelle in Nordhausen, der Ausbau der

Facharztkompetenz auf der allgemein-pädiatrischen Station und die Etablierung der psychosomatischen

Station in den Krankenkassenverhandlungen. Mit der Einstellung von Dr. André Köhler von

der Universitäts-Kinderklinik Jena gelang es im Jahre 2001, einen hervorragenden Spezialisten zur

Leitung der allgemein-pädiatrischen Station und zur Vertretung des Chefarztes zu gewinnen. Bereits

im Vorjahr hatte Dr. Eckart Zillessen, ebenfalls aus Jena kommend, die oberärztliche Leitung

der psychosomatischen Station übernommen. Mit seiner Person wurde die Facharztqualifikation

Kinder- und Jugendpsychiatrie im diagnostischen und therapeutischen Ablauf der psychosomatischen

Station fest etabliert. Dankenswerterweise hatte bis dahin Frau Dipl.-Med. Ina Riemer mit

tatkräftiger Unterstützung vom Ordinarius für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Jena

(Prof. Dr. med. Bernhard Blanz) die Patientenversorgung sowohl organisatorisch wie auch fachlich

auf hohem Niveau ausgebaut.

Im besonderen Augenmerk des amtierenden Chefarztes liegt es, dass die Mitarbeiter als Team

agieren und sich entsprechend den Anforderungen an die Patientenbetreuung weiterbilden. So hat

der Chefarzt selbst die Voraussetzungen für eine volle Weiterbildungsermächtigung im Fachgebiet

Kinder- und Jugendmedizin. Oberarzt Dr. Köhler hat sich im Bereich der Gastroenterologie und Immunologie

profiliert. Frau Dipl.-Med. Ina Riemer wurde im Jahr 2010 zur Oberärztin ernannt, nachdem

sie die Schwerpunktbezeichnung Neuropädiatrie erworben hatte.

2012

Dr. med. Thomas Rusche

geboren: 28.10.1957

verheiratet, 4 erwachsene Kinder

Beruflicher Werdegang

■■

Abitur 1976

■■

Studium in Magdeburg und Rostock

■■

1989 Facharzt Kinderheilkunde Uni- Kinderklinik

Rostock

■■

Schwerpunktbezeichnung Neonatologie 1995

und Kinderkardiologie 1997 in Tübingen und

Baden-Baden

■■

Seit 01.10.1999 Chefarzt der Klinik für Kinderund

Jugendmedizin, Weimar

Eine große personelle, menschliche und fachliche Verstärkung war für die Mitarbeitenden die Tätigkeit

von Herrn Prof. em. Dr. Eckart Gottschalk von 2001 bis 2006 in der Kinderklinik. Prof. Gottschalk,

ehemaliger Ordinarius für Kinderchirurgie an der Medizinischen Akademie Erfurt, nutzte die Zeit nach

seiner Pensionierung, um hier am Klinikum Weimar die kinderchirurgische Versorgung der Patienten

aller Altersgruppen durch sein Wissen und seine jahrelange Erfahrung zu optimieren. Alle Mitarbeitenden

und insbesondere die Patienten und deren Eltern schätzten seine unerschütterlich ruhige Art

und sein breites Wissen, welches die ärztlichen Kollegen auch heute noch regelmäßig bei Problempatienten

abrufen. Gern und bereitwillig steht er als Konsiliarius zur Verfügung und berät zum Beispiel

werdende Eltern in schwierigen Situationen im Rahmen der Pränataldiagnostik.

2004 – Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek

1999 – „Europäische Kulturhauptstadt“

1970 1980

1990

2000

2012


24

2005

2010 2010

Zu Gast in Weimar – Hilfe im globalen Horizont

Die Behandlung von Kindern aus Krisenregionen

und Regionen ohne notwendige

medizinische Infrastruktur zählt seit Anfang

der neunziger Jahre zu den herausragenden

Leistungen der Kinderklinik. Im

Jahr 1992 wurde eine Gruppe von Kindern

mit ihren Müttern, im Rahmen der

Hilfe von Weimar für die Opfer des Krieges

im ehemaligen Jugoslawien, in der

Klinik über einen längeren Zeitraum betreut.

In Zusammenarbeit mit der Organisation

»Friedensdorf international« konnten

bislang 13 afghanische Patienten, ein

georgisches sowie ein angolanisches Kind

betreut werden. Die meisten von ihnen

waren Jungen, die teilweise bis zu einem

Jahr lang in der Kinderklinik untergebracht

waren.

Die Herausforderung für die sich sehr engagierenden

Mitarbeiter bestand darin, ein

angemessenes Verhältnis von Nähe und

Distanz zu wahren. Einerseits galt es, die

Pflege und alle Kontakte zum Kind so zu

gestalten, dass die kulturellen Bedürfnisse

und Prägungen der Patienten möglichst

wenig beeinflusst werden. Gleichzeitig

brauchten die Kinder emotionale Geborgenheit,

die sie in der langen Behandlungszeit

vorrangig von den hiesigen Mitarbeitern

erhielten. Während der oft

langwierigen Behandlung sind die Kinder

ohne ihre Eltern oder Verwandte in der Klinik.

Kontakte nach Hause sind kaum möglich.

Es erforderte von allen Beteiligten ein

hohes Maß an Akzeptanz, diese Kinder

nicht zu sehr in unsere westliche Lebenswelt einzubinden.

Unsere Oberärztin Dipl.-Med. Ina Riemer (Foto

oben links) beschreibt eine Situation wie folgt:

„Wir erwarteten wieder einen Zugang vom Friedensdorf.

Es war ein zirka 6-jähriger Junge aus

Afghanistan mit einer chronischen Beinwunde.

Der zierliche, ängstliche Knabe wurde in seiner

landestypischen Kleidung (einem dünnen baumwollenen

Kaftan und Hose mit Plastiksandaletten)

gebracht – viel zu kalt für das kühle

Deutschland. Er besaß kein Gepäck, kein Bild

von zu Hause, geschweige denn ein Mobiltelefon.

Um seinen Hals hing ein Schild mit seinem

Namen und dem geschätzten Geburtsdatum.

Fast alle Kinder, die kommen, sind scheinbar am

31. Dezember geboren. Hoffentlich stimmt wenigstens

das Geburtsjahr. Unser neuer Patient

hat einen offenbar schon älteren Beingips, unter

dem sich, dem Geruch nach, eine üble chronische

Wunde verbarg. Er verstand natürlich weder

Deutsch noch Englisch oder Französisch. Wir

sprechen auch keine der vielen afghanischen

Sprachen. Ein Begleiter hatte das Kind fast direkt

vom Flughafen zu uns gebracht. Zur ersten

Verständigung bezüglich Hunger, Durst und

Schmerzen nutzten wir ein kleines Büchlein mit

Bildern. Das stille Kind (er weinte nicht, versuchte

nicht zu sprechen, widersetzte sich nicht) bekam

Essen und Trinken angeboten, wurde etwas

gewaschen und dann ins Bett gebracht. Wenig

später fanden wir Khalludin – so ist sein Name

– im Rollstuhl in der Nähe des Schwesternzimmers

schlafend vor. Es dauerte noch viele Nächte,

bis er in dem für ihn bestimmten Bett schlief.

Er wusste nur, dass wir sein Bein gesund machen

sollten und vertraute uns. Ganz allein, mit

sechs Jahren, in einem fremden Land: Was für

ein mutiger kleiner Kerl.“

Bezüglich der Rückkehr vermerkt Frau Dipl.-Med.

Riemer: „Die Kinder werden mit gespendeter

Kleidung versorgt und erhalten auch gut gemeinte

Geschenke, welche aber den deutschen

Maßstäben entsprechen. Aber was erzeugen wir

damit? Die Kinder und Jugendlichen lernen während

ihres Aufenthaltes die `Segnungen´ der

westlichen Welt kennen und schätzen. Bei ihrer

Rückkehr ins Friedensdorf können sie jedoch nur

wenige Dinge mitnehmen oder müssen diese

dort abgeben. Die Kinder kehren auch wieder zurück

zu ihren Eltern, einerseits mit dem Wissen

und den Erfahrungen über unsere Welt und andererseits

der Aussicht, dass sie kaum eine

Chance haben werden, ihren Lebensstandard zu

verbessern. Wie verarbeiten die Kinder diese Erfahrungen?

Es ist keine Frage, dass wir diesen

Kindern, welche zu Hause bisher nicht die erforderliche

medizinische Hilfe bekommen konnten,

mit unseren Möglichkeiten helfen müssen. Aber

was sind die Nebenwirkungen? Wäre es vielleicht

besser, mit den vorhandenen Mitteln eine

Hilfe innerhalb ihres Kulturkreises zu etablieren?“

Seit dem Jahr 2008 beteiligte sich Ina Riemer bereits

viermal unentgeltlich und während ihrer Urlaubszeit

bei Hilfseinsätzen auf den Philippinen

und in Kalkutta, welche die Organisation Ȁrzte

für die Dritte Welt« koordiniert.

1912 1920 1930 1940 1950

1960


1998 bis 2012

25

Bedeutung von Ökonomisierung und demographischem Faktor

für die Kinder- und Jugendmedizin

Im Jahr des 100. Geburtstages der Kinderklinik wiederholen sich demographische Erscheinungen, wie

sie bereits 20 Jahre zuvor nach der Wiedervereinigung Deutschlands zu verzeichnen waren.

Jetzt fehlen die jungen Mütter, die vor 20 Jahren bedingt durch den wirtschaftlichen und politischen

Wandel auch in Weimar nicht geboren wurden. Zusätzlich ist der Trend bewiesen, dass speziell

junge Frauen aus den ostdeutschen Bundesländern in die boomenden süddeutschen und

südwestdeutschen Bundesländer abwandern. Andererseits gibt es durch die vielfältigen und quantitativ

zahlreichen pädiatrischen Versorgungsangebote längs der Autobahn A4 in Thüringen eine

starke Wettbewerbssituation. Jede Kinderklinik muss dabei eine relevante Zahl an pädiatrischen Erkrankungen

vorweisen, um genügend Erfahrungen und Strukturen zur Betreuung von kranken Kindern

vorzuhalten. Um dem zunehmenden Kostendruck der alternden Gesellschaft in Deutschland

politisch und wirtschaftlich zu begegnen, wurde im Jahr 2005 deutschlandweit ein pauschaliertes

Entgeltsystem nach australischem Muster eingeführt. Mit diesem System erfolgt jetzt nicht mehr

die Vergütung stationärer Leistungen nach dem Prinzip von belegten Betten und darin verbrachten

Patiententagen, sondern anhand einer Fallpauschale für ein bestimmtes Krankheitsbild.

„Wir Ärzte der Kinderklinik müssen nach nunmehr sieben Jahren Erfahrungen mit dem neuen System

feststellen, dass wir erfolgreich unser Leistungsangebot für die kranken Kinder und Jugendlichen

aufrecht erhalten konnten, aber leider zunehmend weniger Zeit für den individuellen Patienten

aufbringen können. Kaum ein Jahr vergeht, in dem nicht staatlich verordnete Bürokratie erneut

einige Minuten mehr in Anspruch nimmt und die Auseinandersetzung zwischen Krankenhäusern

und Krankenkassen eher an Heftigkeit steigt. Von Pflegepersonal und Ärzten wird in immer stärkerem

Maße erwartet, dass sie neben ihren fachlichen und ethischen Überlegungen auch ökonomische

Zusammenhänge bei der Patientenversorgung berücksichtigen.“

Während an anderen Krankenhausstandorten

ein ungebremster ökonomischer Wettbewerb

herrscht, wird am Sophien- und Hufeland-Klinikum

jedoch eine Geschäftspolitik mit Augenmaß

betrieben. Hier ist es wichtig, dass alle für den

Patienten notwendigen Leistungen erbracht werden

und sich Kinder, Jugendliche und deren Eltern

gut aufgehoben fühlen. Dabei spielt ganz

sicher eine Rolle, dass sich die Sophien- und

Hufeland-Klinikum gGmbH in Trägerschaft des

Diakonischen Werkes befindet. Im Leitbild unseres

Klinikums heißt es dazu:

„Wir übernehmen Verantwortung, indem wir heilen

und lindern, pflegen und trösten, begleiten

und schützen, beraten und stärken… Wir nehmen

unsere Verantwortung gegenüber der Gesellschaft

wahr, indem wir unser Handeln ökonomisch

und ökologisch ausrichten…“

Oberarzt Dr. med. Köhler während der Visite bei einem kleinen Patienten

2012

2004 – Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek

1999 – „Europäische Kulturhauptstadt“

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1990

2000

2012


26

2000

Aktuelle Herausforderungen

2012

Lehrerinnen der Klinikschule auf der psychosomatischen

Station

2012

Spendenübergabe an den Förderverein mit

Dr. med. Rusche (li.) und Herrn Biskop (re.)

Bei der Betreuung kranker Kinder zeichnet sich seit Mitte der neunziger Jahre ein neuer Trend ab –

die Mitaufnahme der Eltern. Zunächst sporadisch, jetzt aber bei ca. 60 Prozent der stationären Patienten,

ist die Mitaufnahme eines Elternteils Routine geworden. Diese für die kranken Kinder so wichtige

Maßnahme, welche ihnen die Angst nimmt und den stationären Aufenthalt mit fremder Umgebung,

Schmerzen und Unsicherheit erträglicher werden lässt, stellt jedoch für Pflegepersonal und Ärzte eine

zusätzliche Herausforderung dar. Diese beginnt mit der notwendigen und ausführlichen dezidierten

Aufklärung, bis hin zur Realisierung eines hohen Angebotes an Unterbringungskomfort. Es bedeutet

besonders für das Pflegepersonal einen enormen Kraftaufwand, um sich bei täglich wechselnden

Eltern immer wieder liebevoll, besorgt und fachkundig auf die Sorgen und Nöte unterschiedlichster

Charaktere einzulassen. Häufig erfahren sie dabei viel Dankbarkeit und Sympathie, gelegentlich aber

ist auch das Anspruchsverhalten mancher Zeitgenossen fernab der Realität und kaum zu befriedigen.

Um die Herausforderungen der ganzheitlichen Kinderbetreuung während des stationären Aufenthaltes

besser zu erfüllen, bedurfte es in der letzten Dekade des Ausbaus und der Gestaltung von Patientenzimmern

und Aufenthaltsräumen. Eine Beschäftigungstherapeutin wurde eingestellt sowie das

Schulprojekt mit dem Schulamt Weimar ins Leben gerufen. Letzteres ermöglicht es, besonders Kinder

und Jugendliche im Bereich der psychosomatischen Station entsprechend ihren Möglichkeiten und Erfordernissen

während des stationären Aufenthaltes zu beschulen.

Immer dort, wo außerhalb des Wirtschaftsplanes schnell finanzielle Mittel erforderlich sind, die nicht

oder nicht im vollen Umfang vom Krankenhaus bei den Pflegesatzverhandlungen refinanziert werden

können, springt der im Jahr 2000 gegründete Förderverein der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin

am Sophien- und Hufeland-Klinikum unkompliziert und unbürokratisch ein. Herr Roland Biskop,

nun schon langjähriger Vorsitzender des Fördervereins, ist stets ansprechbar und hilfsbereit, wenn es

um den Ausbau des Spielplatzes, die Gestaltung der Stationen oder die Anschaffung von Spielsachen

geht. Mit Hilfe des Fördervereins konnten auch therapeutische Projekte wie die Nachbetreuung ehemaliger

Patienten in Sportvereinen oder Freizeiteinrichtungen realisiert werden. Allen ehrenamtlichen

Helfern um und aus dem Förderverein möchten wir an dieser Stelle ganz herzlich danken.

1912 1920 1930 1940 1950

1960


1998 bis 2012

27

Ein wichtiger Aspekt für die Sicherung der Leistungsfähigkeit der Kinderklinik in Zukunft ist die Vernetzung

unserer Kapazitäten mit denen der umliegenden Krankenhäuser. So konnte die Mitarbeitenden

in den letzten fünf Jahren drei Kooperationsverträge (Universitätsklinikum Jena, Katholisches

Krankenhaus Erfurt, Zentralklinikum Bad Berka) abschließen. Diese Kooperationsverträge schaffen für

die beteiligten Partner Synergien bei der Patientenbetreuung und verbreitern das therapeutische Angebot

jedes einzelnen Krankenhauses. Zusätzlich eröffnen sie (insbesondere die Kooperation mit Jena)

ein breiteres Weiterbildungsangebot für die Facharztweiterbildung der Assistenzärzte.

Seit der vom Gesetzgeber gewollten Öffnung des ambulanten Gesundheitssektors für medizinische

Versorgungszentren wird von der Kinderklinik Weimar eine kinderärztliche Praxis in Weimar unterstützt.

Dort arbeitet Frau Esther Leonhardt erfolgreich bei der ambulanten Versorgung und freut

sich über stetig wachsenden Patientenzuspruch. Gleichzeitig betreibt Dr. Eckhart Zillessen in Apolda

mit einem halben Stellenanteil eine kinder- und jugendpsychiatrische Sprechstunde.

Persönlich wichtig ist dem Chefarzt, dass sich die gute 100-jährige Tradition der Kinderklinik in Bezug

auf die familiäre Atmosphäre und das gemeinsame Miteinander aller Berufsgruppen auch in Zukunft

fortsetzt. Dazu gehört, dass junge Leute am Beginn ihres Berufslebens nun einmal Kinder kriegen

und dadurch auch längere Zeit aus dem Dienstbetrieb einer Klinik ausscheiden. An anderen Orten

oder in anderen Berufsgruppen bedeutet dies fast immer insbesondere für die Frauen einen Knick in

der beruflichen Biographie. In Weimar wird versucht, die Interessen speziell von Frauen zwischen Beruf

und Familie unter einen Hut zu bringen und bei den Erfordernissen der Stationsbesetzung, der

Rotation zur Weiterbildung und in der Planung des Bereitschaftsdienstes zu berücksichtigen.

An manchen Tagen kommt es vor, dass bei den Dienstübergaben am Morgen oder am Nachmittag

die jeweiligen Kinder mit anwesend sind, um danach von Mama und Papa entweder übergeben

oder übernommen zu werden. Dabei ist es auch für den Unbeteiligten schön zu sehen, wie im Laufe

der Zeit die Kinder der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter heranwachsen und sich verändern.

Ausblick

Wenn man an dieser Stelle auf die 100-jährige Geschichte der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin

von der Kinderbewahranstalt bis zu einer modernen Fachabteilung zurückblickt, kann man stolz

sein. Die Klinik und die in ihr tätigen Menschen haben im unterschiedlichsten geschichtlichen Umfeld

ihre Aufgaben mehr als gut erfüllt und die Sache der kranken Kinder über 100 Jahre vertreten.

Wo die Kindermedizin in 50 Jahren stehen wird und mit welchen Inhalten sie sich in Deutschland

beschäftigt, wissen wir nicht. Es wäre dieser Gesellschaft aber dringend zu wünschen, dass Kinder

immer einen herausragenden Platz in ihr einnehmen und die alternde Gesellschaft mit ihrem unerschütterlichen

Drang nach vorn befruchten.

Ohne Nachwachsen neuer Generationen wird es keine Innovationen geben. Die Zuspitzung gesellschaftlicher

Verhältnisse mit einer immer größer werdenden Schere zwischen arm und reich, das

Auftürmen von aberwitzigen Schulden für nachfolgende Generationen und die ökologische Belastung

unserer Welt sind keine guten Voraussetzungen für die Kinder von morgen. Schnelle Lösungen

sind nicht in Sicht.

2012

2004 – Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek

1999 – „Europäische Kulturhauptstadt“

1970 1980

1990

2000 2012


28

Aktuelle Daten 2012

Personal

Chefarzt

Leitender Oberarzt

Oberärztin

Oberarzt

Stationsärztin

Stationsarzt

Assistenzarzt

Assistenzärztin

Assistenzärztin

Assistenzärztin

Assistenzärztin

Psychologin

Psychologin

Musiktherapeut

Klinikschule

Dr. med. Thomas Rusche

Dr. med. André Köhler

Dipl.-Med. Ina Riemer

Dr. med. Eckart Zillessen

Antje Matthies

Dr. med. Steffen Bonitz

Daniel Reinhardt

Dr. med. Friederike Rühling

Sinje Ruppert

Cornelia Strecker

Petra Winter

Dipl.-Psych. Ivonne Hofmann

Dipl.-Psych. Sonja Bräutigam

Matthis Christoph

Gabriele Grünes

Christine Kessler

2012

Daten:

2000 stationäre Patienten pro Jahr

5000 ambulante Untersuchungen

pro Jahr

3,7 Tage durchschnittliche Verweildauer

(Psychosomatik 25 Tage)

35 Planbetten

Neonatologie

Stationsschwester Angelika von der Gönna

Schwester Anett Kraatz

Schwester Kathrin Wünsch

Schwester Mariann Schneider

Schwester Marie Eulenstein

Schwester Martina Lechte

Schwester Nadja Wöllert

Schwester Petra Rusche

Schwester Sabine Heller

Schwester Yvonne Motschmann

Frau Ursula Götting (Milchküche)

Allgemeine Pädiatrie

Stationsschwester Ulrike Schindler

Schwester Angela Hahn

Schwester Barbara Laux

Schwester Beate Schirrmeister

Schwester Claudia Brauns

Schwester Gabi Köditz

Schwester Heike Leubner

Schwester Heike Rettkowitz

Schwester Margit Putsche

Schwester Nicole Wohlfeld

Schwester Silke Neumann

Schwester Solveig Pfeuffer

Station Psychosomatik des Kindesund

Jugendalters

Stationsschwester Gabriele Rost

Schwester Britt Linse

Schwester Christine Klose

Schwester Elke Hempel

Schwester Heike Teichmann

Schwester Kerstin Zielasko

Schwester Marion Baer

Pfleger Peter Lentzsch

Schwester Viola Knopf

Heilerzieherin Stefanie Herffurth

Funktionsbereich

Frau Heike Kursawe

Schwester Sybille Beinicke

MTA Sabine Steudte

Auf Hospitation

Dr. Nele Malarski

Dr. Matthias Marquitz

Mitarbeiterinnen des Zentrums für Physikalische

und Rehabilitative Medizin

Frau Gabriele Krüger

Frau Marie Weirauch


www.klinikum-weimar.de


Medizin aktuell

Hilfe bei Inkontinenz und Beckenbodensenkung

Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe beschreitet neue Wege

7

von Doreen Päsel,

Referentin für Öffentlichkeitsarbeit

Inkontinenz sowie die Diagnostik und Therapie

von Senkungen des weiblichen Genitale

(Prolaps/Vorfall) bilden wichtige Schwerpunkte

der Weimarer Frauenklinik neben der Adnex-,

Myom-, Endometriose-, und Tumorchirurgie.

Inkontinenz und Deszensus sind häufig

vorkommende gesundheitliche Störungen, die

zukünftig noch weiter an Bedeutung zunehmen

werden.

Sehr viele ältere Patientinnen mit einem solchen

Krankheitsbild sind oft körperlich fit und

möchten entsprechend aktiv und mobil bleiben.

Senkungen und vor allem die Inkontinenz

stehen diesem Wunsch entgegen und verschlechtern

die Lebensqualität enorm. Neben

den psychologischen und sozialen Problemen

können ungeachtet des Alters auch gesundheitliche

Störungen damit verbunden sein. Es

kann zu Entzündungen im Genitalbereich, aufsteigenden

Harnwegsinfektionen, Harnverhaltungen

und Blutungen kommen, die dringend

ärztlich behandelt werden müssen.

Wichtiges Mittel für die Diagnostik der Inkontinenz

ist die sogenannte Urodynamik oder

Blasendruckmessung: Hier steht im MVZ des

Sophien- und Hufeland-Klinikums Weimar ein

moderner urodynamischer Messplatz zur Verfügung.

In unserer Spezialsprechstunde, in

welcher die Messung erfolgt, findet gleichzeitig

die ausführliche Befragung der Patientin

hinsichtlich der Symptome und neben der gynäkologischen

Untersuchung auch ein spezialisierter

Ultraschall zur Beurteilung des Beckenbodens

und zur Planung der weiteren Therapie

statt. Als Grundsatz der Behandlung gilt, wie

bei vielen anderen Erkrankungen auch: konservativ

vor operativ. Konservative Therapiemaßnahmen

erfolgen in aller Regel durch die

niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen.

Sind die konservativen Therapiemöglichkeiten

ausgeschöpft und eine operative Behandlung

höchstwahrscheinlich, haben die betroffenen

Frauen im nächsten Schritt die Möglichkeit, in

das Beckenbodenzentrum am Weimarer Klinikum

zu kommen und sich dort vom Chefarzt

oder Oberarzt beraten zu lassen. Eine Besonderheit

ist dabei die Drang- oder Urge-Inkontinenz.

Sie ist in der Regel die Domäne der

medikamentösen Therapie. Hier kommt es

allerdings oft nach mehreren Jahren zur Abschwächung

der Wirkung der Medikamente

und damit zum Wirkungsverlust. Für diesen

Fall bieten die Ärzte im Beckenbodenzentrum

eine spezielle Therapieoption an, bei der Botulinumtoxin

(Botox) in die Harnblasenmuskulatur

eingespritzt wird. Das ist ein außerordentlich

effektives und wirksames Verfahren und

hält für ca. 1 Jahr an. Danach muss die Injektion

jedoch nicht gleich wiederholt werden, sondern

es können auch wieder die Medikamente

als Tablette eingenommen werden.

Anhand der in der Spezialsprechstunde gewonnenen

Befunde wird individuell festgelegt, welches

Verfahren für die jeweilige Patientin das

Optimale ist. Angeboten werden sowohl alle

Arten der so genannten Schlingenoperationen

(TVT, TVT-O) sowie auch die so genannte Burch-

Operation. Diese genannten Verfahren und auch

die Korrektur von Senkungen erfolgen stets endoskopisch,

also minimal-invasiv. Die Weimarer

Frauenklinik selbst ist ein Trainingszentrum für

diese OP-Verfahren. Fast jeden Monat werden

Fortbildungsveranstaltungen in kleinen Kreisen

für auswärtige Operateure veranstaltet. Zweimal

im Jahr finden größere Treffen zur Weiterbildung

und zum Erfahrungsaustausch mit anderen

Operateuren statt.

Mit dem Amtsantritt von Chefarzt Dr. med. Jörg

Herrmann zu Beginn des Jahres 2012 wurden

zahlreiche neue minimal-invasive Behandlungsverfahren

etabliert. Den Schwerpunkt bilden

hier die uterus- und fertilitätserhaltenden OP-

Methoden bei Myomen, Eierstockzysten und

Endometriose. Auch Tumorerkrankungen, bei

denen sonst oft noch ein großer Bauchschnitt

nötig ist, werden nun weitestgehend mit der

»Schlüssellochtechnik« operiert. Diese Methode

hat für die Patientinnen viele entscheidende

Vorteile. Neben dem besseren kosmetischen

Ergebnis sind dies vor allem deutlich weniger

Wundschmerzen nach der Operation. Bei vielen

Patientinnen ist es dadurch auch möglich, die

Gebärmutter zu erhalten, sofern diese gesund

ist. Das Klinikum in Weimar hat zur Optimierung

minimal-invasiver Eingriffe in modernste

OP-Technik investiert und somit mögliche Risiken

und Nebenwirkungen für unsere Patientinnen

weiter minimiert.

Experten für minimal-invasive OP-Methoden

in der Frauenheilkunde: Chefarzt Dr. med.

Jörg Herrmann und Oberarzt Dr. med. Ivaylo

Georgiev (li.)

Hindergrundinformation

■■

Jede zehnte Frau hat Senkungs- und/oder

Inkontinenzprobleme.

■■

Belastungsinkontinenz betrifft 3,2 Millionen

Frauen in Deutschland (= 16% der

deutschen Gesamtbevölkerung).

■■

Harninkontinenz ist mit ca. 35% der

Frauen häufiger als andere chronische

Erkrankungen wie z. B. Diabetes oder

Hypertonie.

■■

Harninkontinenz und Genitalsenkung sind

zwei Krankheiten, die häufig gleichzeitig

auftreten, aber unterschiedliche Ursachen

haben und auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten

behandelt werden müssen.

■■

Risikofaktoren für Belastungsinkontinenz

und Genitalsenkung sind z. B. Gewicht,

Alter, Geburtenzahl, chronischer Husten,

schwere körperliche Tätigkeit und chronische

Verstopfung.

■■

Senkungen neigen leider häufig zum

Rückfall. Etwa jede dritte Frau erleidet einen

Rückfall nach erfolgreicher Operation.


Information

Einzigartige Option gegen den Schmerz

Interdisziplinäre Schmerzspezialstation NONPain-Unit eröffnet

Besondere an ihr ist, dass es sich hierbei um

eine von Orthopäden und Neurologen gemeinsam

geleitete Spezialstation zur Behandlung

chronischer und akuter Schmerzen handelt. Die

Station befindet sich im Haus A, Ebene 1 und

wird interdisziplinär geführt von den Chefärzten

und Privatdozenten Dr. med. Malessa und

Dr. med. Olaf Bach.

Insgesamt verfügt die Station über 27 Betten.

Die offizielle Eröffnung fand mit geladenen

Gästen am 18. Januar 2012 vor Ort statt.

NONPain-Unit – der Name ist Programm

NONPain-Unit steht für eine Neurologisch-

Orthopädische-NeuroPain (Nervenschmerz)-

Station. Der Begriff lehnt sich an die im deutschen

Klinikalltag bereits gebräuchliche Bezeichnung

für »Stroke Unit« an, eine Spezialstation

für Schlaganfälle, die hier am Klinikum bereits

seit vielen Jahren erfolgreich betrieben wird.

Denn beide Units folgen dem gleichen Prinzip:

Die Patienten sollen davon profitieren, dass alle

Mitglieder des therapeutischen Teams (Ärzte

verschiedener Fachgebiete, Psychologen, das

Pflegeteam, die Physio- und Ergotherapeuten)

über spezielle Kenntnisse verfügen, hier für den

Schmerz, dort für den Schlaganfall.

Gehen gemeinsam gegen den Schmerz vor:

die Chefärzte PD Dr. med. Rolf Malessa (li.),

Klinik für Neurologie und Klinische Neurophysiologie

und PD Dr. med. Olaf Bach, Klinik

für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie

Eröffnung am 18. Januar 2012 mit Besichtigung

der Station

von Doreen Päsel, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit

und

Dr. med. Uwe Habenicht, Oberarzt der Klinik

für Neurologie und Klinische Neurophysiologie

Erfolg spricht bekanntlich für sich. So

führt der gute Ruf der Klinik für Neurologie

und Klinische Neurophysiologie seit Jahren

Schmerzpatienten aus der ganzen Bundesrepublik

zur Behandlung nach Weimar. Denn stets

war und ist das Team um Chefarzt PD Dr. med.

Rolf Malessa bemüht, nachhaltig Schmerzen zu

lindern und die Patientenversorgung weiter zu

optimieren. Dieser Anspruch mündete im vergangenem

Jahr in der Realisierung einer neuen

Idee: der Eröffnung einer für ein Akutkrankenhaus

deutschlandweit wohl einzigartigen Station,

der so genannten »NONPain-Unit«. Das

Patienten, die auf der NONPain-Unit aufgenommen

werden, haben oft eine Odyssee hinter

sich und leiden an letztlich ungeklärten und

/ oder therapieresistenten Schmerzzuständen.

Die NONPain-Unit bietet hier eine neue und

vielversprechende Option: Durch intensive interdisziplinäre

Diagnostik und Therapie doch

noch einen Behandlungserfolg zu bewirken. In

vielen Fällen ist die Ursache derartiger Schmerzen

sowohl orthopädisch als auch neurologisch

bedingt. Es ist daher zielführend, neurologisches

Fachwissen und orthopädisch-traumatologische

Expertise direkt zusammenzuführen.

Patienten, die an Schmerzen des Bewegungsapparates

leiden, d.h. Schmerzen der gesamten

Wirbelsäule, der Arme und Hände sowie der

Beine und Füße, können sich demnach ebenfalls

an unsere Station wenden.

Der Ursprung für chronische und akute

Schmerzen ist sehr vielgestaltig und komplex.

Die differentialdiagnostische Abklärung der

verschiedenen Schmerzursachen kann sehr

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schwierig sein. Aus diesem Grund bieten wir

die Möglichkeit, die Ursache chronischer und

akuter Schmerzen fachübergreifend (neu) zu

klären, um dann eine gezielte Therapie einzuleiten.

Grundlage für den Behandlungserfolg

bildet ein individuell zugeschnittenes Behandlungskonzept,

das bei Bedarf durch Entspannungsübungen,

Ergotherapie, spezielle Physiotherapie,

Bewegungsbad und/oder Nordic

Walking etc., erweitert werden kann.

Die NONPain-Unit bietet neben einer subtilen

neurologisch-orthopädischen Diagnostik das gesamte

schmerztherapeutische Spektrum, von der

gezielten therapeutischen Intervention bis hin

zur Multimodalen Schmerztherapie. Moderne

Therapieverfahren wie das »Biofeedback« und

das »Work-Hardening« stehen zur Verfügung,

um auch die Selbsthilfefähigkeit der Patienten

nachhaltig zu stärken.

Das Team der Neurologen und Orthopäden wird

dabei zusätzlich unterstützt durch die Schmerzspezialisten

aus der Klinik für Anästhesie und

Intensivmedizin, der Abteilung für Psychosomatik,

dem Zentrum für Physikalische und Rehabilitative

Medizin, unseren Physio- und Ergotherapeuten,

unseren Psychologen und nicht zuletzt

durch das sehr engagierte Pflegeteam.

Welche Krankheitsbilder werden behandelt?

Auf der NONPain-Unit werden zahlreiche

Krankheitsbilder des neurologischen Fachgebietes

behandelt, die zu chronischen oder

akuten Schmerzen führen können. Dabei handelt

es sich um die Diagnostik und Therapie

von chronischen und akuten Rückenschmerzen,

radikulären Schmerzen (z. B. bei Bandscheibenvorfall

oder degenerativer Wirbelsäulenerkrankung)

sowie Schmerzen, die durch

Nervenentzündungen ausgelöst werden (z. B.

Neuritis und Polyneuritis, Plexusneuritis brachialis

und lumbosacralis, Borreliose/Neuroborreliose,

Zoster- und Post-Zoster-Neuralgie).

Darüber hinaus werden Patienten mit akuten

und chronischen Kopfschmerzerkrankungen

behandelt. Dazu gehören Gesichtsneuralgien,

Cluster-Kopfschmerz, chronische Migräne,

chronischer analgetikainduzierter Kopfschmerz,

chronische paroxysmale Hemicranie, Hemicrania

continua und das SUNCT-Syndrom (seltene

Kopf- und Gesichtsschmerzarten).

Therapiert werden auch Schmerzen bei Erkrankungen

des zentralen Nervensystems,

d.h. Gehirn- und Rückenmarkserkrankungen.

Hier handelt es sich oft um einen sogenannten

zentralen neuropathischen Schmerz. Dies

schließt z. B. Schmerzen aufgrund von Rückenmarksverletzungen,

Schlaganfällen, Multipler

Sklerose, Syringomyelie und das Kauda-Syndrom

ein. Auch Nervenschmerzen nach Amputation

sowie das CRPS (komplexes regionales

Schmerzsyndrom) können auf der NONPain-

Unit behandelt werden.

Das Spektrum der NONPain-Unit umfasst weiterhin

Nacken-, Schulter- und Armschmerzen,

Erkrankungen des peripheren Nervensystems,

wie die schmerzhafte Polyneuropathie (diabetisch,

toxisch, medikamentös, entzündlich,

vaskulitisch, z. B. Multiplextyp) sowie Schmerzen

der Beine und Füße – ausgelöst durch Tarsaltunnelsyndrom,

Morton-Neuralgie, Jogger´s

Foot, Backster-Neuralgie (Fersenschmerz),

Meralgia parästhetica, Karpaltunnelsyndrom,

Sulcus-Ulnaris-Syndrom, Thoracic-Outlet-Syndrom,

Piriformis-Syndrom.

Welche Therapieverfahren werden angewandt?

Zu den von uns genutzten Therapieverfahren

gehören unter anderem:

Medikamentöse Therapie, Physiotherapie,

Manuelle Therapie, Ergotherapie, körperliche

Aktivierung, Entspannungsübungen und Muskelrelaxation,

Biofeedback, Work-Hardening,

Multimodale Schmerztherapie, Chiropraktik,

immunmodulatorische Therapie (z. B. i. v. Immunglobuline),

Neuraltherapie, Injektionen,

Infiltrationen und Umflutungen von Nervenwurzeln

und kleinen Wirbelgelenken, Bandscheibenoperationen,

Bandscheibenprothesen,

dynamische Wirbelsäulenstabilisierung, Teilversteifungen,

Wirbelkörperersatz, Kyphoplastie.

Wie kommen Schmerzpatienten zu uns?

Die Anmeldung zur geplanten stationären

Aufnahme erfolgt über die Einweisung durch

Hausarzt oder Spezialist (Neurologe, Nervenarzt,

Neurochirurg, Schmerztherapeut, Orthopäde

/ Traumatologe, Internist) telefonisch

Hilfe zur Selbsthilfe: Work-Hardening

Demonstration von Biofeedback

Der Rundgang führte auch in die Elektrophysiologie,

...

... wo gezielt nach den Ursachen für Schmerzen

gesucht wird.


Information

Einzigartige Option gegen den Schmerz

Interdisziplinäre Schmerzspezialstation NONPain-Unit eröffnet

Im Behandlungsraum erklärte Oberarzt Dr.

Schmidt manuelle Therapieverfahren.

Auch niedergelassene Ärzte nutzten die

Gelegenheit, sich vor Ort zu informieren.

Das interdisziplinäre Team: Ärzte, Therapeuten

und Pflegekräfte

oder schriftlich. Im Rahmen einer prästationären

Diagnostik kann in Einzelfällen bereits eine

Voruntersuchung erfolgen, um die Notwendigkeit

und Dauer einer stationären Aufnahme,

gegebenenfalls auch zur Multimodalen

Schmerztherapie, abzuschätzen.

Die Aufnahme zur Diagnostik kann bei akuten

Schmerzen auch über das Notfallzentrum des

Weimarer Klinikums erfolgen.

Was ist Multimodale Schmerztherapie?

Patienten mit besonders schwierigen und

chronischen Schmerzerkrankungen haben seit

September 2005 am Weimarer Klinikum die

Möglichkeit, eine Multimodale Schmerztherapie

zu erhalten. Sie erfolgt nun vorwiegend

auf der neu gegründeten interdisziplinären

NONPain-Unit. Die Behandlung umfasst

gleichzeitig unterschiedliche Therapieverfahren

aus unseren Fachbereichen der Neurologie,

der Orthopädie, der Anästhesie und

Schmerztherapie, der Psychosomatik sowie

der Physikalischen und Rehabilitativen Medizin.

Der Behandlungsverlauf wird durch

regelmäßige Teambesprechungen unter Einbindung

aller Therapeuten überprüft.

Neben einer medikamentösen Therapie wird

hier der Schmerz je nach Problemstellung

mittels physiotherapeutischer Anwendungen,

durch psychologisch-psychotherapeutische

Behandlungen, Behandlungsverfahren des

anästhesiologisch-schmerztherapeutischen

Fachgebietes, Akupunktur oder z. B. Elektrostimmulationsverfahren

behandelt.

Wie erfolgt die Multimodale Schmerztherapie

auf der NONPain-Unit?

Die Multimodale Schmerztherapie bietet eine

ideale Therapiemöglichkeit für die Behandlung

von chronischen Schmerzerkrankungen.

Patienten müssen mit etwa sechs bis acht

Wochen Anmeldefrist rechnen. In Ausnahmefällen

ist auch eine kurzfristigere stationäre

Aufnahme möglich. Dazu ist eine direkte

telefonische Absprache zwischen dem behandelnden

Arzt und den auf der NONPain-Unit

tätigen ärztlichen Kollegen erforderlich.

Anmeldung / Kontakt NONPain-Unit:

Stationssekretariat

Telefon 03643 / 57-1346

Bei Schmerznotfällen:

Notaufnahme Neurologie

Telefon 03643 / 57-1370

Notaufnahme Orthopädie, Unfall- und

Handchirurgie

Telefon 03643 / 57-1000

Am Aufnahmetag werden unsere Patienten von

unseren Neurologen und Orthopäden ärztlich

untersucht. Je nach Bedarf und Fragestellung

erfolgt die Mitbehandlung durch einen Arzt des

Zentrums für Physikalische und Rehabilitative

Medizin, einen Schmerztherapeuten der Klinik

für Anästhesie und Intensivmedizin sowie einen

Psychologen der Klinik für Psychiatrie und

Psychotherapie. Im gemeinsamen Gespräch

wird festgelegt, welche Therapiemaßnahmen

nun eingeleitet werden. Dies kann beispielsweise

ein spezialisiertes Physiotherapie-Trainingsprogramm

sein, welches auch die Teilnahme

am Bewegungsbad einschließt (bitte

Badesachen mitbringen). Vielen Patienten

helfen auch das moderne Biofeedback, Ergotherapie

und Entspannungstechniken wie die

progressive Muskelrelaxation nach Jacobson,

etc. Insbesondere für Rückenschmerzpatienten

besteht die Möglichkeit, alltags- und berufsrelevante

Tätigkeiten im Rahmen eines Work-

Hardening zu trainieren. Dafür steht auf Station

ein spezieller Therapieraum zur Verfügung.


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Die häufigsten auf der NONPain-Unit behandelten Krankheitsbilder

Bandscheibenvorfälle im Bereich der

Halswirbelsäule

akuter und chronischer Nackenschmerz

Schulter-Arm-Syndrom durch Schultergelenkserkrankung

Bandscheibenvorfälle, -verschleiß

Verengung des Rückenmarkkanals

(Spinalkanalstenose)

Arthrose der kleinen Wirbelgelenke

Verschleiß des Hüftgelenkes

(Koxarthrose)

Verschleiß des Kniegelenkes

(Gonarthrose)

Arthrose des Sprunggelenkes und

des Fußes

zentraler Schmerz z. B. nach Schlaganfall,

Multipler Sklerose

Migräne, Trigeminus-Neuralgie,

Cluster-Kopfschmerz

Armplexus-Neuritis

Sulcus-Ulnaris-Syndrom

Borreliose

Karpaltunnel-Syndrom

Handschmerzen und -mißempfindungen

bei Polyneuropathie

Beinplexus-Neuritis

Fußschmerzen und -mißempfindungen

bei Polyneuropathie, Diabetes, Vitaminmangel,

Tarsaltunnel-Syndrom

Morton-Neuralgie

Ergänzt wird das sehr umfangreiche Therapieangebot

durch Patienteninformationsveranstaltungen

während des stationären Aufenthaltes.

In der Regel umfasst die Multimodale Schmerztherapie

acht bis vierzehn Therapietage. In

Ausnahmefällen sind es bis zu 21 Therapietage.

Die Dauer des stationären Aufenthaltes richtet

sich individuell nach der zugrundeliegenden

Erkrankung und den Fortschritten in der Therapie.

Von einer Mindestbehandlungsdauer von

acht Tagen sollten chronische Schmerzpatienten

jedoch ausgehen. Handelt es sich um eine zunächst

rein diagnostische Klärung des Schmerzes,

so werden oft weniger Tage dafür benötigt.

Welche Behandlungsziele sind realistisch?

Die Behandlung auf der NONPain-Unit dient

dem Ziel, chronische Schmerzen zu lindern oder

auszuschalten. Häufig wird eine Schmerzreduktion

um etwa 20 bis 30 Prozent erreicht, in einigen

Fällen auch um 50 Prozent oder mehr. Nach

der Entlassung kann auf den Behandlungserfolg

im Rahmen einer ambulanten Weiterbehandlung

aufgebaut werden. Im Arztbrief werden

entsprechende Empfehlungen für den weiterbehandelnden

Arzt ausgesprochen.

Das Weimarer Klinikum geht mit der Eröffnung

der NONPain-Unit in der Behandlung schwierig

zu therapierender und chronischer Schmerzen

neue Wege. Durch den interdisziplinären

Dialog und Einsatz aller schmerzkompetenten

medizinischen Fachdisziplinen sollen optimale

Voraussetzungen geschaffen werden, um

Schmerzen zu reduzieren und die Lebensqualität

langfristig zu erhöhen.

Die NONPain-Unit vereinigt die breiten diagnostischen

Möglichkeiten einer modernen

Akutklinik mit den optimal aufeinander abgestimmten

Therapieoptionen verschiedener

medizinischer Fachgebiete. Dabei wird Wert

darauf gelegt, für jeden Patienten individuell

einen Fahrplan zu entwickeln, um eine optimale

Fortführung der Behandlung im ambulanten

Bereich gemeinsam mit unseren niedergelassenen

ärztlichen Kollegen zu ermöglichen.

„Selbst der längste Weg beginnt mit dem ersten

Schritt“ - Lao-Tse -

Weitere Informationen finden Sie

im Internet unter:

www.klinikum-weimar.de

Den Film zur NONPain-Unit finden Sie

auf den Seiten der Kliniken Neurologie

und Orthopädie.


Im Spiegel der Presse

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