Wirtschaftswoche Ausgabe vom 27.10.2014 (Vorschau)

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27.10.2014|Deutschland €5,00

4 4

4 1 98065 805008

Frau Dr. Seltsam

Oder: Wie ich lernte, die schwarze Null zu lieben

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | Tschechische Rep. CZK200,- | Ungarn FT 2140,-

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Einblick

Sparen ist gut. Investieren auch. Beides ginge zusammen,

aber die Bundesregierung krallt sich allein

an der schwarzen Null fest. Von Miriam Meckel

Symbolische Politik

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Stellen wir uns die Bundeskanzlerin

vor, wie sie mit zarter und ein

wenig zitternder Hand das Glastürchen

öffnet. Ein vorsichtiger

Griff in die Monstranz, und schon ist dort

auf weichem Kissen glänzend positioniert,

was nahezu anbetungswürdig

scheint: die schwarze Null. Wie eine polit-ökumenische

Glaubensgemeinschaft

sammeln sich die Mehrheiten beider großer

Volksparteien derzeit hinter dieser

Zahl, um gegen die Neuverschuldung anzuziehen.

Glaube kann bekanntlich Berge versetzen.

Ein Berg von zwei Billionen Euro ist

ziemlich hoch. So viele Staatsschulden hat

Deutschland derzeit. Und geht es nach einigen

unserer europäischen Verbündeten,

dann sollen es noch mehr werden: Weg

mit der Haushaltsdisziplin und her mit frischem

Geld für Investitionen, um damit

die schwächelnde europäische Wirtschaft

anzukurbeln. Angela Merkel glaubt an die

schwarze Null, die Franzosen und Italiener

nicht – ein haushaltspolitisches Schisma

durchzieht Europa.

Es ist richtig, nicht wieder auf Neuverschuldung

zu setzen. Es wäre auch richtig,

auf Investitionen und Wachstum zu setzen.

Aus Sicht Merkels ist die schwarze

Null „alternativlos“, um eines ihrer Lieblingswörter

zu benutzen. Entweder sparen

oder investieren. Diese Alternative ist

falsch. Die richtige lautet: Reform oder

Stillstand.

Vor bald zehn Jahren hat Deutschland

der Mut zu Wirtschaftsreformen verlassen.

An seine Stelle ist das wohlige Regieren getreten:

Sparst du noch oder lebst du

schon? Das hat lange gut geklappt. Die

Agenda-Reformen der Regierung Schröder

haben den Weg bereitet, die guten

konjunkturellen Entwicklungen ihren Teil

beigetragen. Und so haben die Deutschen

nicht recht gemerkt, was fehlt. Wir leben

von der Vergangenheit und schließen eine

Wette auf die Zukunft ab. Doch die, so

fürchten die Wirtschaftsforschungsinstitute

nun, geht womöglich nicht mehr auf.

In der Debatte über den Haushalt 2015,

der zum ersten Mal seit 1969 wieder ohne

neue Schulden auskommen soll, hat die

Bundeskanzlerin gesagt, es handele sich

um „einen generationengerechten Haushaltsentwurf“.

Das stimmt so nicht. Ein generationengerechter

Haushalt muss die

Voraussetzungen schaffen, dass diejenigen,

die nach uns kommen, die Chance

auf ein gutes Leben haben. Dazu gehört es

natürlich, zu sparen. Aber dazu gehört

auch, jetzt für die Zukunft zu investieren –

nicht über zehn Jahre von der Substanz zu

leben und keine Wahlgeschenke zu machen,

die nicht bezahlbar sind.

MACHTPOLITIK ODER

WIRTSCHAFTSWACHSTUM

Die schwarze Null ist eine großartige Zahl,

wenn sie mehr ist als die Momentaufnahme

eines Stopps der Neuverschuldung.

Wenn sie mit Investitionen und wirtschaftlichen

Reformen einhergeht. Ist das nicht

der Fall, verkommt sie zum Zeichen symbolischer

Politik. Wir können nun Wetten

darauf abschließen, ob und wann sie doch

wieder fällt. Die Bundeskanzlerin und ihr

Finanzminister werden alles dafür tun,

dass dies nicht geschieht, und dem Druck

aus Europa so lange wie möglich standhalten.

Denn die schwarze Null ist die politische

Innenverteidigung der Kanzlerin.

Sie ist der Gipfel machtpolitischer Absicherung

und der Schutzraum deutscher

Reformträgheit.

An dieser Zahl lässt sich auch zeigen:

Die Logiken von Politik- und Wirtschaftssystem

passen in unserer internationalisierten

Welt immer weniger zusammen. In

der Politik geht es um Macht haben oder

keine Macht haben, in der Wirtschaft dagegen

um Gewinn machen oder keinen

Gewinn machen. Nähme die Bundesregierung

nun Koalitionsgeschenke zurück, um

zu sparen und doch auch zugunsten von

Wirtschaftswachstum zu investieren, würde

es machtpolitisch gefährlich. In

Deutschland, nicht in Europa. Merkel hat

die Schröder-Lektion gut gelernt. Also

bleibt die schwarze Null das Credo der

deutschen Wirtschaftspolitik.

Glaube kann Berge versetzen. Leider

aber keine Schuldenberge.

n

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 3

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Überblick

VORGESTELLT

Chefredakteurin Miriam Meckel

präsentiert im Video diese Ausgabe.

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Sie benötigen dafür eine App wie RedLaser.

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Bahn unter Zugzwang

8 Rheinmetall: Thyssen-Deal vor Abschluss

9 Bürgschaften: Attraktiv für Schäuble | DPD:

Kampf um Amazon-Pakete

10 Peugeot:Gewinn ist nicht alles | Interview:

Welthungerhilfe-Manager Jochen Moninger

warnt vor Unruhen nach Ebola-Ausbruch

12 SAP: Stellenabbau forciert | Online-

Werbung: Verfolgung optimiert | Europas

beste Fabrik: VW Polo aus Pamplona

14 Chefsessel | Start-up Pagido

16 Chefbüro Kai Wilhelm, Chef des Modevertriebs

K&W Holding

Politik&Weltwirtschaft

18 Angela Merkel Die Politik der schwarzen

Null dient als Alibi für eine Politik des wirtschaftlichen

Stillstands

24 Finanzen Der Kampf gegen die aggressive

Steuergestaltung internationaler Konzerne

kommt einfach nicht voran

26 Europa Deutsche Weichensteller in Brüssel

32 Rumänien Ein deutschstämmiger Bürgermeister

könnte neuer Präsident werden

34 China Auf dem langen Weg zum Rechtsstaat

wagt Peking nun einen ersten Schritt

35 Global Briefing | Berlin intern

Der Volkswirt

36 Kommentar | New Economics

37 Konjunktur Deutschland

38 Nachgefragt: Paul Sheard Der Chefökonom

von Standard & Poor’s ermuntert die

EZB zu weiterer monetärer Lockerung

39 Denkfabrik Demoskopin Renate Köcher

über die Aufgabenverteilung zwischen der

EU und den Nationalstaaten

Unternehmen&Märkte

40 Whistleblower Staatliche Prämien für

Beschäftigte, die gesetzwidriges Verhalten

des Arbeitgebers melden, machen in

den USA aus Tippgebern und Anwälten

Millionäre | Pro und Contra: Braucht

Deutschland ein solches System?

48 Air Berlin Wer hinter den Kulissen für und

gegen den Lufthansa-Wettbewerber arbeitet |

Die fünf Lektionen des British-Airways-

Übervaters Willie Walsh für Pilotenstreiks

52 Schumag Wie Selbstbedienungsmentalität

ein Traditionsunternehmen schädigte

54 Ebola Warum Deutsche den Erreger so

erfolgreich diagnostizieren

56 Weinhandel Lidl sucht den Wettkampf mit

Amazon – auf Kosten des Fachhandels

Titel Verrat an der Zukunft

Whistleblower

Ex-UBS-Banker Charles

Birkenfeld wurde zum

Millionär, indem er seinen

Arbeitgeber bei der US-

Steuerbehörde verpfiff und

dafür Prämien kassierte.

Macht das Belohnungssystem

Schule?

Seite 40

Weine nicht,

wenn kein

Regen fällt

In vielen Regionen der Welt

tobt der Kampf um sauberes

Wasser. Anleger können

davon profitieren – moralisch

einwandfrei, durch den Kauf

spezieller Technologie-Titel.

Seite 82

Die schwarze Null, die Bundeskanzlerin

Angela Merkel so tapfer verteidigt, ist

nicht „alternativlos“, Haushaltskonsolidierung

und mehr Investitionen sind auch

kein Widerspruch. Was Deutschland

und Europa fehlt, sind kluge Reformen

und eine mutige Politik. Seite 18

TITEL: FOTOKOLLAGE DMITRI BROIDO; FOTOS: MARCO URBAN, PICTURE-ALLIANCE/DPA

4 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Nr. 44, 27.10.2014

Die drei Ausrufezeichen

Die Gründer der Agentur Heimat sind die Köpfe hinter den

Kampagnen der Baumarktkette Hornbach. Wie sie ticken und

warum sie so erfolgreich sind – ein Porträt. Seite 74

58 Sicherheit Ein ehemaliger Bankräuber erklärt

die unsichtbare Logik von Überfällen

Technik&Wissen

62 Hirnforschung Die zehn gefährlichsten

Fehler beim Entscheiden

Management&Erfolg

68 Gründer Am Firmenstandort hängt der

Erfolg | Gründerwettbewerb: Die Finalisten

74 Hall of Fame So ticken die drei Gründer der

Agentur Heimat | Fotos von der großen Gala

ILLUSTRATION: NICHOLAS BLECHMAN, TORSTEN WOLBER; FOTOS: GASPER TRINGALE, ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, GETTY IMAGES/GEORGE ROSE

Clever

entscheiden

Noch immer spukt der Höhlenmensch

in unserem Kopf

herum und führt unseren

Verstand in die Irre. Zehn

Tipps, wie Sie typische Denkfallen

umgehen. Seite 62

Rohstoffe ohne

Raubbau

Ersetzen, wiederverwerten,

schonend abbauen –

so schaffen wir die

Ressourcenwende

Blaue Wirtschaft

Ein Belgier löst globale Probleme lokal

Künstliche Milch

Ein Kalifornier bekämpft den Hunger

Ethische Geldanlage

Ein Deutscher schlägt den Aktienmarkt

Besuchen Sie uns auch im Internet unter green.wiwo.de

WiWo Green Schluss

mit schmutzig

Bisher ist die Suche nach Rohstoffen ein

dreckiges Geschäft. Das ändert sich jetzt.

Plus: Unternehmer und Aktivist Gunter

Pauli über ökologisches Wirtschaftswachstum

| Milch und Eier aus Pflanzen

(Start auf der Rückseite)

Geld&Börse

82 Aktien Investoren können vom Kampf ums

Wasser mit gutem Gewissen profitieren

92 US-Börse Qualitätspapiere ganz günstig

94 Steuern und Recht Wie Dividenden von

ausländischen Unternehmen besteuert werden,

wie Anleger sich ihr Geld zurückholen

96 Geldwoche Kommentar: Start-up-Börse |

Trend der Woche: Notenbanken | Dax:

Lanxess | Hitliste: Zinsdifferenzen | Aktie:

Franco-Nevada | Anleihe: EDP | Chartsignal:

Deutsche Bank, Stoxx Europe 600 Banks |

Ölpreis | Investmentfonds: Legg Mason

Clearbridge US Aggressive Growth | Nachgefragt:exceet-Chef

Ulrich Reutner und

sein ungewöhnlicher Weg an die Börse

99 Richtigstellung zu Wolfgang Porsche

Perspektiven&Debatte

104 Interview: Michael Dobbs Der britische

Schriftsteller und Filmproduzent über das

dunkle Innenleben der Politik

108 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 110 Leserforum,

111 Firmenindex | Impressum, 112 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche unter anderem mit

einer Fotoreportage über Pfleger

und Ärzte, die sich in

Afrika um Ebola-Patienten

kümmern – und zum

Teil selbst Überlebende

der Krankheit sind.

wiwo.de/apps

n Banken-Stresstest Am Sonntag

erläutern EZB und Bundesbank die

Ergebnisse. Wie krisenfest deutsche

Banken sind und wer durchgefallen

ist, aktuell unter wiwo.de/stresstest

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wirtschaftswoche

twitter.com/

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+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 5

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Seitenblick

BAHNSTREIKS

Unter Zugzwang

Wer im Tarifkonflikt bei der Bahn direkt und indirekt mitmischt – und wie der Streit

um die Macht von Spartengewerkschaften weitergeht.

Ulrich Weber

Personalvorstand der Bahn

Der Verhandlungsführer der Bahn gilt als Mann der leisen

Töne, als Mann des Ausgleichs. 2009 wechselte er von

Evonik zum Staatskonzern – auch um ausufernde Streiks

wie 2007 zu vermeiden. Nun steuert die Bahn genau darauf

zu. Weber lehnt konkurrierende Tarifverträge für eine

Berufsgruppe kategorisch ab. Die GDL vertrete die

Mehrheit der Lokführer, aber nicht unbedingt die der

Schaffner und Mitarbeiter im Bordrestaurant. Die

Zahl der Streikenden in der Bordgastronomie

habe „im unteren einstelligen

Bereich“ gelegen. Klagen gegen

die GDL sieht Weber nur als

Ultima Ratio – er hofft

nun auf die Politik.

Alexander Kirchner

Vorsitzender der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG)

Im Streikgetöse der GDL geht fast unter, dass auch die größere

Konkurrenzgewerkschaft EVG (100000 Mitglieder) derzeit mit der

Bahn verhandelt – und noch mehr Geld fordert als die ungeliebten

Kollegen (6 Prozent). Eine Kooperation der Gewerkschaften

ist auch deshalb schwer vorstellbar, weil sich Kirchner und

GDL-Boss Weselsky nicht ausstehen können. Beide indes

werden eine Kröte schlucken müssen. Insider sagen: Die GDL

könnte sich das Recht erkämpfen, auch andere Berufsgruppen

bei der Bahn zu vertreten, wenn sie dort die Mehrheit

hat. Im Gegenzug könnte Kirchner unterschiedliche

Tarifverträge innerhalb einer Berufsgruppe verhindern.

Andrea Nahles

Bundesarbeitsministerin (SPD)

Sie ist die Frau, auf die alle warten.

Das Gesetz zur Tarifeinheit, das

Nahles im November vorlegen will

und das am 3. Dezember ins Kabinett

soll, könnte Spartengewerkschaften an

die Kette legen. Im Streitfall würde künftig

nur der Tarifvertrag der Gewerkschaft gelten,

die eine Mehrheit der Beschäftigten im

Betrieb vertritt. Ob die unterlegene Konkurrenz

dennoch streiken darf? Wie zu hören ist, will die

GroKo dies aus Angst vor dem Bundesverfassungsgericht

nicht explizit verbieten. Nahles schiebt die

Streikfrage so den Arbeitsgerichten zu.

6 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Claus Weselsky

Vorsitzender der Gewerkschaft

Deutscher Lokomotivführer (GDL)

Der Dresdner führt die GDL seit 2008 und hat

sich als harter Hund mit einem Hang zu

verbalen Entgleisungen erwiesen. Die GDL fordert

fünf Prozent mehr Lohn, eine um zwei Stunden

sinkende Arbeitszeit und will künftig neben Lokführern

auch das restliche Zugpersonal organisieren. Den

Tarifkonflikt führt Weselsky derart kompromisslos (Kritiker

sagen: rücksichtslos), dass auch intern die Kritik wächst.

Gerüchten zufolge soll es erste Austritte geben, weil Lokführer

nicht zum Hassobjekt der Nation werden wollen. 2013 gründete

sich eine „Initiative für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in der

GDL“. Immerhin: Letzte Woche gab es eine Streikpause.

Reiner Hoffmann

Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbunds

Der 59-Jährige unterstützt die DGB-Mitgliedsgewerkschaft

EVG gegen die Lokführerfunktionäre: „Wenn

die GDL den Konflikt will, kann sie ihn haben.“ Um

Frieden zwischen großen und kleinen Gewerkschaften

zu schaffen, schlägt er Tarifgemeinschaften vor.

Hoffmanns Problem: Im eigenen Haus ist die

Gemengelage kompliziert. Zwar gehen die Pläne der

Bundesregierung, den Einfluss von Spartengewerkschaften

zu begrenzen, auf ein gemeinsames Papier

von DGB und Arbeitgebern zurück. Verdi ist jedoch

auf Druck der Basis zurückgerudert. Auf dem

jüngsten DGB-Kongress gab es einen Kompromiss:

Tarifeinheit ja, Einschränkung des Streikrechts nein.

Nicht wenige Juristen halten dies für unvereinbar.

Klaus Dauderstädt

Vorsitzender des Deutschen

Beamtenbunds (DBB)

Vor Kurzem erreichte Dauderstädt ein geharnischter

Brief des DGB-Vorsitzenden Reiner Hoffmann. Er

möge endlich die unter dem Dach des Beamtenbunds

organisierte Lokführergewerkschaft mäßigen.

Einfluss auf die GDL hat Dauderstädt durchaus,

fordert diese doch eine finanzielle Unterstützung

durch den Dachverband, um ihre eigene Streikkasse

zu entlasten. Prinzipiell stehen der GDL ab einer

Streikdauer von drei Stunden bis zu 50 Euro pro

Person und Tag zu – sofern die Bahn die Gehälter

kürzt. Einen direkten Zugriff auf das Geld hat die GDL

aber nicht. Sie muss alle Streikaktionen intern

dokumentieren. Die Entscheidung über die Zahlungen

trifft die Bundestarifkommission des DBB.

Redaktion: bert.losse@wiwo.de,

max haerder, christian schlesiger

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA/PAUL ZINKEN (2), ACTION PRESS/PAUL ZINKEN, CORBIS/NURPHOTO/REYNALDO PAGANELLI, PR (2), ULLSTEIN BILD/SAWATZKI (6); MONTAGE WIRTSCHAFTSWOCHE

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 7

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Menschen der Wirtschaft

Auf den letzten Metern

zum Vertragsabschluss

Rheinmetall-Chef Papperger

RÜSTUNG

Marine-Riese am Rhein

Rheinmetall steht offenbar kurz vor dem

Kauf des Militärgeschäfts von Thyssen-

Krupp. Es wäre die Geburtsstunde eines

maritimen Rüstungskonzerns.

Armin Papperger hat es eilig. Der verschwiegene

Vorstandschef des Düsseldorfer Rüstungskonzerns

Rheinmetall will möglichst bald seinen ersten

großen Zukauf besiegeln. Laut Insidern nähern sich

die Verhandlungen zur Übernahme der Militärsparte

des Essener Stahlriesen ThyssenKrupp, der

ThyssenKrupp Marine Systems (TKMS), dem Abschluss.

Bei der Übernahme des U-Boot- und Fregattenbaus

werde nur noch um den Preis gefeilscht.

„Alles andere inklusive Unterstützung der Bundesregierung

steht, und so kann alles Anfang 2015

über die Bühne gehen“, sagt ein Insider. „Vielleicht

sogar schon Ende dieses Jahres.“ Rheinmetall und

ThyssenKrupp wollten sich dazu nicht äußern.

Beim Kauf drängt ThyssenKrupp laut Insidern

wegen der soliden TKMS-Gewinne auf einen

hohen Preis. Rheinmetall hingegen hoffe, dass die

Verluste im Stahlgeschäft Thyssen-Chef Heinrich

Hiesinger Rabatte abnötigen. „Aber derzeit liegen

die Partner nur rund 100 Millionen auseinander“,

so ein Kenner des Verhandlungsstandes. Weil

Rheinmetall derzeit nicht im Militärschiffbau aktiv

ist, könnte sich der Konzern beim Kauf von TKMS

mit einem Technologiepartner zusammentun. Dieser

erhielte dann am Marine-Geschäft einen Anteil

von deutlich weniger als 50 Prozent. Als Favorit

gilt die Bremer Fr. Lürssen Werft, die neben Luxusyachten

auch Marineschiffe baut.

Darum erwarten Unternehmenskenner, dass der

Zukauf von ThyssenKrupp erst der Auftakt zu einem

Umbau des deutschen Marine-Sektors ist. So

interessiert sich Rheinmetall dem Vernehmen nach

auch dafür, das Bremer Unternehmen Atlas Elektronik

zu kaufen, ein Spezialist für U-Boot-Sonarsysteme

und Tauchroboter. Gut die Hälfte der Atlas-

Anteile bekäme Rheinmetall mit dem Erwerb von

TKMS. Und der Flugzeugbauer Airbus hat schon

angekündigt, dass er seinen Anteil von 49 Prozent

abstoßen will. Mit der Atlas-Technik und dem Wissen

über Flugdrohnen stiege Rheinmetall zu einem

der Marktführer im Zukunftsfeld der unbemannten

Rüstungsgüter auf.

Finanziell ist Papperger vorbereitet. Rheinmetall

besitzt gute Rücklagen und hat sich über ein

Schuldscheindarlehen jüngst weitere 168 Millionen

besorgt. „Und da die Konsolidierung ein Herzenswunsch

von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel ist,

könnte es vielleicht sogar Gelder von der staatlichen

KfW-Förderbank geben“, sagt ein Insider.

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

Aufgerüstet

Europas größte

Waffenhersteller

(in Milliarden Dollar)

28,0

16,5

11,0

10,9

8,3

6,1

5,2

4,6

4,0

3,4

3,4

3,0

1,7

1,1

0,7

1. BAE Systems

2. Airbus Group

3. Thales

4. Finmeccanica

5. Almaz-Antey

6. Rolls-Royce

7. Rheinmetall*

8. DCNS

9. Safran

10. Babcock Int.

11. Russian Helicopters

12. Rheinmetall

.

.

53. ThyssenKrupp

61. Krauss-M. Wegmann

84. Diehl

*nach der Übernahme von

ThyssenKrupp, Atlas Elektronik,

Angaben für 2013; Quelle: Defense

News, Sipri, Unternehmen

FOTOS: PHOTOTHEK/THOMAS TRUTSCHEL, BORIS WINKELMANN, DK IMAGES/DORLING KINDERSLEY

8 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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BÜRGSCHAFTEN

Hermes gut

für Schäuble

Die Vergabe von Bürgschaften

und Garantien ist für Bundesfinanzminister

Wolfgang

Schäuble ein lukratives Geschäft.

Zu dem Ergebnis kommt

der Bundesrechnungshof in

einem noch unveröffentlichten

Bericht. Die Einnahmen aus

der Inanspruchnahme von Gewährleistungen

überstiegen

demnach die Ausgaben für Entschädigungsleistungen

im Zeitraum

von 1991 bis 2013 um 17,4

Milliarden Euro. Das entspricht

einem jährlichen Gewinn von

durchschnittlich fast 800 Millionen

Euro. Ein Großteil der Gewährleistungen

besteht aus den

sogenannten Hermes-Bürgschaften,

mit denen der Bund

Exportgeschäfte deutscher Unternehmen

absichert.

Insgesamt sieht Schäubles

Etatentwurf für 2015 einen Gewährleistungsrahmen

von 477

Milliarden Euro vor, der aber

nur zu schätzungsweise 75 Prozent

ausgeschöpft werden dürfte.

Nicht enthalten sind darin

die Garantiezusagen Deutschlands

im Zuge der Euro-Stützungsmaßnahmen,

die sich laut

Rechnungshof auf rund 310

Milliarden Euro belaufen.

christian.ramthun@wiwo.de | Berlin

Aufgeschnappt

Schutz vor Verschleiß Frankreich

will das vorschnelle Altern

von Elektrogeräten bestrafen.

Geht etwa ein Toaster, Fön oder

Smartphone kurz nach Ablauf

der Garantie kaputt, drohen

dem Hersteller zwei Jahre Haft

sowie 300 000 Euro Strafe. Vorausgesetzt,

ihm kann nachgewiesen

werden, dass er absichtlich

eine Sollbruchstelle

eingebaut hat, damit sich der

Kunde ein neues Gerät kaufen

muss. Die Nationalversammlung

in Paris hat dem Vorhaben

schon zugestimmt.

Tesla-Taxis Wer einmal in den

Elektrowagen von Tesla fahren

möchte, kann dies am Amsterdamer

Flughafen tun. Für die Taxiflotte

dort wurden 167 Exemplare

des Model S angeschafft.

Sie sollen die Emissionen am

Airport reduzieren. Im Vorjahr

hatten die Holländer schon 35

Elektrobusse von BYD geordert.

DPD

Kampf um Amazon-Pakete

Erwartet schnellen Aufstieg DPD-Deutschland-Chef Winkelmann

Der 15. Dezember 2013 geht in

die Firmengeschichte ein: 4,6

Millionen Bestellungen trafen

an dem Tag beim deutschen

Ableger des US-Internet-Händlers

Amazon ein, 53 pro Sekunde.

Rekord. Und alle Produkte

verschickt Amazon per Pakete.

Für Paketdienste ein lohnendes

Geschäft, das sich bisher vor allem

die Deutsche Post DHL und

Hermes teilen, pikanterweise

eine Tochter der Hamburger

Versandgruppe Otto. Doch jetzt

bekommen sie Konkurrenz.

Von sofort an liefert auch der

Paketdienst DPD Amazon-

Pakete aus - deutschlandweit

an Premiumkunden.

Neben Amazon konnte

DPD-Deutschland-Chef Boris

Winkelmann zuvor schon die

Online-Händler JustFab.com,

Asos und Home24 als Auftraggeber

gewinnen. „Wir erhoffen,

dass wir durch unsere neuen

Kunden im nächsten Jahr ein

zweistelliges Wachstum

erreichen und damit wieder

schneller wachsen als der

Gesamtmarkt für Pakete“, sagt

Winkelmann. Derzeit kommt

das Aschaffenburger Unternehmen

im deutschen Geschäft mit

Privatkunden nach eigenen Angaben

auf einen Marktanteil

von sieben Prozent.

„Amazon ist mit seiner Größe

ein systemrelevanter Kunde,

das ist ein wichtiges Signal für

den Markt“, sagt Christian Kille,

Logistik-Professor an der Hochschule

Würzburg.

jacqueline.goebel@wiwo.de

+4

+2

0

+4,20

TANKSTELLE

Auftanken am Abend

So schwanken die Benzinpreise im Verlauf eines Tages

(Abweichung vom Mittelwert in Cent)*

–2

–4

–4,99

* Untersuchungszeitraum 1.10.2013 bis 30.9.2014 für Super E10; Quelle: ADAC

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 9

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Menschen der Wirtschaft

PEUGEOT

Gewinn ist

nicht alles

Peugeot Deutschland wird die

Absatzziele 2014 deutlich verfehlen.

Statt wie geplant 76 000

Pkws wird die französische

Marke hier voraussichtlich

nur etwa 54 000 Autos absetzen,

kündigte Geschäftsführer

Marcel de Rycker an. Obwohl

de Rycker der Konzernleitung

in Paris zum Trost für

die enttäuschenden Verkaufszahlen

einen „sehr beeindruckenden

Betrag“ als Gewinn

versprach („Auch dieses Jahr

werde ich abliefern, was im

Budget vorgesehen war.“),

setzte Konzernchef Carlos

Tavares den 52-jährigen Franzosen

ab. Nachfolger wird

Alberic Chopelin.

Zum Verhängnis wurde de

Rycker, dass die Schwestermarke

Citroën die schwierigen

Rahmenbedingungen

besser meisterte und in

Deutschland den Absatz bis

Ende September um fast sechs

Prozent steigerte. Peugeot

hingegen konzentrierte sich

Ende einer Dienstfahrt

Peugeot-Manager de Rycker

auf rentables Geschäft und

nahm Verluste an Marktanteilen

hin. De Rycker: „Wir sind

aus den Tageszulassungen

raus, haben uns aus dem Mietwagengeschäft

zurückgezogen

und Rahmenabkommen

mit Verbänden gekündigt. Wir

sind auf dem richtigen Weg.“

Eine klare Fehleinschätzung.

franz.rother@wiwo.de

Das Interview auf wiwo.de

INTERVIEW Jochen Moninger

»Es drohen enorme

soziale Spannungen«

Der Leiter der Welthungerhilfe in Sierra Leone

befürchtet den wirtschaftlichen Ruin des Landes,

das vor Ebola im Aufschwung war.

Herr Moninger, Sie arbeiten

seit 2010 für die Welthungerhilfe

in Sierra Leone. Mehr als

1200 Menschen sind schon

an Ebola gestorben. Wann wird

die Epidemie gestoppt?

Die Lage ist dramatisch. Es gibt

jeden Tag 40 bis 50 neue Ebola-

Fälle. Wir müssen uns darauf

einstellen, dass die Zahl der

Neuinfizierten bis Ende des Jahres

auf 200 bis 300 pro Tag ansteigt.

Neben der medizinischen

Versorgung der Kranken ist es

daher mindestens genauso

wichtig, die Ansteckungsgefahr

im Land einzudämmen. Wir arbeiten

daher mit Hochdruck an

einer besseren Infrastruktur

und Logistik.

Priorität hat die Aufgabe,

die rund 9000

Kontaktpersonen der

Infizierten ausfindig

zu machen. Aber auf

dem Land gibt es

kaum Telefone, die

Transportmöglichkeiten sind

schlecht.

Wie wirkt sich Ebola auf die

Wirtschaft aus?

Zwischen 19 Uhr abends und 7

Uhr morgens darf kein Motor-

MEHR ZUM THEMA

Weitere Infos, auch

über das Engagement

deutscher Unternehmen,

auf Seite 54,

auf wiwo.de/ebola

und in der App.

DER UNTERSTÜTZER

Moninger, 35, leitet seit 2010

das Aufbauprogramm der Welthungerhilfe

in Sierra Leone,

zuvor war er im Sudan und im

Jemen. Die Hilfsorganisation fördert

355 Projekte in 40 Ländern.

rad-Taxi mehr fahren. Kneipen

müssen um 21 Uhr schließen.

Auch der Handel innerhalb des

Landes wurde eingeschränkt. Es

gibt 13 Distrikte in Sierra Leone.

Fünf davon befinden sich in

Quarantäne. Außerdem hat die

Regierung an jeder Distriktgrenze

einen Checkpoint eingerichtet,

der nur zwischen

9 Uhr morgens und

17 Uhr abends passiert

werden darf. Die

wirtschaftlichen Folgen

sind dramatisch.

Tagsüber dürfen die

Bürger doch fahren?

Normalerweise fahren

Bauern aus dem Nordosten

des Landes ihre Ernte nachts in

die 200 Kilometer entfernte

Hauptstadt Freetown. Diese

Transportwege sind nun abgeschnitten.

Sie müssen ihre Ware

tagsüber transportieren. Aber in

Sierra Leone gibt es keine Kühlketten.

Die Ernte vergammelt,

noch bevor sie in Freetown ankommt.

Auch zusätzliche Übernachtungen

können sich die

Bauern nicht leisten. Der Handel

bricht ein. Gerade jetzt, wo

die Bauern ihre Haupternte einfahren,

ist das eine Katastrophe.

Die Mehrheit der Menschen arbeitet

zudem als Tagelöhner.

Die Leute schleppen am Morgen

Zement und Sandsäcke und

ernähren damit ihre Familien.

Diese Bevölkerung leidet am

meisten. In den Städten kann

das bald zu Hungersnöten führen.

Ebola wirft die Länder um

Jahre zurück.

War Sierra Leone denn vorher

auf dem richtigen Weg?

Die Länder Westafrikas hatten

sich in den letzten Jahren gut

entwickelt. Allein die Wirtschaft

in Sierra Leone wuchs im vergangenen

Jahr zweistellig, beispielsweise

durch den Abbau

von Eisenerz. Internationale

Konzerne investierten in Zuckerplantagen

und Palmölproduktion.

Auch Hotels und der

Bausektor konnten sich entwickeln.

Nach Jahrzehnten des

Bürgerkriegs gab es für die

Menschen Hoffnung, dass es

bergauf geht.

Damit ist es nun vorbei?

Ebola bringt das Land wieder

auf das Nothilfeniveau. Als die

deutsche Welthungerhilfe 2004

ins Land kam, ging es um

Flüchtlingsprobleme und den

Aufbau einer Infrastruktur. In

den letzten zwei bis drei Jahren

haben sich bereits semiprofessionelle

Wirtschaftsstrukturen

entwickelt, zum Beispiel wie

Betriebe ihren Kakao- und Kaffeeanbau

effizienter machen.

Selbst für erneuerbare Energien

entwickelte sich ein Potenzial.

Doch wegen Ebola sind die

Schulen geschlossen. 1,6 Millionen

Kinder und Jugendliche

verlieren ein ganzes Schuljahr.

Es drohen soziale Spannungen

enormen Ausmaßes.

christian.schlesiger@wiwo.de,

florian willershausen

FOTOS: CARO/SPIEGL, PR

10 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

RESTRUKTURIERUNG

SAP forciert

Stellenabbau

Der geplante Stellenabbau bei

SAP in Deutschland geht in

die entscheidende Phase: Seit

Mitte Oktober führen SAP-

Manager sogenannte „Kontaktgespräche“

mit ausgewählten

Mitarbeitern. Das Ziel sei, die

Betroffenen zum freiwilligen

Ausscheiden zu bewegen, heißt

es aus Kreisen des Betriebsrats.

SAP will rund 300 der knapp

20 000 deutschen Arbeitsplätze

abschaffen.

Das ist Teil der Restrukturierung,

die Konzernchef Bill

McDermott verordnet hat. Er

will SAP stärker auf das Cloud-

Geschäft ausrichten.

Dem Vernehmen nach sind

in Deutschland vor allem Mitarbeiter

in der Verwaltung betroffen;

die Entwicklungsabteilung

bleibt dagegen ausgenommen.

Überproportional trifft es angeblich

das Personalwesen sowie

das Risikomanagement im

Finanzbereich. „Es finden derzeit

Gespräche mit Mitarbeitern

statt, deren Aufgabenprofil in

Zukunft nicht mehr weitergeführt

wird“, teilt SAP auf Anfrage

mit. Ob der Konzern Aufhebungsverträge

anstrebt und um

welche Bereiche es geht, will er

nicht erläutern.

michael.kroker@wiwo.de

TOP-TERMINE VOM 27.10. BIS 02.11.

27.10. Konjunktur Das ifo Institut präsentiert am Montag

den Geschäftsklimaindex für Oktober; im September

war er von 106,3 auf 104,7 Punkte gesunken.

Das war der niedrigste Wert seit April 2013.

28.10. Datenspeicherung Der Bundesgerichtshof entscheidet

am Dienstag über die Speicherung von

IP-Adressen. Der schleswig-holsteinische Landtagsabgeordnete

Patrick Breyer von der Piratenpartei

hat dagegen geklagt, dass die Bundesministerien

von Nutzern ihrer Web-Seiten die

IP-Adressen speichern.

Steuerhinterziehung In Berlin konferieren die Finanzminister

mehrerer Staaten zwei Tage lang

über den automatischen Informationsaustausch in

Steuersachen. Zum Abschluss unterzeichnen die

Politiker ein Steuerabkommen.

TUI Die Aktionäre des deutschen Reisekonzerns

stimmen in einer außerordentlichen Hauptversammlung

darüber ab, ob er mit dem britischen

Touristikkonzern

TUI Travel fusionieren

darf.

29.10. Geldpolitik Die US-Notenbank berät am Mittwoch

über die Geldpolitik. Der Leitzins liegt auf einem

historischen Tief von null bis 0,25 Prozent.

30.10. Arbeitsmarkt Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht

am Donnerstag die neuen Arbeitslosenzahlen.

Im September sank die Zahl der Erwerbslosen

um 94 000 auf 2,8 Millionen. Die saisonbereinigte

Quote beträgt 6,7 Prozent, in keinem

anderen EU-Land ist sie so niedrig.

31.10. EU-Wirtschaft Eurostat informiert am Freitag

über die Entwicklung der Preise im Euro-Raum

und über den Arbeitsmarkt in der EU.

ONLINE-WERBUNG

Verfolgung

optimiert

Egal, ob der Nutzer am Computer

nach Hotels oder Handtaschen

sucht, geht er kurz darauf

auf andere Web-Seiten, ploppt

dort Werbung für genau diese

Produkte auf. Verantwortlich

dafür ist oft Jean-Baptiste

Rudelle, Chef und Gründer

von Criteo. Das börsennotierte

französische Unternehmen ist

einer der Vorreiter und größten

Anbieter für diese Technologie,

genannt Re-Targeting.

Auch wenn sich viele Nutzer

dadurch überwacht fühlen,

stieß die Technik bisher an

Grenzen: Sie funktionierte nur

an ein und demselben Computer.

Doch künftig taucht Werbung

für Hotels, die sich ein

Nutzer zu Hause am PC angesehen

hat, auch auf dessen

Smartphone, Tablet oder Büro-

Rechner auf. „Solche geräteübergreifende

Werbung wird

immer wichtiger“, sagt Eric

BESTE FABRIK

Polo aus

Pamplona

Eigentlich ist das malerische

Städtchen im Nordosten

Spaniens für seine Stierhatz

bekannt – nun auch als Standort

herausragender industrieller

Produktion: Das Volkswagen-Werk

in Pamplona ist

Europas bestgeführte Fabrik.

Ausgezeichnete Leistung VW-Werksleiter Busche

Hier produziert der Autokonzern

den Polo; die Produktivität

der Mitarbeiter ist in den vergangenen

Jahren um 30 Prozent

gestiegen. „Management und

Arbeiter haben trotz widriger

Umstände die Produktivität

deutlich erhöht“,

begründete

WHU-Professor

und Jurymitglied

Arnd

Huchzermeier

die Wahl auf

der Preisverleihung in Weimar.

Basis des Erfolgs: ein langfristiger

Haustarifvertrag, der dem

Werksleiter Cord Busche in Abstimmung

mit den Gewerkschaften

mehr Flexibilität beim Einsatz

der Arbeiter beschert und

den 4400 Mitarbeitern Beschäftigung

und Inflationsausgleich

garantiert. Ausgerichtet wird

der Wettbewerb von der

WirtschaftsWoche gemeinsam

mit Business

Schools wie der

WHU und Insead.

manfred.engeser@wi-

Ihm entkommt kein Nutzer

Criteo-Chef Rudelle

Eichmann, der bei Criteo das

Tagesgeschäft leitet. Die Technologie

dafür stellen die Franzosen

in Kürze ihren Werbekunden

zur Verfügung. Das

Unternehmen reagiert damit

auch auf den jüngsten Vorstoß

von Facebook, denn die Werbeplattform

Atlas überwindet

ebenfalls Gerätegrenzen.

oliver.voss@wiwo.de

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, LAIF/REA

12 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

START-UP

TOTAL

Patrick Pouyanné, 51

übernimmt nach dem Unfalltod

von Christophe de

Margerie, 63, die Führung

des drittgrößten europäischen

Ölkonzerns. Zunächst

auf Bewährung: Anders als

de Margerie rückt der bisherige

Raffineriechef nur an die

Spitze des Vorstands, übernimmt

aber nicht zusätzlich

den Vorsitz des Verwaltungsrats.

Den lenkt bis Ende 2015

der frühere Total-Präsident

Thierry Desmarest, 68.

Schwierig ist die Aufgabe für

Pouyanné auch so. Die Raffinerien

in Frankreich sind

überdimensioniert. Einige

riskante Explorationsbohrungen

brachten nicht das

erhoffte Ergebnis. Total reduziert

deshalb Investitionen

und Kosten. Gleichzeitig

soll der neue Chef das Erbe

de Margeries fortsetzen: 15

Projekte von der Gasverflüssigung

über die Förderung

von Schiefergas bis hin zu

Tiefwasserbohrungen.

BASF

Sanjeev Gandhi, 47, zieht

zum 1. Dezember in den Vorstand

des weltgrößten Chemiekonzerns

ein. Der gebürtige

Inder, der Abschlüsse in

Chemie und Marketing vorweist,

zeichnet dann vom 1.

Mai an für das Asien-Geschäft

von BASF verantwortlich. Dafür

wird der bisherige Asien-

Vorstand Martin Brudermüller,

53, nach Ludwigshafen

wechseln. Der Stellvertreter

von Konzernchef Kurt Bock,

56, kümmert sich nach der

Hauptversammlung am 30.

April kommenden Jahres vor

allem um das Forschungsressort

der BASF. Der bisherige

Forschungschef Andreas Kreimeyer,

59, tritt nach dem Aktionärstreffen

seinen Ruhestand

an. Kreimeyer war zwölf

Jahre im BASF-Vorstand.

REDCOON

Martin Sinner, 47, Mitgründer

des Preisvergleichsportals

Idealo, wird am 1. November

Chef des Online-Händlers, den

Media-Saturn, Europas größter

Elektronikfilialist, 2011 gekauft

hat. Bisher leitet Georg W.

Mehring, 48, Redcoon, er übernimmt

bei Media-Saturn einen

anderen Job. Sinner soll mit der

eigens dafür eingerichteten

Tochterfirma Electronics Online

Group mehrere auf bestimmte

Produkte spezialisierte Online-

Shops aufbauen.

SOMMERZEIT

2200 Bürger

nur haben bisher die Petition unterschrieben, die Bayerns Wirtschaftsministerin

Ilse Aigner (CSU) im Frühjahr initiiert hatte: „Ja

zur dauerhaften Sommerzeit“. Die halbjährliche Zeitumstellung

verursache einen „Mini-Jetlag“, vor allem bei Kindern und Kühen,

so Aigner damals. Jetzt will sie eine EU-Initiative starten.

PAGIDO

Schnelles Geld für Freiberufler

Wochenlang hatte David Harnasch (Mitte) gewartet, bis seine

Rechnungen bezahlt wurden. „Das ist nicht nur nervig, sondern

im schlimmsten Fall sogar existenzbedrohend“, sagt der Journalist.

Freischaffende kennen das Problem: Sie arbeiten stets auf

Rechnung. Bis die beglichen ist, vergehen oft Wochen.

Damit Selbstständige nicht in finanzielle Not geraten, hat Harnasch

mit dem Ex-Banker Ulrik Deichsel (links) und dem IT-

Berater Florian Höppner (rechts) das Start-up Pagido gegründet.

Freiberufler können dort ihre Rechnung einreichen und erhalten

binnen zwei Tagen 80 Prozent der Forderung. Die Berliner kümmern

sich um die Korrespondenz mit dem Auftraggeber und die

Abwicklung der Zahlung. Sobald die Rechnung beglichen wurde,

bekommt der Freelancer weitere 15 Prozent, die restlichen fünf

Prozent behält Pagido. Für dieses sogenannte Factoring kooperiert

das Start-up mit Spezialisten wie CreFo Factoring Stuttgart,

die für den Forderungsverkauf von der BaFin zugelassen sind.

Die Nachfrage überrascht das Start-up, denn neben Journalisten

oder Fotografen melden sich Headhunter, Pflegedienste und

sogar Blumenhändler.

Fakten zum Start

Team derzeit 5 Mitarbeiter

Finanzierung von Axel Springer

Plug and Play, Uwe Horstmann

(Project-A-Gründer) und Johannes

von Borries 100 000 Euro

Kunden bisher über 100 Nutzer

„Es gibt einen viel höheren

Bedarf unter Freelancern,

als wir angenommen

hatten“, sagt

Harnasch. Ihr Angebot

wollen sie nun schnellstmöglich

auch für diese

Branchen optimieren.

marc etzold, mdw@wiwo.de

FOTOS: MYOP DIFFUSION/ED ALCOCK, KEYSTONE/VOLKMAR SCHULZ

14 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Kai Wilhelm

Chef des Modevertriebs K&W Holding

Zwischen Tastentelefon und

Ledertasche liegen Geschäftsbriefe,

Modebroschüren und

die neuesten Skizzen der Frühjahrskollektion.

„Das Chaos

hat System“, versichert Kai

Wilhelm, 50, Gesellschafter

und Chef des Modevertriebes

K&W Holding und damit Herr

über die Modemarken Kitaro,

Barbara Becker, St. Moritz und

Jacky Ickx. Den Überblick verliert

der diplomierte Handelsfachwirt

selten, denn das kreative

Durcheinander beschränkt

sich auf den Schreibtisch in seinem

knapp 40 Quadratmeter

großen Büro in Mönchengladbach.

Unter dem Dach einer

ehemaligen Weberei laufen

die Fäden der Holding

zusammen, die

er 2013 in Düsseldorf

gegründet hat und

die heute etwa 40 Mitarbeiter

beschäftigt.

Rund 15 Millionen

Euro setzte das Unternehmen

2013 um. In

diesem Jahr soll der

360 Grad

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

Umsatz noch einmal um bis zu

drei Millionen Euro zulegen.

Angestrebt werden in den kommenden

fünf Jahren 100 Millionen

Euro. Dabei hofft Wilhelm

auch auf die junge Marke Barbara

Becker, initiiert von der

früheren Frau des ehemaligen

Tennisidols Boris Becker, die

inzwischen als Designerin arbeitet.

Im nächsten

Frühjahr will der gebürtige

Düsseldorfer

sein Angebot erneut

erweitern. Dann

offeriert er auch das

neue Herren-Label

John Bradley, allerdings

exklusiv im

Teleshop-Sender

QVC. Unaufdringlich ist Wilhelms

Büro ausstaffiert. Konferiert

wird an einem langen

Glastisch. An den Wänden hängen

Plakate seiner Werbeträger,

des ehemaligen belgischen

Formel-1-Piloten Jacky Ickx

und von Barbara Becker. Direkt

hinter dem Schreibtisch lächelt

das Konterfei von Marilyn

Monroe. „Es ist leider kein Original“,

sagt Wilhelm über den

Kunstdruck des amerikanischen

Pop-Art-Künstlers Roy

Lichtenstein. Echt ist hingegen

das Foto auf dem Schreibtisch.

Es zeigt den Modemanager im

Superman-Outfit an seinem

50. Geburtstag.

ulrich.groothuis@wiwo.de

FOTO: DOMNIK PIETSCH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

16 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Verrat an der Zukunft

WIRTSCHAFTSPOLITIK | Die schwarze Null, die Bundeskanzlerin Angela Merkel

so tapfer verteidigt, ist nicht „alternativlos“, Haushaltskonsolidierung

und mehr Investitionen sind kein Widerspruch. Was fehlt, sind kluge Reformen

und eine mutigere Politik.

Der kleine silberne Würfel auf

dem Arbeitstisch ist ein Beruhigungsmittel

der besonderen

Art. Wenn die Lage

heikel wird, kann Angela

Merkel ihn zur Hand nehmen, ihn drehen

und wenden, wie sie es mit jedem

Problem tut, während sie die richtige Lösung

für ihre Zukunft und die des Landes

sucht. Die sechs Seiten von Muttis kleinem

Helfer sagen der Kanzlerin immer

wieder, was sie nach neun Jahren an der

Macht – und 15 weiteren auf dem Weg

dorthin – längst verinnerlicht hat: „In –

der – Ruhe – liegt – die – Kraft.“

Ein Leitspruch, dem sich die mächtigste

Frau Europas nicht nur selbst unterwirft.

Im ganzen Land soll es ohne Aufwallungen

laufen, denn das sichert ihre

Regentschaft. Für die Wähler hat Kanzlerin

Merkel Entspannendes zusammengewürfelt:

Die Normalbürger bekommen

Sozialleistungen, für Wirtschaftsinteressierte

und Unternehmer stellt sie einen

Bundeshaushalt ohne neue Schulden ins

Schaufenster.

Die schwarze Null ist das ökonomische

Feigenblatt der Merkel’schen Politik: das

Symbol für Solidität, Zukunftsvorsorge

und wirtschaftliche Vernunft, das die

Blöße im Koalitionsvertrag verdecken

soll. Denn der garantiert vor allem die

Auslieferung jener vermeintlichen Wohltaten,

die Union und SPD im Wahlkampf

versprochen hatten. Einen vergleichbaren

Elan, Investitionen zu steigern und

die Rahmenbedingungen für Wachstum

zu verbessern, legt Merkels Truppe dagegen

nicht an den Tag. Machterhalt top,

Wirtschaftspolitik flop.

Die Wirtschaftsforschungsinstitute haben

die Bundesregierung bereits als

Wachstumsbremse ausgemacht. „Wir

produzieren weniger, als eigentlich möglich

wäre, und wir haben eine Investitionslücke.

Das ist genau die Situation, in

der der Staat einspringen müsste“, sagt

Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen

Instituts für Wirtschaftsforschung

(DIW). „Nicht mit einem Konjunkturprogramm

für ein, zwei Quartale, sondern

mit staatlichen Investitionen – beispielsweise

in Verkehrsprojekte – und

mit Anreizen für mehr private Investitionen.

Die Bundesregierung könnte hier 15

bis 20 Milliarden Euro ausgeben, ohne

die Schuldenbremse zu verletzen.“ Sein

Fazit: „Da ist die schwarze Null ein fatales

Signal für die deutschen Unternehmen

und die europäischen Nachbarn.“

Auch aus dem Ausland prasselt die

Kritik massiv in die Pressemappen von

Regierungssprecher Steffen Seibert.

Merkels Mann fürs Beschwichtigen

konnte dieser Tage in der Pariser „Libération“

lesen, Deutschland könnte sich

angesichts der Rezession und des „französischen

Drucks“ von der Haushaltsdisziplin

verabschieden. Die spanische „El

País“ schimpft: „Die Politik der absoluten

Sparsamkeit bringt die Euro-Zone an

den Rand der wirtschaftlichen Stagnation

– wenn nicht der Rezession. Aber diese

Diagnose prallt an der deutschen Orthodoxie

ganz einfach ab.“ Der „Economist“

trommelt schon seit Monaten für

ein deutsches Konjunkturprogramm:

„Bauen Sie ein paar Brücken und Straßen,

Frau Merkel“, forderte er von den

„torkelnden Teflon-Teutonen“, die (endlich?)

auch verwundbar sind. Für die

Nachbarn ist die promovierte Physikerin

Merkel eine Frau Dr. Seltsam, die es lernte,

die schwarze Null zu lieben.

Früher, während des Aufstiegs in der

CDU, da hat sie sich noch über Anfeindungen

geärgert. Wenn die Fraktionskollegen

sie in biermutigen Männerrunden

„Zonenwachtel“ schimpften. Das hat die

Einsame damals verletzt, aber auch hart

gemacht. Heute nimmt sie Attacken, die

sie nicht verhindern kann, nur kühl zur

Kenntnis: „Kann man halt nüscht machen.“

Zeit verschwendet sie darauf nicht.

Zumal die Angriffe innenpolitisch

nützlich sind: Der Neid der Nachbarn

lässt die Leistung der Kanzlerin heller

strahlen, als sie ist – schließlich lebt

Deutschland von der Substanz und den

Erfolgen der Schröder-Reformen. Die

bislang zelebrierte Standhaftigkeit verstärkt

zudem noch den sedierenden

Nimbus der Kanzlerin, bei Mutti Merkel

sei schon alles in guten und sicheren

»

FOTO: MARC-STEFFEN UNGER

18 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Politik der kleinen Schritte

Unter dauernder Beobachtung

wagt Bundeskanzlerin

Angela Merkel keine

durchgreifenden Reformen

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Politik&Weltwirtschaft

INTERVIEW Michael Heise

»Frankreich ist Vorbild«

Der Chefvolkswirt der Allianz über Vor- und Nachteile öffentlich privater

Partnerschaften (ÖPP) und den Wunsch garantierter Renditen.

Herr Heise, dem Staat fehlt Geld für Zukunftsinvestitionen,

Versicherungen wie

die Allianz würden gerne in die Bresche

springen. Was interessiert Sie an Investitionen

in Tunnel und Brücken?

Investitionen in Infrastrukturprojekte

bieten für alle Beteiligten Vorteile: Die

Gesellschaft profitiert von besserer Infrastruktur,

die Wirtschaft vom Investitionsschub,

der Steuerzahler von geringeren

Staatsschulden. Unsere Kunden – für die

wir das Geld anlegen – benötigen eine sichere

und gute Rendite über längere

Zeiträume von 20 bis 30 Jahren. Bis zu

sechs Milliarden Euro kämen zusammen,

wenn die Allianz den Anteil an Infrastrukturausgaben

um nur einen Prozentpunkt

erhöhen würde.

Was finanzieren Sie am liebsten: Straßen,

Schienen oder Schulen?

Das ist nebensächlich. Wir investieren

bevorzugt in Großprojekte, weil die

Transaktionskosten, also die Ausgaben

zum Beispiel für Wirtschaftsprüfer und

Anwälte, dort weniger ins Gewicht fallen.

Interessant sind also der Aus- und

Neubau von Straßen, Tunneln, Brücken

und Flughäfen. Auch erneuerbare Energien

sind spannend. Wir können uns

vorstellen, noch stärker den Ausbau von

Stromtrassen, Solarparks und Windrädern

mitzufinanzieren.

DER STRASSENBAUER

Heise, 58, ist Chefökonom der Allianz

Gruppe. Zuvor war er bei der DZ Bank und

der DG Bank sowie Generalsekretär des

Sachverständigenrates zur Begutachtung

der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung.

Welche Rendite erwarten Sie bei ÖPP?

Das hängt davon ab, wie viel Risiko wir

übernehmen. Wenn die Erträge beim

Autobahnausbau von der zukünftigen

Anzahl der Kraftfahrzeuge abhängen,

erwarten wir eine höhere Rendite, als

wenn wir nur die Verfügbarkeit der Straße

garantieren müssen. Die Spanne der

Projekte ist groß. Auch über garantierte

Renditen sollte man nachdenken.

Berlin soll den roten Teppich ausrollen?

Nein, darum geht es nicht. Aktuell sind

die Renditen auf dem Kapitalmarkt gering.

Eine Renditegarantie wäre ein Weg,

um Kapital zu mobilisieren. Aber auch

der Staat könnte profitieren, wenn die

Rendite nach oben gedeckelt würde.

Sehr hohe Renditen bei ÖPP könnten

dann an den Steuerzahler zurückfließen.

Der Staat kann sich billiger finanzieren.

Das ist derzeit richtig, berücksichtigt

aber nur einen kleinen Teil der Infrastrukturkosten.

Man muss sehen, dass

der Staat Risiken an private Investoren

überträgt, etwa Planungsrisiken, Erstellung

der Objekte und laufende Instandhaltung.

Kritiker unterschätzen das.

Denken Sie an den Flughafen BER. Die

Milliardenkosten zahlt der Steuerzahler.

Wie kann der Staat ÖPP stärken?

Zunächst hilft eine sachliche Debatte

über Vor- und Nachteile von solchen

Projekten. Hier ist bereits einiges geschehen.

Der Staat müsste auch über ÖPP-

Projekte offener informieren. Zudem

sollte er Genehmigungs- und Vergabeverfahren

verschlanken und beschleunigen.

Das hilft auch, Geld zu sparen.

Hilft ein Blick ins Ausland?

Ja. Frankreich ist Vorbild. Bei aller Kritik

an der Wirtschaftspolitik: Die Verkehrsinfrastruktur

ist beeindruckend. Frankreich

hat etwa die Autobahnen überwiegend

über ÖPP finanziert. Nach

Konzessionslaufzeiten von 25 bis 35 Jahren

fallen sie wieder in den öffentlichen

Besitz zurück. Die Nutzung der Autobahnen

ist möglicherweise etwas teurer,

aber die Qualität ist besser.

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin

„Economist“:

„Bauen Sie

Brücken und

Straßen, Frau

Merkel“

„Libération“:

Deutschland

verabschiedet sich

unter Frankreichs

Druck von der

Haushaltsdisziplin

»

Händen. Der deutsche Michel schläft selig

im Schatten der Raute.

Ökonomisch und politisch ist ein Bundeshaushalt

ohne neue Schulden richtig.

Viel zu lange, seit 45 Jahren, hat Deutschland

stets zusätzliche Kredite aufgenommen

– ein gigantisches Konjunkturprogramm

auf Pump. Seit Kurt Georg Kiesinger

1969 – ebenfalls in einer großen Koalition –

haben alle Kanzler einen Schuldenberg von

zwei Billionen Euro aufgehäuft.

Merkel hat ein Land, ein ganzes System

pleitegehen sehen, das mehr konsumierte,

als es produzierte. „Man muss doch infrage

stellen, ob wir beständig weniger einnehmen

können, als wir ausgeben“, zieht die Regierungschefin

die verbale Schuldenbremse.

Damit die Mahnung international wirkt,

will Merkel die Null nicht aus der Hand geben.

Auch wenn weder Grundgesetz noch

Maastricht-Vertrag einen völligen Kreditverzicht

vorschreiben. Allerdings verlangt der

europäische Stabilitätspakt einen Schuldenstand

von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts;

derzeit liegt Deutschland bei rund

77 Prozent. Vertragstreu wird auch die Bundesrepublik

nur durch die Kombination von

Sparsamkeit und Wachstum.

Der Haushalt ohne neue Schulden ist in

der Tat „alternativlos“ – Merkels Variante

von Gerhard Schröders „basta“. Aber er ist

kein Widerspruch zu mehr Investitionen.

50 Milliarden Euro für zusätzliche Investitionen

verlangte ausgerechnet der französische

Wirtschaftsminister Emmanuel Macron

von den Deutschen. Sein SPD-Kollege

Sigmar Gabriel sagte nach dem Treffen,

FOTO: ARGUM/THOMAS EINBERGER

20 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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„Nouvel Observateur“

Premier

Valls drängt Kanzlerin

Merkel zu

mehr Investitionen

„Libero“ Renzi

zahlt nicht,

Merkel stellt

Strafzettel aus

Deutschland habe „schon selbst festgestellt“,

dass es den von der OECD angepeilten

Investitionsanteil von 20 Prozent des

Bruttoinlandsprodukts um etwa drei Punkte

verfehlt. Diese „entsprechen ungefähr“ jenem

50-Milliarden-Wunsch aus Paris.

Es gibt ein ganzes Bündel von Möglichkeiten,

Straßen zu flicken, das Internet flott

zu machen, Schulen und Hochschulen zu

verbessern – ohne schon wieder neue Kredite

aufzunehmen. Mit Kreativität und wirtschaftlicher

Planung – nicht Planwirtschaft

– ließen sich Milliarden mobilisieren.

Etliche stehen jedes Jahr im Etat – und

fließen nicht ab. Im Schnitt rund zwei Milliarden

Euro können die Ministerien gar

nicht ausgeben, weil Planung oder Genehmigung

stocken. Auch die Deutsche Bahn,

immer noch in Staatsbesitz, parkt immer etwas

Baugeld auf dem Abstellgleis – es fehlen

die Ingenieure, die neue Trassen- oder

Bahnhofsprojekte vorantreiben könnten.

Zudem beweisen die Haushaltspolitiker

im Parlament jedes Jahr, dass sich aus dem

Plan des Finanzministers noch ein paar Milliarden

herausstreichen lassen. Das reicht

von Rüstungskäufen in dreistelliger Millionenhöhe,

deren rechtfertigendes Bedrohungsszenario

längst überholt ist, bis zu jener

Million Euro an Gehaltszulagen, die die

Rechnungsprüfer beim Deutsch-Französischen

Jugendwerk monieren.

Viel wichtiger freilich ist es, private Geldgeber

für den Bau von Straßen, Schienen

oder Brücken zu begeistern. Das scheitert

meist noch an rechtlichen Unsicherheiten

oder den Renditeerwartungen der Investoren

(siehe Interview). Wegen deren Gewinn

wird der Bau zunächst teurer – dafür aber

liegt das Risiko nicht beim Staat, und er

muss nicht die Verschuldung erhöhen.

Seit Jahren hofft die Wirtschaft auf Steuererleichterungen

für Forschung und Entwicklung.

Einerseits sind da Mitnahmeeffekte

garantiert, andererseits ist technische

Innovation die zentrale Chance für den

Standort Deutschland. Um zusätzliche Investitionen

generell verlockender zu machen,

könnte der Fiskus auch die steuersenkenden

Abschreibungen erhöhen. Der sofortige

Steuerrabatt kostet zwar Geld, refinanziert

sich aber durch den Wachstumsimpuls

zu großen Teilen selbst. Doch auch

da sieht es mit der Bundesregierung düster

aus. „Die degressive AfA dauerhaft, das ist

jenseits dessen, was ich ihnen zusagen

kann“, bremst Finanzminister Wolfgang

Schäuble (CDU) zu große Erwartungen.

Wobei das „dauerhaft“ zumindest einen

kleinen Hoffnungsschimmer erlaubt.

ÜBERHOLEN, OHNE EINZUHOLEN

In Merkels Heimat DDR, Klein-Angela war

gerade fünf Jahre alt, spotteten die Bürger

über Walter Ulbrichts Parole „Überholen,

ohne einzuholen“. Bei Merkel heißt es: beschleunigter

Stillstand. Nichts anderes bot

der nun schon achte Nationale IT-Gipfel der

Bundesregierung. Gleich sechs Minister liefen

hinter der Kanzlerin in Hamburg auf,

um Fortschritt und Wachstum der Informationstechnik

hierzulande zu beschwören.

Leider ist das bislang so erfolgreich wie das

Besprechen von Warzen.

Seit der Premiere unter Merkel im Jahr

2006 reden Politik und Wirtschaft über den

Rückstand des ewig Gleichen: Das Netz

muss schneller werden, die Signale müssen

über Leitung oder Satellit noch im letzten

Eifeldorf zu empfangen sein, es fehlen Programmierer

und andere Fachkräfte. Viel

Fortschritt ist nicht zu verzeichnen, von der

Gestaltung des digitalen gesellschaftlichen

Wandels ganz zu schweigen.

Jetzt, wo die Wachstumsraten zusammenschrumpeln,

müsste sie mit einer Reformagenda

Aufbruchsstimmung erzeugen.

Doch bei Angela Merkel gibt es nicht Opium

fürs Volk, sondern Valium. Die Bürger sollen

nicht berauscht sein von der Regierungspolitik,

nur beruhigt.

Merkel erntet gern die Früchte der Agenda

2010, die Schröder den Jobverlust und ihr

die Macht brachte. „Bei uns war die Arbeitsmarktreform

auch nicht einfach durchzusetzen“,

erinnerte sie beim „Cicero“-Foyergespräch.

Doch sie leitet daraus nur eine

»

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 21

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Politik&Weltwirtschaft

Mutti ist Rentners Liebling Konsum statt Zukunftsvorsorge prägt den Koalitionsvertrag

»

weitere Mahnung an die Nachbarn ab,

nicht einen immerwährenden Auftrag für

weitere Reformen an die eigene Adresse.

Dabei müssten die gar nicht die schwarze

Null gefährden. Der Kampf gegen den Paragrafendschungel

ist so ein Wundermittel,

das nichts kostet. „Wir haben versucht, Bürokratie

abzubauen“, sagt Merkel. Doch Mühe

allein genügt nicht. Der Normenkontrollrat

bescheinigt der Koalition das Scheitern:

Um satte 9,2 Milliarden Euro ist die Belastung

der Wirtschaft binnen Jahresfrist gestiegen,

haben Steuerzahlers Mess-Diener

ermittelt. Hauptgrund: der Mindestlohn.

Natürlich könnte die Koalition all jene

Wohltaten wieder einkassieren oder zumindest

auf Eis legen. Den flächendeckenden

Mindestlohn, der in der Boomregion

München genauso hoch sein muss wie im

darbenden Mecklenburg. Die Rente mit 63,

die einer kleinen Klientel erlaubt, vorzeitig

ohne Abschläge in den Ruhestand zu gehen.

Zielgenauer wäre es gewesen, die Erwerbsunfähigkeitsrente

aufzubessern, um

ausgebrannte Mitarbeiter auf das verdiente

Altenteil zu entlassen. Stattdessen gehen

gerade Mittelständlern gefährlich viele erfahrene

Fachkräfte verloren. Begründet

nicht Merkel die schwarze Null damit, sie

sei „der beste Beitrag zur Generationengerechtigkeit“,

weil „der Schuldenberg wenigstens

nicht weiter wächst“? Die Rentenkasse

bis zum Jahr 2030 nicht mit weiteren

160 Milliarden Euro zu belasten schüfe

mindestens so viel Zukunftsvertrauen.

Nun kommt die Pflegezeit hinzu, die Mitarbeitern

erlaubt, bis zu zehn Tage bezahlt

dem Arbeitsplatz fernzubleiben, wenn sie

sich um pflegebedürftige Angehörige kümmern.

Die Kosten trägt zwar die Versicherung,

sie fallen also erst indirekt zur Hälfte

bei den Betrieben an. Aber das Organisationsproblem

entsteht in jedem Büro, jeder

Werkhalle, jeder Lieferkette.

Einfaltspinsel aus der Union versuchten

angesichts der sich abkühlenden Konjunktur

nicht etwa, all die teuren Koalitionskompromisse

und Wahlgeschenke infrage

zu stellen – dazu fehlte offensichtlich der

Mut. Ausgerechnet die Frauenquote attackierten

sie, die ohne Zweifel einzelnen

Großunternehmen Mühe bereitet, aber sicher

nicht die Wettbewerbsfähigkeit der

gesamten deutschen Wirtschaft behindert.

Entsprechend energisch beschied Merkel

die schwarzen Nullen: „Es ist so beschlossen,

und nun wird es auch so gemacht!“

Am Koalitionsvertrag wird grundsätzlich

nicht gerüttelt.

„ES WIRD GEMACHT“

Volker Kauder, Merkels Mehrheitsmacher

im Parlament, versprach nach all den gesteigerten

Sozialausgaben: „Jetzt muss es

aber damit auch gut sein.“ Aber das ist nur

eine weitere Dosis aus Merkels Tranquilizer-Füllhorn.

Denn Kauder sagt auch: „Was

noch im Koalitionsvertrag steht, wird auch

umgesetzt“. Nur noch weitere Lasten soll es

nicht geben.

Beschlossene Wohltaten zurückzunehmen

kommt für Merkel nicht infrage. Hatte

sie nicht Vorgänger Schröder angesichts

des häufigen rot-grünen „Nachbesserns“

als schlechten Gesetzeshandwerker vorgeführt?

Entpuppte sich der Koalitionsvertrag

als das, was er ist – als leichtfertiges Schönwetterkonstrukt

–, machte dies vor allem

Merkels Vertrauensvorsprung beim Wähler

(„Sie kennen mich“) zunichte. Erst wenn

Jobs massiv verloren gehen, wird sie die

schwarze Null kippen. Denn steigende Arbeitslosenzahlen

sind für den Machterhalt

noch gefährlicher als steigende Schulden.

Jetzt rächt sich, dass die Regierung nach

der Wahl auf teure Umverteilung setzte,

statt Reformen einzuleiten. Gegenwartskonsum

statt Zukunftsvorsorge.

Das große Prassen passt eigentlich gar

nicht zum bescheidenen privaten Lebensstil

der Kanzlerin, die auch heute noch gelegentlich

selbst zum Einkauf im Ullrich-

Supermarkt an der Wilhelmstraße auftaucht

und sich amüsiert, wenn sie ihre

Weltführerkollegen damit in Verwirrung

stürzt, weil beispielsweise für den amerikanischen

Präsidenten der ganze Laden geräumt

wird. Erst neulich hat sie den chinesischen

Ministerpräsidenten Li Keqiang an

die vertraute Fleischtheke geführt.

Aber Merkel hat bitter gelernt, dass man

mit Reformen und Sparen die Deutschen

nur verschrecken kann. Als sie nach dem

Aufstieg an die Spitze der CDU erstmals

Freiheit und Macht spüren konnte, da traute

sich Merkel einen Aufstand der wirtschaftlichen

Vernunft zu. Bierdeckel-Steuertarif,

Gesundheitsprämie, Rentenreform

– der Leipziger Parteitag 2003 entfachte

Aufbruchsstimmung in der Union. So viel,

dass der alte Kämpe Norbert Blüm („Die

Rende is sischä“) gerade noch zwei Stimmen

für seine Position bekam.

Doch die Volkspartei erwachte jäh aus

ihrem von Merkel befeuerten Reformrausch,

als es bei der Wahl 2005 nicht für

Schwarz-Gelb reichte. „Dieser Fehler passiert

mir nicht noch einmal“, sagte Merkel

damals. Wenn die Deutschen keine großen

Schritte der Veränderung wollten, dann

bekämen sie halt auch keine. Inzwischen

regiert bereits das „Kabinett Merkel III“.

Wer insgeheim in der CDU-Führung und

vor allem auf dem Wirtschaftsflügel gedacht

hatte, allzu spendable Versprechen

ließen sich mit dem erhofften Koalitionspartner

FDP wieder killen, sah sich ge- und

enttäuscht. Denn in der großen Koalition

sitzt sie mit einer SPD, deren Forderungen

sie im Wahlkampf aus taktischen Gründen

übernommenen hatte. Also konnten die

Genossen noch draufsatteln. Merkel hatte

die Wahl gewonnen, Gabriel die Koalitionsverhandlungen.

25 Prozent waren auf

einmal so viel wert wie 41.

Angela Merkel machen Ziffern keine

Angst. Ihre Doktorarbeit zur „Untersuchung

des Mechanismus von Zerfallsreaktionen

mit einfachem Bindungsbruch“

könnte zwar auch eine politikwissenschaftliche

Analyse von Regierungsbündnissen

sein, befasste sich aber mit physikalischen

Problemen. Es ist ein formelgetränkter

Zahlenfriedhof.

Politisch aber ist die schwarze Null das

höchste der Merkel’schen Reformgefühle.

Eine geliebte Null.

n

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin

FOTO: DDP IMAGES/DAPD/MICHAEL GOTTSCHALK

22 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Schäubles Hydra

STEUERN | Im Kampf gegen Steuertrickser feiert der Minister einen

Etappensieg. Einschlägige Länder ändern ihr Geschäftsmodell.

Unverbindliches Geplauder Finanzminister Lew und Schäuble

US-Konzerne drücken globale

Steuerlast

Trotz eines höheren Steuersatzes im Inland zahlt der

US-Softwarekonzern Oracle weltweit weniger Steuern

als sein deutscher Konkurrent SAP

Oracle,

USA

SAP,

Deutschland

Heimat-Steuersatz

35,0 (Federal Tax)

+ 8,8 (State Tax)

= 43,8

15,8 (KSt + Soli)

+ 9,3 (GewSt)

= 25,1

Konzernsteuerquote*

21–23

26–28

* in Prozent des Konzerngewinns; KSt: Körperschaftsteuer,

GewSt: Gewerbesteuer; Konzernsteuerquoten der vergangenen

Jahre; Quelle: Jones Day

Eswerden Festtage für Bundesfinanzminister

Wolfgang Schäuble: Rund

100 Delegationen und 40 Minister

aus aller Welt kommen zu der Berliner

Weltsteuerkonferenz, die Anfang dieser

Woche beginnt. Am Mittwoch wohnen sie

einer Zeremonie bei, in der sich 46 Länder

verpflichten, steuerliche Informationen

über ihre Bürger künftig untereinander

auszutauschen. Dazu gehören auch Steueroasen

wie Luxemburg und Liechtenstein.

Nur die Schweiz ziert sich noch.

Dennoch lastet ein Schatten auf der

Weltsteuerkonferenz, der die Erfolge im

Kampf gegen Steuerbetrüger relativiert.

Denn im mittlerweile viel wichtigeren

Kampf gegen die aggressive Steuergestaltung

internationaler Konzerne kommt die

Staatengemeinschaft nicht vom Fleck.

Deshalb treffen sich die Finanzminister

von Deutschland, Frankreich, Großbritannien,

Italien und Spanien am Mittwochmittag

extra in einer G5-Runde, um über

den Fortgang des Steuerunwesens innerhalb

Europas zu sprechen.

Vor allem Schäuble (CDU) sieht Redebedarf.

Kaum hat sich die Staatengemeinschaft

darauf verständigt, die schlimmsten

Steuerschlupflöcher zu stopfen, da arbeiten

einige Regierungen unverfroren an

neuen Sonderangeboten für Unternehmen.

Und die USA, mit deren Finanzminister

Jacob Lew sich Schäuble stets freundlich

unterhält, haben kein Problem damit,

dass Unternehmen wie Apple, Google oder

General Electric inzwischen Gewinne von

mehr als zwei Billionen Dollar quasi steuerfrei

vor der Küste von Florida bunkern.

Auch Irland ist ein Thema. Das berühmtberüchtigte

Steuerschlupfloch „Double

Irish“, das Unternehmen einen staatenlosen

Status verschafft, wird demnächst abgeschafft.

Natürlich nur auf Druck von außen,

wie Irlands Finanzminister Michael

Noonan einräumt: „Mittlerweile wurde

uns das international um die Ohren gehauen.

Ich wollte dafür sorgen, dass dies nicht

länger unseren Ruf beschädigt.“ Stattdessen

hält Noonan neue Goodies bereit.

Den Einkommensteuersatz für Spitzenverdiener

senkt Irland von 48 auf 36

Prozent, was vor allem ausländischen

Top-Managern zugutekommt. Noonans

Wunderwaffe aber ist die angekündigte

„Knowledge Development Box“. Dieses Instrument

soll Gewinne aus Patenten und

anderen Formen des geistigen Eigentums

mit einem Steuersatz von angeblich nur

noch 6,25 Prozent belegen. Das wäre die

Hälfte der offiziellen Unternehmenssteuer,

die mit 12,5 Prozent auch schon weniger

als halb so hoch ist wie die in Deutschland.

So will Noonan die mehr als 700 in Irland

angesiedelten US-Multis bei Laune halten,

die überwiegend im Internet-, High-Techoder

Pharmasektor tätig sind. „Die geplante

Knowledge Development Box wird bei

der Sicherung wertvoller Investitionen ein

großer Vorteil sein“, lobt denn auch die Präsidentin

der American Chamber of Commerce

in Dublin, Louise Phelan, die für

PayPal arbeitet.

Schäubles Kampf gegen die Steuertrickser

gleicht dem gegen die Hydra. Für jeden

abgeschlagenen Kopf wuchsen dem aus

der griechischen Mythologie bekannten

Ungeheuer zwei neue nach.

INS LAGER DER GEGNER

In Großbritannien sinkt unter der Ägide

von Premierminister David Cameron der

Unternehmenssteuersatz von 26 auf 20 Prozent.

Doch damit nicht genug. Voriges Jahr

ließ er eine Patentbox einrichten, in der die

Gewinnbesteuerung bis 2017 schrittweise

auf zehn Prozent schrumpft. Der Clou dabei

ist:Im Extremfall reicht zum Beispiel ein

neues Patent für ein Zündschloss aus, um

den Gewinn aus dem Verkauf eines ganzen

Autos in die Patentbox zu stecken. Für

Schäuble ist das besonders ärgerlich, da

sein britischer Amtskollege George Osborne

vor zwei Jahren gemeinsam mit ihm den

Kampf gegen den unfairen Steuerwettbewerb

eröffnet hatte. Nun ist sein Mitstreiter

ins Lager der Gegner gewechselt.

Unerfreuliches hört Schäuble auch aus

der Schweiz: Als Ersatz für das Bankgeheimnis

suchen die Eidgenossen nach einem

neuen Geschäftsmodell. Eine Gesetzesvorlage

sieht nun vor, dass Unternehmen

fiktive Zinsen auf ihr Eigenkapital berechnen

und als Betriebsaufwand steuerlich

absetzen können – ganz so, als hätten

sie Kredite zu bedienen. Staaten wie Belgien

und Italien praktizieren dies eben-

»

FOTO: DDP IMAGES/SIPA/REYNALDO PAGANELLI

24 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

»

falls. Das Finanzministerium in Berlin

dagegen fürchtet Steuerausfälle in Milliardenhöhe

und lehnt dies für Deutschland

ab. Daneben setzen auch die Schweizer auf

eine Steuersparbox, mit der sie Entwicklung

und den Einsatz von geistigen Eigentumsrechten

durch Schweizer Unternehmen

begünstigen wollen, und zwar mit einem

Steuersatz von ungefähr zehn Prozent.

All die neuen Schlupflöcher machen es

vor allem US-Konzernen leicht, außerhalb

Amerikas erwirtschaftete Gewinne auch

weiterhin zu Minimalsätzen zu versteuern.

Das US-Softwareunternehmen Oracle beispielsweise

führt nur durchschnittlich 22

Prozent seines Konzerngewinns an den

Fiskus ab, obwohl es an seinem Stammsitz

in Kalifornien einem Steuersatz von fast 44

Prozent unterliegt (siehe Tabelle Seite 24).

Oracle verdeutlicht die Strategie der

amerikanischen Finanzpolitik: Wer in den

USA Geschäfte macht, soll dafür kräftig

Steuern zahlen. Ihre Geschäfte im Rest der

Welt sollen US-Unternehmen dagegen

möglichst unbehelligt von den ausländischen

Finanzämtern abwickeln. Deshalb

hat die US-Regierung auch nicht eingegriffen,

um den Double-Irish-Tricks ihrer Konzerne

Einhalt zu gebieten. Im Gegenteil:

Sie gewährt ihren Konzernen eine Steuerstundung

(„Tax Holiday“), solange sie ihre

Gewinne nicht repatriieren.

PRALL GEFÜLLTE KRIEGSKASSEN

„Ohne diese Sonderregelung wären die

US-Konzerne weltweit kaum wettbewerbsfähig“,

sagt Martin Bünning von der internationalen

Anwaltskanzlei Jones Day. So

aber verfügen Apple und Co. über prall gefüllte

Kriegskassen, mit denen sie überall

auf der Welt interessante Firmen aufkaufen

können. „Die Amerikaner sind wenig motiviert,

daran etwas zu ändern“, erklärt Bünning.

Vor allem nicht die Republikaner.

Dies sei doch „nur ein Versuch anderer

Länder, amerikanische Steuerzahler stärker

zu besteuern“, ätzt Senator Orrin Hatch

aus dem Finanzausschuss im Kapitol.

US-Finanzminister Lew verkämpft sich

deshalb nicht an dieser Front. Zur Steuerkonferenz

in Berlin reist er gar nicht erst an.

Auch ein OECD-Parlamentariertreffen in

Paris Anfang Oktober schwänzten die

Amerikaner. Gut Ding braucht eben Weile,

lautet ein Credo von Schäuble. Wer glaubte

denn vor ein paar Jahren, dass sich Luxemburg

zum automatischen Informationsaustausch

von Steuerdaten verpflichtet? n

christian.ramthun@wiwo.de | Berlin,

yvonne esterhazy | London

Man spricht Deutsch

EUROPA | Die Zahl der Deutschen, die in den Europäischen Institutionen

wichtige Ämter bekleiden, nimmt zu. Nicht zur Freude aller.

Nun beginnen sie also doch noch

pünktlich. Kaum jemand hatte in

den vergangenen Monaten mehr

damit gerechnet, dass der neue EU-Kommissionspräsident

Jean-Claude Juncker

und sein Team wie geplant am 1. November

den Dienst antreten würden. Erst stritten

sich die Mitgliedstaaten ums Brüsseler

Spitzenpersonal, dann verlangte das Europäische

Parlament (EP) Nachbesserungen.

Am Schluss verständigte sich die neue große

Koalition aus Christdemokraten und

Sozialdemokraten im EP in einer Hauruck-

Aktion dann doch noch auf das neue Personaltableau,

um den fristgemäßen Start

möglich zu machen.

WICHTIGE POSITIONEN

Pünktlichkeit passt zu dem Bild eines kraftvollen

Neustarts, das Juncker gerne vermitteln

möchte. Pünktlichkeit passt auch zu

einer Kommission, die in mancher Hinsicht

deutscher wird. An der Spitze wird

Deutsch gesprochen, Deutsche haben

wichtige Positionen inne. Damit verstärkt

sich ein Trend, der sich schon in den vergangenen

Jahren abzeichnete. Deutsche

erklimmen in den Brüsseler Institutionen

mehr und mehr Schlüsselstellen. Das

nährt bei anderen Nationen bereits die

Angst vor einer deutschen Übermacht, was

Mehr Deutsche auf Spitzenposten

Kommissionsgebäude in Brüssel

ziemlich übertrieben ist. Als Sachverwalter

deutscher Interessen gerieren sich Deutsche

in Brüssel eher selten, es sei denn, es

gehört ausdrücklich zu ihrer Arbeitsbeschreibung.

Aber allein das Vorrücken der deutschen

Sprache weckt bei anderen Befürchtungen,

der größte Mitgliedstaat könnte zu mächtig

werden. Der künftige EU-Ratspräsident

Donald Tusk, bisher polnischer Ministerpräsident,

spricht besser Deutsch als Englisch.

Als Luxemburger spricht Jean-

Claude Juncker genauso gut Deutsch wie

Französisch, und sein Stellvertreter, der

Niederländer Frans Timmermans, bildet

nicht nur auf Hochdeutsch ebenso komplexe

wie korrekte Sätze. Mit dem Präsidenten

des Europäischen Parlaments,

Martin Schulz, kann er sich auf Platt unterhalten,

beide stammen aus der Region Aachen-Maastricht.

Hinzu kommt, dass die Bundesregierung

sich in den vergangenen Jahren stärker um

die Brüsseler Personalpolitik gekümmert

hat. Seit das Auswärtige Amt Vorbereitungskurse

für den Auswahltest der EU-

Kommission veranstaltet, reüssieren mehr

deutsche Bewerber. Die Briten, die lange

FOTO: EPD-BILD/JOKER/ALEXANDER STEIN

26 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Zeit eigene Leute geschickt in den Institutionen

installiert haben, merken gleichzeitig,

dass ihnen der Nachwuchs ausgeht.

Die wachsende Euro-Skepsis lässt viele

junge Talente von der Insel vor einer Karriere

in der EU zurückschrecken, der Großbritannien

vielleicht gar nicht mehr lange

angehört.

Schon vor drei Jahren gelang es Bundeskanzlerin

Angela Merkel, ihren Berater

Uwe Corsepius an die Spitze des Europäischen

Rats zu platzieren. Mit Klaus Regling

als Chef des Rettungsschirms ESM und

Werner Hoyer als Chef der Europäischen

Investitionsbank stehen auch in Luxemburg

zwei Landsleute wichtigen Einrichtungen

vor. Jeder weitere Deutsche an exponierter

Stelle löst nun international Aufmerksamkeit

aus.

Jüngstes Beispiel ist Martin Selmayr, der

als Junckers Kabinettschef in den kommenden

fünf Jahren dessen wichtigster Berater

sein wird. Dabei wird gerne übersehen,

dass er nicht auf Berliner Intervention

an seinen einflussreichen Posten kam,

sondern über seine Luxemburger Verbindungen.

Zuvor hatte er ein Jahrzehnt für

die Luxemburger Kommissarin Viviane

Reding gearbeitet. Als Juncker im Frühjahr

einen Wahlkampfleiter suchte, weil die Europäische

Volkspartei, die Dachorganisation

der konservativen Parteien, die Kampagne

verschlafen hatte, sprang Selmayr

kurzfristig ein und tourte mit dem Spitzenkandidaten

kreuz und quer durch Europa.

REVOLUTIONÄRE HANDSCHRIFT

Da zeichnete sich schon ab, dass er bei einem

Wahlsieg der starke Mann hinter Juncker

werden würde. Selmayrs Einfluss lässt

sich bereits vor dem Amtsantritt der neuen

Truppe ablesen. Ein für Brüsseler Verhältnisse

geradezu revolutionäres Organigramm,

das seine Handschrift trägt, soll

das alte Ressort-Denken aufbrechen. Bemerkenswert

ist die neue Organisation

auch, weil die neuen Vizepräsidenten allesamt

aus kleinen Ländern kommen.

In vielen Punkten denkt Selmayr europäischer,

als es der Bundesregierung lieb

ist. Und Juncker hat eine soziale Neigung,

die der Kanzlerin abgeht. So ist jetzt schon

abzusehen, dass es auch in Zukunft das ein

oder andere Mal zwischen Berlin und

Brüssel krachen wird. Nur weil Botschaften

auf Deutsch kommen, sind sie nicht automatisch

willkommen.

n

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

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WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 27

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Politik&Weltwirtschaft

Martin Selmayr, 43

Günther Oettinger, 61

Renate Nikolay, 47

Kabinettschef

Mit seinem scharfen Verstand und

seiner profunden Sachkenntnis eilt

Martin Selmayr Gesprächspartnern

gerne davon. Als engster Berater von

Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker

wird er die Agenda der Behörde prägen.

In den vergangenen zehn Jahren war Selmayr

erst Pressesprecher, dann Kabinettschef

der luxemburgischen Kommissarin

Viviane Reding. In dieser Funktion stieß er

das Großprojekt der Roaming-Verordnung

an und führte es auch zu Ende.

Ganz entscheidend wird das Zusammenspiel

zwischen dem Kopfmenschen

Selmayr und dem Bauchmenschen Juncker

sein. Selmayr argumentiert, sie würden

sich ergänzen: „Juncker antwortet auf

die Frage, wie lange wir uns schon kennen:

Schon immer.“

Auch wenn Selmayr den Kanzleramtschef

Peter Altmaier (CDU) als „guten

Freund“ bezeichnet, so eilt ihm in Berlin

der Ruf voraus, europäische Interessen

über deutsche zu stellen. Dem politischen

Berlin gehörte er selbst nie an. Allerdings

gab es über den Vater eine Verbindung in

die Politik. Der diente dem Kanzleramtschef

Karl Carstens, der später Bundespräsident

wurde, Ende der Sechzigerjahre als

persönlicher Referent.

Der Einser-Abiturient Selmayr liebäugelte

lange mit einer Karriere in der Wissenschaft.

Seit 2001 ist er Direktor des Centrums

für Europarecht der Universität Passau,

wo er ebenso wie an der Universität

Saarbrücken Vorlesungen zu Europarecht

hält. Er reist mit dem Zug an, weil er zwar

einen Führerschein hat, aber nicht Auto

fährt. „Man muss wissen, was man gut

kann und was nicht.“

Kommissar

Kabinettschefin

Der Schwabe ist in Brüssel angekommen.

Als Bundeskanzlerin Angela kolay wird eines der wichtigsten

Über den Schreibtisch von Renate Ni-

Merkel vor fünf Jahren ausgerechnet

Gesetzesvorhaben der Junckervon

den damaligen Ministerpräsidenten

Baden-Württemberg als Kommissar

nach Brüssel schickte, hatten sich viele gewundert.

Doch Oettinger hat seine Kritiker

seitdem eines Besseren belehrt. Als Energiekommissar

schmiedete er bis zum letzten

Moment an einem Kompromiss im

Kommission gehen: Die neue EU-Datenschutzverordnung

soll die völlig überkommenen

Regeln aus dem Jahr 1995 ablösen

und gleichzeitig in allen 28 EU-Ländern einen

einheitlichen hohen Schutz bieten. Nikolay

wird die wichtigste Beraterin der

tschechischen Justizkommissarin Vera Jurová

Gasstreit zwischen Russland und der

sein. Sie weiß, dass noch viel Feinab-

Ukraine. Dank seines ebenso bewunderten

wie gefürchteten fotografischen Gedächtnisses

arbeitete sich Oettinger schnell in

die Details der Energiepolitik ein.

Oettinger hält engen Kontakt zur Bundesregierung,

jeden Montag nimmt er an

den Sitzungen des CDU-Präsidiums teil. Er

betont allerdings, dass er sich als Kommissar

aus Deutschland sieht und nicht als

deutscher Kommissar. Von Brüssel aus hat

er immer wieder Fehlentwicklungen in

Deutschland kritisiert, etwa die wachsende

Technikfeindlichkeit oder die irrwitzige

Förderung erneuerbarer Energien.

Als Digitalkommissar wird Oettinger interessante

Debatten mit der neuen Wettbewerbskommissarin

stimmung notwendig ist, bis sich die Mitgliedstaaten

bis Ende kommenden Jahres

auf die neue Verordnung einigen. Eine

Frist, die Bundeskanzlerin Angela Merkel

ausdrücklich unterstützt. Ohne Deutschland

mit seinem bisher sehr hohen Niveau

an Datenschutz kann kein Konsens entstehen.

Gleichzeitig hat Deutschland als Exportnation

besonders großes Interesse an

einem funktionierenden Datenschutz, der

etwa den elektronischen Handel fördert.

Da die Mitgliedstaaten noch nicht einmal

die Hälfte des Pensums verhandelt haben,

stehen harte Gespräche bevor. Mit der

zähen Suche nach Kompromissen kennt

sich Nikolay allerdings aus. Ihre Karriere

Margrethe Vestager begann sie im Bundeswirtschaftsministeristimmung

führen, etwa über die von ihm früh kritisierte

Marktmacht von Google. Oettinger

plädiert für eine Abkehr von der klassischen

Wettbewerbspolitik hin zu einem

strategischeren Ansatz: „Wir brauchen

Weltmarktführer.“ Seine Wissenslücke in

Sachen Digitales gibt Oettinger offen zu:

„Mein 16-jähriger Sohn ist mein bester

Lehrer.“ An den EU-Arbeitsalltag hat er sich

allerdings gewöhnt: „Ich fühle mich hier

um als persönliche Referentin von Staatssekretär

Alfred Tacke, damals G8-Sherpa

von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Aus

privaten Gründen wechselte sie 2002 nach

Brüssel, zunächst in die Ständige Vertretung

Deutschlands, dann in die Generaldirektion

Handel der Kommission. Die

Mutter von zwölfjährigen Zwillingen arbeitete

in den Kabinetten der britischen Kommissare

Peter Mandelson und Catherine

sehr wohl, weil die Dichte an roten Teppichen

deutlich geringer als in Stuttgart ist.“ der EU mit Südkorea beteiligt war.

Ashton, wo sie am Freihandelsabkommen

»

FOTOS: PR (2), LAIF/JOCK FISTICK

28 Redaktion: silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Martin Schulz, 58

Manfred Weber, 42

Uwe Corsepius, 54

Präsident

Fraktionschef

Generalsekretär

Sein persönliches Ziel hat er verfehlt,

ein Platz im Geschichtsbuch ist ihm

trotzdem sicher. Martin Schulz hat es

nach der Europawahl im Mai nicht wie von

ihm geplant geschafft, als Präsident an die

Spitze der neuen EU-Kommission zu treten.

Aber dem SPD-Politiker, der dem Europäischen

Parlament seit 1994 angehört,

ist es quasi im Alleingang gelungen, das

Verfahren zur Besetzung dieses Postens

neu zu gestalten. Bei der Wahl rief er sich

zum Spitzenkandidaten für dieses Amt aus

und versetzte so die Konservativen in Zugzwang.

Bundeskanzlerin Angela Merkel

hatte die Dynamik dieses Prozesses unterschätzt

und auch nach der Wahl noch bestritten,

dass dem Wahlsieger automatisch

das Amt des Kommissionspräsidenten zustehe.

Mittlerweile ist das deutsche Wort

„Spitzenkandidat“ in den EU-Jargon eingegangen

– und unvorstellbar, dass der

nächste EU-Kommissionspräsident nicht

direkt gewählt würde. Schulz erfüllt das

sichtlich mit Stolz, wie sein Auftritt vergangene

Woche in Straßburg belegte.

Auch sein Plan B, als Junckers Stellvertreter

in die Kommission zu wechseln, hat

sich nicht erfüllt. Merkel traut ihm nicht

und hielt an dem CDU-Politiker Günther

Oettinger fest. So bleibt Schulz das Amt des

Parlamentspräsidenten, das er bereits seit

2012 innehat. Seine Vorgänger haben vor

allem repräsentiert. Doch dabei wird es der

Machtpolitiker, der sich stets für höhere

Aufgaben berufen sieht, in den kommenden

fünf Jahren mit Sicherheit nicht belassen.

Der gelernte Buchhändler, der gerne

über Literatur und über sich selbst redet,

wird den Einfluss des Europäischen Parlaments

ausbauen, wo er nur kann.

Angenehmer Händedruck, gewinnendes

Lächeln – Manfred Weber

gehört zu jener Sorte Politiker, die

gerne unter Menschen gehen. Er hätte in

Bayern Karriere machen können, wo er

von 2003 bis 2007 die Junge Union geleitet

hat. 2004 tauschte er jedoch sein Landtagsmandat

gegen einen Sitz im Europäischen

Parlament (EP), zur Überraschung von

vielen Parteifreunden. Dort arbeitete er

sich zum Chef der größten Fraktion, der

Europäischen Volkspartei (EVP), hoch.

Der CSU-Politiker, studierter Ingenieur,

will den Machtzuwachs nutzen, den der

Vertrag von Lissabon dem Europäischen

Parlament beschert hat. „Ich bin quasi der

Fraktionsführer der größten Regierungsfraktion“,

sagt Weber, ein Satz, der so früher

in Brüssel nicht zu hören war.

Mit der Kommission will er eng zusammenarbeiten

und so eine große Koalition

zwischen den Institutionen bauen. „Mein

festes Ziel ist eine enge Abstimmung zwischen

Kommission auf der einen und Europäischem

Parlament auf der anderen

Seite“, betont Weber. Künftig soll es regelmäßig

Treffen des Kommissionspräsidenten

Jean-Claude Juncker, seinem sozialdemokratischen

Vize Frans Timmermans mit

Weber und dem sozialdemokratischen

Fraktionsführer im EP, Gianni Pittella, geben

– die Brüsseler Variante des Berliner

Koalitionsausschusses. Sollte dies tatsächlich

eintreten, würde das die Brüsseler Gepflogenheiten

auf den Kopf stellen. Im EP

herrscht kein Fraktionszwang, Abgeordnete

haben sich bisher auch in ihrer Rolle als

Korrektiv der Kommission gefallen. Enge

Absprachen zwischen Kommission und

Parlament wären ein Novum.

Außerhalb des labyrinthischen Ratsgebäudes

ist er in Brüssel nicht zu

sehen und nicht zu hören. Uwe Corsepius,

von 2006 bis 2011 Leiter der Europa-Abteilung

im Bundeskanzleramt und

enger Vertrauter von Bundeskanzlerin Angela

Merkel, scheut die Öffentlichkeit. Ein

wenig passt das zum Stil des verschwiegendsten

der EU-Organe. Der Rat, die Institution

der 28 Mitgliedstaaten, die im Gesetzgebungsprozess

das letzte Wort hat, arbeitet

meist im Geheimen. Die mühsame

Suche nach politischen Kompromissen

verträgt keine Öffentlichkeit.

In Brüssel eilt dem promovierten Ökonomen

Corsepius der Ruf voraus, seit seiner

Ankunft vor drei Jahren in der

3500-Mitarbeiter-Behörde „aufgeräumt“

zu haben. Altgediente Beamte mussten rotieren,

Erbhöfe wurden abgeschafft. An die

Machtfülle seines Vorgängers Pierre de

Boissieu, der sich über ein Jahrzehnt auf

dem Posten hielt, kommt er nicht heran;

auch weil der Rat seit 2009 mit dem Ratspräsidenten

einen politischen Chef hat, der

ab 1. Dezember Donald Tusk heißen wird.

Eine wichtige Rolle kommt dem gebürtigen

Berliner Corsepius dennoch zu. Er bereitet

die EU-Gipfel vor, ist mit im Raum, wenn

die Staats- und Regierungschefs zusammenkommen.

Die französische Wirtschaftszeitung

„La Tribune“ sah die Berufung

von Corsepius als ein Indiz dafür, dass

„die Deutschen zur Invasion der EU-Institutionen

ansetzen“. Die Schlagzeile führt

allerdings in die Irre: Corsepius liegt es

fern, Berliner Interessen in Brüssel durchzusetzen.

An seinem internen Auftritt hat

er offenbar gefeilt. Seine deutsche Direktheit

habe er abgelegt, heißt es in Brüssel.

FOTOS: ACTION PRESS/HARTMUT MÜLLER-STAUFFENBERG, HORST WAGNER, MARC-STEFFEN UNGER, LAIF/ZURITA/DEPABLO

30 Redaktion: silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Reinhard Silberberg, 61

Botschafter

Die Haare sind gestutzt, zum Rauchen

geht er hinunter ins Rauchereck.

Reinhard Silberberg, Hausherr in der

Ständigen Vertretung Deutschlands bei der

EU, kennt den europäischen Betrieb noch

aus einer Epoche, als bei Gipfeln gepafft

wurde wie in einem Altherrenklub. Zu seiner

Zeit als Berater von Bundeskanzler Gerhard

Schröder pflegte der für seine Silbermähne

bekannte Diplomat zu scherzen, jedes Mal,

wenn er vor dem Gipfel zum Friseur gehe,

nähmen die Treffen kein gutes Ende.

Seit September ist er nun wieder in der

EU-Hauptstadt, Außenminister Frank-

Walter Steinmeier, dem er als Staatssekretär

diente, wünschte sich einen Vollprofi

für die Vertretung deutscher Interessen. Im

Auswärtigen Amt gibt es wohl niemanden,

der die EU so gut kennt wie Silberberg.

Mehr als 70 EU-Gipfel hat er mitgemacht,

seit Anfang der Neunzigerjahre beschäftigt

er sich fast ununterbrochen mit

der EU. Die vergangenen fünf Jahre verbrachte

er als deutscher Botschafter in Madrid,

auch dort musste er die oft als eisern

wahrgenommene Anti-Krisen-Politik Berlins

erklären.

Als EU-Botschafter vertritt Silberberg

nun die deutschen Interessen im wichtigen

Ausschuss der Ständigen Vertreter (AStV).

Dort bereiten die Diplomaten die Entscheidungen

der Fachminister vor. „Man

braucht als Vertreter Deutschlands kein

Megafon, die Leute hören zu“, sagt Silberberg.

„Häufig kommt es auf Deutschland

an, wenn Kompromisslinien ausgelotet

werden.“ Gleichzeitig verpflichtet die Größe

Deutschland auch, auf andere, insbesondere

kleinere Länder Rücksicht zu nehmen:

„Es ist wichtig, ausgewogen zu agieren.“ n

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 31

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Politik&Weltwirtschaft

Bruch mit dem Alten

RUMÄNIEN | Ein deutscher Bürgermeister aus den Karpaten will

Staatspräsident in einem der ärmsten EU-Länder werden.

Etwa 800 000 Deutsche lebten einst in

der Region Siebenbürgen. Sie waren seit

dem 12. Jahrhundert in mehreren Wellen

eingewandert. Nach der Wende 1990

machten sich Hunderttausende auf in die

Heimat ihrer Vorfahren. Heute zählt die

deutschstämmige Gemeinde nur noch

rund 30 000 Angehörige; in Sibiu leben

knapp 2000 Deutsche.

Als die Bürger Johannis 2000 mit einem

Ergebnis von gut 90 Prozent zum Bürgermeister

wählten, war das eine Sensation,

ein Bruch mit der jüngeren Vergangenheit,

in der die Rumänen den Ton angegeben

hatten. „Die Menschen hier hatten einfach

die Nase voll“, erinnert sich Wiegand Fleischer,

der in Sibiu den Deutschen Wirtschaftsclub

leitet, „es gab keine Jobs und

die Stadt war dabei zu verkommen.“

Wenn Klaus Johannis sich von seinem

Schreibtisch erhebt und ans

Fenster des Rathauses tritt, blickt

er auf eine Postkartenkulisse. Unter ihm erstreckt

sich der weitläufige kopfsteingepflasterte

Marktplatz von Sibiu. In der Mitte

der Piata Mare, wie der zentrale Platz auf

Rumänisch heißt, spielen Kinder am

Springbrunnen. In den Fontänen brechen

sich die Sonnenstrahlen und tauchen den

Platz in malerisches Licht. Die Fassaden

der Häuser am Rand sind in Pastelltönen

gehalten. Dahinter haben sich Galerien,

kleine Cafés und Jazzkneipen eingerichtet.

Auch ein Museum, eine Buchhandlung

und ein paar Boutiquen gibt es.

Es ist ein fast surrealer Kontrast: Als Johannis

vor 14 Jahren zum ersten Mal zum

Bürgermeister von Sibiu gewählt wurde,

glich die Stadt, die früher einmal Hermannstadt

hieß, einer Ruinenlandschaft.

Die Straßen waren keine Straßen, sondern

Wege aus Lehm. Von den grau-schwarzen

Fassaden bröckelte der Putz, Ziegelsteine

brachen aus den Mauern und krachten auf

die Wege – die Bürger der Karpatenstadt

lebten gefährlich.

Johannis, whiskeyweiches Timbre,

spricht langsam und bedächtig. „Die ersten

Monate war ich viel in Deutschland

und Österreich“, erinnert er sich an den Beginn

seiner Amtszeit. Die Arbeitslosigkeit

Gute Chance auf den Sieg

Wahlkämpfer Johannis in Bukarest

war hoch, die Stadtkasse leer. Also lockte

das frischgewählte Stadtoberhaupt internationale

Unternehmen in die Stadt mit ihren

gut 150 000 Einwohnern. Zahlreiche

Mittelständler investierten, auch große

Unternehmen wie Siemens und Continental

kamen. „Die Restaurierung der Altstadt

haben wir am Ende fast komplett aus unserer

Kasse gezahlt“, sagt Johannis.

Doch jetzt wird es dem deutschstämmigen

Bürgermeister in Siebenbürgen zu eng.

Am 2. November wählen die Rumänen einen

neuen Staatspräsidenten, und Johannis,

der als Kandidat der Liberaldemokraten

antritt, hat gute Chancen auf den Sieg.

In den Umfragen liegt er nur knapp hinter

seinem schärfsten Konkurrenten, dem Sozialisten

Viktor Ponta.

Die Unternehmen

nervt die

Unberechenbarkeit

der Politik

OHNE SCHMIERGELDER

Als die ersten deutschen Unternehmen ihre

Abgesandten nach Sibiu schickten, verschenkte

Johannis keine Zeit. Auf dem großen

Tisch in seinem Büro breitete er eine

Karte der Region aus und zeigte den Managern,

welche Grundstücke die Stadt anbieten

konnte. „Ruhig, ohne viele Worte und

vor allem ohne Fragen nach den in Rumänien

sonst üblichen Schmiergeldern“, erinnert

sich einer, der dabei war.

Heute hat der Deutsche Wirtschaftsclub

Sibiu 180 Mitglieder. Im Kreis Siebenbürgen

sind insgesamt geschätzt 500 deutsche

Unternehmen aktiv. Der Autozulieferer

Marquardt aus dem Schwarzwald etwa

baut in der Karpatenstadt mit gut 2000 Mitarbeitern

Schaltsysteme. Der Continental-

Konzern aus Hannover, der im Jahr 2000

sein erstes Werk in Sibiu eröffnete, beschäftigt

ebenfalls rund 2000 Mitarbeiter. Beide

Unternehmen stocken ihr Personal kontinuierlich

auf. Siemens will seine Mannschaft

von derzeit 400 Mitarbeitern in den

kommenden Jahren ebenfalls erweitern.

Das Ergebnis der regen Investitionstätigkeit:

In Sibiu herrscht praktisch Vollbeschäftigung.

Johannis wurde 2004, 2008

und 2012 mit durchschnittlich 80 Prozent

der Stimmen wiedergewählt – Ergebnisse,

die an die Zeiten des Diktators Nikolae

Ceausescu erinnern.

Natürlich waren die ersten Jahren für Johannis

kein Spaziergang. „Ich habe den gesamten

Verwaltungsapparat unter die Lupe

genommen“, sagt der Bürgermeister,

und seine Miene wird dabei sehr ernst. Wer

damals in Sibiu eine Genehmigung, ein

Formular oder nur eine Auskunft von einem

Beamten brauchte, biss auf Granit;

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA/EPA/ROBERT GHEMENT

32 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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der Apparat war eine Black Box. Johannis

entließ einen Teil der Belegschaft und holte

jüngere Leute in die Stadtverwaltung. Heute

gilt das Rathaus als vorbildlich in Rumänien.

In den Folgejahren sorgt er für einen

modernen Flughafen in der Stadt. Einen

seiner größten Erfolge verbuchte der Kommunalpolitiker

2007: Sibiu wurde neben

Luxemburg Kulturhauptstadt Europas.

WICHTIGES SIGNAL

Für die Brüsseler Politik ist die Kandidatur

Johannis’ ein wichtiges Signal in einem

Land, das mit einem monatlichen Durchschnittslohn

von etwa 400 Euro zum Armenhaus

der EU gehört. Der frühere

Gymnasiallehrer steht für einen Bruch mit

dem alten von Willkür, Filz, Korruption

und fehlender Rechtsstaatlichkeit geprägten

System.

An einem verregneten Oktobernachmittag

steht Elmar Brok, Vorsitzender des Auswärtigen

Ausschusses im Europaparlament,

zusammen mit Johannis in einem

pastellgelb getünchten Saal mit Stuckdecke

im Rathaus. Reporter der lokalen Fernsehsender

haben ihre Kameras aufgebaut,

Zeitungsredaktionen ihre Mitarbeiter geschickt.

Der Raum ist voll. „Ich habe mit

Herrn Johannis anstehende Reformen in

Rumänien besprochen“, erklärt Brok und

fügt hinzu, dass Brüssel die Präsidentschaftskandidatur

des Bürgermeisters ausdrücklich

unterstütze. „Und da gibt es ja eine

schöne Parallele“, schmunzelt der Besucher

aus Brüssel, „Auch Konrad Adenauer

wurde als Oberbürgermeister von Köln

zum Bundeskanzler gewählt.“ Dieser war

damals freilich keine 55 mehr, wie Johannis,

sondern schon 73 Jahre alt.

Doch sollte auch dieser Bürgermeister

am Ende das Rennen machen, stünde er

vor gewaltigen Herausforderungen. Viele

Unternehmen klagen über die Unberechenbarkeit

der Politik. Vor allem die Steuergesetzgebung

nervt die Wirtschaft. Steuersätze

ändern sich oft über Nacht. Dazu

kommen die fehlende Unabhängigkeit der

Justiz und die großen Defizite in der Bildungspolitik.

Vor allem aber müsste er gegen

ein altes, von Filz und Vetternwirtschaft

gekennzeichnetes System in der

Hauptstadt Bukarest ankämpfen. Zu verantworten

hat dies unter anderem der Johannis-Rivale

Ponta, der zurzeit als Ministerpräsident

des Landes regiert.

Johannis, den Weggefährten als „harten

Knochen“ und extrem durchsetzungsstark

beschreiben, fechten solche Bedenken

nicht an. „Auch in Sibiu musste ich gegen

ein altes System kämpfen“, sagt der Bürgermeister.

Er wolle einen anderen Politikstil

in Rumänien, bei dem es nicht mehr auf

Lärm und große Ankündigungen, sondern

auf Taten ankomme, beteuert er zurzeit

landauf, landab.

EIN POSITIVES VORURTEIL

Wie nervös das Ponta-Lager angesichts der

guten Umfragewerte für den deutschstämmigen

Bürgermeister ist, zeigt die Kampagne

gegen ihn. Die Gegner werfen ihm seine

Kinderlosigkeit genauso vor wie seine

Zugehörigkeit zur protestantischen Kirche

– in einem Land, in der die Mehrheit zur orthodoxen

Glaubensrichtung gehört.

Außerdem könne ein Deutscher doch

kaum Staatspräsident in Rumänien werden,

wettern die Sozialisten. Johannis lässt

sich durch solche Attacken nicht aus der

Ruhe bringen. „Im Gegenteil, das ist ein

positives Vorurteil“, lacht der Kandidat. Die

Wähler in Sibiu haben es bewiesen. n

matthias.kamp@wiwo.de | München

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Politik&Weltwirtschaft

Über allem die KP

CHINA | Die Regierung in Peking will den Rechtsstaat stärken – was

auch immer die Kommunistische Partei darunter versteht...

Müde vom Warten auf Reformen Volkspolizisten auf dem Tiananmen-Platz in Peking

Die Bewohner des Dorfes Jinning in

der chinesischen Provinz Yunnan

sahen schließlich keinen Ausweg

mehr. Die Lokalregierung hatte ihnen gegen

eine geringe Entschädigung ihr Land

genommen, lokale Richter hatten dies für

rechtens erklärt. Also bewaffneten sie sich

und griffen die Bauarbeiter an, die auf ihrem

früheren Besitz zugange waren. Am

14. Oktober waren sechs Arbeiter und zwei

Dorfbewohner tot, weitere 18 verletzt.

Bis zu 100 000 sogenannter „Massenvorfälle“

gibt es laut Regierung pro Jahr, bei

zwei Dritteln geht es um beschlagnahmtes

Land: Eine Lokalregierung veräußert Land

an Immobilienunternehmen, um an Geld

zu kommen. Die Entschädigungen, die die

Bauern erhalten, liegen weit unter den gesetzlichen

Vorgaben. Die Richter, oft mit

Parteikadern und Unternehmen verbandelt,

entscheiden in deren Sinne. Die Folge:

Das Vertrauen der Bevölkerung in das

chinesische Justizsystem sinkt.

Seit Montag vergangener Woche saß die

Kommunistische Partei (KP) in Peking

beim Vierten Plenum zusammen und beriet

das Problem. Es ist das erste Mal, dass

sich das Megatreffen ausschließlich mit

Rechtsfragen beschäftigt. Das zeugt von

der Wichtigkeit, die die Führung unter KP-

Chef Xi Jinping dem Thema beimisst. Das

Treffen stand unter dem Motto „Yifa Zhiguo“,

ein Begriff, den man mit „Herrschaft

des Gesetzes“ oder „Rechtsstaatlichkeit“

aber auch mit „Herrschaft durch Gesetze“

übersetzen kann.

Eine wichtige Frage dreht sich darum,

wer überhaupt Richter werden soll. Zwar

hat sich die Ausbildung in den vergangenen

Jahren stark verbessert, noch immer

aber sind viele nur deswegen für den Richterberuf

qualifiziert, weil sie ehemalige

Soldaten der Volksbefreiungsarmee sind

oder über gute Beziehungen verfügen.

Statt der Partei sollen nun künftig Komitees,

bestehend aus Anwälten, Richtern

und Funktionären, über die Eignung eines

Kandidaten entscheiden.

Ändern soll sich auch etwas bei Gerichten

auf lokaler Ebene. „In Zukunft unterstehen

diese den Provinzen“, sagt Moritz

2400

Todesurteile wurden

in China im vergangenen

Jahr vollstreckt

Rudolf vom Mercator Institute for China

Studies in Berlin. „Richter werden dann

unabhängiger von lokalen Kadern agieren

können.“

Internationale Unternehmen plädieren

seit Langem für einen stabileren Rechtsrahmen.

„Das Vertrauen in die Institutionen ist

nicht hoch“, beklagt Jörg Wuttke, Vorsitzender

der Europäischen Handelskammer in

Peking. „Die Unternehmen wünschen sich

weniger Einfluss der Lokalregierungen und

mehr Transparenz der Verfahren.“

Vor allem aber geht es ihnen um eine faire

Anwendung bestehender Gesetze. Als im

Sommer deutsche, amerikanische und japanische

Autobauer wegen Kartellverstößen

angeklagt wurden, gingen chinesische

Konkurrenten straffrei aus. Kein Einzelfall:

Der britische Pharmakonzern GlaxoSmith-

Kline wurde vergangenes Jahr wegen Bestechung

angeklagt. Dass auch chinesische

Unternehmen Ärzten Geld zahlen, damit

die deren Medikamente verschreiben, ist

ein offenes Geheimnis.

Mit den Reformen will Peking erreichen,

dass Gerichte in Zukunft mehr im Sinne

der Zentralregierung handeln. Von einem

Rechtsstaat nach westlicher Art oder gar einer

Verfassung, die auch die KP binden

würde, will man in Peking nichts wissen.

„Es geht nicht um Rechtsstaatlichkeit, sondern

um Recht als Herrschaftsinstrument“,

sagt Rudolf. „Die Gerichte sollen effizienter,

nicht unabhängiger werden.“

KORRUPTE KADER

Denn über allen steht die Partei. So geht Xi

Jinping seit Amtsantritt zwar mit Vehemenz

gegen korrupte Kader in den eigenen

Reihen vor, die Untersuchung der Fälle

aber übernimmt die Partei selbst. Erst nach

dem Ausschluss der Angeklagten aus der

Partei werden sie der Staatsanwaltschaft

übergeben. Die Zahl der Todesurteile wurde

zwar halbiert, doch im vergangenen

Jahr wurden noch immer 2400 solcher Urteile

vollstreckt. Umerziehungslager wurden

abgeschafft – neue Gesetze gegen die

Meinungsfreiheit in Kraft gesetzt.

Wie hart das Recht zuschlagen kann,

zeigt der Fall Ilham Tohti: Am 23. September

wurde der uigurische Wirtschaftsprofessor

wegen „Separatismus“ zu lebenslanger

Haft verurteilt. Dabei galt der 44-Jährige

als gemäßigter Fürsprecher der Uiguren,

der stets für Dialog und Gewaltfreiheit eintrat.

Im Januar schon war Tohti aus seiner

Wohnung entführt worden. Das Gerichtsverfahren

dauerte ganze zwei Tage. n

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai

FOTO: GETTY IMAGES/KEVIN FRAYER

34 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: CHRISTOPHER WOODS, WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, AEDT/WENN.COM

LONDON | Kunst

und Kommerz gehen

in den Galerien

der Stadt Hand in

Hand. Von Yvonne

Esterházy

Indianer

mit Adler

Eine Mischung aus Vorfreude

und Neugier befällt

mich jedes Mal, wenn ich

durch die Glastüren ins Innere

der Tate Modern,

meines Londoner Lieblingsmuseums,

gehe: Diesmal werde ich

auf besonders ungewöhnliche Weise überrascht.

Die Tate zeigt eine Retrospektive

des Künstlers Sigmar Polke, der, wie Gerhard

Richter, seine Laufbahn in Düsseldorf

begann. Beim Streifzug durch 14 Räume

voller Humor, Provokation und verrückten

Ideen fällt ein schwarz gekleideter Mann

auf. Er läuft mit einer kleinen Kamera herum

und macht Fotos. Es ist Georg Polke,

Sohn des verstorbenen Malers. „Sigmar“,

sagt er, wenn er über seinen Vater spricht.

Polke war erst 19 Jahre, als der Sohn

geboren wurde, das Verhältnis war

freundschaftlich. Georg stellte seinem

Vater den Popstar David Bowie vor, in

Berlin verband sie später eine enge

Freundschaft. Polke senior, erzählt Georg,

war auch befreundet mit Mitgliedern

von Pink Floyd. Syd Barrett, ein verstorbenes

Mitglied der Band, habe einst Polke-Bilder

gekauft. Deren Wert dürfte kräftig

gestiegen sein: Das Auktionshaus

Christie’s versteigerte soeben fünf Polke-

Gemälde aus der Sammlung des Industriellen

Karlheinz Essl für knapp 21 Millionen

Euro – doppelt so viel wie erwartet.

Glanzpunkt war der „Indianer mit Adler“

mit einem Preis von 6,5 Millionen Euro.

„Das war zu wenig“ sagt Georg,

„schließlich war das ein Schlüsselwerk.“

Die Auktion selbst sparte er sich: „ich

schau mir hinterher nur an, was es gebracht

hat.“ Die Werke seines Vaters seien

unterbewertet, sagt er. Wen wundert’s?

Yvonne Esterházy ist London-Korrespondentin

der WirtschaftsWoche.

BERLIN INTERN | Deutsche Diplomaten drängen in

die Wirtschaft. Nach der Pensionierung wollen sie

ihren schwarz-rot-goldenen Dienst versilbern. Von

Henning Krumrey

Mammon statt Mumie

Ran ans Geschäft Berater von der Planitz

(r.) mit Mittelstandspräsident Mario Ohoven

Früher war das Pensionärsleben

der Ex-Diplomaten überschaubar.

Man war Mitglied in den Freundesgesellschaften

jener Länder, in

denen man stationiert gewesen war,

schaute vielleicht gelegentlich bei Veranstaltungen

der Deutschen Gesellschaft für

Auswärtige Politik vorbei und engagierte

sich ehrenamtlich für Fragen der Bildung

oder Völkerverständigung. Und einmal im

Jahr ging man zum „Mumientreff“, so

heißt das Seniorenkränzchen des Auswärtigen

Dienstes despektierlich unter den

Aktiven im Ministerium.

Heute ist alles anders. Die Ex-Diplomaten

sind rüstig, voller Tatendrang – und stoßen

auf wachsenden Bedarf der Wirtschaft. Wer

den Erfahrungsschatz zwischen Etat und

Etikette anzapfen will, klickt einfach auf

„Diploconsult.de“ , und schon öffnet sich

die Expertise für den zahlenden Kunden.

Auf der gemeinsamen Internet-Seite verdingen

sich 26 Ruheständler des Auswärtigen

Dienstes als Experten für ihre früheren

Stationierungsorte, für Fachprobleme und

fürs Protokollarische. Manche von ihnen betreiben

auch eigene Firmen. Bernd Mützelburg

beispielsweise, der Sicherheitsberater

von SPD-Kanzler Gerhard Schröder und zuletzt

Botschafter in Neu-Dehli, hat die „Ambassadors

Associates – International Networking

GmbH“ gegründet. Bernhard Edler

von der Planitz bietet mit seiner Firma Planitz&Partner

auch Schulung in gesellschaftlicher

Etikette, schließlich war er jahrelang

Protokollchef der Bundesregierung.

Als Einzelkämpfer empfiehlt sich Michael

Gerdts, der im Herbst 2012 aus dem Amte

schied. Gerade hat der frühere Pressesprecher

von Außenminister Klaus Kinkel eine

größere Studie über Investitionsmöglichkeiten

in Kenia für ein großes deutsches Industrieunternehmen

fertiggestellt. Nairobi war

nämlich Gerdts’ erste Auslandsstation nach

der aufreibenden Zeit an der Seite Kinkels.

Später kamen noch Auslandsposten in Polen

und Italien dazu. „Wir Diplomaten sind

darauf getrimmt, uns in die Mentalität des

Gegenübers einzudenken“, wirbt er für den

Erfahrungsschatz seiner Zunft. „Der größte

Fehler deutscher Unternehmen besteht darin,

ganz geradeaus einen fairen Vorschlag

auf den Tisch zu legen und zu erwarten,

dass die Gesprächspartner den auch gut

finden müssen.“

Exponent diplomatischer Wiederverwertung

ist Wolfgang Ischinger. Als Botschafter

in Washington brillierte er und konnte

Schröders Nein zum Irakkrieg fast in eine

politische Glanzleistung ummünzen. Ischinger

blieb einfach in seiner internationalen

Mission und wechselte 2008 nur den Arbeitgeber

vom Auswärtigen Amt zur Allianz

SE. Noch heute ist er dort zuständig für

die Regierungsbeziehungen in aller Welt.

Joachim Bitterlich tat es ihm bald nach.

Den Sicherheitsberater von Helmut Kohl

verschlug es 1998 nach dem Regierungswechsel

zu Rot-Grün aus dem Kanzleramt

zunächst zur Nato nach Brüssel und dann

nach Madrid. Aus dem einstweiligen Ruhestand

verdingte sich der gebürtige Saarländer,

verheiratet mit einer Französin, beim

französischen Wasser- und Verkehrskonzern

Veolia, wo er bis 2012 blieb.

Auch die Deutsche Bank sicherte sich

mit Thomas Mattussek die Dienste eines

Spitzendiplomaten, der vom Büroleiter Kinkels

zum Botschafter in Großbritannien, bei

den Vereinten Nationen und in Indien aufgestiegen

war. Das Frankfurter Geldhaus

machte den Junggebliebenen zum Cheflobbyisten.

Heute leitet er die Alfred-Herrhausen-Gesellschaft,

den gesellschaftspolitischen

Arm der Bank. Ganz diplomatisch.

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 35

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Die EZB erwägt,

demnächst auch Unternehmensanleihen

zu kaufen. Das wäre ein

Riesenfehler. Von Malte Fischer

Der Staatskredit

Es sieht nicht gut aus für

Europa. Die Wirtschaft

stagniert, die Arbeitslosigkeit

ist hoch, und

die Staatsschulden steigen.

Kein Wunder, dass der Druck

auf die Währungshüter der Europäischen

Zentralbank (EZB)

zunimmt, der Wirtschaft erneut

unter die Arme zu greifen. Zumal

die Inflation mit 0,3 Prozent

deutlich unter dem Zielwert

der EZB von knapp zwei

Prozent liegt. Anfang vergangener

Woche begann die EZB

damit, Pfandbriefe zu kaufen.

Bald folgen mit Krediten besicherte

Wertpapiere (ABS).

Doch damit dürfte das Ende der

Fahnenstange noch nicht erreicht

sein. In den vergangenen

Tagen sickerte durch, dass die

Zentralbanker erwägen, auch

Unternehmensanleihen zu

kaufen, um ihre Bilanz auszuweiten.

Die Vertreter der Finanzindustrie,

die die EZB seit

Langem drängen, die Notenpresse

noch schneller rotieren

zu lassen, dürften sich die Hände

reiben. Der Wirtschaft der

Euro-Zone aber drohte damit

ein ökonomisches Desaster.

IN DIE RÖHRE GEGUCKT

Anders als der Verkauf von ABS,

der in den Bilanzen der Banken

einen Aktivtausch auslöst

(Zentralbankgeld gegen ABS),

schreiben die Banken beim

Erwerb von Unternehmensanleihen

durch die EZB den Firmen

den Gegenwert der von ihnen

verkauften Papiere auf den Konten

gut. So fließt das Geld direkt

in die Wirtschaft. Höhere Preise

und eine massive Umverteilung

von Einkommen und Vermögen

sind die Folgen. Die Unternehmen,

die das frische Geld als

Erste empfangen, können sich

zu niedrigen Preisen mit Waren

und Diensten eindecken –

der so genannte Cantillon-

Effekt. Arbeitnehmer, Rentner

und Transferempfänger, die das

frische Geld als Letzte erhalten,

gucken in die Röhre. Sie können

erst dann kaufen, wenn die Preise

gestiegen sind.

Der Erwerb von Unternehmensanleihen

durch die EZB

läuft zudem auf die Verstaatlichung

des Kredits hinaus. Die

beamteten Euro-Hüter würden

entscheiden, welche Unternehmen

in den Genuss von Krediten

kämen – und welche nicht.

Der ohnehin weit fortgeschrittene

Marsch in die monetäre

Planwirtschaft beschleunigte

sich.

BOOM-BUST-ZYKLEN

Dazu kommt: Durch den Kauf

von Anleihen drückte die EZB

die Finanzierungskosten der Betriebe

nach unten. Das löst Investitionen

aus, die sich unter

normalen Umständen nicht lohnen.

Damit drohte ein neuer

Boom-Bust-Zyklus, der schnurstracks

in die nächste Krise

führt. Können die Firmen ihre

Anleihen dann nicht mehr bedienen,

müssen die Steuerzahler

– über die Bilanz der EZB –

die Verluste tragen.

Ohnehin stellt sich die Frage,

wem die Käufe von Unternehmensanleihen

dienen sollen.

Kleinere Betriebe mit Kreditschwierigkeiten

dürften kaum

profitieren. Sie sind zu klein, um

Anleihen zu emittieren. Begünstigt

wären nur Großunternehmen,

die derzeit aber nicht unter

Kreditschwierigkeiten leiden.

Die EZB sollte daher die Finger

von Unternehmensanleihen

lassen. Sie richtete mit deren

Erwerb zu viel Schaden an.

NEW ECONOMICS

Joggen für mehr Gehalt

Freizeitsportler können langfristig auf höhere Einkommen

hoffen als Bewegungsmuffel. Allerdings müssen

sie sich dafür ins Zeug legen, sagt eine neue Studie.

Mediziner sind sich einig: Sport

ist gut für die Gesundheit. Doch

macht er Arbeitnehmer auch

produktiver? Einerseits fördern

sportliche Aktivitäten Teamwork

und Selbstdisziplin, andererseits

kostet körperliche

Aktivität nun mal Zeit, die an

anderer Stelle abgeht.

Weil belastbare Zahlen fehlten,

konnten Ökonomen zu dieser

Frage bisher wenig beitragen.

Langzeitdaten von 1994 bis 2008,

die sowohl Gehälter als auch das

sportliche Engagement von eingangs

22- bis 40-jährigen Kanadiern

abbilden, haben es Michael

Lechner von der Universität

St. Gallen und Nazmi Sari von

der University of Saskatchewan

nun erstmals ermöglicht, einen

Zusammenhang zwischen Freizeitgestaltung

und Verdienst herzustellen.*

Die zentrale Erkenntnis

der beiden Ökonomen: Sport

erhöht mittelfristig das Einkommen.

Nach acht bis zwölf Jahren

können Freizeitsportler mit 10

bis 20 Prozent höheren Einkommen

rechnen als Bewegungsmuffel.

Dies entspricht ungefähr

dem Effekt von zwei zusätzlichen

Schuljahren. Anzeichen für Karrieresprünge

fehlen dagegen:

Einen Zusammenhang mit Beförderungen

stellen die beiden

Forscher nicht fest. Und auch ein

Zusammenhang zwischen der

Arbeitszeit und dem Sport fehlt.

Die Forscher arbeiteten mit

einer Stichprobe, die der kanadischen

Gesamtbevölkerung entspricht.

Im Abschlussjahr waren

50 Prozent der Bevölkerung körperlich

nicht aktiv, 25 Prozent

leicht aktiv und 25 Prozent richtig

sportlich. Die Bewegungsgewohnheiten

in Kanada dürften

* Michael Lechner, Nazmi Sari: Labor

Market Effects of Sports and Exercise:

Evidence from Canadian Panel Data,

IZA, DP Nr. 7931, 2014

Guck mal, Chef! Freizeitläufer

beim Marathon in Freiburg

denen in anderen Industrieländern

entsprechen, schreiben

die Autoren.

„Leichte Aktivität“ liegt vor bei

einem Energieverbrauch von

1,5 bis 3,0 Kilokalorien pro Kilogramm

Körpergewicht, höhere

Werte garantierten die Einordnung

in die sportliche Kategorie.

Signifikante Auswirkungen auf

das Gehalt stellen sich interessanterweise

nur bei jenen Arbeitnehmern

ein, die sich richtig

ins Zeug legen. Wer nur mäßig

Sport treibt, kann keinen Gehaltsaufschlag

erwarten.

Die genauen Ursachen für die

statistische Korrelation zwischen

Sportlichkeit und Gehalt

kann die Studie allerdings nicht

benennen. Zudem habe womöglich

der eine oder andere in

den zugrunde liegenden Umfragen

das Ausmaß seiner sportlichen

Aktivitäten etwas übertrieben,

mutmaßen die Forscher.

Verfeinerte Untersuchungen

seien daher sinnvoll – nicht

zuletzt auch zur Art der körperlichen

Betätigung. So fördere

ein Mannschaftssport spezielle

Fähigkeiten, die auf dem Arbeitsmarkt

honoriert werden –

was beim regelmäßigen Besuch

in einer Muckibude nicht

zwingend der Fall sein muss.

Diese qualitativen Effekte konnten

die Forscher noch nicht

berücksichtigen.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, ACTION PRESS/IMAGEBROKER

36 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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KONJUNKTUR DEUTSCHLAND

Schwacher Euro

freut die Exporteure

Die Perspektiven für die deutsche

Exportwirtschaft haben

sich wieder etwas aufgehellt.

Der vom Münchner ifo Institut

exklusiv für die WirtschaftsWoche

erstellte Exportklimaindex

ist im September nach drei

Rückgängen in Folge wieder gestiegen

und erreicht aktuell 0,35

Saldenpunkte (siehe Grafik).

Der Indikator bündelt den realen

Außenwert des Euro – also

die preisliche Wettbewerbsfähigkeit

der Ausfuhrwirtschaft –

sowie das Konsum- und Geschäftsklima

auf unseren wichtigsten

Absatzmärkten.

Grund für den Anstieg war

vor allem die relativ starke Abwertung

des Euro, der gegenüber

dem Dollar um 3,1 Prozent

nachgab. Dämpfend auf die

Wettbewerbsfähigkeit wirkte

allerdings, dass die Preise in

Deutschland stärker stiegen als

in fast allen wichtigen Handelspartnerländern.

Die Stimmung der Unternehmen

und Haushalte hat sich in

vielen Industrienationen gegenüber

dem Vormonat stabilisiert.

In Frankreich etwa legte

das Geschäftsklima im September

überraschend deutlich zu.

Gleichwohl ist angesichts der

aktuellen geopolitischen Krisen

nach wie vor Verunsicherung

zu spüren. Die Exporterwartungen

der deutschen Unternehmen

im verarbeitenden Gewerbe

fielen im September um 4,2

auf 1,5 Saldenpunkte. Vor allem

die Autobranche befürchtet

schlechtere Auslandsgeschäfte,

aber auch die Produzenten von

elektrischen Ausrüstungen,

Maschinen und Chemieerzeugnissen

sind pessimistischer gestimmt.

Mit Spannung warten Analysten

daher auf den 7. November:

Talfahrt gestoppt

Exportklima und Ausfuhren

0,25

0,20

0,15

0,10

0,05

0

–0,05

–0,10

–0,15

–0,20

–0,25

Exporte (real,

saisonbereinigt,

Veränderung zum

Vorjahr in Prozent)

An diesem Tag gibt das Statistische

Bundesamt in Wiesbaden

die Exportzahlen für September

bekannt. Im August waren die

Auslandsbestellungen im verarbeitenden

Gewerbe gegenüber

dem Vormonat um zwei Prozent

gesunken. Der Maschinenbau

meldete gar ein Minus von

neun Prozent.

Exportklimaindikator

1

¹ Geschäfts- und Konsumklima auf den wichtigsten Absatzmärkten Deutschlands sowie

realer Außenwert des Euro (Indexpunkte); Quelle: ifo

bert.losse@wiwo.de

2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014

1,5

1,0

0,5

0

–0,5

–1,0

–1,5

–2,0

–2,5

–3,0

–3,5

Industrie wieder

optimistischer

Die deutsche Industrie präsentiert

sich robuster als erwartet:

Der vom Forschungsinstitut

Markit erhobene Einkaufsmanagerindex

stieg im Oktober

überraschend um 1,9 auf 51,8

Zähler. Der Frühindikator liegt

damit wieder über der Marke

von 50 Punkten, ab der gemeinhin

eine Expansion einsetzt.

Der Index für den Dienstleistungssektor

sank um 0,9 auf

54,8 Zähler.

Derweil scheint – zumindest

bei gewerblichen Produkten –

die Deflation in Deutschland

angekommen zu sein: Die

Erzeugerpreise gaben im September

um 1,0 Prozent gegenüber

dem Vorjahresmonat

nach. Im Vergleich zum August

blieben die Preise unverändert.

Einen besonders großen Rückgang

gab es im Energiebereich

(minus 3,8 Prozent). Vorleistungsgüter

waren um 0,3 Prozent

billiger.

Volkswirtschaftliche

Gesamtrechnung

Real. Bruttoinlandsprodukt

Privater Konsum

Staatskonsum

Ausrüstungsinvestitionen

Bauinvestitionen

Sonstige Anlagen

Ausfuhren

Einfuhren

Arbeitsmarkt,

Produktion und Preise

Industrieproduktion 1

Auftragseingänge 1

Einzelhandelsumsatz 1

Exporte 2

ifo-Geschäftsklimaindex

Einkaufsmanagerindex Industrie

GfK-Konsumklimaindex

Verbraucherpreise 3

Erzeugerpreise 3

Importpreise 3

Arbeitslosenzahl 4

Offene Stellen 4

Beschäftigte 4, 5

2012 2013

Durchschnitt

0,4

0,8

1,0

–4,0

–1,4

3,4

3,2

1,4

2012 2013

Durchschnitt

–0,9

–4,2

0,1

3,3

105,0

46,7

5,9

2,0

1,6

2,1

2896

478

29355

0,1

0,9

0,4

–2,4

–0,2

3,0

0,9

1,5

–0,2

2,5

0,2

–0,2

106,9

50,6

6,5

1,5

–0,1

–2,5

2950

458

29722

II/13 III/13 IV/13 I/14 II/14

Veränderung zum Vorquartal in Prozent

0,8

0,6

0,0

2,3

3,0

0,0

1,4

1,3

Juni

2014

0,4

–2,5

1,1

1,0

109,7

52,0

8,6

1,0

–0,8

–1,2

2913

482

30233

1 Volumen, produzierendes Gewerbe, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 2 nominal, Veränderung zum Vormonat in

Prozent; 3 Veränderung zum Vorjahr in Prozent; 4 in Tausend, saisonbereinigt; 5 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte;

alle Angaben bis auf Vorjahresvergleiche saisonbereinigt; Quelle: Thomson Reuters

0,3

0,7

0,6

–0,5

1,8

0,2

0,7

1,7

Juli

2014

1,6

4,9

–0,9

4,8

108,0

52,4

8,9

0,8

–0,8

–1,7

2902

484

30263

0,5

–0,8

–0,1

2,1

0,7

0,2

1,7

0,7

Aug.

2014

–4,0

–5,7

1,5

–5,8

106,3

51,4

8,9

0,8

–0,8

–1,9

2905

494


0,7

0,8

0,4

2,1

4,1

1,2

0,0

0,5

Sept.

2014





104,7

49,9

8,6

0,8

–1,0


2918

500


–0,2

0,1

0,1

–0,4

–4,2

0,1

0,9

1,6

Okt.

2014






51,8

8,3







Letztes Quartal

zum Vorjahr

in Prozent

0,8

1,0

1,0

2,1

0,7

1,6

2,5

4,1

Letzter Monat

zum Vorjahr

in Prozent

–5,9

–4,2

–0,7

–1,0

–3,1

0,2

16,9




–1,6

9,7

1,8

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 37

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Der Volkswirt

NACHGEFRAGT Paul Sheard

»Aggressiver eingreifen«

Der globale Chef-Ökonom der US-Ratingagentur

S&P warnt vor einer neuen Euro-Krise und fordert

eine noch expansivere Geldpolitik der EZB.

Mr. Sheard, Ihre Ratingagentur

hat gerade den Ausblick für

Frankreich von stabil auf negativ

geändert und die Kreditwürdigkeit

von Finnland um eine

Stufe gesenkt. Stehen wir vor

der nächsten Krise in Europa?

Es besteht ein augenfälliges

Risiko einer neuen Rezession in

Europa. Die ökonomischen

Bedingungen sind alarmierend:

anhaltend niedrige Inflation,

kaum Wachstum, hohe Arbeitslosenzahlen.

In der Euro-Zone

rechnen wir nur noch mit einem

Wachstum von einem Prozent in

diesem und von 1,4 Prozent im

kommenden Jahr.

Wann senken Sie den Daumen

über Deutschland?

Die Entwicklung in Deutschland

ist nicht erfreulich. Die

Wirtschaft stagniert. Politiker in

ganz Europa sollten sich darum

kümmern, eine neue Rezession

zu verhindern. Eine Krise entsteht

ja nicht über Nacht, das ist

ein schleichender Prozess.

Die Politik kommt allerdings

mit strukturellen Reformen

nicht voran. Stattdessen soll es

die Europäische Zentralbank

richten. Kann die EZB mit einer

immer lockereren Geldpolitik

Europa aus dem Wachstumstief

helfen?

Alle großen Zentralbanken

stehen derzeit zu sehr im Rampenlicht.

Da wird jedes Wort

auf die Goldwaage gelegt und

analysiert. Die Notenbanken

werden kritisiert, dass sie zu

viel tun oder zu wenig – je nachdem,

von welcher politischen

Seite die Attacke kommt. Notenbanken

sollten sich auf ihr

Mandat konzentrieren. Die EZB

hat ein primäres Mandat. Das

lautet, für Preisstabilität zu sorgen.

Sie hat aber noch ein zweites

Mandat, das weniger Aufmerksamkeit

bekommt.

Und das wäre?

In den europäischen Verträgen

ist festgeschrieben: Die EZB

muss mit ihrer Geldpolitik zu

den Zielen der EU beitragen.

Dies sind Ziele wie Vollbeschäftigung

sowie der soziale und

wirtschaftliche Zusammenhalt

DER BEWERTER

Sheard, 59, ist Chief Global Economist

und Leiter der Abteilung

Global Economics and Research

der US-Ratingagentur Standard

& Poor’s Ratings Services.

in Europa. Man kann darüber

diskutieren, wie viel Gewicht

die Notenbank auf diese Ziele

legen sollte. Aber es überrascht

mich, dass dieser Aspekt kaum

eine Rolle spielt.

Was bedeutet das für die Geldpolitik

der EZB?

Sie muss auch auf die Arbeitslosenquote

schauen und sich fragen:

Setzen wir die richtigen

geldpolitischen Instrumente

ein, mit denen wir die Entwicklung

in der Euro-Zone positiv

beeinflussen können, ohne

vom Primärziel der Preisstabilität

abzuweichen?

Und? Erfüllt die EZB das?

Vom primären Mandat der

Preisstabilität – mit einer

Inflationszielrate von rund zwei

Prozent – wie auch von ihrem

sekundären Mandat ist die

EZB meilenweit entfernt. Die

Inflationsrate in der Euro-

Zone liegt bei 0,3 Prozent, die

Arbeitslosenquote im Durchschnitt

bei über elf Prozent.

Die Notenbank muss mehr

machen, um ihre Ziele zu erreichen.

Sie muss aggressiver

eingreifen.

Die Zinsen liegen bereits am

Nullpunkt. Da bleibt nur die

Ausweitung der Bilanz, die sogenannte

quantitative Locke-

Die EZB war bei

der Ausweitung

der Bilanz bisher

zurückhaltend«

rung. Und damit ein weiteres

Anwerfen der Notenpresse...

Quantitative Lockerung ist nötig.

Was die EZB bisher gemacht

hat, ist die Einführung eines negativen

Einlagenzinses. Doch

der ist gar kein „echter“ negativer

Zins, weil der Hauptfinanzierungszins

immer noch bei

fünf Basispunkten liegt. Anders

als die Fed war die EZB bisher

zurückhaltend mit der Ausweitung

der Bilanz. Mit der Ankündigung,

forderungsbesicherte

Wertpapiere (ABS) zu kaufen,

hat sie endlich einen Kurswechsel

vorgenommen.

Dieser Schritt wird von vielen

Experten scharf kritisiert. Die

EZB hat den Banken zudem

bereits Milliarden über langfristige

Kredite zur Verfügung

gestellt – ohne nennenswerte

Effekte auf die Realwirtschaft.

Bei den sogenannten TLTROs

hat die EZB den Banken die

Entscheidung überlassen, wie

sie diese günstige Refinanzierungsmöglichkeit

nutzen. Es

hat sich gezeigt, dass diese Kreditlinien

die Bilanz der EZB

nicht sehr ausgeweitet haben.

Halten Sie den Kauf von ABS

und Pfandbriefen ernsthaft für

den richtigen Weg?

Die Theorie moderner Geldpolitik

besagt, dass sich mit quantitativer

Lockerung finanzielle

Bedingungen verbessern lassen.

Ich weiß, Bundesbank-Präsident

Weidmann hält nichts

von ABS-Käufen, weil sich die

EZB damit Kreditrisiken in die

Bilanz holt. Er hält auch nichts

von Staatsanleihenkäufen.

Und? Finden Sie seine Argumente

so falsch?

Die EZB sollte nicht direkt

Staatsanleihen von Regierungen

einzelner Euro-Länder kaufen.

Das ist tatsächlich direkte

Staatsschuldenfinanzierung.

Wenn aber alle geldpolitischen

Instrumente zu gefährlich sind,

um sie zu nutzen, und eine

Notenbank am besten gar nichts

machen soll, dann signalisiert

sie: Wir sind hilflos, wir können

unser Mandat nicht erfüllen.

angela.hennersdorf@wiwo.de | Frankfurt

FOTO: BLOOMBERG NEWS/PATRICK T. FALLON

38 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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DENKFABRIK | Wo muss die EU aktiv werden, und was sollten die Nationalstaaten lieber

selber regeln? Die Bundesbürger haben dazu eine klare Meinung: Eingriffe ins Steuerund

Sozialsystem soll sich Brüssel verkneifen – dafür aber in der Außen- und Haushaltspolitik

sowie bei der Zuwanderung einheitliche Regeln durchsetzen. Von Renate Köcher

Die Deutschen und Europa

FOTO: PR

Die europäische Ebene

steht in Deutschland

seit Langem

unter dem Verdacht,

mehr regeln zu wollen, als sinnvoll

ist. Die Mehrheit der Bevölkerung

wirft der Europäischen

Union vor, sich zu sehr in nationale

Belange einzumischen.

Entsprechend können sich die

meisten Bürger oft auch nicht

für Vorschläge erwärmen, noch

mehr Kompetenzen auf die europäische

Ebene zu verlagern.

Lediglich 17 Prozent halten es

zum Beispiel für sinnvoll, Brüssel

und Straßburg mehr Befugnisse

in der Steuer- und Wirtschaftspolitik

zu übertragen,

wie es im Zusammenhang mit

der Bekämpfung der Krise in

der Euro-Zone im Gespräch ist.

Wenn jedoch differenzierter

diskutiert wird, wie eine sinnvolle

Aufgabenteilung zwischen

europäischer und nationaler

Ebene aussehen könnte, zeigt

sich, dass die Mehrheit der

Bürger durchaus wichtige Entscheidungen

auf europäischer

Ebene ansiedeln möchte. Das

gilt vor allem für die Außen- und

Sicherheitspolitik und für die

Festlegung von Schuldengrenzen.

Drei Viertel der Bürger

halten es für sinnvoll, wenn die

Mitgliedsländer in der Außenund

Sicherheitspolitik keine

Alleingänge machen, sondern

sich auf eine gemeinsame Linie

verständigen. 71 Prozent unterstützen

europäische Vorgaben,

wie stark sich die einzelnen

Staaten verschulden dürfen

(siehe Grafik).

Die Vermutung liegt nahe,

dass dieser breite Konsens unter

dem Eindruck der Krise in

der Euro-Zone entstanden oder

zumindest gewachsen ist. Das

ist interessanterweise jedoch

nicht der Fall. Schon vor einem

guten Jahrzehnt sprachen sich

sieben von zehn Bürgern für einheitliche

europäische Schuldengrenzen

aus. Die Unterstützung

schwankte in den vergangenen

zehn Jahren lediglich in der engen

Bandbreite zwischen 71 und 79

Prozent.

Die Mehrheit plädiert zudem für

eine europäische Regelung von

Bildungsabschlüssen an Schulen

und Universitäten sowie beim

Arbeitsschutz und der Zuwanderung.

Hier haben sich die Einstel-

Differenziertes Urteil

und Krisengebieten der Welt finden

muss.

Auf der anderen Seite gibt es

Bereiche, die eine große Mehrheit

gegen den Einfluss aus Brüssel

abschotten möchte. Das gilt für

die Steuerpolitik und weite Teile

der Sozialpolitik. 63 Prozent der

Bürger votieren für eine nationale

Regelung von Steuern und Abgaben,

68 Prozent wollen auch bei

der Festlegung von Ansprüchen

auf Sozialleistungen keine Mitsprache

der EU. Auf diesen Feldern

ist die Mehrheit überzeugt,

dass viel auf dem Spiel steht, das

Was sollte man europäisch regeln – und was sollte in nationaler

Verantwortung bleiben? (Angaben in Prozent)

National regeln

15

20

40

40

40

63

68

Quelle: Allensbacher Archiv

Außen- und Sicherheitspolitik

Maximale Schuldenhöhe

Zuwanderung

Arbeitsschutz

Abschlüsse an Schulen

und Universitäten

Höhe der Steuern und Abgaben

Sozialleistungen

(Umfang, Berechtigte)

Europäisch regeln

76

71

53

52

52

27

24

lungen in letzter Zeit teilweise

deutlich verändert. Zwischen

2003 und 2013 sprach sich immer

eine relative Mehrheit für nationale

Zuwanderungsregelungen

aus, jetzt erstmals nur eine Minderheit:

53 Prozent votieren für

eine europaweit harmonisierte

Zuwanderungspolitik, nur noch

40 Prozent für nationale Lösungen.

Die Zuspitzung des Flüchtlingsproblems

hat hier viele

Bürger umgestimmt. Immer mehr

Menschen erkennen, dass ein Europa,

das im Innern kaum noch

Grenzen kennt, gemeinsam eine

Lösung für die anschwellenden

Flüchtlingsströme aus den Kriegsunmittelbar

ihre eigenen Interessen

berührt. Die Vorstellung, dass

eine ferne europäische Ebene, auf

die der Wähler kaum Einfluss hat,

Steuerlasten und Sozialleistungen

regelt, ist den meisten unheimlich.

Die Bürger wissen, dass die

nationale Politik bei der Festlegung

von Steuern und Abgaben

oder bei Reformen der sozialen Sicherungssysteme

immer auch die

Akzeptanz ihrer Wähler im Blick

haben muss – und sehen darin einen

Garanten für eine Politik, die

ihre Interessen berücksichtigt.

Insgesamt haben die meisten

Bundesbürger nicht den Eindruck,

dass die deutschen Inte-

ressen in Europa zu kurz kommen.

Nur jeder Dritte wünscht

sich von der Bundesregierung

eine konsequentere Vertretung

deutscher Interessen. Der Einfluss

Deutschlands wird als

groß wahrgenommen – in Europa

und darüber hinaus. Heute

sind 70 Prozent der Bürger

überzeugt, dass Deutschland

auch jenseits von Europas

Grenzen einen großen Einfluss

hat.

WICHTIGE ROLLE

Die meisten stellen dabei einen

direkten Zusammenhang mit

der Mitgliedschaft in der EU

her, da Deutschland in anderen

Weltregionen meist nicht nur als

einzelne Nation, sondern auch

als wichtigstes Land und Einflussfaktor

in der EU wahrgenommen

wird. Entsprechend ist

die Mehrheit überzeugt, dass

die internationalen Einflussmöglichkeiten

Deutschlands

wesentlich mit der Mitgliedschaft

und Rolle in der EU verknüpft

sind.

Grundsätzliche Zweifel, ob

die europäische Integration der

richtige Weg ist, hat nur eine

Minderheit – allerdings ist die

Gruppe der Skeptiker mit einem

Anteil von 23 Prozent durchaus

ernst zu nehmen. Die Mehrheit

der Deutschen kritisiert zwar

bestimmte Maßnahmen und

Regelungsansprüche der EU,

zweifelt aber nicht grundsätzlich

daran, dass die Zukunft

der europäischen Staaten im

europäischen Verbund liegt.

Renate Köcher ist Geschäftsführerin

des Instituts für Demoskopie

Allensbach und Mitglied

des Aufsichtsrates mehrerer

Dax-Unternehmen.

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 39

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Unternehmen&Märkte

Gute Gier gegen

schlechte Gier

WHISTLEBLOWER | Staatliche Prämien für Beschäftigte,

die gesetzwidriges Verhalten des Arbeitgebers melden,

machen in den USA aus Tippgebern Millionäre. Die

Unternehmen laufen Sturm gegen das Belohnungs-System.

Es ist noch warm in Washington.

Die Aktivisten, die sich im Garten

einer Villa unweit des Kapitols

zu ihrem Jahrestreffen versammelt

haben, suchen den

Schatten. Viele haben ihre zerknautschten

Sakkos abgelegt und die Hemdsärmel aufgekrempelt.

Der eine hat gegen Rassismus

in Behörden aufbegehrt, der andere

Lauschattacken von Geheimdiensten enthüllt

– und dafür gebüßt. Gesichtszüge lassen

den Jobverlust, private Zerwürfnisse

und zermürbende Gerichtsverfahren erahnen,

die so mancher erlitten hat.

Einer passt nicht so recht ins Bild. Bradley

Charles Birkenfeld – hochwertiges

Tuch, markantes Gesicht – hat mit einer

kleinen Entourage ein paar Stühle gekapert

und beobachtet locker-interessiert das

Treiben. Auch der 49-Jährige hat aufbegehrt,

nämlich gegen seinen früheren Arbeitgeber,

die Schweizer Bank UBS. Auch

er hat etwas verraten: dass die eidgenössische

Nobelbank Geld amerikanischer

Steuerhinterzieher vor dem US-Fiskus auf

Konten in der Alpenrepublik versteckt hat.

Und auch er hat dafür seinen Job verloren.

Doch Birkenfeld ist die Ruhe in Person.

Denn er hat nicht nur vieles verloren, sondern

auch einiges gewonnen: 104 Millionen

Dollar bezahlte ihm 2012 die US-Steuerbehörde

IRS für seine Insiderinformationen

über amerikanische Steuersünderkonten

in der Schweiz. Birkenfeld ist also

Multimillionär – und wird zugleich als Robin

Hood verehrt. Eine kurze Rede vor den

Aktivisten, ein Preis, Applaus – dann rauschen

er und seine Freunde wieder ab.

Leute wie Birkenfeld haben Hochkonjunktur

in den USA. Während in Berlin die

schwarz-rote Koalition über den gesetzlichen

Schutz von Hinweisgebern ergebnislos

streitet, ist jenseits des Atlantiks daraus

ein Zig-Millionen-Geschäft geworden.

Whistleblowing oder Tippgeben, wie der

Verrat gesetzeswidrigen Verhaltens in Unternehmen

und Behörden auf Deutsch

heißt, nagt nicht nur an Konzernkassen,

sondern schafft zugleich eine neue Klasse

der Millionäre: Wer einer staatlichen Aufsichtsbehörde,

ob für Börse, Militär oder

Verbraucherschutz, ein Vergehen des Arbeitgebers

gegen Vorschriften meldet, bekommt

dafür eine Prämie in bis zu dreistelliger

Millionenhöhe. Mit von der Partie

sind Anwälte, die sich auf das Metier spezialisiert

haben und ihren Anteil an der Belohnung

abgreifen.

„Whistleblowing ist zum Big Business

geworden, für die Informanten, für ihre

Rechtsanwälte und für den Staat, dem die

zu erwartenden Bußgeldmilliarden nicht

ungelegen kommen“, sagt Tom Devine,

Rechtsanwalt und einer der wichtigsten

Whistleblowing-Experten der USA. „Es ist

ein Goldrausch, aber ich kann nichts

Schlechtes daran erkennen.“

Auslöser für den Run auf die neuen Nuggets

ist vor allem der Dodd-Frank-Act aus

dem Jahr 2011. Das nach den beiden demokratischen

US-Politikern Chris Dodd

und Barney Frank benannte Gesetz zur

Zähmung der Finanzmärkte ermächtigt

die US-Börsenaufsicht SEC wie die Steuerkontrolleure

von der IRS und andere Behörden,

Whistleblower für ihren Geheimnisverrat

mit Prämien zu belohnen. Tipps,

die zu Strafen von mindestens einer Million

Dollar führen, honoriert die SEC mit 10

bis 30 Prozent der Bußgeldsumme.

»

Die Ruhe in Person

Der Ex-UBS-Banker

Charles Birkenfeld

lieferte den US-

Behörden die entscheidenden

Informationen

für den Angriff

auf die Steueroase

Schweiz – und bekam

104 Millionen Dollar

Belohnung

40 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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FOTO: GASPER TRINGALE

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 41

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Unternehmen&Märkte

»

Weil die mächtigste Börsenaufsicht der

Welt häufig sechsstellige Millionen- und

mitunter sogar Milliardenstrafen verhängt,

hat sich eine regelrechte Whistleblowing-

Branche entwickelt. Mehr als 7000 Informanten

aus den USA und 68 weiteren Ländern

haben die Börsenchecker seit 2011

mit Insider-Informationen über Regelverstöße

ihrer Arbeitgeber geflutet. SEC-Chefin

Mary Jo White pries vergangene Woche

das „enorm erfolgreiche Whistleblower-

Programm, das sehr signifikante Informationen

über schwere Verbrechen liefert“.

Drei Jahre nach dem Inkrafttreten des

Gesetzes zeigt die Statistik, dass das staatlich

geförderte Ausplaudern zunehmend

Betrüger, Bestecher und Berufsmanipulateure

in Unternehmen auffliegen lässt. Aus

Tausenden von Anzeigen hat die SEC bislang

etliche Hundert besonders viel versprechende

ausgewählt und verfolgt. 431

davon mündeten bis Ende 2013 in Verfahren,

die zu Strafen von einer Million Dollar

oder mehr geführt haben.

Die meisten der erfolgreichen Whistleblower

erhielten Prämien unter einer Million

Dollar. Doch die Fälle üppiger Zahlungen

nehmen zu. Einem Tippgeber, der eine

Immobilienbetrügerei meldete, überwies

die SEC im vergangenen Jahr 14 Millionen

Dollar. Vor einigen Wochen transferierte

die Behörde 30 Millionen Dollar auf ein

Konto außerhalb der USA. Es war der erste

SEC-Whistleblower, der aus dem Ausland

Tipps lieferte. Weitere Multimillionenprämien

hat die Behörde angekündigt.

„Das Gesetz funktioniert“, frohlockt die

SEC. Ihre Pipeline sei prall gefüllt mit

hochkarätigen Fällen. Die neue Generation

der Whistleblower sei gut informiert, hoch

spezialisiert und für die Fahnder unverzichtbar.

„Der Staat käme allein nie an diese

Informationen“, verlautet es aus der Behörde:

„Womöglich sind diese Whistleblower

das schärfste Schwert im Kampf

gegen Wirtschaftskriminalität.“

HEIMAT DES WHISTLEBLOWING

Dass der Whistleblower-Millionär in den

Vereinigten Staaten erfunden wurde, ist

kein Zufall. Die USA sind das Mutterland

des Whistleblowing. Früher als jede andere

Nation haben die Vereinigten Staaten erkannt,

wie nützlich Hinweisgeber für die

Strafverfolgung sein können. Schon 1778,

da waren die USA gerade zwei Jahre alt,

wurde das erste Gesetz zu ihrem Schutz

verabschiedet. Auslöser war die Diskriminierung

zweier Soldaten, die Missstände in

der Kriegsmarine angezeigt hatten. 1863

Wertvolle Tipps

Entwicklung des Whistleblower-Programms

der US-Börsenaufsicht SEC

334

2011

3001

Am häufigsten angezeigte Gesetzesverstöße

2013

557

553

525

196

168

149

105

Whistleblower

Insiderhandel

Verstöße gegen Berichtspflichten

Betrug

Marktmanipulation

Verstöße gegen Handelsvorschriften/Preisbildung

Korruption

3238

Belohnungen für Whistleblower

(in Dollar)

45739

14,8 Mio.

2012 2013 2012 2013 2014*

Betrug mit nicht registrierten Wertpapieren

31,7 Mio.

Strafen und Vermögensabschöpfungen nach

Whistleblowing- und sonstigen Verfahren

durch die SEC

Zahl der Verfahren

Strafen und Vermögensabschöpfungen

(in Milliarden Dollar)

735 2,8 734 3,1 686 3,4 755 4,2

2011 2012

* bis September; Quelle: SEC

2013 2014*

folgte ein weiteres Gesetz: Die Regierung

musste während des Bürgerkriegs Betrug

durch Armeeausrüster eindämmen und

setzte dabei auf Tippgeber.

Den großen Durchbruch erlebte das

Whistleblowing 1974 durch den Watergate-

Skandal. US-Präsident Richard Nixon trat

damals zurück, weil ein FBI-Beamter Belastendes

an die Zeitung „Washington

Post“ durchgestochen hatte.

Denunzianten, Verräter, Spitzel – die Bezeichnungen

für diskrete Tippgeber waren

aber auch in den USA nicht immer höflich.

Deshalb ersann der US-Verbraucherschützer

und grüne Politiker Ralph Nader das

Whistleblowing, zu Deutsch: in die Trillerpfeife

blasen, Alarm schlagen, um Missstände

in Staat und Wirtschaft zu bekämpfen.

Heute schützen in den USA Dutzende

Gesetze Whistleblower vor Entlassung,

Strafverfolgung oder Schadensersatzklagen

– und verhelfen zahlreichen Anwälten

zu einem einträglichen Geschäft.

NEUE GOLDGRUBE FÜR KANZLEIEN

Whistleblower-Rechtsanwalt Jordan Thomas

hat in seinem Wolkenkratzer-Büro an

der Südspitze von Manhattan alles Wichtige

gut im Blick:Im Büro hat er seine Vorbilder

versammelt – die Wände sind zugepflastert

mit Plakaten von Hollywood-

Streifen, in denen heimliche Informanten

die Helden sind. Draußen, vor den bodentiefen

Fenstern, erstreckt sich der Finanzdistrikt

von New York. Dort rekrutiert Thomas

seine Klienten, und hier schlagen deren

Enthüllungen oft ein wie Bomben.

Der 44-Jährige gehört zu den führenden

Whistleblower-Anwälten. Wie viele SEC-

Informanten er derzeit vertritt, will er nicht

sagen. „Jeden Tag melden sich etliche potenzielle

Klienten“, verrät Thomas – mehr

nicht. Auch nicht, aus welchen Unternehmen

oder Banken seine Klienten kommen.

Und schon gar nicht, wer diese Mandanten

sind: „Anonymität ist für meine Mandanten

das Wichtigste“, sagt er. „Sie fürchten,

dass sie sonst beruflich erledigt sind.“

Der einstige Aktienhändler und Rechtsanwalt

der US-Kriegsmarine weiß, wie der

Hase läuft: Er war Strafverfolger im US-Justizministerium.

Danach lernten ihn unter

anderem der inzwischen abgewickelte

Energiekonzern Enron, die US-Bank Fannie

Mae, die UBS und die CitiGroup als

Fahnder und Ankläger der SEC kennen.

Aber je länger Thomas als Vize-Chef der

SEC-Vollzugsabteilung arbeitete, umso

mehr verstärkte sich sein Eindruck, gegen

eine Hydra zu kämpfen: „Ein Bösewicht ist

weg, zwei weitere tauchen auf – in immer

kürzerer Abfolge.“ Mehr und mehr habe er

begonnen, „über die Effizienz der Strafverfolgung

nachzudenken“. Wolle man Wirtschaftsverbrechen

effektiv bekämpfen, so

seine Schlussfolgerung, müsse man möglichen

Zeugen die Angst nehmen und ihnen

Schutz vor wirtschaftlichem Ruin bieten.

Thomas entwickelte das neue Whistleblower-Programm

der SEC maßgeblich

mit, bevor er 2011 zur New Yorker Kanzlei

Labaton Sucharow wechselte. Seither

bringt er im Auftrag von Whistleblowern

deren Fälle bei der SEC vor. Die Informanten

könnten sich auch ohne Anwalt an die

SEC wenden. Die meisten wollen aber Fehler

vermeiden, anonym bleiben und wenden

sich an Experten wie Thomas.

42 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Schärfste Waffe

Jo White, Chefin

der US-Börsenaufsicht

SEC,

schwört im Kampf

gegen Wirtschaftskriminalität

auf

Whistleblower

FOTO: GETTY IMAGES

Ein Drittel des Whistlerblower-Lohns

greift der Anwalt ab

Mit dem Seitenwechsel dürfte Thomas

sein Gehalt vervielfacht haben. Denn das

Whistleblowing bietet Verdienstchancen,

die selbst für New Yorker Wirtschaftsanwälte

ungewöhnlich sind. „Whistleblowing

ist die neueste Goldgrube“, sagt ein Washingtoner

Rechtsanwalt: „Die Summen,

die wir verdienen, sind fast schon obszön.“

Die Anwälte arbeiteten fast ausnahmslos

auf Erfolgsbasis. Wird eine Belohnung ausgezahlt,

erhalten sie davon 30 bis 40 Prozent.

Hinzu kämen „sehr ansehnliche“

Stundensätze: „Die meisten rechnen im

Schnitt 400 bis 500 Dollar pro Stunde ab.“

Whistleblowing-Experte Tom Devine,

Direktor für Rechtsfragen bei der Washingtoner

Bürgerrechts-Organisation Government

Accountability Project (GAP), sieht

„einen Traum wahr werden für die Anwaltsprofession:

Erstmals können Rechtsanwälte

stolz darauf sein, reich zu werden.“

Früher hingegen, sagt Devine augenzwinkernd,

habe man für die Mafia arbeiten

müssen, um so gut zu verdienen.

Über 50 Kanzleien seien inzwischen mit

Tippgebern im Geschäft, erzählt Devine. Er

selber habe „häufig mit einem Whistleblower-Anwalt

zu tun, der bis vor ein paar Jahren

Firmen verteidigte, die durch Whistleblower

in Bedrängnis kamen“.

So hat auch die Kanzlei des inzwischen

verstorbenen Staranwalts Johnnie Cochran

das neue Geschäftsfeld entdeckt.

Cochran hatte für den unter Mordverdacht

stehenden Football-Star O.J. Simpson 1994

einen Freispruch erkämpft und verteidigte

Musiker wie Michael Jackson, Snoop Dogg

und P. Diddy. Seit Anfang des Jahres baut

die Kanzlei in Washington eine Abteilung

für SEC-Whistleblower auf.

Es sei die erste Belohnung in Höhe mehrerer

Millionen US-Dollar im vergangenen

Jahr gewesen, die die Kanzlei auf das Thema

aufmerksam gemacht habe, sagt David

Haynes, Partner der Kanzlei: „Da ist echtes

Potenzial, denn Tatsache ist, dass Insidergeschäfte

und andere Verstöße gegen Aktienrecht

nie aufhören werden.“

Politisch sind die Fronten bei dem Thema

klar in den USA. Die Demokraten sind

meist pro Whistleblower-Schutz, die Republikaner

möchten lieber die Unternehmen

vor den Whistleblowern schützen. Und so

sorgen die Profiteure auf beiden Seiten dafür,

dass ihre Einnahmequellen erhalten

bleiben. 2012 trat Barack Obama zur Wiederwahl

an, und sein republikanischer Widersacher

Mitt Romney versprach, im Fall

eines Wahlsiegs das Dodd-Frank-Gesetz

wieder abzuschaffen. Prompt sah Rechtsanwalt

John Phillips aus Washington, ein

Urgestein im Whistleblower-Business, seine

Felle davonschwimmen und erkannte:

„Die Industrie hat Milliardenstrafen gezahlt,

und die Gefahr ist riesig, dass die Politik

auf ihren Druck hin nun zurückrudert.“

Daraufhin begann Phillips, der allein an

einem Whistleblower des Pharmakonzerns

GlaxoSmithKline eine zweistellige Millionensumme

verdient hatte, Wahlkampfspenden

für Obama einzutreiben. Schnell

hatte er 200 000 Dollar beisammen. Sein

Kollege John Morgan aus Florida brachte

es sogar auf 1,7 Millionen Dollar. Ebenfalls

unter den Obama-Spendern: die Kanzlei

Grant & Eisenhofer aus Delaware, die unter

anderem einen Whistleblower unter Vertrag

hatte, der dem US-Justizministerium

im Zuge einer Strafe zu einer 800-Millionen-Dollar-Einnahme

verhalf.

„Man kann nur erahnen, was es bedeutet,

wenn neuerdings so viel Geld mit der

Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität

gemacht wird“, sagt Whistleblowing-Experte

Devine: „Das verändert die Machtverhältnisse

zwischen der Wirtschaft, ihren

Kontrolleuren und einzelnen Whistleblowern

tief greifend.“ Denn Recht zu bekommen

koste in den USA in der Regel viel

»

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 43

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Unternehmen&Märkte

Staranwalt für Robin Hoods

Jordan Thomas, früher Fahnder der US-

Börsenaufsicht SEC, vertritt bevorzugt

Hinweisgeber und wurde Großverdiener

»

Geld, so Devine: „Wer viel Geld hat, bekommt

öfter recht, so einfach ist das.“

Wer wüsste das besser als die Hausherren

des neoklassizistischen Gebäudes direkt

gegenüber des Präsidentensitzes: die

amerikanische Handelskammer U.S.

Chamber of Commerce. Sie ist der weltgrößte

Unternehmensverband, die mächtigste

Lobbyorganisation der USA – und

der erbittertste Gegner von Whistleblower-

Rechten. Der Verband lief jahrelang Sturm

gegen die Verabschiedung des neuen SEC-

Gesetzes und bekämpft es bis heute.

GLEICHES LÖST GLEICHES

Es sind nicht einzelne Elemente des Gesetzes,

die die Wirtschaftsvertreter stören, es

geht ums Prinzip. Denn mit den hohen

Prämien bekämpft der Staat letztlich illegale

Praktiken, die auf dem gleichen Mechanismus

beruhen, der die Finanzkrise 2008

mit auslöste – dem ungebremsten Gewinnstreben.

Oder zugespitzt: Gier gegen Gier,

getreu dem Chemiker-Latein „Similia similibus

solvuntur“, Gleiches löst Gleiches.

Mitarbeiter, vermutet die Handelskammer,

könnten aus Geldgier direkt zur SEC

laufen, statt Straftaten intern zu melden.

Dies unterwandere die Bemühungen um

Compliance, also um gesetzestreue Unternehmensführung,

schimpft David Hirschmann,

Präsident der Kapitalmarkt-Abteilung

der Handelskammer. Firmen müssten

Gelegenheit haben, Missstände selbst abzustellen.

Sonst sei das, „als würde man bei

einem Brand nicht die Feuerwehr rufen,

sondern einen Anwalt beauftragen, damit

er wegen des Feuers jemanden verklagt“.

Die SEC will nicht ausschließen, dass

manche Mitarbeiter zuerst Behörden einschalten.

Allerdings sehen die Börsenwächter

in erster Linie die Unternehmen in

der Pflicht. Diese müssten sicherstellen,

dass es interne Stellen gibt, an die sich

Whistleblower vertrauensvoll wenden

können. Dann würden die Mitarbeiter

auch den internen Weg als ersten Schritt

vorziehen. Zahlen geben der SEC recht.

Laut einer Erhebung des Ethics Resource

Center in Arlington bei Washington wenden

sich über 90 Prozent der Mitarbeiter in

US-Unternehmen, die Missstände anzeigen,

zunächst an interne Stellen.

§

David Zaring, Jura-Professor an der

Wharton School in Philadelphia, poltert

über einen anderen Aspekt des staatlich

geförderten Whistleblowing. Es ermutige

gewöhnliche Bürger, am Arbeitsplatz „Polizei

zu spielen“, sagt Zaring. Heerscharen

von Rechtsanwälten würden ermuntert,

Spitzel anzuwerben. „So gesehen“, meint

Zaring, „ist das Whistleblower-Programm

eine Privatisierung der Strafverfolgung,

vergleichbar mit der Auslagerung eines

Gefängnisbetriebs an eine Firma.“ Offenbar

vertraue der Gesetzgeber eher auf private

Spitzel statt auf Ermittlungen der Behörden,

sagt Haring, und spielt auf die frühere

SEC-Chefin Mary Schapiro an, die „limitierte

Ressourcen“ der SEC einräumte.

Ex-SEC-Strafverfolger Thomas hingegen

sieht in den Whistleblowern keine Privatisierung

der Strafverfolgung: „Die Behörde

tut das, was sie muss: Sie gestaltet die Straf-

Der Weg zu den Millionen

Wie Whistleblower in den USA Insiderinformationen über Verstöße ihres Arbeitgebers gegen

das Aktienrecht der Börsenaufsicht SEC melden und daran verdienen*

meldet

Unternehmen

Meldung bleibt

intern, keine

öffentlichen Folgen

§ $ § §§ * vereinfachte

verhängt

keine Strafe

Whistleblower

reicht Unterlagen an

keine

Belohnung

Anwalt

reicht Unterlagen weiter

Börsenaufsicht SEC

verhängt Strafe

unter 1 Mio. Dollar

Whistleblower

überweist

30 bis 40Prozent

der Belohnung

an Anwalt

verhängt Strafe

über 1 Mio. Dollar

bezahlt auf Antrag

des Whistleblowers

oder dessen Anwalt

Belohnung von

10 bis 30 Prozent der

Strafe

veröffentlicht Urteil und Unternehmen

auf Web-Site und verpflichtet sich

zur Geheimhaltung der Identität des

Whistleblowers

Darstellung

44 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: GETTY IMAGES/BLOOMBERG COLLECTION (2), REUTERS/TIM SHAFFER, LAIF/REDUX, GETTY IMAGES/AFP, LAIF/KAI NEDDEN

verfolgung so effizient wie möglich, und

die Whistleblower sind dabei das vielleicht

wichtigste Mittel.“

Zwar kommentiert die SEC die Güte der

Whistleblower-Informationen nicht, doch

aus ihrem Umfeld verlautet, dass die Zahl

der unbrauchbaren Tipps „erstaunlich gering“

sei. Offenbar steht die Behörde eher

vor dem Problem, die Tausenden vorgetragenen

Fälle zu sichten und die gravierendsten

herauszufiltern. Mehrfach musste die

Behörde dazu ihr Personal aufstocken.

Es gibt zwei gute Gründe, warum der Anteil

der Prämien-Glücksritter gering ist:

Weil nur Fälle, die zu Strafen von mehr als

einer Million Dollar führen, belohnt werden,

werden Zeugen kleinerer Straftaten

abgeschreckt. Und da sich die meisten

Whistleblower auf ihre Anwälte verlassen,

werden die zur zweiten entscheidenden

Qualitätshürde. Nur wenn Thomas und Co.

Erfolgschancen sehen, werden sie Mandanten

unterstützen und deren Fälle bei

der SEC einreichen.

Die meisten Befürchtungen, die Kritiker

der SEC-Belohnungen vorbrachten, haben

sich nicht bewahrheitet. Von einer Ab-

Unions-Politiker sind gegen Schutzgesetze

für Whistleblower

nancial Conduct Authority registrierte eine

Zunahme von „wertvollen, substanziellen

Whistleblower-Hinweisen um rund 70 Prozent“.

Francesca West, Strategie-Chefin der

britischen Whistlerblower-Organisation

Public Concern at Work, führt den Anstieg

auf die Präsenz von Hinweisgebern in den

Medien und die „Darstellung mancher

Whistleblower als Helden“ zurück.

Die Entwicklung in Großbritannien steht

in krassem Widerspruch zu Deutschland,

wo es kaum gesetzlichen Schutz für Whistleblower

gibt. Trotz des Drängens etwa der

Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung (OECD) ist ein

deutsches Whistleblower-Schutzgesetz

nicht absehbar. SPD, Grüne und Linke haben

zwar Gesetzesentwürfe vorgelegt.

Doch weil die Union – anders als nach dem

Gammelfleischskandal in Bayern 2007 –

von einem zusätzlichen gesetzlichen

Whistleblower-Schutz derzeit nichts wissen

will, wird es einen gesetzlichen Vorstoß

auf absehbare Zeit wohl nicht geben.

„Deutschland ist beim Whistleblower-

Schutz auf einem Niveau, das man sonst

nur aus Drittweltländern kennt“, kritisiert

schaffung des Programms im Fall eines republikanischen

Wahlsiegs bei den nächsten

Präsidentschaftswahlen 2016 spricht in

Washington deshalb kaum noch jemand.

Vielmehr wird derzeit diskutiert, mit welchen

gesetzlichen Maßnahmen darauf reagiert

werden kann, dass zahlreiche Unternehmen

das SEC-Programm torpedieren.

Viele Unternehmen lassen sich von ihren

Mitarbeitern nämlich vertraglich zusichern,

dass sie auf ihr Recht verzichten, an

dem Whistleblower-Programm teilzunehmen.

Der Chef des SEC-Programms, Sean

McKessy, hat deshalb angekündigt, dass

der Kampf gegen solche Praktiken für ihn

künftig „höchste Priorität“ habe.

Unterdessen scheint das SEC-Programm

zum Vorbild für Börsenaufsichtsbehörden

und Strafverfolger in anderen Ländern zu

werden. So erwägt die britische Regierung,

ein Verfahren zu etablieren, bei dem analog

zum US-System Whistleblower mit Prämien

belohnt werden. Neuen Auftrieb bekamen

die Überlegungen im vergangenen

Jahr, als die Zahl der Whistleblower-Hinweise

an britische Behörden sprunghaft

anstieg. Die Börsenaufsichtsbehörde Fider

amerikanische Whistleblowing-Experte

Devine. Er könne die Skepsis der Politik

gegenüber Whistleblowern in einer „starken

Wirtschaftsnation wie Deutschland“

zwar nachvollziehen, trotzdem sei sie fehl

am Platz. Die Hälfte seiner Arbeitszeit verwende

er darauf, Unternehmen zu erklären,

welch wertvolle Ressource Whistleblower

seien: „Sie sind als aufrechte, aufmerksame

und motivierte Menschen

nicht nur gute Mitarbeiter. Sie sind die

Warnlampe, die leuchtet, bevor die Fahnder

oder Zivilkläger anrücken und es richtig

teuer wird.“

Über eine besondere Wertschätzung für

Whistleblower wird laut Steve Pearlman,

Partner bei der New Yorker Rechtsanwaltskanzlei

Proskauer, derzeit in einigen US-

Firmen diskutiert: nämlich über Prämien

des Arbeitgebers. Offenbar prüfen US-Unternehmen,

ob sie mit den SEC-Prämien

gleichziehen müssen, damit Whistleblower

intern Alarm schlagen – und nicht zur

Börsenaufsicht gehen.

n

martin.seiwert@wiwo.de | New York

Lesen Sie weiter auf Seite 46 »

MUTIGE DER ERSTEN STUNDE

Für Gottes Lohn

Tippgeber, die vor Inkrafttreten des

SEC-Whistleblower-Programms

und ohne Belohnung auspackten.

Richard M. Bowen III

schlug bei der Citi-

Group 2006 intern

Alarm, weil rund 60

Prozent der Hypotheken

faul seien; wurde

kaltgestellt, wandte

sich ergebnislos an SEC, wurde daraufhin

gefeuert. Hypotheken dieser Art lösten

2008 die globale Finanzkrise aus.

Everett Stern

enttarnte bei seinem

Arbeitgeber, der Bank

HSBC, ein verzweigtes

Geldwäschesystem

seines Arbeitgebers,

informierte FBI und

CIA und kündigte 2011. HSBC wurde zu

1,9 Milliarden Dollar Strafe verurteilt.

Linda Almonte

meldete ihrem

Arbeitgeber, der US-

Bank JP Morgan, dass

Tausende offener oder

fehlerhaft berechneter

Kreditkartenschulden

ohne weitere Kontrolle an Inkassounternehmen

gingen; wurde gefeuert; 2013

zahlte JP Morgan 389 Millionen Dollar

Strafe und Schadensersatz.

Wendell Potter

sah als Manager des

US-Krankenversicherers

CIGNA, wie die

Branche mit perfiden

Tricks Leistungen verweigerte;

sagte 2009

vor dem US-Kongress dazu aus.

Eric Ben-Artzi

von der Deutschen

Bank in New York

wandte sich 2010 an

die SCE wegen angeblich

zu hoch

bewerteter Papiere

seines Arbeitgebers; musste ausscheiden;

erwartet im Falle einer Strafe eine

Belohnung; die Deutsche Bank bestreitet

die Vorwürfe.

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 45

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SCHUTZ FÜR HINWEISGEBER

Prämien für Denunziation oder Zivilcourage?

Wer in den USA den Behörden Verstöße seines Arbeitgebers etwa gegen das Aktienrecht meldet,

kann mit der Hilfe des Staates und hohen Belohnungen rechnen. Soll es das auch in Deutschland geben?

Pro

Guido Strack, 49, ist Vorsitzender

des 2006 gegründeten Vereins

Whistleblower-Netzwerk in

Köln. Zuvor arbeitete der gelernte

Jurist als Beamter für die

EU-Kommission in Luxemburg.

Der amerikanische

Präsident Barack

Obama verfolgt

Whistleblower im Militär-

und Sicherheitsbereich

härter als je zuvor. Bei Verstößen

gegen Regeln des Marktes

oder Schädigung öffentlicher

Haushalte wird Whistleblowing

jedoch finanziell gefördert. Kritiker

in Deutschland verteufeln

das US-System als Prämie für

Denunzianten. Dies sollte man

differenzierter sehen:

n Das US-System beschränkt

sich nicht auf Prämien für

Whistleblower, sondern verbietet

zugleich deren Diskriminierung

und sanktioniert Täter.

n Belohnungen gibt es auch

hier, etwa für die Aufklärung von

Straftaten oder beim Ankauf

von Steuer-CDs. Dies geschieht

hier jedoch weitgehend ohne

klare Regeln und Rechtssicherheit

für Informanten.

n Andere Whistleblower hingegen

gehen bei uns leer aus und

stehen zudem ohne Schutz da.

Viele können sich keinen Anwalt

leisten, während die gegnerischen

Behörden und Unternehmen über

große Finanzkraft verfügen.

n Das US-System dagegen erschließt

die Marktkräfte zugunsten

der Whistleblower. Anwälte

reißen sich darum, Whistleblower

auf Provisionsbasis, also ohne

dass diese etwas dafür bezahlen

müssen, zu vertreten und ihnen

bei der schwierigen Sachverhaltsermittlung

zu helfen, leider allerdings

nicht im Militär- und Sicherheitsbereich.

n Das US-System erlaubt in einigen

Fällen dem Whistleblower, sofern

die Behörden untätig bleiben,

selbst im Namen der Allgemeinheit

gegen den oder die Täter vor

Gericht zu ziehen. Bei uns geht

auch dies nicht, das öffentliche

Interesse bleibt auf der Strecke.

n Die staatlichen Haushalte in den

USA erlösen jährlich Schadensersatz

und Strafzahlungen in Milliardenhöhe.

Hierzulande fehlen diese

Milliarden ebenso wie Daten, die

zeigen, wie erfolgreich Whistleblowing

für uns alle sein könnte.

n Schließlich ist der Begriff der

Denunziation dort, wo Menschen

in einer Demokratie auf Rechtsbrüche

hinweisen, unangebracht.

Prämien gibt es aber auch in den

USA nur in genau diesen Fällen.

Das Whistleblower-Netzwerk

hat 2011 in einem Gesetzentwurf

zum Schutz von Hinweisgebern

nicht die Kopie des US-Systems

mit seinen Prämien für Whistleblower

gefordert. Wichtiger wäre

ein öffentlicher Whistleblower-

Fonds und ein Bundesbeauftragter,

der diesen verwaltet. Die Mittel

sollen der Unterstützung

bedürftiger Whistleblower und der

Förderung der gesellschaftlichen

Akzeptanz des Whistleblowing

dienen.

Contra

Tim Wybitul, 44, ist Vorstandsmitglied

des Bundesverbandes

Deutscher Compliance Officer

(BDCO) und Leiter Compliance

& Investigations bei der Kanzlei

Hogan Lovells in Frankfurt.

Belohnungen für Whistleblower

wie in den

USA– nein, danke. Dort

können Hinweisgeber

dreistellige Millionenbeträge

bekommen, wenn sie Gesetzesverstöße

melden. Einige amerikanische

Gesetze sehen Belohnungen

für Whistleblower vor, wenn

deren Hinweise zur Verhängung

von Bußgeldern führen, etwa bei

Steuerhinterziehung, im Bereich

der Börsenaufsicht oder anderen

Wirtschaftsgesetzen. Damit

schafft der Staat bewusst Anreize,

das eigene Unternehmen im

Falle von Verstößen bei den Behörden

anzuzeigen.

Dabei geht jedoch unter: Unternehmen

haben ein massives Eigeninteresse,

Wirtschaftsdelikte

zu verhindern. Andernfalls drohen

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft,

Strafverfahren vor Gericht,

Verbandsbußen in Millionenhöhe,

Schadensersatzforderungen und

vor allem Rufschäden.

Beschäftigte mit deutschen

Arbeitsverträgen müssen im Rahmen

ihrer gesetzlichen Treuepflicht

Verstöße sogar melden,

wenn der Arbeitgeber schwere

Schäden befürchten muss.

Belohnungen passen hier

jedoch nicht hin, weil das deutsche

Arbeitsrecht so nicht

funktioniert. Denn dieselbe

Treuepflicht sieht auch vor,

dass Mitarbeiter zunächst versuchen

müssen, Fehlentwicklungen

intern anzusprechen,

bevor sie sich an Behörden

oder die Presse wenden. Informiert

ein Arbeitnehmer etwa

die Staatsanwaltschaft oder gar

ausländische Behörden, ohne

zuvor mit seinem Arbeitgeber

über das Problem gesprochen

zu haben, droht die fristlose

Kündigung. Anders liegt der

Fall, wenn eine interne Klärung

dem Mitarbeiter nicht zugemutet

werden kann.

Würde der deutsche Gesetzgeber

Regelungen schaffen, die

Belohnungen für Hinweise an

Behörden vorsähen, würde er

damit Mitarbeiter gegebenenfalls

auffordern, gegen ihre

Pflichten aus dem Arbeitsvertrag

zu verstoßen.

Das Problem bei solchen

Belohnungen geht noch weiter.

Soll der Staat Bürger wirklich

dafür bezahlen, dass sie Unternehmen

oder Mitmenschen bei

Behörden anzeigen? Es wäre

interessant, wie sich dann die

Anzahl der Anzeigen wegen

Steuerhinterziehung entwickeln

würden. Zwar könnten

auch Unternehmen Hinweisgebern

solche Belohnungen in

Aussicht stellen. Fragt sich

nur, wie die Stimmung dann in

den Betrieben wäre. Doch

ehrlich gesagt: Das will ich mir

eigentlich aber gar nicht vorstellen.

FOTO: PR

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46 oder plus.google.com/+wirtschaftswoche

Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Flexible Ringer

AIR BERLIN | Im Konflikt um die Flugrechte kämpfen bizarre Koalitionen um eine gedeihliche Zukunft

für die Airline, ihren Wettbewerber Lufthansa sowie die Hoheit am deutschen Himmel.

Am Donnerstag vorvergangener Woche

machte Bundesverkehrsminister

Alexander Dobrindt (CSU) Air-

Berlin-Chef Wolfgang Prock-Schauer das

Leben etwas leichter. Überraschend kassierte

der Politiker erst mal wieder das Verbot

für Gemeinschaftsflüge der Linie mit

ihrem Großaktionär Etihad aus dem Emirat

Abu Dhabi. Der Bescheid war vom Luftfahrtbundesamt

(LBA) in Braunschweig

verfasst, das dem Ministerium unterstellt

ist und die Zusammenarbeit von Air Berlin

mit Etihad beschneiden wollte. Der Rückzieher

spült der angeschlagenen Airline

pro Jahr gut 60 Millionen Euro in die Kasse.

Die Entscheidung des Christsozialen war

mehr als ein Verwaltungsakt oder gar ein

Akt der Nächstenliebe. Denn Dobrindt entschied

unter Druck. Wie Insider berichten,

hatte das Verwaltungsgericht in Braunschweig

kurz zuvor das Signal gegeben, es

könne einem Eilantrag von Etihad gegen

den Erlass stattgeben. „Um sich die Blamage

zu ersparen, hat das Haus Dobrindt das

Verbot erst mal für ein halbes Jahr ausgesetzt“,

heißt es aus eingeweihten Kreisen.

Schwarz-Gelb gegen Rot-Weiß

Dobrindts Volte ist der vorläufige Höhepunkt

eines versteckten Kampfes, den zwei

Teams für und gegen eine gedeihliche

Zukunft von Air Berlin sowie um die

Richtung der deutschen Luftfahrtpolitik

führen.

Die Liste derer, die sich dazu berufen

fühlen und mit allen

Mitteln mitmischen, könnte

illustrer kaum sein. Sie

reicht von Stephan Schulte,

dem Chef der Frankfurter

Flughafenholding

Fraport,

über Gewerkschafter

wie Ilja Schulz

Pro Air Berlin engagieren sich (v.l.) Winfried Kretschmann (Ministerpräsident

Baden-Württemberg, Grüne), Klaus Wowereit (Regierender

Bürgermeister Berlin, SPD), Hannelore Kraft (Ministerpräsidentin

Nordrhein-Westfalen, SPD), Hartmut Mehdorn (Chef Flughafen Berlin)

als Präsident

der mächtigen Pilotenvertretung Vereinigung

Cockpit bis hin zu Bayerns Ministerpräsidenten

Horst Seehofer und Berlins

Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit.

„Da ringen schwarze, grüne und rote

Ministerpräsidenten sowie die gelbe Lufthansa

um die rot-weiße Air Berlin“, beschreibt

ein Beobachter das Farbenspiel.

Und mit der Rücknahme des Erlasses habe

Air Berlin das Hinspiel gewonnen.

Doch die Rückrunde läuft. Denn am Ende

geht es nicht nur um die Frage, ob

Etihad eigene Tickets für Flüge mit Air

Berlin verkaufen darf. Vielmehr tobt

der Streit um drei andere zentrale

Punkte: Welche Rolle soll Air

Berlin künftig im Himmel

über Deutschland spielen?

Wie weit soll sich die

Geopolitische Interessen

Außenminister Steinmeier

will Etihad-Eigentümer

Abu Dhabi nicht verärgern

Bundesregierung

für einen Konkurrenten

heimischer

Linien

wie Lufthansa

(LH) oder Condor verwenden,

der von einem staatlich subventionierten

Angreifer aus Arabien gehätschelt

wird? Und was kann Berlin in dieser Situation

überhaupt tun, wenn der Westen auf

die Hilfe von Scheichs gegen die „IS“-Terroristen

im Nahen Osten angewiesen ist?

„Ein Verbot des Etihad-Engagements bei

Air Berlin würde die Emirate vor den Kopf

stoßen“, heißt es in Regierungskreisen.

Pro Lufthansa engagieren sich (v.l.) Volker Bouffier (Ministerpräsident

Hessen, CDU), Horst Seehofer (Ministerpräsident

Bayern, CSU), Stefan Schulte (Vorstandsvorsitzender Fraport),

Ralf Teckentrup (Vorstandsvorsitzender Condor)

Alexander Dobrindt

(Bundesverkehrsminister, CSU)

»

ILLUSTRATION: STEFFEN MACKERT; FOTOS: IPON/STEFAN BONESS, FOCUS/SCHLESER, PICTURE-ALLIANCE/DPA (4), RAINER UNKEL, BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, CARO/ZENSEN. MARC-STEFFEN UNGER

48 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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»

„Und das möchte Außenminister Walter

Steinmeier bei einem Verbündeten im

Kampf gegen die Terrormiliz vermeiden.“

Die Motive der Unterstützer sind verständlich.

Die politischen Helfer von Air

Berlin kommen vor allem aus dem Kreis

von SPD, Grünen und Gewerkschaften. Sie

wollen die Fluglinie mit ihren Jobs sichern.

Air Berlin hat rund 8000 Mitarbeiter in

Deutschland und sorgt mit ihren 30 Millionen

Passagieren noch mal für bis zu 30 000

weitere Jobs bei Imbissen oder Abfertigern

am Flughafen und im Umland.

Das lässt die Gewerkschaft Verdi als Vertreterin

der Mitarbeiter an Bord und Boden

sogar grundsätzliche Vorbehalte gegen die

in England residierende rot-weiße Fluggesellschaft

vergessen. Lange Jahre wetterte

Verdi, dass Air Berlin sich gegen Tariflöhne

und Betriebsräte stemmte. Und noch im

Sommer hatte die Gewerkschaft zum Boykott

von Golffluglinien wie Qatar Airways

aufgefordert, weil diese Kündigungsschutz

und Mitbestimmung verweigern. „Nun

helfen sie, dass die ebenfalls gewerkschaftsfreie

Etihad mit ihrer Expansion Arbeitsplätze

bei der Lufthansa gefährdet“,

wundert sich ein Manager der Fluglinie.

PILOTENSTREIK

Mit der Fleischeraxt

Fünf Lektionen für den Arbeitskampf von Willie Walsh, dem Chef der

British-Airways-Mutter IAG, der Piloten dreimal in die Knie zwang.

ANGST UM DIE LANGSTRECKE

Politikern kommt es dazu vor allem auf die

Stärkung der regionalen Wirtschaftskraft

an. So will die nordrhein-westfälische Landesmutter

Hannelore Kraft auch ihre Flughäfen

füllen und dabei besonders ihrer

Landeshauptstadt Düsseldorf die Air-Berlin-Langstreckenflüge

erhalten. Ähnlich

tickt Baden-Württembergs Landeschef

Winfried Kretschmann. In Stuttgart ist die

Abu-Dhabi-Strecke von Air Berlin der einzige

Langstreckenflug gen Asien.

Die Verbündeten der Lufthansa halten

diese Motive für naiv. „Natürlich sichert

Etihad Jobs“, heißt es im schwarz-gelben

Unterstützerkreis. „Aber am Ende verliert

Lufthansa unter dem Druck der Golflinien

mehr Jobs, als Air Berlin erhält.“ Das träfe

vor allem die Ministerpräsidenten Horst

Seehofer (Bayern) und Volker Bouffier

(Hessen), in deren Ländern die LH-Drehkreuze

Frankfurt und München liegen.

Doch der Zank könnte bald hinfällig

werden. Denn offenbar wollen Deutschland

und die Emirate die Flugrechte neu

regeln. Danach „sind die Verhandlungen

zu einer neuen zwischenstaatlichen Vereinbarung

aufgenommen worden, um eine

dauerhafte Lösung zu finden“, heißt es

aus Kreisen des Verkehrsministeriums. n

ruediger.kiani-kress@wiwo.de, christian schlesiger | Berlin

Mit den Chefs seiner europäischen Konkurrenten

hat Lufthansa-Chef Carsten

Spohr in diesem Jahr vor allem eine

Sache gemeinsam: Pilotenstreiks. Ob Air

France, Tap aus Portugal, Alitalia oder

die isländische Icelandair: Bei ihnen allen

haben die Flugzeugführer die Arbeit

niedergelegt oder dies zumindest angekündigt,

als die Unternehmensführung

Gehälter, Pensionen und Freizeit kürzen

wollte, um im Wettbewerb mit Billigfliegern

oder Fluglinien vom Golf nicht unterzugehen.

Nur eine wirkt in alledem wie ein Hort

des Arbeitsfriedens: British Airways. Bei

der britischen Fluggesellschaft, deren Abkürzung

BA unter Vielfliegern wegen der

vielen Arbeitsniederlegungen lange Jahre

für „Buche anderswo“ stand, gibt es seit

gut vier Jahren keine Arbeitskämpfe

mehr.

Das ist das Werk von Willie Walsh, dem

Chef des IAG-Konzerns, zu dem neben

British Airways auch Iberia und Vueling

Gewendeter Gewerkschaftsführer

British-Airways-Übervater Walsh

aus Spanien gehören. Der gebürtige Ire, der

am letzten Samstag dieses Monats seinen

53. Geburtstag feierte, hat seit 2001 zunächst

als Chef der irischen Aer Lingus,

dann von BA und zuletzt als Aufsichtsratschef

von Iberia gleich bei drei Fluglinien

den Piloten Konzessionen abgerungen und

sie bislang von weiteren Streiks abgehalten.

Dabei hat ihm vor allem seine Härte Spitznamen

wie „The Slasher“ (zu Deutsch: die

Fleischeraxt) eingetragen. Weil BA heute

Europas profitabelste Traditionslinie ist, hat

Walsh gleichermaßen den Neid anderer

Airline-Chefs sowie wie den Respekt seiner

Belegschaft geerntet.

Doch so sehr der Manager mit dem billigen

Aussehen – und oft dem Auftreten –

eines Rugbyspielers in der Öffentlichkeit

auch für Härte steht. Der Charme des Metzgers

ist nicht das einzige Mittel, mit dem

Walsh die Piloten auf Linie brachte. „Willies

FOTO: PICTURE PRESS/EYEVINE/CHRISTIAN SINIBALDI

50 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Vorgehen ist deutlich subtiler, als viele

wahrhaben wollen“, sagt John Strickland,

einst Vorstand bei Tochterlinien von BA

sowie KLM und heute als selbstständiger

Unternehmensberater in London tätig. In

Wirklichkeit enthalte Walshs Methode

fünf Lektionen, die sich für seine streikgeplagten

Konkurrenten zu beherzigen

lohnten.

1. KENNE DEINEN GEGNER

Zwar rühmen sich viele Airline-Chefs bester

Kontakte zu ihrer Belegschaft. Doch

keiner kennt die besondere Psyche der

Piloten besser als Walsh. Bevor er nach

seinem Master of Business and Administration

(MBA) am renommierten Dubliner

Trinity College bei Aer Lingus ins Management

aufstieg, war er nicht nur Pilot und

Gewerkschafter. Walsh war bereits mit 24

Jahren sogar Verhandlungsführer – „und

unser wohl gerissenster und härtester“,

erinnert sich respektvoll sein Ex-Kollege

Evan Cullen, heute Präsident der irischen

Pilotengewerkschaft IALPA. In dieser Zeit

sog Walsh auf, wie die Flugzeugführer ticken.

Und er lernte, wie Unternehmen

besser nicht mit ihren Arbeitnehmervertretern

verhandeln: nämlich unehrlich und

wankelmütig.

2. SEI OFFEN UND KONSEQUENT

Auch wenn es die Investoren verschreckte,

Walsh schilderte die Lage des Unternehmens

gegenüber den Angestellten

genauso klar wie gegenüber seinen Aktionären.

„Ich will nicht gute Nachrichten

verkünden, sondern die Wahrheit“, so

sein Motto. Um den Piloten den Ernst der

Lage klarzumachen, öffnete er sogar einer

von deren Gewerkschaft beauftragten

Wirtschaftsprüfungsgesellschaft die

Bücher und verordnete auch sich selbst

und seinen Vorstandsmitgliedern –

zumindest vorübergehend – ähnliche Gehaltseinbußen

wie seinen Untergebenen.

Dazu rechnete Walsh in Tarifverhandlungen

detailliert vor, wie stark das Unternehmen

ohne die Konzessionen seiner

Mitarbeiter schrumpfen müsste. Aber er

präsentierte auch gleichzeitig klar durchgerechnete

Wachstumspläne, die ihm

halfen, beispielsweise die Piloten mit der

Aussicht auf neue Flugzeugmodelle wie

den Superjumbo Airbus A380 oder den

Boeing Dreamliner 787 zu ködern. Dazu

vermied es Walsh, einen einmal beschlossenen

Sanierungsplan durch öffentliche

Kompromissangebote vor einer endgültigen

Einigung zu verwässern oder

während der Verhandlungen weitere Zugeständnisse

zu verlangen.

3. NUTZE STREIKBRECHER

Als die Piloten und später auch die Flugbegleiter

trotzdem streikten, scheute

Walsh keine Tabus, um die Folgen zu mindern.

„Ein vernünftiger Verhandlungsführer

erreicht halt nichts“, sagte er in einem

Interview. Wo andere Airline-Chefs überzogene

Forderungen der Gewerkschaften

beklagen oder flehentlich nach der Politik

rufen, tut er alles, um den Ausstand weitgehend

ins Leere laufen zu lassen. Während

eines Pilotenstreiks bei BA mietete

Walsh gezielt Flugzeuge, und das sogar

bei seinem Erzrivalen, dem irischen Geizflieger

Ryanair. Später im Ausstand der

Flugbegleiter schickte Walsh angelernte

Nachwuchskräfte als Streikbrecher in die

Maschinen und konnte dabei sogar auf

mehrere Tausend Angestellte aus anderen

Unternehmensbereichen zählen. Am

Ende setzte BA auf seinen Flügen sogar

bis zu 1000 bereits von der Sanierung

überzeugte Piloten als Stewards ein.

4. BEWEISE LANGEN ATEM

Um ihre Passagiere nicht unnötig zu verärgern,

geben viele Unternehmen in

Streiks viel zu früh nach, fand Walsh. Er

nicht. „Wer von seiner Sache nicht überzeugt

ist, sollte besser gar nicht erst anfangen“,

so der Manager. Mit den Piloten

rang er bei British Airways am Ende gut

ein Jahr und mit der Kabinenbesatzung

anschließend gleich noch mal so lange.

Doch er gab nicht nach, selbst als Gewerkschafter

ihn mit Adolf Hitler verglichen

oder der Arbeitskampf bei Iberia in

Spanien antibritische Demonstrationen

auslöste. Doch am Ende setzte Walsh

seinen Willen und die Sanierung durch.

5. TRITT RECHTZEITIG ZURÜCK

Als bei BA die Stimmung in der niedergerungenen

Belegschaft nach dem Umbau

am Boden war, zog sich Walsh aus dem

Tagesgeschäft weitgehend zurück. Er arbeitete

an der Fusion mit Iberia und übernahm

schließlich den Chefposten bei der

gemeinsamen Holding IAG. Die Führung

und den Neuaufbau von BA überließ er

seinem Vize, dem umgänglichen damaligen

Finanzchef Keith Williams.

n

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 51

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Spielball für

Ego-Trips

SCHUMAG | Wie Missmanagement einen

Mittelständler auf den Hund brachte.

Schweres Erbe

Schumag-Chef

Ohlinger muss sich mit

Bordellrechnungen

seines Vorgängers

herumschlagen

Mit Johannes Ohlinger ist bei dem

Aachener Maschinenbauer Schumag

die Tugend der Sparsamkeit

eingezogen. Der 60-jährige Alleinvorstand

schaltet in den leeren Büros des Verwaltungsgebäudes

abends das Licht aus. Als

Dienstwagen fährt er einen Hyundai. Jeder

soll sehen, dass es mit der Verschwendungssucht

bei der Schumag AG vorbei ist.

Die Zeichen, die Ohlinger zu setzen versucht,

sind überfällig. Denn das 1830 gegründete

Traditionsunternehmen, das mit

Präzisionsteilen made in Germany wirbt,

ist in Nöten. Der Mittelständler mit 49 Millionen

Euro Umsatz und rund 660 Beschäftigten

schreibt seit fünf Jahren Verlust. Vor

einem Jahr teilte Ohlinger den Aktionären

mit, dass die Hälfte des Grundkapitals verbraucht

ist.

VIELE MILLIONEN EURO VERSENKT

Der Niedergang resultiert nicht nur aus

dem scharfen Wettbewerb, der bei Antriebswellen,

Stiften und Ventilen für die

Autoindustrie tobt. Und auch der Umsatzeinbruch

in der Finanzkrise 2009 sowie der

überbordende Verwaltungsapparat nach

dem Verkauf einer wichtigen Sparte erklären

die miese Lage nur unzureichend.

Der Kern des Übels bei Schumag liegt

darin, dass das Unternehmen im besten

Fall schlecht geführt, im schlimmsten Fall

von Aktionären, Aufsichtsräten und Vorständen

für eigene Interessen missbraucht

und geplündert wurde. Das zeigen interne

Schumag-Unterlagen, die der Wirtschafts-

Woche vorliegen. Danach fehlen dem Unternehmen

heute Millionen, die für dubiose

Berater, für unnütze Investitionen und

für private Zwecke bis hin zum Bordellbesuch

draufgingen.

Details über einige der Schandtaten

dürften ans Licht der Öffentlichkeit gelangen,

wenn es zum Prozess kommt. Gerade

erst hat Schumag-Chef Ohlinger, seit zwei

Jahren an der Spitze, bei einigen Verantwortlichen

über vier Millionen Euro eingeklagt.

Im Zentrum der Vorwürfe stehen der

frühere Vorstandschef Nicolaus Heinen,

der bis Mitte 2010 bei Schumag das Sagen

hatte, sowie Großaktionär Peter Koschel,

der auch Mitglied des Aufsichtsrats ist.

Ob die beiden zur Verantwortung gezogen

werden können, wird nicht einfach

festzustellen sein. Fest steht dagegen: In

den vergangenen Jahren gab es viele merkwürdige

Vorgänge, die den Eindruck erwecken,

als sei Schumag mehr ein Selbstbedienungsladen

denn ein gewinnorientiertes

Unternehmen gewesen:

n Allein zwischen 2008 und 2012 gab der

damalige Schumag-Vorstand unter Ohlin-

Mächtige Eigentümer

Aktionärsstruktur der Schumag AG

(in Prozent vom Grundkapital)

Meibah International

Streubesitz

13

8

Schumag-Mitarbeiter*

52

27

* Anteil wird indirekt gehalten; Quelle: Unternehmen

Peter Koschel*

gers Vorgängern knapp neun Millionen Euro

für externe Berater aus, deren Wert für

das Unternehmen teilweise zweifelhaft waren.

So erhielt ein Berater für seine Ratschläge

im Bereich „Marketing, Vertrieb

und Finanzierung“ 142 000 Euro. Welche

Leistungen er erbrachte, ist nirgendwo

festgehalten. Später tauchte dieser Berater

als Geschäftsführer einer Firma auf, an der

der damalige Schumag-Chef Heinen mittelbar

beteiligt war. Ohlinger zweifelt an,

dass der Berater für sein Geld etwas Sinnstiftendes

geleistet hat. Heinen hält dagegen,

der Berater habe Schumag „PR-mäßig

stärker international ausrichten sollen“.

Seine Arbeitsleistung sei mit „voller Zufriedenheit

zur Kenntnis genommen“ worden.

n Mehr als eine halbe Million Euro Honorar

für nicht näher spezifizierte Beratung

sackte eine Gesellschaft ein, die zeitweise

Schumag-Aufsichtsrat Koschel und Ex-Vorstand

Heinen indirekt gehörte. Heinens

Nachfolger, der mittlerweile verstorben ist,

führte diese Gesellschaft und erhielt überdies

ein Beraterhonorar von rund 900 000

Euro. Koschel behauptet heute, dass er gegen

diese Verträge gewesen sei. Heinen

bleibt dabei, dass sein Nachfolger wertvolle

Dienste geleistet und hierfür ein „angemessenes

Honorar“ erhalten habe, das

vom Aufsichtsrat genehmigt worden sei.

n Heinens verstorbener Nachfolger war

nicht gerade sparsam. Nach Informationen

der WirtschaftsWoche soll er jeden Monat

mehrere Tausend Euro in einem Edel-Bordell

im Rheinland „mit verführerischem

Ambiente im tropischen Stil“ verprasst und

die Rechnung mit der Firmenkreditkarte

beglichen haben.

FOTO: IMAGO/RENE SCHULZ

52 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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n Mit 3,5 Millionen Euro zu Buche schlug

den internen Unterlagen zufolge eine „Geschäftslinie

Russland“ nebst zugehörigem

„Know-how-Paket“, das Schumag unter

Heinen erwarb. Das sollte dem Unternehmen

Aufträge im Umfang von 20 bis 35 Millionen

Euro für Ventile einbringen, die in

russischen Ölpipelines eingebaut werden

sollten. Doch aus dem erhofften Geschäft

wurde nichts. Es ist nicht einmal klar, ob

Schumag das angebliche „Know-how“, das

etwa aus Zeichnungen besteht, überhaupt

nutzen darf, da die Rechte möglicherweise

bei einer anderen Firma liegen. Verkäufer

des „Know-how-Pakets“ war eine Gesellschaft,

die zeitweise Aufsichtsrat Koschel

sowie dem damaligen Schumag-Vorstand

Heinen und dessen Vater gehörte.

n Auf dubiose Weise kam Schumag auch

zu einer mehr als zwei Millionen Euro teuren

5000 Quadratmeter großen Produktionshalle,

die bis heute leer steht. Zwar

geht aus Aufsichtsratsunterlagen hervor,

dass Heinens Vorgänger allenfalls „langfristig“

eine „ausreichende Auslastung“

erwarteten und andere Maßnahmen einem

Neubau vorzogen. Dennoch drängten

die Betriebsräte im Aufsichtsrat auf einen

zügigen Bau und kritisierten gar, dass

der Vorstand mehrere Angebote einholen

wollte, um Geld zu sparen. Die Arbeitnehmervertreter

wollen dazu nicht Stellung

nehmen.

Das Leid mit den Chefs und Eigentümern

hat bei Schumag Tradition. Bis 2002

gehörte der frühere Familienbetrieb zum

einstigen Babcock-Konzern, der Geld aus

der Kasse der Aachener Tochter abzog.

Nach der Pleite des Anlagenbauers 2002

wurde Schumag als eigenständiges, börsennotiertes

Unternehmen weitergeführt

und 2007 mehrheitlich von der Berliner

Unternehmerfamilie Kazinakis übernommen.

Als deren Beteiligungsgesellschaft

pleiteging, war über Jahre unklar, wem

Schumag mehrheitlich gehört. Das hat sich

vor einigen Wochen grundlegend geän-

»Schumag wird

für die Fehden der

Führungskräfte

missbraucht«

Verklagter Ex-Schumag-Vorstand Heinen

Stattdessen wanderte das Geld unter anderem

in das ominöse und offensichtlich gescheiterte

Russland-Geschäft, für das nun

niemand die Verantwortung tragen will.

Schumag-Chef Ohlinger fühlt sich von

Großaktionär und Aufsichtsrat Koschel, der

dem Unternehmen das „Know-how-Paket“

verkaufte, sowie vom damaligen Vorstandschef

Heinen hereingelegt. Koschel dagegen

schiebt alles auf die damaligen Vorstände.

Diese seien schuld daran, dass Schumag

mithilfe des „Know-how-Pakets“ keine Aufträge

hereinholen konnte. So habe Schumag

in einem Fall Zertifikate für ein paar Tausend

Euro benötigt, um einen Millionenauftrag an

Land zu ziehen. Der Vorstand aber habe die

Rechnung des Zertifizierers nicht beglichen

und damit das Geschäft versemmelt. Im Übrigen

erwarte er noch Gewinne. Die Geschäftslinie

sei immer noch werthaltig.

dert, als die Hälfte der Aktien an die

Münchner Firma Meibah ging, die zur chinesischen

Meikai-Gruppe gehört. Etwas

mehr als ein Viertel der Aktien hält Schumag-Aufsichtsrat

Koschel, rund acht Prozent

halten die Mitarbeiter (siehe Grafik).

Losgegangen war es mit den dubiosen

Geschäften bei Schumag, nachdem das

Unternehmen seine Maschinenbausparte

verkauft hatte und von heute auf morgen

über 40 Millionen Euro auf dem Konto lagen.

GR0SSE RETOURKUTSCHE

Doch die Fakten sprechen eine andere

Sprache: Bis September 2012 hat die Energietochter

von Schumag, die die Pipeline-

Geschäfte an Land ziehen sollte, 6,7 Millionen

Euro verbrannt.

Ex-Vorstandschef Heinen holt gar zur

großen Retourkutsche gegen das gegenwärtige

Management aus. Schumag, so

sein Vorwurf, werde „noch immer als

Spielball für die Ego-Trips und Fehden der

Eigentlich hätte der Vorstand damit örtlichen Führungskräfte“ missbraucht.

dringend nötige Investitionen finanzieren

müssen. Doch dazu kam es nicht. Die Maschinen

bei Schumag sind inzwischen so

Der Aufsichtsrat habe beim Russland-Geschäft

sämtliche Informationen gehabt

und den Deal einstimmig genehmigt.

marode, dass sie jedes Jahr 35 000 Stunden In der Tat müssen sich die Aufsichtsratsmitglieder,

zu denen damals auch Oh-»

ausfallen. © Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»

men weltweit führend“, sagt Roland

Göhde, Chef von German

Healthcare Partnership (GHP),

einer Allianz der Privatwirtschaft

zur Stärkung von Gesundheitssystemen

in Entwicklungsländern,

die von der Bundesregierung

unterstützt wird.

Die Zeit drängt. Knapp 5000

Ebola-Infizierte in Westafrika starben bereits.

Zwar gelten Nigeria und Senegal wieder

als Ebola-frei. Doch in den von Bürgerkrieg

gezeichneten Staaten Liberia, Sierra

Leone und Guinea verdoppelt sich die Zahl

der Infizierten weiter alle drei Wochen. Die

US-Seuchenschutzbehörde Centers for

Desease Control and Prevention (CDC)

rechnet bald mit 1,4 Millionen Infizierten.

Die ökonomischen Folgen sind verheerend

(siehe Interview Seite 10).

Die deutschen Diagnostikfirmen profitierten

von ausgezeichneter Forschung in

diesem Bereich. So arbeiten am Institut für

Virologie der Uni Marburg einige der weltweit

führenden Experten für Filoviren, zu

denen der Ebola-Virus gehört. Ebenso relinger

gehörte, die Frage gefallen lassen,

ob sie ausreichend hingeschaut haben. Die

Unterlagen einer Aufsichtsratssitzung jedenfalls

erwecken den Eindruck, dass die

Kontrolleure nicht so ganz genau wussten,

was sie da eigentlich für die Schumag einkauften.

Im Protokoll ist eher rudimentär

von einer „Geschäftslinie Russland“ die

Rede. Obwohl es intern auch warnende

Stimmen gab, winkte der Aufsichtsrat den

Russland-Deal durch.

NEUER ÄRGER

Wann Schumag aus dem Schlamassel

kommt, ist nicht absehbar. Denn wer gehofft

hatte, der Einstieg des chinesischen

Autoteile- und Kleidungsherstellers Meikai

mit 52 Prozent brächte Ruhe ins Unternehmen,

sieht sich getäuscht. Erst einmal

schafft der neue Großaktionär weitere Probleme.

So verliert Schumag durch den

neuen Mehrheitseigentümer das Recht,

die Verluste der Vergangenheit mit späteren

Gewinnen steuerlich verrechnen zu

können. Das heißt, das Unternehmen

muss künftige Gewinne – und in diesem

Jahr wird Schumag vermutlich wieder

schwarze Zahlen schreiben – versteuern.

Internen Kalkulationen zufolge könnten

durch den Eigentümerwechsel in den

kommenden fünf Jahren Steuern in Höhe

von bis zu zehn Millionen Euro anfallen.

Des Weiteren drohen die Eigentumsverhältnisse

Schumag zu blockieren. Denn

Miaocheng Guo, der Chef des neuen Großaktionärs

Meikai, hätte auch gerne Koschels

27 Prozent übernommen. Der aber

wollte nicht für 1,35 Euro pro Aktie verkaufen.

Nun kann Koschel mit seinen 27 Prozent

eine Kapitalerhöhung bei Schumag

durch die Chinesen verhindern, da hierfür

75 Prozent der Stimmen auf der Hauptversammlung

nötig sind.

Der Betriebsrat steht dem neuen Aktionär

aus China Unternehmenskreisen zufolge

ebenfalls eher feindlich gegenüber.

Die Mitarbeiter sind bei Schumag mächtig,

da ihnen acht Prozent des Unternehmens

gehören. Meikai-Chef Gou soll kürzlich

zwar versichert haben, am Standort Aachen

festhalten zu wollen, um die Kunden

nicht zu verunsichern. Doch das Misstrauen

der Beschäftigten ist groß.

Die vergangene Schumag-Hauptversammlung

beendete Betriebsrats- und

Aufsichtsratschef Ralf Marbaise mit den

Worten: „Wir haben noch ein Ass im Ärmel.“

Viele Anwesende verstanden das als

Drohung an die Adresse der Chinesen. n

melanie.bergermann@wiwo.de | Frankfurt

Bis zur Grasnarbe

EBOLA | Deutsche Unternehmen sind führend bei Virustests und

könnten eine wichtige Rolle im Kampf gegen die Epidemie spielen.

Blau ist die Farbe des Todes. Ein paar

Tropfen Blut reichen, um zu erkennen,

ob Ebola im Körper ist. Je blauer

sich das Röhrchen in Gestalt einer Plastikzigarette

verfärbt, desto schlimmer wütet

das Virus, desto näher ist der Tod. Bleibt

das Röhrchen weiß, gibt es Entwarnung.

Im Kampf gegen Ebola

ist die Hoffnung weiß – die Hoffnung,

dass man sich (noch)

nicht angesteckt hat.

Ihre Hoffnung, Afrika im

Kampf gegen Ebola helfen zu

können, haben drei deutsche

Unternehmer noch nicht aufgegeben.

Seit sieben Monaten bieten

Hans Hermann Söffing, Tom Halgasch

und Bernhard Niethe der Bundesregierung

und der Weltgesundheitsorganisation

WHO zwei fast fertig erprobte Ebola-

Schnelltests an; erforscht wurden sie vor

zehn Jahren. Niethe entwickelte die Diagnostika,

Söffing kann sie in seiner Firma

Senova in Weimar fertigen, Halgasch verfügt

über ein Labor in Guinea und könnte

den Vertrieb in Westafrika organisieren.

WELTWEIT VORN

Noch zögern das Bundesgesundheitsministerium

und die WHO, den Test in Afrika

einzusetzen, da er nicht alle vorgeschriebenen

Prozeduren durchlaufen hat. Der

Schnelltest beruht auf Forschungsergebnissen

der Bundeswehr und unterscheidet

sich von Verfahren, die auf Erbgutanalysen

beruhen. Er weist nicht die Viren nach,

sondern die Abwehrstoffe, die ein Infizierter

gebildet hat. Diese Tests sind mit 20 bis

30 Minuten Dauer deutlich schneller als

Erbguttests, aber in der Regel auch nicht

ganz so genau. Zudem fehlt der endgültige

Beweis der Zuverlässigkeit.

Während Westafrika unter der Ebola-

Epidemie zusammenzubrechen droht,

bieten sich deutsche Unternehmen an, bei

einem wichtigen Teil der Bekämpfung zu

helfen: bei der Erkennung der Krankheit.

Unternehmen wie GlaxoSmithKline aus

Großbritannien, NewLink Genetics und

Johnson & Johnson aus den USA arbeiten

fieberhaft an Impfstoffen, Firmen von hier

sind führend bei Diagnostika zur Früher-

Fotos

In unseren App-

Ausgaben finden

Sie Aufnahmen

von Rettungskräften

am Ort

kennung des Virus. Schnelltests sind mindestens

so wichtig wie Krankenhäuser und

Versorgungszenten für Kranke.

„Deutsche Unternehmen sind bei der

Entwicklung von diagnostischen Lösungen

zur Erkennung von Ebola neben amerikanischen

und französischen Fir-

Außer Kontrolle

Zahl der Ebola-Infizierten und -Toten in

Westafrika (in Tausend)

10

8

6

4

2

Infizierte

Tote

0

M A M J J A S O

Quelle: WHO

2014

FOTO: ACTION PRESS/ZUMA PRESS/NURPHOTO

54 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Suche nach Infizierten

Mitarbeiterin des

Liberianischen Roten

Kreuzes in Monrovia

Ebola-Schnelltests made in Germany

ALTONA DIAGNOSTICS Sitz in Hamburg,

2007 gegründet. Erfolge bei Diagnose

von BSE und SARS. Ebola-Test analysiert

Virus-Erbgut, dauert vier Stunden.

Vertrieb in Westafrika über Düsseldorfer

Diagnostikahersteller Qiagen.

ALERE TECHNOLOGIES Gegründet 1998

in Jena. Stärken: Bietet für Afrika bereits

mobile Geräte für Tests von HIV und Tuberkulose.

Ebola-Test analysiert Viren-Erbgut.

Soll für Nichtregierungsorganisationen feldtauglichen

Ebola-Schnelltest entwickeln.

SENOVA 30-Mitarbeiter-Betrieb in Weimar.

Ebola-Test per Streifen oder Röhrchen

wäre revolutionär: Ergebnis in Minuten.

Basiert auf Forschungen der

Bundeswehr. Reagiert auf Antikörper. Beweis

der Zuverlässigkeit steht noch aus.

nommiert ist das Hamburger Bernhard-

Nocht-Institut für Tropenmedizin, dessen

Forscher seit März in Guinea im Auftrag eines

europäischen Konsortiums ein mobiles

Untersuchungslabor aufgebaut haben.

Aus diesen Forschungseinrichtungen

haben sich zahlreiche Unternehmen ausgegründet,

etwa in Hamburg die Firma Altona

Diagnostics. Die hat in Zusammenarbeit

mit Forscherkollegen aus Marburg seit

März einen sehr sicher arbeitenden Test

entwickelt, der innerhalb von vier bis fünf

Stunden Ergebnisse liefert. „Er wird im Europäischen

mobilen Labor in Westafrika

und den an die WHO angegliederten Laboratorien

eingesetzt“, sagt Hans Kuhn, Finanzchef

des Unternehmens.

Seit Oktober hat auch Qiagen den Test

im Angebot. Das Biotech-Unternehmen

aus Hilden bei Düsseldorf ist weltweit in

der Diagnostikszene sehr gut bekannt, weil

es sich seit den Achtzigerjahren mit praktischen

Laborsets für die Isolierung von Erbgut

aus biologischem Probenmaterial einen

Namen gemacht hat. Die Produkte von

Qiagen fehlen in keinem Biotech-Labor

der Welt. Qiagen gilt auch bei WHO und

CDC als wichtiger Ansprechpartner. Doch

der Schnelltest hat einen Nachteil. Weil er

das Erbgut analysiert, ist er komplex, verhältnismäßig

teuer. Zudem erfordert er gute

Laborinfrastruktur und geschultes Personal.

Diese Methode sei daher „nicht ohne

Weiteres vor Ort in infrastrukturschwachen

und ländlichen Gebieten einsetzbar“,

sagt Experte Göhde.

ROBUSTE GERÄTE FÜR AFRIKA

Bundesforschungsministerin Johanna

Wanka steckt daher mehrere Millionen Euro

in eine Non-Profit-Organisation in Genf,

die Foundation for Innovative New Diagnostics

(FIND). Diese will einen wirkungsvollen

Test für Westafrika entwickeln lassen

und setzt dabei auf Hilfe des Jenaer Unternehmens

Alere Technologies. Das Spinoff

aus Forschungseinrichtungen der Region

entwickelt Tests, die einfach zu handhaben

sind und in unmittelbarer Patientennähe

durchgeführt werden können.

„Wir arbeiten dezentral und bis herunter

zur Grasnarbe“, beschreibt Alere-Technologies-Chef

Eugen Ermantraut den Ansatz.

Der Vorteil – auch dieser auf Erbgutanalysen

beruhenden Tests – wäre offensichtlich:

„Wenn wir damit zu den Menschen

kommen, schränkt das die Wege ein, die

mögliche Kranke zurücklegen und dabei

weitere Menschen anstecken.“

Noch hat Alere keinen verkaufsfertigen

Test im Angebot. Das Unternehmen ist

aber mit treffsicheren und robusten Tuberkulose-

und Aids-Tests in Afrika im Geschäft.

Weil der Aids-Erreger dem Ebola-

Virus ähnelt, könnte ein angepasster Alere-

Test sehr rasch auch bei der neuen Seuche

funktionieren. Deshalb hat sich FIND auch

schon an Alere gewandt.

Senova-Chef Söffing gibt nicht auf. Er

reist diese Tage nach Guinea. Dort betreibt

sein Geschäftskollege Halgasch, Chef des

Gesundheitsdienstleisters Health Focus in

Potsdam, seit Jahren ein Labor, das sich zu

einer anerkannten Privatklinik gemausert

hat. Für den Schnelltest würden bald Patienten

getestet und Mitarbeiter geschult.

„Wenn man Ebola früh erkennt und den

Patienten isoliert“, ist Söffing optimistisch,

„kann man die Krankheit besiegen.“ n

christian.schlesiger@wiwo.de, susanne kutter,

florian willershausen | Berlin

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 55

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Unternehmen&Märkte

Château Lidl

WEINHANDEL | Der Einstieg des Discounters Lidl in das Geschäft

mit teuren Weinen trifft den ohnehin angeschlagenen Fachhandel

hart. Und die Konkurrenz zieht nach.

nicht selten von Ortsnachbarn oder Verbandsfreunden

gerüffelt. Lang gehört zum

Verband deutscher Prädikatsweingüter,

der für sich in Anspruch nimmt, die große

Mehrheit der Spitzenproduzenten der 13

deutschen Weinbauregionen zu vertreten.

Die Dämme brechen. Mit Online-Offerten

wie dem 2011er Château d’Yquem für

349 Euro oder dem Saint-Estèphe Grand

Cru Classé 2 Château Montrose des gleichen

Jahrgangs für 89,99 Euro nimmt Lidl

den Wettbewerb nicht nur mit dem stationären

Fachhandel, sondern auch mit den

Versendern hochwertiger Weine auf.

Kampfpreis 299 Euro pro Flasche Château

d’Yquem bei Sauternes im Bordeaux

Der Newsletter der Weinhandlung Lorenz

Adlon in Berlin schwärmt in den

höchsten Tönen: Wer zu Gast sei auf

Château d’Yquem auf der Spitze eines Hügels

oberhalb der Ortschaft Sauternes südöstlich

von Bordeaux, habe „wirklich das

Gefühl, in einer anderen Welt zu sein“. Das

ist sie auch. Insbesondere die Süßweine des

Gutes gelten als die rarsten und besten der

Welt. Ein d’Yquem aus dem Jahr 1811 ist bis

heute laut „Guinness Buch der Rekorde“ die

teuerste je versteigerte Flasche Weißwein:

Sie erzielte 2011 in London 75000 Pfund.

Der jüngste aktuell zu kaufende Jahrgang

2011 ist bei Lorenz Adlon allerdings zurzeit

zum Kampfpreis von 299 Euro zu haben –

50 Euro weniger als Discounter Lidl seit

Ende Oktober für den gleichen Wein in seinem

Online-Shop verlangt. Bei solchen

Preisen ist die Gewinnmarge schmal: Etwa

250 Euro pro Flasche verlangt das Weingut,

das zum Pariser Luxuskonzern LVMH gehört,

schon von seinen Zwischenhändlern,

die an den Einzelhandel weiterverkaufen.

Die Reaktion der Berliner zeigt, wie bedrohlich

der Einstieg von Lidl ins Geschäft

mit hochpreisigen Weinen von der Branche

eingeschätzt wird. „Das ist ein harter

Schlag für den eh schon leidenden Weinfachhandel“,

sagt Olaf Müller-Soppart, Mitgründer

von Jacques’ Weindepot und heute

Inhaber eines Spezialhauses für Weinkellereinrichtungen.

Und die Lage dürfte

sich verschärfen. Denn neben Lidl planen

auch andere Einzelhandelsriesen, das Geschäft

mit teureren Tropfen auszubauen.

Der Konkurrenzkampf um den rund fünf

Milliarden schweren Weinmarkt in

Deutschland erreicht mit dem Lidl-Vorstoß

eine neue Dimension. Bislang beschränkten

sich die Discounter darauf, neben ihrem

Standardsortiment billiger Weine in

Aktionen Rieslinge und Barolos namhafter

Weingüter anzubieten. Die kosten dann

auch mal deutlich mehr als die 2,60 Euro,

die der Deutsche im Schnitt für einen Liter

Discounter-Wein zahlt. Die Aktionen taten

dem Fachhandel wegen der begrenzten

Mengen nicht wirklich weh.

Dennoch wurden Winzer wie Hans Lang

aus Eltville am Rhein, die an Aldi lieferten,

PUNKTE FÜR DEN VERBRAUCHER

Bei den Bordeaux-Weinen soll es nicht bleiben,

Lidl will weitere Länder dazunehmen.

Und andere Handelsketten ziehen nach.

Real plant für die wichtige Vorweihnachtszeit

eine Aktion mit Weinen renommierter

Häuser wie Antinori, Mondavi oder Torres.

Discounter Netto lässt sich von dem Mastersommelier

Frank Kämmer beraten und

führt im laut eigenen Aussagen größten Online-Weinsortiment

eines Discounters unter

anderem chilenische Rotweine für 99,50

Euro oder einen Château Figeac für 249 Euro.

Rewe plant seit Monaten den Aufbau eines

Online-Weinshops und muss nun zusehen,

wie Wettbewerber Lidl mit Werbung in

allen Filialen und TV-Spots voranprescht.

All dies trifft auf einen Fachhandel, der

bereits angeschlagen ist. Weinverkauf ist in

Deutschland mittlerweile die Domäne der

Supermärkte, großen Kaufhäuser und Discounter.

74 Prozent aller Flaschen gehen in

diesem Segment über das Kassenband, gerade

einmal sieben Prozent verkauft der

Fachhandel (siehe Grafik). Das könnte nun

noch weniger werden. „Bis heute war es

nicht lustig mit Weinhandel, jetzt ist er tot“,

klagt ein Berliner Händler, dessen Spezialität

hochwertige Weine aus dem Bordeaux,

der Champagne und den deutschen Spitzenweingütern

sind.

Der Fachhandel leidet darunter, dass für

Weine unterhalb von zehn Euro kaum ein

Kunde Beratung im Ladengeschäft sucht.

Und selbst Händler in der Preislage oberhalb

von 20 Euro pro Flasche können nicht

sicher sein, dass der Kunde, der sich einen

Sancerre zum Steinbutt empfehlen lässt,

den auch im Geschäft einpackt. Das Phänomen

ist auch in anderen Branchen bekannt:„Die

Kunden suchen heute zum Teil

noch im Geschäft auf dem Smartphone

nach dem empfohlenen Wein, und wenn

er im Versand billiger ist, bestellen sie ihn

dort“, schimpft der Berliner Händler, der

FOTO: GETTY IMAGES

56 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Direkt vom Discounter

Absatzmengen von Wein in Deutschland

nach Einkaufsstätten (Anteile in Prozent)

12 13

13 13

21 22

27 26

15 14

7 7

5 5

2012 2013

Quelle: GfK Consumer Scan

Lebensmitteleinzelhandel

bis 1500 m 2 Ladenfläche

Selbstbedienungswarenhäuser

und Verbrauchermärkte

Aldi

Restliche Discounter

Winzer

Fachhandel

Restliche Einkaufsstellen

wie Tankstellen, Restaurants

weiß, dass nur die Spezialisierung auf seltene

Weine sein Überleben sichert.

In der Beletage der Weinexperten gibt es

gegenüber den Discountern – anders als bei

manchen Winzern – offenbar weniger Berührungsängste.

So hat Lidl die Kompetenz

für den Verkauf hochwertiger Weine eingekauft

und dafür Richard Bampfield verpflichtet.

Der Brite hat 2012 in Großbritannien

erstmals für die dortigen Lidl-Filialen

Top-Weine ausgesucht und bewertet.

Bampfield ist einer von nur knapp 300 Masters

of Wine, die vom gleichnamigen Institut

ausgebildet und geprüft werden. Zu ihnen

zählen einige der einflussreichsten Weinkritiker

wie Michael Broadbent oder Jancis

Robinson.

Aus Deutschland gehört Caro Maurer zu

dem exklusiven Club. Für die Weinautorin

und Dozentin ist Bampfields Lidl-Engagement

kein Sündenfall: „Er bewertet die Weine

nach den üblichen Kriterien.“ Sie freue

sich, dass mit Lidl ein Discounter auch bessere

Qualitäten anbiete und der Kunde so

dazu angeregt werde, auch mal mehr Geld

für einen Wein auszugeben.

Bei Deutschlands größtem Weinhändler

Aldi ist der ehemalige Sommelierweltmeister

Markus Del Monego an Bord – auch er

ein Master of Wine.Del Monego ist Gründer

der Essener Agentur Caveco, die für Aldi die

Weine aussucht. Früher stand Del Monego

mit seinem eigenen Gesicht für die Aldi-

Weinauswahl, nach vielen Anfeindungen

von Kollegen wirkt er inzwischen nur noch

abseits der Öffentlichkeit.

Aldi – bekannt dafür, bewusst spät auf

Branchentrends aufzuspringen – hat noch

keinen Online-Shop, setzt aber auch auf

bessere Weinqualitäten. So arbeitet der Discounter

mit dem badischen Winzer Fritz

Keller zusammen, der seit 2008 für Aldi Süd

die Edition Fritz Keller produziert – zu Preisen

deutlich über dem Aldi-Durchschnitt.

Die Trauben stammen von mehr als 450 badischen

Winzern, die nach Vorgaben Kellers

die Rebstöcke beschneiden und Mengen reduzieren

müssen.

Hinter Lidls Vorstoß stecken indes weitere

Motive als nur der Angriff auf Weinhändler

und Handelskonkurrenten. Lidls Strategie

mit dem Angebot von 1000 Weinen im Online-Shop

ist es auch, die eigenen Kunden an

den gerade durchstartenden Kauf von Lebensmitteln

im Internet zu gewöhnen (WirtschaftsWoche

Heft 44/2013). Alle fürchten

sich auch vor dem Versandhändler Amazon,

der in den USA mit fresh.amazon Erfolg hat.

Tjorven Jorzik ist Geschäftsführer des Beratungsunternehmens

Frag’ Henry, das einen

digitalen Sommelier für Supermärkte entwickelt

hat. Via Touchscreen können sich dabei

Kunden im Geschäft einen Wein empfehlen

lassen. Jorzik meint: „Die Weinfachhändler

leiden zwar unter dem Vorstoß der Discounter,

sind aber eher Kollateralopfer.“

n

thorsten.firlus@wiwo.de

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Unternehmen&Märkte

Ungleiche Partner Früher nahm sich

Ex-Bankräuber Massat (rechts), was er kriegen

konnte, heute unterstützt er Sicherheitsberater

Hannich. Vor beiden steht ein kleiner

Safe, den Massat allerdings trotz seiner

Erfahrung nicht zu knacken vermochte

»Überfälle konnte ich gut«

BANKEN | Was ist der Einbruch in eine Bank gegen den Schutz einer Bank? Die Antwort

geben zwei Insider: der Ex-Bankräuber Siegfried Massat und der Sicherheitsberater Rainer

Hannich, die dabei helfen, Filialen besser auf Überfälle vorzubereiten.

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

58 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Wenn Siegfried Massat ans Rednerpult

tritt und sich vorstellt, geht ein Raunen

durchs Auditorium. Seine Zuhörer sind

Banker. Der eine oder andere von ihnen

hat selbst Überfälle erlebt

oder Geschichten von betroffenen

Kollegen gehört.

Manches Opfer empfindet

es als Unverschämtheit,

wenn sich ein verurteilter

Bankräuber wie Massat als

Dozent vor Bankangestellte

hinstellt. Andere dagegen

sehen die Vorträge des

72-Jährigen als unterhaltsamen

Kontrapunkt zu den oft

drögen Programmen auf Finanzkongressen

oder Sicherheitsmessen und feixen zu

den abenteuerlichen Storys des ehemaligen

Berufsverbrechers.

Nach Absitzen diverser Strafen hat Massat

mit seiner Vergangenheit abgeschlossen.

Heute arbeitet er mit Rainer Hannich

zusammen, der lange Schutzbeauftragter

einer Landesbank war und sich danach als

Sicherheitsberater selbstständig gemacht

hat. Hannich hat Massats erzählerisches

Talent entdeckt und stellt sein Insiderwissen

nun Bankern zur Verfügung.

Massat plaudert in rheinischem Singsang,

bringt seine Geschichten von den

Überfällen sympathisch-sachlich rüber.

Vor Bankern tritt er im Anzug auf, sonst

kleidet er sich modisch, aber leger, trägt

Hemd oder Pulli, dazu eine helle Hose. Die

Haare auf dem sonnengebräunten Schädel

sind kurz getrimmt, ein schlangenförmiges

Tattoo auf dem rechten Unterarm weist auf

die Knastkarriere hin. Insgesamt hat er

rund 30 Jahre hinter Gittern verbracht.

Herr Massat, kann man von Banküberfällen

reich werden?

Manche vielleicht, ich nicht. Die Beute sah

zwar immer nach viel Geld auf einen

Schlag aus, aber dazwischen hatte ich

Durststrecken und Fehlschläge. Wenn man

davon leben muss, bleibt nicht viel übrig.

Warum haben Sie überhaupt Banken

überfallen, wenn es nichts bringt?

Ich bin in die Kriminalität geraten durch

meine Biografie – Heimkind, Jugendknast

und so weiter. Dann habe ich nach anfänglichen

Rückschlägen festgestellt, dass

Überfälle etwas waren, was ich sehr gut

konnte. Es war mein Job. Ich war Berufsverbrecher,

der scheinbare Erfolg verschaffte

mir Anerkennung in meinem

Umfeld.

Wann haben Sie Ihr Talent für Überfälle

entdeckt?

DER WACHHUND

Hannich, 61, arbeitete bis

2007 als sogenannter

Zentraler Schutzbeauftragter

einer deutschen Landesbank

und machte sich

danach als unabhängiger

Sicherheitsberater für

Banken und Sparkassen

selbstständig.

Meinen ersten richtigen Banküberfall habe

ich mit Anfang 30 verübt, in den Siebzigerjahren.

Davor bin ich in Banken eingebrochen,

wenn niemand da war, und habe den

Tresor aufgeschweißt. Das

dauerte einmal ein ganzes

Wochenende, in einer kleinen

Volks- und Raiffeisenbank

in der Nähe von Mönchengladbach.

Ein Kumpel

und ich haben schichtweise

Brenner und Meißel bedient.

Am Ende waren

Scheine drin im Wert von

60 000 D-Mark, aber viele

versengt von den Funken

vom Aufschweißen.

Was kam nach den Bankeinbrüchen?

Beim ersten Überfall sind wir vor Schreck

wieder rückwärts raus aus der Filiale, weil

so viele Kunden im Schalterraum standen.

Das war ein Fehler, wie ich später gelernt

habe. Denn für Bankräuber ist es gut, wenn

viele Kunden im Raum sind.

Herr Hannich, wissen Sie als Sicherheitsexperte

und natürlicher Gegner von Leutten

wie Herrn Massat, warum das so ist?

Für Banken als Unternehmen ist bei Überfällen

das Wichtigste, Leben und Gesundheit

von Kunden und Mitarbeitern zu

schützen. Das sind auch die Vorgaben der

Berufsgenossenschaften, über die die Mitarbeiter

versichert sind. Das Personal hat

strikte Anweisung, auf alle Forderungen

der Täter einzugehen – vor allem, wenn

Kunden dabei sind.

Und wenn gerade keine

Kunden da sind?

Dann kann man schon mal

leichter riskieren, den

Alarm auszulösen, ohne

dass es die Bankräuber merken.

Viele Tresore oder Tresorräume

lassen sich mit einer

alternativen Kombination

öffnen, die unbemerkt

Alarm auslöst.

Herr Massat, wie ging es

weiter nach Ihrem ersten, misslungenen

Überfall?

Wir sind erwischt worden, wurden aber

nicht verurteilt. Denn wir sind vor Vollendung

von der Tat reuevoll zurückgetreten,

wie Juristen sagen. Später habe ich mir

dann neue Komplizen gesucht und weitergemacht.

Wie haben Sie die Kunden und Mitarbeiter

der Banken unter Kontrolle gebracht?

Wir haben sie bedroht. Meine Komplizen

hatten meist Pistolen, aber ich trug eine

DER PANZERKNACKER

Massat, 72, Spitzname

Siggi, verbrachte seine Jugend

im Heim, raubte Banken

und Juweliere aus und

landete im Gefängnis, um

am Ende zu den Guten

überzulaufen. Heute referiert

er auf Finanzkongressen

und Sicherheitsmessen

über seine Taten.

Schrotflinte, der Lauf gekürzt, der Schaft

abgesägt. Das ist eine ganz bösartige Waffe,

und das sieht man ihr auch an. Die Wirkung

auf Menschen ist schon allein beim

Anblick verheerend. Allerdings haben wir

während eines Überfalls niemals eine Waffe

abfeuern müssen. Die Leute mussten

sich hinlegen und die Angestellten das

Geld aus der Kasse herausgeben.

Wie kamen Sie da ran?

Einer von uns sprang über den Bedienschalter,

schnappte sich einen Bankangestellten

und ging mit dem in den abgeschirmten

Kassenraum. In den kam man

meist nur durch eine Tür hinter der Schalterhalle.

Sie haben nie auf Menschen geschossen,

warum?

Unsere Bande wollte das auf jeden Fall verhindern,

weil der Fahndungsdruck auf uns

sonst überhand genommen hätte. Wir haben

also nicht allein aus Mitgefühl so gehandelt.

Weil keiner zu Schaden gekommen

ist, hat die Polizei nach einigen Tagen

die Suche aufgegeben und sich auf noch

drastischere Fälle konzentriert.

Herr Hannich, wie bereiten Sie die Banken

und ihre Mitarbeiter auf solche oder

ähnliche Überfälle vor?

Mindestens zwei Mal im Jahr gibt es Sicherheitsunterweisungen

in den Filialen. Die

sind bewusst abstrakt gehalten. Wir warnen

davor, Widerstand zu leisten oder zu

fliehen, weil das die Täter zwingt, von ihrer

Waffe Gebrauch zu machen.

Veranstalten Sie auch Rollenspiele,

um das Verhalten

bei Überfällen realitätsnah

zu trainieren?

Davon rate ich ab. Das habe

ich bisher nur für Polizisten

gemacht, die haben

zum Beispiel in einer Bankfiliale

eine Geiselnahme

trainiert, am Wochenende

und ohne Mitarbeiter oder

Kunden. Eine Überdosis

Realität würde die Angst

der Angestellten erheblich steigern, einige

würden um Versetzung weg aus der Filiale

bitten.

Herr Massat, wie haben Sie sich nach den

Überfällen davongemacht?

Entscheidend ist, dass ein schneller Fluchtwagen

mit einem zuverlässigen Fahrer bereitsteht.

Das Auto war geklaut, meist ein

schneller Golf GTI oder G 60. Dann gab es

noch ein Fahrzeug zum Wechseln, um die

Spur zu verwischen. Das Zweitauto war ein

Audi 100. Die Fahrzeuge haben wir auf

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 59

»

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Unternehmen&Märkte

»

einem belebten Parkplatz zum Beispiel

vor einem Supermarkt abgestellt, wo sie

tagsüber nicht auffielen.

Offensichtlich haben Sie die Überfälle

intensiv vorbereitet.

Man muss das im Detail planen, für mich

war es wie gesagt ein Beruf. Wenn wir weit

genug weg waren von der Bank und die Polizei

die Straßen nach uns absuchte, haben

wir uns für viele Stunden versteckt, etwa in

einem Gebüsch hinter einem Spielplatz,

und die Beute gezählt.

Dafür hatten Sie Nerven?

Man muss ja im Versteck etwas tun, um die

Zeit totzuschlagen. Die Beute zu zählen

ist gar nicht so ohne. Auch damals waren

die Geldbündel schon mit Farbbömbchen

gesichert. Wenn man die falsch anpackte,

war das Geld wertlos. Außerdem wäre

man aufgefallen mit Farbe an den

Händen.

Wie konnten Sie das vermeiden?

Wir hatten Stulpenhandschuhe

dabei und Plastiktüten. Dann

wurde jeweils ein Bündel aus

dem Beutel herausgeholt und in

der Plastiktüte geöffnet. So wurde

nur das Bündel verunreinigt, in

dem die Farbpatrone versteckt

war.

Wie viele Banken haben Sie

überfallen?

Die Taten sind verjährt, aber ich

lege trotzdem keine Liste auf den

Tisch. Wegen Bankraub und bewaffneten

Diebstahls wurde ich

zuletzt 1994 zu siebeneinhalb

Jahren Gefängnis verurteilt.

Wie hat man Sie erwischt?

Erwischt wurde ich wegen einer

anderen Sache. Wir wollten einen

Juwelier überfallen und dafür einen Laster

klauen, um mit der Ladefläche rückwärts

durchs Schaufenster zu stoßen. Gegenüber

der Spedition, wo die Lkws parkten, war eine

Tankstelle. Von dort hat wohl jemand

die Polizei gerufen. Wir konnten zwar mit

unserem eigenen Auto rechtzeitig entkommen,

kehrten aber nach etwa einer Stunde

zurück, um die Spuren zu beseitigen. Mein

Kumpel hatte eine Flasche liegen gelassen,

die er ohne Handschuhe angefasst hatte.

Das ließ ihm keine Ruhe, weil er sich um

die Fingerabdrücke sorgte. Allerdings hatten

die Polizisten auf uns gewartet.

Woher wusste die Polizei, dass Sie Bankräuber

waren, nicht nur Autodiebe?

Das wussten die erst auch nicht. Aber wir

sind dann mit dem Auto davongedüst, die

haben uns erst nach einer halsbrecherischen

Verfolgungsjagd quer durch Essen

gekriegt. Die Polizisten waren zugegebenermaßen

gute Fahrer, ihr Wagen hat unseren

von der Straße in einen Zaun gerammt.

Da wir Waffen hatten, wurde denen

klar, dass sie es mit Schwerkriminellen

zu tun hatten. Die Waffen haben die Polizei

in Rage gebracht, damit hätten wir auf

die schießen können. Wir wurden dann

heftig verhört, auch geschlagen, es gab Geständnisse.

Waren Prügel durch die Polizei der Grund

für das Geständnis?

Nein.

Warum wollten Sie von Banken auf

Juweliere umsatteln?

Das ging leichter. Die Banken haben immer

mehr aufgerüstet und die Kassenbestände

abgespeckt, das sprach sich

»Man muss im Versteck etwas

tun, um die Zeit totzuschlagen«

Siegfried Massat, Ex-Bankräuber

schnell herum im Milieu. Vor manchen Filialen

waren Warnhinweise, auch in osteuropäischen

Sprachen: Hier nur wenig

Bargeld.

Herr Hannich, was waren die Gründe für

diese Aufrüstung der Bankfilialen?

Der erste Wendepunkt waren die Banküberfälle

durch RAF-Terroristen in den

Siebzigerjahren. Da hat in den Vorstandsetagen

ein Umdenken eingesetzt. Ob aus

politischen Gründen, also um Terroristen

abzuwehren, darüber kann ich nur spekulieren.

Die Zahl der Raubüberfälle hatte ein

Niveau erreicht dass sich der Gesetzgeber

veranlasst sah, mehr für die Sicherheit von

Bankfilialen zu tun.

Was haben die Banken konkret gegen

Überfälle unternommen?

Das Bargeld wurde schneller abtransportiert,

die Tresorräume mit Zeitschlössern

versehen, sodass die Türen erst nach Minuten

aufgingen – zu lang für einen schnellen

Überfall. Kassenbestände wurden massiv

verringert, Alarmanlagen verbessert und –

damals völlig neu – Kameras zur Aufzeichnung

von Überfällen installiert. Damit war

auch eine Abschreckung verbunden.

Auch die Verbrechen des NSU-Terror-

Trios zeigen, dass Banküberfälle nach wie

vor passieren. Haben Bankfilialen immer

noch ein Sicherheitsproblem?

Banküberfälle wird man nie ausschließen

können. Gelegentlich gehen Filialen nicht

sorgsam mit den Sicherheitsvorschriften

um, was Täter erkennen und ausnutzen.

Die Taten von Herrn Massat liegen lange

zurück. Welchen Nutzen ziehen Sicherheitsprofis

heute aus seinen

Berichten?

Jedes Tatgeschehen ist anders.

Aber aus den Schilderungen

kann man schließen, welche Sicherheitsvorkehrungen

abschreckend

oder risikomindernd wirken.

Auch Polizisten setzen sich

mit ehemaligen Straftätern zusammen,

um aus deren Denken,

Handeln und Fühlen Erkenntnisse

für künftige Fälle zu gewinnen.

Eines kann man ganz sicher attestieren:

Bankraub lohnt nicht – zu

wenig Beute, hohe Aufklärungsquoten

und massive Strafen für

die Täter.

Herr Massat, haben Sie es

eigentlich auch mal mit legaler

Arbeit versucht?

Ja, ich habe Trinkhallen in meinem

Wohnort aufgemacht, die

meine Familie und mich redlich ernährt

haben. Aber wenn es dem Esel zu wohl

wird, geht er aufs Eis tanzen. Ich habe den

Anfragen von meinen Kollegen nicht lange

standgehalten, und schon war ich wieder

im Geschäft.

Sie haben anfangs angedeutet, dass von

der Beute nicht viel übrig geblieben ist.

Wovon leben Sie heute, von Vorträgen?

Ich wünschte, das könnte ich. Nein, ich habe

142 Euro Rente im Monat, für die Zeit, in

der ich Rentenbeiträge gezahlt habe. Die

Arbeit im Gefängnis wird leider nicht auf

die Rente angerechnet. Wenn das so wäre,

hätte ich eine bessere Rente. Dazu kommt

die staatliche Grundsicherung, also Hartz

IV. Ich klage nicht, es ist eine Situation, für

die ich selbst verantwortlich bin.

n

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

60 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

Vorsicht, Falle!

HIRNFORSCHUNG | Als Manager, Vorgesetzte, Investoren – oder ganz privat: Wir müssen

ständig entscheiden. Und dabei führt der angeblich so objektive Verstand uns

allzu oft in die Irre. Neue Erkenntnisse von Neurologen und Psychologen helfen uns,

teure Fehler zu vermeiden.

Soll ich heiraten, Kinder bekommen,

ein Haus kaufen? Bewerbe

ich mich auf die frei werdende

Stelle als Abteilungsleiter?

Oder wechsele ich besser die

Firma? Bei solch wichtigen Fragen beraten

sich Menschen bisher meist mit Freunden

oder der Familie.

Seit Kurzem bietet das Internet nun auch

hier eine digitale Alternative zum guten alten

analogen Gespräch an: Das kalifornische

Start-up Cloverpop verspricht Hilfe

für alle Lebenslagen. Seit September können

sich Zauderer und Zögerer im Web

durch einen Fragebogen klicken, der sie

beim Abwägen unterstützen soll.

Zwar entscheidet der Dienst am Ende

nicht wirklich für die Nutzer. Doch zumindest

helfe er, „Klarheit zu bekommen und

sich der Motive bewusst zu werden, die ihr

Denken beeinflussen“, verspricht Cloverpop-Gründer

Erik Larson. Der Selbsttest

arbeite systematisch Alternativen heraus

und zeige auf, was dem Fragenden wichtig

sei – Ruhm, Reichtum, Familie oder Spaß

am Leben. Larsons Ziel: „Auf dieser

Grundlage getroffene Entscheidungen berücksichtigen,

was für den jeweiligen Menschen

wirklich zählt.“

Jeden Tag treffen wir 20 000 Entscheidungen,

schätzt der Münchner Hirnforscher

Ernst Pöppel. Bedeutende und unbedeutende

– und solche, die wir gar nicht

wahrnehmen. Fast unbemerkt entscheiden

wir uns morgens, die Beine aus dem

Bett zu schwingen. Wir treffen unsere Wahl

vor dem Kleiderschrank, am Frühstückstisch:

Honig oder Marmelade? Vieles geschieht

intuitiv, ohne wirkliche Relevanz

für Erfolg oder Misserfolg an einem Tag.

Doch dann gibt es Entscheidungen, die

wir auch als solche empfinden, bei denen

wir auf jeden Fall richtig liegen wollen: Wer

von den vier Stellenbewerbern ist der Richtige?

Was sagen wir, wenn der Chef heute

unsere Meinung zum anstehenden Ausbau

des China-Geschäfts hören will?

Was kaum jemandem bewusst ist: Erschreckend

oft übernehmen verborgene

Mechanismen das Kommando, tappen wir

in Fallen mit teils drastischen und teuren

Folgen: Investoren setzen auf falsche Firmen,

Chefs stellen unfähige Mitarbeiter

ein, Richter verurteilen Unschuldige, Konzernstrategen

deuten Prognosen falsch:

20 000

Entscheidungen

trifft der Mensch

an jedem einzelnen Tag

n So vergrätzte der Softwarekonzern

Microsoft Zigtausende treue Kunden, als

er bei Windows 8 auf die ungeliebte

Kacheloptik umstellte. Ein echter Fehlgriff,

der dazu beitrug, dass die Software

floppte.

n Der nie fertiggestellte Atommeiler Kalkar

verschlang 3,6 Milliarden Euro. Heute ist

der schnelle Brüter ein Freizeitpark.

n Der deutsche Chemiegigant BASF

verkaufte seine komplette Pharmasparte

für 6,9 Milliarden Dollar an den US-

Konzern Abbott. Mit im Paket: Das fast

fertig entwickelte Krebsmittel Humira. Es

spielt Abbott heute knapp zehn Milliarden

Dollar Umsatz ein – pro Jahr.

Die Beispiele zeigen: Wer glaubt, Fehlurteile

unterliefen nur schlichten Gemütern,

liegt falsch. Im Gegenteil, auch kluge

Menschen treffen allzu oft falsche Entscheidungen.

Warum das so ist, versuchen Forscher

mit aufwendigen Methoden zu ergründen

(siehe Seite 66). Kaum ein Wissenschaftsfeld

boomt derzeit so stark. Eine Milliarde

Euro steckt etwa die Europäische Union ins

Human Brain Projekt. Und in Berlin

trafen sich gerade 6000 Neuropsychologen

zu ihrer Jahrestagung. Die Faszination ist

groß.

Einiges können die Forscher schon jetzt

erklären. Warum viele Schlüsse, die wir für

wohlüberlegt und objektiv halten, es gar

nicht sind, weil das Gehirn die Wirklichkeit

verzerrt darstellt oder sie falsch bewertet.

Das liegt weder an Dummheit noch an Inkompetenz.

Viele dieser Vorgänge haben

sich in Jahrmillionen der Evolution entwickelt.

Bloß passen die Entscheidungsmuster

nur noch bedingt in unsere moderne

Lebenswelt.

Andere Kompetenzen wie den Umgang

mit Zahlen und Statistiken beherrschen

wir noch immer nicht ausreichend, so

Neuroforscher Pöppel: „Wir haben viele

Defizite, die es uns schwer machen, fehlerlos

durchs Leben zu navigieren.“

Nur wer also weiß, welche Streiche unser

Gehirn uns spielt, kann die Fallen umgehen.

Wir haben die jüngsten Erkenntnisse

gesichtet und die zehn wichtigsten von ihnen

identifiziert: damit Sie sich künftig

richtig entscheiden.

ILLUSTRATION: NICHOLAS BLECHMAN

62 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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1

SCHÖNHEITS-FALLE

Wie uns schöne Menschen im

Beruf verführen.

Die größte Schwachstelle gut durchdachter

Analysen ist – ausgerechnet – unser Denkapparat:

Denn evolutionär betrachtet ist

das Gehirn noch immer für das Leben als

Jäger und Sammler optimiert. „Wir fliegen

zum Mond, aber unsere Entscheidungen

werden von archaischen Strukturen eingeschränkt,

die aus der Höhle stammen“, sagt

der Bonner Mediziner Christian Elger.

So war es in der Steinzeit beispielsweise

überlebenswichtig, blitzschnell entscheiden

zu können, ob wir uns einem Menschen

nähern, vor ihm fliehen oder gegen

ihn kämpfen sollten. Damals wie heute beurteilen

wir die Vertrauenswürdigkeit des

Gegenübers im Eilverfahren an seinem

Gesicht. Ebenmaß und Schönheit geben

uns dabei ein gutes und sicheres Gefühl.

Das funktioniert bei Kleinkindern wie

bei Erwachsenen, was Tests in der Schweiz

zeigten. Es lenkt uns auch in der Geschäftswelt

leicht aufs falsche Gleis: Sogar erfah-

rene Personalchefs tappen in die Schönheits-Falle.

Bemühen sie sich nicht aktiv,

sie zu umgehen, lassen sie sich vom Erscheinungsbild

eines Bewerbers oder einer

Bewerberin blenden. Auch deshalb entfernen

Personaler inzwischen die Fotos aus

Bewerbungsmappen.

Auch bei Investitionen wie etwa dem

Kauf eines Hauses oder eines Oldtimers

wiegt die gefühlte Vertrauenswürdigkeit

des Verkäufers oft schwerer als harte Daten

– etwa Preis, Ausstattung, Zustand der Karosse

oder Lage der Immobilie. Obacht!

»

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 63

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Technik&Wissen

2

GEGENWARTS-FALLE

Ungeduld ist gefährlich – und

Talent gar nicht so wichtig.

Auch an anderer Stelle prägt das Erbe der

Steinzeit unser Denken: So mag es bei einer

prähistorischen Lebenserwartung von

höchstens 40 Jahren und Gefahren wie Säbelzahntigern

sinnvoll gewesen sein, all das

sofort zu genießen, was die Gegenwart bietet.

Sich also den Bauch randvoll zu schlagen,

wenn die Sippe gerade ein Mammut erlegt

hatte. Wozu Vorräte anlegen, wenn das

Fleisch mangels Kühltruhe eh vergammelt?

Aus heutiger Sicht ist es dagegen sehr

sinnvoll, an die Zukunft zu denken. Sei es,

um unternehmerisch nachhaltig zu wirtschaften

oder sich privat fürs Alter

abzusichern. All das wissen wir – im

Grunde. Doch trotzdem spielt uns unser

Gehirn auch hier einen Streich, wie Neuroökonomen

nachgewiesen haben. „Wir

bewerten die Gegenwart noch immer

höher als die Zukunft“, sagt der Innsbrucker

Wirtschaftswissenschaftler Matthias

Sutter, der im Januar eine Exzellenzprofessur

für ökonomische Verhaltensforschung

in Köln antritt.

Das klassische Experiment sieht so aus:

Die Probanden sollen sich zum Beispiel entscheiden,

ob sie lieber jetzt gleich zehn Euro

oder in drei Wochen elf Euro bekommen

möchten. Mithilfe von Kernspintomografen

können Forscher beobachten, welche Gehirnregionen

bei einzelnen Probanden das

Handeln beeinflussen. Das kann die entwicklungsbiologisch

junge Großhirnrinde

sein, aber auch ein weit älteres Hirnareal,

das sogenannte limbische System – eine Art

internes Belohnungszentrum. Dabei zeigt

sich: Je stärker das limbische System durchschlägt,

desto eher entscheiden sich die

Testpersonen fürs schnelle Geld.

Das muss nicht so bleiben. Sutter hat mithilfe

von Erstklässlern (und Gummibärchen-Tüten)

untersucht, dass sich Geduld

trainieren lässt. Seine Erkenntnis, „Ausdauer

schlägt Talent“, findet sich auch im Untertitel

seines aktuellen Buches. Verlässlichkeit sei

dabei ein entscheidendes Kriterium: „Bekommen

Kinder eine zweite Tüte Gummibärchen

versprochen, wenn sie die erste die

ganze Schulstunde über nicht öffnen, müssen

sie diese auch erhalten“, sagt Sutter. Wird

die Belohnung vorenthalten, ist auch der negative

Lerneffekt enorm.

Um der Jetztzeit-Falle zu entgehen,

empfiehlt Sutter – aufs Wirtschaftsleben

übertragen – deshalb die Abkehr von kurzfristig

orientierten Boni-Zahlungen für Ma-

nager, jedenfalls dann, wenn es um Entscheidungen

geht, die dem Unternehmen

langfristigen Erfolg bescheren sollen.

3

GRUPPEN-FALLE

Dem Herdentrieb zu folgen

kann übel enden.

Wir sind zwar nicht ganz so tumb, wie die

sprichwörtlichen Lemminge. Aber als soziales

Wesen ist auch der Homo sapiens

auf das Wohl und Wehe seiner Mitmenschen

angewiesen. Damit entscheiden wir

nicht objektiv, sondern vor dem Hintergrund

gesellschaftlicher Akzeptanz: Wen

wir heiraten, welchen Beruf wir ergreifen,

welches Auto wir fahren und welchen

Hobbys wir nachgehen.

Weil es in unserer zunehmend komplexeren

Welt immer schwieriger wird, auf

Basis fundierten Wissens zu entscheiden,

vereinfachen viele Menschen das Verfahren.

Sie orientieren sich an dem, was mehrheitsfähig

ist, und schwimmen mit dem

Strom – in der Hoffnung, dass die anderen

wohl wissen werden, was sie tun und sich

ihr Handeln reiflich überlegt haben.

Im Einzellfall kann das eine sinnvolle Strategie

sein, etwa wenn Privatanleger mit wenig

Zeit und Einblick ins Börsengeschehen

die Investmentstrategien erfolgreicher Börsianer

nachahmen. Doch selbst Manager,

die in ihren eigenen Wissensgebieten hochkompetent

sind, erliegen allzu oft dem Her-

dentrieb. Das hat der Psychologe Gerd Gigerenzer

festgestellt, einer der international renommiertesten

Entscheidungsforscher.

Der Direktor des Max-Planck-Instituts

für Bildungsforschung in Berlin findet das

sehr bedenklich. Denn nur weil alle etwas

tun, muss das noch lange nicht richtig sein.

Das gelte nicht nur für mögliche Engagements

eines Unternehmens in einer bestimmten,

gerade angesagten Region der

Welt. Auch andere Modeerscheinungen in

der Wirtschaft verleiteten Manager dazu,

lieber der Herde zu folgen, als sich auf die

eigene Kompetenz zu besinnen.

Das Gruppenverhalten vor der jüngsten

großen Immobilien- und Finanzkrise sei

geradezu exemplarisch gewesen, so Gigerenzer:

„Eigentlich war offensichtlich, dass

diese Blase irgendwann platzen muss. Aber

keiner wollte der Erste sein, der aussteigt

und nicht mehr kurzfristig mit verdient.“

4

ANGST-FALLE

Defensives Entscheiden

schadet allen und ist teuer.

Nicht bloß Denkfaulheit, auch Angst vor

Misserfolg und Repressalien ist ein weiterer

Grund für Fehlurteile. Auch dafür sei

die Finanzkrise ein gutes Beispiel, sagt

Gigerenzer. Denn selbst von denen, die das

Risiko sahen, habe sich kaum einer getraut,

Alarm zu schlagen. Ursache dafür, so fand

der Experte mithilfe zahlreicher For-

ILLUSTRATIONEN: NICHOLAS BLECHMAN

64 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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schungsinterviews heraus, ist das immer

gleiche Denkschema: bloß keine Fehler

begehen; und sich schon gar nicht mutig

aus der Deckung wagen. Defensive Unternehmensführung

nennt Gigerenzer das,

wenn Manager nicht managen und agieren,

sondern nur reagieren.

Besonders auffällig sei das bei angestellten

Top-Kräften, die sich regelmäßig Aktionären

oder Firmeneignern gegenüber erklären

müssten. Sie stolpern regelmäßig in

die Angst-Falle. Wem das Unternehmen

dagegen gehört, der handle eigenständiger

und innovativer.

Die Angst vor dem eigenen Mut blockiert

demnach die Unternehmen in ihrem wirtschaftlichen

Schwung.

Noch teurer wird die Sache mit der Angst

vor dem Versagen und vor Fehlentscheidungen

in der Medizin. Gigerenzers Forschungsteam

hat über Jahre Daten zusammengetragen,

die belegen, dass Ärzte häufig

teure Medikamente verschreiben, obwohl

sie gar nicht wissen, was der Patient

hat. Auslöser ist die Angst, ihre Hilflosigkeit

könne auffallen. Die ehrliche Antwort „ich

weiß nicht, was Ihnen fehlt“ scheuen viele

Mediziner aus Sorge, es könnte ihre Autorität

untergraben – oder den Kranken einem

anderen Arzt in die Arme treiben.

Diese Art der defensiven Medizin treibt

nicht nur die Kosten des Gesundheitssystems

unnötig in die Höhe, sie schadet auch

den Patienten. Denn die schlucken Medikamente,

die ihnen nicht helfen und im

Zweifelsfall sogar schädliche Nebenwirkungen

haben. Wollen Ärzte der Sache aber

auf den Grund gehen, tun sie oft zu viel.

Selbst wenn sie die Ursache gefunden haben,

überschütten sie den Kranken weiter

mit modernster und teurer Diagnosetechnik

– aus purer Angst, etwas zu übersehen.

wieder zur Vernunft gebracht

und geschlichtet“, gibt Elger zu.

Ohne Moderator wäre er voll in

die Emotions-Falle getappt.

Die Kunst ist es, dann externen

Rat anzunehmen und Entscheidungen

zu vertagen, bis sich die

Gefühlswogen wieder geglättet

haben. Wer in der Zeit shoppen

geht, sollte sich klar darüber sein, dass es

teuer werden könnte. Der Kaufrausch, in

den mancher verfällt, um die schlechte Laune

zu bekämpfen, ist fast schon legendär.

Grandiose Realitätsverzerrer sind auch

Lob und Schmeichelei: Selbst wenn die

vom Mitarbeiter gesäuselten Worte offensichtlich

geheuchelt sind, können sich die

wenigsten dagegen wehren, anschließend

milde und generös aufzutreten. Dann genehmigt

der sparsamste Chef doch noch

den Sonderurlaub oder die Dienstreise.

6

AUFMERKSAMKEITS-FALLE

Warum Fliegen gefährlicher wirkt

als Autofahren.

Was wir beim Entscheiden empfinden, ist die

eine Sache. Wer uns berät, eine andere. Klar

ist:Chefs und Familienoberhäuptern schenken

wir mehr Aufmerksamkeit als anderen.

Und ihre Urteile und Ratschläge bewerten

wir höher als die eines jüngeren Menschen –

selbst dann, wenn der Jungspund sich in

dem betreffenden Themengebiet sehr viel

besser auskennt als der Silberrücken. Beispielsweise

wenn es um die Anschaffung von

Software oder die Präsentation des Unternehmens

in sozialen Netzwerken geht.

Kommt es im Team zur Aussprache, werden

sich viele Mitarbeiter der Meinung des

Literatur

In unseren

App-Ausgabe

finden eine Liste

mit den besten

Büchern zum

Thema

Chefs anschließen. Und das nicht

bloß aus Loyalität, sondern auch

weil Untergebene erfahrenen Vorgesetzten

qua Seniorität eine bessere

und weisere Entscheidung

zutrauen.

Die Aufmerksamkeits-Falle

schlägt auch da zu, wo Menschen

besonders lautstark auftreten

oder durch ihren Beruf ständig im

Rampenlicht stehen, etwa als Nachrichtensprecher

im Fernsehen. Ihnen allen

trauten Probanden in Forschungsprojekten

viel mehr Entscheidungskompetenz

zu. Wer solche Verzerrungen vermeiden

will, sollte auf anonyme Abstimmungen

setzen.

Was unsere Aufmerksamkeit zudem fesselt

und so die Bewertungsmaßstäbe verschiebt,

sind Unfälle mit vielen Opfern.

Evolutionär erklären Wissenschaftler das

so: Zu den Zeiten, als Menschentrupps nur

vereinzelt auf der Erde herumzogen, konnte

eine Sippe zwar einzelne Todesfälle verkraften,

nicht aber den Tod mehrerer

Gruppenmitglieder. Das bedeutete in der

Regel das Todesurteil für den Rest der Sippe

– und diese Erfahrung beeinflusst bis

heute unsere Entscheidungsmuster.

Bei aktuell 7,3 Milliarden Menschen

weltweit besteht die Gefahr des Aussterbens

zwar längst nicht mehr. Trotzdem

lässt die Ur-Angst viele Menschen das Fliegen

für weit gefährlicher halten als etwa

Autofahrten. Risikoforscher wie Ortwin

Renn aus Stuttgart rechnen vor, wie irrational

das ist: „Pro Jahr sterben weltweit 630

Menschen bei Flugzeugunglücken, im

Straßenverkehr kommen dagegen 1,24

Millionen Menschen um.“

»

5EMOTIONS-FALLE

Selbst offensichtlich geheucheltes

Lob macht gefügig.

Sogar bei Menschen, die sich als bedacht

und rational bezeichnen würden, haben

Emotionen einen enormen Einfluss. Neben

der Angst zählen auch Ärger, Frust und

Lob dazu.

Davor sind nicht einmal Wissenschaftler

gefeit, die selbst am Thema arbeiten. So erzählt

der Bonner Hirnforscher Elger, dass

er vor Kurzem fast ein Forschungsprojekt

hätte platzen lassen, für das er Jahre gekämpft

hatte – vor Wut über einen Kollegen,

der ihm Geltungssucht unterstellte.

„Zum Glück hat mich ein dritter Kollege

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 65

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Technik&Wissen

NEURO-POP-ART

Trügerische

bunte Kleckse

Kernspintomografie hilft Forschern,

Denkvorgänge im Hirn zu

verstehen. Allerdings nicht immer.

Die Technik ist fast zu gut, um wahr zu

sein: Mithilfe der Kernspintomografie

können Forscher dem Gehirn bis in

tiefste Schichten in Echtzeit beim Arbeiten

zusehen. So lässt sich orten, wo

gerade wie viel frisches, sauerstoffreiches

Blut hinströmt: Die bunten Punkte

am Monitor des Messgerätes zeugen

von Aktivität der Nervenzellen.

Weil die Durchleuchtungstechnik nur

mit einem starken Magnetfeld und einem

UKW-Sender arbeitet und ganz ohne

schädliche Strahlen auskommt, ist

sie ideal für die Wahrnehmungsforschung.

Wissenschaftler haben Scharen

von Probanden in die Röhre geschoben

und sie mit Fragekarten traktiert – vom

Kaufverhalten bis zum Gottesglauben:

Leuchtete es bei Fotos von Markenprodukten

wie Coca-Cola, Gucci oder Adidas

stärker im limbischen Belohnungszentrum?

Und welche Hirnaktivität löst

der Anblick eines Rosenkranzes aus?

TOTER LACHS MIT MITGEFÜHL

So hilfreich die Technik ist, bei der Interpretation

der Bilder mit ihren bunten

Farbklecksen schießen manche Forscher

übers Ziel hinaus und vergessen

simple Grundregeln der Messtechnik.

So überführte der kalifornische Forscher

Craig Bennett Kollegen der

Schlamperei – mit Tiefkühllachs. Er

schob das Tier in die Kernspinröhre und

hielt ihm Bilder von lachenden oder wütenden

Menschen vor. Dass die Scans

des Lachses Hirnaktivität in Form bunter

Flecken zeigten, lag indes nicht daran,

dass der tote Fisch Gefühle zeigte

– sondern schlicht an Messfehlern.

Als Bennett das Gerät kalibrierte, verschwanden

diese typischen Signale. Sie

zu eliminieren, das zeigte der Vergleich,

hatten andere Forscher bei ihren Kernspin-Untersuchungen

mit Menschen

vergessen. Spätestens da aber reduziert

sich – was im Grunde faszinierende

Technik ist – auf Neuro-Pop-Art.

7

STATISTIK-FALLE

Dem Menschen fehlt der

natürliche Sinn für Zahlen.

Mit dem Erfassen von Zahlen und Wahrscheinlichkeiten

haben wir Menschen generell

ein Problem. „Uns fehlt leider ein

statistischer Sinn“, schreibt der Münchner

Psychologe Ernst Pöppel in seinem Buch

„Zum Entscheiden geboren – Hirnforschung

für Manager“. Mit der Folge, dass

wir statistische Aussagen günstigstenfalls

unbeholfen interpretierten, oft aber auch

schlicht falsch.

Eine der häufigsten Statistik-Fallen, in

die wir geraten, ist, Signifikanz und Relevanz

zu verwechseln. Umso wichtiger ist es

aus Pöppels Sicht, sich den Unterschied

ein für alle Mal einzuprägen. So kann etwas

im statistischen Sinne signifikant verschieden

sein – und damit für manchen Manager

Grundlage für eine unternehmerische

Entscheidung. Das heißt aber noch lange

nicht, dass der Unterschied am Ende auch

relevant, also von Bedeutung, ist.

So könnten einer statistischen Erhebung

zufolge die Mieten in einem neuen Gewerbegebiet

signifikant niedriger sein als am

jetzigen Standort der Firma. Wenn dieser

Unterschied aber weniger als einen Euro

pro Quadratmeter beträgt, lohnt es sich

nicht, über einen Umzug nachzudenken.

Der Unterschied ist nicht relevant.

Verwirrung entsteht auch dann, wenn

statistische Daten nicht als absolute, sondern

als relative Werte angegeben werden.

Gerade in der Medizin passiert das häufig.

Etwa wenn es darum geht, den Nutzen einer

Vorsorgeuntersuchung oder eines Medikaments

zu untermauern. So werbe

manches Pharmaunternehmen mit der

Aussage, ein neuer Blutfettsenker senke

das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen,

um 50 Prozent, so der Psychologe

Gigerenzer: „Das klingt gut.“ Es sei auch

nicht gelogen, aber es ist der relative Wert.

Die absoluten Zahlen sehen so aus: Ohne

das Medikament bekommen zwei von

hundert Menschen innerhalb von fünf Jahren

einen Infarkt, mit dem Medikament

nur einer von hundert. Das ist dann weit

weniger berauschend.

Das Fatale an der Sache: Bei Ärztefortbildungen,

auf denen Gigerenzer regelmäßig

vorträgt, stolpern die meisten Mediziner in

diese Darstellungs-Falle. Sie können den

Nutzen eines Medikaments überhaupt

nicht einschätzen, weil sie die Daten nicht

hinterfragen. „Das müssten Mediziner unbedingt

beigebracht bekommen“, wettert

der Entscheidungs-Forscher. Es sei auch

gar kein Hexenwerk, das zu erlernen:

„Selbst Grundschüler begreifen das.“

Wer den Trick einmal raus hat, wird sich

in Zukunft konkrete Beispiele suchen, um

nebulöse Wahrscheinlichkeiten in konkrete

und greifbare Größen umzurechnen.

8

RABATT-FALLE

Wenn uns die Freude an der

Schnäppchen-Jagd übermannt.

Ein Sonderfall der Statistik-Falle sind Sonderangebote

und Schnäppchen. Hier ist

besondere Vorsicht geboten. Denn wir

können nicht nur schwer Prozentzahlen

spontan verstehen, auch das Belohnungszentrum

des Gehirns spielt uns gern einen

Streich: Es überflutet uns mit Glücksbotenstoffen,

sobald wir ein besonders günstiges

ILLUSTRATIONEN: NICHOLAS BLECHMAN

66 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Angebot zu ergattern glauben. Wir freuen

uns unbändig, wie viel wir gegenüber dem

regulären Preis sparen, und kaufen Dinge,

die wir gar nicht oder nicht in dieser Menge

benötigen.

In Loriots Filmkomödie „Pappa ante

Portas“ legt Heinrich Lohse als Einkaufsdirektor

bei der Deutschen Röhren AG mit

Lkw-Ladungen von besonders günstigem,

da rabattiertem Schreibmaschinenpapier

erst fast den Betrieb lahm. Dann verliert er

wegen seines Rabatt-Wahns den Job.

Auch reale Manager verfangen sich in

der Rabatt-Falle, wenn sie glauben, einen

ganz besonders pfiffigen oder vorteilhaften

Deal abzuschließen. Das kann ins Auge gehen.

Etwa, wenn das besonders günstige

Baugrundstück sich als sündhaft teurer

Sanierungsfall entpuppt, weil hier eine

Vorgängerfirma vor Jahrzehnten ihren

Sondermüll verbuddelt hat, statt ihn zu

entsorgen. Ob der Vorbesitzer und Verkäufer

davon wusste und sich der Kauf deshalb

anfechten lässt, werden Juristen klären –

für viel Geld.

Und wer vor einigen Jahren dachte, dass

Baugeld mit weniger als fünf Prozent Darlehenszinsen

unglaublich günstig sei,

schloss euphorisch einen Kreditvertrag

über einen besonders langen Zeitraum von

15 oder noch mehr Jahren ab. Angesichts

der heute üblichen 1,2 Prozent Zinsen war

das keine gute Entscheidung.

9

RATIONALITÄTS-FALLE

Wo das Bauchgefühl mehr sagt

als 1000 Statistiken.

Handeln wie die Lemminge, das Denken

Erfahreneren überlassen, sich von Emotionen

leiten lassen – all dieser Denk-Gefahren

sind sich viele von uns bewusst. Mancher

setzt deshalb umso entschiedener auf

Vernunft und Faktenprüfung – und verfängt

sich in der Rationalitäts-Falle.

Denn obwohl wir Menschen offenbar

mit Zahlen nicht sonderlich gut umgehen

können, neigen wir dazu, bei der Entscheidungsfindung

möglichst viele Daten und

Fakten zusammenzutragen. Gerade wenn

es um künftige Entwicklungen geht – etwa

wie sich der Markt für Tablets oder Computer

entwickelt, ob sich Elektromobile

durchsetzen oder auch wie groß die Wahrscheinlichkeit

ist, an Krebs zu erkranken –

immer versuchen wir, mit noch mehr Daten

das nicht Vorhersehbare zu berechnen.

Bis wir in der Datenflut untergehen.

Dabei hat der Mensch über die Jahrmillionen

ganz brauchbare, als Heuristiken

bezeichnete, Bewertungskonzepte entwickelt,

um mit wenig Wissen zu guten Entscheidungen

zu kommen – das Bauchgefühl.

Es sei oft verlässlicher als 1000 Datenpunkte,

argumentieren sowohl Hirnforscher

als auch Psychologen.

Manchmal ist es sogar besser, weniger zu

wissen. Die Logik hinter dieser Dummy-

Strategie: Werden Versuchsteilnehmer gefragt,

ob Bielefeld oder Hannover mehr

Einwohner habe, schneiden amerikanische

Kandidaten besser ab als deutsche.

Weil sie noch nie von Bielefeld gehört haben,

verfahren sie nach der Faustregel:

Wenn ich es nicht kenne, muss es wohl

klein sein. Und sie haben recht.

In der Finanzwelt heißt eine Faustregel

„investiere nie in ein Produkt, das du nicht

verstehst“. Leider habe sich kaum jemand

daran gehalten, moniert Gigerenzer. Nach

dem Finanz-Crash finden Banker seine

Ansätze nun aber sehr überlegenswert. So

entwickelt er derzeit mit der Bank of England

Heuristiken, die Gefahren und Krisen

besser vorhersagen sollen als bisherige Berechnungsmodelle

und Datenanalysen.

10

MÜDIGKEITS-FALLE

Entscheiden strengt an,

abends lügt es sich leichter.

Sich zu entscheiden ist echte Arbeit für das

Gehirn. Sie ist so anstrengend, dass im

Laufe des Tages eine echte Urteilsmüdig-

keit einritt. Je weiter der Tag fortschreitet, je

mehr wir bereits gedacht und geurteilt haben,

desto fahriger und schlechter werden

die Entscheidungen. Und nicht nur die Urteilsqualität,

auch die Moral leidet dann:

So lügen selbst aufrichtige und sehr tugendhafte

Menschen abends deutlich häufiger,

haben Studien ergeben. Wohl einfach,

weil es oft bequemer ist, ein bisschen

zu mogeln, statt strikt bei der Wahrheit zu

bleiben.

Das Fazit: Wichtiges sollten Sie in den

Vormittagsstunden entscheiden – und mit

Geschäftspartnern am besten dann verhandeln,

wenn alle frisch, ausgeschlafen

und tendenziell ehrlicher sind. Wer nach

Übersee reist, sollte seinen Jetlag berücksichtigen.

Und wer bei einer Bewerbungsrunde

erst einen Vorstellungstermin am

späten Nachmittag bekommt, sollte versuchen,

das Gespräch zu verlegen. Denn Untersuchungen

zeigten, dass auch Entscheidungsträger

im Laufe des Tages immer kritischer

werden.

Das gilt nicht bloß für Personaler, sondern

auch für Richter: So ergab eine Studie

in Israel, dass Verurteilte, die ein Entlassungsgesuch

gestellt hatten, am Vormittag

noch gute Chancen hatten, durchzukommen.

Nachmittags wurde dagegen niemand

mehr vorzeitig aus der Haft entlassen.

Da schnappte die Entscheidungs-Falle

dann ganz wörtlich zu.

n

susanne.kutter@wiwo.de

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 67

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Management&Erfolg

Der perfekte Startplatz

GRÜNDER | Berlin oder München, Hamburg oder Köln: Die Wahl des optimalen

Standorts ist entscheidend für den Erfolg junger Gründer. Welche Unternehmen wo

am besten aufgehoben sind. Und wie die Städte um die Start-up-Szene buhlen.

Zwei Tage Hamburg, zwei Tage

Berlin, zwei Tage Düsseldorf:So

sieht eine Arbeitswoche von Sebastian

Rösch und Maximilian

Schmiedel aus. Derzeit pendeln

sie durch die Republik, um ihr Start-up aufzubauen:

Brightup entwickelt eine App für

Smartphones, mit der sich die Beleuchtung

zu Hause steuern und überwachen lässt –

damit das Licht angeht, wenn es dunkel

wird, und wieder ausgeht, wenn man

die Wohnung verlässt. Damit die Nachttischlampe

zum Aufwecken hochdimmt

und die Deckenlampe beim Filmschauen

herunterdimmt – alles wie von selbst.

So klar die Geschäftsidee, so unklar ist

im Moment, wo sich die Gründer dauerhaft

niederlassen werden. An der Uni

Hamburg sind sie gestartet, unter dem

Dach eines Energieversorgers im Rheinland

arbeiten sie an der Umsetzung, im Microsoft

Ventures Accelerator in Berlin entwickeln

sie Strategien. Sie haben Schreibtische

in drei Städten, wohnen bei Freunden

und in Hotels. Zwischendurch sitzen sie im

Zug, wo sie programmieren, designen oder

E-Mails beantworten. „Wir haben zwar hohe

Reisekosten“, sagt Gründer Rösch, „aber

wir wollten uns bisher nicht festlegen, weil

alle drei Städte Vorteile bieten.“

Die Wahl des richtigen Standorts: für viele

Gründer eine Entscheidung, die sie später

kaum revidieren können. „Vom Standort

hängt nicht nur ab, wie nah ich an Kunden,

Mitarbeitern und Geldgebern bin“,

sagt Sebastian Zenker, Professor für Stadtmarketing

an der Copenhagen Business

School. „Der Standort prägt auch das

Image meines Unternehmens, gerade

wenn es noch unbekannt ist.“

Davon profitiert Berlin mehrfach. Studien

zufolge gehen in der Hauptstadt im

Schnitt jeden Tag zwei neue Firmen in

innovativen Branchen an den Start. Mehr

als 2000 Arbeitsplätze entstehen Jahr für

Jahr im digitalen Sektor. Laut dem aktuellen

Deutschen Startup Monitor von

Bundesverband Deutsche Startups und

KPMG bringen sieben von zehn Berliner

Start-ups nach eigener Aussage eine

„europaweite oder weltweite Neuheit“ auf

den Markt. Häufiger als Jungunternehmen

aus anderen Städten erhalten sie dafür

Risikokapital, der Zugang zu Investoren

fällt ihnen leichter als Start-ups in anderen

Städten.

BERLIN-BASHING IST IN

Längst halten Gründer in ganz Europa Berlin

für den Standort schlechthin. Das zeigte

sich auch auf der Start-up-Tour der WirtschaftsWoche

im Oktober: In der Green

Garage bauen Unternehmer aus Großbritannien

und Holland Öko-Start-ups auf.

Solche Inkubatoren sind ein wichtiger

Grund für Gründer, ihren Standort zu verändern:

Klang Technologies aus Aachen etwa,

das im Finale des WirtschaftsWoche-

Gründerwettbewerbs Neumacher steht

(siehe Seite 72), hat in der Berliner Startup-Brutstätte

Hubraum ein Büro bezogen.

Auch Fördergelder spielen bei der Entscheidung

eine wichtige Rolle, wie eine

Studie der Kanzlei Lutz Abel zeigt.

Doch nicht alle Gründer lassen sich vom

Hauptstadt-Hype anstecken. Im Gegenteil:

„Berlin-Bashing“, das Schimpfen auf die

Metropole, ist populär – zumindest bei der

Konkurrenz aus dem Rest der Republik.

Jüngster Fall: Gründer aus der bayrischen

Landeshauptstadt formulierten eine Pressemitteilung

mit dem Titel: „Isar statt

Spree: Start-ups loben München.“

Prompt erklärte das Gründerportal

Deutsche-Startups.de die Hauptstadt-Hetze

für „überflüssig wie ein Eisverkäufer in

der Arktis“. Könne man gemeinsam stärker

um Kunden und Investoren kämpfen als

allein, sei eine städteübergreifende Kooperation

durchaus sinnvoll, bestätigt Forscher

Sebastian Zenker. „Aber der Wettbewerb

bringt Städte auch dazu, nach Erfolgskonzepten

zu suchen, am Image zu arbeiten

und Gelder bereitzustellen – davon

können Gründer profitieren.“

So wie die Brightup-Gründer. Gut möglich,

dass auch sie am Ende in Berlin landen:

„Wir brauchen Investoren und IT-Entwickler,

die sich mit Hardware auskennen“,

sagt Rösch. „Davon gibt es in Berlin einfach

deutlich mehr als anderswo.“

KÖLN

Die Domstadt: Der

Hidden Champion

der Gründerszene

Wenn Christian Schwarzkopf und Tim Lagerpusch

erzählen, warum sie im Frühjahr

2013 ihre Koffer gepackt haben und von

Hamburg nach Köln gezogen sind, sprechen

sie gerne von der großen „catchment

area“ rund um Köln – zu Deutsch: dem riesigen

Einzugsbereich der Domstadt. In einer

Stunde erreichen die beiden von hier

aus zahlreiche Großstädte im Rheinland

und im Ruhrgebiet, wo zusammengenommen

mehr als zwölf Millionen Menschen

leben. Selbst bis Paris dauert es kaum län-

FOTO: DOMINIK PIETSCH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

68 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Umzug in die

Domstadt Die

Sugartrends-

Gründer tauschten

Hamburg

gegen Köln

ger als drei Stunden. „Köln ist ein Hidden

Champion“, sagt Schwarzkopf, „und unter

Gründern absolut im Kommen.“

Für Schwarzkopf und Lagerpusch war

die Stadt deswegen erste Wahl – vor Hamburg

und Berlin. Auch Karlsruhe ließen sie

links liegen, obwohl sie dort studiert und

das Center für Innovation & Entrepreneurship

aufgebaut hatten. Der Grund für ihren

Umzug: Für ihren Online-Marktplatz Sugartrends

mit besonderen Produkten, wie sie sich vor

allem in den Innenstädten großer Städte

finden. Jene Einzelhändler, die im Wettstreit

mit großen Online-Anbietern um ihre

Existenz fürchten müssen. Über die

Plattform Sugartrends sollen sie mehr Käufer

im Netz erreichen.

Lagerpusch und Schwarzkopf haben

sich mitten in der entstehenden Gründerzone

zwischen den beiden Start-up-Häuschen

Viertel niedergelassen – in einem

restaurierten Fabrikgebäude aus Backsteinen

mit hellen Rundbogenfenstern. „Wir

sind mittendrin“, sagt Schwarzkopf, „nah

an anderen Start-ups und nah an vielen

kleinen Läden.“

Dass Schwarzkopf und Lagerpusch mit

ihrer hohen Meinung vom Standort Köln in

der Gründerszene der Stadt nicht alleine

stehen, zeigte sich etwa Anfang Oktober, als

suchen Schwarzkopf und Lagersern

Startplatz und dem Clusterhaus in der der E-Entrepreneurship Flying Circus an der

pusch nach kleinen Läden und Boutiquen Nähe des Friesenplatzes sowie dem Belgi-

Universität der Domstadt haltmachte –»

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 69

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Management&Erfolg

»

ein Projekt des Entrepreneurship-Professors

Tobias Kollmann, der per Bus in ganz

Deutschland für Unternehmertum warb.

Auf dem Podium erklärten Gründer, dass

die Szene in Berlin „zu viel mit sich selbst

beschäftigt“ sei. Köln dagegen besteche etwa

durch die Nähe zu Mittelstand und Industrie

im Rheinland und Ruhrgebiet. Das

helfe vor allem Gründern mit sogenannten

Business-to-Business-Ideen – also solchen

Start-ups, die ihre Produkte vor allem an gewerbliche

Abnehmer verkaufen wollen.

Wie wichtig diese Verbindung ist, bestätigt

auch der aktuelle Deutsche Startup

Monitor: Fast 40 Prozent der Gründer aus

dem Raum Rhein-Ruhr bekannten in der

Umfrage, ausschließlich Businesskunden

zu adressieren – mehr als in Berlin, Hamburg

oder München. Für solche Firmen sei

Berlin eher nicht geeignet, weil es in der

Hauptstadt und in der Umgebung weniger

Industrie gebe und „du da halt nicht gut

wegkommst“, formuliert es der Kölner Seriengründer

Oliver Thylmann.

Auch die Jungunternehmer Schwarzkopf

und Lagerpusch schätzen die Nähe Kölns

zu mehreren Flughäfen. Denn einige ihrer

Entwickler sitzen in Lissabon – „und dorthin

zu kommen war von Hamburg aus

schwierig und teuer“.

SCHLECHTE NOTEN FÜR POLITIKER

Zumal es im Rheinland gutes Personal gibt,

wie Tobias Schiwek bestätigt. Er hat 2012

das Start-up Endore.me gegründet, eine

Plattform, die Künstler und Fans zusammenbringen

soll. Endore.me startete in

Berlin, wo seine ersten Investoren ihren

Sitz hatten. Doch als Schiwek und sein Mitgründer

in Köln deutlich schneller Entwickler

fanden, zogen sie nach einigen Monaten

zurück an den Rhein.

Allerdings hat die Region noch Nachholbedarf.

Laut dem Deutschen Startup Monitor

ist in der Metropolregion Rhein-Ruhr

sowohl der Zugang zu Beratern und Mentoren

als auch der Zugang zu Investoren

schwieriger als in Berlin, München oder

Hamburg. Erfolge werden nach Ansicht

der befragten Unternehmer nicht sichtbar

genug kommuniziert, und das Veranstaltungsangebot

für Gründer lässt zu wünschen

übrig. Außerdem bewerten die

Gründer die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen

eher schlecht, wenn es um

die Förderung des Gründerstandorts geht.

Dabei sollten die Städte der Region kooperieren,

findet Sugartrends-Gründer

Schwarzkopf: „Kleinstaaterei hilft hier niemandem

weiter.“

HAMBURG

Die Stadt der

digitalen

Leuchttürme

Das Angebot ihres Investors klang verlockend:

günstige Räume in Berlin-Mitte –

genau da, wo der Geldgeber selbst seine

Büros hat, wo die Start-up-Szene am sichtbarsten

ist und wo Woche für Woche

Events für Gründer und Geldgeber stattfinden.

Viele Jungunternehmer würden sich

vermutlich die Finger danach lecken.

Doch Hauke Windmüller, Michael Asshauer

und David Nellessen lehnten ab,

blieben mit ihrem Start-up Familonet lieber

in Hamburg – dort, wo sie ihre App entwickelt

haben. Eine App, die Familien vernetzt:

Wer sie nutzt, kann mit Verwandten

kommunizieren, sie über seinen Standort

informieren, im Notfall um Hilfe rufen

oder automatisch benachrichtigen, wenn

er an einem bestimmten Ort angekommen

ist – etwa in der Schule oder zu Hause. Zwei

Jahre nach dem Start sind mehr als 100 000

Nutzer bei Familonet angemeldet. Den Erfolg

verdankt das Start-up auch der Stadt:

Für den Start hatte es einen Zuschuss der

Hamburgischen Förderbank von fast

150 000 Euro eingesammelt. „Eine vergleichbare

Förderung“, sagt Gründer

Windmüller, „hätten wir an keinem anderen

Standort bekommen.“

Das Förderprogramm der Bank funktioniert

wie Köder und Anker gleichzeitig: In

die Stadt locken soll er Gründer, die noch

nicht wissen, wo sie ihre Firma aufbauen

sollen. Und Unternehmen wie Familonet,

die in Hamburg gestartet sind, an den

Sesshaft geworden Familonet-

Gründer Asshauer, Nellessen

und Windmüller (von links)

fühlen sich wohl in Hamburg

Standort binden. Denn wer die Hansestadt

während des Förderzeitraums oder in den

fünf Jahren danach verlässt, kann zur Rückzahlung

verpflichtet werden.

Trotz des Angebots bewerten Hamburger

Gründer den Zugang zu Förderprogrammen

im Deutschen Startup Monitor

schlechter als Gründer aus Berlin, München

oder der Metropolregion Rhein-Ruhr.

Carsten Brosda, Leiter des Medien-Amts

der Hansestadt und Kenner der Start-up-

Szene, will die Angebote deswegen bekannter

machen. Außerdem wolle die

Stadt „weitere, vor allem private Finanzierungsmöglichkeiten

noch transparenter

und damit effektiver zu machen“.

HAMBURG SICHTBAR MACHEN

Brosda betont außerdem, dass in der Stadt

viele Initiativen entstanden sind, die die

Gründerszene sichtbarer machen sollen –

„und zwar ganz von selbst und deswegen

nachhaltig“. Ein Beispiel: Die Unternehmer

Sanja Stankovic, Sina Gritzuhn und Tim

Jaudzims haben das Netzwerk Hamburg

Startups gegründet – aus Frust darüber,

dass die Hamburger Start-ups oft unterschätzt

werden, und mit dem Ziel, die „versteckte,

lebendige und wachsende Gründerszene“

sichtbarer zu machen.

Verstecken muss sich Hamburg nicht:

Schon jetzt arbeiten mehr als 50 000 Beschäftigte

in fast 10 000 IT-Unternehmen.

Als Leuchttürme an der Elbe gelten die Online-Spielehersteller

Bigpoint und Good-

Game Studios und der Serverhersteller

Protonet. Die Regierung des Stadtstaats

will dafür sorgen, dass weitere Erfolgsbeispiele

folgen: Über ihre Standortinitiative

FOTO: JASPER FORTH

70 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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nextMedia.Hamburg will sie neue Startups

im Digitalsektor unterstützen.

Manche Gründer verleitet der Erfolg dazu,

gegen die Hauptstadt im Osten zu wettern.

„Berlin ist für Start-ups, Hamburg für

Grown-ups“, stichelt etwa Facelift-Gründer

Benjamin Schröter. In der Verwaltung der

Hansestadt setzt man aber auf Kooperation

statt Konfrontation: „Berlin und Hamburg

sind so unterschiedlich, dass sie sich eher

ergänzen, als miteinander zu konkurrieren“,

betont Carsten Brosda. Aus Sicht des

Stadtmarketing-Forschers Zenker ist das

sinnvoll: „Hamburg kann sich im internationalen

Wettbewerb besserstellen, wenn

es sich als Metropolregion positioniert.

Auch Hamburg und Berlin lassen sich

räumlich gut zusammen denken.“

Hauke Windmüller kann das bestätigen:

Er pendelt oft in die Hauptstadt – zu Investoren

oder zu Veranstaltungen. „Für uns“,

sagt der Gründer, „war die Nähe zu Berlin

ein wichtiges Argument für Hamburg.“

MÜNCHEN

Mit Bits und

Brez’n aus dem

Schatten Berlins

Das Schreiben war nicht länger als zwei Seiten,

aber sein Inhalt brisant genug, um die

Gründerszene aufzubringen: „Mehr als 30

Prozent aller Investorengelder wandern

nach Berlin“, hieß es Anfang September in

einer Pressemitteilung, „die Stadt an der

Spree scheint förmlich ein Erfolgsgarant zu

sein – oder doch nur eine Hype-Bühne?“

Für Zoltan Elek steht die Antwort längst fest.

„In München entstehen Unternehmen“, erklärte

der Co-Autor der umstrittenen Pressemitteilung,

die in Berlin als Brandbrief verstanden

wurde, „in Berlin Start-up-Projekte.“

Wer mit dem Unternehmer spricht, versteht

schnell, was er an München schätzt.

Elek hat Landwärme aufgebaut – sein Unternehmen

erzeugt Biomethan aus Abfällen

und nachwachsenden Rohstoffen,

speist es ins Erdgasnetz ein, handelt damit

und berät andere Erzeuger. Knapp sieben

Jahre nach dem Start beschäftigt Elek 15

Mitarbeiter und erwirtschaftet nach eigenen

Angaben rund 80 Millionen Euro Umsatz.

Elek setzt damit auf den Trend zu regenerativen

Energien: Allein von 2010 bis

2013 ist die Zahl der Biogasanlagen in

Deutschland von 44 auf 144 gestiegen.

München ist für Elek der perfekte Standort

– nicht nur, weil er hier selbst studiert

und in einem Kombinationsstudiengang

der beiden Münchner Universitäten TU und

LMU seine Begeisterung fürs Unternehmertum

entdeckt hat. An den Universitäten der

bayrischen Landeshauptstadt hat er auch

seine Mitarbeiter rekrutiert. „Die Nähe zu

den Hochschulen ist ein Riesenvorteil“, sagt

Elek, „und viele Absolventen möchten langfristig

in München bleiben.“

Studien belegen, wie wichtig die Hochschulen

für die Gründerszene in München

sind: Laut dem Gründungsradar des Stifterverbands

für die Deutsche Wissenschaft fördern

die TU München und die Hochschule

München von allen großen deutschen

Hochschulen Gründungen am besten. Dazu

passt, dass der Anteil der Start-ups, die von

Gründern mit Hochschulabschluss aufgebaut

werden, in München höher ist als etwa

in Berlin und Hamburg. Das zeigt der Deutsche

Startup Monitor, in dem Münchens

Gründer außerdem den Zugang zu Business

Angels und die Netzwerke der Stadt loben.

Auch die Bemühungen der Landesregierung,

Start-ups zu fördern, bewerten die

Jungunternehmer vergleichsweise gut – genau

wie die Vielfalt der Events für Start-ups.

Im Januar etwa findet das zweite „Bits & Pretzels“

statt:Initiator Andreas Bruckschlögl erwartet

dann rund 1500 Vertreter des Startup-Ökosystems

im Löwenbräukeller.

START-UPS ÜBERLEBEN LÄNGER

Verständlich, dass Münchens Gründer die

Stadt aus dem Schatten Berlins hieven wollen.

Dazu haben sie kürzlich die Initiative

„Best of Munich“ ins Leben gerufen. Laut

den Initiatoren ist die Stadt an der Isar

nicht nur „führender Standort der digitalen

Wirtschaft in Deutschland und im europäischen

Vergleich vor London und Paris“.

Sondern auch jene Stadt in Deutschland,

in der mit 62 Prozent mehr Start-ups die

ersten fünf Jahre überleben als im Rest der

Republik. Gemessen an der Zahl der Einwohner,

werden nirgendwo sonst so viele

IT-Unternehmen gegründet wie in München,

errechnete der Branchenverband

Bitkom in einer Studie Ende 2012.

Zoltan Elek pendelt mittlerweile oft in

die Hauptstadt. Dort sucht er den Dialog

mit Verbänden und Politikern, um für Biogas

zu werben – denn Energiepolitik ist zu

großen Teilen Bundespolitik. Und er besucht

Biogaserzeuger, denn rund um Berlin

sitzen die meisten von ihnen. Bayern

bleibt er trotzdem treu. „München“, sagt

der Unternehmer, „zieht einfach die richtigen

Leute an.“

n

jens.toennesmann@wiwo.de

Die

Finalisten

GRÜNDERWETTBEWERB | Vom

Fahrradschloss bis zum mobilen

digitalen Fotolabor: Diese

sechs Start-ups haben es ins

Finale des WirtschaftsWoche-

Gründerpreises geschafft.

Ambiotex

SCHLAUES SHIRT

Ein T-Shirt, das Puls, Atmung und Bewegung

misst und an eine Smartphone-App

überträgt, die die Daten analysiert: Mit seiner

Geschäftsidee setzt das Mainzer Startup

Ambiotex gleich auf zwei Trends. Zum

einen auf den wachsenden Wunsch vieler

Menschen, die eigene Leistung zu messen.

Zum anderen auf die neue Möglichkeit,

sehr kleine Computer direkt am Körper zu

tragen. Sportlern, gestressten Managern

und Menschen mit Gesundheitsrisiken soll

das schlaue Shirt des Start-ups helfen, Körperfunktionen

zu überwachen, mehr zu

leisten und Stress abzubauen.

Die Idee kommt an: Die Gründer Thomas

und Andrea Claussen, Klaus Bscheid,

Gerhard Tauschl und Stephanie Renda

qualifizierten sich über die Abstimmung

unter den WirtschaftsWoche-Lesern für

das Finale von Neumacher 2014.

Fast Forward Imaging

VERKAUFSFÖRDERNDE FOTOS

Ob Konzern, Mittelständler oder Kleinunternehmer:

Wer Produkte online anbietet,

braucht gute Bilder, damit Kunden

tatsächlich per Mausklick kaufen. Doch

solche Produktfotos sind oft teuer oder von

schlechter Qualität. Anna Rojahn hat eine

Technologie entwickelt, die dieses Problem

lösen soll: einen großen Kasten mit

Scheinwerfern und Kameras, in dem sich

Produkte von allen Seiten ablichten lassen,

sowie Software, die daraus innerhalb

weniger Minuten hochauflösende Freisteller-Fotos

und 360-Grad-Ansichten erstellt.

Die Bilder sollen Online-Shoppern das

Gefühl vermitteln, die Produkte in die »

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 71

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Management&Erfolg

Ins rechte

Bild gesetzt

Anna Rojahn,

Gründerin von

Fast Forward

Imaging

über Trends und Technologien, Märkte und

Wettbewerber analysieren und visualisieren

lassen. Das von Peter Walde und Uwe Kühn,

Matthias Plaue und Luis Sperr im Jahr 2012

gegründete Unternehmen hat bereits erste

Kunden, etwa den Autohersteller Audi.

Lock8

SICHERE SACHE

»

Hand nehmen zu können, und zum

Kauf animieren.

Fast Forward Imaging nutzt für die Lösung

ein Patent der Bauhaus-Universität

Weimar mit exklusiver Lizenz. Das Geschäftsmodell

des Start-ups: Wer mehr als

5000 Produkte im Jahr fotografieren will,

bekommt die Hardware kostenlos und

zahlt pro fotografiertem Produkt. Damit

hat Gründerin Rojahn schon eine Reihe

von Kunden und Investoren überzeugt –

darunter Vogel Ventures und die Ganske

Media Group.

Fresh Detect

MISS DEN KEIM

Mehr als 200 000 Menschen in Deutschland

erkranken jedes Jahr, weil sie über Lebensmittel

Bakterien und Keime zu sich

nehmen. Fresh Detect will das Problem

entschärfen: Das Unternehmen aus Karlsfeld

bei München entwickelt ein handtellergroßes

Gerät, mit dem sich in etwa drei

Sekunden die Keimbelastung von Lebensmitteln

ermitteln lassen soll. Das etwa 500

Gramm schwere Minilabor misst dafür, wie

viele Exkremente von Bakterien auf Lebensmitteln

vorhanden sind – sogar durch

eine transparente Verpackung hindurch.

Die Technologie soll Lebensmitteltests einfacher,

günstiger und schneller machen.

Das Start-up ist aus einem Forschungsprojekt

entstanden, 2015 wollen die

Gründer Oliver Dietrich, Ralf Hasler und

Mathias Reichl das Handgerät zur Serienreife

bringen und an Industrie, Einzelhändler

und Gastronomen verkaufen.

Mapegy

DURCHBLICK IM DATENWUST

Wer neue Produkte entwickelt, nach Partnern

oder Investoren sucht, muss in kurzer

Zeit wichtige Entscheidungen treffen. Das

Problem: zu viele Informationen. Das Berliner

Start-up Mapegy will günstig und schnell

für Durchblick im Datenwust sorgen: Es entwickelt

Software, mit der sich Informationen

DER PREIS

Kapital für Ideen

Der Sieger erhält

10 000 Euro Startkapital

sowie ein Paket

aus Sachleistungen

im Wert von bis zu

300 000 Euro von

den Partnern des Wettbewerbs: der Anwaltskanzlei

Osborne Clarke, der Agentur

thjnk, dem Investor High-Tech Gründerfonds,

der Unternehmerorganisation

Entrepreneurs’ Organization und der

WirtschaftsWoche. Die Preisverleihung

findet am 18. November im Rahmen

der Gründerkonferenz Neumacher

statt, an der Gründer und Unternehmer

teilnehmen können. Infos und Anmeldungen

unter www.neumacher.com

Etwa alle zwei Minuten wird in Deutschland

ein Fahrrad gestohlen. Und vermutlich mindestens

ebenso oft eines an Freund oder Bekannte

verliehen. Franz Salzmann und Daniel

Zajarias-Fainsod wollen Dieben die Arbeit

erschweren und Radbesitzern das Verleihen

erleichtern: Ihr Start-up Lock8 entwickelt

ein intelligentes Fahrradschloss, das

mit einem GPS-Empfänger ausgestattet ist

und sich mit dem Internet verbinden kann.

Über eine Smartphone-App können Fahrradbesitzer

zum einen sehen, wo sich das

Fahrrad gerade befindet, und werden alarmiert,

wenn es gestohlen wird. Zum anderen

können sie es via App verleihen, auch

gegen Gebühr. Nutzer können via App Fahrräder

orten und mit dem Smartphone öffnen

– einen Schlüssel fürs Schloss brauchen

sie nicht mehr. Die Gründer haben bei namhaften

Investoren einen siebenstelligen Betrag

eingesammelt. Im Dezember wollen sie

die ersten 1000 Test-Schlösser ausliefern.

Klang Technologies

AUSGEKLÜGELTER SOUND

Was wäre, wenn man über Kopfhörer eine

Band so hören könnte, als stünde sie um einen

herum – der Sänger vorne links, der

Bassist vorne rechts, der Schlagzeuger hinter

dem Rücken? Für solch ein Hörerlebnis

will das Aachener Start-up Klang Technologies

mit einer neuen 3-D-Audio-Technologie

sorgen – ganz gleich, ob man Musik

lauscht, Spiele spielt oder Hörspielen folgt.

Die Gründer Roman Scharrer, Pascal

Dietrich und Benedikt Krechel sind Akustik-Forscher

und Ingenieure von der

RWTH Aachen, Robin Müller und Bernd

Kopin erfahrene Musikunternehmer. Seit

2013 baut das Team das Start-up auf und

hat – nach einem Start mit einem Exist-Stipendium

– bereits Investoren gefunden.

Mitte Oktober gab es für Berliner Bands die

erste Kostprobe: Das Start-up öffnete seine

Proberäume – die kostenlosen Sessions

waren binnen Tagen ausgebucht. n

jens.toennesmann@wiwo.de

FOTO: TILMANN CLASSEN

72 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Management&Erfolg

Kreatives Gipfeltreffen

Heimat-Gründer Guido

Heffels (oben), Andreas

Mengele (links) und Matthias

von Bechtolsheim in ihrem

Berliner Konferenzraum „Berg“

FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

74 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Keiner spürt es so wie sie

HALL OF FAME | Guido Heffels, Matthias von Bechtolsheim, Andreas Mengele Sie haben für die Baumarktkette

Hornbach dem Heimwerker ein Denkmal gesetzt, mit Fußballlegende Dettmar Cramer das Image

der Volks- und Raiffeisenbanken aufpoliert und mit Adolf Hitler die FDP wiederbelebt: Als erstes Trio

kommen die Gründer der Agentur Heimat in die Ruhmeshalle der deutschen Werbung.

Der Anruf erreicht Matthias von

Bechtolsheim beim Mittagessen.

„Wir haben ein Problem“,

sagt die Stimme am anderen

Ende. „Und wir brauchen eine

Lösung – heute noch.“ Die Stimme gehört

einem Manager von Burger King. Das Problem

der Fast-Food-Kette: Ein Reporterteam

des Privatsenders RTL hatte über

mangelnde Hygiene und unmenschliche

Arbeitsbedingungen in einigen Filialen berichtet

– das Unternehmen fand sich innerhalb

weniger Stunden nach der Ausstrahlung

der Sendung inmitten eines veritablen

Shitstorms.

Zwei Minuten nach dem Anruf seines

Kunden schart von Bechtolsheim, Mitgründer

der Werbeagentur Heimat, ein Team um

sich. Zieht Vergleiche zu PR-Skandalen aus

den Neunzigerjahren wie dem Elchtest-Desaster

von Mercedes-Benz oder Shells Reaktion

auf die Diskussion um die Ölplattform

Brent Spar. Und entwickelt innerhalb weniger

Minuten ein Szenario entlang klassischer

Krisen-PR:Fehler eingestehen, Besserung

geloben und die Botschaft schnell und

glaubwürdig kommunizieren, am authentischsten

durch Mitarbeiter des Unternehmens,

ergänzt durch Aktionen wie einen

Tag der offenen Tür. „Alles analytisch sauber

abgleitet“, erinnert sich Heimat-Kreativchef

Guido Heffels an die Vorschläge, die ihm

von Bechtolsheim kurz darauf präsentiert.

„Aber nicht entschieden genug.“

FEUER MIT FEUER BEKÄMPFEN

Sein spontaner Vorschlag: Warum nicht eine

umstrittene Filiale niederbrennen, wieder

aufbauen und die Bilder für einen PR-

Film nutzen, als radikalstes Zeichen eines

Neuanfangs? „Wenn die Hütte brennt, muss

man ein noch kraftvolleres Zeichen dagegensetzen“,

sagt Heffels. „Und Feuer bekämpft

man nun mal mit Feuer.“

Stille, sekundenlang. Was von Bechtolsheim

als „die für Guido charakteristische

kreative Urgewalt“ beschreibt, löst zwischen

den Agenturgründern eine kurze, aber intensive

Diskussion über kreative Machbarkeit

und konkreten Kundennutzen aus,

die kurz darauf auch mit dem Management

von Burger King fortgesetzt wird. Ergebnis:

Ein TV-Spot, geschaltet zur Hauptsendezeit

auf den größten deutschen TV-Kanälen, in

dem sich Burger King entschuldigt, Hygiene-Kontrollen,

die Gründung eines Gästebeirats

und Bezahlung nach Tarifvertrag

verspricht. Ein 60-Sekunden-Statement,

gesprochen vom Deutschland-Chef Andreas

Bork. Aufgenommen nicht in mehreren

Ewiger Ruhm

Um Branchengrößen wie Guido Heffels,

Matthias von Bechtolsheim und Andreas

Mengele zu ehren und die gesellschaftliche

wie ökonomische Bedeutung der

Branche zu würdigen,

hat die Wirtschafts-

Woche 2001 die Hall

of Fame der deutschen

Werbung ins

Leben gerufen. „Ihre

Mitglieder haben die

deutsche Werbung nachhaltig geprägt“,

so Miriam Meckel, Chefredakteurin der

WirtschaftsWoche und Vorsitzende der

Jury. „Ihre Arbeit zeichnet sich durch

kontinuierlich hohe Qualität aus.“

Häppchen, sondern ohne Schnitt, mit leicht

verwackelter Kamera.

„Es geht uns nicht darum, ein kreatives

Feuerwerk um seiner selbst willen abzubrennen,

sondern darum, den intelligentesten

Weg im Sinne des Kunden zu finden“, erklären

die drei Agenturgründer Heffels, von

Bechtolsheim und Andreas Mengele ihre

Entscheidung für die scheinbar konventionelle,

biedere Variante. „Das war in dieser

Situation die beste Lösung.“

VIELFACH PRÄMIERT

Eine, die dem Kunden gefällt. Und im Netz

polarisiert: „Als ich las, dass der Spot von

Heimat ist, hatte ich mich schon gefreut.

Während des Anschauens war ich eher enttäuscht“,

so der Kommentar von Nutzer naja.

„Von Heimat hier mehr zu erwarten, womöglich

Werbehumor oder kreatives Vorturnen,

hieße Heimat zu unterschätzen“,

kontert User Fritz. „Ich finde den Spot gedanklich

absolut auf den Punkt.“

Und keine Eintagsfliege, wie der Blick auf

die Heimat-Historie zeigt: Seit ihrer Gründung

vor 15 Jahren setzt die Agentur mit ihren

Kampagnen, unter anderem für die Baumarktkette

Hornbach („Mach es zu deinem

Projekt“, „Keiner spürt es so wie Du“) oder

die Volksbanken Raiffeisenbanken („Jeder

Mensch hat etwas, das ihn antreibt“), regelmäßig

kreative Ausrufezeichen. Hat weltweit

Dutzende Preise für kreative und effiziente

Werbung eingeheimst. Genialität, die sich

rechnet – auch für die Agentur selbst:Mit 230

Mitarbeitern, einem Umsatz von knapp 23

Millionen Euro und einem operativen Gewinn,

der nach eigenen Angaben auf 3,7 Millionen

Euro kletterte, gehörte Heimat 2013 zu

den zehn größten inhabergeführten Agenturen

Deutschlands. Obwohl – oder vermut-

»

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 75

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Management&Erfolg


Spieltrieb geweckt Mit der Fanta-Kampagne „Play Now“

trifft Heimat das Lebensgefühl der Jugend, ohne sich bei

der Zielgruppe anzubiedern


Seltenes Stück Ein Hammer aus dem Schrott eines

Panzers wurde zum Objekt der Begierde und lockte Hunderttausende

auf die Hornbach-Web-Site und in die Märkte

Da häng ich dran Umherstreifen, Beute machen, der

Wunsch nach Individualität: Die Kampagne „Gefunden

auf otto.de“ für das E-Commerce-Angebot des Einzelhandelskonzerns

spielt mit weiblichen Klischees



Sinn des Lebens Trainerlegende Dettmar Cramer erzählt in der

Volksbanken-Raiffeisenbanken-Kampagne „Jeder Mensch hat

etwas, das ihn antreibt“ über seine Liebe zum Fußball. Emotionen

statt Zinssatz: Für die Finanzbranche war das 2009 ein Novum


Virale Sehnsucht Für Google ersann Heimat einen „Fluchtplan ins

Grüne“. Auf der gleichnamigen Web-Seite finden überarbeitete

Großstädter Naherholungsgebiete. Wer mag, kann seine Lieblingsplätze

fotografieren und so mit den anderen Nutzern teilen

FOTOS: PR

76 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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»

lich gerade weil sie im Schnitt zwei von

drei Anfragen ablehnt – „wenn es uns nicht

reizt, wir keinen Zugang finden und ein Ja für

uns und den Kunden langfristig nur frustrierend

wäre“, sagt Heffels. „Das Leben ist zu

kurz, um sich mit Kunden rumzuärgern.“

Basis dieses Erfolgs: kein schneller Witz,

sondern „berührende, originäre Kommunikation,

die etwas bewegt“ – so beschreiben

die drei Gründer das Ziel ihrer Arbeit. „Wir

verstehen uns blind, obwohl wir, jeder für

sich genommen, sehr unterschiedlich sind.“

KREATIVER INTENSIVTÄTER

Mengele, der Ruhigste im Bunde, der als intelligenter

Faktensammler und schonungsloser

Analytiker den Boden für die internen

Diskussionen auf dem Weg zur Kampagnenidee

bereitet. Von Bechtolsheim,

selbst ernannte Quasselstrippe, vor allem

aber überzeugender Verkäufer der Agenturideen

wie Kundenversteher, im Kopf so

schnell wie mit der Zunge, für Mengele „ein

Alphatier mit Substanz“.

Und Heffels, für von Bechtolsheim der

„kreative Intensivtäter“, als erklärter Feind

des Nebensatzes ein „Weltmeister der Verdichtung,

der jede Botschaft auf den Punkt

schwitzt“. Und jede scheinbar perfekte Lösung

mit dem immer gleichen Satz infrage

stellt: „Schafft das was weg?“ Der zwar von

außen gern als Kopf der Gruppe wahrgenommen

wird, aber – genau wie seine Kompagnons

– weiß, „dass der Einzelne ohne die

beiden anderen nichts wäre“.

Freunde? Sind sie nicht, auch da gibt es

kein Vertun. „Wir bilden einander einen

fruchtbaren Resonanzboden“, sagt Mengele.

„Einen Raum für Feedback auf Zuruf, in

dem sich jeder ausprobieren kann, ohne

Angst vor dem Scheitern haben zu müssen.

Und in dem wir die Basis schaffen für die in

unseren Augen intelligenteste Lösung.“

Gründe genug die Heimat-Gründer in

die Hall of Fame der deutschen Werbung

aufzunehmen, die die WirtschaftsWoche

2001 ins Leben rief, um die ökonomische

Bedeutung der Branche und

deren Koryphäen zu würdigen

(siehe Kasten siehe Seite 75).

„Es ist beeindruckend, wie sich

die drei mit ihren unterschiedlichen

Fähigkeiten ergänzen“, so

das Urteil der Jury. „Wie sie aus

1+1+1 oft mindestens vier machen

und über viele Jahre kreative,

kundenorientierte Spitzenleistungen

abliefern.“ Ein Anspruch,

auf den sich auch die

Gründer verständigen, als sie

APP + ONLINE

Die Videospots zu den

Kampagnen

und mehr Bilder von

der Preisverleihung finden

Sie auf unserer

App und im Internet

unter

wiwo.de/hall-of-fame

nach ein paar Bier zu viel auf der Reeperbahn

verabreden, ihre Ideen auf eigene Rechnung

zu entwickeln: Der Mönchengladbacher

Guido Heffels, damals 34, der zu Schulzeiten

seine Liebe zum Punk entdeckt hatte, regelmäßig

in der Düsseldorfer Kultkneipe Ratinger

Hof abhing, von seinem Kinderzimmer

aus selbst produzierte Platten vertrieb und

bis heute, statt mit Excelcharts zu jonglieren,

lieber Slogans wie die Titelzeile eines Punksongs

textet – „eine kurze, knappe Botschaft –

dann folgt der Rest von selbst“. Der sich mit

eisernem Willen das Stottern abtrainierte.

Seinen Eltern, Vater Friseur, Mutter Kosmetikerin,

bis heute dafür dankbar ist, dass sie

ihm als Kind das Tennisspielen ermöglichten,

was er heute wieder mit Leidenschaft

tut. Der sich nach einem Grafikdesign-Studi-

um über mehrere Agenturen bis zum Kreativdirektor

in der Hamburger Werbeagentur

Springer & Jacoby nach oben arbeitet. Ein

hochkreativer Hitzkopf, der schon mal die

Aktenordner seines Kollegen durchs Treppenhaus

schleudert, wenn er seinen Kopf

nicht gleich durchsetzen kann.

GOLDENE ZWERGE

Der Name des damaligen Kollegen: Matthias

von Bechtolsheim, aufgewachsen nahe

München, damals 31. Der schon als Kind

Anzeigen aus amerikanischen und französischen

Magazinen ausschneidet, als Jugendlicher

im Kino statt „Rambo III“ lieber die

„Cannes-Rolle“ sieht. Und darüber nachdenkt,

warum Unternehmen wie der Reifenhersteller

Uniroyal mit goldenen Zwergen

für sich werben. Der nach einer Ausbildung

zum Werbekaufmann, einem berufsbegleitenden

Studium an der Bayerischen

Werbeakademie und Stationen

bei damals angesehenen Agenturen

wie Gabler und BMZ, wo

er an der legendären Toyota-

Tier-Kampagne („Nichts ist unmöglich“)

mitgewirkt hat, 1995

bei Springer & Jacoby landet.

Der in Deutschlands damals

führender Kreativagentur mit

Ende 20 schon zur Führungsmannschaft

gehört. Und doch

nach vier Jahren eine neue Herausforderung

sucht.

So wie Andreas Mengele, damals 35. Der

Schwabe, der nach internationalem BWL-

Studium „lieber in die Werbung als in den

Vertrieb“ will und als Trainee bei der Grey-

Tochter Gramm in Düsseldorf anheuert.

Aber nach einem verlorenen Pitch merkt,

„dass ich hier falsch bin“. Und zu der Agentur

wechselt, die den Etat gewonnen hatte –

Springer & Jacoby, wo er auf Heffels und von

Bechtolsheim trifft. In dem von Kreativen

geprägten Unternehmen etabliert er mit

Gründer Konstantin Jacoby die strategische

Planung, wechselt 1997 zum Konkurrenten

Jung von Matt. „Ich wollte noch mal was anderes

sehen – für eine eigene Agentur war es

noch nicht die richtige Zeit“.

Die kommt zwei Jahre später, ausgerechnet

nachdem er mitgeholfen hatte, den gro-

»Gute Werbung darf alles – nur keinen

kaltlassen«

Guido Heffels, Kreativchef der Agentur Heimat

ßen Etat der Deutschen Post an Land zu ziehen

– und dafür von Co-Agenturchef Holger

Jung ein aus seiner Sicht überflüssiges Lob

bekam. „Mein Schlüsselerlebnis“, erinnert

sich Mengele. „Jetzt wollte ich wissen, ob ich

gut genug war, es unter eigenem Namen zu

versuchen.“

Das geht damals auch Heffels und von

Bechtolsheim so, die sich beide auf ihre Art

am System Springer & Jacoby abgearbeitet

hatten. Drei Brüder im Geiste, alle auf dem

Sprung. „Natürlich hat uns damals jeder von

dem Schritt abgeraten“, erinnert sich Heffels.

„Zu viele Häuptlinge, das konnte nicht gut

gehen.“ Was sich zu bewahrheiten scheint,

als schon nach einem Jahr der vierte im Bunde

– Ex-Springer-Kollege Arndt Dallmann –

die Agentur verlässt – „wir hatten einfach

unterschiedliche Auffassungen vom Charakter

dieser Agentur“.

LUST STATT BUSINESSPLAN

Umso einiger war sich das verbliebene Triumvirat:

hatte bewusst „die ausgetretenen

Hamburger Pfade“ gen Berlin verlassen,

„wo man damals noch ins Café gehen

konnte, ohne einen Werber zu treffen“. Das

Trio landet auf der Suche nach passenden

Räumen in der Kreuzberger Ex-Wohnung

von Regisseur Wim Wenders – dessen ehemaliges

Schlafzimmer dient heute als Konferenzraum,

von der Dachterrasse lässt

sich ganz Berlin überblicken. „Wir hatten

keinen Businessplan“, sagt Heffels.

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 77

»

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Management&Erfolg

Ran an den Speck Mit den Kampagnen für die Baumarktkette Hornbach

setzt Heimat dem Heimwerker seit 13 Jahren ein Denkmal



Erfolgreich

provoziert Mit

den Konterfeis

von Sektenguru

Bhagwan, Adolf

Hitler und der

Horrorfilmfigur

Freddy Krueger

löst Heimat einen

Skandal aus und

befördert das

Comeback der FDP


Grenzen überschreiten

Mit

rotem Klebeband

markiert Heimat

im Auftrag des US-

TV-Senders CNN

die Hauptstadt

zum 20-jährigen

Jahrestag des

Mauerfalls

»

„Aber unheimliche Lust, uns auszuprobieren.“

Angefangen beim Namen: Nicht wie in

der Branche oft üblich wie die Gründer

sollte die Agentur heißen – eine Marke sollte

es sein, „stärker als jeder Einzelne von

uns“. Es folgten Diskussionen, unter anderem

über Vorschläge wie Laughing Tuna –

„das klang wie eine ostdeutsche Marke für

Surfer-Klamotten“. Plötzlich lag der Name

Heimat auf dem Tisch – „da sagte keiner

mehr was – wir wussten, das war es“,

erinnert sich Heffels. „Weil man nur erkennt,

wohin man will, wenn man weiß,

woher man kommt – das setzt sofort Gedanken

frei.“

Und Bilder, die jeder Mitarbeiter auf seine

Visitenkarte drucken darf: Bayer von Bechtolsheim

zeigt sich selbst beim Skifahren,

Mengele sein zerwühltes Bett, Heffels eine

Fleischerpalme – eine triste Pflanze auf der

Fensterbank einer Metzgerei.

Einer der ersten Heimat-Kunden: die FDP

Nordrhein-Westfalen, der die Agentur mit

zwei simplen, aber suggestiven Motiven

2002 zur unerwarteten Rückkehr in den

Landtag verhilft. Eines zeigt als Wahlziel eine

blaue 8 auf gelbem Grund, ein anderes Sektenguru

Bhagwan neben Adolf Hitler und

Horrorfilmfigur Freddy Krueger („Wenn wir

nicht schnell für mehr Lehrer sorgen, suchen

sich unsere Kinder selber welche“).

Das Hitlermotiv wird nur einmal auf einer

Pressekonferenz gezeigt – und löst einen

Medienhype aus. „Das war Punk“, sagt Heffels.

„Wir haben alles infrage gestellt.“

WIE IN EINER GUTEN EHE

Eine Haltung, die auch Hornbach überzeugt:

Die Baumarktkette aus der Südpfalz arbeitet

seit 2002 mit Heimat zusammen. Als „streit-,

aber fruchtbar – wie in einer guten Ehe“ beschreibt

Hornbach-Marketingleiter Marc

Kreisel das Verhältnis zwischen Unternehmen

und Agentur, die sich für Hornbach

nicht einfach schnöde Reklame zu Bohrmaschinen

oder Preisschlachten ausdenkt, sondern

die Leidenschaft der Heimwerker zur

Grundhaltung jeder neuen Kampagne erhebt

und in strategische Entscheidungen

eingebunden ist – bis hin zum Kreieren von

Mitarbeiterbeteiligungsmodellen. Und dazu

beiträgt, dass die Marke heute 98 Prozent der

Deutschen kennen und als beliebter Arbeitgeber

gilt. „Die Arbeit von Heimat ist einzigartig“,

sagt Kreisel, „wir sind damit absolut

glücklich.“

2006 etwa, als die Agentur den fiktiven Motorradfahrer

Ron Hammer ins Zentrum einer

Kampagne stellt. Ihn in einem verwackelt

gefilmten Webspot bei einem Stunt gegen

einen Hornbach-Markt krachen lässt,

auf Plakaten für angeblich reale Rennen mit

ihm wirbt und ein „Bravo“-Poster produzieren

lässt, so eine bundesweite Debatte über

dessen Authentizität auslöst, die es bis in die

FOTOS : PICTURE-ALLIANCE/DPA, PR (2)

78 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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„Tagesschau“ schafft. Und damit eine virale

Kampagne kreiert, bevor der Begriff salonfähig

wird. Oder als Heimat Begehrlichkeiten

auf einen limitierten Hammer weckt, der

aus Blechen russischer Panzer gefertigt wird.

Bis hin zum Stellen existenzieller Fragen

(„Was bleibt von Dir?“), für die die Agentur

aus Pietätsgründen gar auf das Soundlogo

verzichtet („Yippi jaja yippie yippie yeah“),

das sonst jeden Hornbach-Spot abbindet.

Ähnlich auch im jüngsten Spot „Gothic Girl“,

der über die Protagonistin, ein Gruftie-Mädchen,

Mobbing unter Kindern thematisiert,

Anderssein feiert und im Netz schon mehr

als 4,5 Millionen Mal abgerufen wurde.

„Die Verknüpfung zum Hier und Jetzt, zu

unseren Sorgen und Nöten zeigt die Relevanz

einer Kampagne“, sagt Heffels. „Gute

Werbung darf alles – nur keinen kaltlassen.“

So wie die Kampagne für den TV-Sender

CNN, der anlässlich des 20. Jahrestags des

Berliner Mauerfalls eigentlich „nur eine Anzeige“

wollte. Weil Heffels und Kollegen sich

„eigentlich nie an Briefings halten, aber

Spaß an der Aufgabe“ bekamen, bescherten

sie CNN eine Aktion, die die Hauptstadt in

ein riesiges Spielfeld verwandelte: Mit einem

speziell gestalteten Klebeband markierten

sie einen Weg entlang des alten Mauerverlaufs,

ergänzt durch Arbeiten eines Künstler

an markanten Punkten der Stadt.

IM KASTENWAGEN ZUM TENNIS

„Heimat, das ist Überzeugungstäterschaft

und damit verbunden Konsequenz, Radikalität

und Mut zur Exzentrik“ sagt Jean-Remy

von Matt, Mitgründer der gleichnamigen

Agentur. „Und das Ganze auf einem hohen

professionellen Niveau.“

Erfolg, der Begehrlichkeiten weckt: Nachdem

über die Jahre Interessenten immer

wieder vergeblich versucht hatten, die Agentur

zu kaufen, übernahm das internationale

Agenturnetzwerk TBWA im Juli 70 Prozent

von Heimat und gab den drei Gründern 30

Prozent an TBWA Deutschland, zu der jetzt

auch Heimat gehört – für einen kolportiert

höheren zweistelligen Millionenbetrag.

„Wir nehmen nicht das Geld und hauen

ab“, sagt Heffels, der auch künftig in seinem

alten Kastenwagen im Tennisclub vorfahren

will. „Wir wollen für globale Kunden arbeiten,

das verlangt globale Präsenz. Und

wir wollen uns weiter leisten können, Kunden,

auf die wir keine Lust haben, abzulehnen.“

Seine größte Angst? „Dass uns langweilig

wird. Deshalb fragen wir uns immer

wieder: Was können wir noch nicht? Denn

das können wir meistens sehr gut.“ n

manfred.engeser@wiwo.de

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 79

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Management&Erfolg

2

1

3

4

5

1| Jean-Remy von Matt (Jung von Matt),

Miriam Meckel (WirtschaftsWoche), Andreas

Mengele, Guido Heffels, Matthias von

Bechtolsheim (alle Heimat), Moderator Klaas

Heufer-Umlauf

2| Gabriele Eick (Marketingclub Frankfurt)

und Friedrich von Metzler (Bankhaus Metzler)

3| Nicola Brown, Marc Hines und Sabine

Frank (alle BBDO)

4| Michael Moser (Shanghai Berlin), Horst

Wagner (Publicis Pixelpark), Jens Merkel

(wob), Simone Leipossy (K3), Frank Merkel

(wob) und Dirk Kidrowitsch (GWA-Vorstand)

5| Uli Veigel (Brand Consultancy)

6| Rund 200 Gäste feierten im Frankfurter

Palmengarten

6

7

7| Ingo Krauss (Mitglied Hall of Fame)

GALA

Nacht der Werber

Mit einer großen Gala im Rahmen

der Effie-Preisverleihung des Verbands

der Kommunikationsagenturen

GWA im Frankfurter Palmengarten

feierten rund 200 prominente Vertreter aus

Werbung, Industrie, Politik und Gesellschaft

am vergangenen Donnerstag die

Aufnahme von Guido Heffels, Matthias von

Bechtolsheim und Andreas Mengele in die

Hall of Fame der deutschen Werbung.

„Ich erlebe die drei als besonders authentische

Überzeugungstäter“, sagte Jean-

Rémy von Matt, Mitgründer der Agentur

Jung von Matt und selbst seit 2002 Mitglied

der Hall of Fame in seiner Laudatio auf die

neuen Preisträger. „Authentisch ist man ja

dann, wenn man nicht zwei Gesichter sondern

nur eins hat. Bei Guido Heffels, Matthias

von Bechtolsheim und Andreas Mengele

verhält es sich so: Sie alle zusammen

zeigen nur ein Gesicht.“

Die Gründer der Agentur Heimat sind

die Mitglieder 31 bis 33 der Hall of Fame –

und seit der Gründung 2001 das erste Trio,

das in die Ruhmeshalle der deutschen

Werbung aufgenommen wurde.

„Natürlich hat uns damals jeder von

dem Schritt abgeraten – zu viele Häuptlinge,

das konnte nicht gut gehen“ erinnerte

sich Heffels, Mitgründer und kreativer

Vordenker des Gründer-Trios, an den gemeinsamen

Start vor 15 Jahren. Und

brachte das Erfolgsgeheimnis der Agentur

auf den Punkt:„Man muss aufpassen, dass

man es nicht allen recht macht. Wenn es

allen gefällt, dann stimmt etwas nicht.

Gute Werbung sollte berühren und darf

keinem egal sein.“

n

manfred.engeser@wiwo.de

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

80 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

Bis zum letzten

Tropfen

AKTIEN | Bevölkerungswachstum, der Klimawandel, aber

auch Verschwendung machen Trinkwasser in vielen

Weltregionen zum knappen Gut. Die Wasseraufbereitung

wird zum Milliardengeschäft – und zu einer Geldanlage.

FOTOS: ISTOCK, GETTY IMAGES/GEORGE ROSE

Der Rasensprinkler platzte, kurz

nachdem Claudia Amling auf

eine Geschäftsreise gegangen

war. Als die 52-jährige Marketingmanagerin

Tage später ins

kalifornische Santa Cruz heimkehrte, waren

bereits etliche Tausend Liter Wasser im

Erdreich versickert. Neben der Rechnung

dafür trudelte wenig später auch noch eine

Strafe über 300 Dollar ein, die ihr der US-

Bundesstaat Kalifornien auferlegte – der

Wasserzähler hatte den Behörden signalisiert:

Verschwendung. Um der Strafe zu

entgehen, besuchte Amling eine zweistündige

Schulung an der städtisch organisierten

Wasserschule im Louden Nelson Community

Center in Santa Cruz, wo sie im

sparsamen Umgang mit Wasser unterrichtet

wurde. „Das war schon ärgerlich, zumal

ich in unserem Drei-Personen-Haushalt

immer extrem auf unseren Wasserverbrauch

achte“, erzählt Amling.

Die Küstenstadt Santa Cruz, rund 100

Kilometer südlich von San Francisco, ist

die erste Gemeinde im US-Bundesstaat

Kalifornien, die wegen extremer Trockenheit

Wasser rationiert hat. Seit Mai dürfen

Haushalte mit bis zu vier Personen nur

noch höchstens 940 Liter Wasser am Tag

verbrauchen – egal, ob beim Waschen,

Kochen oder beim Bewässern des Gartens.

Mehrverbrauch zieht höhere

Gebühren und empfindliche

Strafen nach sich. „Uns geht es

nicht um das Einsammeln von

Bußgeldern, sondern um den

Lerneffekt“, sagt Toby Goddard,

die bei der Stadt Santa Cruz für

das Wassermanagement zuständig

ist.

Fotos

In unserer App-

Ausgabe finden

Sie eine Bildstrecke

über

Brunnenprojekte

in Afrika

Auch in anderen Teilen der Welt wird der

Wasserverbrauch zunehmend rigide reguliert.

Venezuelas Hauptstadt Caracas hat in

diesem Jahr mehrere Monate lang das

Wasser rationiert. Ähnliches könnte demnächst

den Bewohnern der brasilianischen

Millionenstadt São Paulo drohen. Dort gehen

die Vorräte in den Wasserspeichern

wegen Trockenheit zur Neige. Die Behörden

lehnen bislang zwar eine Rationierung

ab, dafür fällt die Wasserversorgung in Teilen

São Paulos seit Monaten regelmäßig für

mehrere Stunden aus. Schon Mitte Mai

musste die Metropole deshalb ihre sogenannte

erste „technische Reserve“ anzapfen.

Und dabei wird es nicht bleiben: Bis

2020, so eine Studie der Welternährungsorganisation

FAO, werden bis zu 40 Prozent

der weltweit besiedelten Regionen unter

Wassermangel leiden. Schuld sind Bevölkerungswachstum,

Klimawandel, Wasserverschmutzung

und -verschwendung.

ILLEGALER BRUNNEN

Wo Wasser knapp ist, wächst die Gefahr

politischer Auseinandersetzungen. Vor allem

im Nahen Osten: Nach einer Studie

des britischen Risikoanalyseunternehmens

Maplecroft liegen die zehn Länder

mit dem weltweit größten Missverhältnis

zwischen exzessivem Wasserverbrauch

und geringem natürlichem Wassernachschub

in der Region zwischen

Libyen im Westen und Iran

im Osten. Wenigen Reserven

steht dort eine hohe Nachfrage

der Bevölkerung gegenüber (siehe

Grafik Seite 88).

Al-Moghraka, ein kleines Dorf

im Gazastreifen, zwei Kilome-

»

82 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Neue Untiefen

Der Lake Shasta Kaliforniens

größter Wasserspeicher,

ist nur zu einem

Viertel gefüllt. Monatelange

Dürre hat die Reservoirs im

bevölkerungsreichsten

US-Bundesstaat austrocknen

lassen. Inzwischen wird

der Wasserverbrauch in

Kalifornien von den

Behörden rationiert.

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Geld&Börse

»

ter Luftlinie zur israelischen Grenze: Die

dreijährige Sahra hat Durst. Ihre Mutter Isra

Migdad würde ihr gerne Wasser zu trinken

geben, aber die salzige Brühe, die aus

dem Hahn im Haus ihrer Familie in Al-

Moghraka fließt, ist ungenießbar. Viele

Kinder in der Nachbarschaft seien bereits

krank geworden, erzählt sie. Die Familie

versorgt sich derweil über einen illegalen

Brunnen samt Wasserleitung unterhalb

des Hauses. 350 Dollar haben Migdad und

ihre Familie mit insgesamt 16 Personen in

die illegale Quelle investiert. Allerdings ist

auch dieses Wasser nicht sauber. Sie müssen

daher weitere 500 Liter pro Woche bei

Händlern in Gaza kaufen, die Wasser in

großen Kanistern per Tankwagen aus Israel

herbeischaffen, was, aufs Jahr gerechnet,

etwa 300 Dollar kostet. Bei einem durchschnittlichen

Verdienst in Gaza von etwa

400 Dollar pro Monat und einer Arbeitslosigkeit

von 45 Prozent kann sich das aber

nur ein kleiner Teil der Bevölkerung leisten.

Viele sind gezwungen, verschmutztes

Wasser zu trinken.

„Meist ist die Wassernot hausgemacht“,

sagt Benjamin Pohl, Wissenschaftler des

Thinktanks Adelphi. So hätten etwa Syrien

und Irak jahrzehntelang ihre Grundwasserreservoirs

geplündert. Folge: Brunnen

wasser aus dem Hahn und verkauft den

Menschen dafür das deutlich teurere aus

der Flasche. Nestlé bestreitet dies. Die Ausbeutung

von Wasserressourcen würde die

eigene Geschäftsgrundlage zerstören.

Internationale Versorger stehen ebenfalls

in der Kritik. Der Vorwurf: Mit der

Privatisierung der Wasserversorgung in

Schwellenländern sind insbesondere die

ärmeren Bewohner der Preispolitik der

Multis hilflos ausgeliefert. Eine Reihe von

Staaten habt inzwischen die Notbremse

gezogen und legt die Wasserpreise wieder

selbst fest. Und wo die Staaten eingreifen,

ziehen sich die Wasserversorger oft zurück.

So hat sich der französische Wasserversorger

Suez bereits 2005 aus Argentinien verabschiedet.

Vorausgegangen war ein Streit

um die Wasserpreise und den Ausbau der

Infrastruktur. Auch in Großbritannien lässt

der Staat die Versorger offensichtlich nicht

genug verdienen: 2012 stieß Veolia seine

britische Wassersparte ab. Und RWE verabschiedete

sich im vergangenen Jahrzehnt

nach wenigen Jahren Engagement

gleich aus zwei milliardenschweren Abenteuern:

American Water und der britischen

Thames Water.

Auch in Deutschland schwingt das politische

Pendel Richtung Verstaatlichung: So

Dass die Terroristen des »IS«

Staudämme besetzen, ist kein Zufall

fallen trocken, Böden versalzen. Wer die

Kontrolle über Flüsse und Wasserspeicher

hat, besitzt große Macht. Dass die Terroristen

des „Islamischen Staates“ („IS“) Staudämme

besetzen, ist kein Zufall. Ortschaften,

die „IS“ bisher nicht erobern konnte

oder verloren hat, wird das Wasser abgedreht,

um den Widerstand zu brechen:

Wasser wird so zur Waffe.

HILFLOS AUSGELIEFERT

Auch internationale Konzerne stehen im

Verdacht, den Menschen das Wasser abzugraben.

So zapft der Schweizer Konzern

Nestlé mit seiner Mineralwasserproduktion

in vielen Regionen der Welt systematisch

das Grundwasser an. Seit der 2012

veröffentlichte Film „Bottled Life“ Nestlés

umstrittene Firmenpolitik aufdeckte, sind

die Schweizer moralisch angeschlagen.

Hauptvorwurf der Filmer: Nestlé entzieht

privaten Haushalten das preiswerte Trinkhat

das Land Berlin 2012 und 2013 Anteile

an den kommunalen Wasserbetrieben

vom französischen Versorger Veolia und

RWE für insgesamt 1,3 Milliarden Euro zurückgekauft.

Erst 1999 war die Wasserversorgung

in Berlin teilprivatisiert worden.

Im vergangenen Jahr nahm die EU-

Kommission nach Bürgerprotesten die

Wasserversorgung von einer Vergabe von

Konzessionen an Privatunternehmen aus.

Die damalige Verbraucherministerin Ilse

Aigner sprang den Bürgern bei: „Wasser ist

keine Ware wie jede andere, sondern unser

wichtigstes Lebensmittel.“

Dennoch ist Trinkwasser längst eine Ware,

auch ohne Nestlé. In den USA und Australien

wird seit Jahrzehnten an Börsen mit

Wasserrechten gehandelt (siehe Kasten

Seite 86). Ziel ist es, auf diese Weise das

knappe Gut möglichst effizient zu verteilen.

Denn was nichts kostet, wird meist verschwendet.

Allerdings braucht der Markt

eine ordnende Hand. In Chile musste die

Regierung den Handel mit Wasserrechten

regulieren, um Spekulation und Ausbeutung

zu vermeiden.

Auch wenn der Staat versucht, Missbrauch

zu verhindern, bleiben private Geschäfte

mit Trinkwasser umstritten – ähnlich

wie Spekulationen mit Agrarrohstoffen.

Das heißt jedoch nicht, dass Anleger

den Wasserboom an sich vorbeiziehen lassen

müssen. Statt mit Nestlé und den großen

Wasserversorgern auf wachsende Not

und steigende Preise zu spekulieren, können

sie sich an Unternehmen beteiligen,

deren Geschäftszweck die Aufbereitung

oder Verteilung von Trinkwasser ist. Deren

Geschäftsmodell ist unabhängiger von politischer

Einflussnahme und zumindest auf

den ersten Blick moralisch unbedenklich.

Und der Markt ist riesig: Die US-Analyseagentur

BCC Research schätzt den weltweiten

Markt für Wassertechnologie auf

84 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: ISTOCK, LAIF/REDUX/THE NEW YORK TIMES

derzeit 60 Milliarden Dollar.

Bis 2019 soll er auf 96

Milliarden Dollar wachsen.

Allerdings ist nicht jede

Aktie eines Konzerns, der

mit Wassertechnologie

Geld verdient, ein Kaufkandidat.

Weniger attraktiv

sind Großkonzerne, etwa

General Electric. Zwar macht das US-

Schwergewicht auch mit Meerwasserentsalzung

Gewinne. Doch die Wassersparte

bewegt den Kurs der Aktie nur wenig: GE

verdient im Geschäftsfeld Power & Water

sein Geld vor allem mit Windkraftanlagen.

Ähnlich sieht es bei den Wasserversorgern

mit Technologiesparte aus. Suez und Veolia

machen ihre Profite überwiegend mit

Energie, Müll und Recycling. Mehr Potenzial

versprechen Unternehmen, die einen

Großteil ihres Geschäftes mit Wassertechnologie

machen, etwa Xylem.

Gefahrenquelle

Syrische Flüchtlingskinder

spielen mit Wasser aus

einem verschmutzten

Teich in Suruç im Südosten

der Türkei. Nicht nur

die Kriege in Syrien und

Irak, sondern auch jahrzehntelange

Ausbeutung

der Grundwasserreserven

haben die Versorgungslage

in der Region

verschärft.

Das US-Unternehmen

fertigt auch in Herford. In

Ostwestfallen brummt am

Testplatz 2 der Produktionshalle

von Xylem der

Hochspannungsstrom. Bis

zu 5500 Volt fließen durch

die Elektroden des Ozongenerators,

den Xylem

prüft. Mithilfe elektrischer Energie wird

im Generator Sauerstoff in Ozon umgewandelt.

Ozon tötet Keime im Wasser

ab und zersetzt Schadstoffe. Besteht das

Gerät den fünftägigen Test, wird es per

Schiff nach China verfrachtet und soll in

Peking kommunale Abwässer mit Ozon

reinigen. Bis zu 14 Kilogramm des flüchtigen

Gases kann die Anlage pro Stunde

erzeugen. Das reicht, um pro Stunde

20 000 Kubikmeter Abwasser zu reinigen,

so viel wie zwei olympische Schwimmbecken

fassen.

Mehr Geld als mit kommunalen Abwässern

lässt sich mit schmutziger Brühe aus

Industrieanlagen verdienen. Nach einer

Studie der OECD soll der Wasserbedarf der

Industrie bis 2050 um 400 Prozent steigen.

DURSTIGE ÖLFÖRDERER

Besonders durstig sind derzeit Öl- und

Gasförderer, die Wasser und Chemikalien

in tiefe Gesteinsschichten pressen (Fracking),

um neue Quellen zu erschließen.

Jedes Bohrloch verbraucht etwa 20 000 Kubikmeter

Wasser. Und in den USA gibt es

mittlerweile etwa 50 000 Bohrlöcher. Mit

dem insgesamt benötigten Wasser ließe

sich 3000 Mal der Gasometer in Oberhausen

füllen. Das beim Fracking anfallende

Abwasser muss von Chemikalien und anderen

Zusätzen gereinigt werden. Die

Agentur Global Water Intelligence schätzt

diesen Markt auf zwei Milliarden Dollar.

2018 sollen es 3,6 Milliarden sein.

»

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 85

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Geld&Börse

BÖRSE

Einstieg über Umwege

Wie Wasserrechte an regionalen Marktplätzen gehandelt werden.

Wasserrechte verbriefen den Zugang zu

lokalen Wasserquellen. Sie können sowohl

zeitlich limitiert sein als auch die

Menge des zu entnehmenden Wassers

begrenzen. Käufer und Verkäufer, in der

Regel Landwirte, Industrieunternehmen

und Kommunen, kommen meist aus der

gleichen Region und finden auf speziellen

Handelsplattformen, den Wasserbörsen,

zusammen. Meist sind diese Handelsplätze

nicht mit Börsen im klassischen Sinne

zu vergleichen, an denen sich kontinuierlich

Kauf- und Verkaufskurse bilden, weil

Wasserrechte nicht homogen, sondern

regional gebundene Unikate sind.

LIQUIDE WERTE

Profianleger können in den USA über

spezialisierte Vermögensverwalter in

Portfolios aus Wasserrechten investieren.

Privatanleger können den Umweg über

börsennotierte Unternehmen gehen:

Limoneira, J.G. Boswell oder Pico aus den

USA halten Wasserrechte. Besitzer von

Agrarland haben häufig Zugriff auf

Wasserrechte, die sie auch getrennt von

der Immobilie verkaufen können.

PILOTPROJEKTE IN CHINA

Die chinesische Regierung plant derzeit

eine nationale Börse für Wasserrechte mit

einem Grundkapital von einer Milliarde

Yuan (umgerechnet 128 Millionen Euro).

Zudem wollen die Chinesen einen Fonds

auflegen, der in Wasserrechte investiert.

Derzeit laufen in China in einigen Provinzen

Pilotprojekte, um den Handel mit

Wasserrechten zu fördern.

PREISANSTIEG IN DEN USA

Der Westen der USA gehört zu den Pionieren

beim Wasserrechtehandel. An regionalen

Börsen, beispielsweise der Texas

Water Exchange oder der Water Right

Exchange in Utah, werden lokale Wasservorkommen

für Industrie, Landwirtschaft

und Gemeinden gehandelt. Der Handel ist

in der Regel in regionale Segmente aufgeteilt.

Die zunehmende Trockenheit im US-

Westen lässt die Preise für Wasserrechte

steigen. In der Dürreperiode der Jahre

2006 bis 2009 zog der Index für Wasserrechte

in dieser Region laut Unternehmensberatung

West Water Research

deutlich an (siehe Grafik).

ACKERLAND AUSTRALIEN

In Australien hat sich mit der Water Exchange

eine Börse etabliert, an der Käufer

und Verkäufer von Wasserrechten

über das Internet mithilfe spezialisierter

Broker handeln können. Eigentümer der

Water Exchange ist die NSX (National

Stock Exchange of Australia). In Australien

werden sowohl dauerhafte Wasserrechte

gehandelt als auch Lizenzen, die

nur für eine bestimmte Saison gelten. 90

Prozent des Wasserhandels in Australien

konzentriert sich auf den Südosten des

Landes, in dem ein Großteil des zu bewässernden

Ackerlandes liegt.

CHILE DENKT AN BEDÜRFTIGE

In Chile sind seit 1981 Wasserrechte privatisiert.

Sie können unabhängig von den

zugehörigen Grundstücken versteigert

werden. 2005 wurden die Wassergesetze

reformiert, um Spekulation und Marktmissbrauch

zu unterbinden. Kleinere,

finanzschwache Farmer hatten bereits

Probleme, an ausreichend Wasser zu

kommen. Derzeit arbeitet Chiles Regierung

an einer weiteren Gesetzesreform,

die Wasserrechte tangiert. Künftig soll die

Regierung in Zeiten extremer Dürre neue

Wasserrechte ohne Kompensation an Bedürftige

verteilen dürfen.

Dürre treibt Wasserpreis

Wie sich der Börsenpreis von Wasserrechten

für den Südwesten der USA seit

2002 entwickelt hat (in Punkten) 1

3500

3000

2500

2000

extreme

1500

Trockenheit

1000

in Kalifornien

500

0

2002 2005 2008 2010 2013

1 Water Rights Index, 2002 = 1000 Punkte;

Quelle: West Water Research

martin.gerth@wiwo.de

»

Zwar ist der Bedarf an Wassertechnologie

weltweit groß, die Zahl der Unternehmen,

deren Aktien – wie bei Xylem – davon

profitieren, jedoch klein. Und wer sein

Geld in Wassertechnologie investieren will,

muss sich im Ausland umschauen, denn

der deutsche Kurszettel ist eine Wüste.

Technologisch vorne liegen derzeit Entwickler

aus den USA, Japan, Australien und

Israel. In den USA sitzt mittlerweile das

Gros der Spezialisten für Wassertechnologie:

Der Index Nasdaq US Water umfasst

derzeit 29 Einzeltitel.

Aktienfonds, die sich auf die Wasserbranche

spezialisiert haben, investieren

vor allem in mittelgroße US-Werte. Ihnen

fehlen jedoch große liquide Werte, mit denen

sich auch größere Portfolios bestücken

lassen. Notgedrungen greifen die Fonds zu

Unternehmen, die außer mit Wasser auch

mit vielen anderen Sparten ihr Geld verdienen.

So verirrt sich schon mal Nestlé in

einen Wasserfonds, weil die Schweizer

Weltmarktführer bei Mineralwasser sind.

Reine Wassertechnologiefonds gibt es

derzeit nicht. Anleger, die nach einem besonders

hohen Hebel auf das Geschäft mit

Wasserfiltern oder Pumpen suchen, sollten

86 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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FOTOS: ISTOCK, REUTERS/CHINA DAILY

sich daher einzelne Aktien herauspicken

(siehe Tabelle Seite 90). Dieter Küffer, Manager

des Fonds Robeco SAM Water, hält

derzeit Meerwasserentsalzung, die Reinigung

von Schiffsballastwasser und Wasserrecycling

in der Industrie für die attraktivsten

Trends. „Überall dort, wo Wasserknappheit

herrscht wie im Nahen Osten

oder in Kalifornien, wird das Meer als zusätzliche

Quelle erschlossen“, sagt Küffer.

KURS ORDENTLICH IN FAHRT

Das schlägt sich an der Börse nieder. Schon

ordentlich Fahrt aufgenommen hat etwa

die Aktie des Meerwasserentsalzungsspezialisten

Pentair. Seit Januar 2010 hat sich

der Kurs der Schweizer fast verdoppelt.

Und wichtige Bilanzzahlen untermauern

den Anstieg: Im dritten Geschäftsquartal

hatte Pentair freie Mittel aus dem Zahlungsüberschuss

(Free Cash-Flow) von 600

Millionen Dollar angehäuft, 22,7 Prozent

mehr als im Vorjahresquartal.

Noch kostet ein Kubikmeter Trinkwasser

aus der Meerwasserentsalzung etwa einen

Euro, sauberes Grundwasser aus einem

Brunnen dagegen nur 35 Cent. Schuld daran

sind vor allem die Energiekosten. Die

Grüne Hölle

Ein Junge badet an der

algenverseuchten Küste

in Qingdao im Osten

Chinas. Ungeklärte Abwässer,

vor allem Düngemittel

aus der Landwirtschaft,

lassen den

Algenteppich blühen. Um

die landesweite Wasserverschmutzung

zu

bekämpfen, muss China

Milliarden investieren.

amerikanischen Unternehmen

Flowserve und Energy

Recovery, haben deshalb

Konzepte entwickelt, mit

denen sich die in der Hydraulik

von Meerwasserentsalzungsanlagen

eingesetzte

Energie zurückgewinnen

lässt. Aber Energy

Recovery steckt gerade in einer Umbruchphase:

Finanz- und Vertriebsvorstand wurden

in diesem Jahr wegen schwacher Zahlen

ausgetauscht. Bisher bleiben Anleger

skeptisch, ob Energy Recovery die Wende

schafft. Seit September 2013 hat sich der

Aktienkurs fast halbiert. Besser sieht es bei

Flowserve aus. Seit Januar 2012 schnitt

Flowserve kontinuierlich besser ab als der

S&P 500. Dennoch war die Aktie zuletzt mit

einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von

17 nicht zu teuer. Allerdings gibt es auch bei

Flowserve einen Wermutstropfen. Das Unternehmen

verkauft seine Pumpen, Ventile

und Dichtungen vor allem an die Öl- und

Gasindustrie sowie Chemiekonzerne. Das

macht Flowserve konjunkturanfällig.

Relativ neu ist das Geschäft mit verschmutztem

Schiffsballastwasser. Um beladene

Schiffe stabil zu halten,

füllen Frachter Tanks

mit Meerwasser. Bisher haben

Schiffe ihre Ballasttanks

einfach ins Meer entleert.

Im Ballastwasser sammeln

sich jedoch mit der

Zeit kleine Lebewesen an,

die an den Küsten millionenschwere

Schäden anrichten können. So

untergräbt die aus Asien eingeschleppte

Wollhandkrabbe in Nord- und Ostsee Hafen-

und Küstenschutzanlagen und zerstört

Fischernetze. Um solche Fälle zu verhindern,

müssen Frachtschiffe von 2016 an ihr

Ballastwasser vor dem Verklappen reinigen.

Auch wenn die Ballastwasserkonvention

der International Maritime Organisation

(IMO), ein Zusammenschluss der Staaten

mit Seehandelsflotten, noch nicht in Kraft

getreten ist, werden bereits jetzt Schiffsneubauten

mit entsprechenden Anlagen ausgerüstet.

Dieser Markt wird weltweit auf etwa

28 Milliarden Dollar geschätzt.

An sauberen Frachtschiffen werden vor

allem die US-Unternehmen Xylem, Calgon

Carbon und die japanische Kurita Water

verdienen. Kurita Water setzt auf Chlor-

»

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 87

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Geld&Börse

Kampf ums Wasser

Der Water Stress Index misst das Verhältnis zwischen Wasserverbrauch und natürlichem Wassernachschub. Je schlechter dieses Verhältnis

in einer Region ist, desto größer ist das Risiko von Konflikten.Die zehn Länder 1 mit dem weltweit höchsten Risiko liegen alle im Nahen Osten

Kanada

Frankreich

Deutschland

Russland

Spanien

Italien

Mexiko

USA

Jordanien

Israel

Saudi-Arabien

Libyen

Nigeria

Oman

V.A.E. 2

Indien

China

Iran

Katar

Peru

Brasilien

Bahrain

Kuwait

Indonesien

Südafrika

Australien

1 rot markiert;

2 Vereinigte Arabische Emirate;

Quelle: Maplecroft

Argentinien

Risikostufe

extrem hoch hoch mittel niedrig keine Angabe

»

chemikalien, um das Ballastwasser zu

reinigen. Dafür müssen die Schiffe einen

Hafen anlaufen. Xylem und Calgon Carbon

vermarkten dagegen eine Kombination

aus UV-Bestrahlung und Filter, die auch an

Bord des Schiffes funktioniert.

Welches der beiden Verfahren sich weltweit

durchsetzen wird, hängt auch von der

Prüfung der US-Behörden ab. Die USA

werden das erste Land sein, dass das internationale

Ballastwasserabkommen in nationales

Recht umsetzen wird. Da die US-

Vorgaben strenger sind als die der IMO,

könnte sich daraus ein globaler Standard

entwickeln. Für Xylem und Calgon Carbon

spricht, dass von den bisher installierten

Geräten, die Ballastwasser reinigen, zwei

Drittel mit UV-Strahlen arbeiten.

Insbesondere für Kurita Water wäre das

US-Siegel wichtig. Trotz wachsender Nachfrage

aus China sind die Preise für Chemikalien

zur Wasserreinigung, die überwiegend

in Japan hergestellt werden, unter

Druck. Im zweiten Quartal dieses Jahres

verdiente Kurita in der Chemiesparte trotz

leichtem Umsatzplus sieben Prozent weniger

als im Vorjahreszeitraum. Kurita sucht

daher neue Absatzmärkte. Neugeschäft

mit der Reinigung von Ballastwasser käme

da gerade recht. Bei Calgon Carbon sieht es

jetzt schon besser aus. 2013 und im laufen-

den Jahr haben die Amerikaner ihre Finanzen

in Ordnung gebracht: nur noch 8,0

Prozent Fremdkapital und 11,9 Prozent

Rendite aufs Eigenkapital sind gute Werte.

Zudem stiegen die frei verfügbaren Mittel

für Dividenden und Aktienrückkäufe im

zweiten Halbjahr gegenüber dem Vorjahr

um 36 Prozent. Das Geld bleibt allerdings

im Unternehmen: Zuletzt 2005 zahlte Calgon

Carbon Dividende. Die finanzielle

Rosskur hat sich an der Börse bemerkbar

gemacht: Im vergangenen Jahr legte der

Aktienkurs um 43 Prozent zu.

SCHWIMMEN? NIE IM LEBEN!

Shanghai, eine Druckerei im Süden der

chinesischen Metropole nahe des ehemaligen

Expo-Geländes: Druckmaschinen

rattern, in der Fabrikhalle riecht es süßlich

nach Kunststoff. Die Oktobersonne heizt

die Luft auf 25 Grad im Schatten. Deutlich

wärmer ist es am Arbeitsplatz der 28-jährigen

Wang Hui, die in einem Verschlag am

Ende der Fabrikhalle Reis für die Arbeiter

kocht. Weil es drinnen zu stickig ist, zieht

ihr Sohn sie ins Freie. Die beiden blicken

auf einen zehn Meter breiten Kanal, der in

den Fluss Huangpo läuft, Shanghais

wichtigste Wasserquelle. Eine Abkühlung

wäre nicht schlecht. „Schwimmen?“, lacht

Wang Hui. „Nie im Leben! Das ist viel zu

dreckig.“ Nur ein paar Meter von der Fabrikhalle

entfernt läuft eine braun-gelbe

Brühe aus einem Plastikrohr in den Kanal.

Was dort herausläuft, weiß keiner so genau.

Jedenfalls verbreitet sich ein fauliger

Geruch am Ufer.

Bisher mussten Chinas Industriebetriebe

kaum fürchten, Probleme wegen des

Drecks zu bekommen, mit dem sie Seen

und Flüsse vergiften. Inzwischen lässt sich

Chinas Bevölkerung die Wasserverschmutzung

durch die Industrie nicht

mehr gefallen. Proteste zwingen den Staat

zum Handeln. So schlossen die Behörden

in Chinas autonomer Provinz Guangxi

Zhuang eine Zinkmine, weil diese das

Wasser vergiftet hatte. Mehrere Manager

des Minenbetreibers erhielten Haftstrafen,

das Unternehmen selbst musste eine

Geldstrafe zahlen.

Sowohl für das Management als auch die

Unternehmen wird es zunehmend riskanter,

verschmutztes Wasser ungeklärt zu

entsorgen. Die Chinesen rüsten daher auf.

Inzwischen sind sie der weltgrößte Abnehmer

von Chemikalien, mit denen sich Wasser

reinigen lässt. Derzeit investieren die

Chinesen zudem pro Jahr umgerechnet

zwei Milliarden Euro in neue Kläranlagen.

In Zukunft könnten es deutlich mehr sein,

hofft die Branche. Im aktuellen Fünf-

»

FOTO: ISTOCK

88 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

Filtern, entsalzen und steuern

Aktien von Wassertechnologieunternehmen und Wasseraktien-Fonds mit dem derzeit größten Potenzial

Unternehmen (Land)

Pentair (Schweiz)

Xylem (USA)

Kurita Water Industries (Japan)

Watts Water Technologies (USA)

Tetra Tech (USA)

Mueller Water Products (USA)

Calgon Carbon (USA)

Fonds/börsengehandelte Indexfonds (ETFs)

Tareno Water Fund

KBC Eco Water

Robeco SAM Sust. Water

Lyxor World Water ETF

ISIN

IE00BLS09M33

US98419M1009

JP3270000007

US9427491025

US88162G1031

US6247581084

US1296031065

ISIN

LU0319773551

BE0175479063

LU0133061175

FR0010527275

Börsenwert (in

Millionen Dollar)

12141

6510

2713

2043

1622

1590

1144

Börsenwert

(in Millionen

Dollar)

107

178

571

146

Kurs-Gewinn-

Verhältnis 1

17,5

17,6

23,2

22,4

16,5

29,6

21,1

1 2014, geschätzt; 2 1 = niedrig, 10 = hoch; Quelle: Bloomberg, Morningstar; Stand: 23. Oktober 2014

Kurs/Stoppkurs

(in Euro)

50,93/40,75

26,93/21,55

16,29/13,00

44,57/35,65

19,63/15,70

7,12/5,70

15,47/12,40

Wertentwicklung pro Jahr

(in Prozent)

1 Jahr 3 Jahre

13,7 22,6

10,5 20,0

12,1 17,2

15,1 15,6

Technologie

Meerwasserentsalzung, Filter

Filter, Pumpen, Wasserreinigung

chemische Wasserreinigung

Wasserreinigung, Infrastruktur

Osmosetechnik

intelligente Wassersteuerung

Wasserreinigung mit Aktivkohle und UV

Anlageschwerpunkt

US-Wassertechnologieaktien

US-Wassertechnologieaktien

Technologie- und Versorgeraktien

bildet den World Water Index nach

Chance/

Risiko 2

7/6

7/6

8/7

8/7

7/6

6/5

7/6

Chance/

Risiko 2

8/7

8/7

7/6

7/6

»

jahresplan (2011 bis 2015) veranschlagte

die KP-Führung bis 2020 Investitionen in

Wasserinfrastruktur und -aufbereitung in

Höhe von 580 Milliarden Dollar. Die Investitionen

sind dringend notwendig, denn

bis 2020 wird sich der Wasserverbrauch der

chinesischen Industrie verdoppeln.

Auch High-Tech-Betriebe brauchen

mehr und vor allem reineres Wasser. Im

Sommer gelang es Kurita Water, einen größeren

Auftrag von Chinas Chipindustrie an

Land zu ziehen. Für knapp 100 Millionen

Dollar verkauften die Japaner Anlagen, um

hochreines Wasser für die Chipproduktion

herzustellen sowie die Abwässer der Fabriken

zu reinigen. Kurita will in diesem Jahr

seinen Umsatz in Asien außerhalb Japans

um 18 Prozent auf 32 Milliarden Yen (umgerechnet

235 Millionen Euro) ausbauen.

Nicht nur der Wachstumsmarkt China,

auch Übernahmefantasien beflügeln die

Kurse. „Die Übernahmen in der Wasserbranche

haben sich in den vergangenen

Jahren verlagert, von den großen Zusammenschlüssen

bei Wasserversorgern hin

zu Übernahmen bei kleineren Technologieunternehmen“,

sagt Arnaud Bisschop,

Manager des Fonds Pictet Water.

Anleger, die Aktien von Übernahmezielen

halten, können überdurchschnittlich

profitieren. Im Oktober schluckte die niederländische

Arcadis, die Projekte zur

Wasseraufbereitung und zum Hochwasserschutz

betreut, den britischen Baudienstleister

Hyder, der unter anderem

Kläranlagen plant. Seit Bekanntwerden der

Übernahmepläne Ende Juli legte Hyder

von 4,50 auf 7,50 Pfund zu.

Zu den aktuellen Übernahmekandidaten

zählt derzeit etwa die kanadische GLV

Group, die sich auf Wasserreinigung, Papierherstellung

und Maschinenbau für die

Getränkeindustrie spezialisiert hat.

Besser durch Technik

Das Wassertechnologieunternehmen Xylem

schlug zuletzt den Aktienindex S&P Global

Water, der auch Versorger enthält 1 170

160

Xylem

150

140

130

S&P Global Water

120

110

100

2012 2013

2014

1 indexiert: Oktober 2012 =100; Quelle: Bloomberg

VERSCHÄRFTE GRENZWERTE

Neben dem wirtschaftlichen tragen Wassertechnologieunternehmen

noch ein politisches

Risiko: Sei es, wenn es um öffentliche

Investitionen in Infrastruktur oder um

neue Vorschriften für die Wasserqualität

geht. Derzeit arbeitet etwa die US-Umweltbehörde

EPA an Regeln für die Belastung

des Wassers mit gefährlichen Viren. In Europa

sollen in mehreren Ländern die

Grenzwerte für Medikamentenrückstände

wie etwa Antibiotika verschärft werden.

Beide Maßnahmen könnten den Unternehmen

neues Geld in die Kassen spülen.

Wie groß das Marktpotenzial tatsächlich

sein wird, lässt sich aber schwer abschätzen.

Werden andere Länder mit scharfen

Vorschriften nachziehen? Lohnt es sich, in

neue Technologie zu investieren?

Da der politische Wind sich schnell drehen

kann, sollten Anleger daher Unternehmen

bevorzugen, die möglichst wenig von

staatlichen Vorschriften etwa zur Wasserqualität

abhängen. Das gilt beispielsweise für

Hersteller von Verfahren, die für Industrieprozesse

Schadstoffe aus dem Wasser filtern.

Calgon Carbon etwa setzt Aktivkohle ein, um

für die Pharmaproduktion kleinste organische

Verunreinigungen zu entfernen. Und je

weniger die Unternehmen von öffentlichen

Aufträgen abhängen, desto besser – denn

Städte und Länder vergeben meist nach

Haushaltslage. Bei Xylem macht öffentliche

Infrastruktur nur 34 Prozent des Geschäfts

aus, andere Spezialisten wie Tetra Tech und

Mueller Water erlösten 2013 knapp 47 Prozent

sowie 55 Prozent aus Staatsprojekten.

Der Sonnenstaat Kalifornien macht derweil

seinen Bürgern das Leben immer

schwerer. Bisher konnte jeder, der Wasser

brauchte, einen Brunnen bohren, wenn

nötig, bis zu 350 Meter tief. Damit ist nun

Schluss. Gouverneur Jerry Brown unterzeichnete

kürzlich ein Papier, das den Zugang

zum Grundwasser reguliert. Statt die

Reserven anzugreifen, sollen die Bürger

Wasser einfach mehrfach nutzen – nachdem

es gereinigt wurde.

Ob Brown selbst sein Wasser zum Duschen

aus einem eigenen Brunnen oder

aus dem öffentlichen Netz bezieht, ist nicht

bekannt.

n

martin.gerth@wiwo.de, matthias hohensee | Silicon Valley,

philipp mattheis | Shanghai, kristina milz

FOTO: ISTOCK

90 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse | Barron’s

Verschreckte Herde

US-AKTIEN | Während des jüngsten Ausverkaufs ist viel Qualität

günstig auf den Markt gekommen. Wo Anleger zugreifen dürfen.

Die Märkte unterliegen derzeit heftigen

Stimmungsschwankungen,

wie der reinste Teenager. Der

Dow Jones Industrial Index verlor

allein im Oktober zwischenzeitlich 6,5

Prozent. Und es hätte noch viel schlimmer

kommen können. Besorgniserregend ist

vor allem, dass die Verkäufe panikartige

Formen annahmen. Als Anlass für die

Flucht zum Ausgang wurden alle möglichen

Gründe genannt, vom langsamen

Wachstum in Europa bis hin zur möglichen

weltweiten Ausbreitung von Ebola.

90 PROZENT UNTER WASSER

Panik führt fast immer zu schlechten Entscheidungen

– in diesem Fall zu wahllosen

Verkäufen. Die Anleger stoßen Aktien ab,

ohne zu überlegen, ob sich die Rahmenbedingungen

für die Unternehmen wirklich

verschlechtert haben. „Viele schütten

sprichwörtlich das Kind mit dem Bade

aus“, sagt Tobias Levkovich, Chefstratege

der Citigroup, „es wird viel Qualität zu

Schleuderpreisen verkauft.“

Beispielhaft der Dow Jones: Jede einzelne

der 30 Aktien im Blue-Chip-Index hat

im Oktober verloren – Unternehmen so

unterschiedlich wie der Chipproduzent Intel

und der Getränkehersteller Coca-Cola.

Im Standard & Poor’s Index, der 500 Unternehmen

umfasst, sind 90 Prozent der Aktien

unter Wasser. Auch ein Blick über die

amerikanischen Grenzen hinaus bot keinerlei

Trost, da jeder einzelne der großen

Indizes in den roten Bereich rutschte – der

deutsche Leitindex Dax etwa radierte in

den ersten Oktobertagen die gesamten bisherigen

Jahresgewinne aus.

Anlage-Profis haben ein Maß, mit dem

sie den Grad der Willkür solcher Abverkäufe

messen. Es nennt sich Korrelation und

beschreibt die Tendenz von Wertpapieren,

sich innerhalb eines bestimmten Zeitrahmens

in die gleiche Richtung zu bewegen.

In guten Zeiten nimmt die Korrelation für

gewöhnlich ab, weil sich die Anleger Zeit

nehmen, zu verstehen, was den Kurs einer

bestimmten Aktie treibt.

Diese Situation hatten wir bis September,

als Daten der Citigroup zufolge die

Korrelation zwischen den 50 größten Aktien

im S&P 500 und dem Index selbst auf

nur 18 Prozent fiel. Aber wenn es die Anleger

mit der Angst zu tun bekommen, tätigen

sie häufig zuerst Verkäufe

Die beste

Geschichte aus

der aktuellen

Ausgabe von

dem führenden

amerikanischen

Magazin für

Geldanleger.

und stellen erst danach die Fragen.

Das lässt die Korrelation auf

Spitzenwerte klettern – so geschehen

in der Vorwoche, als

dieser Maßstab auf nahezu 70

Prozent anstieg.

Ein ähnliches Herdenverhalten

erlebten wir zuletzt 2013 mit

dem sogenannten Taper Tantrum,

den panikartigen Verkäufen

nach der Ankündigung der US-Zentralbank

Fed, sie wolle bald beginnen, ihr Anleihenaufkaufprogramm

zurückzufahren.

Der S&P 500 fiel in der Folge in nur vier

Wochen um fast fünf Prozent. Im Nachhinein

hat der Absturz mutigen Anlegern

Kaufgelegenheiten eröffnet.

Das könnte auch diesmal so sein. Sean

Darby zumindest, Aktienstratege bei der

US-Investmentbank Jefferies, hat sich

schon auf die Suche nach Unternehmen

gemacht, deren Kurs-Gewinn-Verhältnis

(KGV) und Kurs-Buchwert-Verhältnis

(KBV) bei gleichzeitig nicht rückläufigen

Gewinnprognosen unter den fünfjährigen

Durchschnitt gefallen sind. Mit anderen

Worten: die im Oktober-Schlussverkauf

mit unter die Räder kamen, ohne dass sich

an ihrem fundamentalen Geschäft etwas

zum Schlechten geändert hätte.

Unter den Unternehmen, die aus seinem

Screening hervorgingen, waren der Biotechnologieriese

Gilead Sciences, dessen

Aktie im Oktober kurzzeitig elf Prozent billiger

wurde, obwohl die Analysten ihre Gewinnschätzungen

sogar nach oben revidierten,

der Versicherer Prudential, dessen

Aktienkurs 16 Prozent fiel, und der Krankenversicherer

WellPoint, dessen Aktie

jüngst satte 25 Prozent einbüßte.

EISENBAHN MIT FUSIONSFANTASIE

Ebenso auf diese Liste schaffte es eine Reihe

von US-Eisenbahnunternehmen, darunter

Norfolk Southern, Union Pacific

und CSX Corp., die gerade von Canadian

Pacific Railway eine Fusionsofferte erhielt.

CSX lehnte das Angebot zwar zunächst ab,

doch das beeindruckte die Anleger nicht

wirklich; sie trieben den Kurs der Aktie um

13 Prozent höher.

Das Seltsamste an dem Angebot: Es gab

in den USA keine Fusionen von Eisenbahnunternehmen,

seit der U.S. Surface

Transportation Board (STB) im Jahr 2000

ein Moratorium verhängte. Es ist daher

völlig unklar, ob die Regulierungsbehörde

die Fusion durchwinken würde. Heißt das,

die Anleger sollten CSX meiden? Nicht unbedingt.

Allison Landry von Credit

Suisse meint, CSX könne 2015

dank höherer Preise ein Umsatzwachstum

von 15 Prozent schaffen,

nachdem das Unternehmen

in den vergangenen drei Jahren

Wachstumsraten im einstelligen

Bereich verzeichnet hatte. Wenn

sie recht hat, könnte der Kurs auf

38 Dollar klettern. n

ben levisohn | geld@wiwo.de

ILLUSTRATION: TOM MACKINGER

92 Nr. 44 27.10.14 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse | Steuern und Recht

AKTIEN

Einfaches Prinzip, teurer Spaß

Wer in ausländische Unternehmen investiert, erhält oft deutlich weniger

Dividende als erwartet – wegen hoher Quellensteuern im Ausland. Wie Anleger

ihr Geld zurückholen.

Wer als deutscher Anleger spanische

Aktien kauft, der sollte

sich für eine herbe Enttäuschung

wappnen: Am ersten

Handelstag nach der Hauptversammlung,

dann wenn die

Ausschüttungen an Aktionäre

überwiesen werden, landet

hierzulande auf dem Konto nur

gut die Hälfte der Dividende.

Denn Spanien zwackt eine

Quellensteuer von 21 Prozent

ab – und danach berechnet die

hiesige Bank noch mal 26,4 Prozent

Abgeltungsteuer und Solidaritätszuschlag

obendrauf.

Das gilt zumindest, wenn der

Sparerfreibetrag von 801 Euro

(1602 Euro für Ehepaare) ausgeschöpft

ist. Von 1000 Euro Dividende

kommen dann gerade

mal 526 Euro an. Noch weniger

ist es bei Kirchenmitgliedern,

bei denen deutsche Banken zudem

rund 20 Euro Kirchensteuer

abzwacken.

Auch bei Aktien aus anderen

Ländern drohen hohe Abzüge.

Einen großen Teil davon können

sich Anleger zwar erstatten

lassen. Doch viele machen das

nicht:Laut einer Studie der britischen

Beratungsfirma Goal

Group verzichten deutsche Investoren

auf Rückforderungen

von 691 Millionen Euro, die ihnen

aus internationalen Kapitalanlagen

– vor allem Aktien –

zustehen. Pro Jahr. „Anleger

verschenken erhebliche Summen“,

sagt Ellen Ashauer-Moll,

Steuerexpertin bei Rödl & Partner

in Regensburg. Aber wie

hoch sind die Abzüge? Und wie

holen Anleger ihr Geld zurück?

LAST BLEIBT GLEICH HOCH

Das Prinzip ist einfach: Fast alle

Länder ziehen von Dividenden,

die Unternehmen zahlen,

eine Quellensteuer ab. Der Satz

beträgt bis zu 35 Prozent. Die

deutsche Depotbank, bei der die

Nettodividende des Anlegers

eingeht, darf danach aber maximal

15 Prozent Quellensteuer

von der deutschen Abgeltungsteuer

abziehen. Kein Problem

gibt’s damit bei Quellensteuern

bis 15 Prozent (siehe Tabelle):

Magische Grenze

Welche Länder mit großen

Börsen maximal 15 Prozent

Quellensteuer abziehen... 1

Land

Japan

Niederlande

Großbritannien

Russland

Südafrika

...und welche Länder bei Dividenden

kräftiger hinlangen 3

Frankreich

Italien

Norwegen

Österreich

Schweiz

Spanien

USA

Hälfte unter Wasser

Abzüge bei

Statoil-Dividende

Steuersatz

(in Prozent)

15

15

1 bedeutet, dass die Quellensteuer komplett

mit der Abgeltungsteuer verrechnet

wird; 2 in bestimmten Fällen null;

3 bedeutet, dass Anleger eine Erstattung

beantragen müssen; 4 deutsche Banken

verrechnen keinen Teil der Quellensteuer

mit der Abgeltungsteuer, da eine

Kompletterstattung im Ausland möglich

ist; Quelle: Bundeszentralamt für Steuern

0

15

15 2

21

20

25

25

35

21

30

in Deutschland

anrechenbar

(Prozent)

15

15

0

15

15

15

15

15

15

15

0 4

0 4

Bei einer 1000-Euro-Dividende

berücksichtigt die hiesige Bank

die 150 Euro, die bereits im Ausland

abgezwackt wurden. Statt

der eigentlich fälligen 264 Euro

(25 Prozent Abgeltungsteuer

plus Soli) zahlen Anleger dann

nur noch 114 Euro Abgeltungssteuer

an den deutschen Fiskus.

„Die Steuerlast ist dann genauso

hoch wie bei deutschen Dividenden“,

sagt Jochen Busch, Partner

bei Baker Tilly Roelfs in München.

In Ländern mit höheren

Quellensteuern sind dagegen

Rückholaktionen nötig – und oft

müssen Anleger selbst aktiv werden,

um eine Doppelbesteuerung

zu verhindern. „Etliche

Banken bieten diesen Service

nicht an“, sagt Ashauer-Moll von

Rödl. Besonders wichtig oder

problematisch sind Rückholaktionen

in folgenden Ländern:

n Spanien Auf den ersten Blick

ist die Iberische Halbinsel ein

Paradies für Kleinanleger. Denn

sie können sich die 21-prozentige

Quellensteuer auf Dividenden

von bis zu 1500 Euro pro

Jahr in voller Höhe erstatten lassen.

Das Problem: Wegen der

großzügigen Erstattungsregeln

ist es deutschen Banken untersagt,

spanische Quellensteuern

automatisch auf die Abgeltungsteuer

anzurechnen. Sonst besteht

die Gefahr, dass die spanische

Steuer die Abgeltungsteuer

mindert, obwohl sich

Anleger das Geld auf der Iberischen

Halbinsel erstatten lassen.

Das Anrechnungsverbot ist

der Grund dafür, warum von

Dividenden aus Spanien nur

etwas mehr als die Hälfte übrig

bleibt. Umso wichtiger ist es,

sich das Geld auch tatsächlich

in Spanien erstatten zu lassen

(siehe Kasten unten rechts).

n Norwegen Auch die norwegischen

Gesetze sehen großzügige

Steuererstattungen vor, weshalb

die dortige 25-prozentige

Quellensteuer ebenfalls nicht

mal zum Teil von der deutschen

Abgeltungsteuer abgezogen

wird. Damit kommt bei deutschen

Aktionären weniger als

die Hälfte der Dividende von

FOTOS: HARALD PETTERSEN, BLOOMBERG NEWS/BRENT LEWIN

94 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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norwegischen Unternehmen

an. Wer also etwa die Aktie des

norwegischen Öl- und Gasförderers

Statoil hält, bekommt zunächst

nicht eine Dividendenrendite

von aktuell rund 5,0,

sondern von nur knapp 2,5 Prozent.

Dass Norwegen trotzdem

weniger Unmut unter Investoren

auslöst als Spanien, liegt am

vergleichsweise unkomplizierten

Erstattungsverfahren: Ein

formloser Brief an die zuständige

Behörde genügt: The Central

Office – Foreign Tax Affairs

(Sentralskattekontoret for Utenlandssaker),

PO Box 8031, N

4068 Stavanger. Anleger dürfen

auch auf Deutsch schreiben. Allerdings

müssen sie neben einer

Kopie der Dividendenabrechnung

auch eine „Ansässigkeitsbescheinigung“

beifügen, die

deutsche Finanzämter erteilen.

n Frankreich Bei Dividenden

französischer Konzerne ziehen

deutsche Banken zwar die maximal

möglichen 15 Prozent von

der Abgeltungsteuer ab. Doch

den Rest der 21-prozentigen

französischen Quellensteuer

zurückzuholen ist für Privatanleger

nahezu unmöglich.

Denn die Franzosen fordern

in Erstattungsanträgen eine

Bestätigung der Bank, die für

Gläserner Vorhang Frankreich mauert bei Erstattung

den Einbehalt der französischen

Quellensteuer zuständig

war. „Unserer Erfahrung nach

bekommen Privatanleger

diese Bestätigung nicht, weil

sie kein Kunde dieser Bank

sind“, so Ashauer-Moll. Wenn

die Depotbank eines Anlegers

die Erstattung beantragt,

funktioniert das dagegen –

untereinander kooperieren

Geldhäuser bereitwilliger. Viele

Banken bieten diesen Service

jedoch nicht an, andere

berechnen relativ hohe Gebühren.

„Das lohnt sich wegen

sechs Prozent Quellensteuer

häufig nicht“, sagt Ashauer-

Moll. Immerhin: Anleger

können französischen Unternehmen

vor der Dividendenausschüttung

eine „Wohnsitzbescheinigung“

vorlegen.

Dann werden nur die – hierzulande

verrechenbaren – 15

Prozent abgezogen. Das dafür

nötige „Formular 5000“ und

Hinweise zum Erstattungsverfahren

gibt’s auf der Web-Seite

www.steuerliches-info-center.

de in der Rubrik „Ausländische

Formulare“/„Quellensteuern“.

Dort finden Anleger auch für

zahlreiche andere Länder For-

mulare und Erläuterungen zum

Erstattungsverfahren.

Wer sich damit beschäftigt,

stellt schnell fest:Es ist in der

Regel kein Hexenwerk, sich

sein Geld zurückzuholen. Dies

ist vier Jahre lang rückwirkend

möglich; die Frist beginnt am

Tag der Ausschüttung.

Allerdings müssen Anleger

bisweilen Geduld haben. Italien

(Quellensteuer: 20 Prozent)

etwa braucht oft mehrere

Jahre für die Steuererstattung.

SCHNELLE SCHWEIZER

Deutlich schneller sind die

Schweizer, die mit 35 Prozent

besonders kräftig hinlangen.

„Sie erstatten die Quellensteuer

aber in der Regel binnen weniger

Monate“, sagt Busch von Baker

Tilly Roelfs. Damit sind die

Eidgenossen im Vergleich zu

vielen EU-Staaten vorbildlich.

Nach Ansicht von Rödl-Expertin

Ashauer-Moll müsste es aber

gerade innerhalb der EU einfacher

und schneller gehen. „Die

jetzige Rechtslage führt zu erheblichen

Verzögerungen und

schreckt viele ausländische Anleger

ab, Erstattungen zu beantragen“,

sagt sie. Das sei EUrechtlich

fragwürdig.

daniel schönwitz | geld@wiwo.de

SPANISCHE STEUER

Immer noch mit Tücken

Deutsche Anleger müssen Urlaube an der Costa Brava

nicht mehr mit Behördengängen verbinden. Wie

Quellensteuer-Erstattungen jetzt zu schaffen sind.

Deutsche Aktionäre spanischer

Unternehmen brauchten

bis vor Kurzem ein Konto

auf der Iberischen Halbinsel,

wenn sie sich Quellensteuern

erstatten lassen wollten. Um

dieses zu eröffnen, mussten

sie bei der zuständigen Behörde

erst mal eine Steuernummer

beantragen. Doch 2012

hat Spanien die Regeln geändert:

Die Erstattung von Quellensteuern

auf Dividenden seit

dem Jahr 2011 ist deshalb

leichter; ein Konto vor Ort ist

nicht mehr nötig. Anleger können

inzwischen Steuernummer

und Erstattung gleichzeitig im

Internet beantragen.

27 SEITEN ANLEITUNG

Dazu müssen sie auf der Seite

der Behörde „Agencia Tributaria“

das Formular „Modelo 210“

(www2.agenciatributaria.gob.es/

es13/h/ie02100b.html?idi=en),

das es auch auf Englisch gibt,

aufrufen und ausfüllen. Wie das

geht, erklärt die spanische Botschaft

in Berlin auf nicht weniger

als 27 Seiten (www.exteriores.

gob.es/Embajadas/BERLIN/es/

Embajada/Documents/Dividenden.pdf).

Besonders kompliziert bleibt

es für Aktionäre, die mehr als

1500 Euro Dividende im Jahr

kassieren. Sie können entweder

die klassische Erstattung beantragen

(Feld 19 des Formulars

ankreuzen), bekommen dann

aber nur 21 Prozent bis zur

Grenze von 1500 Euro erstattet,

also maximal 315 Euro. Der Rest

ist verloren. Oder sie beantragen

die Erstattung gemäß deutschspanischem

Steuerabkommen

(Feld 20). Dann bekommen sie

nur sechs Prozent auf alle Ausschüttungen,

egal, in welcher

Höhe, und müssen sich die

restlichen 15 Prozent beim

deutschen Finanzamt holen.

DOPPELFELDER

Viele hatten zuletzt beide Felder

angekreuzt, um von 1500

Euro 21 Prozent zu bekommen

und darüber hinaus sechs Prozent.

„Das hat auch in einigen

Fällen funktioniert, entspricht

aber offenbar nicht den Vorschriften“,

sagt Ellen Ashauer-

Moll von Rödl & Partner. Die

spanischen Behörden hätten

wohl immer noch „internen

Klärungsbedarf“, was den genauen

Ablauf betrifft.

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 95

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Auch der nächste

Anlauf eines neuen Neuen Marktes

dürfte scheitern. Na und?

Von Christof Schürmann

Zeigt eure Füße

Sehr flexibel

Fed-Mitglied Bullard

rudert zurück

Der Berg wird kreißen,

so viel ist klar, am

18. Dezember, in der

Scharnhorststraße

34-37 in Berlin. Dann lädt Bundeswirtschaftsminister

Sigmar

Gabriel den Chef der Deutschen

Börse Reto Francioni in sein

Ministerium ein. Im Schlepptau

mit Vertretern großer Geldhäuser

wie der Deutschen Bank

und Lobbyisten von Firmengründern

soll dann festgezurrt

werden, wie und wann es denn

werden könnte mit einem neuen

Börsensegment für junge Unternehmen.

SPD-Schwergewicht Gabriel

tritt dabei in kleine Fußstapfen.

Schon sein Amtsvorgänger Philipp

Rösler (FDP) wollte einen

neuen Neuen Markt, eine Spezialabteilung

an der Börse also, in

der sich Start-ups Kapital besorgen

können. Herausgekommen

war dabei nichts.

Davon wenig irritiert, kündigte

Gabriel vergangenen Dienstag

auf dem 8. IT-Gipfel in Hamburg

an, „wir wollen gemeinsam mit

der Deutschen Börse eine ,Börse

2.0‘ initiieren“. Bei so viel politischem

Rückwind wagten sich

gleich auch Lobbyisten aus der

Deckung. Florian Nöll, seines

Zeichens Chef des Bundesverbands

deutscher Start-up-Firmen,

preschte nur einen Tag

später schon mal vor und forderte

forsch den Start der neuen

Börse „im ersten Quartal 2015“.

Das, so berichten Kenner der

Materie, wäre für die Deutsche

Börse kein Problem, zumindest

technisch.

Die Hürden sind ganz andere.

Schon seit diesem Frühjahr laufen

heimlich, still und leise Präsentationen

von Start-ups vor

Analysten und potenziellen

Geldgebern, um sich kalt warmzulaufen

für einen Börsengang

(IPO). Diese Als-ob-IPO-Veranstaltungen

hätten „Licht und

Schatten“ zutage gefördert,

heißt es. Nein, IFRS ist kein neues

Betriebssystem, sondern sie

sind ein Bilanzstandard.

Einige Start-ups hätten

schnell abgewinkt, als sie merkten,

was für ein Aufwand vor

und nach einem IPO betrieben

werden muss. Diese Testläufe

konnten auch die Frage nicht

beantworten, ob es hierzulande

überhaupt genügend gutes

Start-up-Material gibt, um ein

neues Börsensegment zu füllen.

Schon daran scheitert ein Neuer

Markt 2015.

ÜBERBÜROKRATISIERT

Die Politik macht wichtig, was

nicht wichtig ist. Wichtiger wäre

es, Privatanlegern mal wieder

die Tür zur Börse zu öffnen. Das

geht nur, wenn Bankberater wieder

raten dürfen, ein aktives

Depot zu eröffnen, mal hier eine

Siemens-Aktie zu kaufen, mal

da eine Daimler-Anleihe, ohne

dafür mit einem Bein im Gefängnis

zu stehen. Eingeflogen unter

dem Stichwort Anlegerschutz,

erstickt der Normalbanker inzwischen

in Bürokratie, und die

Kunden sind verschreckt vor

lauter Warnhinweisen, die sie

abzeichnen müssen.

Und für die Start-ups gilt: Der

Weg an die Börse führt nicht

durch eine schummrige Kiez-

Kneipe mit Sofamöbeln. Nein,

dieser Weg könnte ein leichter

sein, er ist hell beleuchtet.

Denn die Deutsche Börse hat

ein Segment mit reduzierten Anforderungen

speziell für junge

Unternehmen. Entry Standard

heißt das. Also, ihr Gründer in

Heidelberg, Hamburg, Berlin:

Zeigt her eure Füße.

TREND DER WOCHE

Ausstieg vom Ausstieg

Die Finanzmärkte entlassen die Notenbanken nur

ungern aus ihrer Rolle als Finanziers.

Früher orientierten sich die Finanzmärkte

an den meist unabhängig

gefällten Entscheidungen

von Notenbanken, heute

zwingen die Finanzmärkte die

Notenbanken zu bestimmten

Entscheidungen. Das geht mitunter

recht schnell.

Anfang Oktober etwa plädierte

James Bullard noch für

eine Anhebung der US-Leitzinsen

bereits im ersten Quartal

2015. Doch nur kurze Zeit später

empfiehlt der Chef der regionalen

Notenbank von St. Louis,

der aktuell im geldpolitischen

Ausschuss der US-Notenbank

Fed nicht stimmberechtigt ist,

seinen Kollegen, die Käufe von

US-Staatsanleihen und Kreditverbriefungen

fortzusetzen. Eigentlich

galt es als sicher, dass

der geldpolitische Ausschuss

der Fed nach seiner Sitzung am

28. und 29. Oktober das Ende

der monatlichen Käufe im Volumen

von zuletzt 15 Milliarden

Dollar verkünden werde.

Während die Fed also möglicherweise

zurückrudert und

den Ausstieg vom Ausstieg vorbereitet,

drücken die Finanzmärkte

bei der Europäischen

Zentralbank (EZB) auf noch

mehr Tempo. Zwar hat die EZB

in der vergangenen Woche gerade

erst damit begonnen,

Pfandbriefe aufzukaufen. Doch

nach Informationen der Nachrichtenagentur

Reuters sollen

die Frankfurter Euro-Wächter

hinter den Kulissen auch einen

Plan für den Aufkauf von Unternehmensanleihen

in der Euro-

Zone vorbereiten (siehe auch

Seite 36).

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 23.10.2014 / 18.00 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9047,31 +5,4 +1,4

MDax 15693,79 +6,5 –0,4

Euro Stoxx 50 3044,30 +5,9 +0,9

S&P 500 1953,47 +4,9 +11,9

Euro in Dollar 1,2669 –0,6 –7,9

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 0,85 +0,07 2 –0,94 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,25 +0,10 2 –0,26 2

Rohöl (Brent) 3 86,15 +2,2 –20,5

Gold 4 1232,75 –0,4 –7,4

Kupfer 5 6718,50 +1,3 –6,7

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 975,20 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, BRIAN SNYDER/REUTERS/CORBIS, DAVID MCLAIN/AURORA/LAIF

96 Nr. 44 27.10.2014 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Null Wirkung

Spezialchemiker Lanxess profitiert von einem

starken Dollar, die Aktionäre spüren das nicht.

HITLISTE

Im Dax gilt der Spezialchemiekonzern

Lanxess als

großer Profiteur eines schwachen

Euro. Nach Aussage

von Vorstandschef Matthias

Zachert bewegt eine Veränderung

des Dollar zum Euro um

einen Cent das operative Ergebnis

vor Zinsen, Steuern

und Abschreibungen um rund

fünf Millionen Euro. Mit Blick

auf den Kursverlauf der Aktie

könnte man allerdings annehmen,

der Dollar stürze seit

Monaten, statt zu steigen.

Seit Mai konnte der Dollar

aber um bis zu zehn Prozent

gegen den Euro zulegen – die

Lanxess-Aktie brach seither um

rund 30 Prozent ein. Der positive

Währungseffekt der Dollar-

Stärke wird überlagert von anderen

negative Faktoren. Dazu

zählt vor allem der preisdämpfende

Effekt aus den weltweiten

Überkapazitäten bei synthetischem

Kautschuk, einem

Hauptprodukt von Lanxess. Damit

erfüllt sich die Prognose,

dass Lanxess-Aktionäre weiter

Geduld brauchen (Wirtschafts-

Woche 36/2014).

Bröckelt weiter

Risiken von Griechen-

Anleihen erhöht

ANLEIHEN

Euro-Bonds vertagt

Die Renditeaufschläge gegenüber Bundesanleihen

haben sich in der Euro-Zone wieder ausgeweitet.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2014 2015 2015

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 9047,31 +5,4 +1,4

Aktie

Stand: 23.10.2014 / 18.00 Uhr

Adidas 58,71 +8,9 –30,9 3,10 3,64 16 12283 2,55

Allianz 123,30 +4,6 0 13,89 13,91 9 56219 4,30

BASF NA 71,03 +6,0 –4,1 5,66 6,15 12 65240 3,80

Bayer NA 106,90 +5,4 +17,2 5,99 6,94 15 88401 1,96

Beiersdorf 63,52 +3,1 –9,0 2,48 2,75 23 16007 1,10

BMW St 83,15 +6,8 +1,4 9,05 9,47 9 53426 3,13

Commerzbank 11,68 +13,5 +24,9 0,54 0,98 12 13292 -

Continental 152,80 +5,0 +12,1 12,81 14,25 11 30561 1,64

Daimler 60,38 +4,1 +3,4 6,16 6,77 9 64572 3,73

Deutsche Bank 25,13 +7,7 –26,5 2,28 3,20 8 25618 2,98

Deutsche Börse 53,32 +5,5 –8,3 3,65 4,01 13 10291 3,94

Deutsche Post 23,92 +6,9 –3,5 1,71 1,84 13 28920 3,34

Deutsche Telekom 10,90 +5,3 –4,8 0,62 0,66 17 48496 4,59

E.ON 13,26 +5,6 –0,5 0,93 0,97 14 26533 4,52

Fresenius Med.C. St 55,65 +8,1 +13,7 3,52 3,94 14 17115 1,38

Fresenius SE&Co 38,66 +6,1 +22,4 2,02 2,34 17 8724 3,23

Heidelberg Cement St 53,21 +7,1 –10,3 3,90 4,92 11 9977 1,13

Henkel Vz 76,03 +4,7 –1,4 4,28 4,69 16 31656 1,60

Infineon 7,58 +7,2 +7,2 0,44 0,52 15 8195 1,58

K+S NA 21,05 +8,3 +10,6 1,63 1,58 13 4029 1,19

Lanxess 40,13 +1,0 –21,5 1,95 2,99 13 3339 1,25

Linde 150,65 +4,2 +3,9 7,76 8,77 17 27968 1,99

Lufthansa 12,35 +8,3 –15,3 1,38 2,26 5 5678 -

Merck 71,28 +7,2 +18,4 4,66 4,96 14 4606 2,67

Münchener Rückv. 150,45 +5,2 +0,4 17,49 17,19 9 26982 4,82

RWE St 27,33 +6,9 +2,8 2,21 2,24 12 16555 3,66

SAP 52,36 +0,8 –7,9 3,41 3,73 14 64324 2,10

Siemens 86,64 +5,1 –6,3 6,42 7,29 12 76330 3,46

ThyssenKrupp 19,01 +7,8 +0,2 0,56 1,21 16 9778 -

Volkswagen Vz. 161,30 +5,4 –8,4 21,46 23,81 7 75677 2,52

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

Zwei Jahre lang haben Investoren

Europas Politiker in ihrem

Glauben bestärkt, dass

die Euro-Krise vorbei oder zumindest

beherrschbar sei. Die

Renditeaufschläge gegenüber

deutschen Staatsanleihen,

das Krisenbarometer für die

Euro-Zone, engten sich immer

weiter ein. Der Weg in die

Haftungsgemeinschaft schien

unumkehrbar und Euro-

Bonds damit de facto eingeführt.

Ganz so weit ist es aber

wohl noch nicht. Das hat der

jüngste Run in Bundesanleihen

gezeigt. Dass es sich dabei

um eine massive Fluchtbewegung

in Qualität handelte, lässt

sich ablesen an den zeitgleich

und nahezu flächendeckend

steigenden Renditeaufschlägen

in der Euro-Zone. Der Aufschlag

zehnjähriger Griechen-

Bonds hatte sich gegenüber

dem Jahrestief zeitweise verdoppelt.

Nahezu alle Banken in

der Peripherie halten umfangreiche

Bestände heimischer

Staatspapiere. So gesehen waren

die Turbulenzen der Stresstest

vor dem Stresstest.

Renditeaufschläge von zehnjährigen Staatsanleihen aus der

Euro-Zone gegenüber zehnjährigen deutschen Bundesanleihen

Schuldner

Griechenland

Portugal

Slowenien

Italien

Spanien

Irland

Slowakei

Frankreich

Belgien

Österreich

Holland

Finnland

EFSF*

Renditeaufschlag in Basispunkten

(ein Basispunkt = 0,01 Prozentpunkte)

Jahrestief 2014

+407,2

+190,2

+148,3

+132,2

+110,7

+64,9

+37,9

+31,5

+25,4

+17,2

+12,6

+9,8

+5,8

aktuell

+610,1

+238,0

+187,1

+162,4

+132,5

+93,6

+44,7

+42,3

+35,2

+22,7

+16,9

+15,6

+13,0

Veränderung gegenüber

Jahrestief

in Prozent

* Europäische Finanzstabilisierungsfazilität; Quelle: Bloomberg; Stand: 22. Oktober 2014

+50

+25

+26

+23

+20

+44

+18

+34

+39

+32

+34

+59

+124

WirtschaftsWoche 27.10.2014 Nr. 44 97

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