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29. September 2011 36-seitige Beilage zum stern Nr. 40

1. bis 7. Oktober

Mit harter Hand

Eindringlich und erschreckend:

In „Das weiße Band“ überzeugt BURGHART

KLAUSSNER als strenger Pfarrer


Jede

Generation

läuft ihren

eigenen

Irrtümern auf

Burghart

Klaußner als

„der Pfarrer“

in „Das

weiße Band“


Der Herr im Hause

Der beängstigend überzeugende BURGHART KLAUSSNER ist einer der

Gründe, warum Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ so großartig ist

Ich weiß nicht, was trauriger

ist: euer Fortbleiben

oder euer Wiederkommen.“

Jeder Satz des Pastors

wird die zarte Psyche

seiner sechs Kinder, die sich

zum Abendessen verspätet

haben, weiter beschädigen.

Am nächsten Tag wird es

auch noch Stockhiebe geben

– natürlich erst, nachdem sie

sich mit dieser Strafe einverstanden

erklärt haben.

Michael Hanekes Meisterwerk

„Das weiße Band“ ist

ein Ensemblefilm, der bis in

die kleinste Nebenrolle hervorragend

besetzt ist. Trotzdem

wird den meisten Zuschauern

am nachhaltigsten

Burghart Klaußner

in Erinnerung bleiben.

Sein selbstgerechter,

namenloser Pfarrer

löst starke Gefühle

aus: Furcht – und

glühenden Hass.

Dabei, sagt Klaußner, handelt

der Geistliche aus Liebe,

seine auf Abhärtung und

Disziplin abzielenden Erziehungsmethoden

waren üblich.

Damals, 1914. In dieser Zeit

spielt Hanekes schwarz-weißes

Sittengemälde eines norddeutschen

Dorfes.

„Liebe ist auch Sorge,

Planung, Schutzüberlegung“,

führt Klaußner fort. „Es gibt

natürlich verschiedene Theorien,

in welchem Maß ein

Kind Empathie, aber auch

Ablehnung erfahren muss,

um sich zu emanzipieren und

eine eigenständige Persönlichkeit

zu werden.“

Die Erziehungsmethoden

aus dem „Weißen Band“ kennt

der 1949 in Berlin geborene

Schauspieler auch aus eigener

Erfahrung. „Erpressung,

Kinder unter Druck setzen,

indem man ihnen ein schlechtes

Gewissen macht, und

auch die Latenz von Gewalt

– das kenne ich, und das gibt

es bis heute.“

Wenn Klaußner in wohlüberlegten

Sät zen von

Impetus, Sublimierung und

Geschichte als Abfolge notwendiger

Ereignisse spricht,

offenbart er Bildung und Reflexionsvermögen.

Wenn er

den schnodderigen Kellner

mit sonorer Theaterstimme

zurechtweist, versteht man

noch mal neu, warum sein

Pastor den Zuschauer dermaßen

ins Mark trifft.

Für die Rolle wurde er

2010 mit dem Deutschen

Filmpreis ausgezeichnet. Nicht

zum ersten Mal. Derart gewürdigt

wurde auch seine

Darstellung in „Die fetten Jahre

sind vorbei“ (2005). Darin

spielte er einen von jungen

Aktivisten entführten Unternehmer,

der sich erst als

quasi gleichgesinnter 68er

entpuppt – und dann doch

als feiger Reicher. Klaußner,

der 1969 sein Schauspielstudium

aufnahm, hat diese Aufbruchszeit

selbst erlebt. Er

schlägt den Bogen zum „Weißen

Band“.

„Meine Generation dachte,

die größtmögliche Freiheit für

das Kind sei das Beste. Aber

oft blieben Kinder dann ohne

jede Anregung. Weil eine Anregung

schon als Maßregelung

verstanden wurde. So läuft jede

Generation ihren eigenen

Irrtümern auf.“

Den Schauspieler Burghart

Klaußner erlebte

lange Jahre vor allem

das Theaterpublikum. In Hamburg,

Frankfurt, München, Zürich.

Nach und nach kamen

kleine Fernsehrollen dazu. Ende

der 90er wurde sein Name

auch den Kinogängern ein Begriff.

Wegen Hans-Christian-

Schmid-Filmen wie „23 –

Nichts ist so, wie es scheint“,

„Crazy“ oder „Requiem“, aber

auch wegen „Good Bye Lenin!“

oder „Yella“.

Ein Vollblutschauspieler

mit einer beachtlichen Karriere.

Warum schreibt er sich

auf die Homepage: „Eigentlich

möchte ich alles andere

lassen und nur noch Musik

machen“?

Klaußner lacht. „Wenn man

eine gute Band hat, dann ist

man wie in einem Kraftfeld.

Man wird getragen, rast wie

ein Elektron um die Töne

rum. Ich habe mein Leben

lang musiziert. Trotzdem wollte

ich nie Musiker werden,

aber immer Schauspieler.“

In seinen eigenen Projekten

verbindet er beide Welten.

Die Musikrevue „Zum Klaußner“

bietet „gute Unterhaltung“

mit Material von Künstlern

wie Karl Valentin, Cole

Porter oder Johnny Cash. Das

von Klaußner erdachte und

inszenierte Theaterstück „Marigold“

bindet Lieder der Beatles

in eine Spielhandlung ein,

die in Russland angesetzt ist.

Es ist dunkel geworden auf

der Restaurantterrasse. Die

Schatten geben Klaußners

Zügen ein bisschen was von

der markanten Schwarz-Weiß-

Optik des „Weißen Bandes“.

Dieses wirkungsvolle und für

diesen Film auch besonders

sinnige Stilmittel sollte ihm

eigentlich vorenthalten werden

– wäre es nach dem

Willen der Sendeanstalten

gegangen. Die wollten unbedingt

in Farbe ausstrahlen,

um ihr Publikum nicht zu

sehr zu fordern.

Ein anspruchsvoller Film,

der anders aussieht als gewohnt

– warum, lieber Burghart

Klaußner, lohnt sich die

Anstrengung? Er räuspert

sich. „Filme, die sich ernsthaft,

also nicht in einem

unterhaltenden Sinne mit

einem Thema beschäftigen,

können einen berühren. Das

kann auch mal verstören.

Aber wenn sie seriös gemacht

sind, tun sie nur eines:

Sie werfen uns auf uns

selbst zurück.“ Was soll man

sagen? Der Mann hat einfach

recht. 2

Frank Aures

Mo 3.10. ARD 20.15 Uhr

Das weiße Band

TITELFOTO/FOTO: ANDREAS RENTZ/ GETTY IMAGES

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