Budweis - Ars scribendi - eAMOS
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Hans-Joachim Behr<br />
<strong>Ars</strong> <strong>scribendi</strong>.<br />
Schreiben und Be-<br />
Schreiben im Mittelalter.<br />
Von der<br />
Handschrift zum<br />
Buchdruck<br />
Vortrag<br />
České Budějovice<br />
30. März 2011
2<br />
ENTSCHULDIGUNG ...<br />
eigentlich passt der folgende Vortrag nicht so recht ins<br />
Konzept eines Gastvortrages,<br />
☹<br />
Mein Gott, ich hab’s geahnt. Wie immer brät<br />
er sich seine Extrawurst.<br />
weil<br />
- er kürzer sein soll als sonst,<br />
- sich alle Zuhörer aktiv beteiligen sollen,<br />
- der Titel nur die Richtung angibt, aber lediglich einen<br />
Teil dessen benennt, was tatsächlich behandelt wird,<br />
- dementsprechend auch nicht von Literatur die Rede<br />
ist, sondern von deren Produktion.
3<br />
Zur Geschichte des Buchwesens<br />
Gar nichts ist immer das Beste, was einer schreiben<br />
kann.<br />
Bertolt Brecht<br />
Trotzdem sind viele Bücher geschrieben worden, unendlich<br />
viele zu viel und ganz wenige zu wenig!<br />
Das ‚Buch’ im weitesten Sinn:<br />
- Eine (mehr oder weniger große) Ansammlung von<br />
beschreibbaren und beschriebenen Materialien, in die<br />
man irgendwelche Zeichen einritzen, einschnitzen oder<br />
auf sie mit Pflanzen- bzw. Erdfarbe auftragen kann, und<br />
die<br />
- innerhalb eines wie auch immer gearteten Einbandes<br />
als zusammengehörige Einheit kenntlich gemacht sind,<br />
und das nicht erst als zufällige Überlieferungssymbiose<br />
nachträglich bei ihrer Archivierung.<br />
Oder in der Formulierung des ‚Reallexikons’:<br />
„Umfangreicheres, gebundenes, (meist) gedrucktes<br />
Schriftwerk [...], der Form nach bestimmt durch die<br />
Verbindung mehrerer Blätter oder Bogen mittels Heftung/Bindung,<br />
die von einem Einband umschlossen<br />
sind; seiner Funktion nach ist es Informationsspeicher,<br />
in dem mittels graphischer Zeichen [...] Wissen, Kennt-
4<br />
nisse und Vorstellungen aus allen Bereichen menschlichen<br />
Seins [...] verbreitet werden.“<br />
Stephan Füssel: ‚Buch’. In: RL, Bd. 1, Berlin – New York 3 1997, S. 259.<br />
Keine Bücher sind somit:<br />
- sumerische, babylonische und kretische Tontafeln,<br />
auch wenn sie in größerer Anzahl nach Oberbegriffen<br />
geordnet, aber trotzdem unterschiedlichen Themenbereichen<br />
angehörend gemeinsam in Amphoren aufbewahrt<br />
wurden,<br />
- in Wände gekratzte und mit Erdfarben ausgemalte<br />
Höhlenzeichnungen, auch wenn sie sich als ein in Stein<br />
gearbeitetes Leporello lesen lassen,<br />
- Grabinschriften auf Stein oder Holz, auch wenn sie<br />
qua gemeinsamem Thema immer mehr oder weniger<br />
gleich ausfallen,<br />
- kurze, rituell festgelegte Weihenotizen auf Kultgegenständen<br />
aus Stein, Holz, Knochen oder Metall, auch<br />
wenn sie im Stil vorgegebenen Regeln entsprechen und<br />
wegen ihrer gemeinsamen Strukturmerkmale (Götteranrufung)<br />
als Gruppen erscheinen,<br />
- antike und mittelalterliche Wachstafeln {Holztafeln<br />
mit einem erhöhten Rand, deren Mittelteil mit (meist<br />
schwarzem) Wachs ausgegossen ist, so dass die Fläche<br />
mit dem Stilus (Holz- oder Metallgriffel) beschriftet und<br />
mit dessen stumpfen Ende wieder glattgestrichen werden<br />
kann}, auch wenn sich zwei oder drei solcher Tafeln<br />
zu einem Diptychon oder Triptychon zusammenfügen<br />
lassen,<br />
- die altbewährte Schiefertafel, mit der Generationen<br />
von Schülern in der ganzen Welt Lesen und Schreiben<br />
gelernt haben, und das unter dem unvergesslichen Ge-
5<br />
räusch kratzender Griffel, auch wenn sich hier ebenfalls<br />
mehrere Tafeln hintereinander reihen lassen,<br />
- das Internet, auch wenn sein Informationscharakter<br />
dem von Büchern entspricht und es auch für diesen<br />
Vortrag vor allem Bilder beigesteuert hat.<br />
Doch im Gegensatz zum Buch ist seine Datenfülle<br />
unbegrenzt erweiterbar. Das gilt auch für die SMS-<br />
Kommunikation.
6<br />
Die ersten „Bücher“<br />
Bücher „auf pflanzlicher Basis“<br />
1) Indisch-singhalesische<br />
Palmblattbücher aus den<br />
jungen gedörrten Blättern<br />
der Talipotpalme, die sich<br />
auf dem indischen Subkontinent<br />
bis in das 7. Jahrhundert<br />
v. Chr. zurückverfolgen<br />
lassen.<br />
Die ältesten erhaltenen Palmblattbücher stammen allerdings<br />
erst aus dem 6. nachchristlichen Jahrhundert, da<br />
das Material als Naturprodukt vergänglich ist und sich<br />
selbst bei modernster Technologie nur unter optimalen<br />
Bedingungen (Luftfeuchtigkeit, Licht, Temperatur) konservieren<br />
lässt.<br />
Herstellung: Noch in den Plantagen werden vom abgeernteten<br />
Blatt die oberen und unteren Teile abgeschnitten<br />
und der verbliebene Mittelteil in Paketen zu ca. 1000<br />
Blättern getrocknet und verkauft. Anschließend werden<br />
die noch vorhandenen Blattstängel entfernt, die Blätter<br />
in Wasser eingeweicht, wieder getrocknet und nach ihrer<br />
Größe sortiert.<br />
Etwa gleich große Blätter werden aufeinandergelegt, gelocht<br />
und je 24 Blätter auf einem Stock aufgereiht, sodann<br />
gleichmäßig zugeschnitten, in Bündel zu 480 Blatt
7<br />
zu einem Päckchen verschnürt, geglättet und im Ofen<br />
24 Stunden lang bei mäßiger Temperatur erhitzt.<br />
Das fertige Palmblattbuch besteht danach aus 480 Blättern,<br />
die durch Lederriemen locker miteinander verknotet<br />
sind, so dass man sie ringbuchähnlich umblättern<br />
kann. Im Durchschnitt hat ein Palmblatt die Größe einer<br />
Männerhand (lat. palma: die flache Hand). Im Querformat<br />
passen etwa 5 Zeilen auf eine Seite.<br />
Die Schrift besteht<br />
- in Nord- und Westindien aus einer aus Holzkohle hergestellten<br />
Tinte, die mit einem schmalen Pinsel aufgetragen<br />
wird,<br />
- in Sri Lanka, Süd- und Hinterindien aus mit Metallgriffeln<br />
eingeritzten Schriftzeichen, die mit Ruß oder<br />
Kohlenstaub eingefärbt werden.<br />
Zusätzlich lassen sich Palmblätter mit Goldgrund überziehen<br />
und mehrfarbig beschreiben und bemalen. Zur<br />
Konservierung werden sie mit rotbraunem Lack fixiert.<br />
Buddha vom grenzenlosen Alter: Buddha und seine<br />
Anhänger treffen auf einen Sünder in Tigergestalt.<br />
Miniatur auf einem Maulbeerfeigenbaumblatt.<br />
Wien, Österreichische Nationalbibliothek, cod. Sin.<br />
52*. China, 18. Jahrhundert.<br />
Schrifttafel 1: Devanagari<br />
Schrifttafel 2: Sindh- und Multanschrift<br />
Schrifttafel 3: Pali-Birmanisch
8<br />
2) Bücher aus abgeschälter Birkenrinde,<br />
die vor allem in nördlichen Regionen<br />
verbreitet sind. Dabei handelt<br />
es um die in Skandinavien, Russland,<br />
Kanada und den nördlichen Bundesstaaten<br />
der USA verbreitete Schwarzoder<br />
Haarbirke.<br />
Ihre Rinde besteht aus zwei Schichten:<br />
dem äußeren Bast, der abgeschält werden<br />
muss, und der darunterliegenden wasserführenden<br />
Schicht, von der jeweils nur Teile entfernt werden dürfen.<br />
Herstellung: Das älteste erhaltene Birkenrindenbuch datiert<br />
aus dem 12. Jahrhundert und besteht aus 12 Blättern;<br />
es wurde in Sibirien entdeckt und liegt heute im<br />
Museum in Nowgorod.<br />
Zum Ernten der Rinde wird diese mit einem vertikalen<br />
Schnitt von ca. 60 cm. Länge angeschnitten, anschließend<br />
am oberen und unteren Ende des Einschnittes um<br />
den Baum herum durch zwei horizontale Schnitte vom<br />
Stamm abgelöst und als Rolle mit dem Bast nach außen<br />
bis zur weiteren Verwendung in dunklen, trockenen und<br />
gut gelüfteten Räumen gelagert.<br />
Zur weiteren Bearbeitung wird die Rinde ausgerollt, in<br />
gleich große Stücke geschnitten und gepresst. Eingefügt<br />
in einen festen Einband (Holz-, mehrfach miteinander<br />
verleimte Birkenrindenplatten), wird das Buch dann wie<br />
ein Codex gebunden und mit Tinte beschrieben. Materialbedingt<br />
dürfen Birkenrindenbücher nicht allzu umfangreich<br />
sein, da sie sonst zu schwer werden oder an
9<br />
der Bindung ausreißen. Zur Aufzeichnung längerer Texte<br />
sind sie somit wenig geeignet.
10<br />
3) Papyrus: Für die europäische Kultur<br />
wichtiger als Palmblatt- und Birkenrindenbuch<br />
ist jedoch der aus dem Mittelmeerraum<br />
stammenden Papyrus. Seine<br />
Stängel können 3 m. hoch und bis zu 4<br />
cm. dick werden.<br />
Schon im Ägypten des sog. Alten Reiches<br />
(~ 2925-2134 v.Chr.) wird Papyrus als Beschreibstoff<br />
benutzt, auch wenn trotz des für seine Konservierung<br />
günstigen trockenen Wüstenklimas keine Texte aus<br />
dieser Zeit erhalten sind. Denn er ist anfällig gegen Feuer,<br />
Nässe, Schimmel und Wurmfraß, weshalb nur Textrollen<br />
im trockenen Wüstensand, unter extrem günstigen<br />
Bedingungen in Felsenhöhlen oder unter der Asche<br />
des Vesuvausbruchs (79 n.Chr.) in Herculaneum überlebt<br />
haben, dann allerdings stark verkohlt.<br />
Die ältesten erhaltenen Papyri<br />
stammen aus dem 3.<br />
vorchristlichen Jahrhundert<br />
und befassen sich weitgehend<br />
mit dem Alltagsleben<br />
(Gerichtstexte, Urkunden,<br />
Rechnungen, Bestell- und<br />
Lieferscheine etc.). Die heute bekannte antike Literatur<br />
geht in der Regel auf Pergament-Codices der Spätantike<br />
und des Mittelalters zurück; nur in relativ seltenen<br />
Fällen kann die jüngere Überlieferung anhand von antiken<br />
Papyri kontrolliert und ggf. revidiert werden.<br />
Da Papyrus billiger ist als Pergament, wird es für Gebrauchstexte<br />
auch noch im frühen Mittelalter verwendet.
11<br />
9. Mai 998: Papst Gregor V. urkundet zusammen<br />
mit Kaiser Otto III. zugunsten des Bischofs von Vich<br />
{Vic, Spanien, 70 km. nördlich von Barcelona}<br />
Herstellung: C. Plinius Maior (23/24 – 79 n.Chr.) berichtet<br />
in seiner Naturalis historia (III,70) ausführlich<br />
über die Herstellung von Papyrusblättern: Wenn die<br />
Pflanzen geerntet sind, wird der holzige Außenteil des<br />
Stils entfernt, das Mark im Inneren in Streifen geschnitten,<br />
leicht überlappend als Längsstreifen nebeneinander<br />
gelegt, anschließend in gleicher Weise durch Querstreifen<br />
verdichtet. Das Ganze wiederholt sich, bevor die 4<br />
Schichten unter Druck wegen des in den Pflanzen vorkommenden<br />
stärkehaltigen Klebers fest verbunden sind.<br />
Solche Papyrusplatten müssen dann vor dem Beschreiben<br />
und Bemalen nur noch getrocknet werden.<br />
Als Schreibstoff dient eine Tinte aus Ruß bzw. Ocker<br />
und Gummi Arabicum {getrocknete Akazienrinde, zu<br />
Pulver zerrieben und mit Wasser zu „Gummiwasser“<br />
gelöst}.<br />
Braucht man mehr Beschreibmaterial als nur ein einzelnes<br />
Papyrusblatt, werden an den Schmalseiten mehrere<br />
Blätter zusammengeleimt, so dass eine längere Bahn<br />
entsteht, die nach der Beschriftung über zwei oben und<br />
unten angebrachte Stöcke aufgerollt werden kann (anders<br />
als bei der hebräischen Schriftrolle, die nach links<br />
und rechts aufgerollt wird). Das fertige Produkt heißt<br />
Rotulus und wird an den Seiten mit Pflanzenschnüren<br />
oder Lederriemen zusammengehalten. Auf diese Weise
12<br />
lassen sich auch längere Texte auf einem Rotulus aufzeichnen.<br />
Reicht dieser dennoch nicht aus, können mehrere<br />
Rotuli in einer Art Köcher zusammengefasst und<br />
damit als zusammengehörig gekennzeichnet werden.<br />
Wagenlenker-Papyrus. London, The Egypt Exploration<br />
Society, Fragment (12 x 7,5 cm.). 5. Jahrhundert<br />
n.Chr.
13<br />
Der Codex<br />
Der Beitrag der Fauna zu Religion,<br />
Wissenschaft und Kultur:<br />
Das Pergament<br />
Die antike Buchproduktion stieß<br />
mit dem Christentum an ihre<br />
Grenzen, da die Bibel als die<br />
wichtigste Schrift des neuen<br />
Glaubens zu umfangreich war,<br />
um als Rotulus überliefert zu<br />
werden. Während das Judentum die drei Schriftgruppen<br />
Tora, Haftarot und Megilot separat aufzeichnete, hielt<br />
das Christentum an der Gesamtheit der Heiligen Schrift<br />
fest, wodurch ein anderer Weg der Buchproduktion<br />
notwendig wurde:<br />
Der Codex, bei dem zunächst einzelne Pergamentlagen<br />
an einer der beiden Längsseiten zusammengenäht<br />
(oft mit Zwischenstreifen zur Verstärkung)<br />
und so miteinander verbunden werden.<br />
Die so entstandenen ‚Päckchen’ lassen sich anschließend<br />
erneut zu einem größeren Kompendium bündeln,<br />
wiederum per Hand zusammennähen und in einem Ledereinband<br />
zusammenfügen, der mit Holztafeln verstärkt<br />
ist.
14<br />
Der Unterschied zwischen Papyrus und Pergament: Papyrus<br />
ist ein sprödes Material, das bricht oder, wenn er<br />
wie ein Codex gebunden wird, ausreißt. Daher darf<br />
ein Papyrus-Codex nicht allzu umfangreich sein. Dafür<br />
aber ist er in der Herstellung erheblich billiger als der<br />
Pergament-Codex.<br />
Pergament: Am Anfang war<br />
das Schaf, seltener die Ziege<br />
oder das Kalb. Der Name leitet<br />
sich von der antiken Stadt Pergamon<br />
ab, weil dort nach Auffassung<br />
der Antike die Pergamentherstellung<br />
erfunden worden sein soll. Das muss<br />
im 3. Jahrhundert n.Chr. der Fall gewesen sein, denn<br />
schon 100 Jahre später hat das haltbarere Pergament den<br />
Papyrus weitgehend verdrängt. So hat der Kirchenvater<br />
Cassiodor (490-583) in dem von ihm gegründeten Kloster<br />
Vivarium systematisch Papyrusrollen auf Pergament<br />
abschreiben lassen, um die Schriften vor dem Untergang<br />
zu bewahren.<br />
Herstellung: Über die Herstellung von Pergament informiert<br />
sehr anschaulich eine in Bamberg im Kloster<br />
Michelsberg im 12. Jahrhundert entstandene Miniatur:<br />
Ambrosius, De officiis ministrorum. Fol. 1 r : Die Herstellung<br />
eines Pergament-Codex. Bamberg, Staatsbibliothek<br />
Bamberg, Ms. Patr. 5.<br />
Die einzelnen Arbeitsschritte:
15<br />
1) Beizen der abgezogenen Tierhaut 3 Tage lang in einer<br />
scharfen Kalklauge und anschließend Säubern von<br />
noch vorhandenen Fleisch- und Fellresten,<br />
2) Einspannen der Haut in einen Rahmen zum Trocknen.<br />
Dabei wird sie mit einem Schabeisen geglättet und<br />
dünner gemacht, da dünnes Pergament zum Beschriften<br />
besser geeignet und somit hochwertiger ist. Es kann zudem<br />
mit Bimsstein leicht aufgeraut werden, weil Tinte<br />
oder Farbe dann besser haften bleiben.<br />
3) Schließlich wird das Pergament in einem letzten Arbeitsgang<br />
noch gekalkt, um die Oberfläche aufzuhellen.<br />
Soll es mit Purpur (Purpur-Pergament) oder einer Tinktur<br />
aus Ruß und Gummi Arabicum (schwarzes Pergament)<br />
eingefärbt werden, muss dies ebenfalls in diesem<br />
Stadium geschehen.<br />
„Purpur-Pergament“: Egbert-Psalter. Fol. 18 v : Erzbischof<br />
Egbert überreicht [dem auf der gegenüberliegenden<br />
Seite abgebildeten Petrus] den von ihm in<br />
Auftrag gegebenen Psalter. Cividale, Museo Archeologico<br />
Nazionale, Cod. 136. Reichenau, 977-980.<br />
Jetzt ist das Pergament beschreibbar.<br />
4) Dafür werden die Blätter einheitlich so zugeschnitten,<br />
dass möglichst wenig Verlust anfällt, mit dem Zirkel die<br />
Zeilenabstände markiert und mit Lineal und Griffel die<br />
Schreiblinien eingeritzt. Im beschriebenen Codex fallen<br />
solche Hilfsmittel später kaum auf.<br />
5) Danach können die Blätter beschrieben werden, jedoch<br />
unter Berücksichtigung des Umstandes, dass sie<br />
jetzt noch viel größer sind als das spätere Buch, so dass
16<br />
sie noch in Lagen gefaltet werden müssen – je nach<br />
Größe einmal (Folio-Format), zweimal (Quart-Format)<br />
oder dreimal (Oktavformat). Dabei muss man genau beachten,<br />
was später welche Seite wird. Gefaltet wird stets<br />
die längere Seite zur kürzeren hin. Der letzte Falz liegt<br />
immer links, um beim Binden vernäht werden zu können.<br />
Übersicht über die im Mittelalter häufigsten Formate<br />
Bezeichnung<br />
Höhe des Buchrückens<br />
Groß-Folio<br />
Mehr als 45 cm.<br />
Folio<br />
Ca. 40-45 cm.<br />
Quart<br />
Ca. 30-35 cm.<br />
Oktav<br />
Ca. 18,5-22,5 cm.<br />
Klein-Oktav<br />
Weniger als 18,5 cm.<br />
Nicht zuletzt vom Format sind die Kosten für einen<br />
Codex abhängig. Für eine Prachtbibel mit entsprechender<br />
Bebilderung sind im Folio-Format ca. 250<br />
Blätter notwendig, in Schafen: 125 Tiere.<br />
Wird gar Großfolio-Format gewünscht, entspricht ein<br />
Blatt einem Tier. Allerdings wäre ein solcher Codex<br />
nicht mehr in einem Band zu binden, sondern nur in<br />
zwei Teilbänden: 200-250 Blätter bilden auch buchbinderisch<br />
eine Obergrenze.<br />
Beim Quart-Format verringert sich das Material auf<br />
„nur“ noch 63 Schafe, aber nur, wenn man die Haut von<br />
ausgewachsenen Tieren verwendet, im Oktav-Format<br />
gar auf 32 Schafe. Allerdings wäre auch dieser Codex
17<br />
zu dick, um in einem Band gebunden zu werden, was<br />
die Kosten erneut in die Höhe treibt.<br />
Die Spitzenqualität unter den Handschriften hat jedoch<br />
das Jungfern-Pergament (die Haut von ungeborenen<br />
Lämmern) inne. Es erlaubt nur die Herstellung eines<br />
einzigen Blattes pro Tier + das ebenfalls zu schlachtende<br />
Muttertier, so dass die angenommene Prachtbibel mit<br />
250 Blättern (500 Seiten) eine Herde von 500 Schafen<br />
verbraucht, ungeachtet der damit vergleichsweise geringen<br />
Bindungskosten. Kein Wunder, dass viele Skriptorien<br />
bei einem solchen Auftrag auf Vorkasse bestanden<br />
haben.<br />
Schrift: Was ein mittelalterlicher Schreiber benötigte,<br />
sagt das folgende Epigramm aus dem 12. Jahrhundert:<br />
Omni conveniunt scriptori quattuor: anser,<br />
Taurus, ovis, spina, si notet illud homo.<br />
Anser dat pennam, cornu fit de bove, pellem<br />
Fert ovis, incaustum promere spina solet.<br />
[Übersetzung: Jeder Schreiber braucht vier Dinge:<br />
Gans, Rind, Schaf, Dorn, wenn man es notieren möchte.<br />
Die Gans liefert die (Schreib-)Feder, das Horn [für die<br />
Tinte] kommt vom Rind, das Fell trägt das Schaf, die<br />
Tinte bringt für gewöhnlich der Dorn(busch) hervor.]<br />
Die Federn sind Gänsekiele, die je nach Belastung mehr<br />
oder weniger oft mit dem Federmesser nachgeschnitten<br />
und an der Spitze der Länge nach gespalten werden<br />
müssen. Jede neue Feder muss erst eingeschrieben werden;<br />
die „Federproben“ liefern mitunter Zeugnisse von<br />
Texten, die sonst nie aufgezeichnet worden wären.
18<br />
Als Tinte werden verwendet:<br />
1) Die Rinde von Schlehenzweigen, die im April oder<br />
Mai geerntet wurden, wird in Wasser eingelegt, mehrfach<br />
in Wasser und Wein aufgekocht, eingetrocknet und<br />
zur weiteren Verwendung wieder in Wein aufgelöst.<br />
Diese Tinte ist dunkelbraun, licht- und wasserbeständig.<br />
2) Eisen-Gallus-Tinte: Eisensulfat {FeSO 4 – Eisenvitriol},<br />
Galläpfel {die Eierablagen der Gallwespen auf der<br />
Unterseite von Eichenblättern} und Gummi Arabicum<br />
werden mit Wasser, Wein, Bier oder Essig gemischt, bis<br />
eine nicht zu dünne, schwarze Flüssigkeit entsteht. Die<br />
Tinte ist schwarz und wischfest, jedoch verbleicht sie<br />
leicht und greift den Beschreibstoff an („Tintenfraß“).<br />
3) Rußtinte aus Ruß und Gummi Arabicum. Auch sie ist<br />
schwarz, bleicht nicht aus, ist aber nicht wasserbeständig.<br />
Daneben gibt es auch farbige Tinten:<br />
1) Auszeichnungstinte besteht in der Regel aus Mennige<br />
{Pb 3 O 4 } mit Gummi Arabicum, Wasser oder Wein als<br />
Lösungsmittel. Sie dient dazu, Abschnitte zu markieren<br />
[„rubrizieren“ – rot machen] oder Bilder vorzuzeichnen<br />
[deshalb das Wort „Miniatur“ – abgeleitet von Mennige].<br />
Psalter mit Rubrikationen. Fol. 19 r : Beginn eines<br />
Briefes des Kirchenvaters Hieronymus (~328-420) an<br />
die Römerin Sunnia. Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana,<br />
Cod. Pal. Lat. 39,. Westdeutschland, 11.<br />
Jahrhundert
19<br />
2) Schmucktinten: Im Frühmittelalter wird geschmolzenes<br />
Gold bzw. Silber verwendet und mit einem Metallgriffel<br />
direkt auf Purpur-Pergament aufgetragen. Im<br />
Hoch- und Spätmittelalter geht man aus Kostengründen<br />
dazu über, einen Teil des Metalls durch billigere Stoffe<br />
zu ersetzen, die trotzdem die gleiche Wirkung erzielen.<br />
Lorscher Sakramentar. Fol. 9 r : Gebet. Rom, Biblioteca<br />
Apostolica Vaticana, Cod. Pal. Lat. 499. Lorsch,<br />
11. Jahrhundert.<br />
Im Regelfall erfolgt das Beschreiben eines Codex in<br />
vier Schritten:<br />
1) Der Vorsteher des Skriptoriums legt in Rücksprache<br />
mit dem Auftraggeber fest,<br />
- wie groß der Codex werden soll,<br />
- ob er bebildert ist, und wenn ja, in welchem Ausmaß,<br />
welcher Größe und welcher Qualität,<br />
- wie das Verhältnis von Bild und Schrift gestaltet werden<br />
soll,<br />
- wie groß die Schrift sein soll,<br />
- ob es Sonderwünsche gibt (Art des Pergaments, des<br />
Einbandes),<br />
- und (ganz sicher, obwohl die Quellen darüber in der<br />
Regel schweigen), was das fertige Produkt kosten soll.<br />
2) Ist man sich einig geworden, markiert ein (erfahrener)<br />
Schreiber den Schriftspiegel, wobei er den Raum<br />
für Bilder und Rubrizierungen ausspart. Er schreibt den<br />
gewünschten Text ab, eventuell unter Mithilfe anderer<br />
Schreiber.
20<br />
3) Der Schreiber oder einer seiner Kollegen nimmt die<br />
Rubrizierung von kleineren Textabschnitten vor.<br />
4) Der Illuminator zeichnet die Bilder vor und führt sie<br />
dann in Farbe aus.<br />
Als Farben finden Anwendung:<br />
- Erdfarben wie brauner, roter und gelber Ocker. Zinnober<br />
(tiefrot) wird auch künstlich aus Quecksilbersulfid<br />
hergestellt.<br />
- Farben aus Mineralien wie Auripigment (gelb), Realga<br />
(orange), Malachit (grün), Azurit (blau).<br />
- Metallfarben, nachdem die Metalle künstlich oxidiert<br />
wurden: Bleiweiß (weiß), Grünspan (blaugrün).<br />
- Pflanzenfarben wie Safran (gelb), Petersilie (grün), Indigo<br />
(vom Waid, vor allem als Textilfarbe verwendet:<br />
von hellblau bis schwarzblau).<br />
- Tierfarben: Ochsengalle (hellgelb, kann mit Safran intensiviert<br />
werden), Karmin (dunkelrot, aus den Weibchen<br />
der Kermesschildlaus mit Verwendung von Alaun<br />
hergestellt), Purpur (violett, klare Flüssigkeit, aus den<br />
Drüsen von Purpurschnecken gemolken, die Flüssigkeit<br />
verfärbt sich erst bei Licht.) Das ist eine sehr intensive<br />
Farbe, aber dafür müssen für 1,2 gr. Purpurpulver (kristallisiert)<br />
ca. 10.000 Schnecken gemolken werden. Mit<br />
Purpur lässt sich nur färben (etwa Pergament oder Textilien),<br />
nicht malen.<br />
Alle Farben werden mit Lösungsmitteln wie Baumharz,<br />
Gummi Arabicum, Wasser, Öl, Wein, Bier, Essig, Urin,<br />
Eiweiß {aber nur die Flüssigkeit, die sich unten im Gefäß<br />
abgesetzt hat, sobald Eiweiß zu Eischnee geschlagen
wurde} oder Fischleim {aus der Schwimmblase des<br />
Störs} angerührt.<br />
21<br />
Die genaue Zusammensetzung der Lösungsmittel ist<br />
jeweils in der Praxis erprobt und wird in den Skriptorien<br />
streng geheim gehalten.<br />
Darüber hinaus können Farben auch dadurch hergestellt<br />
werden, dass etwa Edelsteine zerkleinert, zu Steinmehl<br />
zermahlen und anschließend mit einem Bindemittel wie<br />
Eiweiß zu einer dickflüssigen Paste verarbeitet werden.<br />
So wird etwa Lasurblau (mhd. lazur) gewonnen, das<br />
„Marienblau“ (wegen des leuchtendblauen Mantels der<br />
Gottesmutter).<br />
Außerdem können der Bildhintergrund oder Teile davon<br />
mit Blattgold oder Blattsilber hinterlegt werden. Dazu<br />
wird das so dünn wie möglich ausgerollte Gold- oder<br />
Silberblatt mit Eiweiß direkt auf das Pergament aufgeklebt.<br />
Es gibt aber auch die Variante, das Edelmetall zu<br />
pulverisieren und dann mit Gummi Arabicum, oft mit<br />
Ochsengalle vermischt, flüssig aufzutragen.<br />
Sobald der Metallhintergrund getrocknet ist, wird er mit<br />
einem Eberzahn oder einem Achatstein poliert.<br />
Damit ist das Pergament beschrieben und bemalt,<br />
aber mitnichten der Codex fertiggestellt.
22<br />
Schreiber und Maler können jedoch ihrer Phantasie nur<br />
bedingt die Zügel schießen lassen. Denn es sind zu beachten:<br />
1) Die unterschiedlichen Schriften und Schreibmoden:<br />
Capitalis (Großbuchstaben in Druckschrift), Unziale<br />
(gerundete Großbuchstaben), Minuskel (Kleinbuchstaben),<br />
Halbunziale (gerundete Großbuchstaben, aber ‚h’<br />
und ‚b’ werden als Kleinbuchstaben verwendet), insulare<br />
Schreibschrift, Textura (Großbuchstaben, gebrochen).<br />
2) Durch Tradition festgelegte Attribute, etwa der blaue<br />
Mantel Marias, der Kreuznimbus in der Christusdarstellung,<br />
Heiligengloriolen mit den entsprechenden Märtyrerattributen<br />
(Barbara mit dem Turm, Laurentius mit<br />
dem Rost), der Teufel mit Hörnern etc.<br />
3) Illustrationen aufgrund des beigegebenen Textes.<br />
Hier muss sich der Illuminator je mehr nach dem Text<br />
richten, desto sakrosankter dieser ist: Eine allzu flapsige<br />
Wiedergabe der Passion Christi kommt sicher nicht gut<br />
an, mag sie auch noch so witzig sein. Aber in Bordüren,<br />
Ranken und Initialen kann der Maler sich austoben.<br />
Wenzelsbibel. Fol. 2 v : I-Initiale zum Buch Genesis.<br />
Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod.<br />
2759-2764. Prag, Ende des 14. Jahrhunderts.<br />
Vor allem aber ist darauf zu achten, dass der besondere<br />
Stil des Skriptoriums nicht verlorengeht. Denn ein jedes<br />
hat seine eigenen Merkmale, gewissermaßen seine Kennung.<br />
Daran kann es identifiziert werden und macht seinen<br />
Wert aus, weil die einzelnen Klöster untereinander<br />
in Konkurrenz um Schreib- und Malaufträge stehen, da
23<br />
sie einen wesentlichen Teil der Einkünfte eines Klosters<br />
betragen.<br />
Hrabanus Maurus, De laudibus sanctae crucis. Fol.<br />
1 v : Hrabanus Maurus und Abt Albinus überreichen<br />
Erzbischof Otgar von Mainz einen Codex. Wien, Österreichische<br />
Nationalbibliothek, Cod. 652. Fulda,<br />
um 830/840.<br />
Evangeliar Ottos III. Fol. 139 v : Der Evangelist Lukas<br />
(Eingangsminiatur zum Lukas-Evangelium).<br />
München, Bayerische Staatsbibliothek, clm 4453.<br />
Reichenau, zwischen 998 und 1001.<br />
Hillinus-Codex. Fol. 16 v : Widmungsbild. Der Co-dex<br />
wurde von dem Seeoner Mönch Konrad geschrieben<br />
und dem Reichenauer Mönch Burchard illustriert.<br />
Köln, Dombibliothek 12. Seeon, 1010-1030.<br />
Bei so viel Aufwand beklagt sich ein Schreiber des 8.<br />
Jahrhunderts in leoninischen Hexametern zu Recht:<br />
O beatissime lector, lava manus tuas et sic librum<br />
adprehende, leniter folia turna, longe a littera<br />
digito pone. Quia qui nescit scribere, putat hoc<br />
esse nullum laborem. O quam gravis est scriptura:<br />
oculos gravat, renes frangit, simul et omnia<br />
membra contristat. Tria digita scribunt, totus<br />
corpus laborat...<br />
[Übersetzung: Oh, überglücklicher Leser! Wasche deine<br />
Hände und fasse das Buch an, und zwar so: Blättere die<br />
Seiten sanft um, halte mit dem Finger weit Abstand von
24<br />
der Schrift. Denn derjenige, der nicht schreiben kann,<br />
meint, dass dies keine Arbeit sei. Oh, wie schwer ist das<br />
Schreiben: Es belastet die Augen, quetscht die Nieren<br />
und beeinträchtigt gleichermaßen alle Glieder. Drei<br />
Finger schreiben, (aber) der ganze Körper leidet...].<br />
Folglich kann ein einziger Codex die Seele eines<br />
Schreibers vor dem Höllenfeuer bewahren.<br />
Isidor von Sevilla, Etymologiae. Fol 1 r : Christus als<br />
Seelenrichter bewahrt den verstorbenen Schreiber<br />
Swicher wegen seiner Schreibleistung vor der Hölle.<br />
Der Teufel muss unverrichteter Dinge wieder abziehen.<br />
Wie wird aus losen Pergamentblättern ein Codex?<br />
1) Zunächst werden die Blätter zu Lagen zusammengelegt<br />
(Folio-, Quart- oder Oktavformat) und an den vorgesehenen<br />
Falzstellen mit einem Falzeisen gefaltet, so<br />
dass die geschlossene Seite der Lage nach links zeigt.<br />
Die einzelnen Lagen werden<br />
jeweils mit Hanfgarn<br />
miteinander vernäht, zunächst<br />
mit der Hand, ab<br />
dem 12. Jahrhundert unter<br />
Verwendung der Buchbinderlade,<br />
einem Holzgestell,<br />
in das Leder- oder Pergamentstreifen<br />
eingefädelt sind, die mit den Heftfäden der<br />
einzelnen Lagen verknüpft werden. Damit wird verhin-
25<br />
dert, dass der Buchblock beim Binden verrutscht. Auf<br />
diese Weise werden die Pergamentlagen mit Schlingstich<br />
(Acht- oder Brezelform) zunächst vertikal miteinander<br />
verbunden und dann horizontal mit den Streifen<br />
aus der Buchbinderlage stabilisiert. Dadurch entstehen<br />
die Bünde (weshalb man ja vom „Buchbinden“ spricht),<br />
in der Regel pro Einband sechs, die sich noch durch den<br />
Einband hindurch abzeichnen. Zusätzlich werden die<br />
oberste und die unterste Lage zusätzlich miteinander<br />
verbunden. Da der Buchblock bis ins15. Jahrhundert<br />
nicht glattgeschnitten wurde (abgesehen vom Aufschneiden<br />
der Lagen im Quart- und Oktavformat) gibt<br />
es auch keine Schnittfärbung (Goldschnitt etc.).<br />
2) Die freien Enden der Bünde werden anschließend<br />
mehrfach durch vorgebohrte Löcher in den Holzplatten<br />
der Einbände geführt und verknotet. Damit ist der Codex<br />
fertig gebunden.<br />
3) Die Holzplatten des Einbandes und der Buchrücken<br />
werden nun mit Leder überzogen.<br />
4) Der Einband des Codex kann nun weiter bearbeitet<br />
werden, z.B. durch Verkleiden mit Elfenbeinplatten<br />
und/oder Goldblech, in das oftmals Halterungen für Perlen,<br />
Edelsteine, Kameen oder Reliquien eingelassen<br />
sind.<br />
5) An den Buchdeckeln werden – je nach Größe des<br />
Codex auch mehrere – Schließen angebracht, durch die<br />
das Buch im geschlossenen Zustand zusammengehalten<br />
wird. Das ist nötig, um die Bindung zu entlasten und<br />
gleichzeitig zu verhindern, dass das Buch bei zu feuchter<br />
Lagerung aufquillt.
26<br />
6) Zuletzt bekommt der Einband 5 Buckel (Nägel), vorne<br />
und hinten jeweils an den Ecken und in der Mitte, um<br />
liegend aufbewahrt werden zu können.<br />
☺<br />
Damit ist der Codex endlich<br />
fertig.<br />
Die Frage nach dem Zeitaufwand ist kaum zu beantworten,<br />
da Format, Schriftgröße und Ausstattung sehr stark<br />
divergieren.<br />
Neuzeitliche Untersuchungen haben gezeigt, dass ein<br />
heutiger Schreiber bei entsprechender Übung etwa 200<br />
Wörter in der Stunde schafft, danach aber eine Erholungspause<br />
benötigt.<br />
Nimmt man einen Codex im Folioformat mit zwei Spalten<br />
zu je 38 Halbzeilen an (bei Prachtcodices etwa der<br />
Normalfall), entspricht das bei normaler Schriftgröße<br />
etwa 380-400 Wörtern pro Seite.<br />
Aufgrund der Benediktus-Regel, wie sie im Mittelalter<br />
(nicht heute) üblich war, beginnt der Tag um 0:30 Uhr<br />
mit den Vigilien und endet um 18:45 Uhr mit Beginn<br />
der Nachtruhe. Zieht man ferner die Zeiten für Gottesdienste,<br />
Essen und Meditationspausen ab, ergibt sich für<br />
die Arbeit ungefähr ein 8-Stunden-Tag, an dem ca. vier<br />
Seiten eines Codex geschrieben werden können, wenn<br />
sich wenigstens zwei Schreiber abwechseln.<br />
Das bedeutet: Der angenommene Muster-Codex von<br />
250 Blättern (500 Seiten) benötigt allein zum Schreiben<br />
125 Tage, also bei Berücksichtigung von Sonn- und<br />
Feiertagen alles in allem ca. 5 Monate, vorausgesetzt, es
27<br />
wird jeden Tag an dem Codex gearbeitet. Mindestens<br />
die gleiche Arbeitszeit muss für Mal-, Binde- und Verzierungsarbeiten<br />
einkalkuliert werden.<br />
Alles in allem dauert die Fertigstellung des 500-<br />
Seiten-Codex damit etwa ein Jahr, wenn das Material<br />
zur Verfügung steht und es keine Arbeitsunterbrechungen<br />
gegeben hat.<br />
Das erklärt neben den ohnehin hohen Materialkosten,<br />
wieso ein Pergament-Codex so teuer ist. Daher geht<br />
man mit den Büchern auch relativ pfleglich um, solange<br />
man ihren Wert zu schätzen weiß. Allerdings steht das<br />
in keiner Entsprechung zu den heutigen Sicherungsmaßnahmen<br />
in den Handschriftenabteilungen moderner<br />
Staats- und Universitätsbibliotheken: Denn selbstverständlich<br />
blättert man mit bloßen Händen und oft angeleckten<br />
Zeigefingern (hier ließen sich auch heute noch<br />
jede Menge von DNA-Merkmalen mittelalterlicher Leser<br />
nachweisen); ebenso gehören Eselsohren, Einrisse<br />
sowie Tinten- und Fettflecke zu den üblichen Benutzerspuren.<br />
Aber das erklärt, warum man – außer bei wirklich teuren<br />
liturgischen Repräsentationshandschriften, die in der<br />
Regel zum jeweiligen Kirchenschatz gehören – jeden<br />
freien Quadratzentimeter an Pergament für Zusatzinformationen<br />
(Linear- und Marginalglossen), aber auch<br />
für ganz sachfremde Texte ausgenützt hat.<br />
Gilt ein Text schließlich als nicht mehr erhaltenswert,<br />
wird er oft mit Bimsstein abgeschabt, um das teure Per-
28<br />
gament erneut beschreiben zu können. Schrift und<br />
Kalkgrund werden dabei entfernt, das Pergament neu<br />
grundiert und überschrieben. Der wissenschaftliche<br />
Name dafür ist Palimpsest [wiederbeschrieben]; der ursprüngliche<br />
Text lässt sich heute unter UV-Licht wieder<br />
sichtbar machen.<br />
Außerdem werden alte Texte oft zerschnitten, um als<br />
Bindematerial oder Einbände für neuere Codices zu<br />
dienen. Pergament ist eben recycelbar und vielseitig<br />
verwendbar.<br />
Skriptorien: Skriptorien, also Schreibstuben, sind an<br />
Kloster- oder Domschulen angegliedert und arbeiten<br />
häufig nur für den Eigenbedarf (Schulbücher, liturgische<br />
Bücher, Inventare, Verzeichnisse, Steuer- und Abgabenlisten<br />
etc.).<br />
In der Regel sieht man heute nur die Prachthandschriften.<br />
Aber über 90 % aller Codices sind reine<br />
Gebrauchshandschriften, die keinerlei Anspruch auf<br />
Prunk oder Schönheit erheben.<br />
Verfügt ein Skriptorium jedoch über genügend gut ausgebildete<br />
Schreiber, kann man Lohnarbeiten annehmen,<br />
was die Finanzlage des Klosters oder Bistums aufbessert.<br />
Je bekannter und nachgefragter Produkte einer solchen<br />
Schreibstube sind, umso teurer werden sie. Oft ist<br />
es ein einzelner Mönch, dessen künstlerische Begabung<br />
den Ruf eines ganzen Schreibortes ausmacht:<br />
Beispiel: Der Schreiber Herimannus aus dem Kloster<br />
Helmarshausen, der sich auch im Evangeliar Heinrichs
29<br />
des Löwen verewigt hat. Als er nicht mehr tätig war<br />
(Tod?), kamen aus seinem Kloster auch keine Spitzenleistungen<br />
der Buchkunst mehr, und damit verebbte die<br />
Nachfrage und mit ihr der vorher damit erwirtschaftete<br />
Gewinn. Er konnte es sich sogar leisten, sich am Ende<br />
des Widmungsgedichtes im Helmarshausener Evangeliar<br />
namentlich zu nennen: Hic labor est Herimanni.<br />
[Übersetzung: Das Werk stammt von Herimann],<br />
was wohl der Werkstattsignatur eines Albrecht Dürers<br />
oder Rembrandts entsprochen und dem Produkt erst den<br />
künstlerischen Ritterschlag verliehen hat.<br />
Auch Hildebert muss ein Star unter den Schreibermönchen<br />
gewesen sein, denn sonst hätte er es wohl kaum<br />
wagen dürfen, mit einem persönlichen Erlebnis in seiner<br />
Schreibzelle kostbares Pergament zu vergeuden – so<br />
witzig es auch ist. Denn während er schreibt, macht sich<br />
eine Maus über sein Essen, genauer ein Stück Käse, her<br />
und hat dabei schon eine weitere Schüssel mit einem<br />
gebratenen Hähnchen vom Tisch gestoßen. Er wirft mit<br />
einem Schwamm (einem Bimsstein?) nach ihr; in dem<br />
Codex auf dem von einem Löwen gehaltenen Schreibpult<br />
findet sich der Satz:<br />
Pessime mus, sepius me provocas ad iram, ut te deus<br />
perdat !<br />
[Übersetzung: Verflixte Maus, mehr als einmal provozierst<br />
Du meinen Zorn, dass Gott Dich erschlage!]<br />
Augustinus, De civitate Dei. Fol. 133r. Prag, Kapitelbibliothek,<br />
Ms. Kap. A XXI. Um 1140.
30<br />
Da Skriptorien mit der Qualität ihrer Produkte steigen<br />
und fallen, ist die Aufzählung berühmter Skriptorien<br />
immer nur eine Momentaufnahme, weil selbst bekannte<br />
und traditionsreiche Schreiborte sehr schnell in die Bedeutungslosigkeit<br />
absinken können. Dagegen versucht<br />
man sich durch die kontinuierliche Ausbildung neuer<br />
und guter Schreiber zu schützen; teilweise werden auch<br />
Spitzenleute aus anderen Klöstern abgezogen, vor allem,<br />
wenn man gute Kontakte zum Königshof oder der<br />
Kurie hat.<br />
Auch muss nicht jeder Schreibort auf allen Gebieten in<br />
gleicher Weise gut besetzt sein. So hatten die Mönche<br />
des Chiemseeklosters Seeon eine Schreibgemeinschaft<br />
mit ihren Ordensbrüdern auf der Insel Reichenau – sie<br />
schrieben die Texte ab, und die Reichenauer kümmerten<br />
sich um die Bebilderung.<br />
Trotzdem lassen sich als wichtige Skriptorien anführen,<br />
die für die alt- und mittelhochdeutsche Literatur Bedeutung<br />
gehabt haben:<br />
- Freising, Tegernsee, Salzburg, Monsee, Passau, Regensburg;<br />
- St. Gallen, Reichenau, Murbach (im Elsass);<br />
- Weißenburg (im Elsass);<br />
- Mainz, Lorsch, Fulda;<br />
- Würzburg, Bamberg;<br />
- Trier, Echternach, Köln, Aachen;<br />
- Essen, Verden (an der Aller), Hildesheim.<br />
Alles in allem ist Pergament ein äußerst langlebiger und<br />
strapazierfähiger Beschreibstoff, wenn man es nicht
31<br />
- Jahrhunderte lang in feuchten Kellerräumen aufbewahrt<br />
hat,<br />
- mit Eisen-Gallus-Tinte oder Farbmischungen beschrieben<br />
hat, die (im Mittelalter unbekannte) chemische<br />
Veränderungen hervorrufen,<br />
- Würmern, Mäusen, Ratten oder anderem Getier ungehindert<br />
überlassen hat.<br />
Der Nachteil:<br />
Es ist kompliziert und aufwändig, Pergament herzustellen<br />
und zu beschreiben. Nicht alle Klöster haben<br />
wie Cluny oder Clairvaux den Landbesitz und das<br />
Geld, neben dem normalen Klosterbetrieb auch noch<br />
intensive Viehhaltung zu betreiben, so dass sie die<br />
dafür benötigten Schafe selbst züchten und ihr Pergament<br />
somit selbst produzieren können. Meist muss<br />
der fertige Beschreibstoff für teures Geld auswärts<br />
gekauft werden, was umso schwerer wiegt, als nach<br />
der Benediktusregel alle Klöster gehalten sind, in allen<br />
Dingen des Alltags Selbstversorger zu sein.<br />
Damit wird Pergament teuer, eigentlich nicht einmal<br />
für Gebrauchshandschriften – den Hauptanteil der<br />
Buchproduktion – erschwinglich, für eine Massenproduktion<br />
ohne sicheren Auftrag und nur auf unternehmerisches<br />
Risiko gegründet gänzlich zu teuer.
32<br />
Eine neue Ära: Das Papier<br />
Einen Ausweg aus dem Dilemma<br />
bietet das Papier, denn<br />
es ist vergleichsweise billig<br />
und als Rohstoff nahezu unerschöpflich.<br />
Bekanntlich haben<br />
es die Chinesen erfun-den, und<br />
zwar im 2. Jahrhun-dert n.Chr..<br />
Ab dem 8. Jahrhun-dert gelangt<br />
es durch die Vermittlung der Araber nach Europa, zunächst<br />
in das maurische Spanien, wo sich seit dem 12.<br />
Jahrhundert Papiermühlen nachweisen lassen, die danach<br />
in Süditalien (Sarazenen) Verbreitung fin-den.<br />
Über Norditalien gelangt die Kenntnis der Papierherstellung<br />
dann nach Frankreich und in das deutsche<br />
Sprachgebiet, dessen erste Papiermühle 1390 in Nürnberg<br />
bezeugt ist, als der Patrizier und Fernhandelskaufmann<br />
Ulmann Stromer die sog. Gleismühle erbaut, in<br />
der immerhin 18 Papierstampfen mit Wasserkraft betrieben<br />
werden. Um sein Monopol nicht zu verlieren,<br />
müssen alle Mitarbeiter schwören die Technik geheimzuhalten.<br />
Allerdings dauert es einige Zeit, bis sich das Papier<br />
überall durchgesetzt hat. So gibt es zwar um 1100 in der<br />
Gegend von Valencia schon eine bedeutende Papierindustrie,<br />
aber der neue Beschreibstoff wird zunächst nur<br />
für private Aufzeichnungen und Notizen genutzt. Offizielle<br />
Dokumente werden weiterhin auf Pergament geschrieben:
33<br />
- So verbietet Kaiser Friedrich II. (1215-1250) 1231 den<br />
Gebrauch von Papier für Urkunden im Königreich Sizilien,<br />
das immerhin eine der funktionstüchtigsten Staatsverwaltungen<br />
in ganz Europa besitzt. Das geschieht sicher<br />
nicht nur aus Tradition und zum Schutz der dortigen<br />
Pergamentmacher, sondern weil man Papier für fälschungsanfälliger<br />
hält,<br />
- weshalb auch die Stadt Padua 1236 Papierurkunden<br />
noch keinerlei Rechtskraft zuerkennt.<br />
Herstellung: Im Mittelalter besteht Papier aus dem sog.<br />
- Hadern, also Textilresten und Lumpen (Leinen, Baumwolle,<br />
Hanf), der in kleinste Fasern zerrissen, gewaschen<br />
und gebleicht wird,<br />
- aus geschredderten Holzabfällen, die ebenfalls möglichst<br />
fein zerkleinert werden. Hierfür eignen sich vor<br />
allem die harten Stängel, die bei der Leinenproduktion<br />
anfallen.<br />
Die so gewonnenen Fasern werden mit Wasser zu einem<br />
dünnen Brei angesetzt, der mit einem in einem Holzrahmen<br />
eingespannten feinen Sieb „geschöpft“ wird und<br />
in einer dicken Schicht das Sieb bedeckt. Dieses muss<br />
ständig hin- und herbewegt werden, so dass sich die Fasern<br />
über- und aneinander legen und miteinander verbinden,<br />
während das Wasser langsam abtropft. Auf diese<br />
Weise entsteht das spätere Papierblatt, das Vlies, das<br />
nach dem Trocknen auf der Oberfläche noch versiegelt<br />
(„geleimt“) wird. Dadurch ist es haltbarer, glatter, zerfasert<br />
nicht so schnell und lässt sich besser beschreiben,<br />
weil es jetzt auch nicht mehr saugfähig wie Löschpapier<br />
ist.
34<br />
Zudem kann das Sieb noch zusätzlich ein Muster aus<br />
Draht enthalten, auf dem sich, weil es gegenüber dem<br />
Siebboden erhöht ist, weniger Fasern ablagern als auf<br />
diesem; diese dünnere Schicht ist nach dem Trocknen<br />
bei Gegenlicht als Wasserzeichen erkennbar. Weil einzelne<br />
Papiermühlen ihre speziellen Wasserzeichen haben<br />
und diese von Zeit zu Zeit auch wieder ändern, sind<br />
Wasserzeichen oft ein zusätzliches Datierungsmerkmal.<br />
Papier, das so hergestellt wird, gibt es noch heute als<br />
Büttenpapier, häufig sogar noch handgeschöpft.<br />
Demgegenüber ist die moderne Papierherstellung sehr<br />
viel automatisierter, technisierter und chemieabhängiger.<br />
Dafür ist die angebotene Sorten- und Qualitätspalette<br />
erheblich breiter. Jedoch am Prinzip hat sich wenig<br />
geändert, auch wenn es heute möglich ist, holzfreies Papier<br />
herzustellen, bei dem Altpapier und andere Zellstoffe<br />
die Holzfasern ersetzen.<br />
Mit der Massenherstellung von Papier wird das Pergament<br />
als Beschreibstoff ab der Mitte des 15. Jahrhunderts<br />
zunehmend vom Markt verdrängt.<br />
Allerdings erfordert Papier auch andere Schreibtechniken<br />
als Pergament. Das beginnt mit der Herstellung der<br />
Tinte, die viel farbintensiver sein muss als bisher, weil<br />
Papier saugintensiver ist. Zwar ist es bis heute nicht gelungen,<br />
die Druckerfarbe Gutenbergs (~1400-1468)<br />
chemisch exakt zu analysieren, doch verwendet er ebenso<br />
wie heute als Pigment Ruß, das mit Bienenwachs und<br />
verschiedenen Ölen und Harzen versetzt ist.
35<br />
Bei Berücksichtigung der unterschiedlichen Bedingungen<br />
können auch Papiercodices hergestellt werden,<br />
nicht nur als reine Gebrauchstexte, sondern als Repräsentationshandschriften<br />
mit farbigen Initialen und Miniaturen.<br />
Historienbibel. Fol. 31 v : Rettung Lots und seiner<br />
Töchter aus dem brennenden Sodom und Gomorra.<br />
Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod.<br />
2823. Urach, 1463.<br />
Armenisches Tetraevangeliar. Fol 194 r : Beginn des<br />
Johannes-Evangeliums. Wien, Österreichische Nationalbibliothek,<br />
Cod. arm. 29. Aserbaidschan (Gebiet<br />
Gan-jak), um 1680.<br />
Vor allem aber bietet Papier die Möglichkeit, größere<br />
Mengen Beschreibmaterial kostengünstig einzukaufen<br />
und ohne allzu großes unternehmerisches Risiko häufig<br />
nachgefragte Bücher in kleiner Anzahl auch auf Vorrat<br />
herzustellen.<br />
Damit entsteht Mitte des 15. Jahrhunderts erstmals<br />
in Europa so etwas wie ein literarischer Markt, auf<br />
dem Bücher nach dem Prinzip von Angebot und<br />
Nachfrage gehandelt (Kaufbasis) und nicht mehr<br />
nur als Einzelexemplare nach Vorbestellung produziert<br />
werden (Auftragsbasis).
36<br />
Gewerbliche Handschriftenproduktion<br />
Einer der frühesten Hersteller von Codices auf Kaufbasis<br />
ist der elsässische Schreiber und Handschriftenhändler<br />
Diebold Lauber aus Hagenau (Haguenau), der urkundlich<br />
zwischen 1449 und 1455 belegt ist; die Existenz<br />
der Werkstatt kann gar zwischen 1425 und 1467<br />
nachgewiesen werden.<br />
In seinen Verkaufsanzeigen, die in vier seiner Handschriften<br />
eingefügt sind, und einem von ihm geschriebenen<br />
Geschäftsbrief bietet Diebold Lauber deutsche<br />
und lateinische Texte an, „grosz oder clein, geistlich<br />
oder weltlich húbsch gemolt“. In der Forschung werden<br />
seiner Werkstatt 38 illustrierte, insgesamt mindestens 69<br />
Handschriften zugeschrieben, zwei davon sogar noch<br />
auf Pergament. Er scheint dabei 5 Schreiber dauerhaft<br />
beschäftigt zu haben, denen 16 Maler gegenüberstehen.<br />
Das lässt die Vermutung zu, dass nur die Schreiber fest<br />
angestellt waren und die Maler erst bei Bedarf hinzugezogen<br />
wurden, denn nicht jeder Text ist illustriert.<br />
Doch auch so weisen die erhaltenen Handschriften so<br />
viele gemeinsame Züge auf, dass sie schon auf den ersten<br />
Blick als zusammengehörig erkannt werden können:<br />
Eine breite, gut lesbare, aber keineswegs kalligraphisch<br />
hervorstechende Cursive, also jene Schreibschrift, die<br />
im 14. und 15. Jahrhundert in den Kanzleien verwendet<br />
wurde, braune Tinte für die Texte, rote für die Überschriften,<br />
niederalemannischer Schreibdialekt und in<br />
den Bildern eine holzschnittartige Flächigkeit, die auf<br />
Details kaum eingeht. So werden Räume nur angedeutet,<br />
die Gesichter sind kaum individuell gestaltet, Mienenspiel<br />
und Körperbewegungen ebenso wenig. Jedes
37<br />
Bild ist mit der Feder vorgezeichnet und anschließend<br />
mit Wasserfarben koloriert worden, oft recht schlampig,<br />
indem die Farbe über die Begrenzungslinien hinausgeht.<br />
In der Regel sind die Bilder ohne den beigegebenen<br />
Text nicht verständlich.<br />
An Gattungen findet sich bei Lauber alles, was damals<br />
gelesen wurde: Höfische Epik, Traktate aus den Bereichen<br />
Medizin, Naturkunde, Jurisprudenz, Geschichte<br />
und Astrologie, vor allem aber viel moralisierende und<br />
religiöse Erbauungsliteratur. Die Käufer der Bücher<br />
sind im Adel und den größeren Städten des südwestdeutschen<br />
Sprachraums beheimatte, also dort, wo man<br />
den niederalemannischen Dialekt sprach und verstand.<br />
Konrad von Ammenhausen: Schachzabelbuch. Fol.<br />
39 v : Ein ander bischafft von einem künige genant<br />
pirus der was so tugenthafft vnd milt der horte ein<br />
moles von sinen dieneren bý dem win sossen vnd jn<br />
sere schulten vnd vil bóses von jm seitten. Stuttgart,<br />
Württembergische Landesbibliothek, Cod. poet. et<br />
phil. 2° 2. Hagenau 1467.<br />
Eberhard Windecke (Windeck): Kaiser Sigismunds<br />
Buch. Fol. 235v: Darstellung der Reliquien und<br />
Wallfahrtsstätten, die Eberhard Windecke gesehen<br />
hat. Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod.<br />
13975. Hagenau, um 1440-1450.<br />
Früher gewerblicher Buchdruck<br />
Etwa gleichzeitig zur Handschriftenproduktion Diebold<br />
Laubers werden auch schon Bücher gedruckt, ohne dass
38<br />
Gutenbergs Technik, der Druck mit beweglichen Lettern,<br />
schon angewendet würde (1. Nachweis der Donat-<br />
Type im ‚Türkenkalender’ von 1454).<br />
Gemeint sind die sog. Blockbücher aus der Mitte des<br />
15. Jahrhunderts (1430-1480). Dabei handelt es sich um<br />
einen Holzstempel, wie er bereits vorher beim Textildruck<br />
(Modeldruck) benutzt wurde. In eine Lindenholzplatte<br />
werden spiegelverkehrt Bilder und Buchstaben<br />
eingeschnitten, wobei – wie beim Linoldruck – diejenigen<br />
Teile, die hinterher eingefärbt und gedruckt werden<br />
sollen, erhaben, diejenigen, die im Druck ausgespart<br />
bleiben sollen, herausgeschnitten sein müssen – das<br />
Ganze spiegelverkehrt, was nicht nur eine Menge Arbeit<br />
bedeutet, sondern auch viel Erfahrung und Konzentration<br />
erfordert.<br />
Nach der Herstellung wird der Stempel eingefärbt und<br />
auf Papier abgedruckt; soll die Illustration farbig sein,<br />
muss sie dann noch von Hand koloriert werden. Man<br />
kann damit so viele Einblattdrucke herstellen, wie das<br />
Model hergibt – wenn es unter dem recht hohen Andruck<br />
der Druckerpresse zerbricht, muss es – je nach<br />
Auftrag – nachgeschnitten werden, falls eine hohe Zahl<br />
von Einblattdrucken benötigt wird (etwa als Flugblätter<br />
im politischen Tagesgeschehen).<br />
Der Herstellungsart entsprechend sind Blockbücher eher<br />
klein (Quart- und Oktavformat) und von geringem Umfang<br />
(zwischen 8 und 30 Blättern); die meist bildlichlehrhaften<br />
Texte – sofern sie nicht zu Propagandazwecken<br />
hergestellt werden – wenden sich an ein lesekundiges<br />
Publikum, das sich teure Handschriften nicht leis-
39<br />
ten kann bzw. nicht bereit oder in der Lage ist, längere<br />
Texte am Stück zu lesen.<br />
Mit Gutenbergs Erfindung der beweglichen Lettern ändert<br />
sich die bisherige Praxis in zwei Faktoren:<br />
1) Der kompakte Text wird variabler, weil er in Einzelzeichen<br />
aufgelöst wird,<br />
2) die Haltbarkeit der Metalllettern ist größer, so dass in<br />
höherer Auflage gedruckt werden kann.<br />
Blockbuch Apokalypse. Mainz, Gutenberg-Museum,<br />
Kat.-Nr. GM 24).<br />
Was verbindet die Schreiberwerkstatt des Diepold<br />
Lauber mit den Blockbüchern?<br />
Beide sind Alternativen zu dem Druck mit beweglichen<br />
Lettern, wie er seit 1454 nachweisbar ist, doch vor allem<br />
in der 42-zeiligen Biblia Latina von 1455 fassbar<br />
wird.<br />
Biblia Latina: Beginn des Johannes-Evangeliums.<br />
Mainz, Gutenberg-Museum Ink. 130. Mainz, Johannes<br />
Gutenberg 1452/55.<br />
Voraussetzung für den Medienwechsel aber war die<br />
Umstellung von Pergament auf Papier. Ohne ihn wäre<br />
Gutenbergs Buchdruck nicht möglich gewesen. Doch<br />
das ist ein anderes Kapitel.
40<br />
Innerhalb des 15. Jahrhunderts hat somit ein Medienwechsel<br />
stattgefunden, wie er vergleichbar nur<br />
heute existiert, mit dem Übergang vom Papier zur<br />
papierlosen elektronischen Kommunikation. Diepold<br />
Laubers Handschriftenproduktion ist dabei – so<br />
fortschrittlich seine Verkaufsstrategie auch sein mag<br />
– ein Relikt aus vergangenen Zeiten, das Blockbuch<br />
ein Vorgeschmack auf die Zukunft, das allerdings<br />
technisch veraltet ist, bevor es sich richtig entfalten<br />
kann.
41<br />
Doch schon damals hat<br />
die Menschen die Angst<br />
vor einer nicht mehr zu<br />
kontrollierenden Informationsschwemme<br />
erfasst.<br />
zählt (Kap. 11).<br />
So spricht Sebastian Brant,<br />
obwohl selbst ein hochgelehrter<br />
Mann, 1494 in seinem<br />
Narrenschiff von den<br />
„unnützen Büchern“ (de<br />
inutilibus libris), deren Besitzer<br />
er zu den ‚Narren’<br />
Doch das ist gar nichts gegenüber dem Prediger [Salomon]<br />
(besser: Buch Kohelet, 2. Hälfte des 3. vorchristlichen<br />
Jahrhunderts), der damals bereits feststellte<br />
(12,12):<br />
„Hüte dich, mein Sohn, vor andern mehr; denn viel Büchermachens<br />
ist kein Ende und viel Studieren macht den<br />
Leib müde.“<br />
☺ Dem ist nichts hinzufügen.