Schlesischer Gottesfreund - Gesev.de

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Schlesischer Gottesfreund - Gesev.de

61. JAHRGANG – DEZEMBER 2010 – NR. 12

ISSN 1861- 9746 Verkaufspreis: 2,50 Euro H 6114

Schlesischer Gottesfreund

NACHRICHTEN UND BEITRÄGE AUS DEM EVANGELISCHEN SCHLESIEN


GEISTLICHES WORT

Laßt uns fröhlich feiern!

Am 1. Advent wurde in den Gottesdiensten an den Einzug Jesu

vor 2000 Jahren in Jerusalem erinnert, als ihn die Bürgerinnen

und Bürger der Stadt begeistert gefeiert haben. Heute,

im 21. Jahrhundert, soll die Geschichte trotz des geschichtlichen

Abstandes die Christinnen und Christen motivieren, diesen Jesus zu

Weihnachten wieder mit ähnlicher Unmittelbarkeit und Freude willkommen

zu heißen. Weihnachten verträgt keine Zuschauerhaltung,

sondern verlangt von jedem von uns innere Beteiligung, Beifall und

Zustimmung. Fröhlich und glücklich sollten Christen darüber sein,

daß Jesus geboren ist. Nun gehören Fröhlichkeit und Glück nicht

gerade zu den normalen Aussagen über den christlichen Glauben –

sonst würde es uns leichter fallen, den fröhlichen, positiven Aspekt

unserer Religion gerade zu Weihnachten herauszustellen. Die

Geschichte vom Einzug in Jerusalem rät jedenfalls, über Glück und

Freude der christlichen Religion nachzudenken, sich kritisch zu fragen,

wie es denn mit unseren inneren Menschen bestellt ist, ob wir

denn richtig justiert sind, wie man unter Technikern zu sagen pflegt.

Von alters her ist das die Aufgabe, die sich uns Christen in der

Adventszeit stellt. Von Buße und Besinnung redete man früher. Wenigstens

etwas Zeit sollte sich jeder von uns zum Nachdenken und

auch zum Beten nehmen – trotz aller Aufgaben und Verpflichtungen,

die wir gerade in der Advents- und Weihnachtszeit im Beruf, in der

Familie, aber auch als Ruheständler haben. Sonst ist es auch 2010

wieder so, wie oft: Wir sind vom Weihnachtsfest enttäuscht, und vielen

bleibt von der Adventszeit nur der abgestandene Dunst von

Glühwein und Bratwürsten in der Nase. Dabei sollten doch gerade

Christen um den religiösen Sinn und dem christlichen Charakter des

Weihnachtsfestes besorgt sein. Die gehen nämlich immer mehr verloren

und Weihnachten wird zu einem Allerweltsfest mitten im Winter

– vor lauter Vermarktung, vor lauter Weihnachtsmärkten, Weihnachtsfeiern,

Gänseessen und dergleichen, die nichts mit dem Kind

von Bethlehem zu tun haben. Übrigens nimmt die Zahl derer, die

den christlichen Ursprung des Weihnachtsfestes kennen, ab; es

reicht vielen offenbar aus, wenn von Oktober an die Geschäfte voller

Weihnachtsangebote sind und sich in Werbung und Öffentlichkeit

Nikoläuse, Schlitten mit Rentieren und Engel tummeln, die

nichts mit der Weihnachtsgeschichte zu tun haben. Wie viel Brauchtum

und gute Sitte sind seit 1945 in unserem Lande verloren gegangen!?

Wer im großen schlesischen Kochbuch der Henriette Peltz und

der Lotti Kretschmer blättert, entdeckt viele Rezepte über Mohnklöße,

schlesische Weißwurst, Karpfen u. a., die aus der Mode

gekommen sind, die aber damals in der alten Heimat Menschlichkeit

und Weihnachtsfreude abbildeten. Wie anders klingt es, wenn ein

fünfjähriges Mädchen seine Großmutter beim Krippenspiel fragt:

„Oma, weißt Du eigentlich, daß Jesus kein Kind mehr ist? Er ist

schon groß und ist bei seinem Vater im Himmel.” „Seit wann ist er

denn das?”, fragt die Großmutter. „Seit Ostern doch, Oma!”

Eine Fünfjährige muß offenbar daran erinnern, welchen Gott die

Christenheit zu Weihnachten feiert und warum es sich lohnt, am religiös-christlichen

Gehalt des Festes festzuhalten. Gefeiert wird Gott,

der als einzelner in Bethlehem zur Welt kommt und mit seinem

Leben neben uns, die vielen einzelnen, tritt.

Es gibt auf dieser Erde keine Religion, in der der Einzelne so

zentral zu Wort kommt und seinen Platz hat wie in der jüdischchristlichen

Religion. Und es gibt keinen, der dafür derart Garant ist,


179

WEIHNACHTSBITTE

wie der Zimmermannssohn aus Nazareth. Daß dieser

Tatbestand sozial-gesellschaftliches Potential enthält, liegt

auf der Hand. Vor Gott gibt es kein Ansehen der Person.

Arme, Verkrüppelte, Alte und Hilflose haben hier genau so

ihren Platz wie Reiche, Mächtige und Gesunde, und Anstand,

Demut, innere Anteilnahme werden von allen erwartet.

Vielleicht geht es längst auf die Nerven, daß angesichts

der Debatten und dem Ärgernis in unserer Gesellschaft

besonders von denen Wohlverhalten gefordert wird, die auf

Vorstandsetagen, in Parlamenten und bei Ministerien das

Sagen haben und auffällig werden. Alle sind gemeint. Auf

seine Weise ist Gott demokratisch. Von jedem Menschen

erwartet er Anteilnahme und Beteiligung. Wo können wir

mit der Sorge um Gottes Schöpfung und halbwegs gerechten

Verhältnissen in der Gesellschaft auch anders anfangen,

als bei uns selber. Es ist die Last, aber auch die Freude, die

wir als Einzelne haben, daß wir es sind, von deren Mut und

Tapferkeit, Zuversicht, Hoffnung und Glauben der Zustand

der Welt und ihre Zukunft abhängen.

Advent ist – wenn wir so wollen – jedes Jahr die

Einladung an jeden von uns, neu bei uns mit dem Vertrauen

auf Gott anzufangen; und Weihnachten ist die Einladung,

ohne Vorbehalte sich über Jesus zu freuen, daß er in

Bethlehem geboren wurde und damals arm und bescheiden

nach Jerusalem geritten kam und jeden eingeladen hat.

Lassen Sie uns darum fröhlich und zuversichtlich Weihnachten

feiern.

Hans-Ulrich Minke

Abbildung S. 178: linker Flügel (Geburt Jesu) des dreiteiligen

Fensters im Südschiff der vormals evangelischen

Stadtkirche von Goldberg.

Foto: ANN

Unsere Weihnachtsbitte

Liebe Mitglieder und Freunde der Gemeinschaft evangelischer Schlesier!

Am Anfang unserer diesjährigen Weihnachtsbitte steht der Dank! Sie haben uns im zu Ende gehenden Jahr wieder so

freundlich und hochherzig unterstützt, daß wir unsere Arbeit ungehindert weiterführen, eine Reihe von Projekten fördern

und das Jubiläum „Sechzig Jahre Gemeinschaft evangelischer Schlesier (Hilfskomitee) e. V. - 1950-2010” in

Wiesbaden angemessen und würdig begehen konnten.

Dabei haben wir unseren polnischen Gästen aus Schlesien (in der November-Ausgabe des “Gottesfreundes” wurde

darüber berichtet) Spenden für humanitäre und soziale Aufgaben, aber insbesondere auch zur Erhaltung des schlesischen

Erbes mitgeben können:

für die Hochwasseropfer von Reichenau/Bogatynia

für die Erhaltung der Archivbibliothek in Schweidnitz

für die Restaurierung der Kirchenbücher des Kreises Falkenberg OS

für die Renovierung des Auguste-Viktoria-Gemeindehauses in Jauer

Außerdem konnten wir dank Ihrer Spenden die Herstellung des Filmes von Ute Badura „Häuser des Herrn – Kirchengeschichten

aus Niederschlesien” mit einem Betrag fördern. Weiterhin beteiligten wir uns finanziell an den Druckkosten

für zwei größere Publikationen.

Nun bitten wir Sie wieder um eine freundliche Spende zum Weihnachtsfest. Schon jetzt wissen wir, daß im Jahr

2011 eine Reihe von Ausgaben auf uns zukommen werden:

1. bis 5. Juni Deutscher Evangelischer Kirchentag in Dresden

25. bis 26. Juni Deutschlandtreffen der Schlesier in Hannover

2. bis 4. Sept. Schlesischer Kirchentag in Jauernick-Buschbach und Görlitz

Sicherstellung des monatl. Erscheinens des „Schlesischen Gottesfreundes”

Unterstützung des Christlichen Gymnasiums in Hoyerswerda

Einrichtung und Ausbau von Archiv und Bibliothek der „Gemeinschaft”

Zustiftung/Förderung der „Kirchlichen Stiftung zur Bewahrung, Vermittlung und Weiterführung

der geistigen Tradition des Evangelischen Schlesien” (Kurz: Kirchl. Stiftung Ev. Schlesien)

Projekte und Unvorhergesehenes, das eine schnelle Hilfe nötig macht.

Mit Ihrer Spende helfen Sie uns, unsere Arbeit sinnvoll fortzuführen. Über den materiellen Wert hinaus ist sie uns aber

immer auch ein Zeichen der persönlichen Verbundenheit, für das wir anhaltend dankbar sind.

Für die Weihnachtszeit und das Neue Jahr grüßen wir Sie im Namen des Vorstandes mit herzlichen Segenswünschen ,

Ihre

Dr. Christian-Erdmann Schott

Pfarrer, Vorsitzender

Klaus-Ulrich Vogel

Schatzmeister


BEITRÄGE 180

Eine Kindheit in der Johanneskirchengemeinde zu Breslau

HEINZ LISCHKE

Meine erste Begegnung mit der Johanneskirchengemeinde

in Breslau erfolgt im Lutherjahr 1933.

Die evangelische Christenheit feiert weltweit den

450. Geburtstag des großen Reformators D. Martin Luther,

der am 10. November 1483 geboren wurde. Es feiern auch

die evangelischen Schulen meiner Heimatstadt Breslau.

Ich werde Anfang April 1933 in die evangelische Knabenschule

Nr. 46, zur Sauerbrunnschule in der Südstadt

gehörend, eingeschult. In unserem großen kasernenähnlichen

Gebäude ist in den unteren Etagen die evangelische

Knabenschule untergebracht, in den Etagen über uns die

Mädchenschule. Auf der anderen Seite des Schulhofes

befindet sich die katholische Volksschule, ein ebensolcher

roter Klinkerbau.

Jeder Schultag beginnt nach meiner Einschulung auf folgende

Weise: der Lehrer betritt den Klassenraum mit dem

Gruß: „Guten Morgen, Kinder!” Die angetretenen ABC-

Schützen antworten im Chor: „Guten Morgen, Herr

Lehrer!” Der Klassenlehrer fordert alle zum Morgengebet

auf, zum Beispiel „Wie fröhlich bin ich aufgewacht. Wie

hab ich geschlafen so sanft die Nacht. Hab Dank, o Vater

im Himmel mein, daß du hast wollen bei mir sein.” Der

Lehrer spricht das Gebet versweise vor, und wir sprechen

es genau so nach. Dann stimmt er ein Morgenlied an, wie:

„Wach auf, mein Herz, und singe dem Schöpfer aller

Dinge, dem Geber aller Gaben, die wir empfangen haben.”

Er singt es uns vor, und wir singen es ihm nach. Hinter seinem

Stehpult hängt ein schlichtes, dunkles Holzkreuz an

der Wand. Danach beginnt der Unterricht. Und so verlaufen

die ersten Wochen meiner Schulzeit.

Dann ergibt sich eine völlig andere Situation für uns:

der Lehrer betritt den Klassenraum. Wir Kinder stehen in

den Gängen, die Hände fromm gefaltet. Da ertönt die

Stimme des Lehrers: „Kinder, nehmt die Hände herunter!

Ab heute wird nicht mehr gebetet. Wir grüßen uns von jetzt

an jeden Morgen mit dem Deutschen Gruß. Ich mache es

euch vor.” Und der Lehrer stellt sich mit erhobenem rechten

Arm vor uns auf und spricht: „Heil Hitler!” Wir machen

es ihm nach. Dann sagt er: „Ab heute lernen wir für jeden

Tag eine Tageslosung. Die heutige lautet: Du bist nichts.

Dein Volk ist alles.” Wir sprechen diese Losung nach, und

an den folgenden Tagen andere. Danach stimmt er anstelle

eines Kirchenliedes ein Lied der nationalsozialistischen

Bewegung an. Zum Beispiel: „Nur der Freiheit gehört

unser Leben, laßt die Fahnen dem Wind! Einer stehe dem

andern daneben, aufgeboten wir sind. Freiheit ist das Feuer,

ist der helle Schein; solang sie noch lodert, ist die Welt

nicht klein.” So verschwindet von heute auf morgen die

kirchliche Morgenandacht vom Lehrplan und wird durch

eine politische Zeremonie ersetzt. Auch wird das schlichte

Holzkreuz von der Wand entfernt und durch ein großes

Hitlerbild ersetzt.

Am 31. Oktobter 1933, am Reformationstag, stehen wir

evangelischen Schüler der Sauerbrunnschule zum Schulbeginn

angetreten auf dem Schulhof. Doch es erfolgt kein

Johanneskirche

Unterricht. Stattdessen marschieren wir klassenweise mit

dem Lehrer an der Spitze die Charlottenstraße, Gablitzstraße,

Menzelstraße entlang zur Johanneskirche, nahe dem

Wasserturm in der Hohenzollernstraße. Ich erblicke erstmals

den imposanten Kirchbau, der mich nach seinem

Äußeren an das Lutherlied „Ein feste Burg ist unser Gott”

erinnert. Tatsächlich sieht diese Kirche aus wie eine

Trutzburg.

Vom Gottesdienst bleibt mir kaum etwas in Erinnerung.

Aber die Feiertagsatmosphäre im Kirchenraum wirkt doch

stark auf mich ein. Es ist schon ein besonderes Ereignis,

diese große Kirche mit Kindern und Jugendlichen bis auf

den letzten Platz besetzt zu sehen. Später wird uns gelehrt,

daß Martin Luther ein großer Deutscher gewesen sei, dem

wir die deutsche Einheitssprache und die Bibelübersetzung

verdanken.

Eine weitere Begegnung mit Kirche und Gemeindehaus

erfolgt im nächsten Jahr. Im Sommer 1934 nehme ich als

Siebenjähriger am Kindergottesdienst teil. Ich erinnere

mich noch an eine der ersten biblischen Geschichten, die

wir hörten, nämlich vom reichen Mann und vom armen


181

BEITRÄGE

Lazarus. Doch mit der Zeit wurden mir diese Stunden verleidet

durch eine ältere Leiterin, die nicht nur äußerlich

streng und abweisend war, sondern auch grob zu uns

Kindern. So blieb ich dem Kindergottesdienst fern, für

immer. Umso lieber folge ich dem Religionsunterricht in

der Schule, den uns in den ersten vier Jahren der

Klassenlehrer erteilt. Wir merken an diesem Mann, daß er

kein Nationalsozialist ist, obwohl er sich in manchen

Dingen anpassen muß, so wie es alle tun. Doch sein

Religionsunterricht ist bei mir nicht umsonst gewesen. Als

er uns eines Tages fragt, wer von uns ein Kirchenlied auswendig

singen könne, melde ich mich und singe einige

Strophen des Liedes „Großer Gott, wir loben dich.” Als er

sich dann erkundigt, wer mir dies Lied beigebracht habe,

antworte ich ganz stolz: „Meine Großmutter.”

Nun war es in unserer Familie so, daß die Generation

meiner Großmutter mit der Hitler-Ideologie nichts im Sinn

hatte. Sie war noch von den Schrecken des ersten Weltkrieges

geprägt. Doch die nachgewachsene Generation

meiner Eltern, Onkels und Tanten war bereits mehrheitlich

dem neuen Geist verfallen. So ist mir noch aus dem Jahr

1932 eine harte Auseinandersetzung meiner Großmutter in

Erinnerung, die sie mit ihren Söhnen hatte, die der SA angehörten.

Da konnte es geschehen, daß der eine Onkel

sonntags in der katholischen Kreuzkirche das „Transeamus”

auf der Orgelempore sang und wochentags im festen

Marschtritt seine Nazilieder auf der Straße. Damals habe

ich miterlebt, wie meine Großmutter diesen ihren Sohn

zornentbrannt zurechtwies: „Und du wirst Christus, deinen

Herrn und Heiland, auch noch einmal kennen lernen!”

Im 5. Schuljahr bekommen wir einen Lehrer, der in

brauner SA-Uniform zum Religionsunterricht erscheint. Er

verbreitet mehr NS-Propaganda als biblisches Wissen. Als

ich dann im 7. und 8. Schuljahr im Konfirmandenalter bin,

fühle ich mich völlig hin- und hergerissen. In der Schule ist

inzwischen der evangelische Religionsunterricht ganz

abgeschafft und durch die „Deutsche Glaubenslehre”

ersetzt worden. Unser Klassenlehrer und Schulleiter ist ein

überzeugter Nationalsozialist. Er führt uns ein in die germanischen

Götter- und Heldensagen, läßt uns Sprüche aus

der „Edda” lernen und lehrt uns den neuen germanischen

Glauben. Dazu ist er ein fanatischer Kirchenhasser.

Zur gleichen Zeit, da wir in der Schule der Kirche immer

mehr entfremdet werden, besuche ich nun in der Johanneskirchengemeinde

den Konfirmandenunterricht. In

der Gemeinde sind die Pastoren Reinhardt, Müller, Loheyde

und Alberty tätig. Ich werde der großen Konfirmandengruppe

des Pastor Lic. Konrad Müller zugeteilt, dessen

Ehefrau der zahlreichen Bunzel-Pfarrerdynastie entstammt.

An meinem Konfirmator erlebe ich einen erfahrenen, gütigen

und verständnisvollen älteren Menschen. Er versteht

es, wunderbar und spannend aus der Kirchengeschichte zu

erzählen. Auch aus seinem eigenen Leben berichtet er uns.

So zum Beispiel über die Zeit, in der er als Kandidat der

Theologie in den diakonischen Bodelschwingh`schen Anstalten

in Bethel tätig war als Krankenpfleger in der blauen

Schürze. Unvergeßlich bleibt mir der Tag, an dem er uns

auf die Turmbalustrade der Johanneskirche führt, um uns

von hier oben das wunderbare Panorama der Innenstadt mit

ihren vielen Kirchen, Türmen und historischen Gebäude zu

zeigen. Auch meine Familie in der Herderstraße sucht er

auf und kümmert sich um mein persönliches Ergehen.

Leider gelingt es allen seinen Bemühungen nicht, mich von

der Nazi-Indoktrination in Schule, Jungvolk und Hitlerjugend

abzubringen. Als mein Konfirmationstag bevorsteht,

bin ich bereits innerlich weit von der Kirche entfernt.

Mein Konfirmationstag ist der 23. März 1941, der

Sonntag Judica. Es ist ein regnerischer Tag. Die

Konfirmanden ziehen feierlich schwarz gekleidet

in die Kirche ein. Für mich ist das Ereignis des Tages, daß

ich erstmals einen richtigen Anzug, einen Zweireiher mit

langen Hosen, tragen darf. Bis dahin kannten wir nur kurze

Hosen bei allen Gelegenheiten. Von der Konfirmationsfeier

bleibt mir kein wesentlicher Eindruck zurück bis auf die

Peinlichkeit, daß ich zur Einsegnung am Altar ungewollt

das Gesangbuch mitnehme. Instinktiv empfinde ich diese

Feier nicht als Einsegnung, sondern als Aussegnung. So bekommt

mich die Johanneskirche in den folgenden Jahren

nur selten zu sehen. Zu den Gottesdienstzeiten am Sonntagvormittag

findet ja grundsätzlich der Dienst in der Hitlerjugend

statt. Nur noch selten gehe ich mit der Mutter zur

Kirche; dann vielleicht, wenn aus der Familie oder Nachbarschaft

ein Todesfall bekannt wird. Erschüttert dann,

wenn bei den Kanzelabkündigungen die Namen der gefallenen

Soldaten verlesen werden und die anwesenden Frauen

und Mütter laut aufschluchzen. Durch den Antritt meiner

Lehre bei der Allgemeinen Elektrizitätsgesellschaft

(AEG) und durch das völlige Eingebundensein in die

Jugendorganisation vermisse ich die Kirche überhaupt

nicht. Auch später bei der Einberufung zum Reichsarbeitsdienst

und Wehrdienst habe ich nach ihr kein Verlangen.

Die innere Wandlung erfolgt erst Jahre später in russischer

Kriegsgefangenschaft hinter Stacheldraht

im Hafen-lager Noworossijsk am Schwarzen Meer.

Dort hat sich im Sommer 1947 eine kleine Bibelrunde deutscher

Kriegsgefangener zusammengefunden, zu der ich gestoßen

bin. Hier erfolgt auch meine völlige Umkehr und

Wandlung vom überzeugten Hitlerjungen zum gläubigen

Christen. Darüber berichte ich in meinem Gefangenschaftsbuch

„Die Umkehr” wie folgt: „Die entscheidende

Stunde für mein weiteres Leben schlug an einem schönen

Spätsommerabend, am Dienstag, den 16. September 1947.

Wir hatten uns nach des Tages Arbeit auf einem Rasenfleck

unter dem Wachtturm gelagert. Die Stimmung im Lager

war nicht besonders rosig. Da ergreift Kamerad Karl das

Wort und sagt: „Seht, es weiß keiner von uns, die wir hier

beisammen sind, ob wir unsere Heimat jemals wieder

sehen werden. Aber eines dürfen wir wissen: daß Gottes

ewige Heimat für uns offen steht, ob wir nach Deutschland

zurückkehren oder nicht.” Nach diesen Worten trat tiefes

Schweigen ein. Ich merke, wie uns allen das Gesagte nahe

geht. Doch Karl hat bereits das Herrnhuter Losungsheft zur

Hand genommen, um uns Tageslosung und Lehrtext daraus

vorzulesen, und auch die Kirchenjahreslese aus dem 1. Ti-


BEITRÄGE 182

Emsland an der holländischen Grenze. Im Frühjahr begebe

ich mich nach Ostberlin, um mich dort im Berliner

Missionshaus zum Dienst als evangelischer Pfarrer ausbilden

zu lassen.

Inneres der Johanneskirche

motheusbrief im 6. Kapitel. So kommen wir auch an die

Stelle, wo es heißt: „Du aber, lieber Timotheus, gehörst

Gott und dienst ihm. Laß dich deshalb von den Dingen diesen

Welt nicht gefangen nehmen. Kämpfe den guten Kampf

des Glaubens. Ergreife das ewige Leben...”.

Als Karl so weit gekommen ist, unterbreche ich ihn und

rufe: „Halt, diese Stelle kenne ich. Lies sie bitte noch einmal.”

Und er liest erneut: „Kämpfe den guten Kampf des

Glaubens! Ergreife das ewige Leben, dazu du auch berufen

bist.” In diesem Augenblick fällt es mir wie Schuppen von

den Augen und ich begreife: Hier, meilenweit von der

Heimat entfernt, bekomme ich meinen Konfirmationsspruch

zu hören. Ich hatte ihn längst vergessen, so wie die

Konfirmationsurkunde, die irgendwo in eine Schublade

gewandert war. Aber plötzlich sehe ich die Urkunde wieder

vor mir, geschmückt mit dem mächtigen Kreuz auf dem

Berggipfel und dem Konfirmationsspruch mit der Unterschrift

meines Konfirmators. Nun beginne ich zu ahnen,

daß alles, was hier geschieht, für mich geschieht. Im Jahre

1950 werde ich nach fast fünfjähriger Gefangenschaft entlassen;

aber nicht in meine schlesische Heimat, sondern ins

Meine Konfirmationskirche habe ich bei meiner

ersten Nachkriegsschlesienreise am 21. August

1964 wiedergesehen mit folgendem Erlebnis: ich

sitze still und ganz allein im Kirchenschiff und lausche dem

Orgelspiel einer Nonne. Da erscheint ein Augustiner-

Kapuziner aus der Sakristei, kommt langsam auf mich zu,

begrüßt mich in meiner Muttersprache und fragt, ob ich

mich hier auskennen würde. Ich bedanke mich für seinen

Gruß und antworte: „Ja, ich bin hier in meiner Konfirmationskirche.”

Darauf bittet er mich zu warten und holt

aus der Sakristei ein Foto des Altarraumes der Kirche. Er

überreicht es mir mit strahlenden Augen als eine

Erinnerung an meine Heimatkirche. Ich bedanke mich

gerührt mit den Worten: „Gelobt sei Jesus Christus!” Er

antwortet: “In Ewigkeit. Amen.”

Nun, in diesem Jahr 2010, ist in der Johanneskirche, die

jetzt den Namen „St. Augustinus” trägt, das 100-jährige

Kirchweihjubiläum gefeiert worden. Ich erhielt dazu folgende

Einladung: „Dankbar dem Dreieinigen Gott für die

Gnade des 100-jährigen Jubiläums unserer Parafialkirche

haben wir die Ehre einzuladen Herrn Pfarrer Heinz Lischke

zu den Jubiläumsfeierlichkeiten in den Tagen vom 27.8. bis

29.8.2010. Mit christlichem Gruß, die Gemeinschaft der

Kapuzinerbrüder.” Ich konnte an diesem Jubiläum teilnehmen:

einem ökumenischen Gottesdienst, in dem der evangelische

Bischof Bogusz die Festpredigt, der katholische

Bischof Siemienioewski eine Ansprache hielt. Der

Gottesdienst war zweisprachig. In einem sich anschließenden

Symposium zum Thema „Eine Kirche mit zwei

Traditionen” durfte ich ein Grußwort sprechen und von

meiner persönlichen Bindung an dieses Gotteshaus dankbar

erzählen. (Fotos aus: Der Evangelische Kirchbau

Schlesiens ..., Breslau, 1926)


„Eurowaisen”

Ein Tagungsbericht

DR. HANS-HENNING NEß

„Die Ukraine zwischen Europäischer Union und Russland”

lautete das Thema der Jahrestagung der Evangelischen

Gesellschaft für Ost-West-Begegnung e.V. (EGB). Sie fand

vom 17.-19.9.2010 in Heilbad Heiligenstadt statt und führte

fast 60 Teilnehmende und Mitwirkende zusammen:

Interessierte aus ganz Deutschland, Gastreferenten aus der

Ukraine, Osteuropafachleute, ukrainische Studierende an

deutschen Hochschulen, deutsche Aussiedler aus der

Ukraine, die z. Zt. Teilnehmer an Integrationskursen im

Grenzdurchgangslager Friedland sind, Lehrer und Studierende

aus Polen, dem unmittelbaren westlichen Nachbarn

der Ukraine, Mitarbeiter aus kirchlichen und kommunalen

deutsch-ukrainischen Partnerschaften. Als anregendes Beispiel

für die Vielfalt der Möglichkeiten partnerschaftlicher

Zusammenarbeit erwies sich die Partnerschaft zwischen

Bochum und Donezk, der Millionenstadt in der östlichen

Ukraine, über die Pfarrer Manfred W. Schmidt, Vorsitzender

des „Freundeskreises Bochum – Donezk e.V.” berichtete.

In fruchtbarer Zusammenarbeit zwischen den Kommunen

– ab 1987 gibt es eine offizielle Städtepartnerschaft –

wurden Kirchengemeinden und Kirchenkreis Bochum aktiv

mit Transporten humanitärer Hilfe, Unterstützung der

1994 gegründeten Deutschen Evang.-Luth. Gemeinde

Donezk, Besuchen von Internaten, Kinder- und Altenhei-


183

BEITRÄGE

men, Kontakten zum „Verband ehemaliger Zwangsarbeiter”,

gegenseitigen Einladungen von Gemeindegruppen.

Ein bemerkenswertes Projekt im sozialen Bereich erwuchs

daraus, daß die Besucher aus Bochum immer wieder

die schwierige Situation alter und behinderter Menschen

erlebten, die v. a. pflegerisch unversorgt blieben. In Zusammenarbeit

mit deutschen Altenpflegeschulen wurde ein

Konzept für ein halbjährliches Altenpflegeseminar entwikkelt

und inzwischen zweimal für kirchliche und kommunale

Kursteilnehmer durchgeführt, finanziert vom Diakonischen

Werk/Aktion „Hoffnung für Osteuropa”, der Stiftung

„Erinnerung, Verantwortung, Zukunft” und dem

„Freundeskreis Bochum – Donezk e.V.”. Letzterer ist auch

Mit-Initiator einer Diakonie-/Sozialstation.

Die Dringlichkeit und die Bedeutung solchen Einsatzes

von kirchlichen und kommunalen Partnern in Deutschland

wurde durch den Bericht von Andrej Waskowycz,

Präsident der Caritas Ukraine, deutlich, der hoch kompetent

und engagiert die soziale Situation darstellte. Die

gesellschaftlichen und sozialen Probleme der Ukraine sind

gravierend: Die Caritas schätzt die Zahl der Arbeitsmigranten

auf derzeit etwa 4,5 Millionen – überwiegend Frauen,

die in den Ländern Südeuropas in Privathaushalten, in der

Pflege oder in der Gastronomie arbeiten. Die Kinder (sog.

“Eurowaisen”) und die pflegebedürftigen Alten bleiben

zurück. Es gibt kaum Einrichtungen, die hier Abhilfe schaffen,

die staatlichen Strukturen sind bislang weitgehend

ineffizient und korrupt. Nach einer Schätzung aus dem Jahr

2003 gibt es in der Ukraine ungefähr 120.000 Straßenkinder.

Viele von ihnen sind abhängig von Lösungsmitteln,

von Alkohol und anderen Drogen. Kriminalität, Prostitution

und Frauenhandel sind weit verbreitet. AIDS ist ein

weiteres großes Problem in der Ukraine: Nach offiziellen

Angaben sind 120.000 Menschen mit AIDS infiziert, seriöse

Schätzungen gehen von 500.000 und mehr infizierten

Menschen aus. Die weltweit höchste Infektionsrate liegt

nicht weit weg in einem Staat der „Dritten Welt”, sondern

in Europa: in der Ukraine.

Einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Ukraine

leistete Dr. Rudolf A. Mark von der Helmut-Schmidt-Universität

Hamburg mit seiner Einführung in die Geschichte,

in der die Ukraine „relativ selten selbständige eigenstaatliche

Strukturen” besessen hat, überwiegend „gehörte ihr

Territorium zur polnischen Rzeczpospolita und zum Russländischen

Reich”. Für die Ukraine war „territoriale Fragmentierung”

typisch mit Folgen, die „auch in der Gegenwart

noch erkennbar und praktisch wirkmächtig” sind: Ostund

Westukraine, Krim, Karpatho-Ukraine. Erstmals 1945

wurden „alle von Ukrainern bewohnten Territorien” in

einem erst seit 1991 unabhängigen Staat vereinigt.

Auch die „Situation der christlichen Kirchen in der

Ukraine”, über die Uland Spahlinger berichtete, Bischof

der Deutschen Evang.-Lutherischen Kirche in der Ukraine

(DELKU), erklärt sich zum Teil aus der Geschichte. Mit

über 11.900 Gemeinden ist die „Ukrainische Orthodoxe

Kirche - Moskauer Patriarchat” am stärksten; hier wirkt die

Zugehörigkeit der Ukraine zum Zarenreich und zur

„Russischen Orthodoxen Kirche” weiter. Nach Erringung

der politischen Selbstständigkeit der Ukraine hat sich ein

„Kiewer Patriarchat” mit einer von Moskau unabhängigen

orthodoxen Kirche gegründet. Die „Ukrainische Griechisch-Katholische

Kirche” (Anerkennung des Papstes als

Kirchenoberhaupt, Beibehaltung des orthodoxen Ritus) ist

v.a. in der West-Ukraine stark, die geschichtlich teilweise

zum katholisch geprägten Polen gehörte. Die „Deutsche

Evangelisch-Lutherische Kirche in der Ukraine (DELKU)”

konnte 1992 neu gegründet werden. Zu ihr gehören 35

Gemeinden mit ca. 3000 Gemeindemitgliedern. Nach Umsiedlung

oder Deportationen der Deutschen vor dem oder

während des Zweiten Weltkriegs und nach einer starken

Aussiedlung nach Deutschland in den letzten zwanzig

Jahren lebt nur noch eine kleine deutsche Minderheit in der

Ukraine, so daß es nur in Großstädten stärkere Gemeinden

gibt. Die Gottesdienste werden meist zweisprachig

(Deutsch und Russisch oder Ukrainisch) gehalten.

Nach dem Regierungswechsel in der Ukraine in diesem

Jahr waren die Tagungsteilnehmer besonders gespannt auf

den Beitrag des Gesandten Dr. Mykola Baltazhy, der als

offizieller Vertreter der Ukraine zum Thema „Politik,

Wirtschaft und Gesellschaft der Ukraine seit der Unabhängigkeit”

sprach. Er begann mit der Versicherung, daß unter

dem neuen Präsidenten Janukowitsch, der durch die Wahl

2010 ein klares Mandat erhalten habe, die „demokratischen

Errungenschaften bleiben”. Auch bleibe der Beitritt zur

Europäischen Union das Ziel der Außenpolitik der Ukraine.

Die Beziehungen zur EU hätten „Priorität”, weshalb der

Präsident seine erste Auslandsreise nach Brüssel unternommen

habe. Die Ukraine sei ein europäischer Staat.

Im Schul- und Bildungssystem, so berichtete Mag. Yanna

Movchan, Sprachlehrerin und z.Zt. Doktorandin an der

Universität Kiel, wird die Anpassung an westeuropäische

Standards („Bologna”) angestrebt. Die Unterrichtssprache

wurde von Russisch auf Ukrainisch umgestellt. Inzwischen

entstandene Kindergärten und Schulen in privater Trägerschaft

bieten zusätzlich Leistungen (z.B. Sprachkurse),

sind aber so teuer, daß höhere Bildung teilweise zu einer

Frage des Geldes wird.

In der evang. St. Martin-Kirche in Heiligenstadt feierten

die Tagungsteilnehmer zusammen mit Gemeindemitgliedern

der Ortsgemeinde einen Gottesdienst. Bischof Spahlinger

aus Odessa predigte über das Bibelwort „Gott hat

uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft

und der Liebe und der Besonnenheit”; damit erinnerte er an

die entscheidende Voraussetzung allen Wirkens aus christlicher

Verantwortung in der Ukraine und für die Ukraine.

Im Rückblick auf die Tagung zeichnen sich drei „Ergebnisse”

ab: die Hoffnung – formuliert von einem ukrainischen

Gast – , die Zivilgesellschaft der Ukraine werde es

sich nicht gefallen lassen, daß Kräfte der jetzigen Regierung

versuchen, das Rad der Geschichte zurückzudrehen,

die Einsicht, daß die Ukraine materielle und ideelle

Unterstützung aus dem Ausland braucht, und schließlich

das konkrete Vorhaben der Evang. Gesellschaft für Ost-

West-Begegnung, 2011 zu einer Begegnungsreise in die

Ukraine einzuladen.


60 Jahre

Dezember

Der Ahle Jusuf

Ein Weihnachtsbild aus dem schlesischen Volksleben


185

60 JAHRE GEMEINSCHAFT EVANGELISCHER SCHLESIER

Mit dem Abdruck dieser Beiträge aus der Dezemberausgabe 1950

endet die Rückschau auf den 1. Jahrgang des „Gottesfreundes”.


EMPFEHLUNGEN 186

Identität - Aufgabe - Segen

Christian-Erdmann Schott

Schicksal und Geschichte.

Zum Weg der evangelischen Schlesier nach 1945.

[Eine Textsammlung].

LIT-Verlag Berlin 2010, 274 Seiten.

ISBN 978-3-643-10934-7; 29,90 Euro.

Es ist wohl zuerst ein Geburtstagsgeschenk. Zum 60.,

da ist man (zumeist) noch rüstig, da kann man noch

manches tun und bewegen, und das auf dem Fundament,

mit der Erfahrung eben dieser sechs Jahrzehnte. 60

Jahre Gemeinschaft evangelischer Schlesier.

Keine Angst vor dem Buchtitel! Christian-Erdmann

Schott legt keine gelehrte philosophische Abhandlung vor,

geschrieben (nur) für entsprechend (vor-) gebildete Leute.

Er denkt nach, klug, präzise, auf gutem historischen und

theologischem Fundament, aber er tut es so, wie die

Gemeinschaft evangelischer Schlesier ihn kennt und eben

deshalb zu ungezählten Versammlungen und Zusammenkünften

gerne einlädt und hört, weil er alles immer so sagen

kann, daß es „jedermann” verständlich ist. Und doch

immer Nachdenklichkeit hat, Tiefgang und – vielleicht das

Wichtigste: weil so viel Mutmachendes für Gegenwart und

Zukunft darin ist. Und eben nicht nur für evangelische

Schlesier, nicht nur für Schlesier, nicht nur für Vertriebene,

sondern für alle, die nicht mit der Scheuklappe herumlaufen,

daß alles, was aus dieser „Ecke” kommt, nur rückwärtsgewandt

sein könne, überholt und überflüssig. Nein,

sagt er mutmachend: „die ehemals armen Flüchtlinge und

Vertriebenen sind inzwischen reicher als die, denen dieses

Schicksal erspart geblieben sind; reicher nicht im materiellen,

sondern im existentiellen Sinn, weil sie noch weit weg

von ihren jetzigen Wohnorten ein anderes Land kennen und

lieben: ein Land, das zu ihrem Leben dazugehört, das sie

nicht vergessen, sonder immer wieder aufsuchen und im

Rahmen ihrer Möglichkeiten im Geist der Völkerverständigung

unterstützen und fördern ... Daß es gelungen ist,

sich von der Trauer über die leidvollen Erfahrungen der

Nachkriegszeit zu lösen und sich nicht verbittern oder lähmen

zu lassen, sondern umgekehrt in der neuen Umgebung

wie in der alten Heimat an einer positiven Gestaltung der

Zukunft mitzuarbeiten, zeigt, welche Kraft der Glaube hier

freigesetzt hat. Diese Kraft bedeutet Heilung und Hoffnung

für die Kirchen, für Europa und nicht zuletzt für die

Betroffenen selbst.”

Was bietet dieses Buch? Sein Untertitel sagt es. Es sind

Berichte, Reflektionen und Ermutigungen „zum Weg der

evangelischen Schlesier nach 1945”. Es ist eine Sammlung

von 32 Texten sehr verschiedenen Charakters, Vorträge,

Predigten, Lebensbilder, Kommentare, Andachten, Grußworte:

Historische Wurzeln, gegenwärtige Aufgaben,

zukunftsorientierte Weisungen. Ein Buch, das “uns” evangelischen

Schlesiern in unserer Gemeinschaft hilft, uns

selber besser zu verstehen und zu motivieren; ein Buch, das

„anderen”, wenn sie es denn lesen sollten, helfen kann, das

in der weiteren Öffentlichkeit oft so verkürzte und verzerrte

Bild der „Vertriebenen” zu korrigieren. Wir sollten es

uns selber schenken und es weiterschenken. Jedenfalls:

keine Angst vor dem Buchtitel. Es ist alles konkret und

praktisch. Und kann textweise gelesen und bedacht werden.

– „Schlesien bedeutet für mich: Identität – Aufgabe –

Segen” (Christian-Erdmann Schott; Seite 262).

Dietmar Neß

Väter, Mütter, Weggefährten

„Väter, Mütter, Weggefährten” Lebensbilder

60 Jahre (1950 - 2010) Gemeinschaft

ev. Schlesier (Hilfskomitee) e.V.,

Hg. Christian-Erdmann Schott

Bergstadtverlag Wilhelm Gottlieb Korn GmbH,

Würzburg 2010, ISBN 978-3-87057-319-5

Vor kurzem feierte die Gemeinschaft ev. Schlesier ihr

60-jähriges Bestehen. So ein Jubiläum ist der beste

Anlaß, zurückzuschauen, sich seiner eigenen

Geschichte bewußt zu werden.

Geschichte besteht aus Geschichten, Biographien,

Lebensbildern. Solche Lebensbilder hat Christian-Erdmann

Schott in seinem Buch „Väter, Mütter, Lebensgefährten”

zusammengestellt und damit einen, im wahrsten

Sinne des Wortes sehr persönlichen und facettenreichen

Überblick über die Geschichte der Gemeinschaft gegeben.

Aber nicht nur die Geschichte der Gemeinschaft spiegelt

sich in den Lebensbildern wider, sondern viele von ihnen

sind zugleich bewegende Zeugnisse der jüngeren schlesischen

Kirchengeschichte. Beispielhaft seien hier zwei Auszüge

aus dem Buch wiedergegeben:

Karl Bohla

„Goldene Hochzeit eines im Dienst der

schlesischen Kirche bewährten „Laien”:

Am 4. Februar feierte bei seinem Sohn in Bad Oynhausen

Kreisbürodirektor i. R. Karl Bohla aus Breslau, jetzt in

Herford, mit seiner Gattin das Fest der goldenen Hochzeit.

Bürodirektor Bohla hat als preußischer Beamter in der

kommunalen Verwaltung, zuletzt in der Leitung des Kreises

Namslau, Jahrzehnte der Allgemeinheit gedient, bis er

durch die im nationalsozialistischen Staat an ihn gestellten

Aufgaben, die er mit seinem Gewissen nicht verantworten

konnte und wollte, aus seinem Amt gedrängt wurde. In seinem

frühzeitigen Ruhestande hat er als bewußter ev. Christ

seine vielseitigen Kenntnisse und seine ganze Kraft der

Kirche, und zwar, wie es nach seiner beruflichen Entscheidung

nicht anders sein konnte, der Bekennenden Kirche zur

Verfügung gestellt. Bürodirektor Bohla ist es zu danken,

dass die Bekennende Kirche Schlesiens trotz aller

Verfolgung durch den Staat und in aller notwendigen Verborgenheit

bis 1945 ein völlig geordnetes, allen Ansprü-


187

EMPFEHLUNGEN

chen einer öffentlichen Verwaltung genügendes Finanzund

Kassenwesen aufzuweisen hatte. Was das bedeutet,

läßt sich ahnen, wenn man bedenkt, daß durch all die Jahre

hindurch 50 und mehr in Schlesien tätige junge

Hilfsprediger und Pastoren, zum Teil schon mit Familien,

ausschließlich aus Kollekten und Opfern von Gemeindegliedern

zu besolden waren. Da die Geistlichen der

Bekennenden Kirche keinen Anspruch auf Altersversorgung

hatten, hat Direktor Bohla dafür Sorge getragen, daß

diese Pastoren bzw. Ihre Familien – viele von ihnen sind im

Kriege gefallen – und zwar nicht nur die schlesischen, sondern

mehrere Hundert aus allen preußischen Provinzen auf

dem Versicherungswege so weit als möglich versorgt wurden.

Pastor Rutz

Einer der letzten Briefe von Pator Rutz † an einen Lektor,

der nun in Westdeutschland ist

Swidnica (Schweidnitz), den 23.7.1957

Lieber Vatel Hörnig!

Zum Gruß die Jahreslosung Ps. 119, 23 und 1. Joh. 25.

Freilich, das soll uns auch wieder und wieder zur Verantwortung

ziehen und Verpflichtung sein in unserem Leben.

Wie gern möchte ich mit allen, die so von uns gingen, auf

ein paar Stunden zusammenstehen und plaudern. Jetzt ist ja

schon die viele Post bald nicht mehr zu erledigen. Mancher

von Ihnen da draußen wird denken, jetzt denkt der Pastor

nicht mehr an uns. O nein, aber Gott der Herr hat doch auch

unserer Kraft Schranken gesetzt und manchmal geht es

nicht mehr weiter. Sehen Sie, Sie müssen in Bamberg

Trümmer beseitigen, und bei uns bricht alles zusammen,

die Häuser, die Gemeinden und auch der Pastor. Völlig aufgelöst

haben sich inzwischen vier Gemeinden, im Auflösen

sind weitere begriffen. Seiferdau, Frauenhain, Niedergiersdorf

und Peterwitz sind nicht mehr, Reichenbach, Langenbielau,

Altheide und Schlegel sind nahe dran. Jetzt beginnt

auch Jauer kleiner zu werden. Sie werden ja wohl erfahren

haben, wie viele fort sind, auch von den Dörfern. In Malitsch

und Jauer sind noch Gottesdienste, auch noch verhältnismäßig

gut besucht, aber es wird weniger und weniger.

In Jauer waren jetzt nur noch 100 Besucher, zumal ja

Reppersdorf, Langhellwigsdorf, Wederau usw. jetzt an der

Reihe sind. Zobel ist auch fort, Hutters usw. ...–

Aber das Buch „Väter, Mütter, Weggefährten” ist mehr

als eine Sammlung von Würdigungen verdienter evangelischer

Schlesier. Als einfühlsamer Seelsorger zeigt Dr.

Schott in seinem letzten Kapitel auf, welche Trauerarbeit

von den Schlesiern geleistet wurde und immer noch geleistet

wird, welche heilsame Kraft die Besuche in der alten

Heimat entwickeln können, und wie wichtig es ist, die

Erinnerung an die deutsche Vergangenheit in Schlesien zu

sichern – nicht nur in schriftlichen Würdigungen in Buchform

sondern vor Ort in der alten Heimat mit Gedenktafeln

und anderen sichtbaren Zeichen der Erinnerung. Solche

Zeichen sind ebenfalls Lebensbilder so wie die Würdigungen

in diesem Buch.

(MK)

Worum sich`s dreht

Worum sich`s dreht.

Lyrik und Prosa für Advent und Weihnachten.

Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2010.

113 Seiten, 9,50 Euro.

ISBN: 978-3-86901-801-0

Nun haben wir sie schon 50 Jahre, eine echte erzgebirgische

Pyramide aus Seiffen, die damals mehr

als 50 DDR-Mark kostete und nur durch Beziehungen

zu haben war. Sie hat seither erst unseren Kindern

große Freude bereitet und später vielen Menschen aus aller

Welt. Gäste aus der alten Bundesrepublik baten uns immer

wieder, ihnen auch so eine Weihnachtspyramide zu besorgen.

Was ist nun das Besondere an ihr, und wann ist sie

wirklich echt?

Es gibt drei Sorten: die erste, die sich auch zu DDR-

Zeiten eingebürgert hatte, mit Tieren, Bäumen,

Förstern und Waldarbeitern, die auf den drei Etagen

der Pyramide aufgestellt waren und sich hurtig im Kreise

drehten – leider um nichts oder nur um die eigene Achse.

Die zweite Sorte war schon besser: da gab es unter anderem

auch Maria mit dem Krippenkind, Josef, den Engel, die

Hirten, vielleicht sogar die drei Könige. Aber alle waren

auf den drei Etagen aufgebaut und marschierten immer

hübsch im Kreis herum. Dabei dachte ich immer: „So ist


VERANSTALTUNGEN 188

das bei den meisten Menschen! Weihnachten wird alles

mitgenommen, auch die Geschichte von der Geburt Jesu.

Aber wieder dreht sich alles um nichts. Was dabei herauskommt,

ist lediglich Hektik. Das ist noch nicht das wahre

Weihnachten!”

Auf unserer Pyramide ist in der Mitte eine feste Scheibe.

Darauf steht die Krippe mit dem Kinde Jesus und mit seiner

Mutter Maria, und Josef steht daneben. Sie stehen fest, aber

auf den drei Etagen befinden sich die Hir-ten mit ihren

Schafen, die drei Weisen aus dem Morgenland, und dann erst

kommen Kinder, Waldtiere, Weihnachts-bäume, der Förster,

die Waldarbeiter und andere Gestalten. Sie wandern alle um

die feststehende Mitte herum, ja nicht zu schnell. Sie wissen

also, worum sich`s dreht.

Zu Weihnachten gehört in die Mitte das uns von Gott

geschenkte Kind in der Krippe. Die Erzgebirgler wissen

das von eh und je und wollten das mit ihren Pyramiden zum

Ausdruck bringen. Gott sei Dank! Von dieser Mitte her

bekommt alles seine Ordnung.

Diese kleine Betrachtung haben wir mit freundlicher

Erlaubnis einem zweiten kleinen Heftchen weihnachtlicher

Texte entnommen, das Pfarrer Reinhard Leue, jetzt im

Ruhestand in Rothenburg/Neiße, geschrieben hat. (-ß)

Schneekoppe, Bleistiftskizze um 1926, sign. R.N. (Schülerarbeit)

EVANGELISCHE GOTTESDIENSTE

IN DEUTSCHER SPRACHE IN SCHLESIEN

Pfarramt:

ul. Partyzantów 60, PL 51-675 Wroc³aw,

Pfarrer Andrzey Fober, Tel.: 0048-71-34 84 598

Breslau: Christophorikirche

jeden Sonntag, 10 Uhr, pl. Œw. Krzyzstofa 1

Lauban: Frauenkirche

jeder 2. Sonnabend, jeder 4. Sonntag im Monat,

10 Uhr, aleja Kombatantów 2a

Liegnitz: Liebfrauenkirche

jeder 1. und 3. Sonntag im Monat, 13 Uhr, pl. Mariacki 1

Schweidnitz: Friedenskirche

jeder 4. Sonnabend im Monat, 9 Uhr, pl. Pokoju 6

Waldenburg:

jeder 2. Sonntag im Monat, 9 Uhr

in der Erlöserkirche, pl. Koœcielny 4

Bad Warmbrunn: Erlöserkirche

pl. Piastowski 18

jeder 2. Sonnabend im Monat 14 Uhr

jeder 4. Sonntag im Monat 14 Uhr

Jauer: Friedenskirche

auf Anfrage:

Park Pokoju 2, 59-400 Jawor

Tel. (+48 76) 870 51 45, Fax (+48 76) 870 32 73

e-mail: jawor@luteranie.pl

VERANSTALTUNGSKALENDER

DER GEMEINSCHAFT EVANGELISCHER SCHLESIER

München

Die Gemeinschaft evangelischer Schlesier im Raum München in

Zusammenarbeit mit dem Haus des Deutschen Ostens lädt ein zu

einem Adventsgottesdienst am 2. Adventssonntag, den 5. Dezember

2010 um 14.30 Uhr in der evg. Magdalenenkirche,

München-Moosach, Ohlauer Straße 16 (Nähe S-Bahnhof Moosach).

Der Gottesdienst wird mit Heiligem Abendmahl nach der alten

schlesischen Liturgie gefeiert. Prediger ist dieses Jahr Dekan i. R.

Dr. Klaus Leder, Feuchtwangen. Er wird im Anschluß einen kurzen

Vortrag halten zum Thema: Was ich meinen Kindern in Schlesien

zeigen möchte (mit Lichtbildern).

Danach gibt es Kaffee und Kuchen und Beiträge in schlesischer

Mundart im Gemeindesaal.

Stuttgart

Gottesdienstnach schlesischer Liturgie

mit Feier des Heiligen Abendmahls

Sonntag, 26. Dezember/2. Weihnachtsfeiertag

14.30 Uhr in der Schloßkirche.

Ulm

Gottesdienst mit Feier des Hl. Abendmahls

Sonntag, 5. Dezember/2. Advent

in der Auferstehungskirche in Ulm-Böfingen.

Anschließend Zusammensein.


ZUR ADVENTSZEIT

190

Ich klopfe an ...

Es ist Adventszeit, Vorweihnachtszeit, wie heute gern

gesagt wird. Es ist in jedem Fall eine besondere Zeit.

Daher ist die Titelseite – es wird den Lesern aufgefallen

sein – auch in besonderer Weise gestaltet.

Das Glasfenster, dessen Fotographie uns Frau Morlock-Gulitz

zu Verfügung stellte, befindet sich in der

Kirche von Lohsa, einem sorbischen Dorf im Kirchenkreis

Hoyerswerda. Der dortigen Kirchengemeinde gilt unser besonderer

Dank für die freundliche Abdruckgenehmigung.

„Siehe ich stehe vor der Thür und klopfe an. Offb.

Joh.3.20” lautet die vollständige Inschrift unter der

Jesusdarstellung. Im „Schlesischen Provinzial-Gesangbuch”

(1915) findet sich das nebenstehend abgebildete

geistliche Volkslied. Fast schon in Vergessenheit geraten,

wollen wir es auf dieser Adventsseite gern wieder in

Erinnerung bringen.

(ANN)

Für den Gabentisch

Der Film „Häuser des Herrn. Kirchengeschichten aus

Niederschlesien“ ist als DVD bei der Gesellschaft für

interregionalen Kulturaustausch (Oranienstr. 168, 10999

Berlin) oder im Buchhandel erhältlich.

Preis: 19,80 Euro

ISBN 978-3-9809767-4-9

Leser des „Gottesfreundes” können den Film jedoch

auch über die Geschäftstelle in Porta Westfalica (Anschrift:

s. Impressum) oder die Stiftung Evangelisches

Schlesien (Anschrift: s. u.) beziehen.

Weihnachtsrätsel

Maria mit dem Jesuskind, sitzend auf einem Esel, den der

besorgte Joseph am Zaumzeug führt. Es ist ein nachweihnachtliches

Motiv und jedem wohlbekannt: die

Flucht nach Ägypten. Aber sie müssen die gefahrvolle

Reise nicht allein machen. Zu ihnen haben sich zahlreiche

Weggefährten gesellt, die sie mit Rat und Tat begleiten.

Aber wer sind sie? Wer ist da auf den Baum geklettert,

wer ist die hübsche junge Frau mit den Ähren im

Arm, wer singt ein Lied zur Harfe, wer trägt da trotz seines

hohen Alters zwei Steintafeln mit sich herum, wer ist

der unbekleidete Mann, der versonnen seinen angebissenen

Apfel beäugt und worauf verweist die Taube mit dem

grünen Zweig im Schnabel? Finden Sie es heraus, die

Bibel Alten und Neuen Testaments weiß die Antworten.

Z

Stiftung Evangelisches Schlesien

Schlaurother Straße 11

02827 Görlitz

Kennwort: Weihnachtsrätsel 2010

S

M

I

Das gesuchte Lösungswort ergibt sich aus den Buchstaben

in den dunkelgrau markierten Feldern.

S

T

Einsendeschluß: 14. Januar 2011

H


WEIHNACHTSRÄTSEL


Der Hingucker

Kein Krippenspiel in der Christvesper, Heiligabend.

Als vor einigen Jahren einmal in einer Gemeinde

die Jahrzehnte alte Tradition gebrochen wurde, gab

es eine Rebellion. Recht hatte die Gemeinde!, obgleich sie

wohl gar nicht wußte, wie recht sie hatte. Ihr das

Krippenspiel vorzuenthalten, hieß doch, ihr die Möglichkeit

zu nehmen, den Weg nach Bethlehem nach- und mitzugehen,

den damals die Hirten gegangen sind: „Und sie kamen

eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in

der Krippe liegen.” Und wer diesen Weg nicht geht und

dieses Ziel nicht findet, verfehlt Weihnachten.

Nein, ein „Hingucker” ist unser Weihnachtsbild auf dieser

Seite wohl kaum: das Motiv tausend Mal gesehen, die

Darstellung fast primitiv zu nennen, kein Anhaltspunkt für

tiefsinnige Betrachtungen und Interpretationen. Eben nur

das, was damals die Hirten sahen: Maria und Josef, dazu

das Kind. Einfache Leute. Mehr nicht. Allerdings: das

Wesentliche. Das Wichtigste.

Kein Hingucker. Haben Sie länger als drei Sekunden

dieses Bild beschaut? Das Wesentliche von Weihnachten

gesehen? Das wichtigste erkannt? Und wieder neu angenommen,

in Ihr Herz und Ihren Glauben hinein? “Und sie

kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das

Kind in der Krippe liegend.” Gucken Sie doch noch einmal.

Auch wenn Sie vielleicht sagen, daß das Bild gar nicht

“schön” ist. Das Bild ist in einer Ausstellung des Schlesischen

Museums in Görlitz zu sehen und dem Katalog entnommen.

Was bieten Ausstellung und Katalog? Sie dokumentieren

– vollständig! – eine Privatsammlung aus einem sehr

begrenzten Gebiet schlesischer Volkskunde und Volkskunst:

Hinterglasmalerei. Auch der geographische Raum ist

klein: der „Herrgottswinkel” Schlesiens, die Grafschaft

Glatz also, und dort noch einmal überwiegend ein einziges

Dorf: Kaiserswalde, ganz an der Grenze Böhmens. Und

man staunt, daß in den Nachkriegsjahrzehnten ein einziges

engagiertes Ehepaar das alles zusammentragen konnte.

Einhundertsechsundzwanzig Bildtafeln: bis auf eine

einzige Ausnahme religiöse Motive: 2 x Weihnachten, 2 x

Flucht nach Ägypten, je 1 x Einzug in Jerusalem und

Abendmahl, mehrere Kreuzigungs- und Grablegungsmotive,

merkwürdigerweise kein Oster- und kein Pfingstbild;

der Jesusknabe, die Gottesmutter Maria, Heilige Dreifaltigkeit,

vor allem viele, viele Heiligenbilder. Die Grafschaft

Glatz war nun einmal tief geprägt von katholischer Volksfrömmigkeit.

Und das ist eigentlich das einzige, was ich an diesem so

hervorragend gearbeiteten Katalog vermisse: außer einer

Erwähnung dieser Dimension der Bilder in einem einzigen

Satz bietet der Katalog auch nicht ansatzweise den Versuch,

nicht einmal einen Hinweis zum Verständnis dieses

doch ursprünglichen Sinnes jener Volkskunst, jener Bilder

als Andachtsbilder im Herrgottswinkel der Hütten und

Häuser, als Ausdruck gelebter Frömmigkeit, schlichten

aber sehr anschaulichen (katholischen) Glaubens. Anders

gesagt: diese Bilder waren alle einmal „Hingucker” in

jenem Sinn, den ich eingangs beschrieb: indem ich vor das

Bild trete, trete ich vor meinen Gott, und so lange bin ich

allem anderen, ´Weltlichen`, abgewandt. Das zu vermitteln,

ist sicher schwer und vielleicht auch nicht Aufgabe einer

solchen Präsentation in Ausstellung und Katalog; aber der

Hinweis sei mir gestattet und hätte sicher auch dem Buch

nicht geschadet. Dietmar Neß

Ausstellung im Schlesischen Museum Görlitz

Heilige auf Glas. Hinterglasbilder aus der Grafschaft

Glatz in Schlesien. Sammlung Heidi und Fritz Helle.

30.10.2010 – 27.2.2011.

Ausstellungskatalog:

Heidi und Fritz Helle, Martin Kügler: Heilige auf Glas.

Schlesisches Museum zu Görlitz. 180 Seiten,

126 zumeist ganzseitige Abbildungen, alle in Farbe.

Einführung zweisprachig deutsch-polnisch.

19,80 Euro.

ISBN 978-3-9813510-4-0

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