Seidenhuhn - Tierparkfreunde Hellabrunn eV

tierparkfreunde.de

Seidenhuhn - Tierparkfreunde Hellabrunn eV

LÖHLEINS TIERLEBEN 13

Seidenhuhn

Gallus gallus f. domestica

Verbreitung: weltweit, Ursprung der Rasse in Ostasien Lebensraum: in Menschenhand

Nahrung: Körner und Sämereien, daneben Insekten und andere Wirbellose Besonderheiten:

nicht flugfähig, sehr alte Hühnerrasse, Seidengefieder durch besondere Feder-

struktur, an der Außenseite der Läufe sowie an der äußeren Zehe kurze Befiederung

Alter: ca. 15 bis 20 Jahre Lebensweise: Gemeinschaftstiere mit fester Rangordnung, Re-

vier bewohnend Bestand: häufig Hellabrunner Seidenhühner: 7 noch recht junge

Hühner. 2 Hähne und 5 Hennen.


14 LÖHLEINS TIERLEBEN

HAUSTIERE

gehören genauso wie Wildtiere

zum Erscheinungsbild eines

Zoos. In Hellabrunn werden im

so genannten Kindertierpark

unterschiedlichste Haustierrassen

gezeigt. So wird dem Besucher

auf anschauliche Art verdeutlicht,

zu welch vielfältigen

Rassemerkmalen, Leistungen und

Nutzungsarten die Domestikation

aus nur einer Wildform durch den

Menschen führt.

Ein Beispiel dafür sind die Hühner. Wildform

ist das in Südostasien bis Südchina

beheimatete Bankivahuhn. Besonders

gute Kenntnisse über die Haustierwerdung

des Huhns haben wir nicht, da

Knochenfunde von Hühnern oft einen

hohen Zertrümmerungsgrad aufweisen,

sodass die Bestimmung oft schwierig ist.

Bessere Aufschlüsse geben kulturgeschichtliche

Daten. Demnach entstand

das Haushuhn vor etwa 4500 Jahren im

Indusgebiet. Möglicherweise gab es in

Südchina sogar noch früher Haushühner.

Vor etwa 3500 Jahren wurde es in Ägypten

eingeführt und um die 2500 Jahren

ist es her, dass sich die Haltung von

Haushühnern über den ganzen alten

Orient durchsetzte und auch nördlich

der Alpen Hühner gehalten wurden.

Erst sehr viel später begann die Rassezüchtung

bei Haushühnern. Besonderes

Augenmerk wurde auf Farbe, Körperform

und Verhaltensweisen gelegt. Eine

der sehr alten Rassen ist das Seidenhuhn.

Eindeutige Beschreibungen von Marco

Polo belegen, dass die Rasse schon im

13. Jahrhundert in Ostasien zu finden

war. Und zumindest Vorläufer der heutigen

Seidenhühner müssen bereits erheblich

früher existiert haben, denn schon

der griechische Philosoph Aristoteles

(384-322 v. Chr.) erwähnte schwarze und

weiße Hühner mit „Katzenhaar" aus

dem Reich von Mangi, dem heutigen

China. Von dort gelangte das Seidenhuhn

im 18. Jahrhundert über Dänemark

nach Europa, wo es wegen seiner aparten

Schönheit viele Freunde fand. An-

geblich wurde es aufgrund des ungewöhnlichen

Gefieders sogar als Kreuzung

zwischen Huhn und Kaninchen angepriesen.

Das seidige, haarähnliche Aussehen des

Gefieders entsteht durch das Fehlen der

Häkchen an den Federstrahlen, denen

dadurch der Zusammenhalt fehlt. Der

Rassestandard schreibt unter anderem

auch die Ausbildung einer Haube vor, die

bei den Hellabrunner Seidenhühnern gelegentlich

so über die Augen hängt, dass

die Tierpfleger das Pony mit der Friseurschere

zurückstutzen müssen. Andernfalls

kann es schon mal sein, dass eines

der Seidenhühner einen Türpfosten

übersieht.

Die besondere Struktur der Federn ist

auch dafür verantwortlich, dass Seidenhühner

mehr oder weniger flugunfähig

sind. Die niedrige Holzbegrenzung ihres

Hellabrunner Geheges ist deshalb ausreichend,

ein Ausbrechen zu verhindern.

Dies ist bei reviertreuen Hühnern aber

ohnehin kein großes Problem. Das größere

Problem ist das Einbrechen unerwünschter

Gäste wie Marder oder Fuchs.

Und deshalb verbringen die Hellabrunner

Seidenhühner die Nächte im geschlossenen

Stall.

Eine weitere Besonderheit des weißen

japanischen Seidenhuhns ist die Färbung.

Während die Federn weiß sind, ist das

Innere des Körpers (Haut, Muskulatur,

Knochenhaut) schwarz gefärbt. An

Kamm, Ohrscheibe und Schnabel kann

man dies gut sehen. Die Ursache dafür

ist ein dominantes Gen, das dafür sorgt,

dass die Pigmentzellen aus den beiden

Entstehungszentren in Kopf- und Steißregion

nur das Bindegewebe, nicht aber

die Federn versorgen

Seidenhühner gehören zu den so genannten

Zierrassen. Erst sehr viel später als

diese Zierrassen entstanden im 20. Jahrhundert

die Wirtschaftsrassen, die sich in

Mastrassen und Legerassen unterscheiden

lassen. Die heute gehaltenen Masthühner

und Legehennen gehören meist keiner

speziellen Rasse mehr an, sondern sind


LÖHLEINS TIERLEBEN 15

Hybridtiere aus mehreren Kreuzungen.

Die Spezialisierung auf die Leistungsmerkmale

Mast und Legeleistung ist

enorm. So erreichen Masthybriden ihr

Schlachtgewicht von fast 1,5 kg in nur 33

Lebenstagen. Und Hybridlegehennen legen

über 300 Eier pro Jahr. Dies ist eine

enorme Zahl, wenn man bedenkt, dass

die durchschnittliche Legeleistung in

Deutschland 1950 noch bei 120 Eiern pro

Jahr lag.

Seidenhühner legen nur etwa 80 kleine,

hellbraune Eier pro Jahr. In Hellabrunn

werden die Eier eingesammelt und im

Brutautomat mit automatischer Wendevorrichtung

bebrütet. Am Ende der 21tägigen

Brutdauer legen die Tierpfleger

die Eier in den so genannten Schaubrüter,

wo die Tierparkbesucher das Schlüpfen

der Küken und ihr Heranwachsen beobachten

können.

Seidenhühner haben selbst aber auch einen

ausgeprägten Bruttrieb, weshalb

ihnen gerade in Zoos häufig wertvolle

Fasanen- und Wildhuhneier anvertraut

werden, die sie dann als Ammen ausbrüten.

Und obwohl die 7 Hellabrunner Seidenhühner,

die in fester Rangordnung

gegenüber den Haflingern leben, noch

recht jung sind, kann man diesen Sommer

schon die ersten Seidenhuhnküken im

Kindertierpark besuchen.

Dr. Wolfgang Löhlein

REZEPT

Das tierische Rezept muss in dieser Ausgabe

leider entfallen. Grund: Der Trend zu Fertiggerichten

macht auch vor Hühnern nicht halt.

Doch was beim Menschen als negative Entwicklung

bezeichnet werden kann, ist beim

Haushuhn durchaus zu begrüßen. Fertigfuttermittel

enthalten alle wichtigen Nährstoffe,

die ein Huhn braucht, Fehlernährung ausgeschlossen.

Das Hellabrunner Geflügelfutter

besteht aus speziellen Pellets, Weizen, Sonnenblumenkernen,

Gerste, Maisschrot und einigen

anderen Zutaten. Dazu ein paar Insekten und

Regenwürmer aus dem Freigehege, schon bleiben

keine kulinarischen Wünsche offen.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine