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TITELTHEMA

Ein anderes Europa - von unten

Wie weiter nach dem 2. Europäischen Sozialforum in Paris 2003?

Hans-Jochen Vogel

war bis 1999 Studentenpfarrer in Chemnitz und ist

mittlerweile pensioniert

Kontakt über: redaktion@stadtgespraeche-rostock.de

Mit dem Zusammenbruch des sogenannten

„sozialistischen Lagers“ von 1989 an schien

für viele der große Katzenjammer ausgebrochen

zu sein. Das Ende des „Realsozialismus“,

der Sieg des Kapitalismus im Weltmaßstab

schien alle Hoffnungen auf eine

Zukunft ohne Ausbeutung und Krieg zu

nicht gemacht zu haben. Der US-amerikanische

Schnelldenker Francis Fukuyama verkündete

in einem dickleibigen Buch das

„Ende der Geschichte“. Mit dem Sieg der

westlichen Demokratie und der Marktwirtschaft

sei sozusagen die Optimallösung für

die menschliche Gesellschaft gefunden worden.

Die Welt würde nun ein bisschen langweiliger

werden, aber dafür eben auch zur

Ruhe kommen. Keine Revolutionen und

Umbrüche mehr. Viele ehemals gläubige

Kommunisten bzw. Sozialisten tauchten

enttäuscht und eingeschüchtert ab. Manche

ließen ihren roten Mantel wenden und hängten

ihn in den neuen Wind.

Wer hätte nur vor 10 Jahren gedacht, dass

Millionen Menschen jemals wieder gegen

den Krieg und die Macht des Kapitals aufstehen

und sich dazu weltweit vernetzen

würden? Selbst wenn man, wie der Schreiber

dieser Zeilen, durchaus der Auffassung war,

dass nach dem Untergang der „Zweiten

Welt“ (der Absturz der „Dritten Welt“ war

dem ja vorangegangen) die „Erste Welt“

nunmehr von der Krise erfasst werden würde,

die nur als globale Systemkrise des weltweit

dominanten Kapitalismus verstanden

werden konnte, so fehlte es einem doch an

Vorstellungskraft, was ihren konkreten Verlauf

und die Reaktionen der betroffenen

Menschen betraf.

Inzwischen hat das Wort „Globalisierung“

seine Karriere gemacht. Manche finden es

nicht so gut und meinen, man solle einfach

„Kapitalismus“ dazu sagen, denn der sei

schon immer ein Weltsystem gewesen, mit

dem „Imperialismus“ als seinem „höchsten

Stadium“ (Lenin). Daran ist wohl etwas

Wahres. Nur werden eben mit dem neuen

Wort einige spezifische Erscheinungen angesprochen,

die sich aus der weiteren Entwicklung

der Produktiv- und Destruktivkräfte

ergeben haben und die uns doch von einer

neuen Qualität der Probleme sprechen lasssen.

„Globalisierung“ heißt, dass es keinen

Platz auf der Welt gibt, der nicht direkt in

den Kapitalverwertungsprozess einbezogen

wäre. Das trifft auch dann zu, wenn für einzelne

Menschen oder ganze Regionen in diesem

Prozess gar keine Verwendung besteht.

Sie sind dem System nur als Opfer unterworfen,

ohne von ihm zu profitieren. Die

Macht multi- bzw. transnationaler Konzerne

und der durch keine demokratische Kontrolle

sozial verträglich regulierte Fluss des

Kapitals schaffen einen Kapitalismus, dem

Alle ausgeliefert scheinen, und der doch jeden

Tag neue, für die Menschheit bedrohliche

und Menschen und Umwelt zerstörende

Entwicklungen heraufbeschwört.

Es war eigentlich zu erwarten, dass die Menschen

sich auf die Dauer nicht von Herrn

Fukuyama vorschreiben lassen, wie sie weiter

zu leben haben. Es gab bereits kritische

Potentiale, an die angeknüpft werden konnte.

Und je unverschämter die neuen Sieger

der Geschichte auftrumpften, je weniger sie

sich in der Lage zeigten, die Probleme ihres

allein übrig gebliebenen Gesellschaftssystems

zu lösen, je schmerzhafter Abermillionen

Menschen von seinen Auswirkungen getroffen

wurden, desto stärker begann sich an

vielen Orten Widerspruch und Widerstand

zu regen. Man kann sagen, dass mit dem

Wegfall des „sozialistischen Lagers“ der neu

erwachende Widerstand nicht mehr als Angriff

einer feindlichen Weltmacht mit ihrem

Zentrum in Moskau definiert werden konnte.

Eine vielfältige Bewegung ohne zentrale

Steuerung, aber mit dem Willen, gemeinsam

nach einer „anderen Welt“ zu suchen und

sich für sie zu engagieren, entstand. Sie wurde

Antiglobalisierungs- oder globalisierungs-

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