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Merkmalen organisiert. Die Einzahler finanzierten so nicht mehr die

Renten der älteren Menschen, sondern die Summen wurden auf Kapitalbasis

verwaltet und für Risikogruppen spezielle Finanzierungsformen

eingeführt. Wie der Zusammenbruch der Banken, so erfassste

die Krise auch die Rentenfonds und führte zu Verlusten der Einzahlenden.

Im Gesundheitsbereich zeichnete sich der Dualismus öfffentliche

und private Kassen ab. Das bedeutete nicht nur Behandlungsungleichheiten,

sondern die staatlichen Zahlungen für das Gesundheitssystem

sanken von 38 auf 21% in den 1980er Jahren. Daneben

wurde der Hochschulbereich privatisiert.

Ankommen in der Gegenwart

Was bedeutet dieser weitreichende Wandel für das heutige Chile?

Neben den immer noch existierenden politischen Mängeln (autoritäre

Verfassung, Sonderrechte der Militärs, nicht gewählte Senatoren

im Senat) sind die Folgen der grundlegenden Umstrukturierung

weiterhin spürbar. Bis heute gilt Chile als Modellfall wirtschaftlicher

Entwicklung. In Betrachtung der ökonomischen Daten waren bis

1997 6-7% Wirtschaftswachstum und hohe Exportraten zu verzeichnen,

die auf Rohstoffen und Agrarprodukten basierten. Eine

eigenständige Veredelung von Erzeugnissen bzw. Technologieentwicklung

ist nachhaltig gestört. Die reine Anwendung des neoliberalen

Modells wurde in den 1980er Jahren krisenbedingt durch den

Staatseingriff relativiert und in den 1990er Jahren vor dem Hintergrund

der rechten Unternehmer- und Politikerlobby fortgesetzt.

Unter dem aktuellen Präsidenten Ricardo Lagos findet nun eine Art

Sozialdemokratisierung statt, die den „dritten Weg“ im Sinne Blairs

und Schröders aus lateinamerikanischer Perspektive verfolgt. Zieht

man eine Bilanz, so ist die offizielle Armutsquote von knapp 40 auf

20% gesunken. Die gesetzliche Grenze liegt dabei bei rund 160 EU-

RO im Monat. Es gibt eine Art Arbeitslosenhilfe. Dennoch haben

die strukturellen Maßnahmen nicht nur eine wachsende Einkommmenskluft,

sondern auch ein größeres Armutsrisiko hinterlassen.

Dauerhafte Beschäftigung ist Mangelware. Gut ein Drittel der Bevölkerung

arbeitet im Niedriglohnsektor oder im informellen Bereich.

Oft kann nicht einmal das Existenzminimum gesichert werden.

Nach 1958 hat Chile wieder eines der größten Einkommensungleichgewichte

der Welt. 10% der reichsten Haushalte beziehen 41%

des gesamten Nettoeinkommens, dagegen erhalten die 20% der armen

Haushalte nur 3,7%. Der durchschnittliche Jahresverdienst liegt

mit rund 4.600 US$ um gut drei Viertel unter dem Schnitt der

Bundesrepublik.

Das schlägt sich auf alle Lebensbereiche nieder. Im Gesundheitswesen

sind die unteren Schichten mit bis zu 80% in der öffentlichen

Kasse. Das heißt Leistungsnachteile, lange Wartezeiten für Operationen

und weitere Zuzahlungen. Dagegen steigt mit dem Gehalt der

Anteil der Privatversicherten. Im Bildungsbereich gibt es ebenfalls

den Dualismus von staatlichen und privaten Einrichtungen. Aber

auch an staatlichen Universitäten sind Studiengebühren (durchschnittlich

1.500 EURO im Semester) zu entrichten. Ein System von

Stipendien erlaubt es vielen dennoch nicht, ein Studium zu beginnen.

Kein Wunder, dass im Universitätsbereich die Kinder höherer

Schichten in der Mehrzahl sind. Selbst im Sekundarbereich erfolgt

bereits die Auswahl. Der Besuch einer städtischen Schule ist oftmals

gleichbedeutend mit geringen Zukunftsaussichten und verweist auf

qualitative und finanzielle Ungleichgewichte im Bildungssektor.

Neben einer Demokratisierung der Verfassung und der Gesellschaft

sieht die Bevölkerung laut verschiedenen Studien die aktivere Staatsrolle

als vordergründiges Ziel an, denn außer dem Kupferbergbau

(sichert bis zu 50% des BIP) gibt es fast nichts mehr zu privatisieren.

Zudem ist mit der Deregulierung das Armutsrisiko bis in die Mittelschichten

vorgedrungen. So existiert zwar die gegenüber anderen lateinamerikanischen

Staaten vergleichsweise bessere Lage als Fassade,

aber im Innern der Häuser sind alle Symptome der Existenzkrise erfahrbar.

Konjunkturell extrem abhängig von dem Weltmarkt schlagen

jegliche Krisen rasant durch. Beispielsweise verdoppelte sich die

Arbeitslosigkeit kurz nach der Asienkrise 1997. Das chilenische

Unternehmertum, in der Mehrzahl der Rechten zugehörig und mit

guten Kontakten zum Opus Dei, gilt noch immer als eines der

agressivsten der Welt. Wenn nicht in die Politik gewechselt, so agieren

sie teilweise wie zu Zeiten der Diktatur. Aussperrungen bei

Streiks, geringste Arbeitnehmerstandards, ohne Flächentarife - Chile

gilt als Mekka des Unternehmens, dem sich ausländische Investoren

zu gern widmen. Die politische Absicherung durch die Rechte, deren

Dominanz in Kommunen, in den Medien bis hin zur katholischen

Kirche festigt deren Stellung vollends.

Die Folgen

Vor diesem Hintergrund betrachten sich mehr als die Hälfte der

Chilenen als Verlierer der politischen und vor allem wirtschaftlichen

Entwicklung (Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen

2002). Das Klima in der Gesellschaft ist dazu rauer geworden. Egoismus

und gesellschaftliche Indifferenz laufen dem traditionell solidarischen

Land den Rang ab. Flexibilität hat Chile zur Gesellschaft

der „abwesenden Väter bzw. Mütter“ gemacht. Wenn die Eltern arbeiten,

heißt dies morgens um 5 bzw. 6 Uhr aus dem Haus und

abends um 21 Uhr zurück. Der Nachwuchs muss sich eigenständig

in die Gesellschaft integrieren. Zwischen Videoclip-Kultur, der Kultur

des Malls, den großen Einkaufstempeln oder der Langeweile an

der Straßenecke ist die Jugend Objekt der Konsumwelt und suspektes

Subjekt des Verbrechens zugleich. „Wir sind die Generation Mall,

unserem einzigen Treffpunkt. Dort schlendert man lang, anstatt sich

um das Wohl der Gesellschaft zu kümmern. Das ist das Paradox des

ökonomischen Modells und des Konsums“, wie eine junge Erwachsene

feststellt. Für die Jugend in den Randsiedlungen stellt sich dies

noch drastischer dar. „Ein großer Teil der Jugend stimmt nicht mit

dem System überein, mit der Alternative auch nicht. Die der 1990er

haben den Neoliberalismus im Kopf. Sie gehen nicht wählen, Politik

ist ihnen egal. Das Einzige, was sie wollen ist ein guter Job und Geld

verdienen. Im Kopf der Jugendlichen aus den Siedlungen ist da noch

die pasta base. Ihnen gefällt dieser Müll, ein Auto fahren und das beste

Mädchen haben. Das Auto aber ist zum dealen oder noch

schlimmer, sie kriegen Kokain umsonst. Und das alles machen sie

nur, weil sie den gleichen Standard haben wollen wie die da oben.“

(Jugendlicher, 20 Jahre) In der Welt der Eltern sieht die Situation folgendermaßen

aus: „Es stimmt, dass ich eine wahre Unsicherheit und

Angst fühle, die Arbeit zu verlieren und keine andere zu finden.

Aber wenn ich ständig an mir arbeite, wird es besser werden. Außerdem

geht das Geld für Kranken- und Sozialversicherung drauf. Dazu

kommt noch die Hypothek auf´s Haus, ganz zu schweigen, dass

meine Kinder weiterhin nicht zur Universität können. Es bleibt mir

keine andere Wahl als dass ich mich mehr anstrenge, mehr arbeite als

die anderen, damit ich nicht rausfliege.“ (Angestellter, 45 Jahre) Das,

was früher Sozialsysteme abfederten, ist heute Aufgabe der Familien

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