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STREITGESPRÄCHE

Gentechnik in der Landwirtschaft?

Die Anwendung der Gentechnik in der Landwirtschaft ist nach wie vor ein höchst umstrittenes Problem.

Es berührt viele Aspekte, ethische Werte wie finanzielle und wirtschaftliche Fragen. Das zeigen

auch die beiden im März 2004 geschriebenen und in diesem Heft der „Stadtgespräche“ abgedruckten

Briefe. Der eine ist von Jürgen Holzapfel. 1950 geboren, lebt und engagiert er sich seit dreißig Jahren

in den selbstverwalteten Kooperativen von Longo Mai, zur Zeit auf dem Hof „Ulenkrug“ in Stubbendorf

(Landkreis Demmin). Die Antwort auf diesen Brief kam von Wolfgang Methling, (Jg. 1947),

Tierarzt, Professor für Tiergesundheitslehre an der Universität Rostock, Umweltminister (seit 1998)

und stellv. Ministerpräsident des Landes Mecklenburg-Vorpommern, stellvertretender Vorsitzenden

der PDS in der Bundesrepublik (seit 2003), Mitglied des Parteivorstandes der PDS in MV. Wir möchten

auch die Stadtgespräche nutzen, um weitere Anstöße für eine sachlich geführte Diskussion dieses

wichtigen Problems zu geben. Gerne stellen wir dafür die Seiten der „Stadtgespräche“ und unser Diskussionforum

www.rostock-inside.de zur Verfügung.

Lieber Wolfgang Methling,

was kann ein Brief gegen eine parteipolitische Haltung?

Dennoch möchten wir dir unsere freundschaftliche Meinung über deinen Beitrag in Güstrow am 14. Januar

mitteilen. Du hast zwar Bedenken über die ungenügend bedachte und diskutierte ANWEN-

DUNG der Gentechnik in der Landwirtschaft angemeldet, dich dann aber ganz schnell in die angeblich

unantastbaren Naturschutzgebiete geflüchtet. Soweit ich weiß, stehen weder du noch die PDS noch wir

unter Naturschutz und so bleibt uns nichts anderes übrig, als sehr deutlich Stellung zu beziehen gegenüber

dem, was uns wieder einmal mit aller Gewalt übergestülpt werden soll.

Du hast nicht einmal erwähnt, dass England das Moratorium gegen Gen-Saat in der Landwirtschaft

aufrechterhalten hat wegen der Gefahren für die Natur. Das zumindest hätte auch für dich politisch

machbar sein können oder sind die Engländer immer noch der Feind? (Das war ironisch) Politisch

machbar, da liegt dein Problem, und deine Überlegungen dazu sind für uns nicht nachvollziehbar - genauso

wenig wie die der Engländer. Wir sind der Meinung, dass es für die PDS völlig unbedenklich wäre

eine radikale Haltung gegen Gentechnik in der Landwirtschaft einzunehmen. Als Wissenschaftler ist

dir sicherlich bekannt, wie unwissenschaftlich die Chimären der Gentechnologie sind und wie sie mit einem

ungeheuren Aufwand dennoch propagiert werden. Es geht um die wichtige Frage der Kontrolle

über die Welternährung und dafür sind alle Mittel gut. Der Profit rechtfertigt die Mittel. Die weltweite

Verdrängung lokaler Sorten, die Veränderung der Ernährungsgrundlagen, die Kontrolle über die Vielfalt

der nahrungswichtigen Pflanzen - darum geht es in der Auseinandersetzung um Gentechnik in der

Landwirtschaft. Die Frage geht aber über die Landwirtschaft hinaus und deine Antwort habe ich noch

jetzt in den Ohren: Wer die Gentechnik ablehnt, begibt sich gesellschaftlich ins Aus.

Wolfgang Methling

Jürgen Holzapfel

Jeder ernsthafte Wissenschaftler weiß, wie dürftig die Erkenntnisse über den Aufbau des Lebens sind,

ganz im Gegensatz zu den hoffnungsvollen Verheißungen der Gentechindustrie und ihrer politischen

Lobby. Sie verbreiten einen wissenschaftlich unbegründeten Fortschrittsglauben, der Scharlatanen,

Wunderheilern und ihren kurzfristigen Profiten Tor und Tür öffnet. Ein Fortschrittsglaube, der bei den

Menschen unerfüllbare Illusionen erweckt, deren Enttäuschung irgendjemand bezahlen muss. Gewiss

nicht die interessierte Industrie, man muss sich nur die Debatte anschauen über den Entschädigungsfond

für Zwangsarbeiter.

Je ungewisser die Erkenntnisse in diesem Forschungsbereich sind, um so mehr wird ihm mystische

Kraft zugesprochen, man könnte sich im Mittelalter glauben.

Die Mehrheit der Bevölkerung hat eine spontane Ablehnung gegenüber den Verheißungen dieser

Technologie, aber sie ist käuflich durch Preise und Verheißungen über die angebliche Heilbarkeit von

schweren Krankheiten. Antibiotika war das Zauberwort der Medizin während fünfzig Jahren, ein unglaublicher

Umsatz der Pharmaindustrie basierte auf diesem Glauben. Inzwischen wurde so viel Antibiotika

eingesetzt, dass die Natur sich dagegen zur Wehr setzt und das Wunder seine Wirkung verliert.

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